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The Rudolf Steiner Archive

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Neues Christus-Erleben
GA 69c

15 November 1913, Hamburg

11. Von Jesus zu Christus

[ 1 ] Sehr geehrte Anwesende! Es ist ein Thema von tief einschneidender Bedeutung für das Geistesleben der Gegenwart, welches den Gegenstand der heutigen Betrachtungen bilden soll, und es soll dieses Thema besprochen werden von dem Gesichtspunkte aus, von dem ich über verschiedene Fragen des Geisteslebens auch hier in dieser Stadt von dieser Stelle aus schon öfters sprechen durfte. Von unseren Freunden ist gerade dieses Thema für den heutigen Abend gewünscht worden. Aber es ist im Allgemeinen nicht sehr leicht, über ein solch spezielles, wenn auch tief bedeutsames Thema von dem Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft aus zu sprechen. Denn dabei muss in einem gewissen Sinne doch die Voraussetzung gemacht werden, dass die verehrten Zuhörer sich an manches erinnern, was in den anderen Vorträgen bereits gesagt worden ist über die Grundlage jener Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist.

[ 2 ] Diese Geisteswissenschaft ist ja keineswegs etwas, was in der Gegenwart schon in weiten Kreisen anerkannt oder irgendwie belegt wäre. Im Gegenteil – diese Geisteswissenschaft ist etwas, wovon man sagen kann, dass sie wohl noch zu den unbeliebtesten und missverstandensten geistigen Strömungen der Gegenwart gehört. Und gerade bei einem Thema wie dem heutigen sollen solche missverständliche und gegnerische Auffassungen ganz besonders in Betracht gezogen werden. Denn allzu sehr ist noch die Meinung verbreitet, dass Geisteswissenschaft dieses oder jenes Religionsbekenntnis angreifen oder gefährden könnte, welches vielleicht dieser oder jener Seele aus irgendeinem Grunde wert und teuer ist oder sein könnte. Dies aber ist durchaus nicht der Fall, wie es sich dem tiefer in die Geisteswissenschaft eindringenden Menschen zeigen kann. Geisteswissenschaft will Wissenschaft sein und in gewissem Sinne eine Fortsetzung desjenigen, was seit drei bis vier Jahrhunderten als naturwissenschaftliche Denkungsweise in die Menschheitsentwicklung eingeflossen ist. Sie muss nur das, was naturwissenschaftliche Denkungsweise ist, in anderer Weise aus der Menschenseele heraus fruchtbar machen, als die Naturwissenschaft es selber mit ihren Forschungsmethoden fruchtbar machen kann. Denn diese Geisteswissenschaft hat es ja zu tun – nicht mit irgendetwas, was äußerlich für die Sinne wahrnehmbar ist, nicht mit irgendetwas, was der Verstand auf Grundlage der Sinne beobachtet –, sie hat es zu tun mit der Welt des Geistigen. Nahe liegt es daher auch, diejenigen Fragen, welche sich auf das Geistesleben der Menschen beziehen, von diesem geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus zu betrachten. Es gibt gewiss für zahlreiche Seelen der Gegenwart keine Frage, welche im Geistesleben der Menschheit so wichtig sein könnte wie die Frage, die das heutige Thema einschließt – die Frage nach dem Christus Jesus. Ich möchte nur einige wenige Bemerkungen vorausschicken, damit wir uns einigermaßen über den Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft verständigen, um dann sogleich zu dem Speziellen des heutigen Themas überzugehen.

[ 3 ] Was Missverständnisse über Missverständnisse, Ablehnungen über Ablehnungen gegenüber der Geisteswissenschaft hervorruft, das ist, dass die Geisteswissenschaft, trotzdem sie Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Denkungsweise ist, im Grunde genommen an die menschliche Seele ganz andere Anforderungen stellt als diese naturwissenschaftliche Denkungsweise selbst. Wie fragt jene Denkungsweise, die aus der Naturwissenschaft heraus mit Recht geboren ist und welche heute immer mehr und mehr die Gemüter der Menschen ergreift? Wie stellt sich diese Denkungsweise zu den höchsten Fragen des geistigen Lebens? Sie fragt: Was kann der Mensch erkennen? Wie weit reicht die menschliche Erkenntnis? — Und das soll gleich gesagt werden: Es ist diese Frage im höchsten Grade wertvoll, und die Geisteswissenschaft wird nichts dagegen haben. Es ist im höchsten Grade bewundernswert, wenn Philosophen oder andere Denker sich damit befassen, festzustellen, wie weit das menschliche Denken, das menschliche Erkennen reichen kann, unter der Voraussetzung, dass die menschliche Seele ebenso ist, wie man sie im Alltagsleben in der gewöhnlichen Wissenschaft beobachtet. Da kommt man sehr leicht dazu zu sagen: So weit geht menschliches Erkennen, bis zu dieser Grenze reicht es, über diese Grenze kommt es nicht hinaus. – Es ist dies ja etwas, dem man heute täglich begegnen kann. Dieses kann man nach den Voraussetzungen des Menschengeistes erkennen, jenes aber nicht. Geisteswissenschaft steht ganz und gar auf einem völlig anderen Gesichtspunkt.

[ 4 ] Geisteswissenschaft steht auf dem Gesichtspunkt der Entwicklung der menschlichen Seele, steht auf dem Gesichtspunkt, dass diese menschliche Seele zwar so, wie sie unmittelbar im Alltag des Lebens ist, so, wie sie in der gewöhnlichen Wissenschaft sich betätigen muss, gewisse angebbare Grenzen des Erkennens hat, dass sich aber diese Menschenseele durch gewisse intime Vorgänge, die sie in sich selber und mit sich selbst vornimmt, umwandeln kann, aus sich selber etwas machen kann, was imstande ist, in andere Gebiete des Daseins einzudringen als diejenigen, die im alltäglichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft anerkannt sind. In anderen Vorträgen, die ich hier halten durfte, und in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» habe ich darauf aufmerksam gemacht, wie die Seele durch Steigerung jener Tätigkeiten des Alltagslebens dazu kommt, aus sich etwas völlig anderes zu machen. Ich kann heute einleitend nur das Prinzipielle andeuten. Durch gewisse Übungen, die eine Steigerung des einen sind, was man im gewöhnlichen Leben die Aufmerksamkeit nennt, oder des anderen, was man im gewöhnlichen Leben die Hingabe nennt, durch eine unbegrenzte Steigerung dieser inneren Erlebnisse des Menschen gelangt die Seele dazu, wirklich eine Art geistiger Chemie im Menschen selber zu vollführen.

[ 5 ] So, wie der Mensch im Alltagsleben dasteht, ist sein [physisches] Leben mit seinem geistigen Leben innigseelisch verbunden. Alles, was wir im Alltagsleben verrichten, verrichten wir so, dass das, was geistig in das Leiblich-Körperhafte eingreift, sich des Letzteren als eines Instruments bedient. Nun lassen Sie mich ein Beispiel gebrauchen, auf das ich keinen besonderen Wert lege, sondern welches ich nur zur Verdeutlichung gebrauchen will, [nämlich] wie der Wasserstoff mit dem Sauerstoff zusammen sich zum Wasser verbindet. Nun kommt der Chemiker, scheidet den Wasserstoff ab und zeigt, dass aus dem Wasser etwas herauskommt, was ganz andere Eigenschaften hat als das Wasser. Eine solche «geistige Chemie» wird verrichtet, wenn die Seele auf sich dasjenige anwendet, was ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» gezeigt habe. Die Seele als geistiges Wesen trennt sich ab von dem Leiblichen, lernt die Fähigkeiten erkennen, innerlich zu leben – abgewendet, gleichsam herausgehoben aus dem Leiblich-Körperhaften. Das ist das große Erlebnis, was der Geistesforscher in sich selber durchmachen muss, nicht durch irgendeine Spekulation, nicht durch irgendeine Philosophie, sondern durch ein hingebungsvolles Üben seiner Seele, diese unabhängig zu machen von den [alltäglichen] Verrichtungen, von ihren Sinnen, von der Mitwirkung des Leiblich-Körperhaften. Das ist das große Erlebnis des Geistesforschers: zu wissen, was es heißt, geistig-seelisch in sich zu leben, ohne dass man im Leibe lebt. Das ist nur eine Andeutung dessen, was ich mir in anderen Vorträgen hier öfters erlaubte auseinanderzusetzen und was ich Sie bitte, heute als eine Behauptung hinzunehmen, denn meine Aufgabe soll ja sein zu zeigen, wie nun ein solches Forschen, was verrichtet wird von einer Seele, die sich zum Geistesforscher gemacht hat, denken muss über dasjenige, was wir das «Christus-Ereignis» oder – vielleicht könnten wir auch sagen — das «Christus-Jesus-Ereignis» im Entwicklungsgang der Menschheit nennen.

[ 6 ] Was irgendein religiöses Bekenntnis über den Christus Jesus zu sagen hat, das wird [auf]genommen durch Erlebnisse, die selbstverständlich innerhalb der Leiblichkeit verlaufen müssen. Was die Geistesforschung zu sagen hat, das wird erlangt, wenn die von ihrer Leiblichkeit frei gewordene – wenn ich den verpönten Ausdruck gebrauchen darf –, hellseherisch gewordene Seele den Entwicklungsgang der Menschheit so überschaut, wie er sich eben überschauen lässt, wenn die Seele nicht mehr im Leibe, wenn sie sich außerhalb des Leibes in der geistigen Welt befindet.

[ 7 ] Nun werde ich heute Abend sozusagen eine ganz besondere Art [des Mitteilens] für mein Thema wählen müssen, denn was der Geistesforscher, wenn er die eben angedeutete Vorbereitung für seine Erkenntnisse hat, erkennt, das erlangt er durch ein unmittelbares Geistesschauen, wenn er – abgetrennt vom Leibe – sich im Geistig-Seelischen betätigt und den Geistesblick auf die Ereignisse, auf die Vorgänge der Welt richtet. So unmittelbar ist es nicht mitzuteilen, was der Geistesforscher erschaut; es lässt sich nur mitteilen, wenn der Geistesforscher den Blick auf Verhältnisse hinlenkt, die in der gewöhnlichen Welt zu sehen sind – auf Verhältnisse, die jeder Mensch sehen kann –, wie man sie nur anschauen kann, wenn eben der Gesichtspunkt des geistigen Schauens gewählt wird. Daher werde ich hinzuweisen haben auf gewisse Vorgänge des äußeren Lebens, und es könnte manchem der verehrten Zuhörer so vorkommen, als ob ich nur in Gleichnissen, vielleicht in Analogien, redete. So werden die Auseinandersetzungen nicht gemeint sein! Was ich aber meine, was wohl wie Analogie aussehen wird, das ist nur eine Sprache, um dasjenige auszudrücken, was die Geistesforschung über unsere Fragen zu sagen hat.

[ 8 ] In Bezug auf einen der Gesichtspunkte, den wichtigsten in unserer heutigen Frage, ist eine Verständigung mit dem Denken der Gegenwart außerordentlich wichtig. Auf dem Gebiete der Naturwissenschaft gibt man ja zu, dass es nicht genügt, wenn man nur die einzelnen Vorgänge der Natur registriert, wenn man sie sozusagen nur erzählt, sie anführt, man gibt zu, dass der Naturforscher fortschreiten muss von der Erzählung, von der Registrierung zu den Gesetzen, die ganz gewiss selbstverständlich unsichtbar die Erscheinungen gleichsam durchleben und durchweben. Ein Naturgesetz selbst ist etwas, was man erlangt, wenn man sich in die Erscheinungen der Sinneswelt vertieft, wenn man sie nicht einfach erzählt, nicht einfach beschreibt, sondern wenn man versteht, sie gegenseitig zueinander in Beziehungen zu bringen, sodass diese ihre innere Gesetzmäßigkeit aussprechen. So weit geht man aber nicht einfach in Bezug auf dasjenige, was Geschichte wird, was als Geschichte entsteht. Und deshalb kann man nicht leicht Verständnis finden, wenn man die naturwissenschaftliche Methode gewissermaßen nur auf das Geistige in dem Geschichtlichen überträgt.

[ 9 ] Nicht gerne spreche ich vom Persönlichen, aber in diesem Fall ist das Persönliche zugleich auch ein Sachliches. Als vor vielen Jahren mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» erschienen ist, dem die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen der Christus-Frage zugrunde liegt, da war der Titel durchaus mit vollem Bedacht gewählt, um hinzudeuten darauf, dass es sich um eine besondere Betrachtungsweise handelt. Ich habe es nicht «Die Mystik des Christentums» genannt. Inwiefern das Christentum Mystik enthält – das wollte ich in diesem Buche nicht ausführen, auch nicht die christliche Mystik, nicht das mystische Leben eines Christen darlegen, sondern ich wollte zeigen, dass die Entstehung des Christentums, dass ein Leben des Christus-Impulses in der Geschichte der Menschenentwicklung eine Tatsache ist. Diese kann nur verstanden werden, wenn hinter dem geschichtlichen Werden, hinter den Erzählungen und Beschreibungen geistige Tatsachen geschaut werden, wenn sich Tatsachen einem geistigen Auge erschließen, mit anderen Worten, wenn die Tatsache selbst Mystik darstellt – unmittelbar in der Welt geschehen im mystischen Sinne. Damit wollte ich andeuten, dass nur derjenige den Geist des Christentums zu begreifen in der Lage ist, der nicht nur das christliche Werden, so wie es sich in den Urkunden und Erzählungen darstellt, sondern der im Christentum etwas zu sehen imstande ist, in dem sich die Tatsachen ebenso gruppieren wie im Sonnensystem, wo sich die Sonne zum wichtigsten Faktor im Sonnensystem macht. Das erkennt man an, wenn man die Tatsache naturwissenschaftlich verfolgt. Man ist noch nicht gewöhnt, die geschichtlichen Tatsachen zu verfolgen. Daher erzählt man in der Geschichte leicht, wie eine Tatsache hinter der anderen folgt — genauso wie man in der Naturwissenschaft hinschauen würde –, ohne zu beachten, dass die Art, wie man das geschichtliche Werden ansieht, wie man hinblickt auf die Tatsachen, die Hauptsache ist. Man muss sehen, dass das Christus-Problem ein einschneidender Faktor ist und dass man nur dadurch zum inneren Erkennen kommen kann, dahin kommen kann, was eigentlich geschehen ist.

[ 10 ] Es gibt in der heutigen Naturwissenschaft ein Gesetz, welches zwar in seinen Einzelheiten angefochten wird, welches aber in seinen Grundlagen anerkannt wurde – das ist das berühmte biogenetische Grundgesetz Haeckels, das besagt, dass jedes Wesen am Anfang seiner Entwicklung im Keime eine kurze Wiederholung aller derjenigen Stadien durchmacht, die die Entwicklung derjenigen Wesen war, von denen es abstammt. In Bezug auf die äußere Leiblichkeit macht der Mensch während dieses Keimzustandes sozusagen die Stufen eines niederen Tieres, eines Fisches und so weiter durch. Das ist ja etwas, was sich jeder aus der Naturwissenschaft selbst holen kann; solche Gesetze werden in der Naturwissenschaft anerkannt. Nun ergibt sich für das geistige Schauen ein außerordentlich wichtiges Gesetz der Menschheitsentwicklung, das sich natürlich ganz anders ausnimmt als ein solches naturwissenschaftliches Gesetz, wie es eben angeführt wurde, weil es auf dem Gebiete des Geisteslebens Geltung hat; aber es ist deshalb für die menschliche Erkenntnis nicht minder ein Gesetz, wie die naturwissenschaftlichen Gesetze es sind. Dieses Gesetz kann von den geistigen Forschern beobachtet werden, wenn man die Frage aufwirft: Es hat zweifellos auch in der menschlichen Entwicklung verschiedene Stufen gegeben, in denen das menschliche Wesen im geschichtlichen Werden mancherlei Stadien durchlaufen hat.

[ 11 ] Wir brauchen uns jetzt nicht in die Gestaltung der Menschheitsentwicklung einzulassen, wie sie sich in den Urzeiten vollzog; wir werden nur voraussetzen müssen, dass den geschichtlichen Zeiten ganz gewiss Urzeiten vorangegangen sind. Aber jeder kann da, wenn er auch nur ganz oberflächlich den Blick schweifen lässt über die Menschheitsentwicklung, sagen: Was die Menschheit von Epoche zu Epoche, von Jahrhundert zu Jahrhundert durchgemacht hat, das hat verschiedene Gestaltung gehabt. – Und dann liegt wohl nicht ferne, dass wir uns fragen: Lässt sich dieses Gesamtleben der Menschheit mit irgendetwas vergleichen? — Was ich sage, ist zwar dem Werdegang der Menschheit entnommen, aber es wird hier so vorgebracht, wie es sich dem geistesforscherischen Blick ergibt. Ich muss mich nur an die äußeren Tatsachen wenden und so die Worte [finden], um auszudrücken, was der geistesforscherische Blick sieht. Um über die Menschheitsentwicklung einigen Aufschluss zu erhalten, kann man fragen: Womit lässt sich diese Gesamtmenschheitsentwicklung vergleichen? – Nun, sie lässt sich vergleichen mit dem Einzelleben des Menschen. Verschieden war das menschliche Leben in alten Zeiten, in den historischen Zeiten, zu denen heute die Geschichte zurückblickt, sagen wir, die Zeiten der alten ägyptischen Kultur, der alten chinesischen und persischen Kultur. Verschieden waren auch die Erlebnisse in der griechischen und römischen Kultur von den Erlebnissen in der heutigen Kulturwelt. Und nur jemand, der nicht eingehen will auf die Mannigfaltigkeit des Lebens, kann glauben, dass die Bedingungen des seelischen Daseins in unserer Gegenwart etwa jenen zu vergleichen seien, die während der griechischen und römischen Zeit, die während der alten ägyptischen Zeit da waren. Ebenso wenig gleichen die Erlebnisse des einzelnen Menschen in der Kindheit denen im Jünglings- oder Jungfrauenalter oder denen im reifen Alter, im Greisenalter. Die Menschheitsentwicklung nimmt verschiedene Gestalten an; wir können geradezu sagen, sie macht verschiedene Lebensalter durch. Dann aber entsteht die andere Frage: Mit welchem Stadium im menschlichen Einzelleben können wir das jetzige Menschheitsalter vergleichen? Diese Frage kann eigentlich nur geisteswissenschaftlich beantwortet werden.

[ 12 ] Die Geisteswissenschaft steht ja auf diesem Standpunkt, den Sie ja bereits kennen und wie es schon in anderen Vorträgen hier gezeigt wurde: Wenn der Mensch eintritt in dieses physische Erdendasein, dann ist das, was ihn zusammensetzt, was ihn ausmacht, nicht bloß gegeben durch das, was von Vater und Mutter kommt, was überhaupt von den Ahnen vererbt ist, sondern der Mensch kommt nach dem geisteswissenschaftlichen Standpunkte mit seinem Geistig-Seelischen zu seinem Erdendasein herab aus einem geistigen Leben, und verbindet sich gesetzmäßig — mit dem, was wir von Vater und Mutter haben. Geisteswissenschaft steht auf dem Boden, dass es das Geistig-Seelische ist, welches mitarbeiter an der ganzen Gestaltung des körperlich-leiblichen Wesens – wenn wir sehen, wie ein Kind heranwächst in das Sinnesdasein, wenn wir diese wunderbaren Mysterien des werdenden Menschen anschauen, wie aus den zuerst unbestimmten Gesichtszügen die bestimmteren werden, aus den ungeschickten Bewegungen die geschickteren und so weiter. Da zeigt uns die Geisteswissenschaft, wie das aus der geistigen Welt herauskommende Wesen das SubstanziellLeibliche erfasst, wie es daran arbeitet – plastizierend, ausgestaltend.

[ 13 ] Nun zerfällt dieses menschliche Leben tatsächlich in ein absteigendes und ein aufsteigendes Leben – und wieder in ein absteigendes. Und man kann sich ja leicht überzeugen, dass um das fünfunddreißigste Jahr herum, zwischen dem dreißigsten und dem fünfunddreißigsten Jahr, eine Art Mittelpunkt des menschlichen Erden lebens [sich] findet. Es ist bis zu diesem fünfunddreiRigsten Jahre tatsächlich ein immer weitergehendes, [sich] aus dem Geistig-Seelischen herausarbeitendes Menschenwesen, das heruntersteigt, um sich mit dem Leiblich-Körperhaften zu verbinden. Geisteswissenschaft steht — es dürfte ja hier schon wiederholt hervorgehoben worden sein — auf dem Boden der wiederholten Erdenleben. So können wir unter Umständen von unserem jetzigen Leben zurückblicken in frühere Erdenleben. Die Art, wie wir uns aus unserem Geistig-Seelischen heraus, mit dem wir hinuntersteigen zum Physisch-Körperhaften, unsere leibliche Organisation selber zubereiten, wie wir uns unser Schicksal gestalten – das ist alles mitbedingt durch dasjenige, was wir in früheren Leben uns erarbeitet haben, was wir in früheren Leben uns erworben haben. Die genauere geisteswissenschaftliche Untersuchung zeigt nun, dass wir während des ganzen aufsteigenden Lebens bis in die dreißiger Jahre hinein unmittelbar noch arbeiten an unserem physischen Körper, an der Zimmerung unseres Schicksals; wir erhalten Früchte, die wir aus dem Geistigen, das heißt auch, aus dem früheren Erdenleben, in dieses Leben mit hineintragen. Während wir nun unser physisches Erdendasein erleben, während wir uns mit der Außenwelt in Verbindung bringen und so unsere Seele vorwärtsführen, haben wir geistig-seelische Erlebnisse und Erfahrungen. Diese geistig-seelischen Erlebnisse und Erfahrungen bilden in uns eine Art geistigseelischen Wesenskern. Ungefähr nach dem dreißigsten Jahre – gegen das fünfunddreißigste Jahr zu – haben wir in einer gewissen Weise unser Leben, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, so arrangiert, dass wir in diesem Leben im Wesentlichen so drinnenstehen, wie es den geistigen Ursachen entspricht, die wir in dieses gegenwärtige Erdenleben mitbrachten.

[ 14 ] Von dieser Lebensmitte an, von einer Zeit, die zwischen dem dreißigsten und dem fünfunddreißigsten Jahr liegt, wird unser geistig-seelischer Kern – das heißt dasjenige, was wir in unserem gegenwärtigen Leben erarbeiten – so, dass er dann für den Rest unseres Lebens in uns lebt, wie die Kräfte des neuen Pflanzenkeimes in der Pflanze leben, wie sie in ihr leben, auch wenn die Blätter welk werden und abfallen, und wie diese Kräfte des neuen Pflanzenkeimes die Pflanze überleben, um das Ende der Pflanze mit dem Anfang eines neuen Pflanzenkeimes zu verbinden. So leben wir während unseres ganzen Lebens, aber so, dass von unserem dreißigsten bis fünfunddreiRigsten Jahre an die geistig-seelischen Kräfte die Vorherrschaft ausüben – die geistig-seelischen Kräfte, die wir uns in unserem Leben erarbeiteten. Auch dann, wenn unser Sinnesleben in der zweiten Hälfte abwärtsgeht, wenn unsere Haare erbleichen, wenn die Haut sich runzelt, wenn dieses äußere Leben sich vergleichen lässt mit einem hinwelkenden Pflanzenleben, dann wird immer stärker und stärker, immer kräftiger und kräftiger dasjenige, was sich gewissermaßen bei der Geburt vorbereitete, was sich aber während der ersten dreißig Jahre des menschlichen Lebens wie eingeschlossen, verborgen hielt; was wir mitgebracht haben von unserem früheren Dasein, das wird immer kräftiger und kräftiger und geht durch die Pforte des Todes hindurch, lässt den irdischen Leib von sich fallen, gleich wie die Pflanze die Blätter fallen lässt, geht in die geistige Welt über, um sich auf ein neues Dasein vorzubereiten. Dadurch haben wir auf einen wichtigen Lebenspunkt hingewiesen; [wir haben darauf hingewiesen, ] wie wir von den frischen Lebenskräften der Jugend – die von den vorgeburtlichen Leben kommenden geistig-seelischen Kräfte – gewissermaßen zu denken haben, [wir haben darauf hingewiesen,] wo diese sozusagen an ihrem Wendepunkte stehen, wo die äußeren physischen Kräfte zu welken beginnen und wir auf der Erde ein Leben führen, pflegend den neuen, den geistig-seelischen Keim, der durch die Pforte des Todes schreitet, um in die geistige Welt einzudringen und [verhältnismäßig] bald wieder zu einem neuen Erdenmenschen zu werden.

[ 15 ] Wenn wir nun das menschliche Leben überblicken, dann können wir – in einem höheren Sinne, als das sonst geschehen könnte – die Frage aufwerfen: Womit lässt sich denn unser gegenwärtiges Zeitalter vergleichen? In der Entwicklung der Menschheit stehen wir dem menschlichen Leben so gegenüber, dass wir unsere jetzige Epoche vergleichen können mit den dreißiger oder fünfunddreiRiger Jahren des Menschenlebens oder mit den Jahren, die etwas darüber liegen. Sie können ja das Genauere in der geisteswissenschaftlichen Literatur finden; ich müsste viele Vorträge halten, wenn ich das voll belegen wollte, was ich jetzt ausgesprochen habe. Wenn man unser gegenwärtiges Leben ansieht – dasjenige Leben, das um uns herum in der Kultur in allen menschlichen Verrichtungen ist —, dann erblickt man geisteswissenschaftlich, sachlich betrachtet, dass sich in der Tat dieses Leben in der Außenwelt nur vergleichen lässt mit jenem Teil des Menschenlebens, der etwas über dem dreißigsten bis fünfunddreißigsten Lebensjahr liegt. Die Menschheitsentwicklung auf der Erde ist also bereits eingetreten in ein Lebensalter, das über der Lebensmitte liegt.

[ 16 ] Man braucht nur einmal sein Augenmerk darauf zu richten, braucht von diesem Gesichtspunkt aus nur zu vergleichen, was die Menschheit [in der heutigen Kultur] mit ihren bewunderungswürdigen Errungenschaften erlebt, mit dem, was in der ägyptisch-chaldäischen oder griechisch-römischen Kultur erlebt worden ist. Ich will nur Oberflächliches anführen, will darauf hinweisen, dass gerade jene bewunderungswürdigen Errungenschaften der Technik und Industrie die Konsequenzen der Naturwissenschaft sind; und gerade dieses zeigt, dass der Mensch bereits in einem Zeitalter lebt, das sich losgelöst hat von seinem äußeren Leben und von dem, was unmittelbar mit seiner Leiblichkeit zusammenhängt. Die ägyptische und griechische Kultur stellte den Menschen so in die Welt hinein, wie gleichsam das Kind oder der jugendliche Mensch in die Welt hineingestellt ist, in dem alle Verrichtungen noch unmittelbar abhängig sind von dem, was mit dem Menschen und seiner Leiblichkeit zusammenhängt. Ein aufsteigendes Leben ist das, was wir am einzelnen Menschen in der Kindheit beobachten; ein Leben hingegen, losgelöst vom Menschen, verrichtet gleichsam in der Objektivität, alles maschinenhaft, wie mechanisch losgelöst – das ist unser gegenwärtiges Leben!

[ 17 ] Man könnte das für alle Lebensgebiete, für die Kunst, Wissenschaft, Philosophie wie auch für das religiöse Leben belegen. Es zeigt, was ich gerade eben nur äußerlich andeuten konnte, mit voller Gewissheit: Wir stehen heute in der Gesamtmenschheitsentwicklung auf einem Punkte, der über die Lebensmitte des Menschengeschlechtes hinausgeht. Man könnte es insbesondere nachweisen an der Art, wie man heute Pädagogik rational begründen muss — ganz anders als in alten Zeiten, weil die Kinder heute heranwachsen in einer Menschheit, die die Pädagogik eben künstlich ausarbeiten muss, loslösen muss von dem, was unmittelbare Impulse sind. Man vergleiche damit alle Pädagogik jener Lebensalter der Menschheit, die sozusagen vor der Lebensmitte stehen, und man wird finden, dass da alle Pädagogik wie aus einer unmittelbaren menschlichen Intuition, aus unmittelbaren menschlichen Instinkten hervorgehen will. Gerade wenn man die rationale Entwicklung des zu erziehenden Wesens beobachten will, wird man das äußerlich voll bestätigt finden, was ich aus der Geisteswissenschaft heraus zu sagen habe. Was sie uns aber zeigt, das ist, dass wir gegenwärtig in dem Zeitalter drinnen stehen, das in der Reife liegt, über die Lebensmitte hinausgeht.

[ 18 ] Der Geistesforscher betrachtet nun diese gesamte menschliche Entwicklung. Er lässt sie so, wie ich es ja ungefähr charakterisiert habe, an sich vorüberziehen und geht dabei ganz objektiv vor. Diese Entwicklung zeigt sich ihm, indem er den Blick hinwendet auf das geschichtliche Werden der alten indischen, der alten persischen und der ägyptischen Zeit. Hier zeigt sich, dass man es zu tun hat mit einer Entwicklung, die nach einem Gesichtspunkte hinläuft, nach dem Punkte, der tatsächlich in das griechisch-römische Zeitalter hineinfällt. Da durchläuft die ganze Menschheit den Punkt, auf dem der Mensch sich zwischen dem dreißigsten und fünfunddreiRigsten Lebensjahr befindet.

[ 19 ] Während wir nun aber in unserem Leben — dadurch, dass unser Körper einen Überschuss an Lebenskraft hat diesen Überschuss an Lebenskraft dazu verwenden, den Abstieg unseres einzelnen Lebens sozusagen [auszugleichen], über das fünfunddreißigste Jahr hinaus fortzuleben, indem wir den geistig-seelischen Keim pflegen, bis wir durch die Pforte des Todes schreiten, verläuft das gesamtmenschheitliche Leben anders. Da brauchte die Entwicklung, als die Jugendkräfte der Menschheit erschöpft waren, gleichsam einen neuen Einschlag. Da bedurfte sie einer Kraft, welche nun nicht mehr innerhalb der Menschheit selber lag – eines Einschlages, den wir durch eine bloße Betrachtung des menschlichen und geschichtlichen Werdens finden, eines Einschlages, den wir feststellen könnten, auch wenn wir nichts wüssten von einem Evangelium, von irgendeiner christlichen Überlieferung! Nehmen wir hypothetisch an, wir wüssten gar nichts von irgendeiner christlichen Entwicklung und würden die Menschheitsgeschichte so betrachten, dass wir absehen von allem Christlichen: Trotzdem würden wir finden, dass in diesem Zeitraum, in der griechisch-römischen Epoche, ein Wendepunkt liegt für die gesamte irdische Menschheitsentwicklung – soweit wir sie überschauen können. Wir würden finden, dass, nachdem die vorhandenen Kräfte dieser Menschheitsentwicklung versiegt waren, etwas eingetreten ist, das man benennen kann als neuen Einschlag; wir würden etwas hineinfließen sehen in diese Menschheitsentwicklung, was vorher nicht da war.

[ 20 ] Wenn wir nun genauer auf das eingehen wollen, was da hineingeflossen ist in die Menschheitsentwicklung, dann müssen wir einen Blick werfen auf die Mysterien der alten Zeit. Dieses Mysterienleben, das durch die heutige äußere Literatur schon einigermaßen bekannt geworden ist – Geheimnisse des Lebens, könnten wir auch sagen — gab es in allen alten Kulturen. Mysterien waren Verrichtungen an gewissen Stätten, die sozusagen Kirche und Hochschule zugleich waren; die Verrichtungen, die da vorgenommen wurden, waren Verrichtungen zum Zwecke der Erlangung einer gewissen Erkenntnis. Sie waren zugleich Kultverrichtungen, welche die menschliche Seele so entwickeln sollten, dass diese Seele in ein anderes Leben als das alltägliche hineinwachsen konnte. In der verschiedensten Art wurden diese Mysterien gepflegt bei den verschiedensten Völkerschaften und aus den verschiedensten Kulturen heraus. Das Gemeinsame an allen Mysterien war aber, dass die Leiter der einzelnen Mysterien diejenigen Menschenseelen, von denen sie glauben konnten, dass sie entwicklungsfähig für das betreffende [Mysten]leben seien, dass sie diese hineinzogen in die Mysterien. Man hatte aber innerhalb dieser Mysterien eine andere Ansicht von menschlicher Erkenntnis, vom menschlichen Seelenleben, als man heute gewöhnlich hat – eben diejenige Anschauung, die von der Geisteswissenschaft in einer gewissen Weise wieder erneuert werden soll.

[ 21 ] Man hatte die Anschauung, dass die Menschenseele, so wie sie im Alltagsleben ist, ganz gewiss Grenzen hat, dass sie nicht eindringen kann in diejenigen Regionen, wo sich die menschliche Seele zusammenknüpft mit den Quellen des Daseins selber. Man hatte die Ansicht, dass die menschliche Seele erst ein gewisses moralisches Gewissen, eine gewisse Erkenntnis [entwickeln], eine gewisse Vorbereitung durchmachen müsste, sodass sie sich durch die Anwendung gewisser Kräfte zu einem anderen Wesen machen könnte, um dann Erkenntniskräfte erreichen zu können, die über das alltägliche Leben hinausgehen — Erkenntniskräfte, durch die sie hineinschauen könnte in das, was über und hinter den sinnlichen Dingen liegt, was also in einer geistigen Welt ist.

[ 22 ] Wenn man mit dem geistigen Blick die verschiedenen Mysterien verfolgt, wie sie bei den einzelnen Völkern waren, so findet man, dass es im Wesentlichen zwei Arten von Mysterien gab. Die eine Art der Mysterien bestand darin, dass unter der Leitung der Führer dieser Mysterien die Schüler in Bezug auf ihr seelisches Leben in einer ganz bestimmten Weise entwickelt wurden. Sie wurden so entwickelt, dass sie in ihrem Schauen unabhängig wurden von der Leiblichkeit. Ihr geistig-seelisches Wesen wurde aus der Leiblichkeit herausgezogen. Aber es geschah in zweifacher Weise: Die eine Weise findet man bei den griechischen und ägyptischen Mysterien, die andere mehr bei den persischen und vorderasiatischen Mysterien.

[ 23 ] Bei den ägyptischen und griechischen Mysterien war die Sache so, dass die Schüler daran gewöhnt wurden, alle Blicke von der Außenwelt abzulenken und alle Wahrnehmungen nach innen zu kehren. Sie lernten, in einen Zustand zu kommen, der sonst beim Menschen nur – man kann sagen, unwillkürlich – eintritt, wenn der Mensch in den Schlaf versetzt wird, wo die äußeren Sinneseindrücke aufhören, wo die Welt ihre Impulse mehr von innen auf den Menschen wirken lässt. So wurde die Seele eines solchen Mysterienschülers ganz in sich selbst hineingeführt, wodurch sein inneres Leben verstärkt wurde. Eine solche Seele lebte ein innerliches, intensives Leben, wie es der Mensch im Wachzustande nie erleben kann, wenn er den äußeren Sinneseindrücken hingegeben ist. Eine solche Seele erlebt sich innerlich in einem viel intensiveren, stärkeren Leben. Und eine solche Seele kam dann, ab einem bestimmten Punkte ihres inneren Erlebens, dazu, von sich sagen zu können: Der Mensch ist etwas, wovon er erst erfährt, wenn er sich herausreißt von allem Sinnesleben, wenn er sich ganz stark in sich selber erlebt.

[ 24 ] Dann kam immer eine ganz bestimmte, eigenartige Stimmung über den Schüler – es war ja eine Erfahrungssache, zu dieser [besonderen] Stimmung zu kommen –, aber die Schüler kamen eben zu dieser Stimmung. Diese bestand darin, dass der Schüler aus seinem inneren Leben heraus, aus dem, was er im verstärkten Seelenleben wahrnahm, sich sagte: So wie ich im gewöhnlichen Menschenleben bin, war ich [bisher], um mit der äußeren Sinneswelt zusammenzuleben; so bin ich aber nicht in meiner vollen Menschennatur, in dem, was ich eigentlich als Mensch sein sollte. Dies erreiche ich in der Welt nur, indem ich mich in mir selber stärke, mich in mir selber erfühle, erlebe. – Dadurch kam der Schüler zur selbstverständlichen Erkenntnis, dass der Mensch in seinem Innern einen geistig-seelischen Kern trägt, den er in seinem äußerlich-leiblichen Leben nicht ausleben kann, dass der Mensch zu höheren Seeleneigenschaften kommen kann als im äußeren Leben. Der Mensch fühlte sich, wenn er sich so in einem höheren Sinne innerlich als Mensch erlebte, der Gottheit näher – der Gottheit, in der sein Urquell ist. Er fühlte sich dem Punkte näher, wo sich das menschliche Seelenleben unmittelbar angliedert an den Urquell des Daseins, des Lebens. Er fühlte sich in seiner göttlichen Heimat. Er fühlte sich geboren aus dem göttlichen Weltengrunde; er erlebte sich im Zusammensein mit seinem Gotte, mit seinem Ursprung. Dies war der Weg, den die einzelne Seele durchmachte.

[ 25 ] Er wurde aber erkauft – das muss ausgesprochen werden, denn nur wenn es ausgesprochen wird, versteht man diesen eigentümlichen Erkenntniszweck der Menschheitsentwicklung vollständig —, dieser Weg wurde erkauft dadurch, dass sich in der Menschenseele der Egoismus vergrößerte, nicht verringerte! Und gerade deshalb legten die Führer der Mysterien einen so großen Wert auf eine gute, entsprechende Vorbereitung, denn sie wussten: Wenn ein Unvorbereiteter kommt, ein solcher, der nicht zur Selbstlosigkeit und zur menschlichen Liebe heranerzogen worden ist, bevor er seinen Geistesweg begonnen hat, der nicht eine gute Grundlage hat, dann vereinigt er sich durch das Mysterienwesen zwar mit seinem Gotte, aber er würde dies eben erkaufen müssen mit einem egoistischen, mit einem selbstsüchtig werdenden Wesen. Denn dadurch, dass man sich aus dem Miterleben der äußeren Welt zurückzieht und in sich selbst lebt, erlebt man das menschliche Selbst verstärkt; die Egoität, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, erlebt man verstärkt. Und so waren die Gottschauer dieser Mysterien, die dieses Gottschauen erlebten durch eine Verstärkung, eine Erkraftung ihres inneren Selbstes, nur befähigt, aufgrund eines guten inneren Kernes in einer guten moralischen Lebensweise zu bleiben trotz der Verstärkung ihres Egoismus. Das war die eine Art [der Mysterienschulung], und zwar jene, [durch] die [die Schüler] – ohne die Einweihung – ein höheres Schauen erreichten.

[ 26 ] Bei der anderen Art der Mysterien gab es zum Beispiel eine besonders Ausgeprägte in den alten Kulturen Vorder- und Mittelasiens, und zwar eine, durch die der Mensch in das Dasein eingeweiht wurde durch das Freiwerden vom inneren Erleben. Er musste alles Innerlich-Seelische, wie es im gewöhnlichen Leben eben da ist, unterdrücken. Er wurde gleichsam herausgeholt aus dem innerlich-seelischen Erleben, aus den Sorgen und Bekümmernissen, Trieben und Begierden; und das persönliche Dasein wurde zu einem solchen Erleben gebracht, dass er in intensivster Weise alles das miterlebte, was im Alltagsleben geschieht: die äußeren Naturereignisse. Man erlebte im Alltag Winter und Sommer. Der Schüler solcher Mysterien sollte nicht bloß in dem Sinne, wie man gewöhnlich Winter und Sommer erlebt, den Wechsel der Jahreszeiten durchwandeln; er sollte mit dem Kaltwerden der Erde, mit dem Ersterben der Blätter, der Pflanzenwelt und des gesamten Lebens im Winter das ganze Leben der Erde so miterleben, bis es sein ganzes körperliches Leben mitmachte. Er soll sich als Glied des gesamten Erdorganismus fühlen; er sollte in seinem Innern, in seiner Seele, die Traurigkeit und die Öde des Frostes mitmachen, er sollte sich als ein Glied des Erdendaseins fühlen. Er sollte jauchzen, wenn die Johanniszeit kam und die Sonne am höchsten stand; er sollte das aufgehende frische Leben so fühlen, dass er ihm entgegenjauchzte, gleichsam das ganze Aufwachen des Lebens erlebend. Und dann, wenn die Sonne am höchsten stand, wurde die Seele zum Miterleben des ganzen Kosmos gebracht. Dadurch erlebten diese Menschen den Kosmos ganz anders, als wir ihn in unserer [heutigen] Naturbetrachtung erleben. Sie erhoben sich zu dem Geistig-Seelischen, das über unserem Kosmos ausgegossen ist, und fühlten sich in der Seele des Weltalls.

[ 27 ] Wenn man diese Einweihung als ein Schüler durchgemacht hatte, dann kam man wiederum zu einem ganz bestimmten Erlebnis. Man kam gleichsam aus sich heraus, aber nicht im schlimmen, sondern im guten Sinne. Man kam zu einem Zustande des Außer-sich-Seins – man nennt es nicht gern ekstatischen Zustand, weil das Wort heute missbraucht wird und vielfach für etwas, was zu verpönen ist, verwendet wird. Man kam zu einer Anschauung über die Naturerscheinungen des ganzen Kosmos, kam zu einem Sich-eins-Fühlen mit dem Kosmos. Und dann kam das ganz bestimmte Erlebnis, das man etwa mit den folgenden Worten aussprechen kann. Der Schüler konnte sich sagen: Ich darf mit dem Kosmos leben, ich darf auf das intensivste erleben, was der Kosmos an geistig-seelischen Kräften in sich hat, und etwas wird mir da klar, nämlich dass der Kosmos angelegt ist, um zuletzt den Menschen hervorzubringen. Ich bin der Sohn des Kosmos! Und wäre der Mensch nicht im Kosmos, so wäre die Schöpfung nicht an ihr Ziel, nicht an ihr Ende gekommen. – Es ist etwas ganz anderes, dies mit abstrakten Worten zu sagen, was ich jetzt gesagt habe, als dies zu erleben, nachdem man die ganze Seele umgewandelt hat, nachdem man so weit gekommen ist, sich wirklich als ein Glied des Kosmos zu fühlen. Das verspürten die Schüler dieser Mysterien. Durch diese Steigerung des ganzen menschlichen Bewusstseins war es ganz unerlässlich, dass der Mensch unter diesem Erleben zu einem stolzen Bewusstseins kam. Stolz war jenes Zusammensein mit dem Göttlich-Geistigen dieser Welt, wie das andere Zusammensein, was man durch die Sinnenwelt zustande bekam, egoistisch war. Und da musste die moralische Entwicklung des Schülers so weit sein, dass er, der das Göttliche erleben sollte und dabei sah, dass alle Außenwelt nach dem Menschen hinzielte, nicht völligem Hochmut verfiel.

[ 28 ] Auf diese zweifache Art wurden alle Erkenntnisse erlangt, die im Altertum zu Erkenntnissen der Menschheit geworden sind. Was war damals notwendig? Notwendig war in diesen alten Zeiten, dass die Menschheit gleichsam frische Kräfte bekam, durch die sie zur aufsteigenden Entwicklung gebracht wurde — notwendig war es, weil sie bei ihrer Menschheitsgeburt auf der Erde dieses äußere Sinnesleben nicht so voll auslebte, wie auch das Kind nicht die volle Menschheit auslebt. Diese [damalige] Menschheit kam [erst] durch die Mysterien zur vollen Menschheit. Aus zwei Stücken setzt sich die gesamte alte Kultur zusammen: aus dem, was man erlebte, indem das Innenleben erkraftet wurde, oder aus dem, was man erlebte, indem man das ganze große Weltall in seinen grandiosen Zuständen erschaute und sich so sagen konnte: Das alles tendiert, zieht hin nach dem Menschen, nach dem, was ich als Geistig-Seelisches in mir habe. — Namentlich der letztere Mysterienschüler blickte so hinaus nach den Weltenweiten, dass er sagte: Da draußen in den Weltenweiten ist dasjenige, was über mich kommen muss, was in mich eindringen muss, wenn ich mich im vollsten Sinne des Wortes als Mensch erkennen soll. Ich lebe auf der Erde und kann nicht hinausblicken in die Weiten der Welt. Doch kommt aus den Weiten der Welt der Geist über mich, dann kann ich im vollsten Sinne des Wortes mich als Mensch betrachten.

[ 29 ] Da kam das Zeitalter, in dem die Jugendkräfte der Menschheit gewissermaßen versiegt waren, in dem das ganze Menschengeschlecht angekommen war auf derjenigen Stufe, in der der einzelne Mensch zwischen dem dreißigsten und fünfunddreißigsten Jahre steht. Nun müsste ich wiederum viele Vorträge halten, wenn ich das, was jetzt zu sagen ist, durch weitere Ausführungen belegen müsste. Zu jener Zeit, [als die Menschheit in] dieses Entwicklungsalter [eintrat], hatten die alten Mysterien für die Menschen ihren Sinn verloren, weil ja das, was eben angedeutet worden ist – die Mysterien –, einer jugendlichen Menschheit gegeben war. Jetzt trat dasjenige ein, was heute für den Menschensinn noch so schwer anzuerkennen ist. Was in den alten Mysterien in der Tat über den einzelnen Schüler kam und sich nur dann vollzog, wenn er aus dem gewöhnlichen, aus dem Alltagsleben heraustrat, wenn er seine Seele aus sich herausholte, [das trat nicht mehr ein]; es trat das ein, dass der Mensch, wenn er auch den Versuch weiter gemacht hätte, sich so aus sich herauszuholen, nicht mehr ein Geistig-Seelisches aus dem Kosmos hätte ankommen sehen. Die alten Schüler fühlten, wenn sie auf dem richtigen Punkt der Entwicklung waren: Was der Welt als geistig-seelisches Element zugrunde liegt, kommt über mich, dringt in mich ein. — Der Mysterienschüler, namentlich der persische und vorderasiatische, fühlte, wenn er in seinem nicht-gewöhnlichen menschlichen Zustande war, wie der Geist sich auf seine Seele niederließ, wie er vom Geist der Welt durchdrungen wurde. Solange Jugendkräfte in der Menschheit waren, war es so. Man kann nun nachweisen, dass während der griechisch-lateinischen Zeit dies eben für die menschliche Natur aufhörte und eine Zeit kam, wo man alle die alten Verrichtungen hätte machen können, ohne jedoch wie früher aus dem Weltall heraus inspiriert zu werden, wo die Inspiration nicht mehr eintrat, weil der Mensch nur mit der frischen, unverbrauchten Jugendkraft [der Menschheit] in seiner Seele die Fähigkeit hatte, sich in Mysterienart von den Welten inspirieren zu lassen.

[ 30 ] Jetzt trat aber etwas anderes ein. Was in den einzelnen Menschen nicht mehr hineindringen konnte, wozu die einzelne menschliche Natur auch durch besondere Mysterienverrichtungen nicht mehr fähig war, das trat jetzt in besonderer Weise in die menschliche Entwicklung hinein. Ein Mensch musste da sein, der die beiden Mysterienwege unmittelbar miteinander verband. Und so sehen wir – geisteswissenschaftlich betrachtet, ganz abgesehen von allen Evangelien – den Christus Jesus in die Weltentwicklung hineintreten!

[ 31 ] Man könnte nun Folgendes sagen: Nehmen wir an, es wäre möglich, dass irgendein Mensch gar nichts von einem Evangelium wüsste, dass man ihm vorenthalten hätte, in die christliche Kultur hineinzublicken; nehmen wir an, er träte heute hinein in die geistige Welt, nur durchdrungen von der Geisteswissenschaft, dann würde er dasselbe, was ich jetzt als Voraussetzung entwickelt habe, in sich entwickeln können. Er würde sich sagen müssen: Es trat einmal ein solcher Punkt in der Menschheitsentwicklung ein. Die Menschheitsentwicklung ist vorangegangen; die Menschen haben sich ein geistiges Wesen bewahrt. Und das konnte nur dadurch geschehen, dass in die Erdenentwicklung etwas hineingekommen ist, was früher nur der einzelne Mensch aufgenommen hatte. — Ich müsste allerdings viele Vorträge halten, um all das auszuführen. Wenn man alles zusammennimmt, was die Geisteswissenschaft bietet, so findet man eine Notwendigkeit, die sich in einem Lehrsatz kennzeichnen lässt: Notwendig war, dass in einem angedeuteten Entwicklungspunkt der Menschheitsentwicklung ein Wesen da war, welches das hereinnahm, was früher den Mysterienschülern hereinzunehmen möglich war, es hereinnahm durch die Kraft des Seeleninnern, durch die höchste Kraft des Seeleninnern. Mit anderen Worten: Es musste ein Mensch auftreten in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, welcher in seinem früheren Leben auf der Erde das aufgenommen hatte, was durch jene Mysterienentwicklung innerlich wirkt, innerlich die Seele bereit macht, um das Äußere, was die andere Mysterienart im Menschen gab, unmittelbar zu erfassen.

[ 32 ] So steht der Christus Jesus vor der Geisteswissenschaft da als eine Wesenheit, die zugleich durch innerliche wie durch natürliche Anlagen jene Erkraftung der Seele hatte, welche in der einen Mysterienart erworben wurde, und die dadurch fähig wurde, das aufzunehmen, was in der anderen Mysterienart vom Kosmos an den Schüler herankam. So, [in dieser Art,] schauen wir in der Geisteswissenschaft den Christus Jesus an, das heißt, in der Geisteswissenschaft müssen wir davon sprechen, dass dasjenige, was der alte Mysterienschüler als seinen Zusammenhang mit der Gottheit suchte, in dem Christus Jesus als unmittelbare historische Tatsache zum Ausdruck gekommen ist. Wann kam das zum Ausdruck? Es kam zum Ausdruck in demjenigen Lebensalter, in dem im einzelnen Menschen diejenigen Kräfte verbraucht sind, die – wie wir gesehen haben – in der ganzen Menschheit in einem gewissen Zeitalter verbraucht waren. Als Jesus sein dreißigstes Jahr erlangt hatte, da stand er als Mensch genau in demjenigen Lebensalter, in dem zu seiner Zeit die Menschheitsentwicklung stand. Da nahm er das auf, was wir nun den Christus nennen, und dessen Aufnahme trat ein in dem Zeitpunkt, der durch die Evangelien charakterisiert wird als die Johannes-Taufe im Jordan. Da nahm Jesus den Christus in seine voll entwickelte Seele auf; er nahm das in seine innerlich erkraftete Seele auf, was der Geist des Kosmos ist. So steht an diesem Wendepunkt der Menschheitsentwicklung ein Mensch, der das Göttlich-Geistige in sich aufgenommen hat. Vor der Seele der Geisteswissenschaft steht dies so da, dass wir uns sagen können: Was in den alten Mysterien angestrebt wurde, das wurde historisches Ereignis!

[ 33 ] Und nun blicken wir weiter auf dasjenige, was angedeutet wird in den Evangelien als der Tod und die Auferstehung, und wir haben geisteswissenschaftlich dasjenige Ereignis vor uns, das wir so bezeichnen, dass wir sagen: Von da ab ist etwas in der irdischen Menschheitsentwicklung vorhanden, was früher nicht da war. Das ist etwas, was für die [Menschen der] Gegenwart recht schwer zu begreifen sein wird. Während der ganzen alten Zeit war die Berührung des Menschlichen mit dem Göttlichen in Wahrheit nur in den Mysterien möglich. Das andere waren Glaubensdinge, die aus den Mysterien herausgetragen wurden. In dem Ereignis, von dem wir jetzt sprechen — dem [fruchtbarsten] Punkt der Menschheitsentwicklung –, hat die Berührung des den Kosmos durchdringenden Geistigen mit einem Menschen so stattgefunden, dass [durch] die Ereignisse von dem Tode bis zu dem, was wir Auferstehung nennen, sowie [durch] das, was der Christus während der drei Jahre seines Wirkens durchgemacht hat, [die Entwicklung] so weit war, dass diese Kraft dann von dem Mysterium von Golgatha ausgegangen ist, ausgeflossen ist; während sie also früher sozusagen im außerirdischen Kosmos war, ist sie seit jenem Zeitpunkt im irdischen Teil des Kosmos mitenthalten.

[ 34 ] In den vorherigen Zeiten musste zu einer außerordentlichen Entwicklung Zuflucht genommen werden, [zu zwei Arten von Mysterien]. Unterirdisch nannte man die eine Mysterienart, wo der Mensch sich innerlich erkraftete zu etwas, was innerhalb der normalen Entwicklung nicht erlangt wurde; übermenschlich nannte man die andere Mysterienart, wo der Mensch, wenn er den Geist des Kosmos aufnahm, den Geist des Kosmos miterlebte, wie es beschrieben worden ist. Es musste der Mensch aus diesen alten Mysterien herausgehen, erst dann konnte er den Zusammenschluss mit dem Göttlichen erlangen. Durch das Mysterium von Golgatha hat sich etwas vollzogen, das eine geistige Urtatsache ist, denn von ihr geht das aus, was vorher nicht innerhalb der menschlichen Erdentwicklung vorhanden war. Vorher lebten die Menschen in einer Erdensphäre, die außerhalb dessen war, was man eben bei der Inspiration in den Mysterien aus dem Kosmos hereinholte. Das war jetzt übergegangen in einen einzelnen Menschen durch das Ereignis, das man die Johannes-Taufe im Jordan nennt, und es war ausgeflossen von diesem einzelnen Menschen in die Erdenatmosphäre, sodass jede Menschenseele, die in diese hineingetaucht ist, indem sie die geistig-seelische Verbindung damit sucht, teilhat an dem, was darauf folgt: die Auferstehung.

[ 35 ] Dadurch lebt der Mensch seit dem Mysterium von Golgatha in einer geistigen Umwelt, von der wir sagen können: Diese geistige Umwelt ist «verchristet», weil sie den Christus-Impuls in sich aufgenommen hat. – Nachdem wir in das Zeitalter der absteigenden Menschheitsentwicklung eingetreten sind, können wir unsere Beziehung, unser Verhältnis zu dem Christus [nur] herstellen, wenn wir uns in der Seele aufraffen, über die absterbenden Kräfte in uns selber hinauszuwachsen. Im alten Sinne finden wir das Geistige des Menschenursprungs nicht [mehr]. Im neuen Sinne gelingt es uns, wenn wir den Zugang zum Christus suchen und ihn innerhalb der geistigen Erdenatmosphäre finden. Daher zeigt sich gerade für den Geistesforscher dieses Christus-Ereignis in einer ganz eigenartigen Weise, und es ist vielleicht interessant, gerade das hier anzuführen, was der Geistesforscher selber mit dem Christus erlebt, damit die ganze, volle Bedeutung des Christus-Impulses für die Menschheitsentwicklung sich auch daraus einigermaßen ersehen lässt.

[ 36 ] Wenn der Geistesforscher das in sich durchmacht, wovon ich gesagt habe, dass es ein Vorgang der Seele ist, also dass die Seele sich in eine geistige Welt hineinlebt und das geistig erlebt, was sie sonst sinnlich-physisch erlebt, so erlebt sie im Geiste eben eine Summe von geistigen Wesenheiten. Aber sie erlebt diese Vorgänge auf eigenartige Weise, je nachdem, ob sie noch im physischen Leib, während des gewöhnlichen physischen Daseins, den Christus, den Christus-Impuls, in sich erlebt und erfühlt hat oder dies nicht getan hat. Man kann auch heute ein Geistesforscher sein, ohne irgendeinen inneren, geistigen Zusammenhang mit dem Christus-Impuls zu haben. Man kann eine seelische Entwicklung durchmachen, man kann geistig schauen lernen, und man wird vieles, was Weltengeheimnisse sind, was der Welt zugrunde liegende Mysterien sind, durch geistig-seelisches Schauen erkunden, aber man wird nichts erkennen können von dem Christus-Impuls und seiner Wesenheit! Hat man noch im physischen Leib vor dem geistigen Schauen eine Gemütsbeziehung zu der Christuswesenheit hergestellt, dann bringt man diese in die geistige Welt hinein; man behält das, was man als Christus-Erlebnis hier im physischen Leibe erlangt hat, auch für die geistige Welt wie eine Erinnerung. Und man durchschaut dann, dass man in diesem physischen Leib, von dem man ja in der geistigen Schau getrennt ist, schon einen Zusammenhang mit der geistigen Welt haben konnte: Dieser Geisteszusammenhang ist der Zusammenhang mit der Christuswesenheit. Man schaut, dass der heutige Mensch seinen Zusammenhang mit der Geisteswelt verlieren müsste, wenn er ihn nicht suchen wollte auf dem Umweg durch die Christuswesenheit. Gerade als Geistesforscher lernt man erkennen, wie unendlich notwendig es seit dem Mysterium von Golgatha ist – um in sich den Zusammenhang mit dem geistigen Innenleben aufrechtzuerhalten –, diesen Zusammenhang zu suchen in der Beziehung der Menschenseele zu dem Christus-Impuls. So erscheint der Christus-Impuls als dasjenige, was der Menschheit gegeben ist als Geistiges in einer Zeit, in der die alten Erbstücke, die in der Menschheitsentwicklung in der vorchristlichen Zeit vorhanden waren, nun nicht mehr vorhanden sind. Was der Mensch erlebt nach dem dreiRigsten bis fünfunddreißigsten Jahre, erlebte die ganze Menschheit seit dem Beginn unserer Zeitrechnung. Unsere Innenkultur in dem gesamten äußeren Leben ist ja das, was die Seele während des Alltags erlebt. Die Menschheitsentwicklung hat aber keinen Leib wie der einzelne Mensch. Verloren hätte die Menschheitsentwicklung ihren Zusammenhang mit der göttlichen Geistigkeit, der vorher durch die jugendfrischen Kräfte noch vorhanden war, wenn nicht ein außerordentliches Wesen – ein Wesen, das aus dem Kosmos auf die Erde heruntergestiegen ist — sich in die Erdenmenschheitsentwicklung ausgegossen hätte und der Mensch dadurch seinen Zusammenhang mit der Geisteswelt wieder finden kann.

[ 37 ] Nun, ich weiß, dass diese Dinge in den obersten Kreisen heute noch wenig beliebt sind und es vielleicht weniger sein können als die allgemeinen Prinzipien und die allgemeinen Gesetze der Geisteswissenschaft. Ich weiß auch, dass ich in einem kurzen Vortrag nicht mehr geben kann als diese paar Anregungen, denn in Bezug auf ein so wichtiges Thema kann ich selbstverständlich nicht eine Überzeugung hervorrufen, sondern es kann nur eine Anregung gegeben werden über die Richtung der Geistesforschungen, welche die Fortsetzung der Naturforschungen sein sollen, über die Richtung, welche die Geisteswissenschaft in Bezug auf den Christus-Impuls, die Christuswesenheit nimmt. Selbstverständlich muss das, was hier entwickelt worden ist, sich ganz langsam und allmählich in die Menschenseele einleben, und es wird sich auch einleben, je mehr sich die Geisteswissenschaft selbst [in diese] einlebt. Geisteswissenschaft ist ja eben nicht so bequem wie mancherlei anderes, was von der Menschenseele angenommen wird. Geisteswissenschaft macht das zur Voraussetzung, dass die Menschenseele sich erst umwandelt, bevor sie zu den Erkenntnissen kommt. Daher wird sie heute, wo man in Bezug auf das Geistige sich gerne einer gewissen Passivität überlässt, [zunächst] noch hartnäckig abgewiesen. Aber gerade in Bezug auf das Christus-Erlebnis weist Geisteswissenschaft auf ein Bedeutsames!

[ 38 ] Was konnte der Mensch, der seinen Zusammenhang mit der Gottheit in den Mysterien suchte, finden? Er konnte zwar den Zusammenhang mit dem Geistigen finden, aber er musste auch mit seinem Menschen[tum] nach der einen oder anderen Richtung aus sich herausgehen; er musste im Erleben des Göttlichen gleichsam zu etwas werden, was nicht mehr Mensch ist. Das war nun der bedeutsame Fortschritt, das war das Großartige, das eintrat mit diesem Wendepunkte der Menschheitsentwicklung, den ich angedeutet habe: [Der Mensch konnte nicht mehr in der angedeuteten Weise aus sich herausgehen, weil er die Jugendkräfte der Menschheit nicht mehr in sich hatte; er konnte gleichsam nicht mehr aus sich herausgehen, denn die Menschheit war in ein

[ 39 ] anderes Lebensalter eingetreten, die Jugend hatte sie ja eben schon hinter sich gelassen. Nun brauchte der Mensch nicht mehr nach der einen oder anderen Seite aus sich herauszugehen, sondern durch das Mysterium von Golgatha war etwas geschehen, wodurch der Mensch mit seinem gewöhnlichen Menschentum zwar hinauskam, aber doch Mensch blieb.]

[ 40 ] Der Mensch braucht jetzt nicht mehr den Gott dadurch erreichen, dass er entweder seinen Egoismus oder seinen Stolz erhöht, sondern den Gott erreicht er dadurch, dass er Mensch bleibt, [indem er selber sein Menschentum zu einem höheren Selbst, zu einer größeren Innerlichkeit überführt und damit auch die Äußerlichkeit überwindet]. Dadurch also, dass der Christus in den Entwicklungsgang der Menschheit hineinkam, kann man nun zum Menschen sagen: Du sollst Mensch bleiben; auch innerlich sollst du Mensch bleiben, denn in dir selbst findest du das, was seit dem Mysterium von Golgatha in deine Seele eingetaucht ist. Du brauchst nicht nach unten oder nach oben aus dem Menschen herauszugehen. – Erhöhung des Egoismus war einst notwendig bei der einen [Mysterienart] – Erhöhung des Stolzes bei der anderen. Dasjenige aber, was [heute] nach dem Mysterium von Golgatha notwendig ist für die Menschenseele, die nun finden soll das, was man früher innerhalb der Menschheit, innerhalb der menschlichen Erdengeschichte selber gefunden hat – was [damals] notwendig war – und das man mit keinem anderen Wort bezeichnen kann: Das ist die tiefste, die bedeutsamste Eigenschaft des Menschen, das ist die Liebe! In der einen Mysterienart musste der Egoismus entwickelt werden, in der anderen Mysterienart der Stolz. Nun handelt es sich darum, dass der Mensch fähig gemacht wird, gerade über diesen Egoismus und diesen Stolz hinauszugehen und den höheren Menschen in sich zu fühlen, der nach Überwindung des Egoismus [und des Stolzes] strebt. Und es handelt sich zugleich darum, einzulaufen in eine Entwicklung, die nicht in den Stolz und in den Hochmut hineintreibt, sondern die innerhalb des Elementes der Liebe stehen bleibt. Das liegt dem bedeutungsvollen Wort des Paulus zugrunde: «Nicht ich, sondern der Christus in mir!» Man fühlt den Christus seit dem Mysterium von Golgatha zunächst als dasjenige, wodurch man sich also mit seinem Göttlichen vereint, nicht nur dem Worte nach, sondern durch das Mysterium von Golgatha [auch in Wirklichkeit].

[ 41 ] Wenn Gott außer mir sich in mich ergießen will, wenn ich außerhalb meines Leibes bin, [wenn ich im Weltall aus den Tiefen der eigenen Seele heraus in Gott bin,] wenn ich [mich] in mir zur eigenen Seele erkrafte, dann schaue ich die Geheimnisse der Liebe! – Das konnte sich der alte Mysterienschüler sagen und mit ihm alle anderen Menschen, die Anhänger waren von diesen oder anderen Religionsbekenntnissen. [Es handelt sich nicht um etwas, was außer mir gefasst wird, sondern um etwas, was ich finde, wenn ich die Wege meiner eigenen Seele fortsetzen will, wenn ich von dem ausgehe, was ich im Alltag erlebe: Das Einzige, was wir auf der Erde erleben, wenn wir aus uns selbst herausgehen, das ist die Liebe, die ich im andern Wesen finde – im Übergreifenlassen der einen Seele in die andere Seele.] Man bleibt die Seele, die man ist, wenn man sich in der anderen Seele liebevoll findet; man bleibt das Wesen, das man ist, wenn man sich in dem anderen Wesen liebevoll findet. Der Mensch bleibt und ist immer noch Mensch, wenn er den Christus in sich finden will, und er findet den Christus in sich, weil es durch das Mysterium von Golgatha möglich geworden ist, dass die Seele, wenn sie über sich selber hinausgeht und nun in der Menschensphäre bleibt, zu dem kommt, was das paulinische Wort sagt: «Nicht ich, der Christus in mir!» Es ist ein mystisches Erlebnis, wenn man fühlt, dass ein höheres Selbst, ein höheres Menschentum in einem lebt, dass dieses höhere Menschentum dasjenige ist, was die eigene Seele trägt von Leben zu Leben, von Körper zu Körper, was die Seele einbettet in das Geistige. Es ist das Erleben des Christus in sich – es ist ein mystisches Erleben! Wir können es in Wahrheit nicht erleben, wenn wir nicht durch Entwicklung derjenigen Seelenkraft, die sich in den verschiedenen Erscheinungen der Liebe zeigt, über die Seele selber – aber in ihr [bleibend] – hinausgehen. So erlebt der Mensch mystisch den Christus in sich. Geisteswissenschaft zeigt dann, wodurch gerade dieses Christus-Erlebnis möglich geworden ist, und ich darf mich diesmal vielleicht durch einen Vergleich, der etwas mehr ist als ein Vergleich, verständlich machen.

[ 42 ] Es wird in den abendländischen Philosophien vielfach gesagt – und das mit vollem Recht —, wir könnten nicht Farben sehen, wenn wir nicht Augen hätten. Unsere Augen müssten für die Farben organisiert sein, gleichsam innerlich die Farben schon veranlagt haben. Hätten wir keine Augen, so wäre die Welt um uns herum farblos und finster. So ist es auch mit den anderen Sinnen. Die Sinne sind für die äußere Welt veranlagt. Das hat Schopenhauer und andere Philosophen dazu geführt, die Welt unsere Vorstellung zu nennen. Goethe hat den schönen Ausdruck geprägt:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
wie könnten wir das Licht erblicken?

[ 43 ] Das heißt: Lägen nicht im Auge die Kräfte, die es befähigen, Farben zu sehen, dann wäre die Welt farblos und finster. Eine Menschenseele kann natürlich niemals zum Verständnis des Christus kommen, wenn sie nicht innerlich diesen Prozess, den ich andeutete, [durchmacht], nämlich in sich über sich selber hinauszukommen, in sich zu erleben die Wahrheit der paulinischen Worte: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»

[ 44 ] Aber gerade Goethe hat seinem eigenen Ausspruch noch einen anderen gegenübergestellt, und es ist wichtig, dass er diesen Ausspruch auch noch getan hat:

Gäbe es kein Licht, das einmal aus einem augenlosen Wesen
das Auge herausgeholt hat, dann gäbe es auch kein Auge.

[ 45 ] Das eine ist so richtig wie das andere. Ohne das Auge könnte ein Wesen nichts wahrnehmen und ohne das Licht wäre kein Auge in irgendeinem Lebewesen. Wahr ist es: Erlebt nicht die Seele den Christus in sich, so wäre die Welt für sie Christus-leer. Wenn unsere Seele nicht den Christus hätte – wie könnten wir dann den Christus wahrnehmen? Aber das Umgekehrte ist auch wahr, und das zeigt eben die Geisteswissenschaft: Das innere ChristusErlebnis ist nur möglich dadurch, dass der Christus-Impuls, die Christuswesenheit von der irdischen Menschheitsentwicklung in der geschilderten Weise aufgenommen worden ist und dass von außerhalb in einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt der ChristusImpuls in die Menschheit eingetreten ist. Ohne den historischen Christus gäbe es keinen mystischen Christus. Und das ist nur ein abstraktes Reden, wenn irgendjemand behaupten wollte, dass eine Seele zu dem Christus-Erlebnis kommen könnte, ohne dass der historische Christus in die Menschheitsentwicklung eingetreten ist, denn vor dem Mysterium von Golgatha gab es kein mystisches Christus-Erlebnis. Alles, was man als solches ausgibt, beruht auf einem Missverständnis — es kann nicht sein. Ebenso wenig wie ein Auge in irgendeinem Lebewesen vorhanden wäre ohne die Sonne, ebenso wenig gäbe es ein mystisches Christus-Erlebnis ohne den historischen Christus, wenn auch die Sonne ohne das Auge [nicht] gesehen werden kann, wenn auch der historische Christus im wahren Sinne des Wortes nur von dem wahrgenommen wird, der den mystischen Christus in sich selber erlebt. So führt Geisteswissenschaft als ein völlig vom Evangelium freies Schauen über [das Verstehen der] Menschheitsentwicklung zu dem Christus. Und da sie den Christus als einmal historisch eingetreten erkennt, erkennt sie zugleich, dass dieses Christuswesen eintreten musste in einen Menschen, einmal da sein musste in einem Menschen, damit durch den Menschen, [aus ihm] heraus, der Weg zu der Christuswesenheit in der geistigen Erde hat gefunden werden können.

[ 46 ] So kommt die Geisteswissenschaft zu dem Christus und durch den Christus zum historischen Jesus, und das in einer Zeit, in welcher die äußere Forschung so vielfach daran rüttelt. Ich kann mich auf dieses Rütteln nicht einlassen, aber es gibt auch hier in Hamburg eine Welt der äußeren Wissenschaft, die so vielfach rüttelt aus den [ihr zugänglichen] Urkunden heraus an dem historischen Jesus. Es wird das, was an diesem Abend speziell vorgebracht worden ist, selbstverständlich Widerspruch über Widerspruch wecken können. Und ich kann diesen Widerspruch voll begreifen, wenn mancher, der heute zugehört hat, morgen sich sagt: Das ist doch alles nur eine Träumerei, die da ausgesprochen worden ist. — Es mag sein, dass dies heute noch so aussieht, aber der Geistesforscher weiß, wie es um diese Dinge steht, er weiß, dass man heute noch so denken muss über diese Dinge, wie man seinerzeit über die große Weltanschauung so mancher Reformatoren dachte. Es weiß der Geistesforscher, dass ein ernster Impuls gegeben ist mit diesen seinen Andeutungen über den Weg, den die Geisteswissenschaft macht, um durch eine geistige Betrachtung der Menschheitsentwicklung selber zu dem Christus zu kommen und aus der Natur dieses Christus die Notwendigkeit einzusehen, so zu dem Jesus zu kommen, zu dem historischen Jesus. Man könnte das paradoxe Wort aussprechen: Gäbe es keine Evangelien, wären alle Evangelien verloren gegangen, so käme die Geisteswissenschaft trotzdem aus dem Entwicklungsgang der Menschheit zu der Erkenntnis des göttlichen Christuswesens, und von diesem göttlichen Christuswesen zur Erkenntnis der historischen Tatsache, dass dieses Christuswesen gelebt hat zu der Zeit, als die griechisch-römische Kulturentwicklung ihren Wendepunkt erreichte. Und würde man auf die Einzelheiten eingehen, so würde man mehr oder weniger genau, man möchte sagen mit einer mathematischen Notwendigkeit, angeben können, in welcher Zeit Christus gelebt hat und gelebt haben muss.

[ 47 ] Wenn man also dem Christus entgegenkommen wird mit diesem geisteswissenschaftlichen Verständnis, das auch zum Verständnis seines historischen Wesens führt, so versteht man das Christus-Mysterium erst dann [vollständig], wenn man die geistige Schauung in ihrer historischen Notwendigkeit betrachtet, wenn man sie betrachtet als ein Ereignis jener Zeit in der menschheitlichen Entwicklung, die beim einzelnen Menschen mit dem fünfunddreißigsten Lebensjahre notwendig wird. Die Erkenntnis der geistigen Wesenheit des Christus wird die Geisteswissenschaft der Welt bringen können, und diese wird in dem rechten Augenblick kommen, weil die bloße Wissenschaft schon zu zweifeln begonnen hat, dass es einen historischen Jesus gab – und da wird die Geisteswissenschaft zu dem Christus führen. Wenn in diesem Sinne der Christus in seinem Zusammenhange mit der Menschheitsentwicklung verstanden wird, dann wird auch die Geschichte des historischen Jesus verstanden werden, und dann werden die Menschen an den Evangelien das haben, was nicht bloße historische Dokumente sind, sondern was sich in ihre Seelen ergießt. Und so werden sie durch das Nachfühlen dessen, was in den Evangelien und Briefen steht, die Möglichkeit haben, das zu finden, was in der Erdenaura seit dem Mysterium von Golgatha lebt.

[ 48 ] Zusammenfassend darf ich sagen: Es scheint für unsere Zeit eine neue Christus-Jesus-Erkenntnis notwendig zu sein! Geisteswissenschaft will nicht nur, sondern muss durch ihre Voraussetzungen zu dem Christus führen; [sie gelangt] zu einer rein aus der geistigen Betrachtung der Menschheitsentwicklung heraus geschauten Christuswesenheit und auf diesem Umweg eben zu einem etwas anderen Verständnis. So wie uns das Dasein der Augen nur dadurch möglich erscheint, dass sie aus dem Organismus herausgeholt wurden durch das Sonnenlicht, durch die Kraft der Sonne, so wird uns alles, wenn wir in das Mysterium von Golgatha geisteswissenschaftlich eindringen, mehr und mehr erscheinen in seiner historischen Art als dasjenige, was sich hineinstellte als der Schwerpunkt in die Menschheitsentwicklung — wie die Sonnenkraft, von der ausgegangen ist dasjenige, was der Mensch als sein Tiefstes, als sein Heiligstes im gegenwärtigen Zeitalter erleben kann. [Wenn Christus Mensch wird, dann kann Geisteswissenschaft den Christus verstehen lernen, sie kann zum Christuserlebnis führen, damit die Menschen durch den Christus den Jesus finden:] Von Christus zu Jesus!

[ 49 ] Daher versuchte ich in unserer heutigen Betrachtung den Ausgangspunkt zu nehmen von der Menschheitsentwicklung, um hinzulenken den Blick von dem Jesus, auf den heute so viele schon ungläubig schauen, zu dem Christus, weil in der Zukunft der Jesus wieder gefunden werden wird auf dem Wege, der angedeutet werden kann durch die Worte: durch geistige Erkenntnis des Christus – zur historischen Erkenntnis des Jesus!