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A New Experience of Christ
GA 69c

1 December 1911, Nuremberg

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A New Experience of Christ, tr. SOL
  1. Neues Christus-Erleben

10. Von Jesus zu Christus

10. From Jesus to Christ

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Wer Umschau hält in unserem geistigen Leben, der wird gewahr, wie tief eingreifend in unserer gegenwärtigen Bildung das Rätsel ist, das sich anknüpft an den Namen des Christus Jesus. Und man darf wohl sagen, alle Fragen, die die Gegenwart berühren – das hat sich zweifellos in den letzten Jahren so herausgestellt –, sind die Folge des Christus- oder JesusProblems, eines der allerbedeutendsten Probleme überhaupt. Wir haben es sogar erlebt, dass selbst Männer unserer Gegenwart, welche glauben, über all das hinaus zu sein, was sie Religionsvorurteil des Christentums nennen, sich intensiv mit diesem Problem beschäftigen. So liegt zum Beispiel die Tatsache vor, dass sich von mehr oder weniger monistischer Seite her Interesse für dieses Rätsel gezeigt hat. Nur ist die Frage, die dabei zutage tritt, ja zu allen Zeiten, seit es ein Christentum gibt, seit dieses in Erscheinung trat, in der mannigfaltigsten, in der tiefsinnigsten und zuweilen auch in der oberflächlichsten Weise zu lösen versucht worden.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Anyone who takes a close look at our spiritual life will realize how profoundly the mystery associated with the name of Jesus Christ permeates our contemporary education. And it is fair to say that all the questions affecting the present—as has undoubtedly become clear in recent years—are the consequence of the Christ or Jesus problem, one of the most significant problems of all. We have even seen that even men of our time, who believe themselves to be beyond what they call the “religious prejudice of Christianity,” are intensively engaged with this problem. For example, there is the fact that interest in this enigma has been shown from a more or less monistic perspective. Yet the question that comes to light here is one that, ever since Christianity has existed—ever since it first appeared—has been the subject of attempts to resolve it in the most diverse, the most profound, and at times also the most superficial ways.

[ 2 ] Da wir von einem ganz bestimmten Gesichtspunkte auszugehen haben, nämlich von dem der Geisteswissenschaft, wollen wir uns einmal vergegenwärtigen, aus welchen Untergründen heraus die besondere Färbung eigentlich entspringt, welche unsere Gegenwart diesem Rätsel gibt. Wir müssen dann sehen – und dies ist besonders bezeichnend für unsere Gegenwart —, dass in den Seelen, in den Herzen ein gewaltiger Gegensatz hervortritt: Einesteils ist das Bedürfnis, die intensive Sehnsucht vorhanden, über diejenigen Fragen etwas zu wissen, die seit allen Zeiten den Menschengeist beschäftigen, andernteils zeigt sich uns die Zerklüftung, das Chaotische, das hervortritt. Während man sich gewissermaßen zu weich fühlt oder zu schwach zeigt, dieses Problem in allen Tiefen wirklich anzugreifen, gibt es auf diesem Gebiet wiederum Fachleute, die sich in eingehendster Weise damit beschäftigen, irgendeine neue Offenbarung, irgendein neues Ereignis in Bezug auf dieses Problem zu erwarten.

[ 2 ] Since we must proceed from a very specific point of view—namely, that of spiritual science—let us consider the underlying factors from which the particular perspective actually arises that our present age applies to this mystery. We must then recognize—and this is particularly characteristic of our present age—that a powerful contrast emerges in people’s souls and hearts: on the one hand, there is a need, an intense longing, to know something about the questions that have occupied the human spirit since time immemorial; on the other hand, we see the fragmentation and chaos that come to the fore. While people, in a sense, feel too soft or show themselves to be too weak to truly tackle this problem in all its depths, there are, on the other hand, experts in this field who are engaged with it in the most thorough manner, anticipating some new revelation or some new development regarding this problem.

[ 3 ] Das Eigenartige dieser Frage ist schon eingeschlossen in den beiden Namen, die vor die Seele treten: «Christus» und «Jesus». Und wenn wir nur kurz Umschau halten, was im Laufe der Jahrhunderte geschehen ist, von der Zeit der Evangelisten, der ersten Christen angefangen bis über die Reihe der Jahrhunderte hin, begegnen wir der Frage: Wie kann sich der Mensch eine Vorstellung darüber bilden, dass sich die Gott-Wesenheit des Christus in einen Menschen, in einen menschlichen Leib, verkörpern kann? Wie ist es möglich, dass die göttliche Natur in einem menschlichen Leib das vollbracht hat, was man als die Erlösung bezeichnet? Kurz, wir können sagen, was die Menschheit zu allen Zeiten so stark beschäftigt hat, ist die Frage: Wie konnte Christus auf Erden erscheinen, wie geschah eben jene Zusammenfügung der beiden Wesen, des Gottes Christus und des Menschen Jesus? Aber immer mehr und mehr nimmt die Frage, je näher wir zu der Gegenwart kommen, eine andere Gestalt an. Die Frage nimmt eine Gestalt an – das ist das Merkwürdige –, die ganz der jeweiligen Kulturanschauung, zu der sich die Menschheit hindurchgerungen hat, angepasst ist. Wenn wir die Gegenwart betrachten, finden wir geradezu den anderen Pol, den vollen Gegensatz zu dem, was man bei den ersten Anfängen des Christentums in Bezug auf die Christus-Frage erkannte.

[ 3 ] The peculiarity of this question is already contained in the two names that come to mind: “Christ” and “Jesus.” And if we take just a brief look at what has happened over the course of the centuries—beginning with the time of the evangelists and the first Christians and continuing through the ages—we are confronted with the question: How can a human being form a conception of how the divine essence of Christ could incarnate itself in a human being, in a human body? How is it possible that the divine nature accomplished within a human body what is called redemption? In short, we can say that what has so deeply preoccupied humanity throughout the ages is the question: How could Christ appear on earth; how did that very union of the two beings—Christ the God and Jesus the human—come about? But the closer we come to the present, the more the question takes on a different form. The question takes on a form—and this is what is remarkable—that is entirely adapted to the prevailing cultural perspective that humanity has gradually arrived at. When we look at the present, we find virtually the opposite pole, the complete antithesis of what was recognized regarding the question of Christ in the very early days of Christianity.

[ 4 ] Man könnte auf Hunderte und Aberhunderte von ähnlichen Fällen hinweisen wie den, den ich jetzt herausgreifen will. In einer Zeitschrift vom Jahre 1861, die in der Schweiz erschienen ist, sagt uns ein dem Christentum nahestehender Mann [ungefähr] das Folgende: Wenn ich durch irgendetwas genötigt würde, zugeben zu müssen, dass Christus leiblich auferstanden sei, dass die Auferstehung überhaupt in evangelischem Sinne etwas Mögliches sei, dann müsste ich alles zugeben, was, nicht entsprechend meiner eigenen Weltanschauung, mir irgendwie entgegentreten würde; dann müsste ich finden, dass meine ganze Weltanschauung einen Riss hat. – Wie viele Menschen der Gegenwart, auch Religionsgelehrte und Theologen, müssten in ganz der gleichen Weise ein solches Bekenntnis abgeben! Wenn sie nachdenken würden, kämen sie zur Überzeugung, dass sie ganz das Gleiche bekennen müssten.

[ 4 ] One could point to hundreds upon hundreds of cases similar to the one I am about to highlight. In a magazine from 1861, published in Switzerland, a man sympathetic to Christianity tells us [roughly] the following: If I were compelled by anything to admit that Christ rose bodily from the dead, that the Resurrection is at all possible in the evangelical sense, then I would have to admit everything that, though inconsistent with my own worldview, somehow stands in my way; then I would have to conclude that my entire worldview is flawed. – How many people today, including religious scholars and theologians, would have to make such a confession in exactly the same way! If they were to reflect on it, they would come to the conviction that they would have to confess exactly the same thing.

[ 5 ] Stellen wir diesem Bekenntnis das gegenüber, was Paulus gesagt hat, indem er sprach:

[ 5 ] Let us contrast this confession with what Paul said when he spoke:

Ist Christus nicht auferstanden, so sind eure Werke eitel und eitel auch euer Glaube.

If Christ has not been raised, then your works are in vain, and your faith is also in vain.

[ 6 ] Findet man sich in das hinein, was Paulus sagt, so muss man gestehen: Das Wesentlichste, was ihn durchdringt, ist die Tatsache, dass der Christus auferstanden ist. Man wird zugeben müssen, dass das Christentum überhaupt seinen Sinn verliert, wenn das Mysterium der Auferstehung gestrichen wird, wenn das gestrichen wird, was für die Entwicklung der Menschheit geschehen ist. Paulus hat die Auferstehung als das Wesentlichste, als den Grundnerv der christlichen Weltanschauung angesehen. Und in unserer Zeit ist es so weit gekommen – dies ist tief bezeichnend –, dass sich gewisse Leute sagen, wenn sie die Auferstehung anerkennen müssten, dann würde ihre ganze Weltanschauung einen Riss bekommen.

[ 6 ] If one immerses oneself in what Paul says, one must admit: The most essential thing that permeates his message is the fact that Christ has risen. One must admit that Christianity loses all meaning if the mystery of the Resurrection is removed—if that which occurred for the sake of humanity’s development is set aside. Paul regarded the Resurrection as the most essential element, as the lifeblood of the Christian worldview. And in our time, things have come to the point—and this is deeply significant—where certain people tell themselves that if they were to acknowledge the Resurrection, their entire worldview would be shattered.

[ 7 ] Es berührt jemanden, bei dem man diese Dinge noch nicht überkleistert hat, nicht gerade sympathisch, die Grundfrage des Christentums — denn um diese handelt es sich dabei – in dieser Gestalt vor die Seele hingestellt zu finden. Allein, die Theosophie hat nicht die Aufgabe, die Dinge sozusagen zu übertünchen, sondern sie ihrer wahren Namen nach zu charakterisieren. In gewisser Weise kann keine Zeit aus sich selber, [aus ihrer Natur] heraus; der allgemeine Charakter der Zeitbildung drückt sich auch in der Auffassung der Christus-Frage aus. Wir sehen im neunzehnten Jahrhundert die Christus-Frage in eine Jesus-Frage verwandelt; wir sehen, wie durch den Fortschritt der Wissenschaft es dem Menschen immer weniger möglich wird, in dem Menschen Jesus von Nazareth ein göttlich-geistiges Wesen verkörpert zu sehen, wie es gesehen werden konnte in alten Zeiten. Als die Evangelien durch die [sich verbreitende] Bildung immer mehr zugänglich wurden, da las man sich tief in sie hinein, und die Seelen wurden gleichsam zu etwas Göttlichem hinaufgezogen. Dann stellte sich ein allmähliches Übergehen ein von den paradoxesten Vorstellungen über den Christus Jesus bis zu dem, wozu sich jetzt viele Theologen bekennen, nämlich dass man anzunehmen habe, Jesus sei nur eine besonders überragende Persönlichkeit in der Weltentwicklung, also bei ihm sei das, was der Mensch als höchstes Ideal ansehe, in [besonders] großem Maße vorhanden gewesen. Man sieht in ihm nur einen Menschen, allerdings auf eine höhere Stufe hinaufgehoben.

[ 7 ] It does not exactly strike a favorable chord with someone who has not yet had these things glossed over to find the fundamental question of Christianity—for that is what is at stake here—presented to the soul in this form. However, theosophy’s task is not to whitewash things, so to speak, but to characterize them by their true names. In a certain sense, no era can exist in and of itself, [out of its own nature]; the general character of an era is also expressed in its conception of the Christ question. In the nineteenth century, we see the Christ question transformed into a Jesus question; we see how, through the progress of science, it has become increasingly impossible for people to see in the man Jesus of Nazareth a divine-spiritual being incarnate, as he could have been seen in ancient times. As the Gospels became more and more accessible through [the spread of] education, people delved deeply into them, and their souls were, as it were, drawn upward toward something divine. Then a gradual shift took place from the most paradoxical conceptions of Christ Jesus to what many theologians now profess, namely, that one must assume Jesus was merely a particularly outstanding personality in the course of world history—that is, that what humanity regards as the highest ideal was present in him to a [particularly] great degree. He is seen merely as a human being, albeit one elevated to a higher level.

[ 8 ] Natürlich findet man bei den Auffassungen über den Christus Jesus alle möglichen Schattierungen. So tritt uns im achtzehnten Jahrhundert die Tatsache entgegen, dass der Mensch nur das, was er sich vorstellen, was er sich denken konnte, in das Christus-Jesus-Problem hineinlegte. So erscheint dem Aufklärer Reimarus der Christus Jesus kaum als etwas anderes als ein besonders hervorragender Mensch. [Hingegen trug Lessing ein substanziell anderes geistiges Bild in sich.] Er sprach einmal aus, er wünsche, es noch erleben zu können, dass irgendjemand aufträte, der in gründlicher Weise das widerlegt, was man über den Christus Jesus verbreitet. Alles stützte sich [damals] auf die Evangelienkritik, insbesondere auf die Widersprüche, und zwar speziell auf diejenigen, die bei einem Vergleich der verschiedenen Auferstehungsberichte zutage treten. Das Naheliegende war, dass man zum Schluss kam, die Berichterstatter hätten etwas Nicht-Wirkliches überliefert – was aber keineswegs Tatsache ist.

[ 8 ] Of course, one finds all manner of nuances in the views regarding Christ Jesus. Thus, in the eighteenth century, we are confronted with the fact that people projected into the question of Christ Jesus only what they could imagine or conceive. To the Enlightenment thinker Reimarus, for example, Christ Jesus appears to be little more than a particularly outstanding human being. [Lessing, on the other hand, harbored a substantially different spiritual image.] He once stated that he wished to live to see the day when someone would emerge who could thoroughly refute what was being spread about Christ Jesus. Everything [at that time] was based on criticism of the Gospels, particularly on the contradictions—specifically those that come to light when comparing the various accounts of the Resurrection. The obvious conclusion was that the reporters had transmitted something that was not real—which, however, is by no means a fact.

[ 9 ] Wenn man in irgendeiner Sache Zeugen vernimmt, die verschieden aussagen, so ist dies durchaus kein Beweis gegen die Tatsache als solche. Wenn wir nun eine Welt-Gerichtsverhandlung uns vorstellen und fragen: Sind denn diese Zeugen glaubwürdig? –, so ist dies nicht richtig, sondern eine andere Frage ist die allein maßgebende und wichtige: Wer hat gewonnen in diesem Prozess? — Zweifellos hat das Christentum, das gestützt war auf die Auferstehungstatsache, den Sieg davongetragen in der Weltgeschichte. Es liegt also die Tatsache vor, dass, wenn auch die Zeugen etwas Verschiedenes aussagten, der Prozess selbst doch entschieden ist.

[ 9 ] When witnesses are questioned about any matter and give differing testimonies, this is by no means proof against the fact itself. If we now imagine a universal trial and ask, “Are these witnesses credible?”—this is not the right question; rather, there is another question that is the only decisive and important one: Who won this trial? — Undoubtedly, Christianity, which was based on the fact of the Resurrection, emerged victorious in world history. The fact remains, therefore, that even if the witnesses gave differing testimonies, the trial itself has been decided.

[ 10 ] Es rückte dann immer mehr und mehr die Zeit heran, in welcher man die Sache so gestaltete, dass jede Möglichkeit entschwand, etwas Übermenschliches dabei zu denken, oder, um mit jener Zeitstimmung zu sprechen: Es rückt immer mehr und mehr die Zeit heran, wo es unmöglich wird, über die Auferstehung so zu denken und zu sprechen, wie man es ursprünglich tat. Daher beschäftigte man sich im neunzehnten Jahrhundert in der Religionsgeschichte zunächst damit, ein Bild des Menschen Jesus aus den Evangelien zu bekommen. Wir brauchen hier nicht auseinanderzusetzen, was nun mit den Evangelien getan wurde, wie man versuchte, das Gleichlautende [synoptisch] zusammenzustellen, damit ein annähernd gleiches Gesamtbild entstehe, wie man sogar dabei versuchte, dasjenige Evangelium, das den übersinnlichsten Inhalt hat, das Johannes-Evangelium, ganz auszuscheiden, indem man sich sagte, es handle sich hierbei um einen Hymnus auf das Individuelle des Jesus von Nazareth. Es gab aber auch andere Forscher des neunzehnten Jahrhunderts, welche sagten, dass man das ganze Christentum fallen lassen müsse, wenn das Johannes-Evangelium nicht mehr anerkannt würde. Ein Forscher, der, wenn er auch heute als veraltet gilt, doch einst große Bedeutung hatte, wies dabei nachdrücklich auf die Tatsachen gerade des Johannes-Evangeliums hin. Doch alle Bestrebungen liefen darauf hinaus, den Menschen Jesus glaubhaft vor die Seele hinzustellen; man musste aber dabei von vornherein vieles ausschalten, das zwar in den Evangelien steht, das man aber im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr glauben konnte, und man nahm eine Menge Tatsachen, wie Wunder und so weiter, hinweg es hörte jede Möglichkeit auf, etwas Nicht-Natürliches zuzugeben.

[ 10 ] The time was drawing ever closer when the matter was framed in such a way that any possibility of conceiving of something superhuman in it vanished—or, to put it in the spirit of that era: The time is drawing ever closer when it will become impossible to think and speak of the Resurrection as one originally did. Therefore, in the nineteenth century, the study of religious history initially focused on forming a picture of Jesus the man based on the Gospels. We need not discuss here what was done with the Gospels, how attempts were made to compile the parallel accounts [synoptically] so that an approximately uniform overall picture would emerge, or how attempts were even made to completely exclude the Gospel with the most supernatural content—the Gospel of John—by arguing that it was merely a hymn to the individuality of Jesus of Nazareth. But there were also other nineteenth-century scholars who argued that the entire Christian faith would have to be abandoned if the Gospel of John were no longer recognized. One scholar—who, though considered outdated today, was once of great significance—emphatically pointed to the facts specific to the Gospel of John. Yet all efforts were aimed at presenting the human Jesus credibly to the soul; in doing so, however, one had to rule out from the outset many things that, although they appear in the Gospels, could no longer be believed in the nineteenth century, and one set aside a great many facts—such as miracles and so on—thereby eliminating any possibility of acknowledging anything supernatural.

[ 11 ] Es war daher von besonderer Bedeutung, als ein Theologe des neunzehnten Jahrhunderts, der in Basel gelebt hat, Franz Overbeck, ein sehr merkwürdiges Buch schrieb, das er betitelte «Über die Christlichkeit der heutigen Theologie». Dieses Buch ist nicht nur seines Inhaltes wegen merkwürdig, sondern es ist für jeden, den solche Dinge interessieren, bedeutsam als Ausdruck des Bekenntnisses eines Menschen, der sein ganzes Leben lang als Theologe in der schwersten Weise mit der Tatsache zu ringen hatte, dass er sich vor seine Studenten hinstellen musste mit solchen Empfindungen, wie sie in seiner Seele waren. Ringen musste Overbeck mit dieser Tatsache, bis es ihn schließlich drängte, das auszusprechen, was in seiner Seele lebte. Wer sich auf solche Dinge versteht, blickt wahrlich auf ein stürmisches Geschick hin beim Verfolgen des merkwürdigen Lebenslaufes des Baslers Overbeck, der sich im Grunde genommen die Frage: Kann Theologie heute noch überhaupt christlich genannt werden, wenn sie zugleich eine Wissenschaft ist? – nur mit «nein» beantwortete. Als Theologe suchte er den Nachweis zu führen, dass die Theologie als Wissenschaft gar nicht christlich sein könne, denn jegliche Wissenschaft – so meinte Overbeck – muss mit vielem von dem aufräumen, brechen, was die Grundbedeutung einer jeden Religion ist; in dem Augenblick, wo eine vorchristliche Religion mit der Wissenschaft in Berührung kam, erfuhr sie eine Zersetzung, und so geschah es auch mit dem Christentum: Wissenschaft zerstört unter allen Umständen das Christentum und muss stets eine Gegnerin desselben sein.

[ 11 ] It was therefore particularly significant when a nineteenth-century theologian who lived in Basel, Franz Overbeck, wrote a very remarkable book that he titled *On the Christian Nature of Contemporary Theology*. This book is remarkable not only for its content, but it is also significant for anyone interested in such matters as an expression of the confession of a man who, throughout his entire life as a theologian, had to grapple in the most difficult way with the fact that he had to stand before his students with the very feelings that dwelled in his soul. Overbeck had to wrestle with this reality until he was finally compelled to voice what lived in his soul. Anyone versed in such matters will truly behold a tumultuous destiny when tracing the remarkable life story of Overbeck of Basel, who, when it came down to it, answered the question—Can theology today still be called Christian at all if it is at the same time a science? —a question to which he answered only “no.” As a theologian, he sought to prove that theology, as a science, could not possibly be Christian, for every science—so Overbeck believed—must do away with and break with much of what constitutes the fundamental meaning of any religion; the moment a pre-Christian religion came into contact with science, it underwent a process of decomposition, and so it was with Christianity as well: Science destroys Christianity under all circumstances and must always be its adversary.

[ 12 ] Wenn dies ausgesprochen wird, so mag es vielleicht nicht tief zu Herzen gehen, ja vom Laien in einer gewissen Beziehung leicht hingenommen werden. Wenn man aber einer Zeit gegenübersteht, die einen derart bedeutenden Theologen zu einem solchen Bekenntnis drängt, muss man schon fühlen, wie tief eingreifend in unserer jetzigen Entwicklung die entsprechende Frage [nach dem Verhältnis des Christus zum Jesus], das Christus-Jesus-Problem, eigentlich ist. Und Overbeck sagt noch etwas anderes, nämlich ungefähr das Folgende: Was wir auch aufbringen können an Gedanken, an wissenschaftlichen Gründen über die christliche Weltanschauung, all das muss uns als entsetzlich klein und ungeeignet erscheinen, um eine Stütze zu sein für das christliche Glaubensbekenntnis. In der ersten Zeit lebten die Christen mit dem Gedanken, dass eine neue Welt komme, doch bald kam eine andere Zeit, und es waren nicht mehr die Lehrsätze der Kirchenväter, die das Christentum befruchteten. Zuerst hatte man die Hoffnung auf das Kommen des Himmels zur Erde, dann aber schließlich die Empfindung, dass diese Welt nimmermehr dem Menschenherz genügen könne; es machte sich eine asketische Stimmung bemerkbar.

[ 12 ] When this is stated, it may not strike a deep chord, and in a certain sense, it may even be easily accepted by the layperson. But when one is confronted with a time that compels such a significant theologian to make such a confession, one cannot help but feel how profoundly the corresponding question [regarding the relationship between Christ and Jesus]—the Christ-Jesus problem—actually affects our current development. And Overbeck says something else as well, namely something like the following: Whatever thoughts or scholarly arguments we may bring to bear on the Christian worldview, all of that must seem to us to be appallingly small and inadequate to serve as a foundation for the Christian creed. In the early days, Christians lived with the idea that a new world was coming, but soon a different era dawned, and it was no longer the doctrines of the Church Fathers that nourished Christianity. At first, there was hope for the coming of heaven to earth, but eventually there arose the sense that this world could never satisfy the human heart; an ascetic mood began to take hold.

[ 13 ] In unserer heutigen Zeit sehen wir, dass die Menschen etwas auf wissenschaftliche Wahrheiten geben – diese leuchten eben ein, sie erobern die Welt der äußeren Sinne, und daher sehen wir die Triebkraft des Religionsbekenntnisses im Menschen dahinschlummern. Wer wollte nicht zugeben, dass dies tief, tief charakterisierend für unsere heutige Zeit ist? Ist es nicht ergreifend, erschütternd, dass das, was Tausenden und Abertausenden Trost und Hoffnung gab, immer mehr und mehr an Eigenkraft verliert? Nehmen wir eine Tatsache: 1873 war es, als man versuchte, in Frankreich diejenigen Menschen zu zählen, die noch von Christus ergriffen waren, und man stellte fest, dass ein Drittel der Gesamtbevölkerung noch an ihn glaubte. Heute nimmt man an, dass von der Londoner Gesamtbevölkerung nur noch etwa ein Fünftel vom Christentum durchdrungen ist. Was hilft es da, dass diejenigen, die mit sich selber schnell fertig werden, sagen: Was brauchen wir eine neue Begründung, das Alte genügt uns. – Wer nur an sich selber denkt und damit zufrieden ist, der mag so sprechen; wer aber an die Menschheit denkt und sieht, wie die besten Wahrheitssucher keine Stütze mehr finden können, wird zugeben müssen, dass die Zeiten ernst sind, dass es begreiflich ist, wenn die Menschen Sehnsucht haben nach einer Erneuerung des Alten.

[ 13 ] In our present age, we see that people place great value on scientific truths—these truths simply make sense; they conquer the world of the external senses, and thus we see the driving force of religious faith lying dormant within human beings. Who would not admit that this is deeply, deeply characteristic of our time? Is it not poignant, shattering, that what gave comfort and hope to thousands upon thousands is losing more and more of its own power? Let us consider a fact: It was in 1873 that an attempt was made in France to count those people who were still moved by Christ, and it was found that one-third of the total population still believed in him. Today, it is estimated that only about one-fifth of London’s total population is still imbued with Christianity. What good does it do, then, that those who are quick to come to terms with themselves say: “Why do we need a new justification? The old one is enough for us.”—Those who think only of themselves and are content with that may speak this way; but those who think of humanity and see how even the finest seekers of truth can no longer find support will have to admit that these are serious times, and that it is understandable when people long for a renewal of the old.

[ 14 ] So geschah es allmählich, dass auf theologischem Grunde ein Mensch namens Jesus von Nazareth erwuchs, von dem alles Übersinnliche hinweggezogen war. Im neunzehnten Jahrhundert kam dazu auch noch eine Reaktion von merkwürdiger Art. Man könnte sagen: Um mit dem Christus-Problem fertig zu werden, das über dem JesusProblem ganz verloren worden war, suchte man den Christus dennoch zu halten, ihn anzuerkennen. Dabei machte man ihn aber zu einem Wesen, dem im Grunde jede wahre Realität mangelt. Es hat dahin geführt, den Christus zu einem mystischen Wesen zu machen, das nicht gebunden zu sein braucht an das, was die Evangelisten erzählen – man versuchte, die Evangelien [sozusagen] hintanzuhalten. Es würde in ein Chaos führen, wenn man all die Strömungen der letzten Jahrzehnte behandeln wollte – jedenfalls haben wir es mit einer Krisis zu tun.

[ 14 ] And so it gradually came to pass that, on a theological foundation, a man named Jesus of Nazareth emerged, from whom all the supernatural had been stripped away. In the nineteenth century, a reaction of a peculiar nature also arose. One might say: In order to come to terms with the Christ problem, which had become completely lost amid the Jesus problem, people nevertheless sought to hold on to Christ, to acknowledge him. In doing so, however, they turned him into a being who, at heart, lacks any true reality. This has led to making Christ a mystical being who need not be bound by what the evangelists recount—people tried to set the Gospels aside, so to speak. It would lead to chaos if one were to address all the trends of the past decades—in any case, we are dealing with a crisis.

[ 15 ] Für den, der diese ganze Entwicklung verfolgt, gibt es etwas zu erkennen, das leicht begreiflich ist. Die Zusammenfügung der mystischen Anschauung mit all dem, was durch die Evangelienforschung zutage gefördert wurde, stellt die letzte Phase dieser Entwicklung dar. Es trat etwas zutage, was man als die Verbindung dieser beiden Strömungen bezeichnen kann, und die Folge war, dass man sogar daran zweifelte, ob überhaupt ein Jesus gelebt habe. Es entspricht durchaus dem Stil unserer Zeit, dass man sich, nachdem einmal der bloße äußere, historische Maßstab an Jesus angelegt wurde, fragte: Bleibt denn überhaupt von den Evangelien noch etwas übrig, was uns den Beweis liefert, dass ein Jesus gelebt hat? — Doch hat man kein Recht zu leugnen, dass ein Jesus existierte, denn mit einer gewissen Berechtigung wird man darauf hingeleitet, dass das Dasein des Jesus ein klar beweisbares ist. Allerdings ist für den, der die heutige Historienforschung kennt, der sich den heutigen Stand der Jesus-Forschung vergegenwärtigt, ein Beweis für das Dasein des Jesus nicht zu erbringen, denn es ist möglich – wenn man will –, die Urkunden der Evangelien anzufechten. Und man müsste leichtsinnig sein, wenn man nicht zugeben wollte, dass diese Bekämpfung doch recht bedeutsame Gründe hat.

[ 15 ] For anyone who has followed this entire development, there is something to be recognized that is easy to understand. The synthesis of the mystical perspective with all that has been brought to light through Gospel research represents the final phase of this development. Something emerged that can be described as the union of these two currents, and the result was that people even began to doubt whether Jesus had ever lived at all. It is entirely in keeping with the spirit of our times that, once the purely external, historical standard had been applied to Jesus, people asked: Is there anything left in the Gospels at all that provides us with proof that Jesus lived? — Yet one has no right to deny that a Jesus existed, for there is good reason to conclude that the existence of Jesus is clearly provable. However, for anyone familiar with contemporary historical research and aware of the current state of Jesus research, it is impossible to provide proof of Jesus’ existence, for it is possible—if one so wishes—to challenge the authenticity of the Gospels. And one would have to be reckless not to admit that this challenge is based on quite significant grounds.

[ 16 ] Aber was zeigt uns das alles? Es zeigt uns, dass wir auf dem ganzen Gebiet [der Jesus-Forschung] in einer Krisis stehen. In die gegenwärtige Bildung hat sich jedoch auch eine neue Weltanschauung hineingefügt, welche zunächst plausibel zu machen weiß, dass sie andere Quellen der Wahrheit hat als diejenigen, die man bisher hatte – ich meine die Theosophie oder Geisteswissenschaft. Wenn auch Theosophie etwas zu sagen hat über das Christentum und seine Entstehung, dann könnte es sich doch als Notwendigkeit ergeben, dass Religion und Religionsforschung sich auseinandersetzen mit dem, was Theosophie über Christus Jesus sagt. Man muss deshalb wissen, dass man beiderseits von einigen elementaren, grundlegenden Ereignissen, die geschehen und nicht abzusprechen sind, ausgeht.

[ 16 ] But what does all this show us? It shows us that we are facing a crisis across the entire field [of Jesus research]. However, a new worldview has also found its way into contemporary education—one that initially makes it seem plausible that it draws on different sources of truth than those we have had up to now—I am referring to theosophy or spiritual science. If theosophy has something to say about Christianity and its origins, then it may well become necessary for religion and religious studies to engage with what theosophy says about Jesus Christ. It is therefore important to recognize that both sides are proceeding from certain fundamental, foundational events that have occurred and cannot be denied.

[ 17 ] Dasjenige, woran unsere gegenwärtige Bildung unzweifelhaft den meisten Anstoß nehmen muss, ist die Auferstehungsgeschichte, dass eben etwas eingetreten ist, was man heute nicht mehr begreiflich finden kann, nämlich dass ein Sieg des Lebens über den Tod da war. Vom theosophischen Gesichtspunkt aus lässt sich hierüber nur dann etwas sagen, wenn man auf das Nächstliegende Rücksicht nimmt, nämlich auf den Schauplatz des eigenen Herzens, der eigenen Seele. Und was zeigt uns dieser Schauplatz? Er zeigt uns etwas, was allerdings von der tonangebenden Bildung nicht zugegeben werden kann; er zeigt uns, wie für den Menschen die Möglichkeit vorhanden ist, dass sich in irgendeiner Zeit seines Lebens ein innerliches Wunder vollzieht. Wenn das als ein Wunder anzusehen ist, was man charakterisieren kann als im Gegensatz stehend zu dem, was mit dem Verstand zusammenhängt, dann ist es eine Tatsache, dass ein solches Wunder sich in der Menschennatur vollziehen kann. Und für jede Seele, bei welcher sich dieses Wunder vollzogen hat, ist es innerlich klar, dass es Wunder gibt.

[ 17 ] What undoubtedly causes the greatest offense to our modern way of thinking is the story of the Resurrection—namely, that something occurred which we can no longer find comprehensible today, namely, that life triumphed over death. From a theosophical point of view, one can only say anything about this if one takes into account what lies closest at hand: namely, the inner realm of one’s own heart and soul. And what does this inner realm reveal to us? It reveals something that, admittedly, mainstream education cannot acknowledge; it reveals how it is possible for a person to experience an inner miracle at some point in their life. If this is to be regarded as a miracle—which can be characterized as standing in contrast to what pertains to the intellect—then it is a fact that such a miracle can take place within human nature. And for every soul in which this miracle has taken place, it is inwardly clear that miracles exist.

[ 18 ] Es ist eine Tatsache, dass es ein innerliches, mystisches Erleben gibt, in der Art, dass in die menschliche Seele etwas hereintritt, was im natürlichen Lebenslauf in keiner Beziehung mit der Seele steht. Um dies einzusehen, muss man den natürlichen Lebenslauf des Menschen verfolgen. Es zeigt sich, dass wir es neben allen äußeren Tatsachen des Lebens immerfort zu tun haben mit einem tiefinneren Leben – wir haben es zu tun mit der Tatsache, dass sich der Lauf des Lebens in der Menschenseele zeigt. Nehmen wir eine Seele, welche zu den ringenden Seelen im Leben gehört – nicht eine wissenschaftliche. Nehmen wir eine Menschenseele, welche sich mit den Problemfragen des Daseins beschäftigt, die innere tragische Geschicke, Schmerzen und Leiden, aber auch Seligkeit und Erlösung erfährt. Nehmen wir eine solche Menschenseele, welche Jahre hindurch in solchen Stimmungen lebt, und stellen wir uns vor, es hätte jemand diesen Menschen zehn Jahre nicht mehr gesehen. Er würde eine merkwürdige Entdeckung machen, nämlich die, dass sich dieses Ringen der Seele zum Ausdruck bringt in der Veränderung der Physiognomie, der Gesten und so weiter. Das geistige Ringen drückt sich am Körper aus. Was sich im Innern des Menschen abspielt, arbeitet an der Umgestaltung des menschlichen Äußeren.

[ 18 ] It is a fact that there is an inner, mystical experience in which something enters the human soul that has no connection to the soul in the natural course of life. To understand this, one must trace the natural course of human life. It becomes clear that, alongside all the external facts of life, we are constantly dealing with a deeply inner life—we are dealing with the fact that the course of life manifests itself in the human soul. Let us take a soul that belongs to the struggling souls in life—not a scientific one. Let us take a human soul that grapples with the profound questions of existence, experiencing inner tragic fates, pain, and suffering, but also bliss and redemption. Let us take such a human soul that lives in these states of mind for years on end, and let us imagine that someone had not seen this person for ten years. They would make a remarkable discovery, namely that this inner struggle of the soul is expressed in changes to the person’s physiognomy, gestures, and so on. The spiritual struggle finds expression in the body. What takes place within a person works to transform their outward appearance.

[ 19 ] Viel interessanter ist jedoch das Folgende: Wer derart ringt, der spürt, dass er, wenn für gewisse Rätsel eine Beantwortung, eine Lösung, eingetreten ist, in einer anderen Seelenverfassung ist. Und das Charakteristische ist, dass dann, wenn die Lösung eingetreten ist, die Umgestaltung der Physiognomie aufhört und nun der Ausdruck konstant bleibt. Solange das Ringen dauert, bilden sich Furchen. Allein auch dies hat ein Ende; es ist gleichsam so, als wenn der menschliche Leib an die Grenze seiner Elastizität käme. Kommt der Mensch an diese Grenze, dann hört die leibliche Umgestaltung schließlich auf. Es verwandeln sich die Kräfte des Bewusstseins, die Seelenkräfte. Erst arbeiten sie am Leib, und dann, wenn dies nicht mehr möglich ist, arbeiten sie sich bewusst in sich selbst hinein. Man hat festgestellt, dass diese menschlichen Seelenkräfte das ganze Menschenleben hindurch innerlich arbeiten, und es zeigt sich, dass von dem, was in den Tiefen der Seele arbeitet, manchmal auch etwas ins Bewusstsein hinaufdringt, und dies zeigt sich in besonders merkwürdigen Träumen. Das bedeutet, dass die Traumbilder etwas verraten von dem, was in der Seele vorgeht.

[ 19 ] What is far more interesting, however, is the following: Anyone who struggles in this way senses that, once an answer or a solution to certain puzzles has emerged, they find themselves in a different state of mind. And what is characteristic is that once the solution has been found, the transformation of the physiognomy ceases and the expression remains constant. As long as the struggle continues, furrows form. Yet even this comes to an end; it is, as it were, as if the human body were reaching the limit of its elasticity. When a person reaches this limit, the physical transformation finally ceases. The forces of consciousness—the soul forces—are transformed. First they work on the body, and then, when this is no longer possible, they consciously work their way inward into the self. It has been observed that these human soul forces work inwardly throughout a person’s entire life, and it becomes apparent that sometimes something from what is at work in the depths of the soul rises into consciousness, manifesting itself in particularly strange dreams. This means that dream images reveal something of what is taking place within the soul.

[ 20 ] Nehmen wir einen charakteristischen Traum aus dem Leben, der einem mir nahestehenden Freund widerfuhr. Als junger Mensch, der die Mittelschule besuchte, hatte er in der letzten Klasse eine Zeichnung anzufertigen, und man gab ihm, weil man wusste, dass er über Talent verfügte, eine besonders schwierige Vorlage, und gerade deshalb ging es auch mit der Arbeit etwas langsam vorwärts. Der Schulschluss nahte, und der Schüler sah ein, dass er unmöglich rechtzeitig fertig werden konnte, da erst ein kleiner Teil gezeichnet war. Er empfand darüber Angst, doch am Schulschluss genügte seine Leistung dennoch den Lehrern, denn sie sahen ein, dass er eben infolge der großen Begabung nur langsam vorwärtsgekommen war. Der Mann wurde älter, ergriff den Beruf des Zeichners, und merkwürdigerweise stellte sich in gewissen Zeitabständen dieses Schulerlebnis im Traum wieder ein, und zwar erlebte er alles genau so, wie es sich einst zugetragen hatte, nur die Angst, dass er nicht fertig werden könne, war im Traum viel, viel größer. Es kam vor, dass der Traum tagelang hintereinander regelmäßig wiederkam, dann setzte es aus, für Jahre, und kam dann wieder.

[ 20 ] Let’s take a characteristic dream from real life that happened to a close friend of mine. As a young man attending middle school, he had to complete a drawing in his final year, and because the teachers knew he was talented, they gave him a particularly difficult subject—which is precisely why his progress on the assignment was rather slow. The end of the school year was approaching, and the student realized that there was no way he could finish in time, since only a small portion had been drawn. He felt anxious about this, but at the end of the school year, his work still satisfied the teachers, for they understood that it was precisely because of his great talent that he had made slow progress. The man grew older, took up the profession of an artist, and, strangely enough, this school experience recurred in his dreams at certain intervals; he relived everything exactly as it had once happened, except that the fear of not being able to finish was much, much greater in the dream. There were times when the dream recurred regularly for days on end, then it would stop for years, only to return again.

[ 21 ] Recht verstehen kann man die ganze Bedeutung dieses Traumerlebnisses nur, wenn man es mit dem Leben vergleicht. Es zeigte sich nämlich, dass jedes Mal, wenn dieses Traumerlebnis abgelaufen war, dieser Mensch eine Erhöhung seiner Fähigkeiten erkannte, er konnte mehr in Bezug auf das Anschauen der Formen und das Ausdrücken derselben durch die Hand; er erlebte jedes Mal einen merklichen Fortschritt. Der Mensch arbeitet geistig-seelisch wie dieser Zeichner, und zeitweilig offenbart sich gleichsam seine Seelenarbeit im Traum – in jenem merkwürdigen Zustand, der zwischen Bewusstsein und Unbewausstsein steht, in jenem Übergang aus dem Unterbewusstsein in das Bewusste. Das sehen wir durch das ganze Leben hindurch.

[ 21 ] One can truly understand the full significance of this dream experience only by comparing it to life. It turned out, in fact, that every time this dream experience came to an end, this person recognized an enhancement of his abilities; he was able to do more in terms of observing forms and expressing them through his hand; he experienced noticeable progress each time. Human beings work mentally and emotionally in the same way as this draftsman, and at times the workings of their soul are revealed, as it were, in dreams—in that peculiar state that lies between consciousness and unconsciousness, in that transition from the subconscious to the conscious. We see this throughout our entire lives.

[ 22 ] Wir haben im menschlichen Leben einen wichtigen Punkt, bis zu welchem man sich im Lebenslauf zurückerinnert. Jeder muss sagen: Ich erinnere mich bis zu einem gewissen Zeitpunkt, aber das, was vor diesem Zeitpunkt liegt, ist mir völlig unbewusst, und ich weiß nur durch Berichte anderer auch darüber etwas. Dieser Zeitpunkt ist derjenige, zu welchem wir uns angeeignet haben, «ich» zu sagen. Was aber war vor jenem Zeitpunkt? Sehen wir das Kind an, mit den ungeschickten Bewegungen, dem ungeschickten Tun. Wir wissen, dass das wichtigste Organ des Menschen, das Gehirn, noch völlig unentwickelt ist, wenn das Kind ins Dasein tritt, und erst während des Erdenlebens, bis das Kind «ich» sagen lernt, arbeitet es an den denkerischen Organen. Wir haben es also außer dem geistig-natürlichen Bewusstsein des Menschen mit einer von diesem völlig unabhängigen, übersinnlich-seelischen Tätigkeit zu tun, die den Ausgangspunkt jener gehirnlichen Tätigkeit darstellt. Jenes Übersinnliche, Seelische im Menschen wird durch das folgende Beispiel charakterisiert.

[ 22 ] In human life, there is a crucial point up to which one can recall events in one’s life. Everyone must say: I remember up to a certain point, but what lies before that point is completely beyond my awareness, and I know about it only through the accounts of others. This point is the one at which we have learned to say “I.” But what was there before that point? Let us look at the child, with its clumsy movements and actions. We know that the human being’s most important organ, the brain, is still completely undeveloped when the child comes into being, and it is only during earthly life—until the child learns to say “I”—that it works on developing the organs of thought. We are thus dealing, apart from the human being’s spiritual-natural consciousness, with a supersensible-soul activity that is completely independent of it and which constitutes the starting point of that cerebral activity. That supersensible, soul aspect of the human being is characterized by the following example.

[ 23 ] Es ist allgemein bekannt, dass Nietzsche im Wahnsinn endete. In der letzten Zeit vor dem Ausbruch des Wahnsinns schrieb er «verfängliche» Briefe an Bekannte, so auch an den vorhin erwähnten Basler Theologen Overbeck. Als Overbeck Ende der achtziger Jahre einen dieser Briefe bekam, da wusste er, dass er nicht mehr säumen durfte, seinen Freund Nietzsche von Turin – wo er sich aufhielt – abzuholen. Wichtig erscheint nun als Beispiel für das, was ich anführte, Folgendes: Als Nietzsche mit Overbeck zusammentraf, hatte er für das, was ihn umgab, gar keine Aufmerksamkeit mehr; er ließ mit sich machen, was man wollte, und zeigte absolut kein Interesse. Nur als er den Namen jener Persönlichkeit aussprechen hörte, die vor ihm stand und die dieselbe war, die als Kollege jahrelang mit ihm verkehrt hatte, da durchzuckte es ihn: Das ist ja jener Irrenarzt, mit dem ich damals zusammen war. – Und Nietzsche begann zum größten Erstaunen Overbecks ein Gespräch an dem Punkt fortzusetzen, wo es vor sieben Jahren unterbrochen worden war. Ein Mensch, der keine Aufmerksamkeit für die Außenwelt hat, setzt ein Gespräch an der Stelle fort, wo es vor sieben Jahren unterbrochen worden ist! Overbeck hatte jenes Gespräch in der Zwischenzeit zwar vergessen, erinnerte sich aber sogleich wieder daran. Und es ist merkwürdig: Als Nietzsche dann nach Jena gebracht wurde und Overbeck ihn in der Irrenanstalt besuchte, konnte man nicht mit ihm darüber reden, was in seiner Umgebung vorging — nur über das, was er vor Jahren gedacht, ersonnen, seelisch durchgekämpft, erlebt hatte, nur darüber konnte man mit ihm sprechen.

[ 23 ] It is common knowledge that Nietzsche ended his life in madness. In the period immediately preceding the onset of his madness, he wrote “troubling” letters to acquaintances, including the Basel theologian Overbeck, mentioned earlier. When Overbeck received one of these letters in the late 1880s, he knew he could no longer delay in going to Turin—where Nietzsche was staying—to bring his friend back. The following seems important as an example of what I have been saying: When Nietzsche met Overbeck, he paid no attention whatsoever to his surroundings; he let people do whatever they wanted with him and showed absolutely no interest. Only when he heard the name of the person standing before him—the very same man who had been his colleague for years—did it suddenly dawn on him: “That’s the psychiatrist I used to work with back then.” – And to Overbeck’s utter astonishment, Nietzsche began to continue a conversation right where it had been interrupted seven years earlier. A person who pays no attention to the outside world picks up a conversation right where it was left off seven years ago! Overbeck had, in the meantime, forgotten that conversation, but he immediately remembered it again. And it is strange: When Nietzsche was then taken to Jena and Overbeck visited him at the mental hospital, one could not talk to him about what was happening around him—only about what he had thought, conceived, emotionally struggled through, and experienced years ago; that was the only thing one could discuss with him.

[ 24 ] Was zeigt uns dies aber? Es zeigt uns, dass im körperlichen Leib ein übersinnlicher Leib steckt. Wenn man auf Tatsachen baut, so muss man das, was hier in Betracht kommt, als hochwichtig anerkennen. Der Mensch kann nur durch seine physischen Organe mit der gegenständlichen Außenwelt in Verbindung treten. Nietzsches Organe waren zerstört, und deshalb konnte er dies nicht mehr; allein der zentrale Geisteskern innerhalb des Leiblichen, des Körpers war davon unberührt. Dieses eine Beispiel aber könnte hundertfach vermehrt werden. Das Vorhandensein dieses zentralen Geisteskernes im leiblichen Körper kann nicht bestritten werden, und es ist eine Tatsache, dass der Mensch unter gewissen Umständen in die übersinnliche Welt hineinzuschauen vermag. Wenn wir Gedanken, die symbolisch sind, durch den starken Willen so in den Mittelpunkt des Bewusstseins stellen, dass sich alle Aufmerksamkeit darauf konzentriert und durch nichts abgelenkt wird, wenn wir nur auf dasjenige hinschauen und es immer und immer wiederholen – ein Jahr lang, und wenn ein Jahr nicht genügt, dann zehn Jahre hindurch: Ein Resultat stellt sich schließlich ein. Die Seele gelangt dazu, aus den Tiefen alles heraufzuholen; sie blickt in alles hinein.

[ 24 ] But what does this show us? It shows us that within the physical body lies a supersensory body. If one bases one’s views on facts, one must recognize what is at issue here as of the utmost importance. Human beings can only come into contact with the objective external world through their physical organs. Nietzsche’s organs were destroyed, and therefore he could no longer do this; yet the central spiritual core within the physical body remained unaffected. This single example, however, could be multiplied a hundredfold. The existence of this central spiritual core within the physical body cannot be denied, and it is a fact that, under certain circumstances, human beings are capable of glimpsing into the supersensible world. If, through strong will, we place symbolic thoughts at the very center of our consciousness in such a way that all our attention is focused on them and is not distracted by anything—if we look only at that and repeat it over and over again—for a year, and if a year is not enough, then for ten years: a result will eventually emerge. The soul comes to draw everything up from the depths; it looks into everything.

[ 25 ] Nicht mit Hilfe gewöhnlicher Werkzeuge kann dieser übersinnliche Zustand erreicht werden, sondern durch intime seelische Verrichtungen. Wenn der Mensch lange genug in dieser Weise alle Gedanken konzentriert und [mit ihnen] gearbeitet hat, dann kommt er schließlich an einen Punkt, wo er sich sagt: Ja, ich erlebe jetzt in mir etwas, von dem ich ganz sicher bin, dass es etwas Überirdisches ist. Aber merkwürdig, ich kann es nicht in der Weise denken, wie ich die Dinge sonst denke. – Der Mensch fühlt dann etwas, was nur denen zum Bewusstsein kommt, die es erleben, denn in diesem Augenblick des Überschreitens des Widerstandes seines physischen Leibes ist das Gehirn nicht mehr geeignet, das Erlebte zum Ausdruck zu bringen. Der Mensch erkennt: Das, was er gewohnt war, in der Seele zu empfinden, das will übertreten ins Bewusstsein. Aber er verspürt: Die Leibeswerkzeuge waren zwar für das bisherige natürliche Leben geeignet, aber jetzt erlebe ich etwas, wofür mein Gehirn noch nicht genügend entwickelt ist. Der Mensch empfindet dann die Zweiheit des geistig-seelischen Wesens. Er erlebt dann weiter, wie endlich das, was zuerst schwach war, anfängt, fühlbar, wahrnehmbar weiterzuarbeiten am Gehirn, am Bewusstsein, am Leib.

[ 25 ] This supernatural state cannot be attained with the help of ordinary tools, but rather through intimate spiritual practices. When a person has concentrated all their thoughts in this way and worked with them for long enough, they eventually reach a point where they say to themselves: Yes, I am now experiencing something within me that I am absolutely certain is something supernatural. But strangely, I cannot think about it in the way I usually think about things. – The person then feels something that comes to consciousness only for those who experience it, for at this moment of overcoming the resistance of the physical body, the brain is no longer capable of expressing what has been experienced. The person realizes: What they were accustomed to feeling in the soul now seeks to enter consciousness. But they sense: Although the physical instruments were suitable for their natural life up to this point, I am now experiencing something for which my brain is not yet sufficiently developed. The person then perceives the duality of the spiritual-soul being. They continue to experience how, at last, what was initially weak begins to work tangibly and perceptibly on the brain, on consciousness, and on the body.

[ 26 ] Ich habe Ihnen jetzt diesen Entwicklungsgang geschildert. Es handelt sich dabei um nichts willkürlich Erdachtes, um keine Thesen, sondern um eine Tatsache, die jeder wahre Geistessucher erleben kann. Was erlebt aber der Geistessucher? Er erlebt das, was ich bezeichnete als «Wunder-Tatsache». Es tritt in die Seele etwas Außerweltliches, zu dem der Mensch vorher keine Beziehung hatte. Man könnte das, was hereintritt, bezeichnen als einen höheren Menschen im Menschen, als etwas, was zu jenem Geistigen hinzutritt, das vorher schon da war. Nun könnte sich vielleicht eine Frage aufdrängen: Ja, so etwas erlebt aber doch nur ein kleiner Kreis von Menschen, so etwas erlebt nur der Geistessucher, der diese Verrichtungen mit der Seele vornimmt. — Das soeben Geschilderte kann aber von jeder Seele erlebt werden, allerdings in den verschiedensten Schattierungen, in den verschiedensten Abstufungen, der Individualität des jeweiligen Menschen entsprechend. Wenn wir die Schilderungen jener Menschen lesen, die wir die christlichen Mystiker nennen, so fühlen wir heraus, dass diese Mystiker zwar nicht das erlebten, was ich eben schilderte, dass aber doch in diese Seelen etwas eingezogen ist, das anderer Natur ist, das etwas anderes ist als das vorhandene Geistige – man nennt diese Umwandlung «Auferweckung».

[ 26 ] I have now described this course of development to you. This is not something arbitrarily conceived, nor is it a theory, but a fact that every true seeker of the spiritual can experience. But what does the seeker of the spiritual experience? He experiences what I have described as a “miraculous fact.” Something otherworldly enters the soul—something with which the person previously had no connection. One could describe what enters as a higher human being within the human being, as something that joins the spiritual aspect that was already there. Now a question might arise: “But surely only a small circle of people experiences such a thing—only the spiritual seeker who engages in these exercises with the soul.”—Yet what has just been described can be experienced by every soul, albeit in the most varied shades and degrees, corresponding to the individuality of each person. When we read the accounts of those people we call Christian mystics, we sense that, although these mystics did not experience what I have just described, something of a different nature has nevertheless entered these souls—something other than the existing spiritual reality. This transformation is called “resurrection.”

[ 27 ] Wer sich mit der nötigen Andacht in die Schilderungen der Evangelien vertieft, wird in mehr oder minder großem Maße das erleben, was ich beschrieben habe. Allein, jeder kann es – abgesehen vom Studium der Evangelien – erleben, es empfinden, dass in der Seele ein Gefühl vorhanden ist, das im natürlichen Verlauf des Lebens in der Seele nicht zu finden ist. Die Bibel jedoch vermag am einfachsten eine übersinnlich-geistige Welt in den Horizont des Bewusstseins zu bringen. Wenn man diese Wunder-Tatsache zugibt, dann liefert die Menschheit dazu eine notwendige Ergänzung, und diese ergibt sich aus der Theosophie selber. Wenn wir noch einmal zurückblicken auf das über den zentralen Geisteskern Gesagte, so sehen wir, dass dieser zentrale Geisteskern nicht zurückgeführt werden kann auf den bloßen Anfang, auf die Entstehung des Leibes, denn dieser zentrale Geisteskern ist ja völlig unabhängig vom Lebensanfang, von der gehirnlichen Tätigkeit des Menschen, sondern er muss vielmehr zurückgeführt werden auf ein früheres Menschenleben, sodass wir also von wiederholten Erdenleben sprechen müssen. Was wir so als zentralen Geisteskern, als übersinnliches Leben kennengelernt haben, das behauptet sich also durch den Tod hindurch, und mit diesem Standpunkt stehen wir auf dem Boden der Geisteswissenschaft.

[ 27 ] Anyone who immerses themselves with the necessary devotion in the accounts of the Gospels will experience, to a greater or lesser extent, what I have described. However, even apart from studying the Gospels, anyone can experience and sense that there is a feeling within the soul that cannot be found in the soul’s natural course of life. The Bible, however, is the simplest way to bring a suprasensory-spiritual world into the horizon of consciousness. If one acknowledges this miraculous fact, then humanity provides a necessary complement to it, and this arises from theosophy itself. If we look back once more at what has been said about the central spiritual core, we see that this central spiritual core cannot be traced back to the mere beginning, to the formation of the body, for this central spiritual core is, after all, completely independent of the beginning of life and of human brain activity; rather, it must be traced back to a previous human life, so that we must speak of repeated earthly lives. What we have come to know as the central spiritual core, as a supersensible life, thus persists through death, and from this standpoint we stand on the ground of spiritual science.

[ 28 ] Diese Anschauung von wiederholten Erdenleben hat sich bereits in unsere neuere Kultur hereingestellt. Lessing hat aus einer inneren Notwendigkeit heraus von der Wiederholung des Lebens sprechen müssen. Er sagte: Betrachtet man die gesamte menschliche Entwicklung, so erscheint sie einem wie eine umfassende Erziehung der Menschheit. – Sinnlos wäre es Lessing vorgekommen, wenn eine Seele gelebt haben würde, die [mit dem Tode] ganz geendet hätte. Lessing dachte sich, dass die Seele das, was sie an Schulungen besitzt, mitnimmt, [dann wieder damit auf die Erde kommt und so weiter. So würde ein einheitlicher Organismus geschaffen: Die in einer Entwicklung stehende Seele stirbt nicht ab], sondern lebt immer weiter, lebt ewig fort. Das neunzehnte Jahrhundert hat allerdings wenig Geschmack gefunden an der Ausarbeitung dieser Tatsache. Aber diese Tatsache tritt mit Notwendigkeit hervor. Als vor wenigen Jahrzehnten ein Preis für die beste schriftstellerische Arbeit über das Thema «Die Unsterblichkeit der Seele» ausgesetzt wurde, erkannte man den ersten Preis einer Arbeit zu, die betitelt war: «Die Unsterblichkeit der Seele auf Grund des wiederholten Erdenlebens». Dies ist ein Beweis dafür, dass es schon damals Menschen zu dieser Auffassung von wiederholten Erdenleben drängte.

[ 28 ] This view of repeated earthly lives has already found its way into our modern culture. Lessing felt compelled, out of an inner necessity, to speak of the repetition of life. He said: “If one considers the entire course of human development, it appears to be a comprehensive education of humanity.” – It would have seemed meaningless to Lessing if a soul had lived only to come to a complete end [with death]. Lessing imagined that the soul takes with it the lessons it has learned, [then returns to Earth with them, and so on. In this way, a unified organism would be created: the soul, which is in a state of development, does not die], but lives on forever, lives eternally. The nineteenth century, however, found little appeal in elaborating on this fact. Yet this fact emerges as a necessity. When, a few decades ago, a prize was offered for the best literary work on the topic “The Immortality of the Soul,” first prize was awarded to a work titled “The Immortality of the Soul Based on Repeated Earthly Lives.” This is proof that even back then, people were drawn to this concept of repeated earthly lives.

[ 29 ] Wenn wir die Entwicklung der Menschheit betrachten, so stellt sich heraus: Erst von einem gewissen Zeitpunkt an war es möglich, dass die Menschenseele jenes innerliche Wunder erleben konnte, dass in die Seele jene Gewissheit treten kann, die [zunächst] als Frage [an sie] herankommt. Wir können zwei große Epochen unterscheiden: die alte, vorchristliche Zeit, wo der Mensch noch nicht zum Bewusstsein seines Ichs gekommen ist, und die Zeit nach Christus, wo der Mensch mit voller Aufrechterhaltung seines selbstbewussten Ichs in die Welt tritt. Wie die menschliche Abstammung auf ein Urwesen zurückzuführen ist, so muss auch dasjenige, was in der Seele als eine innere Auferstehung für jeden Einzelnen sich erweisen kann, auf einen Stammvater für dieses InnenWunder zurückzuführen sein. Wie für den einzelnen Menschen sich die Auferstehung vollzieht, so muss sich auch für die Menschheit die Auferstehung vollzogen haben, und die Theosophie zeigt uns klar: Was den einzelnen Menschen zu einem anderen macht, das machte auch den Menschen Jesus von Nazareth zu einem anderen.

[ 29 ] When we consider the development of humanity, it becomes clear that it was only from a certain point onward that the human soul was able to experience that inner miracle—that certainty which [at first] approaches the soul as a question. We can distinguish two major epochs: the ancient, pre-Christian era, when human beings had not yet attained awareness of their “I,” and the era after Christ, when human beings enter the world while fully maintaining their self-aware “I.” Just as human descent can be traced back to a primordial being, so too must that which can manifest in the soul as an inner resurrection for each individual be traced back to a progenitor of this inner miracle. Just as the resurrection takes place for the individual human being, so too must the resurrection have taken place for humanity as a whole, and theosophy clearly shows us: What makes the individual human being different from others is what also made Jesus of Nazareth different from others.

[ 30 ] So wie wir leben mit unserem zentralen Geisteskern, dem durch den Tod keine Grenze gezogen ist, so untersteht die Welt mit dem zentralen Geisteskern ihrem eigenen Gesetz. Deshalb ist nach Auffassung der Theosophie die Auferstehung für das ganze Menschengeschlecht geradezu dasselbe Wunder wie das innerliche Wunder für den Einzelnen. Nachdem der physische Leib [des Jesus] ans Kreuz gehängt worden war, lebte doch der Geist [des Christus] weiter. Betrachten wir im Evangelium das Wort des Paulus, dass der Christus für die Menschheit gestorben und am dritten Tage wiederauferstanden ist, dass er dann dem Petrus zuerst erschienen ist, dann mehr als fünfhundert Menschen und schließlich ihm selbst. Nicht in der ursprünglichen Jesus-Gestalt erschien er dem Paulus, sondern in einer Geistesgestalt, die er als ChristusGestalt anerkennen musste, die so war, dass aus ihr selber heraus die Überzeugung sich geltend machte: Der Christus lebt! Von dem auferstandenen Christus dürfen wir nicht anders sprechen als so, dass dasjenige, was in ihm geistig, unabhängig vom körperlichen Leib, gelebt hat, im Tode nicht wirklich tot war, sondern weiterhin da war, weiterlebte.

[ 30 ] Just as we live with our central spiritual core, which is not limited by death, so too does the world, with its central spiritual core, follow its own law. Therefore, according to theosophy, the resurrection of the entire human race is, in essence, the very same miracle as the inner miracle experienced by the individual. After [Jesus’] physical body had been hung on the cross, the Spirit [of Christ] nevertheless continued to live. Let us consider Paul’s words in the Gospel that Christ died for humanity and rose again on the third day, that he then appeared first to Peter, then to more than five hundred people, and finally to Paul himself. He did not appear to Paul in the original form of Jesus, but in a spiritual form that Paul had to recognize as the form of Christ—a form such that the conviction arose of its own accord: Christ lives! We must speak of the risen Christ in no other way than to say that what lived in him spiritually, independent of the physical body, was not truly dead in death, but continued to exist and live on.

[ 31 ] Es würde heute zu weit führen, wenn ich Ihnen auch noch das ausführen wollte, was mit dem Leib geschah. Das Wichtigste ist, dass die Schrift uns klar und deutlich darauf hinweist: Vom Zeitpunkt der Auferstehung an haben wir es zu tun mit dem Eintreten einer neuen geistigen Kraft, die vorher nicht vorhanden war, mit einer Ausgießung des Geistes. Und jenes innerliche Wunder führt zurück auf die Erweckung vom Tod, auf das Fortleben des Christus, den man als Jesus von Nazareth kreuzigte. Christus hat für die Menschheit ein neues Verhältnis zur geistigen Welt möglich gemacht; so ist das Wunder vom Kreuz der Stammvater aller Wunder, die sich im Menschenleben vollziehen. So zeigt uns Geisteswissenschaft einen Weg zu Christus; sie zeigt uns den Christus als einen für die Menschheit Notwendigen. Nur ein scheues Gemüt könnte bei einem solchen Weg zu Christus eine Gefahr wittern, denn jeder zu Christus führende Weg, der auf Wahrheit beruht, muss und wird [demjenigen, der nach dem Christus sucht,] willkommen sein.

[ 31 ] It would take us too far afield today if I were to also explain what happened to the body. The most important thing is that Scripture clearly and unambiguously points out to us: From the moment of the Resurrection onward, we are dealing with the emergence of a new spiritual power that did not exist before—an outpouring of the Spirit. And that inner miracle traces back to the resurrection from the dead, to the continued life of the Christ who was crucified as Jesus of Nazareth. Christ made a new relationship with the spiritual world possible for humanity; thus the miracle of the Cross is the progenitor of all miracles that take place in human life. In this way, spiritual science shows us a path to Christ; it reveals Christ to us as one who is indispensable to humanity. Only a timid mind could sense danger in such a path to Christ, for every path leading to Christ that is based on truth must and will be welcome [to those who seek Christ].