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Spiritual Science
and the Future of Humanity
GA 69e

10 January 1912, Munich

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Spiritual Science and the Future of Humanity, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaft und die geistigen Ziele unserer Zeit

5. Wie begründet man Theosophie?

5. How Does One Justify Theosophy?

[ 1 ] Wenn wir vorgestern versucht haben, uns gleichsam probeweise auf den Standpunkt der Gegner unserer theosophischen oder geisteswissenschaftlichen Weltanschauung zu stellen, und wenn heute Ihnen die letztgenannte Weltund Lebensanschauung in begründeten Hauptformen vorgeführt werden soll, so bitte ich, meine Aufgabe nicht so aufzufassen, als ob nun heute der Versuch gemacht werden sollte, Stück für Stück das wieder abzutragen, was vorgestern aufgebaut wurde, also eine Art Spiel mit Begriffen zu treiben; denn das würde mir denn doch frivol erscheinen. Es ist schon betont worden, dass es sich nicht darum gehandelt hat, dasjenige in beliebiger Weise aufzuzählen, was aus leichtgeschürzten Einwänden gegen die Theosophie von solchen Leuten vorgebracht wird, die keinen guten Willen haben, um sich mit dem Inhalt und Wesen dieser Weltanschauungen näher vertraut zu machen, sondern es ist hervorgehoben worden, dass nur solche Gründe vorgebracht werden sollten, die man als ernste, gewichtige Einwände ansehen muss und die es den heutigen Kulturmenschen schwer machen, mit ihrer innersten Überzeugung an die Theosophie heranzukommen, trotz guten Willens.

[ 1 ] When, the day before yesterday, we attempted—as it were, on a trial basis—to adopt the standpoint of the opponents of our theosophical or spiritual-scientific worldview, and if today this latter worldview and philosophy of life are to be presented to you in well-founded, fundamental forms, I ask that you not interpret my task as though today we were attempting to dismantle, piece by piece, what was built up the day before yesterday—that is, to engage in a sort of conceptual game; for that would seem frivolous to me. It has already been emphasized that the aim was not to list in any haphazard manner the objections to theosophy that are easily raised by those who lack the goodwill to familiarize themselves more closely with the content and essence of these worldviews; rather, it has been stressed that only those reasons should be presented which must be regarded as serious, weighty objections and which make it difficult for today’s cultured people to approach theosophy with their innermost convictions, despite their good will.

[ 2 ] Da aber doch diejenigen, welche schon öfter von mir Vorträge theosophischer Art gehört haben, voraussetzen können, dass es mir nicht darauf angekommen ist, die Theosophie zu widerlegen, so soll heute alles Vorgebrachte nur in seiner Gesamtheit eine Art Widerlegung von vorgestern sein, und ich bitte, zu berücksichtigen, dass ich dabei einen anderen Ton anschlagen muss als bei sonstigen Vorträgen zur Begründung theosophischer Wahrheiten. Sonst wurden Tatsachen-Belege vorgebracht, um die theosophischen Wahrheiten zu erhärten; was heute gesagt werden wird, soll mehr in logisch urteilender Weise demjenigen von vorgestern entgegengehalten werden, von einem mehr abstrakten Gesichtspunkte, der ganz begreiflich erscheinen wird mit Rücksicht auf die Einwände, die in gewissen Grenzen als berechtigt hervorgebracht worden sind.

[ 2 ] However, since those who have heard me give lectures on theosophical topics on several occasions can assume that my intention was not to refute theosophy, everything presented today should, taken as a whole, serve as a kind of refutation of what was said the day before yesterday, and I ask you to bear in mind that I must adopt a different tone here than in my usual lectures defending theosophical truths. Previously, factual evidence was presented to substantiate theosophical truths; what will be said today is intended to be set against what was said the day before yesterday in a more logically critical manner, from a more abstract perspective, which will seem entirely understandable in light of the objections that have been raised—within certain limits—as valid.

[ 3 ] An sich erscheint es auffällig, den Versuch zu machen, für eine Sache, von der behauptet wird, dass sie sich in unsere Kulturströmung einleben werde und müsse, nun Gründe für und wider vorzubringen; auffällig, weil daraus leicht das Urteil entstehen könnte, dass die für einen Menschen begründete Überzeugung für andere anzunehmen nicht möglich sei. Die Entscheidung ist oft recht schwierig, sodass da zunächst aufmerksam gemacht werden muss, wie es sich mit der Beweiskraft der menschlichen Vernunft für oder wider eine Sache verhält. Dann erst ist es möglich, zu fragen, ob denn wirklich so viel an der Beweiskraft der menschlichen Vernunft allein liegt, ob diese mit ihren Gründen allein für oder gegen eine Sache entscheiden kann, oder ob dieses nicht so in unmittelbarer Weise geschieht.

[ 3 ] In and of itself, it seems striking to attempt to present arguments for and against a matter that is claimed to be—and to be required to—become part of our cultural current; striking because this could easily lead to the conclusion that a conviction well-founded for one person is impossible for others to accept. The decision is often quite difficult, so it is first necessary to draw attention to the evidential power of human reason for or against a given matter. Only then is it possible to ask whether so much really depends on the evidential power of human reason alone, whether reason alone, with its arguments, can decide for or against a matter, or whether this does not happen in such a direct manner.

[ 4 ] Jeder weiß, dass mit großem Scharfsinn etwas vorgebracht werden kann, bis man einsieht, dass die erst so überzeugend wirkenden Beweise bei erweitertem Gesichtskreis doch nicht mehr genügend sind. Daher drängt sich uns die Frage auf, ob die Beweise allein es sind, die den Menschen zu der Entscheidung bringen, ob er etwas annehmen oder ablehnen soll. Es könnte ja scheinbar das Urteil leichtfallen, dass eine Sache richtig ist, wenn die Beweise dafür, und irrtümlich, wenn sie dagegen sprechen, aber wir erkennen aus der Kulturgeschichte, dass für die Menschen im Laufe der Zeiten die Beweise keineswegs entscheidend waren, die für oder gegen eine Sache vorgeführt werden konnten, sondern es kam und kommt heute noch auf Dinge an, die beim Für-wahr-Halten maßgebender sind als Beweise der menschlichen Vernunft.

[ 4 ] Everyone knows that, with great acumen, one can argue a point until one realizes that the evidence—which at first seemed so convincing—is, upon broader reflection, no longer sufficient. This raises the question of whether evidence alone is what leads people to decide whether to accept or reject something. It might seem easy to judge that a matter is correct when the evidence supports it, and erroneous when it speaks against it, but we learn from cultural history that, over the course of time, the evidence that could be presented for or against a matter has by no means been decisive for people; rather, what has mattered—and still matters today—are things that are more decisive in determining what is held to be true than the evidence of human reason.

[ 5 ] Das möge durch folgendes Beispiel erläutert werden: Es erschien in diesem Jahre zum ersten Male ein sogenannter Freidenkerkalender, in welchem sich auch eine Auseinandersetzung findet von einem Verfasser, dessen Wahrheitsliebe unbedingt anerkannt werden soll; dieser sagt, man solle doch seinen Kindern ja nichts beibringen, was auf Vorstellungen von göttlichen oder sonstigen übersinnlichen Dingen beruhe. Der Schreiber des betreffenden Artikels steht auf monistisch-materialistischem Standpunkte und glaubt, sich aussprechen zu müssen gegen Anschauungen übersinnlicher Art, wie zum Beispiel gegen die Existenz der Seele, Gottes und so weiter. Er beruft sich dabei auf etwas, von dem man sagen kann, dass es für viele denkende Menschen großes Gewicht hat, nämlich, man solle die Kinder nichts anderes lehren, als was aus ihrer natürlichen Menschenart herausentwickelt werden könnte; dagegen etwas von übersinnlichen Welten in ihre Entwicklung hineinzutragen, sei etwas Fremdes, denn sich selbst überlassen, kämen sie zur sinnlichen Welt. Das leuchtet modern-pädagogischen Menschen ein, die das Kind nicht wie einen Sack ansehen, den man wahllos mit Ideen und so weiter anfüllen kann.

[ 5 ] Let this be illustrated by the following example: A so-called “freethinker’s calendar” was published for the first time this year, which also includes a discussion by an author whose love of truth must be fully acknowledged; who argues that one should not teach children anything based on notions of divine or other supernatural things. The author of the article in question holds a monistic-materialist viewpoint and feels compelled to speak out against supernatural beliefs, such as the existence of the soul, God, and so on. In doing so, he invokes an argument that holds great weight for many thinking people, namely, that children should be taught nothing other than what can be developed from their natural human nature; conversely, introducing elements of supernatural worlds into their development is something foreign, for left to their own devices, they would come to understand the sensory world. This makes sense to those familiar with modern pedagogy, who do not view the child as a sack that can be indiscriminately filled with ideas and the like.

[ 6 ] Solche Anschauungen könnten jedem als recht natürlich und angemessen vorkommen, und eine solche Darlegung wird auch dem Leser des Kalenders als ein absolut lückenloser Beweis erscheinen. Aber so schwierig es ist, mit all den Mitteln seines Standpunktes den Verfasser zu widerlegen, so nimmt sich doch das Urteil gleich anders aus, wenn man seinen Horizont erweitert. Würde zum Beispiel das Kind auf einer einsamen Insel aufgezogen, wo man es verhindern könnte, von Menschen die Sprache zu erlernen, so erscheint die Frage recht natürlich: Soll man den vorhin aufgestellten Grundsatz beibehalten und dem Kinde nichts anderes bieten, als was seine Natur schon von selbst hergibt, so hieße das geradezu verhindern, dass ein solches Kind sprechen lernt. Daraus geht hervor, dass beim Denken auch alle maßgebenden Faktoren berücksichtigt werden müssen.

[ 6 ] Such views might seem quite natural and reasonable to anyone, and such an argument will also appear to the reader of the calendar as absolutely irrefutable proof. But as difficult as it is to refute the author using all the arguments available from his perspective, the judgment takes on a different character when one broadens one’s horizons. If, for example, a child were raised on a deserted island, where it could be prevented from learning language from other people, the question would arise quite naturally: Should one adhere to the principle stated earlier and offer the child nothing other than what its nature already provides on its own? That would effectively prevent such a child from learning to speak. It follows from this that all relevant factors must be taken into account in our reasoning.

[ 7 ] Bedeutende Menschen erkannten als Grundsatz stets das Bestreben an, ihr Denken nach dieser Richtung hin stets frei und unabhängig zu erhalten, ihre Ideen nach einem möglichst weit gespannten Horizonte zu fassen. Ein Beispiel über die Denkart solcher Menschen, das sich auf Denker und Persönlichkeiten beziehen soll, die zweifellos von den meisten als sehr unparteiische Denker angesehen werden, und welche die aufgeklärtesten Geister der Gegenwart gewöhnt sind, als die Ihrigen anzuerkennen es ist wohl leicht, aus der Erfahrung eine Menge Beispiele zu nennen, aus welchen hervorgeht, dass der menschliche Aberglaube an manchen Dingen festhält, die tatsächlich vorhanden, aber nur irrtümlich aufgefasst sind; so auch glauben viele Menschen an die vom physischen Leibe unabhängigen Geister. Manchen erscheint es dagegen selbstverständlich, dass man aller Aufklärung bar sein müsse, wenn man nicht die Existenz solcher fleischloser Geister bezweifle. Viele von denen, die solchen gläubigen Menschen krassen Aberglauben vorwerfen, berufen sich auf Lessing als den Bahnbrecher modernen Denkens; dieser Werteinschätzung können wir völlig zustimmen, in dem Sinne, dass er die Art seines Denkens aus einem weiten Horizonte herleitete. Er sagt:

[ 7 ] Great minds have always recognized as a fundamental principle the endeavor to keep their thinking free and independent in this regard, and to conceive their ideas within as broad a horizon as possible. An example of the mindset of such people—one that refers to thinkers and figures who are undoubtedly regarded by most as highly impartial thinkers, and whom the most enlightened minds of the present day are accustomed to recognizing as their own—it is probably easy to cite numerous examples from experience that show how human superstition clings to certain things that actually exist but are merely misunderstood; thus, many people believe in spirits independent of the physical body. To some, on the other hand, it seems self-evident that one must be devoid of all enlightenment if one does not doubt the existence of such incorporeal spirits. Many of those who accuse such believers of blatant superstition cite Lessing as the pioneer of modern thought; we can fully agree with this assessment, in the sense that he derived his way of thinking from a broad perspective. He says:

Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das? Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel: Wir sind endlich in unsern Einsichten so weit gekommen, dass wir die Unmöglichkeit davon erweisen können; gewisse unumstößliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind auch dem gemeinsten Manne immer und beständig so gegenwärtig, dass ihm alles, was damit streitet, notwendig lächerlich und abgeschmackt vorkommen muss? Das kann es nicht heißen. Wir glauben itzt keine Gespenster, kann also nur so viel heißen: In dieser Sache, über die sich fast ebenso viel dafür als dawider sagen lässt, die nicht entschieden ist und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu denken den Gründen dawider das Übergewicht gegeben; einige wenige haben diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen das Geschrei und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält sich gleichgültig und denkt bald so, bald anders, hört bei hellem Tage mit Vergnügen über die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit Grausen davon erzählen. Was müssen wir da sagen bei einer so dargestellten Legende des modernen Denkens? Hat er denn einen krassen Aberglauben, wenn er noch andere Anschauungen und Wissensgebiete gelten lassen will als logisch geschürzte Gründe, wenn er seiner Meinung Ausdruck dahin verleiht, dass diese Gewicht bekommen oder verlieren, je nachdem, [ob] man seinen Horizont erweitert oder verengert? Im ersteren Falle treten sofort ganz neue Möglichkeiten auf. Nicht das Gewicht der Beweise hat bei den Menschen die Frage dahin entschieden, es gäbe keine Geister, sondern die Denkgewohnheit, die sich auf Tatsachen lenkt, welche den Beweisen für ihre Existenz das Gewicht nehmen. Also muss man zu vermitteln suchen, was die Menschen dazu führt, ihren Anschauungen eine beweisende Kraft, ein Gewicht zu verleihen.

Do we no longer believe in ghosts? Who says so? Or rather, what does that mean? Does it mean this much: We have finally reached a point in our understanding where we can prove the impossibility of ghosts; certain irrefutable truths that contradict belief in ghosts have become so widely known, and are so constantly and consistently present even to the humblest man, that anything that contradicts them must necessarily seem ridiculous and tasteless to him? That cannot be what it means. “We no longer believe in ghosts” can therefore only mean this much: In this matter—about which almost as much can be said for it as against it, which is not decided and cannot be decided—the currently prevailing way of thinking has given the arguments against it the upper hand; a few hold this way of thinking, and many seem to want to hold it; these are the ones making the noise and setting the tone; the vast majority remain silent and indifferent, their thoughts shifting from one view to another—listening with pleasure to mockery of ghosts in broad daylight and recounting tales of them with horror in the dark of night. What are we to say in the face of such a portrayal of modern thought? Is one engaging in blatant superstition if one is willing to accept views and fields of knowledge other than logically grounded reasons, if one expresses the opinion that these gain or lose weight depending on whether one broadens or narrows one’s horizons? In the former case, entirely new possibilities immediately arise. It is not the weight of the evidence that has convinced people that spirits do not exist, but rather the habit of thought that focuses on facts which undermine the evidence for their existence. Therefore, one must seek to explain what leads people to attribute probative force—or weight—to their views.

[ 8 ] Auf die Denkgewohnheiten kommt es an, und hierbei werden wir feststellen können, dass es anscheinend gewichtige Gründe gegen die Ablehnung des Ätherleibes, wie ihn die Theosophie lehrt, geben müsste und auch tatsächlich gibt.

[ 8 ] It all comes down to our way of thinking, and in this regard we will be able to see that there must be—and in fact there are—apparently compelling reasons against rejecting the etheric body as taught by Theosophy.

[ 9 ] Die Geisteswissenschaft sagt uns, dass dieser Ätherleib den physischen Leib durchdringt und deren eigene und aufgenommene Stoffe so behandelt, dass ein Leben des Organismus vor sich geht. Es wurde der Einwand angeführt, dass die chemische Wissenschaft imstande sei, gewisse Stoffverbindungen außerhalb des lebenden Organismus im Laboratorium zu erzeugen, und nun daraus den Schluss ziehe, dass alle diese Vorgänge und Verbindungen, die im lebenden Organismus zu beobachten sind, nun auch durch die gleichen äußeren Kräfte hervorgerufen würden, und dass man die Erwartung hege, wenigstens die am einfachsten organisierten Lebewesen einstmals im Laboratorium herstellen zu können. Aus diesen Tatsachen und Erwägungen hält man daher den Begriff des Ätherleibes für unwissenschaftlich; denn es habe kein Mensch die Berechtigung, daran zu zweifeln, dass es der Wissenschaft nicht in der Zukunft gelingen könne, Lebenserscheinungen und Lebewesen zu erzeugen.

[ 9 ] Spiritual science tells us that this etheric body permeates the physical body and processes both its own substances and those it has absorbed in such a way that the organism’s life proceeds. The objection has been raised that chemical science is capable of producing certain chemical compounds outside the living organism in the laboratory, and that it therefore concludes that all these processes and compounds observed in the living organism are also brought about by the same external forces, and that one might expect to be able to produce at least the most simply organized living beings in the laboratory someday. Based on these facts and considerations, the concept of the etheric body is therefore regarded as unscientific; for no one has the right to doubt that science will not succeed in the future in producing life phenomena and living beings.

[ 10 ] Das alles beruht nun nicht auf Gründen und Beweisen, sondern auf Denkgewohnheiten. Das lässt sich historisch nachweisen. Früher zweifelte niemand an dem übersinnlichen Ursprunge des Lebens, denn die Alchimisten zum Beispiel und alle übrigen Gelehrten der früheren Jahrhunderte glaubten, einen ganzen «Homunkulus» laboratoriumsmäßig aus den erforderlichen Stoffen erzeugen zu können; eine eigenartige Erscheinung! Was ist nun nötig gewesen für solche Art von Denkern – die wir doch nicht ohne Weiteres für Tröpfe halten dürfen, schon aus der Erwägung nicht, dass man uns in kommenden Zeiten nicht für größere Tröpfe halten kann, weil wir kurzsichtig genug waren, jene dafür anzusehen –, was ist nun erforderlich, anzunehmen, damit wir einen unlösbaren Widerspruch nicht mehr empfinden? Wir müssen uns die Vorstellung zu eigen machen, dass das Leben überall ist, nicht nur in einer Beschränkung auf die lebenden Organismen und in deren Vererbungs-Möglichkeiten, sondern dass es auftreten kann bei allen geeignet zusammengefügten Stoffen, bei denen man nur anzunehmen braucht, das Leben sei vorhanden – wenn ihm nur Gelegenheit gegeben werde, sich in der einen oder anderen Art zu entfalten. Wenn irgendetwas Lebendiges entsteht, so ist nicht anzunehmen, dass nur dasjenige entstehe, was an einem bestimmten Ort alles vorhanden ist, wie auch nicht aus dem Schmutz ohne Weiteres die Fliegen entspringen, die sich in kurzer Zeit auf ihm zeigen. Wenn wir die erforderlichen Stoffe unter den passenden Verhältnissen im Laboratorium zusammenbringen, so können wir da nichts anderes tun als dadurch die Gelegenheit bieten, damit das Leben zu ihnen herankomme. Dabei aber dürfen wir die Begriffe vom Leben nicht auf die in den vorliegenden Stoffen gleichsam auskristallisierten Lebewesen beschränken, da ja das Leben sich allumfassend überall befindet und jede Gelegenheit benützt, um zum Beispiel als Keim sich in richtig zusammengeordneten Stoffen zu äußern.

[ 10 ] All of this is based not on reasons and evidence, but on habits of thought. This can be historically demonstrated. In the past, no one doubted the supernatural origin of life, for the alchemists, for example, and all other scholars of earlier centuries believed they could create an entire “homunculus” in the laboratory from the necessary substances—a peculiar phenomenon! What, then, was necessary for such thinkers—whom we must not simply dismiss as fools, if only because future generations might in turn regard us as even greater fools for having been short-sighted enough to view them as such—what, then, must we accept in order to no longer perceive an irresolvable contradiction? We must embrace the idea that life is everywhere—not merely confined to living organisms and their hereditary potential, but that it can arise in any suitably combined substances, in which one need only assume that life is present—provided it is given the opportunity to unfold in one form or another. When something living comes into being, we cannot assume that it arises solely from what is already present in a given location, just as flies do not simply spring from the dirt to appear on it in a short time. If we bring the necessary substances together under the right conditions in the laboratory, all we can do is thereby provide the opportunity for life to approach them. In doing so, however, we must not limit our concept of life to the living beings that have, as it were, crystallized from the substances at hand, since life is omnipresent and takes every opportunity—for example, as a germ—to manifest itself in properly arranged substances.

[ 11 ] Eine solche Anschauung ist für unsere Zeit nur ungewohnt, sie ist aber keineswegs logisch abzuweisen. In gewisser Weise ist es ja schwierig, gleich durch die Methoden der Theosophie zu einer umfassenden Vorstellung des Lebens zu gelangen; um Ihnen zu Hilfe zu kommen, möchte ich bei einem vorgestern vorgebrachten Punkte ansetzen, um Sie zum Begriff und zur Annahme des Ätherleibes zu führen.

[ 11 ] Such a view is merely unfamiliar to us today, but it is by no means logically untenable. In a certain sense, it is indeed difficult to arrive at a comprehensive conception of life solely through the methods of theosophy; to assist you, I would like to begin with a point raised the day before yesterday in order to guide you toward the concept and acceptance of the etheric body.

[ 12 ] Es ist gesagt worden, dass es eine Möglichkeit gibt, Wachen und Schlafen anders zu erklären, als es die Theosophie tut, indem sie angibt, dass aus dem physischen Leibe, der mit dem Ätherleibe vereinigt zurückbleibe, der Astralleib mit dem Ich herausschlüpfe, und dass diese beiden letzteren Wesensglieder dann vereinigt in der geistigen Welt seien während des Schlafes. Im Gegensatz dazu erscheint es durchaus logisch, wenn die Erscheinung des Schlafes so vorgestellt wird, dass der Mensch während des Wachens in der Sinneswelt durch seine Verstandes- und Muskeltätigkeit sogenannte Ermüdungsstoffe in seinen Organen anhäufe, die es ihm nicht mehr möglich machen, Kräfte zu entwickeln, um ein Wachleben weiterhin zu entfalten. Die Gegenkräfte des Organismus machen sich dann geltend, das Wach-Bewusstsein erlischt, und jene Kräfte stellen dann den Organismus im Schlafe wieder her, sodass er imstande ist, von Neuem vollkräftig mit allen seinen Organen zu arbeiten und so weiter. Viele Naturforscher [also] denken so, dass der Wechselzustand von Schlafen und Wachen auf einer Selbstregelung des gesunden Organismus beruhe, dass man also nicht nötig habe, zur Erklärung des Schlafes anzunehmen, dass sich vom physisch-ätherischen Körper ein Geistiges trenne, aus ihm entferne und beide Teile eine wiederherstellende Tätigkeit entfalteten – ohne ein eigentliches Selbstbewusstsein.

[ 12 ] It has been said that there is a way to explain waking and sleeping differently than Theosophy does, which states that the astral body, together with the “I,” slips out of the physical body—which remains united with the etheric body—and that these latter two aspects of the being are then united in the spiritual world during sleep. In contrast, it seems entirely logical to conceive of the phenomenon of sleep in such a way that, while awake in the sensory world, a person accumulates so-called fatigue substances in their organs through mental and muscular activity, which no longer allow them to develop the strength needed to continue their waking life. The organism’s counterforces then come into play, waking consciousness ceases, and these forces restore the organism during sleep, so that it is able to function fully once again with all its organs, and so on. Many natural scientists [therefore] believe that the alternating states of sleep and wakefulness are based on the self-regulation of a healthy organism; that is, one need not assume, to explain sleep, that a spiritual element separates from the physical-etheric body, departs from it, and that both parts carry out a restorative activity—without any actual self-consciousness.

[ 13 ] Ein solcher Einwand kann für denjenigen eine Klippe bilden, der sich der Theosophie näher zuwenden will, und ein solcher Einwand soll daher nicht unterschätzt werden bei einem gewissenhaften Menschen. Aber wenn man auch als richtig annimmt, dass der Organismus in Beziehung auf Schlafen und Wachen ein Selbstregler ist, dass also nach der Ermüdung die in den Organen hervorgerufene Störung durch die Wiederherstellung der Lebenskräfte ausgeglichen wird, so muss doch die Frage aufgeworfen werden, und zwar als eine prinzipielle, fundamentale: Was kann der Organismus in Bezug auf seine Organe im Schlafe tun? Es muss doch von einer eigenartigen Lebenstätigkeit herrühren, wenn Augen, Ohren, Gehirn, Nervensystem und sonstige innere Organe im Schlafe mit neuer Lebenskraft ausgerüstet werden. Aber welcher Art ist diese Wiederherstellung der organischen Tätigkeit? Etwa eine solche, wie sie auch sonst im Organismus ist, zum Beispiel die der stets tätigen menschlichen Lunge, welche die Atmung besorgt, da sie ja doch auch noch von dem inneren organischen Leben mit Nahrung und organischen Kräften durchsetzt werden muss? Diese innere organische Tätigkeit, welche die Lungen ernährt, kann nicht allein die Ursache der Bewegung sein; und die Aufnahme des Sauerstoffs der Luft durch die Lungen selbst kann nicht durch jene innere Ernährung ersetzt werden, denn damit hat sie nichts zu tun. So auch beim Gehirn und Nervensystem, das ja auch innerlich organisch versorgt, ernährt wird. Aber ebenso wenig hat die im Schlafe erfolgende innere Wiederherstellung von Gehirn und Nervensystem mit dem etwas gemeinsam, was durch unsere Sinne an Empfindungen und Wahrnehmungen und unser Gehirn an Gedanken uns durchfließt.

[ 13 ] Such an objection can pose a stumbling block for anyone who wishes to explore theosophy more deeply, and such an objection should therefore not be underestimated in a conscientious person. But even if one accepts as true that the organism regulates itself in relation to sleep and wakefulness—that is, that after fatigue, the disturbance caused in the organs is compensated for by the restoration of vital forces—the question must still be raised, and indeed as a principled, fundamental one: What can the organism do with regard to its organs during sleep? It must surely stem from a unique vital activity if the eyes, ears, brain, nervous system, and other internal organs are endowed with renewed vitality during sleep. But what is the nature of this restoration of organic activity? Is it perhaps similar to what occurs elsewhere in the organism—for example, in the constantly active human lungs, which carry out respiration, since they, too, must be sustained by the inner organic life with nourishment and organic forces? This internal organic activity, which nourishes the lungs, cannot be the sole cause of movement; and the absorption of oxygen from the air by the lungs themselves cannot be replaced by that internal nourishment, for it has nothing to do with it. The same applies to the brain and nervous system, which are also internally supplied and nourished by organic processes. But the internal restoration of the brain and nervous system that occurs during sleep has just as little in common with the sensations and perceptions that flow through us via our senses, or with the thoughts that flow through our brain.

[ 14 ] So kann also die innere organische Tätigkeit nichts geben, was sie – Sinne und Gehirn – zu denkenden, fühlenden Organen macht, sonst würde ja durch den schlafenden Menschen irgendetwas in Beziehung auf seine Seele besorgt werden können, eben so, als wenn man durch die innere organische Ernährung der Lungen etwas über die innere Natur des Sauerstoffs feststellen wollte. Daher können wir doch mit Recht sagen: Dadurch, dass unser Organismus seine Organe mit innerer organischer Kraft versorgt, hat er nichts hergegeben, was imstande ist, sie mit den ihnen eigentümlichen Vorstellungen zu erfüllen, so auch der Lunge nicht das Geringste, um ihr immer wieder Sauerstoff zuzuführen. Also kommt dasjenige von ganz anderer Seite an den Menschen heran, was Empfindung, was Inhalt seiner Seele ist.

[ 14 ] Thus, internal organic activity cannot provide anything that makes the senses and the brain thinking, feeling organs; otherwise, it would be possible to learn something about the soul of a sleeping person, just as if one were to attempt to determine the inner nature of oxygen through the internal organic nourishment of the lungs. Therefore, we can rightly say: By supplying its organs with internal organic energy, our organism has not provided anything capable of filling them with their characteristic perceptions—not even the slightest thing to the lungs to supply them with oxygen again and again. Thus, that which constitutes sensation and the content of the soul comes to the human being from an entirely different source.

[ 15 ] Demnach hat es eine unbestreitbare Berechtigung, davon zu sprechen, dass beim Wachenden etwas absolut Verschiedenes vorhanden ist als beim Schlafenden, so, wie Wasser (H>O) vorhanden ist von den getrennten Teilen, dem Wasserstoff (H) und dem Sauerstoff (O); es lässt sich Wasser nicht darstellen, wenn man nur Wasserstoff (H) hat, ohne den Sauerstoff (O). So muss man auch dem ohne geistigen Inhalt daliegenden Schlafenden noch etwas zuführen, das heißt von außen her, was ihn zum Wachenden ergänzt.

[ 15 ] Accordingly, there is an indisputable justification for saying that there is something absolutely different present in the waking person than in the sleeping person, just as water (H₂O) consists of its separate parts, hydrogen (H) and oxygen (O); water cannot be conceived of if one has only hydrogen (H) without oxygen (O). Similarly, one must also provide the sleeper—who lies there devoid of mental content—with something additional, that is, from outside, which complements him as a waking person.

[ 16 ] Nun müssen wir uns darüber klar sein, dass selbst die positivistischen Denker wie zum Beispiel [Hume] nicht behaupten, dass etwa solches, was wir «Ich» nennen, in irgendeiner Art organischen Tätigkeit gefunden werden kann. In sich findet er immer nur Wärme, Kälte, Lust, Leid, Freude, Schmerz, Zuneigung, Abneigung und so weiter. Davon lebt also das Ich und ist gebunden an solche Tätigkeiten; es muss diese beim Aufwachen in den Organismus sozusagen einziehen, wie Sauerstoff zum Wasserstoff gebracht werden muss (O + 2H = H,O), um Wasser zu bilden.

[ 16 ] Now we must be clear that even positivist thinkers, such as [Hume], do not claim that what we call the “I” can be found in any kind of organic activity. In itself, it always finds only warmth, cold, pleasure, suffering, joy, pain, affection, aversion, and so on. The “I” thus lives on these and is bound to such activities; upon awakening, it must, so to speak, draw them into the organism, just as oxygen must be combined with hydrogen (O + 2H = H,O) to form water.

[ 17 ] Mit solchen Überlegungen bleibt man in Übereinstimmung mit den naturwissenschaftlichen Anschauungen und Methoden; andere Weltanschauungen, welche nicht so handeln, befinden sich dabei im Widerspruch mit ihren eigenen Tatsachen, mit den richtig beobachteten der Naturwissenschaft und den Methoden derselben, an denen sie sich förmlich versündigen. Die Theosophie huldigt nicht dem Dualismus, ebenso wenig wie man denjenigen einen Dualisten nennen wird, der im Wasser nicht eine absolute Einheit, sondern einen Stoff sieht, der sich aus Wasserstoff und Sauerstoff gebildet hat oder in diese beiden zerlegbar ist. Es gibt zwischen Theosophie und Naturwissenschaft keinen Gegensatz, beide stehen auf sicherem Boden der Tatsachen, aber auf deren Interpretation kommt es an.

[ 17 ] Such considerations remain consistent with the views and methods of the natural sciences; other worldviews that do not follow this approach find themselves in contradiction with their own facts, with the accurately observed facts of the natural sciences, and with the methods of those sciences, which they formally violate. Theosophy does not espouse dualism, just as one would not call a person a dualist who sees water not as an absolute unity but as a substance formed from hydrogen and oxygen or capable of being broken down into these two elements. There is no contradiction between theosophy and natural science; both stand on the solid ground of facts, but it is their interpretation that matters.

[ 18 ] Von diesem Gesichtspunkte aus sind wir berechtigt, zu sagen, dass alles, was unmittelbares Dasein in sich hat, abgesondert vom Organismus an sich seine eigene Natur untersuchen lassen muss, sodass wir also dem menschlichen geistigen Inhalt, getrennt von seinem physischen Organismus, nähertreten müssen.

[ 18 ] From this perspective, we are justified in saying that everything that possesses immediate existence must allow its own nature to be examined apart from the organism itself; thus, we must approach the content of the human mind separately from its physical organism.

[ 19 ] Damit kommen wir auf die Berechtigung dessen, was sich als die esoterische Methode der Theosophie geltend macht, die aber ihrer eigentümlichen Art gemäß in einer gewissen Weise mit derjenigen Forderung der Naturwissenschaft brechen muss, dass nämlich jederzeit und durch jeden Menschen das geistige Leben sollte beobachtet werden können. Man kann wohl nicht anders, als dieses in seiner ihm eigenen Gesetzmäßigkeit anzuschauen; der Geistesforscher muss in seinem eigenen geistigen Leben einen von außen unbeeinflussten Ablauf herbeiführen, indem er durch Meditation, durch Konzentration und seinen Willen bestimmte Vorstellungen in seine Beobachtung rückt, die nur allein zum esoterischen Forschen geeignet erscheinen. Er holt die Seele aus dem Zusammenhang mit dem Körper, präpariert das Seelische gewissermaßen frei heraus und macht dadurch aus dem inneren Seelenleben einen überschaubaren Vorgang, der sogar nur symbolisch zu sein braucht. [Sonst ist der Mensch angeregt durch äußere Vorgänge, aber um sein Seelisches frei zu machen vom Physischen, stellt man durch eigenen Willen eine Vorstellung, am besten symbolische Vorstellungen, in den Mittelpunkt der seelischen Tätigkeit in der Meditation.] Der Unterschied gegenüber einer äußeren Erkenntnis ist nur der, dass die Beziehungen der seelischen Tätigkeit auf etwas anderes ihrem Inhalte nach [nicht] berücksichtigt werden. Es brauchen zum Beispiel in der Meditation die Gedanken nicht etwas wirklich Vorhandenes abzubilden, wie dieses ja ein schwarzes Kreuz, umrahmt von sieben roten Rosen, das sogenannte Rosenkreuz, nicht zu sein braucht, sondern wir fragen dabei nur: Was tut eine solche Vorstellung in der Seele, was trägt sie bei zur Förderung unserer Entwicklung? Was die Gedanken in unserer Seele vollbringen, darauf kommt es an.

[ 19 ] This brings us to the legitimacy of what claims to be the esoteric method of theosophy, which, however, by its very nature must in a certain sense break with the requirement of natural science that spiritual life should be observable at any time and by any person. One can hardly do otherwise than to view this in accordance with its own inherent laws; the spiritual researcher must bring about a process in his own spiritual life that is unaffected by external influences, by bringing certain ideas—which appear suitable solely for esoteric research—into his observation through meditation, concentration, and his will. He detaches the soul from its connection with the body, isolates the soul’s inner life, so to speak, and thereby transforms the inner soul life into a comprehensible process that need only be symbolic. [Otherwise, a person is stimulated by external events; but in order to free the soul from the physical, one uses one’s own will to place an idea—preferably symbolic ideas—at the center of the soul’s activity during meditation.] The difference from external knowledge is simply that the relationships of the soul’s activity to anything other than itself are [not] taken into account in terms of their content. For example, in meditation, thoughts need not represent something that actually exists—just as this black cross, framed by seven red roses, the so-called Rosicrucian symbol, need not be real—but we simply ask: What does such an image do in the soul, and how does it contribute to the advancement of our development? What the thoughts accomplish in our soul—that is what matters.

[ 20 ] Wenn wir solche Dinge auf uns wirken lassen, so lernen wir die Tätigkeit der Seele in der geistigen Welt kennen. Für die Seele tritt ein Zustand ein, ähnlich dem des Schlafes, ohne dass jedoch das Bewusstsein aufhört; der Inhalt desselben ist ihr als ein übersinnlicher gegeben, wodurch der Forscher die übersinnliche Welt in ihrer Realität erkennt. Dagegen ließe sich einwenden, das sei nur ein subjektiver Vorgang der Seele, aber für den wirklichen Kenner solcher Vorgänge gilt dieser Einwand nicht: Jene sind für ihn gerade so, wie die Erkenntnisse der mathematischen Wahrheiten, wie zum Beispiel, dass die Summe der drei Winkel eines ebenen Dreiecks stets gleich 2 R = 180° ist, eine Wahrheit, die man rein im Innern der Seele erkennt; der Umstand trägt nichts zur Erkenntnis dieser mathematischen Wahrheit bei, ob auch andere sie für wahr halten oder nicht; sie beweist sich eben in sich selbst. Gerade so gescheit ist es, zu sagen, wenn jemand durch gewisse Übungen zu seelischen Vorgängen kommt, es sei das nur eine subjektive Gewissheit der eigenen, dieser einen Seele.

[ 20 ] When we allow such things to take effect upon us, we come to know the activity of the soul in the spiritual world. The soul enters a state similar to sleep, yet without losing consciousness; the content of this state is given to it as supersensible, through which the researcher perceives the supersensible world in its reality. One might object that this is merely a subjective process of the soul, but for the true connoisseur of such processes, this objection does not hold: for him, they are precisely like the insights into mathematical truths—such as the fact that the sum of the three angles of a plane triangle is always equal to 2 R = 180°, a truth that is recognized purely within the soul; the fact that others may or may not consider it true contributes nothing to the recognition of this mathematical truth; it proves itself in and of itself. It is just as foolish to say, when someone arrives at spiritual processes through certain exercises, that this is merely a subjective certainty of one’s own, this one soul.

[ 21 ] Wenn jemand mit Übungen seelischer Art beginnt, so kommt er zunächst zu allerlei Klippen, Irrtümern, Selbsttäuschungen; nur diese sind subjektiv. Darüber hinaus stellt sich nach genügendem Fortschritt die Gewissheit ein, dass man etwas Objektives vor sich hat, beziehungsweise in sich erfährt. Subjektive Überzeugungen sind es dann nicht. Das wäre ein Einwand, als wenn man sagen wollte, man solle ja keine Mathematik treiben, das verursache Schwierigkeiten subjektiver Art; trotzdem kann am Ende des Weges etwas Objektives vorgezeigt werden.

[ 21 ] When someone begins spiritual exercises, they initially encounter all sorts of pitfalls, errors, and self-deceptions; these, however, are merely subjective. Beyond that, once sufficient progress has been made, the certainty arises that one is dealing with something objective—or, rather, experiencing it within oneself. These are no longer merely subjective convictions. That would be like objecting by saying that one should not study mathematics because it causes subjective difficulties; yet, at the end of the path, something objective can be demonstrated.

[ 22 ] Aber noch einen anderen Einwand könnte jemand erheben, nämlich, man dürfe den Weg zu übersinnlichen Erkenntnissen nicht mit dem der mathematischen Erkenntnisse vergleichen, denn diese hätten ja nur einen formalen Wert. Es beweise die Erkenntnis, dass 3 x 3 = 9 ist, nicht, dass es 3 x 3 Dinge = 9 Dinge in der Welt gäbe, oder dass die Summe der drei Winkel im ebenen Dreieck gleich 180° sei, wäre in der Wirklichkeit nicht solcherart vorhanden, also müssten den innerlich-seelischen Vorgängen auch [keine] übersinnlichen Tatsachen entsprechen. Sind nun solche vorhanden oder nicht?

[ 22 ] But someone might raise yet another objection, namely, that one should not compare the path to supernatural knowledge with that of mathematical knowledge, since the latter has only formal value. The knowledge that 3 × 3 = 9 does not prove that there are 3 × 3 things = 9 things in the world, nor does the fact that the sum of the three angles in a plane triangle equals 180° exist in reality in that way; therefore, inner mental processes must also correspond to [no] supersensory facts. Do such facts exist, or not?

[ 23 ] Es müsste gezeigt werden, dass nicht allein wir Menschen die Mathematik denken, sondern dass die Mathematik auch selbst draußen, außer uns arbeitet, wie zum Beispiel Plato sagt: «Gott treibt Geometrie!» Wenn wir das anerkennen, so sind die mathematischen Gesetze real, in der Welt vorhanden. So also müssen auch die richtig erschauten Seelenvorgänge draußen als reale Dinge vorhanden sein. So finden wir zum Beispiel nur in uns, was wir bei seiner inneren Entwicklung ein «Ich» nennen und [was] mit unserem Seeleninhalt an Gedanken, Gefühlen, Willen und so weiter zusammenfällt. Ist es denn nicht nur etwas Subjektives? Was verbürgt uns seine Objektivität? Wirkt und webt es auch in der Außenwelt? Der Mensch entwickelt sich so zwischen Geburt und Tod, dass er sich zurückerinnert bis zu einem gewissen Zeitpunkt in seiner Jugend. Vor diesen Zeitpunkt reicht seine Erinnerung nicht zurück, obgleich niemand damit behaupten will, dass er erst im vierten oder fünften Lebensjahre entstanden sei, er ist ja doch schon einige Jahre lang vorher am Leben gewesen. Das menschliche Bewusstsein muss sich so gestalten von dem Punkte an, dass es erst neu entstehen musste.

[ 23 ] It would have to be shown that it is not only we humans who think mathematics, but that mathematics also operates on its own, outside of us, as Plato, for example, says: “God engages in geometry!” If we acknowledge this, then mathematical laws are real and exist in the world. Thus, the mental processes that are correctly perceived must also exist externally as real things. For example, we find within ourselves what we call an “I” as it develops internally, and [which] coincides with the contents of our soul—thoughts, feelings, will, and so on. Is it not merely something subjective? What guarantees its objectivity? Does it also act and weave its way through the external world? Human beings develop between birth and death in such a way that they can recall events back to a certain point in their youth. Their memory does not extend beyond this point, although no one would claim that they only came into being in their fourth or fifth year of life—after all, they had already been alive for several years prior to that. Human consciousness must thus take shape from the point at which it first had to emerge anew.

[ 24 ] Was aber war vorher im Menschen als Ich-Gehalt? Da können wir antworten: In den ersten Kindheitsjahren gestaltet der Mensch seine Gehirnwindungen aus, und erst wenn diese Arbeit geleistet, also das Werkzeug des Intellekts durch die Individualität herausziseliert ist, dann erst tritt das Ich-Bewusstsein für den Menschen selbst auf; es entspricht dem nun vorhandenen Werkzeug, und dieses dem ausbildenden Ich. So zeigt die Theosophie, dass alles, was später rein innerlich erlebt wird, vorher unser Gehirn herausarbeitete. Das erste Leben des Kindes zeigt, dass sein Gehirn «ichisiert» wird; was später Seeleninhalt wird, war vorher schöpferisch am Menschen, in den ersten Jahren als äußere, später als innere Aura.

[ 24 ] But what existed within the human being as the content of the “I” beforehand? We can answer this as follows: During the early years of childhood, the human being develops the convolutions of the brain, and only when this work is complete—that is, when the tool of the intellect has been chiseled out by the individuality—does “I”-consciousness emerge for the human being; it corresponds to the tool now in place, and this tool corresponds to the developing “I.” Thus, theosophy shows that everything that is later experienced purely inwardly was first worked out by our brain. The child’s early life shows that its brain is being “I-fied”; what later becomes the content of the soul was previously present creatively in the human being, in the early years as an outer aura, and later as an inner aura.

[ 25 ] In diesen Vorgängen ist erfüllt, was wir brauchen, um nachzuweisen, und zwar äußerlich, was früher innerlich da war. Folgendes Experiment möge das verdeutlichen: Wenn der Seelenforscher alle seine Übungen auf sich anwendet und seine Seele unter den Einfluss derselben stellt, so wird er zuletzt merken, dass er wachend mit seiner Seele aus den physisch-ätherischen Körperhüllen schlüpft – ein Vorgang, der sonst nur mit dem Einschlafen möglich war. Bei der so erreichten Unabhängigkeit von seiner Leibesorganisation erlebt sich der Geistesforscher in der ersten Stufe; er weiß dann, dass er etwa Folgendes in sich erlebt: Ich erkenne einen Inhalt unabhängig von den Organen meines Leibes, kann diesen Inhalt aber nicht in Begriffe bringen, da diese an das Gehirn gebunden sind, und es ist mir das ein quälender innerlicher Zustand, der auch mit in das gewöhnliche Leibesbewusstsein hinübergenommen wird. Der Mensch hat dann etwas Idiotisches in Beziehung auf den Ausdruck seiner höheren geistigen Erlebnisse.

[ 25 ] In these processes, what we need to demonstrate—namely, outwardly what was previously present inwardly—is fulfilled. The following experiment may illustrate this: If the researcher of the soul applies all his exercises to himself and places his soul under their influence, he will eventually notice that, while awake, he slips out of his physical and etheric bodies with his soul—a process that was otherwise only possible while falling asleep. Having thus achieved independence from his physical body, the researcher of the soul finds himself in the first stage; he then knows that he is experiencing something like the following within himself: I perceive a content independent of the organs of my body, but I cannot express this content in concepts, since these are bound to the brain, and this is a tormenting inner state for me, one that is also carried over into ordinary bodily consciousness. The human being then has something idiotic about the expression of his higher spiritual experiences.

[ 26 ] Werden die erforderlichen Übungen mit eiserner Energie fortgesetzt, so geht dasjenige, was frei geworden ist in der immer selbstständigeren Seele an übersinnlichen Erlebnissen, als Kraftwirkungen bis in den physischen Leib und [es] kann dadurch in Begriffen ausgedrückt werden, was früher nur geistig ohne Beteiligung des Gehirns erlebt wurde, so, wie das Kind allmählich sein Gehirn ausbildet, um auszudrücken, was es nachher als Erlebtes aussprechen will. – So geht man stufenweise vor. – Der geistig-seelische Wesenskern muss also schon bei der ersten Keimbildung des Leibes da gewesen sein, da er ja an dessen Weiterentwicklung von der geistigen Welt aus arbeiten soll, und so arbeitet er denn hinein in die physische Organisation mit seinen Kräften, die er dem aufgespeicherten und verarbeiteten Fonds der früheren Erdenleben entnimmt.

[ 26 ] If the necessary exercises are continued with iron will, what has been liberated in the increasingly independent soul—in the form of supersensory experiences—manifests as forces extending into the physical body, and [it] becomes possible to express in concepts what was previously experienced only spiritually, without the involvement of the brain—just as a child gradually develops its brain in order to express what it later wishes to articulate as an experience. – This is how one proceeds step by step. – The spiritual-soul core must therefore have been present already at the very first formation of the body, since it is to work on its further development from the spiritual world; and so it works into the physical organization with the forces it draws from the stored and processed reserves of earlier earthly lives.

[ 27 ] So sehen wir denn: Wer zum Ich-Begriff kommen will, muss sich notwendigerweise mit den Einwänden der Zweifelnden befassen, um deren richtige Tragweite zu erkennen, und er ist gezwungen, weite Gesichtspunkte aufzusuchen. Keiner aber sollte leichtfertig aburteilen über diejenigen, welche nicht zur Theosophie herankommen können.

[ 27 ] We see, then, that anyone who wishes to arrive at the concept of the “I” must necessarily grapple with the objections raised by skeptics in order to recognize their true scope, and is compelled to seek out broader perspectives. However, no one should rashly pass judgment on those who are unable to grasp theosophy.

[ 28 ] Es sind vorgestern außerdem noch gewichtige Einwände in sittlicher, moralischer und religiöser Richtung ausgeführt worden; es ist vorgebracht worden, dass der Glaube an das Karma mit seiner Belohnung und Strafe die Menschen zu Egoisten machen könne, und es ist auch zuzugeben, dass solcherlei eng gefasste Anschauungen in gewisser Weise zu Egoismus führen können. Da möchte ich aber doch gleich hinweisen auf Schopenhauer, wenn er sagt:

[ 28 ] Furthermore, the day before yesterday, serious objections were raised on ethical, moral, and religious grounds; it has been argued that belief in karma, with its rewards and punishments, could turn people into egoists, and it must be admitted that such narrow-minded views can, in a certain sense, lead to egoism. However, I would like to refer here to Schopenhauer, who says:

Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer!

It's easy to preach morality, but hard to justify it!

[ 29 ] Das Letztere heißt diejenigen Dinge vorbringen, die zur moralischen Führung veranlassen. Sollte das für die Theosophie möglich sein, so mögen Außenstehende sagen, dass Karma Egoisten hervorbringen würde, wenn wir bedenken, dass dieses ja nur ein Übergangszustand zu sein braucht, mit dem Bewusstsein einer ausgleichenden Gerechtigkeit durch verschiedene Erdenleben hindurch. So wollen zum Beispiel Eltern ihre Kinder ordentlich erziehen, damit diese sie im Alter erhalten und pflegen können. Das ist zwar egoistisch, aber es bewirkt doch, dass solche Kinder ordentliche Leute werden, die Eltern ihre Hoffnungen erfüllt sehen und Freude an der Tüchtigkeit der Kinder erleben; so verwandelt sich ihr Egoismus in eine Anlage für unegoistische Freude am guten Fortkommen und der persönlichen Entwicklung ihrer Kinder.

[ 29 ] The latter means presenting those things that inspire moral conduct. If this were possible within theosophy, outsiders might say that karma would produce egoists, considering that it need only be a transitional state, accompanied by the awareness of a balancing justice throughout various earthly lives. For example, parents want to raise their children properly so that the children can support and care for them in their old age. Although this is selfish, it does result in such children becoming decent people, allowing the parents to see their hopes fulfilled and to experience joy in their children’s competence; thus, their selfishness is transformed into a disposition for selfless joy in their children’s well-being and personal development.

[ 30 ] So sagt man zum Beispiel ferner bei einer etwas derben Art der Veranschaulichung des Karmas: Die guten Taten des Menschen bedingen Belohnung, die bösen haben Schmerz und Leid zur Folge. Handelt nun der Mensch darnach und steht er auch unter dem Einfluss des Egoismus, so wirkt das Gute auf ihn zurück, und er wird allmählich ein unegoistischer Mensch.

[ 30 ] For example, in a somewhat crude way of illustrating karma, it is said: A person’s good deeds bring about reward, while evil deeds result in pain and suffering. If a person acts in accordance with this principle—even while still under the influence of selfishness—the good will have a reciprocal effect on them, and they will gradually become an unselfish person.

[ 31 ] Moral kann man nur begründen, indem man von der wahren, egoistischen Menschen-Natur ausgeht und das Karma dabei berücksichtigt; dieses wandelt dann den egoistischen Menschen allmählich in einen moralischen, selbstlosen um.

[ 31 ] Morality can only be justified by taking true, selfish human nature as a starting point and taking karma into account; this then gradually transforms the selfish person into a moral, selfless one.

[ 32 ] Wenn jemand andere moralische Einwände machen wollte, nämlich, manche Eltern liebten ihre Kinder als Teil ihrer selbst, als Erben ihrer eigenen Eigenschaften, und es würde ihnen das nicht zuzumuten oder überhaupt möglich sein bei dem Bewusstsein, ein ihnen fremder, geistig-seelischer Wesenskern käme aus geistigen Welten herab, um sich gewissermaßen den leiblichen Eltern entgegenzustellen, so können wir darauf erwidern, dass eine tiefinnerliche Verwandtschaft bestand, die das Kind gerade zu diesem Elternpaar führte, als eine Folge liebevoller Beziehungen höherer Art, die bereits vor der Geburt bestanden und die Kräfte entwickelten, die den geistigseelischen Wesensteil befähigten, gerade zu seinen Eltern zu gelangen – Kräfte, die aus früheren Erdenleben sich entwickelten und ihm auch eine weitere günstige Fortentwicklung nur mit dem ihm von seinen Eltern überkommenen Körper ermöglichen.

[ 32 ] If someone were to raise other moral objections—namely, that some parents love their children as part of themselves, as heirs to their own qualities, and that it would be unreasonable to expect them to accept, or even possible for them to accept, the realization that a spiritual-soul core foreign to them was descending from spiritual worlds to, in a sense, oppose the physical parents— we can respond that a deeply inner kinship existed, which led the child precisely to this particular pair of parents—as a result of loving relationships of a higher order that existed even before birth and developed the forces that enabled the spiritual-soul aspect of the child’s being to reach precisely these parents —forces that developed from earlier earthly lives and that also enable the child’s further favorable development only through the body inherited from its parents.

[ 33 ] Wenn gar gesagt wird, der Mensch schreibe sich bei der Reinkarnation eine Art Selbstgerechtigkeit zu, ohne seine Gotteskindschaft zu betonen, stelle sich in einen Gegensatz zu dem gerechten Gotte, so kann man darauf bei einem erweiterten Horizonte sagen: Wenn der Mensch fühlt, dass in ihm die göttliche Kraft arbeitet, so wäre es doch geradezu unverständlich, sich nicht auch einen göttlichen Wesenskern zuzuschreiben, der von Leben zu Leben immer höher entwickelt werden muss und kann, denn sonst begeht er Sünde, sobald er meint, den Gottesfunken in sich verleugnen zu sollen, wenn er ihn, statt ihn zu entwickeln, zu einer Karikatur verzerrt. Also ist möglichste Annäherung an das göttliche Ideal eine heilige religiöse Pflicht des Theosophen.

[ 33 ] If it is even said that, in reincarnation, human beings attribute to themselves a kind of self-righteousness without emphasizing their divine sonship, thereby placing themselves in opposition to the righteous God, then—with a broader perspective—one might say: If a person feels that the divine power is at work within them, it would be utterly incomprehensible not to also attribute to themselves a divine core of being—one that must and can be developed to ever higher levels from life to life—for otherwise they commit a sin the moment they believe they should deny the divine spark within themselves, or when, instead of developing it, they distort it into a caricature. Thus, drawing as close as possible to the divine ideal is a sacred religious duty of the theosophist.

[ 34 ] Wir wollen alle Einwände der Gegner gern beachten, aber im Für und Wider auch bemerken, dass dieses nicht ohne Weiteres durch Beweise und Gegensätze aus der Welt geschafft wird, sondern durch Erweiterung unseres Horizontes in unserem Seelenleben über alles Enge in unserer Kultur hinaus. Das soll die Theosophie oder Geisteswissenschaft den Menschen unserer Kultur bringen und darnach das Hinausheben über die bloße physisch-sinnliche Welt hinaus.

[ 34 ] We are willing to consider all the objections raised by our opponents, but we should also note, in weighing the pros and cons, that this is not simply resolved through evidence and counterarguments, but rather by broadening our spiritual horizons beyond all that is narrow in our culture. This is what Theosophy, or the Science of the Spirit, is meant to bring to the people of our culture, and thereby enable them to rise above the mere physical and sensory world.

[ 35 ] Wenn jemand nun bei weiterer Entwicklung und im engen Anschluss an die Laboratoriumsmethoden zu seinen Resultaten und Erkenntnissen die übersinnliche Welt heranzuziehen versucht, könnte er das Einzelne mit Erfolg anwenden, bei dem anderen scheitern, das würde aber ebenso sein, als wenn sich bei diesen und jenen naturwissenschaftlichen Tatsachen Zweifel erheben und man einsicht, dass bei ihrer Auslegung und Anwendung Einzelnes nicht stimmt; so kann sich die so gewonnene Anschauung aber doch bei Aneinanderreihung der verschiedenen Tatsachen zu einer berechtigten Hypothese verdichten, die variiert wird, sich nach und nach immer besser entwickelt und in ihrer Gesamtheit, durch häufigere Bestätigung unterstützt, zuletzt zu einer Theorie wird. Dann müssen wir sagen, dass der Einwand, den manche machen, solche Hypothesen von übersinnlichen Welten widersprächen allen bisherigen Anschauungen, ebenso gewichtig ist wie jener einer berühmten Akademie der Wissenschaften [in Paris], welche bei der Mitteilung über den Fall von Meteorsteinen das Vorhandensein derselben ablehnen wollte, auch wenn man die Steine selbst vorlegen würde.

[ 35 ] If, in the course of further development and in close connection with laboratory methods, someone were to attempt to incorporate the supersensible world into their results and findings, they might apply it successfully in some instances and fail in others; but this would be just as if doubts were to arise regarding certain scientific facts and one were to realize that, in their interpretation and application, some details are incorrect; yet the perspective gained in this way can, when the various facts are strung together, coalesce into a valid hypothesis that is refined, gradually develops more and more effectively, and, in its entirety—supported by frequent confirmation—ultimately becomes a theory. Then we must say that the objection raised by some—that such hypotheses of supernatural worlds contradict all previous views—is just as weighty as that of a famous Academy of Sciences [in Paris], which, in its report on the case of meteorites, sought to deny their existence even if the stones themselves were presented.

[ 36 ] Es müssen also in diesem längst vergangenen wie im vorliegenden Falle nicht die Tatsachen, sondern die Anschauungen korrigiert werden; das heißt, der Horizont der Menschen muss sich unter der Einwirkung der Geisteswissenschaften erweitern in ihrer Forschung und Überzeugung. – Wir haben es hier mit einem Geistigen zu tun, das seine ihm eigentümlichen Gesetze hat, die von denen des Materiellen verschieden sind, denn die des Letzteren zeigen nur Entstehen und Vergehen. Wenn wir scheinbar Nebensächliches darin betonen, dass die Seelenvorgänge im Gehirn in gewisser Hinsicht wirken wie die Schwerkraft in den Stoffmassen, dann können wir auch zugestehen, dass diese Schwerkraft, wenn die Erde schlafen könnte, sich selbstständig zeigen würde, und fernerhin mit Recht annehmen, dass sie als eine selbstständige Kraft die Materie überdauern wird. Jene Wahrheiten können wir auch so ausdrücken:

[ 36 ] Thus, in this long-past case as in the present one, it is not the facts but the views that must be corrected; that is to say, people’s horizons must broaden under the influence of the humanities in their research and convictions. – We are dealing here with a spiritual realm that has its own unique laws, which differ from those of the material world, for the latter’s laws pertain only to coming into being and passing away. If we emphasize what may seem like a minor point—that mental processes in the brain act, in a certain sense, like gravity acts on masses of matter—then we can also concede that this gravity, if the Earth could sleep, would manifest itself independently, and furthermore, we can rightly assume that, as an independent force, it will outlast matter. We can also express those truths as follows:

Es sprechen zu den Menschenseelen
Die Dinge in den Raumesweiten;
Bewahren kann die Seele sie im Zeitenlaufe!
Erkennend aber lebt die Menschenseele,
Von Raumesweiten unbegrenzt,
Und unbeirrt vom Zeitenlaufe,
Im Reich der Ewigkeit
Und findet in dem Geistgebiete
Des eignen Wesens allertiefsten Grund.

They speak to human souls
The things in the vastness of space;
The soul can preserve them throughout the course of time!
Yet the human soul lives in awareness,
Unbounded by the vastness of space,
And undeterred by the passage of time,
In the realm of eternity
And finds in the spiritual realm
The deepest foundation of its own being.