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Death and Immortality
in the Light of Spiritual Science
GA 69d

29 March 1914, Munich

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Death and Immortality in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
  1. Tod und Unsterblichkeit im Lichte der Geisteswissenschaft

18. Der Ursprung des Bösen und des Übels im Lichte der Geisteswissenschaft

18. The Origin of Evil and Wickedness in the Light of Spiritual Science

[ 1 ] Zu den Welträtseln, die sich dem Menschen nicht nur von rein wissenschaftlicher Seite aufdrängen, sondern vom Leben immer wieder gestellt werden, gehört dasjenige vom Quell des Bösen und der Übel in der Welt. Es sei mir nun gestattet, hierzu heute Abend vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus über diese spezielle Rätselstellung des menschlichen Lebens zu sprechen, und zwar derjenigen Geisteswissenschaft, deren Grundlagen ich schon seit vielen Jahren vor dieser Zuhörerschaft auseinandergesetzt habe.

[ 1 ] Among the mysteries of the world that confront humanity not only from a purely scientific perspective but are also repeatedly posed by life itself is the mystery of the source of evil and suffering in the world. Allow me, then, to speak this evening about this particular enigma of human life from the perspective of spiritual science—specifically, the spiritual science whose foundations I have been expounding to this audience for many years.

[ 2 ] Vor dem eigentlichen Eingehen auf die betreffenden Fragen möchte ich kurz einleitend darauf hinweisen, wie die Frage des Bösen und die der Übel in der Welt durch alle Jahrhunderte hindurch den forschenden Menschen beschäftigt haben, und an dieser unablässigen Beschäftigung dürfte sich schon zeigen, wie tief von der menschlichen Seele das Böse und die Übel empfunden werden. Nur kurz sei darauf hingedeutet, dass die philosophischen Denker von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, nach denen sie das Böse und die Übel in das Leben hineinragen sahen, es versuchten, deren Rätsel zu lösen, aber trotzdem nicht völlig damit zurechtkamen. Lassen Sie uns zurückgehen bis zu jener Philosophie des dritten Jahrhunderts vor Christus, die als Stoizismus bekannt ist und versuchte, aus dem griechischen Gedankenleben heraus Richtlinien für die Prinzipien des Weltalls und des Verhaltens des Menschen zu gewinnen. Da trat bei den Stoikern die andere Frage auf: Wie kommt man mit dem Menschenleben zurecht, wenn man im Leben den Stachel des Bösen in sich fühlt und die sonst so weisheitsvolle Weltenlenkung von den Übeln des Daseins durchsetzt sieht? Will man die Art zu charakterisieren versuchen, wie der Stoizismus mit dem Bösen in der menschlichen Natur zurechtzukommen meinte, so muss man den Blick hinlenken auf die aus den Grundlagen der Welt entspringenden Bewusstseinszustände. Wenn der Stoiker die Kräfte seines Bewusstseins entfaltete, von denen er annahm, dass sie mit der Welt in Übereinstimmung seien, so meinte er, müsse sich nur Gutes entwickeln; aber das Böse trat doch auch auf; dann sagte er: Es ist beim Hineingelangen des Bösen in die menschliche Seelennatur ein Dämmerzustand der Seele, eine Art geistiger Ohnmacht vorhanden. Und der Stoiker fragte sich dann: Wodurch kann das normale Bewusstsein unserer Seele hinuntergedämmert, sozusagen ohnmächtig werden? Dadurch, dass der Mensch eine komplizierte Wesenheit ist und, wenn er auch mit seinem Bewusstsein in einer dieser normalen Sphären lebt, dann zuweilen in niedere Sphären hinuntertaucht, ähnlich etwa wie beim Untertauchen in den Schlafzustand, und durchtränkt wird von dem, was normal nicht in ihm ist und sein soll. Der Stoiker denkt also den Menschen angehörig mehreren Welten; folgt er dem Guten, so ist er in seiner eigenen Sphäre, verfällt er dem Bösen, so ist er unter derselben. In der sichtbaren Welt gibt es Niedrigeres, als der Mensch ist, in den Tieren, Pflanzen und Mineralien, eine Stufenfolge der Naturreiche. Dasjenige nun, wohinein der Mensch beim Bösen untertaucht, muss da sein als Disharmonie der Natur. – Hierbei kann aber gesagt werden: Es zeigt dieser Lösungsversuch das Ungenügende einer jeden solchen Art, diese Rätsel zu betrachten; denn es bleibt dabei die Frage unbeantwortet, wenn der Mensch nun bei abgedämpftem Bewusstsein unter seine normale Sphäre untertaucht und dabei das Böse zur Geltung kommt; welche Bedeutung hat es im menschlichen Leben, dass er dahin untertaucht, was bringt er von dort überhaupt mit? Das philosophische Denken erwies sich – und erweist sich noch – als ohnmächtig, von dieser Seite her an das Problem des Bösen heranzukommen.

[ 2 ] Before addressing the questions at hand, I would like to begin by briefly pointing out how the question of evil and the evils in the world have occupied inquiring minds throughout the centuries, and this unceasing preoccupation alone should demonstrate how deeply evil and evils are felt by the human soul. Let me just briefly note that philosophical thinkers, approaching the issue from a wide variety of perspectives through which they saw evil and misfortunes permeating life, attempted to solve their mysteries but were nevertheless unable to fully come to terms with them. Let us go back to the philosophy of the third century B.C., known as Stoicism, which sought to derive guidelines for the principles of the universe and human conduct from Greek thought. This is where another question arose for the Stoics: How does one cope with human life when one feels the sting of evil within oneself and sees the otherwise wise governance of the world permeated by the evils of existence? If one wishes to characterize the way in which Stoicism sought to cope with evil in human nature, one must turn one’s gaze to the states of consciousness arising from the foundations of the world. When the Stoic unfolded the powers of his consciousness—which he assumed to be in harmony with the world—he believed that only good could develop; but evil did appear nonetheless; then he said: When evil enters the nature of the human soul, there is a twilight state of the soul, a kind of spiritual powerlessness. And the Stoic then asked himself: By what means can the normal consciousness of our soul be drawn into this twilight, becoming, so to speak, powerless? Because human beings are complex beings, and even when they live with their consciousness in one of these normal spheres, they occasionally plunge into lower spheres—much like sinking into sleep—and become saturated by what is not normally within them and should not be there. The Stoic thus conceives of human beings as belonging to multiple worlds; if he follows the good, he is in his own sphere; if he succumbs to evil, he is beneath it. In the visible world, there are beings lower than man—animals, plants, and minerals—forming a hierarchy of the natural kingdoms. That into which man descends when he succumbs to evil must exist there as a disharmony of nature. – However, it can be said here: This attempt at a solution reveals the inadequacy of any such approach to considering these mysteries; for it leaves unanswered the question of what significance it holds in human life when a person, with a dulled consciousness, descends below his normal sphere and evil thereby comes to the fore—what does he bring back from there at all? Philosophical thought has proven—and continues to prove—incapable of approaching the problem of evil from this angle.

[ 3 ] Nach einigen Jahrhunderten versuchte in philosophischer und mystischer Art Plotin, ein neuplatonischer Philosoph, aus der mystischen Philosophie heraus sich dem Bösen zu nahen. Er sagte sich: Die menschliche Seele kann bei weiterer Entwicklung im Sinne der Vergeistigung mehr in das Geistige untertauchen und sich allmählich von den Gesetzen des materiellen Daseins losringen. – In diesem sahen Plotin, und mit ihm viele Philosophen, dasjenige, was der Feind des Guten ist; er meinte, soweit das Materielle hineinwirke in die Seele, im gleichen Maße dränge sich das Böse herein, und so sah er das Böse in dem gegen das Geistige feindlich gerichteten Materiellen. Aber auch damit kam das mystische Denken nicht an das Problem des Bösen heran: Es ist nicht aufgeklärt worden, warum die materiellen Kräfte dem Guten entgegenstehen und was die menschliche Seele davon haben sollte, dass diese Kräfte in sie hineinspielen können.

[ 3 ] Several centuries later, Plotinus, a Neoplatonic philosopher, attempted to approach evil from a philosophical and mystical perspective, drawing on mystical philosophy. He reasoned: As the human soul continues to develop in the direction of spiritualization, it can immerse itself more deeply in the spiritual realm and gradually free itself from the laws of material existence. – In this, Plotinus—and with him many philosophers—saw that which is the enemy of the good; he believed that to the extent that the material world influences the soul, evil intrudes to the same degree, and thus he saw evil in the material world, which is hostile to the spiritual. But even this did not bring mystical thought any closer to the problem of evil: it has not been clarified why material forces oppose the good, nor what benefit the human soul is supposed to derive from the fact that these forces can influence it.

[ 4 ] Dann kam der Versuch der Augustinischen Lösung, die eigentlich keine ist. Bei dieser aber tritt etwas Typisches auf, das von da an immer wieder auftaucht; nämlich Augustinus lässt das Böse gar nicht in seiner Realität bestehen. Er meint, es sei nur das Gute vorhanden, und wie sich das Licht wohl überall, aber nicht in seiner vollen Stärke finde, sondern in den verschiedensten Abstufungen, also sei das Böse mit den Übeln nur ein schwaches Gutes. Derartige Lösungen sind immer wieder aufgenommen worden, sie sind ein Typus dafür, die Welträtsel, die von ihren Vertretern nicht erklärt werden konnten, einfach wegzuleugnen. Wenn zum Beispiel Campbell das Böse nur den Schatten des Guten nannte, so bezweifeln wir wohl mit gutem Grund, dass dadurch das Böse begriffen werden kann; es ist für uns nicht viel mehr, als wenn man sagen wollte: Die Kälte ist nur eine andere, eine Unterart der Wärme, sie ist nichts Positives, sondern etwas Negatives, also brauchen wir keinen Pelz anzulegen, um uns dagegen zu schützen. – Eine derartige Trivialität musste angeführt werden als Einwand, um den Wert der letztgenannten Lösungsversuche zu charakterisieren.

[ 4 ] Then came the attempt at an Augustinian solution, which is not really a solution at all. In this case, however, something characteristic emerges that recurs time and again from that point on; namely, Augustine does not allow evil to exist in its reality at all. He believes that only the good exists, and just as light is found everywhere—though not in its full intensity, but in various degrees—so evil, with all its misfortunes, is merely a weak form of the good. Such solutions have been repeatedly adopted; they exemplify the tendency to simply deny the mysteries of the world that their proponents could not explain. If, for example, Campbell called evil merely the shadow of good, we have good reason to doubt that evil can be understood in this way; for us, it is little more than saying: Cold is merely another form, a subtype of heat; it is not something positive but something negative, so we need not put on a fur coat to protect ourselves against it. – Such a triviality had to be cited as an objection in order to characterize the value of the latter attempts at a solution.

[ 5 ] Tiefer hinein in die Weltverhältnisse und deren Gründe, wo auch das Böse als Positives, als Realität erscheint, wenn es mit dem geistigen Auge untersucht wird, ist der Theosoph und Mystiker Jakob Böhme vorgedrungen. Er blieb nicht bei Begriffen und Ideen stehen, weil er seine gesamten Seelenkräfte zu einer hohen Stufe des Erlebens steigerte und dann fühlte und erlebte, was geistig und göttlich ist. Er erkannte, dass das Böse tief in den Wurzeln des Daseins begründet ist; vor ihn trat redend das gesamte Dasein als ein «Ja» hin, das sich nur an einem «Nein» erfüllen kann.

[ 5 ] The theosophist and mystic Jakob Böhme delved deeper into the state of the world and its causes, where even evil appears as something positive, as reality, when examined with the spiritual eye. He did not stop at concepts and ideas, for he elevated his entire spiritual power to a high level of experience and then felt and experienced what is spiritual and divine. He recognized that evil is deeply rooted in the very foundations of existence; all of existence appeared before him as a “Yes” that can only be fulfilled by a “No.”

[ 6 ] Wodurch gelangen wir als Mensch zum Bewusstsein? Wenn der Mensch schläft, so besitzt er unter den gewöhnlichen Verhältnissen kein Bewusstsein; erst wenn er aufwacht und unter der ihm bekannten Weise überall mit der Welt zusammenstößt, tritt das normale Bewusstsein auf, sein Selbst-Bewusstsein, an dem, was sich der Seele entgegenstellt. Diese Art, sich an seinen Gegenständen zu stoßen, erblickt Jakob Böhme schon im göttlichen Urdasein der Welt, indem er dieses aus dem dunklen Dasein des Ungrundes hervorgehen lässt; damals konnte sich das göttliche Bewusstsein, so meint er, nur an seinem Gegensatze entzünden, wie bei dem Menschen am Materiellen. Der göttliche Urgrund entstieg nach Böhme dem vorgöttlichen Ungrunde, und also mit jenem dann auch das Gute und das Böse. Jakob Böhme kommt mit dieser Anschauung weiter als die bloße philosophische Erklärung. Die Dunkelheit ist vorhanden, ohne dass sie eine Erklärung nötig hätte, es bedarf vielmehr das Licht der Erklärung; so lässt denn Böhme, wie auch Schelling, aus dem dunklen Ungrunde der Welt, den sie von dem göttlich-geistigen Dasein durchwallt sehen, die Wirkungen hervorgehen, die unter dem Tun des Göttlichen in das Urgründliche hineingeworfen werden. Merkwürdig ist es, dass Jakob Böhme das Böse positiv erkennt und es nicht in der äußeren Sinneswelt, sondern begründet in den Untergründen des Daseins sieht, weil jedes Göttliche sich und die Welt aus dem Ungrunde erheben muss.

[ 6 ] How do we, as human beings, attain consciousness? When a person sleeps, under normal circumstances he has no consciousness; only when he wakes up and, in the way familiar to him, comes into contact with the world in every respect, does normal consciousness arise—his self-consciousness—in response to what confronts the soul. Jakob Böhme already discerns this manner of encountering objects in the divine primordial existence of the world, by having it emerge from the dark existence of the Ungrund; at that time, he believes, divine consciousness could only be kindled by its opposite, just as human consciousness is kindled by the material world. According to Böhme, the divine Primordial Ground emerged from the pre-divine Abyss, and with it, therefore, both good and evil. With this view, Jakob Böhme goes beyond a mere philosophical explanation. Darkness exists without needing an explanation; rather, it is light that requires explanation. Thus, like Schelling, Böhme posits that from the dark abyss of the world—which he sees as permeated by divine-spiritual existence—there emerge effects that are cast into the primordial abyss through the activity of the Divine. It is remarkable that Jakob Böhme recognizes evil in a positive sense and sees it not in the external sensory world but rooted in the depths of existence, because everything divine must rise from the abyss, both itself and the world.

[ 7 ] Interessant ist es, dass ein Zeitgenosse Jakob Böhmes in Japan eine Philosophie im fernen Osten aufstellt, die eine ähnliche Lösung anstrebt, es ist Toju, der Weise in Omi, der dort um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts lebte. Seine Anschauung ist im Wortlaut fast so wie bei Böhme, das göttliche «Ja» des Ungrundes erhebt sich und spielt hinein in das «Nein», das «Ri» des Ungrundes in das «Ki» des Urgrundes.

[ 7 ] It is interesting to note that a contemporary of Jakob Böhme in Japan developed a philosophy in the Far East that sought a similar solution; this was Toju, the sage of Omi, who lived there around the middle of the seventeenth century. His view is, in its wording, almost identical to Böhme’s: the divine “Yes” of the Unground rises and interplays with the “No,” the “Ri” of the Unground with the “Ki” of the Primordial Ground.

[ 8 ] So sehen wir, wie jeder in seiner Art durch verschieden tief gehende Philosophie und Mystik dem Rätsel des Bösen und der Übel nahezukommen sucht. Eine gewisse Ohnmacht, sich der Lösung dieses Problems zu nähern, zeigt sich auch bei Lotze, bei jenem geistvollen Philosophen, der auch im Hinblick auf das Böse fest auf dem Boden der Naturwissenschaften zu stehen versucht. Er sagt: Man kann annehmen, dass das Böse in der Welt da sein müsse, damit durch seine Überwindung das Gute herangezogen werden könne. Aber wie ist es mit dem Tierreiche, wo das Böse nicht durch Erziehung überwunden werden kann? Lotze kommt daher zu nichts anderem, als zu sagen: Das Böse ist da, und wir müssen glauben, dass es aus Gründen, die dem Menschen nicht zugänglich sind, der weisen Weltenregierung notwendig zu sein schien. Der menschlichen Erkenntnis sei das Erkennen in dieser Beziehung versagt.

[ 8 ] Thus we see how each, in his own way, seeks to approach the enigma of evil and suffering through philosophy and mysticism of varying depths. A certain helplessness in approaching the solution to this problem is also evident in Lotze, that brilliant philosopher who tries to stand firmly on the ground of the natural sciences even when considering evil. He says: One can assume that evil must exist in the world so that, by overcoming it, good can be brought forth. But what about the animal kingdom, where evil cannot be overcome through education? Lotze therefore comes to no other conclusion than to say: Evil exists, and we must believe that, for reasons inaccessible to humans, it seemed necessary to the wise government of the world. Human understanding is denied insight into this matter.

[ 9 ] Alles andere, was noch in großem Umfange angeführt werden könnte, würde von Neuem darlegen, dass die begriffliche, ideelle Philosophie bei der Erklärung des Bösen und der Übel versagt und diese Philosophie selber zu dem Eingeständnis kommt, es sei zurzeit unmöglich, der Lösung des Problems vom Bösen und den Übeln nahezukommen. Und solche Probleme werden einer Philosophie, die an das Gehirn als ihr Werkzeug gebunden ist, zu Grenzfragen ihres Erkenntnisgebietes; sie muss ja von ihrem Standpunkt zu dem Ergebnis kommen, dass die menschliche Erkenntnis grundsätzlich ihre Grenzen habe. Demgegenüber aber muss darauf hingewiesen werden, dass die Erkenntniskraft des Menschen eine Entwicklung durchmacht, die ja nach seiner eigenen Anstrengung beschleunigt und vertieft werden kann. Wenn dies geschieht und mit den Mitteln der Geisteswissenschaft an das Problem des Bösen herangetreten wird, so ergibt sich eine höchst merkwürdige Lösung, die zunächst paradox erscheinen mag.

[ 9 ] Everything else that could be cited at great length would once again demonstrate that conceptual, idealistic philosophy fails to explain evil and misfortunes, and that this philosophy itself admits that it is currently impossible to come close to solving the problem of evil and misfortunes. And such problems become, for a philosophy bound to the brain as its tool, questions at the very limits of its realm of knowledge; from its standpoint, it must inevitably conclude that human knowledge has fundamental limits. In contrast, however, it must be pointed out that human cognitive power undergoes a development that can indeed be accelerated and deepened through one’s own efforts. When this happens and the problem of evil is approached using the methods of spiritual science, a highly remarkable solution emerges that may at first appear paradoxical.

[ 10 ] Wir wissen, dass die Geistesforschung sich nicht allein auf die gewöhnliche Erkenntniskraft stützt, sondern vor allem auf diejenige, welche zunächst im Menschen schlummert, aber durch die Mittel der Meditation und Konzentration aus dem Unbewussten heraufgeholt werden kann durch eine unbegrenzte Anstrengung von Geistes- und Seelentätigkeiten, die sonst nur in ihrem elementaren Zustande gebraucht werden. Dann kann sich der Mensch nach solcher Erstarkung selbst außerhalb seines Leibes erleben wie einen Tisch zum Beispiel, der im gewöhnlichen Tagesbewusstsein vor ihm steht. Wie es ohne Weiteres dem Chemiker möglich ist, Wasser in seine beiden elementaren Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zu trennen, so kann, wie in einer Art geistiger Chemie, die Seele aus dem Leibe gehoben und zur selbstständigen Wirksamkeit gebracht werden, sodass sie, in der geistigen Welt arbeitend, den Leib in der physischen Welt zurücklässt. In dieser Verfassung erlebt der Geistesforscher das Dasein geistiger Wesenheiten und die Vorgänge in der geistigen Welt als eine höhere Wirklichkeit.

[ 10 ] We know that spiritual research does not rely solely on ordinary cognitive faculties, but primarily on those faculties that initially lie dormant within the human being but can be brought up from the unconscious through meditation and concentration—by means of an unlimited effort of mental and soul activities that are otherwise used only in their elementary state. Then, after such strengthening, a person can experience themselves outside their body—like a table, for example, that stands before them in ordinary daily consciousness. Just as it is readily possible for a chemist to separate water into its two elementary components, hydrogen and oxygen, so too—as in a kind of spiritual chemistry—the soul can be lifted out of the body and brought to independent activity, so that, working in the spiritual world, it leaves the body behind in the physical world. In this state, the spiritual researcher experiences the existence of spiritual beings and the processes in the spiritual world as a higher reality.

[ 11 ] Wie nimmt sich nun die Frage nach dem Bösen aus, wenn der Mensch als Geistesforscher zu geistigen Augen und Ohren kommt? Was sind das für Kräfte, die in den tiefen Untergründen der Seele ruhten und nun erweckt sind? Die Seele fühlt sich dann im Besitz von Kräften, die sie innerhalb des physischen Leibes nicht entfalten kann, mit dessen Neigung zum Verkehrten, Hässlichen und Irrtümlichen, sie sieht dann aber beim Hineinwachsen in die geistigen Welten, dass sie dieses nicht mehr behindert, wenn der Mensch vor seiner Trennung ein deutliches Bewusstsein dieser Mängel und beim Hinausgehen der Seele aus ihrer Leiblichkeit einen Einblick dahingehend bekommt, dass diese Schwächen und Mängel zu Quellen von Taten in der geistigen Welt werden, sobald er sich mutig und kühn auf seine Fehler hin anschauen kann. Ja, der Geistesforscher muss seine Sinne so ausbilden, dass er auf alle hässlichen Leidenschaften hinschauen kann; denn lässt er sie nicht alle ins völlig klare Bewusstsein treten, so wirken sie umso stärker auf dem geistigen Wahrnehmungsfelde, durchdringen seine Anschauungen und verkehren sie zu Irrtümern, Halluzinationen und Phantastereien. So stellt sich ein Zusammenhang heraus zwischen dem Bösen, dem Wirken des Geistesforschers und seinem Hinaufsteigen in die geistige Welt. Was dabei dem Geistesforscher zur Verfügung steht und ihm Klarheit verschafft, ruht bei dem in diesem Sinne unentwickelten Menschen in den Tiefen seiner Seele. Wenn nun der Geistesforscher sich das Böse vor das geistige Auge stellt und es vergleicht mit jenen Kräften, die ihn in die geistige Welt hinaufheben konnten, dann stellt sich heraus, dass die Kräfte, durch die der Mensch in der Sinneswelt das Böse vollbringt, in der geistigen Welt verwandelt werden, sodass man durch sie in der geistigen Welt mit geistigen Sinnen schauen kann, sie sind, dort angeschaut, die Keime zum Aufblühen von hellseherischen Kräften. Das darf aber nicht so missverstanden werden, als ob diese hochgehobenen Kräfte, die, in der physischen Welt in ihr Gegenteil verkehrt, sich zum Quell des Bösen und Schlechten ausgestalten, wenn sie bewahrt blieben vor dem Besitzergreifen des physischen Leibes, nun ohne Weiteres hellseherische Kräfte in der menschlichen Seele entwickeln würden. Gerade dieses leuchtet tief hinein in das menschliche Leben und gibt Aufklärung darüber, warum es ein Hindernis für den Geistesforscher ist, wenn er das Böse nicht erkennt und es dann hineinfließt in sein Seelenleben, wo es sich dann als Illusion und Irrtum darstellt. Es ist mit dem Bösen wie zum Beispiel mit der Schwerkraft auf einer niedrigeren Naturstufe, wenn sie sich in Lawinenstürzen, niederfallenden Vulkanausbrüchen äußert, die zu großem Unglück führen können, während die Schwerkraft, wenn sie, wie zum Beispiel bei einem Wasserwerk, richtig und maßvoll geleitet wird, zu einem Segen für die Bevölkerung werden wird.

[ 11 ] How does the question of evil appear when a person, as a spiritual researcher, develops spiritual eyes and ears? What are these forces that lay dormant in the deepest recesses of the soul and have now been awakened? The soul then feels itself to be in possession of forces that it cannot unfold within the physical body, with its tendency toward the wrong, the ugly, and the erroneous, but as the soul grows into the spiritual worlds, it sees that this no longer hinders it—provided that, before separation, the human being gains a clear awareness of these shortcomings and, as the soul departs from its physical form, gains insight into how these weaknesses and shortcomings become sources of actions in the spiritual world as soon as he can look at his faults with courage and boldness. Indeed, the spiritual researcher must train his senses so that he can look upon all ugly passions; for if he does not allow them all to enter into completely clear consciousness, they will exert an all the stronger influence on the field of spiritual perception, permeating his insights and distorting them into errors, hallucinations, and fantasies. Thus, a connection emerges between evil, the spiritual researcher’s work, and his ascent into the spiritual world. What is available to the spiritual researcher in this process and provides him with clarity lies, in the case of a person who is undeveloped in this sense, in the depths of his soul. When the spiritual researcher now visualizes evil in his mind’s eye and compares it with those forces that were able to lift him up into the spiritual world, it becomes apparent that the forces through which a person commits evil in the sensory world are transformed in the spiritual world, so that through them one can see in the spiritual world with spiritual senses; for, when viewed there, they are the seeds from which clairvoyant powers blossom. However, this must not be misunderstood to mean that these elevated forces—which, when inverted into their opposite in the physical world, become a source of evil and wickedness—would automatically develop into clairvoyant powers in the human soul if they were preserved from being taken over by the physical body. It is precisely this that sheds deep light on human life and explains why it is an obstacle for the spiritual researcher if he fails to recognize evil and it then flows into his soul life, where it manifests as illusion and error. Evil is like, for example, gravity at a lower level of nature, when it manifests in avalanches or volcanic eruptions that can lead to great misfortune, whereas gravity, when properly and moderately channeled—as in a waterworks, for instance—becomes a blessing for the population.

[ 12 ] Nur um zu erläutern, sei es betont, dass die geisteswissenschaftlichen Tatsachen zeigen, wie sich das menschliche Leben nicht vorstellen lässt, wenn man es als einfaches Ding erklären will, sondern es ist aufzufassen als ein Durcheinanderspielen verschiedener Welten-Sphären, deren Kräfte in der einen Welt gut, in der anderen schädlich wirken können. Der menschliche Gesamt-Organismus muss andere Kräfte entwickeln in der einen besonderen Lebens-Sphäre als in einer anderen. So kann eine Lokomotive einen Menschen ohne Weiteres überfahren, wenn sich dieser in Verzweiflung vor ihr Räder auf die Schienen wirft und so in Konflikt gerät [m?] den Kräften, die ihm, wenn er als Reisender den Zug benützt hätte, zum Heil hätten gereichen können. Wir werden also gewahr, wie auf der einen Seite Kräfte entwickeln werden müssen, die auf der anderen Seite böse werden und gerade diese können den Menschen in die geistigen Welten hinaufführen; denn in diesen auf der physischen Welt böse wirkenden Kräften walten höhere Kräfte im guten, fördernden Sinne in der ihnen zusagenden Sphäre. Dadurch also wird nun das Böse durchsichtig in seine Bedeutung als ein Verwandlungsprodukt von Kräften im Leben des Menschen, sodass wir endlich zu der Tatsache kommen: Dieses Böse ist die Verkehrung eines höheren Guten in einer diesem nicht zusagenden Wirkungs-Sphäre.

[ 12 ] Just to clarify, it should be emphasized that the findings of the humanities show that human life cannot be conceived of as a simple entity; rather, it must be understood as an interplay of various spheres of existence, whose forces may have a beneficial effect in one world and a harmful one in another. The human organism as a whole must develop different forces in one particular sphere of life than in another. Thus, a locomotive can easily run over a person if, in despair, that person throws himself onto the tracks in front of its wheels and thereby comes into conflict [m?] with the forces that, had he been a passenger on the train, might have brought him salvation. We thus become aware of how forces that must develop on one side become evil on the other—and it is precisely these forces that can lead human beings up into the spiritual worlds; for within these forces, which have an evil effect in the physical world, higher forces reign in a good, uplifting sense within the sphere appropriate to them. Thus, evil becomes transparent in its significance as a product of the transformation of forces in human life, so that we finally arrive at the fact: This evil is the inversion of a higher good in a sphere of action unsuited to it.

[ 13 ] So sieht man also, wenn man an das Lebensrätsel der Bösen tritt, dass man dann geisteswissenschaftliche Kräfte anwenden muss, die da zeigen, wie man das Böse in seiner wahren Natur als berechtigt anzusehen hat, wenn man es auch als Gutes in seiner ebenso wahren Bedeutung in einer anderen Welt erleben kann. – Die Ereignisse der Sinneswelt und die Geschichte des menschliche Denkens lehren uns, dass, wer in der Sinneswelt stehe bleibt, nicht erklären kann, wie Schmerz und Übel in diese hineinragen können. Schopenhauer und Hartmann legen in ihrer pessimistischen Weltanschauung wohl dar, wie das Übel in der Welt überwiegt, kommen aber doch nicht recht dazu, sagen zu können, wie denk nach ihrer Meinung sich der göttlich-geistige Urgrund von den Übeln des Daseins und wie die Menschenseele sich von dem Bösen befreien kann. Der Geistesforscher findet da, wo Böses, Übel, Schmerz, Leid und so weiter in der physischen Welt auftritt, durch dieses in der geistigen Welt, dass all das Leid als ein Keim erscheint für eine Entwicklung, die später erst erfolgen soll. Wir können uns dieses wieder durch eine Analogie – [nicht, um mich darauf zu stützen, denn auf Analogien stützt sich die Geisteswissenschaft nicht, sondern auf Tatsachen] – klarmachen: Wenn sich ein verzweifelter Mensch vor eine daherbrausende Lokomotive wirft, so geraten zwei Sphären der sinnlichen Welt in Kollision, [die unverträglich miteinander sind]: Was für das Weiterleben des Unglücklichen notwendig ist, wird zermalmt, die Kräfte der Lokomotive, die sonst heilsam sind, schieben sich mit anderen übereinander, mit denen sie zusammen unverträglich sind. Aber es könnte auch der Mensch, wenn er sich rechtzeitig erhebt, gerettet werden, und die Kräfte der Lokomotive könnten im guten Sinne wirksam bleiben, die Seele dieses Menschen würde aus ihrer plötzlichen Sinnesänderung neue Kraft zum neuen Beginn eines weiteren Lebensabschnittes schöpfen können und daran völlig gesunden.

[ 13 ] Thus, when one approaches the mystery of the lives of evil people, one sees that one must apply spiritual-scientific insights that reveal how evil, in its true nature, must be regarded as justified—even though it can also be experienced as good, in its equally true sense, in another world. – The events of the sensory world and the history of human thought teach us that those who remain confined to the sensory world cannot explain how pain and evil can intrude into it. Schopenhauer and Hartmann, in their pessimistic worldview, certainly explain how evil prevails in the world, but they do not quite manage to articulate how, in their opinion, the divine-spiritual source relates to the evils of existence, nor how the human soul can free itself from evil. The spiritual researcher finds that wherever evil, suffering, pain, and so on occur in the physical world, they correspond in the spiritual world to all that suffering appearing as a seed for a development that is to take place only later. We can illustrate this again through an analogy—[not to rely on it, for spiritual science does not rely on analogies, but on facts]—as follows: When a desperate person throws himself in front of a speeding locomotive, two spheres of the sensory world collide, [which are incompatible with one another]: What is necessary for the unfortunate person’s continued existence is crushed; the forces of the locomotive, which are otherwise beneficial, overlap with other forces with which they are incompatible. But the person could also be saved if he gets up in time, and the forces of the locomotive could remain effective in a positive sense; this person’s soul would be able to draw new strength from his sudden change of heart for a fresh start to the next phase of his life and thereby recover completely.

[ 14 ] Was ins Leben hineingestellt ist, verquickt sich so miteinander, dass verschiedene Sphären aufeinanderstoßen. Das Geistige taucht ins Physisch-Sinnliche unter und erlebt sich dort ganz anders, als es sich im Geistigen allein erleben konnte. Dadurch wird das Geistige erstarkt in einer Art, wie es ohne dieses Untertauchen nicht möglich gewesen wäre, ja, man kann sagen, gewisse Entwicklungen hätten in der geistigen Welt gar nicht eintreten können, wenn das Übel in der Welt nicht vorhanden wäre, wie kein Keim einer neuen Pflanze entstehen kann ohne das Abwelken der Blüte und eines Teils der Mutterpflanze. In allem Schmerzlichen liegt ein notwendiges Hinabsteigen, damit sich der Keim von Neuem höher und leuchtender entwickeln kann im Schoße einer ihm zunächst fremden Sphäre, von der hierfür, das heißt für diese Entwicklung, etwas geopfert werden muss; und in diesem Absterben ist die Notwendigkeit alles Übels gegeben. Im Übel und Schmerz dieser Welt liegen die Keime für eine zukünftige Entwicklung.

[ 14 ] Everything that is placed within life intertwines in such a way that different spheres collide. The spiritual plunges into the physical-sensual realm and experiences itself there in a completely different way than it could have experienced itself in the spiritual realm alone. Through this, the spiritual is strengthened in a way that would not have been possible without this immersion; indeed, one could say that certain developments could not have taken place in the spiritual world at all if evil were not present in the world, just as no seed of a new plant can arise without the withering of the flower and a part of the mother plant. In everything painful lies a necessary descent, so that the seed may develop anew, higher and more radiantly, in the bosom of a sphere that is initially foreign to it—a sphere from which something must be sacrificed for this purpose, that is, for this development; and in this dying away lies the necessity of all evil. In the evil and pain of this world lie the seeds for future development.

[ 15 ] Nehmen wir zum Beispiel den monistischen Materialismus, der sich aus der Naturwissenschaft besonders des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt hat, und unter dessen Vorstellungen zum Teil unsere idealsten Männer wie unter einer schweren Last dahinleben. Weil diese Weltauffassung immer tiefer in die menschlichen Seelen eingedrungen ist, hat sie diese fähig gemacht, die materiellen Gesetze zu durchschauen, und jeder der heute Lebenden ist unbewusst beherrscht von der Erkenntnis dieser Gesetze des materiellen Daseins, die aber den freien Ausblick in die geistige Welt zurückgedrängt haben. Und so ist es möglich geworden, dass sich im neunzehnten Jahrhundert Geister wie Schopenhauer, Hartmann, Lotze entwickelt haben, die auf eine Daseins-Auffassung hindrängten, welche den Menschen hätte befriedigen sollen, aber sie konnten keine Ideen über das Geistige gewinnen, die geeignet gewesen wären, die Ideen der Naturwissenschaft in geistiger Überlegenheit zu besiegen. Ihnen erscheint daher, was an Schmerzlichem in der Welt da ist, als unerklärlich; wohl sehen sie das Abwelkende, aber nicht den Keim, der als hoffnungsvolles Ergebnis in jenem liegt, der auch innerhalb der absterbenden Blüte und Keimhülle gefunden werden muss, wie die Folge von Schmerz und Übel im Leben. Alles wirkt aus der geistigen Welt heraus auch in den Reichen des physischen Daseins. Wie sich dieses aber seinem inneren Wesen nach zeigen müsste, ist von den Forschern des neunzehnten Jahrhunderts nicht, oder nicht ausreichend, erkannt worden. Wir sehen, wie schwierig es den tüchtigsten Vertretern ihrer Zeit wird, sich zu den Erscheinungen der Welt zu stellen, und [wie sie] in vielen Dingen mit den naturwissenschaftlichen Anschauungen allein keinen Ausweg finden; wir sehen solchen Geistern an, wie sie in ihrem innersten Seelenleben dürsten nach einer befriedigenden Perspektive des Daseins, dass aber ihr Blick getrübt ist durch den Druck der einseitig aufgefassten Naturwissenschaften. So sagt zum Beispiel ein solcher, wie ihm hiernach die Welt erscheint: Sie ist wie der Leichnam eines Menschen, von dem man wissen kann, er ist von seiner Seele verlassen, aber was als Leichnam vor uns liegt, ist nicht fähig, aus sich selbst ein Seelisch-Geistiges zu entwickeln, wie aus einem Übriggebliebenen, aus einem vorweltlichen geistigen Dasein eines Göttlich-Geistigen, das etwa im Anfang da war. In seiner jetzigen Verfassung ist aber kein Keim eines neuen Geistigen zu finden. – Dieser Philosoph, Mainländer, der um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts lebte, ist von Hofrat Max Seiling in enthusiastischen Worten, aber in den Tatsachen völlig richtig gewürdigt worden. Wenn man einen solchen Geist in seiner Tragik sieht, so erkennt man die Aufgabe der Geisteswissenschaft auch darin, die drückende Last der Vorstellungen des neunzehnten Jahrhunderts den Menschen abzunehmen, besonders bei solch bedeutsamen Geistern, die es so ernst mit dem Leben nehmen wie Mainländer, der im menschlichen Dasein nur Alter und Übel, Schmerz und Tod sieht. Demgegenüber sieht aber auch weiter noch die Geisteswissenschaft, dass in all diesem auch etwas lebt, das Geistige, das der Zukunft entgegensprosst und sich später nicht in seiner Sonderart entfalten könnte, wenn es nicht zeitenweise ins physische Leben als Übel und Schmerz hinabgedrängt worden wäre. Von solchem Standpunkte aus aber kann man nicht mehr von der «Philosophie des Schmerzes und dessen Erlösung» sprechen; dann wäre es absurd, von dieser Erlösung zu sprechen – im Hinblick auf die schon gebrauchte Analogie mit dem Pflanzenkeim, dem sogenannten Samen, für dessen Entwicklung oft die ganze Mutterpflanze, mindestens aber ein Teil derselben, die Blüte und so weiter sterben muss, was man für diese ja auch als ein Übel auffassen müsste. Ebenso wenig kann sich das Neue, Vollkommene aus einem geistigen Keim entwickeln, ohne dass dabei in der physischen Welt Übel und Schmerz erregt werden. Wenn wir alles dieses von höherem Geistesstandpunkt anschauen, werden wir einsehen, dass wir bei allen Bestrebungen, das Übel zu lindern, von diesem nicht werden im gewöhnlichen Sinne erlöst werden können, sondern lernen müssen, es zu ertragen. Ist das Schmerzvolle, Leidvolle in der Gegenwart manchmal recht schwer, so wird die erfreuliche Frucht in der Zukunft liegen und dann zur Wirkung kommen. Aus einer solchen Auffassung entsteht eine erträgliche, friedliche und tüchtige Lebensauffassung; wer weiß, aus dem Leid entwickle sich, wie aus einem Keim, in der Zukunft das Vollkommenere, der schaut in einer vielleicht schmerzvollen Gegenwart die bessere Zukunft, wenn er sich auch dem Unvollkommenen und Hässlichen in werktätiger Abhilfe nicht verschließt. Wenn auch die Blätter und Blüten des Daseins abfallen, unter ihnen wächst und dauert der Keim, der eine zukünftige, reichere Entwicklung ermöglicht, und wir begreifen: Was uns in der physischen Welt als Böses und Übel erscheint, ist eine parallele Erscheinung dessen, was in der geistigen Welt ein künftiges vollkommeneres Dasein ermöglicht. Über das Herbe, Leidvolle und Schmerzliche ist mit dieser dem Tatsächlichen entsprechenden Anschauung hinwegzukommen; denn im Bösen und den Übeln sehen wir etwas Unerklärliches nur im physischen Dasein, wir finden es erst erklärlich und damit erträglich, wenn wir zum Quell aller dieser Vorgänge, zur geistigen Welt, vordringen. Dort wandelt sich der sonst furchtbare Anblick der sinnlich-physischen Welt.

[ 15 ] Take, for example, monistic materialism, which developed from the natural sciences, particularly in the nineteenth century, and under whose ideas even some of our most idealistic men live their lives as if under a heavy burden. Because this worldview has penetrated ever deeper into the human soul, it has enabled people to see through the laws of matter, and everyone living today is unconsciously dominated by the knowledge of these laws of material existence—laws that have, however, suppressed the free view into the spiritual world. And so it became possible for thinkers such as Schopenhauer, Hartmann, and Lotze to emerge in the nineteenth century, who pressed for a conception of existence that should have satisfied humanity; yet they were unable to formulate ideas about the spiritual realm that would have been capable of overcoming the ideas of natural science through spiritual superiority. To them, therefore, the pain that exists in the world appears inexplicable; they see what is withering away, but not the seed that lies within it as a hopeful outcome—a seed that must also be found within the dying blossom and seed coat, just as the consequence of pain and evil in life. Everything emanates from the spiritual world and also affects the realms of physical existence. However, the researchers of the nineteenth century did not—or at least not sufficiently—recognize how this should manifest according to its inner nature. We see how difficult it becomes even for the most capable representatives of their time to come to terms with the phenomena of the world, and [how they] in many matters find no way out through the views of the natural sciences alone; we see in such minds how they thirst, in the innermost life of their souls, for a satisfying perspective on existence, yet their vision is clouded by the pressure of a one-sided understanding of the natural sciences. For example, one such person describes how the world appears to him as follows: It is like the corpse of a human being, of whom one can know that he has been forsaken by his soul; but what lies before us as a corpse is incapable of developing something soul-spiritual out of itself, as might be expected from a remnant of a pre-worldly spiritual existence of a divine-spiritual being that was present, perhaps, in the beginning. In its present state, however, no seed of a new spiritual essence can be found. – This philosopher, Mainländer, who lived around the middle of the nineteenth century, has been honored by Court Councilor Max Seiling with enthusiastic words, yet with complete accuracy in fact. When one sees such a spirit in all its tragedy, one recognizes that the task of spiritual science also lies in relieving people of the oppressive burden of nineteenth-century ideas, especially in the case of such significant spirits who take life as seriously as Mainländer, who sees in human existence nothing but old age and evil, pain, and death. In contrast, however, spiritual science also sees that within all of this there lives something—the spiritual—that springs forth toward the future and could not later unfold in its unique way if it had not, from time to time, been forced down into physical life as evil and pain. From such a standpoint, however, one can no longer speak of the “philosophy of pain and its redemption”; for then it would be absurd to speak of this redemption—in light of the analogy already used with the plant seed, the so-called seed, for whose development the entire mother plant, or at least a part of it—the flower and so on—must often die, which one would also have to regard as an evil for the seed. Nor can the new and perfect develop from a spiritual seed without causing evil and pain in the physical world. If we view all of this from a higher spiritual perspective, we will come to realize that, in all our efforts to alleviate evil, we cannot be redeemed from it in the ordinary sense, but must learn to endure it. Even if what is painful and distressing in the present is sometimes quite difficult, the joyful fruit will lie in the future and will then come to fruition. From such a perspective arises a bearable, peaceful, and constructive outlook on life; whoever knows that suffering, like a seed, will give rise to something more perfect in the future sees a better future even in a present that may be painful—provided they do not turn a blind eye to the imperfect and the ugly while actively working to remedy them. Even as the leaves and blossoms of existence fall away, the seed that enables a future, richer development grows and endures beneath them, and we come to understand: What appears to us in the physical world as evil and misfortune is a parallel manifestation of that which, in the spiritual world, makes a future, more perfect existence possible. With this view, which corresponds to reality, we can transcend the harsh, the sorrowful, and the painful; for in evil and misfortune we see something inexplicable only in physical existence; we find it explainable—and thus bearable—only when we penetrate to the source of all these processes, to the spiritual world. There, the otherwise dreadful spectacle of the sensory-physical world is transformed.

[ 16 ] In all diesen Dingen liegt auch eine wirkliche und impulsive Ethik begründet. Nicht ein Moral-Predigen geht daraus hervor, was an sich ja leicht sein würde, sondern der Mensch lernt dadurch die Quelle des Bösen und der Übel in der geistigen Welt kennen, und dieser und ein weiterer Drang nach Erkenntnis wird ihn immer tiefer und gründlicher aus der sinnlichen in die übersinnliche Welt, als deren Ursache, hineinführen. Die Geisteswissenschaft ist imstande, darauf hinzuweisen, dass alles Böse, die Übel und Schmerzen, so lange Rätsel bleiben werden für die menschliche Erkenntnis, als ihre Quellen nur in der Sinneswelt gesehen werden. Nur die Geisteswissenschaft kann ein richtiges Licht auf das menschliche Leben und auf alles menschliche Handeln werfen, da sie ja zu dem Ursprunge zurückruft, der nicht in der Sinneswelt real vorhanden ist, sondern das Übel in seiner richtigen Gestalt erst dadurch kennen lehrt, dass sie es in seinem guten Ursprunge zeigt, den es in der geistigen Welt hat. Zusammenfassend können wir das heute Gesagte in der menschlichen Empfindung so darstellen: Vieles in der Welt wird der suchenden Seele verborgen bleiben, die in ihrem Forschen nicht über die physische Welt hinausgehen will; sie kann leicht in Verzweiflung geraten, wenn sie nicht den Mut hat, zu den Urgründen vorzudringen, in denen des Lebens größte Rätsel verborgen liegen, zu ihrem Quell in der geistigen Welt. Die Geisteswissenschaft wird den Menschen immer mehr der Lösung über das entgegenführen, was ihn in seiner Seele bedrückt, er wird sich in den verschiedenartigsten Lebenslagen mit seinem Dasein abfinden können, wenn er für das Böse und die Übel den Ursprung nicht nur in der Sinneswelt, sondern vor allem in der übersinnlichen Welt weiß, sie als Keim einer besseren Zukunft erkennt, beeinflusst aus der geistigen Welt, die auch die Heimat seiner Seele ist.

[ 16 ] A genuine and spontaneous ethics is also rooted in all these things. This does not result in moral preaching—which in itself would be easy—but rather, through it, human beings come to know the source of evil and suffering in the spiritual world; and this, along with a further urge for knowledge, will lead them ever deeper and more thoroughly from the sensory world into the supersensory world, which is the cause of it all. Spiritual science is able to point out that all evil, all misfortunes, and all suffering will remain a mystery to human understanding as long as their sources are seen only in the sensory world. Only spiritual science can shed true light on human life and all human action, for it points back to the origin that does not actually exist in the sensory world, but rather teaches us to recognize evil in its true form by revealing its good origin in the spiritual world. In summary, we can express what has been said today in terms of human feeling as follows: Much in the world will remain hidden from the seeking soul that does not wish to go beyond the physical world in its search; it can easily fall into despair if it lacks the courage to penetrate to the deepest depths where life’s greatest mysteries lie hidden—to their source in the spiritual world. Spiritual science will increasingly lead people toward a solution to what weighs heavily on their souls; and they will be able to come to terms with their existence in the most diverse life situations if they understand that the origin of evil and suffering lies not only in the sensory world but above all in the supersensory world, recognizing them as the seeds of a better future, influenced by the spiritual world, which is also the home of their soul.

Fragenbeantwortung

Question and Answer

Frage: Man kann das Leben [also] nur dann verstehen, wenn die Leiden gleichmäßig verteilt sind?

Question: Can one understand life [only] if suffering is distributed evenly?

[ 17 ] Rudolf Steiner: Wenn man über Sauerstoff spricht, so darf man nicht erwarten, dass gleich alle Fragen der Chemie gelöst sein können. Das ist eine andere Frage hier: die Verteilung des Übels und des Bösen. Es gibt ja nicht nur ein Leben. Nehmen wir an, wir haben ein Bild: Mannigfaltiges ist darauf dargestellt, man deckt alles zu, nur ein Hässliches nicht: So erscheint erst, wenn die Decke wieder weggenommen wird, aus dem Ganzen erklärlich, dass gerade an der Stelle etwas Hässliches ist. [Ebenso auch gilt:] Jede Erkenntnis, wenn sie nicht bloß eine theoretische ist, ist nicht aus Freude und Lust erworben, sondern aus Leid. Die Freude ist etwas, was im Leben dankbar hingenommen wird. Nicht um Askese handelt es sich, aber wer zu einer seine ganze Seele durchdringenden Erkenntnis gekommen ist und gefragt würde: Möchtest du deine Freude oder deinen Schmerz hingeben? –, der würde antworten: Freude und Lust würde ich lassen, wenn ich nur meine Schmerzen, die ich ausgestanden habe, mir erhalten kann, denn ihnen verdanke ich die Erkenntnis. Und so führt gar vieles, von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, zu einer Rechtfertigung des Leidens und des Schmerzes.

[ 17 ] Rudolf Steiner: When speaking of oxygen, one should not expect that all questions of chemistry can be resolved at once. That is a different matter here: the distribution of evil and wickedness. After all, there is not just one kind of life. Let’s suppose we have a picture: It depicts a variety of things; everything is covered up except for one ugly thing. Only when the covering is removed does it become clear from the whole picture that there is something ugly in that very spot. [The same applies here:] Every insight—if it is not merely theoretical—is not gained through joy and pleasure, but through suffering. Joy is something that is gratefully accepted in life. This is not a matter of asceticism, but anyone who has arrived at a realization that permeates their entire soul and were asked, “Would you give up your joy or your pain?” would answer: “I would give up joy and pleasure if only I could keep the pain I have endured, for it is to that pain that I owe my realization.” And so, viewed from a higher perspective, many things lead to a justification of suffering and pain.

Frage: [Zu] Hass, Grausamkeit, Kannibalismus: Wie können sie in der jenseitigen Welt die Quellen einer guten Kraft sein?

Question: [Regarding] Hatred, cruelty, cannibalism: How can they be sources of a positive force in the afterlife?

[ 18 ] Rudolf Steiner: Das habe ich nicht gesagt, das ist mir gar nicht eingefallen! In der geistigen Welt gibt es keinen Kannibalismus, deshalb kann man da nichts entwickeln in der geistigen Welt aus dem Kannibalismus. Man kann zum Beispiel sagen: Eine philanthropische Seele würde alle möglichen guten Handlungen mit Löwenkraft vollziehen: Das wäre etwas ganz anderes; aber man darf nicht sagen, dass die Fresskraft des Löwen zum Philanthropismus wird.

[ 18 ] Rudolf Steiner: I didn’t say that; it never even occurred to me! There is no cannibalism in the spiritual world, so nothing can develop there out of cannibalism. One could say, for example, that a philanthropic soul would perform all kinds of good deeds with the power of a lion: that would be something entirely different; but one must not say that the lion’s predatory instinct becomes philanthropy.

[ 19 ] Rudolf Steiner: Hier ist eine Frage gestellt, die ich nicht verlesen soll, die ich nur mit «ja» oder «nein» beantworten soll: Nein.

[ 19 ] Rudolf Steiner: A question has been asked here that I am not supposed to read aloud, but only to answer with “yes” or “no”: No.

Frage: Was ist [nun] gut und was ist böse?

Question: What [exactly] is good, and what is evil?

[ 20 ] Rudolf Steiner: Diese Frage nach dem heutigen Vortrag zu stellen, nimmt sich doch etwas eigentümlich aus. Es ist eine Erziehungsgewohnheit der letzten Jahrhunderten dass man fragt: Was ist dieses? Was ist jenes? — Was so in diesem «Was» eigentlich enthalten sein? Man bemerkt nicht, wie kurzsinnig solche Fragen sind. Aber die Frage kann vertieft werden. So, wie die Frage gestellt ist, kann man nicht mit einer absoluten Definition antworte Aus dem Ganzen des Lebens soll man jede Erscheinung des Lebens heraus erklären. So, wenn das Gute erklärt werden soll, ja, so können wirklich viele Definitionen gefunden werden. Zum Beispiel: Das Gute ist dasjenige was sich so ins Leben hineinstellt, dass das Leben dieses Menschen am meisten gefördert wird; oder was sei eigenes Gewissen am besten befriedigt und so weiter und so weiter. Einer kann kommen und sagen, das Böse sei etwas Flüssiges, oder die Zeit, oder ein Volksstamm Darum kann es sich aber nicht handelt, ob partiell oder allgemein; man muss versuchen, es so zu erklären, wie heute getan wurde. Frage: Gut und Böse: [Gibt es keinen Unterschied]?

[ 20 ] Rudolf Steiner: Asking this question after today’s lecture seems a bit peculiar. It has been a customary practice in education over the last few centuries to ask: “What is this?” “What is that?”—But what is actually contained in this “what”? People don’t realize how short-sighted such questions are. But the question can be explored more deeply. As the question is posed, it cannot be answered with an absolute definition; every phenomenon of life must be explained within the context of life as a whole. So, if “the good” is to be explained, yes, many definitions can indeed be found. For example: Good is that which enters into life in such a way that this person’s life is most fully fostered; or that which best satisfies one’s own conscience, and so on and so forth. Someone might come along and say that evil is something fluid, or time, or an ethnic group. But that is not the point, whether considered partially or generally; one must try to explain it as was done today. Question: Good and Evil: [Is there no difference]?

[ 21 ] Rudolf Steiner: Auch mit dieser Frage ist nichts Rechtes zu machen. Die Schwerkraft, die außerordentlich heilsam ist, wenn sie die Erde um die Sonne treibt, sie kann Böses bewirken als vom Berg herabrollende Lawine. Nicht Umwertung in einer anderen Sphäre wollte der Vortrag lehren, sondern Veränderung in eine andere Sphäre [hinein]. Auch wenn die Menschen nicht wissen, was sie Böses tun, darauf kommt es nicht an: Es ist ganz gleichgültig, ob etwas bewusst oder unbewusst in der Sphäre des Abwelkens sich abspielt. Nicht eine Apologie des Bösen war der Vortrag, so als ob gesagt sein sollte: Die recht bös sind, sind die Besten, denn in ihnen sind die guten Hellseherkräfte. Es ist nicht entschieden worden: Der beste Mensch ist der große Verbrecher — sondern es ist gesagt worden: Ein «Jenseits von Gut und Böse» gibt es nicht in der sinnlichen Welt, sondern nur in der übersinnlichen Welt.

[ 21 ] Rudolf Steiner: There is no satisfactory answer to this question either. Gravity, which is extraordinarily beneficial when it propels the Earth around the Sun, can also cause harm, like an avalanche rolling down a mountain. The lecture did not intend to teach a revaluation within another sphere, but rather a transition into another sphere. Even if people do not know what evil they are doing, that is irrelevant: It makes no difference whether something takes place consciously or unconsciously within the sphere of decay. The lecture was not an apology for evil, as if to say: Those who are truly evil are the best, for in them lie the powers of true clairvoyance. It has not been asserted that the best human being is the great criminal—but it has been stated: There is no “beyond good and evil” in the sensory world, but only in the supersensory world.