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Death and Immortality
in the Light of Spiritual Science
GA 69d

7 February 1912, Vienna

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Death and Immortality in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
  1. Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geisteswissenschaft

7. Das Wesen der Ewigkeit und die Natur der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft

7. The Essence of Eternity and the Nature of the Human Soul in the Light of Spiritual Science

[ 1 ] Gestern durfte ich vor Ihnen von allgemeinen Gesichtspunkten aus über zwei bedeutsame Fragen sprechen, über Tod und Unsterblichkeit vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, und am heutigen Abend soll es mir gestattet sein, auf einige besondere Dinge einzugehen, welche Licht auf diese Fragen werfen können. Geradeso, wie es gestern möglich war, angesichts der beiden besprochenen großen Fragen auf zwei wichtige Erlebnisse der menschlichen Seele hinzuweisen, welche eigentlich immer mehr oder weniger ausgesprochen oder unausgesprochen aus den verborgenen Tiefen der menschlichen Seele heraus diese Fragen aufwerfen, so können wir auch heute von zwei Erlebnissen unseres Inneren ausgehen, von zwei Erlebnissen, welche die Menschenseele immerzu hinweisen auf jene Idee, die eigentlich dem Verstande Schwindel erregen muss, wenn er sie in irgend bestimmter Art zu fassen versucht: die Idee der Ewigkeit. Und wenn die Menschenseele vielmals sagen will, dass sie irgendetwas zu tun habe mit der Ewigkeit gegenüber der Vergänglichkeit der äußeren Leibesgestalt, so könnte es scheinen, als ob solche Fragen eher hervorgingen aus den Begehrungen der menschlichen Seele, welche verlangt, ein anderes Schicksal zu haben als dasjenige zwischen Geburt und Tod. Aber auch hier können wir absehen von allen Wünschen und Begehrungen, selbst von aller Wissbegierde, und können auf zwei Erlebnisse der Menschenseele hinweisen, welche sie hinordnen nach der Idee der Ewigkeit. Es sind Erlebnisse tiefster, innerster Moralempfindung. Denn was könnte die menschliche Seele tiefer, ernster empfinden als das unbesiegliche Bestreben nach immerwährender Vervollkommnung? Man braucht sozusagen nur wirklich unbefangen in das eigene Innere sich zu vertiefen und man wird sagen müssen, dass man unwahrhaftig sein müsste gegenüber dem, was die Seele sein will, wenn man nicht sagen wollte: Ein unbesiegliches Streben nach Vervollkommnung, nach inhaltsvollerem Dasein wohnt dieser Menschenseele inne. Das ist das eine Erlebnis.

[ 1 ] Yesterday I had the opportunity to speak to you from a general perspective about two significant questions—death and immortality from the standpoint of spiritual science—and this evening I would like to address a few specific points that may shed light on these questions. Just as it was possible yesterday, in light of the two major questions discussed, to point to two important experiences of the human soul—which, in fact, always raise these questions, more or less explicitly or implicitly, from the hidden depths of the human soul— so today, too, we can take as our starting point two inner experiences—two experiences that constantly direct the human soul toward that idea which must actually make the intellect feel dizzy when it attempts to grasp it in any definite way: the idea of eternity. And when the human soul often feels compelled to say that it has some connection to eternity in contrast to the transience of the outer physical form, it might seem as though such questions arise rather from the longings of the human soul, which yearns for a destiny other than that which lies between birth and death. But even here we can set aside all wishes and desires, even all thirst for knowledge, and point to two experiences of the human soul that align it with the idea of eternity. These are experiences of the deepest, most inner moral feeling. For what could the human soul feel more deeply, more earnestly, than the invincible striving for everlasting perfection? One need only, so to speak, delve into one’s own inner self with true impartiality, and one will have to admit that one would be untruthful toward what the soul aspires to be if one did not say: An invincible striving for perfection, for a more meaningful existence, is inherent in this human soul. That is the first experience.

[ 2 ] Das andere Erlebnis aber, das sich ebenso stark geltend machen kann, ist, dass wir in keinem Augenblicke unseres Lebens, und wenn wir auch ein noch so hohes Alter erreichen, leugnen können, wie weit wir entfernt sind von dem, was uns als Ideal der Vollkommenheit vorleuchten kann, wie sehr wir uns unvollkommen fühlen gegenüber dem, was wir nach dem innersten Wesen unseres Gemütes eigentlich sein wollen. Das Streben nach Vervollkommnung und zugleich das notwendige Geständnis der Unvollkommenheit, das erweckt in der menschlichen Seele die Sehnsucht nach einem ewigen Streben, nach einem Streben, das ungehindert ist durch jene äußeren Gesetze vom Entstehen und Vergehen, von denen wir uns im Ernste doch nicht denken können, dass sie irgendwelche Grenzen bieten können, innerliche Grenzen bieten können unserem Streben nach Vollkommenheit. So sehen wir förmlich, dass der Mensch nicht aus einer Begierde und einem Wunsche heraus, sondern aus dem Verlangen, der höchsten moralischen Ordnung zu dienen, die ihm vorschwebt, dem höchsten moralischen Vollkommenheitsideal nachzustreben, das er aus diesem im höchsten Sinne sittlichen Verlangen hinstellen muss, die Frage aufwirft nach der Unvergänglichkeit der Menschenseele – das ist aber die Frage nach der Ewigkeit.

[ 2 ] The other experience, however, which can assert itself just as strongly, is that at no moment in our lives—no matter how old we may become—can we deny how far we are from what shines before us as the ideal of perfection, how deeply imperfect we feel in comparison to what we truly want to be according to the innermost essence of our soul. The striving for perfection and, at the same time, the necessary acknowledgment of imperfection awaken in the human soul a longing for an eternal striving—a striving that is unhindered by those external laws of coming into being and passing away, which we cannot seriously imagine could impose any limits—internal limits—on our striving for perfection. Thus we can clearly see that human beings do not raise the question of the immortality of the human soul out of mere desire or wish, but out of the longing to serve the highest moral order they envision—to strive for the highest ideal of moral perfection, which they must set forth from this, in the highest sense, moral longing— —but that is the question of eternity.

[ 3 ] Schon gestern wurde erwähnt, wie in einer schönen Weise der deutsche Philosoph Hegel gesagt hat: Unsterblichkeit der Menschenseele als eine Eigenschaft, die mit der Natur dieser Seele zusammenhängt, kann doch nicht erst beginnen, wenn der Mensch durch den Tod durchgegangen ist; wenn vielmehr etwas ist in der Menschenseele, woraus man erkennen kann, dass diese Seele eine Anwartschaft hat auf ein unvergängliches Dasein, so muss sich dies auch ankündigen in dem Leben der Seele innerhalb des leiblichen Daseins. Unsterblichkeit kann nicht erst nach dem Tode beginnen, sie muss auch schon im Leben – in diesem physischen Leben – vorhanden sein. — So weist uns denn doch auch die Frage nach dem Wesen der Ewigkeit auf die Untersuchung der Natur der Menschenseele, um aus dieser Natur der Menschenseele zu erkennen, inwiefern es denkbar, ja notwendig zu denken ist, die Seele herausgehoben zu denken aus den Gesetzen der Vergänglichkeit des Leibes. Und wenn wir – das ist auch gestern in einer Andeutung gesagt worden – wenn wir diese Natur der Menschenseele untersuchen wollen, dann müssen wir, wenn wir den wirklichen, wenn auch nicht den vorurteilsvollen Anforderungen der modernen Wissenschaft genügen wollen, diese Menschenseele herauslösen aus ihrer Verbindung mit dem Leibe. Denn wir konnten gestern darauf hinweisen, dass es auch unmöglich ist, zum Beispiel die Natur des Wasserstoffes zu untersuchen, solange er an das Wasser gebunden ist; wir müssen den Wasserstoff, wenn wir seine eigene Natur untersuchen wollen, herauslösen aus seinem Zusammenhang mit dem Wasser. Und so wissen wir ja, dass in dem gewöhnlichen, äußeren, normalen Leben die Seele zusammenhängt mit alledem, was wir die Leibesorganisation nennen können, indem wir empfinden durch unseren Leib, nach außen sehen, die Dinge beobachten durch die äußeren, leiblichen Sinneswerkzeuge, indem wir die Dinge denken durch jenes Denken, das an das Instrument des Gehirns gebunden ist, und, wenn wir fühlen und wollen, wir auch gebunden sind an unsere Leiblichkeit. Wie der Wasserstoff an das Wasser gebunden ist und sich notwendig innerhalb des Wassers nicht erkennen lässt, so lässt sich nicht erkennen die Natur der Menschenseele in der Art, wie sie uns erscheint im normalen Leben, wo sie fest gebunden und für unser Bewusstsein nicht abgelöst ist von den äußeren Erlebnissen und jenen inneren Erlebnissen, welche aus der Körperlichkeit aufsteigen.

[ 3 ] As mentioned yesterday, the German philosopher Hegel put it so beautifully: The immortality of the human soul, as a quality inherent in the nature of that soul, cannot begin only after a person has passed through death; rather, if there is something in the human soul from which one can recognize that this soul has a claim to an imperishable existence, then this must also be evident in the life of the soul within its physical existence. Immortality cannot begin only after death; it must already be present in life—in this physical life. — Thus, the question of the nature of eternity also directs us to an investigation of the nature of the human soul, so that from this nature of the human soul we may recognize to what extent it is conceivable—indeed, necessary—to conceive of the soul as transcending the laws of the body’s transience. And if we—as was also hinted at yesterday—if we wish to investigate this nature of the human soul, then, if we are to meet the genuine, if not the prejudiced, demands of modern science, we must separate this human soul from its connection to the body. For we were able to point out yesterday that it is also impossible, for example, to investigate the nature of hydrogen as long as it is bound to water; if we wish to investigate hydrogen’s own nature, we must separate it from its connection to water. And so we know, of course, that in ordinary, external, everyday life, the soul is connected to everything we might call the physical organism: we perceive through our body, look outward, observe things through the external, physical sense organs; we think about things through that thinking which is bound to the instrument of the brain; and when we feel and will, we are also bound to our physicality. Just as hydrogen is bound to water and cannot be recognized within the water, so too the nature of the human soul cannot be recognized in the way it appears to us in ordinary life, where it is firmly bound and, for our consciousness, not separated from external experiences and those inner experiences that arise from physicality.

[ 4 ] Nun haben wir schon gestern gesagt, dass, im Grunde genommen, in jeder Nacht, wenn der Mensch schläft, hervorgerufen wird eine Loslösung seines seelischen Erlebens von dem äußeren Leibesleben. Wir werden allerdings im Laufe des heutigen Vortrages dasjenige, was gestern sozusagen nur als Behauptung der Geisteswissenschaft aufgestellt und nur logisch bewiesen worden ist, auch erweisen können, indem wir an die sogenannte geisteswissenschaftliche Betrachtung herangehen. Vorläufig aber wollen wir es noch hinnehmen, wie es gestern als Behauptung aufgestellt oder logisch bewiesen worden ist, dass sozusagen das Leben, das wir in der innersten Seele erfahren, nicht etwas ist, was nur wie die Flamme von der Kerze aufsprießt, sondern was als ein Selbstständiges des Morgens beim Aufwachen untertaucht in das Leibesleben und beim Einschlafen es wieder verlässt, sich also zu diesem Leibesleben so verhält wie die Luft zur Lunge. Aber schon gestern wurde gesagt, dass uns etwas, mit Frohschammer könnte man sagen, es «handgreiflich» unmöglich macht, das selbstständige, das vom Leibe getrennte Seelenleben zu untersuchen, wenn wir es vor uns oder in uns haben vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Es ist dies dadurch unmöglich, dass, wo die Loslösung geschieht, auch Bewusstlosigkeit eintritt. In diesem normalen Leben können wir also die Untersuchung nicht anstellen. Wir könnten uns nur dann unabhängig machen vom Leiblichen, wenn wir uns des Seelischen bewusst würden, wenn es abflutet, wenn es sich vom Leiblichen zurückzieht.

[ 4 ] Now, as we said yesterday, every night when a person sleeps, there is, in essence, a detachment of their soul experience from their outer physical life. However, in the course of today’s lecture, we will be able to demonstrate—by approaching it from the so-called spiritual-scientific perspective—what was presented yesterday, so to speak, merely as an assertion of spiritual science and proven only logically. For now, however, let us accept it as it was presented yesterday as an assertion or proven logically: that, so to speak, the life which we experience in the innermost soul, is not something that merely flares up like the flame of a candle, but rather something that, as an independent entity, merges into physical life in the morning upon waking and leaves it again upon falling asleep—thus relating to this physical life in the same way that air relates to the lungs. But it was already stated yesterday that something—one might say, to paraphrase Frohschammer—makes it “tangibly” impossible for us to investigate this independent, soul-life separate from the body when we have it before us or within us from the moment we fall asleep until we wake up. This is impossible because, at the very moment of detachment, unconsciousness also sets in. Thus, in this normal life, we cannot undertake such an investigation. We could only become independent of the physical realm if we became conscious of the soul as it ebbs away, as it withdraws from the physical body.

[ 5 ] Aber es gibt ja eine Möglichkeit, einen Zwischenzustand ins Auge zu fassen, der hier wahrlich nicht im Sinne einer abergläubischen Traumwissenschaft erörtert wird, sondern im Sinne strengster Wissenschaftlichkeit: Es ist der Traumzustand, jener merkwürdige Zustand des Traumlebens, in dem wir so leben, dass wir auf der einen Seite Vorstellungen vor unsere Seele hingegaukelt fühlen, aber auf der anderen Seite der Verlauf dieser Vorstellungen sich ganz und gar unterscheidet von demjenigen Leben, das die Vorstellungen führen in ihrem Zusammenhange im normalen, wachen Tagesleben. Ein Zwischenzustand zwischen Wachzustand und dem tiefen traumlosen Schlaf ist der Traumzustand. Vielleicht können wir – so wollen wir uns zunächst ausdrücken – aus dem merkwürdigen Gaukelspiel des Traumes irgendetwas erkennen in Bezug auf die Natur der Menschenseele. Da müssen wir allerdings in Bezug auf das Traumleben nach ebenso strengen, logischen und wissenschaftlichen Forschungsgesetzen vorgehen, wie man sonst im Leben der Wissenschaft vorgeht. Und da sei gleich, damit wir diese Betrachtung nicht zu sehr ausdehnen, aufmerksam gemacht auf einen ganz bestimmten Traum, an dem wir gleichsam erkennen wollen, wie merkwürdig das Traumleben aufklärend wirken kann auf dasjenige, was eigentlich im Innern der Seele vorgeht. Nur das will ich voraussetzend sagen, dass, wenn hier solche Beispiele aus dem Leben, zum Beispiel hier aus dem Traumleben, erzählt werden, es sich nicht um ausgedachte Dinge handelt, sondern um Dinge, die sich wirklich ereignet haben – denn nur so kann gewissenhafte Forschung vorgehen. Der Traum, um den es sich handelt, ist folgender: Es war ein Schüler einer Mittelschule, der hatte eine besondere Begabung zum Zeichnen. Die Folge davon war, dass er in der letzten Klasse der Mittelschule eine sehr schwierige Zeichnung bekam, die er zu kopieren hatte. Alle anderen bekamen leichtere Vorlagen. Es war nun eingeführt in jener Mittelschule, dass immer am Ende des Jahres mehrere solcher Kopien von Zeichenvorlagen abgegeben wurden. Und es kam nun so, dass jener Schüler, gerade weil er eine besondere Begabung zum Zeichnen hatte und jene schwierige Vorlage bekam, das ganze Jahr und auch bis zum Schulschluss nicht fertig wurde. Dadurch wurde er sehr ängstlich, und dieser Angstzustand steigerte sich gegen den Schulschluss. Und obzwar man in der humanen Leitung jener Schule durchaus einsah, dass dies natürlich war, und es jenem Schüler nicht schadete, so hatte er doch dieses Erlebnis hinter sich, er hatte die Angstzustände durchgemacht. Interessant ist es nun, diesen Menschen im weiteren Verlauf seines Lebens zu verfolgen. Er zeigte natürlich weiter seine besondere Anlage zum Zeichnen. Und, periodisch wiederkehrend, stellte sich bei ihm ein ganz bestimmter Traum ein, der immer mehrere Nächte dauerte und dann vorüberging. Der Traum bestand darin, dass er sich bis ins späte Alter immer zurückversetzt fühlte in die letzte Mittelklasse, dort fühlte, wie er sich bemüht, zu zeichnen und zu zeichnen, und nicht fertig werden kann. Und was er da an Ängstlichkeit durchmachte, sodass er immer bebend aufwachte, das war im Traume so stark, dass es sich gar nicht vergleichen ließ mit jener Angst, die er wirklich durchgemacht hatte. Nach mehreren Jahren Pause trat immer der Traum periodisch wieder auf. Begreifen wird man dies nicht, wenn man nicht dieses merkwürdige Traumerlebnis im Zusammenhang betrachtet mit dem ganzen übrigen Leben jenes Menschen. Das Eigentümliche stellte sich nämlich ein, dass dieser Mensch jedes Mal, wenn er über ein solches Traumerlebnis hinweg war, fühlte, dass seine zeichnerischen Fähigkeiten in gewissem Sinne gewachsen waren; er konnte bessere Linien führen, konnte besser ausdrücken, was er sich vorstellte, er war geschickter geworden. Also wie ein etappenförmiges Sich-Vervollkommnen in den zeichnerischen Fähigkeiten nahm sich dieses Leben aus, und eingeleitet wurde jede Etappe durch den charakterisierten Angsttraum.

[ 5 ] But there is, in fact, a way to consider an intermediate state—one that is by no means being discussed here in the sense of a superstitious “science of dreams,” but rather in the sense of the strictest scientific rigor: It is the dream state, that peculiar state of dream life in which we experience, on the one hand, images being conjured before our soul, but on the other hand, the course of these images differs entirely from the life that these images lead in their context within normal, waking daily life. The dream state is an intermediate state between wakefulness and deep, dreamless sleep. Perhaps—to put it this way for now—we can discern something about the nature of the human soul from the strange illusion of the dream. In doing so, however, we must apply the same strict, logical, and scientific principles of research to dream life as are otherwise applied in the field of science. And so, lest we extend this discussion too far, let us immediately turn our attention to a very specific dream through which we wish, as it were, to recognize how remarkably dream life can shed light on what is actually taking place within the soul. I would just like to preface this by saying that when such examples from life—for instance, from the world of dreams—are recounted here, they are not fictionalized accounts but events that actually took place—for this is the only way conscientious research can proceed. The dream in question is as follows: There was a middle school student who had a special talent for drawing. As a result, in his final year of middle school, he was given a very difficult drawing to copy. Everyone else received easier templates. It had become standard practice at that middle school for students to submit several such copies of drawing templates at the end of each year. And it so happened that this student, precisely because he had a special talent for drawing and was given that difficult template, was unable to finish it all year long—not even by the end of the school year. This made him very anxious, and his anxiety intensified as the end of the school year approached. And although the compassionate administration of that school fully recognized that this was natural and did not harm the student, he had nonetheless gone through this experience; he had endured those episodes of anxiety. It is now interesting to follow this person’s life as it unfolded. Naturally, he continued to demonstrate his special aptitude for drawing. And, recurring periodically, he would have a very specific dream that always lasted several nights and then passed. The dream consisted of him—even into old age—feeling as if he were transported back to his final year of middle school, where he felt himself striving to draw and draw, yet unable to finish. And the anxiety he experienced there—so intense that he always woke up trembling—was so strong in the dream that it could not be compared at all to the fear he had actually endured. After a break of several years, the dream would always recur periodically. One cannot understand this unless one considers this strange dream experience in the context of the rest of that person’s life. What was peculiar, in fact, was that every time this man had come through such a dream experience, he felt that his drawing abilities had, in a certain sense, grown; he could draw better lines, could better express what he imagined, and had become more skilled. Thus, this person’s life appeared to be a step-by-step process of perfecting his drawing skills, and each stage was initiated by the characteristic anxiety dream.

[ 6 ] Sie werden es nicht unnatürlich finden, wenn nun Geisteswissenschaft folgende Erklärung dieses Traumes versucht. Es ist natürlich, dass so etwas wie eine Steigerung der zeichnerischen Fähigkeiten nicht plötzlich in einer Menschennatur auftreten kann, dass es sich vorbereitet, aber ausgesehen hat es so, als ob es immer nach jenem Angsttraum scheinbar plötzlich aufgetreten wäre. Es ist dies auch leicht so zu erklären: Es mussten erst gewisse innere, bis in den Leib hineinreichende Vorgänge geschehen, feinere rhythmisch-physiologische Vorgänge, weil wir ja alles, was sich auf die äußere Welt bezieht, gebunden haben an die Instrumente des Leibes. Es mussten sich in den Instrumenten des Leibes Veränderungen vollziehen. Diese Veränderungen vollzogen sich offenbar langsam und allmählich durch jene Perioden, in denen das Bewusstsein nichts [davon] ahnte, dass sich erhöhte Fähigkeiten zeigen werden. Eine Weile erlebt man es im Bewusstsein so, wie wenn die gleiche Intensität der Fähigkeiten da wäre. Da bereitete sich aber von unten in den Tiefen der ganzen Menschenorganisation das vor, was dann der Betreffende brauchte, als ins Bewusstsein hinauftrat die Erhöhung der zeichnerischen Fähigkeiten. Und woran zeigte sich das, was da unten gärte und arbeitete? Es zeigte sich dadurch, dass es zunächst, in dem Augenblicke, wo es fähig war, in das Bewusstsein heraufzubrechen, im halben Bewusstsein des Traumes sich abspielte, in Bildern des Traumes sich auslebte. Bevor noch der Wille in der Lage war, die Fähigkeiten zu gebrauchen, gaukelte es sich herauf aus den verborgenen Tiefen der Seele in dem Traumerlebnis, das im Grunde nur eine äußere Ähnlichkeit hat mit dem, was sich da im Grunde der Seele entwickelt. Zweierlei können wir sehen: den Übergang von einem Arbeiten unten in der unterbewussten oder, sagen wir, unbewussten Leibesorganisation zu einem Aufbrechen zuerst zu halb bewussten Vorstellungen des Traumes und dann zu einem Eintreten in das volle Bewusstsein. Wer könnte da noch zweifeln, dass dieselben Kräfte, die später im Bewusstsein auftreten als Erhöhung zeichnerischer Fähigkeiten, nur die umgewandelten Fähigkeiten sind, die früher unten in der Leibesorganisation arbeiteten? Sie zeigten sich ja sozusagen in ihrer halben Umwandlung in den Traumbildern. Das ist das eine, das wir sozusagen klar und deutlich vor uns haben: die Möglichkeit, auf diesem Gebiete der Geisteswissenschaft so zu denken, wie auch der Naturwissenschafter denkt. Jeder Physiker wird verstehen, dass die Druckkraft sich in Wärme wandelt. Ganz derselben Art zu denken gehört es an, wenn man sagt: Was später im Bewusstsein zeichnerischer Fähigkeiten auftritt, hat erst in anderer Form unten gearbeitet, hat selber erst die Organe zubereitet, und erst als die Organe da waren, konnte die Steigerung der Fähigkeiten eintreten – wie wenn ein Mensch erst an der Maschine arbeiten muss, um erst [danach] dann die Maschine zu benützen. Was zuletzt als benutzbares Instrument hervortritt, muss zuerst von derselben Geisteskraft zubereitet werden. Was zuletzt als Resultat auftritt, ist es selbst, was erst die Organe in den Tiefen der Seelenorganisation zubereitet.

[ 6 ] You will not find it unnatural if spiritual science now attempts to offer the following explanation for this dream. It is natural that something like an improvement in drawing ability cannot occur suddenly in human nature—that it requires preparation—but it appeared as though it had always occurred seemingly suddenly after that nightmare. This is also easy to explain: certain inner processes, extending into the body itself, had to take place first—more subtle rhythmic-physiological processes—because we have, after all, bound everything that relates to the external world to the instruments of the body. Changes had to take place within the body’s instruments. These changes apparently occurred slowly and gradually during those periods in which consciousness had no inkling that heightened abilities would manifest. For a while, one experiences it in consciousness as if the same intensity of abilities were present. But from below, in the depths of the entire human organism, what the individual would later need was already being prepared as the heightened drawing abilities rose into consciousness. And how did what was fermenting and working down there manifest itself? It manifested itself in that, at first—at the very moment it was able to burst into consciousness—it played out in the half-consciousness of a dream, expressing itself through dream images. Even before the will was in a position to make use of these abilities, they emerged from the hidden depths of the soul into the dream experience, which essentially bears only an outward resemblance to what is actually developing at the very core of the soul. We can observe two things: the transition from a process taking place deep within the subconscious—or, let us say, the unconscious—physical organism to an emergence, first into the semi-conscious images of the dream and then into full consciousness. Who could still doubt that the very same forces, which later appear in consciousness as an enhancement of artistic abilities, are simply the transformed abilities that previously worked deep within the physical organism? After all, they manifested themselves, so to speak, in their half-transformed state in the dream images. That is one thing we have, so to speak, clearly before us: the possibility of thinking in this field of spiritual science in the same way that natural scientists think. Every physicist will understand that pressure is transformed into heat. It belongs to this very same way of thinking when one says: What later appears in consciousness as drawing abilities had first been at work in a different form at a deeper level; it was this process itself that first prepared the organs, and only once the organs were in place could the enhancement of these abilities occur—just as a person must first work on a machine in order to then use it. What ultimately emerges as a usable instrument must first be prepared by the same spiritual force. What ultimately appears as the result is itself what first prepares the organs in the depths of the soul’s organization.

[ 7 ] Das andere ist dieses: wie der Traum merkwürdig arbeitet – und das ist vielleicht für eine tiefere Betrachtung der Menschennatur noch interessanter. Was hat es zu tun mit dem, was da geschehen ist mit der Umwandlung von in der Tiefe der Menschennatur waltenden Seelenkräften in bewusste, was da als Angstzustände in sonderbaren Bildern, die einer längst vergangenen Lebenszeit angehören, sich auslebt? Eines ist, dass der Gemütszusammenhang und nicht das Vorstellungsleben da in jenem Menschen arbeitet. Was der Mensch durchgemacht, was er in seinem Gemüt erlebt hat an Ängstlichkeit, ist eine Kraft, die viel intimer mit der Seele zusammenhängt, mit dem ureigensten Innern, als die Vorstellungskräfte, die doch im gewöhnlichen Leben der äußeren Welt entlehnt sind. Der Traum zeigt sich aber eben dadurch als intimer dem Seelenleben verknüpft denn das bewusste Vorstellungsleben des Tages, dass er sich darstellt in den Bildern so, dass wir sozusagen Bilder vor uns hinstellen, die nicht an ein Vorstellen erinnern, sondern an ein inneres Erleben, an das Gemütsleben. Das können wir überhaupt sehen, wie in Traumbildern, in seinen sonderbar scheinenden Zusammenhängen unser Gemütsleben arbeitet. Überall sind die Vorstellungen, die sich im Traume vor uns hingaukeln, das Gleichgültige; die leben und weben sich aus in einer scheinbar willkürlichen Weise – willkürlich im Vergleiche mit den regelmäßigen Zusammenhängen, die wir draußen sehen.

[ 7 ] The other point is this: how strangely dreams work—and this is perhaps even more interesting for a deeper examination of human nature. What does this have to do with what has happened there—with the transformation of the soul forces at work in the depths of human nature into conscious ones, with what plays itself out there as states of anxiety in strange images belonging to a long-past lifetime? One thing is that it is the emotional context, and not the life of the imagination, that is at work in that person. What the person has gone through—the anxiety they have experienced in their soul—is a force that is much more intimately connected to the soul, to one’s very innermost being, than the powers of imagination, which are, after all, borrowed from the external world in ordinary life. But the dream reveals itself to be more intimately linked to the life of the soul than the conscious imaginative life of the day precisely because it presents itself in images in such a way that we, so to speak, place before us images that do not resemble imagination but rather an inner experience, the life of the soul. We can see this clearly in dream images: in their seemingly strange connections, our emotional life is at work. Everywhere, the images that flit before us in dreams are the incidental; they live and unfold in a seemingly arbitrary manner—arbitrary in comparison to the regular connections we see in the outside world.

[ 8 ] Da können wir zum Beispiel Folgendes erleben. Ein Mensch hatte einmal in ferner Vergangenheit einen anderen Menschen nicht gerne, weil er ihn in seiner Tätigkeit nicht besonders schätzen konnte, und hatte sich eine bestimmte Empfindung, ein bestimmtes Gemütserlebnis an jenem Menschen zurechtgelegt. Nun hatte er jene Dinge längst vergessen, die mit jenem Menschen in Zusammenhang waren. Nach vielen Jahren träumte er wieder von jenem Menschen, aber jetzt war jener Mensch nicht ein Mensch, sondern ein kleines Hündchen, das unangenehm bellte, aber das Bellen dann übergehen ließ in eine Sprache, deren Klang erinnerte an die Sprache jenes Menschen. Und im Traume konnte sich das Hündchen in einen Zusammenhang ganz willkürlich hineinfügen. Aber da war etwas, was anders ausging, als man selbst wünschte. Man wünschte, dass dieser Mensch nicht ganz und gar beleidigt war. Und da sagte man etwas zu dem Hündchen, und das Hündchen bellte so, dass es sagte: Es war schlimm, was du mir angetan hast, aber es macht nichts, es wird schon wieder gut, es war nur ein Missverständnis. – Was hat denn das Hündchen mit jenem Menschen zu tun? Wenn wir das logische Denken, alles an der Außenwelt geschulte Denken, ins Auge fassen, dann hat das kleine Hündchen wahrhaftig nichts zu tun mit alldem, was sich wirklich abspielt. Wenn wir aber die Gemütslage des betreffenden Menschen ins Auge fassen, die Art, wie er zu jenem Menschen gestanden hat, da sehen wir, dass diese treu wiederkehrt in einem viel späteren "Traum. Aber in Bezug auf die Ausgestaltung der Vorstellung, da ist unser Gemüt frei waltend, da verwandelt es, was es empfindet, in das Symbolum des Hündchens, da verwandelt es das Traumbewusstsein, alles in scheinbar willkürliche Bilder. Aber nur [das], was wir den logischen Ursachenzusammenhang nennen, einen Zusammenhang, den wir aus der Außenwelt haben, ist willkürlich; ganz gesetzmäßig aber ist das Durchwobensein der Vorstellungen, die noch so sehr verschieden sein mögen von der Außenwelt, mit dem, was unser Gemüt, unser Inneres weiterführt von den Lebensereignissen. Die Seele zeigt uns also im Traume: Sie ist mehr in ihrem Innern, als wenn sie mit ihren Leibesgliedern verknüpft ist. Wenn sie nach außen schaut, wenn sie mit ihren Organen verbunden ist, da lebt sie mit allem Äußeren, mit allem, was wir aus der Schule des Lebens lernen können. Im Traume hält sich die Seele nicht an das, was sie von außen erlebt, da bildet sie ihre Gemütszustände nur in Vorstellungen, und diese tragen genau die Siegel des Gemütslebens. Daraus können wir ersehen, dass, was wir unser Gemüts- und dann unser Willensleben nennen, in innigerem Verbande steht mit unseren tiefsten Seelengründen als das bloße Vorstellungsleben. Und jetzt wollen wir anwenden, was sich uns so gezeigt hat durch eine Beobachtung der Traumwelt an jenem Menschen mit dem Angsttraum, auf eine Betrachtung des ganzen Menschenlebens von der Geburt bis zum Tode. Da sehen wir etwas Merkwürdiges: dass wir mit unserer zusammenhängenden Erinnerung, mit dem, was wir als den eigentlichen Inhalt unseres Seelenlebens anschauen, im normalen Leben zurückreichen bis zu einem bestimmten Punkte unserer Kindheit. Über diesen Punkt hinaus kann sich der Mensch nicht zurückerinnern. Was vorher sicherlich geschehen ist, können nur andere Menschen, Eltern, ältere Geschwister und so weiter, uns erzählen. Zweifellos war das alles, wovon wir später wissen: Es ist unser bewusster Seeleninhalt; es ist der Inhalt dessen, was wir denken können wie den fortlaufenden Strom des Seelenlebens, was da drinnen kraftet, webt und lebt, schon vorher vorhanden. Dass wir uns unseres Ich bewusst werden von einem gewissen Zeitpunkte an, ist kein Beweis dafür, dass es vorher nicht da ist, dass es sich erst von diesem Punkte an entwickelt hat. Dass wir etwas wissen, hat mit der Realität nichts zu tun. Dass wir uns unseres Ich erst von einem bestimmten Punkte an bewusst werden, das hat nichts zu tun damit, dass dieses Seelenleben auch schon vorher vorhanden war.

[ 8 ] Here, for example, we can observe the following. Once, in the distant past, a person did not like another person because he did not particularly appreciate that person’s work, and had formed a certain impression, a certain emotional response, toward that person. By now, he had long since forgotten the things associated with that person. Many years later, he dreamed of that person again, but now that person was not a human being but a little puppy that barked unpleasantly, only for the barking to then give way to a language whose sound was reminiscent of that person’s speech. And in the dream, the puppy could fit into a context quite arbitrarily. But there was something that turned out differently than one might have wished. One wished that this person were not entirely offended. And so one said something to the little dog, and the little dog barked in such a way that it said: “What you did to me was bad, but it doesn’t matter; it will be all right again—it was just a misunderstanding.”—What does the little dog have to do with that person? If we consider logical thinking—all thinking trained by the external world—then the little dog truly has nothing to do with what is actually happening. But if we consider the state of mind of the person in question, the way he related to that other person, we see that this is faithfully reflected in a much later “dream.” But when it comes to the shaping of the image, our mind reigns freely; it transforms what it feels into the symbol of the little dog; it transforms dream consciousness, everything, into seemingly arbitrary images. But only [what] we call the logical causal connection—a connection we derive from the external world—is arbitrary; but it is entirely lawful for these ideas—however different they may be from the external world—to be interwoven with what our mind, our inner self, carries forward from the events of life. The soul thus shows us in a dream: it is more within itself than when it is connected to its bodily members. When it looks outward, when it is connected to its organs, it lives with everything external, with everything we can learn from the school of life. In dreams, the soul does not adhere to what it experiences from the outside; there it forms its emotional states solely in ideas, and these bear the exact imprint of emotional life. From this we can see that what we call our emotional life—and subsequently our volitional life—is more intimately connected with the deepest foundations of our soul than mere imaginative life. And now let us apply what has been revealed to us through an observation of the dream world in the case of that person with the nightmare to a consideration of the entire human life from birth to death. There we see something remarkable: that with our coherent memory—with what we regard as the actual content of our soul life—we can, in normal life, trace back only to a certain point in our childhood. Beyond this point, a person cannot recall anything. What certainly happened before that can only be told to us by other people—parents, older siblings, and so on. Undoubtedly, everything we come to know later—our conscious inner life; the content of what we can think of as the continuous stream of inner life, what stirs, weaves, and lives within us—was already present before that. The fact that we become aware of our “I” from a certain point in time onward is no proof that it was not there before, that it only began to develop from that point onward. The fact that we know something has nothing to do with reality. The fact that we only become aware of our “I” from a certain point onward has nothing to do with the fact that this inner life was already present before that.

[ 9 ] Aber nun merken wir gerade an dem Kindesleben in einer eigentümlichen Art, wenn wir es nur innig betrachten, wie es vorher vorhanden ist. Ist es nicht so, dieses Kindesleben, dass wir sagen können: Das Traumesschlafesleben hat etwas Ähnliches mit dem, was wir da in unbestimmtem Dunkel empfinden von unserem bewussten Seelenleben? Der Mensch schläft oder träumt sich sozusagen in das Erdendasein hinein: Wie das Kind sich mit der Umgebung beschäftigt, wie es, was es erlebt, hinüberträgt in spätere Zeitpunkte, wie es die Dinge vergisst und neue hineindringen lässt, diese ganze Art des Lebens des Kindes hat eine Ähnlichkeit mit dem Schlaf- und Traumesleben. Der Mensch schläft sich in das Leben herein, der Mensch lebt sich herein in dieses Erdenleben mit einem herabgeminderten Bewusstsein, mit einem herabgestimmten Seelenleben. Aber was verdankt er diesem herabgestimmten Seelenleben alles! Es ist tief wahr, was Jean Paul gesagt hat, dass wir in den ersten drei Lebensjahren mehr lernen als in den drei «akademischen». Aber noch etwas anderes ist wahr: In den ersten Lebensjahren, wo wir keine Möglichkeit haben, das Seelenleben zum Bewusstsein aufzurufen, da können wir beobachten, wie gründlich gearbeitet wird, erst an der Herausgestaltung, an der Herausorganisierung unserer physischen Leiblichkeit. Unbestimmt — das muss auch die äußere Wissenschaft zugeben – sind noch die feineren Organe des menschlichen Leibeslebens, ja, für denjenigen, der solche Dinge empfinden kann, ist es geradezu eine tief geheimnisvolle Sache, wie das Kind die wichtigsten Dinge lernt in den ersten Lebensjahren, was wir so ausdrücken können: In wunderbarer Weise erhebt sich das Kind von einem Nicht-gehen-Könnenden zu einem Aufrechten, von einem Nicht-sprechen-Könnenden zu einem Sprechfähigen. All das aber ist verbunden mit der Zubereitung unserer Leibesorgane, mit deren Ausziselierung und plastischer Zugestaltung. Haben wir da nicht im Großen etwas Ähnliches wie bei unserem Träumer, der seinen Angsttraum träumt?

[ 9 ] But now, when we look closely at a child’s life—in a unique way—we realize just how it already exists. Is it not true of this childhood life that we can say: The life of dream and sleep bears a resemblance to what we sense, in an indefinite darkness, of our conscious soul life? Human beings, so to speak, sleep or dream their way into earthly existence: the way a child engages with its surroundings, the way it carries what it experiences over into later moments, the way it forgets things and allows new ones to enter—this entire way of life of the child bears a resemblance to the life of sleep and dreams. Human beings “sleep” their way into life; they “live” their way into this earthly existence with a diminished consciousness, with a soul life that has been toned down. But how much do they owe to this toned-down soul life! It is profoundly true, as Jean Paul said, that we learn more in the first three years of life than in the three “academic” years. But something else is also true: In the first years of life, when we have no way of bringing our soul life into consciousness, we can observe how thoroughly work is being done—first and foremost on the formation and organization of our physical body. The finer organs of human physical life are still undefined—even external science must admit this—and indeed, for those who can sense such things, it is a profoundly mysterious matter how the child learns the most important things in the first years of life, which we might express as follows: In a wondrous way, the child rises from being unable to walk to standing upright, from being unable to speak to being able to speak. All of this, however, is connected to the development of our physical organs, to their refinement and plastic shaping. Do we not see here, on a grand scale, something similar to what happens with our dreamer who is having a nightmare?

[ 10 ] Wie wir bei ihm sagen konnten: Während der Traumperiode hat zuerst in den Organen dasjenige gearbeitet, was erst später im Bewusstsein hervortritt, so arbeitet die träumende Kindesseele zuerst an der Leibesgestaltung, an der Ausgestaltung des Leibeslebens – es ist eine Umwandlung dessen, was später bewusst auftritt, in solche Kräfte, die im Unbewussten arbeiten an unserer Leibesorganisation, sodass wir sagen müssen: All das, was wir später erleben, was Inhalt unserer Seele ist, sodass es wie in einem fortwährenden Strome in unserer Erinnerung bewusst ist, ist deshalb herabgedämpft, weil es da andere Aufgaben hat, als das Bewusstsein aufzurufen; da muss es arbeiten an der Leibesgestaltung. Da sehen wir, wenn wir dies im Sinne modernen Denkens verfolgen, dass wir die Seele als das Ursprüngliche betrachten müssen: nicht als ein Ergebnis der Leibesorganisation — wie die Flamme ein Ergebnis der Kerze ist –, sondern als das, was an der Leibesorganisation arbeitet, was diese Leibesorganisation erst gestaltet.

[ 10 ] As we were able to say about him: During the dream period, what first takes place in the organs—and only later emerges into consciousness—is that the dreaming child’s soul first works on the formation of the body, on the shaping of bodily life. It is a transformation of what later appears consciously into forces that work in the unconscious on our bodily organization, so that we must say: Everything we later experience—the content of our soul—which is present in our memory as a continuous stream of consciousness, is therefore subdued because it has other tasks there besides calling upon consciousness; there it must work on the formation of the body. If we pursue this line of thought in the spirit of modern thinking, we see that we must regard the soul as the primordial source: not as a result of the physical constitution—just as the flame is a result of the candle—but as that which acts upon the physical constitution, that which shapes this physical constitution in the first place.

[ 11 ] Schon gestern erwähnte ich, dass es ganz natürlich ist, dass der heutige Wissenschaftler und diejenigen, welche ihm blindlings folgen, dies nicht zugeben. Aber die wirklich vorurteilslose Auffassung gerade der modernen Resultate ergibt, dass Geisteswissenschaft hier mit ihren Aufstellungen im Rechte ist und dass wir einer Zeit zustreben, in der die Resultate der Geisteswissenschaft anerkannt werden. Heute ist es leicht zu sagen: Zeigt sich dann gegenüber der Geisteswissenschaft nicht, dass zum Beispiel eine bestimmte Partie unseres Gehirns durch ihre eigentümliche Furchung geradezu darauf aufmerksam macht, wie wir abhängig sind in unserem Sprechen und Sprachvorstellen von einer materiellen Ausgestaltung in unserem Gehirn? Gerade dieser Gedanke, im richtigen Sinne gefasst, zeigt aber die Selbstständigkeit des Seelenlebens, sodass wir erkennen können, wie die Seele es ist, die den Leib bearbeitet, nicht umgekehrt. Wir müssen nur in richtiger Weise trennen, was in der bloßen Vererbungslinie liegt, was an uns erscheint als unmittelbar vererbt. Was wir ererbt haben, tritt an uns auf, auch ohne dass wir mit der Außenwelt in Beziehung kommen. Wir könnten einen Menschen auf eine ferne Insel versetzen; er würde zweite Zähne sicher bekommen, weil dies in der Vererbung begründet ist, aber jeder weiß, dass, wenn wir ihn von menschlicher Sprache lostrennen, durch die vererbten Eigenschaften er nicht zum Sprechen und zum Denken kommt. Das kann nur aufgerufen werden von außen, indem der Gedanke gesprochen wird in der Umgebung. Also umgekehrt: Jene Gehirnwindungen, welche später die Werkzeugsgrundlage des Sprechens sind, werden selbst erst durch das Einströmen der Sprache als Instrument gebildet.

[ 11 ] I already mentioned yesterday that it is only natural that today’s scientists and those who blindly follow them would not admit this. But a truly unbiased assessment of modern findings in particular reveals that spiritual science is correct in its assertions and that we are moving toward a time when the findings of spiritual science will be recognized. Today it is easy to say: Doesn’t this then demonstrate, in relation to spiritual science, that, for example, a certain part of our brain, through its peculiar furrowing, actually draws our attention to how dependent we are, in our speech and linguistic concepts, on a material structure within our brain? Yet it is precisely this idea, understood in the right sense, that reveals the independence of the soul’s life, so that we can recognize how it is the soul that shapes the body, not the other way around. We need only correctly distinguish between what lies in the mere line of heredity and what appears to us as directly inherited. What we have inherited manifests itself in us even without our coming into contact with the outside world. We could send a person to a remote island; he would certainly grow a second set of teeth, because this is rooted in heredity, but everyone knows that if we cut him off from human language, he will not be able to speak or think on the basis of his inherited characteristics alone. This can only be evoked from the outside, by the thought being spoken in his surroundings. Conversely: those convolutions of the brain that later serve as the neurological basis for speech are themselves formed only through the influx of language as an instrument.

[ 12 ] So kann die Tatsache, die von der materialistischen oder, moderner ausgedrückt, monistischen Weltanschauung ausgesprochen wird, gerade als Hinweis auf die Geisteswissenschaft dienen. So kommen wir zu dem Gedanken, dass die Seele arbeitet an dem Leibe und dass wir keine Berechtigung haben, dieses Seelische als bloße Funktion des Leiblichen anzusehen. Und je tiefer man geht, desto mehr sieht man ein, dass schon von der ersten Atom- oder Zellengestaltung des Leibes an dieses Seelische am Leben arbeiten muss. Damit aber ist gegeben, dass die Seele uns entgegentritt als etwas, was vor dem Beginne des ersten Atoms des Leiblichen vorhanden sein muss. Wir blicken zurück auf ein seelisches Leben, weil es vor dem leiblichen Leben da sein muss, in einem rein seelisch-geistigen Leben da sein muss. Wir sehen den ewigen Gebrauch des Seelischen, wir sehen, wie wir das Seelisch-Geistige nicht hervorgehend denken können aus irgendeinem Physisch-Leiblichen, sondern aus einem Geistigen, und annehmen müssen, dass unsere Seele, bevor sie eintritt in die Leiblichkeit, in einem geistigen Dasein vorhanden war, geistiges Land durchlebt hat. So dachten alle, die vorurteilslos darüber nachdenken konnten. Und man findet alles, was bis zu diesem Gedanken führen muss, nur anders dargestellt, bei Aristoteles. Aber Aristoteles macht nun hier einen merkwürdigen Sprung: Da kommt die Seele unmittelbar aus einem göttlichen Dasein heraus, schnürt sich gleichsam ab von einem göttlichen Dasein, tritt ein in das menschliche Dasein, von dem sie sich wieder loslöst im Momente des Todes. Dieser Gedanke, dass in jedem Einzelleben eine besondere Seele von Gott sich abschnürte, scheitert gegenüber einer unbefangenen Beobachtung des Lebens.

[ 12 ] Thus, the fact asserted by the materialistic—or, to put it in more modern terms, monistic—worldview can serve precisely as a pointer to spiritual science. This leads us to the idea that the soul works on the body and that we have no grounds for regarding this spiritual aspect as a mere function of the physical. And the deeper one goes, the more one realizes that, from the very first atomic or cellular formation of the body, this spiritual aspect must be at work in life. This, however, implies that the soul confronts us as something that must have existed before the beginning of the first atom of the physical body. We look back upon a soul life, because it must have existed before physical life—it must have existed as a purely soul-spiritual life. We see the eternal activity of the soul; we see that we cannot conceive of the soul-spiritual as emerging from anything physical or corporeal, but rather from the spiritual, and must assume that our soul, before entering into corporeality, existed in a spiritual existence and lived through a spiritual realm. This is how all those who were able to reflect on the matter without prejudice thought. And one finds everything that must lead up to this thought—albeit presented differently—in Aristotle. But Aristotle now makes a strange leap here: the soul emerges directly from a divine existence, detaches itself, as it were, from a divine existence, enters into human existence, from which it detaches itself again at the moment of death. This idea—that in every individual life a particular soul separates itself from God—fails to stand up to an unbiased observation of life.

[ 13 ] Fassen wir ins Auge, wie unsere Seele sich im Erdenleben entwickelt. Kein Mensch wird leugnen, dass unser Seelenleben gerade in seinem Gemütsinhalt, in seinen Stimmungen, in seiner ganzen Grundverfassung immer so ist, wie es aufgrund vorhergegangener Erlebnisse sein kann, wie man – zum Beispiel Menschen, die sich den ganzen Tag geärgert haben, dann abends brummig werden für ihre Umgebung, und diese oft schon aus den Mienen, aus der Art, wie der Betreffende eintritt, erkennen kann, was tagsüber auf den Betreffenden gewirkt hat. So sehen wir, wie unsere Stimmung zusammenhängt mit dem, was wir vorher erlebt haben. Wenn wir aber unser Seelenleben betrachten, wie wir es hereintreten sehen in das gegenwärtige Erdendasein, so stellt es sich so dar, dass es sozusagen schon vorneherein vorhandene Gemüts- und Willensrichtungen der Seele gibt. Die sind so bestimmt ausgeprägt, dass sogar ein Philosoph, der darin unrecht hatte, Schopenhauer, glaubte, diese Gemüts- und Willensrichtung, der ganze Charakter des Menschen sei mit der Geburt gegeben und bleibe unverändert das ganze Leben hindurch. So ist es nicht. Eine unbefangene Beobachtung zeigt, dass wir vorwärtsschreiten können auch in Bezug auf unsere Willens- und Charaktergestaltung. Aber der Irrtum Schopenhauers konnte nur daraus hervorgehen, dass der Mensch uns eine gewisse Stimmung zeigt, die sich in der Grundnuance seines Charakters ausdrückt, die wir gar nicht verschieden finden, wenn wir sie nur gehörig betrachten, von einer Gemütsstimmung, die wir uns aneignen durch die Ereignisse des gewöhnlichen Lebens. Wir treten in die Welt herein so, dass sich dieser Charakter, diese Stimmung schon so zeigt, dass wir diese Stimmung forttragen durch das gegenwärtige Dasein. Es ist unmöglich, wenn man nicht phantasiert, sondern sich auf wirkliche Tatsachen und ernste Beobachtung stützt, von der Stimmung, mit der die Seele hereintritt in das Erdendasein, anders zu denken als von einer Stimmung, die wir uns im Leben erworben haben. Wenn wir das Kind betrachten, so sehen wir zwar, dass es sein Vorstellungsleben noch nicht hat, aber in der Art, wie das Kind etwas abweist, sympathisch oder antipathisch empfindet, wie es sich bewegt und so weiter, darin sehen wir schon die Grundstimmung, die wir durchaus auch im späteren Leben antreffen und von der wir nicht anders denken können, als dass sie sich nicht aus einem Jenseits, nicht aus einem unmittelbar göttlichen Dasein abschnürt, sondern dass sie das Ergebnis ist von irdischen Leben – ebenso wie eine im kleinen Maßstab verlaufende Stimmung –, sodass wir sagen können: Aus der Art und Weise, wie wir die Seele betrachten, ergibt sich uns die Anschauung von den wiederholten Erdenleben, von jenem Gesetz, [das besagt], dass wir im innersten Wesenskern uns selbst zwar angehören, aber mit diesem innersten Wesenskern von Leben zu Leben auf der Erde durchgehen und dass zwischen jedem Tod und einer [jeden] neuen Geburt unsere Seele in ein rein geistiges Dasein eingebettet ist. Das Gesamtleben des Menschen verläuft also fortwährend so, dass es auf der einen Seite da ist im physischen Körper zwischen Geburt oder Empfängnis und Tod und wieder in einer geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt.

[ 13 ] Let us consider how our soul develops during our earthly life. No one will deny that our inner life—particularly in terms of our emotional state, our moods, and our overall disposition—is always shaped by our past experiences; for example, people who have been annoyed all day may become grumpy toward those around them in the evening, and one can often tell from their facial expressions or the way they enter a room what has affected them during the day. Thus we see how our mood is connected to what we have experienced previously. But when we consider our inner life—how we see it entering into our present earthly existence—it appears that there are, so to speak, preexisting dispositions of the soul’s emotions and will. These are so distinctly pronounced that even a philosopher who was mistaken in this regard—Schopenhauer—believed that these dispositions of mind and will, the entire character of a human being, are given at birth and remain unchanged throughout one’s entire life. This is not the case. Unbiased observation shows that we can make progress even with regard to the shaping of our will and character. But Schopenhauer’s error could only have arisen from the fact that a person displays a certain disposition—one expressed in the fundamental nuance of their character, which we do not find at all different if we only consider it properly—that we confuse with a mood we acquire through the events of ordinary life. We enter the world in such a way that this character, this disposition, is already manifest in such a way that we carry this disposition forward through our present existence. It is impossible—if one does not fantasize but relies on real facts and serious observation—to think of the disposition with which the soul enters earthly existence as anything other than a disposition we have acquired in life. When we observe a child, we see, to be sure, that it does not yet have an imaginative life; but in the way the child rejects something, feels sympathy or antipathy, moves, and so on, in this we already see the fundamental mood that we certainly encounter in later life as well, and about which we cannot help but think that it does not stem from a beyond, not from an immediately divine existence, but that it is the result of earthly lives—just as a mood unfolding on a small scale—so that we can say: From the way we view the soul, we arrive at the concept of repeated earthly lives, of that law [which states] that, while we belong to ourselves in our innermost essence, we pass from life to life on Earth with this innermost essence, and that between each death and [every] new birth, our soul is embedded in a purely spiritual existence. The totality of a human being’s life thus unfolds continuously in such a way that, on the one hand, it exists in the physical body between birth or conception and death, and, on the other hand, in a spiritual world between death and a new birth.

[ 14 ] Diese Dinge könnten nun weit ausgeführt werden, aber das ist heute nicht das Wichtige und Wesentliche. Aber wesentlicher ist, dass auch gezeigt wird, wie sozusagen durch geistiges Experiment das bekräftigt werden kann, dass die Seele ein selbstständiges Wesen ist, das an seiner Leibesorganisation arbeitet. Dieses Experiment kann allerdings nicht so gemacht werden wie äußere Laboratoriumsexperimente. Es gilt für diese in besonderem Maße, was Goethe ahnungsvoll in die Worte gebracht hat:

[ 14 ] These points could be elaborated on at length, but that is not what is important or essential today. What is more essential, however, is to show how—through a thought experiment, so to speak—it can be confirmed that the soul is an independent being that works on its physical organization. This experiment, however, cannot be conducted in the same way as external laboratory experiments. What Goethe presciently put into words applies to these in a special way:

Geheimnisvoll am lichten Tag
Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Mysterious in Broad Daylight
Nature cannot be stripped of its veil,
And what it chooses not to reveal to your mind
You cannot force from it with levers and screws.

[ 15 ] Diejenigen, die Goethe gerne uminterpretieren möchten, betonen allerdings das «nicht» so, als ob gar nicht enthüllt werden könnte, was hinter den Dingen liegt. So also kann das geistige Experiment nicht verlaufen, dass wir uns unserer physischen Werkzeuge bedienen, sondern so, dass in der Tat der Mensch sein eigenes Seelenleben, sein eigenes Innere zum Werkzeug umgestaltet. Eine genauere Darstellung hierüber findet sich in der «Erkenntnis höherer Welten». Heute soll nur eine flüchtige Skizze gegeben werden, wie sich die Seele selbst zum Instrumente macht, um in die geistige Welt hineinzuschauen.

[ 15 ] Those who would like to reinterpret Goethe, however, emphasize the “not” as if it were impossible to reveal what lies behind things. Thus, the spiritual experiment cannot proceed by our making use of our physical tools, but rather in such a way that human beings actually transform their own soul life, their own inner being, into a tool. A more detailed account of this can be found in *Knowledge of Higher Worlds*. Today, we shall offer only a brief outline of how the soul makes itself into an instrument for looking into the spiritual world.

[ 16 ] Da müssen wir uns klar sein darüber, dass die Seele zunächst in ihr Inneres hinein sich wenden muss, unabhängig werden muss von allem äußeren Leben. Dazu gehört, dass der Mensch wirklich das künstlich vollziehe, was sich sonst natürlich vollzieht im Momente des Einschlafens. Jeder weiß, dass die Seele da ohnmächtig wird, sich ihrer Leibesorgane zu bedienen, nicht mehr hinausschauen, hören kann und so weiter, aber damit sieht [sinkt?] sie zugleich im normalen Leben hinunter in die Finsternis der Bewusstlosigkeit. Das eine müssen wir erreichen und das andere darf nicht eintreten. Der Geistesforscher muss durch eine besondere Ausbildung des Willens, die möglich ist, in die Lage kommen, wirklich jene innere Windstille des Gemütes eintreten zu lassen, wo er, wie im Momente des Einschlafens – aber willkürlich – verstummen macht all das, was durch die Sinne zu ihm spricht, verstummen macht auch das gewöhnliche Denken, das er sich erzogen hat durch die äußere Beobachtung, verstummen auch, woran wir uns erinnern können, insoferne unser Leben angeregt ist von außen, durch Freud und Leid – all dies müssen wir künstlich unterdrücken, die Seele rein, die Seele frei machen von allen äußeren Eindrücken. Und dann müssen wir in die Lage kommen, in die Seele durch unseren bloßen Willen, durch unseren starken Willen etwas hineinzuschieben, auf das wir in strenger innerer Konzentration oder Meditation das ganze Seelenleben richten. Dadurch wird die Seele umgestaltet zu einem Instrument der geistigen Welt. Was können wir da in die Seele hineinsenken? Gewöhnliche Vorstellungen nicht – die haben die Aufgabe, die Wahrheit abzubilden, wie sie draußen ist. Wenn wir uns nur Bilder verschaffen dessen, was draußen vorgeht, dann können wir sie nicht ordentlich loslösen, dann können wir sie nicht zum eigentlichen Eigentum, zum inneren Inhalte der Seele machen. Wir müssen uns daher Vorstellungen bilden, die zwar mit dem Leben zusammenhängen, aber so zusammengestellt sind, dass sie sozusagen bloß aus unserer Willkür hervorgehen.

[ 16 ] We must be clear about the fact that the soul must first turn inward, becoming independent of all external life. This involves the person consciously performing what otherwise occurs naturally at the moment of falling asleep. Everyone knows that at that moment the soul loses the ability to use its physical organs—it can no longer see outward, hear, and so on—but in normal life this simultaneously causes it to [sink?] into the darkness of unconsciousness. We must achieve the former, and the latter must not occur. Through a special training of the will—which is possible—the spiritual researcher must be able to truly allow that inner stillness of the mind to take hold, where, as in the moment of falling asleep—but at will —silences everything that speaks to him through the senses; he also silences the ordinary thinking he has cultivated through external observation; he also silences what we can recall, insofar as our life is stimulated from the outside, through joy and sorrow—we must artificially suppress all this, making the soul pure, freeing the soul from all external impressions. And then we must reach a state where, through our sheer will—through our strong will—we can introduce something into the soul upon which we direct our entire soul life in strict inner concentration or meditation. Through this, the soul is transformed into an instrument of the spiritual world. What can we instill into the soul? Not ordinary ideas—their purpose is to reflect the truth as it exists in the external world. If we merely form images of what is happening outside, then we cannot properly detach ourselves from them; we cannot make them our own, the inner content of the soul. We must therefore form ideas that, while connected to life, are composed in such a way that they arise, so to speak, purely from our own volition.

[ 17 ] Nehmen wir an, der Mensch, der seine Seele zum Instrumente des geistigen Lebens machen will, sagt sich — und was hier gesagt wird, ist durchführbar, und der es durchführt, wird den Erfolg für das praktische Leben schon sehen: Ich will mir vorstellen, was Liebe ist im tiefsten moralischen Sinne. – Hier müssen wir an äußere Vorgänge anknüpfen, können aber das Äußere eigentlich nicht durchschauen. So werden wir den Begriff der Liebe nicht durchdenken können, aber wir können eine Eigenschaft der Liebe denken. Wir werden nur nicht eine Eigenschaft der Liebe einfach denken, sondern von einer liebevollen Handlung uns ein Sinnbild machen, ein Bild, das scheinbar willkürlich ist, aber doch in einem gewissen Gemütszusammenhange steht mit dem, was in uns als Erlebnis der Liebe vorhanden ist. Wir bilden die Vorstellung eines Glases Wasser, das nicht ganz gefüllt ist; wir gießen das Wasser immer in kleinen Teilen aus, dabei wird aber jedes Mal das Wasser nicht weniger, sondern immer mehr. Eine Vorstellung, die phantastisch, die träumerisch, die geradezu verrückt ist gegenüber der äußeren Welt – aber wir sind uns ja bewusst, dass das für uns nur eine sinnbildliche Vorstellung ist. Was Liebe ist, können wir nicht überschauen, aber diese eine Eigenschaft können wir fühlen an der Liebe. Der Mensch, der liebt, gibt, und indem er gibt, wird er immer liebefähiger und liebefähiger. Wir geben unser Bestes hin, aber die Liebe macht uns immer reicher und reicher. Gerade dadurch, dass wir immer mehr restlos hingeben in der Liebe, vermehrt sie sich.

[ 17 ] Let us suppose that a person who wishes to make his soul an instrument of spiritual life says to himself—and what is said here is feasible, and whoever puts it into practice will already see the results in his practical life: I want to imagine what love is in the deepest moral sense. – Here we must take external events as our starting point, though we cannot truly fathom the external world. Thus, we will not be able to fully comprehend the concept of love, but we can conceive of a quality of love. We will not simply conceive of a quality of love, but rather create a symbol from a loving act—an image that appears arbitrary but is nonetheless connected, in a certain emotional context, to what exists within us as the experience of love. We form the image of a glass of water that is not quite full; we keep pouring out the water in small amounts, yet each time the water does not decrease but instead increases. An image that is fantastical, dreamlike, downright crazy when compared to the external world—but we are, of course, aware that for us this is merely a symbolic image. We cannot fully comprehend what love is, but there is one quality of love that we can feel. The person who loves gives, and by giving, becomes increasingly capable of loving. We give our very best, but love makes us ever richer and richer. It is precisely because we give ourselves more and more completely in love that it multiplies.

[ 18 ] Diese abstrakte Vorstellung tut nichts zur Erziehung unserer Seele. Aber indem wir das bewusst tun, was der Traum unbewusst tut, indem er den Menschen in das Hündchen verwandelt, und diese Vorstellung so in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins rücken, dass wir nun unsere ganze bewusste Tätigkeit auf eine solche Vorstellung richten, dann erreicht uns eine solche Vorstellung. Eine solche Vorstellung hat etwas ganz anderes an sich, als wenn wir uns in abstracto eine Definition der Liebe geben. Das merkt schon der, der sich diese Vorstellung bildet. Gerade solche Vorstellungen, welche nicht die Aufgabe haben, Äußeres abzubilden, sondern durch das, was wir an ihnen fühlen, durch das, was sie unserem Gemüte sind, wirken, wo das eine mit dem anderen zusammenhängt nicht nach Gesetzen des Vorstellungsverlaufs, sondern des Gemütslebens, [...] durch Vermittlung des Gefühls, die müssen jetzt als Vorstellungen, als Bilder, die unsere Seele ausfüllen, in unserem Bewusstsein leben, und wir müssen mit Ausschließung alles anderen Lebens uns solchen Vorstellungen hingeben. Das ist oft eine lange, innere Lebensarbeit, aber wenn wir solches ausführen, dann werden wir Geistesforscher und auf keine andere Weise. Die Einwendung könnte berechtigterweise gemacht werden: Ja, wenn das oft jahrelang und mit großer Energie unveränderlich durch viele Jahre geübt werden muss, so sei nicht jeder in der Lage, Geistesforscher zu werden und sich selbst zu überzeugen von der Realität der Aussagen des Geistesforschers.

[ 18 ] This abstract idea does nothing to nurture our soul. But by consciously doing what the dream does unconsciously—transforming a person into a little dog—and by bringing this image so firmly into the center of our consciousness that we now direct all our conscious activity toward it, then such an image takes hold of us. Such an idea has a completely different quality than when we give ourselves an abstract definition of love. Even the person who forms this idea can sense this. It is precisely such images—which do not serve to depict external reality but rather take effect through what we feel in them, through what they mean to our inner life—where the one is connected to the other not according to the laws of the thought process but according to the laws of the inner life, [...] through the mediation of feeling—these must now live in our consciousness as ideas, as images that fill our soul, and we must devote ourselves to such ideas, excluding all other aspects of life. This is often a long, inner life’s work, but if we carry it out, then we become spiritual researchers—and in no other way. One might justifiably object: Yes, if this must be practiced unwaveringly for many years—often for years on end and with great energy—then not everyone is in a position to become a spiritual researcher and to convince themselves of the reality of the spiritual researcher’s statements.

[ 19 ] Aber wie viele Menschen überzeugen sich heute von dem, was in den Sternwarten vorgeht? Draußen lernt man ja auch nur das Äußerliche kennen; das Eigentliche wird ergründet von jenen, die in den Laboratorien arbeiten, und daraus bilden sich die anderen eine Weltanschauung. Man kann zwar diese Dinge in jedem Leben durchführen, aber man wird je nach der Anlage nur bis zu gewissen Graden kommen. Aber der Geistesforscher muss durch Anwendung solcher Übungen die Seele vom Leibe losreißen. Dadurch gerät er in einen Zustand, der ähnlich ist dem Schlafzustand und doch wieder ganz anders, dadurch, dass alle äußere Welt schweigt, dass alle Sorgen und Bekümmernisse schweigen, gelöscht werden wie vom Schlafe, dass wir aber nicht umgeben sind von der Finsternis des Bewusstseins, sondern erleben, dass wir etwas erfahren, was wir vorher nicht erfahren, wovon wir vorher keine Ahnung haben; ja, wir erleben es so klar, dass wir jetzt etwas innerhalb unserer Seele erleben, etwas ohne unsere Leibesorgane, ja außerhalb derselben erfahren, so klar, dass wir einen Zwischenzustand durchmachen, der sogar unbehaglich ist, dass wir, wenn wir es bis zu einem gewissen Grade getrieben haben, fühlen: Jetzt erlebst du dein Seelisches, jetzt bist du in dir so, dass du erlebst, was du nicht von außen erfährst, sondern jetzt erlebst, was nur im Seelischen «urständet» – um diesen Ausdruck Jakob Böhmes zu gebrauchen –, was nur im Geistigen vorhanden ist. Aber man erlebt es nur und man kann es anfangs nicht so in Begriffe fassen, wie man gewohnt war, die äußeren Vorstellungen [Wahrnehmungen] in Vorstellungen zu bringen. Warum nicht? Das zeigt uns das innere Erlebnis klar, wie man außerhalb des Leibes ist; das Gehirn ist geformt worden nur für Vorstellungen, an die wir gewöhnt sind. Jetzt erleben wir etwas Neues; das in Begriffe zu bringen, dazu ist das Gehirn nicht vorbereitet. Wir erleben es deshalb so, dass wir uns fühlen wie töricht, wie ein Kind, das noch nicht in Vorstellungen ausdrücken kann, was es erlebt.

[ 19 ] But how many people today are convinced of what goes on in the observatories? After all, what one learns from the outside is only the superficial aspect; the essence is explored by those who work in the laboratories, and it is from this that others form their worldview. It is true that anyone can perform these exercises in any lifetime, but depending on one’s disposition, one will only progress to a certain degree. The spiritual researcher, however, must use such exercises to detach the soul from the body. In doing so, he enters a state similar to sleep and yet quite different, in that the entire external world falls silent, all worries and sorrows fall silent, erased as if by sleep; yet we are not surrounded by the darkness of unconsciousness, but rather experience something we have not experienced before, something of which we previously had no inkling; indeed, we experience it so clearly that we now perceive something within our soul, something beyond our physical senses—indeed, outside of them—so clearly that we pass through an intermediate state that is even uncomfortable; and when we have taken it to a certain degree, we feel: Now you are experiencing your soul life; now you are in such a state within yourself that you are experiencing not what comes from the outside, but rather what “arises” only within the soul—to use Jakob Böhme’s expression—what exists only in the spiritual realm. But one merely experiences it, and at first one cannot conceptualize it in the same way one was accustomed to conceptualizing external perceptions. Why not? The inner experience clearly shows us how one is outside the body; the brain has been shaped solely for the concepts to which we are accustomed. Now we are experiencing something new; the brain is not prepared to put this into concepts. We therefore experience it in such a way that we feel foolish, like a child who cannot yet express in concepts what it is experiencing.

[ 20 ] Und wenn man dann in Energie und mit innerer moralischer Kraft, mit auf sich selbst gebauter Energie solche Seelenübungen fortsetzt, dann fühlt man zunächst, wie sich uns Widerstand um Widerstand gegenüberstellt, aber jetzt erscheint unser Gehirn selber, unser ganzer Leib wie ein Klotz, der nicht mitkann. Und erst bei Fortsetzung, bei moralisch starker Fortsetzung fühlen wir, wie es allmählich herankommt, dass wir, was wir selbst erlebt haben, auch denken können, wir können es dann auch schauen. Wir fühlen und schauen, wie nun wieder etwas in uns geschieht während der geistigen Übungen, was sonst nur in den ersten Kindheitsjahren geschehen ist, dass wir sozusagen plastisch bilden an dem Werkzeug unserer Seele, dass wir unseren Leib neu formen, und wenn wir fühlen: Jetzt haben wir die große Anstrengung gemacht, die das Kind an dem wachen Leibe spielend macht, jetzt haben wir etwas Ähnliches gemacht, wir haben gearbeitet an unserem Leib – dann stellt sich das ein, dass wir auch erzählen können, was wir erlebt haben, und nur dann, wenn es erzählt wird, ist es Geisteswissenschaft. Und wenn es erzählt wird, dann kann es jeder, wie das, was im Leben erforscht wird, durch seinen gesunden Menschenverstand einsehen. Das ist der Weg, durch das echte, geistige Experiment die Seele in ihrer Selbstständigkeit zu erleben, [so] dass wir wissen: Diese Seele ist es, die aus ihrem geistig-seelischen Inhalt, immer, wenn sie ihn sich erworben hat, erst an ihrer Leibesorganisation arbeitet so, wie wir gewahr werden, dass das Kind an seiner Leibesorganisation arbeitet mit dem, was es sich aus seinem vorigen Leben an gestaltenden Kräften mitgebracht hat.

[ 20 ] And when one then continues such spiritual exercises with energy and inner moral strength—with energy drawn from within oneself—one first feels how resistance after resistance stands in our way; but now our own brain, our entire body, seems like a block of wood that cannot keep up. And only as we persist—with strong moral resolve—do we feel it gradually drawing near: that what we have experienced ourselves, we can also think about, and we can then perceive it as well. We feel and see how, during these spiritual exercises, something is happening within us once again—something that otherwise only occurred in the early years of childhood—namely, that we are, so to speak, sculpting with the tools of our soul, reshaping our body; and when we feel: “Now we have made the great effort that a child makes playfully with its awake body; now we have done something similar—we have worked on our body”—then it becomes possible for us to recount what we have experienced, and only when it is recounted is it spiritual science. And when it is told, then everyone can understand it through their common sense, just as they do with what is explored in life. This is the path to experiencing the soul in its independence through genuine, spiritual experimentation, [so] that we know: It is this soul that, from its spiritual-soul content—whenever it has acquired it—first works on its physical organization, just as we become aware that the child works on its physical organization with the formative forces it has brought with it from its previous life.

[ 21 ] Und jetzt überblicken wir noch einmal unser Leben zwischen Geburt und Tod, dann sehen wir es in aufsteigender und absteigender Linie. Da sehen wir, wie nach und nach sich die inneren Kräfte heraufarbeiten, die wir herüberkommen sehen aus einem früheren Leben, wie sich aus den unbestimmten Zügen bestimmte Züge bilden, ungeschickte Bewegungen in geschickte Bewegungen sich verwandeln: Das sehen wir als aufsprossendes Leben. Dann wird ein Teil an die Bewusstheit abgegeben, ein anderer arbeitet fort, so lange, bis wir fühlen, dass das Leben sich in absteigender Linie bewegt, bis wir fühlen, dass dieses unser Werkzeug in absteigender Linie begriffen ist. Nun fühlen wir aber, dass dieses Leben sich fortdauernd bereichert hat, wir Neues aufgenommen haben. So fühlen wir, dass [das], was in unserem gegenwärtigen Leben vorzugsweise gestaltend wirkt, was in unser Leben hineinlegt die Grundlinien unseres Gemütscharakters, aus einem früheren Leben herüberkommt, dass wir aber ohnmächtig sind – weil unser Leben, unser Zusammenleben mit der Außenwelt aus einem früheren Leben herübergeht, weil dieses Leben von früher gegeben ist –, was wir als Bereicherung empfangen haben, unmittelbar «hineinzuenergisieren» ins Leben. Wir fühlen dann, dass es sich als Kraft bildet und bildet. Wenn nur unser Gemüt, unser Wille erfassen kann, was wir gewonnen haben, dann werden wir, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, vorbereiten können unser künftiges Leben. Wir brauchen nur nichts anderes als richtig zu erfassen, als dass [das], was wir uns in dem einen Erdenleben aneignen, im Grunde nur das ist, was der Intellekt hat, dass aber die Grundrichtung unseres Gemütes, wie sie hereintritt in das Leben, kommen muss aus früheren Erdenverkörperungen. Und so sehen wir den Lessing’schen Satz bestätigt, dass das Vorstellungsleben nicht aus einem früheren Leben hereintreten kann. Nichts, was wir vorstellen, kann aus einem früheren Leben stammen. Denn die Vorstellungen drücken sich in der Sprache aus, und für viele Menschen ist alles Vorstellen nur wie eine Tochter der Sprache. Die Sprache aber eignen wir uns in diesem Leben an, die Sprache muss neu gelernt werden. Jedenfalls müssten die Gymnasiasten anerkennen, dass sie, wenn sie auch im alten Griechenland verkörpert waren, sich darum das Erlernen der griechischen Sprache nicht erleichtern. Das muss neu gelernt werden. Nur die Grundrichtung des Gemüts, des Willens, des Charakters ist das Ergebnis früherer Inkarnationen, ist das, was sich aus dem Vorstellungsleben der früheren Leben herüberrettet.

[ 21 ] And now let us once again survey our life between birth and death; then we will see it in ascending and descending lines. There we see how, little by little, the inner forces work their way up—forces we see coming over from a previous life—how indefinite features give rise to definite ones, and how clumsy movements transform into skillful ones: we see this as life sprouting forth. Then one part is handed over to consciousness, while another continues to work until we feel that life is moving in a descending line, until we feel that this, our instrument, is now in a descending phase. Now, however, we feel that this life has continually been enriched; we have taken in something new. Thus we feel that [what] which has a predominantly formative influence in our present life—which lays down the fundamental traits of our character—comes from a previous life; yet we are powerless—because our life, our interaction with the outside world, carries over from a previous life, because this life is a gift from the past—to immediately “infuse” into life what we have received as enrichment. We then feel that it is forming and taking shape as a force. If only our mind, our will, can grasp what we have gained, then when we pass through the gate of death, we will be able to prepare for our future life. We need do nothing more than correctly grasp that what we acquire in this one earthly life is, in essence, only what the intellect possesses; but that the fundamental orientation of our mind, as it enters into life, must come from previous earthly incarnations. And so we see confirmation of Lessing’s statement that the life of the imagination cannot carry over from a previous life. Nothing we imagine can originate from a previous life. For ideas are expressed through language, and for many people, all imagination is merely a byproduct of language. But we acquire language in this life; language must be learned anew. In any case, high school students would have to acknowledge that even if they were incarnated in ancient Greece, this does not make learning the Greek language any easier. It must be learned anew. Only the fundamental orientation of the soul, the will, and the character is the result of earlier incarnations; it is what is carried over from the imaginative life of past lives.

[ 22 ] Friedrich Hebbel wollte einmal ein Drama schreiben, wozu er den ersten Entwurf verfasst hat. Darin sollte der wiederverkörperte Plato auftreten als ein Schüler, der den Plato nicht verstehen kann. So hätte gezeigt werden können, wie sich nicht herüberlebt, was unmittelbares Vorstellungsleben war, aus einem früheren Dasein in ein späteres. Was dazumal Plato erlebt hat, das wandelt sich um in Gemütsleben, in Gemütsrichtung, in Seelenstimmung, und lebt sich so in ein neues Dasein herein. Daher muss es uns klar werden, dass auch der Einwand nicht gelten kann, dass man sich im gewöhnlichen Leben nicht an die früheren Leben erinnert. Man erinnert sie so, dass einem das jetzige Leben in seinem Gemütsinhalt als Wiederholung des früheren erscheint, aber nicht so, wie man sich im Vorstellungsleben an Früheres erinnert. Denn das Vorstellungsleben ist dasjenige, was die jetzige Erinnerung in der einen Verkörperung auszeichnet. So sehen wir, dass gerade einer wirklichen Lebensbetrachtung gegenüber das bekräftigt erscheint, wovon wir sagen müssen, dass die aufgeklärtesten Geister dazu getrieben worden sind, es anzuerkennen: die Tatsache der wiederholten Erdenleben. Man kann sich ja Lessing gegenüber ausreden, dass er die «Erziehung des Menschengeschlechtes» schon in der Schwäche des Alters geschrieben habe. So redet man sich größeren Geistern gegenüber aus, auch wenn solch ein Werk wie die «Erziehung des Menschengeschlechtes» sich als letztes Ergebnis, als reife Frucht eines reichen Lebens darstellt. Solche Geister glauben dann, dass der Geist eines solchen Menschen schwach geworden ist. Das nur nehmen sie nicht an, dass sie nicht mitkommen von dem Standpunkte, den sie noch anerkennen, bis zu jenem Standpunkte, zu dem sich der Geist dieser Menschen aufgeschwungen hat. Aber auch diese Ausrede gilt nicht gegenüber einer anderen Behauptung, die Lessing in der Vollkraft seines Lebens getan hat, in der «Hamburgischen Dramaturgie», und die etwas enthält, was sich anschließt an das, wozu Geisteswissenschaft führen muss, wenn sie die heute und gestern entwickelten Gedanken weiter verfolgt. Diejenigen Inhalte, die wir in der Seele haben zwischen Tod und einer neuen Geburt, führen ein selbstständiges, ein rein geistiges Dasein. Damit aber ist anerkannt die Existenz einer rein geistigen Welt. Welcher moderne Aufklärer schauderte nicht, wenn er hörte, dass eine geistige Welt jenseits der materiellen angenommen wird? Und wer würde nicht deklamieren: Haben dazu so erleuchtete Geister wie Lessing und andere gewirkt, dass wir wieder zurück sollen zu der alten, abergläubischen Auffassung von der Existenz einer geistigen Welt? Ihnen aber könnte man entgegenhalten Aussprüche derselben erleuchteten Geister, zum Beispiel den Ausspruch Lessings:

[ 22 ] Friedrich Hebbel once wanted to write a play, for which he drafted the first version. In it, Plato—reincarnated—was to appear as a student who could not understand Plato. This would have demonstrated how what was an immediate life of the imagination cannot be carried over from one existence to another. What Plato experienced back then is transformed into a life of the mind, into a disposition of the mind, into a mood of the soul, and thus finds its way into a new existence. Therefore, it must become clear to us that the objection—that one does not remember past lives in ordinary life—cannot hold. We remember them in such a way that our present life, in its emotional content, appears to us as a repetition of the past, but not in the same way that we recall the past in our imaginative life. For the imaginative life is precisely what characterizes present-day memory in this particular incarnation. Thus we see that, precisely when viewed from the perspective of a genuine contemplation of life, what we must acknowledge—the fact of repeated earthly lives—appears to be confirmed; even the most enlightened minds have been compelled to recognize it. One can, of course, excuse Lessing by saying that he wrote *The Education of the Human Race* in the frailty of old age. In the same way, people excuse themselves when faced with greater minds, even when a work such as *The Education of the Human Race* presents itself as the final result, the ripe fruit of a rich life. Such minds then believe that the spirit of such a person has grown weak. What they fail to acknowledge is that they cannot make the leap from the standpoint they still recognize to the standpoint to which the spirit of these individuals has soared. But even this excuse does not hold up in the face of another assertion that Lessing made at the height of his life, in the *Hamburg Dramaturgy*, which contains something that ties in with what spiritual science must lead to if it continues to pursue the ideas developed both today and in the past. The contents we hold in our souls between death and a new birth lead an independent, purely spiritual existence. This, however, acknowledges the existence of a purely spiritual world. What modern Enlightenment thinker did not shudder upon hearing that a spiritual world beyond the material is posited? And who would not exclaim: Have such enlightened minds as Lessing and others worked so hard just so that we might return to the old, superstitious notion of the existence of a spiritual world? But one could counter this by citing statements from those very same enlightened minds—for example, Lessing’s own words:

Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das? Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel: Wir sind endlich in unsern Einsichten so weit gekommen, dass wir die Unmöglichkeit davon erweisen können; gewisse unumstößliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind auch dem gemeinsten Manne immer und beständig so gegenwärtig, dass ihm alles, was damit streitet, notwendig lächerlich und abgeschmackt vorkommen muss? Das kann es nicht heißen. Wir glauben itzt keine Gespenster, kann also nur so viel heißen: In dieser Sache, über die sich fast ebenso viel dafür als darwider sagen lässt, die nicht entschieden ist und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu denken den Gründen darwider das Übergewicht gegeben; einige wenige haben diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen das Geschrei und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält sich gleichgültig und denkt bald so, bald anders, hört beim hellen Tage mit Vergnügen über die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit Grausen da von erzählen.

Do we no longer believe in ghosts? Who says so? Or rather, what does that mean? Does it mean this much: We have finally reached a point in our understanding where we can prove the impossibility of ghosts; certain irrefutable truths that contradict belief in ghosts have become so widely known, and are so constantly and consistently present even to the humblest man, that anything that contradicts them must necessarily seem ridiculous and tasteless to him? That cannot be what it means. “We no longer believe in ghosts” can therefore only mean this much: In this matter—about which almost as much can be said for it as against it, which is not decided and cannot be decided—the currently prevailing way of thinking has given the arguments against it the upper hand; a few hold this way of thinking, and many seem to want to hold it; these are the ones making the noise and setting the tone; the vast majority remain silent and indifferent, wavering between one view and another, listening with pleasure to mockery of ghosts in broad daylight and recounting tales of them with horror in the dark of night.

[ 23 ] Das ist eine für die moderne materialistische Naturwissenschaft gewiss unbehagliche Stelle. Wir könnten aber auch im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts noch manchen Geist anführen, der durch eine innere Notwendigkeit, wenn auch noch nicht auf Grundlage aller Erwägungen, die heute aus der Geisteswissenschaft heraus angeführt worden sind – weil dies damals nicht möglich war –, auf die einzig mögliche Annahme wiederholter Erdenleben für die menschliche Seele gekommen ist. Darum betont es auch Lessing so stark, dass dies die einzig mögliche Annahme ist über das Leben der Seele jenseits von Entstehen und Vergehen. Damit aber schwingen wir uns auf zu einer wirklich wesensvollen Idee der Ewigkeit, denn jetzt ist uns das Leben nicht bloß ein Leeres, in das wir hineinversetzt werden durch etwas, was außer uns ist, sondern jetzt verspüren wir: Das, was wir in dieses Leben hineingestellt haben, das bringen wir aus früheren Leben mit, das haben wir uns in früheren Leben erarbeitet. Was wir aber jetzt erfahren, wird umgewandelt, es wird, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, so verarbeitet, dass wir uns die Kräfte aneignen, durch die wir uns den späteren Leib wieder gestalten können. Wir sehen das in dieser Verkörperung wachsen, was in einer nächsten Verkörperung lebendig in uns gestalten wird. So sehen wir, wie sich die Ewigkeit als etwas Konkretes zusammenfügt, wir fühlen die Ewigkeit nicht als eine unendliche Leere von vorne und rückwärts, sondern wie die Ewigkeit wird, wie die Seele sich in die Ewigkeit hineinlebt, so hineinlebt, dass sie immer wieder fühlt: Das trage ich herüber aus früheren Daseinsstufen; so verwerte ich in späteren Leben das in früheren Erworbene – es ist das, was mir die Gestalt schafft; und ebenso kann ich mir durch das gegenwärtige Leben eine Anwartschaft erwerben für die Zukunft. – Und aus diesen einzelnen Anwartschaften auf die Zukunft ergibt sich eine konkrete, eine wirkliche Idee vom Wesen der Ewigkeit. Denn wo wir zukunftssicheres Arbeiten zu zukunftssicherem Arbeiten fügen, dehnen wir uns in Bezug auf unsere Lebenshoffnungen in die Ewigkeit aus. Wir fühlen die wirkliche, reale Idee der Ewigkeit, nicht die leere Idee, die uns so oft vorgehalten wird. Und dadurch allein können wir sie fühlen, dass wir dieses ganze innere Leben betrachten, aber nicht nur nach Vorstellungen, sondern nach der ganzen Gemütsverfassung, nach den Gemütsstimmungen, nach dem Willensleben. Fassen wir diese dreifache Natur der Seele ins Auge, wie sich diese Kräfte ineinander verwandeln, wie das, was im Vorstellungsleben heranreift, in Gemütsstimmungen übergeht, um als solche aufzutreten im nächsten Leben, als Willensleben aufzutreten, dann fassen wir das ganze Leben der gesamten Menschenseele.

[ 23 ] This is certainly an uncomfortable passage for modern materialistic natural science. However, even in the course of the nineteenth century, we could cite many thinkers who, driven by an inner necessity—even if not yet based on all the considerations that have since been advanced by spiritual science (since this was not possible at the time)—arrived at the only possible assumption: that the human soul experiences repeated earthly lives. That is why Lessing also emphasizes so strongly that this is the only possible assumption regarding the life of the soul beyond birth and death. With this, however, we rise to a truly meaningful idea of eternity, for now life is not merely a void into which we are cast by something outside of ourselves, but now we sense: What we have brought into this life, we have carried over from previous lives; we have earned it in previous lives. But what we now experience is transformed; when we pass through the gate of death, it is processed in such a way that we acquire the forces through which we can reshape our future body. We see growing within this incarnation what will take shape within us as a living force in a future incarnation. Thus we see how eternity comes together as something concrete; we do not feel eternity as an infinite void stretching forward and backward, but rather as eternity comes into being, as the soul lives its way into eternity—so deeply that it feels again and again: “This is what I carry over from earlier stages of existence; in later lives, I make use of what I have acquired in earlier ones—it is what gives me form; and in the same way, through my present life, I can earn a claim to the future.” – And from these individual entitlements to the future emerges a concrete, a real idea of the nature of eternity. For when we add future-secure work to future-secure work, we expand into eternity in relation to our hopes for life. We feel the true, real idea of eternity, not the empty idea so often held up to us. And we can feel it only by contemplating this entire inner life—not merely in terms of concepts, but in terms of our entire state of mind, our moods, and the life of the will. If we take in this threefold nature of the soul—how these forces transform into one another, how what matures in the life of the imagination passes into moods of the soul, only to emerge as such in the next life, to emerge as the life of the will—then we grasp the entire life of the whole human soul.

[ 24 ] Wir brauchen nur eines zu erfüllen, um das, was Geisteswissenschaft uns geben kann, zu einer nicht bloß begründeten, sondern zu einer auf echtem Wissen gebauten Hoffnung auf Ewigkeit zu führen. Wir brauchen nur die Seele nicht nach einer ihrer Seiten zu betrachten, sondern in ihrer Gesamtheit, und dann kommen wir dazu zu fühlen, wie wahr es ist, wenn wir sagen: In Denken, in Fühlen und Wollen, in der ganzen Natur der Seele enthüllt sich uns die Welt, insoferne wir in ihr gegründet sind, insoferne wir für alle Zukunft in ihr gegründet sein werden. Dasjenige, was – es sei dies noch einmal hinzugefügt — was nicht als Theorie, nicht als abstrakte Wissenschaft in uns lebt, sondern wie ein Lebenselixier sich in unser ganzes Sein gießt, sodass wir die Ewigkeit nicht nur ergründen, sondern erleben – erleben, wie sie sich aufbaut aus ihren einzelnen Bausteinen –, das drängt sich zusammen in dem Spruche des zweiten Mysteriendramas, wo zum Ausdruck kommt, was die Seele fühlen kann, wenn sie ihr eigenes Leben fühlt, wenn sie das fühlt, was sie selber hinübertragen muss von Erdenleben zu Erdenleben als Anwartschaft auf die Ewigkeit. So ruft uns ein wirkliches Erkennen unseres Selbst, unseres Seelenlebens zu, wenn wir nur in wirklicher Selbsterkenntnis dieses Seelenleben erfassen:

[ 24 ] We need only do one thing to transform what spiritual science can offer us into a hope for eternity that is not merely well-founded, but built upon genuine knowledge. We need only to view the soul not from one aspect but in its entirety, and then we will come to feel how true it is when we say: In thinking, in feeling, and in willing—in the whole nature of the soul—the world reveals itself to us, insofar as we are grounded in it, insofar as we will be grounded in it for all eternity. That which—let this be added once more—does not live within us as theory or as abstract science, but pours itself into our entire being like an elixir of life, so that we not only fathom eternity but experience —experience how it builds itself up from its individual building blocks—is encapsulated in the saying from the second Mystery Drama, which expresses what the soul can feel when it feels its own life, when it feels what it itself must carry over from one earthly life to the next as a foretaste of eternity. Thus a true recognition of our self, of our soul life, calls out to us, if only we grasp this soul life through true self-knowledge:

In deinem Denken leben Weltgedanken,
In deinem Fühlen weben Weltenkräfte,
In deinem Wollen wirken Weltenwesen.
Verliere dich in Weltgedanken,
Erlebe dich durch Weltenkräfte,
Erschaffe dich aus Willenswesen.
Bei Weltenfernen ende nicht
Durch Denkens Traumesspiel
Beginne in den Geistesweiten
Und ende in den eignen Seelentiefen:
Du findest Götterziele
Erkennend dich in dir.

Worldly thoughts live within your mind,
Worldly forces weave within your feelings,
Worldly beings work through your will.
Lose yourself in worldly thoughts,
Experience yourself through worldly forces,
Create yourself from beings of will.
Do not end in the distance of the worlds
Through the dreamlike play of thought
Begin in the expanses of the spirit
And end in the depths of your own soul:
You will find divine goals
By recognizing yourself within yourself.