Death and Immortality
in the Light of Spiritual Science
GA 69d
31 May 1911, Linz
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Death and Immortality in the Light of Spiritual Science, tr. SOL
22. Karma und Reinkarnation
22. Karma and Reincarnation
[ 1 ] Theosophie ist keine graue Theorie. Sie soll ein unmittelbarer, belebender Faktor im menschlichen Leben sein. Sie soll sich ergießen in unser gesamtes Seelenleben und soll uns Sicherheit, Hoffnungszuversicht und freudige Hingebung an die Welt und unser Leben geben.
[ 1 ] Theosophy is not a dry theory. It is meant to be a direct, invigorating force in human life. It is meant to permeate our entire inner life and to give us security, hope, confidence, and joyful devotion to the world and to our lives.
[ 2 ] Durch die Erkenntnis von Karma und Reinkarnation erwirbt man sich nicht nur Erkenntnis, sondern auch Lebenskraft und Lebenssicherheit.
[ 2 ] Through an understanding of karma and reincarnation, one gains not only knowledge, but also vitality and a sense of security in life.
[ 3 ] Unsere physischen Ereignisse hängen von geistigen Gesetzen ab, und so spielen die geistigen Gesetze in die physische Welt herein. Wie hängen Ursachen und Wirkungen zusammen? Karma ist dasjenige Gesetz, welches uns zeigt, wie das Leben zu erklären ist. Definitionen sind gar nichts wert, sie sind allein die Beschreibungen des Daseins. Man muss das gegenwärtige Karma aufsuchen von der Geburt bis zum Tode eines Menschen. Man muss die Lebensabschnitte eines Menschen betrachten.
[ 3 ] Our physical events depend on spiritual laws, and thus spiritual laws influence the physical world. How are causes and effects related? Karma is the law that shows us how to explain life. Definitions are worthless; they are merely descriptions of existence. One must examine a person’s present karma from birth to death. One must consider the different stages of a person’s life.
[ 4 ] Wir wollen ein sehr auffallendes Beispiel betrachten: Ein Jüngling ist mit seinem achtzehnten Jahre aus den gewöhnlichen Bahnen seines Lebens herausgeworfen worden und muss nun einen Beruf ergreifen. Bis jetzt hat er aus der Tasche des Vaters gelebt, nun wird er etwas Tüchtiges und wird später Dankbarkeit empfinden gegenüber dem Schicksal ...
[ 4 ] Let’s consider a very striking example: A young man, at the age of eighteen, has been thrown off the usual course of his life and must now choose a profession. Until now, he has lived off his father’s money; now he will become self-reliant and will later feel gratitude toward fate ...
[ 5 ] Oft fehlt es nicht an Liebe, aber an jener verständnisvollen Liebe, die tatkräftig ist. Aber die findet man nicht, wenn man nicht richtig denkt ...
[ 5 ] Often, it is not love that is lacking, but that kind of understanding love that takes action. But you won't find that kind of love if you don't think clearly ...
[ 6 ] Es gibt solche Lebensknoten, die sehr verstohlen auftreten. Da muss man frühere mit späteren Lebensabschnitten vergleichen.
[ 6 ] There are certain turning points in life that occur very subtly. In such cases, one must compare earlier stages of life with later ones.
[ 7 ] Das wissen Sie alle, dass einen nichts so sehr freut, als wenn man sich im späteren Alter erinnert, dass man in der Jugend etwas aus dem tiefsten Grund der Seele hat verehren dürfen. Solche Stimmungen wandeln sich im späteren Leben zur Erkenntnis, sie tragen Früchte und erzeugen in uns die Begabung zum Lieben, zum fruchtbaren Lieben. Unsere Schwärmereien erhalten uns jung. Diejenigen, die lange verehren durften, erhalten sich leichter jung. Wenn man in der Jugend zum Beispiel andächtig zu sein gelernt hat, wenn man oft in die Lage gekommen ist, seinen Blick nach oben zu richten, dann kommt das in einer ganz bestimmten Weise im Alter zurück. Andächtige Menschen haben eine ganz bestimmte Gabe; sie verbreiten eine Atmosphäre von Glück und segnender Kraft. Eine andächtige Kindheit – ein segnendes Greisenalter. Keine Hand wird segnen im Greisenalter, die nicht andächtig in der Kindheit die Hände gefaltet hat. Es besteht eine ganz bestimmte Regelmäßigkeit: Was wir in unseren ersten sieben Jahren gefühlt haben, kommt in den letzten sieben Jahren wieder; in der Mitte ist ein Knotenpunkt, das Spätere erscheint früher. Selten nimmt man heute bei der Lebensbetrachtung von Menschen Rücksicht auf diese Regelmäßigkeit. Das kann man beobachten beim Lesen von Selbstbiographien. Es gibt da meist nur eine trockene Art der Lebensbetrachtung. Dass Stimmungen früherer Tage in späteren Früchte tragen, ist den meisten neu.
[ 7 ] You all know that nothing brings greater joy than recalling in later life that, in your youth, you were able to revere something from the deepest recesses of your soul. Such feelings transform into insight in later life; they bear fruit and cultivate within us the capacity to love—to love fruitfully. Our passions keep us young. Those who have been able to revere something for a long time find it easier to stay young. If, for example, one has learned to be devout in one’s youth—if one has often found oneself in a position to lift one’s gaze upward—then this returns in a very specific way in old age. Devout people possess a very special gift; they radiate an atmosphere of happiness and blessing. A devout childhood—a blessed old age. No hand will bestow a blessing in old age that did not fold its hands in devotion during childhood. There is a very specific pattern: what we felt in our first seven years returns in the last seven; there is a turning point in the middle, and what comes later appears earlier. Rarely does one take this pattern into account today when reflecting on people’s lives. This can be observed when reading autobiographies. There is usually only a dry, matter-of-fact approach to reflecting on one’s life. The fact that the moods of earlier days bear fruit later in life is new to most people.
[ 8 ] Es gibt ein schönes Beispiel, einen Menschen neu zu betrachten – ich meine die Selbstbiografie Richard Wagners.
[ 8 ] There is a wonderful example of looking at a person in a new light—I’m referring to Richard Wagner’s autobiography.
[ 9 ] Wir sehen schon im gewöhnlichen Leben, wie die Ursache hinüberwirkt ins spätere Leben, wie Andacht der Jugend zur Segensgewalt im Alter wird. Es kann eine solche Kraft, die wir uns erwerben, dann im Alter in voller Kraft zum Ausdruck kommen. Später werden das die Menschen besser sehen, jetzt sind nur Andeutungen vorhanden.
[ 9 ] Even in everyday life, we can see how the causes of the present carry over into later life, how devotion in youth becomes a source of blessing in old age. Such strength, which we acquire for ourselves, can then be expressed in its full power in old age. People will see this more clearly later on; for now, there are only hints of it.
[ 10 ] Wir wirken mit unserem Leib. Unser Körper ist das Werkzeug des Geistes. Doch hat er seine Grenzen, und in diesem Leben müssen wir dieses Werkzeug so lassen, wie esist...
[ 10 ] We act through our bodies. Our body is the tool of the mind. Yet it has its limits, and in this life we must accept this tool as it is...
[ 11 ] Diese Kraft bildet Werkzeuge für ein künftiges Leben, die in diesem nur angedeutet sind ...
[ 11 ] This power shapes the tools for a future life, which are only hinted at in this one ...
[ 12 ] Die heutige Wissenschaft unterscheidet Empfindungs- und Bewegungsnerven. Es gibt aber keine Bewegungsnerven. Die Muskeln werden vom Astralleib bewegt. Die sogenannten Bewegungsnerven sind nur dazu da, damit wir unsere eigenen Bewegungen empfinden. Was wirkt im Astralleib? Der Weltenton, der nicht als Ton zum Bewusstsein kommt, sondern als Bewegung. Er wird da als Wirkung aufgefasst, wo er die Ursache ist.
[ 12 ] Modern science distinguishes between sensory and motor nerves. However, there are no motor nerves. The muscles are moved by the astral body. The so-called motor nerves exist solely so that we can perceive our own movements. What is at work in the astral body? The world tone, which does not reach consciousness as a tone, but as movement. It is perceived as an effect where it is the cause.
[ 13 ] Es hängt umso mehr von uns selber ab, je mehr wir die Idee des Karma in uns lebendig machen. Die Idee des Karma ist als etwas Natürliches in der Natur angedeutet. Ein jedes Wesen bestimmt sich seine Umgebung durch seine Natur. Das Edelweiß wächst nur in der ihm passenden Gegend. Dass wir mit diesem oder jenem Menschen zusammenkommen, ist so für uns selbstverständlich, denn wie das Edelweiß suchen wir uns unsere Umgebung aus.
[ 13 ] The more we bring the idea of karma to life within ourselves, the more it depends on us. The idea of karma is implied as something natural in the natural world. Every being determines its environment through its nature. The edelweiss grows only in the habitat that suits it. The fact that we come together with this or that person is just as natural to us, for, like the edelweiss, we choose our own environment.
[ 14 ] Nehmen wir an, wir hätten in irgendeinem Leben mit einem Menschen zusammengelebt und wir hätten ihm ein Unrecht getan. Bleibt es nun wirklich nur dabei, dass wir ihm dieses Unrecht getan haben? Wir haben vielleicht einen Stein nach ihm geworfen und wären, wenn wir dieses Unrecht nicht getan hätten, ein anderer Mensch geworden. Es entsteht in uns ein Impuls der Sehnsucht, in der Welt etwas zu tun, was dieses Hindernis beseitigt, und dieser Impuls bildet nun auch die Kraft, mit diesem Menschen im künftigen Leben wieder zusammenzukommen. Sehnsucht gehört zu den wirklich den Körper bildenden Kräften. Eine solche Kraft oder magische Sehnsucht treibt uns mit diesem Menschen zusammen. So werden ganze Reihen von Beziehungen geschaffen, wohin uns die Sehnsucht getrieben hat, mit diesem Menschen zusammenzutreffen.
[ 14 ] Let’s suppose that in some past life we lived with a person and wronged him. Is that really all there is to it—that we wronged him? Perhaps we threw a stone at them, and if we hadn’t committed that wrongdoing, we would have become a different person. A longing arises within us to do something in the world that removes this obstacle, and this longing now also becomes the force that brings us back together with this person in a future life. Longing is one of the forces that truly shape the body. Such a force—or magical longing—drives us together with this person. In this way, entire chains of relationships are created wherever our longing has driven us to meet this person.
[ 15 ] Wir müssen uns klar darüber sein, dass wir im Leben an unendlich Vielem vorübergehen, das wir gar nicht bemerken. Der Mensch geht an unendlich Vielem vorüber, wofür der Grad seines Interesses sehr verschieden ist. Bei genauerer Lebensbeobachtung bemerken wir die Tatsache, dass man oft von solchen Dingen träumt, die man beim Tagwachen verschlafen hat. Die Seele steht in einer ganz anderen Weise mit der Welt in Verbindung als unser Bewusstsein. Die Seele erlebt im Traum mit besonderer Deutlichkeit, was sie hier nicht bewusst erlebt. Und oft, wenn wir glauben, mit Menschen, die uns begegnen, nichts zu tun zu haben, ist das nur ein Trugbild ...
[ 15 ] We must realize that in life we pass by an infinite number of things that we do not even notice. People pass by an infinite number of things, and the degree of their interest in them varies greatly. Upon closer observation of life, we notice that we often dream about things we missed while awake. The soul is connected to the world in a completely different way than our consciousness is. In dreams, the soul experiences with particular clarity what it does not consciously experience here. And often, when we believe we have nothing to do with the people we encounter, that is merely an illusion ...
[ 16 ] Es gibt Menschen, die es als besondere Grausamkeit empfinden, wieder und wieder kommen zu müssen auf diese Welt. Solchen Menschen hat man einfach zu sagen, dass es, wenn er auch heute nicht wiederkommen will, doch keine Grausamkeit ist, sondern ein Trost, der uns das Leben lebenswert macht. Einem ganz Trostlosen kann die Theosophie momentan nicht helfen. Aber darauf kommt es ja schließlich nicht an, dass wir in die Lage kommen, unserer Seele Glücksmomente zu verschaffen ...
[ 16 ] There are people who find it particularly cruel to have to return to this world again and again. To such people, one must simply say that even if they do not wish to return today, it is not cruelty, but rather a comfort that makes life worth living. Theosophy cannot help someone who is utterly without hope at the moment. But ultimately, it is not a matter of our being able to provide our souls with moments of happiness...
[ 17 ] Wenn diese aber zu Impulsen geworden sind, dann kommen die Momente, wo wir uns zurückziehen. Es kommt nicht darauf an, dass wir uns in einem Momente des Schmerzes trösten, sondern dass wir uns überhaupt einmal trösten können. Das Karma erhebt uns so, dass wir, wenn wir auch noch so Schweres im Leben durchzumachen haben, eine einsame Höhe erreichen. Theosophie bleibt nicht Theorie, sie wird Leben ...
[ 17 ] But once these have become impulses, there come moments when we withdraw. What matters is not that we comfort ourselves in a moment of pain, but that we are able to comfort ourselves at all. Karma elevates us in such a way that, no matter how difficult our life’s trials may be, we reach a solitary height. Theosophy does not remain a theory; it becomes life ...
[ 18 ] Ehe man fragt, was allgemeine Menschenliebe ist, kann die Frage aufgeworfen werden, was überhaupt Liebe ist. Diese Frage, was wahrhaft Liebe ist, ist am allerschwersten zu beantworten. Auf diese Frage weiß man gewöhnlich keine Antwort ...
[ 18 ] Before asking what universal love for humanity is, one might first ask what love actually is. This question—what true love is—is the very hardest to answer. People usually have no answer to this question ...
[ 19 ] Es ist eine Tatsache, dass es wichtiger ist, den Ofen zu heizen, als ihn nur um Wärme zu bitten. Schopenhauer sagt: «Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.» Der Seele Heizmaterial zu geben, das ist die Hauptsache; das wandelt sich dann um in Kraft. Das Heizmaterial ist die Gedankenkraft, womit wir unsere Seele erfüllen.
[ 19 ] It is a fact that it is more important to stoke the fire than merely to ask it for warmth. Schopenhauer says: “Preaching morality is easy; justifying it is difficult.” Providing the soul with fuel—that is the main thing; it then transforms into strength. This fuel is the power of thought with which we fill our soul.
[ 20 ] Die Liebe ist die unmittelbar befruchtende Kraft, die wir in die Seele träufeln. Das Heiligste ist der Name der göttlichen Liebe; deshalb scheuen sich auch die Theosophen, davon zu sprechen ...
[ 20 ] Love is the directly life-giving force that we instill into the soul. The Most Holy is the name of divine love; that is why even theosophists are reluctant to speak of it ...
[ 21 ] Wir kommen nicht eher ein zweites Mal, als bis wir die Kräfte des ersten Lebens verarbeitet haben. Denn nicht nur als Menschen rücken wir vor; wie sich die physische Welt ändert, so ist es auch mit dem geistigen Leben. Jedes Mal nehmen wir ein neues Pensum mit, man fängt nicht jedes Mal von vorne an. Es gibt in Bezug auf die Art, wie wir in dieser Welt leben, auch andere Zeiten. Da gab es Zeiten, wo man außerordentlich viel für das innere Seelenleben tat. In der Zeit nach dem dritten und vierten Jahrhundert nach Christus bis zur Reformation wurde in Bezug auf die äußerliche Kultur fast nichts geleistet. Auch das sechzehnte Jahrhundert brachte keine neuen Ideen auf die Welt. Die große Masse der Menschen lebte ganz hingegeben an das Leben der Außenwelt. Das wirkt auf die Seelen. Was würde mit den Seelen der Menschen geschehen, wenn nur die Außenwelt auf die Menschen wirken würde? Es würde von diesem Leben gar nichts in das künftige Leben mit hinübergenommen werden. Für solche Seelen ist es notwendig, den Gegenpol aufzusuchen ...
[ 21 ] We do not return a second time until we have processed the experiences of our first life. For we do not merely progress as human beings; just as the physical world changes, so too does spiritual life. Each time, we carry forward a new set of lessons; we do not start from scratch every time. There have also been other eras in terms of how we live in this world. There were times when an extraordinary amount was done for the inner life of the soul. In the period from the third and fourth centuries A.D. until the Reformation, almost nothing was accomplished in terms of external culture. Nor did the sixteenth century bring any new ideas into the world. The vast majority of people lived completely devoted to the life of the outer world. This has an effect on the souls. What would happen to people’s souls if only the outer world were to influence them? Nothing at all from this life would be carried over into the life to come. For such souls, it is necessary to seek out the opposite pole ...
[ 22 ] Dasjenige, was der Einzelne für sich erobert, erobert er für die ganze Menschheit.
[ 22 ] What the individual achieves for himself, he achieves for all of humanity.
