Death and Immortality
in the Light of Spiritual Science
GA 69d
13 March 1913, Augsburg
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Death and Immortality in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
15. Das Wesen der Menschenseele und das Rätsel des Todes
15. The Nature of the Human Soul and the Mystery of Death
[ 1 ] Wenn man in unserer Gegenwart von Geisteswissenschaft spricht in dem Sinne, wie sie den Betrachtungen des heutigen Vortrages zugrunde liegen wird, so spricht man keineswegs von etwas in unserer Zeit Anerkanntem, nicht einmal nur im entferntesten von irgendetwas Beliebtem. Im Gegenteil, alle diejenigen Denkgewohnheiten, die Vorstellungsarten, die sich bei einem großen Teil unserer Zeitgenossen herausgebildet haben, sie haben ihre Wurzeln in einem Gebiete, von dem aus man glaubt, in allem, was gerade diese Geisteswissenschaft zutage zu fördern hat, etwas durchaus nicht Wissenschaftliches sehen zu können, in vieler Beziehung sogar nur etwas, was eine Träumerei, Phantasterei ist. Und man muss sagen, dass man sich über diesen Tatbestand keineswegs zu verwundern braucht. Gerade derjenige, welcher mit dem ganzen Wesen der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, und ihrer Aufgabe in der Gegenwart vertraut ist, der würde sich sogar wundern, wenn sie ohne Weiteres leicht das Ohr unserer Zeitgenossen finden könnte. Alle großen Errungenschaften unserer Zeit, alle Erkenntnistriumphe unserer Zeit, sie beruhen auf einem anderen Gebiet als auf dem, in dem die Geisteswissenschaft ihre Wurzeln hat. Und so wahr es auch ist, dass gerade diese Geisteswissenschaft voll anerkennt alles das, was seit der Morgenröte der neueren Naturwissenschaft, seit dem Auftreten der kopernikanischen Weltanschauung diese naturwissenschaftliche Denkweise geleistet hat, so wahr es ist, dass Geisteswissenschaft, und gerade sie, das anerkennt und voll würdigt, so ist doch begreiflich, dass viele Menschen heute glauben, auf dem festen Boden dieser Naturwissenschaft nur stehen zu können, wenn sie ablehnen alles dasjenige, was diese Geisteswissenschaft treibt, und zwar — wie skizzenhaft in diesem Vortrage gezeigt werden soll – aus der Denkweise, aus derselben Logik heraus, aus welcher die Naturwissenschaft selber kommt.
[ 1 ] When we speak of “spiritual science” today in the sense that will underlie the reflections in this lecture, we are by no means referring to something that is recognized in our time, nor even remotely to anything that is popular. On the contrary, all those habits of thought and modes of perception that have developed among a large portion of our contemporaries have their roots in a realm from which one believes one can see, in everything that this very spiritual science has to bring to light, something that is by no means scientific—in many respects, even merely something that is a daydream or a fantasy. And it must be said that there is no reason whatsoever to be surprised by this fact. Precisely those who are familiar with the entire nature of spiritual science, as it is understood here, and its role in the present, would in fact be surprised if it were able to find a ready ear among our contemporaries. All the great achievements of our time, all the triumphs of knowledge in our time, are rooted in a different realm than that in which spiritual science has its roots. And as true as it is that this very spiritual science fully acknowledges all that the scientific way of thinking has accomplished since the dawn of modern natural science—since the emergence of the Copernican worldview—and as true as it is that spiritual science, and it alone, fully acknowledges and appreciates this, it is nevertheless understandable that many people today believe they can stand on the firm ground of this natural science only if they reject everything that spiritual science pursues—and indeed, as will be outlined in this lecture, based on the same mode of thinking, the same logic, from which natural science itself arises.
[ 2 ] Wenn man so auch nicht [von] etwas Beliebtem oder Anerkanntem spricht, so spricht man auf der anderen Seite von etwas, das tief, tief zusammenhängt mit allen Sehnsüchten des menschlichen Herzens und der menschlichen Seele, mit allen großen Rätselfragen des Daseins, ohne deren Beantwortung die Menschenseele auf die Dauer doch nicht bestehen kann; die uns nicht etwa entgegentreten wie so manche wissenschaftlichen Rätselfragen, sondern mit Rätselfragen, die uns entgegentreten in jeder Stunde, möchte man sagen, unseres Daseins, ja auf [Schritt] und Tritt. Und obzwar die Geisteswissenschaft ein weites Gebiet hat – ihr Gebiet ist sozusagen so weit [wie] das ganze Weltenall –, so muss man doch sagen, dass sich zusammendrängt das, was sie auf dem weiten Gebiet geistigen Wirkens und Daseins zu erforschen hat, zunächst in zwei bedeutsamen Lebensfragen, die man als Schicksalsfrage bezeichnet, und die als Todes- oder Unsterblichkeitsfrage bezeichnet werden kann.
[ 2 ] Even if one is not speaking of something popular or widely recognized, one is, on the other hand, speaking of something that is deeply, deeply connected to all the longings of the human heart and soul, to all the great mysteries of existence—questions without answers to which the human soul cannot, in the long run, survive; which do not confront us merely as certain scientific mysteries do, but rather as mysteries that confront us at every hour—one might say—of our existence, indeed at every turn. And although spiritual science covers a vast field—its scope is, so to speak, as vast [as] the entire universe—one must nevertheless say that what it has to investigate within this vast realm of spiritual activity and existence is, first and foremost, condensed into two significant questions of life, which are referred to as questions of destiny and which can be described as the question of death or immortality.
[ 3 ] Diese Schicksalsfrage tritt uns wirklich auf Schritt und Tritt entgegentreten. Wenn wir nur überlegen, wie der [eine] Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt so, dass segnende Hände ihn von Anfang an umgeben, dass er heranwächst zur vollen Entwicklung der Fähigkeiten und Kräfte, die in ihm sind, sodass man in gewisser Weise voraussehen kann: Er wird ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein. Der andere Mensch [ist] – und wie es zunächst scheint, ebenso wie der erste ohne sein Verdienst, so er ohne seine Schuld – von der Wiege an umgeben von Daseinsverhältnissen, [bei denen] man sagen kann, er werde sein ganzes Leben hindurch die bittersten Kämpfe zu führen haben, nur wenig Gelegenheit haben, Anlagen und Kräfte zur Entwicklung zu bringen, sodass man sagen kann, er werde ein nur wenig nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden. Zwischen den äußersten Extremen — wie viele Nuancen der Schicksalsfrage, die vor die Seele der Menschen tritt! Nicht so, wie manche andere Fragen, sagen wir, wissenschaftliche Fragen, die der Mensch sich immer genau formuliert – vielleicht gar nicht mit deutlichen Worten spricht dieser oder jener Mensch diese Fragen aus; darauf kommt es nicht an, stellen muss sie eine jede Seele. Und wenn sie auch nicht fragt: Wie ist es mit dem Schicksal? –, durch ihre Berührung mit der Außenwelt ist sie so oder so gestimmt, fühlt sich glücklich oder unzufrieden, arbeitet freudig, ist so, dass sie zuversichtlich durchs Leben schreitet, oder so, dass sie zu weinen hat in jedem Augenblick. Wenn auch nicht immer deutlich, sondern so, wie jede Menschenseele einmal gestimmt ist – in der Art und Weise, wie sie vor den Menschen hintritt, wie sie sich selbst benimmt, wenn sie mit sich einsam und allein ist –, daran merkt man, dass sie im Grund der Seele, unausgesprochen, selber ein Rätsel der Menschenseele ist.
[ 3 ] This question of destiny truly confronts us at every turn. If we only consider how one person enters into existence at birth in such a way that caring hands surround him from the very beginning, so that he grows up to the full development of the abilities and strengths within him, so that one can, in a certain sense, foresee that he will be a useful member of human society. The other person —and as it seems at first, just as the first was without merit, so he is without fault—surrounded from the cradle by circumstances [in which] one can say he will have to wage the bitterest struggles throughout his entire life, have little opportunity to develop his aptitudes and strengths, so that one can say he will become a member of human society of only limited use. Between these two extremes—how many nuances of the question of fate present themselves to the human soul! Unlike some other questions—let us say, scientific questions—which people always formulate precisely, this or that person may not even articulate these questions in clear words; that is not the point; every soul must ask them. And even if it does not ask, “What of fate?”—through its contact with the outside world, it is disposed one way or another, feels happy or dissatisfied, works joyfully, is such that it strides confidently through life, or such that it has cause to weep at every moment. Even if not always explicitly, but rather in whatever state each human soul happens to be in—in the way it presents itself to others, in the way it behaves when it is alone with itself—one can see that, deep down in the soul, unspoken, it is itself a mystery of the human soul.
[ 4 ] Und nicht in gleicher Art wie andere Fragen – auf Schritt und Tritt begegnet man den Lebensfragen. Nicht immer werden sie [so] aufgeworfen, dass sie als wissenschaftlich erscheinen. Indem der Mensch vor das Todesrätsel tritt, sprechen gewiss immer mit Affekte, Gefühle, Hoffnungen, ohne Zweifel, das alles spricht mit. Die Todesfurcht, die Wünsche nach einem anderen Dasein, die alle sprechen bei der Frage mit und bei der Antwort, die sich viele Menschen geben; und man muss sagen: Gerade in den letzten Jahrzehnten, in denen viele unserer Zeitgenossen behaupten, alles Leben nach dem Tode ablehnen zu müssen, trat auf bei recht vielen Persönlichkeiten, die nicht unedel waren, aber Materialismus geholt haben aus ihren Anschauungen, eine Beleuchtung des Todesrätsels, von der man sagen muss – sie ist im Grunde genommen viel besser, viel edler als manche Antwort, die diese oder jene Seele sich gibt aus der Todesfurcht, aus der Lebenssehnsucht heraus. Mancher materialistisch gesinnte Mensch lehnte ein jegliches Leben für die Menschenseele ab, wenn der Mensch durch die Todespforte gegangen ist. Aber er sagte sich dabei: Das, was ich in meiner Seele mir erarbeitet habe, was ich mir heranerzogen habe zwischen Geburt und Tod, wozu ich sie fähig gemacht habe, das alles will ich so betrachten, dass ich allen Egoismus, alle Selbstsucht und Selbstliebe zum Schweigen bringe und — wie es meine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse erfordern — gerne dahinopfere auf den Altären der allgemeinen Menschheitsentwicklung.
[ 4 ] And not in the same way as other questions—one encounters the questions of life at every turn. They are not always posed in such a way that they appear scientific. When a person is confronted with the mystery of death, emotions, feelings, and hopes certainly always play a role; without a doubt, all of these factors come into play. The fear of death, the longing for another existence—all of these play a part in the question and in the answer that many people give themselves; and it must be said: Precisely in recent decades, when many of our contemporaries claim they must reject any life after death, quite a few individuals of noble character but whose views have been shaped by materialism, a perspective on the mystery of death that—it must be said—is, at its core, far better and far nobler than many an answer that this or that soul gives itself out of fear of death or out of a longing for life. Many a materialistically minded person rejected any form of life for the human soul once a person has passed through the gates of death. But in doing so, he told himself: What I have cultivated within my soul, what I have nurtured between birth and death, what I have enabled it to achieve—I want to regard all of this in such a way that I silence all egoism, all selfishness, and all self-love and—as my scientific insights require—gladly sacrifice it on the altars of humanity’s general development.
[ 5 ] Also [es ist] nicht alles unedel, [wenn man meint], dass es besser, höher stehend sei, nicht [zu] wünschen, dass man das, was man in der Seele entwickelt hat, durch die Todespforte trage, sondern es gerne hingibt den nachfolgenden Geschlechtern, die mit ihm schalten und walten können. Gerade an diesen Empfindungen, die man eben durchaus nicht als unedel wird bezeichnen können, kann man aber auch ermessen, dass es doch eine wissenschaftliche Stellung der Unsterblichkeitsfrage gibt, denn wenn man nur ein wenig unbefangen, rückhaltlos die Eigenart der Menschenseele betrachtet, alles das, was der Mensch sich heranarbeitet und heranerzieht bis zur Todespforte hin, dann tritt einem eine Eigentümlichkeit der Menschenseele entgegen, die man nicht verkennen kann, wenn man genauer auf diese Menschenseele eingeht. Man kann [fragen]: Was ist das Wertvollste, das Bedeutsamste an der Menschenseele? — Das ist es, das Unvergleichliche, das, was ideell ist, was diese Menschenseele gerade so [persönlich] ausgestaltet, dass sie es an keine andere Macht, kein anderes Element abgeben kann – das kann gar nicht von der einzelnen Menschenseele an die menschliche Gattung abgegeben werden. Und gerade bei unbefangenem Betrachten zeigt sich, dass dieses ins Nichts verschwinden würde, wenn die Menschenseele selber ins Nichts verschwände, [dass] also etwas erarbeitet würde, was wir nicht anders bezeichnen könnten, als dass durch ein ganzes Menschenleben gearbeitet wird, [damit es] innere Stärke erlangt, reicher wird, und [was] sozusagen nur zu dem Zweck wird, damit es [dann] doch verschwinde. Das aber widerspricht der allgemeinen Ökonomie. Nirgends in der ganzen Welt sehen wir, dass sich in solcher Art Kräfte gleichsam zusammenfügen zu höchster Spannkraft, und dann, wenn die höchste Spannkraft erreicht ist, auf einmal verschwinden.
[ 5 ] So [it is] not at all base [to believe] that it is better and more noble not to wish to carry what one has developed in one’s soul through the gates of death, but rather to gladly pass it on to future generations, who can do with it as they please. It is precisely from these feelings—which certainly cannot be described as ignoble—that one can also discern that there is, after all, a scientific perspective on the question of immortality; for if one considers the nature of the human soul with even a little impartiality and without reservation, —everything that a person works toward and cultivates right up to the gates of death—then one encounters a distinctive quality of the human soul that cannot be overlooked when one examines this human soul more closely. One might [ask]: What is the most valuable, the most significant aspect of the human soul? — It is that which is incomparable, that which is ideal, that which shapes this human soul in such a [personal] way that it cannot yield it to any other power, to any other element—this cannot be transferred from the individual human soul to the human race. And it is precisely when viewed impartially that it becomes clear that this would vanish into nothingness if the human soul itself were to vanish into nothingness—[that] something is thus developed that we can only describe as having been worked on throughout an entire human life, [so that it] gains inner strength, becomes richer, and [which] becomes, so to speak, solely for the purpose of [then] vanishing after all. But this contradicts the general economy of nature. Nowhere in the entire world do we see forces of this kind, as it were, coalescing into the highest tension, and then, once the highest tension is reached, suddenly vanishing.
[ 6 ] Man gelangt da also zu einer Fragestellung aus der Bewunderung der Weltenökonomie heraus, unabhängig von aller Todesfurcht, von jeder Menschheitshoffnung, von persönlichen Interessen, so objektiv durch die Weltenbetrachtung, wie man objektiv durch die Betrachtung irgendeines anderen Wesens oder Dinges der Außenwelt zu einer solchen Betrachtung kommen kann. So gibt es wohl eine wissenschaftliche Art, die Unsterblichkeitsfrage zu stellen. Selbstverständlich gelangt man durch alles dasjenige, was eben angeführt worden ist, [noch] nicht zu einer Antwort, sondern nur zu einer Fragestellung. Das gerade soll der Gegenstand der heutigen Betrachtung sein, dass man durch geisteswissenschaftliche Forschung zu einer Antwort kommen kann.
[ 6 ] One thus arrives at a question arising from an admiration of the global economy, independent of any fear of death, of any hope for humanity, and of personal interests—as objectively through the contemplation of the world as one can objectively arrive at such a contemplation through the observation of any other being or thing in the external world. Thus, there is indeed a scientific way to pose the question of immortality. Of course, all that has just been mentioned does not [yet] lead to an answer, but only to the formulation of a question. That is precisely what will be the subject of today’s discussion: that one can arrive at an answer through spiritual scientific research.
[ 7 ] Nun muss von vornherein betont werden, dass alles dasjenige, was der Mensch an der Außenwelt beobachten kann, was er auch durch äußere Wissenschaften von dieser Außenwelt erkennen kann, auf einer solchen inneren Tätigkeit beruht, die durchaus an die Organe der äußeren Leiblichkeit gebunden ist. Kein Mensch kann sich vorstellen, dass er das, was der Mensch als sinnliche Wirklichkeit erkennt, beobachten könnte, wenn er keine Sinne hätte. Dass aber die Sinne mit dem Tode dahinschwinden, ist eine unmittelbare Gewissheit. Ebenso kann der Mensch erkennen, dass sein gewöhnlicher Verstand an das Gehirn gebunden ist und in Anlehnung an die Sinne denkt und arbeitet. Er muss voraussetzen, dass sein Verstand, seine Seelentätigkeit an die äußere Leiblichkeit gebunden ist und mit dem Tode dahinschwinden muss. Das ist ebenso wahr, [wie] auch unsere äußeren Wahrnehmungsorgane und das äußere Gehirn dahinfallen. So sehen wir, wie die Frage sich dahin zuspitzt, ob der Mensch imstande ist, in sich etwas gewahr zu werden, was unabhängig von seinen Sinnen, von der äußeren Leiblichkeit ist. Und unmöglich ist es, von vornherein von irgendetwas anderem eine Dauer über den Tod hinaus behaupten zu wollen als von dem, was unabhängig ist von der äußeren Leiblichkeit.
[ 7 ] It must be emphasized from the outset that everything a person can observe in the external world—and everything he can learn about this external world through the external sciences—is based on an inner activity that is entirely bound to the organs of the physical body. No one can imagine being able to observe what humans perceive as sensory reality if they had no senses. Yet the fact that the senses fade away with death is an immediate certainty. Likewise, a person can recognize that their ordinary intellect is bound to the brain and thinks and functions in connection with the senses. They must assume that their intellect—their soul activity—is bound to the external physical body and must fade away with death. This is just as true as the fact that our external organs of perception and the external brain also perish. Thus we see how the question comes down to whether a person is capable of becoming aware within themselves of something that is independent of their senses and of their external physicality. And it is impossible to claim from the outset that anything other than that which is independent of external physicality will endure beyond death.
[ 8 ] Haben wir aber im normalen Leben jemals Veranlassung, in der eigenen Seele etwas zu sehen, was unabhängig ist von der äußeren Leiblichkeit? Bewusst ganz gewiss zunächst nicht. Dass wir es aber zunächst doch voraussetzen müssen, das legt uns die Betrachtung eines Wechselzustandes im menschlichen Leben nahe, der allerdings im normalen Leben nicht immer hinlänglich beobachtet und nicht in seiner Wichtigkeit eingesehen wird, weil der Mensch leicht an dem vorübergeht, was er gewohnheitsmäßig erlebt. Und manches von solchem ist gerade das, was den Forscher denkbar tief hineinweist in die Lebensgeheimnisse. Gemeint ist hier das, was die Seele täglich trifft: Schlaf und Wachen. Wir brauchen nur einmal in ganz alltäglicher Art den Moment des Einschlafens ins Auge zu fassen, um uns eine Vorstellung zu verschaffen [vom] Wesen des Schlafes. Von vornherein sei gesagt, dass selbstverständlich in einer kurzen Abendbetrachtung nicht etwa neuere naturwissenschaftliche Hypothesen, die außerordentlich interessant zu betrachten wären, betrachtet werden sollen. Es gibt ja außerordentlich interessante Betrachtungen über das Wesen des Schlafes; und [wenn auch] gezeigt werden könnte, dass die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen den naturwissenschaftlichen gar nicht widersprechen, so muss aber [heute] doch davon abgesehen, [und], gestützt auf die bloße Geisteswissenschaft [gesagt werden]: Wenn wir den Moment des Einschlafens betrachten, so sehen wir allerdings, wie dem Menschen seine Leiblichkeit im Augenblick des Einschlafens entfällt. Der Mensch verliert die Seelenherrschaft über seine Glieder, die anheimgegeben sind der Schwerkraft; sie werden einzig und allein der Schwerkraft und den übrigen von der Seele unabhängigen Kräften unserer Erde übergeben. Dem Menschen entfällt der Gebrauch seiner Sinne, sie beginnen nach und nach zu schweigen; was auf- und abwogt an Begierden, Trieben und Leidenschaften, Ideen und Idealen, das kommt in ein unbestimmtes Dunkel; das Gedächtnis schweigt. Nun wird gar derjenige, der behauptet, aus seinen naturwissenschaftlichen Voraussetzungen heraus nicht anders denken zu können, sagen: Die Ruhe ist ja nur wie eine Nebenerscheinung der Leiblichkeit. Wenn wir den schlafenden Menschenleib im Bette haben, so ist das nur eine andere Art und Weise der Wirkung, durch die er das aus sich hervorzaubert, was wir seelisches Leben nennen.
[ 8 ] But do we ever have reason, in ordinary life, to perceive something within our own soul that is independent of our external physicality? Consciously, certainly not at first. But the fact that we must nevertheless assume this at the outset is suggested by our consideration of a transitional state in human life—one that, admittedly, is not always sufficiently observed in everyday life and whose importance is not fully recognized, because people easily overlook what they experience out of habit. And much of this is precisely what leads the researcher deeply into the mysteries of life. What is meant here is what the soul encounters daily: sleep and wakefulness. We need only consider, in a very everyday way, the moment of falling asleep to gain an idea of the nature of sleep. Let it be said from the outset that, of course, a brief evening reflection is not intended to address more recent scientific hypotheses, which would be extraordinarily interesting to examine. There are, of course, extraordinarily interesting reflections on the nature of sleep; and [even if] it could be shown that spiritual scientific reflections do not contradict those of the natural sciences at all, we must nevertheless set them aside [today] and, based solely on spiritual science, [say]: When we consider the moment of falling asleep, we do indeed see how a person’s physicality ceases at the very moment of falling asleep. The person loses the soul’s control over their limbs, which are left to the mercy of gravity; they are surrendered solely to gravity and the other forces of our Earth that are independent of the soul. The person loses the use of their senses; they gradually fall silent; the ebb and flow of desires, drives, and passions, ideas, and ideals recedes into an indefinite darkness; memory falls silent. Now even those who claim, based on their scientific premises, that they cannot think otherwise will say: Stillness is, after all, merely a side effect of physicality. When we have the sleeping human body in bed, this is merely another form of action through which it conjures forth from within itself what we call spiritual life.
[ 9 ] Nun, immer wird die Naturwissenschaft erkennen — und bei Unbefangenheit ist sie schon dazu auf dem Wege, so zu erkennen –, dass alles, was im schlafenden Menschenleibe vorgeht, nichts zu tun hat mit dem, was in der wachen Seele als inneres Leben auf- und abflutet. Nicht nur Du Bois-Reymond hat in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts voll zugestanden: Wenn wir den schlafenden Menschenleib vor uns haben, so ist er der Naturwissenschaft erkennbar, aber niemals erkannt werden die Gesetze, die in diesem Menschenleibe sind, was hervorgeht, [was] in diesem Dasein spricht an Leidenschaften, Empfindungen, Trieben, Vorstellungen. Man wird vielmehr immer das voll erkennen: Ja, wenn man den schlafenden Menschenleib vor sich hat, da gehen alle chemischen und physikalischen Prozesse innerhalb dieses schlafenden Menschenleibes vor sich. Aber daraus entstehen ebenso wenig Gedanken, Empfindungen, Leidenschaften, Triebe, wie aus den Lebensvorgängen der Ernährung oder aus der Lunge Sauerstoff oder Luft hervorgehen können. Wie die Luft außerhalb ist und durch den Atmungsprozess von der Lunge aufgenommen wird und dem Menschenleibe, so muss vorausgesetzt werden, dass alles, was wir seelisches Leben nennen, mit dem Aufwachen in den Menschen hineinspringt — wie die Luft durch das Einatmen –, dass das nichts zu tun hat mit den Prozessen, die im schlafenden Menschenleibe sich abspielen.
[ 9 ] Well, science will always recognize—and, when approached with an open mind, it is already well on its way to doing so—that everything that takes place in the sleeping human body has nothing to do with what ebbs and flows as inner life within the waking soul. It was not only Du Bois-Reymond who fully acknowledged in the 1870s: When we have the sleeping human body before us, it is recognizable to natural science, but the laws within this human body—what emerges from it, [what] speaks within this existence in terms of passions, sensations, drives, and ideas—will never be understood. Rather, one will always fully recognize this: Yes, when one has the sleeping human body before one, all chemical and physical processes take place within this sleeping human body. But no more do thoughts, feelings, passions, and drives arise from this than oxygen or air can emerge from the life processes of nutrition or from the lungs. Just as the air is outside and is taken in by the lungs through the process of breathing and supplied to the human body, so it must be assumed that everything we call soul life leaps into the human being upon awakening—just as air enters through inhalation—and that this has nothing to do with the processes taking place within the sleeping human body.
[ 10 ] Heute, in unserer Zeit, ist das erst eine geisteswissenschaftliche Erkenntnis, aber gerade auf diesem Gebiete wird die Geisteswissenschaft immer die Hilfe der Naturwissenschaft haben. Sie wird erkennen, dass es ebenso absurd wäre, die Vorgänge des inneren Seelenerlebens [von] dem Leibe [herzuleiten], wie es unmöglich ist, die Luft als Wesenheit von der Lunge herzuleiten. Das gibt uns zunächst die Berechtigung, geisteswissenschaftlich — wenigstens als Hypothese, wir wollen glauben, dass sie sich zur Gewissheit erheben wird – [zu] sagen: Nun ja, es ist allerdings so, dass der geistig-seelische Wesenskern des Menschen beim Einschlafen aus dem Menschen herausströmt und in einer rein geistigen Welt ist und beim Aufwachen wieder in ihn hereinströmt in den Menschenleib. Das lässt sich logisch vergleichen mit dem Ein- und Ausatmen, nur dass wir einen materiellen Stoff einatmen und rasch wieder ausatmen, beim Schlafen ein geistig-seelisches Wesen. Man mag den Wechselzustand zwischen Schlaf und Wachen gleichsam ein geistiges Ein- und Ausatmen der Seele nennen, nur in weit größeren Zwischenräumen als das physische Ein- und Ausatmen. Das aber wird die Denkart der Menschheit immer erkennen, dass es unmöglich ist, das Seelisch-Geistige aus der physischen Leiblichkeit abzuleiten. Wie man die Luft außen sucht, wie sie ihren Ursprung außerhalb des Organismus hat, so hat das geistig-seelische Leben seinen geistigen Ursprung außerhalb der menschlichen Leiblichkeit und wird mit dem Aufwachen aufgenommen von der menschlichen Leiblichkeit.
[ 10 ] Today, in our time, this is merely a finding of the spiritual sciences, but it is precisely in this field that the spiritual sciences will always have the support of the natural sciences. It will recognize that it would be just as absurd to derive the processes of inner soul experience from the body as it is impossible to derive air as an entity from the lungs. This gives us, for the time being, the justification to say from a spiritual-scientific perspective—at least as a hypothesis, though we wish to believe that it will rise to the level of certainty—that: Well, it is indeed the case that the spiritual-soul core of the human being flows out of the person upon falling asleep and enters a purely spiritual world, and upon waking flows back into the human body. This can be logically compared to inhaling and exhaling, except that we inhale a material substance and exhale it quickly, whereas during sleep we inhale a spiritual-soul being. One might call the transitional state between sleep and wakefulness, as it were, a spiritual inhalation and exhalation of the soul—only with far greater intervals than physical inhalation and exhalation. But humanity’s way of thinking will always recognize that it is impossible to derive the soul-spiritual from the physical body. Just as we seek air outside ourselves—since it has its origin outside the organism—so too does the soul-spiritual life have its spiritual origin outside the human body and is taken up by the human body upon waking.
[ 11 ] So könnten wir zunächst voraussetzen — es soll an keiner Stelle zu viel gesagt werden –, dass der Mensch mit seiner geistig-seelischen Wesenheit außerhalb seiner Leiblichkeit ist. Wir müssen aber sagen – wenn wir das hypothetisch voraussetzen können –, dass der Mensch im Schlafe seelisch mit sich allein ist, abgesondert vom Leib, aber er weiß davon nichts. Bewusstlosigkeit tritt ein in dem Augenblick des Einschlafens; er ist von Finsternis und Dunkel umgeben, wenn er in den Schlafzustand übergeht. Daraus aber ist ersichtlich, welches die Voraussetzung ist, um das Seelisch-Geistige zu erkennen. Lassen wir es zunächst ganz ungewiss sein, was da außerhalb des Menschenleibes ist, wenn der Mensch im Schlafzustand sich befindet. Wir können es dann zur Gewissheit machen, wenn wir imstande sind, denselben Zustand bewusst herbeizuführen, der im Schlaf herbeikommen soll: das Seelisch-Geistige unabhängig zu machen von der Leiblichkeit, und dann es nicht unbewusst erleben, sondern es innen regsam zu machen, trotzdem das Seelische aus dem physischen Leib heraus ist. Kann das der Fall sein? Ist das möglich?
[ 11 ] So we could start by assuming—without going into too much detail at any point—that the human being, with his spiritual and soul nature, exists outside of his physical body. However, we must say—if we can hypothetically assume this—that during sleep, the human being is alone in his soul, separated from the body, but he is unaware of this. Unconsciousness sets in the moment one falls asleep; one is surrounded by darkness and gloom when one passes into the state of sleep. From this, however, it becomes clear what the prerequisite is for recognizing the soul-spiritual. Let us leave it entirely uncertain for now as to what lies outside the human body when a person is in the state of sleep. We can then establish certainty if we are able to consciously bring about the same state that is supposed to occur during sleep: to make the soul-spiritual independent of the physical body, and then not to experience it unconsciously, but to make it active within, even though the soul is outside the physical body. Can this be the case? Is this possible?
[ 12 ] Von der Beantwortung dieser Frage hängt alle Möglichkeit einer Geisteswissenschaft eigentlich ab. Und dies ist dasjenige, was die Menschen zum eigentlichen Geistesforscher macht, was den Menschen dazu verhilft, in die geistige Welt hineinzuschauen, [...] in genau denselben Zustand versetzt, in dem sie im Schlafe sind, nur [jetzt], statt bewusstlos, in den Zustand des inneren Bewusstseins versetzt. Und dieses Letztere geschieht durch ganz bestimmte geisteswissenschaftliche Methoden, die ebenso Methoden sind wie die in der äußeren Welt irgendeinem chemischen Experiment zugrunde liegenden, nur dass das äußere Methoden [sind], die mit Händen oder mit anderen Werkzeugen angewendet werden, während das einzige Werkzeug, durch das der Mensch in die geistige Welt eindringen kann, seine eigene Seele ist –[...] es gibt keine anderen als seelische Methoden –, [aber nur dann], wenn sie diese Kräfte sich erobert [und] sie umgestaltet.
[ 12 ] In fact, any possibility of spiritual science actually depends on the answer to this question. And this is what makes people true researchers of the spirit, what helps them to look into the spiritual world, [...] placing them in exactly the same state as when they are asleep, only [now], instead of being unconscious, they are placed in a state of inner consciousness. And the latter occurs through very specific spiritual scientific methods, which are just as much methods as those underlying any chemical experiment in the external world, except that the external methods are those applied with hands or other tools, whereas the only tool through which a person can penetrate the spiritual world is their own soul—[...] there are no methods other than those of the soul—[but only then], when one has mastered these powers [and] transformed them.
[ 13 ] [Wann] kann man sie erobern? Nur dann, wenn man in die Lage kommt, sich zu sagen: Der Mensch ist im Schlafe deshalb unbewusst, innerlich unregsam und unlebendig, weil gewisse Kräfte so schwach entwickelt sind, dass sie ihm selber nicht zum Bewusstsein kommen. Kommt der Mensch in die Lage, dass Kräfte in seiner Seele wahrnehmbar werden, wie sie sonst im Schlafe sind, aber nicht wahrnehmbar sind, wahrnehmbar werden, [so kann er derart] Kräfte hervorholen, die ihn zu einem bewussten Wesen machen, wenn er unabhängig von seiner Leiblichkeit ist. Dann ist der Beweis durch die Erfahrung erbracht [und] die Beobachtung möglich, dass die Menschenseele auch etwas ist, wenn sie unabhängig von der Leiblichkeit ist.
[ 13 ] [When] can one master them? Only when one is able to say to oneself: A person is unconscious, inwardly still, and lifeless during sleep because certain forces are so weakly developed that they do not even come to his own consciousness. If a person reaches a state in which forces in his soul—which are otherwise present during sleep but not perceptible—become perceptible, [then he can] bring forth such forces that make him a conscious being when he is independent of his physicality. Then proof is provided through experience [and] it becomes possible to observe that the human soul is also something when it is independent of the physical body.
[ 14 ] Also, wenn das nicht eine phantastische Behauptung sein soll, muss ein Zustand möglich sein, der auf der einen Seite ähnlich ist dem Schlafzustand, und auf der anderen Seite radikal von ihm verschieden. Ähnlich dadurch, dass der Mensch dabei ebenso wenig seine Glieder regsam sein lässt wie im Schlafe, ebenso wenig einen Eindruck auf seine Sinne machen lässt wie im Schlafe, sondern durch innere Willkür alle Sorgen und Bekümmernisse des Lebens abweist. Der Mensch muss in die Lage kommen, in seiner Seele einen solchen Zustand herbeizuführen, dass seine Seele unabhängig vom Leib ist, wie im Schlafe, dass der Leib unbeteiligt ist am Seelenleben. Dann aber muss – und nun radikal verschieden vom Schlafzustand – diese Seele, nachdem sie auf alle äußeren Anregungen, auch auf alle Erinnerungsvorstellungen verzichtet, aus ihren eigenen Tiefen schlummernde Kräfte erwecken durch das, was man nennt Meditation, Konzentration, Kontemplation.
[ 14 ] So, unless this is meant to be a fanciful claim, there must be a state that is, on the one hand, similar to the state of sleep, and on the other hand, radically different from it. Similar in that the person allows his limbs to be just as inactive as in sleep, allows just as few impressions to reach his senses as in sleep, but through inner volition rejects all the worries and cares of life. A person must be able to bring about such a state within their soul that the soul is independent of the body, as in sleep, and that the body is uninvolved in the life of the soul. But then—and this is radically different from the state of sleep—this soul, having renounced all external stimuli, including all memories, must awaken dormant powers from its own depths through what is called meditation, concentration, and contemplation.
[ 15 ] Was ist das? Das sind gewisse Verrichtungen der Seele, allerdings zunächst nicht merkbare Verrichtungen der Seele, die aber die Seele umgestalten, umwandeln zu einer in vieler Beziehung neuen Wesenheit, für sich selber wenigstens. Wenn wir uns eine Vorstellung bilden wollen von dem, was Meditation, Konzentration, Kontemplation ist, die in ausgiebigem Maße jeder Seelenforscher auf sich anwenden muss, so müssen wir sagen: Im gewöhnlichen Leben bilden wir uns Begriffe, lassen uns anregen von den Dingen [zu] Vorstellungen und behalten in Gedanken diese Vorstellungen. Wie viel bliebe in unserer Gedankenvorstellung übrig, wenn wir nur das hätten, was von außen kommt? Von alledem aber, was das Um und Auf ist im normalen Zustand, muss der Geistesforscher durch seine Willkür alle Aufmerksamkeit abziehen; und dann, wenn völlig leeres Bewusstsein da ist, muss er – während man im normalen Leben sehr leicht in den Schlaf zurücksinkt – durch eine stärkere Entwicklung seines Willens jetzt einige oder eine einzige Vorstellung oder Empfindung oder einen einzigen Willensimpuls in den Mittelpunkt seines Bewusstseins zu stellen in der Lage sein. So wird also hier beim Geistesforscher, wenn er so seine Seele zum Werkzeug machen will, alles durch eigene Willkür in den Mittelpunkt des Bewusstseins gestellt.
[ 15 ] What is this? These are certain activities of the soul—activities that are not immediately perceptible, but which transform the soul into a being that is, in many respects, new, at least in and of itself. If we wish to form a conception of what meditation, concentration, and contemplation are—practices that every student of the soul must apply to themselves extensively—we must say: In ordinary life, we form concepts, allow ourselves to be inspired by things to form ideas, and retain these ideas in our thoughts. How much would remain in our mental imagery if we had only what comes from the outside? But the spiritual researcher must, through his own volition, withdraw all attention from everything that is of paramount importance in the normal state; and then, when consciousness is completely empty—while in normal life one very easily slips back into sleep—he must, through a stronger development of his will, be able to place a few or a single image, sensation, or impulse of will at the center of his consciousness. Thus, for the spiritual researcher—when he wishes to make his soul an instrument—everything is placed at the center of consciousness through his own volition.
[ 16 ] Nun kann man sagen: Es kommt nicht darauf an, was für eine Vorstellung, Empfindung, Gefühl dazu genommen wird, [sondern] darauf, dass man das ganze Seelenleben, das sonst verteilt ist auf viele Vorstellungen und Eindrücke, auf eine einzige Vorstellung hindrängt, dadurch konzentriert, zusammenzieht — darauf kommt es an. Während man im gewöhnlichen Leben rasch von Vorstellung zu Vorstellung eilt, muss man dann eine solche Vorstellung durch lange Zeit im Bewusstsein schweben lassen. [Indem] man das tut, während einer Zeit, wo sonst gewöhnlich das [Seelenleben von Vorstellung zu Vorstellung] wechselt, da strebt das ganze Seelenleben, sich nach diesem einen Punkt hin zu konzentrieren. Und darauf kommt es an. Wir wissen, dass wir auch in der Außenwelt Kräfte dadurch heranziehen, dass wir sie üben; das Lebendige zieht seine Kräfte heran, wenn es sie übt. Hier kommt es auf die Kräfte an, die in der Tiefe der Menschenseele sind und höchstens unter der Oberfläche des Bewusstseins, jetzt aber angespannt, angestrengt werden.
[ 16 ] Now one might say: What matters is not what kind of idea, sensation, or feeling is involved, [but] that one directs one’s entire inner life—which is otherwise scattered among many ideas and impressions—toward a single idea, thereby concentrating and focusing it—that is what matters. Whereas in ordinary life we rush quickly from one idea to the next, we must then allow such an idea to linger in our consciousness for a long time. [By] doing this during a time when the [life of the soul would otherwise] normally shift from one idea to the next, the entire life of the soul strives to concentrate on this one point. And that is what matters. We know that we also draw forces from the external world by exercising them; the living being draws its forces to itself when it exercises them. Here, what matters are the forces that lie in the depths of the human soul and, at most, just beneath the surface of consciousness, but which are now being strained and exerted.
[ 17 ] Man kann im Allgemeinen sagen: Es ist gleichgültig, welche Vorstellungen man dazu nimmt, aber manche eignen sich besser als andere. Aber, damit nicht abstrakt gesprochen werde, nicht als Theorie, wollen wir gleich auf Konkretes aufmerksam machen. Im Allgemeinen kommt man nicht so weit zur Zubereitung der Seele in der Geistesforschung, wenn jede beliebige Vorstellung genommen wird; sondern wenn sogenannte sinnbildliche, bildhafte Vorstellungen genommen werden, dann kommt man am weitesten — bildhafte Vorstellungen. Nun kann besonders der materialistisch Gesinnte sehr leicht sagen, die hätten keinen Wert, denn sie drückten nichts Äußeres aus. Aber darauf kommt es gar nicht an, was sie abbilden, ob sie einen Wert haben für dieses oder jenes äußere Ding, sondern was diese Vorstellung in der Seele bewirkt dadurch, dass diese Seele ihre Kraft auf sie allein konzentriert.
[ 17 ] Generally speaking, it does not matter which concepts one uses, but some are more suitable than others. However, so as not to speak in abstract terms—not merely as a theory—let us immediately turn our attention to concrete examples. In general, one does not make much progress in preparing the soul in spiritual research by taking just any concept; rather, one makes the most progress when taking so-called symbolic, pictorial concepts—pictorial concepts. Now, those of a materialistic disposition in particular might very easily say that these have no value, since they do not express anything external. But what matters is not at all what they depict, or whether they have value in relation to this or that external thing, but rather what effect this image has on the soul as a result of the soul concentrating its power solely upon it.
[ 18 ] Ein Beispiel, [das] zunächst ganz verrückt [klingen mag: Man stelle sich] zwei Gläser [vor, im ersten ist Wasser, im anderen keines. Indem man das Wasser vom ersten in das zweite gießt, nimmt der Gehalt an Wasser im ersten zu, nicht ab]. Es kommt darauf an, dass diese Vorstellung ein bedeutsames Sinnbild sein kann für einen Lebensvorgang, einen alles im Leben durchdringenden Vorgang: für die Wirksamkeit der Liebe. So verrückt diese Vorstellung ausschaut, so kann man doch sagen: Es gibt etwas im Leben des Menschen, was im Grunde so wirkt wie dieses Sinnbild. Ein Mensch, der aus ureigensten Impulsen seiner Seele heraus immer solche Liebestaten verrichtet, dessen Seele wird dadurch nicht ärmer, sondern immer reicher und reicher. Dieses Verhältnis der Liebe zur Menschenseele kann sich sinnbildlich ausdrücken durch die sonst ganz unsinnige Vorstellung.
[ 18 ] Here’s an example [that] might sound completely crazy at first: [Imagine] two glasses—the first contains water, the other does not. By pouring the water from the first into the second, the amount of water in the first increases, not decreases]. The point is that this image can serve as a meaningful metaphor for a life process, a process that permeates everything in life: the power of love. As crazy as this idea may seem, one can still say: There is something in human life that essentially works just like this metaphor. A person who, out of the very deepest impulses of their soul, consistently performs such acts of love—their soul does not become poorer as a result, but rather grows richer and richer. This relationship between love and the human soul can be symbolically expressed through this otherwise completely nonsensical idea.
[ 19 ] Nun kann man es in seinem Bewusstsein so einrichten, dass man eine solche Empfindung im Hintergrund hat, die dem Bilde Wärme gibt, [so] dass die Seele von Wärme durchdrungen ist; im Übrigen [muss man] durch Willkür die Aufmerksamkeit abwenden von allem äußeren Leben, wie sonst nur im Schlafe, dann alle Kraft der Seele auf diese eine Vorstellung hin richten, wenn man solche Übungen macht. Wenn man solche Übungen macht — wie man sie anwendet, ist zu finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Da ist geschildert, wie man solche Übungen macht, wie der Mensch jene Mittel heranziehen kann in seiner Seele, durch die er wirklich nach und nach dazu kommt, alles andere auszuschließen außer der Meditation. Und wenn er Geduld und Ausdauer hat, sein inneres Seelenleben so zu bearbeiten und zu erziehen, dass er immer wieder und wieder solche Konzentrations- und Meditationsübungen macht, dann wird er gewahr, dass in der Tat in seiner Seele etwas erscheint, wovon er früher gar nichts wusste. Früher [war] nur Schlaf- und Wachzustand, jetzt [ist ein] neuer Seelenzustand, der entsteht ebenso wie der Moment des Einschlafens – nur willkürlich; der tritt dadurch ein, dass der Leib seinen eigenen Verhältnissen, seiner Schwere übergeben wird, dass wir alle Vorstellungen, alles, was sonst von außen angeregt ist, ablehnen, dass nur das in der Seele ist, was wir wollen; dass wir konzentriert sind, die Kräfte, die sonst ungeübt bleiben, aus der Seele hervorholen. Dann spüren wir, dass wir sind wie der schlafende Mensch, aber nicht unbewusst, sondern innerlich rege. Und wir merken das daran – wenn wir es so weit als Geistesforscher gebracht haben –, dass wir einen gewissen Zeitpunkt eintreten sehen, [wo] wir nicht mehr Bilder vor unsere Seele hinzuzaubern haben durch unsere eigene Willkür, sondern jetzt sind wir angekommen, wo sie von selber aufschießen, von selber auftreten.
[ 19 ] Now one can arrange one’s consciousness in such a way that one has this sensation in the background, which lends warmth to the image, [so] that the soul is permeated by warmth; furthermore, [one must] deliberately turn one’s attention away from all external life—as one otherwise does only in sleep—and then direct all the soul’s power toward this single image when performing such exercises. When one performs such exercises—how to apply them can be found in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. It describes how to perform such exercises, how a person can draw upon those inner resources within their soul through which they can truly, little by little, come to exclude everything else except meditation. And if one has the patience and perseverance to cultivate and train one’s inner soul life in such a way that one performs these exercises in concentration and meditation again and again, then one will become aware that something does indeed appear in one’s soul of which one previously knew nothing at all. Before, there were only the states of sleep and wakefulness; now there is a new state of the soul that arises just as the moment of falling asleep does—only voluntarily; it occurs when the body is surrendered to its own conditions, to its heaviness; when we reject all thoughts, everything that is otherwise stimulated from the outside; when only what we will is present in the soul; and when, through concentration, we draw forth from the soul the powers that otherwise remain untrained. Then we sense that we are like a sleeping person, but not unconscious, rather inwardly active. And we recognize this—if we have progressed that far as researchers of the spirit—by the fact that we see a certain moment arrive [when] we no longer have to conjure up images before our soul through our own will, but have now reached the point where they spring up of their own accord, appear of their own accord.
[ 20 ] Dann kommt allmählich der Zustand, wo ein ganz neues Weltbild, ein Bild voller Mannigfaltigkeit, das wir vorher nicht gekannt haben, vor der Seele auftritt. Wie am Morgen, bevor die Sonne [aufgeht], zuerst die Morgenröte auf den Wolken erscheint, so erscheint [uns] eine Welt von Gestalten und Eindrücken. Dadurch, dass wir [in uns] erkraftet haben, was vorher schwach war, durch innere Regsamkeit den Zustand herbeigeführt haben, dass jetzt diese unsere Seele etwas ganz Neues wahrnimmt, was früher nicht wahrnehmbar war; dadurch, dass sie regsam geworden ist, tritt [sie] einer neuen Welt gegenüber; wie man der Welt der Farben und des Lichtes erst gegenübertreten kann, wenn man Augen hat, so tritt man jetzt einer neuen Welt gegenüber, weil man jetzt [sich] selber Organe dafür gemacht hat.
[ 20 ] Then, gradually, a state arises in which a completely new worldview—a picture full of diversity that we had not known before—unfolds before the soul. Just as in the morning, before the sun [rises], the dawn first appears on the clouds, so a world of forms and impressions appears [to us]. Because we have strengthened [within ourselves] what was previously weak, and through inner activity have brought about the state in which our soul now perceives something entirely new that was previously imperceptible; because it has become active, [it] faces a new world; just as one can only face the world of colors and light if one has eyes, so one now faces a new world because one has now created organs for it within oneself.
[ 21 ] Es ist jetzt in der Tat so, dass man – [dies sei erwähnt] gegenüber denjenigen, die leichten Herzens Einwände machen gegen solche Seelenfähigkeiten – an das Wort des großen Philosophen Fichte erinnert wird, [der] 1811 und 1813 [gesagt hat]:
[ 21 ] It is indeed the case now that—[it should be noted] for those who lightly raise objections to such faculties of the soul—one is reminded of the words of the great philosopher Fichte, [who] said in 1811 and 1813:
Denke man eine Welt von Blindgebornen, denen darum allein die Dinge und ihre Verhältnisse bekannt sind, die durch den Sinn der Betastung existieren. Tretet unter diese und redet ihnen von Farben und den anderen Verhältnissen, die nur durch das Licht für das Schen vorhanden sind. Entweder Ihr redet ihnen von Nichts, und dies ist das Glücklichere, wenn sie es sagen; denn auf diese Weise werdet Ihr bald den Fehler merken und, falls Ihr ihnen nicht die Augen zu öffnen vermögt, das vergebliche Reden einstellen. [...] Oder sie wollen aus irgendeinem Grunde Eurer Lehre doch einen Verstand geben: So können sie dieselbe nur verstehen von dem, was ihnen durch die Betastung bekannt ist: Sie werden das Licht und die Farben und die andern Verhältnisse der Sichtbarkeit fühlen wollen, zu fühlen vermeinen, innerhalb des Gefühles irgendetwas sich erkünsteln und anlügen, was sie Farbe nennen. Dann missverstehen, verdrehen, missdeuten sie. [...]
Einen neuen und besonderen Sinn, Sinnenwerkzeug, setzt diese Lehre voraus.
Imagine a world of people born blind, who therefore know only the things and their properties that exist through the sense of touch. Go among them and speak to them of colors and the other properties that exist for the eye only through light. Either you are speaking to them of nothing—and this is the more fortunate outcome, if they say so—for in this way you will soon realize your mistake and, if you are unable to open their eyes, cease your futile talk. [...] Or, for some reason, they wish to make sense of your teaching: In that case, they can understand it only in terms of what is known to them through touch: They will want to feel the light and the colors and the other conditions of visibility; they will imagine they are feeling them, and within that sensation they will fabricate and invent something they call color. Then they will misunderstand, distort, and misinterpret. [...]
This teaching presupposes a new and special sense, an instrument of the senses.
[ 22 ] Diese Welt [ist] noch nicht die Welt der Geistesforscher, aber für ihn das Stück Geistesforschung, zu dem er schon gekommen war; da war er [sich] bewusst, dass er, ohne Organe, von dem «Nichts» spricht, von Träumerei, und deshalb sagt er, man setze voraus eine Welt von [Blind-] geborenen. So, meinte Fichte, handelt es sich darum, ein neues Seelenorgan zu schaffen.
[ 22 ] This world [is] not yet the world of the researchers of the spirit, but for him it was the stage of spiritual research he had already reached; there he was [aware] that, without faculties, he was speaking of “nothing,” of daydreaming, and that is why he says one must presuppose a world of those born [blind]. Thus, Fichte argued, the task at hand is to create a new organ of the soul.
[ 23 ] Aber erst [der Geistesforscher] ist imstande, durch die angegebenen Methoden die Seele zu einem solchen Organ zu machen. Und man muss nun sagen: Wenn er diesen Punkt erreicht hat, dann beginnt für ihn erst das Schwierigste, das, was am allersorgfältigsten beobachtet werden muss. Denn jetzt ist er ja wirklich in einer neuen Welt. Wer materialistisch gesinnt ist, wird sagen, und von seinem Standpunkt aus mit Recht – der Geistesforscher kann das alles begreifen, bloß sein Gegner begreift das nicht –, dass die Bilder auch bei der krankhaften Seele, bei Halluzinationen, Visionen, Wahnvorstellungen auftreten, äußerlich allerdings nicht, aber innerlich umso mehr. [...] Dass [die innere Wahrnehmung des Geistesforschers] sich unterscheide von der Wahnwelt einer ungesunden Seele, darauf kommt es gerade an, dass er etwas anderes [sieht] als das, was aus der ungesunden Seele auftaucht. Bei Wahnvorstellungen, Visionen, Halluzinationen ist das Wesentliche – das wissen wir ja zu unserem Leidwesen –, dass die betreffende Person einen so felsenfesten Glauben an sie hat, dass sie sie ansieht für eine neue Welt, für eine objektive Welt. Und vielleicht wissen viele von Ihnen, dass man manchem, der so leidet, leichter ausreden kann das, was er mit Augen vor sich sieht, als seine Halluzinationen, Wahnvorstellungen und dergleichen, dass mancher strenge logische Systeme erfindet, um diese Wahnvorstellungen streng logisch zu rechtfertigen. Für den Geistesforscher aber ist es das Wichtige, die Frage zu beantworten: Warum ist das so, warum Bilder, die nur Spiegelbilder der eigenen Seele sind, warum sieht er das als eine objektive Wirklichkeit an?
[ 23 ] But only [the spiritual researcher] is capable of transforming the soul into such an organ through the methods described. And one must now say: Once he has reached this point, the most difficult part begins for him—that which must be observed with the utmost care. For now he is truly in a new world. Anyone with a materialistic mindset will say—and rightly so from their point of view—that the spiritual researcher can understand all of this, whereas his opponent cannot—that such images also occur in a diseased soul, in hallucinations, visions, and delusions; not outwardly, of course, but all the more so inwardly. [...] The fact that [the spiritual researcher’s inner perception] differs from the delusional world of an unhealthy soul is precisely the point: that he [sees] something different from what emerges from the unhealthy soul. In the case of delusions, visions, and hallucinations, the essential point—as we know all too well to our sorrow—is that the person in question has such an unshakable belief in them that they regard them as a new world, as an objective world. And perhaps many of you know that it is easier to dissuade some who suffer in this way from what they see with their own eyes than from their hallucinations, delusions, and the like; that some invent strict logical systems to justify these delusions in a strictly logical manner. For the researcher of the human spirit, however, the important thing is to answer the question: Why is this so? Why do they regard images—which are merely reflections of their own soul—as objective reality?
[ 24 ] Wenn man mit dem Blick des Seelenforschers eine Antwort versucht, so kommt man auf etwas, was gewöhnlich, in der gewöhnlichen Menschenbeobachtung, nicht so stark genommen wird, wie es zu nehmen ist. In Wahrheit liegt diesem zugrunde der Selbstsinn, man möchte sagen, die Selbstliebe; wir dürfen sie nur nicht so nehmen, wie wir sie im gewöhnlichen Leben kennen. Im gewöhnlichen Leben ist Egoismus Selbstliebe; aber wir wissen, dass [da] doch gewisse Grade sind, dass man, weil es seelische Eigenschaften sind, sie besiegen kann. Äußere Naturerscheinungen sind anders, als was in der Seele ist. [Bei] Blitz und Donner wird man gegen sie nicht so wie gegen die Selbstliebe ankämpfen können, wenn diese auftaucht in der Seele, wenn sie uns versucht. Wir können nicht dem Blitz Stillstand gebieten, nicht dem Donner verbieten, zu rollen, hörbar zu sein. Das Innere haben wir in der Gewalt, das Äußere nicht. Aber dadurch, dass die krankhafte Seele Spiegelbilder ihres eigenen Wesens vor sich hat, dadurch werden solche inneren Tatsachen zur Notwendigkeit erhoben, dass sie dann wie Naturtatsachen stehen bleiben; dass man gegen sie nichts vermag, wie gegen das Zucken des Blitzes. Das ist das Eigentümliche, dass alles, was von der Selbstliebe, dem Selbstsinn zu einer inneren Seelenbetätigung wird, wie eine Naturtatsache stehen bleibt.
[ 24 ] If one attempts to find an answer from the perspective of a researcher of the soul, one arrives at something that is not usually taken as seriously in ordinary observations of human behavior as it ought to be. In truth, this is rooted in self-centeredness—one might say, self-love; we just must not view it as we do in everyday life. In everyday life, selfishness is self-love; but we know that there are certain degrees of it, and that because these are qualities of the soul, they can be overcome. External natural phenomena are different from what lies within the soul. [When it comes to] lightning and thunder, one cannot fight against them in the same way one fights against self-love when it arises in the soul, when it tempts us. We cannot command the lightning to stop, nor can we forbid the thunder from rolling or being heard. We have control over the inner world, but not over the outer world. But because the diseased soul sees reflections of its own nature before it, such inner realities are elevated to the status of necessity, so that they then stand as facts of nature; one is powerless against them, just as against the flash of lightning. This is the peculiarity: that everything which, arising from self-love and self-centeredness, becomes an inner activity of the soul, stands as a fact of nature.
[ 25 ] Dazu muss nun die regelrechte Schulung des Geistesforschers führen, dass er tatsächlich sich nicht nur innere Regsamkeit erobert, sondern auch imstande ist, gerade wenn er an diesem Punkte ist, die auch stärker gewordene Selbstsucht, das, was uns eine «objektive» Welt hinzaubert, zu besiegen. Da ist der wichtigste Punkt seiner Entwicklung. Alles, was er vorher getan hat, muss überwunden werden, [in dem Sinne], wie das in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist. Da muss nebenher gegangen sein eine solche Selbsterziehung des Geistesforschers, dass der Geistesforscher nicht nur weiß: Diese Welt von Bildern, die da auftaucht am Horizont seines Bewusstseins, ist nichts anderes als ein Spiegelbild seiner eigenen Seele; nicht nur muss er das wissen, sondern er muss seine Seele so geschult haben, dass er diese Bilder jederzeit wegzuschaffen, wegzutilgen vermag. Dazu gehört starke Selbstüberwindung, die selber wieder wie eine Naturkraft wirkt. Denn bedenken Sie nur, meine sehr verehrten Anwesenden, was das bedeutet, zuerst alle starken Anstrengungen, um die Seele innerlich so lebendig zu machen, dass ihr eine neue Welt erscheint, und dann, nachdem sie alle möglichen Anstrengungen gemacht hat, imstande [zu] sein, diese Welt wieder auszulöschen. Bei der praktischen Erfahrung zeigt sich, dass es zu den Überwindungen der Seele gehört, weil man im gewöhnlichen Leben eben nie notwendig hat, das herbeizuführen, was eben beschrieben worden ist. Man kann diese Welt auslöschen, und durch Überwindung, durch fortwährende Überwindung vermag man sie auszulöschen, bis zu einem gewissen Rest – den kann man nicht auslöschen, der bleibt. Was ist dieser Rest? Man lernt ihn erst richtig kennen, wenn man [bis] zu diesem Punkte gekommen ist. Denn es tritt jetzt für den Geistesforscher, wenn er so alles getan hat bis zu dieser Epoche, da tritt etwas ein, was zu dem Erschütterndsten gehört, was die menschliche Seele überhaupt erleben kann. Die davon gewusst haben im Laufe der Menschheitsentwicklung, die haben ein Wort geprägt, das nur derjenige versteht, der herangekommen ist an diesen Punkt. Dieses Wort heißt: Bis an die Schwelle des Todes kommen – ich habe versucht, [es] in meiner Schrift «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» zu charakterisieren. Es kann in hundert- und tausendfacher Art für die Menschenseele eintreten, aber [stets] hat es ein gewisses typisches Gepräge. Es kann so sein, dass man sich in einem bestimmten Moment, nachdem man solche Übungen lange genug gemacht hat – und das «lange» bedeutet das Verschiedenste für die verschiedenen Menschen in diesem Leben oder später –, dass dann ein Moment [kommt, wo] man mitten im Schlafe aufwacht oder auch im Tagesleben mitten in der Beschäftigung, [und] man diesen Moment so erlebt: Man hat gewissermaßen alles dasjenige wie äußerlich neben sich, was man bisher als sein Selbst, als seine eigene Persönlichkeit, als sich, als Mensch angesprochen hat. Man fühlt sich, als wenn man im Schlafe wirklich herausgegangen wäre aus seinem Leib, und alles mitgegangen wäre, was die gewöhnlichen Erscheinungen des Tageslebens sind. [Man hat] seine Wesenheit neben sich wie eine andere Wesenheit, nicht Fühlen, [man hat] die Empfindung: Es ist in einem [etwas] durchgegangen wie ein Blitz, der eingeschlagen hat und der einem genommen hat das, was man bisher sein Selbst genannt hat, seine eigene Wesenheit. Man lernt jetzt, heranzutreten an die Schwelle des Todes – [noch] nicht an den Tod, weil man ihn zunächst im Bild erkennt. [Es steht da], was man vor sich hat, wenn man durch die Todespforte geschritten ist, was man alles abgeben muss, wenn man durch die Todespforte schreitet. Man lernt, was es heißt, bloß «du» zu dem zu sprechen, wozu man bis jetzt «ich» gesprochen.
[ 25 ] The proper training of the spiritual researcher must now lead him not only to overcome inner restlessness, but also—precisely when he has reached this point—to be able to conquer the now-intensified selfishness, that which conjures up an “objective” world for us. This is the most important point in his development. Everything he has done before must be overcome, [in the sense] described in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*. Alongside this, the spiritual researcher must have undergone such self-discipline that he not only knows: This world of images that appears on the horizon of his consciousness is nothing other than a reflection of his own soul; not only must he know this, but he must have trained his soul to such an extent that he is able to dispel and erase these images at any time. This requires great self-discipline, which in turn acts like a force of nature. For just consider, my esteemed audience, what this means: first, all the intense efforts to make the soul so alive within that a new world appears to it, and then, after having made every possible effort, being able to erase that world once more. Practical experience shows that this is one of the soul’s acts of self-mastery, because in ordinary life one simply never needs to bring about what has just been described. One can erase this world, and through self-mastery—through constant self-mastery—one is able to erase it down to a certain remnant—that cannot be erased; it remains. What is this remnant? One only truly comes to know it once one has reached this point. For the spiritual researcher, having done all this up to this stage, something now occurs that ranks among the most shattering experiences the human soul can possibly undergo. Those who have been aware of this in the course of human development have coined a term that only those who have reached this point can understand. This term is: “Reaching the threshold of death”—I have attempted to characterize it in my work *A Path to Self-Knowledge for Humanity*. It can occur in a hundred or a thousand different ways for the human soul, but it [always] has a certain characteristic quality. It may be that at a certain moment, after having practiced such exercises for long enough—and “long” means very different things for different people, whether in this life or later—a moment [arrives when] one wakes up in the middle of sleep or, even in daily life, in the midst of one’s activities, [and] one experiences this moment as follows: In a sense, one has everything—which one has hitherto referred to as one’s self, one’s own personality, oneself, as a human being—externally beside oneself. One feels as if one had truly stepped out of one’s body while asleep, and everything that constitutes the ordinary phenomena of daily life had gone along with one. [One has] one’s own being beside oneself like another being; it is not a feeling, [one has] the sensation: Something has passed through one like a bolt of lightning that has struck and taken away what one has hitherto called one’s self, one’s own being. One now learns to approach the threshold of death—not yet death itself, because one first recognizes it in an image. [There stands] what one faces when one has passed through the gate of death, everything one must relinquish when one passes through the gate of death. One learns what it means to speak merely “you” to that which one has until now addressed as “I.”
[ 26 ] Zugleich tritt jetzt etwas ein- und der Geistesforscher muss in der Lage sein, bis zu diesem Punkte zu kommen, sich zu beherrschen in diesem Momente –, was etwa so zu charakterisieren ist: Der Mensch hat das Gefühl: Alle Wahrnehmung, auf die du dich bisher gestützt hast, ist jetzt außer dir; du bist zwar jetzt bewusst in deiner Seele mit innerer Regsamkeit, aber neben dir ist nichts. – Man lebt jetzt wie über einem Abgrund stehend, alle Stützen sind jetzt entzogen, alles ist entschwunden, nur Abgrund und Leere. Das Gefühl, das da auftritt, ist verwandt, sehr, sehr verwandt mit dem der Furcht, aber einer Furcht, die in der Seele wiederum mit der Kraft einer Naturerscheinung auftritt, nicht mehr Eigenschaft der Seele, sondern wie Blitz und Donner, über die man keine Herrschaft hat. Deshalb erzieht man sich dahin, dass man, wenn diese Furcht auftritt, zugleich imstande ist, sie zu besiegen. Denn die Wege der Geistesforschung sind nicht bloß theoretische und praktische Lehren, sondern Lebenssieg, Lebensüberwindung. Und man besiegt, was als Furcht vor dem Leeren auftritt. Und dann wird man sich erst recht gewahr: Was einem als Rest geblieben ist und was man nicht auslöschen kann – das bist du eigentlich, das ist deine wahre Wesenheit. Das andere wird abgelegt. Aber das, was du jetzt erlebst, das ist in dir das, was du mitbringst, wenn du durch die Geburt oder, sagen wir, Empfängnis in die physische Welt [trittst], und was wieder hinaustritt, wenn du durch die Todespforte schreitest.
[ 26 ] At the same time, something now occurs—and the spiritual researcher must be able to reach this point, to maintain self-control in this moment—which can be characterized roughly as follows: The person has the feeling that all the perceptions on which you have relied up to now are now outside of you; you are indeed now conscious within your soul, with inner liveliness, but there is nothing beside you. — One now lives as if standing over an abyss; all supports have now been withdrawn, everything has vanished—only the abyss and emptiness remain. The feeling that arises here is akin—very, very akin—to that of fear, but a fear that arises in the soul with the force of a natural phenomenon; it is no longer a quality of the soul, but rather like lightning and thunder, over which one has no control. That is why one trains oneself so that, when this fear arises, one is at the same time able to overcome it. For the paths of spiritual research are not merely theoretical and practical teachings, but victory over life, overcoming life. And one overcomes what arises as fear of the void. And then one becomes all the more aware: what remains as a remnant and what cannot be eradicated—that is actually who you are; that is your true essence. The rest is cast aside. But what you are now experiencing is that which you bring with you when you [enter] the physical world through birth or, let us say, conception, and which departs again when you pass through the gate of death.
[ 27 ] Man lernt sich also innerlich erkennen, und damit ist zugleich etwas anderes verbunden. In dem Augenblick, wo man sich so selbst erfahren hat, wo alles zurückgeblieben ist, was bisher Wirklichkeit der Welt war, in diesem Augenblick tritt die wirkliche Welt auf, geistige Wesen und Tatsachen. Und gegenüber dieser Welt gibt es eine andere Gewissheit als gegenüber der ungesunden Seele – die Lebensgewissheit: Wirklichkeit der geistigen Tatsachen und Wesenheiten von Phantasien und bloßen Vorstellungen der ungesunden Seele zu unterscheiden, wie man auch in der physischen Welt Wirklichkeit von der bloßen Vorstellung unterscheiden kann. Schopenhauer hat zum Teil die Menschen [irrezuführen] versucht [in der Art, wie er] die Welt als Vorstellung [nahm], wenn auch [damit] etwas anderes von ihm gemeint ist. [...] Wenn man sich vorstellt, dass man ein 90 Grad Celsius [heißes] Eisenstück [...] sich an das Gesicht legt, [so] brennt das [nur vorgestellte Stück Eisen] nicht, [wohl aber würde ein wirkliches heißes Eisenstück uns brennen]. Keinen anderen Beweis für die Wirklichkeit gibt es als den Beweis durch das Leben; und dieser Beweis gilt. Gegen den Kant’schen Satz, dass zehn mögliche Taler nicht mehr enthalten als zehn wirkliche Taler, kann man nichts beweisen. Aber es ist doch ein beträchtlicher Unterschied: Mit zehn möglichen Talern kann man schwerlich Schulden bezahlen, mit wirklichen Talern kann man es. Als das gesagt worden ist, in einem Vortrag, ist ein Einwand gemacht worden: Ja, aber wenn das Leben der einzige Beweis für die geistige Welt ist, dann muss man sich ja erinnern, dass manche Menschen eine solche Kraft der Selbstsucht haben, dass [Lücke in der Mitschrift]. Dass jemand Limonadegeschmack auf der Zunge haben kann, wenn er nur daran denkt und [sie] nicht durch seine Kehle hinunterfließen lässt, das kann sein, das ist nicht zu leugnen. Aber der «Beweis durch das Leben» ist nicht zu Ende geführt: Man kann Limonadegeschmack haben, aber damit nicht den Durst löschen. Man muss nur immer mit dem Lebensbeweis zu Ende gehen. Und so, wie es nur den Lebensbeweis gibt, dafür, dass etwas Wirklichkeit ist, wie aber dieser Lebensbeweis genügt, so ist es auch gegenüber den Tatsachen und Wesenheiten der übersinnlichen Welt, in die der Geistesforscher eintritt. Er tritt da in der Tat in eine Welt ein, die ihm geistige Wesenheiten zeigt, die geistig so neben ihm stehen, wie er dann geistig neben diesen Wesenheiten steht, Wesenheiten, die nicht körperlich sichtbar in der sinnlichen Welt versinnlicht sind, sondern, wie er, in einem Zustand, den er durchmacht, wenn er durch die Todespforte gegangen ist.
[ 27 ] One thus comes to know oneself inwardly, and this is connected to something else as well. At the very moment when one has experienced oneself in this way—when everything that had hitherto been the reality of the world has been left behind—at that very moment the real world appears: spiritual beings and realities. And in relation to this world, there is a different kind of certainty than there is in relation to the unhealthy soul—the certainty of life: the ability to distinguish the reality of spiritual facts and entities from the fantasies and mere imaginings of the unhealthy soul, just as one can distinguish reality from mere imagination in the physical world. Schopenhauer attempted, to some extent, to [mislead] people [in the way he] conceived of the world as a representation, even if [by this] he meant something else. [...] If one imagines placing a piece of iron [heated] to 90 degrees Celsius [...] against one’s face, [then] that [merely imagined piece of iron] does not burn, [whereas a real hot piece of iron would indeed burn us]. There is no other proof of reality than the proof provided by life; and this proof holds true. Nothing can be proven against Kant’s proposition that ten possible talers contain no more than ten real talers. But there is, after all, a considerable difference: one can hardly pay off debts with ten possible talers, whereas one can do so with real talers. When this was said during a lecture, an objection was raised: Yes, but if life is the only proof of the spiritual world, then one must remember that some people possess such a power of selfishness that [gap in the transcript]. That someone can have the taste of lemonade on their tongue simply by thinking about it—without letting it flow down their throat—is possible; that cannot be denied. But the “proof through life” is not fully realized: One can have the taste of lemonade, but it does not quench one’s thirst. One must always follow the proof of life through to its conclusion. And just as there is only the proof of life to demonstrate that something is real—and just as this proof of life is sufficient—so it is also the case with regard to the facts and entities of the supersensible world into which the spiritual researcher enters. There, in fact, he enters a world that reveals to him spiritual beings who stand spiritually beside him, just as he then stands spiritually beside these beings—beings who are not physically visible in the sensory world but, like him, exist in a state he experiences once he has passed through the gate of death.
[ 28 ] Ich habe Ihnen gezeigt, wie das Wesen des Menschen so beschaffen ist, dass es durch die gewöhnliche Selbstbeobachtung nicht erkannt werden kann, sondern dadurch, dass er sich erst in die innere Regsamkeit versetzt, und dann in sich selber gewahr wird, nachdem er zu neuer Wesenheit gleichsam erwacht: Diese neue Wesenheit ist dieselbe, die durch die Geburt und durchs Dasein schreitet und durch den Tod wieder hinausschreitet. Dieses Leben ist nur eine Schule und Arbeit. Diese Seele ist eine Summe von Kräften, die wir auch sonst, aber nur äußerlich, im Menschen arbeiten sehen. Wenn der Mensch durch die Geburt ins Dasein schreitet, [so sind] die Gesichtszüge solch eines in das Menschenleben hereinschreitenden Menschenwesens [noch] unbestimmt, [sie] werden immer bestimmter, wie Seelenkraft auf Seelenkraft sich an die Oberfläche arbeitet aus jenem inneren Wesenskern heraus, dem wir nun immer näher kommen: dem, was nun der Geistesforscher sehen muss, wenn die Seele dahin gekommen, die Seele in ihrer wahren Wesenheit erkannt zu haben. Denn der Geistesforscher erkennt, dass mit dem, was Vater und Mutter gegeben, sich verbindet der geistig-seelische Wesenskern, der aus der geistigen Welt [kommt], sich verbindet mit dem, was von Vater und Mutter kommt. Gerade in den ersten Jahren arbeitet [dieses Geistig-Seelische] am meisten, die Leiblichkeit plastisch auszugestalten. Das, was der Geistesforscher erkennen lernt, was durch die Geburt ins Dasein tritt, [ist das], was wir an dieser Stelle arbeiten sehen; aber wenn er durch die geschilderten Vorgänge das erkennen lernt, was er eigentlich in sich hat, dann lernt er in sich das kennen, was zwischen Schlaf und Wachen von außen hereinarbeitet, was die verbrauchten Kräfte ersetzt: seelische Kräfte; er lernt kennen den geistigseelischen Kern des Menschen. Dadurch ist der Geistesforscher in einer ähnlichen Lage wie der Naturforscher vor nicht langer Zeit, im siebzehnten Jahrhundert. [Im] Flussschlamm, [so dachte man damals noch, entstehen] durch innere Regsamkeit des Flussschlamms selber niedere Tiere, selbst wärmere und Fische; [es war Francesco] Redi, [welcher bewies: Man hatte] ungenau beobachtet; die genaue Beobachtung ergibt, dass [diese] entstanden, weil im Flussschlamm ein Keim [vorhanden war]. Lebendiges [entsteht] nur aus Lebendigem; [dies wurde] zuerst im siebzehnten Jahrhundert überhaupt erst wissenschaftlich ausgesprochen. Dazumal [erhob sich] solcher Widerspruch, [da dies im] Gegensatz [zur damaligen Lehrmeinung stand], [dass Redi] nur mit knapper Not dem Schicksal des Giordano Bruno entgangen [ist. Die] heutige Mode [ist] anders geworden, toleranter nicht, wehleidiger – Verbrennen ist heute nicht mehr Sitte, dazumal verbrannte man die Leute – aber in gewissem inneren Sinne ist die Sache gleich geblieben. Damals [gab es] den allergrößten Widerspruch, heute kommt der Geistesforscher und zeigt: [Es ist] Irrtum, wenn ihr glaubt, dass die Eigenschaften und Kräfte der Seele nur aus der Vererbungslinie kommen, von Vater und Mutter, von Großvater und Großmutter und so weiter; da begeht ihr eine ebenso ungenaue Beobachtung wie die, dass niedere Tiere aus Flussschlamm [entstehen]. Vielmehr müsst ihr erkennen, dass ein geistig-seelischer Wesenskern von früher her vorhanden sein muss, der die physischen Eigenschaften ergreift wie [die] Keime im Flussschlamm. Geistig-Seelisches [stammt] nur von Geistig-Seelischem.
[ 28 ] I have shown you how the nature of the human being is such that it cannot be recognized through ordinary self-observation, but only by first immersing oneself in inner activity and then becoming aware of oneself after, as it were, awakening to a new state of being: This new essence is the very same that passes through birth and existence and passes out again through death. This life is nothing but a school and a labor. This soul is a sum of forces that we also see at work in human beings in other ways, but only externally. When a human being steps into existence through birth, the facial features of such a human being entering human life are still undefined; they become increasingly defined as one soul force after another works its way to the surface from that inner core of being, to which we are now drawing ever closer: that which the spiritual researcher must now perceive once the soul has reached the point of recognizing itself in its true essence. For the spiritual researcher recognizes that what the father and mother have given unites with the spiritual-soul core—which comes from the spiritual world—and unites with what comes from the father and mother. Especially in the early years, [this spiritual-soul aspect] works most intensely to shape the physical body. What the spiritual researcher learns to recognize—that which enters into existence through birth—[is] what we see at work here; but when, through the processes described, he learns to recognize what he actually possesses within himself, then he comes to know within himself that which works in from the outside between sleep and wakefulness, that which replenishes the expended forces: soul forces; he comes to know the spiritual-soul core of the human being. As a result, the spiritual researcher finds himself in a situation similar to that of the natural scientist not so long ago, in the seventeenth century. [In] river mud, [it was still thought at that time,] lower animals—even warm-blooded ones and fish—arise through the internal activity of the river mud itself; [it was Francesco] Redi [who proved that people had] observed inaccurately; precise observation reveals that [these] arose because a germ [was present] in the river mud. Life [arises] only from life; [this was] first scientifically articulated in the seventeenth century. At that time, such opposition [arose], [since this stood] in contrast [to the prevailing doctrine of the time], [that Redi] only narrowly escaped the fate of Giordano Bruno [is]. Today’s fashion [has] changed; it is not more tolerant, but more self-pitying—burning people is no longer the custom today, whereas back then people were burned—but in a certain inner sense, the matter has remained the same. Back then [there was] the greatest possible opposition; today the spiritual researcher comes along and shows: [It is] a mistake to believe that the qualities and powers of the soul come solely from the hereditary line—from father and mother, from grandfather and grandmother, and so on; in doing so, you are making an observation just as inaccurate as the notion that lower animals arise from river mud [arise]. Rather, you must recognize that a spiritual-soul core must have existed from earlier times, which takes hold of the physical characteristics just as [the] germs do in river mud. The spiritual-soul [originates] only from the spiritual-soul.
[ 29 ] Und wenn man dann näher auf das Wesen des Menschen eingeht, dann kommt man zu dem Satz – wenn ich öfter die Ehre haben sollte, vor Ihnen zu sprechen, da kann es ja noch ausgeführt werden —, dann kommt man dazu, diesen geistig-seelischen Wesenskern so zu erkennen, dass er sich ergibt als die Wiederholung früherer Erdenleben. Wie der Keim auch im äußeren physischen Leib das Gattungswesen wiederholt, so ist der Wesenskern das Ideelle, und das gegenwärtige Leben ist so an das Leben gebunden, dass wir mit Hilfe der Geistesforschung erkennen: Das, was durch die Geburt ins Dasein tritt, haben wir durch eine Reihe früherer Erdenleben [errungen]. Wir nehmen es durch die Todespforte mit, durchleben dann ein rein geistiges Leben mit den Kräften, die wir uns angeeignet haben, die nicht ins Nichts verschwinden, zimmern damit ein neues Leben, und nun immer wieder. Das ist nur die Konsequenz des Satzes, dass Geistig-Seelisches nur von Geistig-Seelischem kommt – nicht von einem anderen Menschen, sondern nur von einem selber, weil es ideell ist; das heißt, von seinen früheren Erdenleben her werden. Wie [damals bei] Redi, so [wird auch] heute wieder gegen den Satz von den wiederholten Erdenleben [angekämpft]. [Es ist] immer so: Erst [erscheint es] absurd, lächerlich; nach einiger Zeit selbstverständlich. Und wie von Haeckel bis Du Bois-Reymond zugegeben wird, dass Lebendiges nur von Lebendigem [kommt], so [wird es] später [zugegeben werden, dass] Geistig-Seelisches nur von Geistig-Seelischem [stammt]; weil [es] an die Individualität, nicht an die Gattung gebunden [ist]. Die wirkliche Erforschung ergibt sich dann natürlich nur aus der wirklichen Geistesforschung. Dann aber haben wir vor uns die Lösung des Schicksalsrätsels. Das Schicksalsrätsel, [worin besteht es]? Wir werden hereingestellt mit diesen oder jenen Kräften, die wir in früheren Erdenleben ausgearbeitet; [wir erleiden] Schicksalsschläge, wozu wir uns verurteilt haben in früheren Leben, [so], dass wir angezogen worden sind von denjenigen Ereignissen, die gerade dem entsprechen, was wir uns in früheren Leben geschaffen haben. Und wenn das grausam gefunden wird, wenn dann gesagt wird: Dann [ist] nicht nur das Schicksal [zu ertragen], sondern [man soll] es sogar selbst verdient haben; — da muss entgegnet werden, dass [man es] nur im richtigen Licht sehen [muss], dann erscheint es zugleich als etwas anderes. [Nehmen wir einen] Vergleich: [Einem] achtzehn Jahre jungen Mann, [der lebt] von dem Geld seines Vaters in Hülle und Fülle, [begegnet das Unglück, dass das Vermögen des Hauses verloren wird. Er muss arbeiten und wird allmählich ein tüchtiger Mensch. ... Im fünfzigsten Jahre sagt er sich:] Für meinen Vater war es vielleicht ein schmerzliches Schicksal, für mich aber eine Bedingung meiner jetzigen Vollkommenheit; sonst wäre ich nicht der Mensch geworden, der ich jetzt bin, und nicht auf dem Standpunkt, der das Schicksal ungerecht beurteilen lässt. – Im früheren Leben [veranlagt man sich selbst zu] Unvollkommenheiten, die man nur ausgleichen kann durch [die] Überwindung dieses Schicksals. Dann wird [man] stark in seiner Seele, dann findet das Schicksal nicht nur sein Erklärliches, sondern sein großes Versöhnliches, denn dadurch [sehen wir], [wie] die Menschheit in forteilender Entwicklung von Leben zu Leben [geht], und [wie] das Schicksal zusammengesetzt [ist] von Ursache und Wirkung.
[ 29 ] And when one then delves more deeply into the nature of the human being, one arrives at the conclusion—if I should have the honor of speaking before you more often, this can certainly be elaborated upon—that one comes to recognize this spiritual-soul core in such a way that it reveals itself as the repetition of earlier earthly lives. Just as the germ repeats the species-essence even in the outer physical body, so the core of our being is the ideal, and the present life is so bound to past lives that, with the help of spiritual research, we come to recognize: what comes into being through birth we have [achieved] through a series of earlier earthly lives. We take it with us through the gate of death, then live a purely spiritual life with the powers we have acquired—powers that do not vanish into nothingness—and use them to fashion a new life, and so on, time and again. This is simply the consequence of the principle that the spiritual-soul aspect comes only from the spiritual-soul aspect—not from another human being, but only from oneself, because it is ideal; that is, it arises from one’s previous earthly lives. Just as [back then with] Redi, so [too] today there is opposition to the doctrine of repeated earthly lives. [It is] always the case: at first [it seems] absurd, ridiculous; after some time, self-evident. And just as it is acknowledged from Haeckel to Du Bois-Reymond that the living arises only from the living, so it will later be acknowledged that the spiritual-soul aspect originates only from the spiritual-soul aspect; because it is bound to the individual, not to the species. True research, then, naturally arises only from genuine spiritual research. But then we will have before us the solution to the riddle of fate. The mystery of fate—[what does it consist of]? We are endowed with certain forces that we have developed in previous earthly lives; [we suffer] blows of fate to which we have condemned ourselves in previous lives, [in such a way] that we have been drawn to those events that correspond precisely to what we have created for ourselves in previous lives. And if this is found cruel, if it is then said: Then [one must] not only [endure] fate, but [one is said to] have even deserved it oneself—then it must be countered that [one must] only see it in the right light; then it appears at the same time as something else. [Let’s take a] comparison: [An] eighteen-year-old man, [who lives] in abundance on his father’s money, [is struck by the misfortune that the family fortune is lost. He must work and gradually becomes a capable person. ... At the age of fifty, he says to himself:] For my father, it may have been a painful fate, but for me it was a condition of my present perfection; otherwise, I would not have become the person I am now, nor would I be in a position to judge fate as unjust. – In a previous life, [one predisposes oneself to] imperfections that can only be compensated for by [overcoming] this fate. Then [one] becomes strong in spirit; then fate finds not only its rational explanation but also its great redemptive aspect, for through this [we see] [how] humanity [progresses] in a continuous development from life to life, and [how] fate [is] composed of cause and effect.
[ 30 ] Heute [stellt man] oft die Frage: Hat die Erde einmal einen Anfang genommen? Ein anderes finden wir. Die Schicksalsfrage wird einmal wirklich für den Menschen gelöst, wenn wiederholte Erdenleben erkannt werden innerhalb der Schicksalsströmung des Menschen. Und das, was wir die Ewigkeit nennen, das unsterbliche Sein, [erleben wir dadurch], dass wir uns ganz hineingestellt finden in die übersinnliche Weltenbetrachtung.
[ 30 ] Today, people often ask: Did the Earth ever have a beginning? We find another answer. The question of destiny will truly be resolved for human beings when repeated earthly lives are recognized within the flow of human destiny. And what we call eternity, immortal existence, [we experience] by placing ourselves entirely within the supersensible view of the world.
[ 31 ] [Nehmen wir wieder einen Vergleich: Wie wir die] Pflanze [betrachten können, die sich] von Blatt zu Blatt [entwickelt], [zur] Blüte, dann [zum] Keim, in dem die Lebenskräfte so konzentriert sind, dass sie schon die Gewähr enthalten für das Entstehen einer Pflanze im nächsten Jahr, so betrachten wir [auch] einen Menschen, der immer Kräfte erwirbt [und] diesen Lebenskeim in sich durch die Todespforte trägt, indem er ihn in sich trägt, so wahr wie die Pflanze den Lebenskeim in sich trägt. Dadurch [entsteht] die Gewähr, dass er ein Leben aufbaut, wie der Keim [der Pflanze] wieder Leben aufbaut. [Man kann eigentlich] nicht im Allgemeinen von Unsterblichkeit reden, sondern [diese ist] zusammengesetzt aus einzelnen Leben, [die die] Keime des folgenden Lebens [in sich tragen]. Ebenso [folgt] Leben auf Leben, wie Pflanze auf Pflanze. Gewiss, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man mit den Lebens- und Denkgewohnheiten der heutigen Zeit an diese Dinge herantritt, so ist die Gegnerschaft begreiflich, und [ebenso], dass viele das für phantastisch und träumerisch erklären. Aber es ist hier wie bei allen großen Wahrheiten. Schopenhauer [sagt über] die arme Wahrheit:
[ 31 ] [Let’s take another comparison: Just as we can] observe the plant [as it] develops [from leaf to leaf], [to] a flower, then [to] a seed, in which the life forces are so concentrated that they already contain the guarantee for the emergence of a plant the following year—so let us [also] consider a human being who is constantly acquiring strength [and] carries this seed of life within himself through the gate of death, by carrying it within himself, just as truly as the plant carries the seed of life within itself. This [provides] the assurance that he builds a life, just as the seed [of the plant] builds life anew. [One cannot really] speak of immortality in general terms, but [it is] composed of individual lives, [which carry] the seeds of the next life [within them]. Likewise, [one] life follows another, just as one plant follows another. Certainly, my esteemed audience, if one approaches these matters with the habits of life and thought of our time, the opposition is understandable, as is the fact that many dismiss this as fanciful and dreamlike. But it is the same here as with all great truths. Schopenhauer [says of] the poor truth:
In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, dass sie paradox war; und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, dass das Individuum darüber hinstirbt.
Throughout the centuries, poor Truth has had to blush at the fact that she was paradoxical; and yet it is not her fault. It cannot take on the form of universal error enthroned. So it looks up with a sigh to its patron god, Time, who beckons victory and glory, but whose wingbeats are so vast and slow that the individual dies before they arrive.
[ 32 ] So ist es. Gar mancher aber sollte sich sagen – [ich kann das] heute nur skizzenhaft [ausführen] —, wer die Literatur der Geistesforschung kennenlernen wird, wer auf sie eingeht, der könnte sich dann sagen, dass nicht der geringste Widerspruch mit der Naturwissenschaft besteht. Das glauben nur diejenigen, die in naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten die Wahrheit sehen. Wer sagt, Vererbung sei eine naturwissenschaftliche Tatsache; das widerspreche einfach dem, was frühere Erdenleben sagen, [der übersieht]: Die Dinge widersprechen einander gar nicht. [Nehmen wir ein Beispiel]. Wenn da ein Mensch vor uns steht, da ein zweiter Mensch: [Der eine] lebt, weil außen Luft und innen Lunge [ist]. Nein, [könnte man sagen, das trifft nicht zu, denn der andere lebt, weil er sich] erhängt hat, [jedoch rechtzeitig] abgeschnitten [und gerettet wurde]. Ist das eine wahr und das andere falsch, oder sind die beiden Dinge wahr? So ist es mit den Dingen: Wahr ist, was Vererbung [ist], und ebenso wahr wie diese [eben angeführte] naturwissenschaftliche Tatsache, dass wir leben, weil außen Luft und innen eine Lunge [ist], aber ebenso ist wahr, dass diese Vererbungstatsachen da sind, weil diese Gründe, [warum der Mensch in diesen Vererbungsstrom sich verkörpert], in früheren Erdenleben liegen.
[ 32 ] That is true. But many people should realize—[I can only outline this] briefly today—that anyone who becomes acquainted with the literature of spiritual science, anyone who delves into it, might then conclude that there is not the slightest contradiction with natural science. Only those who see the truth in the habits of scientific thinking believe that. Anyone who says that heredity is a scientific fact—and that this simply contradicts what past earthly lives reveal—[overlooks] that these things do not contradict one another at all. [Let’s take an example]. If there is one person standing before us, and a second person: [One] lives because there is air outside and lungs inside. No, [one might say, that is not true, for the other lives because he] hanged himself, [but was cut loose in time] and saved. Is one of these true and the other false, or are both true? That is how things are: What is true is heredity, and just as true as this [previously mentioned] scientific fact—that we live because there is air outside and lungs inside—but it is equally true that these hereditary facts exist because the reasons [why a human being incarnates into this stream of heredity] lie in earlier earthly lives.
[ 33 ] Wer sich auf die Geisteswissenschaft einlässt, der wird sehen, dass diese Geisteswissenschaft selber die Einwände sehr genau kennt, und manche sie nur machen, weil sie diese Einwände noch nicht kennen. Wenn aber die Geisteswissenschaft nach und nach bekannt wird, nicht nur als Theorie, als abstrakte Geisteswissenschaft, sondern wie ein Lebenselixier in die Seele des Menschen sich ergießen kann, [dann wird dies alles klar werden], und [man darf] nicht glauben, dass einer ein Geistesforscher sein muss, um sie einzusehen; erforschen kann man diese Dinge nur, wenn man ein Geistesforscher ist, aber wenn sie in Begriffe heruntergebracht sind für den physischen Verstand, so kann jeder den Geistesforscher heute verstehen, wie das [auch] in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargestellt ist. Aber es ist mit diesen Dingen so wie mit dem, was unter der Erde entsteht, und dem, was auf der Erde von der Sonne beschienen ist. [Wenn] ein Bergwerk aufgegraben [und dann] von der Sonne bestrahlt, beschienen [wird], dann [ist das] so, wie es ist mit den Errungenschaften der Geisteswissenschaft. [Man muss] ein Geistesforscher sein, um aufzusteigen in die geistigen Welten, [um] die Wesenheiten [zu] erkennen, die dort leben, [um zu] sehen, was dort vor sich geht. Wenn [sie] aber erforscht [sind], dann [kann man sie so] beleuchten, wie die Sonne [das], was durch sie entstehen kann [die Schätze des Bergwerks], dann erkennt man es durch Einwirkung des Sonnenlichtes, sieht es erst in seinen Einzelnuancen, [kann] es in die Empfindungen und Gefühle des physischen Verstandes aufnehmen. Sei es der Geistesforscher, oder [derjenige], der sie nur begreift – wenn [die geistigen Erkenntnisse] aufgenommen [sind], dann bedeuten sie ein Lebenselixier, denn dann wissen wir nicht nur von Unsterblichkeit, sondern werden aufmerksam auf das durch den Tod durchgehende Seelenleben in uns; das [Seelenleben] erstarkt [in der gleichen Weise], wie die Pflanze fühlen müsste, wenn der Keim heranwächst [und sie] wüsste: Im nächsten Sommer [wird sie] in gleicher Gestalt wieder erscheinen. Unsichtbare Lebendigkeit, Lebenssicherheit [geht aus von demjenigen], was durch Geisteswissenschaft erworben wird. Dadurch [gibt sie dem Menschen] den Halt, dass ihm die Frage nicht bloß theoretisch, sondern praktisch, als Lebenskraft, Lebenssicherheit beantwortet wird, sodass er dasjenige hat, was er im Leben braucht: Sicherheit und Kraft für die Arbeit, Hoffnung, Zuversicht für seinen Lebenskern, den keine äußere Kraft zerbrechen kann. Fichte [sagt]:
[ 33 ] Anyone who engages with spiritual science will see that spiritual science itself is very well aware of these objections, and that some people raise them only because they are not yet familiar with them. But as spiritual science gradually becomes known—not merely as a theory or an abstract discipline, but as something that can flow into the human soul like an elixir of life—[then all this will become clear], and [one should] not assume that one must be a spiritual researcher to understand it; one can only investigate these things if one is a spiritual researcher, but once they have been distilled into concepts accessible to the physical mind, anyone can understand the spiritual researcher today, as is [also] described in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. But these things are like what arises beneath the earth and what is illuminated by the sun on the earth’s surface. [When] a mine is excavated [and then] bathed in sunlight, [it is] just as it is with the achievements of spiritual science. [One must] be a spiritual researcher to ascend into the spiritual worlds, [to] recognize the beings [who] live there, [to] see what is happening there. But once [they] have been explored, then [one can illuminate them] just as the sun illuminates [what] can arise through them—the treasures of the mine—and then, through the influence of sunlight, one recognizes them, sees them for the first time in all their subtle nuances, and [can] take them in through the perceptions and feelings of the physical mind. Whether it is the spiritual researcher or [the one] who merely comprehends them—once [the spiritual insights] are absorbed, they become an elixir of life, for then we not only know of immortality but also become aware of the life of the soul within us that continues through death; that [life of the soul] is strengthened [in the same way] that a plant must feel when the seedling grows [and it] knows: Next summer [it] will reappear in the same form. Invisible vitality and certainty of life [emanate from] what is gained through spiritual science. Through this, [it gives a person] the grounding that the question is answered not merely theoretically, but practically—as a life force and assurance of life—so that he possesses what he needs in life: security and strength for his work, hope, and confidence in the core of his being, which no external force can shatter. Fichte [says]:
Ich hebe mein Haupt kühn empor zu dem drohenden Felsengebirge, und zu dem tobenden Wassersturz, und zu den krachenden, in einem Feuermeer schwimmenden Wolken, und sage: Ich bin ewig und trotze eurer Macht. Brecht alle herab auf mich, und du Erde, und du Himmel, vermischt euch im wilden Tumulte, und ihr Elemente alle – schäumet und tobet und zerreibet im wilden Kampfe das letzte Sonnenstäubchen des Körpers, den ich mein nenne; – mein Wille allein mit seinem festen Plane soll kühn und kalt über den Trümmern des Weltalls schweben; denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist dauernder als ihr; sie ist ewig, und ich bin ewig, wie sie.
I boldly lift my head toward the looming mountain range, toward the raging waterfall, and toward the crashing clouds swimming in a sea of fire, and say: I am eternal and defy your power. Let it all come crashing down upon me—you, Earth, and you, Heaven—mix together in wild turmoil, and all you elements—foam and rage and grind to dust in savage battle the last speck of solar dust that is the body I call my own; – my will alone, with its steadfast plan, shall hover boldly and coldly above the ruins of the universe; for I have seized my destiny, and it is more enduring than you; it is eternal, and I am eternal, like it.
[ 34 ] So sagt [sich auch] die Seele, wenn sie Geisteswissenschaft aufgenommen hat, [wenn sie] aus ihr den inneren Halt [gewonnen] hat. Und den wird sie immer brauchen, aber dann auch haben. [Die] Wahrheit [dringt durch] dünne Ritzen und Sprünge, [sie] findet sie auch. So [ist es auch mit der] Geisteswissenschaft. Und wer sie dann hat, ergriffen hat in ihrer Substanz, der weiß von ihrem sicheren Dasein so, dass er durch [sie in] einer Lebensgewissheit sein kann; und [er] steht dann gegenüber den Gegnern, die die Unsterblichkeit der Seele und so weiter leugnen, wie der Goethe’sche Ausspruch gegenüber gegnerischen Ansichten, die er, [Goethe], für unsinnig hielt, gegenüber den philosophischen Anschauungen – es gibt nämlich die philosophische Anschauung, schon im alten Griechenland, [dass es] keine Bewegung [gebe], [da der abgeschossene] Pfeil [sich jeden Moment seines Fluges] immer an einem Orte, also immer in Ruhe [befinde]; [daher gebe es] eigentlich keine Bewegung, weil [er] immer an einem Ort [sei]. Man kann das streng verstandesgemäß beweisen. Aber Goethe setzte [die] Lebensgewissheit dem Verstandesbeweis gegenüber. Das drückte er [so] aus, nicht etwa besonders tief, aber sicher:
[ 34 ] This is what the soul [also] says when it has embraced spiritual science, [when it] has [gained] inner stability from it. And it will always need that stability, but then it will also have it. [The] truth [penetrates] through thin cracks and fissures; [it] finds its way through them. So [it is also with] spiritual science. And whoever has it—who has grasped its essence—knows of its certain existence in such a way that he can live with a sense of certainty in life; and [he] then stands before opponents who deny the immortality of the soul and so on, just as Goethe’s saying stands against opposing views that he [Goethe] considered nonsensical, against philosophical views—for there is, in fact, the philosophical view, dating back to ancient Greece, [that there is] no movement, [since the shot] arrow [at every moment of its flight] is always in one place, that is, always at rest; [therefore] there is actually no motion, because [it] is always in one place. This can be proven strictly by reason. But Goethe set [the] certainty of life against rational proof. He expressed this [as follows], not particularly profoundly, but certainly:
Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas’ herum.
You may spot something hostile,
Stay calm, stay silent;
And if they deny you the freedom to move,
Go right under their noses.
[ 35 ] Goethe meinte, damit den Beweis geliefert zu haben; ein Lebensbeweis ist es. Der Geisteswissenschaftler kann, ohne im Allergeringsten verletzend zu sein, ein Wort sagen, in das wir zusammenfassen mögen die Betrachtungen des heutigen Abends – nicht theoretisch, sondern empfindungsgemäß – als eine Sicherheit gegenüber dem, was sie leugnen. Wer innerlich ergriffen ist von dem, was die Geisteswissenschaft zu geben vermag, dem kann man sagen:
[ 35 ] Goethe believed he had thereby provided the proof; it is a proof of life. The spiritual scientist can, without being in the least offensive, say a word in which we might summarize this evening’s reflections—not theoretically, but intuitively—as a certainty in the face of what they deny. To those who are inwardly moved by what spiritual science has to offer, one can say:
Es mag sich Feindliches ereignen,
Du aber bleibe ruhig, bleib heiter,
Und wenn sie dir den Geist ableugnen,
So grüble du nicht weiter,
Ja, gib ihnen am Ende darin gar noch recht:
Es steht mit ihrem Geist vielleicht gar schlecht.
Hostile things may happen,
But you, remain calm, stay cheerful,
And if they deny you your sanity,
Don’t dwell on it any further,
Indeed, in the end, you might even agree with them:
Perhaps their own sanity is in a sorry state.
