Neues Christus-Erleben
GA 69c
19 Mai 1913, Stuttgart
13. Raffaels Mission im Lichte der Wissenschaft vom Geiste
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Der Gegenstand der heutigen Betrachtung wird die Grenzen etwas überschreiten, die zumeist in solchen geisteswissenschaftlichen Betrachtungen hier gezogen worden sind. Dennoch scheint mir die Betrachtung des Geisteslebens der Menschheit in weiterem Sinne nützlich zu sein in Bezug auf dasjenige, was die menschliche Seele empfinden kann gegenüber den Ergebnissen, den Resultaten dieser Geisteswissenschaft. Außerdem, wenn wir die gegenwärtige Zeitgeschichte ins Auge fassen, stellt sich gerade die Betrachtung des heutigen Abends vielleicht wie eine Art von geisteswissenschaftlicher Forderung unmittelbar in dieses Geistesleben der Gegenwart hinein, denn die Betrachtung Raffaels, wenn wir sie so ins Auge fassen, wie sie gewöhnlich angestellt wird, gibt den Menschen mancherlei Rätsel, wirklich große geistig-kulturwissenschaftliche Rätsel auf.
[ 2 ] Und es kann uns vielleicht die Notwendigkeit entgegentreten, geisteswissenschaftliche Betrachtungen ganz besonders auf solche Gebiete auszudehnen, gerade wenn wir das Schicksal eines bedeutsamen Kunstforschers der Gegenwart in Bezug auf Raffael ein wenig auf unsere Seele wirken lassen – eines Kunstforschers, der, meine ich, dies nicht allein im gelehrten, im gewöhnlichen wissenschaftlichen Sinne ist, sondern der dies vor allen Dingen dadurch ist, dass das Herz des neunzehnten Jahrhunderts in ihm so unmittelbar wie in wenigen Persönlichkeiten geschlagen hat: Herman Grimm. Er ist einer derjenigen Kunstforscher, die bei ihrem Gegenstande jederzeit nicht nur mit Vernunft und Verstand waren, nicht nur mit dem gewöhnlichen wissenschaftlichen Sinn, sondern mit der ganzen Seele. Und wer die Kunst- und Kulturbetrachtungen gerade Herman Grimms kennt, der weiß, wie in ihm unendlich viel von dem pulsiert, was geistig die Gegenwart unmittelbar bewegt, wie seine Rätselfragen über mancherlei Gegenstände des Geisteslebens geradezu die Rätselfragen unserer Epoche sind. Und wenn Geisteswissenschaft sich mehr und mehr als fruchtbar erweisen soll, dann wird sie Fühlung suchen müssen mit der Art und Weise, wie das gesamte geistige Kulturleben sich solchen Rätselfragen nähern will.
[ 3 ] Herman Grimm – er war der Sohn Wilhelm Grimms und der Neffe Jakob Grimms, des großen Sprachforschers – war ja so recht ein Geist des neunzehnten Jahrhunderts. An der Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert starb dieser bedeutsame Kenner Goethes, es starb dieser bedeutende Geist, der das wunderbare Buch geliefert hat über Michelangelo. Wer sich in Herman Grimms Arbeit über Michelangelo vertieft, der wird fühlen, wie in seiner Betrachtung zunächst die ganze Zeit auflebt, aus der Michelangelo herausgeboren ist, wie auflebt vor uns Michelangelos Seele, wie er sich heraushebt aus seiner Epoche, wie diese in seiner Seele Kunst, künstlerisches Schaffen wird – ein in seltenem Sinne gerundetes Bild! Und wir können andere Werke Herman Grimms zur Hand nehmen, zum Beispiel sein bedeutsames Werk über Goethe, und finden, wie er zu allem, was Goethe betrifft, ein unmittelbares, persönliches Verhältnis hat, welches mehr zeigt von Goethes Charakter, von Goethes innerem Wesen, als viele gelehrte Betrachtungen geben können. Und so ist es mit vielem.
[ 4 ] Nun ist es in einer gewissen Beziehung ja charakteristisch, dass Herman Grimm auch ein «Leben Raphaels» geschrieben hat. Allein, mit diesem «Leben Raphaels» ging es ihm anders als mit dem Leben Michelangelos oder selbst mit dem Leben Goethes. Herman Grimm hat selbst gestanden, dass er immer wieder Ansätze gemacht hat, das Rätsel Raffaels zu lösen, und dass er ja auch zu gewissen Zeiten eine Art von Abschluss gesucht hat mit dem «Leben Raphaels»; jedes Mal aber, wenn er wieder an das Rätsel Raffaels herangetreten ist, so wusste er, wie unvollkommen vor seiner eigenen Seele das stand, was er über Raffael geleistet hatte. Immer wieder machte er einen neuen Ansatz; und so haben wir einen wunderbaren Essay, den er noch kurz vor seinem Tode geschrieben hat, der nur die Einleitung darstellt zu einem Buche, das hätte ausführlich werden sollen, in welchem er kurze Zeit vor seinem Tode noch einmal den Versuch macht, das Bild Raffaels vor die eigene Seele zu stellen, das Rätsel Raffaels für sich in gewisser Weise zu lösen, soweit eben solche Rätsel überhaupt von Menschenseelen gelöst werden können.
[ 5 ] So sehen wir auf der einen Seite einen ringenden Geist, der seiner ganzen Seelenanlage nach drinnensteht im künstlerischen Leben und in der Betrachtung des künstlerischen Lebens, der ein wunderbar gerundetes Bild Michelangelos schafft, wir sehen, wie in ihm das Bewusstsein vorhanden ist, dieses Bild wirklich zu einer Art von Abschluss gebracht zu haben; wir sehen, wie diese ringende Seele zugleich das ganze Leben hindurch kämpft, das Rätsel Raffaels vor sich hinzustellen, und nicht fertig damit wird, sodass er unmittelbar vor seinem Tode noch einmal einen Ansatz macht, der wiederum nicht fertig geworden ist. Wie kommt das? Ja, ein bloßer Gelehrter würde in irgendeinem Sinne fertig geworden sein, nicht aber ein solcher Geist, der mit ganzer Seele sich in seine Aufgabe hineinversenkte und das Bild Raffaels auferwecken wollte. Je mehr Herman Grimm herantrat an Raffael, je mehr er in seiner Seele auferstehen machen wollte das Bild Raffaels, umso mehr zeigte es sich ihm wie in einer rätselhaften Weise hervorgehend aus der gesamten menschlichen Entwicklung; es stellte sich ihm so hin, dass, je genauer man es betrachtet, man umso mehr veranlasst wird, in die tiefsten Rätsel der Menschenseele selber sich zu vertiefen und Verständnis zu gewinnen für das, was eine solche Menschenseele ist, die herauswächst aus dem gesamten Bilde menschlicher Entwicklung als ein großes Rätsel. Und wenn man auf der anderen Seite das ganze Schaffen Herman Grimms verfolgt, so hat man das Gefühl: Ein solcher Geist, der so innig mit der Geisteskultur des neunzehnten Jahrhunderts zusammengewachsen ist, macht überall Ansätze dazu, den Weg zu finden – ja, welchen Weg? Den Weg, den der Geistesforscher kennt als seinen eigenen. Ich kann hier nur leise hindeuten auf die wunderbar intime Art, wie Herman Grimm in seinem bedeutungsvollen Buch «Unüberwindliche Mächte» am Schlusse einen Tod, ein Sterben darstellt, und in diesem Sterben das Loslösen dessen, was hier öfter dargestellt worden ist als das Loslösen des Ätherleibes vom physischen Leib. Zart und intim, aber darum nicht minder eindringlich, sehen wir Herman Grimms Seele ringen, die Wege zu finden, die gerade die Geisteswissenschaft aufschließen will.
[ 6 ] So kann man, wenn man diesen merkwürdigen Kunstforscher ins Auge fasst, wirklich die Idee bekommen: In ihm lebt etwas, was eine Frage gerade unseres Zeitalters ist. Und weil der Pulsschlag unserer Zeit in ihm lebte, lebte diese Frage mit besonderer Lebendigkeit in seiner Seele – die geisteswissenschaftliche Frage, der wir uns nähern wollten in allen Betrachtungen, die hier angestellt worden sind. Aber gerade an einem solchen Ringen wie dem Ringen Herman Grimms dem Bilde Raffaels gegenüber sieht man, dass man, wenn man stecken bleibt in der geistigen Art der Betrachtung des neunzehnten Jahrhunderts, nicht fertig wird gerade mit den größten Rätseln, wenn man aufrichtig und ohne Heuchelei die Lösung solcher Rätsel versucht mit dem Bewusstsein, untertauchen zu müssen in immer tiefere Tiefen. Aus der Betrachtung der Geisteswissenschaft wird - was ich nur andeuten kann - immer mehr und mehr die Beantwortung sich ergeben, warum Herman Grimm nicht fertig werden konnte mit seiner Betrachtung Raffaels. So grotesk es für manchen klingen mag, daran liegt es, dass er überall bis an die Pforte der Geisteswissenschaft herankam, aber diese Pforte nirgends aufschließen konnte nach dem Geiste seines Jahrhunderts, nach den Bedingungen des ganzen Werdens des neunzehnten Jahrhunderts. So sei denn der Versuch gemacht, an Raffael heranzutreten, nicht etwa von irgendwelchen geisteswissenschaftlichen Dogmen oder Gesetzen aus, sondern mit dem, was als die ganze Art der Seelenstimmung dem Bilde Raffaels gegenüber in unser Gemüt einzudringen vermag. In der geisteswissenschaftlichen Forschung ist es viel wichtiger – und das prägt sich zuletzt in unsere Seelen ein –, dass wir in einer gewissen Stimmung die Dinge der Welt betrachten, als alle möglichen Gesetze, die sich aus der Geistesforschung etwa ergeben, schablonenhaft abstrakt anzuwenden. Das ist ganz gewiss nicht das, was die menschliche Seele aus der Geisteswissenschaft machen soll.
[ 7 ] Wie erschien Raffael vor Herman Grimm, diesem Geist des neunzehnten Jahrhunderts? Merkwürdige Worte spricht dieser Mann. Ich will Ihnen diese wörtlich anführen, damit wir uns sozusagen ganz einleben können in die Art, wie dieser Mensch durch seine Forschung ein persönliches Verhältnis zu seinem Gegenstand gewinnen will. So erscheint ihm Raffael wie ein Geist, zu dessen Verständnis er nötig hat, die intimsten Tiefen menschlicher Entwicklung heranzuziehen. Nicht auf der Grundlage einer Epoche, sondern wie herausgeboren aus der ganzen Entwicklung der Menschheit – groß und gewaltig auf dem Hintergrunde der Menschheitsentwicklung, so erscheint er ihm; und für den, der fühlen kann, wirken tief solche Worte wie diejenigen, die in den letzten fragmentarischen Seiten Herman Grimms stehen über Raffael, die er also sozusagen aus einem letzten Ansatze, Raffael zu betrachten, herausgeboren hat. Da sagt Herman Grimm:
Raffael ist ein Bürger der Weltgeschichte. Wie einer von den vier Flüssen ist er, die dem Glauben der alten Welt nach aus dem Paradiese kamen.
[ 8 ] Mag gelehrte Forschung darüber denken, was sie will dem Menschen, der die Seele öffnen kann, geht etwas ganz Besonderes in seiner Seele auf, [wenn er einen Menschen wie Herman Grimm anschaut, der sich sein ganzes Leben hindurch in einen Gegenstand vertieft hat und in dessen Gefühl etwas lebt, aus dem er so sprechen muss über Raffael, dass er ihn zu einem Bürger der Weltgeschichte erhebt, zu einem Wesen, das sich abhebt von der gesamten Menschheitsentwicklung]. Und anders als andere mag einem noch Herman Grimm erscheinen, wenn man – von einem gewissen seelischen Gefühlsstandpunkt aus ins Auge gefasst – ihm gerecht werden will. Herman Grimm sagte:
Würde Michelangelo durch ein Wunder von den Toten fortgerufen, um unter uns wieder zu leben, und begegnete ich ihm, so würde ich ehrfurchtvoll zur Seite treten, damit er vorüberginge; käme mir Raffael aber in den Weg, so würde ich hinter ihm hergehen, ob ich nicht Gelegenheit fände, ein paar Worte aus seinen Lippen zu vernehmen. Bei Lionardo und Michelangelo kann man sich darauf beschränken, zu erzählen, was sie ihren Tagen einst gewesen sind: Bei Raffael muss von dem ausgegangen werden, was er uns heute ist. Über jene anderen hat sich ein leiser Schleier gelegt, über Raffael nicht. Er gehört zu denen, deren Wachstum noch lange nicht zu Ende ist. Es sind immer wieder zukünftig lebende Geschlechter von Menschen denkbar, denen Raffael neue Rätsel aufgeben wird [...].
[ 9 ] Und so sei denn einmal die Frage aufgeworfen: Welche Rätsel kann die Erscheinung Raffaels gerade demjenigen aufgeben, der seine Seelenstimmung durchdrungen hat von dem, was von der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Welt her kommt? Nun, die Geisteswissenschaft spricht in einem doppelten Sinne von der Entwicklung in der Zeit; dieser doppelte Sinn wurde hier öfter berührt. Zunächst spricht die Geisteswissenschaft davon, wie die Menschheit in ihrer Erdenentwicklung von Epoche zu Epoche geht, sodass man erkennt, dass Geist und Sinn in dieser Entwicklung sind, dass also geistige Gesetze gefunden werden können. Im Sinne dieser geistigen Gesetze können wir sehen, wie die Menschheit in der Urzeit in einer anderen Weise in ihrer Entwicklung über die Erde hin geführt worden ist als später; wir können sehen, wie andere, [neue] Impulse und Einschläge gemäß diesen geistigen Gesetzen bis in unsere Zeit hineinwirkten. In geisteswissenschaftlichem Sinne unterscheiden wir genau zwischen den einzelnen Epochen, und daher kann man sich nicht mit jenem trivialen Satze begnügen, die natürliche Entwicklung mache niemals einen Sprung. Dieser Satz kann gewiss, wenn er auf eine gewisse Weise ausgelegt wird, ganz richtig sein; aber man versuche einmal die Natur zu betrachten: Man wird sehen, wie eben ein solcher Spruch, der so leicht trivial hingesprochen wird, nur eine ganz eingeschränkte Bedeutung hat. Die Natur macht nämlich fortgesetzt Sprünge: Die Pflanze macht in ihrer Entwicklung einen gewaltigen Sprung zwischen der Wurzel und dem grünen Blatt, wiederum einen gewaltigen Sprung zwischen dem grünen Blatt und der Blüte und wiederum zwischen Blüte und Frucht. Die Natur macht überall Sprünge, und nicht minder ist es so in der Geschichte der Menschheit. Die einzelnen Epochen gehen nicht, wie es bequeme Weltanschauung denkt, so ganz einfach sukzessive ineinander über, sondern sie sind ihrem Charakter nach scharf voneinander abgegrenzt. Und wer diese menschlichen Epochen genau betrachtet, der wird finden, dass die menschliche Seele in der Lage ist, in jeder Epoche etwas Besonderes an sich herantreten zu sehen, etwas Besonderes zu durchleben. Wenn man das Wort vielleicht auch pedantisch findet, das Lessing gebraucht hat: dass die Weltgeschichte eine Erziehung des gesamten Menschengeschlechtes sei – in einem gewissen Sinne ist dieses Wort berechtigt. Wie der einzelne Mensch, von einer primitiven Stufe seines Geisteslebens ausgehend, sich zu immer neuen Impulsen erhebt, die er dann in der äußeren Welt und in seinem eigenen Innern durchlebt, so verhält es sich auch für die gesamte Menschheit über die Erde hin. Das ist die eine Art, wie Geisteswissenschaft die Entwicklung der Menschheit über die Erde hin betrachtet.
[ 10 ] Die andere Art der Betrachtung bezieht sich auf das Teilhaben der Menschenseele an dieser fortlaufenden Erziehung. Und da stellt die Geisteswissenschaft – wie es so oft und auch vorgestern hier ausgeführt worden ist – als Ergebnis fest: Der Mensch durchläuft in wiederholten Erdenleben diese Erdenentwicklung, sodass die Menschenseele an den aufeinanderfolgenden Epochen so teilnimmt, dass wir — zurückblickend – uns fragen können, wie unsere eigenen Seelen in früheren Epochen der Erdenentwicklung, in früheren Erdenleben, teilgenommen haben an dem, was die Erdenentwicklung der Menschenseele jedes Mal geben konnte. Immer wieder waren unsere Seelen auf Erden verkörpert in Leibern, um dasjenige in sich aufzunehmen, was dann zu Impulsen für die späteren Epochen wurde. So nimmt die Menschenseele in ihren aufeinanderfolgenden Leben teil an alledem, was in sie aus den Impulsen der gesamten menschlichen Erdenentwicklung einfließen kann.
[ 11 ] Es gibt ja, sagen wir, mitleidige Geister, die es Lessing verzeihen, dass er aus einem solchen Gesichtspunkte heraus auf der Höhe seines Lebens in seiner bedeutsamen Schrift «Die Erziehung des Menschengeschlechtes» über wiederholte Erdenleben gesprochen hat, denn nur dadurch – [durch diese Idee der wiederholten Erdenleben] — ist ihm klar geworden, durch welche Kräfte eigentlich die ganze Evolution der Menschheit durch die Geschichte getragen wird: nur dadurch, dass die Menschenseelen selber das, was sie in einer Epoche aufnehmen, wiederum hinübertragen in andere Epochen, und die Menschenseele nicht isoliert nur einer Epoche angehört, sondern immer wiederkehrend den aufeinanderfolgenden Epochen, sodass sie ein Bürger der gesamten Geschichte ist. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte ausgehen können, dass in einer ganz eigenartigen Weise in jeder Menschenseele dasjenige aufleuchtet, was sie als Impulse in früheren Epochen aufgenommen hat, dann tritt es uns vor die Seele, wie insbesondere ein hervorragender Geist [wie Raffael] sich hineinstellen kann mit dem Erträgnis alles dessen, was seine Seele in früheren Erdenleben in irgendeiner Epoche durchgemacht hat.
[ 12 ] Wir werden nicht mit pedantischem Sinne abstrakt nach Ursache und Wirkung forschen, sondern uns ein Gefühl aneignen dafür, wie eine Seele sich hineinlebt in eine Epoche, und wir fühlen in dieser Seele im Grunde genommen in einer ganz besonderen Weise das ganze frühere Erdenleben, das eine solche Seele – und jede Menschenseele – in ihrer Eigenart durchlebt hat. Wenn wir nun einen allerdings für die Erdenentwicklung verhältnismäßig kurzen, für die gegenwärtige Menschheitsbetrachtung aber zunächst naheliegenden Zeitraum betrachten, denjenigen der geschichtlichen Jahrtausende und [ihn vergleichen mit dem Zeitraum] der Jahrtausende, die den geschichtlichen vorangegangen sind, dann ergibt sich für die geisteswissenschaftliche Forschung etwas, was hier schon öfters erwähnt worden ist: Die Menschenseele selber hat Verwandlungszustände durchgemacht, sodass sie in alten Zeiten ganz anders beschaffen war als in späteren Zeiten oder als in der Gegenwart. Hingewiesen werden muss darauf, dass unser gewöhnliches jetziges verstandesmäßiges Denken, das in der Wissenschaft seinen Triumph erreicht, ein Entwicklungsprodukt ist, das erst nach und nach entstanden ist. Gerade mit dem Worte «Entwicklung» muss die Geisteswissenschaft Ernst machen und diese Entwicklung nicht nur in der Aufeinanderfolge der äußeren Formen sehen, sondern vor allen Dingen in dem Arbeiten der Menschenseele. Nur stellt sich in der Geisteswissenschaft dieses Werden der Menschenseele anders dar als für die äußere Wissenschaft.
[ 13 ] Die Geisteswissenschaft wendet den Blick zurück in uralte Zeiten, die noch vor den geschichtlichen sind, und findet da diese Menschenseele mit einer Art von primitivem Hellsehen ausgestattet. Ich kann diese Dinge heute nur andeuten; sie sind in anderen Vorträgen weiter ausgeführt. Das, was heute unser verstandesmäßiges Denken ist, wodurch wir gerade so recht zum Selbstbewusstsein kommen und uns innerlich als Menschen erkennen, musste sich erst herausentwickeln. In alten Zeiten war das ganze Vorstellungsleben des Menschen so, dass er gewisse Zwischenzustände hatte zwischen Wachen und Schlafen, wie Traumbilder. Diese waren nicht bloße Traumbilder, sondern sie waren sinnbildliche Ausdrücke der Wirklichkeit, die ihn umgab. Er nahm wahr in einer Art von uraltem Hellsehen. Dann entwickelte sich die Menschheit weiter, und als ein Element eines neuen Impulses wurde aufgenommen unser gegenwärtiges Verständnis, unsere Phantasie und Sonstiges, wie es gerade der gegenwärtigen Menschheit eigentümlich ist.
[ 14 ] Nun finden wir einen bedeutsamen Einschnitt in dem uns vorangehenden großen Zeitraum der Menschheitsentwicklung, der sich uns darstellt durch eine ganz wunderbare Epoche dieser Menschheitsentwicklung. Das ist die Zeit des Griechentums. Für den, der mit dem geschulten Blicke des Geistesforschers die Menschheitsentwicklung betrachtet, stellt sich das Griechentum wie eine Art Mitte zwischen zwei getrennten Entwicklungsreihen in die Menschheitsentwicklung hinein. Wenn wir das Griechentum betrachten, so liegt uns ja – weil unsere heutige Betrachtung in der Anschauung eines Künstlers gipfeln soll – das Künstlerische am nächsten. Dieses Künstlerische war aber im vollen Einklang mit dem ganzen griechischen Geist, und dieser griechische Geist erscheint nur für den, der kurzsichtig die Menschheitsentwicklung betrachtet — so wie der heutige Geist es tut — derart, dass eigentlich die Menschenseelen ungefähr gleich waren, wie sie heute sind. Für den, der genau auf das Charakteristische in der Menschheitsentwicklung eingeht, stellt sich das ganz anders dar.
[ 15 ] Ich möchte von einer Einzelheit ausgehen: Wenn heute ein Künstler an seine Kunst herantritt, sagen wir an die Bildhauerei, so ist es für unsere gegenwärtige Zeit ganz natürlich und selbstverständlich, weil das in dem Charakter unserer Zeit liegt, nun, sagen wir es trocken, dass er nach dem Modell arbeitet, dass er das Vorbild der Natur vor sich hat, dass er die Natur nachahmt. Das entspricht unserer heutigen Anschauung, unserer heutigen Umgebung, die uns künstlerisch diejenige Seelenbetrachtung nahelegt, welche sich der Natur gegenüberstellt und die Wahrheit so sucht, indem sie sich Abbilder von den Dingen in der Seele heraufzaubert. So macht es die heutige Wissenschaft, und so macht es in gewisser Weise auch die heutige Kunst. [Aber das ist nur recht und richtig für unsere Zeit, denn so will es die verstandesmäßige Betrachtung der Welt; sie will, dass der Mensch durch Anschauung das wahre oder das falsche Bild der Natur gewinnt und dass er in der Phantasie Bilder der Natur schafft, der er sich damit gegenüberstellt als selbstbewusster Mensch.] So war es noch nicht in der Griechenzeit, und diejenigen haben Unrecht, welche glauben, der griechische Künstler habe es ebenso gemacht wie der heutige. Der heutige Künstler muss es so machen, weil die Menschenseele sich immer mehr verinnerlicht hat, weil für unseren Zeitraum die Menschenseele nicht mehr jenen innigen Bund mit der Natur zu schließen vermag, indem sie untertaucht in die Gegenstände selber. Sie stellt sich als abgegrenzt hin vor die Dinge, sie ahmt sie nach. Dadurch gelangt ja der heutige Mensch zu seiner Urteilskraft, dadurch gelangt er aber auch zu seinem vollen Selbstbewusstsein in der Welt.
[ 16 ] Anders war es im Griechentum. Im Griechentum war die Seele vor allen Dingen noch in innigem Zusammenhange mit allem Körperlichen, Leiblichen; und dadurch, dass sie in innigerem Zusammenhang mit alledem war, war sie auch mit dem in innigem Bunde, womit ja das Leibliche, Körperhafte in Zusammenhang steht, mit der umgebenden Natur. Was in der Natur lebt und webt, das lebte und webte im Miterleben in der menschlichen Seele wirklich wie in der Natur, wie sie ist. Die Menschenseele stand nicht der Natur gegenüber, sie war in der Natur, lebte mit den Untergründen der Natur. Wenn nun ein griechischer Künstler irgendeine Statue in der Bildhauerei schaffen wollte, so wäre es ihm ganz unnatürlich gewesen — das zeigt uns die Geistesforschung –, äußerlich irgendetwas nachzuahmen. Wollte er eine Statue, sagen wir des Mars oder des Zeus, darstellen — Gestalten, die er alle vermenschlichte –, so war es ihm vor allen Dingen darum zu tun, nachzufühlen, was die Marsseele, die Zeusseele erlebte. Und weil unmittelbar die seelischen Impulse, das seelische Fühlen sich objektiv in die Seele ergossen, so fühlte der Künstler in jeglicher Geste, in jeder Bewegung, in jeder Körperstellung, in jedem Blick, was die Seele erlebte. Er war eigentlich innerlich der Mars, der Zeus, und wusste daher, wie eine Hand, wie ein Muskel ausschaut. Er schuf sein unmittelbar innerliches Erleben. Nicht schuf er nach die Natur, weil die Seele nicht bloß Seelisches erlebte, sondern miterlebte, was körperhaft in der Umgebung war. Dieses Abtrennen [des seelischen Miterlebens von der Natur] — das ist erst geworden.
[ 17 ] Im alten Griechentum war die Seele noch in das natürliche Dasein ergossen. Gehen wir aber ganz hinter das alte Griechentum zurück, dann finden wir uns nahe und immer näher kommen den Zeiten, wo noch eine Art Hellsichtigkeit vorhanden war, wo der Mensch hinwegging über das Physische und das hinter ihm liegende Geistige empfand — da war er mit dem Geist, der hinter der sinnlichen Welt schwebt, verbunden. [Da schuf die Seele aus dem Innersten der Welt, aus den Gesetzen, die dem Äußeren nicht ähnlich sehen, diejenigen Formen heraus, die nun aber desto mehr den Gesetzen des Äußeren entsprechen.] Selbst bei den Philosophen wie Plato, Pythagoras, Sokrates haben wir Menschenseelen, die noch etwas unter die Oberfläche hinuntergreifen. Im Griechentum ist die Seele noch nicht verinnerlicht in der menschlichen Persönlichkeit; sie steht noch in der Sinnenwelt drinnen. Der moderne Mensch hat sich losgelöst; er kann sich dem Natürlichen nur gegenüberstellen und es nachahmen. Dadurch aber gelangt die gefestigte Seele zum inneren Halt, zum festen Stehen in sich selbst. So war die Menschenseele der Urzeit unfrei und abhängig von dem allwaltenden Geiste; so war die griechische Seele unmittelbar drinnenstehend, Natur und Geist noch nicht voneinander trennend, so ist die moderne Seele herausgestellt aus der Umgebung, sich in ihrer Innerlichkeit erfassend.
[ 18 ] Nun gibt es für die Kunst keinen Zeitraum, der uns so sehr wie in einem Sprunge in dem charakterisierten Sinne zeigt, wie diese Kunst auf der einen Seite das Große, Bedeutsame des Miterlebens der Natur noch fordert und auf der andern Seite zu rechnen hat mit der vertieften Innerlichkeit der Menschenseele – [es ist diejenige Zeit, in der große Künstler wie Leonardo, Michelangelo, Raffael ihre Werke geschaffen haben]. Es ist charakteristisch, dass in die Zeit des Griechentums das Ereignis fällt, das der Menschenseele vor allen Dingen Verinnerlichung gegeben hat und das durch seine Impulse mitwirkt an der Erziehung der Menschenseele: die Entstehung und Begründung des Christentums. Und gewaltig und merkwürdig erscheint uns, wenn wir, vom umfassendsten überkonfessionellen Standpunkte aus, unabhängig von jeder eng-konfessionellen Anschauung, die Entwicklung der Menschheit betrachten, wie das gesetzmäßig von dem Zeitpunkt der Entstehung des Christentums an herauftaucht, was wir Verinnerlichung der Menschenseele nennen können und was ich jetzt zu charakterisieren versuche.
[ 19 ] Man kann sich das insbesondere vor die eigene Seele hinstellen, wenn man versucht, einen Geist aus den ersten christlichen Jahrhunderten zu betrachten, einen Geist wie Augustinus. Man vertiefe sich einmal in so etwas wie die «Bekenntnisse» des Augustinus — lesenswert für jeden, der sich in den Geist der Zeiten, im besten Sinne des Wortes, vertiefen will. Und man erlangt so ein Gefühl von jener unendlichen Innerlichkeit des menschlichen Seelenerlebens, die in die Menschheitsentwicklung hereinbricht und sich in solch einer Seelenart wie der des Augustinus zeigt. Und man vergleiche das ganze Leben, die ganze innerliche Art des Seelenlebens des Augustinus mit dem, was die [ganze] griechische Kunst, selbst die erschütternden Tragödien eines Aischylos, eines Sophokles hat geben können. Bei dem großen Aischylos, bei dem großen Sophokles finden wir überall das Verbundensein des Menschen mit seiner Umgebung. So genialisch groß uns die Charakteristiken erscheinen, die da gegeben werden – die Menschen heben sich überall nicht so heraus, dass wir in dem Grade von einer Verinnerlichung des Seelenlebens sprechen können, wie dieses In-sich-Geschlossensein des Menschengeistes uns bei Augustinus so wuchtig und gewaltig entgegentritt.
[ 20 ] Man wird erst dann den ganzen geistigen Gang der menschlichen Entwicklung überblicken können, wenn man diesen Impuls der Verinnerlichung als ein historisches Gesetz erkennt, auch dann, wenn man nicht in irgendeiner konventionellen Weise anknüpfen will an den Christus-Impuls. Denn diese Dinge sind vorhanden, so wahr die Sonne im Raume vorhanden ist. Sie können geisteswissenschaftlich so erfasst werden wie im Raume die Wirkungen der Sonne zu den Planeten. [Diese Entwicklung hat besonders in jener Zeit menschlich-geistiger Entwicklungsblüte, in der sogenannten Renaissance-Kultur, zunächst dahin geführt, dass man in eine gewisse unkünstlerische Betrachtungsweise getreten ist.] Aber die Kunst wird niemals aus der menschlichen Entwicklung verschwinden können, sie wird sich nur für die verschiedenen Epochen gerade dasjenige suchen, was ihr möglich ist bei dem gesetzmäßigen allgemeinen Charakter eines Zeitalters. Und so sehen wir in der Epoche an der Wende des fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert, in welche auch das Leben Raffaels hineinfällt, wie darum gerungen wird, erstens Kunst möglich zu machen und zweitens in der Kunst mit dem zu rechnen, was gesetzmäßig mit der Verinnerlichung der Menschenseele auch in der Kunstentwicklung aufgetreten ist.
[ 21 ] In dieser gewaltigen Übergangsepoche ist der Geist Raffaels herangereift. Und wie tritt er uns da entgegen? In einer wunderbaren Weise tritt er uns entgegen! 1483 ist Raffael in Urbino geboren als Sohn eines Goldschmiedes, der auch Maler war und von dem er den ersten Malunterricht empfing. Früh verwaist, wird Raffael in die Lehre zu dem damals bedeutendsten Maler Italiens, zu Pietro Perugino in Perugia gegeben. Von Perugino sehen wir Raffael sozusagen die erste Anregung empfangen zu dem, was dann zu so gewaltiger Größe sich erhebt. Aber wenn man die Umgebung Raffaels betrachtet, schon in Urbino, dann in Perugia und dann wiederum die Raffael-Seele selber, dann wird diese Betrachtung zum Rätsel, wo man auch hinschaut; denn diese Raffael-Seele steht in der Umgebung drinnen wie etwas, das nicht herauswächst aus dieser Umgebung selbst, sondern das sich hineinstellt in diese Umgebung wie von ganz anderen Heimatgefilden herkommend. Und nur wer in Bezug auf diese Dinge kurzsichtig ist, kann immer noch danach streben, Raffael erklären zu wollen aus dem, was ihn umgeben hat.
[ 22 ] In Perugia wächst Raffael heran, er lernt bei dem damals bedeutendsten Maler Italiens. Wenn wir zunächst den Meister selbst betrachten, sehen wir einen durchaus christlichen Mann, rechnend mit dem christlichen Momente der Verinnerlichung der Seele. Wenn wir den Gesamteindruck seiner Bilder auf uns wirken lassen, finden wir das überall gerechtfertigt. Ja, aus den Traditionen seiner Zeit heraus malte dieser Meister Raffaels die christlichen Gestalten, das Innere der Menschenseele, das die Wege des Ewigen sucht. Er malte die Gestalten der heiligen Legende so, dass die ringende, suchende, der Ewigkeit bedürftige Menschenseele Befriedigung an diesen Gestalten findet. Aber in jedem Zug dieser Bilder Peruginos sehen wir doch auch, dass er nicht mit den innersten Fasern seiner Seele dabei war bei dem, was er eben aus der Tradition heraus gemalt hat. Man kann genau unterscheiden, wenn man auf die noch vorhandenen Bilder blickt, auf das milde, aber doch ganz aus seiner Zeit heraus erklärbare Antlitz Peruginos: Diese Seele, die in diesen Zügen lebt, hat von dem, was sie auf die Leinwand hingezaubert hat, aus der Tradition heraus die Kunst zu verinnerlichen gesucht; aber die Seele war nicht völlig dabei. Diese nicht ganz verinnerlichte Tradition, das war das Wesentliche, was Raffael an seinem Meister hatte.
[ 23 ] Wenn wir die Umgebung Perugias betrachten, sehen wir eine wunderbare Natur, die in jeder fühlenden Menschenseele eine Empfindung erweckt für die Rätsel des Naturdaseins, für die Ewigkeitswerte, die im irdischen Dasein liegen. Aber was spielte sich in dieser Umgebung ab? Kampf über Kampf innerhalb eines leidenschaftlichen Volkes. Und es muss angenommen werden, dass die Stätte, an der Raffael lernend heranwuchs, geprägt war von Kämpfen, von furchtbaren Kämpfen, die die einzelnen Familien und Geschlechter untereinander ausfochten im Ringen um die Oberherrschaft der Stadt. Von den Ansässigen zogen ganze Familien aus und belagerten dann die in der Stadt Zurückgebliebenen. Das alles umgab Raffael. Man versuche sich irgendeinen in Perugia herangewachsenen Menschen vorzustellen und ihn mit Raffael zu vergleichen, man würde sehen, wie der Erstere mitgelebt hätte mit alledem und aufgegangen wäre in dem Leben seiner Umgebung – man kann es sozusagen mit Händen greifen.
[ 24 ] Es gibt eine vielsprechende Erzählung eines Chronisten, eines Geschichtsschreibers, der eben ein solcher Mensch war, der mit dabei war; er erzählt, wie einmal unter diesen kämpfenden Parteien einer der Helden einer solchen Partei wie eine Art St. Georg oder Mars in die Stadt hereinritt, hoch zu Ross, kraftvoll kämpfend für seine Anhänger, und wie er alles, was sich ihm entgegenstellte, mit seinem Pferde niederritt – ein Bild aus dem damaligen Perugia! Wir sehen diese Szene, die der Chronist schildert, auf einem Bilde Raffaels dargestellt – ins Geistig-Seelische gehoben, indem alles das hinweggefegt ist, was unmittelbar wirkt auf den, der dieser Szene anschauend gegenübertritt. Wir sehen, wie uns hier ein Leben entgegentritt, das nur eine Seele erleben kann, die über dem Ganzen schwebt und nur das festhält, was innerlich, geistig in einer solchen Szene sich darstellt, und das dann später auf die Leinwand hinzaubert. So erscheint uns Raffael: heimisch in Welten, die nicht jener Sinnenwelt angehören, heimisch in geistigen Gefilden, mit denen seine Seele ganz verwoben ist in ihrer Innerlichkeit. Und nichts anderes gab ihm die unmittelbare Umgebung, in die er hineinversetzt ist, als dass er sie anschauen durfte ein Geist wie von ganz anderen Heimaten, der für ein klares Denken und klares Betrachten niemals aus seiner Umgebung erklärt werden kann, der etwas mitbringt, etwas hinzufügt, was nicht in der Umgebung ist.
[ 25 ] Und was hat Raffael weiter von seinem Meister gelernt? Gerade das, was Raffael zu jener wunderbaren Erscheinung der künstlerisch-menschlichen Entwicklung macht, das hat er nicht von seinem Meister gelernt. Denn das fühlen wir bei Raffael, dass der Hauptzug der neueren Zeit, die Verinnerlichung der Menschenseele – die selbstverständliche Verinnerlichung, die mit allem zusammenhängt, was er schafft – gerade dem Perugino fehlt, dass sie aber in jeder Faser bei Raffael vorhanden ist und sich unmittelbar in das ergießt, was er in seinen Formen, in seiner Kunst auslebt. Wir fühlen, wie überall ein Stück von Raffaels tiefster Innerlichkeit auf der Leinwand lebt, wenn wir uns in seine Bilder vertiefen. Das war etwas, was Raffael aus Himmelshöhen und nicht von Perugino entnommen hat, das er wie ein Sendbote aus ganz anderen Welten hereingebracht hat. Wer diese Verinnerlichung nicht nur in Dogmen und Lehrsätzen, in äußerlichen, in Begriffe zu fassenden Gesetzen, sondern mit ganzer Seele zu ergreifen versucht, wird sie herausströmen fühlen aus jeder Schöpfung Raffaels, sodass wir bei Raffael in seinen größten Schöpfungen gerade das haben, wovon wir sagen können: Es ist jetzt etwas ganz anderes, als was in der griechischen Kunst liegt. Dort lebte das, was der Mensch unmittelbar seelisch-leiblich erlebt und zugleich in Formen gestaltet hat. In Raffael sehen wir das Innere der Menschenseele wie ausgegossen und uns in Formen entgegentretend, die Seele, die sich getrennt hat vom natürlichen Dasein, herausströmen und uns gegenüberstehen als eine neue Welt, als eine Schöpfung der verinnerlichtesten Menschenseele – nicht in einer gewissen Weise in der Natur drinnenstehend, sondern wie eine Neuschöpfung – das Innere der Menschenseele wieder nach außen strebend und sich da künstlerisch verkörpernd.
[ 26 ] Wer nur denjenigen einen Christen nennt, der an die christlichen Dogmen glaubt, den wollen wir für die heutige Betrachtung mit sich selbst beschäftigt sein lassen. Wer in der Verinnerlichung der Menschenseele den christlichen Zug erkennt, wer diesen christlichen Impuls wirkend schaut, wer schaut, wie die Menschenseele sich loslöst von der äußeren Welt und sich auf sich selbst besinnt, wie sie im Innern den Christus-Impuls sucht – weil der Mensch, der sich getrennt hat von der Natur, einen solchen Stützpunkt braucht —, der wird verstehen, warum dieser Impuls gerade in jener Zeit gegeben wurde. Wer dieses mehr als [nur] dogmenlose Christentum, dieses von manchem gar nicht mehr als christlich angesehene Christentum zu erkennen und zu fühlen vermag, der wird verstehen, wenn der geisteswissenschaftliche Forscher fühlt, wie in Raffaels Seele schon vor ihrer Geburt der Grundzug der Christlichkeit lebte, wie mit Raffael in allem Fühlen und Sich-Darleben eine verchristete Seele geboren wurde, eine Seele, die sich als verchristete Seele hineinstellt in die ganze Umgebung, eine Seele, mit der zugleich die christliche Art des Lebens geboren wurde, eine Seele, die christlich war durch alles, was in ihr lebte. Und diese Christlichkeit in der Seele Raffaels ist durch nichts aus der Umgebung zu erklären. Das sieht, wenn es so hingesprochen wird, wie eine Behauptung aus, und man kann es auch nicht mit mathematischen Beweisen belegen; solche Dinge ergeben sich durch intime Vertiefung in das Wesen einer solchen Seele. Man kann gerade an Raffael, wenn man seine Seele betrachtend an sich vorüberziehen lässt, sehen, wie sie sich abhebt und unterscheidet von einer anderen Seele, die erst während ihres Lebens in die Verinnerlichung des Christentums sich hineinlebte. Man kann nämlich gerade an Raffael, wenn man ihn mit einer anderen Gestalt kontrastiert, sehen, welcher Unterschied besteht zwischen einer solchen Seele, die als verchristete Seele geboren wird, sodass sie in jeden Strich ihrer Schöpfungen Christliches hineingeheimnisst, und einer solchen Seele, die sich erst hineinlebt in die christlichen Impulse.
[ 27 ] Betrachten wir Raffael weiter in Bezug auf seine nächste Umgebung. Als er nach Florenz versetzt wurde, 1504, da kam er in eine Umgebung hinein, wo die Nachwirkung Savonarolas noch lebendig spürbar war und in der Atmosphäre noch dasjenige stark waltete, was von Savonarola in Florenz sich eingelebt hatte. Der Geist Savonarolas selber war immer noch spürbar in dem, was in Florenz bei den Anhängern und Gegnern Savonarolas lebte, zum Beispiel in Fra Bartolommeo, der zum Freundeskreis Raffaels zählte. Wenn man eine solche Seele wie die Savonarolas als eine sozusagen zeitgenössische Seele neben die Raffaels hinstellt, dann merkt man einen Unterschied. Wie selbstverständlich tritt uns das Verchristete, die Art des ganzen verchristeten Seelenlebens bei Raffael entgegen; diese Seele Raffaels braucht nicht erst christlich zu werden, sie braucht nicht fanatisch das Christentum zu vertreten; das tut sie nie. Die Seele Raffaels braucht sich auch nicht irgendwie in christlichen Dogmen zu ergehen; diese Seele zieht solche Linien, legt solche Farben auf, wie sie der christlichen Verinnerlichung entsprechen, sie lebt von Geburt an christlich. Wie anders ist die Seele Savonarolas! Sie lebt sich so in das Christentum ein, dass sie Stück für Stück sich erkämpft das Heroische, Große, Bedeutungsvolle, Moralische des Christentums. Sie entzündet sich Stück für Stück während ihres Entwicklungsganges an dem, was man am Christentum als Eindruck empfinden kann. Sie ist eine Seele, die sich erst in das Christentum einlebt, die sich fanatisiert am Christentum, bei der wir sehen können, wie sie Stück für Stück von dem Christentum angezogen wird und so nahe mit dem Christentum zusammenlebt, dass sich die verinnerlichte Christenseele wieder nach außen ergießen muss – kraftvoll, und daher einseitig und fanatisch. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
[ 28 ] Wenn man nicht dogmatisiert, sondern in Erwägung zieht, wie in dem Augenblick, wo man aufsteigt zur geisteswissenschaftlichen Betrachtung, alles unendlich vielseitig wird, wo die Beweise sich nicht ergeben wie auf dem Gebiet der Mathematik, wo alles scharfe Konturen hat, so zeigt sich für den, der nicht bloß wissenschaftliche Dogmen und Gesetze kennt, sondern sich mit den Impulsen der Geisteswissenschaft durchdrungen hat, dass unendlich klar beleuchtet wird dieses von den zwei Seelen, das gerade versucht wurde zu entwickeln. Wenn Geisteswissenschaft uns zeigt, wie Raffaels Seele – ich will diese Dinge nur leise andeuten, nicht grobschlächtig, wie es in der Geisteswissenschaft geschehen muss, wenn man an einzelne individuelle Konkretheiten herankommt –, wenn uns Geisteswissenschaft beleuchtet, wie eine solche Seele wie die Raffaels schon in einem früheren Leben mit dem Geiste des Christentums innig verbunden war, wie sie die Kraft des Christentums aufgenommen hat und hindurchgegangen ist mit dieser Kraft des Christentums durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dann kann man auch die Verwandlung verstehen, durch die er das, was er einstmals mit Stärke erlebt hat, nun in abgeklärter Form in seelisch-geistigen Kräften ausleben kann. So kommt man mit dem Rätsel zurecht, wenn man sich sagt: Ja, dasjenige, was unmittelbare christliche Stoßkraft, bis ins Dogmenhafte, hat, ist von einer solchen Seele wie Savonarola früher nicht durchlebt worden, sondern sie war erst in jenem Leben zur Zeit Raffaels imstande, aus anderen Lebensformen heraus stufenweise sich ins Christentum einzuleben in ein Stadium, das die Raffael-Seele eben schon in einem früheren Leben durchlaufen hatte.
[ 29 ] Gewiss, auch ich finde es selbstverständlich, dass ein großer Teil der heutigen Menschheit das, was eben jetzt ausgesprochen worden ist, noch absurd und lächerlich findet. Niemals werde ich mich wundern – zusammen mit all denen, die die Grundlagen der Geisteswissenschaft eben kennen –, wenn man so etwas absurd und lächerlich findet. Aber die Zeiten werden kommen, in welchen die Menschen einsehen werden, wie tief begründet dasjenige ist, was über Menschenseelen aus dem Geiste heraus gesagt werden kann, der jetzt eben gebraucht worden ist, um das ganz Andersgeartete der Savonarola-Seele im Vergleich zur Raffael-Seele darzulegen. Die Lehre von den wiederholten Erdenleben wird sich dabei als fruchtbar erweisen.
[ 30 ] Und noch ein anderer Zug tritt uns bei Raffael entgegen, wenn wir uns diesen merkwürdigen Geist vor die Seele stellen. Wenn man seine Seele so durchforscht, findet man: Sie ist so selbstverständlich christlich, dass Raffael gar nicht beirrt wurde durch die unchristliche Umgebung der Päpste, als er nach Rom kam. Wahrhaftig, es konnte die Seele, in der so selbstverständlich das Christentum lebte, leichter fertig werden mit der Umgebung, sich nicht stoßen an jenem Julius II., dem Papst, von dem Machiavelli, der doch gewiss selbst nicht besonders moralischer Natur war, sagte, er sei eine teuflische Seele, ein Mann, der gegenüber jedem, der ihm entgegentrat und ihm nicht passte, die Zähne hätte fletschen mögen. Und von den folgenden Päpsten, mit denen Raffael zusammen gelebt hat, ist auch nicht gerade viel Christliches zu erzählen. Mit solchen Päpsten stößt also eine Seele zusammen wie die Savonarola-Seele. Denen tritt er entgegen, wie einst in seinen treffenden Worten der Täufer den Menschen entgegengetreten war, nicht aber die Raffael-Seele, die das schon früher durchgemacht hat, in irgendeinem Leben, wovon wir hier nicht weiter sprechen wollen. Unberührt davon bleibt Raffaels Seele in ihrer christlichen Selbstverständlichkeit.
[ 31 ] Aber künstlerisch muss sich seine Seele betätigen. Das Künstlertum muss eine Fortsetzung dessen geben, was als Kunst im Griechentum aufgetreten ist. Suchen muss er das, was er nicht in sich hat, und er muss es gerade in der Umgebung. Wir sehen ihn zum Beispiel unter den ausgegrabenen Ruinen und alten Gräbern in Rom herumgehen und alles vermessen, wirklich recht von außen dasjenige aufnehmend, was das Eigentümliche der griechischen Kunst ist, das er vermählen muss mit dem, was ihm selbstverständlich ist, mit christlicher Innerlichkeit. Es ist so, als ob Raffaels Seele in einem früheren Leben Gelegenheit gehabt hätte, dem Christentum so nahezustehen, dass das Christentum wie selbstverständlich mit dieser Seele geboren wurde im Raffael-Dasein, dass sie aber in einem früheren Leben fernegestanden hätte dem Griechentum und dieses Griechentum jetzt von außen her aufnehmen müsse, um es zu vermählen mit dem Christentum, das er als selbstverständlich aus einem früheren Leben mitbringt. Es ist wie das Zusammenwachsen desjenigen, was aus dem Geistigen als notwendiges Ergebnis früheren Erdendaseins erscheint, mit dem, was nun diese Seele von außen aufnehmen muss – im Gegensatz zur Savonarola-Seele. So wachsen zusammen die beiden Arten der Kräfte, die in dieser Raffael-Seele uns entgegentreten. Und es wird einmal nichts Absurdes und Lächerliches mehr sein, wenn Raffael in einem früheren Leben irgendwo in einer christlichen Umgebung gesucht wird, die fern dem Griechentum stand, die damals in diese Seele kraftvolle Triebe, Impulse hineingoss, die da ruhten, bis dieses Seelenleben sich verwandelt hatte – bis zur nächsten Geburt, selbstverständlich nun ohne allen Fanatismus und ohne manches andere, was dem Fanatismus nur von ferne ähnlich ist. Als diese Seele wiedergeboren wurde, suchte sie – weil sie damals dem Griechentum noch ferngestanden hatte – es da, wo sie es finden konnte, um dieses Griechentum jetzt in sich aufnehmen zu können.
[ 32 ] Können wir so aus dem Geisteswissenschaftlichen heraus diejenigen Geistesströmungen erkennen, die in Raffael zusammenwuchsen, können wir sie erfassen, dann lernen wir begreifen, wie in dieser Seele beides so bedeutend wirkte: [zum einen] die in ihr liegende selbstverständliche christliche Verinnerlichung durch ihre Individualität und [zum anderen] das Griechentum, durch diejenige Umgebung, in die die Seele gezogen wurde, weil ihr eben das fehlte, was ein bedeutender, ein großer Durchgangspunkt durch alle Epochen der Menschheitsentwicklung war. Wir sehen, wie Raffael – durch das Zusammenwachsen dieser zwei Dinge, eines Individuellen und eines in der allgemeinen Menschheitsentwicklung Liegenden und aus der früheren Inkarnation Raffaels nicht Empfangenen – auf dem großen Tableau der allgemeinen Menschheitsentwicklung sich erhebt wie zu einem [besonderen] Gipfel. Da begreifen wir, dass so unendlich verinnerlicht in seiner Seele dasjenige erstehen konnte, was uns nun aus seinen Schöpfungen entgegentritt. Wenn Raffael eine typisch christliche Seele ist und sich in ihr gesetzmäßig zusammenfinden das christliche Prinzip mit dem Allgemein-Menschlichen des Griechentums, wenn Raffael so die großartigen Strömungen des gegenwärtigen Entwicklungszyklus der Menschheit aufnimmt, dann dürfen wir von ihm voraussetzen, dass in seiner Seele selber etwas lebt, was wie ein Abbild der Gesetzmäßigkeit des menschlichen Fortschrittes ist.
[ 33 ] Und damit Ihnen meine Ausführungen nicht gar zu «mystisch» erscheinen und Ihnen die «Phantasie» nicht doch zu grotesk wird, möchte ich jetzt, wo ich zeigen will, wie eine Seele etwas wie ein Abbild der großen Ströme der Weltentwicklung aufnimmt, wie sie gleichsam kleine Epochen wie Bilder großer Menschheitsepochen — denn in solchen Epochen verläuft die Menschheitsentwicklung – in sich selber darstellt, nicht mit meinen Worten sprechen, sondern wiederum den ringenden Herman Grimm vorführen, der etwas sehr Merkwürdiges sagt. Herman Grimm will in seinem letzten Werke die bedeutendsten Gipfelpunkte von Raffaels Schaffen darstellen, aber wie merkwürdig spricht er von dieser schöpfenden, schaffenden Raffael-Seele, wie kurios. Wie eine Gesetzmäßigkeit der ganzen Welt wird die Entwicklung der Schöpfungen, das Schaffen Raffaels für Herman Grimm – sieben Werke sieht er als die größten in Raffaels Entwicklung an. Und von diesen sieben Werken sagt er:
Mit einundzwanzig Jahren malte er Marias Vermählung, vier Jahre später die Grablegung; abermals vier Jahre darauf war die Camera della Segnatura vollendet, vier Jahre darauf kamen die Cartons zu den Teppichen und bald darnach die beiden Madonnen. Die «Verklärung Christi» stand zu den Füßen des Sterbebettes.
[ 34 ] Ein Geist, der für eine vorurteilslose Betrachtung so erscheint, wie wenn er in sich selber die Epochen der Menschheitsentwicklung hineinnehmen würde, ein solcher Geist erscheint dem Kunstbetrachter, der auf das Charakteristische hinsieht, in seiner Entwicklung so, dass er von Jahrviert zu Jahrviert aufsteigt zu höheren und immer höheren Gipfeln; und weil die letzten vier Jahre nicht vollendet sind, ist auch das letzte Werk nicht fertig.
[ 35 ] Man spricht oftmals davon, dass der Mensch gegenüber dem Makrokosmos ein Mikrokosmos ist; ein epochaler Geist wie Raffael erscheint uns hier wie ein Mikrokosmos der menschlich-geistigen Entwicklung selber. Und wie trägt er das in sich? Wir brauchen nur den Blick hinzuwenden auf die zwei großen und gewaltigen, wenn auch jetzt, man möchte sagen, schlecht übermalten, schlecht erhaltenen beiden Stanzen im Vatikan in der Camera della Segnatura, wovon die eine – ob mit Recht oder Unrecht, soll dahingestellt bleiben – «Die Schule von Athen» genannt wird, die andere die «Disputa». Die ganze menschliche Entwicklung steht da in diesen beiden einander gegenüberstehenden, die Menschenseele so tief innerlich berührenden Bildern. Auf dem einen Bild steht das Griechentum in den veredelten Gestalten links und rechts, gleichsam in der Frage sich ausdrückend: [Wohin ist die Menschheit gekommen, bis zu welchem Punkt ist sie vorgedrungen in dem ganzen Zeitalter des Griechentums,] wo der Mensch noch mit der unmittelbaren Umgebung der Außenwelt gelebt hat? Alles, bis zur Architektur, gibt auf diesem einen Bilde den Geist dieser Entwicklung wieder.
[ 36 ] Man tut unrecht, wenn man es pedantisch-philiströs kommentieren, auslegen will; man tut recht, wenn man versucht, in einem Gefühl zusammenzufassen, was die Menschheit auf ihrem Wege erhalten hat bis zum Griechentum hin, wo das Leben in der Äußerlichkeit abgelöst worden ist von der Verinnerlichung der Menschenseele, wenn man das ganze Leben der Menschheit in einer abgelaufenen Zeit mit allem, wonach die Menschenseele sich gesehnt hat, was sie erstrebt, erarbeitet hat, zusammenfasst in einem Gefühl: Es strömt uns entgegen, es lebt in diesem Bilde dasjenige, was dieses Gefühl mit Inhalt erfüllt. Die einzelnen Gestalten auszumalen tut nicht not. Schon als schlimm sehe ich es an, wenn die Reisenden immer mit dem «Baedeker» in der Hand vor dem Bilde stehen und nachlesen: Das ist der und der – das Aristoteles, das Plato, das Ptolemäus, das Pythagoras. Was gehen uns alle die Namen an, was geben uns alle Kommentare und Erklärungen? Der künstlerische Hauch, der von diesem Bilde herunterkommt, der ist es auch, der uns aus dem griechischen Kunstwerk entgegenströmt – der Hauch, der eben da ist aus der Entwicklung der Menschheit selber, wenn wir sie mit empfindendem, künstlerischem Herzen betrachten. Dann die Epoche der Verinnerlichung auf der gegenüberliegenden Wand: oben die Symbole des Überirdischen, unten die Menschen, darstellend, wie das Übersinnliche in ihre Seelen hineinströmt, um sie zu verinnerlichen. Der ganze gewaltige Kontrast einer alten Zeit und der Zeit der Verinnerlichung, und wiederum der Hauch der neuen Verinnerlichung selber, sie strömen uns entgegen aus dem, was man — wiederum mit Recht oder mit Unrecht – «Disputa» nennt.
[ 37 ] Woraus Raffaels Seele gewachsen war, das zauberte er in diese Szenen hinein. Und man fühlt es so recht, wenn man als wahr empfinden kann, was in den Seelen liegt in diesen beiden verschiedenen Zyklen der Menschheitsentwicklung, der vorchristlichen und der nachchristlichen Zeit. Wenn man sich allen Verstandesurteils, allen unkünstlerischen Kommentierens enthält – jenes Unfugs, subjektiv zu interpretieren, der gerade in theosophischen Kreisen auch so vielfach eingerissen ist – und sich der unmittelbaren Empfindung überlässt, wenn man künstlerisch in die Dinge sich vertieft, dann fühlt man, wie man zu Raffael hingezogen wird, zu einer Menschenseele, die die Verinnerlichung im künstlerischen Schaffen vermählt hat mit dem Verwandtsein mit allem Geistigen in der Natur, wie es in früheren Epochen vorhanden war.
[ 38 ] Wiederum — wenn man herüberfährt von Florenz nach Bologna und da das Bild vor sich hat: in der Mitte die weibliche Gestalt, visionsartig nach aufwärts blickend – ich brauche den Namen nicht zu nennen, man mag meinetwillen annehmen, dass dies die «Saint Cecilia» ist –, so zum Ausdruck gebracht, dass in aller Geste, in jeder Linie, in jeder Farbengebung, sich die Losgelöstheit der Seele von dem Körperlichen zeigt. Sie richtet den Blick nach oben, sodass sowohl aus der mittleren Gestalt, wie aus den vier umgebenden sich darlegt: Unmittelbar aus der Empfindung kommt das Zu-Boden-Fallen der irdischen Instrumente; aber die Seele, die sich nach oben richtet – ihre Töne, fühlen wir, sind verstummt –, lauscht dem, was herausgeboren wird wie aus dem Übersinnlichen, was die Welt durchwellend und durchwärmend als Sphärenmusik erklingt, der gegenüber die irdische Musik wie entschwindet. Nur eine Seele, die so verinnerlicht empfindet wie die Raffael-Seele, konnte das auf die Leinwand, auf die Wand hinzaubern. Und nur eine Seele, die wie die Raffael-Seele war, konnte gerade aus dem Tiefsten der Menschheitsseele das Höchste schaffen, was die Menschenseele empfinden kann. Wenn Geisteswissenschaft in ihrer Allseitigkeit die menschliche Seele erheben will zum Ursprunge des Menschendaseins, dann kommt sie zu dem, was hier schon öfter ausgeführt worden ist: dass uns auf der Erde ja vieles umgeben mag, dass wir auf vieles hinblicken, dass aber gerade dasjenige, was sich uns in streng geisteswissenschaftlicher Betrachtung darstellt als das Innerste unserer Natur, das uns trägt und leitet, die Verinnerlichung zu suchen, dass das außerirdischen Ursprungs ist – es lebt, wie ich vorgestern gesagt habe, in dem Geistig-Seelischen, das uns umgibt, wie uns physisch die Atmosphäre der Erde umgibt; und aus dem Geiste heraus geboren fühlen wir dieses, was das Menschlichste des Menschlichen ist.
[ 39 ] Wollen wir eine Darstellung dessen haben, des Menschlichsten des Menschlichen haben, wollen wir empfinden und in unserer Seele das erleben, was Geisteswissenschaft in der Seele anzuregen vermag, dann fühlen wir die Erde mit allem, was zur Erde gehört, uns entschwinden und das Menschlichste des Menschlichen heranschweben, dann vertieft sich unsere Seele in die Welten, die außerirdisch sind, sie wendet den Blick hinaus, um in diesen außerirdischen Welten dasjenige zu suchen, was des Menschen Ursprung ist; und sie versetzt sich hinaus, indem sie das Übersinnliche zu versinnlichen sucht in Wolkenbildungsregionen. Aus den Wolkenbildungsregionen finden wir das Bild des auf die Erde dringenden Menschlichsten des Menschlichen, indem Raffael diese geheimnisvolle Verbindung der Mutter mit dem Sohn heranschweben lässt, herausgeboren sein lässt aus den so stilisierten Wolken. Unsere Seele erhebt sich von der Empfindung, die in der [Gestalt der] sogenannten «Saint Cecilia» in uns aufleuchtet, zu dem zart fühlbaren übersinnlichen Empfinden des Geheimnisses vom aus außerirdischen Welten [stammenden] Menschen.
[ 40 ] Und wenn man dieses Gefühl, das eine unendliche Wärme in unserer Seele erregt, wenn man dieses Gefühl ganz Gefühl sein lässt – es ist das ein Gefühl, in das sich zuletzt die Ströme der geisteswissenschaftlichen Betrachtung zusammenfinden –, wenn man dieses Gefühl in sich walten lässt und eine befriedigende Darstellung sucht — etwas sucht, was dem Gefühl von außen entgegentritt –, dann stelle man sich die «Sixtinische Madonna» aus Dresden vor. Es wächst das geisteswissenschaftliche Gefühl mit dem zusammen, was Raffael in diesem Bilde dargestellt hat. Mit Linie und Farbe, mit Handbewegung und Geste stellt sich uns dar, was gemeint ist: die Begegnung geisteswissenschaftlicher Ideale mit dem höchsten Kunstideale, mit den religiösen Gefühlen in uns, die Begegnung jener Empfindung, die in uns aus all dem Bildhaften eine Flamme zu entzünden vermag, die Begegnung dieser Empfindung mit dem, was uns entgegenströmt aus Raffaels Schöpfung, die Begegnung der Empfindung mit dem Geschöpf der Phantasie, das selber aus einer solchen Empfindung herausgewachsen ist.
[ 41 ] Gern mag man verstummen, wenn man zur Schilderung der Empfindungen vorgedrungen ist, die zuletzt zur Erfassung des Übersinnlichen führen. Raffael aber erscheint uns wie ein Rätsel, das der Geisteswissenschaft aufgegeben ist. Und tief innerlich ist es zu begreifen, wenn jemand wie Herman Grimm überall an die Geisteswissenschaft herandringt und die Sehnsucht hat, in Raffaels Gestalt etwas zu finden, was der Geisteswissenschaft entspricht, aber, weil er es nicht finden kann, seine Betrachtung unvollendet lässt. So zeigt sich an einem solchen Beispiel durchaus, was so oft gesagt werden musste: Das Erbe des neunzehnten Jahrhunderts besteht darin, dass es der äußeren Wissenschaft jenes Jahrhunderts, der äußeren Betrachtung und der äußeren Nacherschaffung der Natur bestimmt war, einen Gipfel zu erreichen, der nicht genug bewundert werden kann. Aber er hat doch Rätsel zurückgelassen, sodass in unserem Zeitalter diese äußere Wissenschaft hineinmünden muss in die Geisteswissenschaft.
[ 42 ] Bereichert, angeregt wird man, sich mit Raffael geisteswissenschaftlich zu beschäftigen, wenn man das eigentümliche Ringen gerade Herman Grimms ins Auge fasst. Und dann kann man nachfühlen, wie eigentümlich es in dieser Seele Herman Grimms zugegangen sein muss, und man kommt dazu, dasselbe zu sagen, wie es hier mit allzu unzulänglichen Mitteln versucht wurde. Merkwürdig, gleich in der Einleitung seiner Raffael-Betrachtung finden wir einen eigentümlichen Gedanke in Herman Grimms Seele aufsprießen – so wie sich ja bisweilen Gedanken aus den tiefen, unterbewussten Regionen des Seelenlebens ergeben –, einen eigentümlichen Gedanken, dem gegenüber man sich fragt: Warum gerade dieser Gedanke bei der Betrachtung von Raffaels Seele?
Es stehen mir Entwicklungen der Menschheit vor den Au gen, die mitzumachen mir versagt sein wird, ...
[ 43 ] – er zweifelt daran, dass die Seele in späteren Verkörperungen wirklich wieder leben wird —
... die mir aber als so glänzend schön erscheinen, dass es um ihretwillen wohl der Mühe wert wäre, das menschliche Da sein noch einmal zu beginnen.
[ 44 ] Sonderbar, möchte man jetzt grotesk-trocken sagen: Gerade da, wo Herman Grimm nicht herankann, weil er Raffaels Leben nicht von dem Gesichtspunkte der wiederholten Erdenleben betrachten kann, da fällt ihm der Gedanke des wiederholten Erdenlebens ein. Wenn man Raffael betrachte, meint er, dann werde man zu dem Gedanken hingezogen, das Dasein noch einmal zu beginnen.
[ 45 ] Auch einen solchen Gedanken sollte man nicht weiter kommentieren, sondern nur anklingen lassen, so wie aus dem Unterbewussten bei Herman Grimm der Gedanke herauftönt, der für das Rätsel Raffaels einmal die Lösung sein wird. Und wenn wir die Lösung vieler Rätsel, die in einer jeden Menschenseele – der geringsten wie der größten – leben, sehen müssen in der Tatsache der wiederholten Erdenleben, so werden uns auch die großen Rätsel der Menschheitsentwicklung gerade in ihren Gipfelpunkten ganz besonders erklärlich, wenn wir hinzuzuziehen vermögen die Lehre von den wiederholten Erdenleben. Dann fließt ein unendlich tiefer Sinn in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit hinein.
[ 46 ] Und wenn wir uns erfüllen mit der Empfindung, dass Seelen wie diejenige Raffaels selber Kräfte der Menschheit in sich hineinversetzen, um sie in einem neuen Leben anzuwenden in neuen Formen, dann fühlen wir Raffael gegenüber lebhaft das, womit Herman Grimm einmal seine Raffael-Betrachtung schloss und zugleich begann und womit auch wir abschließen wollen, was durch die heutigen Betrachtungen über Raffael ausgeführt werden sollte. Gerade wenn man im Sinne geisteswissenschaftlicher Betrachtung sieht, wie tief Raffaels Seele im ganzen Sinn der Menschheitsentwicklung wurzelt, dann empfindet man so recht, was Herman Grimm im Beginne seiner Raffael-Betrachtung andeutet. Und auch da zeigt uns Geisteswissenschaft, nicht in abstrakten Formen, was innerliches Seelenleben ist, sondern sie entflammt zur Hingabe an alles dasjenige, was geistvoll, kraftvoll und fruchtbar ist in der Menschenentwicklung. Was Herman Grimm aus den Tiefen seiner Seele zu sagen vermochte, das geht erst aus einer solchen Betrachtung, wie wir sie heute gegeben haben, klar hervor. Ja, mit einem solchen Empfinden dürfen wir zu Raffael aufsehen, und so können wir sagen:
Von der Lebensarbeit eines solchen Menschen wird jeder wissen wollen. Raffael ist zu einem der Elemente geworden, auf dem die höhere Bildung des menschlichen Geistes beruht. Wir möchten ihm nähertreten, weil wir seiner zu unserem Wohlsein bedürfen.
[ 47 ] Ja, und die Menschheitsentwicklung ist verwachsen mit einer solchen Kraft, die in ihre Sphäre hereinströmt, weil sie in immer neuen Standpunkten in dieser Seele leben wird, leben muss, und diese ihre Kraft ausströmen wird wiederum in andere Seelen. So kann auch Geistesforschung dieselben Worte aussprechen, die Herman Grimm sagte:
Von Raffael werden die Menschen immer wissen wollen. Von dem jungen schönen Maler, der alle anderen übertraf. Der früh sterben musste. Dessen Tod ganz Rom betrauerte. Wenn die Werke Raffaels einmal verloren sind, sein Name wird eingenistet bleiben in das Gedächtnis der Menschen.
[ 48 ] Und Geisteswissenschaft kann hinzusetzen: Die Kraft, die in seiner Seele war, wird immer fort und fort leben, in immer neuen und neuen Gestalten, in immer schöpferischer Entwicklung der Menschheit!
