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Spiritual Science
and the Future of Humanity
GA 69e

8 January 1912, Munich

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Spiritual Science and the Future of Humanity, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaft und die geistigen Ziele unserer Zeit

4. Wie widerlegt man Theosophie?

4. How Does One Refute Theosophy?

[ 1 ] Aus den Vorträgen, die ich nun im Laufe einer ganzen Reihe von Jahren hier halten durfte, wird ersichtlich geworden sein, dass jener Weltanschauung, aus der heraus der Inhalt dieser Vorträge geschöpft wurde, eine ganz bestimmte, man könnte sagen, Gesinnung zugrunde liegt, oder wenigstens, dass mit jener Weltanschauung mindestens eine derartige Gesinnung verknüpft ist, die dahin näher umgrenzt werden kann, indem man sagt: Es ist ein richtiger Vortrag innerhalb der Theosophie oder Geisteswissenschaft nicht möglich, wenn die Seele nicht durchdrungen ist von einer gewissen Toleranz gegenüber einem jeglichen Weltanschauungssystem, einer inneren Toleranz, die einer jeden Art von Weltanschauung ein hingebungsvolles Verständnis entgegenbringen kann. Denn die eigentliche Gedankenrichtung, die innerhalb der Geisteswissenschaft in Betracht kommt, hat nur einen Sinn, wenn sie entfernt gehalten wird von alledem, was man Fanatismus und Sektiererei nennen kann. Etwas Derartiges ist in unserer heutigen Zeit so verbreitet, dass, wenn jemand von seinem Gesichtspunkte aus die Welt betrachtet, er die Meinung hegt, jeder mit anderer Gedankenrichtung müsse ein Tropf, ein Dummkopf sein, oder es müsse ihm wenigstens am ernsten Wahrheitssinn oder an Erkenntnisfähigkeit und Gewissenhaftigkeit fehlen. Schon aus äußeren Gründen wäre es schlimm, wenn die Theosophie solchen fanatischen Gesinnungen huldigen würde, weil zugegeben werden muss, dass bei tieferem Eindringen viel Geduld und Zeit notwendig ist, um die theosophische Weltanschauung allseitig und gründlich zu erfassen, sodass ein großer Teil derjenigen unserer Zeitgenossen, welche sich ihre Überzeugung aus der Geisteswissenschaft oder Theosophie heraus holen, das keineswegs aus gründlicher Erkenntnis aller zugrunde liegenden Wahrheitsprinzipien möglich machen, sondern begreiflicherweise ihre Überzeugung aus gewissen Gefühls- und Empfindungsinteressen heraus in sich bilden. Auch diesen Letzteren soll damit eine Berechtigung nicht abgesprochen werden! Dazu hat selbstverständlich für sich jeder ein persönliches Recht, aber es ist ebenso selbstverständlich unmöglich, die Weltanschauung der Geisteswissenschaft gründlich zu verteidigen, wenn die Überzeugung nur auf diesem Wege gewonnen ist. Da außerdem das Einleben in die Geisteswissenschaft von Grund auf nur durch schwieriges, hingebungsvolles Arbeiten möglich ist, so wird es begreiflich, dass ein Teil unserer Zeitgenossen sich von der Theosophie zurückgestoßen fühlt, und das sind in der Regel nicht die Leute mit dem schlechtesten Wahrheitssinn.

[ 1 ] From the lectures I have been privileged to deliver here over the course of many years, it will have become apparent that the worldview from which the content of these lectures was drawn is based on a very specific—one might say—attitude, or at least that this worldview is linked to at least one such attitude, which can be more precisely defined by saying: A true lecture within theosophy or spiritual science is not possible unless the soul is imbued with a certain tolerance toward any and all worldview systems—an inner tolerance capable of offering devoted understanding to every kind of worldview. For the actual line of thought that is relevant within spiritual science has meaning only if it is kept at a distance from everything that might be called fanaticism and sectarianism. Such attitudes are so widespread in our time that when someone views the world from their own perspective, they come to believe that anyone with a different way of thinking must be a fool or a simpleton, or must at least lack a serious sense of truth, the capacity for insight, or conscientiousness. Even for external reasons alone, it would be unfortunate if Theosophy were to indulge in such fanatical attitudes, because it must be acknowledged that, upon deeper examination, a great deal of patience and time is required to grasp the theosophical worldview comprehensively and thoroughly; thus, a large portion of our contemporaries who derive their convictions from spiritual science or Theosophy do not by any means base this on a thorough understanding of all the underlying principles of truth, but rather, understandably, form their convictions from certain emotional and sentimental interests. Nor should the latter group be denied any justification for this! Of course, everyone has a personal right to do so, but it is equally obvious that it is impossible to thoroughly defend the spiritual science worldview if one’s convictions have been gained solely in this way. Furthermore, since becoming truly immersed in spiritual science is fundamentally possible only through difficult, devoted work, it becomes understandable that some of our contemporaries feel repelled by theosophy—and these are generally not the people with the poorest sense of truth.

[ 2 ] Begreiflich müssen wir es finden, dass, wie die Dinge nun einmal stehen, diejenigen unserer Zeitgenossen, welche ihre Überzeugung aus der Wissenschaft und Kultur holen, Schwierigkeiten über Schwierigkeiten haben werden, um zur Theosophie zu kommen; gerade solchen Menschen türmen sich Widerlegungen und Widersprüche in Menge auf gegenüber dem, was ihnen als Theosophie entgegentritt. Da aber vom bösen Willen sprechen zu wollen, wäre entgegen der Toleranz, welche die Theosophie allezeit üben soll. Daher soll es die Aufgabe des heutigen Abends sein, ein Bild davon zu geben, welche Zweifel sich dem ehrlichen Wahrheitssucher entgegenstellen können, wenn er an die Theosophie herankommt, und sodann die des Vortrags von übermorgen – «Wie begründet man Theosophie?» –, wie solche Zweifel aus dem Wege geräumt werden können.

[ 2 ] We must understand that, given the current state of affairs, those of our contemporaries who draw their convictions from science and culture will face difficulty upon difficulty in coming to theosophy; it is precisely for such people that refutations and contradictions pile up in great numbers against what they encounter as Theosophy. However, to speak of ill will would be contrary to the tolerance that Theosophy should always practice. Therefore, the task of this evening shall be to provide a picture of the doubts that may confront the honest seeker of truth when he approaches theosophy, and then, in the lecture the day after tomorrow—“How Does One Justify Theosophy?”—to show how such doubts can be dispelled.

[ 3 ] Wenn auch der heutige Vortrag scheinbar einen befremdlichen Charakter trägt, so rührt das eben daher, dass er bestimmt ist, sich auf den Standpunkt des Gegners zu stellen und seine begründeten Zweifel und Widerlegungen in einzelnen Hauptzügen vorzubringen. Damit wird auch am allerbesten dasjenige erreicht werden, was gezeigt werden soll, dass nämlich die Einwände der Gegner so ernst genommen werden sollen als möglich. Ich will dabei nicht meine Meinung vertreten, sondern den ernsten Versuch machen, mich vollständig auf den Standpunkt des Gegners zu stellen, ohne jene leichtgeschürzten Einwände zu berühren, welche schon dadurch erledigt sind, dass man sagt, der Gegner solle eben die Theosophie genauer kennenzulernen versuchen. Also nicht der Unreife will ich mich zuwenden, sondern denjenigen Bedenken, die sich all denen wirklich aufdrängen, die aus der Kultur der Gegenwart heraus von der theosophischen Weltanschauung Kenntnis nehmen wollen und dann nicht mit der Theosophie mitgehen können, da sie sonst mit allem brechen müssten, was aus der Kultur der Gegenwart sich ergibt, einer Kultur, deren Gründe sich ihnen scheinbar nicht widerlegen lassen, die vielmehr berechtigte und allseitig gerechtfertigte Einwände erheben muss, welche die Theosophie als solche anerkennen müsse, ohne sie in gleichem Maße widerlegen zu können.

[ 3 ] Even if today’s lecture may seem somewhat strange, this is precisely because it is intended to adopt the opponent’s point of view and to present, in broad strokes, his well-founded doubts and rebuttals. This is also the very best way to achieve what is intended to be demonstrated—namely, that the opponents’ objections should be taken as seriously as possible. I do not intend to advocate my own opinion here, but rather to make a serious attempt to place myself entirely in the opponent’s position, without touching upon those flimsy objections that are already dismissed simply by saying that the opponent should simply try to become more thoroughly acquainted with theosophy. Thus, I do not wish to address immaturity, but rather those reservations that genuinely present themselves to all those who, coming from contemporary culture, wish to acquaint themselves with the theosophical worldview and yet cannot go along with Theosophy, since they would otherwise have to break with everything that arises from contemporary culture—a culture whose foundations they apparently cannot refute, but which must rather raise legitimate and comprehensively justified objections that Theosophy must acknowledge as such, without being able to refute them to the same extent.

[ 4 ] Daher möchte ich zunächst einen Extrakt der theosophischen Weltanschauung vor Ihre Seele stellen, in der Art, wie jene schon in vielen Vorträgen möglichst eingehend begründet worden ist. Zunächst finden Sie in der Theosophie die Annahme einer übersinnlichen Welt hinter der Sinnes- und Verstandeswelt, sodann beruft sich die Theosophie auf gewisse Forschungsmethoden, abweichend von dem, was in unserer Zeit die Methoden des Forschens und Denkens lehren. Die Sinneswelt, so sagt man, lehre, dass sie aus sich selbst erklärbar sei und zu diesem Zweck keine übersinnliche Welt dahinter zu suchen brauche. Oder es wird von anderen die Meinung ausgesprochen, dass hinter der Sinnenwelt wohl eine übersinnliche angenommen werden müsse, in die der Mensch aber nicht eindringen könne, daher seien Erkenntnisgrenzen anzunehmen.

[ 4 ] Therefore, I would first like to present to you an overview of the theosophical worldview, in the same way that it has already been explained in as much detail as possible in many lectures. First, you will find in Theosophy the assumption of a supersensible world beyond the world of the senses and the intellect; second, Theosophy draws upon certain methods of inquiry that differ from what is taught in our time as the methods of research and thought. The sensory world, it is said, teaches that it can be explained from within itself and that, for this purpose, there is no need to seek a supersensible world behind it. Or others express the opinion that, while a supersensible world must indeed be assumed to lie behind the sensory world, human beings cannot penetrate it; therefore, limits to knowledge must be accepted.

[ 5 ] Die Theosophie betont, dass der Mensch mit seinem gewöhnlichen Bewusstsein auf die äußere Verstandeswelt angewiesen sei und außer dieser auf die der inneren Seelenbeobachtung, dass es aber ferner möglich sei, das innere Seelenleben zu hoher Entwicklung zu bringen. Wenn dieses durch gewisse innere Übungen geschieht, so tritt dem in rechter Weise und mit genügender Nachhaltigkeit Übenden beim Entwickeln seiner seelisch-geistigen Organe aus dem Tiefen des Seelenlebens eine hohe übersinnliche Welt entgegen, sodass der ausreichend vorgeschrittene Forscher auf dem Gebiete der Geisteswelt Tatsachen übersinnlicher Art erkennen kann. Dann wird ein solcherweise entwickelter Mensch imstande sein, über das Wesen des Menschen anders zu denken, als das gewöhnliche Bewusstsein es vermag, das ja nur den sinnlich wahrnehmbaren Teil in der Umwelt erkennen kann.

[ 5 ] Theosophy emphasizes that, with ordinary consciousness, human beings are dependent on the external world of the intellect and, beyond that, on inner soul observation; however, it also states that it is possible to bring the inner life of the soul to a high level of development. When this is achieved through certain inner exercises, those who practice correctly and with sufficient perseverance will, as they develop their soul-spiritual faculties, encounter a higher supersensible world emerging from the depths of the soul’s life, so that the sufficiently advanced researcher in the realm of the spiritual world can perceive facts of a supersensible nature. Then a person developed in this way will be able to think about the nature of the human being in a different way than ordinary consciousness is capable of, since the latter can perceive only the sensually perceptible part of the environment.

[ 6 ] Nun spricht aber die Theosophie davon, dass mit dem erhöhten Bewusstsein noch drei übersinnliche Teile am Menschen selbst erkannt werden können. Nämlich es wirke im physischen Menschenleibe noch der «Ätherleib» als der eigentliche Beleber und Gestalter des physischen Leibes, der auch im Tiere und selbst noch in der Pflanze zu finden ist und dahin arbeitet, dass die den äußeren Leib zusammensetzenden Stoffe nicht den ihnen sonst innewohnenden Kräften und Gesetzen folgen, solange sie im Organismus unter dem Einfluss des Ätherleibes stehen, sondern erst nach dem Tode, wenn sie sich wieder selbst überlassen sind. Ein drittes Glied der Menschennatur kennt die Theosophie oder Geheimwissenschaft im sogenannten Astralleibe; jedes Lebewesens, das Bewusstsein entwickelt, tut dieses durch die Kräfte des astralischen Leibes, der den physischen und ätherischen Leib durchzieht, den wir wohl bei Menschen und Tieren, nicht aber bei den Pflanzen finden. Die Menschennatur hat nun noch ein viertes Glied, das sogenannte Ich, das den Menschen aus der Tierheit emporhebt und ihn hierdurch geradezu als Krone der Erdenschöpfung hinstellt.

[ 6 ] Theosophy, however, teaches that with heightened consciousness, three more supersensory aspects of the human being can be recognized. Namely, the “etheric body” is still at work within the physical human body as the actual animator and shaper of the physical body; it is also found in animals and even in plants, and works to ensure that the substances comprising the outer body do not follow the forces and laws otherwise inherent in them, as long as they remain under the influence of the etheric body within the organism, but only after death, when they are once again left to their own devices. Theosophy, or the secret science, recognizes a third aspect of human nature in the so-called astral body; every living being that develops consciousness does so through the forces of the astral body, which permeates the physical and etheric bodies—a body we find in humans and animals, but not in plants. Human nature now has a fourth component, the so-called “I,” which elevates the human being above the animal realm and thereby establishes him as the very crown of earthly creation.

[ 7 ] Durch weitere Verfolgung und tieferes Eindringen in die Menschen-Erkenntnis geht hervor, dass der Mensch sich beim Wachen wesentlich unterscheidet vom Schlafenden; die Geisteswissenschaft lehrt, bei Letzterem trenne sich vom physischen und ätherischen Leibe der astralische Leib mit dem Ich, und diese letzteren beiden gingen in die geistige Welt. Aber in dieser Welt sind dann beide von Finsternis umgeben vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da für den normal entwickelten Menschen ohne seine physisch-ätherischen Werkzeuge und ohne das Werkzeug seines Verstandes nichts, und mit diesen nur in der physischen Welt etwas wahrnehmbar ist, weil er noch keine Organe zum Erkennen der geistigen Welt besitzt.

[ 7 ] Further investigation and a deeper exploration of human nature reveal that a waking person differs significantly from a sleeping one; spiritual science teaches that, in the latter case, the astral body, together with the “I,” separates from the physical and etheric bodies, and these latter two enter the spiritual world. But in this world, both are then surrounded by darkness from the moment of falling asleep until waking, since for the normally developed human being, nothing is perceptible without his physical-etheric instruments and without the instrument of his intellect, and with these, only something in the physical world is perceptible, because he does not yet possess organs for perceiving the spiritual world.

[ 8 ] In dieser Auffassung des Wachens weist die Geisteswissenschaft darauf hin, dass alles, was der Mensch erlebt hat vermittels seiner Sinne in seinem Verstande, was ihm zugestoßen ist als Glück und Unglück, sich in seiner Seele abgelagert hat, die es durch die Pforte des Todes trägt in den höheren geistigen Gliedern der menschlichen Wesenheit. Diese bleiben dem Menschen in einer gewissen Weise erhalten, nämlich als Ich, astralischer Leib und als Extrakt des ätherischen Leibes. Mit diesen Wesensgliedern macht der Mensch nach dem Tode seine Erlebnisse durch in der geistigen Welt, in der er dann aus allem Kräfte sammelt und diese in eigenartiger Weise verarbeitet, um dann nach längerer oder kürzerer Zeit wieder in einen physischen Leib einziehen zu können, der ihm innerhalb der Vererbungslinie zur Verfügung gestellt wird. Hierdurch wird er gewisse Eigenschaften von den Eltern erhalten, aber die wesentlichen Fähigkeiten werden in ihn, das heißt in seinen physischen Körper und die nächsthöheren Glieder, von seinem eigenen geistig-seelischen Wesenskern hineingebildet, der in seinem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in der rein geistigen Welt, unter anderen als den physisch-irdischen Bedingungen, seine weiteren Erlebnisse hatte, die dazu führten, ihn Kräfte entwickeln zu lassen, die ihn zu einem neuen Erdenleben geeignet machten. Alles, was der Mensch an wichtigen Gedanken, an Trieben und Empfindungen erlebt hat, wirkt in ein neues Leben hinüber, sodass dieses in seiner Eigentümlichkeit teilweise eine Folge des oder der früheren Leben ist.

[ 8 ] In this conception of wakefulness, spiritual science points out that everything a person has experienced through their senses in their mind—everything that has befallen them, whether good fortune or misfortune—has been imprinted in their soul, which carries it through the gateway of death into the higher spiritual members of the human being. These are preserved in a certain way—namely, as the “I,” the astral body, and the essence of the etheric body. With these aspects of the being, a person relives their experiences after death in the spiritual world, where they then gather strength from everything and process it in a unique way, so that after a longer or shorter period of time they may once again enter a physical body made available to them through their hereditary line. Through this, they will inherit certain characteristics from their parents, but their essential abilities will be formed within them, that is, into his physical body and the next higher constitutive elements, shaped by his own spiritual-soul core, which, during his life between death and a new birth—in the purely spiritual world, under conditions different from those of the physical-earthly realm—had further experiences that led him to develop powers making him suitable for a new earthly life. Everything a person has experienced in terms of important thoughts, impulses, and feelings carries over into a new life, so that this life, in its uniqueness, is in part a consequence of one or more previous lives.

[ 9 ] Die verschiedenen Glieder der Menschennatur gehören mehreren Welten an; das Geistig-Seelische ist früheren Ursprungs als der physisch-ätherische Teil, sodass wir davon sprechen können, eine geistig-seelische Welt sei der physischen vorangegangen, die gleichsam eine frühere Verkörperung unseres Erdenplaneten ist. Auf dieses und noch manches andere sowie auf die zukünftigen Gestaltungen desselben müssen wir unseren Blick richten, um eine Vorstellung von dem Grundstock der theosophischen Wissenschaft zu bekommen.

[ 9 ] The various aspects of human nature belong to different worlds; the spiritual-soul aspect is of earlier origin than the physical-etheric aspect, so that we can say a spiritual-soul world preceded the physical world, which is, as it were, an earlier incarnation of our Earth. We must direct our gaze to this and many other aspects, as well as to its future forms, in order to gain an understanding of the foundation of theosophical science.

[ 10 ] Wenn nun ein Mensch mit ernstem wissenschaftlichem Sinn an solche Vorstellungen herantritt, so wird er den Eindruck bekommen, als sei hier alles auf den Kopf gestellt, was die Geisteskultur und Wissenschaft der letzten Jahrhunderte erforscht haben, so zum Beispiel die Tatsache, von der die Theosophie spricht, dass der physische Leib in allen seinen Organen von einem Ätherleib durchzogen sei, der als Träger des Lebens angesehen wird. Muss da nicht jeder, der sich in die Wissenschaft, besonders die des letzten und vorletzten Jahrhunderts, vertieft hat, sagen, die Theosophie stelle sich mit einer solchen Anschauung auf einen dilettantischen Standpunkt, der durch nichts begründet sei, denn was sei dieser Ätherleib anderes als das Wiederaufleben der Lebenskraft, mit der man seit dem achtzehnten Jahrhundert gebrochen habe? Die chemischen Verbindungen, Mischungen und Trennungen erklären sich aus den Kräften, die sich in der Chemie und Physik erkennen lassen! Außer diesen sieht man noch gewisse Stoffverbindungen auftreten, die man nur im lebendigen Organismus sich bilden sieht, nicht in der äußeren, nicht-organischen Natur; daher sagte man früher, es finde sich im lebendigen Organismus eine Lebenskraft, welche die Organe desselben in eigentümlicher Art durchsetze.

[ 10 ] If a person with a serious scientific mindset approaches such ideas, they will get the impression that everything that intellectual culture and science have explored over the past few centuries has been turned upside down—for example, the fact that Theosophy teaches that the physical body, in all its organs, is permeated by an etheric body, which is regarded as the carrier of life. Must not everyone who has delved deeply into science—especially that of the last and penultimate centuries—say that, with such a view, Theosophy adopts an amateurish standpoint that is not grounded in anything, for what is this etheric body other than a revival of the life force that has been rejected since the eighteenth century? Chemical compounds, mixtures, and separations can be explained by the forces observable in chemistry and physics! In addition to these, one observes certain chemical compounds that are formed only within living organisms, not in the external, non-organic natural world; hence it was once said that there exists within the living organism a life force that permeates its organs in a unique way.

[ 11 ] Ein Fortschritt der Wissenschaft ist im neunzehnten Jahrhundert bei Liebig und bei Wöhler erfolgt, nämlich darin, dass diese beiden Forscher solche Stoffverbindungen, die sich scheinbar nur im lebenden Organismus bilden konnten, auch in ihren Laboratorien herstellten, ohne die angebliche Lebenskraft des Organismus in Anspruch zu nehmen. Was war nun natürlicher, als dass man glaubte, annehmen zu müssen, nachdem einmal solche Stoffverbindungen außerhalb des Organismus hergestellt waren, dass sie auch innerhalb des lebenden Organismus ohne die Mitwirkung der angenommenen Lebenskraft zustande gekommen seien? Wenn die Wissenschaft genügend weit entwickelt wäre, so stünde der Annahme schon jetzt nichts entgegen, dass auch in der Zukunft noch weitere, kompliziertere Stoffe dargestellt werden könnten, und zwar im Laboratorium, ohne Anwendung der sogenannten Lebenskraft.

[ 11 ] A scientific breakthrough occurred in the nineteenth century through the work of Liebig and Wöhler, namely that these two researchers succeeded in synthesizing, in their laboratories, chemical compounds that were thought to form only within living organisms—without relying on the organism’s supposed “vital force.” What could be more natural, then, than to believe—once such compounds had been produced outside the organism—that they must also have come into being within the living organism without the involvement of the supposed vital force? If science were sufficiently advanced, there would be nothing to prevent us from assuming even now that further, more complex substances could be produced in the future—in the laboratory, without the application of the so-called life force.

[ 12 ] Bei weiterer Fortführung dieses Gedankenganges musste dann die Überzeugung endlich Platz greifen, dass der lebendige Organismus auch nur solche Kräfte in sich berge, wie sie auch in der äußeren Natur zu finden sind, sodass sich bei genügenden wissenschaftlichen Fortschritten auch zunächst einfach organisierte Lebewesen würden darstellen lassen! Dabei ist ohne Weiteres zuzugeben, dass es kein Einwand gegen die spätere Möglichkeit solcher Hoffnungen ist, wenn diese Möglichkeit zurzeit noch nicht vorhanden ist. Was also sei der Ätherleib der Theosophie anderes als eine Herübernahme der von der Wissenschaft längst abgelehnten Lebenskraft, was zeige sich anderes, als dass die Theosophie die oben angedeutete Tragweite der wissenschaftlichen Entdeckungen und die daran geknüpften begründeten Aussichten nicht kenne? Nichts als pures Laientum, nur Dilettantismus sei die Annahme eines Äther- oder Lebensleibes.

[ 12 ] As this line of thought was pursued further, the conviction finally took hold that a living organism contains only those forces that are also found in the external natural world, so that, with sufficient scientific progress, even simply organized living beings could be explained! It must be readily admitted, however, that the fact that such a possibility does not yet exist does not preclude the possibility of such hopes in the future. What, then, is the etheric body of Theosophy other than a rehashing of the life force long rejected by science? What does this reveal other than that Theosophy is unaware of the scope of scientific discoveries indicated above and the well-founded prospects associated with them? The assumption of an etheric or vital body is nothing but sheer ignorance, mere dilettantism.

[ 13 ] Dieser Einwand ist vollauf berechtigt aus unserer Geisteskultur heraus, und ein ernster Wissenschaftler kann nicht leichten Herzens über diesen Einwurf hinwegkommen.

[ 13 ] This objection is entirely justified from the perspective of our intellectual tradition, and a serious scholar cannot dismiss this objection lightly.

[ 14 ] Gehen wir nun aber ein auf das, was wir als den astralischen Leib, den Träger des Bewusstseins charakterisiert haben, so sehen wir ein, dass diese Bewusstseins-Erscheinungen sich als übersinnliche Erlebnisse darstellen, und alles, was wir an Gedanken, Empfindungen, Gefühlen, Willensimpulsen kennen, gehört der übersinnlichen Welt an. Bis hierher sind auch die Naturforscher des neunzehnten Jahrhunderts gegangen; es braucht nur erinnert zu werden an die berühmte Rede, die im Jahre 1872 Du Bois-Reymond in Leipzig über die Grenzen des Naturerkennens hielt. Wenn nach der damals herrschenden Anschauung das Gehirn aus Atomen zusammengesetzt gedacht wurde, so vermochte man nicht zu einer Erkenntnis vorzudringen, wie nun aus der beständigen oder wechselnden Lagerung dieser Atome die BewusstseinsErscheinungen entstehen sollten. Dieser radikale Unterschied von äußeren Erscheinungen ist schon den Naturforschern damals ernstlich aufgefallen, indem sie Stoffe und übersinnliche Seelenerlebnisse in Betracht zogen. Diese Letzteren sah man als stetige Begleiterscheinungen der Ersteren an. Das Vorstellungsleben ändert sich zum Beispiel durch größeren oder geringeren Zufluss des Blutes zum Gehirn, sodass also die Bewusstseinserscheinungen an stoffliche Vorgänge gebunden sind, und der Naturforscher findet daher keinen Unterschied zwischen solchen Erscheinungen und der Schwerkraft zum Beispiel, die auch übersinnlich ist und nur in ihren Wirkungen, nicht selbst wahrgenommen werden kann, ebenso übersinnlich wie das Bewusstsein. Sie ist an Stoffe gebunden, die sich anziehen im umgekehrten Verhältnis des Quadrats der Entfernungen und im geraden Verhältnis der Massen [...].

[ 14 ] But if we now turn our attention to what we have characterized as the astral body, the vehicle of consciousness, we realize that these manifestations of consciousness present themselves as supersensible experiences, and everything we know in terms of thoughts, sensations, feelings, and impulses of the will belongs to the supersensible world. This is as far as the natural scientists of the nineteenth century had gone; one need only recall the famous lecture that Du Bois-Reymond delivered in Leipzig in 1872 on the limits of scientific knowledge. Since, according to the prevailing view at the time, the brain was thought to be composed of atoms, it was impossible to arrive at an understanding of how phenomena of consciousness could arise from the constant or changing arrangement of these atoms. This radical difference in external phenomena had already seriously struck natural scientists at the time, as they considered both material phenomena and supersensory mental experiences. The latter were viewed as constant accompaniments to the former. Imaginative activity, for example, changes due to a greater or lesser flow of blood to the brain, so that phenomena of consciousness are thus bound to material processes; and the natural scientist therefore finds no difference between such phenomena and gravity, for example, which is also supersensible and can be perceived only in its effects, not in itself—just as supersensible as consciousness. It is bound to substances that attract one another in inverse proportion to the square of the distance and in direct proportion to their masses [...].

[ 15 ] Dementsprechend sagt zum Beispiel Benedikt in seiner «Seelenkunde»: Die Bewusstseinserscheinungen innerhalb unseres Seelenlebens sind keine anderen Erscheinungen in ihrer Gebundenheit an die Stoffe unseres Leibes als die Schwerkraft, der Magnetismus, [die Elektrizität] und dergleichen; warum sollten nicht solche oder ähnliche Kräfte von unserem Gehirn ausgehen wie jene Kräfte als Begleiterscheinungen der stofflichen Vorgänge? Vor einem genauen wissenschaftlichen Denken ist der Satz nicht zu halten, die Seelenerscheinungen seien etwas anderes als Begleiterscheinungen von Stoffen und wir müssen gestehen: Der Grundsatz von Benedikt ist ein solcher, über den ein Mensch vom Standpunkte der Gegenwartskultur nicht leicht hinwegkommen kann, sondern stattdessen annehmen müsste, die Seelenkräfte des Menschen würden sich im Tode loslösen, und ebenso müsste sich die Schwerkraft loslösen können bei der Vernichtung des Stoffes, um inzwischen in ein besonderes Reich, eine Art Schwerkraftsreich [Schwerkrafthimmel] überzutreten, bis sie Gelegenheit fände, sich in einem neuen Stoffe wieder zu verkörpern. Das ist ein logischer Einwand, über den ein wissenschaftliches Gewissen nicht leicht hinüberkommen kann.

[ 15 ] Accordingly, for example, Benedict states in his *Psychology of the Soul*: The phenomena of consciousness within our inner life are, in their connection to the material substance of our body, no different from gravity, magnetism, [electricity], and the like; why should not such or similar forces emanate from our brain just as those forces accompany material processes? From the standpoint of rigorous scientific thinking, the assertion that phenomena of the soul are anything other than accompanying phenomena of matter cannot be sustained, and we must admit: Benedict’s principle is one that a person, from the standpoint of contemporary culture, cannot easily overcome; instead, one would have to assume that the soul’s powers would detach themselves upon death, and likewise, gravity would have to be able to detach itself upon the destruction of matter, in order to pass into a special realm—a kind of realm of gravity [gravity heaven]—until it found an opportunity to re-embody itself in new matter. This is a logical objection that a scientific conscience cannot easily overcome.

[ 16 ] Wenden wir uns zu dem, was die Theosophie über die Erscheinungen des Schlafens und Wachens sagt; dem gegenüber meint der heutige Wissenschaftler, es hänge die Erklärung völlig in der Luft, dass ein übersinnlicher Wesensteil dabei aus dem Schlafenden heraustrete. Wir wollen daher versuchen, das Schlafen und Wachen zu erklären, und zwar unter der Voraussetzung, dass Seelenvorgänge an die Stoffe des Leibes gebunden seien wie die Schwerkraft an jeden physischen Stoff. Wir nehmen daher an, dass die Wachtätigkeit durch ihre Abnützung den menschlichen Organismus dahin führe, dass die einzelnen Organe nicht mehr imstande sind, das Wachbewusstsein aufrechtzuerhalten, nämlich in der Art, dass gewisse Gifte erzeugt und angehäuft werden, die zuletzt den Menschen zum Einschlafen bringen. Dadurch, dass somit das Bewusstsein im Schlafe ausgelöscht wird, tritt die rein [animalische], oder besser gesagt, [vegetative] Tätigkeit des Menschen ein, welche die Ermüdungsoder Giftstoffe wieder herausarbeitet, sodass er wieder regeneriert wird und von Neuem ins Bewusstsein des Wachens eintreten kann.

[ 16 ] Let us turn to what theosophy says about the phenomena of sleep and wakefulness; in contrast, today’s scientists believe that the explanation—that a supersensible aspect of the being steps out of the sleeper during this process—is completely unfounded. Let us therefore attempt to explain sleep and wakefulness, on the premise that soul processes are bound to the substances of the body just as gravity is bound to every physical substance. We therefore assume that wakefulness, through its wear and tear, leads the human organism to a state in which the individual organs are no longer able to sustain waking consciousness—namely, in such a way that certain toxins are produced and accumulate, which ultimately cause the person to fall asleep. As consciousness is thus extinguished during sleep, the purely [animal]—or rather, [vegetative]—activity of the human being sets in, which eliminates the fatigue-inducing substances or toxins, so that the person is regenerated and can once again enter the state of waking consciousness.

[ 17 ] So hätten wir demgemäß im Menschen einen Selbstregulator im Schlafen und Wachen durchs ganze Leben hindurch. Das ist eine Erklärung, die durchaus im Sinne unserer materialistischen Denkweise gehalten ist. Hypothesen solcher Art können im Einzelnen, wenn irrtümlich, doch aufgrund des Materialismus berechtigt sein; es kommt hier vor allem darauf an, ob sie logisch gedacht werden können ohne die Annahme, beim Einschlafen gehe etwas aus dem Menschen heraus und kehre in ihn beim Aufwachen wieder zurück. So muss also aus seiner Auffassung heraus das naturwissenschaftliche Denken die Erklärung der Theosophie über Schlafen und Wachen ablehnen.

[ 17 ] Accordingly, we would have within humans a self-regulating mechanism that operates during both sleep and wakefulness throughout their entire lives. This is an explanation that is entirely consistent with our materialist way of thinking. Hypotheses of this kind may, even if erroneous in detail, still be justified on the basis of materialism; what matters here above all is whether they can be conceived logically without the assumption that something leaves the human being upon falling asleep and returns to him upon waking. Thus, based on its own perspective, scientific thinking must reject theosophy’s explanation of sleep and wakefulness.

[ 18 ] Bei der Lehre von den wiederholten Erdenleben befinden wir uns unter den letztgenannten Bedingungen auf völlig unsicherem Boden, während das geisteswissenschaftliche Denken das gegenwärtige Leben sich nur vorstellen kann als die Wirkung früherer Lebensläufe. Doch gibt es auch im naturwissenschaftlichen Denken Vorbilder, welche darauf hindeuten, sodass zum Beispiel nach dem sogenannten biogenetischen Grundgesetz während des Keimzustandes alle Tiere und Menschen alle Stadien früherer Entwicklungen ihrer Vorfahren durchmachen müssen, sodass zum Beispiel der Menschenkeim 21 Tage nach der Befruchtung Fischformen zeigt und damit anzeigt, dass in längst vergangenen Zeiten seine leiblichen Vorfahren fischartig waren; es liegt also im gegenwärtigen Entwicklungsvorgange ein gewisser Hinweis auf frühere Leibeszustände. So könnte man alte Entwicklungszustände charakterisieren. Trotzdem kommt man bald darauf, dass es nicht möglich ist, alle Eigenschaften eines Menschen aus seinen Vorfahren zu erklären, sondern nur unter der Annahme eines geistigseelischen Wesenskerns, indem man zum Beispiel darauf hinweist, dass Kinder desselben Elternpaares eigentlich noch viel ähnlicher sein müssten, als das gewöhnlich Zwillinge sind.

[ 18 ] When it comes to the doctrine of repeated earthly lives, we find ourselves on completely uncertain ground under the latter conditions, whereas spiritual scientific thinking can conceive of the present life only as the effect of previous lifetimes. Yet even in scientific thought there are models that point in this direction; for example, according to the so-called biogenetic law, during the embryonic stage all animals and humans must pass through all the stages of their ancestors’ earlier developments—so that, for instance, the human embryo exhibits fish-like forms 21 days after fertilization, thereby indicating that in times long past its physical ancestors were fish-like; therefore, the current developmental process contains a certain indication of earlier physical states. This is how one might characterize earlier stages of development. Nevertheless, one soon realizes that it is not possible to explain all of a human being’s characteristics solely in terms of their ancestors, but only by assuming the existence of a spiritual-soul core—for example, by pointing out that children of the same parents should actually be much more similar to one another than twins typically are.

[ 19 ] Aber alles das wird dem naturwissenschaftlichen Denken nicht genügen, von dem eingewendet wird, dass jeder Mensch entstehen muss aus der Vermischung der Eigenschaften von Vater und Mutter in ihrem gegenseitigen Aufeinanderwirken, sodass demnach Kinder verschiedener Lebensalter der Eltern sich verschieden gestalten müssten, da sie ja aus den verschiedensten Mischungsverhältnissen entstanden wären. Außerdem kann bei dem heutigen Stande der weit vorgerückten Forschung, oder gerade trotz diesem, das naturwissenschaftliche Denken sagen: Wer sollte wohl imstande sein, die feinen Strukturen des Mischungskeimes zu beurteilen?

[ 19 ] But all of this will not satisfy scientific thinking, which argues that every human being must arise from the blending of the characteristics of the father and mother as they interact with one another; consequently, children born to parents of different ages would have to differ in their physical characteristics, since they would have resulted from vastly different proportions of these characteristics. Furthermore, given the current state of highly advanced research—or perhaps precisely because of it—scientific thinking might ask: Who would be capable of assessing the subtle structures of the germ of this mixture?

[ 20 ] Außerdem erscheint es dem modernen, materialistischen Denker leichtfertig, die verschiedensten Eigenschaften auf frühere Lebensläufe zurückführen zu wollen; denn vorher müsste man erst alles das ausschalten, was sich in der ersten Kindheit ereignete. So würde man zum Beispiel bei einem Bildhauer versucht sein, ein hervorragendes Talent zurückzuführen auf ein früheres Leben, während es sich ebenso vielleicht dadurch erklären ließe, dass der Betreffende in seiner Jugend vielfach in anregende Berührung mit Bildhauerwerken und Künstlern gekommen ist. [Das braucht man gar nicht mehr zu wissen, es wirkt aber auf das Unterbewusstsein.] Man kann niemals sorgsam genug alles zusammentragen, sich alles Einschlägige zum Bewusstsein bringen, um dadurch die sachgemäße richtige Aufklärung zu bringen.

[ 20 ] Furthermore, it seems frivolous to the modern, materialistic thinker to want to attribute the most diverse characteristics to past lives; for one would first have to rule out everything that occurred in early childhood. For example, in the case of a sculptor, one might be tempted to attribute an outstanding talent to a past life, whereas it could just as easily be explained by the fact that the person in question had frequent and inspiring contact with sculptures and artists during his youth. [One need not even be aware of this; it nevertheless affects the subconscious.] One can never be too careful in gathering all the facts and bringing all relevant information to consciousness in order to arrive at an accurate and proper understanding.

[ 21 ] In der Wissenschaft findet sich etwas, das man eine brauchbare Arbeitshypothese nennt. So sah man zum Beispiel früher das Sonnenlicht als die Ausstrahlung eines feinen Lichtstoffes an, der seinen Weg von der Sonne zu den Planeten, also auch zu unserer Erde nahm. Da sich aber daraus nicht alle Erscheinungen des Lichtes erklären ließen, so nahm man die Hypothese beziehungsweise die Theorie des Welten-Äthers auf, obgleich niemand unmittelbar beweisen kann, ob ein Stoff strömt oder der Äther sich wellenförmig bewegt. Aber wenn die Undulations-Theorie richtig ist, so kann man mit deren Hilfe die Erscheinungen des Lichtes und der Farben erklären und solche unter bestimmten Verhältnissen voraussagen. Wenn nun auch die Vorgänge anders ablaufen, so erweist diese Theorie sich doch als brauchbar. Ähnlich ist es mit der Darwin’schen Theorie, die als Zwischenglied in der Entwicklung bis zum Menschen die Fische anführt; es ist immerhin möglich, zum Beispiel die Flossen der Fische als Ursprungsglied für die Bewegungsorgane der höheren Tiere und so weiter aufzufassen und auf den verschiedensten organischen Gebieten die niederen Tiere in ihrer Entwicklung zu höheren durch diese Erklärungshypothese mit den Menschen in Zusammenhang zu bringen.

[ 21 ] In science, there is something called a useful working hypothesis. For example, sunlight was once regarded as the radiation of a fine luminous substance that traveled from the Sun to the planets, including our Earth. However, since this could not explain all the phenomena of light, the hypothesis—or theory—of the “world ether” was adopted, even though no one can directly prove whether a substance is flowing or whether the ether moves in waves. But if the wave theory is correct, it can be used to explain the phenomena of light and color and to predict them under certain conditions. Even if the actual processes occur differently, this theory still proves to be useful. The situation is similar with Darwin’s theory, which cites fish as an intermediate link in the evolutionary chain leading to humans; it is, after all, possible, for example, to regard the fins of fish as the origin of the locomotive organs of higher animals, and so on, and to use this explanatory hypothesis to link lower animals—in their development toward higher forms—with humans across a wide variety of organic fields.

[ 22 ] Fruchtbar könnte die Annahme wiederholter Erdenleben [als Arbeitshypothese] sich erweisen, um glückliche oder unglückliche körperliche und soziale Lebensverhältnisse zu erklären. Im Ernst aber kann man Reinkarnation und Karma nicht so behandeln, wie der Naturforscher in seinen Arbeitshypothesen vorgeht, denn in der Naturwissenschaft haben wir darin nur eine Erklärung gegenüber vielen Erscheinungen; wir führen viele Erscheinungen auf ein einziges Prinzip zurück. So werden, wie schon angedeutet, die höheren Tiere auf fischartige Vorfahren zurückgeführt, eine Annahme, die man durch unendlich viele Fälle zu einem Gesetz erheben und auf ein Prinzip zurückführen kann. Dagegen müssten wir bei einem jeden Menschen, bei der Annahme vieler vorhergehender Lebensläufe, eine Hypothese neu aufstellen; würde das der Naturforscher auf seinem Gebiete versuchen, so würde das dort für absolut unstatthaft erklärt werden, da er ja im Gegenteil sich bemüht, für eine möglichst große Anzahl Einzel-Ereignisse eine gemeinsame Erklärung zu finden. Dass alle Menschen nach dem «Karma» leben, ist nur ein Abstraktum, denn jeder Mensch muss auf sein eigenes Vorleben zurückgeführt werden. So könnte man in der mannigfaltigsten Weise berechtigte Schwierigkeiten aus einem gewissenhaften Denken herbeitragen, unzählige Einwände vom wissenschaftlichen Standpunkte her erheben.

[ 22 ] The assumption of repeated earthly lives [as a working hypothesis] could prove fruitful in explaining happy or unhappy physical and social living conditions. Seriously, however, one cannot treat reincarnation and karma in the same way that a natural scientist proceeds with his working hypotheses, for in the natural sciences we have in them only one explanation for many phenomena; we trace many phenomena back to a single principle. Thus, as already indicated, higher animals are traced back to fish-like ancestors—an assumption that, through an infinite number of cases, can be elevated to a law and traced back to a single principle. In contrast, if we were to assume that every human being has had many previous lives, we would have to formulate a new hypothesis for each individual; if a natural scientist were to attempt this in his field, it would be declared absolutely inadmissible, since, on the contrary, he strives to find a common explanation for as large a number of individual events as possible. The idea that all people live according to “karma” is merely an abstraction, for every person must be traced back to his or her own past lives. Thus, one could raise legitimate difficulties in the most diverse ways through conscientious thinking and raise countless objections from a scientific standpoint.

[ 23 ] Aber es entstehen für den materialistisch-wissenschaftlichen Denker noch besondere Einwände, wenn er beobachtet, wie sich der Geistesforscher auf ein höheres, geistiges Schauen beruft, von dem dieser ihm sagt, dass es sich erst durch höhere Seelenkräfte bilden könne, wodurch also diese geisteswissenschaftliche Methode des Forschers diametral entgegengesetzt ist der materialistisch-wissenschaftlichen Forderung, dass an jedem Ort, zu jeder Zeit und für jeden Menschen, sofern die unerlässlichen Vorbedingungen erfüllt sind, eine Nachprüfung der aufgestellten Behauptung solle vorgenommen werden können, ganz unabhängig von den Vorgängen im Innern seiner Seele. Diese sind für den wissenschaftlichen Forscher für die Anwendung seiner Forschungsmethode völlig nebensächlich, es soll vielmehr der zweite und dritte Forscher dasselbe feststellen können wie der erste. Diese grundlegende Forderung widerspricht der geisteswissenschaftlichen Methode, nach welcher durch Heranbildung subjektiver seelischer Kräfte etwas erforscht werden kann; das aber ist für den wissenschaftlichen Forscher unannehmbar; die Resultate solcher Forschungsmethode sind ihm unbeweisbar. Er kann sie daher nur in das Gebiet des bloßen Glaubens einreihen, zu dem ein jeder sich nach eigenem Gutdünken stellen kann, wie er will. So erscheint alles dieses dem materialistisch Denkenden, überhaupt jedem Fernstehenden unannehmbar, der mit den ihm eigenen Methoden an die Theosophie herangeht und dann erfährt, was und wie sie forscht und lehrt.

[ 23 ] But the materialistic-scientific thinker still encounters specific objections when he observes how the spiritual researcher appeals to a higher, spiritual perception, which, the researcher tells him, can only be developed through higher soul powers—meaning that the researcher’s spiritual-scientific method is diametrically opposed to the materialistic scientific requirement that, in any place, at any time, and for any person—provided the indispensable preconditions are met—it should be possible to verify the assertion made, entirely independent of the processes taking place within one’s soul. For the scientific researcher, these processes are completely irrelevant to the application of his research method; rather, the second and third researchers should be able to arrive at the same findings as the first. This fundamental requirement contradicts the method of spiritual science, according to which something can be investigated through the development of subjective soul forces; but this is unacceptable to the scientific researcher; the results of such a research method are unprovable to him. He can therefore only classify them as belonging to the realm of mere faith, to which everyone can adhere as they see fit. Thus, all of this appears unacceptable to the materialist thinker—and indeed to any outsider—who approaches Theosophy with his own methods and then learns what and how it researches and teaches.

[ 24 ] Zahlreiche andere Einwände ergeben sich auf den moralischen, religiösen und seelischen Lebensgebieten. Man wendet ein, bei der theosophischen Anschauung sei dasjenige, was wir erleben, eine Folge früherer Lebensläufe, und das Denken und Tun des gegenwärtigen Lebens die Ursache der Erscheinungen des kommenden Lebens; man wendet ein, eine solche Auffassung führe zu einer egoistischen Moral und Lebensführung, wenn das Böse zu etwas führen solle, was durch Schmerzen und so weiter ausgeglichen werden müsse, während das Gute Glück und Freude bringen würde. Müsse sich da nicht, so folgert man, eine egoistische Moral entwickeln, wenn man aus den angedeuteten Gründen das Böse unterlassen und das Gute üben würde? Gegenüber einer solch egoistischen Moralauffassung nimmt sich dasjenige, was uns aus der materialistischen Anschauung über Moral entgegentritt, wie Heroismus aus, die ja annimmt, dass mit dem Tode die Bewusstseinserscheinungen ausgelöscht werden wie eine Flamme, deren Brennstoff verbraucht ist; eine Anschauung, die dahin geht, dass die Taten des Einzelnen ihm selbst nichts einbringen, sondern deren Folgen, gute und böse, nur im allgemeinen Weltprozess fortfließen. Wenn auch dieses theoretisch zu widerlegen ist, so kommt es doch auf die äußere Wirklichkeit an, nicht auf logische Gründe, sondern auf die Wirkung, welche eine solche Theorie im Leben ausübt.

[ 24 ] Numerous other objections arise in the moral, religious, and spiritual spheres of life. It is argued that, according to the theosophical view, what we experience is a consequence of past lives, and that the thoughts and actions of the present life are the cause of the events of the next life; it is argued that such a view leads to a selfish morality and way of life, if evil is supposed to lead to something that must be balanced by suffering and so on, while good would bring happiness and joy. Would not a selfish morality develop, it is concluded, if one were to refrain from evil and practice good for the reasons indicated? Compared to such a selfish conception of morality, what we encounter from the materialist view of morality appears like heroism; for it assumes that with death, the phenomena of consciousness are extinguished like a flame whose fuel has been consumed; a view that holds that an individual’s actions yield nothing for the individual himself, but that their consequences—good and evil—merely flow on into the general process of the world. Even if this can be refuted theoretically, what matters is external reality—not logical arguments, but the effect that such a theory exerts in life.

[ 25 ] Bei edlen Geistern des Abendlandes finden wir die geschilderten Anschauungen materialistischer Moral, so zum Beispiel bei dem Münchner Frohschammer, der einen sehr beachtenswerten moralischen Einwand vorbrachte, indem er sagte: Wozu führt denn die stetige Wiederkehr eines geistig-seelischen Wesenskerns? Zu der Auffassung, dass eben dasjenige, was wir hier im Leben als eine der edelsten Beziehungen betrachten, nämlich die Liebe zwischen den Geschlechtern, die Ursache abgibt, um immer von Neuem, ohne Ende, eine Seele nach der anderen in einen physischen Körper einzukerkern; daher halte ich die Reinkarnation für moralisch verwerflich. Wer sich den Betrachtungen der übersinnlichen Welt hingibt, zu einer Abwendung vom äußerlichen Leben kommt, in eine Fremdheit zu diesen durch eine lebensfeindliche Askese verfällt, wird mit einer solchen Wirkung die Reinkarnation keineswegs als eine ethische, moralische Lehre erweisen. Das persönliche Erleben des Geistesforschers kann und wird solchergestalt leicht Widerspruch erfahren, und wo ist die Gewähr, dass dieses bloß Subjektive nicht nur eine Illusion ist?

[ 25 ] Among the noble minds of the West, we find the views of materialistic morality described above; for example, in the Munich philosopher Frohschammer, who raised a very noteworthy moral objection when he said: To what end does the constant recurrence of a spiritual-soul core lead? To the view that precisely what we regard here in life as one of the noblest relationships—namely, love between the sexes—serves as the cause for repeatedly, without end, imprisoning one soul after another in a physical body; for this reason, I consider reincarnation to be morally reprehensible. Anyone who devotes themselves to contemplating the supernatural world, turns away from external life, and becomes estranged from it through a form of asceticism hostile to life will, as a result, by no means find reincarnation to be an ethical or moral doctrine. The personal experience of the spiritual researcher can and will thus easily encounter contradiction, and what guarantee is there that this purely subjective experience is not merely an illusion?

[ 26 ] Eine solche Anschauung ist nun ebenfalls theoretisch widerlegbar, aber wer sich entscheiden soll, ob er zur Theosophie gehen soll oder nicht, dem werden solche Zweifel sehr schwer auf die Seele fallen, besonders wenn er zum Beispiel an Kepler erinnert wird, von dem wir ja wissen, dass er auch Astrologie getrieben hat, eine eigenartige Astronomie mit hohen Geistesanschauungen. Da erfahren wir dann von ihm, wie er mehrfach genötigt wurde, auch hochstehenden Persönlichkeiten das Horoskop zu stellen, und sich dann besorgt fragte, ob er das Vorausgeschene völlig darlegen oder es nicht lieber verhüllt mitteilen solle. Da kann man also hinweisen, dass selbst bei dem großen Kepler etwas auftritt, trotz seines wissenschaftlichen Gewissens, was an Scharlatanerie grenzt. Es öffnen sich da Abgründe eigener Art beim Übergange einer alten in eine neue Wissenschaft, an deren Grenzscheide die Gestalt eines Kepler steht. Wenn ein solch bedeutsamer Mann, so ist die Meinung, nicht immer geschützt ist vor bedenklichen Verdunkelungen, wie soll da ein einfacher Mensch die standhaften Eigenschaften entwickeln, wenn er in unfreiem und vielfach unreifem Zustande zu übersinnlichen Schauungen gelangt, um unter allen Umständen der Träger eines unverrückbaren Wahrheitssinnes zu sein!

[ 26 ] Such a view is, of course, theoretically refutable, but for anyone trying to decide whether or not to turn to theosophy, such doubts will weigh heavily on the soul—especially when reminded, for example, of Kepler, whom we know also practiced astrology, a peculiar form of astronomy intertwined with lofty spiritual views. We then learn from him how he was repeatedly compelled to draw up horoscopes even for distinguished personalities, and how he then anxiously wondered whether he should fully reveal what had been foretold or whether he should instead convey it in a veiled manner. One can thus point out that even in the case of the great Kepler, despite his scientific integrity, something occurs that borders on charlatanism. Abysses of a unique kind open up during the transition from an old to a new science, at the very threshold of which stands the figure of Kepler. If such a significant man, so the opinion goes, is not always protected from questionable obscurations, how is an ordinary person to develop steadfast qualities when, in a state of bondage and often immaturity, he arrives at supernatural visions, so that he may be the bearer of an unshakable sense of truth under all circumstances!

[ 27 ] So liegt die Befürchtung nahe, dass hellseherische Eigenschaften bei ihrem Eindringen in höhere geistige Welten als Begleiterscheinung solcher Fähigkeiten zur Lügenhaftigkeit führen, und Gegner der Theosophie sagen daher: Moralisch anfechtbar ist sogar die Methode, nicht die Entwicklung selbst, die zum Schauen in höhere Welten führen soll. So sehen wir zum Beispiel, wie Faust von dem Träger der magischen Kräfte, dem Mephistopheles, begleitet ist; wie nahe ihm das geht, das kann man mitempfinden, wenn Goethe ihn sagen lässt:

[ 27 ] Thus, there is a natural fear that clairvoyant abilities, when they penetrate higher spiritual worlds, may lead to a tendency to lie as a side effect of such abilities; opponents of theosophy therefore argue that even the method itself—not the development intended to lead to the perception of higher worlds—is morally questionable. For example, we see how Faust is accompanied by the bearer of magical powers, Mephistopheles; we can empathize with how deeply this affects him when Goethe has him say:

Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen, die Zaubersprüche ganz und gar verlernen ...

If only I could remove magic from my path, completely forget those spells...

[ 28 ] Was nicht ohne Weiteres im Menschen liegt, tritt so von außen als Versuchung zur Unmoral an ihn heran.

[ 28 ] What does not come naturally to human beings thus approaches them from outside as a temptation toward immorality.

[ 29 ] In religiöser Beziehung ist es eine der edelsten oder wohl die edelste Anschauung des Menschen, dass er einem göttlichen Wesen gegenübersteht, das ihn geschaffen und ihn erlöst hat. Was macht nun die Theosophie aus diesem allerhöchsten Gottwesen? Sie sieht den eigenen geistig-seelischen Wesenskern selbst als einen Funken im Gesamtwesen des Göttlichen an; das Ich des Menschen tut Gutes und Böses, es trägt die Erlösung in sich selber und schaut nicht hinauf zum Gotte der ausgleichenden Gerechtigkeit, der stattdessen in die eigene Seele verlegt wird und den Menschen zu einem Wahn unberechtigter Wertschätzung führen kann. Der Gefühls- und Empfindungskern der Religion, das Kindschaftsgefühl ist daher in Gefahr, in eine Anbetung der Selbstgerechtigkeit verkehrt zu werden.

[ 29 ] In a religious context, one of the noblest—or perhaps the noblest—views a person can hold is that they stand before a divine being who created and redeemed them. What, then, does Theosophy make of this supreme divine being? It regards one’s own spiritual and psychological core as a spark within the totality of the Divine; the human “I” does both good and evil, carries salvation within itself, and does not look up to the God of balancing justice—who is instead transferred into one’s own soul and can lead a person into the delusion of unwarranted self-esteem. The emotional and intuitive core of religion—the sense of being a child of God—is therefore in danger of being perverted into a worship of self-righteousness.

[ 30 ] So haben wir denn also gesehen, wie die theosophische Beweisführung und allgemeine Welt- und Lebensauffassung und so weiter unvereinbar ist mit derjenigen anderer Denker. So zum Beispiel kann ja das menschliche Gewissen nicht äußerlich begriffen werden, aber da sagt – vergleiche das Buch über das Gewissen von Dr. Paul Ree — der naturwissenschaftliche Denker, das Gewissen sei das letzte Ergebnis der menschlichen Entwicklung. Dieser Anschauung gegenüber hat die Geisteswissenschaft eine innere Toleranz zu entwickeln und den Gegner nicht als Tropf oder gar als einen Böswilligen zu bezeichnen, sondern sie soll auf dessen Einwände eingehen, die durch ihr Gewicht der Beachtung wert erscheinen. Es verlangen ja die Wissenschaftler der Gegenwart ganz andere Wege, um die übersinnlichen Wahrheiten der höheren Welten zu erweisen, so zum Beispiel in der Weise, wie es Ludwig Deinhard in seinem Buche «Das Mysterium des Menschen» gezeigt hat, und zwar in der ersten Hälfte, wo er hinführt auf die Annahme vom Fortleben nach dem Tode und auf das Verständnis für das Fortleben derselben Individualität, die identisch ist mit derjenigen des physisch-irdischen Lebens. Auf gleichem Boden ist dieser Weg von ehrlich strebenden Gelehrten häufig versucht worden, und wir können so beobachten, dass alle diese von denselben feststehenden Erscheinungen zu der gleichen Hypothese hingeführt werden, dass der Mensch nach dem Tode als Geist vorhanden ist.

[ 30 ] We have thus seen how theosophical reasoning and the general view of the world and life, and so on, are incompatible with those of other thinkers. For example, the human conscience cannot be understood from an external perspective, yet—as Dr. Paul Ree’s book on conscience demonstrates—the scientific thinker asserts that conscience is the final result of human development. In the face of this view, spiritual science must develop an inner tolerance and not label its opponent as a fool or even as someone acting in malice; rather, it should address those objections that, by their weight, appear worthy of consideration. Contemporary scientists, after all, demand entirely different approaches to proving the supersensory truths of the higher worlds, for example, in the manner demonstrated by Ludwig Deinhard in his book *The Mystery of Man*, specifically in the first half, where he leads up to the assumption of life after death and to an understanding of the continued existence of the same individuality that is identical to that of physical, earthly life. On the same basis, this path has often been explored by earnestly seeking scholars, and we can thus observe that all of them are led by the same established phenomena to the same hypothesis: that human beings continue to exist as spirits after death.

[ 31 ] Es konnte zum Beispiel auf die Forscher, weiche sich auf diesem Gebiete beschäftigen, dasjenige einen bedeutungsvollen Eindruck machen, was als Kreuz-Korrespondenz bekannt ist, bei der nämlich zwei oder mehrere Personen, aus dem Innern ihrer Seele gedrängt, dasselbe niederschreiben, was dann gemeinsam auf eine vor nicht langer Zeit verstorbene Persönlichkeit hinweist, die Führer oder eifriger Teilnehmer einer Bewegung war, welche sich die Erforschung solcher Verhältnisse zum Ziel gesetzt hatte, und es grenzt an die Gewissenhaftigkeit der Beweisführung bzw. Vollständigkeit derselben, wie sie der Naturforscher auf seinem Gebiete von den Erscheinungen verlangt, wenn bei einer solchen Kreuz-Korrespondenz eine Dame in Indien die ihr unter Benützung ihrer verborgenen Seelenkräfte zugeflossenen Mitteilungen aus der geistigen Welt an eine Persönlichkeit in London sendet, unter einer Adresse, die ihr auf demselben okkulten Wege bekannt gegeben ist und umgekehrt. Nun gibt es zweierlei: einmal solche Menschen, die sich durch solche an naturwissenschaftliche Methoden streifende Vorgänge vom Dasein einer übersinnlichen Welt überzeugen lassen, wie zum Beispiel Weber und Zöllner, ein andermal solche Menschen wie den Philosophen Wundt, der meinte, die vorhin genannten Forscher seien nicht berechtig, derartige folgenschwere Schlüsse aus den beobachteten Erscheinungen zu ziehen, der Gelehrte sei zur Beobachtung und Beurteilung zu gutgläubig, zu naiv, dazu sei vielmehr der Taschenspieler der geeignetste Prüfer. Er weist hin auf die Vorkommnisse in einer Versammlung, in der Proben vorzüglichen Gedankenlesens von einem Medium vorgeführt wurden, dem beide Augen sorgfältig verbunden waren, und in der man dem Impresario das zu Übertragende auf Zettel aufschrieb. Der Impresario dachte dann anscheinend dem Medium das Niedergeschriebene energisch zu und fragte darauf, was auf dem Zettel stehe. Das Medium sagte dieses dem mit großer Sicherheit aus. Verabredete Verständigungszeichen waren bei der sorgfältigen Beobachtung ausgeschlossen, und trotzdem wurden die sonderbarsten und verzwicktesten Niederschriften von dem Medium wiedergegeben. Die Aufklärung dieser Erscheinung erfolgte durch einen Taschenspieler, der den Impresario als Bauchredner erkannte, dessen Medium bei den Mitteilungen, ohne selbst zu sprechen, nur die Lippen bewegte. Professor Weber, der sich, wie schon angedeutet, für die Erforschung okkulter Erscheinungen und übersinnlicher Welten lebhaft interessierte, hatte sich durch seine Experimente von der Wirklichkeit derselben überzeugt; [er] sah einst in Leipzig einen Taschenspieler mit einer GeldNote operieren, die er vor den Augen seiner Zuschauer zu riesiger Größe anwachsen ließ, ohne Zuhilfenahme vierdimensionaler Kräfte, sondern nur unter Anwendung seiner Taschenspieler-Künste. Weber war aufs höchste betroffen, als er solches sah. Es kann sich daher wohl die Skepsis erheben bei der Kontrolle durch Gelehrte.

[ 31 ] For example, what is known as “cross-correspondence”—in which two or more people, driven from the depths of their souls, write down the same thing, which then collectively points to a person who died not long ago—could make a significant impression on researchers working in this field, who was the leader or an enthusiastic participant in a movement that had set itself the goal of investigating such phenomena; and this borders on the conscientiousness of the reasoning or completeness of the evidence—as a natural scientist demands of phenomena in his own field—when, in such a case of cross-correspondence, a woman in India sends messages from the spirit world, received through her hidden spiritual powers, to a person in London at an address revealed to her through the same occult means, and vice versa. Now there are two kinds of people: on the one hand, those who allow themselves to be convinced of the existence of a supernatural world by such phenomena, which border on scientific methods—such as Weber and Zöllner— and, on the other hand, people such as the philosopher Wundt, who believed that the aforementioned researchers were not justified in drawing such far-reaching conclusions from the observed phenomena; he argued that the scholar was too credulous and too naive for observation and judgment, and that the conjurer, on the other hand, was the most suitable examiner. He points to the events at a gathering where a medium, whose eyes were carefully blindfolded, demonstrated excellent mind-reading abilities, and where the information to be conveyed was written down on slips of paper for the impresario. The impresario then apparently thought the written words forcefully to the medium and asked what was on the slip of paper. The medium stated this with great certainty. Prearranged signals were ruled out by careful observation, and yet the medium reproduced the strangest and most intricate written messages. The explanation for this phenomenon came from a conjurer who recognized the impresario as a ventriloquist, whose medium, when conveying the messages, moved only her lips without speaking herself. Professor Weber, who, as already indicated, took a keen interest in the study of occult phenomena and the supernatural world, had convinced himself of their reality through his own experiments; [he] once saw a conjurer in Leipzig perform a trick with a banknote, which he made grow to enormous size before the eyes of his audience, not by means of four-dimensional forces, but solely through the use of his conjuring skills. Weber was deeply astonished when he witnessed this. Skepticism may therefore well arise when scholars examine such cases.

[ 32 ] Bei dem erstgenannten Experiment der Kreuzkorrespondenz braucht man nicht einmal den Einwand zu erheben, dass jemand in Indien einmal die Adresse einer Dame in London, ohne sich daran zu erinnern, gelesen haben und sich unbewusst dieser Tatsache daran erinnern könne; man könnte ja überhaupt das ganze Experiment völlig wiederholen, um solche Zweifel auszuschalten. Aber abgesehen davon kommt man dadurch, wenn man durch Experimente mit solchen Niederschriften etwas beweisen will, besonders, dass eine verstorbene Persönlichkeit als Individualität in einer geistigen Welt noch lebt, leicht in die Versuchung, zu viel beweisen zu wollen, da ja die Möglichkeit zugegeben werden muss, dass die Wirkung, auch eines Verstorbenen, auf noch lebende Menschen als eine nach dessen Tode fortschwingende geistige Bewegung übergehen kann, und daher der verfrühte Identitäts-Beweis in Frage gestellt worden ist. So können ja durch die Telegraphie ohne Draht die elektrischen Wellen auf der ganzen Erde verbreitet werden, und ebenso wäre es denkbar, dass noch jahrelang nach dem Tode eines Menschen dessen Tätigkeit und Denken ohne mechanische Hilfsmittel fortwirken könnte, ohne dass es notwendig sein würde, das Fortleben einer menschlichen Individualität nach dem Tode selbst anzunehmen.

[ 32 ] In the first experiment mentioned—the cross-correspondence experiment—there is no need to even raise the objection that someone in India might have once read a lady’s address in London without remembering it and could unconsciously recall this fact; one could, after all, repeat the entire experiment from start to finish to eliminate such doubts. But setting that aside, if one seeks to prove something through experiments with such writings—particularly that a deceased person still lives as an individual in a spiritual world—one is easily tempted to to prove too much, since one must admit the possibility that the influence—even of a deceased person—on those still living can take the form of a spiritual movement that continues to resonate after their death, and thus the premature proof of identity has been called into question. Just as wireless telegraphy can transmit electrical waves across the entire Earth, it is equally conceivable that a person’s activities and thoughts could continue to exert an influence for years after their death without any mechanical aids, without it being necessary to assume the continued existence of a human individuality after death.

[ 33 ] So finden sich, wie wir in der kurzen Zeit dieses Vortrags schon gehört haben, Einwände über Einwände, ohne dass diese selbst als leichte Einwürfe gewählt sind, sodass man sich auf den Standpunkt stellen müsste, es sei die Theosophie mit der gegenwärtigen Wissenschaft nicht zu vereinigen. In dem nächsten Vortrage soll der Versuch gemacht werden, zu zeigen, ob diese Probe nicht doch in anderer Weise gemacht werden kann.

[ 33 ] As we have already heard in the short time of this lecture, there are objections upon objections, and these are not even presented as minor points of contention, so that one would have to take the position that theosophy cannot be reconciled with current science. In the next lecture, an attempt will be made to show whether this test cannot, after all, be conducted in a different way.

[ 34 ] Es sei, um dieses schon im Voraus zu illustrieren, daran erinnert, wie im Jahre 1867, als Hartmanns «Philosophie des Unbewussten» erschien, in der unter anderem das Ungeeignete der rein materialistischen Anschauung, zum Beispiel der Darwins, gezeigt wurde, sich ein Sturm des Unwillens unter den Naturforschern erhob, in welchem man die Ausführungen des Hartmann’schen Werkes als Dilettantismus bezeichnete. Viele Gegenschriften erschienen, unter anderen auch eine: «Das Unbewusste vom Standpunkte der Deszendenz ...». Darin war alles zusammengetragen, was nur irgend gegen die «Philosophie des Unbewussten» zu sagen war. Diese Schrift erschien als die Beste gegen die Anmaßungen Hartmanns, und Ernst Haeckel sagte, er selbst könne nichts Besseres schreiben als der anonyme Verfasser dieser vorzüglichen Widerlegungsschrift. – Da nannte sich dann Eduard von Hartmann selbst als Verfasser, der Sturm der Zustimmung hörte alsbald auf, man wollte ihn nicht mehr als einen Angehörigen der materialistischen Denkungsweise anerkennen, nachdem er gezeigt hatte, er könne sich selbst schon alles sagen, was von der gegnerischen Seite vorgebracht werden könnte, wenn er sich auf den Standpunkt dieser Gegner stellen würde.

[ 34 ] To illustrate this in advance, let us recall how, in 1867, when Hartmann’s *Philosophy of the Unconscious* was published—a work that, among other things, demonstrated the inadequacy of a purely materialistic view, such as that of Darwin—a storm of indignation arose among natural scientists, who dismissed the arguments in Hartmann’s work as dilettantism. Many counter-writings appeared, including one titled: “The Unconscious from the standpoint of Descent ….” It compiled everything that could possibly be said against the “Philosophy of the Unconscious.” This treatise was regarded as the best response to Hartmann’s pretensions, and Ernst Haeckel said that he himself could not have written anything better than the anonymous author of this excellent refutation. – Eduard von Hartmann then revealed himself as the author; the storm of approval ceased immediately, and people no longer wished to recognize him as a proponent of materialist thought after he had demonstrated that he could himself articulate everything that the opposing side might raise if he were to adopt their standpoint.

[ 35 ] Aber verhält es sich nun mit der Sache so, dass derartige Einwände aufrechterhalten werden können oder nicht, oder gibt es im ersteren Falle für die Theosophie eine Möglichkeit, ihre Sache zu begründen und die Einwände zu widerlegen? Wir müssen daher versuchen, innerhalb der Geisteswissenschaft einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus die Theosophie begründet werden kann. Ist dieses möglich, so wird es sich ja zeigen, ob die so vorgebrachten Gründe von den Gegnern der Theosophie gewürdigt werden, ob sie es tatsächlich vermag, die Einwände dieser loyalen Gegner zu widerlegen und darzutun, was sie an sich noch zu sagen hat.

[ 35 ] But is it the case that such objections can be upheld, or not? Or, in the former case, is there a way for theosophy to justify its position and refute the objections? We must therefore attempt to establish a standpoint within spiritual science from which theosophy can be justified. If this is possible, it will become clear whether the arguments thus presented will be acknowledged by the opponents of theosophy, whether it is indeed capable of refuting the objections of these fair-minded opponents, and of demonstrating what it still has to say in its own right.