Death and Immortality
in the Light of Spiritual Science
GA 69d
6 February 1912, Vienna
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Death and Immortality in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
6. Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geisteswissenschaft
6. Death and Immortality in the Light of Spiritual Science
[ 1 ] Zwei Fragen, die zweifellos im bedeutsamsten Sinne das Interesse einer jeglichen Menschenseele tief berühren, sollen in den beiden Vorträgen heute und morgen behandelt werden, und zwar an diesem Abend mehr vom allgemeinen Gesichtspunkt aus, und morgen soll in die Betrachtung bestimmter einzelner Fragen hineingegangen werden. Dass die Fragen nach dem Wesen des Todes und nach dem, was sich in dem Wort «Unsterblichkeit» verbergen kann, wirklich das tiefste, aufrichtigste Interesse einer jeglichen Menschenseele erregen müssen, ist zweifellos, und man darf sagen, auch dann noch muss dieses Interesse das denkbar Größte sein, wenn abgesehen wird von all den Wünschen und Begehrungen, die sich für die Menschenseele knüpfen an das Ereignis des Todes und an die Frage nach der Unsterblichkeit.
[ 1 ] Two questions that undoubtedly touch the very depths of every human soul in the most profound sense will be addressed in the two lectures today and tomorrow—this evening from a more general perspective, and tomorrow we will delve into the consideration of specific individual questions. There is no doubt that the questions concerning the nature of death and what may lie behind the word “immortality” must truly arouse the deepest, most sincere interest in every human soul, and one may say that this interest must still be the greatest conceivable, even when setting aside all the wishes and desires that the human soul associates with the event of death and the question of immortality.
[ 2 ] Aber auch von aller müßigen Neugierde, ja selbst von alldem, was man im gewöhnlichen Leben Wissbegierde nennt, kann abgesehen werden, wenn die beiden Fragen betrachtet werden sollen. Es kann deshalb davon abgesehen werden, weil in jedem tiefen Augenblicke unseres Lebens wir durch zwei Dinge fort und fort angeregt werden — manchmal mehr wissentlich, manchmal mehr aus tiefsten, verborgensten Gründen unseres Seelenlebens heraus – zur Kraft und Zuversicht, zur Hoffnungssicherheit in unserem Leben, etwas über diese Fragen wissen zu wollen. Zwei Dinge sind es. Das eine ist alles dasjenige, was eingeschlossen ist in der Idee des menschlichen Schicksals. Dieses Schicksal, es gibt uns nicht nur theoretische Fragen auf, sondern Lebensfragen, von denen wir wissen, dass, wenn wir keine Auskunft, die uns irgendwie befriedigen kann, erhalten können, dies eine Schwäche, Zweifelsucht, Herabminderung unserer Seele bedeuten muss. Das menschliche Schicksal greift geheimnisvoll und rätselvoll in das menschliche Dasein ein. Der eine wird hingestellt, scheinbar ohne jegliche Schuld, an einen Ort, der ihm kaum Befriedigung geben kann, an einen Ort, wo es ihm unmöglich ist, irgendwelche bedeutsamen Kräfte für Menschenwohl und Menschenarbeit in der Seele zu entwickeln. Wiederum sehen wir auf der anderen Seite, wie, scheinbar ganz ohne Verdienst, der andere auf einem Platz steht, der ihm nicht nur ein rosiges Dasein möglich macht, [sondern auch], zu Menschenheil und Wohl beste Talente zu entwickeln. Der Mensch mit seinen Theorien fragt nach den Ursachen, wenn äußere Tatsachen eintreten, und es ist eine gewisse Scheu vorhanden, nach den Ursachen des menschlichen Schicksals zu forschen.
[ 2 ] But even all idle curiosity—indeed, even everything that is commonly called a thirst for knowledge in everyday life—can be set aside when these two questions are to be considered. We can set these aside because, in every profound moment of our lives, we are continually inspired by two things—sometimes more consciously, sometimes more from the deepest, most hidden recesses of our inner life—to find the strength and confidence, the assured hope in our lives, to want to know something about these questions. There are two such things. The first is everything that is encompassed by the idea of human destiny. This destiny presents us not only with theoretical questions but with questions of life, about which we know that if we cannot obtain an answer that satisfies us in any way, this must signify weakness, a tendency toward doubt, and a diminution of our soul. Human destiny intervenes in human existence in a mysterious and enigmatic way. One person is placed, seemingly through no fault of their own, in a situation that can hardly bring them satisfaction—a situation where it is impossible for them to develop within their soul any meaningful forces for human welfare and human endeavor. On the other hand, we see how, seemingly without any merit of their own, another person finds themselves in a position that not only makes a rosy existence possible for them, [but also] allows them to develop the finest talents for human salvation and well-being. Human beings, with their theories, seek the causes when external facts occur, and there is a certain reluctance to investigate the causes of human fate.
[ 3 ] Wenn wir unser Gefühlsleben betrachten, mit allem, was sich so geheimnisvoll darin abspielen kann, so schen wir überall, dass es dieses Empfindungsleben ist, dass gerade die intimsten Tiefen unserer Seele die Fragen nach den Ursachen unseres Schicksals aufwerfen. Vielleicht fragt der einzelne Mensch nicht: Was sind die Ursachen, dass dieses oder jenes in meinem Leben geschieht –, das wäre eine theoretische Färbung der Frage; aber dasjenige, was wir empfinden, ruft uns auf zur Zufriedenheit oder Verzweiflung, zur hoffnungssicheren Arbeit oder einer Niedergeschlagenheit gegenüber allem Wirken. Aber die wichtigsten Fragen auf diesem Gebiet sind diejenigen, welche vielleicht gar nicht in theoretische Fragen gebracht werden, sondern welche sich in den Befriedigungen, in den Beseligungen, in Niedergeschlagenheit, dem Gefühl von Verlassenheit und Einsamkeit ausdrücken; Fragen sind es, die nur halb gestellt in der Seele vor einer offenen Formulierung stecken bleiben, aber Glück und Leid unseres ganzen Daseins ausmachen. Wenn dieses Schicksal in unser Leben noch so eingreifen könnte, dass wir sagen könnten, es fördert da oder dort unsere Anlagen, unsere Taten, [oder] hemmt unsere Schritte, dann wären die Fragen keine so brennenden. Aber wenn wir tiefer sehen, so finden wir, dass alles, was wir im Innersten unseres Wesens sind — wie wir leben, wie unser Wert, unsere Tüchtigkeit sich darstellt —, das Ergebnis unseres Schicksals ist. Der Mensch sagt sich, dass das ganze Sein, die ganze innere Konfiguration des Wesens bei keinem [anderen] Geschöpf so abhängig ist von dem, was da scheinbar von außen an das Leben herantritt und dieses Leben formt und bildet.
[ 3 ] When we consider our emotional life, with all that can so mysteriously unfold within it, we see everywhere that it is precisely this emotional life—the most intimate depths of our soul—that raises questions about the causes of our fate. Perhaps the individual does not ask: What are the causes of this or that happening in my life—that would be a theoretical slant on the question; but what we feel calls us to contentment or despair, to hopeful and confident work or to despondency toward all endeavor. But the most important questions in this realm are those that may not even be formulated as theoretical questions, but rather are expressed in satisfactions, in feelings of bliss, in despondency, and in the sense of abandonment and loneliness; these are questions that, only half-asked, remain stuck in the soul before they can be openly articulated, yet they constitute the happiness and suffering of our entire existence. If fate could intervene in our lives in such a way that we could say it fosters our talents or our deeds here and there, [or] hinders our progress, then these questions would not be so pressing. But when we look more deeply, we find that everything we are at the very core of our being—how we live, how our worth and our competence manifest themselves—is the result of our fate. Human beings tell themselves that their entire being, the entire inner configuration of their nature, is more dependent in no [other] creature on what seemingly approaches life from the outside and shapes and forms that life.
[ 4 ] So ist es die bange Frage an das Schicksal, die, vielleicht nur halb aufgeworfen, dahin geht, zu fragen: Woher schreibt sich eigentlich unser ganzes Dasein? Was schließt sich da geheimnisvoll in unserem Innern ein und ist so abhängig von dem, was wir als unser äußeres Schicksal erleben müssen? Wir brauchen nur neben den zahlreichsten Einzelfällen an zwei Tatsachen zu denken: Da werden wir finden, wie unser ganzes Sein, unser innerstes Wesen vom Schicksal abhängig ist. Die eine Tatsache ist, dass der Mensch hineingestellt ist in irgendein Sprachgebiet, einen Volkszusammenhang. Wer weiß, wie viel Intimes überfließt in unser Seelenleben von der ganzen Art, wie die Sprache hereindringt, wird sich sagen: Davon, wie dich das Schicksal hineingestellt hat in ein Sprachgebiet, hängt es ab, wie du bist. Oder wie viel hängt in Bezug auf alle unsere Zuversichten, Lebenshoffnungen davon ab, wie unsere Eltern, unsere Umgebung, unsere Lehrer in früher Jugend entgegenkommen. Wie kann da eine raue Behandlung unser ganzes Wesen, durch unser ganzes Erdendasein hindurch, verhärten! Man braucht nur zu denken, wie geheimnisvoll gerade auf diesem Gebiete die Schicksalszusammenhänge sind. Ein Fall, der durchaus aus dem Leben gegriffen ist, kann uns belehren, gerade über dieses Gebiet: ein Kind, das in seinem siebenten Jahre – durch die Art und Weise, wie es durch sein Schicksal hineingestellt wurde in eine Lebensgemeinschaft – erlebt hat, dass eine starke Ungerechtigkeit seiner Umgebung tiefen Eindruck auf seine Seele gemacht hat. Zuweilen vergisst es das Kind, scheinbar äußerlich, aber in den Tiefen der Seele lebt es [im Kinde] weiter, [es] wirkt weiter in den tiefen Untergründen, was sich als Ungerechtigkeit eingebohrt hat in die Seele. Das Kind wird dann ein Mittelschüler. Etwas Besonderes geschieht in seinem sechzehnten Jahre. Eine starke Wirkung geht aus von seinem Lehrer in dem Sinne, dass der Schüler wieder eine neue Ungerechtigkeit erfahren muss. Hätte er die Ungerechtigkeit in seinem siebenten Jahre nicht erfahren, so wäre die Sache vielleicht, wie bei seinem Mitschüler, ganz wirkungslos vorübergegangen. Weil aber der alte Eindruck in den Tiefen der Seele fortwirkte, während er für das äußere Wesen vergessen war, fügte es sich zusammen mit dem Erlebnis vom siebenten Jahre, und ein Schülerselbstmord wird daraus. So sehen wir, wie unser ganzes Sein, die Art, wie wir hereintreten in das Leben, tiefer zusammenhängt mit der Frage nach unserem Schicksal.
[ 4 ] Thus, it is the anxious question posed to fate—one that, perhaps only half-articulated, drifts away, asking: Where does our entire existence actually come from? What is mysteriously enclosed within us and is so dependent on what we must experience as our external fate? We need only consider two facts alongside the countless individual cases: there we will find how our entire being, our innermost essence, is dependent on fate. One fact is that human beings are placed within a particular linguistic region, a community. Anyone who realizes how much of the intimate fabric of our inner life is shaped by the very way language enters it will say to themselves: Who you are depends on how fate has placed you within a linguistic region. Or consider how much of our confidence and hope for life depends on how our parents, our environment, and our teachers treated us in our early youth. How can harsh treatment harden our entire being, throughout our entire earthly existence! One need only consider how mysterious the interplay of fate is in this very realm. A case taken directly from life can teach us precisely about this area: a child who, at the age of seven—through the way in which fate placed him within a community—experienced a profound injustice from his surroundings that left a deep impression on his soul. At times the child seems to forget this outwardly, but in the depths of the soul it lives on [within the child], continuing to work in the deep undercurrents—what has burrowed itself into the soul as injustice. The child then becomes a middle school student. Something special happens in his sixteenth year. A powerful influence emanates from his teacher in the sense that the student must once again experience a new injustice. Had he not experienced the injustice in his seventh year, the matter might have passed without any effect, just as it did for his classmate. But because the old impression continued to work in the depths of the soul, even though it had been forgotten on the surface, it combined with the experience of the seventh year, resulting in a student’s suicide. Thus we see how our entire being—the way we enter into life—is more deeply connected to the question of our destiny.
[ 5 ] Das zweite Ding ist dadurch für den Menschen ersichtlich, dass er nachdenkt, wie sein Leben verläuft, wie er seine Lebenserfahrungen sammelt, wie er im Verlaufe der Jahre reifer und reifer wird. Mag das bei einem mehr, beim anderen weniger sein, aber dieses Reiferwerden stellt sich vor einer genauen Lebensbetrachtung ersichtlich dar, stellt sich so dar, dass wir uns meistens sagen müssen: Wir sind reifer geworden in denjenigen Dingen, die wir unvollkommen getan haben, nach dem Standpunkte, den wir einnehmen müssen, nachdem wir Erfahrungen gesammelt haben. Würden wir diese ein zweites Mal tun dürfen, [so] würden wir sie besser machen. Wir lernen Dinge am Leben, aber wir lernen gerade dadurch, dass wir in diesem Leben unvollkommene Taten verrichten. Die intimsten Lebenserfahrungen resultieren daraus, dass wir unsere unvollkommenen Handlungen zu unseren Lehrmeistern machen. Dann blicken wir von einem Punkt unserer Entwicklung zurück und sagen uns: Wir lernen mancherlei, wir sind reifer geworden, und dieses Wissen ist in uns. Wohin mit dieser Erfahrung? Was geschieht mit ihr, wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten? Geht sie spurlos in den Fluten des Nichts auf? – Ja, wir brauchen nicht immer eine solche Lebenserfahrung zu nehmen, wir können sagen: Was wir tun, unterlassen lernen, das wirkt so, dass andere Menschen dadurch Förderung, vielleicht auch Schädigung erfahren. Wir wissen, dass unser Wert als Mensch davon abhängt, ob wir andere Menschen geschädigt oder gefördert haben. Es entsteht daraus die andere Lebenserfahrung, die sich im Gesamtgefühl, in Grundempfindungen zusammendrängt, in das Bedürfnis, vieles anders zu machen, als wir es gemacht haben im verflossenen Leben. So kommen wir uns vor, als hätten wir die Empfindung, viele Schulden zu haben, die wir nicht mehr ausgleichen können. Denn wir haben die Schulden dabei kreiert, dass wir die betreffenden Handlungen, in denen wir die Schuld begangen haben, hinter uns haben. Das sind die intimsten, allertiefsten Seelenerfahrungen. Verläuft das alles, was wir uns so angeeignet haben, wodurch wir andere sind, wenn wir das Leben durchlebt, als wir im Anfange waren, verläuft dies alles in einem unbestimmten Nichts? Das ist das Zweite. Mag der Mensch wie immer beschaffen sein, mag das unausgesprochen bleiben – es bleibt Gefühls-, es bleibt Lebensfrage in ihm.
[ 5 ] The second thing becomes apparent to a person when they reflect on the course of their life, how they accumulate life experiences, and how they become more and more mature over the years. This may be more pronounced in some people than in others, but this process of maturing becomes evident upon close examination of one’s life; it presents itself in such a way that we usually have to admit: We have become more mature in those things we did imperfectly, from the perspective we must adopt after having gained experience. If we were allowed to do them a second time, [then] we would do them better. We learn things through life, but we learn precisely by performing imperfect actions in this life. The most intimate life experiences result from making our imperfect actions our teachers. Then, looking back from a certain point in our development, we tell ourselves: We have learned many things; we have become more mature, and this knowledge is within us. Where does this experience go? What happens to it when we pass through the gate of death? Does it vanish without a trace into the floods of nothingness?—Yes, we do not always have to take such a life experience to heart; we can say: What we do or fail to do has an effect such that other people experience either benefit or, perhaps, harm as a result. We know that our worth as human beings depends on whether we have harmed or helped others. From this arises another kind of life experience, which coalesces into an overall sense, into fundamental feelings, into the need to do many things differently than we did in our past life. Thus, we feel as though we have many debts that we can no longer repay. For we created these debts precisely by having already committed the actions in question—the very acts through which we incurred the guilt. These are the most intimate, deepest experiences of the soul. Does everything we have acquired—which makes us different from who we were at the beginning of our lives—vanish into an indeterminate nothingness as we live through life? That is the second point. No matter what a person’s nature may be, no matter how unspoken it may remain—it remains a matter of feeling, a matter of life within them.
[ 6 ] Nun können wir sagen: In unserer heutigen Zeit liegt eine Periode der Menschheitsentwicklung hinter uns, in der die edelsten, moralischsten Menschen, die zugleich auch wissenschaftliche Materialisten waren und dennoch an moralischen Ideen gehangen haben, sich in einer ganz eigenartigen Weise abgefunden haben mit solchen Seelenfragen. Wenn man auf dem Standpunkt der Geisteswissenschaft steht, der hier vertreten werden soll, wird eine Gesinnung gefordert, die nie ungerecht ist, auch gegen Gegner. Denn es muss gesagt werden: Es war geradezu heroisch, wie materialistische Denker sich zurechtgefunden haben gerade gegenüber einer Frage, wie sie jetzt berührt worden ist. Sie haben sich gesagt: Mit dem Tode löscht unser inneres Seelenleben aus, wie das Licht einer Kerze, wenn der Brennstoff verbraucht ist. Dann aber haben wir das Bewusstsein: Was wir dargelebt haben, lebt weiter im menschlichen geschichtlichen Entwicklungsprozess. Jeder gibt, was er gearbeitet, an die Nachwelt ab, wenn es auch nur im kleinsten Kreis erobert und erarbeitet worden ist. Mancher solche Denker hat sich gesagt, es sei selbstsüchtig, zu verlangen, dass der Mensch eine eigene, persönliche Unsterblichkeit habe. Selbstlos aber im höchsten Sinne sei es, im vollen Bewusstsein zu sterben, dass das persönliche Selbst untergehe und, was man getan habe, in den Menschheitsprozess übergehe. Man darf sagen: Heroisch ist diese Auskunft; gegenüber manchem religiösen Egoismus nimmt sich dieser Heroismus des Materialismus groß aus, aber er kann nicht standhalten gegenüber einer tieferen Auffassung der Frage, aus dem Grunde, weil ein jeder, wenn er das Leben betrachtet, sich sagen muss: Das Intimste, dasjenige, was deine eigene Lebenserfahrung ist, ist so ein innerstes Gut deiner Seele, dass du es nicht so ohne Weiteres an die Außenwelt abgeben kannst. Vieles können wir für die Außenwelt hingeben, aber was wir hingeben, gehört nicht zum Intimsten unserer Seele. Das Beste, was wir gelernt haben, ist so sehr an unsere Individualität, an unsere Eigenheit gebunden, dass es unmöglich der Mitwelt übergeben werden kann. So bleibt die Frage bestehen: Wie werden wir fertig mit dem Anblicke desjenigen, was die Seele erlebt hat, was ihr in der geschilderten Weise Wert gegeben hat, das notwendig macht, dass das Leben nicht abgeschlossen sei, wenn dieser Wert sich ausleben soll, was er nicht abgibt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht?
[ 6 ] Now we can say: In our present age, we have left behind a period in human development in which the noblest, most moral people—who were at the same time scientific materialists and yet held fast to moral ideals—came to terms with such questions of the soul in a very peculiar way. From the standpoint of spiritual science—which is to be presented here—a mindset is required that is never unjust, even toward opponents. For it must be said: It was downright heroic how materialist thinkers came to terms with precisely the kind of question that has now been raised. They told themselves: With death, our inner spiritual life is extinguished, like the light of a candle when the fuel is consumed. But then we have the awareness that what we have lived out lives on in the process of human historical development. Everyone passes on to posterity what they have worked for, even if it was achieved and earned only within the smallest circle. Many such thinkers have told themselves that it is selfish to demand that a person have their own, personal immortality. But it is selfless in the highest sense to die in full awareness that the personal self will perish and that what one has done will pass into the process of humanity. One may say: This view is heroic; compared to certain forms of religious egoism, this heroism of materialism appears grand, but it cannot stand up to a deeper understanding of the question, for the reason that everyone, when contemplating life, must say to themselves: The most intimate aspect—that which is your own life experience—is such an innermost treasure of your soul that you cannot simply hand it over to the outside world. There is much we can give to the outside world, but what we give does not belong to the most intimate part of our soul. The best of what we have learned is so deeply bound to our individuality, to our uniqueness, that it is impossible to hand it over to the world around us. So the question remains: How do we come to terms with the sight of what the soul has experienced—what has given it value in the manner described, which necessitates that life not be concluded if this value is to be fully lived out, and which it does not relinquish when a person passes through the gate of death?
[ 7 ] Dies sind die beiden Dinge: die Betrachtung des Schicksals und die Betrachtung der eigenen Entwicklung. Diese Fragen sind in einer solchen Art zu beantworten, dass die Antwort in derselben Weise logisch und wissenschaftlich genannt werden kann. Antworten zu geben, wie Antworten gegeben werden in der heutigen äußeren Wissenschaft, ist das Ziel derjenigen Bestrebung, die man die Geisteswissenschaft nennen kann, welche sich hereinstellt in die Kultur der Gegenwart und durch welche etwas dieser Kultur einverleibt werden soll als ein Aufschluss für vieles, was das Leben braucht, um stark und kräftig zu werden. Es ist nicht zu verlangen, dass die Anregungen, die heute und morgen gegeben werden, mehr seien als bloße Anregungen. Diejenigen, welche glauben, dass wissenschaftliche Antworten nur diejenigen seien, welche anknüpfen an das äußere Geschehen, an das, was man mit Augen sehen, mit Händen greifen kann, werden selbstverständlich die Antworten als wissenschaftlich nicht gelten lassen. Es sollen nur Anregungen gegeben werden, die aber zeigen sollen, dass die ganze Art des Denkens, die ganze Art, das Geistesleben zu betrachten, so ist, wie die Forschungsarten sind in der heutigen Wissenschaft. Der heutige Mensch verlangt auch über die charakterisierten Fragen Aufschluss so, dass dieser Aufschluss bestehen kann vor der strengen Wissenschaft. So werden sich die Antworten scheinbar anders ausnehmen als Wissenschaft im gewöhnlichen Sinn, aber wer tiefer darauf eingeht, wird sehen, dass die Art des Denkens bei der Theosophie eine solche ist, dass die wissenschaftlichen Bedürfnisse neben den Herzensbedürfnissen der modernen Menschheit befriedigt werden können.
[ 7 ] These are the two things: the contemplation of destiny and the contemplation of one’s own development. These questions must be answered in such a way that the answer can be described as both logical and scientific. To provide answers in the manner in which answers are provided in today’s external science is the goal of that endeavor which can be called spiritual science—an endeavor that inserts itself into contemporary culture and through which something of this culture is to be incorporated as an insight into much of what life needs in order to become strong and vigorous. It cannot be expected that the ideas presented today and tomorrow will be more than mere ideas. Those who believe that scientific answers are only those that relate to external events—to what can be seen with the eyes or grasped with the hands—will, of course, not accept these answers as scientific. The intention is merely to offer suggestions, which are, however, meant to show that the entire way of thinking, the entire way of viewing spiritual life, is akin to the methods of research in contemporary science. People today also demand answers to the questions described above—answers that can stand up to the scrutiny of rigorous science. Thus, the answers may appear different from science in the ordinary sense, but anyone who delves deeper into them will see that the mode of thinking in theosophy is such that scientific needs can be satisfied alongside the spiritual needs of modern humanity.
[ 8 ] Der Ausgangspunkt muss sein der einer wirklichen, wahren Selbsterkenntnis. Weil das Schicksal das Wesen unseres «Selbst» formt und weil unser «Selbst» reifer und reifer wird, deshalb stellen sich uns diese Fragen gegenüber, und deshalb können wir hoffen, dass von einer wahren Erkenntnis unseres innersten Wesens, dessen, was wir unser «Selbst» nennen, eine Antwort fließen kann. Aber es ist schwierig für den Menschen der Gegenwart zu erkennen, was man Selbsterkenntnis nennen kann. Der Betrachtung des eigenen Wesens stehen gewaltige Hindernisse entgegen. Nur durch die Überwindung der Hindernisse kann er eingehen in Selbsterkenntnis, und ausgehend von Selbsterkenntnis, durch den Zusammenhang des eigenen Ich mit der Welt übergehen in Welterkenntnis.
[ 8 ] The starting point must be that of genuine, true self-knowledge. Because fate shapes the essence of our “self” and because our “self” grows ever more mature, these questions confront us, and therefore we can hope that an answer may flow from a true understanding of our innermost being—that which we call our “self.” But it is difficult for people today to recognize what can be called self-knowledge. Enormous obstacles stand in the way of contemplating one’s own being. Only by overcoming these obstacles can one enter into self-knowledge, and, starting from self-knowledge, move on to knowledge of the world through the connection of one’s own “I” with the world.
[ 9 ] Wenn wir in der Wissenschaft einen Stoff untersuchen wollen, können wir sein Wesen unter gewissen Voraussetzungen nicht erkennen. Trotzdem Sauerstoff im Wasser enthalten ist, können wir ihn im Wasser nicht untersuchen; wir müssen ihn erst durch einen physikalischen Vorgang abtrennen vom Wasser, dann erst können wir sein Wesen untersuchen. Wie ganz anders ist er dann, wenn er uns im Wasser entgegentritt. Etwas Ähnliches muss es sein, wenn wir unser Selbst untersuchen wollen, sodass uns diese Untersuchung befriedigen kann. Unser Selbst ist, wie der Sauerstoff ans Wasser, im gewöhnlichen Leben an den äußeren Leib gebunden. Was wir unseren Seelenleib nennen, das, worin wir uns finden als in unserem intimsten Innern, das erleben wir immer so, dass wir die Außenwelt anschauen durch unsere leiblichen Organe, so dass wir sie verstehen lernen durch das menschliche Gehirn. Wie der Sauerstoff gebunden ist an den Wasserstoff, um Wasser zu formen, so ist das seelische Leben an das leibliche Leben gebunden, an das, was wir als Mensch, als uns selbst, vor uns haben. So entsteht die Notwendigkeit, dass wir zu einer wahrhaften Untersuchung erst ablösen müssten das seelische Leben vom leiblichen.
[ 9 ] When we want to examine a substance in science, we cannot understand its nature under certain conditions. Even though oxygen is present in water, we cannot examine it in water; we must first separate it from the water through a physical process, and only then can we examine its nature. How very different it is, then, when it presents itself to us in water. It must be something similar when we wish to examine our true self, so that this examination may be satisfying to us. Our self, like oxygen to water, is bound in ordinary life to the outer body. What we call our soul-body—that in which we find ourselves as in our innermost being—we always experience in such a way that we perceive the outer world through our physical organs, so that we come to understand it through the human brain. Just as oxygen is bound to hydrogen to form water, so the soul life is bound to the physical life—to what we have before us as human beings, as ourselves. Thus arises the necessity that, in order to conduct a true examination, we must first separate the soul life from the physical life.
[ 10 ] Wie können wir dies? Wie können wir unser Seelenleben so vor uns hinstellen, dass wir es in seiner Wahrheit betrachten können? Nun löst zwar das alltägliche Leben nach den Ergebnissen der Geistesforschung die Seele los vom Leib im Verlauf von vierundzwanzig Stunden in der Nacht. Nehmen wir das zunächst als eine Behauptung hin; wir werden später darauf eingehen. Wenn der Mensch des Abends einschläft, ist der volle Mensch nicht enthalten im Körper; das wohl, was die äußeren Seelenfunktionen fortsetzt, wie es im Wachzustande geschieht, nicht aber das eigentliche Seelenleben, was wir als Innerstes erkennen, als Lust und Leid, Affekte, Triebe und Leidenschaften, das während des nächtlichen Schlafes wirklich herausgehoben ist und morgens wieder eindringt und untertaucht in den Leib, um wieder die körperlichen Organe, die Sinne zu benutzen und das Gehirn, das Instrument der Seele. Man wird sagen, wenn man von wissenschaftlichen Vorurteilen ausgeht, es sei möglich, dass das ganze seelische Leben mit allen Empfindungen und Gefühlen, mit allem, was sich da innerlich abspielt, nichts anderes sei als ein Ergebnis des körperlichen Lebens, wie die Flamme das Ergebnis ist von Vorgängen an der Kerze. Aber das hält sich nicht vor einer tieferen Betrachtung. Aus dem gesunden Menschenverstand heraus muss uns klar werden, dass etwas daran ist.
[ 10 ] How can we do this? How can we present our inner life to ourselves in such a way that we can view it in its truth? According to the findings of spiritual research, everyday life does indeed detach the soul from the body over the course of twenty-four hours during the night. Let us accept this as an assertion for now; we will return to it later. When a person falls asleep in the evening, the whole person is not contained within the body; rather, it is that which continues the outer functions of the soul, as happens in the waking state, but not the actual life of the soul—which we recognize as our innermost being—as joy and sorrow, emotions, drives, and passions—which is truly set apart during nighttime sleep and in the morning re-enters and submerges itself into the body to once again make use of the physical organs, the senses, and the brain, the instrument of the soul. One might say, proceeding from scientific prejudices, that it is possible the entire life of the soul—with all its sensations and feelings, with everything that takes place internally—is nothing other than a result of physical life, just as the flame is the result of processes within the candle. But this does not hold up to deeper consideration. Common sense must make it clear to us that there is some truth to this.
[ 11 ] In dem Zustand, den der Mensch durchmacht vom Einschlafen zum Erwachen, wirken an seinem Leib die Vorgänge, die wir bloß als Lebensvorgänge auffassen können. Was da von innen heraus als organische Tätigkeit einfließt in das Gehirn und die sonstigen Organe, wirkt weiter. Ein Vergleich rückt uns einen logischen Gedanken nahe, dem man bei einer tieferen Betrachtung nicht entkommen kann. Wenn wir unsere Sinnesorgane vergleichen mit der Lunge, so finden wir, dass unsere Lunge wie unsere Sinnesorgane von innen heraus ernährt und vom Organismus aus erhalten werden. Was wir hineinfließen sehen als Lebenstätigkeit, können wir vergleichen mit dem, was während des Tagwachens, aber auch während der Nacht vom Innern des Leibes als Ernährungstätigkeit hineinfließt in Gehirn und andere Organe. Aber kann etwas ausgemacht werden, was im Innern des Leibes vorgeht und die Tätigkeit der Lunge von innen heraus versorgt, über die Natur der Luft, die einfließen muss in die Lunge? Könnte jemals die Tätigkeit des Einfließens in die Lunge von innen das Ziel der Lunge erreichen, wenn nicht von außen die Luft einflösse? Hat diese innere Lebenstätigkeit etwas zu tun mit der Natur und Beschaffenheit der Luft? Von innen heraus können wir nichts erfahren über die Luft. Ebenso ist es mit der Seele. Ebenso wenig wie die Wesenheit der Luft, die in die Lunge einströmt, zusammenhängt mit der Tätigkeit, die als organische Tätigkeit einfließt in der Lunge, ebenso wenig hat der Inhalt unserer Seele, die morgens einströmt und abends den Leib verlässt, zu tun mit dem, was innere Leibestätigkeit ist, was als Versorgung mit Nahrung von unserem Organismus in unsere Seelenorgane einströmt.
[ 11 ] In the state a person experiences from falling asleep to waking up, processes take place in the body that we can only understand as life processes. What flows from within as organic activity into the brain and the other organs continues to have an effect. A comparison brings us to a logical idea that, upon deeper reflection, cannot be avoided. If we compare our sense organs to the lungs, we find that our lungs, like our sense organs, are nourished from within and sustained by the organism. What we see flowing in as a life activity can be compared to what flows into the brain and other organs from within the body—as a nourishing activity—during waking hours, but also during the night. But can we identify anything happening within the body that supplies the lungs’ activity from within, apart from the nature of the air that must flow into the lungs? Could the activity of inflow into the lungs from within ever achieve the lungs’ purpose if air did not flow in from the outside? Does this inner life activity have anything to do with the nature and composition of the air? We cannot learn anything about the air from within. The same is true of the soul. Just as the essence of the air that flows into the lungs is unrelated to the activity that flows into the lungs as an organic process, so too does the content of our soul—which flows into us in the morning and leaves the body in the evening—have nothing to do with what constitutes inner bodily activity, that is, the supply of nourishment that flows from our organism into our soul organs.
[ 12 ] Gehen Sie nur tief in diesen Vergleich ein, suchen Sie ihn durchzudenken – Sie werden dem logischen Gedanken nicht entkommen, dass dasjenige, in dem wir leben als in unserem Seelenleben, was in uns einströmt, ebenso fremd der inneren Leibestätigkeit ist wie die Luft der inneren Leibestätigkeit, sodass die Selbstständigkeit, die innere Wesenhaftigkeit unseres Seelenlebens begründet erscheint. Der Mensch lebt doch wahrlich mit seinem Seelenleben nicht so, dass er sagt: Ich lebe in meinen Muskeln, meinem Gehirn. Das ist nicht sein Seelenleben, sondern: Ich lebe in meinen Gefühlen, Affekten. Das, worin er so lebt, das zieht am Morgen in seinen Leib ein wie ein Einatmungsprozess und verlässt ihn am Abend wie das Ausatmen.
[ 12 ] Delve deeply into this comparison, try to think it through—you will not be able to escape the logical conclusion that what we experience in our inner life, what flows into us, is just as foreign to the body’s inner functions as air is to them, so that the independence and inner essence of our inner life appear to be well-founded. After all, a person does not truly live their soul life in such a way that they say: “I live in my muscles, my brain.” That is not their soul life; rather: “I live in my feelings, my emotions.” That in which they live in this way enters their body in the morning like an inhalation and leaves it in the evening like an exhalation.
[ 13 ] Über diesen Gedanken kann ein logisches Denken nun die Frage aufwerfen: Wie können wir das, was so selbstständig dem Leibesleben gegenübersteht, das Seelenleben, für sich betrachten? Wenn wir es im Schlafe betrachten könnten, dann wäre uns geholfen. Aber im normalen Leben können wir, trotzdem die Seele sich vom Leibe abtrennt, die abgesonderte Natur des Seelenlebens nicht untersuchen, denn im Augenblick, wo es sich abtrennt, geht es über in Bewusstlosigkeit und entzieht sich der Möglichkeit einer Untersuchung. Es gibt aber eine andere Möglichkeit, zu diesem Seelenleben vorzudringen, die jedem Menschen begegnet sein kann, und [zwar] durch ein seelisches Experiment des Geistesforschers, der sich das Instrument verschafft hat, sein Seelenleben künstlich abzutrennen vom Leib; das ist die hellsichtige Betrachtung.
[ 13 ] Logical thinking may now raise the following question regarding this idea: How can we consider the life of the soul—which stands so independently in contrast to bodily life—in and of itself? If we could observe it during sleep, that would be helpful. But in ordinary life, even though the soul separates from the body, we cannot examine the distinct nature of the life of the soul, for the moment it separates, it slips into unconsciousness and eludes the possibility of examination. There is, however, another way to gain access to this life of the soul, one that every person may have encountered—namely, through a psychic experiment conducted by a researcher of the spirit world who has acquired the means to artificially separate his or her life of the soul from the body; this is clairvoyant observation.
[ 14 ] Die erste Betrachtung, die sich für jeden Menschen ergeben kann, ist Folgende. Sie geht davon aus, sich zu fragen: Wodurch sind wir verhindert, unser Seelenleben abgesondert vom Leibesleben zu betrachten? Durch ein Zweifaches. Erstens, dass in dem Moment, wo wir aufwachen, ein Zusammenhang eintritt durch die Sinne und das an die Sinne gebundene Denken mit der sinnlichen Außenwelt, sodass wir unser Seelenleben nicht für uns haben, dass wir nicht in unserem Seelenleben sind, sondern in dem, was um uns her als leuchtende, tönende Welt ist. Da fließen zusammen die Erlebnisse unserer Seele mit dem, was durch Augen und Ohren in uns dringt. Immer haben wir sozusagen, wenn wir uns an einem Ton erfreuen, den Ton, der von außen eindringt, und die Freude im Innern wie zwei Dinge, die zusammenfließen. Wir gehen aber auf im äußeren Ton. Wir sondern das Seelenleben nicht ab, sodass wir uns verlieren in die äußere Sinnenwelt. Wer aufblickt zu dem herrlichen Sternenhimmel, die Wunder der auf- und untergehenden Sonne betrachtet, alles, was von außen auf uns einwirkt, fühlt es zusammenfließen mit dem, was im Innersten der Seele sich abspielt, was er an Erhebendem, Hingebungsvollem in der Seele erlebt, was ihm an Stärke zufließt. Wir haben unser Inneres niemals chemisch getrennt von dem, was von der Außenwelt hereindringt. Darum sagen manche Philosophen, es gäbe gar kein inneres Seelenleben, leugnen sogar den inneren Seeleninhalt und lassen ihn aufgehen in jenen Bildern, die auf- und abfluten am Horizont unseres Seelenlebens. Für den intimeren Betrachter wird es wahr, was Goethe gesagt hat: Was verleiht den zahlreichen Sternen, allen Herrlichkeiten des Himmelsraumes ihren wahren Wert? Doch nur, dass all das, was draußen in der weiten Welt lebt, sich im Menschenherzen spiegelt, sich ausdrückt, sodass etwas erlebt wird, was über den gewöhnlichen Ausdruck hinausgeht. Und wenn man zu einer gründlichen Selbstbeobachtung fortschreitet, wird man finden: Das fühlt die Seele, was sich draußen ausbreitet, das weiß sie, dass sie Inneres in den äußeren Ereignissen erlebt, dass sie stufenweise fortgeschritten ist, dass innere Seelenereignisse sich aneinandergereiht haben und ein fortlaufender Strom entstanden ist von dem gegenwärtigen Moment an bis zu dem Moment, bis zu dem wir uns zurückerinnern können, dass dieser Strom etwas anderes ist als das, was bloß von außen auf uns wirkt. Die Selbstständigkeit unseres Seelenlebens wirkt überzeugend, und wir fragen, ob sich unser Seelenleben abtrennen kann von der Umgebung, wenn wir unmittelbar der äußeren Welt gegenüberstehen und mit ihr zusammenfließen. Wenn wir aber zurückblicken auf das, was wir nicht nur gesehen haben, sondern auch [auf das], was wir an Erhebungen, an Niedergeschlagenheiten erlebt haben und woran wir uns erinnern können, finden wir einen Strom inneren Seelenlebens.
[ 14 ] The first consideration that may arise for every person is the following. It begins with the question: What prevents us from viewing our inner life as separate from our physical life? Two things. First, the moment we wake up, a connection is established through the senses—and the thinking bound to the senses—with the external sensory world, so that we do not have our inner life to ourselves; we are not within our inner life, but rather within what surrounds us as a world of light and sound. There, the experiences of our soul flow together with what penetrates us through our eyes and ears. Whenever we take pleasure in a sound, so to speak, we always have the sound penetrating from the outside and the joy within—like two things flowing together. But we lose ourselves in the external sound. We do not separate our inner life, so that we lose ourselves in the external sensory world. Whoever looks up at the magnificent starry sky, contemplates the wonders of the rising and setting sun—everything that influences us from the outside—feels it flowing together with what is taking place in the innermost depths of the soul: what they experience in the soul as uplifting and devotional, and the strength that flows into them. We have never chemically separated our inner life from what penetrates from the outside world. That is why some philosophers say there is no inner life of the soul at all; they even deny the inner content of the soul and allow it to dissolve into those images that ebb and flow on the horizon of our inner life. For the more intimate observer, what Goethe said becomes true: What gives the countless stars, all the splendors of the heavens, their true value? Only that everything that lives out there in the vast world is reflected in the human heart, finds expression there, so that something is experienced that transcends ordinary expression. And when one proceeds to thorough self-observation, one will find: The soul feels what unfolds outside; it knows that it experiences the inner in external events, that it has progressed step by step, that inner soul events have strung themselves together, and that a continuous stream has arisen from the present moment back to the moment as far as we can recall—and that this stream is something other than what merely acts upon us from the outside. The autonomy of our soul life is compelling, and we ask whether our soul life can separate itself from its surroundings when we are directly confronted with the external world and merge with it. But when we look back not only on what we have seen, but also on the moments of elation and despondency we have experienced—and which we can recall—we find a stream of inner spiritual life.
[ 15 ] Dieser Strom ist es gerade, der vorhin genannt worden ist. Es ist die Lebenserfahrung. Mit ihm stehen wir an einem bestimmten Punkt unseres Lebens. Mag unser Leben kurz oder lang sein – wenn wir durch die Pforte des Todes schreiten, werden wir in derselben Lage sein; wir werden den Strom des sich fortentwickelnden Lebens schauen, schauen, was an dieser Seele erquollen ist aus der äußeren Welt, und werden uns die Frage vorlegen, wenn wir den großen Sprung machen durch die Pforte des Todes: Wohin mit dem, was als fortlaufender Strom sich entwickelt hat in unserer Seele? Da tritt uns also das eine Hindernis entgegen: unser ZusammengewachsenSein mit der Außenwelt.
[ 15 ] It is precisely this current that was mentioned earlier. It is life experience. With it, we stand at a certain point in our lives. Whether our life is short or long—when we pass through the gate of death, we will be in the same situation; we will behold the stream of ever-evolving life, see what has welled up in this soul from the outer world, and ask ourselves, as we take the great leap through the gate of death: Where shall we take that which has developed as a continuous stream within our soul? Thus, we are confronted with this one obstacle: our entanglement with the outer world.
[ 16 ] Daher ist es im Wesentlichen ein Entwicklungserfolg, wenn wir durch eine Rückschau, durch eine Betrachtung des Innern uns absondern lernen. Aber eins tritt uns entgegen, wenn wir das Seelenleben absondern, dass wir uns sagen: Es ist zusammenhängend, was da Stufe für Stufe fließt. Wir blicken zurück bis zu unserer ersten Erinnerung; was vorher liegt, daran können wir uns nicht selbst erinnern, davon können uns Ältere erzählen. Was von jenem Moment an geschehen ist, daran erinnern wir uns und wir werden uns anstrengen, auch solche Momente zu haben, wo wir künstlich den Schlafzustand eintreten lassen, aber nur jene Seite, wodurch wir ausschließen die äußeren Eindrücke.
[ 16 ] Therefore, it is essentially a developmental achievement when, by looking back and reflecting inward, we learn to set ourselves apart. But one thing becomes apparent to us when we set our inner life apart: we tell ourselves that what flows there, step by step, is interconnected. We look back to our first memory; we cannot remember what came before that ourselves, but older people can tell us about it. We remember what has happened from that moment onward, and we will strive to have moments as well when we artificially induce a state of sleep—but only that aspect through which we exclude external impressions.
[ 17 ] Wenn wir uns in solchen Augenblicken verschließen vor der Pracht der Außenwelt und vor den andern Anregungen der Außenwelt, dann sondern wir das Innenleben aus, wie wir Sauerstoff vom Wasser absondern. Das ist eine Sache der Erfahrung, für welche man keinen theoretischen Beweis aufbringen kann, wie man keinen Beweis braucht, dass es Walfische gibt, wenn einer noch keinen Walfisch gesehen hat. Wenn man sich immer dieses Innerliche vor Augen stellt, wird man sagen: Stufe an Stufe reiht sich das Seelenleben, wir kommen bis zu dem Punkt, zu dem äußere Erinnerung zurückreicht. Wir können mit unserer ganzen Innenerfahrung eine Art von Versuch machen. Wenn wir sehen, dass dieser Strom des Seelenlebens von dem eben charakterisierten Punkt fortfließt und das Spätere sich an das Frühere anreiht, woran reiht sich der Punkt an, bis zu dem die erste Erinnerung reicht? Wir sehen, wie unser Seelenleben fortstrebt; was aber hat hervorgerufen den ersten Moment, den wir uns zurückrufen? Jetzt ist es möglich, im Innern des Seelenlebens etwas hervorzurufen, was nur in der Seelenerfahrung wirkt, was etwas ganz Neues, nie Dagewesenes der Menschenseele geben kann.
[ 17 ] When, in such moments, we shut ourselves off from the splendor of the outside world and from its other stimuli, we separate our inner life just as we separate oxygen from water. This is a matter of experience for which no theoretical proof can be provided, just as one needs no proof that whales exist if one has never seen a whale. If one always keeps this inner life in mind, one will say: step by step, the life of the soul unfolds, and we arrive at the point to which external memory extends. We can conduct a kind of experiment using our entire inner experience. When we see that this stream of soul life flows onward from the point just described, and that what comes later follows what came before, to what does the point—up to which our earliest memory extends—attach itself? We see how our inner life strives forward; but what brought about the first moment we can recall? Now it is possible to evoke something within the inner life that acts solely within the soul’s experience—something that can give the human soul something entirely new, something that has never existed before.
[ 18 ] Um zu charakterisieren, wie dieses Neue, nie Dagewesene sich ausnimmt, möchte ich auf etwas hinweisen. Wasserstoff ist ein Gas, Sauerstoff ist ein Gas; diese beiden Gase geben Wasser, etwas ganz Neues aus zwei verschiedenen Dingen. Wie wirklich durch das Zusammentreten der äußeren in der Welt vorhandenen Dinge etwas Neues entsteht, was diesen Dingen nicht ähnlich ist, so kann, wenn wir unsern Blick hinwenden immer weiter in den Strom unseres Seelenlebens, bis zu dem Ausgangspunkt in dieser Rückerinnerung, etwas ganz Neues entstehen. Wer nie gesehen hätte, dass zwei Gase Flüssigkeit ergeben, könnte das gar nicht glauben. Was hat den ersten Anstoß innerhalb unseres Lebens gegeben? Da tritt uns wie von selbst vor das Auge dasjenige, was wir als unser Schicksal erfahren. Wie eine Antwort auf diese Frage stellt sich unser Schicksal dar. Warum ist es genau von diesem Ausgangspunkt ausgegangen? Warum ist es gerade so geworden? Diese Frage beantwortet sich damit, dass wir unser Schicksal betrachten und nur das eine ins Auge fassen, dass wir das Schicksal nicht mit einer Idee, sondern mit etwas ganz anderem in Betracht zu ziehen haben. Mit was wollen wir unser Schicksal betrachten? Womit wir unser Schicksal betrachten wollen, das ergibt sich aus dem zweiten Hindernis, dass wir nämlich unser Schicksal gewöhnlich nicht so betrachten wie jetzt, wenn wir bis zu diesem Punkt vorgedrungen sind. Das zweite große Hindernis ist die Eigenliebe, der Eigenwille.
[ 18 ] To describe what this new, unprecedented phenomenon looks like, I would like to point out something. Hydrogen is a gas, oxygen is a gas; these two gases combine to form water—something entirely new made from two different things. Just as something new—which is unlike these things—truly arises through the coming together of external things existing in the world, so too, if we turn our gaze ever further into the stream of our soul life, back to the starting point in this recollection, something entirely new can arise. Anyone who had never seen two gases combine to form a liquid would find this impossible to believe. What provided the initial impetus within our lives? Then, as if of its own accord, what we experience as our destiny comes before our eyes. Our destiny presents itself as an answer to this question. Why did it begin precisely from this starting point? Why did it turn out exactly this way? This question answers itself when we contemplate our destiny and focus solely on the fact that we must consider destiny not as an idea, but as something entirely different. With what should we view our destiny? What we should use to view our destiny becomes clear from the second obstacle: namely, that we do not usually view our destiny the way we do now, having reached this point. The second major obstacle is self-love and self-will.
[ 19 ] Dieser Eigenwille ist etwas Merkwürdiges. Wir wollen ihn einmal charakterisieren. Was es macht, dass wir zufrieden sind mit uns, dass wir an unserer Lebenserhaltung Befriedigung haben, braucht nicht charakterisiert zu werden. Aber etwas Eigentümliches hat dieser Eigenwille: Er bricht sich an etwas in unserem Seelenleben. Dieser Wille, er mag an Taten, Wünschen, an Begehrungen leisten was immer — wenn unsere Vernunft uns treu bleiben soll, müssen wir zugeben, dass er nicht von sich aus ohne Weiteres einzugreifen vermag in das, wie sich die Lebenserfahrung gebildet hat. Da lassen wir uns vom Leben belehren, da gehen wir in die Lebensschule und lassen uns vom Leben diktieren, was wir zu glauben haben. Es hängt nicht vom Eigenwillen ab, ob wir etwas für wahr oder falsch ansehen. Gerade das, was uns reif macht im Leben, was uns Erkenntnis gibt, davon muss der Wille ausgeschlossen sein! Nicht willkürlich dürfen wir unsere Erfahrungen zusammenfassen, sondern wie es der gesunde Menschenverstand, die Logik der Tatsachen ergeben.
[ 19 ] This inner will is a curious thing. Let us try to characterize it. What makes us content with ourselves, what gives us satisfaction in sustaining our lives, need not be characterized. But there is something peculiar about this inner will: it comes up against something in our inner life. This will—whatever it may accomplish in deeds, wishes, or desires—if our reason is to remain true to itself, we must admit that it cannot, of its own accord, readily intervene in the way our life experience has taken shape. There we allow ourselves to be taught by life; there we enter the school of life and let life dictate what we are to believe. Whether we regard something as true or false does not depend on our own will. Precisely that which matures us in life, which gives us insight—the will must be excluded from this! We must not summarize our experiences arbitrarily, but rather as common sense and the logic of the facts dictate.
[ 20 ] Aber dieser Wille ist in einer anderen Weise wieder als eine Kraft der Seele an unsere Leiblichkeit gebunden als unsere Vorstellungen, Empfindungen, von denen unsere Erfahrung abhängt, bei denen wir nicht unterscheiden können, was außen und innen ist. Unser Wille ist anders an unsere Leiblichkeit gebunden. Wir sehen ganz deutlich, wie er fortdauernd eingreift in unsere Leiblichkeit. Betrachten wir das, was wir im normalen Verlauf des Lebens kennenlernen als Ermüdung. Sie kommt daher, dass Muskeln oder sonstige Organe abgenützt sind. Nichts erscheint so selbstverständlich für den oberflächlichen Eindruck als dies. Es erscheint glaublich, dass körperliche Organe abgenützt sind, und doch ist es nicht wahr. Die körperlichen Organe, die in einer ganz bestimmten Weise in unserem Organismus leben, nützen sich nicht ab. Wie wäre es, wenn Organe wie das Herz sich durch Schlaf erholen müssten? Die Organe, auf welche der bewusste Wille nicht wirkt, bleiben immer tätig und nutzen sich nicht ab. Man beachte Lunge, Herz, Zwerchfell, ja auch die innere Tätigkeit des Nervensystems; diese Kräfte arbeiten immer. Das nützt sich ab, was von unserem bewussten Willen ausgeht. Wenn wir arbeiten, dass die Muskeln von unserem Willen aus in Bewegung kommen, dann werden wir müde. Keine Arbeit ermüdet, die aus dem Organismus selber arbeitet, die aber im Organismus selber beschlossen bleibt. Solange der Wille wirkt, selbst wirkt, so lange nützt dieser Wille den Organismus nicht ab.
[ 20 ] But this will is bound to our physicality as a force of the soul in a different way than our ideas and sensations—on which our experience depends and in which we cannot distinguish between what is external and what is internal. Our will is bound to our physicality in a different way. We see quite clearly how it constantly intervenes in our physicality. Let us consider what we come to know in the normal course of life as fatigue. It arises because muscles or other organs are worn out. Nothing seems more self-evident to the superficial observer than this. It seems plausible that physical organs are worn out, and yet it is not true. The physical organs, which live within our organism in a very specific way, do not wear out. What if organs like the heart had to recover through sleep? The organs upon which the conscious will has no effect remain constantly active and do not wear out. Consider the lungs, the heart, the diaphragm, and even the inner workings of the nervous system; these forces are always at work. What wears out is that which emanates from our conscious will. When we work in such a way that our muscles are set in motion by our will, then we become tired. No work causes fatigue if it arises from within the organism itself but remains confined within the organism itself. As long as the will is active—acting of its own accord—the will does not wear out the organism.
[ 21 ] Sie sehen es noch aus etwas anderem. Es ist so mit dem Denkprozess: Gibt man sich den Träumereien des Tages hin, so wird man nicht müde, wohl aber, wenn man mit dem Willen in das Denken eingreift, dadurch, dass das Bewusstsein als Ausdruck unseres Seelenlebens, von dem wir sehen, dass es selbstständig wirkt, von außen in unsere Leibesorganisation eingreift. Der menschliche Wille kann bloß als Eigenwille wirken, indem er sich von außen anregen lässt, sich gezwungen fühlt durch irgendwelche Nötigungen; dieser Wille nützt unseren Organismus ab, sodass wir sagen können: Alles das, was Lebensabnützung ist, was an unserem Leib zehrt, das sprießt und fließt heraus aus dem Willen, der durch irgendetwas gezwungen ist, der nicht in der Wesenheit des Menschen und auch nicht innerhalb der seelischen Wesenheit stehen bleibt, der von außen angeregt, bestimmt ist, der sich als Eigenwille in Gegensatz bringt zu dem, was von außen sein muss, der eine zerstörende Kraft unseres Organismus ist.
[ 21 ] You see it from yet another perspective. This is how the thought process works: If one indulges in the daydreams of the day, one does not grow tired; but one does grow tired when one intervenes in thinking with one’s will, in that consciousness—as an expression of our soul life, which we see acting independently—intervenes from the outside into our physical organism. The human will can act as an independent will only by allowing itself to be stimulated from the outside, by feeling compelled by various pressures; this will wears down our organism, so that we can say: Everything that constitutes the wearing down of life, everything that consumes our body, springs forth and flows out of the will that is compelled by something, that does not remain within the essence of the human being or within the soul’s essence, that is stimulated and determined from the outside, that, as an independent will, sets itself in opposition to what must come from the outside, and that is a destructive force within our organism.
[ 22 ] Was wird das Gegenteil sein, was unseren Organismus aufbaut? Was ihn eigentlich in seine Konfiguration bringt? Es kann nicht ein Gedanke sein, nicht Vorstellungen, Empfindungen; es muss etwas sein, was wie der Wille eingreift in unseren Organismus. Es muss unser Eigenwille nicht sich von außen gezwungen fühlen; er muss als Eigenwille ganz und gar sein können. Das kann er dann sein, wenn uns unser Schicksal so vor Augen tritt, dass wir es nicht in Vorstellungen und Begriffen, sondern mit dem Willen uns vorstellen, sodass unser Eigenwille in keinen Gegensatz mit sich gerät. Dies kann nur dadurch geschehen, dass, wie sehr wir auch mit unserem Schicksal streiten und hadern mögen, wir uns vorstellen, dass wir dieses Schicksal gewollt hätten, wie wenn wir es selber gefügt hätten. Das kann man ausführen als Willensentschluss. Damit schaffen wir das Hindernis des Eigenwillens hinweg. Der Wille, der das Schicksal so betrachtet, wie wenn wir uns selbst hineingestellt hätten in die Sprachgemeinschaft, in die Familie, hat einen Willensentschluss, wenn auch umgekehrter Art, gefasst.
[ 22 ] What, then, is the opposite—what builds up our organism? What actually gives it its configuration? It cannot be a thought, nor ideas, nor sensations; it must be something that, like the will, intervenes in our organism. Our own will must not feel compelled from the outside; it must be able to be our own will entirely. It can be so when our fate presents itself to us in such a way that we conceive of it not through ideas and concepts, but through the will, so that our own will does not come into conflict with itself. This can only happen if—no matter how much we may struggle and quarrel with our fate—we imagine that we would have willed this fate, as if we had brought it about ourselves. This can be carried out as an act of volition. In this way, we remove the obstacle of our own will. The will that regards fate as if we had placed ourselves within the linguistic community, within the family, has made a resolution of the will, albeit of a reverse kind.
[ 23 ] Das sind keine Behauptungen, sondern bisher haben wir nur gewisse Seelenstimmungen hervorgerufen. Dann wandert unser Schicksal, wie wenn wir es selbst gewollt hätten, zurück bis zu dem ersten Moment, an den wir uns erinnern können, wie der Wasserstoff zum Sauerstoff wandert. Dann haben wir etwas in unserer Seele, was mit Gewissheit vor uns steht, so gewiss, wie wir wissen, dass die Flamme heiß ist. Jetzt erleben wir wirklich etwas Neues: die Ergänzung von unserem Seelenleben. Unser Schicksal dringt ein in unser Seelenleben, und wir haben die Antwort auf die Frage: Was hat den ersten Anstoß gegeben? — Das hat den ersten Anstoß gegeben, was wir als unser selbstgewolltes Schicksal aufgestellt haben, und nur so kommen wir zu einer wirklichen Anschauung dessen, was wir waren, als wir begonnen haben unser jetziges Erdendasein, wenn wir das Schicksal als etwas Selbstgewolltes auffassen und es verbinden mit unserem Seelenleben, das wir durch Selbstbeobachtung kennen lernen. Dann aber, wenn wir diese innere Erfahrung errungen haben, die die beiden Hindernisse, äußere Welt – Ahriman – und Eigenwille – Luzifer –, durch Selbstbeobachtung wegschaffen, dann dringen wir vor zur Erkenntnis, dass wir es selber sind, die das Schicksal geformt haben. Der Moment – und jeder kann diesen Moment erleben – ist ein solcher, der sich vergleichen lässt mit dem Moment, wo wir aufwachen, wo wir uns auch nicht sagen: Du bist aus dem Nichts heraus, sondern: Du bist so, wie du jetzt bist, weil du am Abend eingeschlafen bist. Wer im Ernst in einer Beobachtung, die allerdings die äußere Beobachtung außer Acht lässt und den Eigenwillen zerstört, sein Seelenleben erkennt, kommt zu dem Erlebnis, das wie ein Aufwachen ist und wie ein Erinnern an frühere Erdenleben. Sein innerer Wesenskern kommt herüber aus früheren Erdenleben und hat sich sein Schicksal selbst zusammengestellt; wir kommen zu einem Gedächtnis, dass wir frühere Erdenleben durchgemacht haben. Es ist nicht eine gewöhnliche Erinnerung, sondern unser Leben selbst erscheint uns wie eine große Erinnerung. Wir kommen zu der Annahme wiederholter Erdenleben. Dieses Erdenleben, das wir zwischen Geburt und Tod durchlaufen, ist das Ergebnis früherer Erdenleben. Der Mensch hat viele Erdenleben durchlebt, und damit ist gegeben, dass, wie der Mensch jetzt dasteht, er weitere Erdenleben durchmachen wird. Wir haben es zu tun mit einem Wesenskern, der nach dem Tode in eine geistige Welt dringt und dann wieder zurückkehrt zu einem anderen Erdenleben.
[ 23 ] These are not mere assertions; rather, so far we have merely evoked certain states of mind. Then our destiny, as if we had willed it ourselves, travels back to the very first moment we can remember, just as hydrogen travels to oxygen. Then we have something in our soul that stands before us with certainty, as certain as our knowledge that a flame is hot. Now we truly experience something new: the completion of our soul life. Our destiny penetrates our soul life, and we have the answer to the question: What provided the initial impetus? — What gave the initial impulse was what we have established as our self-chosen destiny, and only in this way do we arrive at a true insight into what we were when we began our present earthly existence—if we conceive of destiny as something self-chosen and connect it with our soul life, which we come to know through self-observation. But then, once we have attained this inner experience—which, through self-observation, removes the two obstacles, the external world (Ahriman) and our own will (Lucifer)—we advance to the realization that it is we ourselves who have shaped our destiny. That moment—and everyone can experience this moment—is comparable to the moment when we wake up, when we do not say to ourselves, “You have come out of nothing,” but rather, “You are as you are now because you fell asleep last night.” Whoever earnestly recognizes their inner life through observation—an observation that, however, disregards external observation and dissolves the will of the self—comes to an experience that is like waking up and like remembering past earthly lives. One’s inner core of being emerges from past Earth lives and has shaped its own destiny; we come to a realization that we have lived through past Earth lives. It is not an ordinary memory, but our very life appears to us as one great memory. We come to accept the idea of repeated Earth lives. This earthly life that we go through between birth and death is the result of previous earthly lives. Human beings have lived through many earthly lives, and it follows that, given the state in which a person now finds themselves, they will go through further earthly lives. We are dealing with an inner core of being that, after death, enters a spiritual world and then returns to another earthly life.
[ 24 ] Auch das, was wir zu hoffen haben für die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt, ergibt sich aus der Selbstbeobachtung. Mit dem Willen kannst du da nicht eingreifen. Dein Wille und deine Gedanken, Empfindungen und was du dir erobert hast in der Schule des Lebens, stehen getrennt in deinem Seelenleben. Wie ist der Wille sonderbar: Wir bewegen die Hand, aber was da geschieht von dem Moment des Wollens bis zu dem, was wir dann sehen als Bewegung, wissen wir zunächst nicht im normalen Leben. Wir sehen den Willen, wie er sich im Leben in äußeren Bewegungen, Gesten, Taten auslebt, aber es fehlt uns jede Möglichkeit, einzusehen, wie der Wille übergeht in Bewegungen und Taten. Was bloß vor uns liegt, was wir uns angeeignet haben als Lebenserfahrung, davon müssen wir in diesem Leben uns fernhalten, denn wenn sich unser Wille einmischen würde, würde sie gefälscht werden von unserem Willen. Aber im Verlaufe des Lebens erfahren wir, dass wir unsern Willen nicht wirken lassen können. Wie wir in dieses Leben hineingestellt sind, [darauf] können wir nicht wirken. Wenn wir etwas draußen sind aus dem Leben, dann braucht für unseren Willen keine Abhaltung zu sein, zu durchdringen rein und kraftvoll, was wir innerlich durchleben. Wenn unser Leib nicht mehr das Trennende bildet zwischen unserem Willen und unserer Lebenserfahrung, wenn diese äußeren Erlebnisse nicht mehr das Trennende bilden können, dann kann der Wille unsere Lebenserfahrung erfassen, durchdringen und durchkraften. Das tun wir zwischen Tod und neuer Geburt. Unser Wille wird alles, was wir erlebt haben, durchdringen, damit wir in einem neuen Dasein den ersten Anstoß geben können, von dem wir gesehen haben, dass wir ihn gefasst haben im Beginn des Erdenlebens.
[ 24 ] What we can hope for during the time between death and rebirth also arises from self-observation. You cannot intervene there with your will. Your will, your thoughts, your feelings, and what you have gained in the school of life exist separately within your inner life. How strange the will is: We move our hand, but in ordinary life we do not initially know what happens from the moment of willing to what we then see as movement. We see the will as it expresses itself in life through outward movements, gestures, and actions, but we lack any way of understanding how the will transforms into movements and actions. Whatever lies before us—whatever we have acquired as life experience—we must keep ourselves aloof from in this life, for if our will were to interfere, it would be distorted by our will. But in the course of life we learn that we cannot allow our will to act. We cannot influence the way we are placed in this life. When we are somewhat removed from life, there need be no hindrance to our will penetrating—purely and powerfully—what we are experiencing inwardly. When our body no longer forms the barrier between our will and our life experience, when these external experiences can no longer form the barrier, then the will can grasp, penetrate, and empower our life experience. We do this between death and a new birth. Our will will permeate everything we have experienced, so that in a new existence we can take the first step that we saw ourselves taking at the beginning of our earthly life.
[ 25 ] So sehen wir, wie dadurch, dass die Verbindung hergestellt wird mit unseren Vorstellungen, die Kräfte gebildet werden, die uns zu einem neuen Erdendasein aufrufen. Damit kommt Geisteswissenschaft zu der Anschauung von wiederholten Erdenleben, die sich wie eine Selbstverständlichkeit den Denkern der Neuzeit ergeben hat, sodass sie gar nicht anders konnten als ihre Gedanken auslaufen lassen in diese Vorstellungswelt, zum Beispiel Lessing, der als Frucht seines Lebens uns die «Erziehung des Menschengeschlechtes» gegeben hat. Da merkt man, was Lessing dazu gebracht hat, zu sagen, dass diese Anschauung die einzige Möglichkeit ist, Tod und Unsterblichkeit zu begreifen. Dieser Gedanke wird vielleicht verachtet, weil die Menschen davon seit Urzeiten wussten, weil früher die Menschen noch nicht beirrt waren wie in dieser Zeit durch die Ereignisse der Außenwelt und durch dasjenige, was sich zugetragen hat innerhalb der menschlichen Kultur. Die Seele der Menschen hat dasjenige auf sich wirken lassen, was Indien, Persien, Ägypten, Griechenland geboten haben, was man den Strom der Menschheitsentwicklung nennen kann. Hat es einen Sinn, wenn eine Seele, nachdem sie dies hat auf sich wirken lassen, abstirbt für immer? — Nein, es hat keinen Sinn. Wenn die Seele alles, was sie sich erarbeitet hat, in spätere Zeiten hinüberträgt und neue Erlebnisse hingenommen werden, so sind es die Seelen selber, welche die alten Kulturerrungenschaften in die Neuzeit herübertragen. Auch im neunzehnten Jahrhundert, trotzdem die äußeren wissenschaftlichen Verhältnisse so ungünstig wie möglich waren, ist man darauf gekommen.
[ 25 ] Thus we see how, through the connection established with our ideas, forces are formed that call us to a new earthly existence. Thus, spiritual science arrives at the concept of repeated earthly lives, which has presented itself as a matter of course to modern thinkers, so that they could not help but let their thoughts flow into this world of imagination—for example, Lessing, who, as the fruit of his life, gave us *The Education of the Human Race*. Here one realizes what led Lessing to say that this view is the only way to comprehend death and immortality. This idea may be scorned because people have known it since time immemorial; in earlier times, people had not yet been led astray, as they are in our time, by the events of the external world and by what has transpired within human culture. The human soul has absorbed what India, Persia, Egypt, and Greece had to offer—what might be called the current of human development. Does it make sense for a soul, after having absorbed all this, to die forever? — No, it makes no sense. If the soul carries over into later times everything it has worked out and embraces new experiences, then it is the souls themselves that carry the old cultural achievements into the modern era. Even in the nineteenth century, despite the fact that external scientific conditions were as unfavorable as possible, people came to realize this.
[ 26 ] Wie aber Geisteswissenschaft selbst durch geistige Experimente des Geistesforschers zu einem Beweise kommt, der nicht angefochten werden kann, davon kann morgen gesprochen werden. Es soll nur noch ausgeführt werden, wie das sich weiter auslebt, dass eine solche Anschauung durch Verarbeiten des inneren Seelenlebens gewonnen wird. Dadurch aber wirkt sie auch wieder zurück auf das innere Seelenleben. Auf einer Seite sehen wir zurück, wie wir uns hineingestellt haben nach unseren Taten, Gedanken und Empfindungen aus früheren Leben in dieses Leben. Wir fühlen, dass wir auch dieses Leben mit alldem, was uns das Schicksal bringt, durchmachen müssen, dass unsere Lebensschule weitergehen kann. Indem wir dies empfinden, sagen wir uns: Unser Leben, wie es sich in und um uns abspielt, ist die Wirkung früherer, von uns selber getaner Ursachen. Das ist die Lehre vom Karma, das für die neue Geisteswissenschaft kein altes Gesetz aus dem Buddhismus ist, sondern das aus der durch die Naturwissenschaft erzogenen modernen Seele selbst gewonnen wird.
[ 26 ] But how spiritual science itself, through the spiritual experiments of the spiritual researcher, arrives at evidence that cannot be disputed—that is a topic for tomorrow. It remains only to explain how this plays out further: that such a perspective is gained through the processing of the inner life of the soul. But in doing so, it also exerts a reciprocal influence on the inner life of the soul. On the one hand, we look back to see how we have placed ourselves in this life based on our deeds, thoughts, and feelings from previous lives. We feel that we must also endure this life with all that fate brings us, so that our school of life may continue. As we feel this, we tell ourselves: Our life, as it unfolds within and around us, is the effect of earlier causes we ourselves have set in motion. This is the doctrine of karma, which for the new spiritual science is not an old law derived from Buddhism, but one that is derived by the modern soul—shaped by the natural sciences—from within itself.
[ 27 ] Dieses Leben selbst zerfällt in eine auf- und absteigende Linie. In der Jugend wirken viele Kräfte aus früheren Leben so, dass unsere leibliche Organisation aufwärtsgehen kann. Unsere Kräfte bilden sich aus, werden reicher und reicher, bis der Höhepunkt erreicht ist, der uns Befriedigung gewährt. Dann kommt das absteigende Leben, wo das Gesicht sich runzelt, der Körper müde wird. Für jeden ist es gewiss, dass es kommt, und er braucht die Kraft verleihenden Gedanken. Ein solcher aber, der im geisteswissenschaftlichen Sinn, nicht bloß theoretisch, verstandesmäßig das Menschenleben betrachtet, er wird sehen, dass Geisteswissenschaft Kraft gibt, dass sie geradezu wie ein Lebenselixier wirkt, wenn wir ihre Wahrheit erkennen. Was einfließt in unsere Lebenszuversichten, Hoffnungen, in unsere Lebensarbeit, das fühlen wir, und man wird es immer fühlen, wenn einmal unsere Kultur in das Licht der Geisteswissenschaft gerückt sein wird. Da fühlen wir, wie im absteigenden Leben gerade das wächst und wachsen muss, was im Tode nicht zerfällt, sondern von unserem Willen erfasst wird und, wenn die größte Spannkraft erreicht ist, die Kraft hat, in das Geistige einzugehen und, nachdem es sich die Kräfte geholt hat aus der geistigen Welt, sich ein neues Leben zu zimmern.
[ 27 ] This life itself unfolds in an upward and downward trajectory. In youth, many forces from past lives work in such a way that our physical constitution can rise. Our powers develop and grow richer and richer until the peak is reached, which brings us satisfaction. Then comes the descending phase of life, when the face becomes lined and the body grows weary. It is certain for everyone that this will come, and they need thoughts that impart strength. But someone who views human life in the spiritual-scientific sense—not merely theoretically or intellectually—will see that spiritual science gives strength, that it acts almost like an elixir of life when we recognize its truth. We feel what flows into our outlook on life, our hopes, and our life’s work, and we will always feel it once our culture has been brought into the light of spiritual science. There we feel how, in the course of earthly life, precisely that which does not disintegrate in death but is grasped by our will grows and must grow; and when the greatest vitality is attained, it has the power to enter into the spiritual realm and, having drawn strength from the spiritual world, to fashion a new life for itself.
[ 28 ] Wir betrachten da nicht theoretisch die Fragen der Unsterblichkeit; wir leben und lernen fühlen die Unsterblichkeit der Seele, indem wir durch ein ahnungsvolles Verständnis der Geisteswissenschaft den Reichtum unserer Seele strömen fühlen, die uns sagt: Du entwickelst gegen das Lebensende hin immer stärkere Kräfte, die ebenso wenig untergehen wie die physikalischen Kräfte, die sich [nicht] nur verwandeln, sondern ewig und unsterblich sind. Im Wachsen der Kräfte, im realen Dasein der Kräfte fühlst du deine Unsterblichkeit. Die Unsterblichkeit ist nicht erst da, wenn wir tot sind, sondern schon während unseres Lebens. Sie ist, weil die Menschenseele da ist und weil der Mensch sie schon während des Lebens im Leibe empfinden kann. Geisteswissenschaft ist nicht Theorie, sondern Lebenssaft, und verstehen wir sie recht, so wird sie Lebenskraft. So treibt sie uns nicht dazu, zu spekulieren, sondern Unsterblichkeit ist etwas, was die Seele fühlen kann als etwas Substanzielles, Körperliches, das die Kräfte steigert und in sich Unsterblichkeit als ihr tiefstes Wesen und [ihre tiefste] Eigenschaft trägt. Unsterblichkeit zu empfinden und zu fühlen als seiner Lebenszuversicht Dasein, das ist dasjenige, was aus Geisteswissenschaft quellen muss. Und so dürfen wir zusammenfassen in einer Variation von Worten, wie die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft zum Lebenselixier werden:
[ 28 ] We do not consider the questions of immortality theoretically; we live and learn to feel the immortality of the soul by sensing, through an intuitive understanding of spiritual science, the richness of our soul flowing through us—a soul that tells us: As you approach the end of your life, you develop ever-stronger forces that do not perish any more than physical forces, which are [not] merely transformed but are eternal and immortal. In the growth of these powers, in their real existence, you feel your immortality. Immortality does not begin only when we are dead, but is already present during our lifetime. It exists because the human soul is present, and because human beings can already sense it within their bodies while they are alive. Spiritual science is not theory, but the lifeblood of existence, and if we understand it correctly, it becomes a life force. Thus, it does not drive us to speculate; rather, immortality is something the soul can perceive as something substantial and physical, which enhances the forces and carries within itself immortality as its deepest essence and [its deepest] quality. To perceive and feel immortality as the very foundation of one’s confidence in life—that is what must spring from spiritual science. And so we may summarize, in a variation of words, how the insights of spiritual science become the elixir of life:
Es sprechen zu den Menschensinnen
Die Dinge in den Raumesweiten,
Sie wandeln sich im Zeitenlaufe
In ihres Wesens tiefstem Kern.
Erkennend dringt die Menschenseele
Von Raumesweiten unbegrenzt
Und unbeirrt vom Zeitenlaufe
Ins Reich der Ewigkeit.
They speak to the human senses
The things in the vastness of space,
They change with the passage of time
At the very core of their being.
Through recognition, the human soul
Unbounded by the vastness of space
And undeterred by the passage of time
Penetrates into the realm of eternity.
