A New Experience of Christ
GA 69c
15 November 1913, Hamburg
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
A New Experience of Christ, tr. SOL
11. Von Jesus zu Christus
11. From Jesus to Christ
[ 1 ] Sehr geehrte Anwesende! Es ist ein Thema von tief einschneidender Bedeutung für das Geistesleben der Gegenwart, welches den Gegenstand der heutigen Betrachtungen bilden soll, und es soll dieses Thema besprochen werden von dem Gesichtspunkte aus, von dem ich über verschiedene Fragen des Geisteslebens auch hier in dieser Stadt von dieser Stelle aus schon öfters sprechen durfte. Von unseren Freunden ist gerade dieses Thema für den heutigen Abend gewünscht worden. Aber es ist im Allgemeinen nicht sehr leicht, über ein solch spezielles, wenn auch tief bedeutsames Thema von dem Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft aus zu sprechen. Denn dabei muss in einem gewissen Sinne doch die Voraussetzung gemacht werden, dass die verehrten Zuhörer sich an manches erinnern, was in den anderen Vorträgen bereits gesagt worden ist über die Grundlage jener Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! The topic that will form the subject of today’s reflections is one of profound significance for contemporary spiritual life, and it will be discussed from the perspective from which I have often had the opportunity to speak on various questions of spiritual life here in this city, from this very place. It is precisely this topic that our friends have requested for this evening. But in general, it is not very easy to speak about such a specialized—albeit profoundly significant—topic from the perspective of spiritual science. For in doing so, one must, in a certain sense, assume that the esteemed audience recalls some of what has already been said in the other lectures regarding the foundations of the spiritual science referred to here.
[ 2 ] Diese Geisteswissenschaft ist ja keineswegs etwas, was in der Gegenwart schon in weiten Kreisen anerkannt oder irgendwie belegt wäre. Im Gegenteil – diese Geisteswissenschaft ist etwas, wovon man sagen kann, dass sie wohl noch zu den unbeliebtesten und missverstandensten geistigen Strömungen der Gegenwart gehört. Und gerade bei einem Thema wie dem heutigen sollen solche missverständliche und gegnerische Auffassungen ganz besonders in Betracht gezogen werden. Denn allzu sehr ist noch die Meinung verbreitet, dass Geisteswissenschaft dieses oder jenes Religionsbekenntnis angreifen oder gefährden könnte, welches vielleicht dieser oder jener Seele aus irgendeinem Grunde wert und teuer ist oder sein könnte. Dies aber ist durchaus nicht der Fall, wie es sich dem tiefer in die Geisteswissenschaft eindringenden Menschen zeigen kann. Geisteswissenschaft will Wissenschaft sein und in gewissem Sinne eine Fortsetzung desjenigen, was seit drei bis vier Jahrhunderten als naturwissenschaftliche Denkungsweise in die Menschheitsentwicklung eingeflossen ist. Sie muss nur das, was naturwissenschaftliche Denkungsweise ist, in anderer Weise aus der Menschenseele heraus fruchtbar machen, als die Naturwissenschaft es selber mit ihren Forschungsmethoden fruchtbar machen kann. Denn diese Geisteswissenschaft hat es ja zu tun – nicht mit irgendetwas, was äußerlich für die Sinne wahrnehmbar ist, nicht mit irgendetwas, was der Verstand auf Grundlage der Sinne beobachtet –, sie hat es zu tun mit der Welt des Geistigen. Nahe liegt es daher auch, diejenigen Fragen, welche sich auf das Geistesleben der Menschen beziehen, von diesem geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus zu betrachten. Es gibt gewiss für zahlreiche Seelen der Gegenwart keine Frage, welche im Geistesleben der Menschheit so wichtig sein könnte wie die Frage, die das heutige Thema einschließt – die Frage nach dem Christus Jesus. Ich möchte nur einige wenige Bemerkungen vorausschicken, damit wir uns einigermaßen über den Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft verständigen, um dann sogleich zu dem Speziellen des heutigen Themas überzugehen.
[ 2 ] This spiritual science is by no means something that is already widely recognized or in any way substantiated today. On the contrary—this spiritual science is something that can be said to still rank among the most unpopular and misunderstood spiritual movements of our time. And especially when it comes to a topic like today’s, such misunderstandings and opposing views must be taken into account all the more. For the opinion is still all too widespread that spiritual science might attack or endanger this or that religious creed, which may be—or could be—precious and dear to this or that soul for whatever reason. This, however, is by no means the case, as becomes clear to anyone who delves more deeply into spiritual science. Spiritual science aims to be a science and, in a certain sense, a continuation of what has flowed into human development over the past three to four centuries as the scientific way of thinking. It merely seeks to bring forth from the human soul what constitutes the scientific way of thinking in a different way than natural science itself can do with its research methods. For this spiritual science is concerned—not with anything that is outwardly perceptible to the senses, nor with anything that the intellect observes on the basis of the senses—but with the world of the spiritual. It therefore stands to reason that questions relating to the spiritual life of human beings should be considered from this spiritual-scientific standpoint. For many people today, there is certainly no question that could be as important in the spiritual life of humanity as the question encompassed by today’s topic—the question of Christ Jesus. I would like to preface this with just a few remarks so that we may reach a reasonable understanding of the perspective of spiritual science, and then proceed immediately to the specifics of today’s topic.
[ 3 ] Was Missverständnisse über Missverständnisse, Ablehnungen über Ablehnungen gegenüber der Geisteswissenschaft hervorruft, das ist, dass die Geisteswissenschaft, trotzdem sie Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Denkungsweise ist, im Grunde genommen an die menschliche Seele ganz andere Anforderungen stellt als diese naturwissenschaftliche Denkungsweise selbst. Wie fragt jene Denkungsweise, die aus der Naturwissenschaft heraus mit Recht geboren ist und welche heute immer mehr und mehr die Gemüter der Menschen ergreift? Wie stellt sich diese Denkungsweise zu den höchsten Fragen des geistigen Lebens? Sie fragt: Was kann der Mensch erkennen? Wie weit reicht die menschliche Erkenntnis? — Und das soll gleich gesagt werden: Es ist diese Frage im höchsten Grade wertvoll, und die Geisteswissenschaft wird nichts dagegen haben. Es ist im höchsten Grade bewundernswert, wenn Philosophen oder andere Denker sich damit befassen, festzustellen, wie weit das menschliche Denken, das menschliche Erkennen reichen kann, unter der Voraussetzung, dass die menschliche Seele ebenso ist, wie man sie im Alltagsleben in der gewöhnlichen Wissenschaft beobachtet. Da kommt man sehr leicht dazu zu sagen: So weit geht menschliches Erkennen, bis zu dieser Grenze reicht es, über diese Grenze kommt es nicht hinaus. – Es ist dies ja etwas, dem man heute täglich begegnen kann. Dieses kann man nach den Voraussetzungen des Menschengeistes erkennen, jenes aber nicht. Geisteswissenschaft steht ganz und gar auf einem völlig anderen Gesichtspunkt.
[ 3 ] What gives rise to misunderstandings upon misunderstandings and rejections upon rejections of spiritual science is that, although spiritual science is a continuation of the scientific way of thinking, it fundamentally places entirely different demands on the human soul than this scientific way of thinking itself. How does that mode of thinking—which has rightly emerged from the natural sciences and which today is increasingly capturing people’s minds—approach the highest questions of spiritual life? It asks: What can human beings know? How far does human knowledge extend? — And let it be said right away: This question is of the highest value, and spiritual science will have no objection to it. It is most admirable when philosophers or other thinkers set out to determine how far human thinking and human cognition can extend, on the assumption that the human soul is exactly as it is observed in everyday life and in conventional science. It is very easy to conclude: Human cognition extends this far; it reaches up to this limit, but does not go beyond it. — This is, after all, something one encounters daily today. One can recognize this within the limits of the human spirit, but not that. Spiritual science takes a completely different perspective.
[ 4 ] Geisteswissenschaft steht auf dem Gesichtspunkt der Entwicklung der menschlichen Seele, steht auf dem Gesichtspunkt, dass diese menschliche Seele zwar so, wie sie unmittelbar im Alltag des Lebens ist, so, wie sie in der gewöhnlichen Wissenschaft sich betätigen muss, gewisse angebbare Grenzen des Erkennens hat, dass sich aber diese Menschenseele durch gewisse intime Vorgänge, die sie in sich selber und mit sich selbst vornimmt, umwandeln kann, aus sich selber etwas machen kann, was imstande ist, in andere Gebiete des Daseins einzudringen als diejenigen, die im alltäglichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft anerkannt sind. In anderen Vorträgen, die ich hier halten durfte, und in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» habe ich darauf aufmerksam gemacht, wie die Seele durch Steigerung jener Tätigkeiten des Alltagslebens dazu kommt, aus sich etwas völlig anderes zu machen. Ich kann heute einleitend nur das Prinzipielle andeuten. Durch gewisse Übungen, die eine Steigerung des einen sind, was man im gewöhnlichen Leben die Aufmerksamkeit nennt, oder des anderen, was man im gewöhnlichen Leben die Hingabe nennt, durch eine unbegrenzte Steigerung dieser inneren Erlebnisse des Menschen gelangt die Seele dazu, wirklich eine Art geistiger Chemie im Menschen selber zu vollführen.
[ 4 ] Spiritual science is based on the perspective of the development of the human soul; it is based on the perspective that this human soul, as it is in the immediate reality of everyday life and as it must function within conventional science, certain definable limits of cognition, yet this human soul can transform itself through certain inner processes it undertakes within itself and with itself; it can make of itself something capable of penetrating into realms of existence other than those recognized in everyday life or in conventional science. In other lectures I have had the privilege of giving here, and in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*, I have drawn attention to how the soul, through the intensification of those activities of everyday life, comes to transform itself into something entirely different. Today, by way of introduction, I can only hint at the fundamental principles. Through certain exercises that involve an intensification of what is called “attention” in ordinary life, or of what is called “devotion” in ordinary life—through an unlimited intensification of these inner human experiences—the soul comes to truly carry out a kind of spiritual chemistry within the human being itself.
[ 5 ] So, wie der Mensch im Alltagsleben dasteht, ist sein [physisches] Leben mit seinem geistigen Leben innigseelisch verbunden. Alles, was wir im Alltagsleben verrichten, verrichten wir so, dass das, was geistig in das Leiblich-Körperhafte eingreift, sich des Letzteren als eines Instruments bedient. Nun lassen Sie mich ein Beispiel gebrauchen, auf das ich keinen besonderen Wert lege, sondern welches ich nur zur Verdeutlichung gebrauchen will, [nämlich] wie der Wasserstoff mit dem Sauerstoff zusammen sich zum Wasser verbindet. Nun kommt der Chemiker, scheidet den Wasserstoff ab und zeigt, dass aus dem Wasser etwas herauskommt, was ganz andere Eigenschaften hat als das Wasser. Eine solche «geistige Chemie» wird verrichtet, wenn die Seele auf sich dasjenige anwendet, was ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» gezeigt habe. Die Seele als geistiges Wesen trennt sich ab von dem Leiblichen, lernt die Fähigkeiten erkennen, innerlich zu leben – abgewendet, gleichsam herausgehoben aus dem Leiblich-Körperhaften. Das ist das große Erlebnis, was der Geistesforscher in sich selber durchmachen muss, nicht durch irgendeine Spekulation, nicht durch irgendeine Philosophie, sondern durch ein hingebungsvolles Üben seiner Seele, diese unabhängig zu machen von den [alltäglichen] Verrichtungen, von ihren Sinnen, von der Mitwirkung des Leiblich-Körperhaften. Das ist das große Erlebnis des Geistesforschers: zu wissen, was es heißt, geistig-seelisch in sich zu leben, ohne dass man im Leibe lebt. Das ist nur eine Andeutung dessen, was ich mir in anderen Vorträgen hier öfters erlaubte auseinanderzusetzen und was ich Sie bitte, heute als eine Behauptung hinzunehmen, denn meine Aufgabe soll ja sein zu zeigen, wie nun ein solches Forschen, was verrichtet wird von einer Seele, die sich zum Geistesforscher gemacht hat, denken muss über dasjenige, was wir das «Christus-Ereignis» oder – vielleicht könnten wir auch sagen — das «Christus-Jesus-Ereignis» im Entwicklungsgang der Menschheit nennen.
[ 5 ] As human beings exist in everyday life, their [physical] life is intimately connected with their spiritual life. Everything we do in everyday life, we do in such a way that what intervenes spiritually in the physical-bodily realm makes use of the latter as an instrument. Now let me give an example to which I attach no particular importance, but which I wish to use merely for the sake of illustration: [namely] how hydrogen combines with oxygen to form water. Now the chemist steps in, separates out the hydrogen, and shows that something emerges from the water that has properties entirely different from those of water. Such “spiritual chemistry” takes place when the soul applies to itself what I have demonstrated in my book *How to Gain Knowledge of the Higher Worlds*. The soul, as a spiritual being, separates itself from the physical, learns to recognize the abilities to live inwardly—turned away from, as it were, lifted out of the physical-bodily realm. This is the great experience that the spiritual researcher must undergo within himself—not through any speculation, not through any philosophy, but through the devoted practice of his soul to make it independent of [everyday] activities, of its senses, and of the influence of the physical-bodily realm. This is the great experience of the spiritual researcher: to know what it means to live spiritually and soulfully within oneself, without living in the body. This is only a hint of what I have often taken the liberty of discussing in other lectures here, and which I ask you to accept today as an assertion, for my task is, after all, to show how such research—carried out by a soul that has made itself a spiritual researcher—must consider what we call the “Christ Event” or—perhaps we could also say—the “Christ Jesus Event” in the course of human evolution.
[ 6 ] Was irgendein religiöses Bekenntnis über den Christus Jesus zu sagen hat, das wird [auf]genommen durch Erlebnisse, die selbstverständlich innerhalb der Leiblichkeit verlaufen müssen. Was die Geistesforschung zu sagen hat, das wird erlangt, wenn die von ihrer Leiblichkeit frei gewordene – wenn ich den verpönten Ausdruck gebrauchen darf –, hellseherisch gewordene Seele den Entwicklungsgang der Menschheit so überschaut, wie er sich eben überschauen lässt, wenn die Seele nicht mehr im Leibe, wenn sie sich außerhalb des Leibes in der geistigen Welt befindet.
[ 6 ] Whatever any religious creed has to say about Christ Jesus is received through experiences that must, of course, take place within the physical realm. What spiritual research has to say is attained when the soul—freed from its physicality, if I may use this frowned-upon term—has become clairvoyant and surveys the course of human development as it can indeed be surveyed when the soul is no longer in the body, when it is outside the body in the spiritual world.
[ 7 ] Nun werde ich heute Abend sozusagen eine ganz besondere Art [des Mitteilens] für mein Thema wählen müssen, denn was der Geistesforscher, wenn er die eben angedeutete Vorbereitung für seine Erkenntnisse hat, erkennt, das erlangt er durch ein unmittelbares Geistesschauen, wenn er – abgetrennt vom Leibe – sich im Geistig-Seelischen betätigt und den Geistesblick auf die Ereignisse, auf die Vorgänge der Welt richtet. So unmittelbar ist es nicht mitzuteilen, was der Geistesforscher erschaut; es lässt sich nur mitteilen, wenn der Geistesforscher den Blick auf Verhältnisse hinlenkt, die in der gewöhnlichen Welt zu sehen sind – auf Verhältnisse, die jeder Mensch sehen kann –, wie man sie nur anschauen kann, wenn eben der Gesichtspunkt des geistigen Schauens gewählt wird. Daher werde ich hinzuweisen haben auf gewisse Vorgänge des äußeren Lebens, und es könnte manchem der verehrten Zuhörer so vorkommen, als ob ich nur in Gleichnissen, vielleicht in Analogien, redete. So werden die Auseinandersetzungen nicht gemeint sein! Was ich aber meine, was wohl wie Analogie aussehen wird, das ist nur eine Sprache, um dasjenige auszudrücken, was die Geistesforschung über unsere Fragen zu sagen hat.
[ 7 ] Now, this evening I will have to choose, so to speak, a very special way [of communicating] for my topic, for what the spiritual researcher—once he has made the preparations for his insights that I have just indicated—perceives, he attains through direct spiritual vision when, separated from the body, he engages in spiritual-soul activity and directs his spiritual gaze toward the events and processes of the world. What the spiritual researcher beholds cannot be communicated so directly; it can only be communicated when the spiritual researcher directs his gaze toward conditions that can be seen in the ordinary world—conditions that every human being can see—as they can only be viewed when the perspective of spiritual vision is adopted. Therefore, I will have to refer to certain processes of external life, and it might seem to some of you, my esteemed listeners, as though I were speaking only in parables, perhaps in analogies. That is not what I mean! But what I do mean—which may well appear to be an analogy—is merely a way of expressing what spiritual research has to say about our questions.
[ 8 ] In Bezug auf einen der Gesichtspunkte, den wichtigsten in unserer heutigen Frage, ist eine Verständigung mit dem Denken der Gegenwart außerordentlich wichtig. Auf dem Gebiete der Naturwissenschaft gibt man ja zu, dass es nicht genügt, wenn man nur die einzelnen Vorgänge der Natur registriert, wenn man sie sozusagen nur erzählt, sie anführt, man gibt zu, dass der Naturforscher fortschreiten muss von der Erzählung, von der Registrierung zu den Gesetzen, die ganz gewiss selbstverständlich unsichtbar die Erscheinungen gleichsam durchleben und durchweben. Ein Naturgesetz selbst ist etwas, was man erlangt, wenn man sich in die Erscheinungen der Sinneswelt vertieft, wenn man sie nicht einfach erzählt, nicht einfach beschreibt, sondern wenn man versteht, sie gegenseitig zueinander in Beziehungen zu bringen, sodass diese ihre innere Gesetzmäßigkeit aussprechen. So weit geht man aber nicht einfach in Bezug auf dasjenige, was Geschichte wird, was als Geschichte entsteht. Und deshalb kann man nicht leicht Verständnis finden, wenn man die naturwissenschaftliche Methode gewissermaßen nur auf das Geistige in dem Geschichtlichen überträgt.
[ 8 ] With regard to one of the aspects—the most important one in the question we are addressing today—it is extremely important to come to an understanding with contemporary thought. In the field of natural science, it is acknowledged that it is not enough merely to record the individual processes of nature—to, so to speak, merely recount or list them—but rather that the natural scientist must progress from mere recounting and recording to the laws that, quite certainly and as a matter of course, invisibly permeate and interweave the phenomena, as it were. A natural law itself is something one attains by delving deeply into the phenomena of the sensory world—not simply by recounting or describing them, but by understanding how to relate them to one another in such a way that they reveal their inner regularity. But one does not go that far simply with regard to what becomes history, what emerges as history. And that is why it is not easy to find understanding if one applies the scientific method, so to speak, solely to the spiritual aspect of history.
[ 9 ] Nicht gerne spreche ich vom Persönlichen, aber in diesem Fall ist das Persönliche zugleich auch ein Sachliches. Als vor vielen Jahren mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» erschienen ist, dem die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen der Christus-Frage zugrunde liegt, da war der Titel durchaus mit vollem Bedacht gewählt, um hinzudeuten darauf, dass es sich um eine besondere Betrachtungsweise handelt. Ich habe es nicht «Die Mystik des Christentums» genannt. Inwiefern das Christentum Mystik enthält – das wollte ich in diesem Buche nicht ausführen, auch nicht die christliche Mystik, nicht das mystische Leben eines Christen darlegen, sondern ich wollte zeigen, dass die Entstehung des Christentums, dass ein Leben des Christus-Impulses in der Geschichte der Menschenentwicklung eine Tatsache ist. Diese kann nur verstanden werden, wenn hinter dem geschichtlichen Werden, hinter den Erzählungen und Beschreibungen geistige Tatsachen geschaut werden, wenn sich Tatsachen einem geistigen Auge erschließen, mit anderen Worten, wenn die Tatsache selbst Mystik darstellt – unmittelbar in der Welt geschehen im mystischen Sinne. Damit wollte ich andeuten, dass nur derjenige den Geist des Christentums zu begreifen in der Lage ist, der nicht nur das christliche Werden, so wie es sich in den Urkunden und Erzählungen darstellt, sondern der im Christentum etwas zu sehen imstande ist, in dem sich die Tatsachen ebenso gruppieren wie im Sonnensystem, wo sich die Sonne zum wichtigsten Faktor im Sonnensystem macht. Das erkennt man an, wenn man die Tatsache naturwissenschaftlich verfolgt. Man ist noch nicht gewöhnt, die geschichtlichen Tatsachen zu verfolgen. Daher erzählt man in der Geschichte leicht, wie eine Tatsache hinter der anderen folgt — genauso wie man in der Naturwissenschaft hinschauen würde –, ohne zu beachten, dass die Art, wie man das geschichtliche Werden ansieht, wie man hinblickt auf die Tatsachen, die Hauptsache ist. Man muss sehen, dass das Christus-Problem ein einschneidender Faktor ist und dass man nur dadurch zum inneren Erkennen kommen kann, dahin kommen kann, was eigentlich geschehen ist.
[ 9 ] I don’t like to speak about personal matters, but in this case, the personal is also objective. When my book *Christianity as a Mystical Fact* was published many years ago—a work grounded in spiritual-scientific reflections on the question of Christ—the title was chosen with great care to indicate that it presented a particular perspective. I did not call it *The Mysticism of Christianity*. To what extent Christianity contains mysticism—that was not what I wanted to explore in this book; nor did I intend to expound on Christian mysticism or the mystical life of a Christian. Rather, I wanted to show that the emergence of Christianity—that a life of the Christ impulse in the history of human development—is a fact. This can only be understood if spiritual realities are perceived behind the historical development, behind the narratives and descriptions; if realities reveal themselves to a spiritual eye—in other words, if the reality itself constitutes mysticism—occurring directly in the world in a mystical sense. By this I meant to suggest that only those who are able to see not merely the Christian development as it appears in the historical records and narratives, but who are capable of perceiving in Christianity something in which the facts are arranged just as they are in the solar system—where the sun establishes itself as the most important factor—are capable of grasping the spirit of Christianity. This becomes apparent when one examines the facts from a scientific perspective. People are not yet accustomed to examining historical facts in this way. Consequently, in history, it is easy to describe how one fact follows another—just as one would observe in the natural sciences—without realizing that the way one views historical development, the way one looks at the facts, is the most important thing. One must recognize that the Christ problem is a decisive factor and that only through it can one attain inner insight, can one arrive at an understanding of what actually happened.
[ 10 ] Es gibt in der heutigen Naturwissenschaft ein Gesetz, welches zwar in seinen Einzelheiten angefochten wird, welches aber in seinen Grundlagen anerkannt wurde – das ist das berühmte biogenetische Grundgesetz Haeckels, das besagt, dass jedes Wesen am Anfang seiner Entwicklung im Keime eine kurze Wiederholung aller derjenigen Stadien durchmacht, die die Entwicklung derjenigen Wesen war, von denen es abstammt. In Bezug auf die äußere Leiblichkeit macht der Mensch während dieses Keimzustandes sozusagen die Stufen eines niederen Tieres, eines Fisches und so weiter durch. Das ist ja etwas, was sich jeder aus der Naturwissenschaft selbst holen kann; solche Gesetze werden in der Naturwissenschaft anerkannt. Nun ergibt sich für das geistige Schauen ein außerordentlich wichtiges Gesetz der Menschheitsentwicklung, das sich natürlich ganz anders ausnimmt als ein solches naturwissenschaftliches Gesetz, wie es eben angeführt wurde, weil es auf dem Gebiete des Geisteslebens Geltung hat; aber es ist deshalb für die menschliche Erkenntnis nicht minder ein Gesetz, wie die naturwissenschaftlichen Gesetze es sind. Dieses Gesetz kann von den geistigen Forschern beobachtet werden, wenn man die Frage aufwirft: Es hat zweifellos auch in der menschlichen Entwicklung verschiedene Stufen gegeben, in denen das menschliche Wesen im geschichtlichen Werden mancherlei Stadien durchlaufen hat.
[ 10 ] In modern science, there is a law whose details may be contested but whose fundamentals have been recognized—namely, Haeckel’s famous biogenetic law, which states that every organism, at the beginning of its development in the embryo, undergoes a brief repetition of all the stages that characterized the development of the organisms from which it descends. With regard to external physical form, the human being, during this embryonic stage, passes through, so to speak, the stages of a lower animal, a fish, and so on. This is something anyone can learn from natural science itself; such laws are recognized in natural science. Now, for spiritual observation, an extraordinarily important law of human development emerges, which of course takes on a very different form than a natural scientific law such as the one just mentioned, because it applies to the realm of spiritual life; but it is no less a law for human knowledge than the laws of natural science are. This law can be observed by spiritual researchers when one raises the question: There have undoubtedly been various stages in human development as well, in which the human being has passed through various phases in the course of history.
[ 11 ] Wir brauchen uns jetzt nicht in die Gestaltung der Menschheitsentwicklung einzulassen, wie sie sich in den Urzeiten vollzog; wir werden nur voraussetzen müssen, dass den geschichtlichen Zeiten ganz gewiss Urzeiten vorangegangen sind. Aber jeder kann da, wenn er auch nur ganz oberflächlich den Blick schweifen lässt über die Menschheitsentwicklung, sagen: Was die Menschheit von Epoche zu Epoche, von Jahrhundert zu Jahrhundert durchgemacht hat, das hat verschiedene Gestaltung gehabt. – Und dann liegt wohl nicht ferne, dass wir uns fragen: Lässt sich dieses Gesamtleben der Menschheit mit irgendetwas vergleichen? — Was ich sage, ist zwar dem Werdegang der Menschheit entnommen, aber es wird hier so vorgebracht, wie es sich dem geistesforscherischen Blick ergibt. Ich muss mich nur an die äußeren Tatsachen wenden und so die Worte [finden], um auszudrücken, was der geistesforscherische Blick sieht. Um über die Menschheitsentwicklung einigen Aufschluss zu erhalten, kann man fragen: Womit lässt sich diese Gesamtmenschheitsentwicklung vergleichen? – Nun, sie lässt sich vergleichen mit dem Einzelleben des Menschen. Verschieden war das menschliche Leben in alten Zeiten, in den historischen Zeiten, zu denen heute die Geschichte zurückblickt, sagen wir, die Zeiten der alten ägyptischen Kultur, der alten chinesischen und persischen Kultur. Verschieden waren auch die Erlebnisse in der griechischen und römischen Kultur von den Erlebnissen in der heutigen Kulturwelt. Und nur jemand, der nicht eingehen will auf die Mannigfaltigkeit des Lebens, kann glauben, dass die Bedingungen des seelischen Daseins in unserer Gegenwart etwa jenen zu vergleichen seien, die während der griechischen und römischen Zeit, die während der alten ägyptischen Zeit da waren. Ebenso wenig gleichen die Erlebnisse des einzelnen Menschen in der Kindheit denen im Jünglings- oder Jungfrauenalter oder denen im reifen Alter, im Greisenalter. Die Menschheitsentwicklung nimmt verschiedene Gestalten an; wir können geradezu sagen, sie macht verschiedene Lebensalter durch. Dann aber entsteht die andere Frage: Mit welchem Stadium im menschlichen Einzelleben können wir das jetzige Menschheitsalter vergleichen? Diese Frage kann eigentlich nur geisteswissenschaftlich beantwortet werden.
[ 11 ] We need not delve now into the course of human development as it unfolded in prehistoric times; we need only assume that historical times were certainly preceded by prehistoric times. But anyone who even briefly glances at the course of human development can say: What humanity has gone through from epoch to epoch, from century to century, has taken various forms. — And then it is only natural that we ask ourselves: Can this entire history of humanity be compared to anything? — What I am saying is indeed drawn from the course of human history, but it is presented here as it appears to the spiritual-scientific gaze. I need only turn to the external facts and thus [find] the words to express what the spiritual-scientific gaze perceives. To gain some insight into human development, one might ask: To what can this entire development of humanity be compared? — Well, it can be compared to the individual life of a human being. Human life was different in ancient times—in the historical eras that history looks back upon today—such as, for example, the times of ancient Egyptian, Chinese, and Persian cultures. The experiences in Greek and Roman culture were also different from those in today’s cultural world. And only someone who refuses to acknowledge the diversity of life can believe that the conditions of spiritual existence in our present day are comparable to those that existed during the Greek and Roman periods or during the ancient Egyptian period. Nor do the experiences of an individual in childhood resemble those of youth or young adulthood, or those of middle age and old age. Human development takes on various forms; we can even say that it passes through different stages of life. But then another question arises: To which stage in an individual’s life can we compare the current age of humanity? This question can really only be answered through the spiritual sciences.
[ 12 ] Die Geisteswissenschaft steht ja auf diesem Standpunkt, den Sie ja bereits kennen und wie es schon in anderen Vorträgen hier gezeigt wurde: Wenn der Mensch eintritt in dieses physische Erdendasein, dann ist das, was ihn zusammensetzt, was ihn ausmacht, nicht bloß gegeben durch das, was von Vater und Mutter kommt, was überhaupt von den Ahnen vererbt ist, sondern der Mensch kommt nach dem geisteswissenschaftlichen Standpunkte mit seinem Geistig-Seelischen zu seinem Erdendasein herab aus einem geistigen Leben, und verbindet sich gesetzmäßig — mit dem, was wir von Vater und Mutter haben. Geisteswissenschaft steht auf dem Boden, dass es das Geistig-Seelische ist, welches mitarbeiter an der ganzen Gestaltung des körperlich-leiblichen Wesens – wenn wir sehen, wie ein Kind heranwächst in das Sinnesdasein, wenn wir diese wunderbaren Mysterien des werdenden Menschen anschauen, wie aus den zuerst unbestimmten Gesichtszügen die bestimmteren werden, aus den ungeschickten Bewegungen die geschickteren und so weiter. Da zeigt uns die Geisteswissenschaft, wie das aus der geistigen Welt herauskommende Wesen das SubstanziellLeibliche erfasst, wie es daran arbeitet – plastizierend, ausgestaltend.
[ 12 ] Spiritual science takes this view, which you are already familiar with and which has already been demonstrated here in other lectures: When a human being enters this physical earthly existence, then what constitutes them, what defines them, is not merely determined by what comes from their father and mother—or what is inherited from their ancestors in general—but, according to the spiritual-scientific viewpoint, human beings descend to their earthly existence with their spiritual-soul aspect from a spiritual life and unite, in accordance with the laws of nature, with what we receive from our father and mother. Spiritual science is based on the principle that it is the spiritual-soul aspect that collaborates in the entire formation of the physical-bodily being —when we observe how a child grows into sensory existence, when we contemplate these wondrous mysteries of the developing human being, how the initially indefinite facial features become more defined, how clumsy movements give way to more skillful ones, and so on. Here spiritual science shows us how the being emerging from the spiritual world takes hold of the substantial physical body, how it works upon it—shaping and forming it.
[ 13 ] Nun zerfällt dieses menschliche Leben tatsächlich in ein absteigendes und ein aufsteigendes Leben – und wieder in ein absteigendes. Und man kann sich ja leicht überzeugen, dass um das fünfunddreißigste Jahr herum, zwischen dem dreißigsten und dem fünfunddreißigsten Jahr, eine Art Mittelpunkt des menschlichen Erden lebens [sich] findet. Es ist bis zu diesem fünfunddreiRigsten Jahre tatsächlich ein immer weitergehendes, [sich] aus dem Geistig-Seelischen herausarbeitendes Menschenwesen, das heruntersteigt, um sich mit dem Leiblich-Körperhaften zu verbinden. Geisteswissenschaft steht — es dürfte ja hier schon wiederholt hervorgehoben worden sein — auf dem Boden der wiederholten Erdenleben. So können wir unter Umständen von unserem jetzigen Leben zurückblicken in frühere Erdenleben. Die Art, wie wir uns aus unserem Geistig-Seelischen heraus, mit dem wir hinuntersteigen zum Physisch-Körperhaften, unsere leibliche Organisation selber zubereiten, wie wir uns unser Schicksal gestalten – das ist alles mitbedingt durch dasjenige, was wir in früheren Leben uns erarbeitet haben, was wir in früheren Leben uns erworben haben. Die genauere geisteswissenschaftliche Untersuchung zeigt nun, dass wir während des ganzen aufsteigenden Lebens bis in die dreißiger Jahre hinein unmittelbar noch arbeiten an unserem physischen Körper, an der Zimmerung unseres Schicksals; wir erhalten Früchte, die wir aus dem Geistigen, das heißt auch, aus dem früheren Erdenleben, in dieses Leben mit hineintragen. Während wir nun unser physisches Erdendasein erleben, während wir uns mit der Außenwelt in Verbindung bringen und so unsere Seele vorwärtsführen, haben wir geistig-seelische Erlebnisse und Erfahrungen. Diese geistig-seelischen Erlebnisse und Erfahrungen bilden in uns eine Art geistigseelischen Wesenskern. Ungefähr nach dem dreißigsten Jahre – gegen das fünfunddreißigste Jahr zu – haben wir in einer gewissen Weise unser Leben, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, so arrangiert, dass wir in diesem Leben im Wesentlichen so drinnenstehen, wie es den geistigen Ursachen entspricht, die wir in dieses gegenwärtige Erdenleben mitbrachten.
[ 13 ] Now, this human life does indeed break down into a descending phase and an ascending phase—and then back into a descending phase. And one can easily see that around the thirty-fifth year—between the thirtieth and the thirty-fifth year—there is a kind of midpoint of human life on earth. Up until this thirty-fifth year, a human being is, in fact, an ever-expanding entity emerging from the spiritual-soul realm, descending to unite with the physical-bodily realm. Spiritual science—as has likely been emphasized repeatedly here—is grounded in the concept of repeated earthly lives. Thus, under certain circumstances, we can look back from our present life into earlier earthly lives. The way in which we prepare our physical constitution ourselves from within our spiritual and soul life—with which we descend into the physical and corporeal realm—and the way we shape our destiny—all of this is influenced by what we have worked out in previous lives, by what we have acquired in previous lives. A closer spiritual-scientific examination now shows that throughout our entire ascending life, well into our thirties, we are still directly working on our physical body, on the framework of our destiny; we reap the fruits that we carry into this life from the spiritual realm—that is, also from our previous earthly lives. As we now experience our physical earthly existence, as we connect with the outer world and thus advance our soul, we have spiritual-soul experiences. These spiritual-soul experiences form within us a kind of spiritual-soul core. Around the age of thirty—toward the age of thirty-five—we have, in a certain sense, arranged our lives—if I may use that expression—in such a way that, in this life, we essentially find ourselves in a situation that corresponds to the spiritual causes we brought with us into this present earthly life.
[ 14 ] Von dieser Lebensmitte an, von einer Zeit, die zwischen dem dreißigsten und dem fünfunddreißigsten Jahr liegt, wird unser geistig-seelischer Kern – das heißt dasjenige, was wir in unserem gegenwärtigen Leben erarbeiten – so, dass er dann für den Rest unseres Lebens in uns lebt, wie die Kräfte des neuen Pflanzenkeimes in der Pflanze leben, wie sie in ihr leben, auch wenn die Blätter welk werden und abfallen, und wie diese Kräfte des neuen Pflanzenkeimes die Pflanze überleben, um das Ende der Pflanze mit dem Anfang eines neuen Pflanzenkeimes zu verbinden. So leben wir während unseres ganzen Lebens, aber so, dass von unserem dreißigsten bis fünfunddreiRigsten Jahre an die geistig-seelischen Kräfte die Vorherrschaft ausüben – die geistig-seelischen Kräfte, die wir uns in unserem Leben erarbeiteten. Auch dann, wenn unser Sinnesleben in der zweiten Hälfte abwärtsgeht, wenn unsere Haare erbleichen, wenn die Haut sich runzelt, wenn dieses äußere Leben sich vergleichen lässt mit einem hinwelkenden Pflanzenleben, dann wird immer stärker und stärker, immer kräftiger und kräftiger dasjenige, was sich gewissermaßen bei der Geburt vorbereitete, was sich aber während der ersten dreißig Jahre des menschlichen Lebens wie eingeschlossen, verborgen hielt; was wir mitgebracht haben von unserem früheren Dasein, das wird immer kräftiger und kräftiger und geht durch die Pforte des Todes hindurch, lässt den irdischen Leib von sich fallen, gleich wie die Pflanze die Blätter fallen lässt, geht in die geistige Welt über, um sich auf ein neues Dasein vorzubereiten. Dadurch haben wir auf einen wichtigen Lebenspunkt hingewiesen; [wir haben darauf hingewiesen, ] wie wir von den frischen Lebenskräften der Jugend – die von den vorgeburtlichen Leben kommenden geistig-seelischen Kräfte – gewissermaßen zu denken haben, [wir haben darauf hingewiesen,] wo diese sozusagen an ihrem Wendepunkte stehen, wo die äußeren physischen Kräfte zu welken beginnen und wir auf der Erde ein Leben führen, pflegend den neuen, den geistig-seelischen Keim, der durch die Pforte des Todes schreitet, um in die geistige Welt einzudringen und [verhältnismäßig] bald wieder zu einem neuen Erdenmenschen zu werden.
[ 14 ] From this midpoint in life onward—a period between the ages of thirty and thirty-five—our spiritual-soul core —that is, what we develop in our present life—in such a way that it then lives within us for the rest of our lives, just as the forces of the new plant seed live within the plant, just as they live within it even when the leaves wither and fall off, and just as these forces of the new plant seed outlive the plant to link the plant’s end with the beginning of a new plant seed. Thus we live throughout our entire life, but in such a way that from our thirtieth to our thirty-fifth year, the spiritual-soul forces take the lead—the spiritual-soul forces that we have developed in our lives. Even then, when our sensory life begins to decline in the second half of life, when our hair turns gray, when the skin wrinkles, when this outer life can be compared to a withering plant, what was, so to speak, prepared at birth—but remained enclosed and hidden during the first thirty years of human life—becomes ever stronger and stronger, ever more powerful and powerful; what we have brought with us from our previous existence becomes ever stronger and stronger and passes through the gate of death, shedding the earthly body just as a plant sheds its leaves, and passes into the spiritual world to prepare for a new existence. In this way, we have pointed to an important aspect of life; [we have pointed out] how we are to regard, in a sense, the fresh life forces of youth—the spiritual-soul forces originating from prenatal lives—[we have pointed out] where these forces, so to speak, stand at a turning point—where the outer physical forces begin to wither and we lead a life on Earth, nurturing the new spiritual-soul seed that passes through the gate of death to enter the spiritual world and [relatively] soon become a new earthly human being again.
[ 15 ] Wenn wir nun das menschliche Leben überblicken, dann können wir – in einem höheren Sinne, als das sonst geschehen könnte – die Frage aufwerfen: Womit lässt sich denn unser gegenwärtiges Zeitalter vergleichen? In der Entwicklung der Menschheit stehen wir dem menschlichen Leben so gegenüber, dass wir unsere jetzige Epoche vergleichen können mit den dreißiger oder fünfunddreiRiger Jahren des Menschenlebens oder mit den Jahren, die etwas darüber liegen. Sie können ja das Genauere in der geisteswissenschaftlichen Literatur finden; ich müsste viele Vorträge halten, wenn ich das voll belegen wollte, was ich jetzt ausgesprochen habe. Wenn man unser gegenwärtiges Leben ansieht – dasjenige Leben, das um uns herum in der Kultur in allen menschlichen Verrichtungen ist —, dann erblickt man geisteswissenschaftlich, sachlich betrachtet, dass sich in der Tat dieses Leben in der Außenwelt nur vergleichen lässt mit jenem Teil des Menschenlebens, der etwas über dem dreißigsten bis fünfunddreißigsten Lebensjahr liegt. Die Menschheitsentwicklung auf der Erde ist also bereits eingetreten in ein Lebensalter, das über der Lebensmitte liegt.
[ 15 ] When we now take a broad view of human life, we can—in a higher sense than would otherwise be possible—raise the question: To what can our present age be compared? In the course of human development, we view human life in such a way that we can compare our present epoch to the thirties or early thirties of a person’s life, or to the years slightly beyond that. You can, of course, find more precise details in the literature on spiritual science; I would have to give many lectures if I were to fully substantiate what I have just said. When one looks at our present life—the life that surrounds us in culture and in all human activities—one sees, from a spiritual scientific and objective perspective, that this life in the outer world can indeed only be compared to that part of human life that lies slightly beyond the ages of thirty to thirty-five. Human development on Earth has thus already entered a stage of life that lies beyond middle age.
[ 16 ] Man braucht nur einmal sein Augenmerk darauf zu richten, braucht von diesem Gesichtspunkt aus nur zu vergleichen, was die Menschheit [in der heutigen Kultur] mit ihren bewunderungswürdigen Errungenschaften erlebt, mit dem, was in der ägyptisch-chaldäischen oder griechisch-römischen Kultur erlebt worden ist. Ich will nur Oberflächliches anführen, will darauf hinweisen, dass gerade jene bewunderungswürdigen Errungenschaften der Technik und Industrie die Konsequenzen der Naturwissenschaft sind; und gerade dieses zeigt, dass der Mensch bereits in einem Zeitalter lebt, das sich losgelöst hat von seinem äußeren Leben und von dem, was unmittelbar mit seiner Leiblichkeit zusammenhängt. Die ägyptische und griechische Kultur stellte den Menschen so in die Welt hinein, wie gleichsam das Kind oder der jugendliche Mensch in die Welt hineingestellt ist, in dem alle Verrichtungen noch unmittelbar abhängig sind von dem, was mit dem Menschen und seiner Leiblichkeit zusammenhängt. Ein aufsteigendes Leben ist das, was wir am einzelnen Menschen in der Kindheit beobachten; ein Leben hingegen, losgelöst vom Menschen, verrichtet gleichsam in der Objektivität, alles maschinenhaft, wie mechanisch losgelöst – das ist unser gegenwärtiges Leben!
[ 16 ] One need only turn one’s attention to this, need only compare—from this perspective—what humanity [in today’s culture] is experiencing with its admirable achievements to what was experienced in Egyptian-Chaldean or Greco-Roman culture. I wish only to cite superficial examples; I wish to point out that precisely those admirable achievements in technology and industry are the consequences of the natural sciences; and this very fact shows that human beings are already living in an age that has become detached from their outer life and from what is directly connected to their physicality. Egyptian and Greek culture placed human beings in the world in much the same way that a child or a young person is placed in the world, in which all activities are still directly dependent on what is connected to the human being and his physicality. An ascending life is what we observe in the individual human being during childhood; a life, on the other hand, detached from the human being, carried out, as it were, in objectivity—everything mechanical, mechanically detached—that is our present life!
[ 17 ] Man könnte das für alle Lebensgebiete, für die Kunst, Wissenschaft, Philosophie wie auch für das religiöse Leben belegen. Es zeigt, was ich gerade eben nur äußerlich andeuten konnte, mit voller Gewissheit: Wir stehen heute in der Gesamtmenschheitsentwicklung auf einem Punkte, der über die Lebensmitte des Menschengeschlechtes hinausgeht. Man könnte es insbesondere nachweisen an der Art, wie man heute Pädagogik rational begründen muss — ganz anders als in alten Zeiten, weil die Kinder heute heranwachsen in einer Menschheit, die die Pädagogik eben künstlich ausarbeiten muss, loslösen muss von dem, was unmittelbare Impulse sind. Man vergleiche damit alle Pädagogik jener Lebensalter der Menschheit, die sozusagen vor der Lebensmitte stehen, und man wird finden, dass da alle Pädagogik wie aus einer unmittelbaren menschlichen Intuition, aus unmittelbaren menschlichen Instinkten hervorgehen will. Gerade wenn man die rationale Entwicklung des zu erziehenden Wesens beobachten will, wird man das äußerlich voll bestätigt finden, was ich aus der Geisteswissenschaft heraus zu sagen habe. Was sie uns aber zeigt, das ist, dass wir gegenwärtig in dem Zeitalter drinnen stehen, das in der Reife liegt, über die Lebensmitte hinausgeht.
[ 17 ] One could demonstrate this for all areas of life—for art, science, philosophy, as well as for religious life. It confirms with complete certainty what I was just able to hint at only superficially: Today, in the overall development of humanity, we stand at a point that goes beyond the midpoint of the human race. One could demonstrate this in particular by the way in which pedagogy must today be rationally justified—quite differently than in times past, because children today are growing up in a world where pedagogy must be artificially elaborated, detached from what are immediate impulses. Compare this with all pedagogy from those stages of human development that, so to speak, lie before the midpoint of human existence, and you will find that there, all pedagogy seeks to arise from immediate human intuition and immediate human instincts. Precisely when one seeks to observe the rational development of the being being educated, one will find full external confirmation of what I have to say from the perspective of spiritual science. What spiritual science shows us, however, is that we are currently in the age of maturity, which extends beyond the middle of life.
[ 18 ] Der Geistesforscher betrachtet nun diese gesamte menschliche Entwicklung. Er lässt sie so, wie ich es ja ungefähr charakterisiert habe, an sich vorüberziehen und geht dabei ganz objektiv vor. Diese Entwicklung zeigt sich ihm, indem er den Blick hinwendet auf das geschichtliche Werden der alten indischen, der alten persischen und der ägyptischen Zeit. Hier zeigt sich, dass man es zu tun hat mit einer Entwicklung, die nach einem Gesichtspunkte hinläuft, nach dem Punkte, der tatsächlich in das griechisch-römische Zeitalter hineinfällt. Da durchläuft die ganze Menschheit den Punkt, auf dem der Mensch sich zwischen dem dreißigsten und fünfunddreiRigsten Lebensjahr befindet.
[ 18 ] The spiritual researcher now considers this entire course of human development. He allows it to unfold before him, as I have roughly characterized it, and proceeds entirely objectively. This development reveals itself to him as he turns his gaze to the historical evolution of the ancient Indian, ancient Persian, and Egyptian periods. Here it becomes apparent that we are dealing with a development that moves toward a certain point—a point that actually falls within the Greco-Roman era. At that point, all of humanity passes through the stage in which a person is between the ages of thirty and thirty-five.
[ 19 ] Während wir nun aber in unserem Leben — dadurch, dass unser Körper einen Überschuss an Lebenskraft hat diesen Überschuss an Lebenskraft dazu verwenden, den Abstieg unseres einzelnen Lebens sozusagen [auszugleichen], über das fünfunddreißigste Jahr hinaus fortzuleben, indem wir den geistig-seelischen Keim pflegen, bis wir durch die Pforte des Todes schreiten, verläuft das gesamtmenschheitliche Leben anders. Da brauchte die Entwicklung, als die Jugendkräfte der Menschheit erschöpft waren, gleichsam einen neuen Einschlag. Da bedurfte sie einer Kraft, welche nun nicht mehr innerhalb der Menschheit selber lag – eines Einschlages, den wir durch eine bloße Betrachtung des menschlichen und geschichtlichen Werdens finden, eines Einschlages, den wir feststellen könnten, auch wenn wir nichts wüssten von einem Evangelium, von irgendeiner christlichen Überlieferung! Nehmen wir hypothetisch an, wir wüssten gar nichts von irgendeiner christlichen Entwicklung und würden die Menschheitsgeschichte so betrachten, dass wir absehen von allem Christlichen: Trotzdem würden wir finden, dass in diesem Zeitraum, in der griechisch-römischen Epoche, ein Wendepunkt liegt für die gesamte irdische Menschheitsentwicklung – soweit wir sie überschauen können. Wir würden finden, dass, nachdem die vorhandenen Kräfte dieser Menschheitsentwicklung versiegt waren, etwas eingetreten ist, das man benennen kann als neuen Einschlag; wir würden etwas hineinfließen sehen in diese Menschheitsentwicklung, was vorher nicht da war.
[ 19 ] But while we are now living our lives — because our bodies possess a surplus of life force—we use this surplus to, so to speak, [compensate for] the decline of our individual lives, living beyond the age of thirty-five by nurturing the spiritual-soul seed until we pass through the gate of death—the life of humanity as a whole unfolds differently. There, when the youthful forces of humanity were exhausted, development needed, as it were, a new impetus. It required a force that no longer lay within humanity itself—a turning point that we can discern simply by observing human and historical development, a turning point that we could identify even if we knew nothing of the Gospel or of any Christian tradition! Let us hypothetically assume that we knew absolutely nothing about any Christian development and were to view human history in such a way that we set aside everything Christian: Nevertheless, we would find that during this period, the Greco-Roman era, there lies a turning point for the entire earthly development of humanity—as far as we can survey it. We would find that, after the existing forces of this human development had run dry, something occurred that can be described as a new impetus; we would see something flowing into this human development that had not been there before.
[ 20 ] Wenn wir nun genauer auf das eingehen wollen, was da hineingeflossen ist in die Menschheitsentwicklung, dann müssen wir einen Blick werfen auf die Mysterien der alten Zeit. Dieses Mysterienleben, das durch die heutige äußere Literatur schon einigermaßen bekannt geworden ist – Geheimnisse des Lebens, könnten wir auch sagen — gab es in allen alten Kulturen. Mysterien waren Verrichtungen an gewissen Stätten, die sozusagen Kirche und Hochschule zugleich waren; die Verrichtungen, die da vorgenommen wurden, waren Verrichtungen zum Zwecke der Erlangung einer gewissen Erkenntnis. Sie waren zugleich Kultverrichtungen, welche die menschliche Seele so entwickeln sollten, dass diese Seele in ein anderes Leben als das alltägliche hineinwachsen konnte. In der verschiedensten Art wurden diese Mysterien gepflegt bei den verschiedensten Völkerschaften und aus den verschiedensten Kulturen heraus. Das Gemeinsame an allen Mysterien war aber, dass die Leiter der einzelnen Mysterien diejenigen Menschenseelen, von denen sie glauben konnten, dass sie entwicklungsfähig für das betreffende [Mysten]leben seien, dass sie diese hineinzogen in die Mysterien. Man hatte aber innerhalb dieser Mysterien eine andere Ansicht von menschlicher Erkenntnis, vom menschlichen Seelenleben, als man heute gewöhnlich hat – eben diejenige Anschauung, die von der Geisteswissenschaft in einer gewissen Weise wieder erneuert werden soll.
[ 20 ] If we now wish to examine more closely what has flowed into the development of humanity, we must take a look at the mysteries of ancient times. This life of mystery, which has already become somewhat known through contemporary literature—we might also call them the secrets of life—existed in all ancient cultures. Mysteries were rituals performed at specific sites that were, so to speak, both churches and universities; the rituals performed there were intended to attain a certain kind of knowledge. They were also cult rituals designed to develop the human soul in such a way that it could grow into a life beyond the everyday. These mysteries were practiced in a wide variety of ways among the most diverse peoples and within the most diverse cultures. What all mysteries had in common, however, was that the leaders of the individual mysteries drew into the mysteries those human souls whom they believed to be capable of developing for the respective [mystical] life. Within these mysteries, however, people held a different view of human knowledge and the life of the human soul than is commonly held today—precisely the view that spiritual science is intended to revive in a certain way.
[ 21 ] Man hatte die Anschauung, dass die Menschenseele, so wie sie im Alltagsleben ist, ganz gewiss Grenzen hat, dass sie nicht eindringen kann in diejenigen Regionen, wo sich die menschliche Seele zusammenknüpft mit den Quellen des Daseins selber. Man hatte die Ansicht, dass die menschliche Seele erst ein gewisses moralisches Gewissen, eine gewisse Erkenntnis [entwickeln], eine gewisse Vorbereitung durchmachen müsste, sodass sie sich durch die Anwendung gewisser Kräfte zu einem anderen Wesen machen könnte, um dann Erkenntniskräfte erreichen zu können, die über das alltägliche Leben hinausgehen — Erkenntniskräfte, durch die sie hineinschauen könnte in das, was über und hinter den sinnlichen Dingen liegt, was also in einer geistigen Welt ist.
[ 21 ] It was believed that the human soul, as it exists in everyday life, certainly has limitations, that it cannot penetrate those realms where the human soul connects with the very sources of existence itself. It was believed that the human soul must first [develop] a certain moral conscience, a certain insight, and undergo a certain preparation, so that by applying certain powers it could transform itself into a different being, in order to then attain powers of insight that go beyond everyday life — powers of cognition through which it could look into what lies above and beyond sensory things, that is, into a spiritual world.
[ 22 ] Wenn man mit dem geistigen Blick die verschiedenen Mysterien verfolgt, wie sie bei den einzelnen Völkern waren, so findet man, dass es im Wesentlichen zwei Arten von Mysterien gab. Die eine Art der Mysterien bestand darin, dass unter der Leitung der Führer dieser Mysterien die Schüler in Bezug auf ihr seelisches Leben in einer ganz bestimmten Weise entwickelt wurden. Sie wurden so entwickelt, dass sie in ihrem Schauen unabhängig wurden von der Leiblichkeit. Ihr geistig-seelisches Wesen wurde aus der Leiblichkeit herausgezogen. Aber es geschah in zweifacher Weise: Die eine Weise findet man bei den griechischen und ägyptischen Mysterien, die andere mehr bei den persischen und vorderasiatischen Mysterien.
[ 22 ] If one traces the various mysteries as they existed among different peoples with the spiritual eye, one finds that there were essentially two kinds of mysteries. One type of mystery involved the spiritual leaders guiding the initiates in a very specific way with regard to their soul life. They were developed in such a way that their perception became independent of the physical body. Their spiritual-soul nature was drawn out of the physical body. But this took place in two different ways: one way is found in the Greek and Egyptian mysteries, the other more so in the Persian and Near Eastern mysteries.
[ 23 ] Bei den ägyptischen und griechischen Mysterien war die Sache so, dass die Schüler daran gewöhnt wurden, alle Blicke von der Außenwelt abzulenken und alle Wahrnehmungen nach innen zu kehren. Sie lernten, in einen Zustand zu kommen, der sonst beim Menschen nur – man kann sagen, unwillkürlich – eintritt, wenn der Mensch in den Schlaf versetzt wird, wo die äußeren Sinneseindrücke aufhören, wo die Welt ihre Impulse mehr von innen auf den Menschen wirken lässt. So wurde die Seele eines solchen Mysterienschülers ganz in sich selbst hineingeführt, wodurch sein inneres Leben verstärkt wurde. Eine solche Seele lebte ein innerliches, intensives Leben, wie es der Mensch im Wachzustande nie erleben kann, wenn er den äußeren Sinneseindrücken hingegeben ist. Eine solche Seele erlebt sich innerlich in einem viel intensiveren, stärkeren Leben. Und eine solche Seele kam dann, ab einem bestimmten Punkte ihres inneren Erlebens, dazu, von sich sagen zu können: Der Mensch ist etwas, wovon er erst erfährt, wenn er sich herausreißt von allem Sinnesleben, wenn er sich ganz stark in sich selber erlebt.
[ 23 ] In the Egyptian and Greek mysteries, the practice was to accustom the students to divert all their attention away from the outside world and turn all their perceptions inward. They learned to enter a state that otherwise occurs in human beings only—one might say, involuntarily—when a person is put to sleep, when external sensory impressions cease, and when the world allows its impulses to act upon the person more from within. In this way, the soul of such a mystery student was led entirely into itself, thereby strengthening his inner life. Such a soul lived an inner, intense life of a kind that a human being can never experience in the waking state when he is given over to external sensory impressions. Such a soul experiences itself inwardly in a much more intense, powerful life. And such a soul then came, at a certain point in its inner experience, to be able to say of itself: A human being is something one only comes to know when one tears oneself away from all sensory life, when one experiences oneself very strongly within oneself.
[ 24 ] Dann kam immer eine ganz bestimmte, eigenartige Stimmung über den Schüler – es war ja eine Erfahrungssache, zu dieser [besonderen] Stimmung zu kommen –, aber die Schüler kamen eben zu dieser Stimmung. Diese bestand darin, dass der Schüler aus seinem inneren Leben heraus, aus dem, was er im verstärkten Seelenleben wahrnahm, sich sagte: So wie ich im gewöhnlichen Menschenleben bin, war ich [bisher], um mit der äußeren Sinneswelt zusammenzuleben; so bin ich aber nicht in meiner vollen Menschennatur, in dem, was ich eigentlich als Mensch sein sollte. Dies erreiche ich in der Welt nur, indem ich mich in mir selber stärke, mich in mir selber erfühle, erlebe. – Dadurch kam der Schüler zur selbstverständlichen Erkenntnis, dass der Mensch in seinem Innern einen geistig-seelischen Kern trägt, den er in seinem äußerlich-leiblichen Leben nicht ausleben kann, dass der Mensch zu höheren Seeleneigenschaften kommen kann als im äußeren Leben. Der Mensch fühlte sich, wenn er sich so in einem höheren Sinne innerlich als Mensch erlebte, der Gottheit näher – der Gottheit, in der sein Urquell ist. Er fühlte sich dem Punkte näher, wo sich das menschliche Seelenleben unmittelbar angliedert an den Urquell des Daseins, des Lebens. Er fühlte sich in seiner göttlichen Heimat. Er fühlte sich geboren aus dem göttlichen Weltengrunde; er erlebte sich im Zusammensein mit seinem Gotte, mit seinem Ursprung. Dies war der Weg, den die einzelne Seele durchmachte.
[ 24 ] Then a very specific, peculiar mood would always come over the student—it was, after all, a matter of experience to arrive at this [special] mood—but the students did indeed arrive at this mood. This mood consisted of the student saying to himself, drawing from his inner life—from what he perceived in his intensified soul life: “Just as I am in ordinary human life, that is how I have been [until now], in order to coexist with the outer sensory world; but that is not who I am in my full human nature, in what I am actually meant to be as a human being.” I can achieve this in the world only by strengthening myself within, by feeling and experiencing myself from within.”—Through this, the student came to the natural realization that human beings carry within themselves a spiritual-soul core that they cannot fully live out in their outward, physical life, and that human beings can attain higher qualities of the soul than those found in outward life. When a person experienced himself inwardly as a human being in this higher sense, he felt closer to the Divinity—the Divinity in which his primal source lies. They felt closer to the point where human soul life is directly connected to the primordial source of existence and life. They felt at home in their divine homeland. They felt born from the divine foundation of the world; they experienced themselves in communion with their God, with their origin. This was the path that the individual soul traveled.
[ 25 ] Er wurde aber erkauft – das muss ausgesprochen werden, denn nur wenn es ausgesprochen wird, versteht man diesen eigentümlichen Erkenntniszweck der Menschheitsentwicklung vollständig —, dieser Weg wurde erkauft dadurch, dass sich in der Menschenseele der Egoismus vergrößerte, nicht verringerte! Und gerade deshalb legten die Führer der Mysterien einen so großen Wert auf eine gute, entsprechende Vorbereitung, denn sie wussten: Wenn ein Unvorbereiteter kommt, ein solcher, der nicht zur Selbstlosigkeit und zur menschlichen Liebe heranerzogen worden ist, bevor er seinen Geistesweg begonnen hat, der nicht eine gute Grundlage hat, dann vereinigt er sich durch das Mysterienwesen zwar mit seinem Gotte, aber er würde dies eben erkaufen müssen mit einem egoistischen, mit einem selbstsüchtig werdenden Wesen. Denn dadurch, dass man sich aus dem Miterleben der äußeren Welt zurückzieht und in sich selbst lebt, erlebt man das menschliche Selbst verstärkt; die Egoität, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, erlebt man verstärkt. Und so waren die Gottschauer dieser Mysterien, die dieses Gottschauen erlebten durch eine Verstärkung, eine Erkraftung ihres inneren Selbstes, nur befähigt, aufgrund eines guten inneren Kernes in einer guten moralischen Lebensweise zu bleiben trotz der Verstärkung ihres Egoismus. Das war die eine Art [der Mysterienschulung], und zwar jene, [durch] die [die Schüler] – ohne die Einweihung – ein höheres Schauen erreichten.
[ 25 ] But it was bought—this must be stated, for only when it is stated can one fully understand this peculiar purpose of human development—this path was bought by the fact that selfishness in the human soul increased, not decreased! And that is precisely why the leaders of the Mysteries placed such great importance on proper, appropriate preparation, for they knew: If an unprepared person comes—one who has not been brought up in selflessness and human love before embarking on the spiritual path, one who lacks a solid foundation—then, through the nature of the mysteries, he does indeed unite with his God, but he would have to pay for this with a self-centered, increasingly selfish nature. For by withdrawing from participation in the outer world and living within oneself, one experiences the human self more intensely; one experiences egoism—if I may use the term—more intensely. And so the visionaries of these mysteries, who experienced this vision of God through a strengthening and invigoration of their inner self, were only able—thanks to a sound inner core—to maintain a good moral way of life despite the intensification of their egoism. That was one form [of mystery training], namely the one [through] which [the students]—without initiation—attained a higher vision.
[ 26 ] Bei der anderen Art der Mysterien gab es zum Beispiel eine besonders Ausgeprägte in den alten Kulturen Vorder- und Mittelasiens, und zwar eine, durch die der Mensch in das Dasein eingeweiht wurde durch das Freiwerden vom inneren Erleben. Er musste alles Innerlich-Seelische, wie es im gewöhnlichen Leben eben da ist, unterdrücken. Er wurde gleichsam herausgeholt aus dem innerlich-seelischen Erleben, aus den Sorgen und Bekümmernissen, Trieben und Begierden; und das persönliche Dasein wurde zu einem solchen Erleben gebracht, dass er in intensivster Weise alles das miterlebte, was im Alltagsleben geschieht: die äußeren Naturereignisse. Man erlebte im Alltag Winter und Sommer. Der Schüler solcher Mysterien sollte nicht bloß in dem Sinne, wie man gewöhnlich Winter und Sommer erlebt, den Wechsel der Jahreszeiten durchwandeln; er sollte mit dem Kaltwerden der Erde, mit dem Ersterben der Blätter, der Pflanzenwelt und des gesamten Lebens im Winter das ganze Leben der Erde so miterleben, bis es sein ganzes körperliches Leben mitmachte. Er soll sich als Glied des gesamten Erdorganismus fühlen; er sollte in seinem Innern, in seiner Seele, die Traurigkeit und die Öde des Frostes mitmachen, er sollte sich als ein Glied des Erdendaseins fühlen. Er sollte jauchzen, wenn die Johanniszeit kam und die Sonne am höchsten stand; er sollte das aufgehende frische Leben so fühlen, dass er ihm entgegenjauchzte, gleichsam das ganze Aufwachen des Lebens erlebend. Und dann, wenn die Sonne am höchsten stand, wurde die Seele zum Miterleben des ganzen Kosmos gebracht. Dadurch erlebten diese Menschen den Kosmos ganz anders, als wir ihn in unserer [heutigen] Naturbetrachtung erleben. Sie erhoben sich zu dem Geistig-Seelischen, das über unserem Kosmos ausgegossen ist, und fühlten sich in der Seele des Weltalls.
[ 26 ] Among the other types of mysteries, for example, there was one that was particularly pronounced in the ancient cultures of the Near and Middle East—namely, one through which a person was initiated into existence by freeing themselves from inner experience. One had to suppress everything inner and soulful, just as it exists in ordinary life. They were, as it were, drawn out of their inner, soul-life experiences—out of worries and sorrows, drives and desires—and their personal existence was transformed into an experience in which they intensely shared in everything that happens in everyday life: the external phenomena of nature. They experienced winter and summer in everyday life. The student of such mysteries was not merely to pass through the changing seasons in the same way one usually experiences winter and summer; he was to experience the entire life of the Earth—as the Earth grew cold, as the leaves, the plant world, and all life withered away in winter—to the point where it permeated his entire physical being. He was to feel himself a part of the entire Earth organism; he should experience within himself, in his soul, the sadness and desolation of the frost; he should feel himself to be a part of earthly existence. He should rejoice when Midsummer came and the sun stood at its highest; he should feel the fresh life springing forth in such a way that he rejoiced at it, experiencing, as it were, the entire awakening of life. And then, when the sun was at its highest, the soul was led to share in the experience of the entire cosmos. Through this, these people experienced the cosmos quite differently than we do in our [modern] observation of nature. They rose to the spiritual-soul realm that is poured out over our cosmos and felt themselves within the soul of the universe.
[ 27 ] Wenn man diese Einweihung als ein Schüler durchgemacht hatte, dann kam man wiederum zu einem ganz bestimmten Erlebnis. Man kam gleichsam aus sich heraus, aber nicht im schlimmen, sondern im guten Sinne. Man kam zu einem Zustande des Außer-sich-Seins – man nennt es nicht gern ekstatischen Zustand, weil das Wort heute missbraucht wird und vielfach für etwas, was zu verpönen ist, verwendet wird. Man kam zu einer Anschauung über die Naturerscheinungen des ganzen Kosmos, kam zu einem Sich-eins-Fühlen mit dem Kosmos. Und dann kam das ganz bestimmte Erlebnis, das man etwa mit den folgenden Worten aussprechen kann. Der Schüler konnte sich sagen: Ich darf mit dem Kosmos leben, ich darf auf das intensivste erleben, was der Kosmos an geistig-seelischen Kräften in sich hat, und etwas wird mir da klar, nämlich dass der Kosmos angelegt ist, um zuletzt den Menschen hervorzubringen. Ich bin der Sohn des Kosmos! Und wäre der Mensch nicht im Kosmos, so wäre die Schöpfung nicht an ihr Ziel, nicht an ihr Ende gekommen. – Es ist etwas ganz anderes, dies mit abstrakten Worten zu sagen, was ich jetzt gesagt habe, als dies zu erleben, nachdem man die ganze Seele umgewandelt hat, nachdem man so weit gekommen ist, sich wirklich als ein Glied des Kosmos zu fühlen. Das verspürten die Schüler dieser Mysterien. Durch diese Steigerung des ganzen menschlichen Bewusstseins war es ganz unerlässlich, dass der Mensch unter diesem Erleben zu einem stolzen Bewusstseins kam. Stolz war jenes Zusammensein mit dem Göttlich-Geistigen dieser Welt, wie das andere Zusammensein, was man durch die Sinnenwelt zustande bekam, egoistisch war. Und da musste die moralische Entwicklung des Schülers so weit sein, dass er, der das Göttliche erleben sollte und dabei sah, dass alle Außenwelt nach dem Menschen hinzielte, nicht völligem Hochmut verfiel.
[ 27 ] Once one had undergone this initiation as a student, one would then arrive at a very specific experience. One would, as it were, step outside of oneself—not in a negative sense, but in a positive one. One entered a state of being outside oneself—one does not readily call it an ecstatic state, because the word is misused today and is often used to describe something that is frowned upon. One gained a vision of the natural phenomena of the entire cosmos and felt at one with the cosmos. And then came that very specific experience, which can be expressed, for example, with the following words. The student could say to himself: I am allowed to live with the cosmos; I am allowed to experience, with the utmost intensity, the spiritual and soul forces that the cosmos holds within itself; and something becomes clear to me there, namely that the cosmos is designed, ultimately, to bring forth the human being. I am the son of the cosmos! And if humanity were not in the cosmos, creation would not have reached its goal, would not have come to its end. — It is quite another thing to say what I have just said in abstract terms than to experience it after one’s entire soul has been transformed, after one has come so far as to truly feel oneself to be a part of the cosmos. The initiates of these mysteries sensed this. Through this elevation of the entire human consciousness, it was absolutely essential that, through this experience, the human being arrive at a sense of pride. Pride was that communion with the divine-spiritual aspect of this world, just as the other kind of communion—achieved through the sensory world—was egoistic. And the student’s moral development had to be such that he, who was to experience the divine and thereby saw that the entire external world was directed toward the human being, did not succumb to utter arrogance.
[ 28 ] Auf diese zweifache Art wurden alle Erkenntnisse erlangt, die im Altertum zu Erkenntnissen der Menschheit geworden sind. Was war damals notwendig? Notwendig war in diesen alten Zeiten, dass die Menschheit gleichsam frische Kräfte bekam, durch die sie zur aufsteigenden Entwicklung gebracht wurde — notwendig war es, weil sie bei ihrer Menschheitsgeburt auf der Erde dieses äußere Sinnesleben nicht so voll auslebte, wie auch das Kind nicht die volle Menschheit auslebt. Diese [damalige] Menschheit kam [erst] durch die Mysterien zur vollen Menschheit. Aus zwei Stücken setzt sich die gesamte alte Kultur zusammen: aus dem, was man erlebte, indem das Innenleben erkraftet wurde, oder aus dem, was man erlebte, indem man das ganze große Weltall in seinen grandiosen Zuständen erschaute und sich so sagen konnte: Das alles tendiert, zieht hin nach dem Menschen, nach dem, was ich als Geistig-Seelisches in mir habe. — Namentlich der letztere Mysterienschüler blickte so hinaus nach den Weltenweiten, dass er sagte: Da draußen in den Weltenweiten ist dasjenige, was über mich kommen muss, was in mich eindringen muss, wenn ich mich im vollsten Sinne des Wortes als Mensch erkennen soll. Ich lebe auf der Erde und kann nicht hinausblicken in die Weiten der Welt. Doch kommt aus den Weiten der Welt der Geist über mich, dann kann ich im vollsten Sinne des Wortes mich als Mensch betrachten.
[ 28 ] In these two ways, all the insights that became part of humanity’s knowledge in ancient times were attained. What was necessary back then? What was necessary in those ancient times was for humanity to receive, as it were, fresh forces through which it was led toward upward development—it was necessary because, at the time of its birth as a human race on Earth, it did not live out this outer sensory life to its fullest, just as a child does not live out the fullness of humanity. Humanity [at that time] attained full humanity [only] through the mysteries. The entire ancient culture is composed of two elements: that which was experienced by strengthening the inner life, and that which was experienced by beholding the entire vast universe in its magnificent states and thus being able to say: All of this tends toward, draws toward, the human being—toward what I possess within myself as the spiritual-soul aspect. — The latter type of mystery student, in particular, gazed out into the vastness of the universe in such a way that he said: Out there in the vastness of the universe is that which must come upon me, which must penetrate me, if I am to recognize myself as a human being in the fullest sense of the word. I live on Earth and cannot look out into the vastness of the world. Yet when the Spirit comes upon me from the vastness of the world, then I can regard myself as a human being in the fullest sense of the word.
[ 29 ] Da kam das Zeitalter, in dem die Jugendkräfte der Menschheit gewissermaßen versiegt waren, in dem das ganze Menschengeschlecht angekommen war auf derjenigen Stufe, in der der einzelne Mensch zwischen dem dreißigsten und fünfunddreißigsten Jahre steht. Nun müsste ich wiederum viele Vorträge halten, wenn ich das, was jetzt zu sagen ist, durch weitere Ausführungen belegen müsste. Zu jener Zeit, [als die Menschheit in] dieses Entwicklungsalter [eintrat], hatten die alten Mysterien für die Menschen ihren Sinn verloren, weil ja das, was eben angedeutet worden ist – die Mysterien –, einer jugendlichen Menschheit gegeben war. Jetzt trat dasjenige ein, was heute für den Menschensinn noch so schwer anzuerkennen ist. Was in den alten Mysterien in der Tat über den einzelnen Schüler kam und sich nur dann vollzog, wenn er aus dem gewöhnlichen, aus dem Alltagsleben heraustrat, wenn er seine Seele aus sich herausholte, [das trat nicht mehr ein]; es trat das ein, dass der Mensch, wenn er auch den Versuch weiter gemacht hätte, sich so aus sich herauszuholen, nicht mehr ein Geistig-Seelisches aus dem Kosmos hätte ankommen sehen. Die alten Schüler fühlten, wenn sie auf dem richtigen Punkt der Entwicklung waren: Was der Welt als geistig-seelisches Element zugrunde liegt, kommt über mich, dringt in mich ein. — Der Mysterienschüler, namentlich der persische und vorderasiatische, fühlte, wenn er in seinem nicht-gewöhnlichen menschlichen Zustande war, wie der Geist sich auf seine Seele niederließ, wie er vom Geist der Welt durchdrungen wurde. Solange Jugendkräfte in der Menschheit waren, war es so. Man kann nun nachweisen, dass während der griechisch-lateinischen Zeit dies eben für die menschliche Natur aufhörte und eine Zeit kam, wo man alle die alten Verrichtungen hätte machen können, ohne jedoch wie früher aus dem Weltall heraus inspiriert zu werden, wo die Inspiration nicht mehr eintrat, weil der Mensch nur mit der frischen, unverbrauchten Jugendkraft [der Menschheit] in seiner Seele die Fähigkeit hatte, sich in Mysterienart von den Welten inspirieren zu lassen.
[ 29 ] Then came the age in which humanity’s youthful vitality had, so to speak, dried up, in which the entire human race had reached that stage at which the individual stands between the ages of thirty and thirty-five. Now, I would have to give many lectures again if I were to substantiate what needs to be said here with further explanations. At that time, [when humanity entered] this stage of development, the ancient mysteries had lost their meaning for people, because what has just been alluded to—the mysteries—was intended for a youthful humanity. Now there came to pass what is still so difficult for the human mind to acknowledge today. What in the ancient mysteries did indeed come upon the individual student—and took place only when he stepped out of ordinary, everyday life, when he drew his soul out of himself—[no longer occurred]; what occurred was that even if a person had continued to attempt to draw his soul out of himself in this way, he would no longer have seen a spiritual-soul element coming to him from the cosmos. The ancient disciples felt, when they were at the right stage of development: What underlies the world as a spiritual-soul element comes upon me, penetrates into me. — The mystery student, particularly the Persian and Near Eastern ones, felt, when in his extraordinary human state, how the Spirit settled upon his soul, how he was permeated by the Spirit of the world. As long as youthful forces were present in humanity, it was so. It can now be demonstrated that during the Greco-Latin period this ceased to be the case for human nature, and a time came when one could have performed all the old rituals without, however, being inspired from the cosmos as before—a time when inspiration no longer occurred because human beings possessed in their souls only the fresh, unspent youthful vitality [of humanity] in his soul did he possess the ability to be inspired by the worlds in a mystical manner.
[ 30 ] Jetzt trat aber etwas anderes ein. Was in den einzelnen Menschen nicht mehr hineindringen konnte, wozu die einzelne menschliche Natur auch durch besondere Mysterienverrichtungen nicht mehr fähig war, das trat jetzt in besonderer Weise in die menschliche Entwicklung hinein. Ein Mensch musste da sein, der die beiden Mysterienwege unmittelbar miteinander verband. Und so sehen wir – geisteswissenschaftlich betrachtet, ganz abgesehen von allen Evangelien – den Christus Jesus in die Weltentwicklung hineintreten!
[ 30 ] But now something else came into play. What could no longer penetrate the individual human being—what individual human nature was no longer capable of, even through specific mystery rites—now entered human development in a special way. There had to be a human being who directly linked the two paths of the mysteries. And so we see—from the perspective of spiritual science, quite apart from all the Gospels—Christ Jesus entering into the course of world history!
[ 31 ] Man könnte nun Folgendes sagen: Nehmen wir an, es wäre möglich, dass irgendein Mensch gar nichts von einem Evangelium wüsste, dass man ihm vorenthalten hätte, in die christliche Kultur hineinzublicken; nehmen wir an, er träte heute hinein in die geistige Welt, nur durchdrungen von der Geisteswissenschaft, dann würde er dasselbe, was ich jetzt als Voraussetzung entwickelt habe, in sich entwickeln können. Er würde sich sagen müssen: Es trat einmal ein solcher Punkt in der Menschheitsentwicklung ein. Die Menschheitsentwicklung ist vorangegangen; die Menschen haben sich ein geistiges Wesen bewahrt. Und das konnte nur dadurch geschehen, dass in die Erdenentwicklung etwas hineingekommen ist, was früher nur der einzelne Mensch aufgenommen hatte. — Ich müsste allerdings viele Vorträge halten, um all das auszuführen. Wenn man alles zusammennimmt, was die Geisteswissenschaft bietet, so findet man eine Notwendigkeit, die sich in einem Lehrsatz kennzeichnen lässt: Notwendig war, dass in einem angedeuteten Entwicklungspunkt der Menschheitsentwicklung ein Wesen da war, welches das hereinnahm, was früher den Mysterienschülern hereinzunehmen möglich war, es hereinnahm durch die Kraft des Seeleninnern, durch die höchste Kraft des Seeleninnern. Mit anderen Worten: Es musste ein Mensch auftreten in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, welcher in seinem früheren Leben auf der Erde das aufgenommen hatte, was durch jene Mysterienentwicklung innerlich wirkt, innerlich die Seele bereit macht, um das Äußere, was die andere Mysterienart im Menschen gab, unmittelbar zu erfassen.
[ 31 ] One might say the following: Let us suppose it were possible for a person to know absolutely nothing about the Gospel, that he had been denied any insight into Christian culture; let us suppose he were to enter the spiritual world today, imbued solely with spiritual science—then he would be able to develop within himself the very thing I have just outlined as a prerequisite. He would have to say to himself: There was once such a point in human development. Human development has moved forward; human beings have preserved a spiritual being within themselves. And this could only have happened because something entered into the development of the Earth that previously only the individual human being had absorbed. — I would, of course, have to give many lectures to elaborate on all of this. When one takes into account everything that spiritual science has to offer, one finds a necessity that can be expressed in a single principle: It was necessary that, at a certain point in the development of humanity, there be a being who took in what had previously been possible only for the students of the mysteries to take in—and did so through the power of the soul’s innermost being, through the highest power of the soul’s innermost being. In other words: A human being had to appear in the historical development of humanity who, in a previous life on Earth, had absorbed that which works inwardly through that development of the mysteries—preparing the soul inwardly to immediately grasp the outer aspects provided by the other type of mystery in the human being.
[ 32 ] So steht der Christus Jesus vor der Geisteswissenschaft da als eine Wesenheit, die zugleich durch innerliche wie durch natürliche Anlagen jene Erkraftung der Seele hatte, welche in der einen Mysterienart erworben wurde, und die dadurch fähig wurde, das aufzunehmen, was in der anderen Mysterienart vom Kosmos an den Schüler herankam. So, [in dieser Art,] schauen wir in der Geisteswissenschaft den Christus Jesus an, das heißt, in der Geisteswissenschaft müssen wir davon sprechen, dass dasjenige, was der alte Mysterienschüler als seinen Zusammenhang mit der Gottheit suchte, in dem Christus Jesus als unmittelbare historische Tatsache zum Ausdruck gekommen ist. Wann kam das zum Ausdruck? Es kam zum Ausdruck in demjenigen Lebensalter, in dem im einzelnen Menschen diejenigen Kräfte verbraucht sind, die – wie wir gesehen haben – in der ganzen Menschheit in einem gewissen Zeitalter verbraucht waren. Als Jesus sein dreißigstes Jahr erlangt hatte, da stand er als Mensch genau in demjenigen Lebensalter, in dem zu seiner Zeit die Menschheitsentwicklung stand. Da nahm er das auf, was wir nun den Christus nennen, und dessen Aufnahme trat ein in dem Zeitpunkt, der durch die Evangelien charakterisiert wird als die Johannes-Taufe im Jordan. Da nahm Jesus den Christus in seine voll entwickelte Seele auf; er nahm das in seine innerlich erkraftete Seele auf, was der Geist des Kosmos ist. So steht an diesem Wendepunkt der Menschheitsentwicklung ein Mensch, der das Göttlich-Geistige in sich aufgenommen hat. Vor der Seele der Geisteswissenschaft steht dies so da, dass wir uns sagen können: Was in den alten Mysterien angestrebt wurde, das wurde historisches Ereignis!
[ 32 ] Thus, in spiritual science, Christ Jesus appears as a being who, through both inner and natural endowments, possessed that strengthening of the soul which was acquired in one form of the mysteries, and who thereby became capable of receiving what came to the initiate from the cosmos in the other form of the mysteries. Thus, [in this way,] we regard Christ Jesus in spiritual science; that is to say, in spiritual science we must speak of the fact that what the ancient mystery student sought as his connection with the Deity has found expression in Christ Jesus as an immediate historical fact. When did this come to expression? It came to expression at that stage of life in which, in the individual human being, those forces have been exhausted which—as we have seen—had been exhausted in all of humanity at a certain epoch. When Jesus had reached his thirtieth year, he stood as a human being precisely at that stage of life at which human development stood in his time. It was then that he received what we now call the Christ, and this reception took place at the moment characterized in the Gospels as John’s baptism in the Jordan. It was then that Jesus received the Christ into his fully developed soul; he received into his soul, now strengthened from within, what the Spirit of the Cosmos is. Thus, at this turning point in human development, there stands a human being who has received the divine-spiritual within himself. To the soul of spiritual science, this appears in such a way that we can say: What was aspired to in the ancient mysteries has become a historical event!
[ 33 ] Und nun blicken wir weiter auf dasjenige, was angedeutet wird in den Evangelien als der Tod und die Auferstehung, und wir haben geisteswissenschaftlich dasjenige Ereignis vor uns, das wir so bezeichnen, dass wir sagen: Von da ab ist etwas in der irdischen Menschheitsentwicklung vorhanden, was früher nicht da war. Das ist etwas, was für die [Menschen der] Gegenwart recht schwer zu begreifen sein wird. Während der ganzen alten Zeit war die Berührung des Menschlichen mit dem Göttlichen in Wahrheit nur in den Mysterien möglich. Das andere waren Glaubensdinge, die aus den Mysterien herausgetragen wurden. In dem Ereignis, von dem wir jetzt sprechen — dem [fruchtbarsten] Punkt der Menschheitsentwicklung –, hat die Berührung des den Kosmos durchdringenden Geistigen mit einem Menschen so stattgefunden, dass [durch] die Ereignisse von dem Tode bis zu dem, was wir Auferstehung nennen, sowie [durch] das, was der Christus während der drei Jahre seines Wirkens durchgemacht hat, [die Entwicklung] so weit war, dass diese Kraft dann von dem Mysterium von Golgatha ausgegangen ist, ausgeflossen ist; während sie also früher sozusagen im außerirdischen Kosmos war, ist sie seit jenem Zeitpunkt im irdischen Teil des Kosmos mitenthalten.
[ 33 ] And now let us turn our attention to what is alluded to in the Gospels as the death and resurrection; from a spiritual scientific perspective, we are faced with an event that we describe by saying: From that point on, something has been present in the earthly development of humanity that was not there before. This is something that will be quite difficult for [people of] the present day to grasp. Throughout all of ancient times, contact between the human and the divine was, in truth, possible only within the mysteries. Everything else consisted of matters of faith that were derived from the mysteries. In the event of which we are now speaking—the [most fruitful] point in human development—the encounter between the spiritual that pervades the cosmos and a human being took place in such a way that [through] the events from death to what we call the Resurrection, as well as [through] what Christ underwent during the three years of his ministry, [the development] had progressed to such an extent that this force then emanated, flowed forth, from the Mystery of Golgotha; whereas it had previously been, so to speak, in the extra-terrestrial cosmos, it has been contained within the earthly part of the cosmos ever since that time.
[ 34 ] In den vorherigen Zeiten musste zu einer außerordentlichen Entwicklung Zuflucht genommen werden, [zu zwei Arten von Mysterien]. Unterirdisch nannte man die eine Mysterienart, wo der Mensch sich innerlich erkraftete zu etwas, was innerhalb der normalen Entwicklung nicht erlangt wurde; übermenschlich nannte man die andere Mysterienart, wo der Mensch, wenn er den Geist des Kosmos aufnahm, den Geist des Kosmos miterlebte, wie es beschrieben worden ist. Es musste der Mensch aus diesen alten Mysterien herausgehen, erst dann konnte er den Zusammenschluss mit dem Göttlichen erlangen. Durch das Mysterium von Golgatha hat sich etwas vollzogen, das eine geistige Urtatsache ist, denn von ihr geht das aus, was vorher nicht innerhalb der menschlichen Erdentwicklung vorhanden war. Vorher lebten die Menschen in einer Erdensphäre, die außerhalb dessen war, was man eben bei der Inspiration in den Mysterien aus dem Kosmos hereinholte. Das war jetzt übergegangen in einen einzelnen Menschen durch das Ereignis, das man die Johannes-Taufe im Jordan nennt, und es war ausgeflossen von diesem einzelnen Menschen in die Erdenatmosphäre, sodass jede Menschenseele, die in diese hineingetaucht ist, indem sie die geistig-seelische Verbindung damit sucht, teilhat an dem, was darauf folgt: die Auferstehung.
[ 34 ] In earlier times, it was necessary to resort to an extraordinary form of development, [namely, two types of mysteries]. One type of mystery was called “subterranean,” in which a person drew inner strength to achieve something that could not be attained through normal development; the other type of mystery was called “superhuman,” in which a person, upon receiving the spirit of the cosmos, experienced the spirit of the cosmos firsthand, as has been described. A person had to emerge from these ancient mysteries; only then could they attain union with the Divine. Through the Mystery of Golgotha, something took place that is a fundamental spiritual fact, for from it springs what was not previously present within human development on Earth. Before that, people lived in an earthly sphere that lay outside of what was brought in from the cosmos through inspiration in the Mysteries. This had now passed into a single human being through the event known as the Baptism of John in the Jordan, and it had flowed out from this single human being into the Earth’s atmosphere, so that every human soul that has immersed itself in it—by seeking a spiritual-soul connection with it—partakes in what follows: the Resurrection.
[ 35 ] Dadurch lebt der Mensch seit dem Mysterium von Golgatha in einer geistigen Umwelt, von der wir sagen können: Diese geistige Umwelt ist «verchristet», weil sie den Christus-Impuls in sich aufgenommen hat. – Nachdem wir in das Zeitalter der absteigenden Menschheitsentwicklung eingetreten sind, können wir unsere Beziehung, unser Verhältnis zu dem Christus [nur] herstellen, wenn wir uns in der Seele aufraffen, über die absterbenden Kräfte in uns selber hinauszuwachsen. Im alten Sinne finden wir das Geistige des Menschenursprungs nicht [mehr]. Im neuen Sinne gelingt es uns, wenn wir den Zugang zum Christus suchen und ihn innerhalb der geistigen Erdenatmosphäre finden. Daher zeigt sich gerade für den Geistesforscher dieses Christus-Ereignis in einer ganz eigenartigen Weise, und es ist vielleicht interessant, gerade das hier anzuführen, was der Geistesforscher selber mit dem Christus erlebt, damit die ganze, volle Bedeutung des Christus-Impulses für die Menschheitsentwicklung sich auch daraus einigermaßen ersehen lässt.
[ 35 ] As a result, ever since the Mystery of Golgotha, human beings have been living in a spiritual environment about which we can say: This spiritual environment is “Christianized” because it has absorbed the Christ impulse. – Now that we have entered the age of humanity’s descending evolution, we can establish our relationship with the Christ [only] if we summon the strength within our souls to rise above the dying forces within ourselves. In the old sense, we no longer find the spiritual essence of humanity’s origins. In the new sense, we succeed when we seek access to the Christ and find Him within the spiritual atmosphere of the Earth. Therefore, this Christ event reveals itself in a very peculiar way, especially to the spiritual researcher, and it may be interesting to mention here precisely what the spiritual researcher himself experiences with the Christ, so that the full significance of the Christ impulse for human development may also be discerned to some extent from this.
[ 36 ] Wenn der Geistesforscher das in sich durchmacht, wovon ich gesagt habe, dass es ein Vorgang der Seele ist, also dass die Seele sich in eine geistige Welt hineinlebt und das geistig erlebt, was sie sonst sinnlich-physisch erlebt, so erlebt sie im Geiste eben eine Summe von geistigen Wesenheiten. Aber sie erlebt diese Vorgänge auf eigenartige Weise, je nachdem, ob sie noch im physischen Leib, während des gewöhnlichen physischen Daseins, den Christus, den Christus-Impuls, in sich erlebt und erfühlt hat oder dies nicht getan hat. Man kann auch heute ein Geistesforscher sein, ohne irgendeinen inneren, geistigen Zusammenhang mit dem Christus-Impuls zu haben. Man kann eine seelische Entwicklung durchmachen, man kann geistig schauen lernen, und man wird vieles, was Weltengeheimnisse sind, was der Welt zugrunde liegende Mysterien sind, durch geistig-seelisches Schauen erkunden, aber man wird nichts erkennen können von dem Christus-Impuls und seiner Wesenheit! Hat man noch im physischen Leib vor dem geistigen Schauen eine Gemütsbeziehung zu der Christuswesenheit hergestellt, dann bringt man diese in die geistige Welt hinein; man behält das, was man als Christus-Erlebnis hier im physischen Leibe erlangt hat, auch für die geistige Welt wie eine Erinnerung. Und man durchschaut dann, dass man in diesem physischen Leib, von dem man ja in der geistigen Schau getrennt ist, schon einen Zusammenhang mit der geistigen Welt haben konnte: Dieser Geisteszusammenhang ist der Zusammenhang mit der Christuswesenheit. Man schaut, dass der heutige Mensch seinen Zusammenhang mit der Geisteswelt verlieren müsste, wenn er ihn nicht suchen wollte auf dem Umweg durch die Christuswesenheit. Gerade als Geistesforscher lernt man erkennen, wie unendlich notwendig es seit dem Mysterium von Golgatha ist – um in sich den Zusammenhang mit dem geistigen Innenleben aufrechtzuerhalten –, diesen Zusammenhang zu suchen in der Beziehung der Menschenseele zu dem Christus-Impuls. So erscheint der Christus-Impuls als dasjenige, was der Menschheit gegeben ist als Geistiges in einer Zeit, in der die alten Erbstücke, die in der Menschheitsentwicklung in der vorchristlichen Zeit vorhanden waren, nun nicht mehr vorhanden sind. Was der Mensch erlebt nach dem dreiRigsten bis fünfunddreißigsten Jahre, erlebte die ganze Menschheit seit dem Beginn unserer Zeitrechnung. Unsere Innenkultur in dem gesamten äußeren Leben ist ja das, was die Seele während des Alltags erlebt. Die Menschheitsentwicklung hat aber keinen Leib wie der einzelne Mensch. Verloren hätte die Menschheitsentwicklung ihren Zusammenhang mit der göttlichen Geistigkeit, der vorher durch die jugendfrischen Kräfte noch vorhanden war, wenn nicht ein außerordentliches Wesen – ein Wesen, das aus dem Kosmos auf die Erde heruntergestiegen ist — sich in die Erdenmenschheitsentwicklung ausgegossen hätte und der Mensch dadurch seinen Zusammenhang mit der Geisteswelt wieder finden kann.
[ 36 ] When the spiritual researcher undergoes within himself what I have described as a process of the soul—that is, when the soul immerses itself in a spiritual world and experiences spiritually what it would otherwise experience through the senses and the physical body—it experiences in the spirit a multitude of spiritual beings. But it experiences these processes in a unique way, depending on whether, while still in the physical body—during ordinary physical existence—it has experienced and felt the Christ, the Christ impulse, within itself, or has not. Even today, one can be a spiritual researcher without having any inner, spiritual connection to the Christ impulse. One can undergo a spiritual development, one can learn to see spiritually, and one will explore much of what constitutes the secrets of the worlds—the mysteries underlying the world—through spiritual-soul vision; yet one will be unable to perceive anything of the Christ impulse and its essence! If, while still in the physical body and before developing spiritual vision, one has established an emotional connection to the Christ Being, then one carries this connection into the spiritual world; one retains what one has attained as a Christ experience here in the physical body as a kind of memory for the spiritual world as well. And one then realizes that even in this physical body—from which one is, after all, separated in spiritual vision—one was already able to have a connection with the spiritual world: this spiritual connection is the connection with the Christ Being. One sees that modern humanity would have to lose its connection to the spiritual world if it did not seek it by way of the Christ Being. Precisely as a spiritual researcher, one learns to recognize how infinitely necessary it has been since the Mystery of Golgotha—in order to maintain within oneself the connection to the inner spiritual life—to seek this connection in the relationship of the human soul to the Christ Impulse. Thus, the Christ impulse appears as that which has been given to humanity as a spiritual reality at a time when the ancient legacies that existed in human development during the pre-Christian era are no longer present. What a person experiences between the ages of thirty and thirty-five is what all of humanity has experienced since the beginning of our calendar. Our inner culture within our entire outer life is, after all, what the soul experiences in everyday life. Human development, however, does not have a body like the individual human being. Human development would have lost its connection to the divine spirituality—which had previously been maintained by the fresh, youthful forces—had not an extraordinary being—a being who descended from the cosmos to Earth—poured itself into the development of humanity on Earth, thereby enabling human beings to rediscover their connection to the spiritual world.
[ 37 ] Nun, ich weiß, dass diese Dinge in den obersten Kreisen heute noch wenig beliebt sind und es vielleicht weniger sein können als die allgemeinen Prinzipien und die allgemeinen Gesetze der Geisteswissenschaft. Ich weiß auch, dass ich in einem kurzen Vortrag nicht mehr geben kann als diese paar Anregungen, denn in Bezug auf ein so wichtiges Thema kann ich selbstverständlich nicht eine Überzeugung hervorrufen, sondern es kann nur eine Anregung gegeben werden über die Richtung der Geistesforschungen, welche die Fortsetzung der Naturforschungen sein sollen, über die Richtung, welche die Geisteswissenschaft in Bezug auf den Christus-Impuls, die Christuswesenheit nimmt. Selbstverständlich muss das, was hier entwickelt worden ist, sich ganz langsam und allmählich in die Menschenseele einleben, und es wird sich auch einleben, je mehr sich die Geisteswissenschaft selbst [in diese] einlebt. Geisteswissenschaft ist ja eben nicht so bequem wie mancherlei anderes, was von der Menschenseele angenommen wird. Geisteswissenschaft macht das zur Voraussetzung, dass die Menschenseele sich erst umwandelt, bevor sie zu den Erkenntnissen kommt. Daher wird sie heute, wo man in Bezug auf das Geistige sich gerne einer gewissen Passivität überlässt, [zunächst] noch hartnäckig abgewiesen. Aber gerade in Bezug auf das Christus-Erlebnis weist Geisteswissenschaft auf ein Bedeutsames!
[ 37 ] Well, I know that these ideas are still not very popular in the highest circles today, and that they may be even less so than the general principles and laws of spiritual science. I also know that in a short lecture I cannot offer more than these few suggestions, for when it comes to such an important topic, I obviously cannot instill a conviction, but can only offer a suggestion regarding the direction of spiritual research—which is meant to be a continuation of natural science—and regarding the direction that spiritual science takes in relation to the Christ impulse, the Christ Being. Of course, what has been developed here must take root in the human soul very slowly and gradually, and it will take root all the more as spiritual science itself takes root [in it]. Spiritual science, after all, is not as convenient as many other things that are accepted by the human soul. Spiritual science presupposes that the human soul must first be transformed before it can arrive at these insights. That is why, today, when people tend to adopt a certain passivity toward the spiritual, it is [at first] still stubbornly rejected. But precisely in relation to the experience of Christ, spiritual science points to something significant!
[ 38 ] Was konnte der Mensch, der seinen Zusammenhang mit der Gottheit in den Mysterien suchte, finden? Er konnte zwar den Zusammenhang mit dem Geistigen finden, aber er musste auch mit seinem Menschen[tum] nach der einen oder anderen Richtung aus sich herausgehen; er musste im Erleben des Göttlichen gleichsam zu etwas werden, was nicht mehr Mensch ist. Das war nun der bedeutsame Fortschritt, das war das Großartige, das eintrat mit diesem Wendepunkte der Menschheitsentwicklung, den ich angedeutet habe: [Der Mensch konnte nicht mehr in der angedeuteten Weise aus sich herausgehen, weil er die Jugendkräfte der Menschheit nicht mehr in sich hatte; er konnte gleichsam nicht mehr aus sich herausgehen, denn die Menschheit war in ein
[ 38 ] What could the human being who sought his connection with the Divine in the mysteries find? He could indeed find a connection with the spiritual, but he also had to step outside of himself—in one direction or another—with his humanity; in the experience of the Divine, he had to become, as it were, something that is no longer human. That was the significant progress, that was the magnificent development that occurred with this turning point in human development that I have alluded to: [Human beings could no longer step outside themselves in the manner described, because they no longer possessed the youthful forces of humanity within themselves; they could, as it were, no longer step outside themselves, for humanity had entered a
[ 39 ] anderes Lebensalter eingetreten, die Jugend hatte sie ja eben schon hinter sich gelassen. Nun brauchte der Mensch nicht mehr nach der einen oder anderen Seite aus sich herauszugehen, sondern durch das Mysterium von Golgatha war etwas geschehen, wodurch der Mensch mit seinem gewöhnlichen Menschentum zwar hinauskam, aber doch Mensch blieb.]
[ 39 ] had entered a different stage of life; after all, her youth was already behind her. Now the human being no longer needed to reach out beyond themselves in one direction or another; rather, through the Mystery of Golgotha, something had happened whereby the human being, while stepping beyond their ordinary humanity, nevertheless remained human.]
[ 40 ] Der Mensch braucht jetzt nicht mehr den Gott dadurch erreichen, dass er entweder seinen Egoismus oder seinen Stolz erhöht, sondern den Gott erreicht er dadurch, dass er Mensch bleibt, [indem er selber sein Menschentum zu einem höheren Selbst, zu einer größeren Innerlichkeit überführt und damit auch die Äußerlichkeit überwindet]. Dadurch also, dass der Christus in den Entwicklungsgang der Menschheit hineinkam, kann man nun zum Menschen sagen: Du sollst Mensch bleiben; auch innerlich sollst du Mensch bleiben, denn in dir selbst findest du das, was seit dem Mysterium von Golgatha in deine Seele eingetaucht ist. Du brauchst nicht nach unten oder nach oben aus dem Menschen herauszugehen. – Erhöhung des Egoismus war einst notwendig bei der einen [Mysterienart] – Erhöhung des Stolzes bei der anderen. Dasjenige aber, was [heute] nach dem Mysterium von Golgatha notwendig ist für die Menschenseele, die nun finden soll das, was man früher innerhalb der Menschheit, innerhalb der menschlichen Erdengeschichte selber gefunden hat – was [damals] notwendig war – und das man mit keinem anderen Wort bezeichnen kann: Das ist die tiefste, die bedeutsamste Eigenschaft des Menschen, das ist die Liebe! In der einen Mysterienart musste der Egoismus entwickelt werden, in der anderen Mysterienart der Stolz. Nun handelt es sich darum, dass der Mensch fähig gemacht wird, gerade über diesen Egoismus und diesen Stolz hinauszugehen und den höheren Menschen in sich zu fühlen, der nach Überwindung des Egoismus [und des Stolzes] strebt. Und es handelt sich zugleich darum, einzulaufen in eine Entwicklung, die nicht in den Stolz und in den Hochmut hineintreibt, sondern die innerhalb des Elementes der Liebe stehen bleibt. Das liegt dem bedeutungsvollen Wort des Paulus zugrunde: «Nicht ich, sondern der Christus in mir!» Man fühlt den Christus seit dem Mysterium von Golgatha zunächst als dasjenige, wodurch man sich also mit seinem Göttlichen vereint, nicht nur dem Worte nach, sondern durch das Mysterium von Golgatha [auch in Wirklichkeit].
[ 40 ] Human beings no longer need to reach God by either increasing their selfishness or their pride; rather, they reach God by remaining human, [by transforming their own humanity into a higher self, into a greater inner life, and thereby also overcoming the external]. Thus, because Christ entered the course of human development, we can now say to the human being: You must remain human; you must also remain human inwardly, for within yourself you will find what has been imbued into your soul since the Mystery of Golgotha. You need not step outside of your humanity, either downward or upward. – The elevation of egoism was once necessary in one [type of mystery]—the heightening of pride in the other. But what is necessary [today], after the Mystery of Golgotha, for the human soul—which is now to find what was formerly found within humanity itself, within human history on Earth—what was necessary [back then]—and which cannot be described with any other word: That is the deepest, the most significant quality of the human being; that is love! In one form of the Mysteries, selfishness had to be developed; in the other, pride. Now the task is to enable the human being to transcend precisely this egoism and this pride and to feel within themselves the higher human being who strives to overcome egoism [and pride]. And at the same time, it is a matter of entering into a development that does not drive one into pride and arrogance, but remains within the element of love. This underlies Paul’s significant words: “Not I, but Christ in me!” Since the Mystery of Golgotha, one feels Christ first and foremost as that through which one unites with the Divine—not merely in words, but through the Mystery of Golgotha [in reality as well].
[ 41 ] Wenn Gott außer mir sich in mich ergießen will, wenn ich außerhalb meines Leibes bin, [wenn ich im Weltall aus den Tiefen der eigenen Seele heraus in Gott bin,] wenn ich [mich] in mir zur eigenen Seele erkrafte, dann schaue ich die Geheimnisse der Liebe! – Das konnte sich der alte Mysterienschüler sagen und mit ihm alle anderen Menschen, die Anhänger waren von diesen oder anderen Religionsbekenntnissen. [Es handelt sich nicht um etwas, was außer mir gefasst wird, sondern um etwas, was ich finde, wenn ich die Wege meiner eigenen Seele fortsetzen will, wenn ich von dem ausgehe, was ich im Alltag erlebe: Das Einzige, was wir auf der Erde erleben, wenn wir aus uns selbst herausgehen, das ist die Liebe, die ich im andern Wesen finde – im Übergreifenlassen der einen Seele in die andere Seele.] Man bleibt die Seele, die man ist, wenn man sich in der anderen Seele liebevoll findet; man bleibt das Wesen, das man ist, wenn man sich in dem anderen Wesen liebevoll findet. Der Mensch bleibt und ist immer noch Mensch, wenn er den Christus in sich finden will, und er findet den Christus in sich, weil es durch das Mysterium von Golgatha möglich geworden ist, dass die Seele, wenn sie über sich selber hinausgeht und nun in der Menschensphäre bleibt, zu dem kommt, was das paulinische Wort sagt: «Nicht ich, der Christus in mir!» Es ist ein mystisches Erlebnis, wenn man fühlt, dass ein höheres Selbst, ein höheres Menschentum in einem lebt, dass dieses höhere Menschentum dasjenige ist, was die eigene Seele trägt von Leben zu Leben, von Körper zu Körper, was die Seele einbettet in das Geistige. Es ist das Erleben des Christus in sich – es ist ein mystisches Erleben! Wir können es in Wahrheit nicht erleben, wenn wir nicht durch Entwicklung derjenigen Seelenkraft, die sich in den verschiedenen Erscheinungen der Liebe zeigt, über die Seele selber – aber in ihr [bleibend] – hinausgehen. So erlebt der Mensch mystisch den Christus in sich. Geisteswissenschaft zeigt dann, wodurch gerade dieses Christus-Erlebnis möglich geworden ist, und ich darf mich diesmal vielleicht durch einen Vergleich, der etwas mehr ist als ein Vergleich, verständlich machen.
[ 41 ] When God, apart from me, wishes to pour Himself into me; when I am outside my body; [when, in the universe, from the depths of my own soul, I am in God]; when I summon the strength within myself to reach my own soul—then I behold the mysteries of love! – This is what the ancient initiate could say to himself, and with him all other people who were followers of these or other religious creeds. [It is not something grasped outside of me, but something I find when I wish to continue along the paths of my own soul, when I start from what I experience in everyday life: The only thing we experience on earth when we step outside of ourselves is the love I find in another being—in allowing one soul to reach into another soul.] One remains the soul one is when one finds oneself lovingly in another soul; one remains the being one is when one finds oneself lovingly in another being. A person remains and is still a person when they seek to find the Christ within themselves, and they find the Christ within themselves because the Mystery of Golgotha has made it possible for the soul—when it transcends itself while remaining within the human sphere—to arrive at what the words of St. Paul express: “Not I, but Christ in me!” It is a mystical experience to feel that a higher self, a higher humanity, lives within one; that this higher humanity is what carries one’s own soul from life to life, from body to body, and what embeds the soul in the spiritual realm. It is the experience of Christ within oneself—it is a mystical experience! In truth, we cannot experience it unless, through the development of that soul power which manifests itself in the various forms of love, we go beyond the soul itself—yet remain within it. Thus does a person mystically experience Christ within themselves. Spiritual science then reveals what has made this very experience of Christ possible, and perhaps this time I may make myself understood through a comparison that is more than just a comparison.
[ 42 ] Es wird in den abendländischen Philosophien vielfach gesagt – und das mit vollem Recht —, wir könnten nicht Farben sehen, wenn wir nicht Augen hätten. Unsere Augen müssten für die Farben organisiert sein, gleichsam innerlich die Farben schon veranlagt haben. Hätten wir keine Augen, so wäre die Welt um uns herum farblos und finster. So ist es auch mit den anderen Sinnen. Die Sinne sind für die äußere Welt veranlagt. Das hat Schopenhauer und andere Philosophen dazu geführt, die Welt unsere Vorstellung zu nennen. Goethe hat den schönen Ausdruck geprägt:
[ 42 ] It is often said in Western philosophy—and quite rightly so—that we could not see colors if we did not have eyes. Our eyes must be organized for colors, as it were, already innately predisposed to them. If we had no eyes, the world around us would be colorless and dark. The same is true of the other senses. The senses are predisposed to the external world. This led Schopenhauer and other philosophers to call the world our “representation.” Goethe coined the beautiful expression:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
wie könnten wir das Licht erblicken?
If the eye were not like the sun,
how could we see the light?
[ 43 ] Das heißt: Lägen nicht im Auge die Kräfte, die es befähigen, Farben zu sehen, dann wäre die Welt farblos und finster. Eine Menschenseele kann natürlich niemals zum Verständnis des Christus kommen, wenn sie nicht innerlich diesen Prozess, den ich andeutete, [durchmacht], nämlich in sich über sich selber hinauszukommen, in sich zu erleben die Wahrheit der paulinischen Worte: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»
[ 43 ] In other words: If the eye did not possess the powers that enable it to see colors, the world would be colorless and dark. Of course, a human soul can never come to an understanding of Christ unless it [undergoes] within itself the process I alluded to—namely, transcending itself and experiencing within itself the truth of Paul’s words: “Not I, but Christ in me.”
[ 44 ] Aber gerade Goethe hat seinem eigenen Ausspruch noch einen anderen gegenübergestellt, und es ist wichtig, dass er diesen Ausspruch auch noch getan hat:
[ 44 ] But Goethe himself contrasted his own statement with another, and it is important that he also made this statement:
Gäbe es kein Licht, das einmal aus einem augenlosen Wesen
das Auge herausgeholt hat, dann gäbe es auch kein Auge.
If there were no light that once removed the eye from an eyeless being
then there would be no eye either.
[ 45 ] Das eine ist so richtig wie das andere. Ohne das Auge könnte ein Wesen nichts wahrnehmen und ohne das Licht wäre kein Auge in irgendeinem Lebewesen. Wahr ist es: Erlebt nicht die Seele den Christus in sich, so wäre die Welt für sie Christus-leer. Wenn unsere Seele nicht den Christus hätte – wie könnten wir dann den Christus wahrnehmen? Aber das Umgekehrte ist auch wahr, und das zeigt eben die Geisteswissenschaft: Das innere ChristusErlebnis ist nur möglich dadurch, dass der Christus-Impuls, die Christuswesenheit von der irdischen Menschheitsentwicklung in der geschilderten Weise aufgenommen worden ist und dass von außerhalb in einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt der ChristusImpuls in die Menschheit eingetreten ist. Ohne den historischen Christus gäbe es keinen mystischen Christus. Und das ist nur ein abstraktes Reden, wenn irgendjemand behaupten wollte, dass eine Seele zu dem Christus-Erlebnis kommen könnte, ohne dass der historische Christus in die Menschheitsentwicklung eingetreten ist, denn vor dem Mysterium von Golgatha gab es kein mystisches Christus-Erlebnis. Alles, was man als solches ausgibt, beruht auf einem Missverständnis — es kann nicht sein. Ebenso wenig wie ein Auge in irgendeinem Lebewesen vorhanden wäre ohne die Sonne, ebenso wenig gäbe es ein mystisches Christus-Erlebnis ohne den historischen Christus, wenn auch die Sonne ohne das Auge [nicht] gesehen werden kann, wenn auch der historische Christus im wahren Sinne des Wortes nur von dem wahrgenommen wird, der den mystischen Christus in sich selber erlebt. So führt Geisteswissenschaft als ein völlig vom Evangelium freies Schauen über [das Verstehen der] Menschheitsentwicklung zu dem Christus. Und da sie den Christus als einmal historisch eingetreten erkennt, erkennt sie zugleich, dass dieses Christuswesen eintreten musste in einen Menschen, einmal da sein musste in einem Menschen, damit durch den Menschen, [aus ihm] heraus, der Weg zu der Christuswesenheit in der geistigen Erde hat gefunden werden können.
[ 45 ] One is just as true as the other. Without the eye, a being could perceive nothing, and without light, there would be no eye in any living being. It is true: if the soul did not experience Christ within itself, the world would be devoid of Christ for it. If our soul did not have Christ—how could we then perceive Christ? But the reverse is also true, and this is precisely what spiritual science demonstrates: The inner experience of Christ is possible only because the Christ impulse—the Christ presence—has been absorbed by earthly human evolution in the manner described, and because the Christ impulse entered humanity from outside at a specific point in history. Without the historical Christ, there would be no mystical Christ. And it is merely abstract talk if anyone were to claim that a soul could attain the experience of Christ without the historical Christ having entered human development, for before the Mystery of Golgotha there was no mystical experience of Christ. Anything presented as such is based on a misunderstanding—it cannot be. Just as there would be no eye in any living being without the sun, so too there would be no mystical Christ experience without the historical Christ—even though the sun cannot be seen without the eye, and even though the historical Christ, in the true sense of the word, is perceived only by those who experience the mystical Christ within themselves. Thus, spiritual science, as a way of seeing that is entirely free from the Gospel, leads through [an understanding of] human development to the Christ. And since it recognizes the Christ as having once historically appeared, it simultaneously recognizes that this Christ being had to enter into a human being, had to be present once in a human being, so that through that human being, [from within him], the path to the Christ being in the spiritual earth could be found.
[ 46 ] So kommt die Geisteswissenschaft zu dem Christus und durch den Christus zum historischen Jesus, und das in einer Zeit, in welcher die äußere Forschung so vielfach daran rüttelt. Ich kann mich auf dieses Rütteln nicht einlassen, aber es gibt auch hier in Hamburg eine Welt der äußeren Wissenschaft, die so vielfach rüttelt aus den [ihr zugänglichen] Urkunden heraus an dem historischen Jesus. Es wird das, was an diesem Abend speziell vorgebracht worden ist, selbstverständlich Widerspruch über Widerspruch wecken können. Und ich kann diesen Widerspruch voll begreifen, wenn mancher, der heute zugehört hat, morgen sich sagt: Das ist doch alles nur eine Träumerei, die da ausgesprochen worden ist. — Es mag sein, dass dies heute noch so aussieht, aber der Geistesforscher weiß, wie es um diese Dinge steht, er weiß, dass man heute noch so denken muss über diese Dinge, wie man seinerzeit über die große Weltanschauung so mancher Reformatoren dachte. Es weiß der Geistesforscher, dass ein ernster Impuls gegeben ist mit diesen seinen Andeutungen über den Weg, den die Geisteswissenschaft macht, um durch eine geistige Betrachtung der Menschheitsentwicklung selber zu dem Christus zu kommen und aus der Natur dieses Christus die Notwendigkeit einzusehen, so zu dem Jesus zu kommen, zu dem historischen Jesus. Man könnte das paradoxe Wort aussprechen: Gäbe es keine Evangelien, wären alle Evangelien verloren gegangen, so käme die Geisteswissenschaft trotzdem aus dem Entwicklungsgang der Menschheit zu der Erkenntnis des göttlichen Christuswesens, und von diesem göttlichen Christuswesen zur Erkenntnis der historischen Tatsache, dass dieses Christuswesen gelebt hat zu der Zeit, als die griechisch-römische Kulturentwicklung ihren Wendepunkt erreichte. Und würde man auf die Einzelheiten eingehen, so würde man mehr oder weniger genau, man möchte sagen mit einer mathematischen Notwendigkeit, angeben können, in welcher Zeit Christus gelebt hat und gelebt haben muss.
[ 46 ] Thus, spiritual science arrives at Christ and, through Christ, at the historical Jesus—and it does so at a time when external scholarship is calling this into question in so many ways. I cannot go along with this questioning, but here in Hamburg, too, there is a world of external scholarship that is constantly calling into question the [documents available to it] regarding the historical Jesus. What has been specifically presented this evening will, of course, be likely to provoke contradiction after contradiction. And I can fully understand this contradiction if some who have listened today say to themselves tomorrow: “After all, what has been expressed here is nothing but a daydream.” — It may seem that way today, but the spiritual researcher knows the truth of the matter; he knows that one must still think of these things today in the same way that people once thought of the great worldviews of so many reformers. The spiritual researcher knows that a serious impulse has been given through these hints about the path that spiritual science is taking—to arrive at the Christ through a spiritual contemplation of human development itself, and to recognize, from the nature of this Christ, the necessity of coming to Jesus, to the historical Jesus. One could utter this paradoxical statement: If there were no Gospels, and if all the Gospels had been lost, spiritual science would nevertheless arrive, through the course of human development, at the knowledge of the divine Christ-being, and from this divine Christ-being to the knowledge of the historical fact that this Christ-being lived at the time when Greco-Roman cultural development reached its turning point. And if one were to go into the details, one would be able to specify, more or less precisely—one might say with mathematical certainty—the period in which Christ lived and must have lived.
[ 47 ] Wenn man also dem Christus entgegenkommen wird mit diesem geisteswissenschaftlichen Verständnis, das auch zum Verständnis seines historischen Wesens führt, so versteht man das Christus-Mysterium erst dann [vollständig], wenn man die geistige Schauung in ihrer historischen Notwendigkeit betrachtet, wenn man sie betrachtet als ein Ereignis jener Zeit in der menschheitlichen Entwicklung, die beim einzelnen Menschen mit dem fünfunddreißigsten Lebensjahre notwendig wird. Die Erkenntnis der geistigen Wesenheit des Christus wird die Geisteswissenschaft der Welt bringen können, und diese wird in dem rechten Augenblick kommen, weil die bloße Wissenschaft schon zu zweifeln begonnen hat, dass es einen historischen Jesus gab – und da wird die Geisteswissenschaft zu dem Christus führen. Wenn in diesem Sinne der Christus in seinem Zusammenhange mit der Menschheitsentwicklung verstanden wird, dann wird auch die Geschichte des historischen Jesus verstanden werden, und dann werden die Menschen an den Evangelien das haben, was nicht bloße historische Dokumente sind, sondern was sich in ihre Seelen ergießt. Und so werden sie durch das Nachfühlen dessen, was in den Evangelien und Briefen steht, die Möglichkeit haben, das zu finden, was in der Erdenaura seit dem Mysterium von Golgatha lebt.
[ 47 ] If, then, one approaches Christ with this spiritual-scientific understanding—which also leads to an understanding of his historical nature—one will only [fully] comprehend the Christ Mystery when one considers spiritual vision in terms of its historical necessity, when one regards it as an event of that period in human development which becomes necessary for the individual at the age of thirty-five. Spiritual science will be able to bring the knowledge of the spiritual essence of Christ to the world, and this will come at the right moment, because science itself has already begun to doubt that there was a historical Jesus—and that is where spiritual science will lead to Christ. If Christ is understood in this sense, in his connection with human development, then the story of the historical Jesus will also be understood, and then people will find in the Gospels not merely historical documents, but something that pours into their souls. And so, by empathizing with what is written in the Gospels and Epistles, they will have the opportunity to find what has been alive in the Earth’s aura since the Mystery of Golgotha.
[ 48 ] Zusammenfassend darf ich sagen: Es scheint für unsere Zeit eine neue Christus-Jesus-Erkenntnis notwendig zu sein! Geisteswissenschaft will nicht nur, sondern muss durch ihre Voraussetzungen zu dem Christus führen; [sie gelangt] zu einer rein aus der geistigen Betrachtung der Menschheitsentwicklung heraus geschauten Christuswesenheit und auf diesem Umweg eben zu einem etwas anderen Verständnis. So wie uns das Dasein der Augen nur dadurch möglich erscheint, dass sie aus dem Organismus herausgeholt wurden durch das Sonnenlicht, durch die Kraft der Sonne, so wird uns alles, wenn wir in das Mysterium von Golgatha geisteswissenschaftlich eindringen, mehr und mehr erscheinen in seiner historischen Art als dasjenige, was sich hineinstellte als der Schwerpunkt in die Menschheitsentwicklung — wie die Sonnenkraft, von der ausgegangen ist dasjenige, was der Mensch als sein Tiefstes, als sein Heiligstes im gegenwärtigen Zeitalter erleben kann. [Wenn Christus Mensch wird, dann kann Geisteswissenschaft den Christus verstehen lernen, sie kann zum Christuserlebnis führen, damit die Menschen durch den Christus den Jesus finden:] Von Christus zu Jesus!
[ 48 ] In summary, I may say: A new understanding of Christ Jesus seems to be necessary for our time! Spiritual science not only aims to, but must—by virtue of its very premises—lead to Christ; [it arrives at] a Christ-being viewed purely through the spiritual contemplation of human development, and through this roundabout path, precisely to a somewhat different understanding. Just as the existence of our eyes seems possible to us only because they were brought forth from the organism by sunlight, by the power of the sun, so, when we penetrate the Mystery of Golgotha through spiritual science, everything will increasingly appear to us, in its historical form, as that which established itself as the focal point in human development—just as the power of the sun gave rise to that which human beings can experience as their deepest and most sacred reality in the present age. [When Christ becomes human, then spiritual science can learn to understand Christ; it can lead to the experience of Christ, so that people may find Jesus through Christ:] From Christ to Jesus!
[ 49 ] Daher versuchte ich in unserer heutigen Betrachtung den Ausgangspunkt zu nehmen von der Menschheitsentwicklung, um hinzulenken den Blick von dem Jesus, auf den heute so viele schon ungläubig schauen, zu dem Christus, weil in der Zukunft der Jesus wieder gefunden werden wird auf dem Wege, der angedeutet werden kann durch die Worte: durch geistige Erkenntnis des Christus – zur historischen Erkenntnis des Jesus!
[ 49 ] Therefore, in our discussion today, I have attempted to take human development as my starting point in order to shift the focus from the Jesus whom so many already view with disbelief to the Christ—because in the future, Jesus will be rediscovered on the path that can be indicated by the words: through spiritual knowledge of the Christ—to historical knowledge of Jesus!
