A New Experience of Christ
GA 69c
11 March 1913, Munich
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A New Experience of Christ, tr. SOL
12. Raffael im Lichte der Geisteswissenschaft
12. Raphael in the Light of Spiritual Science
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Das Thema des heutigen Abends ist nicht etwa in der Absicht gewählt, um auch die Betrachtungen der Geisteswissenschaft an eine bekannte historische Erscheinung anzuknüpfen — wie es ja auf so mancherlei anderen Gebieten geschieht – und so von diesem Gesichtspunkte aus Gelegenheit zu haben, mit Rücksicht auf eine altbekannte Erscheinung über Dinge der Geisteswissenschaft zu sprechen. Vielmehr ist dieses Thema dadurch entstanden, dass gegenüber der künstlerischen Erscheinung Raffaels sich in der Tat gewisse Gesichtspunkte dem modernen Geistesforscher ergeben können aus der geistigen Betrachtung unserer Zeit heraus, die gerade bei diesem Gegenstand gewissermaßen hinnötigen zu einer geisteswissenschaftlichen Anschauungsweise. Es kann einem dies — wie es mir geschehen ist – dadurch entgegentreten, dass man eine Erscheinung betrachtet wie diejenige, die einem auffallen kann an der literarischen und künstlerischen Tätigkeit Herman Grimms. Herman Grimm, der geistvolle Kunstgeschichtsschreiber, hat ja, wie bekannt ist, ein «Leben Michelangelos» geschrieben, das, sosehr es auch heute in Einzelheiten überholt sein mag, großen Eindruck macht auf jede empfängliche Seele durch die Weite der Gesichtspunkte und durch das Geschlossene der Betrachtungsweise.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! The topic chosen for this evening was not selected with the intention of linking spiritual science to a well-known historical phenomenon—as is often done in many other fields—and thus, from this perspective, to have an opportunity to speak about matters of spiritual science in relation to a long-established phenomenon. Rather, this topic arose because, when considering Raphael’s artistic work, certain perspectives can indeed present themselves to the modern spiritual researcher through the spiritual contemplation of our time—perspectives that, precisely in relation to this subject, compel us, so to speak, to adopt a spiritual-scientific approach. One may encounter this—as I have—by observing a phenomenon such as that which may strike one in the literary and artistic work of Herman Grimm. Herman Grimm, the brilliant art historian, has, as is well known, written a *Life of Michelangelo* which, however outdated it may be in detail today, makes a great impression on every receptive soul through the breadth of its perspectives and the coherence of its approach.
[ 2 ] Herman Grimm hat dann auch den Versuch gemacht – er selbst charakterisiert es nur als Versuch –, ein «Leben Raphaels» zu schreiben. Mit diesem «Leben Raphaels» ist es Herman Grimm nun ganz eigentümlich gegangen, und das, was ihm sozusagen dabei geschehen ist, wird auf denjenigen einen großen Eindruck machen können, der durch eine immer weitergehende Vertiefung in die Darstellungsart und Anschauungsweise Herman Grimms zu der Erkenntnis kommt, wie trotz mancher berechtigter Vorwürfe, die ihm gemacht werden können, gerade das bei ihm vorhanden ist, was man nennen kann ein Miterleben mit seinem betrachteten Gegenstand in allem Einzelnen, ein Sich-Erkämpfen der Anschauungen und Meinungen, zu denen er vordringt. Nun, er hat den Versuch gemacht – in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts –, über das Leben Raffaels zu schreiben; und er gesteht am Ende seines Lebens, dass ihm der Versuch nicht genügte und er immer wieder angefangen hat, in anderer Art an diese Aufgabe heranzutreten. Wir haben ein interessantes Fragment aus dem Nachlass Grimms, «Raphael als Weltmacht», in dem er kurz vor seinem Tod noch einmal an diese Aufgabe herangetreten ist und worin er gesteht, wie nichts, was er da vorher geschrieben hat, ihm genügen kann. Er ist hinweggestorben über der letzten Ausarbeitung dieser seiner Anschauungen über Raffael. Aber interessant ist es immerhin zu beobachten, wie ein so bedeutender Geist immer wieder an diese Aufgabe herantritt, wie er zuletzt an seinem Lebensabend noch einmal die Sache unternimmt und wie er ringt, Raffael sich begreiflich zu machen. Das sieht man dem Fragment an.
[ 2 ] Herman Grimm then also attempted—he himself describes it merely as an attempt—to write a “Life of Raphael.” Herman Grimm’s experience with this “Life of Raphael” was quite peculiar, and what happened to him in the process, so to speak, is bound to make a great impression on those who, through an ever-deepening immersion in Herman Grimm’s style of presentation and perspective, come to realize how, despite many justified criticisms that can be leveled against him, he possesses precisely what one might call a shared experience with his subject in every detail—a struggle to arrive at the views and opinions to which he advances. Well, he made an attempt—in the 1860s—to write about Raphael’s life; and at the end of his life, he admits that this attempt was not enough for him and that he repeatedly began to approach this task in a different way. We have an interesting fragment from Grimm’s estate, “Raphael as a World Power,” in which he tackled this task once more shortly before his death and in which he confesses that nothing he had written previously could satisfy him. He passed away while working on the final draft of these views on Raphael. But it is nonetheless interesting to observe how such a significant mind repeatedly tackled this task, how he took it up once more in the twilight of his life, and how he struggled to make Raphael comprehensible. This is evident from the fragment.
[ 3 ] Wie er so ringt, sich Raffael begreiflich zu machen das ist ganz besonders interessant, denn er braucht, indem er das in Mailand befindliche weltberühmte Bild der «Vermählung der Maria» zu beschreiben, zu verstehen unternimmt, eine bedeutsame, längere Einleitung, und diese längere Einleitung ist eigentlich ein Stück Weltgeschichte. Sie ist eine Betrachtung über Natur und Wesenheit der römischen Kultur, eine Betrachtung des Einschlagens des Christus-Impulses in diese römische Kultur, eine Betrachtung der Weiterentwicklung dieses Christus-Impulses innerhalb der europäischen Geisteskultur, und dann folgt eine weitere Betrachtung über den neuerlichen Einschlag des Griechentums in die damalige römische Geisteskultur zur Zeit Raffaels. Und dabei behauptet Herman Grimm, dass das alles notwendig sei zu betrachten, um allein dieses Bild Raffaels, «Die Vermählung der Maria», zu verstehen, denn ihm erscheint das, was in diesem Bild zum Ausdruck kommt, so umfassend, so herausentspringend aus der gesamten Entwicklung des menschlichen Geistes, dass ihm hineingeheimnisst erscheint in die Schöpfung Raffaels alles das, was innerhalb des europäischen Geisteslebens hat empfunden, gedacht, geschaut werden können seit dem Einschlag des Christus-Impulses bis zur Schöpfung dieses Bildes. Aus Empfindungen, die einer solchen Meinung entstammen, ist wohl auch der Titel dieses Raffael-Fragmentes bei Herman Grimm entstanden. Es heißt – man könnte versucht sein, es als sonderbar zu empfinden — «Raphael als Weltmacht», denn tatsächlich fühlt sich Herman Grimm geneigt, zum Verständnis Raffaels diesen hineinzustellen in all die Ursachen, Wirkungen, Zusammenhänge des ganzen neuzeitlichen Geisteslebens. Wer eine Empfindung hat für das Aufgehen von gewissen umfassenden Ideen in einer Menschenseele bei der Betrachtung irgendeines Gegenstandes oder irgendeiner Wesenheit, der wird nachfühlen können, was in Herman Grimms Seele vorging, als er in diesem seinem letzten Raffael-Fragment die Worte hinschrieb:
[ 3 ] The way he struggles to make Raphael understandable is particularly interesting, for in his attempt to describe and understand the world-famous painting *The Marriage of the Virgin*, located in Milan, he requires a significant, lengthy introduction—and this lengthy introduction is, in fact, a piece of world history. It is a reflection on the nature and essence of Roman culture, a reflection on the impact of the Christ impulse on this Roman culture, a reflection on the further development of this Christ impulse within European spiritual culture, followed by a further reflection on the renewed influence of Hellenism on the Roman spiritual culture of Raphael’s time. And in doing so, Herman Grimm asserts that it is necessary to consider all of this in order to understand this single painting by Raphael, “The Marriage of Mary,” for to him what is expressed in this painting seems so comprehensive, so springing forth from the entire development of the human spirit, that everything that has been felt, thought, and perceived within European spiritual life—from the impact of the Christ impulse up to the creation of this painting—appears to him to be mysteriously woven into Raphael’s creation. The title of this fragment on Raphael by Herman Grimm likely arose from sentiments stemming from such a view. It is called—and one might be tempted to find this strange—“Raphael as a World Power,” for Herman Grimm indeed feels inclined, in order to understand Raphael, to place him within all the causes, effects, and interconnections of modern spiritual life as a whole. Anyone who has a sense of how certain all-encompassing ideas arise in a human soul upon contemplating any object or entity will be able to empathize with what was going on in Herman Grimm’s soul when he wrote the following words in this, his last Raphael fragment:
Raffael ist ein Bürger der Weltgeschichte. Wie einer von den vier Flüssen ist er, die dem Glauben der alten Welt nach aus dem Paradiese kamen.
Raphael is a figure in world history. He is like one of the four rivers that, according to the beliefs of the ancient world, flowed from Paradise.
[ 4 ] Es mag viele gelehrte Auseinandersetzungen geben über die Bedeutung Raffaels, aber man möchte sagen: Gegenüber ihnen allen nimmt es sich als etwas ungeheuer Bedeutungsvolles aus, dass hier eine betrachtende Menschenseele zu solchen Aussprüchen über diesen Geist gedrängt worden ist.
[ 4 ] There may be many scholarly debates about Raphael’s significance, but one might say: Compared to all of them, it seems immensely significant that a contemplative human soul has been moved to make such statements about this spirit.
[ 5 ] Wenn man dergleichen auf sich wirken lässt, sozusagen rein aus dem Geistesleben unserer Zeit heraus, das bei Herman Grimm noch nicht stark beeinflusst ist von dem, was wir heute [in unseren Kreisen] Geisteswissenschaft nennen, muss man den Drang erkennen zu einer tieferen Betrachtung Raffaels – den Drang, ihn so anzuschauen, dass das, was er geschaffen hat, für den geistigen Blick herauswächst aus dem fortlaufenden Strom menschlicher Entwicklung. Und in der Tat: Wer sich unvoreingenommen in die Seele Raffaels vertieft, dem erscheint sie – namentlich durch eine gewisse Art von Isoliertheit gegenüber allem, was sie umgibt – wie eine Art von Offenbarung, denn es will, so weit man sich auch anstrengt, nicht gelingen, das, was unmittelbar in der Umgebung, in der Zeit Raffaels gelebt hat, als Erklärungsgründe dafür zu nehmen, wie es kommt, dass diese außerordentliche Erscheinung sich hereinstellt in den Geistesgang der Menschheit und gerade das vor die Menschheit hinstellt, was so tief gewaltig auf die einzelnen hingebungsvollen Geister gewirkt hat. Von vornherein möchte ich bemerken, dass selbstverständlich im Verlauf dieses Vortrages auf Einzelheiten nicht eingegangen werden kann, denn über einzelne Bilder kann eigentlich nur fruchtbar gesprochen werden, wenn man in der Lage ist, Reproduktionen vorzuweisen. [Es soll sich vielmehr darum handeln, aus solchen Voraussetzungen, wie sie eben gegeben worden sind und die aus unserem gegenwärtigen Geistesleben heraus entspringen, auf ganz naturgemäße Weise hinzulenken zu einer Betrachtung Raffaels vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft.]
[ 5 ] If one allows such things to sink in—so to speak, purely from the spiritual life of our time, which, in Herman Grimm’s day, was not yet strongly influenced by what we today [in our circles] call spiritual science—one must recognize the urge toward a deeper contemplation of Raphael—the urge to view him in such a way that what he created appears, to the spiritual eye, to emerge from the continuous stream of human development. And indeed: whoever delves impartially into Raphael’s soul finds it—particularly through a certain kind of detachment from everything that surrounds it—to be a kind of revelation, for, no matter how hard one tries, one cannot succeed in taking what existed immediately in Raphael’s immediate surroundings and in his time as an explanation for why this extraordinary phenomenon has entered the spiritual course of humanity and presents to humanity precisely that which has had such a profoundly powerful effect on individual, devoted spirits. I would like to note from the outset that, of course, it will not be possible to go into detail in the course of this lecture, for one can really only speak fruitfully about individual paintings if one is able to show reproductions. [Rather, the aim is to use the premises just outlined—which arise from our present spiritual life—to guide us in a completely natural way toward a consideration of Raphael from the perspective of spiritual science.]
[ 6 ] In gewisser Beziehung erscheint uns dieser Raffael höchstens, wenn wir ihn als ganz junges Kind nehmen, aus seiner Umgebung heraus irgendwie begreifbar. Er ist, wie allbekannt, 1483 in Urbino geboren. Die ersten Eindrücke seiner Seele kommen aus dem Palastbau von Urbino, der für die damalige Zeit ein außerordentliches Ereignis war und durch den die Seele des ganz jungen Raffael das aufnehmen konnte, was sich ausprägte nicht nur in architektonischen Formen, sondern auch in allem künstlerischen Schmuck und dem Wirken, das mit diesem Palastbau verbunden war. Das waren Eindrücke, von denen man sagen kann: Sie sind geeignet, durch sich selbst die Seele zu formen. Dann aber sehen wir Raffael versetzt nach Perugia, und wenn wir das Leben in Perugia betrachten in der Zeit, als Raffael dort Malerlehrling war, erscheint uns sogleich das Eigentümliche, Isolierte dieser Raffael-Seele. Wir gewahren, wenn wir das Leben in Perugia verfolgen, wie es erfüllt ist von zum Teil für unser heutiges Bewusstsein abstoßenden Ereignissen. Kampf über Kampf der einzelnen Geschlechter untereinander wütet unter der leidenschaftlichen Bevölkerung von Perugia, und es ist ganz ohne Zweifel, dass Raffael dort das sehen konnte, was sich hineinstellte ins Leben an aufwühlendem Hass, an Gegnerschaft in der menschlichen Natur.
[ 6 ] In a certain sense, this Raphael seems to us—at most, if we consider him as a very young child—somewhat comprehensible in the context of his surroundings. As is well known, he was born in Urbino in 1483. The first impressions on his soul came from the construction of the palace in Urbino, which was an extraordinary event for its time and through which the soul of the very young Raphael was able to absorb what manifested itself not only in architectural forms but also in all the artistic decoration and the creative activity associated with the construction of this palace. These were impressions of which one can say: they are capable of shaping the soul in and of themselves. But then we see Raphael moved to Perugia, and when we consider life in Perugia during the time when Raphael was a painter’s apprentice there, the peculiar, isolated nature of Raphael’s soul immediately strikes us. As we trace life in Perugia, we perceive how it is filled with events that are, in part, repulsive to our modern sensibilities. Conflict after conflict rages between the various families among the passionate population of Perugia, and there is no doubt that Raphael was able to see there what permeated life—the stirring hatred and antagonism inherent in human nature.
[ 7 ] Wenn wir von da ausgehen und einen Blick werfen auf das, was Raffaels Kunst gegeben hat in ihrer Abgeklärtheit, die uns schon entgegentritt bei der «Vermählung der Maria» – im einundzwanzigsten Jahre seines Lebens entstanden –, dann finden wir, dass es berechtigt ist zu sagen: Dieser Raffael erscheint uns als Persönlichkeit so, wie wenn er nur äußerlich in diesem ganzen Leben von Perugia anwesend wäre, nur mit dem Saum seines Kleides es berührte, und es eigentlich nur anschaute auf etwas hin, was ich nicht abstrakt, sondern lieber konkret bezeichnen möchte, indem ich hinlenke die Gedanken auf einen Geschichtsschreiber der damaligen Zeit, der recht anschaulich eine Szene schildert, die sich in Perugia in den neunziger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts zugetragen hat. Da werden wir wirklich durch die Anschaulichkeit der Beschreibung Zeugen, wie der Anführer eines vertriebenen Geschlechtes von der Nachbarschaft nach Perugia hereindringt; es wird uns geschildert, wie dieser Anführer eines vertriebenen Geschlechtes, Astorre Baglione, reitend in die Stadt einzieht und wie ein heiliger Georg wirkt, aber zu gleicher Zeit alles, was ihm entgegenkommt, niedermacht. Wir fühlen aus der Beschreibung des Chronisten Matarazzo, wie etwas GroRes, Gewaltiges, aber unbehaglich Grausames in der Szene lag. Wenn wir Raffaels Bild, den «Heiligen Georg», in seiner ganzen Komposition auf uns wirken lassen, erscheint uns die Sache so, als ob Raffael diese Szene der Wirklichkeit nach gekannt hätte, aber als ob für seinen Blick nicht dagewesen wäre all der grausame Untergrund der Wirklichkeit, als ob er von diesem grausamen Untergrund die Blüte abgehoben und sie erhoben hätte zu einer Schöpfung rein geistiger Schönheit und Größe. Gerade an dem, wie es sich hineinbegibt in die ganze Schöpfungsweise Raffaels, wie es hineinströmt in seine Seele, sieht man, wie eigentümlich isoliert diese Seele gegenüber ihrer Umgebung ist, und wie diese Umgebung sie nur berührt, aber wie er dasjenige, was er ihr entnimmt, nur hervorbringen kann aus der eigenen Seele. So wirkt diese Seele [für den Betrachter] wie eine Offenbarung, wie etwas, was hineingestellt ist in diese Umgebung und nicht aus ihr selbst erklärbar ist. Wenn wir einen Blick werfen auf die Bilder des Lehrers von Raffael in Perugia, des Perugino, da sehen wir, wie trotz aller Größe Peruginos diese Bilder uns zeigen, dass da etwas vor uns hingestellt wird in den einzelnen heiligen Personen der christlichen Anschauung, was eine Wiedergabe dessen ist, was ein Mensch aufnehmen kann, wenn das Christentum rings um ihn herum lebt. Wir sehen da die einzelnen Gestalten der christlichen Legende nebeneinander gestellt, wie es jemand kann, der zwar als Maler eine gewisse Größe hat, aber die Dinge nur von der Außenseite her kennt. So wie uns diese Bilder erscheinen, fühlen wir überall den Weg von der christlichen Überlieferung, von dem, was in dem damals vorhandenen Christentum lebte, zur Leinwand des Perugino hin. Dann verfolgen wir die Schöpfungen seines Schülers Raffael. Da erscheint uns die Sache anders: Wir blicken auf eine Seele, die alles das, was der andere, was Perugino hinstellt, von innen heraus belebt. Überall sehen wir Raffaels Seele selbst, einen Geist, der das Christentum nicht so aufgenommen hat, wie es dazumal in seiner Umgebung lebte, sondern wir sehen einen Geist, mit dessen Seele alle Ursprünge der christlichen Impulse verknüpft sind. Es ist vielleicht nicht übertrieben, wenn die Ausdrucksweise gewählt wird: Es ist, wie wenn das Christentum selbst seine Seele hinzauberte auf eine Leinwand, die von Raffael bemalt wurde.
[ 7 ] If we take this as our starting point and consider what Raphael’s art has offered in its serenity—which already strikes us in *The Marriage of the Virgin* (painted when he was twenty-one years old)—then we find that it is justified to say: This Raphael appears to us as a personality as if he were present only outwardly throughout this entire life in Perugia, touching it only with the hem of his garment, and actually merely gazed at it in relation to something I would like to describe not abstractly, but rather concretely, by directing our thoughts to a historian of that time who quite vividly depicts a scene that took place in Perugia in the 1490s. Through the vividness of the description, we truly become witnesses to how the leader of a displaced family from the surrounding area makes his way into Perugia; we are told how this leader of a displaced family, Astorre Baglione, rides into the city and appears like a Saint George, yet at the same time crushes everything that stands in his way. From the description by the chronicler Matarazzo, we sense that there was something grand, powerful, yet uncomfortably cruel about the scene. When we allow Raphael’s painting, “Saint George,” to make its full impression on us in its entirety, it seems to us as though Raphael had known this scene from reality, but as if, to his eye, all the cruel underpinning of reality had not existed—as if he had lifted the blossom from that cruel underpinning and elevated it to a creation of purely spiritual beauty and grandeur. It is precisely in the way it becomes part of Raphael’s entire creative process, the way it flows into his soul, that one sees how peculiarly isolated this soul is from its surroundings, and how these surroundings merely touch it, yet how he can bring forth from his own soul only that which he draws from them. Thus, this soul appears [to the viewer] as a revelation, as something placed within this environment that cannot be explained by the environment itself. When we take a look at the paintings by Raphael’s teacher in Perugia, Perugino, we see how, despite all of Perugino’s greatness, these paintings show us that something is presented before us in the individual holy figures of the Christian tradition—a representation of what a person can take in when Christianity is alive all around them. We see the individual figures of Christian legend placed side by side, as someone might do who, though a painter of a certain stature, knows things only from the outside. As these paintings appear to us, we sense everywhere the path from Christian tradition—from what was alive in the Christianity of that time—to Perugino’s canvas. Then we trace the works of his student, Raphael. Here the situation appears different to us: we behold a soul that animates from within everything that the other artist—Perugino—has depicted. Everywhere we see Raphael’s own soul, a spirit that did not simply absorb Christianity as it was lived in his environment at the time, but rather a spirit to whose soul all the origins of Christian impulses are linked. It is perhaps no exaggeration to put it this way: it is as if Christianity itself had conjured its soul onto a canvas painted by Raphael.
[ 8 ] Und dann verfolgen wir ihn weiter, wie er 1504 in Florenz, wie er 1508 in Rom eintrifft. In Florenz trifft er zu einem Zeitpunkt ein, als eben die bedeutungsvolle Welle geistiger Aufrichtung, möchte ich sagen, über Florenz hingegangen ist, die sich an den Namen Savonarolas anknüpft. Eine [von diesen Kämpfen] ermüdete Atmosphäre treffen wir an – das Drama des Savonarola hat sich abgespielt, viele Nachwirkungen dieses Dramas sind noch vorhanden. Interessant ist es, gerade diese beiden Gestalten nebeneinander zu stellen: Savonarola und Raffael. Beide stellen die Impulse des Christentums [auf ihre Weise] vor die Zeitgenossen hin; sie stellen sie so hin, dass wir überall das Feuer einer inneren Begeisterung wahrnehmen, aber [bei Savonarola] auch mit einem ungeheuren Fanatismus, der bis zur Unmöglichkeit des Auslebens der Impulse gegenüber den Zeitgenossen führt. Es ist, wenn wir Savonarola betrachten, so, wie wenn ein Mensch vor uns stünde, der in allen Phasen seiner Seele, in dem Besten, was seine Seele empfinden und fühlen kann, ergriffen wurde von der Größe und Macht des Christentums, ein Mensch, der nun das ausströmt, was ganz elementar und unmittelbar auf seine Seele gewirkt hat, und der dann eintritt für das, was in seiner Seele selbst so groß geworden war. Und nun zu Raffael: Sehr merkwürdig stellt er sich in Gegensatz zu einer solchen Gestalt wie Savonarola. Wir sehen, wenn wir die Bilder Raffaels betrachten, die christlichen Impulse in einer, man möchte sagen, übermenschlichen Größe uns entgegentreten. Wir schen diese christlichen Impulse bis in viele Einzelheiten hinein seelenhaft leben. Wir sehen wirklich, wie das Christentum in diesen Bildern aufscheint. Aber wir fühlen und empfinden zugleich, dass eine Seele, die nur erst unmittelbar von dem in der Umwelt befindlichen Christentum ergriffen worden wäre, nicht zu jener Ruhe, zu jener Selbstverständlichkeit, zu jener Abgeklärtheit hätte kommen können, zu der Raffaels Seele eben gekommen ist.
[ 8 ] And then we follow him further, as he arrives in Florence in 1504 and in Rome in 1508. He arrives in Florence at a time when a significant wave of spiritual renewal—if I may put it that way—has just swept over the city, a movement linked to the name of Savonarola. We find an atmosphere weary from [these struggles]—the drama of Savonarola has played out, and many aftereffects of this drama are still present. It is particularly interesting to juxtapose these two figures: Savonarola and Raphael. Both present the impulses of Christianity [in their own way] to their contemporaries; they present them in such a way that we perceive everywhere the fire of inner enthusiasm, but [in Savonarola’s case] also with an immense fanaticism that leads to the impossibility of living out these impulses in relation to his contemporaries. When we consider Savonarola, it is as if a person were standing before us who, in every phase of his soul—in the very best that his soul can perceive and feel—was gripped by the grandeur and power of Christianity; a person who now radiates what has acted upon his soul in a completely elemental and immediate way, and who then stands up for what had grown so great within his own soul. And now to Raphael: He stands in a very striking contrast to a figure such as Savonarola. When we look at Raphael’s paintings, we see Christian impulses confronting us with what one might call superhuman grandeur. We perceive these Christian impulses being lived out with deep soulfulness, right down to the finest details. We truly see how Christianity shines forth in these paintings. But at the same time, we feel and sense that a soul that had merely been immediately gripped by the Christianity present in the surrounding world could not have attained that peace, that naturalness, that serenity to which Raphael’s soul had indeed arrived.
[ 9 ] Während man bei Savonarola überall das Gefühl hat, seine Seele eigne sich die Größe des Christentums erst während seines Lebens an, so hat man bei Raffael das Gefühl, dessen Seele werde schon so geboren, als ob sie in die Welt trete mit den in ihr schon von Geburt an lebenden christlichen Impulsen — mit solchen Impulse, die, indem sie von der ersten Kindheit an übergehen in den ganzen Menschen, den ganzen Menschen ergreifen und durch diese Entwicklung zu jener Höhe kommen können, wie sie niemals diese Ideen und Formen in einem Menschen haben, wenn sie erst elementar, unmittelbar auftreten. Und wir werden, wenn wir nicht pedantisch sind, wenn wir für das wirkliche Leben einer Menschenseele ein gewisses Gefühl haben, gar nicht mehr daran zweifeln können, dass eine solche Seele wie die Raffael-Seele als Seele, als geistige Wesenheit von vornherein aus übersinnlichen Welten sich all das mitbringt, was nimmermehr so sich ausleben könnte, wenn es erst durchströmen müsste die ganze persönliche Erziehung und Entwicklung. Solche Dinge lassen sich natürlich nicht an einem Abend beweisen; die übersinnlichen Wahrheiten können nicht — wie ich vorgestern auseinandergesetzt habe – [in derselben Weise] bewiesen werden wie die äußeren Wahrheiten der Naturwissenschaft; sie können aber trotzdem bewiesen werden, [denn] sie zeigen sich in ihren Wirkungen. Man muss [nur] erst den Weg finden, um an den Wirkungen zu erkennen, was dahinter als Ursache vorhanden ist. Dann verfolgen wir Raffael weiter nach Rom, wo er in eine Atmosphäre kommt, die sich merkwürdig zum Christentum verhält. Papst Julius II. wird sein Auftraggeber. Raffael malt in seinem Auftrag die größten Bilder, von welchen viele Menschen die Ansicht haben, dass sie zu den größten Bildern der menschlichen Malerei gehören; sie erfassen die Menschenseele und den Menschengeist im Allertiefsten. Und er malt sie so, dass in ihnen der ganze Geist des Christentums lebt, lebt wiederum auf eine selbstverständliche Weise. Er malt – das konnte nicht anders sein – zur Zufriedenheit des Papstes. Aber was für ein Papst war dieser Julius? Er war ein Papst, den man nach den heute ein wenig anders gewordenen Begriffen vielleicht gar nicht recht als Christ bezeichnen kann. Machiavelli, der nicht besonders von Moral durchzogen war, sagte, er sei eine teuflische Natur gewesen, eine Natur, der es vor allen Dingen um Macht und äußere Stellung zu tun war – zu tun war um Ruhm, vielleicht nicht persönlich für sich, aber für die Größe und Macht der Kirche. Er war eine Persönlichkeit, die in den Mitteln gar nicht wählerisch war, die gar nicht christlich war, wenn es darauf ankam, Macht, Ruhm, Größe zu erwerben. Das ist der Auftraggeber Raffaels. Und auch sonst, wenn wir das Rom der damaligen Zeit in der Umgebung Raffaels betrachten, so steht es allerdings in ganz merkwürdigem Gegensatz zu ihm. Aber gerade aus diesem Gegensatz erwächst etwas so Gewaltiges wie das, was vor unsere Augen auch heute noch hingestellt ist in den beiden Bildern «Die Schule von Athen» und «Disputa», wenn auch diese Bilder oft übermalt worden sind. In ihnen stellt sich vor uns hin eine großartige malerische Wiedergabe des Entwicklungsganges der Menschheit, eine solche malerische Wiedergabe, welche eingetaucht ist in den Geist christlicher Impulse.
[ 9 ] While with Savonarola one has the impression throughout that his soul only came to embrace the grandeur of Christianity during his lifetime, with Raphael, one has the feeling that his soul was born that way, as if it entered the world with Christian impulses already alive within it from birth—impulses that, by permeating the whole person from early childhood onward, take hold of the whole person and, through this development, can reach heights that these ideas and forms would never attain in a human being if they appeared only in their elementary, immediate form. And if we are not pedantic, if we have a certain sensitivity to the real life of a human soul, we can no longer doubt that a soul such as Raphael’s—as a soul, as a spiritual being—brings with it from the very beginning, from supersensible worlds, everything that could never be lived out in such a way if it first had to flow through the entire process of personal upbringing and development. Such things, of course, cannot be proven in a single evening; the supersensible truths cannot—as I explained the day before yesterday—be proven [in the same way] as the external truths of natural science; yet they can still be proven, [for] they reveal themselves through their effects. One must [only] first find the way to recognize, through these effects, what lies behind them as their cause. Then we follow Raphael on to Rome, where he enters an atmosphere that bears a remarkable relationship to Christianity. Pope Julius II becomes his patron. On his commission, Raphael paints the greatest works of art, which many people consider to be among the greatest in the history of human painting; they capture the human soul and spirit at their very depths. And he paints them in such a way that the entire spirit of Christianity lives within them—and lives there, moreover, in a natural, self-evident way. He paints—it could not be otherwise—to the pope’s satisfaction. But what kind of pope was this Julius? He was a pope whom, by today’s somewhat different standards, one might not even properly describe as a Christian. Machiavelli, who was not particularly imbued with morality, said he was a diabolical character, a character concerned above all with power and external status—concerned with fame, perhaps not personally for himself, but for the greatness and power of the Church. He was a figure who was not at all choosy in his methods, who was not at all Christian when it came to acquiring power, fame, and grandeur. This is Raphael’s patron. And indeed, when we consider the Rome of that time in Raphael’s circle, it stands in a very striking contrast to him. But it is precisely from this contrast that something as magnificent as what still stands before our eyes today in the two paintings *The School of Athens* and *The Disputation* arises—even though these paintings have often been overpainted. In them, we are presented with a magnificent artistic depiction of the course of human development—a depiction steeped in the spirit of Christian inspiration.
[ 10 ] Wenn wir das eine Bild betrachten, die sogenannte «Schule von Athen» – es ist nicht meine Ansicht, dass diese Bezeichnung berechtigt ist, aber man verständigt sich so am leichtesten –, wenn man dieses Bild auf sich wirken lässt, sieht man, vielleicht ohne dass es voll im Bewusstsein Raffaels gelebt hat, dass es das darstellt, was die menschliche Seele erkennen kann, wenn sie den Blick auf die äußere, sinnliche Wirklichkeit hin richtet und sich des Verstandes bedient, der an das menschliche Gehirn, an die menschliche Persönlichkeit gebunden ist. In allen Einzelheiten tritt uns das in wunderbarer Weise entgegen. Wenn wir den Blick hinwenden nach der rechten Gruppe auf dem Bilde, sehen wir, wie allerlei Dinge astronomisch festgestellt, errechnet werden, und dann fühlen wir: Da wird nicht nur Gewöhnliches gerechnet, sondern es werden aus der Bewegung der Sterne große Ereignisse der Weltgeschichte erschlossen – da wird Wissenschaft im kosmischen Sinn entfaltet. Und wenn wir dann den Blick nach links wenden, sehen wir an den Mienen [der Figuren], die das Rechte mit dem Linken verbinden, wie links aufgeschrieben wird, was rechts abgelesen wird aus den Sternkonstellationen, und wenn wir die Bücher wirklich vor unsere Augen bekommen könnten, könnten wir sehen, wie auf der linken Seite Weltengeheimnisse geschrieben werden, die [rechts] durch sinnenfällige Beobachtung festgestellt werden. Das sehen wir, aber Raffael braucht sich dessen nicht bewusst gewesen zu sein; darin lag die Tradition der damaligen Zeit, wie in sie tief hineingeheimnisst worden ist das, was das Wesen des [aufgehenden Christentums gegenüber dem Griechentum] ausmacht. Und ob wir uns auf den Standpunkt derjenigen stellen, die in den Mittelfiguren Plato und Aristoteles sehen, oder ob wir es auf der linken Seite mit einem Evangelisten zu tun haben – in beiden Fällen ist das jetzt Auseinandergesetzte durchaus verständlich.
[ 10 ] When we look at this one painting, the so-called “School of Athens”—I do not believe this title is justified, but it is the easiest way to refer to it—when one allows this painting to sink in, one sees, perhaps without it having been fully conscious in Raphael’s mind, that it depicts what the human soul can perceive when it directs its gaze toward external, sensory reality and makes use of the intellect, which is bound to the human brain and the human personality. This is presented to us in every detail in a marvelous way. When we turn our gaze to the group on the right in the painting, we see how all manner of things are astronomically determined and calculated, and then we sense: Here, it is not merely the ordinary that is being calculated, but great events of world history are being deduced from the movement of the stars—science is being unfolded in a cosmic sense. And when we then turn our gaze to the left, we see in the expressions [of the figures] who connect the right with the left how what is read on the right from the constellations is written down on the left; and if we could truly see the books before our eyes, we would see how, on the left, the mysteries of the world are written down, which [on the right] are determined through sensory observation. We see this, but Raphael need not have been aware of it; such was the tradition of that time, and deeply ingrained within it was what constitutes the essence of [emerging Christianity in contrast to Greek culture]. And whether we take the viewpoint of those who see Plato and Aristotle in the central figures, or whether we are dealing with an evangelist on the left-hand side—in both cases, the contrast now presented is entirely understandable.
[ 11 ] Dann wenden wir den Blick auf die andere Seite der «Camera della Segnatura» und finden da über das ganze Bild jenen Zauber ausgegossen, der uns veranschaulicht, wie die Entwicklung vorwärtsgegangen ist von der Betrachtung der sinnlichen Welt durch den menschlichen Geist zu einem Vertiefen in das Übersinnliche, Unsichtbare. Dieses Versenktsein der menschlichen Seele in das Übersinnliche waltet und webt im Bild der sogenannten «Disputa». Die symbolische Anordnung der Gestirne muss zeigen, in Verbindung mit den unteren Szenen, dass etwas Bedeutungsvolles geschehen ist im Laufe der Menschheitsentwicklung, indem der Mensch verinnerlicht wurde durch den Einschlag des christlichen Impulses in die geistige Entwicklung der Menschheit, der auf der einen Seite eine Vertiefung der menschlichen Seele bedeutet, auf der anderen Seite durch diese innerliche Vertiefung hinaufführt zu der Erkenntnis, zu der Ahnung übersinnlicher Welten. Diese können nur erreicht werden, wenn die Menschenseele sich selbst erzieht und sich dadurch jene Kräfte aneignet, durch die sie ahnen oder schauen kann die Welten, die hinter den [Sinnes]welten liegen.
[ 11 ] Then we turn our gaze to the other side of the “Camera della Segnatura” and find there, spread across the entire painting, that magic which illustrates to us how development has progressed from the human spirit’s contemplation of the sensory world to a deepening into the supersensory, the invisible. This immersion of the human soul in the supersensible reigns and weaves its way through the image of the so-called “Disputa.” The symbolic arrangement of the heavenly bodies is meant to show, in conjunction with the lower scenes, that something significant has occurred in the course of human development: namely, that the human being has been internalized through the impact of the Christian impulse on humanity’s spiritual development, which on the one hand signifies a deepening of the human soul, and on the other hand, through this inner deepening, leads upward to the knowledge and intuition of the supersensible worlds. These can only be attained if the human soul educates itself and thereby acquires those powers through which it can sense or perceive the worlds that lie beyond the [sensory] worlds.
[ 12 ] Es ist nicht meine Absicht, in pedantischer Weise, etwa durch Theorien, solche Bilder zu erklären, aber man muss Worte gebrauchen, die nicht irgendwelche Kommentare für Bilder sind, sondern die das andeuten sollen, was man naturgemäß empfindet. Es könnte einem sonst so unsympathisch sein [wie] die Kommentare, die in Reisebüchern stehen, und [es müsste] einen gar nicht interessieren, was die einzelnen Gestalten bedeuten, [sondern] was interessant ist, [das ist] das Künstlerische, die Empfindung, die durch die Seele zieht, und wir werden so nicht unmittelbar durch ein abstraktes Nachdenken auf den Horizont der geistigen Entwicklung der Menschheit gestellt, nicht durch abstrakten Verstand, sondern durch Empfindung. Wir fühlen den Impuls, der lebt und webt durch die Geschichte der Menschheitsentwicklung. Und es ist wiederum so: Wenn wir jetzt von diesen Bildern absehen und in die Seele Raffaels hineinschauen, dann müssen wir sagen, dass sie mitten drinnen in einer Umgebung lebte, die in ihrer Außenseite nichts von dem zeigte, was an Innigkeit, an Seelenhaftigkeit in diesen Bildern liegt, und [trotzdem] kam Raffael dazu, die innersten Impulse und die innersten Bewegungskräfte des Christentums im Verlauf der Weltgeschichte in diese Bilder hineinzuzaubern.
[ 12 ] It is not my intention to explain such images in a pedantic way, for example through theories, but one must use words that are not merely comments on images, but rather are meant to convey what one naturally feels. Otherwise, it could be just as unappealing [as] the captions found in travel guides, and [one would] not be interested at all in what the individual figures signify; [rather] what is interesting [is] the artistry, the feeling that stirs the soul—and in this way we are not immediately placed, through abstract reflection, on the horizon of humanity’s spiritual development—not through abstract reason, but through feeling. We feel the impulse that lives and weaves its way through the history of human development. And yet again: If we now look beyond these paintings and into Raphael’s soul, then we must say that she lived in the midst of an environment that, on the outside, revealed nothing of the intimacy and spiritual depth found in these paintings, and [nevertheless] Raphael managed to conjure into these paintings the innermost impulses and the innermost driving forces of Christianity throughout the course of world history.
[ 13 ] So ist es mit vielem anderen, was wir sehen, und wenn man dann sich erhebt gar zu dem, was auf den Raffael-Betrachter doch bei allem heute noch den tiefsten Eindruck machen kann, sich erhebt zu dem, in das unendlich viel zusammengefallen ist von Raffaelischem Schaffen, zur «Sixtinischen Madonna», wenn man dieses merkwürdige Bild in Dresden auf sich wirken lässt, dann kommt man noch zu einer ganz besonderen Anschauung über diese so [aus sich] selbst verständliche Raffael-Seele, dann kommt man zu dem wirkenden geistigen Christus-Impuls. Wenn man wiederum rein empfindungsgemäß vor dieser «Sixtinischen Madonna» steht, dann hat man den Eindruck, dass einen etwas hinaushebt über das gewöhnliche Menschliche. Das ist der erste Eindruck, aber einer, der sich immer mehr verstärkt und immer gewaltiger wird; es hebt einen etwas hinaus über das gewöhnliche menschliche Empfinden. Man wird an seiner Seele wieder Teilnehmer einer anderen Welt, und wenn man sich dann fragt: Warum ist das so? –, so sind es vielleicht doch am besten die Empfindungen der Geisteswissenschaft, die einen aufklären können. Diese Empfindungen der Geisteswissenschaft, wie können sie sich ergeben?
[ 13 ] The same is true of much else that we see, and when one then rises even to that which, despite everything, can still make the deepest impression on the viewer of Raphael today—rises to that in which so much of Raphael’s creative work has converged: the “Sistine Madonna”— when one allows this remarkable painting in Dresden to take effect upon oneself, one arrives at a very special insight into this Raphael soul that is so self-evident, and one arrives at the active spiritual impulse of Christ. If, on the other hand, one stands before this “Sistine Madonna” guided purely by feeling, one has the impression that something lifts one above the ordinary human condition. This is the first impression, but one that grows ever stronger and more powerful; it lifts one somewhat above ordinary human feeling. In one’s soul, one once again becomes a participant in another world, and when one then asks oneself: Why is this so? — perhaps it is the insights of spiritual science that are best suited to enlighten one. These insights of spiritual science—how can they arise?
[ 14 ] Lenken wir den Blick vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft hin auf die ganze Entwicklung der Menschheit. Dadurch stehen wir auf dem Boden einer ernsten, umfassenden Entwicklungslehre, aber einer Entwicklungslehre, die sich gar sehr unterscheidet von der materialistischen, die heute von so vielen für ein unbedingtes Evangelium gehalten wird. Diese verfolgt die Erscheinungen zwar bis zu einem gewissen Ursprung – sie so zurückzuverfolgen bis zu diesen Ursprüngen ist für die sinnliche Anschauung berechtigt. Man kommt da zu materiellen Ursprüngen, die ganz einfache Formen zeigen und die durch langsame Vervollkommnung und Entwicklung den heutigen Standpunkt ergeben haben. Darauf ist diese Entwicklungslehre heute besonders stolz: den Menschen als ein von anderen Anfängen primitiver lebender Wesen sich allmählich herauferhebendes Wesen zu begreifen, bis zu seiner heutigen Größe, wie er als physischer Mensch uns heute entgegentritt. Darin sehen manche Materialisten geradezu das Um und Auf des Menschen. Geisteswissenschaft führt uns auch in die Vergangenheit zurück, aber wenn man mit den Methoden, die vorgestern geschildert worden sind, den geistigen Blick zurückwendet, kommt man nicht zu anderen, materiellen Lebensformen, von denen sich der Mensch her entwickelt haben sollte, sondern man kommt zuletzt zu einem geistigen Anfang der Entwicklung. Man kommt zu Ursprüngen, die rein geistig sind. Und man sieht auf der einen Seite das Materielle selbst aus dem Geiste hervorgehen und auf der anderen Seite das Geistige dem ursprünglichen, geistigen Zwecke [gemäß] sich zu späteren geistigen Formen entwickeln.
[ 14 ] Let us turn our gaze, from the perspective of spiritual science, to the entire development of humanity. In doing so, we stand on the ground of a serious, comprehensive theory of evolution—but one that differs greatly from the materialistic theory that so many today regard as an unquestionable gospel. This theory does indeed trace phenomena back to a certain origin—and tracing them back to these origins is justified from the standpoint of sensory perception. One arrives at material origins that exhibit very simple forms and that, through slow refinement and development, have led to the present state of affairs. This theory of evolution takes particular pride in this today: understanding human beings as beings who gradually rose from other, more primitive forms of life to their present stature, as they appear to us today as physical human beings. Some materialists see this as the very essence of humanity. Spiritual science also leads us back into the past, but when we turn our spiritual gaze backward using the methods described the day before yesterday, we do not arrive at other, material life forms from which humanity is supposed to have developed, but we ultimately arrive at a spiritual beginning of evolution. One arrives at origins that are purely spiritual. And one sees, on the one hand, the material itself emerging from the spirit, and on the other hand, the spiritual developing into later spiritual forms in accordance with its original, spiritual purpose.
[ 15 ] Wenn man da auf den Menschen selbst sieht, auf den ganzen Menschen, auf das Geistig-Seelische im Menschen, und die Entwicklung zurückverfolgt, kommt man zu einer urfernen Vergangenheit, in der der Mensch schon erscheint; er ist schon vorhanden, bevor noch die anderen Wesen, die ihn heute in den drei Naturreichen umgeben, entstanden sind. [Diese erweisen sich als eine Art von abfallenden Seitenströmungen, sozusagen Abströmungen von der großen Entwicklungslinie: Der Mensch ist das Ursprüngliche, er ist zuerst da, aber als geistiges Wesen, und indem er sich weiterentwickelt, stößt er gleichsam von seiner Unterströmung die anderen Naturreiche ab.] Man kann ein Bild wählen für diese Entwicklung. Nehmen wir an, wir haben in einem Glas eine Flüssigkeit, vermischt mit etwas, was sich rein erhalten kann. Das Feinere der Flüssigkeit bleibt oben, das Gröbere setzt sich nach unten ab, wir haben also oben das Feine, unten das Feste.
[ 15 ] If one looks at the human being itself—at the whole human being, at the spiritual-soul aspect within the human being—and traces back its development, one arrives at a very distant past in which the human being already appears; it already exists before the other beings that surround it today in the three kingdoms of nature have even come into being. [These prove to be a kind of offshoot, so to speak, flowing off the main line of development: Human beings are the original ones; they are there first, but as spiritual beings, and as they continue to develop, they push the other kingdoms of nature away, as it were, from their undercurrent.] One can choose an image to illustrate this development. Let us suppose we have a liquid in a glass, mixed with something that can remain pure. The finer part of the liquid remains on top; the coarser part settles to the bottom; so we have the fine substance above and the solid below.
[ 16 ] So gelangen wir in der geistigen Wissenschaft zu dem Ursprung zurück, in dem der Mensch vorhanden ist als geistig-seelisches Wesen; er entwickelt sich in seinem Geistesleben zu reineren Formen, die eben in seiner späteren Mission liegen und die [verglichen mit] dem Ursprünglichen eine feinere Ausgestaltung seines Seelenwesens bedeuten. Er muss, damit dieses abstrakte Seelische rein herauskommen kann, die anderen Naturreiche absondern: Diese sind gleichsam da, um für den Menschen die Grundlage zu seiner höheren Entwicklung zu geben. Wenn wir diesen Gedanken nicht in seiner gedanklichen Form, sondern als Empfindung auf uns wirken lassen, wenn wir ihn in Gefühlsform verwandeln, dann haben wir da, wenn wir den Blick auf all das lenken, was uns in dem physischen Naturreiche umgibt, das Gegenwärtige vor uns; wenn wir aber den Blick wenden auf das, was aus der Menschenseele tritt, so gewahren wir da etwas, was wir nicht verstehen können – wenn wir den Blick nur herumschweifen lassen über die äußere irdische Natur und ihn nicht hinauflenken zu etwas Überirdischem. Wir fühlen, wie das gegenwärtige Menschentum nur dadurch entstehen konnte innerhalb seiner Erdenmission, dass es das Ergebnis von etwas ist, was aus anderen Sphären zu uns kommt, was ein höheres Menschentum ist, das gleichsam heruntergestiegen ist, um mit den gegenwärtigen Naturreichen die Erde zu erfüllen. Wir fühlen gegenüber der Menschennatur, dass sie uns ihren Ursprung aus geistigen Höhen kündet. Wir fühlen, wie die Menschheit erhöht wird, wenn wir also uns empfindungsgemäß zu dem erheben, wovon Geisteswissenschaft sprechen kann.
[ 16 ] Thus, in spiritual science, we return to the origin in which the human being exists as a spiritual-soul being; in his spiritual life, he develops into purer forms, which lie precisely in his later mission and which, [compared to] the original state, represent a more refined configuration of his soul being. In order for this abstract soul to emerge in its pure form, human beings must separate themselves from the other kingdoms of nature: these exist, as it were, to provide the foundation for human beings’ higher development. If we allow this thought to take effect on us not in its intellectual form but as a feeling—if we transform it into an emotional experience—then, when we direct our gaze toward all that surrounds us in the physical realm of nature, we have the present reality before us; but when we turn our gaze to what emerges from the human soul, we perceive something we cannot understand—if we merely let our gaze wander over the outer, earthly nature and do not direct it upward toward something supernatural. We feel that present-day humanity could only have come into being within its earthly mission because it is the result of something that comes to us from other spheres—a higher form of humanity that has, as it were, descended to fill the earth with the present realms of nature. We sense that human nature reveals to us its origin in spiritual heights. We feel how humanity is elevated when we, in accordance with our inner feelings, rise to that of which spiritual science can speak.
[ 17 ] Wenn Sie von allem Theoretischen absehen und jetzt die Empfindung in sich rege machen, die entstehen kann, wenn wir den Menschen in seinem übersinnlichen Heranschweben an seine sinnliche Mission verspüren, dann haben wir – man muss die Empfindungen vergleichen – die gleiche Empfindung, wie wenn wir uns die Raffael’sche «Madonna Sixtina» vergegenwärtigen, wobei uns auch das Bild von Isis mit Horus entgegentritt. Und wer sich so recht hineinfinden kann in den überirdischen Menschenursprung, kann dergleichen Empfindungen wiederholt haben, [wenn er die aus Äthersphären heranschwebende «Sixtinische Madonna» mit dem Jesuskinde, dem erhöhten Menschentum, sieht und er die Wolken schauen kann als die Grundlage], die ätherische Grundlage, aus der heraus dasjenige kommt, was wahrer, geistiger, übermaterieller Menschenursprung ist. Man muss allerdings sagen: Solche Betrachtungen brauchen durchaus nicht [bewusst] in Raffaels Seele gelegen zu haben, aber wir haben wiederholt betont, dass diese Menschenseele eine zweifache Natur hatte, dass etwas in den oberen Regionen des Bewusstseins vorging, wovon die [untere] Menschenseele nichts zu wissen brauchte, was aber nicht minder real war; und die Impulse, die Empfindungs- und Gefühlsimpulse, die so wirkten, wie eben geschildert, machen einem allein verständlich, wie aus Raffaels Seele gerade dieses Bild hat entstehen können.
[ 17 ] If you set aside all theory and now awaken within yourself the feeling that can arise when we sense human beings in their supersensible approach to their sensory mission, then we have—one must compare these feelings —the same sensation as when we visualize Raphael’s “Sistine Madonna,” in which the image of Isis with Horus also comes to mind. And anyone who can truly immerse themselves in the supermundane origin of humanity may have experienced such sensations repeatedly, [when they see the “Sistine Madonna” floating down from the etheric spheres with the infant Jesus—the exalted humanity—and can perceive the clouds as the foundation], the etheric foundation from which arises that which is the true, spiritual, supermaterial origin of humanity. It must be said, however, that such contemplations need not have been [consciously] present in Raphael’s soul; but we have repeatedly emphasized that this human soul had a dual nature, that something was taking place in the higher regions of consciousness of which the [lower] human soul need not be aware of, but which was no less real; and the impulses—the impulses of sensation and feeling—that worked as just described are the only way to understand how precisely this painting could have emerged from Raphael’s soul.
[ 18 ] Alle diese Betrachtungen versuchte ich anzustellen aus dem Grunde, weil ich verständlich machen möchte, was mir bei Raffael im Einklang mit der Geisteswissenschaft erscheint: Wir haben in seiner [von der Umgebung] isolierten Seele etwas vor uns, was von vornherein vorbestimmt ist, was berufen ist, die geistigen Impulse in ihrer christlicher Nuancierung malerisch zu verwirklichen. In der «Sixtinischen Madonna» erhebt sich Raffael in einer gewissen Weise zu einem überchristlichen Standpunkt, zu dem Standpunkt, der über das historische, über das traditionell Christliche hinausgeht, indem er den geistig-kosmischen Ursprung des Menschenwesens fühlt und künstlerisch darstellt. So betrachtet, lässt es diese Raffael-Seele gar nicht zu, gleichgestellt zu werden einer anderen Seele, wie etwa derjenigen des Savonarola.
[ 18 ] I have attempted to make all these observations because I would like to explain what strikes me as consistent with spiritual science in Raphael’s work: In his soul—isolated from its surroundings—we find something that is predetermined from the outset, something destined to realize spiritual impulses in their Christian nuances through painting. In the “Sistine Madonna,” Raphael rises, in a certain sense, to a transcendent Christian perspective—one that goes beyond the historical and the traditional Christian—by sensing and artistically depicting the spiritual-cosmic origin of the human being. Viewed in this light, Raphael’s soul simply cannot be equated with any other soul, such as that of Savonarola.
[ 19 ] Bei Savonarola können wir gewissermaßen in jedem Punkt seiner Entwicklung zeigen, wie er sich mit den christlichen Anschauungen verbindet, wie alles wird und hervorsprudelt; bei Raffael scheint es selbstverständlich, dass mit seiner Geburt ihm die christliche Anschauung schon gegeben ist. Wir fühlen, wie zwar die christlichen Impulse mit Raffael verbunden sind, aber etwas anderes fühlen wir nicht: Wir fühlen das nicht mit der RaffaelSeele verbunden, was diese ganz besonders aus ihrer Umgebung brauchte, und das war das Griechentum. Dieses Griechentum stellt sich in einer ganz sonderbaren Weise in die Geistesentwicklung der Menschheit hinein. Schon öfter habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass wir Geisteswissenschafter die Menschheitsentwicklung so anzuschauen haben, dass wir, wenn wir immer weiter zurückgehen in alte Zeiten, die Menschenseelen mit anderen Bewusstseinszuständen finden als gegenwärtig; alles ist [in] Entwicklung — die Menschenseele besonders! —, und wenn einmal Geisteswissenschaft in ihrem Werte erkannt sein wird, wird man einsehen, wie einseitig es ist, die Evolution rein materialistisch zu betrachten, zurückzugehen zu Menschenformen, in denen die Seele in mehr tierischem Zustande ihr Bewusstsein entwickeln würde. Wenn man geisteswissenschaftlich zurückgeht, findet man einen ganz anderen Zustand der Entwicklung, und heute schon kann man in der Lage sein, aus älteren Geistesprodukten, Mythen und Sagen bewahrheitet zu finden, was die Geistesforschung zu sagen hat über ältere Zustände der Menschenseele.
[ 19 ] With Savonarola, we can, in a sense, demonstrate at every stage of his development how he connects with Christian ideas, how everything comes into being and bursts forth; with Raphael, it seems self-evident that the Christian worldview was already given to him at birth. We sense how Christian impulses are indeed connected to Raphael, but we do not sense something else: we do not sense that which the soul of Raphael particularly needed from its surroundings, and that was Greek culture. This Greek culture inserts itself in a very peculiar way into the spiritual development of humanity. I have often pointed out that we, as spiritual scientists, must view human development in such a way that, as we go further and further back into ancient times, we find human souls with states of consciousness different from those of the present; everything is [in] development—the human soul especially!—and once spiritual science is recognized for its true value, people will realize how one-sided it is to view evolution from a purely materialistic perspective, going back to human forms in which the soul would develop its consciousness in a more animal-like state. If one traces human development from a spiritual-scientific perspective, one finds an entirely different stage of development, and even today one can find confirmation in ancient spiritual works, myths, and legends of what spiritual research has to say about earlier states of the human soul.
[ 20 ] Wir kommen dahin zu verstehen, dass die Menschenseelen in Urzeiten ausgestattet waren mit einem ursprünglichen Hellsehen, einem traumhaften Hellsehen. Dasjenige, was wir heute unser deutliches sinnliches Wahrnehmen, unsere scharfumrissenen Verstandesbegriffe, unser Selbstbewusstsein nennen, war in Urzeiten in der Menschenseele nicht vorhanden. Damit das kommen konnte, musste das ursprüngliche Hellsehen verglimmen, heruntergedämpft werden. Nicht mit einem heutigen gewöhnlichen Träumen ist dieser Zustand zu vergleichen, wohl aber mit einem traumhaften Leben, welches in Bildern ganz nach Art der Traumbilder geordnet ist, die aber doch Abbilder von geistigen Wirklichkeiten sind. Mit einem solchen traumhaften Hellsehen war in Urzeiten die Menschenseele behaftet. Dieses Hellsehen nahm ab, und jetzt stehen wir in der Entwicklung da, wo zur Ausbildung eines Selbstbewusstseins, zur Ausbildung scharf konturierter Verstandesbegriffe, das alte Hellsehen erlöschen musste.
[ 20 ] We are coming to understand that in primeval times, human souls were endowed with a primal form of clairvoyance—a dreamlike clairvoyance. What we today call our clear sensory perception, our sharply defined intellectual concepts, and our self-awareness did not exist in the human soul in those primeval times. For this to come about, the original clairvoyance had to fade away, to be subdued. This state cannot be compared to ordinary dreaming as we know it today, but rather to a dreamlike existence organized in images entirely in the manner of dream images—images that are, however, reflections of spiritual realities. In primeval times, the human soul was endowed with such a dreamlike clairvoyance. This clairvoyance diminished, and we now stand at a stage in our development where, for the formation of self-consciousness and of sharply defined intellectual concepts, the old clairvoyance had to fade away.
[ 21 ] Wenn etwas sich zur Vollkommenheit ausbilden soll, muss anderes zurücktreten. Dieses Gesetz der Balance beherrscht die ganze Natur, sodass, wenn wir aufsteigen zum vollen Selbstbewusstsein – in einer fernen Zukunft wird die Menschheit damit wieder ein gewisses Hellsehen verbinden –, wir gleichsam eine absteigende Linie der Menschheitsentwicklung von dem ursprünglichen Hellsehen haben und jetzt eine Art Aufsteigen durch [Entwicklung von] Selbstbewusstsein, Verstandesbegriffen und äußerer wissenschaftlicher Anschauung zum Hellsehen. Und was spüren wir in der Mitte? Wir spüren das Griechentum – dieses Griechentum, das gerade deshalb so merkwürdig ist, weil es auf der einen Seite den Abschluss des alten traumhaften Hellseherbewusstseins bedeutet und auf der anderen Seite den Anfang des äußeren Gegenstandsbewusstseins. Daher sehen wir dieses Griechentum mit seinen ganz besonderen Eigenschaften, die darin bestehen, dass der Grieche noch viel mehr das Geistige unmittelbar erlebte, aber nicht so, wie der Mensch der Urzeit es erlebte, der es sozusagen äußerlich sah, sondern so, dass der Grieche seine eigene Persönlichkeit verwoben mit allem äußeren Dasein empfand. Er fühlte sich noch im Kosmos, in der Außenwelt drinnenstehend und fühlte die Gesetze, die durch die Außenwelt weben und leben, in seinem eigenen Wesen.
[ 21 ] If something is to develop to perfection, something else must take a back seat. This law of balance governs all of nature, so that as we ascend toward full self-awareness—in a distant future, humanity will once again associate this with a certain form of clairvoyance—we have, as it were, a descending line of human development from the original clairvoyance and now a kind of ascent through [the development of] self-awareness, intellectual concepts, and external scientific perspective toward clairvoyance. And what do we sense in the middle? We sense Greek civilization—this Greek civilization that is so remarkable precisely because, on the one hand, it marks the conclusion of the ancient, dreamlike clairvoyant consciousness and, on the other hand, the beginning of external, object-oriented consciousness. Hence we see this Hellenism with its very special characteristics, which consist in the fact that the Greek experienced the spiritual much more directly—but not in the way that prehistoric man experienced it, who saw it, so to speak, externally—but rather in such a way that the Greek felt his own personality interwoven with all external existence. He still felt himself to be within the cosmos, within the external world, and felt the laws that weave through and animate the external world within his own being.
[ 22 ] Es mag hypothetisch erscheinen, aber wer sich auf Geisteswissenschaft einlässt, wird bewahrheitet finden, was ich sagen will: Der Grieche brauchte, wenn er seine Skulpturwerke schuf, die auf uns ja nur mangelhaft gekommen sind, nicht Modelle in unserem Sinn. Wenn er irgendetwas darstellte, vor allem die menschliche Gestalt, so stellte er sie nicht in Nachahmung des äußeren Modells dar, sondern aus dem inneren Bewusstsein. Er wusste, was für Kräfte in dem Raum wirken, und das Bewusstsein von diesen Kräften bildete sich in ihm so aus, dass er aus der Form des Raumes von den inneren Kräften ein Bewusstsein hatte. Und so prägte er das, was er selbst innerlich erschaute, von innen heraus dem äußeren Stoff als Form ein. Wie der Mensch der Urzeit Raumbilder aufsteigen fühlte und in seiner Seele so verknüpft war mit dem gesamten Kosmos, dass diese Bilder die Wirklichkeit abbildeten, so war der Grieche verbunden mit den Weltengesetzen, die er als den Leib durchwirkend empfand. Er schuf, was er erlebte, und das schuf er wiederum an einem Skulpturwerke. Wenn er den Zeus darstellen wollte, dann wusste er, wie der Zeus zusammenhängt in seiner Physiognomie mit jenen Erlebnissen, die sich in äußeren Formen ausprägen. Er erschuf, was er innerlich erlebte, im äußeren Stoff. So können wir das Griechentum anschauen; es ist noch eine Weltanschauung, [in der] eine Empfindung gebunden ist an ein unmittelbares Menschheitsbewusstsein.
[ 22 ] It may seem hypothetical, but anyone who delves into the spiritual sciences will find that what I am saying is true: When the Greeks created their sculptures—which have, after all, come down to us in an incomplete form—they did not need models in the sense that we understand them. When he depicted anything—especially the human form—he did not depict it by imitating an external model, but rather from his inner consciousness. He knew what forces were at work in space, and his awareness of these forces developed within him in such a way that he possessed an awareness of the inner forces through the form of space. And so he imprinted what he himself perceived inwardly onto the external material as form, from within. Just as prehistoric humans sensed images of space rising within them and were so connected in their souls to the entire cosmos that these images reflected reality, so too were the Greeks connected to the laws of the universe, which they perceived as permeating their very bodies. They created what they experienced, and this, in turn, they expressed in a sculptural work. When he wanted to depict Zeus, he knew how Zeus’s physiognomy was connected to those experiences that find expression in external forms. He created in the external material what he experienced inwardly. This is how we can view Greek culture; it is still a worldview [in which] a feeling is bound to an immediate consciousness of humanity.
[ 23 ] Man kann sich nun kaum einen größeren Gegensatz denken als den zwischen dem echten Griechen, wie er sich zur Natur und zum gesamten Dasein stellt, und einer Persönlichkeit, die im Grunde genommen nur drei- bis vierhundert Jahre zeitlich getrennt ist von dem Einschlag des Christus-Impulses in die Menschheit, einer Persönlichkeit, sagen wir, wie der des Augustinus. Man lese irgendein Werk dieses christlichen Kirchenvaters, der auch ein großer Philosoph war, und suche das zu vergleichen, was Augustinus gibt durch innerstes Erleben des Seelischen, durch innerliches Erfühlen des Wesens der Menschenseele, mit allem, was in Griechenland, sei es philosophisch oder dichterisch, gegeben worden ist. Beim griechischen Geist fühlen wir, wie er sich nicht abtrennen kann von dem Äußerlichen, wie er eins ist mit der Außenwelt, indem er wahrnimmt den in sich hereinströmenden Gang der Außenwelt und sich selbst als der Außenwelt zugehörig erlebt. Bei Augustinus sehen wir den Blick hineingelenkt auf die innere, seelische Welt. Dadurch erscheint dieses innerliche Erschaffen in einer Form, wie es undenkbar für irgendeine Schöpfung des alten Griechentums ist. So verinnerlichen konnte diese sich nicht, weil ihre Größe noch verwachsen war mit dem Bewusstsein der Außenwelt. Es war ein ungeheurer Einschlag in die ganze geistige Entwicklung der Menschheit, und man braucht nicht auf dem Boden des positiven Christentums zu stehen, um diesen gewaltigen Einschlag zu sehen. Man könnte sich sogar die paradoxe Vorstellung machen, dass selbst derjenige, der nie etwas von Christus erfahren hätte, wenn er das Griechentum und Augustinus in seiner Eigentümlichkeit betrachtet, sich sagen müsste: Da ist etwas in der fortlaufenden Entwicklung geschehen, das das Äußerliche zum Innerlichen gemacht hat; und diese Verinnerlichung ist der Grundimpuls des Christentums, der herauswächst aus dem Äußerlichen und hineinwächst in das Innerliche.
[ 23 ] One can hardly imagine a greater contrast than that between the true Greek—as he relates to nature and to existence as a whole—and a figure who, strictly speaking, is separated by only three or four hundred years from the impact of the Christ impulse on humanity—a figure, let us say, such as Augustine. Read any work by this Christian Church Father, who was also a great philosopher, and try to compare what Augustine offers through his innermost experience of the soul—through his inner sensing of the essence of the human soul—with everything that has been produced in Greece, whether philosophical or poetic. In the Greek spirit, we sense how it cannot separate itself from the external world, how it is one with the external world by perceiving the flow of the external world streaming into itself and experiencing itself as belonging to the external world. In Augustine, we see the gaze directed inward toward the inner, spiritual world. As a result, this inner creation takes on a form that would have been unthinkable for any creation of ancient Greece. Ancient Greece could not internalize itself in this way because its greatness was still intertwined with an awareness of the external world. It was a tremendous impact on the entire spiritual development of humanity, and one need not stand on the ground of positive Christianity to see this powerful impact. One could even conceive of the paradoxical idea that even someone who had never heard of Christ, upon considering Greek culture and Augustine in their distinctiveness, would have to say to himself: Something has happened in the ongoing development that has transformed the external into the internal; and this internalization is the fundamental impulse of Christianity, which grows out of the external and into the internal.
[ 24 ] Wenn wir die Sache so betrachten und dann wiederum auf Raffael zurückblicken, können wir sagen: Was da als Grundnerv des Christentums erscheint, lebt in der Raffael’schen Seele, indem diese Seele durch die Geburt ins Dasein schreitet. Wir sehen das in seiner Entwicklung gegeben, wenn Sie nur unbefangen zu Werk gehen und nicht alles nur mit materialistisch-historischem Sinn in diese Raffael-Seele hineintragen wollen. Betrachtet man sie unbefangen, so erscheint sie so, als ob sie durch Geburt die christlichen Impulse schon mitgebracht hat, die wir als ihre ureigensten zu bezeichnen haben. Aber nun ist Raffael an jenem Wendepunkt der ganzen geistigen Entwicklung der Menschheit geboren, in jene Zeit hineingestellt, in der das, was Erinnerung war, in einem gewissen äußeren Sinn neu geboren, wiedergeboren werden sollte. Und da zeigt sich uns ein großes, nur mit Hilfe der Geisteswissenschaft zu durchdringendes Gesetz der Entwicklung. Gewöhnlich stellt man sich Entwicklung so vor, als ob Ursache und Wirkung einfach aufeinanderfolgen würden. So gehen die Dinge aber nicht vor sich, denn eine genaue Betrachtung zeigt uns, dass eine solche geradlinige Entwicklung Phantasterei ist. Die wirkliche Entwicklung geht so vor sich, dass eine gewisse Strömung von einem Punkt zum anderen Punkt weiterschreitet, und wenn sie an einem gewissen Punkt angekommen ist, wird ein Altes neu aufgenommen. Es verbindet sich das Spätere mit dem Früheren, das nicht durch eine Entwicklungsströmung hindurchgegangen ist, sondern aufgespart worden ist in seiner ursprünglichen Gestalt. Wir haben ein Zurückgreifen und ein Aufnehmen eines auf einer ursprünglichen Stufe Stehengebliebenen, das sich mit einem Späteren verbindet.
[ 24 ] If we look at the matter this way and then turn our attention back to Raphael, we can say: What appears there as the fundamental spirit of Christianity lives in Raphael’s soul as that soul steps into existence through birth. We see this reflected in his development, if only you approach his work with an open mind and do not try to impose a purely materialistic-historical interpretation on Raphael’s soul. If one views it impartially, it appears as though, through birth, he had already brought with him the Christian impulses that we must describe as his very own. But Raphael was born at that turning point in the entire spiritual development of humanity, placed in that era in which what had been memory was to be reborn, in a certain external sense, anew. And here a great law of development reveals itself to us, one that can be understood only with the help of spiritual science. Usually, people imagine development as though cause and effect simply followed one another. But that is not how things proceed, for closer examination shows us that such a linear development is a fantasy. True development proceeds in such a way that a certain current flows from one point to another, and when it reaches a certain point, something old is taken up anew. The later connects with the earlier—which has not passed through a current of development but has been preserved in its original form. We see a returning to and an assimilation of what has remained at an original stage, which then connects with something that came later.
[ 25 ] So sehen wir bei Raffael: Was bis zu seiner Zeit mit einem Charakter der bloßen Innerlichkeit behaftet erschien, ist wieder zur äußeren Offenbarung geworden. Man führe sich nur vor Augen, wie Franz von Assi; den Werken von Giotto wiedergegeben ist. Da sehen wir, wie selbst bei der Malerei alles innerlich bleibt, es geht nicht in Form und Farbe über. Wir müssen überall auf das innere Geschehnis zurückgehen, und wenn wir bei Giotto zum inneren Geschehnis übergehen, so ist die äußere Darstellung das weniger Interessante. Bei Raffael ist es nicht so. Hier fühlen wir nirgends die Veranlassung, hinwegzuschauen von dem, was er uns unmittelbar offenbart, von dem, was da ist, was in Farbe und Form vor uns steht, sondern bei Raffael ist alles Innere in das Äußere hineingeflossen. Dazu bedurfte es in der Seele Raffaels, wenn er auch mit dem verinnerlichten Impuls des Christentums geboren wurde, der Aufnahme des Griechentums. Bei Raffael sehen wir nun, wie zurückgegriffen wird auf diesen früheren Entwicklungszustand, der für ihn im Grunde genommen aber neu war. Es ist merkwürdig, wie auf der einen Seite dieses Griechentum bis zur Zeit Raffaels äußerlich im Schoße der Erde ruhte, sodass Raffaels Zeitgenossen als Erste wieder das sehen konnten, was damals [durch die Ausgrabungen] an die Oberfläche kam, und wie auf der anderen Seite in Raffael das Griechentum wieder erwachte, nur jetzt ins Innerliche verwandelt, was in der äußeren Skulpturform das Griechentum geschaffen hatte. Was die Griechen in Skulpturform haben leisten können, war für Raffael nicht unmittelbar geeignet; was ihm aber oblag, war, das innerliche Leben zum äußeren Ausdruck zu bringen. Dazu musste die Malerei, die ganz anders als die Skulptur das Innere zum Äußeren machen kann, wiederum griechische Formen annehmen. Die nahm sie insbesondere bei Raffael an. Es ist mir gut bekannt, dass man noch manche andere Namen aufzählen könnte, aber so charakteristisch wie bei Raffael tritt uns diese Erscheinung nirgendwo anders entgegen. So sehen wir bei Raffael, wie er sich das Griechentum zum christlichen Impuls hinzuerobert. Betrachten wir seine Seele von diesem weiteren Gesichtspunkt, so erscheint sie uns, als wenn sie durch die Geburt alle christlichen Impulse mitgebracht hätte, nicht aber die griechischen – diese spielen aus der Umgebung herein. Von Bild zu Bild kann man verfolgen, wie sich Raffael, ins Malerische übersetzt, mehr und mehr griechische Kunst aneignet.
[ 25 ] This is what we see in Raphael: what, up until his time, seemed to be marked by a character of mere inwardness has once again become an outward manifestation. One need only consider how St. Francis of Assisi is depicted in Giotto’s works. There we see how, even in painting, everything remains internal; it does not translate into form and color. We must always return to the inner event, and when we turn to the inner event in Giotto’s work, the external representation is of lesser interest. With Raphael, this is not the case. Here we never feel the need to look away from what he directly reveals to us—from what is there, what stands before us in color and form—but with Raphael, everything inner has flowed into the outer. For this to happen, Raphael’s soul—even though he was born with the internalized impulse of Christianity—had to assimilate Hellenism. In Raphael, we now see how he draws upon this earlier stage of development, which was, in essence, new to him. It is remarkable how, on the one hand, this Hellenism lay dormant in the bosom of the earth until Raphael’s time, so that Raphael’s contemporaries were the first to see again what was then coming to the surface [through the excavations], and how, on the other hand, Greek culture reawakened in Raphael—only now transformed inwardly—what Greek culture had created in the outward form of sculpture. What the Greeks were able to achieve in the form of sculpture was not immediately suitable for Raphael; what fell to him, however, was to bring inner life to outward expression. To this end, painting—which, unlike sculpture, can bring the inner to the outer—had to take on Greek forms once again. It did so particularly in Raphael. I am well aware that one could list many other names, but nowhere else do we encounter this phenomenon as characteristically as in Raphael. Thus, in Raphael, we see how he appropriates Greek culture in the service of the Christian impulse. If we consider his soul from this broader perspective, it appears to us as if it had brought all Christian impulses with it at birth, but not the Greek ones—these come into play from the surrounding environment. From painting to painting, one can trace how Raphael, translated into the language of painting, increasingly appropriates Greek art.
[ 26 ] Nun, wer tiefer in die Geisteswissenschaft eindringt — lassen Sie es meinetwillen eine bloße Hypothese sein –, wird sehen, wie eine solche Hypothese nach und nach Gewissheit bietet, allerdings nicht in bequemer Art. Wir schauen dann, wenn wir von diesem Horizont aus auf Raffaels Seele blicken, wie diese bei ihrer Geburt die christlichen Impulse schon mitbringt. Daher erscheint es so, als ob die Seele Raffaels das schon vor der Geburt mit sich abgemacht hätte. Während wir bei Savonarola den unmittelbar [aus der Umgebung wirkenden] Einschlag der christlichen Impulse sehen können, scheint es uns bei Raffael so, dass er diese christlichen Impulse bereits mitbringt. Wie Savonarola in seinem Savonarola-Dasein die christlichen Impulse sich unmittelbar durch Wirkung der Umgebung angeeignet hat, so hat Raffaels Seele diese in einem früheren Erdendasein so entwickelt, dass sie sich nicht zugleich die griechischen Impulse in diesem früheren Dasein aneignen konnte. Sie kommt also aus einem Dasein, wo sie die christlichen Impulse sich angeeignet hat, sodass ihr diese, nachdem die Seele durch ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt gegangen ist, zur Selbstverständlichkeit geworden sind, wie uns das dann in den Bildern Raffaels entgegentritt. Und das, was das Griechentum geleistet hat, hat diese Seele, die im vorhergehenden Erdendasein «griechenfern» gewesen sein mag, erst in diesem späteren Raffael-Leben sich angeeignet. Da sehen wir, gerade an einer Seele wie derjenigen Raffaels, wie das zusammenfließt, was man erahnend in ein früheres Erdenleben verlegen kann und was in späteren Erdenleben verschmilzt mit dem schon durch die Geburt Mitgebrachten. Sooft ich mich damit beschäftigt habe, wie auch Herman Grimm immer wieder von Neuem den Ansatz gemacht hat, [über das Leben Raffaels zu schreiben], so wurde der geisteswissenschaftliche Blick wirklich von selbst auf diese Tatsache hingelenkt. Es ist anzunehmen, dass Herman Grimm auch mit seiner letzten Darstellung nicht einverstanden gewesen wäre, selbst wenn er sie zu Ende gebracht hätte, denn sehen Sie: Gewisse Dinge, die mit dem Geistesleben der Menschheit zusammenhängen, beginnen erst dann lichtvoll zu werden, wenn man mit der Tatsache der wiederholten Erdenleben rechnet. Ein solches Verschmelzen der christlichen Impulse mit den griechischen, wie sie bei Raffael da waren, ist nur verständlich, wenn man die Erklärung aus den wiederholten Erdenleben zu Hilfe zu rufen vermag. Sie mag heute unseren Zeitgenossen noch fremd sein, aber ich habe oft den Vergleich gebraucht [mit dem], was Francesco Redi [gesagt hat. Er sagte, es sei falsch, dass aus Flussschlamm Tiere entstehen können; Lebendiges könne nur aus Lebendigem kommen. — Und ebenso kann auch Geistig-Seelisches nur aus Geistig-Seelischem kommen. ]
[ 26 ] Now, anyone who delves deeper into spiritual science—let this be a mere hypothesis for my sake—will see how such a hypothesis gradually offers certainty, though not in a comfortable way. When we look at Raphael’s soul from this perspective, we see how it already carries Christian impulses within it at birth. It therefore appears as though Raphael’s soul had already made this arrangement before birth. While in Savonarola we can see the immediate [influence of the environment] impact of Christian impulses, in Raphael’s case it seems to us that he already possesses these Christian impulses. Just as Savonarola, in his existence as Savonarola, appropriated the Christian impulses directly through the influence of his surroundings, so Raphael’s soul developed them in an earlier earthly existence in such a way that it could not simultaneously appropriate the Greek impulses in that earlier existence. It thus comes from a life in which it had already assimilated the Christian impulses, so that—after the soul had passed through a life between death and rebirth—these had become second nature to it, as we then see reflected in Raphael’s paintings. And what Greek culture achieved, this soul—which may have been “distant from the Greeks” in its previous earthly life—only assimilated in this later life as Raphael. Here we see, precisely in a soul like Raphael’s, how that which one can intuitively attribute to an earlier earthly life converges with that which, in later earthly lives, merges with what was already brought with one at birth. Whenever I have occupied myself with this—just as Herman Grimm repeatedly made a fresh attempt [to write about Raphael’s life]—the spiritual-scientific gaze was truly drawn to this fact of its own accord. It is reasonable to assume that Herman Grimm would not have been satisfied with his final account either, even if he had completed it, for you see: Certain aspects of humanity’s spiritual life only begin to be illuminated when one takes into account the reality of repeated earthly lives. Such a fusion of Christian and Greek influences, as was evident in Raphael, can only be understood if one is able to draw upon the explanation offered by repeated earthly lives. It may still seem foreign to our contemporaries today, but I have often used the comparison [with] what Francesco Redi [said]. He said it was wrong to believe that animals could arise from river mud; living things could only come from living things. — And in the same way, the spiritual-soul can only come from the spiritual-soul. ]
[ 27 ] [Heute wird man ja in anderer Weise verketzert, wenn man den Versuch macht, auch im Konkreten darauf hinzuweisen, dass ein Menschenleben nicht nur aus seiner unmittelbaren Umgebung heraus erklärt werden kann. Wenn man genauer auf diese Dinge eingeht, wird man sich klar werden darüber, dass, wenn bei einer Menschenseele etwas als Isoliertes aufleuchtet und nicht erklärt werden kann aus ihrer Umgebung, dass dies zurückführt auf ein früheres Erdendasein, auf etwas, was diese Seele in einem früheren Erdendasein sich angeeignet hat und das, wenn die Seele durch den Tod und eine neue Geburt gegangen ist, in ihrem neuen Erdendasein die Gestalt des Selbstverständlichen annimmt, als ein mit der Wesenheit Verbundenes, als ein zu ihr Gehörendes. So sind mit der Wesenheit Raffaels die christlichen Impulse wie selbstverständlich verbunden, so verbunden, dass Raffael nicht ohne sie gedacht werden kann.]
[ 27 ] [Today, one is condemned in a different way if one attempts to point out, even in concrete terms, that a human life cannot be explained solely on the basis of its immediate surroundings. If one examines these matters more closely, it becomes clear that when something in a human soul shines forth as an isolated phenomenon and cannot be explained by its surroundings, this points back to a previous earthly existence, to something that this soul acquired in a previous earthly existence and which, once the soul has passed through death and a new birth, takes on the form of something self-evident in its new earthly existence—as something connected to the soul’s essence, as something belonging to it. Thus, the Christian impulses are so naturally connected to Raphael’s essence—so closely connected that Raphael cannot be conceived of without them.]
[ 28 ] [Wenn man die geisteswissenschaftliche Erkenntnis voraussetzt, dass die Menschenseele durch wiederholte Erdenleben geht, dann wird verständlich, dass das, was ein Mensch sich in einem früheren Erdenleben angeeignet hat, in einem späteren Erdenleben zu Kräften wird. Man erlebt, beobachtet, wie sie in die Seele hereintreten, wie sie durch jene Stadien gehen, die der Mensch durchmacht zwischen Tod und neuer Geburt; da werden sie mit der Seele eins. Und wenn der Mensch dann in ein neues Dasein tritt, bearbeitet er mit diesen Kräften seine ganze innere Leibesform und macht sich seinen Leib so, dass das, was er im nächsten Erdenleben schafft, wie selbstverständlich aus seiner Wesenheit hervorzugehen scheint.] Es wird, wie mir scheint, ganz gewiss eine Zeit kommen in der Menschheitsentwicklung, in welcher man einsehen wird gerade durch unbefangene Betrachtung des Tatsächlichen, wie gerade die großen Erscheinungen nur aus dem Gesetz der wiederholten Erdenleben heraus verständlich werden. Dann wird man sich allerdings auch klar sein, dass es nicht nur nötig ist, auf die allergrößten Erscheinungen zu sehen, sondern dass jedes einzelne Menschenleben verstanden werden kann, wenn man sich auf den Standpunkt der wiederholten Erdenleben stellt.
[ 28 ] [If one accepts the spiritual scientific insight that the human soul passes through repeated earthly lives, then it becomes understandable that what a person has acquired in a previous earthly life becomes a source of strength in a later one. One experiences and observes how these qualities enter the soul, how they pass through those stages that a human being undergoes between death and rebirth; there they become one with the soul. And when the human being then enters a new existence, he shapes his entire inner bodily form with these forces and constructs his body in such a way that what he creates in his next earthly life seems to flow naturally from his very being.] It seems to me that a time will certainly come in the development of humanity when people will realize—precisely through an unbiased observation of reality—that it is precisely the great phenomena that can only be understood through the law of repeated earthly lives. Then, of course, it will also become clear that it is not only necessary to look at the greatest phenomena, but that every single human life can be understood when one adopts the perspective of repeated earthly lives.
[ 29 ] Aber wenn man den menschlichen Blick auf diese großen Erscheinungen richtet, die so innig zusammenhängen mit der menschlichen Entwicklung, mit allem, was die innersten Impulse des fortschreitenden Menschengeistes sind, dann geht aus dieser Anschauung etwas die Menschenseele Kräftigendes hervor, das der menschlichen Seele – wie oftmals hier auseinandergesetzt worden ist — innerlichen Halt, innerliche Zuversicht, innerliche Kraft zur Arbeit gibt. Es führt diese Menschenseele dazu, im einzelnen Erdendasein nicht nur zu wissen, sondern auch zu verspüren den Keim eines folgenden Erdendaseins, gleich wie wir fühlen, wie die Pflanze ihre Kräfte gesammelt und im Keim zusammengefasst hat und uns dadurch bewusst wird, dass aus diesem Keim eine neue Pflanze im Sommer hervorgebracht wird. Dieses Bewusstsein kann die Seele haben, es kann empfunden werden dieses Sich-Einverarbeitete wie die Gewähr, die Garantie für ein künftiges Erdenleben. Was im Keim schon in diesem Erdenleben drinnen ruht, verwandelt sich durch das bloße Wissen von der Unsterblichkeit in ein Fühlen des unsterblichen Menschenkeimes, in ein Fühlen dessen, was das künftige Leben aufbaut.
[ 29 ] But when one directs one’s human gaze toward these great phenomena, which are so intimately connected with human development and with all that constitutes the innermost impulses of the evolving human spirit, then something emerges from this perspective that strengthens the human soul—something that, as has often been explained here, gives the human soul inner stability, inner confidence, and inner strength for work. It leads the human soul, in the course of its individual earthly existence, not only to know but also to sense the seed of a subsequent earthly existence, just as we feel how the plant has gathered its forces and concentrated them in the seed, and thereby become aware that a new plant will spring from this seed in the summer. The soul can possess this awareness; it can sense this inner integration as the assurance, the guarantee of a future earthly life. What already lies dormant in the seed within this earthly life is transformed, through the mere knowledge of immortality, into a feeling of the immortal human seed—into a feeling of that which builds up the future life.
[ 30 ] Da war es mir wieder sehr merkwürdig, dass gerade die Betrachtungsweise Herman Grimms über solche Dinge, welche eben auseinandergesetzt wurden, mich nötigte, gleich eine bestimmte Stelle am Anfang seines Raffael-Buches zu lesen. Wer Raffael vom Standpunkt der Geisteswissenschaft betrachtet, wird naturgemäß dahin kommen, wiederholte Erdenleben für notwendig zu halten, wenn er Raffael ganz im Konkreten verstehen will. Und aus der Erkenntnis der wiederholten Erdenleben schöpfen wir jene Kraft, die uns den Blick gibt für das, was uns in Zukunft entgegentritt. Wahrhaftig, da ist es überraschend, wenn man das als Wirkung der Wissenschaft empfindet: Wenn jemand an eine Erscheinung wie Raffael herantritt und niemals mit ihr so ganz zurechtkommt, wie er dennoch angesichts der Größe Raffaels eine Empfindung erhält, zwar noch nicht von der Wirklichkeit kommender Erdenleben, dass er aber angesichts dieses erfüllten Menschenlebens eine Art Wunsch fühlt nach einem kommenden Erdenleben. Die Gewissheit von den wiederholten Erdenleben kann einem nur durch die Geisteswissenschaft aufgehen, aber Herman Grimm ging bei der Betrachtung von Raffaels Leben ein Gefühl der Sicherheit auf gegenüber dem Ewigen, das er mit dem merkwürdigen Wort zum Ausdruck bringt:
[ 30 ] Once again, I found it very strange that it was precisely Herman Grimm’s perspective on the very matters that had just been discussed that compelled me to immediately read a specific passage at the beginning of his book on Raphael. Anyone who views Raphael from the standpoint of spiritual science will naturally come to regard repeated earthly lives as necessary if they wish to understand Raphael in a truly concrete way. And from the knowledge of repeated earthly lives, we draw the strength that gives us the insight to see what lies ahead in the future. Truly, it is surprising when one perceives this as an effect of spiritual science: when someone approaches a figure like Raphael and never quite comes to terms with him, yet—in the face of Raphael’s greatness—experiences a feeling—not yet of the reality of future earthly lives, but in the face of this fulfilled human life—a kind of longing for a future earthly life. The certainty of repeated earthly lives can only dawn on one through spiritual science, but when contemplating Raphael’s life, Herman Grimm was filled with a sense of security in the face of the eternal, which he expresses with the remarkable phrase: “/p”
Es stehen mir Entwicklungen der Menschheit vor den Augen, die mitzumachen mir versagt sein wird, die mir aber als so glänzend schön erscheinen, dass es um ihretwillen wohl der Mühe wert wäre, das menschliche Dasein noch einmal zu beginnen.
I can see developments in humanity unfolding before my eyes—developments I will be unable to take part in, but which seem so radiantly beautiful to me that, for their sake alone, it would be worth the effort to begin human existence all over again.
[ 31 ] Es ist nun im höchsten Grade merkwürdig, dass wir den Wunsch, der bei Herman Grimm durch die Betrachtung von Raffaels Leben entsteht, in die Anschauung einer Wirklichkeit umsetzen können.
[ 31 ] It is truly remarkable that we can translate the desire that arose in Herman Grimm as he reflected on Raphael’s life into a concrete reality.
[ 32 ] Und so kann man das in eine Empfindungsüberschau zusammenfassen, was den Gegenstand der heutigen Betrachtung bildete: Es scheint natürlich, dass gegenüber einer Persönlichkeit wie derjenigen Raffaels, bei der man so sicher fühlt, dass man mit einem einzigen Erdenleben zu ihrem Verständnis nicht auskommt, dass da demjenigen, der diese Persönlichkeit ganz auf sich wirken lässt, das als Wunsch aufgeht, was Geisteswissenschaft als Wirklichkeit beschreibt – die Anschauung von wiederholten Erdenleben. Und so möge gerade eine unbefangene geisteswissenschaftliche Betrachtung solcher Menschheitsgrößen wie Raffael dazu führen, dass durch die Anschauung dieser Größen die Menschen immer mehr dahin geführt werden, solche Denkgewohnheiten zu entwickeln, die zwar den heutigen Meinungen noch sehr entgegengesetzt sind, die aber ganz sicher in das Geistesleben der Menschen sich einleben werden. So sicher, wie die Anschauung sich eingelebt hat: Lebendiges kann nur von Lebendigem stammen –, so sicher wird sich die Anschauung einleben: Geistig-Seelisches kann nur von Geistig-Seelischem kommen. – Und gerade die Anschauung menschlicher Größe kann in unsere Seele das versenken, was zu solchen [neuen] Denkgewohnheiten führt. Menschliche Größe versuchen wollen zu verstehen – das bringt auch in uns die Meinung, ja die Gewissheit hervor, dass die Wahrheiten, von denen wir uns durch eine immer weitergehende Vertiefung in die Dinge und in den Geist der Dinge überzeugen, wenn sie auch zunächst Widerstand über Widerstand finden, endlich doch den Weg zu den Menschenherzen sich bahnen werden. Mögen die Spalten noch so schmal sein, durch die die Wahrheit, die zu den Menschenherzen will, sich durchzwängen muss: Die Wahrheit wird den Weg auch durch die allerschmalsten Spalten finden. Von diesem so tief durch die geistige Entwicklung der Menschheit erhärteten Satz kann derjenige beseelt sein, der Geisteswissenschaft heute erst als Keim erblicken kann, denn ein solcher Keim ist sie nur. Aber er kann auch, hinschauend auf diesen Keim, die Zuversicht in seiner Seele entwickeln, sodass dieser Keim sicher aufgehen, erblühen und für die Menschenseele Früchte tragen wird. Fragenbeantwortung
[ 32 ] And so one can summarize the subject of today’s reflection in a single overview of sensations: It seems natural that, when faced with a personality such as Raphael’s—where one feels so certain that a single earthly life is insufficient to understand him—the person who allows this personality to take full effect upon them will find that what spiritual science describes as reality—the vision of repeated earthly lives—becomes their deepest desire. And so may an unbiased spiritual scientific contemplation of such great figures of humanity as Raphael lead people, through the contemplation of these great figures, to increasingly develop habits of thought that, while still very much at odds with current opinions, will most certainly take root in people’s spiritual lives. Just as surely as the insight has taken root—that which is alive can only come from that which is alive—so surely will the insight take root: that which is spiritual-psychic can only come from that which is spiritual-psychic. —And it is precisely the contemplation of human greatness that can instill in our souls what leads to such [new] habits of thought. Seeking to understand human greatness—this also gives rise within us to the conviction, indeed the certainty, that the truths of which we become convinced through an ever-deepening immersion into things and into the spirit of things—even if they initially encounter resistance upon resistance—will ultimately find their way into human hearts. No matter how narrow the cracks through which the truth, which seeks to reach human hearts, must squeeze its way: the truth will find its way even through the narrowest of cracks. Anyone who today can see spiritual science only as a seed—for that is all it is at present—can be inspired by this principle, which has been so deeply confirmed by humanity’s spiritual development. But by looking upon this seed, they can also develop confidence in their soul, so that this seed will surely sprout, blossom, and bear fruit for the human soul. Answer to a Question
Keine Frage: Ich bitte, diesen Vortrag im Druck erscheinen zu lassen.
No question about it: I request that this lecture be published in print.
[ 33 ] Rudolf Steiner: Angesichts der Menge der Vorträge, die schon gedruckt ist, wäre es mir lieber, wenn nicht noch Weiteres gedruckt würde. Das Gedruckte ist noch nicht überall so weit [ins Bewusstsein der Menschen] eingedrungen, wie es hätte sein können.
[ 33 ] Rudolf Steiner: Given the volume of lectures that have already been published, I would prefer that no further material be published. What has been published has not yet penetrated [people’s consciousness] as deeply as it could have.
Frage: Was machen Sie aus dem [Stillstehenden in der Entwicklung]? Gibt es denn [überhaupt] ein Fortschreitendes, [so]dass sich die Richtung ändert?
Question: What do you make of [stagnation in development]? Is there [any] progress at all [that] causes the direction to change?
[ 34 ] Rudolf Steiner: Wer wirklich zugehört hat, der wird nicht leicht eine solche Frage stellen können. Es ist doch so: [Erst kommt die] Veränderung, dann [ein] Stehenbleiben, wir sehen das an jedem Haus, [das erst gebaut worden ist und dann als Ergebnis für Jahre stehen bleibt].
[ 34 ] Rudolf Steiner: Anyone who has really listened will not be able to ask such a question easily. After all, it is like this: [First comes the] change, then [a] pause; we see this with every house [that is first built and then, as a result, stands for years].
Frage: Hat ein Mensch, der bewusst aus seinem Körper heraustreten kann, die Möglichkeit, bewusst in anderen Sphären zu bleiben und nicht mehr in seinen Körper zurückzugehen? Und ist der Körper dann schlafend oder tot?
Question: Does a person who can consciously leave their body have the ability to remain in other realms and not return to their body? And is the body asleep or dead in that case?
[ 35 ] Rudolf Steiner: Er ist natürlich tot. Es geht nicht um die reale Unmöglichkeit des Zurückkehrens, sondern um die moralische. Moralisch ist man verpflichtet, sein Karma nicht zu durchkreuzen. Naturgesetzmäßigkeiten und moralische Ordnung nähern sich immer mehr an. Die Naturgesetzmäßigkeit wird immer mehr zur moralischen Naturnotwendigkeit, und dann werden solche Fragen nicht mehr gestellt. [Diese sind ebenso unsinnig wie die Frage:] Könnte jemand, der eben eine Uhr fabriziert hat, einen Hammer nehmen und die Uhr gleich wieder zerschlagen? Natürlich könnte er das, aber es würde nicht vernünftig sein.
[ 35 ] Rudolf Steiner: Of course he is dead. It is not a matter of the actual impossibility of returning, but of the moral impossibility. Morally, one is obligated not to thwart one’s karma. The laws of nature and the moral order are growing ever closer together. The laws of nature are increasingly becoming moral necessities, and then such questions will no longer be asked. [These are just as nonsensical as the question:] Could someone who has just made a watch take a hammer and smash the watch right back to pieces? Of course he could, but it would not be reasonable.
Frage: Ist Farbenblindheit bei der okkulten Selbstentwicklung störend?
Question: Does color blindness interfere with occult self-development?
[ 36 ] Rudolf Steiner: Lesen Sie meine Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» – sie ist allerdings [gerade] vergriffen: Das Hineinschauen [in die geistige Welt] ist nicht von unseren Sinnesorganen abhängig, wir werden ja von ihnen frei. Es ist in keiner Weise störend, wenn irgendein Sinnesorgan mangelhaft ausgebildet ist, nicht einmal Blindheit [ist ein Hindernis]. Es ist ein Irrtum, das mit gewöhnlichem Hellsehen [zu verwechseln], was in der Geisteswissenschaft sich zeigt. Das gewöhnliche Hellsehen ist kein Hellsehen, das wirklich in übersinnlichen Welten verläuft. Das gewöhnliche Hellsehen beruht auf einer gewissen Stimmung in den Sinnesorganen oder kommt wenigstens mit ihrer Mittätigkeit zustande. Zwei Hellseher, von denen der eine blind ist, der andere aber nicht, haben dasselbe Erlebnis, wenn sie auf das Gleiche treffen. [Wenn man von einem solchen Erleben sagt:] Blaues oder rotes Erleben, [so meint man:] Es wird dasselbe erlebt, was man [im Sinnlichen] bei der Farbe Blau [oder Rot] erlebt. Deshalb bezeichnet man es so, aber es ist nicht dasselbe [wie das äußere Farberleben]. Weil die meisten Menschen eine normale Entwicklung [der Sinne] haben, kann man von diesem Standpunkt ausgehen; aber es kann die Notwendigkeit eintreten, dass man für Blindgeborene andere Ausgangspunkte wählt; man kommt aber zu demselben [geistigen Erleben].
[ 36 ] Rudolf Steiner: Read my essay “How to Attain Knowledge of the Higher Worlds”—though it is [currently] out of print: Gaining insight [into the spiritual world] does not depend on our sense organs; after all, we become free of them. It is in no way a hindrance if any of the sense organs is underdeveloped; not even blindness [is an obstacle]. It is a mistake to [confuse] what manifests itself in spiritual science with ordinary clairvoyance. Ordinary clairvoyance is not clairvoyance that truly takes place in the supersensible worlds. Ordinary clairvoyance is based on a certain state of the sense organs or, at the very least, comes about with their active participation. Two clairvoyants, one of whom is blind and the other not, have the same experience when they encounter the same thing. [When one speaks of such an experience as] a blue or red experience, [one means:] the same thing is experienced as one experiences [in the sensory realm] with the color blue [or red]. That is why it is described this way, but it is not the same [as the external experience of color]. Because most people have a normal development [of the senses], one can proceed from this standpoint; but it may become necessary to choose different starting points for those born blind; yet one arrives at the same [spiritual experience].
Frage: Kann man beim Lesen von Tolstois Büchern einen Eindruck von Geisteswissenschaft empfangen?
Question: Can one gain an understanding of the humanities by reading Tolstoy's books?
[ 37 ] Rudolf Steiner: Vom Lesen Tolstois kann man nicht auf die Idee kommen, dass es eine Geisteswissenschaft gibt.
[ 37 ] Rudolf Steiner: Reading Tolstoy does not lead one to the idea that there is such a thing as spiritual science.
Frage: Darf man einen Sterbenden durch Opium betäuben, [oder] wenn nein, [so] wie bei Operationen?
Question: Is it permissible to anesthetize a dying person with opium, [or] if not, [then] as is done during surgeries?
[ 38 ] Rudolf Steiner: In dem idealen Falle soll man nach den entsprechenden, [auch für] einen geltenden Erkenntnissen das tun, was als das Menschenmögliche erscheint. Man soll sich nicht dagegen sträuben, [das anzuwenden, ] was einem Menschen Erleichterung schaffen kann; [andernfalls] würde das zu Unmöglichkeiten führen.
[ 38 ] Rudolf Steiner: In the ideal case, one should do what appears to be humanly possible, based on the relevant, [currently accepted] findings. One should not resist [applying] what can bring relief to a person; [otherwise] this would lead to impossibilities.
Frage: Können einem durch andächtiges Beten Wünsche gewährt werden?
Question: Can wishes be granted through devout prayer?
[ 39 ] Rudolf Steiner: Das Gebet sollte eigentlich eine Verneigung der Seele zu der die Welt durchlebenden und durchwebenden göttlichen Geistigkeit sein, sodass das Gebet eigentlich seinen Sinn verliert, wenn es egoistisch ist. Und nur jenes Gebet ist berechtigt, welches in die Worte des Urgebets ausklingt: «Aber nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.» Durch diesen Nachsatz wird dem Gebet die richtige Stimmung verliehen. Dann ist es ein richtiges Gebet, wenn es nicht egoistisch ist, sonst ergeben sich gleich praktische Widersprüche. Denn was sollte der Gewährer von Wünschen tun, wenn der eine Bauer etwas aufsprießen haben will und um Regen bittet, der andere in derselben Gegend jedoch um Trockenheit, oder wenn von zwei Heeren, von denen jedes sicher ganz gewiss den Wunsch hat zu siegen, das eine um Sieg bittet, das andere [aber] auch. Also sollte man nicht egoistisch im Gebet sein. Daher hat die Frage keine rechte Bedeutung, ob [durch Beten] Wünsche gewährt oder nicht gewährt werden, denn ein richtiges Beten kann nicht erwarten, dass Wünsche gewährt werden. Ich weiß, dass das bei vielen Seelen Anstoß erregt, aber man sollte nur auf die Natur der Sache eingehen und man wird schon finden, dass die Dinge wirklich so liegen.
[ 39 ] Rudolf Steiner: Prayer should actually be a bowing of the soul toward the divine spirituality that permeates and weaves through the world, so that prayer actually loses its meaning when it is selfish. And only that prayer is justified which concludes with the words of the Original Prayer: “Not my will, but Yours be done.” This concluding phrase imparts the proper mood to the prayer. Then it is a true prayer if it is not selfish; otherwise, practical contradictions immediately arise. For what should the grantor of wishes do if one farmer wants his crops to sprout and asks for rain, while another in the same region asks for dry weather, or if, of two armies—each of which certainly desires victory—one asks for victory, and the other [as well]? So one should not be selfish in prayer. Therefore, the question of whether wishes are granted or not [through prayer] has no real significance, for true prayer cannot expect that wishes will be granted. I know that this offends many people, but one should simply consider the nature of the matter, and one will find that this is indeed the case.
Frage: Wie verhält es sich mit dem Vegetarismus [im Lichte der Bibel? Da gibt es ja] die Worte Christi: «Meine Ochsen sind geschlachtet», oder das Osterlamm, oder auch die Gastmähler. Und wie ist es mit dem Alkohol bei der Hochzeit zu Kanaan oder beim Abendmahl, [wenn] das Brot in Wein getaucht wird?
Question: What about vegetarianism [in light of the Bible? After all, there are] Christ’s words: “My oxen have been slaughtered,” or the Passover lamb, or even the banquets. And what about alcohol at the wedding in Cana or at the Last Supper, [when] the bread is dipped in wine?
[ 40 ] Rudolf Steiner: Es würde zu weit führen, wenn die entsprechenden Evangelienworte [jetzt] erklärt würden. Da würde sich aber herausstellen, dass gar manches, was man heute in den Evangelien liest, nur Übersetzungsfehler sind. Davon aber abgesehen ist zu sagen, dass das Entwickeln von geistigen Anschauungen erleichtert werden kann durch eine vegetarische Lebensweise. Aber es handelt sich um weiter nichts als die Konstatierung der Tatsache, dass er [der Vegetarier] seinen Weg erleichtern kann, wie man ja manches andere sich erleichtert, wenn man sich des Fleisches enthält. Aber es ist nicht Aufgabe der Geisteswissenschaft, in einseitiger Weise für den Vegetarismus Propaganda zu machen. Geisteswissenschaft schließt sich keiner einseitigen Propaganda an. Für die Geisteswissenschaft ist ein präzises Denken notwendig, nicht nur zum Begreifen und Verstehen, sondern auch zum [besseren] Eingehen in die feineren Denkgewebe. Manch einer glaubt, das oder jenes einwenden zu müssen, aber diese Einwände rühren doch nur von einem auf halbem Wege stehengebliebenen Denken. Diese Dinge beruhen nicht auf einer Konsequenz des wissenschaftlichen Denkens, sondern auf Denkgewohnheiten, auf Mangel an Logik. Geisteswissenschaft steht durchaus auf dem Boden, dass nur geglaubt wird, was gewusst wird: Das ist die Anschauung jeder Wissenschaft. Aber um [in die Geisteswissenschaft] so einzudringen, dass man wirklich mitarbeiten kann, ist notwendig, das Denken so zu entlasten von seinen Beschwernissen, es feiner zu machen, damit es fähig ist, auf Wegen zu folgen, auf denen es sonst nicht folgen könnte – und dazu trägt die vegetarische Lebensweise bei.
[ 40 ] Rudolf Steiner: It would take us too far afield to explain the relevant Gospel passages [now]. However, it would become clear that quite a few things we read in the Gospels today are simply translation errors. That said, it must be noted that the development of spiritual insights can be facilitated by a vegetarian lifestyle. But this is nothing more than a statement of fact: that the vegetarian can make his path easier, just as one makes many other things easier by abstaining from meat. But it is not the task of spiritual science to engage in one-sided propaganda for vegetarianism. Spiritual science does not subscribe to one-sided propaganda. For spiritual science, precise thinking is necessary—not only for comprehension and understanding, but also for [better] penetration into the finer fabrics of thought. Some people feel compelled to raise this or that objection, but these objections stem merely from thinking that has come to a halt halfway. These things are not based on a logical consequence of scientific thinking, but on habits of thought and a lack of logic. Spiritual science is firmly grounded in the principle that one believes only what one knows: this is the view of every science. But in order to penetrate [spiritual science] to the point where one can truly participate in the work, it is necessary to relieve the mind of its burdens and refine it so that it is capable of following paths it could not otherwise follow—and the vegetarian way of life contributes to this.
[ 41 ] Zu bedenken ist auch das Verhältnis zu den anderen Naturreichen. Heute kann die Menschheit nicht einmal daran denken, den Vegetarismus zu einer allgemeinen Diät zu machen, denn es ist das ganz persönlich, ob der Mensch das tun will oder nicht. Es kann sich einer ganz gründlich verderben, wenn er in einer abstrakten Weise vegetarisch leben will. Das gilt nicht nur für heute, sondern für alle Zeiträume. Allerdings dürfen heute schon Dinge behauptet werden, die vor 2000 Jahren keinen Sinn hatten; was heute wahr ist, muss nicht für alle Zeiten wahr sein. Das gilt nur für die materialistischen Wahrheiten. Wenn man vom heutigen Menschen redet und vom Menschen zur Zeit Christi, dann redet man nicht von demselben; man ist nur genötigt, dabei dasselbe Wort zu gebrauchen. [Im Laufe der Zeit] ändern sich doch viele Dinge. Das Osterlamm braucht nicht ein geschlachtetes Lamm zu bedeuten. Selbst wenn das, was auf dem Zettel steht, richtig ist, so war das doch eine andere Zeit. Daraus kann man durchaus nicht ableiten, dass [der Vegetarismus] nicht für heute [gelten kann], wo die feineren Strukturen der Menschennatur etwas ganz anderes geworden sind als damals, und dass es nicht ein Hilfsmittel zur Geisteswissenschaft ist, wenn man sich an Vegetarismus gewöhnt. Nun darf man nicht glauben, dass man sich in die höheren Welten «hinaufessen» kann, [denn es ist] gleichgültig, ob man etwas isst oder zu essen unterlässt. [Der Vegetarismus ist] nur ein Erleichterungsmittel, nicht ein Bequemlichkeitsmittel.
[ 41 ] One must also consider the relationship to the other kingdoms of nature. Today, humanity cannot even conceive of making vegetarianism a universal diet, for it is entirely a personal choice whether a person wishes to do so or not. One can thoroughly ruin oneself if one attempts to live a vegetarian lifestyle in an abstract manner. This applies not only to today but to all periods of time. However, it is already possible today to assert things that made no sense 2,000 years ago; what is true today need not be true for all time. This applies only to materialistic truths. When one speaks of people today and of people in the time of Christ, one is not speaking of the same people; one is merely compelled to use the same word. [Over time] many things do change. The Paschal Lamb does not necessarily have to mean a slaughtered lamb. Even if what is written on the note is correct, it was, after all, a different time. One certainly cannot conclude from this that [vegetarianism] does not apply today, when the finer structures of human nature have become something entirely different from what they were back then, and that becoming accustomed to vegetarianism is not an aid to spiritual science. Now, one must not believe that one can “eat one’s way up” into the higher worlds, [for it] makes no difference whether one eats something or refrains from eating. [Vegetarianism is] merely a means of relief, not a means of convenience.
