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A New Experience of Christ
GA 69c

19 May 1913, Stuttgart

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A New Experience of Christ, tr. SOL
  1. Neues Christus-Erleben

13. Raffaels Mission im Lichte der Wissenschaft vom Geiste

13. Raphael's Mission in Light of the Science of the Spirit

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Der Gegenstand der heutigen Betrachtung wird die Grenzen etwas überschreiten, die zumeist in solchen geisteswissenschaftlichen Betrachtungen hier gezogen worden sind. Dennoch scheint mir die Betrachtung des Geisteslebens der Menschheit in weiterem Sinne nützlich zu sein in Bezug auf dasjenige, was die menschliche Seele empfinden kann gegenüber den Ergebnissen, den Resultaten dieser Geisteswissenschaft. Außerdem, wenn wir die gegenwärtige Zeitgeschichte ins Auge fassen, stellt sich gerade die Betrachtung des heutigen Abends vielleicht wie eine Art von geisteswissenschaftlicher Forderung unmittelbar in dieses Geistesleben der Gegenwart hinein, denn die Betrachtung Raffaels, wenn wir sie so ins Auge fassen, wie sie gewöhnlich angestellt wird, gibt den Menschen mancherlei Rätsel, wirklich große geistig-kulturwissenschaftliche Rätsel auf.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! The subject of today’s reflection will go somewhat beyond the boundaries that have generally been drawn here in such spiritual scientific reflections. Nevertheless, it seems to me that reflecting on the spiritual life of humanity in a broader sense is useful in relation to what the human soul can feel in response to the findings and results of this spiritual science. Furthermore, when we consider current historical events, this evening’s discussion may well present itself as a kind of spiritual-scientific imperative that directly engages with the spiritual life of the present; for the study of Raphael, when viewed in the way it is usually approached, presents people with all manner of puzzles—truly great puzzles in the realm of spiritual and cultural studies.

[ 2 ] Und es kann uns vielleicht die Notwendigkeit entgegentreten, geisteswissenschaftliche Betrachtungen ganz besonders auf solche Gebiete auszudehnen, gerade wenn wir das Schicksal eines bedeutsamen Kunstforschers der Gegenwart in Bezug auf Raffael ein wenig auf unsere Seele wirken lassen – eines Kunstforschers, der, meine ich, dies nicht allein im gelehrten, im gewöhnlichen wissenschaftlichen Sinne ist, sondern der dies vor allen Dingen dadurch ist, dass das Herz des neunzehnten Jahrhunderts in ihm so unmittelbar wie in wenigen Persönlichkeiten geschlagen hat: Herman Grimm. Er ist einer derjenigen Kunstforscher, die bei ihrem Gegenstande jederzeit nicht nur mit Vernunft und Verstand waren, nicht nur mit dem gewöhnlichen wissenschaftlichen Sinn, sondern mit der ganzen Seele. Und wer die Kunst- und Kulturbetrachtungen gerade Herman Grimms kennt, der weiß, wie in ihm unendlich viel von dem pulsiert, was geistig die Gegenwart unmittelbar bewegt, wie seine Rätselfragen über mancherlei Gegenstände des Geisteslebens geradezu die Rätselfragen unserer Epoche sind. Und wenn Geisteswissenschaft sich mehr und mehr als fruchtbar erweisen soll, dann wird sie Fühlung suchen müssen mit der Art und Weise, wie das gesamte geistige Kulturleben sich solchen Rätselfragen nähern will.

[ 2 ] And we may well find ourselves faced with the need to extend our humanities-based reflections specifically to such areas, particularly when we allow the fate of a significant contemporary art historian—one who, in my view, is not merely a scholar in the conventional, academic sense, but who is so above all because the heart of the nineteenth century beat within him as directly as it did in few other figures: Herman Grimm. He is one of those art historians who, in approaching his subject, was always engaged not only with reason and intellect, not only with the conventional scientific approach, but with his entire soul. And anyone familiar with Herman Grimm’s reflections on art and culture knows how infinitely much of what spiritually moves the present pulsates within him, how his puzzling questions about various subjects of intellectual life are, in fact, the very puzzling questions of our era. And if the science of the spirit is to prove itself more and more fruitful, then it will have to seek a connection with the way in which the entire spiritual and cultural life seeks to approach such enigmatic questions.

[ 3 ] Herman Grimm – er war der Sohn Wilhelm Grimms und der Neffe Jakob Grimms, des großen Sprachforschers – war ja so recht ein Geist des neunzehnten Jahrhunderts. An der Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert starb dieser bedeutsame Kenner Goethes, es starb dieser bedeutende Geist, der das wunderbare Buch geliefert hat über Michelangelo. Wer sich in Herman Grimms Arbeit über Michelangelo vertieft, der wird fühlen, wie in seiner Betrachtung zunächst die ganze Zeit auflebt, aus der Michelangelo herausgeboren ist, wie auflebt vor uns Michelangelos Seele, wie er sich heraushebt aus seiner Epoche, wie diese in seiner Seele Kunst, künstlerisches Schaffen wird – ein in seltenem Sinne gerundetes Bild! Und wir können andere Werke Herman Grimms zur Hand nehmen, zum Beispiel sein bedeutsames Werk über Goethe, und finden, wie er zu allem, was Goethe betrifft, ein unmittelbares, persönliches Verhältnis hat, welches mehr zeigt von Goethes Charakter, von Goethes innerem Wesen, als viele gelehrte Betrachtungen geben können. Und so ist es mit vielem.

[ 3 ] Herman Grimm—the son of Wilhelm Grimm and the nephew of Jakob Grimm, the great linguist—was truly a spirit of the nineteenth century. At the turn of the nineteenth to the twentieth century, this eminent expert on Goethe passed away; this remarkable mind, who produced the wonderful book on Michelangelo, passed away. Anyone who delves into Herman Grimm’s work on Michelangelo will sense how, in his analysis, the entire era from which Michelangelo emerged first comes alive; how Michelangelo’s soul comes alive before us; how he stands out from his era; and how that era becomes art—artistic creation—within his soul—a picture of rare completeness! And we can turn to other works by Herman Grimm, for example his significant work on Goethe, and find that he has an immediate, personal relationship to everything concerning Goethe—a relationship that reveals more of Goethe’s character and inner essence than many scholarly analyses can. And so it is with many things.

[ 4 ] Nun ist es in einer gewissen Beziehung ja charakteristisch, dass Herman Grimm auch ein «Leben Raphaels» geschrieben hat. Allein, mit diesem «Leben Raphaels» ging es ihm anders als mit dem Leben Michelangelos oder selbst mit dem Leben Goethes. Herman Grimm hat selbst gestanden, dass er immer wieder Ansätze gemacht hat, das Rätsel Raffaels zu lösen, und dass er ja auch zu gewissen Zeiten eine Art von Abschluss gesucht hat mit dem «Leben Raphaels»; jedes Mal aber, wenn er wieder an das Rätsel Raffaels herangetreten ist, so wusste er, wie unvollkommen vor seiner eigenen Seele das stand, was er über Raffael geleistet hatte. Immer wieder machte er einen neuen Ansatz; und so haben wir einen wunderbaren Essay, den er noch kurz vor seinem Tode geschrieben hat, der nur die Einleitung darstellt zu einem Buche, das hätte ausführlich werden sollen, in welchem er kurze Zeit vor seinem Tode noch einmal den Versuch macht, das Bild Raffaels vor die eigene Seele zu stellen, das Rätsel Raffaels für sich in gewisser Weise zu lösen, soweit eben solche Rätsel überhaupt von Menschenseelen gelöst werden können.

[ 4 ] In a certain sense, it is indeed characteristic that Herman Grimm also wrote a “Life of Raphael.” However, his approach to this “Life of Raphael” differed from his approach to the life of Michelangelo or even that of Goethe. Herman Grimm himself admitted that he repeatedly made attempts to unravel the mystery of Raphael, and that at certain times he had indeed sought a kind of conclusion to the *Life of Raphael*; but every time he returned to the mystery of Raphael, he realized how incomplete, in his own mind, his work on Raphael had been. Time and again he made a fresh start; and so we have a wonderful essay that he wrote shortly before his death, which serves only as the introduction to a book that was intended to be more extensive, in which, shortly before his death, he once again attempts to place Raphael’s image before his own soul, to solve the enigma of Raphael for himself in a certain way—to the extent that such enigmas can be solved by the human soul at all.

[ 5 ] So sehen wir auf der einen Seite einen ringenden Geist, der seiner ganzen Seelenanlage nach drinnensteht im künstlerischen Leben und in der Betrachtung des künstlerischen Lebens, der ein wunderbar gerundetes Bild Michelangelos schafft, wir sehen, wie in ihm das Bewusstsein vorhanden ist, dieses Bild wirklich zu einer Art von Abschluss gebracht zu haben; wir sehen, wie diese ringende Seele zugleich das ganze Leben hindurch kämpft, das Rätsel Raffaels vor sich hinzustellen, und nicht fertig damit wird, sodass er unmittelbar vor seinem Tode noch einmal einen Ansatz macht, der wiederum nicht fertig geworden ist. Wie kommt das? Ja, ein bloßer Gelehrter würde in irgendeinem Sinne fertig geworden sein, nicht aber ein solcher Geist, der mit ganzer Seele sich in seine Aufgabe hineinversenkte und das Bild Raffaels auferwecken wollte. Je mehr Herman Grimm herantrat an Raffael, je mehr er in seiner Seele auferstehen machen wollte das Bild Raffaels, umso mehr zeigte es sich ihm wie in einer rätselhaften Weise hervorgehend aus der gesamten menschlichen Entwicklung; es stellte sich ihm so hin, dass, je genauer man es betrachtet, man umso mehr veranlasst wird, in die tiefsten Rätsel der Menschenseele selber sich zu vertiefen und Verständnis zu gewinnen für das, was eine solche Menschenseele ist, die herauswächst aus dem gesamten Bilde menschlicher Entwicklung als ein großes Rätsel. Und wenn man auf der anderen Seite das ganze Schaffen Herman Grimms verfolgt, so hat man das Gefühl: Ein solcher Geist, der so innig mit der Geisteskultur des neunzehnten Jahrhunderts zusammengewachsen ist, macht überall Ansätze dazu, den Weg zu finden – ja, welchen Weg? Den Weg, den der Geistesforscher kennt als seinen eigenen. Ich kann hier nur leise hindeuten auf die wunderbar intime Art, wie Herman Grimm in seinem bedeutungsvollen Buch «Unüberwindliche Mächte» am Schlusse einen Tod, ein Sterben darstellt, und in diesem Sterben das Loslösen dessen, was hier öfter dargestellt worden ist als das Loslösen des Ätherleibes vom physischen Leib. Zart und intim, aber darum nicht minder eindringlich, sehen wir Herman Grimms Seele ringen, die Wege zu finden, die gerade die Geisteswissenschaft aufschließen will.

[ 5 ] On the one hand, we see a struggling spirit who, with his entire being, is immersed in artistic life and in the contemplation of artistic life, a spirit who creates a wonderfully well-rounded portrait of Michelangelo; we see how he is conscious of having truly brought this portrait to a kind of conclusion; we see how this struggling soul, at the same time, struggles throughout his entire life to set Raphael’s enigma before him, yet never quite finishes it, so that even immediately before his death he makes one last attempt, which, in turn, remains unfinished. How is this possible? Yes, a mere scholar might have finished it in some sense, but not a mind that immersed itself in its task with its whole soul and sought to resurrect Raphael’s image. The more Herman Grimm drew near to Raphael, the more he sought to resurrect Raphael’s image within his own soul, the more it revealed itself to him as emerging, in some enigmatic way, from the entirety of human development; it presented itself to him in such a way that the more closely one examines it, the more one is compelled to delve into the deepest mysteries of the human soul itself and to gain an understanding of what such a human soul is—one that emerges from the entire picture of human development as a great mystery. And if, on the other hand, one traces the entire body of work of Herman Grimm, one has the feeling: Such a spirit, so intimately intertwined with the spiritual culture of the nineteenth century, makes attempts everywhere to find the path—yes, which path? The path that the spiritual researcher knows as his own. I can only gently allude here to the wonderfully intimate way in which Herman Grimm, at the end of his significant book *Unüberwindliche Mächte* (*Insurmountable Forces*), depicts death and the process of dying—and in this dying, the detachment of that which has often been described here as the detachment of the etheric body from the physical body. Tenderly and intimately, yet no less poignantly, we see Herman Grimm’s soul struggling to find the paths that spiritual science seeks to open up.

[ 6 ] So kann man, wenn man diesen merkwürdigen Kunstforscher ins Auge fasst, wirklich die Idee bekommen: In ihm lebt etwas, was eine Frage gerade unseres Zeitalters ist. Und weil der Pulsschlag unserer Zeit in ihm lebte, lebte diese Frage mit besonderer Lebendigkeit in seiner Seele – die geisteswissenschaftliche Frage, der wir uns nähern wollten in allen Betrachtungen, die hier angestellt worden sind. Aber gerade an einem solchen Ringen wie dem Ringen Herman Grimms dem Bilde Raffaels gegenüber sieht man, dass man, wenn man stecken bleibt in der geistigen Art der Betrachtung des neunzehnten Jahrhunderts, nicht fertig wird gerade mit den größten Rätseln, wenn man aufrichtig und ohne Heuchelei die Lösung solcher Rätsel versucht mit dem Bewusstsein, untertauchen zu müssen in immer tiefere Tiefen. Aus der Betrachtung der Geisteswissenschaft wird - was ich nur andeuten kann - immer mehr und mehr die Beantwortung sich ergeben, warum Herman Grimm nicht fertig werden konnte mit seiner Betrachtung Raffaels. So grotesk es für manchen klingen mag, daran liegt es, dass er überall bis an die Pforte der Geisteswissenschaft herankam, aber diese Pforte nirgends aufschließen konnte nach dem Geiste seines Jahrhunderts, nach den Bedingungen des ganzen Werdens des neunzehnten Jahrhunderts. So sei denn der Versuch gemacht, an Raffael heranzutreten, nicht etwa von irgendwelchen geisteswissenschaftlichen Dogmen oder Gesetzen aus, sondern mit dem, was als die ganze Art der Seelenstimmung dem Bilde Raffaels gegenüber in unser Gemüt einzudringen vermag. In der geisteswissenschaftlichen Forschung ist es viel wichtiger – und das prägt sich zuletzt in unsere Seelen ein –, dass wir in einer gewissen Stimmung die Dinge der Welt betrachten, als alle möglichen Gesetze, die sich aus der Geistesforschung etwa ergeben, schablonenhaft abstrakt anzuwenden. Das ist ganz gewiss nicht das, was die menschliche Seele aus der Geisteswissenschaft machen soll.

[ 6 ] So when one looks into the eyes of this remarkable art historian, one can truly get the sense that something lives within him that is a question specific to our own age. And because the pulse of our time lived within him, this question lived with particular vitality in his soul—the question of the humanities that we have sought to approach in all the reflections presented here. But it is precisely in a struggle such as Herman Grimm’s struggle with Raphael’s painting that one sees that, if one remains stuck in the spiritual mode of contemplation of the nineteenth century, one cannot come to terms with the greatest mysteries—especially when one sincerely and without hypocrisy attempts to solve such mysteries with the awareness that one must plunge into ever-greater depths. From the perspective of spiritual science—which I can only hint at—the answer will increasingly become clear as to why Herman Grimm could not come to terms with his interpretation of Raphael. As grotesque as it may sound to some, this is why he came as close as the very threshold of spiritual science everywhere, yet could not open that door anywhere in accordance with the spirit of his century, in accordance with the conditions of the entire development of the nineteenth century. Let us therefore attempt to approach Raphael, not on the basis of any spiritual scientific dogmas or laws, but with whatever is capable of penetrating our minds as the entire mood of the soul in response to Raphael’s painting. In spiritual scientific research, it is far more important—and this is ultimately what imprints itself on our souls—that we view the things of the world in a certain frame of mind than to apply, in a stereotypical and abstract manner, all manner of laws that may arise from spiritual research. This is certainly not what the human soul should make of spiritual science.

[ 7 ] Wie erschien Raffael vor Herman Grimm, diesem Geist des neunzehnten Jahrhunderts? Merkwürdige Worte spricht dieser Mann. Ich will Ihnen diese wörtlich anführen, damit wir uns sozusagen ganz einleben können in die Art, wie dieser Mensch durch seine Forschung ein persönliches Verhältnis zu seinem Gegenstand gewinnen will. So erscheint ihm Raffael wie ein Geist, zu dessen Verständnis er nötig hat, die intimsten Tiefen menschlicher Entwicklung heranzuziehen. Nicht auf der Grundlage einer Epoche, sondern wie herausgeboren aus der ganzen Entwicklung der Menschheit – groß und gewaltig auf dem Hintergrunde der Menschheitsentwicklung, so erscheint er ihm; und für den, der fühlen kann, wirken tief solche Worte wie diejenigen, die in den letzten fragmentarischen Seiten Herman Grimms stehen über Raffael, die er also sozusagen aus einem letzten Ansatze, Raffael zu betrachten, herausgeboren hat. Da sagt Herman Grimm:

[ 7 ] How did Raphael appear to Herman Grimm, that spirit of the nineteenth century? This man speaks strange words. I will quote them verbatim so that we may, so to speak, fully immerse ourselves in the way this man seeks to establish a personal relationship with his subject through his research. Thus, Raphael appears to him as a spirit whom he must understand by drawing upon the most intimate depths of human development. Not on the basis of a single era, but as if born out of the entire development of humanity—great and mighty against the backdrop of human development—this is how Raphael appears to him; and for those who are capable of feeling, words such as those found in the final fragmentary pages of Herman Grimm’s work on Raphael—words he produced, so to speak, from a final attempt to contemplate Raphael—have a profound effect. There, Herman Grimm says:

Raffael ist ein Bürger der Weltgeschichte. Wie einer von den vier Flüssen ist er, die dem Glauben der alten Welt nach aus dem Paradiese kamen.

Raphael is a figure in world history. He is like one of the four rivers that, according to the beliefs of the ancient world, flowed from Paradise.

[ 8 ] Mag gelehrte Forschung darüber denken, was sie will dem Menschen, der die Seele öffnen kann, geht etwas ganz Besonderes in seiner Seele auf, [wenn er einen Menschen wie Herman Grimm anschaut, der sich sein ganzes Leben hindurch in einen Gegenstand vertieft hat und in dessen Gefühl etwas lebt, aus dem er so sprechen muss über Raffael, dass er ihn zu einem Bürger der Weltgeschichte erhebt, zu einem Wesen, das sich abhebt von der gesamten Menschheitsentwicklung]. Und anders als andere mag einem noch Herman Grimm erscheinen, wenn man – von einem gewissen seelischen Gefühlsstandpunkt aus ins Auge gefasst – ihm gerecht werden will. Herman Grimm sagte:

[ 8 ] Scholars may think what they will about this, but for the person who can open his soul, something very special blossoms within him, [when he looks at a person like Herman Grimm, who has immersed himself in a single subject throughout his entire life and in whose heart lives something that compels him to speak of Raphael in such a way that he elevates him to a citizen of world history, to a being who stands apart from the entire course of human development]. And however different Herman Grimm may seem from others, if one seeks to do him justice—viewed from a certain spiritual perspective—one must acknowledge this. Herman Grimm said:

Würde Michelangelo durch ein Wunder von den Toten fortgerufen, um unter uns wieder zu leben, und begegnete ich ihm, so würde ich ehrfurchtvoll zur Seite treten, damit er vorüberginge; käme mir Raffael aber in den Weg, so würde ich hinter ihm hergehen, ob ich nicht Gelegenheit fände, ein paar Worte aus seinen Lippen zu vernehmen. Bei Lionardo und Michelangelo kann man sich darauf beschränken, zu erzählen, was sie ihren Tagen einst gewesen sind: Bei Raffael muss von dem ausgegangen werden, was er uns heute ist. Über jene anderen hat sich ein leiser Schleier gelegt, über Raffael nicht. Er gehört zu denen, deren Wachstum noch lange nicht zu Ende ist. Es sind immer wieder zukünftig lebende Geschlechter von Menschen denkbar, denen Raffael neue Rätsel aufgeben wird [...].

If Michelangelo were miraculously raised from the dead to live among us again, and I were to encounter him, I would step aside reverently to let him pass; but if Raphael were to cross my path, I would follow behind him, hoping to catch a few words from his lips. With Leonardo and Michelangelo, one can limit oneself to recounting what they once were in their own time; with Raphael, one must start from what he is to us today. A faint veil has settled over those others, but not over Raphael. He belongs to those whose growth is far from over. It is always conceivable that future generations will emerge for whom Raphael will pose new enigmas [...].

[ 9 ] Und so sei denn einmal die Frage aufgeworfen: Welche Rätsel kann die Erscheinung Raffaels gerade demjenigen aufgeben, der seine Seelenstimmung durchdrungen hat von dem, was von der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Welt her kommt? Nun, die Geisteswissenschaft spricht in einem doppelten Sinne von der Entwicklung in der Zeit; dieser doppelte Sinn wurde hier öfter berührt. Zunächst spricht die Geisteswissenschaft davon, wie die Menschheit in ihrer Erdenentwicklung von Epoche zu Epoche geht, sodass man erkennt, dass Geist und Sinn in dieser Entwicklung sind, dass also geistige Gesetze gefunden werden können. Im Sinne dieser geistigen Gesetze können wir sehen, wie die Menschheit in der Urzeit in einer anderen Weise in ihrer Entwicklung über die Erde hin geführt worden ist als später; wir können sehen, wie andere, [neue] Impulse und Einschläge gemäß diesen geistigen Gesetzen bis in unsere Zeit hineinwirkten. In geisteswissenschaftlichem Sinne unterscheiden wir genau zwischen den einzelnen Epochen, und daher kann man sich nicht mit jenem trivialen Satze begnügen, die natürliche Entwicklung mache niemals einen Sprung. Dieser Satz kann gewiss, wenn er auf eine gewisse Weise ausgelegt wird, ganz richtig sein; aber man versuche einmal die Natur zu betrachten: Man wird sehen, wie eben ein solcher Spruch, der so leicht trivial hingesprochen wird, nur eine ganz eingeschränkte Bedeutung hat. Die Natur macht nämlich fortgesetzt Sprünge: Die Pflanze macht in ihrer Entwicklung einen gewaltigen Sprung zwischen der Wurzel und dem grünen Blatt, wiederum einen gewaltigen Sprung zwischen dem grünen Blatt und der Blüte und wiederum zwischen Blüte und Frucht. Die Natur macht überall Sprünge, und nicht minder ist es so in der Geschichte der Menschheit. Die einzelnen Epochen gehen nicht, wie es bequeme Weltanschauung denkt, so ganz einfach sukzessive ineinander über, sondern sie sind ihrem Charakter nach scharf voneinander abgegrenzt. Und wer diese menschlichen Epochen genau betrachtet, der wird finden, dass die menschliche Seele in der Lage ist, in jeder Epoche etwas Besonderes an sich herantreten zu sehen, etwas Besonderes zu durchleben. Wenn man das Wort vielleicht auch pedantisch findet, das Lessing gebraucht hat: dass die Weltgeschichte eine Erziehung des gesamten Menschengeschlechtes sei – in einem gewissen Sinne ist dieses Wort berechtigt. Wie der einzelne Mensch, von einer primitiven Stufe seines Geisteslebens ausgehend, sich zu immer neuen Impulsen erhebt, die er dann in der äußeren Welt und in seinem eigenen Innern durchlebt, so verhält es sich auch für die gesamte Menschheit über die Erde hin. Das ist die eine Art, wie Geisteswissenschaft die Entwicklung der Menschheit über die Erde hin betrachtet.

[ 9 ] And so let us raise the question: What mysteries can Raphael’s work present to those whose inner state has been permeated by the spiritual-scientific view of the world? Well, spiritual science speaks of development over time in a twofold sense; this dual sense has been touched upon here on several occasions. First, spiritual science speaks of how humanity, in its earthly evolution, moves from epoch to epoch, so that one recognizes that spirit and mind are present in this development—that is, that spiritual laws can be discovered. In light of these spiritual laws, we can see how humanity in prehistoric times was guided in its development across the Earth in a different way than in later periods; we can see how other, [new] impulses and influences have continued to work into our own time in accordance with these spiritual laws. In the spiritual-scientific sense, we make a precise distinction between the individual epochs, and therefore one cannot be satisfied with that trivial statement that natural development never takes a leap. This statement can certainly be quite correct if interpreted in a certain way; but let one try to observe nature: one will see how precisely such a saying, so easily uttered in a trivial manner, has only a very limited meaning. For nature continually makes leaps: the plant makes a tremendous leap in its development between the root and the green leaf, another tremendous leap between the green leaf and the flower, and yet another between the flower and the fruit. Nature makes leaps everywhere, and this is no less true in the history of humanity. The individual epochs do not, as a convenient worldview would have it, simply merge into one another in a straightforward, successive manner, but are sharply distinguished from one another in character. And anyone who examines these human epochs closely will find that the human soul is capable of perceiving something unique within itself in each epoch—something unique to experience. Even if one might find the phrase used by Lessing—that world history is an education of the entire human race—somewhat pedantic, in a certain sense this statement is justified. Just as the individual human being, starting from a primitive stage of his spiritual life, rises to ever-new impulses, which he then experiences both in the outer world and within himself, so it is also for all of humanity across the earth. This is one way in which spiritual science views the development of humanity across the earth.

[ 10 ] Die andere Art der Betrachtung bezieht sich auf das Teilhaben der Menschenseele an dieser fortlaufenden Erziehung. Und da stellt die Geisteswissenschaft – wie es so oft und auch vorgestern hier ausgeführt worden ist – als Ergebnis fest: Der Mensch durchläuft in wiederholten Erdenleben diese Erdenentwicklung, sodass die Menschenseele an den aufeinanderfolgenden Epochen so teilnimmt, dass wir — zurückblickend – uns fragen können, wie unsere eigenen Seelen in früheren Epochen der Erdenentwicklung, in früheren Erdenleben, teilgenommen haben an dem, was die Erdenentwicklung der Menschenseele jedes Mal geben konnte. Immer wieder waren unsere Seelen auf Erden verkörpert in Leibern, um dasjenige in sich aufzunehmen, was dann zu Impulsen für die späteren Epochen wurde. So nimmt die Menschenseele in ihren aufeinanderfolgenden Leben teil an alledem, was in sie aus den Impulsen der gesamten menschlichen Erdenentwicklung einfließen kann.

[ 10 ] The other perspective concerns the human soul’s participation in this ongoing process of education. And here, spiritual science—as has been explained so often, and again the day before yesterday—concludes that: Through repeated earthly lives, the human being undergoes this earthly evolution, so that the human soul participates in the successive epochs in such a way that—looking back—we can ask ourselves how our own souls, in earlier epochs of earthly evolution, in earlier earthly lives, participated in what the earthly evolution of the human soul was able to offer each time. Time and again, our souls were incarnated on Earth in physical bodies in order to absorb within themselves that which then became impulses for later epochs. Thus, in its successive lives, the human soul participates in all that can flow into it from the impulses of the entire human evolution on Earth.

[ 11 ] Es gibt ja, sagen wir, mitleidige Geister, die es Lessing verzeihen, dass er aus einem solchen Gesichtspunkte heraus auf der Höhe seines Lebens in seiner bedeutsamen Schrift «Die Erziehung des Menschengeschlechtes» über wiederholte Erdenleben gesprochen hat, denn nur dadurch – [durch diese Idee der wiederholten Erdenleben] — ist ihm klar geworden, durch welche Kräfte eigentlich die ganze Evolution der Menschheit durch die Geschichte getragen wird: nur dadurch, dass die Menschenseelen selber das, was sie in einer Epoche aufnehmen, wiederum hinübertragen in andere Epochen, und die Menschenseele nicht isoliert nur einer Epoche angehört, sondern immer wiederkehrend den aufeinanderfolgenden Epochen, sodass sie ein Bürger der gesamten Geschichte ist. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte ausgehen können, dass in einer ganz eigenartigen Weise in jeder Menschenseele dasjenige aufleuchtet, was sie als Impulse in früheren Epochen aufgenommen hat, dann tritt es uns vor die Seele, wie insbesondere ein hervorragender Geist [wie Raffael] sich hineinstellen kann mit dem Erträgnis alles dessen, was seine Seele in früheren Erdenleben in irgendeiner Epoche durchgemacht hat.

[ 11 ] There are, so to speak, compassionate souls who forgive Lessing for having spoken of repeated earthly lives from such a perspective at the height of his life in his significant work *The Education of the Human Race*, for it was only through this—[through this idea of repeated earthly lives] —did it become clear to him by what forces the entire evolution of humanity is actually carried through history: solely through the fact that human souls themselves carry over into other epochs what they have absorbed in one epoch, and that the human soul does not belong in isolation to a single epoch, but rather, recurring time and again, to successive epochs, so that it is a citizen of all of history. If we can proceed from this point of view—that what a human soul has absorbed as impulses in earlier epochs shines forth in a very peculiar way within every human soul—then it becomes clear to us how, in particular, an outstanding spirit [such as Raphael] can step into the world bearing the fruit of everything his soul has experienced in earlier earthly lives in whatever epoch.

[ 12 ] Wir werden nicht mit pedantischem Sinne abstrakt nach Ursache und Wirkung forschen, sondern uns ein Gefühl aneignen dafür, wie eine Seele sich hineinlebt in eine Epoche, und wir fühlen in dieser Seele im Grunde genommen in einer ganz besonderen Weise das ganze frühere Erdenleben, das eine solche Seele – und jede Menschenseele – in ihrer Eigenart durchlebt hat. Wenn wir nun einen allerdings für die Erdenentwicklung verhältnismäßig kurzen, für die gegenwärtige Menschheitsbetrachtung aber zunächst naheliegenden Zeitraum betrachten, denjenigen der geschichtlichen Jahrtausende und [ihn vergleichen mit dem Zeitraum] der Jahrtausende, die den geschichtlichen vorangegangen sind, dann ergibt sich für die geisteswissenschaftliche Forschung etwas, was hier schon öfters erwähnt worden ist: Die Menschenseele selber hat Verwandlungszustände durchgemacht, sodass sie in alten Zeiten ganz anders beschaffen war als in späteren Zeiten oder als in der Gegenwart. Hingewiesen werden muss darauf, dass unser gewöhnliches jetziges verstandesmäßiges Denken, das in der Wissenschaft seinen Triumph erreicht, ein Entwicklungsprodukt ist, das erst nach und nach entstanden ist. Gerade mit dem Worte «Entwicklung» muss die Geisteswissenschaft Ernst machen und diese Entwicklung nicht nur in der Aufeinanderfolge der äußeren Formen sehen, sondern vor allen Dingen in dem Arbeiten der Menschenseele. Nur stellt sich in der Geisteswissenschaft dieses Werden der Menschenseele anders dar als für die äußere Wissenschaft.

[ 12 ] We will not search abstractly for cause and effect in a pedantic manner, but rather cultivate a sense of how a soul immerses itself in an epoch; and in this soul we essentially feel, in a very special way, the entire past earthly life that such a soul—and every human soul—has lived through in its own unique way. If we now consider a period that is, admittedly, relatively short in terms of Earth’s development but initially the most obvious one for the present-day human perspective—namely, the historical millennia—and [compare it with the period] of the millennia that preceded the historical ones, then something emerges for spiritual scientific research that has already been mentioned here on several occasions: The human soul itself has undergone states of transformation, so that in ancient times it was of a completely different nature than in later times or than in the present. It must be pointed out that our ordinary, present-day intellectual thinking—which has achieved its triumph in science—is a product of evolution that has emerged only gradually. It is precisely with the word “development” that spiritual science must take a serious approach, viewing this development not only in the succession of external forms but, above all, in the workings of the human soul. However, in spiritual science, this evolution of the human soul presents itself differently than it does in the external sciences.

[ 13 ] Die Geisteswissenschaft wendet den Blick zurück in uralte Zeiten, die noch vor den geschichtlichen sind, und findet da diese Menschenseele mit einer Art von primitivem Hellsehen ausgestattet. Ich kann diese Dinge heute nur andeuten; sie sind in anderen Vorträgen weiter ausgeführt. Das, was heute unser verstandesmäßiges Denken ist, wodurch wir gerade so recht zum Selbstbewusstsein kommen und uns innerlich als Menschen erkennen, musste sich erst herausentwickeln. In alten Zeiten war das ganze Vorstellungsleben des Menschen so, dass er gewisse Zwischenzustände hatte zwischen Wachen und Schlafen, wie Traumbilder. Diese waren nicht bloße Traumbilder, sondern sie waren sinnbildliche Ausdrücke der Wirklichkeit, die ihn umgab. Er nahm wahr in einer Art von uraltem Hellsehen. Dann entwickelte sich die Menschheit weiter, und als ein Element eines neuen Impulses wurde aufgenommen unser gegenwärtiges Verständnis, unsere Phantasie und Sonstiges, wie es gerade der gegenwärtigen Menschheit eigentümlich ist.

[ 13 ] Spiritual science turns its gaze back to ancient times, even before the historical era, and finds there the human soul endowed with a kind of primitive clairvoyance. I can only hint at these things today; they are discussed in greater detail in other lectures. What today constitutes our intellectual thinking—through which we truly attain self-awareness and recognize ourselves inwardly as human beings—had to develop over time. In ancient times, the entire imaginative life of human beings was such that they experienced certain intermediate states between waking and sleeping, akin to dream images. These were not mere dream images, but symbolic expressions of the reality that surrounded them. People perceived through a kind of ancient clairvoyance. Then humanity developed further, and as part of a new impulse, our present-day understanding, our imagination, and other faculties—as they are characteristic of present-day humanity—were incorporated.

[ 14 ] Nun finden wir einen bedeutsamen Einschnitt in dem uns vorangehenden großen Zeitraum der Menschheitsentwicklung, der sich uns darstellt durch eine ganz wunderbare Epoche dieser Menschheitsentwicklung. Das ist die Zeit des Griechentums. Für den, der mit dem geschulten Blicke des Geistesforschers die Menschheitsentwicklung betrachtet, stellt sich das Griechentum wie eine Art Mitte zwischen zwei getrennten Entwicklungsreihen in die Menschheitsentwicklung hinein. Wenn wir das Griechentum betrachten, so liegt uns ja – weil unsere heutige Betrachtung in der Anschauung eines Künstlers gipfeln soll – das Künstlerische am nächsten. Dieses Künstlerische war aber im vollen Einklang mit dem ganzen griechischen Geist, und dieser griechische Geist erscheint nur für den, der kurzsichtig die Menschheitsentwicklung betrachtet — so wie der heutige Geist es tut — derart, dass eigentlich die Menschenseelen ungefähr gleich waren, wie sie heute sind. Für den, der genau auf das Charakteristische in der Menschheitsentwicklung eingeht, stellt sich das ganz anders dar.

[ 14 ] We now find a significant turning point in the great period of human development that preceded us, a period that presents itself to us as a truly marvelous epoch in the history of humanity. This is the era of Greek civilization. To those who view human development with the trained eye of a spiritual researcher, Greek civilization appears as a kind of midpoint between two distinct lines of development within human history. When we consider Greek civilization, what is closest to us—since our present examination is intended to culminate in the perspective of an artist—is the artistic aspect. This artistic aspect, however, was in complete harmony with the entire Greek spirit, and this Greek spirit appears—only to those who view human development with a narrow perspective—as the modern spirit does—as though human souls were actually roughly the same as they are today. For those who closely examine the distinctive characteristics of human development, the picture appears quite different.

[ 15 ] Ich möchte von einer Einzelheit ausgehen: Wenn heute ein Künstler an seine Kunst herantritt, sagen wir an die Bildhauerei, so ist es für unsere gegenwärtige Zeit ganz natürlich und selbstverständlich, weil das in dem Charakter unserer Zeit liegt, nun, sagen wir es trocken, dass er nach dem Modell arbeitet, dass er das Vorbild der Natur vor sich hat, dass er die Natur nachahmt. Das entspricht unserer heutigen Anschauung, unserer heutigen Umgebung, die uns künstlerisch diejenige Seelenbetrachtung nahelegt, welche sich der Natur gegenüberstellt und die Wahrheit so sucht, indem sie sich Abbilder von den Dingen in der Seele heraufzaubert. So macht es die heutige Wissenschaft, und so macht es in gewisser Weise auch die heutige Kunst. [Aber das ist nur recht und richtig für unsere Zeit, denn so will es die verstandesmäßige Betrachtung der Welt; sie will, dass der Mensch durch Anschauung das wahre oder das falsche Bild der Natur gewinnt und dass er in der Phantasie Bilder der Natur schafft, der er sich damit gegenüberstellt als selbstbewusster Mensch.] So war es noch nicht in der Griechenzeit, und diejenigen haben Unrecht, welche glauben, der griechische Künstler habe es ebenso gemacht wie der heutige. Der heutige Künstler muss es so machen, weil die Menschenseele sich immer mehr verinnerlicht hat, weil für unseren Zeitraum die Menschenseele nicht mehr jenen innigen Bund mit der Natur zu schließen vermag, indem sie untertaucht in die Gegenstände selber. Sie stellt sich als abgegrenzt hin vor die Dinge, sie ahmt sie nach. Dadurch gelangt ja der heutige Mensch zu seiner Urteilskraft, dadurch gelangt er aber auch zu seinem vollen Selbstbewusstsein in der Welt.

[ 15 ] I’d like to start with a specific point: When an artist today approaches his art—let’s say sculpture—it is entirely natural and self-evident in our present age, because it is inherent in the character of our time—well, to put it bluntly—that he works from a model, that he has nature as his example before him, that he imitates nature. This corresponds to our contemporary worldview, to our present-day environment, which artistically suggests to us that form of soul-contemplation that confronts nature and seeks truth by conjuring up images of things within the soul. This is how modern science operates, and in a certain sense, this is also how modern art operates. [But this is only right and proper for our time, for this is what the rational contemplation of the world demands; it demands that human beings gain a true or false image of nature through observation and that they create images of nature in their imagination, thereby confronting nature as self-conscious human beings.] This was not yet the case in Greek times, and those are mistaken who believe that the Greek artist worked in the same way as the artist of today. The artist of today must work this way because the human soul has become increasingly internalized; because, in our era, the human soul is no longer able to form that intimate bond with nature by immersing itself in the objects themselves. It positions itself as separate from things; it imitates them. Through this, modern man attains his power of judgment; through this, however, he also attains his full self-awareness in the world.

[ 16 ] Anders war es im Griechentum. Im Griechentum war die Seele vor allen Dingen noch in innigem Zusammenhange mit allem Körperlichen, Leiblichen; und dadurch, dass sie in innigerem Zusammenhang mit alledem war, war sie auch mit dem in innigem Bunde, womit ja das Leibliche, Körperhafte in Zusammenhang steht, mit der umgebenden Natur. Was in der Natur lebt und webt, das lebte und webte im Miterleben in der menschlichen Seele wirklich wie in der Natur, wie sie ist. Die Menschenseele stand nicht der Natur gegenüber, sie war in der Natur, lebte mit den Untergründen der Natur. Wenn nun ein griechischer Künstler irgendeine Statue in der Bildhauerei schaffen wollte, so wäre es ihm ganz unnatürlich gewesen — das zeigt uns die Geistesforschung –, äußerlich irgendetwas nachzuahmen. Wollte er eine Statue, sagen wir des Mars oder des Zeus, darstellen — Gestalten, die er alle vermenschlichte –, so war es ihm vor allen Dingen darum zu tun, nachzufühlen, was die Marsseele, die Zeusseele erlebte. Und weil unmittelbar die seelischen Impulse, das seelische Fühlen sich objektiv in die Seele ergossen, so fühlte der Künstler in jeglicher Geste, in jeder Bewegung, in jeder Körperstellung, in jedem Blick, was die Seele erlebte. Er war eigentlich innerlich der Mars, der Zeus, und wusste daher, wie eine Hand, wie ein Muskel ausschaut. Er schuf sein unmittelbar innerliches Erleben. Nicht schuf er nach die Natur, weil die Seele nicht bloß Seelisches erlebte, sondern miterlebte, was körperhaft in der Umgebung war. Dieses Abtrennen [des seelischen Miterlebens von der Natur] — das ist erst geworden.

[ 16 ] The situation was different in ancient Greece. In Greek culture, the soul was, above all else, still intimately connected with everything physical and corporeal; and because it was more intimately connected with all of that, it was also intimately united with that with which the physical and corporeal are connected—namely, the surrounding nature. Whatever lives and unfolds in nature truly lived and unfolded in the human soul as it does in nature, just as it is. The human soul did not stand opposed to nature; it was within nature, living in harmony with the depths of nature. If, then, a Greek artist wished to create a statue in sculpture, it would have been entirely unnatural for him—as spiritual research shows us—to imitate anything outwardly. If he wanted to depict a statue—say, of Mars or Zeus—figures whom he humanized—his primary concern was to empathize with what the soul of Mars or the soul of Zeus experienced. And because the soul’s impulses, the soul’s feelings, poured objectively into the soul, the artist felt in every gesture, every movement, every posture, and every glance what the soul was experiencing. He was, in fact, Mars or Zeus within himself, and therefore knew what a hand or a muscle looked like. He created his own immediate inner experience. He did not create by imitating nature, because the soul did not merely experience what was spiritual, but also shared in the physical reality of the surroundings. This separation [of spiritual participation from nature]—that is a later development.

[ 17 ] Im alten Griechentum war die Seele noch in das natürliche Dasein ergossen. Gehen wir aber ganz hinter das alte Griechentum zurück, dann finden wir uns nahe und immer näher kommen den Zeiten, wo noch eine Art Hellsichtigkeit vorhanden war, wo der Mensch hinwegging über das Physische und das hinter ihm liegende Geistige empfand — da war er mit dem Geist, der hinter der sinnlichen Welt schwebt, verbunden. [Da schuf die Seele aus dem Innersten der Welt, aus den Gesetzen, die dem Äußeren nicht ähnlich sehen, diejenigen Formen heraus, die nun aber desto mehr den Gesetzen des Äußeren entsprechen.] Selbst bei den Philosophen wie Plato, Pythagoras, Sokrates haben wir Menschenseelen, die noch etwas unter die Oberfläche hinuntergreifen. Im Griechentum ist die Seele noch nicht verinnerlicht in der menschlichen Persönlichkeit; sie steht noch in der Sinnenwelt drinnen. Der moderne Mensch hat sich losgelöst; er kann sich dem Natürlichen nur gegenüberstellen und es nachahmen. Dadurch aber gelangt die gefestigte Seele zum inneren Halt, zum festen Stehen in sich selbst. So war die Menschenseele der Urzeit unfrei und abhängig von dem allwaltenden Geiste; so war die griechische Seele unmittelbar drinnenstehend, Natur und Geist noch nicht voneinander trennend, so ist die moderne Seele herausgestellt aus der Umgebung, sich in ihrer Innerlichkeit erfassend.

[ 17 ] In ancient Greece, the soul was still infused into natural existence. But if we go back even further than ancient Greece, we find ourselves approaching—and drawing ever closer to—the times when a kind of clairvoyance still existed, when human beings transcended the physical and perceived the spiritual realm lying beyond it—there they were connected to the spirit that hovers behind the sensory world. [There the soul created, from the innermost depths of the world—from laws that do not resemble those of the outer world—those forms that now, however, correspond all the more to the laws of the outer world.] Even among philosophers such as Plato, Pythagoras, and Socrates, we find human souls that still reach somewhat beneath the surface. In Greek culture, the soul is not yet internalized within the human personality; it still remains within the sensory world. Modern man has detached himself; he can only confront the natural world and imitate it. Through this, however, the consolidated soul attains inner stability, a firm standing within itself. Thus, the human soul of primeval times was unfree and dependent on the all-pervading Spirit; thus, the Greek soul was directly immersed within, not yet separating nature and Spirit from one another; thus, the modern soul is set apart from its surroundings, comprehending itself in its inner life.

[ 18 ] Nun gibt es für die Kunst keinen Zeitraum, der uns so sehr wie in einem Sprunge in dem charakterisierten Sinne zeigt, wie diese Kunst auf der einen Seite das Große, Bedeutsame des Miterlebens der Natur noch fordert und auf der andern Seite zu rechnen hat mit der vertieften Innerlichkeit der Menschenseele – [es ist diejenige Zeit, in der große Künstler wie Leonardo, Michelangelo, Raffael ihre Werke geschaffen haben]. Es ist charakteristisch, dass in die Zeit des Griechentums das Ereignis fällt, das der Menschenseele vor allen Dingen Verinnerlichung gegeben hat und das durch seine Impulse mitwirkt an der Erziehung der Menschenseele: die Entstehung und Begründung des Christentums. Und gewaltig und merkwürdig erscheint uns, wenn wir, vom umfassendsten überkonfessionellen Standpunkte aus, unabhängig von jeder eng-konfessionellen Anschauung, die Entwicklung der Menschheit betrachten, wie das gesetzmäßig von dem Zeitpunkt der Entstehung des Christentums an herauftaucht, was wir Verinnerlichung der Menschenseele nennen können und was ich jetzt zu charakterisieren versuche.

[ 18 ] Now, there is no period in the history of art that shows us as clearly as in a single leap—in the sense described—how this art, on the one hand, still demands the grandeur and significance of experiencing nature firsthand, and on the other hand, must reckon with the deepened inner life of the human soul—[it is the period in which great artists such as Leonardo, Michelangelo, and Raphael created their works] . It is characteristic that the Greek era witnessed the event that, above all else, instilled inner reflection in the human soul and which, through its impulses, contributes to the education of the human soul: the emergence and establishment of Christianity. And it strikes us as immense and remarkable when, viewing the development of humanity from the most comprehensive, non-denominational standpoint—independent of any narrow denominational perspective—we see how, from the very moment of Christianity’s emergence, what we might call the “internalization of the human soul”—and which I am now attempting to characterize—began to emerge as a natural process.

[ 19 ] Man kann sich das insbesondere vor die eigene Seele hinstellen, wenn man versucht, einen Geist aus den ersten christlichen Jahrhunderten zu betrachten, einen Geist wie Augustinus. Man vertiefe sich einmal in so etwas wie die «Bekenntnisse» des Augustinus — lesenswert für jeden, der sich in den Geist der Zeiten, im besten Sinne des Wortes, vertiefen will. Und man erlangt so ein Gefühl von jener unendlichen Innerlichkeit des menschlichen Seelenerlebens, die in die Menschheitsentwicklung hereinbricht und sich in solch einer Seelenart wie der des Augustinus zeigt. Und man vergleiche das ganze Leben, die ganze innerliche Art des Seelenlebens des Augustinus mit dem, was die [ganze] griechische Kunst, selbst die erschütternden Tragödien eines Aischylos, eines Sophokles hat geben können. Bei dem großen Aischylos, bei dem großen Sophokles finden wir überall das Verbundensein des Menschen mit seiner Umgebung. So genialisch groß uns die Charakteristiken erscheinen, die da gegeben werden – die Menschen heben sich überall nicht so heraus, dass wir in dem Grade von einer Verinnerlichung des Seelenlebens sprechen können, wie dieses In-sich-Geschlossensein des Menschengeistes uns bei Augustinus so wuchtig und gewaltig entgegentritt.

[ 19 ] One can especially keep this in mind when trying to contemplate a figure from the early Christian centuries, a figure like Augustine. Let us immerse ourselves in something like Augustine’s *Confessions*—a work well worth reading for anyone who wishes to delve into the spirit of the times, in the best sense of the word. And in doing so, we gain a sense of that infinite inwardness of human soul experience that bursts into the development of humanity and manifests itself in a soul such as Augustine’s. And compare the whole life, the entire inner nature of Augustine’s soul life, with what [all of] Greek art—even the harrowing tragedies of Aeschylus and Sophocles—has been able to offer. In the great Aeschylus, in the great Sophocles, we find everywhere the interconnectedness of human beings with their surroundings. However brilliantly great the characterizations presented to us may seem—the characters do not stand out to such an extent that we can speak of an internalization of the inner life to the same degree as this self-contained nature of the human spirit confronts us so powerfully and mightily in Augustine.

[ 20 ] Man wird erst dann den ganzen geistigen Gang der menschlichen Entwicklung überblicken können, wenn man diesen Impuls der Verinnerlichung als ein historisches Gesetz erkennt, auch dann, wenn man nicht in irgendeiner konventionellen Weise anknüpfen will an den Christus-Impuls. Denn diese Dinge sind vorhanden, so wahr die Sonne im Raume vorhanden ist. Sie können geisteswissenschaftlich so erfasst werden wie im Raume die Wirkungen der Sonne zu den Planeten. [Diese Entwicklung hat besonders in jener Zeit menschlich-geistiger Entwicklungsblüte, in der sogenannten Renaissance-Kultur, zunächst dahin geführt, dass man in eine gewisse unkünstlerische Betrachtungsweise getreten ist.] Aber die Kunst wird niemals aus der menschlichen Entwicklung verschwinden können, sie wird sich nur für die verschiedenen Epochen gerade dasjenige suchen, was ihr möglich ist bei dem gesetzmäßigen allgemeinen Charakter eines Zeitalters. Und so sehen wir in der Epoche an der Wende des fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert, in welche auch das Leben Raffaels hineinfällt, wie darum gerungen wird, erstens Kunst möglich zu machen und zweitens in der Kunst mit dem zu rechnen, was gesetzmäßig mit der Verinnerlichung der Menschenseele auch in der Kunstentwicklung aufgetreten ist.

[ 20 ] It will only be possible to grasp the entire spiritual course of human development once this impulse toward internalization is recognized as a historical law—even if one does not wish to connect it in any conventional way to the Christ impulse. For these things exist, just as truly as the sun exists in space. From a spiritual-scientific perspective, they can be understood in the same way as the effects of the sun on the planets in space. [This development led, particularly during that flowering of human-spiritual evolution known as the Renaissance, initially to the adoption of a certain unartistic way of viewing things.] But art will never be able to disappear from human development; it will simply seek out, for each different epoch, precisely what is possible for it within the lawful, general character of that age. And so, in the era at the turn of the fifteenth to the sixteenth century—an era that also encompassed Raphael’s lifetime—we see how people struggled, first, to make art possible and, second, to take into account in art what had naturally arisen in the development of art as a result of the inner transformation of the human soul.

[ 21 ] In dieser gewaltigen Übergangsepoche ist der Geist Raffaels herangereift. Und wie tritt er uns da entgegen? In einer wunderbaren Weise tritt er uns entgegen! 1483 ist Raffael in Urbino geboren als Sohn eines Goldschmiedes, der auch Maler war und von dem er den ersten Malunterricht empfing. Früh verwaist, wird Raffael in die Lehre zu dem damals bedeutendsten Maler Italiens, zu Pietro Perugino in Perugia gegeben. Von Perugino sehen wir Raffael sozusagen die erste Anregung empfangen zu dem, was dann zu so gewaltiger Größe sich erhebt. Aber wenn man die Umgebung Raffaels betrachtet, schon in Urbino, dann in Perugia und dann wiederum die Raffael-Seele selber, dann wird diese Betrachtung zum Rätsel, wo man auch hinschaut; denn diese Raffael-Seele steht in der Umgebung drinnen wie etwas, das nicht herauswächst aus dieser Umgebung selbst, sondern das sich hineinstellt in diese Umgebung wie von ganz anderen Heimatgefilden herkommend. Und nur wer in Bezug auf diese Dinge kurzsichtig ist, kann immer noch danach streben, Raffael erklären zu wollen aus dem, was ihn umgeben hat.

[ 21 ] Raphael’s spirit came of age during this momentous period of transition. And how does he appear to us then? He appears to us in a wondrous way! Raphael was born in Urbino in 1483, the son of a goldsmith who was also a painter and from whom he received his first painting lessons. Orphaned at an early age, Raphael was sent to apprentice with Pietro Perugino in Perugia, who was the most important painter in Italy at the time. We see Raphael receiving from Perugino, so to speak, the initial inspiration for what would later rise to such tremendous greatness. But when one considers Raphael’s surroundings—first in Urbino, then in Perugia—and then Raphael’s own soul, this observation becomes a mystery no matter where one looks; for this soul of Raphael stands within his surroundings like something that does not grow out of those surroundings themselves, but rather places itself within them as if coming from entirely different homelands. And only those who are short-sighted with regard to these matters can still strive to explain Raphael based on what surrounded him.

[ 22 ] In Perugia wächst Raffael heran, er lernt bei dem damals bedeutendsten Maler Italiens. Wenn wir zunächst den Meister selbst betrachten, sehen wir einen durchaus christlichen Mann, rechnend mit dem christlichen Momente der Verinnerlichung der Seele. Wenn wir den Gesamteindruck seiner Bilder auf uns wirken lassen, finden wir das überall gerechtfertigt. Ja, aus den Traditionen seiner Zeit heraus malte dieser Meister Raffaels die christlichen Gestalten, das Innere der Menschenseele, das die Wege des Ewigen sucht. Er malte die Gestalten der heiligen Legende so, dass die ringende, suchende, der Ewigkeit bedürftige Menschenseele Befriedigung an diesen Gestalten findet. Aber in jedem Zug dieser Bilder Peruginos sehen wir doch auch, dass er nicht mit den innersten Fasern seiner Seele dabei war bei dem, was er eben aus der Tradition heraus gemalt hat. Man kann genau unterscheiden, wenn man auf die noch vorhandenen Bilder blickt, auf das milde, aber doch ganz aus seiner Zeit heraus erklärbare Antlitz Peruginos: Diese Seele, die in diesen Zügen lebt, hat von dem, was sie auf die Leinwand hingezaubert hat, aus der Tradition heraus die Kunst zu verinnerlichen gesucht; aber die Seele war nicht völlig dabei. Diese nicht ganz verinnerlichte Tradition, das war das Wesentliche, was Raffael an seinem Meister hatte.

[ 22 ] Raphael grew up in Perugia, where he studied under the most important painter in Italy at the time. When we first consider the master himself, we see a thoroughly Christian man, one who took into account the Christian element of the soul’s inner life. When we allow the overall impression of his paintings to take effect on us, we find this to be justified throughout. Yes, drawing from the traditions of his time, this master of Raphael’s painted the Christian figures—the inner life of the human soul that seeks the ways of the Eternal. He painted the figures of sacred legend in such a way that the struggling, searching human soul, in need of eternity, finds satisfaction in these figures. But in every stroke of these paintings by Perugino, we also see that he was not fully present with the innermost fibers of his soul in what he painted, even though it was rooted in tradition. One can clearly discern this when looking at the surviving paintings, at Perugino’s gentle countenance—one that can nevertheless be fully explained in terms of his time: This soul, which lives in these features, sought—drawn from tradition—to internalize the art that it had conjured onto the canvas; but the soul was not fully present. This tradition, not fully internalized—that was the essential quality that Raphael valued in his master.

[ 23 ] Wenn wir die Umgebung Perugias betrachten, sehen wir eine wunderbare Natur, die in jeder fühlenden Menschenseele eine Empfindung erweckt für die Rätsel des Naturdaseins, für die Ewigkeitswerte, die im irdischen Dasein liegen. Aber was spielte sich in dieser Umgebung ab? Kampf über Kampf innerhalb eines leidenschaftlichen Volkes. Und es muss angenommen werden, dass die Stätte, an der Raffael lernend heranwuchs, geprägt war von Kämpfen, von furchtbaren Kämpfen, die die einzelnen Familien und Geschlechter untereinander ausfochten im Ringen um die Oberherrschaft der Stadt. Von den Ansässigen zogen ganze Familien aus und belagerten dann die in der Stadt Zurückgebliebenen. Das alles umgab Raffael. Man versuche sich irgendeinen in Perugia herangewachsenen Menschen vorzustellen und ihn mit Raffael zu vergleichen, man würde sehen, wie der Erstere mitgelebt hätte mit alledem und aufgegangen wäre in dem Leben seiner Umgebung – man kann es sozusagen mit Händen greifen.

[ 23 ] When we look at the countryside around Perugia, we see a marvelous natural landscape that awakens in every sensitive human soul a sense of the mysteries of natural existence and of the eternal values inherent in earthly life. But what was taking place in this setting? One struggle after another within a passionate people. And it must be assumed that the place where Raphael grew up and was educated was marked by struggles—terrible struggles—that individual families and lineages waged against one another in the struggle for supremacy over the city. Entire families would leave the city and then lay siege to those who remained behind. All of this surrounded Raphael. Try to imagine any person who grew up in Perugia and compare him to Raphael; you would see how the former would have lived through it all and become absorbed in the life of his surroundings—you can almost touch it with your hands, so to speak.

[ 24 ] Es gibt eine vielsprechende Erzählung eines Chronisten, eines Geschichtsschreibers, der eben ein solcher Mensch war, der mit dabei war; er erzählt, wie einmal unter diesen kämpfenden Parteien einer der Helden einer solchen Partei wie eine Art St. Georg oder Mars in die Stadt hereinritt, hoch zu Ross, kraftvoll kämpfend für seine Anhänger, und wie er alles, was sich ihm entgegenstellte, mit seinem Pferde niederritt – ein Bild aus dem damaligen Perugia! Wir sehen diese Szene, die der Chronist schildert, auf einem Bilde Raffaels dargestellt – ins Geistig-Seelische gehoben, indem alles das hinweggefegt ist, was unmittelbar wirkt auf den, der dieser Szene anschauend gegenübertritt. Wir sehen, wie uns hier ein Leben entgegentritt, das nur eine Seele erleben kann, die über dem Ganzen schwebt und nur das festhält, was innerlich, geistig in einer solchen Szene sich darstellt, und das dann später auf die Leinwand hinzaubert. So erscheint uns Raffael: heimisch in Welten, die nicht jener Sinnenwelt angehören, heimisch in geistigen Gefilden, mit denen seine Seele ganz verwoben ist in ihrer Innerlichkeit. Und nichts anderes gab ihm die unmittelbare Umgebung, in die er hineinversetzt ist, als dass er sie anschauen durfte ein Geist wie von ganz anderen Heimaten, der für ein klares Denken und klares Betrachten niemals aus seiner Umgebung erklärt werden kann, der etwas mitbringt, etwas hinzufügt, was nicht in der Umgebung ist.

[ 24 ] There is a compelling account by a chronicler, a historian, who was just such a person—one who was there; he recounts how, on one occasion amid these warring factions, one of the heroes of such a faction rode into the city like a kind of St. George or Mars, high on his horse, fighting valiantly for his followers, and how he trampled everything that stood in his way with his horse—a scene from Perugia at that time! We see this scene, described by the chronicler, depicted in a painting by Raphael—elevated to the spiritual and soulful realm, in that everything that has an immediate effect on the viewer facing this scene has been swept away. We see how a life is revealed to us here that only a soul can experience—a soul that hovers above the whole and captures only what is presented inwardly and spiritually in such a scene, and which it then later conjures onto the canvas. This is how Raphael appears to us: at home in worlds that do not belong to the sensory realm, at home in spiritual realms with which his soul is wholly interwoven in its innermost being. And the immediate surroundings into which he is placed offered him nothing other than the opportunity to observe them as a spirit from entirely different realms—a spirit who, for the sake of clear thinking and clear observation, can never be reduced to his surroundings, who brings something with him, who adds something that is not present in those surroundings.

[ 25 ] Und was hat Raffael weiter von seinem Meister gelernt? Gerade das, was Raffael zu jener wunderbaren Erscheinung der künstlerisch-menschlichen Entwicklung macht, das hat er nicht von seinem Meister gelernt. Denn das fühlen wir bei Raffael, dass der Hauptzug der neueren Zeit, die Verinnerlichung der Menschenseele – die selbstverständliche Verinnerlichung, die mit allem zusammenhängt, was er schafft – gerade dem Perugino fehlt, dass sie aber in jeder Faser bei Raffael vorhanden ist und sich unmittelbar in das ergießt, was er in seinen Formen, in seiner Kunst auslebt. Wir fühlen, wie überall ein Stück von Raffaels tiefster Innerlichkeit auf der Leinwand lebt, wenn wir uns in seine Bilder vertiefen. Das war etwas, was Raffael aus Himmelshöhen und nicht von Perugino entnommen hat, das er wie ein Sendbote aus ganz anderen Welten hereingebracht hat. Wer diese Verinnerlichung nicht nur in Dogmen und Lehrsätzen, in äußerlichen, in Begriffe zu fassenden Gesetzen, sondern mit ganzer Seele zu ergreifen versucht, wird sie herausströmen fühlen aus jeder Schöpfung Raffaels, sodass wir bei Raffael in seinen größten Schöpfungen gerade das haben, wovon wir sagen können: Es ist jetzt etwas ganz anderes, als was in der griechischen Kunst liegt. Dort lebte das, was der Mensch unmittelbar seelisch-leiblich erlebt und zugleich in Formen gestaltet hat. In Raffael sehen wir das Innere der Menschenseele wie ausgegossen und uns in Formen entgegentretend, die Seele, die sich getrennt hat vom natürlichen Dasein, herausströmen und uns gegenüberstehen als eine neue Welt, als eine Schöpfung der verinnerlichtesten Menschenseele – nicht in einer gewissen Weise in der Natur drinnenstehend, sondern wie eine Neuschöpfung – das Innere der Menschenseele wieder nach außen strebend und sich da künstlerisch verkörpernd.

[ 25 ] And what else did Raphael learn from his master? Precisely what makes Raphael that marvelous embodiment of artistic and human development—that is what he did not learn from his master. For we sense in Raphael that the defining trait of the modern era—the internalization of the human soul—that natural internalization which is intertwined with everything he creates—is precisely what Perugino lacks, whereas it is present in every fiber of Raphael’s being and pours directly into what he expresses through his forms and his art. We sense how a piece of Raphael’s deepest inner life lives on the canvas everywhere when we immerse ourselves in his paintings. This was something Raphael drew from the heights of heaven and not from Perugino; he brought it here like a messenger from entirely different worlds. Anyone who attempts to grasp this internalization not merely through dogmas and doctrines, through external laws that can be captured in concepts, but with their whole soul, will feel it streaming forth from every one of Raphael’s creations, so that in Raphael’s greatest works we have precisely what we can say: It is now something entirely different from what lies in Greek art. There, what the human being directly experienced in soul and body—and at the same time shaped into forms—was brought to life. In Raphael, we see the innermost essence of the human soul as if poured out and confronting us in forms; the soul, having separated itself from natural existence, flows forth and stands before us as a new world, as a creation of the most deeply internalized human soul—not in a certain sense standing within nature, but like a new creation —the inner life of the human soul striving outward once more and embodying itself artistically there.

[ 26 ] Wer nur denjenigen einen Christen nennt, der an die christlichen Dogmen glaubt, den wollen wir für die heutige Betrachtung mit sich selbst beschäftigt sein lassen. Wer in der Verinnerlichung der Menschenseele den christlichen Zug erkennt, wer diesen christlichen Impuls wirkend schaut, wer schaut, wie die Menschenseele sich loslöst von der äußeren Welt und sich auf sich selbst besinnt, wie sie im Innern den Christus-Impuls sucht – weil der Mensch, der sich getrennt hat von der Natur, einen solchen Stützpunkt braucht —, der wird verstehen, warum dieser Impuls gerade in jener Zeit gegeben wurde. Wer dieses mehr als [nur] dogmenlose Christentum, dieses von manchem gar nicht mehr als christlich angesehene Christentum zu erkennen und zu fühlen vermag, der wird verstehen, wenn der geisteswissenschaftliche Forscher fühlt, wie in Raffaels Seele schon vor ihrer Geburt der Grundzug der Christlichkeit lebte, wie mit Raffael in allem Fühlen und Sich-Darleben eine verchristete Seele geboren wurde, eine Seele, die sich als verchristete Seele hineinstellt in die ganze Umgebung, eine Seele, mit der zugleich die christliche Art des Lebens geboren wurde, eine Seele, die christlich war durch alles, was in ihr lebte. Und diese Christlichkeit in der Seele Raffaels ist durch nichts aus der Umgebung zu erklären. Das sieht, wenn es so hingesprochen wird, wie eine Behauptung aus, und man kann es auch nicht mit mathematischen Beweisen belegen; solche Dinge ergeben sich durch intime Vertiefung in das Wesen einer solchen Seele. Man kann gerade an Raffael, wenn man seine Seele betrachtend an sich vorüberziehen lässt, sehen, wie sie sich abhebt und unterscheidet von einer anderen Seele, die erst während ihres Lebens in die Verinnerlichung des Christentums sich hineinlebte. Man kann nämlich gerade an Raffael, wenn man ihn mit einer anderen Gestalt kontrastiert, sehen, welcher Unterschied besteht zwischen einer solchen Seele, die als verchristete Seele geboren wird, sodass sie in jeden Strich ihrer Schöpfungen Christliches hineingeheimnisst, und einer solchen Seele, die sich erst hineinlebt in die christlichen Impulse.

[ 26 ] Let us, for the purposes of today’s reflection, leave aside those who call only those people Christians who believe in Christian dogmas. Whoever recognizes the Christian trait in the inner life of the human soul, whoever sees this Christian impulse at work, whoever observes how the human soul detaches itself from the outer world and turns inward, how it seeks the Christ impulse within—because the human being, having separated from nature, needs such a point of support— will understand why this impulse was given precisely at that time. Whoever is able to recognize and feel this Christianity—which is more than [merely] free of dogma, a Christianity that some no longer even regard as Christian—will understand when the spiritual scientist senses how the fundamental trait of Christianity already lived in Raphael’s soul even before his birth, how, with Raphael, a Christianized soul was born in all his feeling and self-expression, a soul that, as a soul imbued with Christianity, places itself within its entire environment; a soul with which the Christian way of life was born at the same time; a soul that was Christian through everything that lived within it. And this Christian essence in Raphael’s soul cannot be explained by anything in his environment. When put this way, it sounds like an assertion, and it cannot be substantiated with mathematical proofs; such things arise through intimate immersion in the essence of such a soul. One can see this precisely in Raphael, when one lets his soul pass before one’s eyes in contemplation, how it stands out and differs from another soul that only came to live within the internalization of Christianity during the course of its life. Indeed, it is precisely in Raphael—when one contrasts him with another figure—that one can see the difference between a soul born as a Christianized soul, so that it imbues every stroke of its creations with Christian mystery, and a soul that only gradually immerses itself in Christian impulses.

[ 27 ] Betrachten wir Raffael weiter in Bezug auf seine nächste Umgebung. Als er nach Florenz versetzt wurde, 1504, da kam er in eine Umgebung hinein, wo die Nachwirkung Savonarolas noch lebendig spürbar war und in der Atmosphäre noch dasjenige stark waltete, was von Savonarola in Florenz sich eingelebt hatte. Der Geist Savonarolas selber war immer noch spürbar in dem, was in Florenz bei den Anhängern und Gegnern Savonarolas lebte, zum Beispiel in Fra Bartolommeo, der zum Freundeskreis Raffaels zählte. Wenn man eine solche Seele wie die Savonarolas als eine sozusagen zeitgenössische Seele neben die Raffaels hinstellt, dann merkt man einen Unterschied. Wie selbstverständlich tritt uns das Verchristete, die Art des ganzen verchristeten Seelenlebens bei Raffael entgegen; diese Seele Raffaels braucht nicht erst christlich zu werden, sie braucht nicht fanatisch das Christentum zu vertreten; das tut sie nie. Die Seele Raffaels braucht sich auch nicht irgendwie in christlichen Dogmen zu ergehen; diese Seele zieht solche Linien, legt solche Farben auf, wie sie der christlichen Verinnerlichung entsprechen, sie lebt von Geburt an christlich. Wie anders ist die Seele Savonarolas! Sie lebt sich so in das Christentum ein, dass sie Stück für Stück sich erkämpft das Heroische, Große, Bedeutungsvolle, Moralische des Christentums. Sie entzündet sich Stück für Stück während ihres Entwicklungsganges an dem, was man am Christentum als Eindruck empfinden kann. Sie ist eine Seele, die sich erst in das Christentum einlebt, die sich fanatisiert am Christentum, bei der wir sehen können, wie sie Stück für Stück von dem Christentum angezogen wird und so nahe mit dem Christentum zusammenlebt, dass sich die verinnerlichte Christenseele wieder nach außen ergießen muss – kraftvoll, und daher einseitig und fanatisch. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

[ 27 ] Let us continue to examine Raphael in relation to his immediate surroundings. When he was transferred to Florence in 1504, he entered an environment where Savonarola’s influence was still keenly felt and where the atmosphere was still strongly shaped by what Savonarola had instilled in Florence. The spirit of Savonarola himself was still palpable in what lived on in Florence among both his followers and opponents—for example, in Fra Bartolommeo, who belonged to Raphael’s circle of friends. If one places a soul like Savonarola’s—a contemporary soul, so to speak—side by side with that of Raphael, one notices a difference. How naturally the Christianized aspect—the very nature of Raphael’s entire Christianized spiritual life—presents itself to us; Raphael’s soul does not first need to become Christian; it does not need to fanatically advocate for Christianity; it never does so. Nor does Raphael’s soul need to indulge in Christian dogmas in any way; this soul draws lines and applies colors in a way that corresponds to the Christian inner life—it lives as a Christian from birth. How different is Savonarola’s soul! It immerses itself in Christianity in such a way that, bit by bit, it fights its way toward the heroic, the grand, the meaningful, and the moral aspects of Christianity. As it develops, it is gradually inspired by what one can perceive as the essence of Christianity. It is a soul that first acclimates itself to Christianity, that becomes fanatical about it—a soul in which we can see how it is drawn to Christianity bit by bit and lives so closely with it that the internalized Christian soul must pour itself out again—powerfully, and therefore one-sidedly and fanatically. That is a tremendous difference.

[ 28 ] Wenn man nicht dogmatisiert, sondern in Erwägung zieht, wie in dem Augenblick, wo man aufsteigt zur geisteswissenschaftlichen Betrachtung, alles unendlich vielseitig wird, wo die Beweise sich nicht ergeben wie auf dem Gebiet der Mathematik, wo alles scharfe Konturen hat, so zeigt sich für den, der nicht bloß wissenschaftliche Dogmen und Gesetze kennt, sondern sich mit den Impulsen der Geisteswissenschaft durchdrungen hat, dass unendlich klar beleuchtet wird dieses von den zwei Seelen, das gerade versucht wurde zu entwickeln. Wenn Geisteswissenschaft uns zeigt, wie Raffaels Seele – ich will diese Dinge nur leise andeuten, nicht grobschlächtig, wie es in der Geisteswissenschaft geschehen muss, wenn man an einzelne individuelle Konkretheiten herankommt –, wenn uns Geisteswissenschaft beleuchtet, wie eine solche Seele wie die Raffaels schon in einem früheren Leben mit dem Geiste des Christentums innig verbunden war, wie sie die Kraft des Christentums aufgenommen hat und hindurchgegangen ist mit dieser Kraft des Christentums durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dann kann man auch die Verwandlung verstehen, durch die er das, was er einstmals mit Stärke erlebt hat, nun in abgeklärter Form in seelisch-geistigen Kräften ausleben kann. So kommt man mit dem Rätsel zurecht, wenn man sich sagt: Ja, dasjenige, was unmittelbare christliche Stoßkraft, bis ins Dogmenhafte, hat, ist von einer solchen Seele wie Savonarola früher nicht durchlebt worden, sondern sie war erst in jenem Leben zur Zeit Raffaels imstande, aus anderen Lebensformen heraus stufenweise sich ins Christentum einzuleben in ein Stadium, das die Raffael-Seele eben schon in einem früheren Leben durchlaufen hatte.

[ 28 ] If one does not adopt a dogmatic stance but instead considers how, at the very moment one ascends to a spiritual-scientific perspective, everything becomes infinitely multifaceted—where proofs do not present themselves as they do in the realm of mathematics, where everything has sharp contours—then it becomes infinitely clear to those who are not merely familiar with scientific dogmas and laws, but who have imbued themselves with the impulses of spiritual science, that this concept of the two souls, which we have just attempted to develop, is illuminated with infinite clarity. When spiritual science shows us how Raphael’s soul—I wish only to hint at these things gently, not crudely, as must be done in spiritual science when approaching individual concrete details—when spiritual science illuminates for us how a soul such as Raphael’s was already intimately connected with the spirit of Christianity in a previous life, how it absorbed the power of Christianity and passed through life—between death and a new birth—with this power of Christianity, then one can also understand the transformation through which he can now live out in a serene form, as soul-spiritual powers, what he once experienced with intensity. This is how one comes to terms with the mystery when one says to oneself: “Yes, that which possesses an immediate Christian impetus—even to the point of becoming dogmatic—was not previously lived through by a soul such as Savonarola’s; rather, it was only in that life during Raphael’s time that it was able, step by step and emerging from other forms of life, to settle into Christianity—into a stage that the soul of Raphael had already passed through in an earlier life.”

[ 29 ] Gewiss, auch ich finde es selbstverständlich, dass ein großer Teil der heutigen Menschheit das, was eben jetzt ausgesprochen worden ist, noch absurd und lächerlich findet. Niemals werde ich mich wundern – zusammen mit all denen, die die Grundlagen der Geisteswissenschaft eben kennen –, wenn man so etwas absurd und lächerlich findet. Aber die Zeiten werden kommen, in welchen die Menschen einsehen werden, wie tief begründet dasjenige ist, was über Menschenseelen aus dem Geiste heraus gesagt werden kann, der jetzt eben gebraucht worden ist, um das ganz Andersgeartete der Savonarola-Seele im Vergleich zur Raffael-Seele darzulegen. Die Lehre von den wiederholten Erdenleben wird sich dabei als fruchtbar erweisen.

[ 29 ] Certainly, I, too, find it only natural that a large portion of humanity today still finds what has just been said absurd and ridiculous. I will never be surprised—along with all those who are familiar with the foundations of spiritual science—if people find such things absurd and ridiculous. But the time will come when people will realize how deeply grounded is what can be said about human souls from the spiritual perspective—the very perspective just used to illustrate the fundamental difference between the soul of Savonarola and that of Raphael. The doctrine of repeated earthly lives will prove fruitful in this regard.

[ 30 ] Und noch ein anderer Zug tritt uns bei Raffael entgegen, wenn wir uns diesen merkwürdigen Geist vor die Seele stellen. Wenn man seine Seele so durchforscht, findet man: Sie ist so selbstverständlich christlich, dass Raffael gar nicht beirrt wurde durch die unchristliche Umgebung der Päpste, als er nach Rom kam. Wahrhaftig, es konnte die Seele, in der so selbstverständlich das Christentum lebte, leichter fertig werden mit der Umgebung, sich nicht stoßen an jenem Julius II., dem Papst, von dem Machiavelli, der doch gewiss selbst nicht besonders moralischer Natur war, sagte, er sei eine teuflische Seele, ein Mann, der gegenüber jedem, der ihm entgegentrat und ihm nicht passte, die Zähne hätte fletschen mögen. Und von den folgenden Päpsten, mit denen Raffael zusammen gelebt hat, ist auch nicht gerade viel Christliches zu erzählen. Mit solchen Päpsten stößt also eine Seele zusammen wie die Savonarola-Seele. Denen tritt er entgegen, wie einst in seinen treffenden Worten der Täufer den Menschen entgegengetreten war, nicht aber die Raffael-Seele, die das schon früher durchgemacht hat, in irgendeinem Leben, wovon wir hier nicht weiter sprechen wollen. Unberührt davon bleibt Raffaels Seele in ihrer christlichen Selbstverständlichkeit.

[ 30 ] And yet another aspect of Raphael comes to light when we bring this remarkable spirit to mind. If one examines his soul in this way, one finds that it is so naturally Christian that Raphael was not at all led astray by the unchristian environment of the popes when he came to Rome. Truly, a soul in which Christianity lived so naturally could more easily cope with its surroundings and not take offense at that Julius II, the pope of whom Machiavelli—who was certainly not of a particularly moral nature himself—said was a diabolical soul, a man who would have liked to bare his teeth at anyone who opposed him or did not suit him. And there is not exactly much to say about the Christian character of the subsequent popes with whom Raphael lived. A soul like Savonarola’s thus clashes with such popes. He confronts them just as John the Baptist once confronted people with his apt words—but not the Raphael soul, which has already been through this before, in some previous life, which we shall not discuss further here. Raphael’s soul remains untouched by this, in its Christian self-evidence.

[ 31 ] Aber künstlerisch muss sich seine Seele betätigen. Das Künstlertum muss eine Fortsetzung dessen geben, was als Kunst im Griechentum aufgetreten ist. Suchen muss er das, was er nicht in sich hat, und er muss es gerade in der Umgebung. Wir sehen ihn zum Beispiel unter den ausgegrabenen Ruinen und alten Gräbern in Rom herumgehen und alles vermessen, wirklich recht von außen dasjenige aufnehmend, was das Eigentümliche der griechischen Kunst ist, das er vermählen muss mit dem, was ihm selbstverständlich ist, mit christlicher Innerlichkeit. Es ist so, als ob Raffaels Seele in einem früheren Leben Gelegenheit gehabt hätte, dem Christentum so nahezustehen, dass das Christentum wie selbstverständlich mit dieser Seele geboren wurde im Raffael-Dasein, dass sie aber in einem früheren Leben fernegestanden hätte dem Griechentum und dieses Griechentum jetzt von außen her aufnehmen müsse, um es zu vermählen mit dem Christentum, das er als selbstverständlich aus einem früheren Leben mitbringt. Es ist wie das Zusammenwachsen desjenigen, was aus dem Geistigen als notwendiges Ergebnis früheren Erdendaseins erscheint, mit dem, was nun diese Seele von außen aufnehmen muss – im Gegensatz zur Savonarola-Seele. So wachsen zusammen die beiden Arten der Kräfte, die in dieser Raffael-Seele uns entgegentreten. Und es wird einmal nichts Absurdes und Lächerliches mehr sein, wenn Raffael in einem früheren Leben irgendwo in einer christlichen Umgebung gesucht wird, die fern dem Griechentum stand, die damals in diese Seele kraftvolle Triebe, Impulse hineingoss, die da ruhten, bis dieses Seelenleben sich verwandelt hatte – bis zur nächsten Geburt, selbstverständlich nun ohne allen Fanatismus und ohne manches andere, was dem Fanatismus nur von ferne ähnlich ist. Als diese Seele wiedergeboren wurde, suchte sie – weil sie damals dem Griechentum noch ferngestanden hatte – es da, wo sie es finden konnte, um dieses Griechentum jetzt in sich aufnehmen zu können.

[ 31 ] But artistically, his soul must be active. Artistry must be a continuation of what emerged as art in ancient Greece. He must seek what he does not possess within himself, and he must seek it precisely in his surroundings. We see him, for example, walking among the excavated ruins and ancient tombs in Rome, surveying everything, truly taking in from the outside what is distinctive about Greek art—which he must marry with what comes naturally to him: Christian inwardness. It is as if Raphael’s soul, in a previous life, had had the opportunity to be so close to Christianity that Christianity was born into Raphael’s existence as a matter of course; yet in that previous life, the soul had stood at a distance from Greek culture and must now take in this Greek culture from the outside in order to unite it with the Christianity that he brings with him as a matter of course from a previous life. It is like the fusion of that which appears from the spiritual realm as a necessary result of earlier earthly existence with that which this soul must now take in from the outside—in contrast to the soul of Savonarola. Thus the two kinds of forces that confront us in this soul of Raphael grow together. And one day it will no longer seem absurd or ridiculous to seek Raphael in a previous life somewhere in a Christian environment that stood apart from Greek culture, an environment that at that time poured powerful impulses into this soul, impulses that lay dormant there until this soul life had been transformed—until the next birth, now, of course, without any fanaticism and without many other things that only remotely resemble fanaticism. When this soul was reborn, it sought—because it had still been distant from Greek culture at that time—Greek culture wherever it could find it, so that it might now absorb this Greek culture into itself.

[ 32 ] Können wir so aus dem Geisteswissenschaftlichen heraus diejenigen Geistesströmungen erkennen, die in Raffael zusammenwuchsen, können wir sie erfassen, dann lernen wir begreifen, wie in dieser Seele beides so bedeutend wirkte: [zum einen] die in ihr liegende selbstverständliche christliche Verinnerlichung durch ihre Individualität und [zum anderen] das Griechentum, durch diejenige Umgebung, in die die Seele gezogen wurde, weil ihr eben das fehlte, was ein bedeutender, ein großer Durchgangspunkt durch alle Epochen der Menschheitsentwicklung war. Wir sehen, wie Raffael – durch das Zusammenwachsen dieser zwei Dinge, eines Individuellen und eines in der allgemeinen Menschheitsentwicklung Liegenden und aus der früheren Inkarnation Raffaels nicht Empfangenen – auf dem großen Tableau der allgemeinen Menschheitsentwicklung sich erhebt wie zu einem [besonderen] Gipfel. Da begreifen wir, dass so unendlich verinnerlicht in seiner Seele dasjenige erstehen konnte, was uns nun aus seinen Schöpfungen entgegentritt. Wenn Raffael eine typisch christliche Seele ist und sich in ihr gesetzmäßig zusammenfinden das christliche Prinzip mit dem Allgemein-Menschlichen des Griechentums, wenn Raffael so die großartigen Strömungen des gegenwärtigen Entwicklungszyklus der Menschheit aufnimmt, dann dürfen wir von ihm voraussetzen, dass in seiner Seele selber etwas lebt, was wie ein Abbild der Gesetzmäßigkeit des menschlichen Fortschrittes ist.

[ 32 ] If, through the study of the spiritual sciences, we can recognize the spiritual currents that converged within Raphael—if we can grasp them—then we will come to understand how both of these elements exerted such a significant influence on his soul: [on the one hand] the natural Christian innerization inherent in him through his individuality, and [on the other hand] Hellenism, through the environment into which the soul was drawn precisely because it lacked that which was a significant, major turning point throughout all epochs of human development. We see how Raphael—through the fusion of these two elements, one individual and one inherent in the general development of humanity but not received by Raphael in his earlier incarnation—rises on the grand canvas of humanity’s general development as if to a [special] summit. Then we realize that what now confronts us in his creations could arise from within his soul, so infinitely internalized there. If Raphael is a typically Christian soul, and if the Christian principle and the universal humanity of Greek culture come together within him in accordance with the laws of nature; if Raphael thus absorbs the magnificent currents of humanity’s present cycle of development, then we may assume that something lives within his own soul that is like a reflection of the laws governing human progress.

[ 33 ] Und damit Ihnen meine Ausführungen nicht gar zu «mystisch» erscheinen und Ihnen die «Phantasie» nicht doch zu grotesk wird, möchte ich jetzt, wo ich zeigen will, wie eine Seele etwas wie ein Abbild der großen Ströme der Weltentwicklung aufnimmt, wie sie gleichsam kleine Epochen wie Bilder großer Menschheitsepochen — denn in solchen Epochen verläuft die Menschheitsentwicklung – in sich selber darstellt, nicht mit meinen Worten sprechen, sondern wiederum den ringenden Herman Grimm vorführen, der etwas sehr Merkwürdiges sagt. Herman Grimm will in seinem letzten Werke die bedeutendsten Gipfelpunkte von Raffaels Schaffen darstellen, aber wie merkwürdig spricht er von dieser schöpfenden, schaffenden Raffael-Seele, wie kurios. Wie eine Gesetzmäßigkeit der ganzen Welt wird die Entwicklung der Schöpfungen, das Schaffen Raffaels für Herman Grimm – sieben Werke sieht er als die größten in Raffaels Entwicklung an. Und von diesen sieben Werken sagt er:

[ 33 ] And so that my remarks do not seem too “mystical” to you, and so that the “imagination” does not become too grotesque after all, I would now like—as I set out to show how a soul absorbs something like a reflection of the great currents of world history, how it, as it were, represents small epochs as images of great epochs of human history — for it is in such epochs that human development unfolds — I do not wish to speak with my own words, but rather to present once again the struggling Herman Grimm, who says something very remarkable. In his last work, Herman Grimm seeks to portray the most significant pinnacles of Raphael’s creative output, but how strangely he speaks of this creative, productive soul of Raphael—how curious. For Herman Grimm, the development of Raphael’s creations—his creative work—becomes a universal law of the world itself; he regards seven works as the greatest in Raphael’s development. And of these seven works, he says:

Mit einundzwanzig Jahren malte er Marias Vermählung, vier Jahre später die Grablegung; abermals vier Jahre darauf war die Camera della Segnatura vollendet, vier Jahre darauf kamen die Cartons zu den Teppichen und bald darnach die beiden Madonnen. Die «Verklärung Christi» stand zu den Füßen des Sterbebettes.

At the age of twenty-one, he painted *The Marriage of Mary*; four years later, *The Entombment*; another four years after that, *The Camera della Segnatura* was completed; four years after that came the cartoons for the tapestries, and soon afterward the two Madonnas. *The Transfiguration of Christ* stood at the foot of the deathbed.

[ 34 ] Ein Geist, der für eine vorurteilslose Betrachtung so erscheint, wie wenn er in sich selber die Epochen der Menschheitsentwicklung hineinnehmen würde, ein solcher Geist erscheint dem Kunstbetrachter, der auf das Charakteristische hinsieht, in seiner Entwicklung so, dass er von Jahrviert zu Jahrviert aufsteigt zu höheren und immer höheren Gipfeln; und weil die letzten vier Jahre nicht vollendet sind, ist auch das letzte Werk nicht fertig.

[ 34 ] A mind that, when viewed without prejudice, appears as if it were to encompass within itself the epochs of human development—such a mind appears to the art viewer, who looks for the characteristic features, to be developing in such a way that, quarter by quarter, it ascends to higher and ever higher peaks; and because the last four years are not yet complete, the final work is not yet finished either.

[ 35 ] Man spricht oftmals davon, dass der Mensch gegenüber dem Makrokosmos ein Mikrokosmos ist; ein epochaler Geist wie Raffael erscheint uns hier wie ein Mikrokosmos der menschlich-geistigen Entwicklung selber. Und wie trägt er das in sich? Wir brauchen nur den Blick hinzuwenden auf die zwei großen und gewaltigen, wenn auch jetzt, man möchte sagen, schlecht übermalten, schlecht erhaltenen beiden Stanzen im Vatikan in der Camera della Segnatura, wovon die eine – ob mit Recht oder Unrecht, soll dahingestellt bleiben – «Die Schule von Athen» genannt wird, die andere die «Disputa». Die ganze menschliche Entwicklung steht da in diesen beiden einander gegenüberstehenden, die Menschenseele so tief innerlich berührenden Bildern. Auf dem einen Bild steht das Griechentum in den veredelten Gestalten links und rechts, gleichsam in der Frage sich ausdrückend: [Wohin ist die Menschheit gekommen, bis zu welchem Punkt ist sie vorgedrungen in dem ganzen Zeitalter des Griechentums,] wo der Mensch noch mit der unmittelbaren Umgebung der Außenwelt gelebt hat? Alles, bis zur Architektur, gibt auf diesem einen Bilde den Geist dieser Entwicklung wieder.

[ 35 ] It is often said that the human being is a microcosm in relation to the macrocosm; an epoch-making spirit like Raphael appears to us here as a microcosm of human-spiritual development itself. And how does he carry this within himself? We need only turn our gaze to the two large and magnificent—though, one might say, now poorly overpainted and poorly preserved—frescoes in the Vatican’s Camera della Segnatura, one of which—whether rightly or wrongly, let that remain open to debate—is called “The School of Athens,” and the other “The Disputa.” The entire course of human development is captured in these two opposing images, which touch the human soul so deeply. In one painting, Greek civilization is represented by the ennobled figures on the left and right, expressing, as it were, the question: [How far has humanity come? To what point has it advanced throughout the entire age of Greek civilization,] when human beings still lived in direct communion with the external world? Everything in this single painting—down to the architecture—reflects the spirit of this development.

[ 36 ] Man tut unrecht, wenn man es pedantisch-philiströs kommentieren, auslegen will; man tut recht, wenn man versucht, in einem Gefühl zusammenzufassen, was die Menschheit auf ihrem Wege erhalten hat bis zum Griechentum hin, wo das Leben in der Äußerlichkeit abgelöst worden ist von der Verinnerlichung der Menschenseele, wenn man das ganze Leben der Menschheit in einer abgelaufenen Zeit mit allem, wonach die Menschenseele sich gesehnt hat, was sie erstrebt, erarbeitet hat, zusammenfasst in einem Gefühl: Es strömt uns entgegen, es lebt in diesem Bilde dasjenige, was dieses Gefühl mit Inhalt erfüllt. Die einzelnen Gestalten auszumalen tut nicht not. Schon als schlimm sehe ich es an, wenn die Reisenden immer mit dem «Baedeker» in der Hand vor dem Bilde stehen und nachlesen: Das ist der und der – das Aristoteles, das Plato, das Ptolemäus, das Pythagoras. Was gehen uns alle die Namen an, was geben uns alle Kommentare und Erklärungen? Der künstlerische Hauch, der von diesem Bilde herunterkommt, der ist es auch, der uns aus dem griechischen Kunstwerk entgegenströmt – der Hauch, der eben da ist aus der Entwicklung der Menschheit selber, wenn wir sie mit empfindendem, künstlerischem Herzen betrachten. Dann die Epoche der Verinnerlichung auf der gegenüberliegenden Wand: oben die Symbole des Überirdischen, unten die Menschen, darstellend, wie das Übersinnliche in ihre Seelen hineinströmt, um sie zu verinnerlichen. Der ganze gewaltige Kontrast einer alten Zeit und der Zeit der Verinnerlichung, und wiederum der Hauch der neuen Verinnerlichung selber, sie strömen uns entgegen aus dem, was man — wiederum mit Recht oder mit Unrecht – «Disputa» nennt.

[ 36 ] It is wrong to attempt to comment on or interpret it in a pedantic, philistine manner; one is right to try to summarize in a single feeling what humanity has preserved on its path up to the Greek era, where life in the external world was replaced by the internalization of the human soul; to summarize the entire life of humanity in a bygone era—with everything the human soul has longed for, strived for, and worked toward—in a single feeling: It flows toward us; what fills this feeling with meaning lives within this image. There is no need to imagine the individual figures. I already consider it a shame when travelers stand before the painting with the “Baedeker” in hand and read: “That is so-and-so—that is Aristotle, that is Plato, that is Ptolemy, that is Pythagoras.” What do all these names matter to us? What do all the commentaries and explanations give us? The artistic breath that emanates from this painting is also what flows toward us from the Greek work of art—the breath that arises precisely from the development of humanity itself, when we view it with a sensitive, artistic heart. Then the epoch of internalization on the opposite wall: above, the symbols of the supernatural; below, human beings depicting how the supersensible flows into their souls so that they may internalize it. The entire powerful contrast between an ancient era and the era of internalization, and once again the breath of this new internalization itself—all of this flows toward us from what is called—again, rightly or wrongly—“Disputa.”

[ 37 ] Woraus Raffaels Seele gewachsen war, das zauberte er in diese Szenen hinein. Und man fühlt es so recht, wenn man als wahr empfinden kann, was in den Seelen liegt in diesen beiden verschiedenen Zyklen der Menschheitsentwicklung, der vorchristlichen und der nachchristlichen Zeit. Wenn man sich allen Verstandesurteils, allen unkünstlerischen Kommentierens enthält – jenes Unfugs, subjektiv zu interpretieren, der gerade in theosophischen Kreisen auch so vielfach eingerissen ist – und sich der unmittelbaren Empfindung überlässt, wenn man künstlerisch in die Dinge sich vertieft, dann fühlt man, wie man zu Raffael hingezogen wird, zu einer Menschenseele, die die Verinnerlichung im künstlerischen Schaffen vermählt hat mit dem Verwandtsein mit allem Geistigen in der Natur, wie es in früheren Epochen vorhanden war.

[ 37 ] Raphael infused these scenes with the very essence of his soul. And one truly feels this when one can perceive as true what lies in the souls within these two distinct cycles of human development: the pre-Christian and the post-Christian eras. If one refrains from all intellectual judgment, from all unartistic commentary—that nonsense of subjective interpretation that has become so widespread, especially in theosophical circles—and surrenders to immediate feeling, if one immerses oneself artistically in these works, then one feels drawn to Raphael, to a human soul that has united innerization in artistic creation with a kinship to all that is spiritual in nature, as it existed in earlier epochs.

[ 38 ] Wiederum — wenn man herüberfährt von Florenz nach Bologna und da das Bild vor sich hat: in der Mitte die weibliche Gestalt, visionsartig nach aufwärts blickend – ich brauche den Namen nicht zu nennen, man mag meinetwillen annehmen, dass dies die «Saint Cecilia» ist –, so zum Ausdruck gebracht, dass in aller Geste, in jeder Linie, in jeder Farbengebung, sich die Losgelöstheit der Seele von dem Körperlichen zeigt. Sie richtet den Blick nach oben, sodass sowohl aus der mittleren Gestalt, wie aus den vier umgebenden sich darlegt: Unmittelbar aus der Empfindung kommt das Zu-Boden-Fallen der irdischen Instrumente; aber die Seele, die sich nach oben richtet – ihre Töne, fühlen wir, sind verstummt –, lauscht dem, was herausgeboren wird wie aus dem Übersinnlichen, was die Welt durchwellend und durchwärmend als Sphärenmusik erklingt, der gegenüber die irdische Musik wie entschwindet. Nur eine Seele, die so verinnerlicht empfindet wie die Raffael-Seele, konnte das auf die Leinwand, auf die Wand hinzaubern. Und nur eine Seele, die wie die Raffael-Seele war, konnte gerade aus dem Tiefsten der Menschheitsseele das Höchste schaffen, was die Menschenseele empfinden kann. Wenn Geisteswissenschaft in ihrer Allseitigkeit die menschliche Seele erheben will zum Ursprunge des Menschendaseins, dann kommt sie zu dem, was hier schon öfter ausgeführt worden ist: dass uns auf der Erde ja vieles umgeben mag, dass wir auf vieles hinblicken, dass aber gerade dasjenige, was sich uns in streng geisteswissenschaftlicher Betrachtung darstellt als das Innerste unserer Natur, das uns trägt und leitet, die Verinnerlichung zu suchen, dass das außerirdischen Ursprungs ist – es lebt, wie ich vorgestern gesagt habe, in dem Geistig-Seelischen, das uns umgibt, wie uns physisch die Atmosphäre der Erde umgibt; und aus dem Geiste heraus geboren fühlen wir dieses, was das Menschlichste des Menschlichen ist.

[ 38 ] Again—when one travels from Florence to Bologna and sees the painting there: in the center, the female figure, gazing upward as if in a vision—I need not mention the name, you may assume, for my sake, that this is “Saint Cecilia”—depicted in such a way that in every gesture, every line, every color, the soul’s detachment from the physical is revealed. She directs her gaze upward, so that both from the central figure and from the four surrounding ones it becomes clear: The falling to the ground of the earthly instruments arises directly from the feeling; but the soul, which is directed upward—we sense that its tones have fallen silent—listens to what is born as if from the supersensible, what resounds as celestial music, permeating and warming the world, in the face of which earthly music seems to fade away. Only a soul that feels as deeply as Raphael’s soul could conjure this onto the canvas, onto the wall. And only a soul like Raphael’s could create, precisely from the depths of the human soul, the highest thing the human soul can feel. If spiritual science, in its comprehensiveness, seeks to elevate the human soul to the origin of human existence, then it arrives at what has already been expounded here on several occasions: that while many things may surround us on Earth, and while we may look upon many things, it is precisely that which, in a strictly spiritual-scientific view, presents itself to us as the innermost core of our nature—that which sustains and guides us— to seek this innerization—that which is of extraterrestrial origin—lives, as I said the day before yesterday, in the spiritual-soul realm that surrounds us, just as the Earth’s atmosphere physically surrounds us; and born out of the spirit, we feel this, which is the most human of all that is human.

[ 39 ] Wollen wir eine Darstellung dessen haben, des Menschlichsten des Menschlichen haben, wollen wir empfinden und in unserer Seele das erleben, was Geisteswissenschaft in der Seele anzuregen vermag, dann fühlen wir die Erde mit allem, was zur Erde gehört, uns entschwinden und das Menschlichste des Menschlichen heranschweben, dann vertieft sich unsere Seele in die Welten, die außerirdisch sind, sie wendet den Blick hinaus, um in diesen außerirdischen Welten dasjenige zu suchen, was des Menschen Ursprung ist; und sie versetzt sich hinaus, indem sie das Übersinnliche zu versinnlichen sucht in Wolkenbildungsregionen. Aus den Wolkenbildungsregionen finden wir das Bild des auf die Erde dringenden Menschlichsten des Menschlichen, indem Raffael diese geheimnisvolle Verbindung der Mutter mit dem Sohn heranschweben lässt, herausgeboren sein lässt aus den so stilisierten Wolken. Unsere Seele erhebt sich von der Empfindung, die in der [Gestalt der] sogenannten «Saint Cecilia» in uns aufleuchtet, zu dem zart fühlbaren übersinnlichen Empfinden des Geheimnisses vom aus außerirdischen Welten [stammenden] Menschen.

[ 39 ] If we wish to have a representation of what is most human in humanity, if we wish to feel and experience in our souls what spiritual science is able to stir within them, then we feel the Earth, with all that belongs to it, slipping away from us and what is most human in humanity floating toward us; then our soul delves into the worlds that lie beyond the Earth, it turns its gaze outward to seek in these extra-earthly worlds that which is the origin of the human being; and it transports itself outward by seeking to make the supersensible tangible in the regions where clouds form. From the regions where clouds form, we find the image of the most human of all that is human breaking through to Earth, as Raphael allows this mysterious connection between mother and son to float toward us, to be born from the highly stylized clouds. Our soul rises from the feeling that shines within us in the [figure of] the so-called “Saint Cecilia” to the delicately perceptible, transcendental sense of the mystery of humanity [originating] from otherworldly realms.

[ 40 ] Und wenn man dieses Gefühl, das eine unendliche Wärme in unserer Seele erregt, wenn man dieses Gefühl ganz Gefühl sein lässt – es ist das ein Gefühl, in das sich zuletzt die Ströme der geisteswissenschaftlichen Betrachtung zusammenfinden –, wenn man dieses Gefühl in sich walten lässt und eine befriedigende Darstellung sucht — etwas sucht, was dem Gefühl von außen entgegentritt –, dann stelle man sich die «Sixtinische Madonna» aus Dresden vor. Es wächst das geisteswissenschaftliche Gefühl mit dem zusammen, was Raffael in diesem Bilde dargestellt hat. Mit Linie und Farbe, mit Handbewegung und Geste stellt sich uns dar, was gemeint ist: die Begegnung geisteswissenschaftlicher Ideale mit dem höchsten Kunstideale, mit den religiösen Gefühlen in uns, die Begegnung jener Empfindung, die in uns aus all dem Bildhaften eine Flamme zu entzünden vermag, die Begegnung dieser Empfindung mit dem, was uns entgegenströmt aus Raffaels Schöpfung, die Begegnung der Empfindung mit dem Geschöpf der Phantasie, das selber aus einer solchen Empfindung herausgewachsen ist.

[ 40 ] And when one allows this feeling—which stirs an infinite warmth in our soul—to be nothing but feeling —for it is the feeling into which the currents of spiritual scientific contemplation ultimately converge—if one allows this feeling to take hold within oneself and seeks a satisfying representation—something that meets the feeling from the outside—then one should imagine the “Sistine Madonna” from Dresden. The spiritual scientific feeling grows in harmony with what Raphael has depicted in this painting. Through line and color, through the movement of the hand and gesture, what is meant is revealed to us: the encounter of spiritual-scientific ideals with the highest artistic ideals, with the religious feelings within us; the encounter of that sensation which, from all that is pictorial, is capable of kindling a flame within us; the encounter of this sensation with what flows toward us from Raphael’s creation, the encounter of this feeling with the creation of the imagination, which itself has grown out of such a feeling.

[ 41 ] Gern mag man verstummen, wenn man zur Schilderung der Empfindungen vorgedrungen ist, die zuletzt zur Erfassung des Übersinnlichen führen. Raffael aber erscheint uns wie ein Rätsel, das der Geisteswissenschaft aufgegeben ist. Und tief innerlich ist es zu begreifen, wenn jemand wie Herman Grimm überall an die Geisteswissenschaft herandringt und die Sehnsucht hat, in Raffaels Gestalt etwas zu finden, was der Geisteswissenschaft entspricht, aber, weil er es nicht finden kann, seine Betrachtung unvollendet lässt. So zeigt sich an einem solchen Beispiel durchaus, was so oft gesagt werden musste: Das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts besteht darin, dass es der äußeren Wissenschaft jenes Jahrhunderts, der äußeren Betrachtung und der äußeren Nacherschaffung der Natur bestimmt war, einen Gipfel zu erreichen, der nicht genug bewundert werden kann. Aber er hat doch Rätsel zurückgelassen, sodass in unserem Zeitalter diese äußere Wissenschaft hineinmünden muss in die Geisteswissenschaft.

[ 41 ] One is tempted to fall silent when one has reached the point of describing the feelings that ultimately lead to an understanding of the supersensible. Raphael, however, appears to us as a riddle that spiritual science must solve. And deep down, it is understandable when someone like Herman Grimm approaches spiritual science from every angle and longs to find in Raphael’s figure something that corresponds to spiritual science, but—because he cannot find it—leaves his reflection unfinished. Such an example clearly illustrates what has so often had to be said: The legacy of the nineteenth century consists in the fact that the external science of that century—the external observation and external recreation of nature—was destined to reach a pinnacle that cannot be admired enough. Yet it has left behind mysteries, so that in our age this external science must flow into spiritual science.

[ 42 ] Bereichert, angeregt wird man, sich mit Raffael geisteswissenschaftlich zu beschäftigen, wenn man das eigentümliche Ringen gerade Herman Grimms ins Auge fasst. Und dann kann man nachfühlen, wie eigentümlich es in dieser Seele Herman Grimms zugegangen sein muss, und man kommt dazu, dasselbe zu sagen, wie es hier mit allzu unzulänglichen Mitteln versucht wurde. Merkwürdig, gleich in der Einleitung seiner Raffael-Betrachtung finden wir einen eigentümlichen Gedanke in Herman Grimms Seele aufsprießen – so wie sich ja bisweilen Gedanken aus den tiefen, unterbewussten Regionen des Seelenlebens ergeben –, einen eigentümlichen Gedanken, dem gegenüber man sich fragt: Warum gerade dieser Gedanke bei der Betrachtung von Raffaels Seele?

[ 42 ] One is enriched and inspired to engage with Raphael from a humanities perspective when one considers the unique intellectual struggle of Herman Grimm in particular. And then one can sense how peculiar the inner workings of Herman Grimm’s soul must have been, and one is led to say the same thing that has been attempted here with all too inadequate means. It is curious that right in the introduction to his reflection on Raphael, we find a peculiar thought sprouting from Herman Grimm’s soul—just as thoughts sometimes emerge from the deep, subconscious regions of the soul’s life—a peculiar thought that makes one ask: Why this thought in particular when contemplating Raphael’s soul?

Es stehen mir Entwicklungen der Menschheit vor den Au gen, die mitzumachen mir versagt sein wird, ...

I can see developments in human history unfolding before my eyes that I will be unable to be a part of, ...

[ 43 ] – er zweifelt daran, dass die Seele in späteren Verkörperungen wirklich wieder leben wird —

[ 43 ] – he doubts that the soul will truly live again in future incarnations —

... die mir aber als so glänzend schön erscheinen, dass es um ihretwillen wohl der Mühe wert wäre, das menschliche Da sein noch einmal zu beginnen.

... but which seem to me so dazzlingly beautiful that, for their sake, it would surely be worth the effort to begin human existence all over again.

[ 44 ] Sonderbar, möchte man jetzt grotesk-trocken sagen: Gerade da, wo Herman Grimm nicht herankann, weil er Raffaels Leben nicht von dem Gesichtspunkte der wiederholten Erdenleben betrachten kann, da fällt ihm der Gedanke des wiederholten Erdenlebens ein. Wenn man Raffael betrachte, meint er, dann werde man zu dem Gedanken hingezogen, das Dasein noch einmal zu beginnen.

[ 44 ] Strange, one might say with grotesque dryness: precisely where Herman Grimm cannot go, because he cannot view Raphael’s life from the perspective of repeated earthly lives, that is where the idea of repeated earthly lives occurs to him. When one looks at Raphael, he says, one is drawn to the idea of beginning existence all over again.

[ 45 ] Auch einen solchen Gedanken sollte man nicht weiter kommentieren, sondern nur anklingen lassen, so wie aus dem Unterbewussten bei Herman Grimm der Gedanke herauftönt, der für das Rätsel Raffaels einmal die Lösung sein wird. Und wenn wir die Lösung vieler Rätsel, die in einer jeden Menschenseele – der geringsten wie der größten – leben, sehen müssen in der Tatsache der wiederholten Erdenleben, so werden uns auch die großen Rätsel der Menschheitsentwicklung gerade in ihren Gipfelpunkten ganz besonders erklärlich, wenn wir hinzuzuziehen vermögen die Lehre von den wiederholten Erdenleben. Dann fließt ein unendlich tiefer Sinn in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hinein.

[ 45 ] One should not comment further on such a thought, but merely let it be hinted at, just as the thought that will one day provide the solution to the mystery of Raphael surfaces from Herman Grimm’s subconscious. And if we are to find the solution to the many mysteries that dwell in every human soul—from the humblest to the greatest—in the fact of repeated earthly lives, then the great mysteries of human evolution, especially at their pinnacles, become particularly clear to us when we are able to draw upon the teaching of repeated earthly lives. Then an infinitely deeper meaning flows into the history of human development.

[ 46 ] Und wenn wir uns erfüllen mit der Empfindung, dass Seelen wie diejenige Raffaels selber Kräfte der Menschheit in sich hineinversetzen, um sie in einem neuen Leben anzuwenden in neuen Formen, dann fühlen wir Raffael gegenüber lebhaft das, womit Herman Grimm einmal seine Raffael-Betrachtung schloss und zugleich begann und womit auch wir abschließen wollen, was durch die heutigen Betrachtungen über Raffael ausgeführt werden sollte. Gerade wenn man im Sinne geisteswissenschaftlicher Betrachtung sieht, wie tief Raffaels Seele im ganzen Sinn der Menschheitsentwicklung wurzelt, dann empfindet man so recht, was Herman Grimm im Beginne seiner Raffael-Betrachtung andeutet. Und auch da zeigt uns Geisteswissenschaft, nicht in abstrakten Formen, was innerliches Seelenleben ist, sondern sie entflammt zur Hingabe an alles dasjenige, was geistvoll, kraftvoll und fruchtbar ist in der Menschenentwicklung. Was Herman Grimm aus den Tiefen seiner Seele zu sagen vermochte, das geht erst aus einer solchen Betrachtung, wie wir sie heute gegeben haben, klar hervor. Ja, mit einem solchen Empfinden dürfen wir zu Raffael aufsehen, und so können wir sagen:

[ 46 ] And when we are filled with the sense that souls like Raphael’s imbue humanity with forces so that they may be applied in a new life and in new forms, then we vividly feel toward Raphael what Herman Grimm once used to conclude his reflection on Raphael—and at the same time to begin it—and with which we, too, wish to conclude what was to be expounded through today’s reflections on Raphael. It is precisely when one sees, from the perspective of spiritual science, how deeply Raphael’s soul is rooted in the entire course of human development that one truly senses what Herman Grimm alludes to at the beginning of his reflection on Raphael. And here, too, spiritual science shows us—not in abstract forms—what inner soul life is, but rather it kindles a devotion to all that is spirited, powerful, and fruitful in human development. What Herman Grimm was able to express from the depths of his soul only becomes clearly evident through a reflection such as the one we have presented today. Yes, with such a sense of appreciation, we may look up to Raphael, and thus we can say:

Von der Lebensarbeit eines solchen Menschen wird jeder wissen wollen. Raffael ist zu einem der Elemente geworden, auf dem die höhere Bildung des menschlichen Geistes beruht. Wir möchten ihm nähertreten, weil wir seiner zu unserem Wohlsein bedürfen.

Everyone will want to know about the life’s work of such a person. Raphael has become one of the foundations upon which the higher education of the human spirit is based. We would like to get to know him better because we need him for our well-being.

[ 47 ] Ja, und die Menschheitsentwicklung ist verwachsen mit einer solchen Kraft, die in ihre Sphäre hereinströmt, weil sie in immer neuen Standpunkten in dieser Seele leben wird, leben muss, und diese ihre Kraft ausströmen wird wiederum in andere Seelen. So kann auch Geistesforschung dieselben Worte aussprechen, die Herman Grimm sagte:

[ 47 ] Yes, and human evolution is intertwined with such a force that flows into its sphere, because it will—and must—live in ever-new perspectives within this soul, and this soul, in turn, will radiate its power into other souls. Thus, spiritual research, too, can echo the very words spoken by Herman Grimm:

Von Raffael werden die Menschen immer wissen wollen. Von dem jungen schönen Maler, der alle anderen übertraf. Der früh sterben musste. Dessen Tod ganz Rom betrauerte. Wenn die Werke Raffaels einmal verloren sind, sein Name wird eingenistet bleiben in das Gedächtnis der Menschen.

People will always want to know about Raphael—the young, handsome painter who surpassed all others, who died too young, and whose death was mourned by all of Rome. Even if Raphael’s works were ever lost, his name would remain etched in people’s memories.

[ 48 ] Und Geisteswissenschaft kann hinzusetzen: Die Kraft, die in seiner Seele war, wird immer fort und fort leben, in immer neuen und neuen Gestalten, in immer schöpferischer Entwicklung der Menschheit!

[ 48 ] And spiritual science can add: The power that was in his soul will live on forever, in ever-new forms, in the ever-more-creative development of humanity!