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Death and Immortality
in the Light of Spiritual Science
GA 69d

19 February 1912, Stuttgart

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Death and Immortality in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
  1. Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geisteswissenschaft

8. Der Mensch und Sein Verhältnis zu den Übersinnlichen Welten

8. Human Beings and Their Relationship to the Supernatural Worlds

[ 1 ] Als ein griechischer Philosoph gefragt wurde über die Aufgabe der Philosophie, antwortete er [in folgender Art]: Man nehme an, es sei Jahrmarkt. Einige Leute haben Verschiedenes zu verkaufen; daneben sind Menschen, um sich alles anzusehen; [mannigfaltige Interessen, ineinander spielend] — das ist das Leben auf dem Jahrmarkt. Nicht die unedelste Aufgabe sei die der Philosophen, die sich alles anschauen, ohne selber teilzunehmen am Jahrmarkt. Aber zuweilen könnte das bloße Erforschen der Dinge nicht nützlich erscheinen, es könnten Gewissensbisse gegenüber einer solchen Erkenntnis eintreten, gegenüber dem Wissen um des Wissens willen. [Sollte es wirklich die edelste Aufgabe sein, «Gaffer» zu spielen? Rechtfertigt das Leben ein Wissen um des Wissens willen?] Solch eine Sache scheint die Wenigsten anzugehen. Aber es handelt sich dabei um eine allgemeine Menschheitsangelegenheit. Jeder Mensch fühlt den Drang, etwas zu wissen [über die Dinge des Lebens] ohne Nützlichkeitsprinzip. Warum soll der Mensch, so wie er lebt, noch etwas haben über das bloße Wissen hinaus? [Das ist eine zu allen Zeiten gestellte Frage.] Es gibt eine höhere, [als Realität der äußeren Welt zugrunde liegende], übersinnliche Welt, und der Mensch hat gewisse Beziehungen zu dieser Welt, die für ihn erkennbar ist, wenn er sich erhebt zu dieser Welt, was möglich ist durch religiösen Glauben. Das religiöse Bedürfnis, die Sehnsucht, ist jetzt nicht minder als früher. Aber diese Welt, an die man glaubt, ist auch durch Erkenntnis zu erforschen. [Es gibt also keine Grenzen der Erkenntnis.] Das Vorurteil, dass man bloß an sie glauben kann, ist jetzt nicht mehr begründet. Andere Vorurteile finden sich bei denen, die monistisch denken, [sie meinen, die menschliche Erkenntnis könne niemals eindringen in diese Welten. Sie dürfe nichts darüber aussagen]. Aber der Mensch muss sich daraufhin bescheiden, anzuerkennen, dass es eine übersinnliche Welt gibt. Ein Teil davon ist Gegenstand unserer heutigen Abendbetrachtung: [das Verhältnis des Menschen zur übersinnlichen Welt zu zeigen].

[ 1 ] When a Greek philosopher was asked about the purpose of philosophy, he replied [as follows]: Suppose there is a fair. Some people have various items for sale; alongside them are people looking at everything; [diverse interests, intertwining]—that is life at the fair. The task of philosophers—who look at everything without participating in the fair themselves—is not the least noble. But at times, the mere investigation of things might not seem useful; one might feel pangs of conscience regarding such knowledge—knowledge for knowledge’s sake. [Is it really the noblest task to play the role of a “gawker”? Does life justify knowledge for knowledge’s sake?] Such a matter seems to concern very few. But it is a matter of universal human significance. Every person feels the urge to know something [about the things of life] without regard to the principle of utility. Why should a person, living as they do, have anything beyond mere knowledge? [This is a question that has been asked throughout the ages.] There is a higher, [supernatural] world [underlying the reality of the external world], and human beings have certain connections to this world, which becomes recognizable to them when they elevate themselves to it—something made possible through religious faith. The religious need, the longing, is no less strong now than it was in the past. But this world in which one believes can also be explored through knowledge. [There are, therefore, no limits to knowledge.] The prejudice that one can merely believe in it is no longer justified. Other prejudices are found among those who think monistically; [they believe that human knowledge can never penetrate these worlds and must say nothing about them]. But human beings must humbly acknowledge that a supernatural world exists. Part of this is the subject of our evening reflection today: [to illustrate the relationship between human beings and the supersensible world].

[ 2 ] Von zwei Seiten tritt die Außenwelt heran an den Menschen. Erstens durch die Wahrnehmung der Sinne, zweitens, wenn der Mensch versucht, hineinzuschauen in das eigene Innere: Leiden, Freuden, Triebe, Entzücken und so weiter. Das liegt im alltäglichen Leben oft viel näher als die Außenwelt. Das Leben zwingt uns, darauf zu schauen. Aber bei einigem Nachdenken zeigt sich, dass wir nach beiden Seiten hin gewaltige Hemmnisse haben. Es ist gleichsam eine Grenze in Formen und Farben in der äußeren Welt; aber wir können sie erklügeln. Wir stoßen an eine Vermauerung, wenn wir unsere Betrachtungen hinausrichten in die Welt; wir sind in schwieriger Lage bei Betrachtung der Außenwelt. Denn schwierig ist es, uns selbst zu belauschen bei dieser Betrachtung. Gerade dann sind wir behindert, uns selbst abzutrennen von der Außenwelt. Wir wachsen zusammen mit dem Außen, können nicht mehr unterscheiden zwischen Äußerem und Innerem, zum Beispiel bei einem schönen Sonnenaufgang. Es ist hoffnungslos, trennen zu wollen: Das sind wir und das ist die Außenwelt. Oder bei Mitleid, das man mit jemandem hat – [all unsere Seelenkraft wird davon mitgenommen] –, bei Hingabe oder Gleichgültigkeit gegenüber den anderen. Wir wissen, etwas sprießt aus der Tiefe der Seele auf, aber es ist hoffnungslos, ein Abtrennen zu versuchen des inneren Sinnens von der Außenwelt, [vom außen sich Darbietenden und dem Übersinnlichen im Innern].

[ 2 ] The outside world approaches human beings from two directions. First, through sensory perception; second, when a person tries to look inward: suffering, joys, instincts, delight, and so on. In everyday life, this is often much closer to us than the outside world. Life compels us to look at it. But upon reflection, it becomes clear that we face enormous obstacles on both sides. There is, as it were, a boundary of forms and colors in the external world; but we can reason our way past it. We come up against a wall when we direct our observations outward into the world; we find ourselves in a difficult position when observing the external world. For it is difficult to listen in on ourselves during this observation. It is precisely then that we are hindered from separating ourselves from the outside world. We merge with the outside; we can no longer distinguish between the external and the internal—for example, during a beautiful sunrise. It is hopeless to try to separate: This is us, and that is the outside world. Or when we feel compassion for someone—[all our spiritual energy is drawn into it]—or when we feel devotion or indifference toward others. We know that something springs up from the depths of the soul, but it is hopeless to try to separate our inner thoughts from the outside world, [from what presents itself from the outside and the supernatural within].

[ 3 ] Im eigenen Innern ist objektive Erkenntnis der eigenen Wesenheit schwer, noch viel schwerer. Ein fortwährendes Hemmnis ist die Eigenliebe. In dieser Beziehung sind wir ein guter Mensch, in jener ein schlechter. Selbstgefallen stellt sich wie eine zweite Mauer uns gegenüber, verhindert uns, es so zu formulieren: Ein solcher Mensch sind wir. Halbbewusste Zustände zeigen uns ganz deutlich, wohin wir kommen, wenn wir uns nicht kontrollieren von der Außenwelt – [in die Traumeswelt]. Es ist eine Gesetzmäßigkeit beim Einschlafen; Traumvorstellungen sind unbefangen zu beurteilen. Das ist charakteristisch: Jemand träumt, er ist mit mehreren Menschen zusammen; diese Menschen haben verschiedene ganz bestimmte Beziehungen zu ihm, zum Beispiel antipathische. Aber der Träumer stellt sich das nicht dar als Menschen, sondern als ein kleines Hündchen, das bellt, das Bellen geht über in Gezanke. Das Hündchen sagt etwa: Ach, es war ein Missverständnis, es ist schon alles wieder gut.

[ 3 ] Within ourselves, objective insight into our own nature is difficult—even much more difficult. Self-love is a constant obstacle. In one respect, we are a good person; in another, a bad one. Self-satisfaction stands before us like a second wall, preventing us from putting it this way: “This is the kind of person we are.” Semi-conscious states show us very clearly where we end up if we do not control ourselves from the outside world—[into the world of dreams]. It is a regular occurrence when falling asleep; dream images should be judged impartially. This is characteristic: Someone dreams that they are with several people; these people have various, very specific relationships with them, for example, hostile ones. But the dreamer does not picture them as people, but as a little dog that barks, and the barking turns into bickering. The little dog says something like: “Oh, it was a misunderstanding; everything is fine again.”

[ 4 ] Da verlässt der logische Charakter den Menschen. Was waltet da, wenn man sich den Menschen als Hündchen vorstellt? Man ist emanzipiert von der Kontrolle der Außenwelt. Die Gemütsverfassung wandelt [in ein entsprechendes Bild] um, wie es – [der nicht geliebte Mensch] – lebt im Gemüte des Menschen. Das ist wirkliches Gesetz, [Charakteristik] der Traumwelt. Die Menschen stellen sich vor, sie sind Maler. Das wäre dem Betreffenden sympathisch. Jede Vorstellung unterliegt einer Willensstimmung. Was geltend ist im Traum, ist unser Eigenwille, unsere Eigenliebe, das ist das bestimmende Prinzip. Im wachen Zustande muss dieser Eigenwille sich kontrollieren lassen, [muss ja dies gebrochen werden. Unsere gesamte Organisation hängt davon ab, wie unser Wille im Außenleben wirkt.]

[ 4 ] That is when a person loses their logical nature. What prevails when one imagines a person as a little dog? One is liberated from the control of the outside world. One’s state of mind transforms [into a corresponding image] depending on how—[the unloved person]—lives in one’s mind. This is the true law, [the characteristic] of the dream world. People imagine themselves to be painters. That would be appealing to the person in question. Every imagination is subject to a mood of the will. What prevails in the dream is our own will, our self-love; that is the determining principle. In the waking state, this self-will must be subject to control; [after all, this must be broken. Our entire organization depends on how our will functions in external life.]

[ 5 ] [Betrachten wir die Ermüdung.] Ermüdung — was ist sie, warum tritt sie auf? Nicht die Muskeln, [nicht] die Organe ermüden. Wenn der Herzmuskel sich ausruhen müsste, da stünde es schlimm um den Menschen. Die ermüden nicht, auch da ermüden wir nicht, wo wir unsere Gedanken schweifen lassen. [Alles, was folgt aus der menschlichen Organisation, ermüdet nicht.] Aber beim Nachdenken über eine Rechenaufgabe oder so etwas, da ermüden wir; auch dann, wenn ein Muskel nicht vom Innern, sondern vom bewussten Willen des Menschen zur Tätigkeit bestimmt wird. Der – unbewusste – Wille, die Kraft, die Herz, Lunge, Zwerchfell und so weiter tätig macht, ermüdet nicht, wenn von innen aus der Antrieb kommt; nur wenn der Eigenwille, die Eigenliebe, das Eigenleben wirken, dann greifen sie störend in den Organismus ein. Diese drei führen einen fortwährenden Kampf gegen die übrige Welt; sie müssen sich fügen der allgemeinen Weltordnung — und kämpfen dagegen. Der Eigenwille, [die Eigenliebe], hindert uns an der Selbsterkenntnis, der Eigenwille muss gebrochen werden, um dahinter zu kommen, was er ist. Könnte der Mensch hineinschauen in das eigene Innere, so könnte er das Geistig-Seelische entdecken. Träume zeigen uns, wie wir uns durch den Eigenwillen aufbauen. [Im Wachzustand sind wir verschmolzen mit der Außenwelt. Mit dem Sich-Fügen dem Eigenwillen entsteht Ermüdung] – Ermüdung ist ein fortwährendes Sich-Auflehnen gegen die Tätigkeit des Organismus.

[ 5 ] [Let’s consider fatigue.] Fatigue—what is it, and why does it occur? It is not the muscles, [nor] the organs that grow weary. If the heart muscle had to rest, things would be in a bad state for humans. They do not tire, nor do we tire when we let our thoughts wander. [Everything that arises from the human constitution does not tire.] But when thinking about a math problem or something like that, we do tire; even when a muscle is activated not from within, but by the person’s conscious will. The—unconscious—will, the force that sets the heart, lungs, diaphragm, and so on in motion, does not tire when the impulse comes from within; only when the individual will, self-love, and the individual life are at work do they interfere disruptively with the organism. These three wage a constant struggle against the rest of the world; they must conform to the general world order—and yet fight against it. Self-will [self-love] prevents us from self-knowledge; self-will must be broken in order to discover what it truly is. If a person could look into their own inner being, they could discover the spiritual-soul aspect. Dreams show us how we build ourselves up through self-will. [In the waking state, we are fused with the outside world. Submitting to self-will leads to fatigue]—fatigue is a constant rebellion against the organism’s activity.

[ 6 ] Die Beziehung zwischen der Menschenseele und der Außenwelt ist anderswo anzuknüpfen. [Ein Goethe’scher Ausspruch lautet:

[ 6 ] The relationship between the human soul and the outside world must be addressed elsewhere. [A saying by Goethe goes:

Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern. Denn wozu dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Daseins erfreut?]

When the healthy nature of human beings functions as a whole, when they feel at home in the world as part of a great, beautiful, dignified, and valuable whole, when harmonious contentment grants them pure, unbridled delight—then the universe, if it could perceive itself, would rejoice at having reached its goal and marvel at the pinnacle of its own becoming and being. For what is the purpose of all the effort expended by suns and planets and moons, by stars and the Milky Way, by comets and nebulae, by worlds that have come into being and those yet to come, if not ultimately to allow a happy human being to rejoice, unaware of his own existence?]

[ 7 ] Wie ist zu finden, was im Innern lebt, wenn man sich nicht trennen kann von der Außenwelt? Es wird möglich, wenn der Mensch hinausgeht über das Gewöhnliche, [sich über die unmittelbare Umgebung erhebt], wenn der Mensch sich hingibt der Betrachtung, wie der Mensch geworden ist, wenn der Mensch sich auf sich selbst besinnt, auf das Ich, das Dauernde im Wechsel. Aber Gewissensbisse muss man sich machen, wenn man bedenkt, dass das Ich immer wieder ausgelöscht wird. Fichte, der Ichphilosoph, will eine ganze Welt aus dem Ich konstruieren. Hört die Entstehung der Welt für Stunden auf im Schlaf? [Klar werden muss uns]: Bei Tag hat man nicht das Ich, sondern das Bild des Ich, wie eine Gestalt im Spiegel. Das Spiegelbild weist darauf hin, dass etwas ist, was man nur im Spiegel wahrnimmt. Wo ist die Wirksamkeit des Ich selber? Wie wir von Epoche zu Epoche gewachsen sind, unsere besondere Entwicklung ist zuzuschreiben der besonderen Färbung, die das Ich hat. Dann ist hinwegzukommen über das Auslöschen des Ich. Ausgelöscht wird die Vorstellung, aber nicht die Tätigkeit des Ich. Der Kern des Ich ist im Wachen und im Schlafen da, [da zeigt es sich uns in seiner Realität]. Wir müssen hinaufsteigen zur realen Erfassung des Ich; wachsen, reicher werden wird so unser Seelenleben. Das Ich ist anzuschauen wie in einem chemischen Laboratorium irgendein Vorgang. Wir müssen uns fühlen lernen. Die Aufgabe ist schwierig, aber kann zuletzt führen zum Ergreifen des Ich. Schwer ist es, über das Vorstellen hinwegzukommen, einen Eindruck von uns zu gewinnen. Dann das Zweite, was uns leiten muss: Bis zu einem gewissen Punkt erinnern wir uns; über den Anfang können wir nicht hinaus. Aber es ist absurd, zu glauben, das Ich wäre [vorher] nicht da. Das Leben, der Seelencharakter ist angelegt beim Kinde, wenn es in die Welt kommt Schopenhauer. Das Kind wird gleich abstoßen, angreifen; das Grundwesen des Kindes bleibt auch über den Punkt hinweg, wo man sich erinnert. Wie ist das Ich zu finden, wie es vorher war?

[ 7 ] How can one discover what lives within if one cannot detach oneself from the outside world? It becomes possible when a person goes beyond the ordinary, [rises above their immediate surroundings], when a person devotes themselves to contemplating how they came to be, when a person reflects on themselves, on the “I,” the enduring element amid change. But one must feel a pang of conscience when one considers that the “I” is repeatedly obliterated. Fichte, the philosopher of the “I,” seeks to construct an entire world out of the “I.” Does the world’s creation cease for hours during sleep? [We must realize]: During the day, one does not have the “I,” but rather the image of the “I,” like a figure in a mirror. The mirror image indicates that there is something one perceives only in the mirror. Where is the agency of the “I” itself? How we have grown from epoch to epoch—our particular development is attributable to the particular character of the “I.” Then we must move beyond the obliteration of the “I.” What is obliterated is the concept, but not the activity of the “I.” The core of the “I” is present in both waking and sleeping, [there it reveals itself to us in its reality]. We must ascend to a real grasp of the “I”; in this way, our inner life will grow and become richer. The “I” is to be observed like any process in a chemistry laboratory. We must learn to feel. The task is difficult, but it can ultimately lead to grasping the self. It is difficult to move beyond mere imagination and gain a sense of ourselves. Then there is the second point that must guide us: We remember up to a certain point; we cannot go beyond the beginning. But it is absurd to believe that the “I” was not there [before]. Life, the character of the soul, is already present in the child when it comes into the world (Schopenhauer). The child will immediately repel and attack; the child’s fundamental nature remains even beyond the point of memory. How can the “I” be found as it was before?

[ 8 ] Mit den Vorstellungen gehen wir zu diesem Punkte. Aber ein Sprung ist zu machen hinter jene Vorstellungen. Mit unserer Gemütsstimmung, unserem Willensleben gehen wir über unseren Eigenwillen hinaus. Wir werden in gewisse Volks- und Sprachgemeinschaft hineingestellt. Das ist gelassen hinzunehmen, wie wenn ich mich nicht selber dahingestellt hätte. Nicht Erkenntnis liegt da zugrunde, sondern Willensentschluss. So werden wir mit unserer Rückschau noch weiter zurückgeführt. Dann tritt Merkwürdiges auf, wie wenn man zwei Gläser hätte und aus dem einen Wasser in das andere gösse und das Glas, aus dem man es gießt, doch nie leer würde – [oder wie Gase, die dann Wasser ergeben]. Etwas ganz Neues tritt auf. [Gefühl und Wille treten zusammen und sagen: Da hast du dir dein Schicksal selber gemacht. ] Durch einen Willensentschluss ist gelassen hinzunehmen das Schicksal, «in dem ich darinnenstecke», eine Empfindung, dass man in seinem Schicksal darinnen ist. Da kommt man zur Empfindung seines Bleibenden, da treten wir aus uns selbst heraus hinter die physische, sinnliche Welt, da sind wir durchdrungen, durchseelt von unserem Ich selber. So wird die Mauer hinweggeräumt. In der Vorstellungswelt ist es wie eine Mauer; aber unser Schicksal ist gezimmert von unserem Ich selber, aus der übersinnlichen Welt: Heute ist nicht das Wichtigste die Betrachtung der Außenseite, sondern in sich selbst die Empfindung zu erleben: «Du bist.»

[ 8 ] We arrive at this point through our ideas. But we must take a leap beyond those ideas. With our state of mind and our volitional life, we go beyond our own will. We are placed within a certain community of people and language. This must be accepted calmly, as if I had not placed myself there myself. It is not knowledge that underlies this, but a decision of the will. Thus, as we look back, we are led even further back. Then something strange occurs, as if one had two glasses and were pouring water from one into the other, yet the glass from which one pours never became empty—[or like gases that then turn into water]. Something entirely new emerges. [Feeling and will come together and say: ‘You have forged your own destiny.’] Through an act of will, one calmly accepts the destiny “in which I am immersed”—a sensation of being within one’s own destiny. There one comes to the sensation of one’s enduring self; there we step out of ourselves beyond the physical, sensory world; there we are permeated, animated by our own “I.” Thus the wall is swept away. In the world of imagination, it is like a wall; but our fate is built by our own “I,” from the supersensible world: Today, the most important thing is not to contemplate the outer side, but to experience within oneself the feeling: “You are.”

[ 9 ] [Während der Mensch sich im Traum dem Willen überlässt, wird er geführt durch eine Bilderwelt. Es gibt Symbole, die auf die Seele wirken, nicht aus Eigenwillen, sondern aus gewissen Notwendigkeiten heraus:] Die Imagination der Liebe ist, aus einem Gefäß zu füllen ein anderes Gefäß, wobei das, aus dem man füllt, nie leer wird. So ist die Liebe. Abstrakt sich das vorzustellen, hilft nicht viel. Nicht durch Definitionen, sondern durch überschaubare, sinnbildliche Vorstellungen, [Dreieck], kommt unsere Seele immer weiter. Lässt man solche Bilder auf sich wirken, so kommt man zum Abtrennen von der äußeren Welt. So wächst man innerlich zusammen mit der übersinnlichen Welt, schlägt eine Brücke zu ihr, erhält die Sicherheit: «Sie ist.» Das hat eine unmittelbare Wirkung für das Leben.

[ 9 ] [While a person surrenders to the will in a dream, they are guided through a world of images. There are symbols that affect the soul, not of their own accord, but out of certain necessities:] The imagination of love is to fill one vessel from another, whereby the one from which one pours never becomes empty. Such is love. Imagining this in the abstract does not help much. Not through definitions, but through clear, symbolic ideas [triangle], does our soul continue to progress. If one allows such images to take effect, one detaches from the external world. In this way, one grows inwardly together with the supersensible world, builds a bridge to it, and gains the certainty: “It is.” This has a direct impact on life.

[ 10 ] Es ergibt sich auch durch weitere Betrachtung, [dass] frühere Leben als [notwendig anzunehmen sind, in denen für spätere Leben] Ursachen gelegt worden sind.

[ 10 ] Further consideration also reveals [that] we must assume the existence of previous lives in which the causes for later lives were laid.

[ 11 ] Heroische Naturen werden sich sagen: Was wir uns erarbeiten, geben wir unseren Nachmenschen. [Das wäre] das Intimste, was wir erleben können; [würden wir es] an die [nächsten] Generationen abgeben, wäre es also verloren [für uns].

[ 11 ] Heroic souls will say to themselves: What we achieve, we pass on to future generations. [That would be] the most intimate experience we can have; [if we were to] pass it on to [future] generations, it would thus be lost [to us].

[ 12 ] Wenn das Physische abnimmt, wird das Geistige stärker, und es wird fühlbar, dass etwas in uns heranwächst, das ein neues Leben verursachen wird. Der Mensch lernt in sich erleben den geistig-seelischen Kern. Der Mensch erlebt dadurch die Ewigkeit. [Das ist wie ein] Lebenselixier. Lebenskraft und Zuversicht erwächst ihm aus solchen Betrachtungen. Das Schicksal ist die übersinnliche Gesetzmäßigkeit des Karma. Erleben lernt der Mensch die übersinnliche Welt und der Mensch fühlt, dass er mit diesen Gedanken sich innerlich verbindet und dann nützlich werden wird in einem neu aufzubauenden Leben, somit kein «Gaffer» sein wird. Das sind Kräfte, die den Menschen vorwärts bringen – wie der Dampf in der Lokomotive. Unsere Gedanken sind lebendig webende Kräfte im Weltenall. Die Seele, die sich selbst versteht als im ganzen Weltenall lebend, fühlt ihren Zusammenhang mit ihm.

[ 12 ] As the physical aspect diminishes, the spiritual aspect grows stronger, and we can sense that something is developing within us that will give rise to a new life. Human beings learn to experience the spiritual-soul core within themselves. Through this, they experience eternity. [This is like an] elixir of life. Vitality and confidence spring forth from such reflections. Destiny is the supersensible law of karma. Human beings learn to experience the supersensible world and feel that, by connecting inwardly with these thoughts, they will become useful in a life yet to be built—and thus will not be mere “onlookers.” These are forces that propel people forward—like the steam in a locomotive. Our thoughts are living, weaving forces in the universe. The soul, which understands itself as living within the entire universe, feels its connection to it.

Fragenbeantwortung

Question and Answer

Frage: Über Nietzsche.

Question: About Nietzsche.

[ 13 ] Rudolf Steiner: [Man soll] nicht eigene Urteile einfließen lassen, wenn man über gewisse Persönlichkeiten sprechen will. Als Kulturerscheinung ist er besonders interessant, wächst heran an Schopenhauer, Wagner, [am] Griechentum. Ein schöpferischer Geist ist Nietzsche nicht. Das Kulturschicksal lud er auf seine eigene Seele. Er leidet an dem Positivismus der Zeit. Das Herzensschicksal wird ihn noch andere bloß als [i. e. anders als bloße?] Theorie ansehen [lassen]. Darwinismus: dito — auf Nietzsches Leben angewandt.

[ 13 ] Rudolf Steiner: [One should] not let one’s own judgments influence one’s view when speaking about certain personalities. As a cultural phenomenon, he is particularly interesting, drawing on Schopenhauer, Wagner, and [Greek] culture. Nietzsche is not a creative spirit. He took the fate of culture upon his own soul. He suffers from the positivism of his time. The fate of the heart will cause others to regard him as nothing more than [i.e., other than mere?] theory. Darwinism: ditto—applied to Nietzsche’s life.

[ 14 ] Das Vorstellungsleben muss von innen heraus befruchtet werden. Nietzsche versucht es; [er] kommt nicht zum Erkenntnispfad, sucht in Anschauung [?] des Willens das Übersinnliche im Menschen. Er wirkt fesselnd durch die Tragik seines Lebens. Wie man sich zu Geisteswissenschaft stellt – objektiv –, so sollte man zu Nietzsche stehen.

[ 14 ] The world of the imagination must be nourished from within. Nietzsche attempts this; [he] does not find the path to knowledge, but seeks the supernatural in man through an insight [?] into the will. He captivates us through the tragedy of his life. One should approach Nietzsche in the same way one approaches the humanities—objectively.

Frage: [nicht überliefert].

Question: [not recorded].

[ 15 ] Rudolf Steiner: Hingabe an ein höheres Wesen ohne Egoismus fördert die Seelenentwicklung. Dito beim Gebet oder bei der Meditation; das muss von der Urstimmung durchtränkt sein: «Meiner nicht, sondern Dein Wille geschehe».

[ 15 ] Rudolf Steiner: Devotion to a higher being without selfishness fosters the development of the soul. The same applies to prayer or meditation; these must be imbued with the fundamental attitude: “Not my will, but Yours be done.”

[ 16 ] [Das] Falten der Hände: Es bewirkt eine Förderung, wenn der Gedanke ernst ist. Es ist eine Art Zusammengehörigkeit, entsprechend der menschlichen Physiologie. Natürlichkeit – ungeschminkte – bewirkt schon die Händebewegung beim Redner.

[ 16 ] [The] folding of the hands: It has a positive effect when the speaker’s intent is sincere. It conveys a sense of unity, in keeping with human physiology. The natural—unforced—movement of the speaker’s hands alone conveys this.