Neues Christus-Erleben
GA 69c
11 März 1913, München
12. Raffael im Lichte der Geisteswissenschaft
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Das Thema des heutigen Abends ist nicht etwa in der Absicht gewählt, um auch die Betrachtungen der Geisteswissenschaft an eine bekannte historische Erscheinung anzuknüpfen — wie es ja auf so mancherlei anderen Gebieten geschieht – und so von diesem Gesichtspunkte aus Gelegenheit zu haben, mit Rücksicht auf eine altbekannte Erscheinung über Dinge der Geisteswissenschaft zu sprechen. Vielmehr ist dieses Thema dadurch entstanden, dass gegenüber der künstlerischen Erscheinung Raffaels sich in der Tat gewisse Gesichtspunkte dem modernen Geistesforscher ergeben können aus der geistigen Betrachtung unserer Zeit heraus, die gerade bei diesem Gegenstand gewissermaßen hinnötigen zu einer geisteswissenschaftlichen Anschauungsweise. Es kann einem dies — wie es mir geschehen ist – dadurch entgegentreten, dass man eine Erscheinung betrachtet wie diejenige, die einem auffallen kann an der literarischen und künstlerischen Tätigkeit Herman Grimms. Herman Grimm, der geistvolle Kunstgeschichtsschreiber, hat ja, wie bekannt ist, ein «Leben Michelangelos» geschrieben, das, sosehr es auch heute in Einzelheiten überholt sein mag, großen Eindruck macht auf jede empfängliche Seele durch die Weite der Gesichtspunkte und durch das Geschlossene der Betrachtungsweise.
[ 2 ] Herman Grimm hat dann auch den Versuch gemacht – er selbst charakterisiert es nur als Versuch –, ein «Leben Raphaels» zu schreiben. Mit diesem «Leben Raphaels» ist es Herman Grimm nun ganz eigentümlich gegangen, und das, was ihm sozusagen dabei geschehen ist, wird auf denjenigen einen großen Eindruck machen können, der durch eine immer weitergehende Vertiefung in die Darstellungsart und Anschauungsweise Herman Grimms zu der Erkenntnis kommt, wie trotz mancher berechtigter Vorwürfe, die ihm gemacht werden können, gerade das bei ihm vorhanden ist, was man nennen kann ein Miterleben mit seinem betrachteten Gegenstand in allem Einzelnen, ein Sich-Erkämpfen der Anschauungen und Meinungen, zu denen er vordringt. Nun, er hat den Versuch gemacht – in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts –, über das Leben Raffaels zu schreiben; und er gesteht am Ende seines Lebens, dass ihm der Versuch nicht genügte und er immer wieder angefangen hat, in anderer Art an diese Aufgabe heranzutreten. Wir haben ein interessantes Fragment aus dem Nachlass Grimms, «Raphael als Weltmacht», in dem er kurz vor seinem Tod noch einmal an diese Aufgabe herangetreten ist und worin er gesteht, wie nichts, was er da vorher geschrieben hat, ihm genügen kann. Er ist hinweggestorben über der letzten Ausarbeitung dieser seiner Anschauungen über Raffael. Aber interessant ist es immerhin zu beobachten, wie ein so bedeutender Geist immer wieder an diese Aufgabe herantritt, wie er zuletzt an seinem Lebensabend noch einmal die Sache unternimmt und wie er ringt, Raffael sich begreiflich zu machen. Das sieht man dem Fragment an.
[ 3 ] Wie er so ringt, sich Raffael begreiflich zu machen das ist ganz besonders interessant, denn er braucht, indem er das in Mailand befindliche weltberühmte Bild der «Vermählung der Maria» zu beschreiben, zu verstehen unternimmt, eine bedeutsame, längere Einleitung, und diese längere Einleitung ist eigentlich ein Stück Weltgeschichte. Sie ist eine Betrachtung über Natur und Wesenheit der römischen Kultur, eine Betrachtung des Einschlagens des Christus-Impulses in diese römische Kultur, eine Betrachtung der Weiterentwicklung dieses Christus-Impulses innerhalb der europäischen Geisteskultur, und dann folgt eine weitere Betrachtung über den neuerlichen Einschlag des Griechentums in die damalige römische Geisteskultur zur Zeit Raffaels. Und dabei behauptet Herman Grimm, dass das alles notwendig sei zu betrachten, um allein dieses Bild Raffaels, «Die Vermählung der Maria», zu verstehen, denn ihm erscheint das, was in diesem Bild zum Ausdruck kommt, so umfassend, so herausentspringend aus der gesamten Entwicklung des menschlichen Geistes, dass ihm hineingeheimnisst erscheint in die Schöpfung Raffaels alles das, was innerhalb des europäischen Geisteslebens hat empfunden, gedacht, geschaut werden können seit dem Einschlag des Christus-Impulses bis zur Schöpfung dieses Bildes. Aus Empfindungen, die einer solchen Meinung entstammen, ist wohl auch der Titel dieses Raffael-Fragmentes bei Herman Grimm entstanden. Es heißt – man könnte versucht sein, es als sonderbar zu empfinden — «Raphael als Weltmacht», denn tatsächlich fühlt sich Herman Grimm geneigt, zum Verständnis Raffaels diesen hineinzustellen in all die Ursachen, Wirkungen, Zusammenhänge des ganzen neuzeitlichen Geisteslebens. Wer eine Empfindung hat für das Aufgehen von gewissen umfassenden Ideen in einer Menschenseele bei der Betrachtung irgendeines Gegenstandes oder irgendeiner Wesenheit, der wird nachfühlen können, was in Herman Grimms Seele vorging, als er in diesem seinem letzten Raffael-Fragment die Worte hinschrieb:
Raffael ist ein Bürger der Weltgeschichte. Wie einer von den vier Flüssen ist er, die dem Glauben der alten Welt nach aus dem Paradiese kamen.
[ 4 ] Es mag viele gelehrte Auseinandersetzungen geben über die Bedeutung Raffaels, aber man möchte sagen: Gegenüber ihnen allen nimmt es sich als etwas ungeheuer Bedeutungsvolles aus, dass hier eine betrachtende Menschenseele zu solchen Aussprüchen über diesen Geist gedrängt worden ist.
[ 5 ] Wenn man dergleichen auf sich wirken lässt, sozusagen rein aus dem Geistesleben unserer Zeit heraus, das bei Herman Grimm noch nicht stark beeinflusst ist von dem, was wir heute [in unseren Kreisen] Geisteswissenschaft nennen, muss man den Drang erkennen zu einer tieferen Betrachtung Raffaels – den Drang, ihn so anzuschauen, dass das, was er geschaffen hat, für den geistigen Blick herauswächst aus dem fortlaufenden Strom menschlicher Entwicklung. Und in der Tat: Wer sich unvoreingenommen in die Seele Raffaels vertieft, dem erscheint sie – namentlich durch eine gewisse Art von Isoliertheit gegenüber allem, was sie umgibt – wie eine Art von Offenbarung, denn es will, so weit man sich auch anstrengt, nicht gelingen, das, was unmittelbar in der Umgebung, in der Zeit Raffaels gelebt hat, als Erklärungsgründe dafür zu nehmen, wie es kommt, dass diese außerordentliche Erscheinung sich hereinstellt in den Geistesgang der Menschheit und gerade das vor die Menschheit hinstellt, was so tief gewaltig auf die einzelnen hingebungsvollen Geister gewirkt hat. Von vornherein möchte ich bemerken, dass selbstverständlich im Verlauf dieses Vortrages auf Einzelheiten nicht eingegangen werden kann, denn über einzelne Bilder kann eigentlich nur fruchtbar gesprochen werden, wenn man in der Lage ist, Reproduktionen vorzuweisen. [Es soll sich vielmehr darum handeln, aus solchen Voraussetzungen, wie sie eben gegeben worden sind und die aus unserem gegenwärtigen Geistesleben heraus entspringen, auf ganz naturgemäße Weise hinzulenken zu einer Betrachtung Raffaels vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft.]
[ 6 ] In gewisser Beziehung erscheint uns dieser Raffael höchstens, wenn wir ihn als ganz junges Kind nehmen, aus seiner Umgebung heraus irgendwie begreifbar. Er ist, wie allbekannt, 1483 in Urbino geboren. Die ersten Eindrücke seiner Seele kommen aus dem Palastbau von Urbino, der für die damalige Zeit ein außerordentliches Ereignis war und durch den die Seele des ganz jungen Raffael das aufnehmen konnte, was sich ausprägte nicht nur in architektonischen Formen, sondern auch in allem künstlerischen Schmuck und dem Wirken, das mit diesem Palastbau verbunden war. Das waren Eindrücke, von denen man sagen kann: Sie sind geeignet, durch sich selbst die Seele zu formen. Dann aber sehen wir Raffael versetzt nach Perugia, und wenn wir das Leben in Perugia betrachten in der Zeit, als Raffael dort Malerlehrling war, erscheint uns sogleich das Eigentümliche, Isolierte dieser Raffael-Seele. Wir gewahren, wenn wir das Leben in Perugia verfolgen, wie es erfüllt ist von zum Teil für unser heutiges Bewusstsein abstoßenden Ereignissen. Kampf über Kampf der einzelnen Geschlechter untereinander wütet unter der leidenschaftlichen Bevölkerung von Perugia, und es ist ganz ohne Zweifel, dass Raffael dort das sehen konnte, was sich hineinstellte ins Leben an aufwühlendem Hass, an Gegnerschaft in der menschlichen Natur.
[ 7 ] Wenn wir von da ausgehen und einen Blick werfen auf das, was Raffaels Kunst gegeben hat in ihrer Abgeklärtheit, die uns schon entgegentritt bei der «Vermählung der Maria» – im einundzwanzigsten Jahre seines Lebens entstanden –, dann finden wir, dass es berechtigt ist zu sagen: Dieser Raffael erscheint uns als Persönlichkeit so, wie wenn er nur äußerlich in diesem ganzen Leben von Perugia anwesend wäre, nur mit dem Saum seines Kleides es berührte, und es eigentlich nur anschaute auf etwas hin, was ich nicht abstrakt, sondern lieber konkret bezeichnen möchte, indem ich hinlenke die Gedanken auf einen Geschichtsschreiber der damaligen Zeit, der recht anschaulich eine Szene schildert, die sich in Perugia in den neunziger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts zugetragen hat. Da werden wir wirklich durch die Anschaulichkeit der Beschreibung Zeugen, wie der Anführer eines vertriebenen Geschlechtes von der Nachbarschaft nach Perugia hereindringt; es wird uns geschildert, wie dieser Anführer eines vertriebenen Geschlechtes, Astorre Baglione, reitend in die Stadt einzieht und wie ein heiliger Georg wirkt, aber zu gleicher Zeit alles, was ihm entgegenkommt, niedermacht. Wir fühlen aus der Beschreibung des Chronisten Matarazzo, wie etwas GroRes, Gewaltiges, aber unbehaglich Grausames in der Szene lag. Wenn wir Raffaels Bild, den «Heiligen Georg», in seiner ganzen Komposition auf uns wirken lassen, erscheint uns die Sache so, als ob Raffael diese Szene der Wirklichkeit nach gekannt hätte, aber als ob für seinen Blick nicht dagewesen wäre all der grausame Untergrund der Wirklichkeit, als ob er von diesem grausamen Untergrund die Blüte abgehoben und sie erhoben hätte zu einer Schöpfung rein geistiger Schönheit und Größe. Gerade an dem, wie es sich hineinbegibt in die ganze Schöpfungsweise Raffaels, wie es hineinströmt in seine Seele, sieht man, wie eigentümlich isoliert diese Seele gegenüber ihrer Umgebung ist, und wie diese Umgebung sie nur berührt, aber wie er dasjenige, was er ihr entnimmt, nur hervorbringen kann aus der eigenen Seele. So wirkt diese Seele [für den Betrachter] wie eine Offenbarung, wie etwas, was hineingestellt ist in diese Umgebung und nicht aus ihr selbst erklärbar ist. Wenn wir einen Blick werfen auf die Bilder des Lehrers von Raffael in Perugia, des Perugino, da sehen wir, wie trotz aller Größe Peruginos diese Bilder uns zeigen, dass da etwas vor uns hingestellt wird in den einzelnen heiligen Personen der christlichen Anschauung, was eine Wiedergabe dessen ist, was ein Mensch aufnehmen kann, wenn das Christentum rings um ihn herum lebt. Wir sehen da die einzelnen Gestalten der christlichen Legende nebeneinander gestellt, wie es jemand kann, der zwar als Maler eine gewisse Größe hat, aber die Dinge nur von der Außenseite her kennt. So wie uns diese Bilder erscheinen, fühlen wir überall den Weg von der christlichen Überlieferung, von dem, was in dem damals vorhandenen Christentum lebte, zur Leinwand des Perugino hin. Dann verfolgen wir die Schöpfungen seines Schülers Raffael. Da erscheint uns die Sache anders: Wir blicken auf eine Seele, die alles das, was der andere, was Perugino hinstellt, von innen heraus belebt. Überall sehen wir Raffaels Seele selbst, einen Geist, der das Christentum nicht so aufgenommen hat, wie es dazumal in seiner Umgebung lebte, sondern wir sehen einen Geist, mit dessen Seele alle Ursprünge der christlichen Impulse verknüpft sind. Es ist vielleicht nicht übertrieben, wenn die Ausdrucksweise gewählt wird: Es ist, wie wenn das Christentum selbst seine Seele hinzauberte auf eine Leinwand, die von Raffael bemalt wurde.
[ 8 ] Und dann verfolgen wir ihn weiter, wie er 1504 in Florenz, wie er 1508 in Rom eintrifft. In Florenz trifft er zu einem Zeitpunkt ein, als eben die bedeutungsvolle Welle geistiger Aufrichtung, möchte ich sagen, über Florenz hingegangen ist, die sich an den Namen Savonarolas anknüpft. Eine [von diesen Kämpfen] ermüdete Atmosphäre treffen wir an – das Drama des Savonarola hat sich abgespielt, viele Nachwirkungen dieses Dramas sind noch vorhanden. Interessant ist es, gerade diese beiden Gestalten nebeneinander zu stellen: Savonarola und Raffael. Beide stellen die Impulse des Christentums [auf ihre Weise] vor die Zeitgenossen hin; sie stellen sie so hin, dass wir überall das Feuer einer inneren Begeisterung wahrnehmen, aber [bei Savonarola] auch mit einem ungeheuren Fanatismus, der bis zur Unmöglichkeit des Auslebens der Impulse gegenüber den Zeitgenossen führt. Es ist, wenn wir Savonarola betrachten, so, wie wenn ein Mensch vor uns stünde, der in allen Phasen seiner Seele, in dem Besten, was seine Seele empfinden und fühlen kann, ergriffen wurde von der Größe und Macht des Christentums, ein Mensch, der nun das ausströmt, was ganz elementar und unmittelbar auf seine Seele gewirkt hat, und der dann eintritt für das, was in seiner Seele selbst so groß geworden war. Und nun zu Raffael: Sehr merkwürdig stellt er sich in Gegensatz zu einer solchen Gestalt wie Savonarola. Wir sehen, wenn wir die Bilder Raffaels betrachten, die christlichen Impulse in einer, man möchte sagen, übermenschlichen Größe uns entgegentreten. Wir schen diese christlichen Impulse bis in viele Einzelheiten hinein seelenhaft leben. Wir sehen wirklich, wie das Christentum in diesen Bildern aufscheint. Aber wir fühlen und empfinden zugleich, dass eine Seele, die nur erst unmittelbar von dem in der Umwelt befindlichen Christentum ergriffen worden wäre, nicht zu jener Ruhe, zu jener Selbstverständlichkeit, zu jener Abgeklärtheit hätte kommen können, zu der Raffaels Seele eben gekommen ist.
[ 9 ] Während man bei Savonarola überall das Gefühl hat, seine Seele eigne sich die Größe des Christentums erst während seines Lebens an, so hat man bei Raffael das Gefühl, dessen Seele werde schon so geboren, als ob sie in die Welt trete mit den in ihr schon von Geburt an lebenden christlichen Impulsen — mit solchen Impulse, die, indem sie von der ersten Kindheit an übergehen in den ganzen Menschen, den ganzen Menschen ergreifen und durch diese Entwicklung zu jener Höhe kommen können, wie sie niemals diese Ideen und Formen in einem Menschen haben, wenn sie erst elementar, unmittelbar auftreten. Und wir werden, wenn wir nicht pedantisch sind, wenn wir für das wirkliche Leben einer Menschenseele ein gewisses Gefühl haben, gar nicht mehr daran zweifeln können, dass eine solche Seele wie die Raffael-Seele als Seele, als geistige Wesenheit von vornherein aus übersinnlichen Welten sich all das mitbringt, was nimmermehr so sich ausleben könnte, wenn es erst durchströmen müsste die ganze persönliche Erziehung und Entwicklung. Solche Dinge lassen sich natürlich nicht an einem Abend beweisen; die übersinnlichen Wahrheiten können nicht — wie ich vorgestern auseinandergesetzt habe – [in derselben Weise] bewiesen werden wie die äußeren Wahrheiten der Naturwissenschaft; sie können aber trotzdem bewiesen werden, [denn] sie zeigen sich in ihren Wirkungen. Man muss [nur] erst den Weg finden, um an den Wirkungen zu erkennen, was dahinter als Ursache vorhanden ist. Dann verfolgen wir Raffael weiter nach Rom, wo er in eine Atmosphäre kommt, die sich merkwürdig zum Christentum verhält. Papst Julius II. wird sein Auftraggeber. Raffael malt in seinem Auftrag die größten Bilder, von welchen viele Menschen die Ansicht haben, dass sie zu den größten Bildern der menschlichen Malerei gehören; sie erfassen die Menschenseele und den Menschengeist im Allertiefsten. Und er malt sie so, dass in ihnen der ganze Geist des Christentums lebt, lebt wiederum auf eine selbstverständliche Weise. Er malt – das konnte nicht anders sein – zur Zufriedenheit des Papstes. Aber was für ein Papst war dieser Julius? Er war ein Papst, den man nach den heute ein wenig anders gewordenen Begriffen vielleicht gar nicht recht als Christ bezeichnen kann. Machiavelli, der nicht besonders von Moral durchzogen war, sagte, er sei eine teuflische Natur gewesen, eine Natur, der es vor allen Dingen um Macht und äußere Stellung zu tun war – zu tun war um Ruhm, vielleicht nicht persönlich für sich, aber für die Größe und Macht der Kirche. Er war eine Persönlichkeit, die in den Mitteln gar nicht wählerisch war, die gar nicht christlich war, wenn es darauf ankam, Macht, Ruhm, Größe zu erwerben. Das ist der Auftraggeber Raffaels. Und auch sonst, wenn wir das Rom der damaligen Zeit in der Umgebung Raffaels betrachten, so steht es allerdings in ganz merkwürdigem Gegensatz zu ihm. Aber gerade aus diesem Gegensatz erwächst etwas so Gewaltiges wie das, was vor unsere Augen auch heute noch hingestellt ist in den beiden Bildern «Die Schule von Athen» und «Disputa», wenn auch diese Bilder oft übermalt worden sind. In ihnen stellt sich vor uns hin eine großartige malerische Wiedergabe des Entwicklungsganges der Menschheit, eine solche malerische Wiedergabe, welche eingetaucht ist in den Geist christlicher Impulse.
[ 10 ] Wenn wir das eine Bild betrachten, die sogenannte «Schule von Athen» – es ist nicht meine Ansicht, dass diese Bezeichnung berechtigt ist, aber man verständigt sich so am leichtesten –, wenn man dieses Bild auf sich wirken lässt, sieht man, vielleicht ohne dass es voll im Bewusstsein Raffaels gelebt hat, dass es das darstellt, was die menschliche Seele erkennen kann, wenn sie den Blick auf die äußere, sinnliche Wirklichkeit hin richtet und sich des Verstandes bedient, der an das menschliche Gehirn, an die menschliche Persönlichkeit gebunden ist. In allen Einzelheiten tritt uns das in wunderbarer Weise entgegen. Wenn wir den Blick hinwenden nach der rechten Gruppe auf dem Bilde, sehen wir, wie allerlei Dinge astronomisch festgestellt, errechnet werden, und dann fühlen wir: Da wird nicht nur Gewöhnliches gerechnet, sondern es werden aus der Bewegung der Sterne große Ereignisse der Weltgeschichte erschlossen – da wird Wissenschaft im kosmischen Sinn entfaltet. Und wenn wir dann den Blick nach links wenden, sehen wir an den Mienen [der Figuren], die das Rechte mit dem Linken verbinden, wie links aufgeschrieben wird, was rechts abgelesen wird aus den Sternkonstellationen, und wenn wir die Bücher wirklich vor unsere Augen bekommen könnten, könnten wir sehen, wie auf der linken Seite Weltengeheimnisse geschrieben werden, die [rechts] durch sinnenfällige Beobachtung festgestellt werden. Das sehen wir, aber Raffael braucht sich dessen nicht bewusst gewesen zu sein; darin lag die Tradition der damaligen Zeit, wie in sie tief hineingeheimnisst worden ist das, was das Wesen des [aufgehenden Christentums gegenüber dem Griechentum] ausmacht. Und ob wir uns auf den Standpunkt derjenigen stellen, die in den Mittelfiguren Plato und Aristoteles sehen, oder ob wir es auf der linken Seite mit einem Evangelisten zu tun haben – in beiden Fällen ist das jetzt Auseinandergesetzte durchaus verständlich.
[ 11 ] Dann wenden wir den Blick auf die andere Seite der «Camera della Segnatura» und finden da über das ganze Bild jenen Zauber ausgegossen, der uns veranschaulicht, wie die Entwicklung vorwärtsgegangen ist von der Betrachtung der sinnlichen Welt durch den menschlichen Geist zu einem Vertiefen in das Übersinnliche, Unsichtbare. Dieses Versenktsein der menschlichen Seele in das Übersinnliche waltet und webt im Bild der sogenannten «Disputa». Die symbolische Anordnung der Gestirne muss zeigen, in Verbindung mit den unteren Szenen, dass etwas Bedeutungsvolles geschehen ist im Laufe der Menschheitsentwicklung, indem der Mensch verinnerlicht wurde durch den Einschlag des christlichen Impulses in die geistige Entwicklung der Menschheit, der auf der einen Seite eine Vertiefung der menschlichen Seele bedeutet, auf der anderen Seite durch diese innerliche Vertiefung hinaufführt zu der Erkenntnis, zu der Ahnung übersinnlicher Welten. Diese können nur erreicht werden, wenn die Menschenseele sich selbst erzieht und sich dadurch jene Kräfte aneignet, durch die sie ahnen oder schauen kann die Welten, die hinter den [Sinnes]welten liegen.
[ 12 ] Es ist nicht meine Absicht, in pedantischer Weise, etwa durch Theorien, solche Bilder zu erklären, aber man muss Worte gebrauchen, die nicht irgendwelche Kommentare für Bilder sind, sondern die das andeuten sollen, was man naturgemäß empfindet. Es könnte einem sonst so unsympathisch sein [wie] die Kommentare, die in Reisebüchern stehen, und [es müsste] einen gar nicht interessieren, was die einzelnen Gestalten bedeuten, [sondern] was interessant ist, [das ist] das Künstlerische, die Empfindung, die durch die Seele zieht, und wir werden so nicht unmittelbar durch ein abstraktes Nachdenken auf den Horizont der geistigen Entwicklung der Menschheit gestellt, nicht durch abstrakten Verstand, sondern durch Empfindung. Wir fühlen den Impuls, der lebt und webt durch die Geschichte der Menschheitsentwicklung. Und es ist wiederum so: Wenn wir jetzt von diesen Bildern absehen und in die Seele Raffaels hineinschauen, dann müssen wir sagen, dass sie mitten drinnen in einer Umgebung lebte, die in ihrer Außenseite nichts von dem zeigte, was an Innigkeit, an Seelenhaftigkeit in diesen Bildern liegt, und [trotzdem] kam Raffael dazu, die innersten Impulse und die innersten Bewegungskräfte des Christentums im Verlauf der Weltgeschichte in diese Bilder hineinzuzaubern.
[ 13 ] So ist es mit vielem anderen, was wir sehen, und wenn man dann sich erhebt gar zu dem, was auf den Raffael-Betrachter doch bei allem heute noch den tiefsten Eindruck machen kann, sich erhebt zu dem, in das unendlich viel zusammengefallen ist von Raffaelischem Schaffen, zur «Sixtinischen Madonna», wenn man dieses merkwürdige Bild in Dresden auf sich wirken lässt, dann kommt man noch zu einer ganz besonderen Anschauung über diese so [aus sich] selbst verständliche Raffael-Seele, dann kommt man zu dem wirkenden geistigen Christus-Impuls. Wenn man wiederum rein empfindungsgemäß vor dieser «Sixtinischen Madonna» steht, dann hat man den Eindruck, dass einen etwas hinaushebt über das gewöhnliche Menschliche. Das ist der erste Eindruck, aber einer, der sich immer mehr verstärkt und immer gewaltiger wird; es hebt einen etwas hinaus über das gewöhnliche menschliche Empfinden. Man wird an seiner Seele wieder Teilnehmer einer anderen Welt, und wenn man sich dann fragt: Warum ist das so? –, so sind es vielleicht doch am besten die Empfindungen der Geisteswissenschaft, die einen aufklären können. Diese Empfindungen der Geisteswissenschaft, wie können sie sich ergeben?
[ 14 ] Lenken wir den Blick vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft hin auf die ganze Entwicklung der Menschheit. Dadurch stehen wir auf dem Boden einer ernsten, umfassenden Entwicklungslehre, aber einer Entwicklungslehre, die sich gar sehr unterscheidet von der materialistischen, die heute von so vielen für ein unbedingtes Evangelium gehalten wird. Diese verfolgt die Erscheinungen zwar bis zu einem gewissen Ursprung – sie so zurückzuverfolgen bis zu diesen Ursprüngen ist für die sinnliche Anschauung berechtigt. Man kommt da zu materiellen Ursprüngen, die ganz einfache Formen zeigen und die durch langsame Vervollkommnung und Entwicklung den heutigen Standpunkt ergeben haben. Darauf ist diese Entwicklungslehre heute besonders stolz: den Menschen als ein von anderen Anfängen primitiver lebender Wesen sich allmählich herauferhebendes Wesen zu begreifen, bis zu seiner heutigen Größe, wie er als physischer Mensch uns heute entgegentritt. Darin sehen manche Materialisten geradezu das Um und Auf des Menschen. Geisteswissenschaft führt uns auch in die Vergangenheit zurück, aber wenn man mit den Methoden, die vorgestern geschildert worden sind, den geistigen Blick zurückwendet, kommt man nicht zu anderen, materiellen Lebensformen, von denen sich der Mensch her entwickelt haben sollte, sondern man kommt zuletzt zu einem geistigen Anfang der Entwicklung. Man kommt zu Ursprüngen, die rein geistig sind. Und man sieht auf der einen Seite das Materielle selbst aus dem Geiste hervorgehen und auf der anderen Seite das Geistige dem ursprünglichen, geistigen Zwecke [gemäß] sich zu späteren geistigen Formen entwickeln.
[ 15 ] Wenn man da auf den Menschen selbst sieht, auf den ganzen Menschen, auf das Geistig-Seelische im Menschen, und die Entwicklung zurückverfolgt, kommt man zu einer urfernen Vergangenheit, in der der Mensch schon erscheint; er ist schon vorhanden, bevor noch die anderen Wesen, die ihn heute in den drei Naturreichen umgeben, entstanden sind. [Diese erweisen sich als eine Art von abfallenden Seitenströmungen, sozusagen Abströmungen von der großen Entwicklungslinie: Der Mensch ist das Ursprüngliche, er ist zuerst da, aber als geistiges Wesen, und indem er sich weiterentwickelt, stößt er gleichsam von seiner Unterströmung die anderen Naturreiche ab.] Man kann ein Bild wählen für diese Entwicklung. Nehmen wir an, wir haben in einem Glas eine Flüssigkeit, vermischt mit etwas, was sich rein erhalten kann. Das Feinere der Flüssigkeit bleibt oben, das Gröbere setzt sich nach unten ab, wir haben also oben das Feine, unten das Feste.
[ 16 ] So gelangen wir in der geistigen Wissenschaft zu dem Ursprung zurück, in dem der Mensch vorhanden ist als geistig-seelisches Wesen; er entwickelt sich in seinem Geistesleben zu reineren Formen, die eben in seiner späteren Mission liegen und die [verglichen mit] dem Ursprünglichen eine feinere Ausgestaltung seines Seelenwesens bedeuten. Er muss, damit dieses abstrakte Seelische rein herauskommen kann, die anderen Naturreiche absondern: Diese sind gleichsam da, um für den Menschen die Grundlage zu seiner höheren Entwicklung zu geben. Wenn wir diesen Gedanken nicht in seiner gedanklichen Form, sondern als Empfindung auf uns wirken lassen, wenn wir ihn in Gefühlsform verwandeln, dann haben wir da, wenn wir den Blick auf all das lenken, was uns in dem physischen Naturreiche umgibt, das Gegenwärtige vor uns; wenn wir aber den Blick wenden auf das, was aus der Menschenseele tritt, so gewahren wir da etwas, was wir nicht verstehen können – wenn wir den Blick nur herumschweifen lassen über die äußere irdische Natur und ihn nicht hinauflenken zu etwas Überirdischem. Wir fühlen, wie das gegenwärtige Menschentum nur dadurch entstehen konnte innerhalb seiner Erdenmission, dass es das Ergebnis von etwas ist, was aus anderen Sphären zu uns kommt, was ein höheres Menschentum ist, das gleichsam heruntergestiegen ist, um mit den gegenwärtigen Naturreichen die Erde zu erfüllen. Wir fühlen gegenüber der Menschennatur, dass sie uns ihren Ursprung aus geistigen Höhen kündet. Wir fühlen, wie die Menschheit erhöht wird, wenn wir also uns empfindungsgemäß zu dem erheben, wovon Geisteswissenschaft sprechen kann.
[ 17 ] Wenn Sie von allem Theoretischen absehen und jetzt die Empfindung in sich rege machen, die entstehen kann, wenn wir den Menschen in seinem übersinnlichen Heranschweben an seine sinnliche Mission verspüren, dann haben wir – man muss die Empfindungen vergleichen – die gleiche Empfindung, wie wenn wir uns die Raffael’sche «Madonna Sixtina» vergegenwärtigen, wobei uns auch das Bild von Isis mit Horus entgegentritt. Und wer sich so recht hineinfinden kann in den überirdischen Menschenursprung, kann dergleichen Empfindungen wiederholt haben, [wenn er die aus Äthersphären heranschwebende «Sixtinische Madonna» mit dem Jesuskinde, dem erhöhten Menschentum, sieht und er die Wolken schauen kann als die Grundlage], die ätherische Grundlage, aus der heraus dasjenige kommt, was wahrer, geistiger, übermaterieller Menschenursprung ist. Man muss allerdings sagen: Solche Betrachtungen brauchen durchaus nicht [bewusst] in Raffaels Seele gelegen zu haben, aber wir haben wiederholt betont, dass diese Menschenseele eine zweifache Natur hatte, dass etwas in den oberen Regionen des Bewusstseins vorging, wovon die [untere] Menschenseele nichts zu wissen brauchte, was aber nicht minder real war; und die Impulse, die Empfindungs- und Gefühlsimpulse, die so wirkten, wie eben geschildert, machen einem allein verständlich, wie aus Raffaels Seele gerade dieses Bild hat entstehen können.
[ 18 ] Alle diese Betrachtungen versuchte ich anzustellen aus dem Grunde, weil ich verständlich machen möchte, was mir bei Raffael im Einklang mit der Geisteswissenschaft erscheint: Wir haben in seiner [von der Umgebung] isolierten Seele etwas vor uns, was von vornherein vorbestimmt ist, was berufen ist, die geistigen Impulse in ihrer christlicher Nuancierung malerisch zu verwirklichen. In der «Sixtinischen Madonna» erhebt sich Raffael in einer gewissen Weise zu einem überchristlichen Standpunkt, zu dem Standpunkt, der über das historische, über das traditionell Christliche hinausgeht, indem er den geistig-kosmischen Ursprung des Menschenwesens fühlt und künstlerisch darstellt. So betrachtet, lässt es diese Raffael-Seele gar nicht zu, gleichgestellt zu werden einer anderen Seele, wie etwa derjenigen des Savonarola.
[ 19 ] Bei Savonarola können wir gewissermaßen in jedem Punkt seiner Entwicklung zeigen, wie er sich mit den christlichen Anschauungen verbindet, wie alles wird und hervorsprudelt; bei Raffael scheint es selbstverständlich, dass mit seiner Geburt ihm die christliche Anschauung schon gegeben ist. Wir fühlen, wie zwar die christlichen Impulse mit Raffael verbunden sind, aber etwas anderes fühlen wir nicht: Wir fühlen das nicht mit der RaffaelSeele verbunden, was diese ganz besonders aus ihrer Umgebung brauchte, und das war das Griechentum. Dieses Griechentum stellt sich in einer ganz sonderbaren Weise in die Geistesentwicklung der Menschheit hinein. Schon öfter habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass wir Geisteswissenschafter die Menschheitsentwicklung so anzuschauen haben, dass wir, wenn wir immer weiter zurückgehen in alte Zeiten, die Menschenseelen mit anderen Bewusstseinszuständen finden als gegenwärtig; alles ist [in] Entwicklung — die Menschenseele besonders! —, und wenn einmal Geisteswissenschaft in ihrem Werte erkannt sein wird, wird man einsehen, wie einseitig es ist, die Evolution rein materialistisch zu betrachten, zurückzugehen zu Menschenformen, in denen die Seele in mehr tierischem Zustande ihr Bewusstsein entwickeln würde. Wenn man geisteswissenschaftlich zurückgeht, findet man einen ganz anderen Zustand der Entwicklung, und heute schon kann man in der Lage sein, aus älteren Geistesprodukten, Mythen und Sagen bewahrheitet zu finden, was die Geistesforschung zu sagen hat über ältere Zustände der Menschenseele.
[ 20 ] Wir kommen dahin zu verstehen, dass die Menschenseelen in Urzeiten ausgestattet waren mit einem ursprünglichen Hellsehen, einem traumhaften Hellsehen. Dasjenige, was wir heute unser deutliches sinnliches Wahrnehmen, unsere scharfumrissenen Verstandesbegriffe, unser Selbstbewusstsein nennen, war in Urzeiten in der Menschenseele nicht vorhanden. Damit das kommen konnte, musste das ursprüngliche Hellsehen verglimmen, heruntergedämpft werden. Nicht mit einem heutigen gewöhnlichen Träumen ist dieser Zustand zu vergleichen, wohl aber mit einem traumhaften Leben, welches in Bildern ganz nach Art der Traumbilder geordnet ist, die aber doch Abbilder von geistigen Wirklichkeiten sind. Mit einem solchen traumhaften Hellsehen war in Urzeiten die Menschenseele behaftet. Dieses Hellsehen nahm ab, und jetzt stehen wir in der Entwicklung da, wo zur Ausbildung eines Selbstbewusstseins, zur Ausbildung scharf konturierter Verstandesbegriffe, das alte Hellsehen erlöschen musste.
[ 21 ] Wenn etwas sich zur Vollkommenheit ausbilden soll, muss anderes zurücktreten. Dieses Gesetz der Balance beherrscht die ganze Natur, sodass, wenn wir aufsteigen zum vollen Selbstbewusstsein – in einer fernen Zukunft wird die Menschheit damit wieder ein gewisses Hellsehen verbinden –, wir gleichsam eine absteigende Linie der Menschheitsentwicklung von dem ursprünglichen Hellsehen haben und jetzt eine Art Aufsteigen durch [Entwicklung von] Selbstbewusstsein, Verstandesbegriffen und äußerer wissenschaftlicher Anschauung zum Hellsehen. Und was spüren wir in der Mitte? Wir spüren das Griechentum – dieses Griechentum, das gerade deshalb so merkwürdig ist, weil es auf der einen Seite den Abschluss des alten traumhaften Hellseherbewusstseins bedeutet und auf der anderen Seite den Anfang des äußeren Gegenstandsbewusstseins. Daher sehen wir dieses Griechentum mit seinen ganz besonderen Eigenschaften, die darin bestehen, dass der Grieche noch viel mehr das Geistige unmittelbar erlebte, aber nicht so, wie der Mensch der Urzeit es erlebte, der es sozusagen äußerlich sah, sondern so, dass der Grieche seine eigene Persönlichkeit verwoben mit allem äußeren Dasein empfand. Er fühlte sich noch im Kosmos, in der Außenwelt drinnenstehend und fühlte die Gesetze, die durch die Außenwelt weben und leben, in seinem eigenen Wesen.
[ 22 ] Es mag hypothetisch erscheinen, aber wer sich auf Geisteswissenschaft einlässt, wird bewahrheitet finden, was ich sagen will: Der Grieche brauchte, wenn er seine Skulpturwerke schuf, die auf uns ja nur mangelhaft gekommen sind, nicht Modelle in unserem Sinn. Wenn er irgendetwas darstellte, vor allem die menschliche Gestalt, so stellte er sie nicht in Nachahmung des äußeren Modells dar, sondern aus dem inneren Bewusstsein. Er wusste, was für Kräfte in dem Raum wirken, und das Bewusstsein von diesen Kräften bildete sich in ihm so aus, dass er aus der Form des Raumes von den inneren Kräften ein Bewusstsein hatte. Und so prägte er das, was er selbst innerlich erschaute, von innen heraus dem äußeren Stoff als Form ein. Wie der Mensch der Urzeit Raumbilder aufsteigen fühlte und in seiner Seele so verknüpft war mit dem gesamten Kosmos, dass diese Bilder die Wirklichkeit abbildeten, so war der Grieche verbunden mit den Weltengesetzen, die er als den Leib durchwirkend empfand. Er schuf, was er erlebte, und das schuf er wiederum an einem Skulpturwerke. Wenn er den Zeus darstellen wollte, dann wusste er, wie der Zeus zusammenhängt in seiner Physiognomie mit jenen Erlebnissen, die sich in äußeren Formen ausprägen. Er erschuf, was er innerlich erlebte, im äußeren Stoff. So können wir das Griechentum anschauen; es ist noch eine Weltanschauung, [in der] eine Empfindung gebunden ist an ein unmittelbares Menschheitsbewusstsein.
[ 23 ] Man kann sich nun kaum einen größeren Gegensatz denken als den zwischen dem echten Griechen, wie er sich zur Natur und zum gesamten Dasein stellt, und einer Persönlichkeit, die im Grunde genommen nur drei- bis vierhundert Jahre zeitlich getrennt ist von dem Einschlag des Christus-Impulses in die Menschheit, einer Persönlichkeit, sagen wir, wie der des Augustinus. Man lese irgendein Werk dieses christlichen Kirchenvaters, der auch ein großer Philosoph war, und suche das zu vergleichen, was Augustinus gibt durch innerstes Erleben des Seelischen, durch innerliches Erfühlen des Wesens der Menschenseele, mit allem, was in Griechenland, sei es philosophisch oder dichterisch, gegeben worden ist. Beim griechischen Geist fühlen wir, wie er sich nicht abtrennen kann von dem Äußerlichen, wie er eins ist mit der Außenwelt, indem er wahrnimmt den in sich hereinströmenden Gang der Außenwelt und sich selbst als der Außenwelt zugehörig erlebt. Bei Augustinus sehen wir den Blick hineingelenkt auf die innere, seelische Welt. Dadurch erscheint dieses innerliche Erschaffen in einer Form, wie es undenkbar für irgendeine Schöpfung des alten Griechentums ist. So verinnerlichen konnte diese sich nicht, weil ihre Größe noch verwachsen war mit dem Bewusstsein der Außenwelt. Es war ein ungeheurer Einschlag in die ganze geistige Entwicklung der Menschheit, und man braucht nicht auf dem Boden des positiven Christentums zu stehen, um diesen gewaltigen Einschlag zu sehen. Man könnte sich sogar die paradoxe Vorstellung machen, dass selbst derjenige, der nie etwas von Christus erfahren hätte, wenn er das Griechentum und Augustinus in seiner Eigentümlichkeit betrachtet, sich sagen müsste: Da ist etwas in der fortlaufenden Entwicklung geschehen, das das Äußerliche zum Innerlichen gemacht hat; und diese Verinnerlichung ist der Grundimpuls des Christentums, der herauswächst aus dem Äußerlichen und hineinwächst in das Innerliche.
[ 24 ] Wenn wir die Sache so betrachten und dann wiederum auf Raffael zurückblicken, können wir sagen: Was da als Grundnerv des Christentums erscheint, lebt in der Raffael’schen Seele, indem diese Seele durch die Geburt ins Dasein schreitet. Wir sehen das in seiner Entwicklung gegeben, wenn Sie nur unbefangen zu Werk gehen und nicht alles nur mit materialistisch-historischem Sinn in diese Raffael-Seele hineintragen wollen. Betrachtet man sie unbefangen, so erscheint sie so, als ob sie durch Geburt die christlichen Impulse schon mitgebracht hat, die wir als ihre ureigensten zu bezeichnen haben. Aber nun ist Raffael an jenem Wendepunkt der ganzen geistigen Entwicklung der Menschheit geboren, in jene Zeit hineingestellt, in der das, was Erinnerung war, in einem gewissen äußeren Sinn neu geboren, wiedergeboren werden sollte. Und da zeigt sich uns ein großes, nur mit Hilfe der Geisteswissenschaft zu durchdringendes Gesetz der Entwicklung. Gewöhnlich stellt man sich Entwicklung so vor, als ob Ursache und Wirkung einfach aufeinanderfolgen würden. So gehen die Dinge aber nicht vor sich, denn eine genaue Betrachtung zeigt uns, dass eine solche geradlinige Entwicklung Phantasterei ist. Die wirkliche Entwicklung geht so vor sich, dass eine gewisse Strömung von einem Punkt zum anderen Punkt weiterschreitet, und wenn sie an einem gewissen Punkt angekommen ist, wird ein Altes neu aufgenommen. Es verbindet sich das Spätere mit dem Früheren, das nicht durch eine Entwicklungsströmung hindurchgegangen ist, sondern aufgespart worden ist in seiner ursprünglichen Gestalt. Wir haben ein Zurückgreifen und ein Aufnehmen eines auf einer ursprünglichen Stufe Stehengebliebenen, das sich mit einem Späteren verbindet.
[ 25 ] So sehen wir bei Raffael: Was bis zu seiner Zeit mit einem Charakter der bloßen Innerlichkeit behaftet erschien, ist wieder zur äußeren Offenbarung geworden. Man führe sich nur vor Augen, wie Franz von Assi; den Werken von Giotto wiedergegeben ist. Da sehen wir, wie selbst bei der Malerei alles innerlich bleibt, es geht nicht in Form und Farbe über. Wir müssen überall auf das innere Geschehnis zurückgehen, und wenn wir bei Giotto zum inneren Geschehnis übergehen, so ist die äußere Darstellung das weniger Interessante. Bei Raffael ist es nicht so. Hier fühlen wir nirgends die Veranlassung, hinwegzuschauen von dem, was er uns unmittelbar offenbart, von dem, was da ist, was in Farbe und Form vor uns steht, sondern bei Raffael ist alles Innere in das Äußere hineingeflossen. Dazu bedurfte es in der Seele Raffaels, wenn er auch mit dem verinnerlichten Impuls des Christentums geboren wurde, der Aufnahme des Griechentums. Bei Raffael sehen wir nun, wie zurückgegriffen wird auf diesen früheren Entwicklungszustand, der für ihn im Grunde genommen aber neu war. Es ist merkwürdig, wie auf der einen Seite dieses Griechentum bis zur Zeit Raffaels äußerlich im Schoße der Erde ruhte, sodass Raffaels Zeitgenossen als Erste wieder das sehen konnten, was damals [durch die Ausgrabungen] an die Oberfläche kam, und wie auf der anderen Seite in Raffael das Griechentum wieder erwachte, nur jetzt ins Innerliche verwandelt, was in der äußeren Skulpturform das Griechentum geschaffen hatte. Was die Griechen in Skulpturform haben leisten können, war für Raffael nicht unmittelbar geeignet; was ihm aber oblag, war, das innerliche Leben zum äußeren Ausdruck zu bringen. Dazu musste die Malerei, die ganz anders als die Skulptur das Innere zum Äußeren machen kann, wiederum griechische Formen annehmen. Die nahm sie insbesondere bei Raffael an. Es ist mir gut bekannt, dass man noch manche andere Namen aufzählen könnte, aber so charakteristisch wie bei Raffael tritt uns diese Erscheinung nirgendwo anders entgegen. So sehen wir bei Raffael, wie er sich das Griechentum zum christlichen Impuls hinzuerobert. Betrachten wir seine Seele von diesem weiteren Gesichtspunkt, so erscheint sie uns, als wenn sie durch die Geburt alle christlichen Impulse mitgebracht hätte, nicht aber die griechischen – diese spielen aus der Umgebung herein. Von Bild zu Bild kann man verfolgen, wie sich Raffael, ins Malerische übersetzt, mehr und mehr griechische Kunst aneignet.
[ 26 ] Nun, wer tiefer in die Geisteswissenschaft eindringt — lassen Sie es meinetwillen eine bloße Hypothese sein –, wird sehen, wie eine solche Hypothese nach und nach Gewissheit bietet, allerdings nicht in bequemer Art. Wir schauen dann, wenn wir von diesem Horizont aus auf Raffaels Seele blicken, wie diese bei ihrer Geburt die christlichen Impulse schon mitbringt. Daher erscheint es so, als ob die Seele Raffaels das schon vor der Geburt mit sich abgemacht hätte. Während wir bei Savonarola den unmittelbar [aus der Umgebung wirkenden] Einschlag der christlichen Impulse sehen können, scheint es uns bei Raffael so, dass er diese christlichen Impulse bereits mitbringt. Wie Savonarola in seinem Savonarola-Dasein die christlichen Impulse sich unmittelbar durch Wirkung der Umgebung angeeignet hat, so hat Raffaels Seele diese in einem früheren Erdendasein so entwickelt, dass sie sich nicht zugleich die griechischen Impulse in diesem früheren Dasein aneignen konnte. Sie kommt also aus einem Dasein, wo sie die christlichen Impulse sich angeeignet hat, sodass ihr diese, nachdem die Seele durch ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt gegangen ist, zur Selbstverständlichkeit geworden sind, wie uns das dann in den Bildern Raffaels entgegentritt. Und das, was das Griechentum geleistet hat, hat diese Seele, die im vorhergehenden Erdendasein «griechenfern» gewesen sein mag, erst in diesem späteren Raffael-Leben sich angeeignet. Da sehen wir, gerade an einer Seele wie derjenigen Raffaels, wie das zusammenfließt, was man erahnend in ein früheres Erdenleben verlegen kann und was in späteren Erdenleben verschmilzt mit dem schon durch die Geburt Mitgebrachten. Sooft ich mich damit beschäftigt habe, wie auch Herman Grimm immer wieder von Neuem den Ansatz gemacht hat, [über das Leben Raffaels zu schreiben], so wurde der geisteswissenschaftliche Blick wirklich von selbst auf diese Tatsache hingelenkt. Es ist anzunehmen, dass Herman Grimm auch mit seiner letzten Darstellung nicht einverstanden gewesen wäre, selbst wenn er sie zu Ende gebracht hätte, denn sehen Sie: Gewisse Dinge, die mit dem Geistesleben der Menschheit zusammenhängen, beginnen erst dann lichtvoll zu werden, wenn man mit der Tatsache der wiederholten Erdenleben rechnet. Ein solches Verschmelzen der christlichen Impulse mit den griechischen, wie sie bei Raffael da waren, ist nur verständlich, wenn man die Erklärung aus den wiederholten Erdenleben zu Hilfe zu rufen vermag. Sie mag heute unseren Zeitgenossen noch fremd sein, aber ich habe oft den Vergleich gebraucht [mit dem], was Francesco Redi [gesagt hat. Er sagte, es sei falsch, dass aus Flussschlamm Tiere entstehen können; Lebendiges könne nur aus Lebendigem kommen. — Und ebenso kann auch Geistig-Seelisches nur aus Geistig-Seelischem kommen. ]
[ 27 ] [Heute wird man ja in anderer Weise verketzert, wenn man den Versuch macht, auch im Konkreten darauf hinzuweisen, dass ein Menschenleben nicht nur aus seiner unmittelbaren Umgebung heraus erklärt werden kann. Wenn man genauer auf diese Dinge eingeht, wird man sich klar werden darüber, dass, wenn bei einer Menschenseele etwas als Isoliertes aufleuchtet und nicht erklärt werden kann aus ihrer Umgebung, dass dies zurückführt auf ein früheres Erdendasein, auf etwas, was diese Seele in einem früheren Erdendasein sich angeeignet hat und das, wenn die Seele durch den Tod und eine neue Geburt gegangen ist, in ihrem neuen Erdendasein die Gestalt des Selbstverständlichen annimmt, als ein mit der Wesenheit Verbundenes, als ein zu ihr Gehörendes. So sind mit der Wesenheit Raffaels die christlichen Impulse wie selbstverständlich verbunden, so verbunden, dass Raffael nicht ohne sie gedacht werden kann.]
[ 28 ] [Wenn man die geisteswissenschaftliche Erkenntnis voraussetzt, dass die Menschenseele durch wiederholte Erdenleben geht, dann wird verständlich, dass das, was ein Mensch sich in einem früheren Erdenleben angeeignet hat, in einem späteren Erdenleben zu Kräften wird. Man erlebt, beobachtet, wie sie in die Seele hereintreten, wie sie durch jene Stadien gehen, die der Mensch durchmacht zwischen Tod und neuer Geburt; da werden sie mit der Seele eins. Und wenn der Mensch dann in ein neues Dasein tritt, bearbeitet er mit diesen Kräften seine ganze innere Leibesform und macht sich seinen Leib so, dass das, was er im nächsten Erdenleben schafft, wie selbstverständlich aus seiner Wesenheit hervorzugehen scheint.] Es wird, wie mir scheint, ganz gewiss eine Zeit kommen in der Menschheitsentwicklung, in welcher man einsehen wird gerade durch unbefangene Betrachtung des Tatsächlichen, wie gerade die großen Erscheinungen nur aus dem Gesetz der wiederholten Erdenleben heraus verständlich werden. Dann wird man sich allerdings auch klar sein, dass es nicht nur nötig ist, auf die allergrößten Erscheinungen zu sehen, sondern dass jedes einzelne Menschenleben verstanden werden kann, wenn man sich auf den Standpunkt der wiederholten Erdenleben stellt.
[ 29 ] Aber wenn man den menschlichen Blick auf diese großen Erscheinungen richtet, die so innig zusammenhängen mit der menschlichen Entwicklung, mit allem, was die innersten Impulse des fortschreitenden Menschengeistes sind, dann geht aus dieser Anschauung etwas die Menschenseele Kräftigendes hervor, das der menschlichen Seele – wie oftmals hier auseinandergesetzt worden ist — innerlichen Halt, innerliche Zuversicht, innerliche Kraft zur Arbeit gibt. Es führt diese Menschenseele dazu, im einzelnen Erdendasein nicht nur zu wissen, sondern auch zu verspüren den Keim eines folgenden Erdendaseins, gleich wie wir fühlen, wie die Pflanze ihre Kräfte gesammelt und im Keim zusammengefasst hat und uns dadurch bewusst wird, dass aus diesem Keim eine neue Pflanze im Sommer hervorgebracht wird. Dieses Bewusstsein kann die Seele haben, es kann empfunden werden dieses Sich-Einverarbeitete wie die Gewähr, die Garantie für ein künftiges Erdenleben. Was im Keim schon in diesem Erdenleben drinnen ruht, verwandelt sich durch das bloße Wissen von der Unsterblichkeit in ein Fühlen des unsterblichen Menschenkeimes, in ein Fühlen dessen, was das künftige Leben aufbaut.
[ 30 ] Da war es mir wieder sehr merkwürdig, dass gerade die Betrachtungsweise Herman Grimms über solche Dinge, welche eben auseinandergesetzt wurden, mich nötigte, gleich eine bestimmte Stelle am Anfang seines Raffael-Buches zu lesen. Wer Raffael vom Standpunkt der Geisteswissenschaft betrachtet, wird naturgemäß dahin kommen, wiederholte Erdenleben für notwendig zu halten, wenn er Raffael ganz im Konkreten verstehen will. Und aus der Erkenntnis der wiederholten Erdenleben schöpfen wir jene Kraft, die uns den Blick gibt für das, was uns in Zukunft entgegentritt. Wahrhaftig, da ist es überraschend, wenn man das als Wirkung der Wissenschaft empfindet: Wenn jemand an eine Erscheinung wie Raffael herantritt und niemals mit ihr so ganz zurechtkommt, wie er dennoch angesichts der Größe Raffaels eine Empfindung erhält, zwar noch nicht von der Wirklichkeit kommender Erdenleben, dass er aber angesichts dieses erfüllten Menschenlebens eine Art Wunsch fühlt nach einem kommenden Erdenleben. Die Gewissheit von den wiederholten Erdenleben kann einem nur durch die Geisteswissenschaft aufgehen, aber Herman Grimm ging bei der Betrachtung von Raffaels Leben ein Gefühl der Sicherheit auf gegenüber dem Ewigen, das er mit dem merkwürdigen Wort zum Ausdruck bringt:
Es stehen mir Entwicklungen der Menschheit vor den Augen, die mitzumachen mir versagt sein wird, die mir aber als so glänzend schön erscheinen, dass es um ihretwillen wohl der Mühe wert wäre, das menschliche Dasein noch einmal zu beginnen.
[ 31 ] Es ist nun im höchsten Grade merkwürdig, dass wir den Wunsch, der bei Herman Grimm durch die Betrachtung von Raffaels Leben entsteht, in die Anschauung einer Wirklichkeit umsetzen können.
[ 32 ] Und so kann man das in eine Empfindungsüberschau zusammenfassen, was den Gegenstand der heutigen Betrachtung bildete: Es scheint natürlich, dass gegenüber einer Persönlichkeit wie derjenigen Raffaels, bei der man so sicher fühlt, dass man mit einem einzigen Erdenleben zu ihrem Verständnis nicht auskommt, dass da demjenigen, der diese Persönlichkeit ganz auf sich wirken lässt, das als Wunsch aufgeht, was Geisteswissenschaft als Wirklichkeit beschreibt – die Anschauung von wiederholten Erdenleben. Und so möge gerade eine unbefangene geisteswissenschaftliche Betrachtung solcher Menschheitsgrößen wie Raffael dazu führen, dass durch die Anschauung dieser Größen die Menschen immer mehr dahin geführt werden, solche Denkgewohnheiten zu entwickeln, die zwar den heutigen Meinungen noch sehr entgegengesetzt sind, die aber ganz sicher in das Geistesleben der Menschen sich einleben werden. So sicher, wie die Anschauung sich eingelebt hat: Lebendiges kann nur von Lebendigem stammen –, so sicher wird sich die Anschauung einleben: Geistig-Seelisches kann nur von Geistig-Seelischem kommen. – Und gerade die Anschauung menschlicher Größe kann in unsere Seele das versenken, was zu solchen [neuen] Denkgewohnheiten führt. Menschliche Größe versuchen wollen zu verstehen – das bringt auch in uns die Meinung, ja die Gewissheit hervor, dass die Wahrheiten, von denen wir uns durch eine immer weitergehende Vertiefung in die Dinge und in den Geist der Dinge überzeugen, wenn sie auch zunächst Widerstand über Widerstand finden, endlich doch den Weg zu den Menschenherzen sich bahnen werden. Mögen die Spalten noch so schmal sein, durch die die Wahrheit, die zu den Menschenherzen will, sich durchzwängen muss: Die Wahrheit wird den Weg auch durch die allerschmalsten Spalten finden. Von diesem so tief durch die geistige Entwicklung der Menschheit erhärteten Satz kann derjenige beseelt sein, der Geisteswissenschaft heute erst als Keim erblicken kann, denn ein solcher Keim ist sie nur. Aber er kann auch, hinschauend auf diesen Keim, die Zuversicht in seiner Seele entwickeln, sodass dieser Keim sicher aufgehen, erblühen und für die Menschenseele Früchte tragen wird. Fragenbeantwortung
Keine Frage: Ich bitte, diesen Vortrag im Druck erscheinen zu lassen.
[ 33 ] Rudolf Steiner: Angesichts der Menge der Vorträge, die schon gedruckt ist, wäre es mir lieber, wenn nicht noch Weiteres gedruckt würde. Das Gedruckte ist noch nicht überall so weit [ins Bewusstsein der Menschen] eingedrungen, wie es hätte sein können.
Frage: Was machen Sie aus dem [Stillstehenden in der Entwicklung]? Gibt es denn [überhaupt] ein Fortschreitendes, [so]dass sich die Richtung ändert?
[ 34 ] Rudolf Steiner: Wer wirklich zugehört hat, der wird nicht leicht eine solche Frage stellen können. Es ist doch so: [Erst kommt die] Veränderung, dann [ein] Stehenbleiben, wir sehen das an jedem Haus, [das erst gebaut worden ist und dann als Ergebnis für Jahre stehen bleibt].
Frage: Hat ein Mensch, der bewusst aus seinem Körper heraustreten kann, die Möglichkeit, bewusst in anderen Sphären zu bleiben und nicht mehr in seinen Körper zurückzugehen? Und ist der Körper dann schlafend oder tot?
[ 35 ] Rudolf Steiner: Er ist natürlich tot. Es geht nicht um die reale Unmöglichkeit des Zurückkehrens, sondern um die moralische. Moralisch ist man verpflichtet, sein Karma nicht zu durchkreuzen. Naturgesetzmäßigkeiten und moralische Ordnung nähern sich immer mehr an. Die Naturgesetzmäßigkeit wird immer mehr zur moralischen Naturnotwendigkeit, und dann werden solche Fragen nicht mehr gestellt. [Diese sind ebenso unsinnig wie die Frage:] Könnte jemand, der eben eine Uhr fabriziert hat, einen Hammer nehmen und die Uhr gleich wieder zerschlagen? Natürlich könnte er das, aber es würde nicht vernünftig sein.
Frage: Ist Farbenblindheit bei der okkulten Selbstentwicklung störend?
[ 36 ] Rudolf Steiner: Lesen Sie meine Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» – sie ist allerdings [gerade] vergriffen: Das Hineinschauen [in die geistige Welt] ist nicht von unseren Sinnesorganen abhängig, wir werden ja von ihnen frei. Es ist in keiner Weise störend, wenn irgendein Sinnesorgan mangelhaft ausgebildet ist, nicht einmal Blindheit [ist ein Hindernis]. Es ist ein Irrtum, das mit gewöhnlichem Hellsehen [zu verwechseln], was in der Geisteswissenschaft sich zeigt. Das gewöhnliche Hellsehen ist kein Hellsehen, das wirklich in übersinnlichen Welten verläuft. Das gewöhnliche Hellsehen beruht auf einer gewissen Stimmung in den Sinnesorganen oder kommt wenigstens mit ihrer Mittätigkeit zustande. Zwei Hellseher, von denen der eine blind ist, der andere aber nicht, haben dasselbe Erlebnis, wenn sie auf das Gleiche treffen. [Wenn man von einem solchen Erleben sagt:] Blaues oder rotes Erleben, [so meint man:] Es wird dasselbe erlebt, was man [im Sinnlichen] bei der Farbe Blau [oder Rot] erlebt. Deshalb bezeichnet man es so, aber es ist nicht dasselbe [wie das äußere Farberleben]. Weil die meisten Menschen eine normale Entwicklung [der Sinne] haben, kann man von diesem Standpunkt ausgehen; aber es kann die Notwendigkeit eintreten, dass man für Blindgeborene andere Ausgangspunkte wählt; man kommt aber zu demselben [geistigen Erleben].
Frage: Kann man beim Lesen von Tolstois Büchern einen Eindruck von Geisteswissenschaft empfangen?
[ 37 ] Rudolf Steiner: Vom Lesen Tolstois kann man nicht auf die Idee kommen, dass es eine Geisteswissenschaft gibt.
Frage: Darf man einen Sterbenden durch Opium betäuben, [oder] wenn nein, [so] wie bei Operationen?
[ 38 ] Rudolf Steiner: In dem idealen Falle soll man nach den entsprechenden, [auch für] einen geltenden Erkenntnissen das tun, was als das Menschenmögliche erscheint. Man soll sich nicht dagegen sträuben, [das anzuwenden, ] was einem Menschen Erleichterung schaffen kann; [andernfalls] würde das zu Unmöglichkeiten führen.
Frage: Können einem durch andächtiges Beten Wünsche gewährt werden?
[ 39 ] Rudolf Steiner: Das Gebet sollte eigentlich eine Verneigung der Seele zu der die Welt durchlebenden und durchwebenden göttlichen Geistigkeit sein, sodass das Gebet eigentlich seinen Sinn verliert, wenn es egoistisch ist. Und nur jenes Gebet ist berechtigt, welches in die Worte des Urgebets ausklingt: «Aber nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.» Durch diesen Nachsatz wird dem Gebet die richtige Stimmung verliehen. Dann ist es ein richtiges Gebet, wenn es nicht egoistisch ist, sonst ergeben sich gleich praktische Widersprüche. Denn was sollte der Gewährer von Wünschen tun, wenn der eine Bauer etwas aufsprießen haben will und um Regen bittet, der andere in derselben Gegend jedoch um Trockenheit, oder wenn von zwei Heeren, von denen jedes sicher ganz gewiss den Wunsch hat zu siegen, das eine um Sieg bittet, das andere [aber] auch. Also sollte man nicht egoistisch im Gebet sein. Daher hat die Frage keine rechte Bedeutung, ob [durch Beten] Wünsche gewährt oder nicht gewährt werden, denn ein richtiges Beten kann nicht erwarten, dass Wünsche gewährt werden. Ich weiß, dass das bei vielen Seelen Anstoß erregt, aber man sollte nur auf die Natur der Sache eingehen und man wird schon finden, dass die Dinge wirklich so liegen.
Frage: Wie verhält es sich mit dem Vegetarismus [im Lichte der Bibel? Da gibt es ja] die Worte Christi: «Meine Ochsen sind geschlachtet», oder das Osterlamm, oder auch die Gastmähler. Und wie ist es mit dem Alkohol bei der Hochzeit zu Kanaan oder beim Abendmahl, [wenn] das Brot in Wein getaucht wird?
[ 40 ] Rudolf Steiner: Es würde zu weit führen, wenn die entsprechenden Evangelienworte [jetzt] erklärt würden. Da würde sich aber herausstellen, dass gar manches, was man heute in den Evangelien liest, nur Übersetzungsfehler sind. Davon aber abgesehen ist zu sagen, dass das Entwickeln von geistigen Anschauungen erleichtert werden kann durch eine vegetarische Lebensweise. Aber es handelt sich um weiter nichts als die Konstatierung der Tatsache, dass er [der Vegetarier] seinen Weg erleichtern kann, wie man ja manches andere sich erleichtert, wenn man sich des Fleisches enthält. Aber es ist nicht Aufgabe der Geisteswissenschaft, in einseitiger Weise für den Vegetarismus Propaganda zu machen. Geisteswissenschaft schließt sich keiner einseitigen Propaganda an. Für die Geisteswissenschaft ist ein präzises Denken notwendig, nicht nur zum Begreifen und Verstehen, sondern auch zum [besseren] Eingehen in die feineren Denkgewebe. Manch einer glaubt, das oder jenes einwenden zu müssen, aber diese Einwände rühren doch nur von einem auf halbem Wege stehengebliebenen Denken. Diese Dinge beruhen nicht auf einer Konsequenz des wissenschaftlichen Denkens, sondern auf Denkgewohnheiten, auf Mangel an Logik. Geisteswissenschaft steht durchaus auf dem Boden, dass nur geglaubt wird, was gewusst wird: Das ist die Anschauung jeder Wissenschaft. Aber um [in die Geisteswissenschaft] so einzudringen, dass man wirklich mitarbeiten kann, ist notwendig, das Denken so zu entlasten von seinen Beschwernissen, es feiner zu machen, damit es fähig ist, auf Wegen zu folgen, auf denen es sonst nicht folgen könnte – und dazu trägt die vegetarische Lebensweise bei.
[ 41 ] Zu bedenken ist auch das Verhältnis zu den anderen Naturreichen. Heute kann die Menschheit nicht einmal daran denken, den Vegetarismus zu einer allgemeinen Diät zu machen, denn es ist das ganz persönlich, ob der Mensch das tun will oder nicht. Es kann sich einer ganz gründlich verderben, wenn er in einer abstrakten Weise vegetarisch leben will. Das gilt nicht nur für heute, sondern für alle Zeiträume. Allerdings dürfen heute schon Dinge behauptet werden, die vor 2000 Jahren keinen Sinn hatten; was heute wahr ist, muss nicht für alle Zeiten wahr sein. Das gilt nur für die materialistischen Wahrheiten. Wenn man vom heutigen Menschen redet und vom Menschen zur Zeit Christi, dann redet man nicht von demselben; man ist nur genötigt, dabei dasselbe Wort zu gebrauchen. [Im Laufe der Zeit] ändern sich doch viele Dinge. Das Osterlamm braucht nicht ein geschlachtetes Lamm zu bedeuten. Selbst wenn das, was auf dem Zettel steht, richtig ist, so war das doch eine andere Zeit. Daraus kann man durchaus nicht ableiten, dass [der Vegetarismus] nicht für heute [gelten kann], wo die feineren Strukturen der Menschennatur etwas ganz anderes geworden sind als damals, und dass es nicht ein Hilfsmittel zur Geisteswissenschaft ist, wenn man sich an Vegetarismus gewöhnt. Nun darf man nicht glauben, dass man sich in die höheren Welten «hinaufessen» kann, [denn es ist] gleichgültig, ob man etwas isst oder zu essen unterlässt. [Der Vegetarismus ist] nur ein Erleichterungsmittel, nicht ein Bequemlichkeitsmittel.
