Spiritual Science
and the Future of Humanity
GA 69e
25 September 1912, Basel
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Spiritual Science and the Future of Humanity, tr. SOL
6. Die Aufgaben der Geistesforschung für die Zukunft
6. The Tasks of Spiritual Research for the Future
[ 1 ] Wenn heute von Geisteswissenschaft die Rede ist in dem Sinne, wie [sie] hier gemeint ist, so kann man es oftmals erfahren, dass Menschen nicht nur diese oder jene begriffliche gegnerische Ansicht äußern, sondern geradezu in leidenschaftlicher Weise sich dagegen wenden, wie gegen etwas, das aus der Willkür dieses oder jenes Menschen entspringen würde und nur durch diese Willkür in die Welt gesetzt sein sollte. Wer das Geistesleben, wie es sich bis in unsere Gegenwart herauf gestaltet, wie es sich durch lange Zeiten schon [vorbereitet] hat, ein wenig überblickt, der wird sehr bald gewahr werden können, dass es sich bei dieser Geisteswissenschaft oder Geistesforschung nicht nur um etwas handelt, das aus den willkürlichen Intentionen irgendeines Kopfes bloß zu entspringen braucht, sondern um etwas, das entgegenkommen will dem Drängen, der Sehnsucht der Zeit. Und derjenige, der vielleicht etwas tiefer hineinschauen kann in dieses Drängen, diese Sehnsucht der Zeit, der wird bei einiger Aufmerksamkeit auch gewahr werden können, wie jene Triebe, die hinführen, unbestimmt und heute noch wie instinktmäßig, nach einer solchen Geistesforschung, wie diese Triebe in der Zukunft immer bestimmter und bestimmter, immer bedeutsamer, immer intensiver werden müssen; sodass die Geistesforschung in der Weise, wie sie hier gemeint ist, einem Drängen der Zeit entspricht. Das darzustellen soll die Aufgabe des heutigen und des morgigen Vortrages sein, die ich vor Ihnen zu halten die Ehre habe.
[ 1 ] When people speak today of spiritual science in the sense intended here, one often finds that they not only express this or that conceptual objection, but turn against it in a downright passionate manner, as if it were something arising from the whim of this or that individual and brought into the world solely through that whim. Anyone who takes even a brief look at spiritual life—as it has developed up to the present day, as it has been [preparing] itself over long periods of time—will very soon realize that this spiritual science or spiritual research is not merely something that need only spring from the arbitrary intentions of some individual mind, but rather something that seeks to respond to the urge, the longing of the times. And anyone who is perhaps able to look a little more deeply into this urge, this longing of the times, will, with a little attention, also be able to perceive how those impulses that lead—vaguely and, even today, still almost instinctively—toward such spiritual research must, in the future, become ever more definite, ever more significant, and ever more intense; so that spiritual research, as understood here, corresponds to an urge of the times. This is what today’s and tomorrow’s lectures—which I have the honor of presenting to you—are intended to illustrate.
[ 2 ] Es ist im Grunde genommen ganz leicht begreiflich, dass man sich heute mit so mancherlei beliebten Vorstellungen und Ideen, die man sich, um eine Weltanschauung aufzubauen, gezimmert hat, trägt; aber man wendet sich dagegen, wenn Geistesforschung sich hineinstellen will in das Geistesleben der Gegenwart, und behauptet, dass neben dem, was Menschensinne begreifen können, neben dem, was der gewöhnliche Verstand, der seine Vollendung findet in dem Begreifen der wissenschaftlichen Forschungen, dass neben diesem allem am Menschen etwas vorhanden sein soll, was man mit den, für viele so gräulichen, Namen wie «Ätherleib», «Astralleib» und «Ichträger» bezeichnet, sodass der Mensch nicht nur bestehe aus den Stoffen der äußeren Welt, sondern dass er in sich tragen soll auch noch übersinnliche Elemente, wie den übersinnlichen Ätherleib, oder wie den Astralleib, der vollständig übersinnlich ist und zugrunde liegt der physischen Organisation, und dem Träger des eigentlichen Ich, der tiefsten Grund-Wesenheit des Menschen.
[ 2 ] It is, after all, quite easy to understand that people today cling to all sorts of popular notions and ideas that they have cobbled together to construct a worldview; but people object when spiritual research seeks to engage with contemporary spiritual life and asserts that, alongside what human senses can perceive—alongside what the ordinary intellect, which finds its fulfillment in understanding scientific research—that, alongside all of this, there is something within the human being that is described by terms so repulsive to many as “etheric body” , “astral body,” and “I-bearer”—so that human beings do not consist solely of the substances of the external world, but are said to possess within themselves supersensible elements as well, such as the supersensible etheric body, or the astral body, which is entirely supersensible and underlies the physical organization, and which is the bearer of the true “I,” the deepest essential being of the human being.
[ 3 ] Ebenso leicht ist es, zu spotten, ebenso leicht ist es, aus beliebten Begriffen scheinbar Widerlegungen zu zimmern gegen eine solche Erkenntnis; und wenn dann gar hinzukommt, dass geisteswissenschaftliche Forschung mit ihren Methoden die Lebens- und Daseinsbedingungen der menschlichen Natur erforschen will, zeigen will, dass sie hinausreichen will über Geburt und Tod, hinausreichen über das, was die Sinne und die gewöhnliche Wissenschaft erforschen können, dann scheint zu widersprechen eine solche Behauptung allem, was man heute gewohnt ist, zu lesen oder zu hören.
[ 3 ] It is just as easy to mock this insight, just as easy to cobble together apparent refutations of it using popular terms; and when, on top of that, humanities research seeks to explore—through its own methods—the conditions of life and existence of human nature, to show that it aims to extend beyond birth and death, beyond what the senses and conventional science can investigate, then such a claim seems to contradict everything one is accustomed to reading or hearing today.
[ 4 ] Und dennoch muss durch diese Geistesforschung dem, was schon Lessing mehr oder weniger äußerlich bemerkbar hineingestellt hat in unser Geistesleben, dem muss Aufmerksamkeit entgegengebracht werden; und es muss dieses durch die Geistesforschung belebt werden.
[ 4 ] And yet, through this spiritual research, attention must be given to that which Lessing had already, more or less outwardly, introduced into our spiritual life; and this must be brought to life through spiritual research.
[ 5 ] Es muss diese Geistesforschung dem Menschen zeigen, dass in seinen übersinnlichen Gliedern Kräfte zu finden sind, die hinausreichen über dieses Erdenleben; sodass man zu sprechen hat nicht nur von einem, sondern von wiederholten Erdenleben, sodass der Mensch in seinem gesamten Dasein durch Geisteswissenschaft zu überblicken hat sein Wesen: nach vorne über die Geburt hinaus, zunächst in sein geistiges Dasein; dann in frühere Erdenleben, und wieder in die Zukunft hinein, in spätere Erdenleben.
[ 5 ] This spiritual research must show human beings that there are forces within their supersensible faculties that extend beyond this earthly life; so that we must speak not only of one, but of repeated earthly lives, so that through spiritual science, a person can gain an overview of their being throughout their entire existence: forward beyond birth, first into their spiritual existence; then into past earthly lives, and again into the future, into future earthly lives.
[ 6 ] Das gesamte Dasein des Menschen zerfällt für die Geisteswissenschaft in aufeinanderfolgende Erdenleben, welche getrennt sind voneinander durch das, was zwischen Tod und neuer Geburt liegt: durch ein rein geistiges Dasein in übersinnlichen Welten.
[ 6 ] For spiritual science, a person’s entire existence is divided into successive earthly lives, which are separated from one another by what lies between death and a new birth: a purely spiritual existence in supersensible worlds.
[ 7 ] Zunächst scheint für den modernen Menschen dieses Eindringen in die geistige Welt so, dass er mancherlei dagegen einzuwenden hat; es erscheint ihm ganz phantastisch. Und gerade der, der die Bedingungen und Grundlagen der Geisteswissenschaft kennt, der wird es begreiflich finden, dass zunächst viel Widerstand sich in der modernen Seele erheben kann gegen derlei Behauptungen. Und da findet man zunächst unter den Einwendungen die Behauptung: Wir übersehen das Dasein, und das, was sich zunächst vor unseren Sinnen ausbreitet, das zeigt uns, dass wir in dem Sinnendasein eine abgeschlossene Welt haben, die sich aus uns selbst erkennen lässt.
[ 7 ] At first, this entry into the spiritual world seems to modern people in such a way that they have many objections to it; it appears entirely fantastical to them. And it is precisely those who are familiar with the conditions and foundations of spiritual science who will find it understandable that, at first, a great deal of resistance may arise in the modern soul against such assertions. And among the objections one finds, first and foremost, the claim: We overlook existence, and what initially presents itself to our senses shows us that we have, in sensory existence, a self-contained world that can be known through ourselves.
[ 8 ] Das war ja das Bestreben einer Anzahl großer, ernster Denker der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts: alle Kräfte des Denkens anzustrengen, um das, was sich ausbreitet vor des Menschen Intellekt, aus sich selber zu erklären! Es ist viel getan worden im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, eine solche Weltanschauung zu begründen, um ihr moralische Stützen, moralische Ziele zu geben, um auch aus ihr Trost für die menschliche Seele zu geben. Und es sind nicht die schlechtesten Seelen, die nach einer materialistischen, positivistischen Weltanschauung gestrebt haben.
[ 8 ] That, after all, was the aspiration of a number of great, serious thinkers of the second half of the nineteenth century: to exert all the powers of thought in order to explain, from within themselves, that which unfolds before the human intellect! Much was done throughout the nineteenth century to establish such a worldview, to provide it with moral foundations and moral goals, and to offer comfort to the human soul through it. And it is not the worst of souls who have striven for a materialistic, positivist worldview.
[ 9 ] Es ist das die eine Sorte der Widerstände, der man begegnet, wenn man über Geistesforschung oder Geisteswissenschaft spricht.
[ 9 ] This is one type of resistance one encounters when discussing spiritual research or the spiritual sciences.
[ 10 ] Das Zweite ist etwas, das man bei Menschen findet, die eine andere Überzeugung haben, nämlich, dass hinter dieser sinnlichen Welt eine übersinnliche Welt liegt, Menschen, die eine solche übersinnliche Welt anerkennen, die aber nicht zugeben können, dass des Menschen Erkenntniskräfte, dass des Menschen Forschungsmöglichkeiten geeignet sind, in das übersinnliche Dasein einzudringen.
[ 10 ] The second is something found among people who hold a different belief, namely, that behind this sensory world lies a supersensible world—people who acknowledge the existence of such a supersensible world but cannot admit that human powers of cognition, that human capabilities for research, are capable of penetrating into supersensible existence.
[ 11 ] Seien es nun Zweifel oder solche Einwände, die von philosophischer Seite her kommen, sehr verehrte Anwesende, im Grunde genommen hat gegen alle diese Einwände vor vielen Jahren, vor einem Jahrhundert, alles Nötige gesagt der große Philosoph Johann Gottlieb Fichte, als er in der Art, wie man es eben damals sagen konnte, im Jahre 1811 und 1813 an der neugegründeten Universität in Berlin Vorträge hielt und das, was über den Geist geschaut werden kann, in Worte kleidete. Gleich am Anfang sagte da Johann Gottlieb Fichte zu seinen Zuhörern: Denket euch eine Menge von Menschen, die blind geboren wären und noch als Blinde dastehen, und einer wäre unter ihnen, der als Sehender von dem Licht und den Farben redete. Dann würden diese Menschen sagen: Der redet von etwas Phantastischem, das es gar nicht gibt.
[ 11 ] Whether these are doubts or objections arising from a philosophical perspective, ladies and gentlemen, the great philosopher Johann Gottlieb Fichte essentially addressed all these objections many years ago—a century ago— the great philosopher Johann Gottlieb Fichte said everything that needed to be said, when—in the manner in which one could express such things at that time—he delivered lectures in 1811 and 1813 at the newly founded University of Berlin and put into words what can be perceived about the spirit. Right at the beginning, Johann Gottlieb Fichte said to his listeners: Imagine a group of people who were born blind and remain blind, and among them there is one who, being sighted, speaks of light and colors. Then these people would say: He is speaking of something fantastical that does not exist at all.
[ 12 ] Sie haben von ihrem Standpunkte aus recht, denn was gewusst werden kann von einer Welt, das hängt davon ab, dass der Mensch das Organ dafür hat, es wahrzunehmen. Eine übersinnliche Welt kann nur von dem zugegeben werden, welcher – wie Goethe es nannte — das Geistes-Auge hat, um diese Welt als eine Wirklichkeit vor sich zu haben.
[ 12 ] From their point of view, they are right, for what can be known about a world depends on whether a person possesses the faculty to perceive it. A supernatural world can only be acknowledged by those who—as Goethe called it—have the “eye of the spirit” to perceive this world as a reality before them.
[ 13 ] Nun, so, wie diese Geisteswissenschaft oder Geistesforschung in der neueren Literatur vertreten wird, so bringt sie nicht nur Resultate vor, nicht nur dasjenige, was mit wenigen Worten eben angedeutet worden ist, es bringt die Literatur nicht nur hervor dasjenige, was Ergebnisse sind der Forschung, sondern Sie können zum Beispiel in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», auch im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umriss» finden, wie die Menschenseele dazu kommt, wirklich in sich das Organ auszubilden, um hineinzuschauen in die geistige Welt. Und es ist bei diesem Organ so, dass es jedem zugänglich ist, wenn er nur den rechten Weg geht.
[ 13 ] Now, the way this spiritual science or spiritual research is presented in recent literature, it does not merely present findings—not just what has just been briefly outlined—nor does the literature merely present the results of research; rather, you can find, for example, in my work *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, as well as in the second part of my *Outline of Esoteric Science*, how the human soul comes to truly develop within itself the organ needed to look into the spiritual world. And the nature of this organ is such that it is accessible to everyone, provided they follow the right path.
[ 14 ] Wenn einer blind geboren ist, so kann man davon sprechen, dass ihm vielleicht das Erkennen von Licht und Farben lebenslänglich versagt ist. Bei dem geistigen Auge ist es so, dass es bei jedem geweckt werden kann; Kräfte sind da, die in jedem schlummern.
[ 14 ] If someone is born blind, one might say that they may be deprived of the ability to perceive light and colors for the rest of their life. As for the inner eye, it can be awakened in everyone; there are powers that lie dormant within each of us.
[ 15 ] Es kann, da heute von der «Aufgabe der Geisteswissenschaft für die Zukunft» gesprochen werden soll, nur kurz angedeutet werden, welches nun die Ziele und das Wesen dieser Geisteswissenschaft selber sind. Etwas von dem, was zu dieser Geisteswissenschaft drängt, es liegt sozusagen überall [beschlossen], wo man hinblickt, gerade bei den besten Geistern der sich vorbereitenden neuen Zeit, der sich vorbereitenden geistigen Zukunft.
[ 15 ] Since today’s discussion is to focus on the “task of spiritual science for the future,” we can only briefly touch upon what the goals and the very nature of this spiritual science itself are. Something of what drives this spiritual science is, so to speak, inherent everywhere one looks—especially in the finest minds of the new age that is dawning, of the spiritual future that is taking shape.
[ 16 ] Unter den vielen Dingen, an welche erinnert werden könnte, sei nur das eine, ja vielbekannte Wort Goethes erwähnt, wo Goethe sozusagen aufgrund einer langen Lebenserfahrung, durch eine eindringliche Betrachtung der Wirklichkeit des Daseins sagt – Sie können die Stelle in den «Gesprächen mit Eckermann» finden –, er sagte: Man mag mancherlei durchlaufen haben im Leben, in allerlei Weise sich zum Dasein gestellt haben – im Alter wird man Mystiker werden.
[ 16 ] Among the many things one might recall, let us mention just this one, indeed well-known, statement by Goethe, in which Goethe—drawing, so to speak, on a lifetime of experience and through a profound contemplation of the reality of existence—says—you can find the passage in *Conversations with Eckermann*—he said: One may have gone through many things in life, may have approached existence in all sorts of ways—in old age, one becomes a mystic.
[ 17 ] Und weil Goethe dieser Ansicht war, ließ er ja auch seinen Faust am Ende des zweiten Teiles des «Faust» als Mystiker enden, trotzdem er ihn zugleich als praktische Seele hingestellt hat.
[ 17 ] And because Goethe held this view, he had his Faust end up as a mystic at the end of the second part of *Faust*, even though he also portrayed him as a practical soul.
[ 18 ] Was will Goethe eigentlich damit sagen, wenn er davon spricht, im Alter werde man Mystiker? Im Grunde genommen kann das jeder Mensch erfahren, der da vergleicht durch eine treuliche Selbstbeobachtung die ganze Stimmung, die ganze Verfassung des Seelenlebens in der Jugend, und dann, wenn ein gewisses Alter erreicht ist: Man hat das Leben durchgemacht, sich eine gewisse Anschauung gebildet, gewisse innere Anschauungen, zu denen man ein ganz bestimmtes Verhältnis, eine Gemüts- und Empfindungsstellung gewinnt.
[ 18 ] What exactly is Goethe trying to say when he speaks of people becoming mystics in old age? Essentially, anyone can experience this by faithfully observing the overall mood and state of their inner life in youth, and then, upon reaching a certain age: one has lived through life, formed certain views—certain inner perspectives—toward which one develops a very specific relationship, a particular state of mind and emotion.
[ 19 ] In der Jugend, da können die [Ziele und] Ideale, die Weltanschauungen heraussprudeln – die Anschauungen über die Welt heraussprudeln; man kann das Gefühl haben: Sie sind da, aus dir herausgehoben. Und wenn man insbesondere zur Kindheit zurückblickt, so kann man sehen, wie man da noch nicht sprechen kann davon, wie da die Regsamkeit, die Ausdrucksfähigkeit komme von der Seele und das andere vom Leibe. Wie aus unbestimmten Untergründen des Seelenlebens dringt heraus, was der Mensch an sich beobachten kann in der Jugend.
[ 19 ] In youth, [goals and] ideals and worldviews can bubble up—views of the world can bubble up; one can have the feeling that they are there, emerging from within oneself. And when one looks back, especially to childhood, one can see how it was not yet possible to speak of how liveliness and expressiveness come from the soul and the rest from the body. How, from the indeterminate depths of the soul’s life, emerges what a person can observe in themselves during youth.
[ 20 ] Später kann man sehen, dass das, was der Mensch sich erringt, aus der Seele herausdringt. Dann aber kommt die Zeit, wo immer mehr das, was sich in der Welt um ihn herum ausbreitet, sich bewusst in der Seele widerspiegelt, wo man weiß: Jetzt zieht sich zusammen in deiner Seele innerlich dasjenige, was du erfahren hast, so, dass es auf andere Dinge ein Licht werfen kann. Man wird innerlich reicher.
[ 20 ] Later on, one can see that what a person achieves wells up from the soul. But then comes the time when, more and more, what unfolds in the world around him is consciously reflected in the soul, when one knows: Now what you have experienced is coalescing inwardly in your soul in such a way that it can shed light on other things. One becomes inwardly richer.
[ 21 ] Wie frisch man sich im Alter innerlich fühlt, das gibt Aufschluss darüber, was man in der Jugend für Anschauungen aus sich herausprojiziert hat. Im Alter wird man viel unabhängiger von dem Körperlichen. Man macht eine innerliche Erfahrung, die jeder Mensch, auch ohne Geisteswissenschaft, machen kann: die Erfahrung des Seelisch-unabhängig-Werdens von sich, von seiner Körperlichkeit, seiner Leiblichkeit, seinem Persönlichen. Und dieses Innerliche, das spürte Goethe, indem er sagte, man werde im Alter Mystiker. Er meinte: Man hat eine geistige Form, von der aus man Lichter werfen kann auf die Außenwelt.
[ 21 ] How fresh one feels inwardly in old age reveals what views one projected from within during one’s youth. In old age, one becomes much more independent of the physical. One has an inner experience that every person can have, even without spiritual science: the experience of becoming spiritually independent of oneself, of one’s physicality, one’s corporeality, and one’s personality. And Goethe sensed this inner reality when he said that one becomes a mystic in old age. He meant: One possesses a spiritual form from which one can shed light on the external world.
[ 22 ] Und wenn man, ich möchte sagen, die Absicht dieser Goethe-Seele prüft, gerade an dieser Stelle, so kann man sagen: Er hat es gefühlt, wie man in der Jugend, sozusagen in den früheren menschlichen Lebensaltern, im Einklange lebt mit dem, was man auch äußerlich, körperlich ist. Der Körper wächst heran, wird kräftiger und kräftiger; alle einzelnen Funktionen werden kräftiger. Das geschieht in jedem Leben. An jeden Menschen tritt heran, was man nennen kann einen Höhepunkt des Lebens, und an jeden Menschen tritt heran, wie etwas — wie ein Niedergang stattfindet. Wir alle fühlen den Niedergang des Lebens. Aber gerade während des Niederganges des körperlichen Lebens fühlen wir immer mehr und mehr dieses reicher gewordene Innere, wie wir uns mehr innerliches Urteil über die Welt zuschreiben dürfen; wir fühlen das Innerlich-unabhängig-Werden von dem äußeren Niedergang.
[ 22 ] And if one were to examine, I would say, the intention of Goethe’s soul at this very point, one could say: He sensed how, in youth—in the earlier stages of human life, so to speak—one lives in harmony with what one is externally, physically. The body grows, becoming stronger and stronger; all its individual functions become more vigorous. This happens in every life. Every human being experiences what might be called a high point in life, and every human being experiences a kind of—a decline. We all feel the decline of life. But precisely during the decline of physical life, we feel more and more this inner life that has become richer, as we are able to attribute more inner judgment about the world to ourselves; we feel our inner self becoming independent of the outward decline.
[ 23 ] Wenn wir uns gesund entwickelt haben, dann fühlen wir das, dass wir innerlich voller, inhaltsreicher werden, wenn wir den Abstieg des Lebens beschreiben. Daher kommt ja die Frage, unabhängig von allen Dingen, die Frage nach dem: Was kommt nach dem Tode, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind – nachdem wir durch die Pforte des Todes hinausschreiten in die geistige Welt?
[ 23 ] If we have developed healthily, then we feel that we become more fulfilled and richer in inner content as we journey through life. This is why the question arises—regardless of all other matters—the question of: What comes after death, after we have passed through the gate of death—after we have stepped through the gate of death into the spiritual world?
[ 24 ] Das Objektive, Unabhängige vom Persönlichen ist gerade, dass man sich sagt: Du sammelst dir in deinem ganzen Leben einen Reichtum, der immer größer wird. Und wenn das Leben immer reicher, immer inhaltsvoller geworden ist, dann verliert es den Körper. Geht das, was man gesammelt hat durch das ganze Leben, geht das in das Nichts hinein? Das ist die Frage – nicht diejenige, die aus der Todesfurcht, oder aus irgendwelchem subjektiven Empfinden bewirkt wird, sondern, wenn solche Kräfte sich immer reicher und reicher erzeugen, dann entsteht die Frage: Sollen diese in das Nichts verschwinden, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet? Nein, wir können ja an uns wahrnehmen, wie im Grunde genommen während des ganzen Lebens an uns etwas arbeitet, was unser innerer Seelenkern ist, arbeitet an unserem äußeren, leiblichen Dasein. Wir können das am besten erkennen, wenn wir – was immer einen Vergleich mit dem Tode gegeben hat – die wechselnden Zustände zwischen Wachen und Schlafen betrachten und uns fragen, was da eintrete.
[ 24 ] What is objective—independent of the personal—is precisely this: You tell yourself that throughout your entire life, you accumulate a wealth that keeps growing. And when life has become ever richer, ever more meaningful, then it loses the body. Does what one has accumulated throughout one’s entire life simply vanish into nothingness? That is the question—not one born of fear of death or any subjective feeling, but rather, when such forces generate themselves ever more richly, the question arises: Are they to vanish into nothingness when a person passes through the gate of death? No, for we can perceive within ourselves how, fundamentally, something—which is the inner core of our soul—has been at work within us throughout our entire life, working upon our outer, physical existence. We can best recognize this when we—whatever comparison with death may have been made—observe the alternating states between waking and sleeping and ask ourselves what is happening there.
[ 25 ] Eine äußere, experimentelle Wissenschaft kann darauf nicht antworten. Aber wie gibt die Geisteswissenschaft darauf eine Antwort? Wir sehen den Menschen in den Schlaf hineingehen, und der Mensch fühlt dabei, wie er immer fremder und fremder den Kräften wird, durch die er seine Glieder bewegt; er fühlt sich entrinnen dem Irdischen-Leiblichen. Aber in dem Augenblick, wo das geschieht, da löscht sich ja das Bewusstsein aus. Geistesforschung sagt nun: Da geschieht etwas ganz Besonderes: Im Bette liegen bleiben der physische Leib und der Ätherleib; aber heraus zieht sich vom Einschlafen an bis zum Aufwachen dasjenige, was wir Astralleib und Ich-Träger nennen. Nur sind die inneren Kräfte derselben nicht erweckt; daher breitet sich das Dunkel der Bewusstlosigkeit dann um den Menschen aus.
[ 25 ] An external, experimental science cannot answer this. But how does spiritual science provide an answer to this? We see a person falling asleep, and as this happens, the person feels increasingly estranged from the forces through which they move their limbs; they feel themselves slipping away from the earthly-physical. But at the very moment this happens, consciousness fades away. Spiritual science now says: Something very special happens here: The physical body and the etheric body remain lying in bed; but from the moment of falling asleep until waking, that which we call the astral body and the ego-bearer withdraws. However, the inner forces of these bodies are not yet awakened; therefore, the darkness of unconsciousness then spreads around the person.
[ 26 ] Da zeigt nun die Geistesforschung — Sie können das Genauere darüber in meinen Schriften nachlesen –, dass die Kräfte, die im gewöhnlichen Alltagsleben in diesem Astralleib und diesem Ich-Träger des Menschen so schwach sind, dass der Mensch sich ihrer nicht bewusst sein kann während des Schlafes, dass diese Kräfte aber angefacht werden können.
[ 26 ] Spiritual research now shows—you can read more details about this in my writings—that the forces which are so weak in this astral body and this “I-bearer” of the human being in ordinary everyday life that the person cannot be aware of them during sleep, can nevertheless be stirred into action.
[ 27 ] Das geschieht durch die wirklichen geisteswissenschaftlichen Methoden. Es geschieht durch das, was man Meditation und Konzentration nennt. Wenn der Mensch es über sich bringt, sich selber zu einem Instrument zu machen für die Wahrheiten der geistigen Welt, so kann er das durch Meditation und Konzentration.
[ 27 ] This is achieved through genuine spiritual scientific methods. It is achieved through what is called meditation and concentration. If a person can bring themselves to make themselves an instrument for the truths of the spiritual world, they can do so through meditation and concentration.
[ 28 ] Vieles ist dazu nötig. Nur ein Beispiel soll hier angeführt werden. Jemand stelle sich vor, er habe ein Wasserglas, das leer ist, und eines, das ein Viertel mit Wasser gefüllt ist, und gieße von diesem in das leere Glas das Wasser hinein, und er bilde sich jetzt die Vorstellung, dass dadurch, dass dies geschieht, nicht das geschehe, was sonst der Fall ist, dass das Glas, aus dem er gießt, leerer wird, sondern durch das Hinüberschütten in das andere Glas voller werde auch das Glas, aus dem er es schütte. Durch das Mehr, das er hinüberschütte, würde das Glas, aus dem er schütte, immer voller und voller!
[ 28 ] There is much to be said on this subject. Let us cite just one example here. Imagine that you have a glass that is empty and another that is one-quarter full of water, and that you pour water from the latter into the empty glass, and now imagine that, as this happens, what normally occurs—namely, that the glass from which he is pouring becomes emptier—does not happen, but rather that, by pouring into the other glass, the glass from which he is pouring actually becomes fuller. Because of the extra amount he pours over, the glass from which he is pouring would become fuller and fuller!
[ 29 ] Solche sinnbildlichen Vorstellungen, die gar nicht den Anspruch machen, etwas Wirkliches zu sein, die muss man sich bilden. Denn wenn der Mensch nur immer bei seiner Vernunft stehen bleibt und sich bewusst ist, dass seine Vorstellung eine sinnbildliche ist, so kann der Mensch eine gewisse Empfindung dabei haben. Dies kann dann eine höhere Wahrheit ausdrücken, zum Beispiel von der Liebe der Menschen.
[ 29 ] One must form such symbolic concepts, which do not even claim to be real. For if a person always remains grounded in reason and is aware that their conception is a symbolic one, they can experience a certain feeling in the process. This can then express a higher truth—for example, regarding human love.
[ 30 ] Die Liebe ist ein Begriff, in den hineinzudringen geradezu unmöglich ist. Aber man kann einzelne Eigenschaften der Liebe in Symbolen ausdrücken.
[ 30 ] Love is a concept that is virtually impossible to fully grasp. But one can express individual qualities of love through symbols.
[ 31 ] Wer von seiner Liebe die milden Kräfte in ein liebebedürftiges Herz hineingießt, der wird bemerken, dass er nichts verliert von seiner Liebekraft, sondern dass durch diese Abgabe seine Kraft immer größer und größer wird. Er wird für diese Liebe das Symbolum gebrauchen können von dem Glase, das nicht leerer wird durch das Hinüberschütten in ein anderes, sondern voller.
[ 31 ] Whoever pours the gentle powers of his love into a heart in need of love will notice that he loses nothing of his power to love, but that through this giving, his power grows ever greater and greater. They will be able to use as a symbol of this love the glass that does not become emptier by pouring into another, but fuller.
[ 32 ] Und wenn der Mensch dann alle seine Gedanken zusammenzieht, konzentriert auf ein solches Symbolum, wenn der Mensch die Geduld hat, immer wieder und wieder seine seelischen Kräfte zu konzentrieren auf ein solches inneres Gedankenleben, dann ruft er die schlummernden Kräfte aus seiner Seele herauf und gelangt zu einem Zustande, in dem er ein wahres Instrument wird für die Anschauung der Welt hinter dem Sinnensein.
[ 32 ] And when a person gathers all their thoughts together and focuses them on such a symbol, when a person has the patience to concentrate their spiritual powers again and again on such an inner life of thought, then they awaken the dormant powers within their soul and attain a state in which they become a true instrument for perceiving the world beyond the sensory realm.
[ 33 ] Der Mensch gelangt dann dazu, in dem Zustande, in dem Wesen, in welchem er sonst nur ist im Schlafe, außerhalb seines Leibes wirklich zu erleben; und er kann herbeiführen die Zustände, die nicht der Schlaf sind, aber dadurch dem Schlafe ähnlich sind, dass er außer sich ist, herausgerückt ist aus sich mit dem Astralleibe und dem Ich. Dann ist er in der geistigen Welt. Die geistige Welt geht ihm dann auf. Das Selbstexperiment ist dann auch ein Beweis dafür, dass er in der übersinnlichen Realität lebt. Und dann wird der Mensch gewahr, dass er das ist, was nicht abhängt von dem Instrument des Leibes, sondern selbst diese Gestalt des Leibes heranbildet.
[ 33 ] Human beings then come to truly experience, outside their physical bodies, the state and condition in which they are otherwise found only during sleep; and they can induce states that are not sleep, but are similar to sleep in that they are outside themselves, having stepped out of themselves with their astral body and their “I.” Then they are in the spiritual world. The spiritual world then opens up to them. This self-experiment also serves as proof that they live in a supersensible reality. And then the human being becomes aware that they are that which does not depend on the instrument of the body, but rather forms this bodily form themselves.
[ 34 ] Und wenn ihm dieses geistige Auge aufgeht, dann merkt er, wenn das Kind durch die Geburt in die Welt tritt, dieses übersinnliche Arbeiten und Gestalten am Menschen.
[ 34 ] And when this spiritual eye opens, he becomes aware—as the child enters the world through birth—of this supersensory work and shaping of the human being.
[ 35 ] Dann erst werden diejenigen Dinge, die die äußere Forschung an den Tag bringt, erklärt, wenn wir in der Lage dazu sind, zu bemerken, wie aus der unbestimmten Physiognomie des Kindes heraus die bestimmtere und immer bestimmtere sich formt, wie die Sprache sich herausbildet, wie das Gehirn sich immer mehr ausbildet, der aufrechte Gang erzielt wird.
[ 35 ] Only then can the findings of external research be explained—when we are able to observe how, from the child’s indeterminate physiognomy, a more definite and increasingly defined one takes shape; how language develops; how the brain matures; and how upright posture is achieved.
[ 36 ] Da zeigt der Geistesforscher, wer eigentlich der wirkliche Arbeiter ist an der ganzen Gestaltung des Menschen.
[ 36 ] Here, the spiritual researcher reveals who is actually the true architect of the entire human form.
[ 37 ] Nicht aus dem Physischen heraus gestaltet sich das Geistige, [nicht aus einem einzigen Keim] bei Geburt oder Empfängnis, sondern der Geistesforscher kann beobachten, wie das Geistige heraustritt aus der geistigen Welt, und wie es sich erst den physischen Leib schafft.
[ 37 ] The spiritual does not arise from the physical, [not from a single seed] at birth or conception; rather, the spiritual researcher can observe how the spiritual emerges from the spiritual world and how it first creates the physical body.
[ 38 ] So verfolgt man den Menschen über das Leben hinaus, wie man es draußen macht in der Natur, wie man es bei der Pflanze macht, wo man den Keim verfolgt von einem Jahr zum andern; man verfolgt das Ende und verbindet es mit dem Anfange. Man verfolgt den Keim, wie er nicht bloß treibt in der Pflanze. Der Geistesforscher verfolgt nicht bloß das Übersinnlich-Menschliche in seinem Leben zwischen Geburt und Tod, sondern er verfolgt es über das Tor des Todes hinaus. Das, was Goethe sagt, das Mystische, das verfolgt der Mensch, der weiß, dass das, was sich fortpflanzt, das Geistige ist. Und er sieht, wie es immer unabhängiger und unabhängiger wird, wenn der Körper hinfällig wird.
[ 38 ] Thus one traces a person’s life beyond death, just as one does in nature, just as one does with a plant, where one traces the seed from one year to the next; one traces the end and connects it to the beginning. One traces the seed as it does more than just sprout within the plant. The spiritual researcher does not merely trace the supersensory human aspect in its life between birth and death, but traces it beyond the gate of death. What Goethe calls the mystical is what the person who knows that it is the spiritual that reproduces itself pursues. And he sees how it becomes more and more independent as the body decays.
[ 39 ] Ebenso, wie der Keim, wenn alles Übrige verdorrt, bleibt und dann sich entwickelt zur neuen Pflanze, so ist es mit dem Geist. Und während mit dem Alter immer mehr abgeht, was unsere leibliche Hülle ist, wird dieses Geistige immer stärker und stärker, und zwar so, dass es reich geworden ist, so geworden ist durch alle seine Erfahrungen, und dadurch nun imstande ist, dasjenige zu können, was es im Beginne des Lebens noch nicht konnte.
[ 39 ] Just as the seed remains when everything else withers away and then develops into a new plant, so it is with the spirit. And while, with age, more and more of our physical shell fades away, this spiritual aspect grows stronger and stronger—so much so that it has become enriched through all its experiences and is now capable of doing what it could not do at the beginning of life.
[ 40 ] Im Beginne des Lebens hat es sich einen [bestimmten] Leib aufgebaut. Während des Lebens erfährt man, dass man das nicht mehr verwenden kann im Tode. Aber im Innerlich-Seelischen, da liegen die Keime für den Aufbau eines neuen Lebens. Und indem wir durch die Pforte des Todes schreiten, können wir sehen, wie die Kräfte zum Aufbau eines neuen Lebens stärker geworden sind.
[ 40 ] At the beginning of life, one has built up a [specific] physical body. During one’s life, one comes to realize that this body can no longer be used in death. But within the inner soul lie the seeds for building a new life. And as we pass through the gate of death, we can see how the forces for building a new life have grown stronger.
[ 41 ] Und so können wir durch die Geistesforschung sehen, wie der Mensch reif ist zum Aufbau eines neuen Leibes, indem er zwischen Geburt und Tod die Kräfte sammelt, um sich einen neuen Leib aufzubauen.
[ 41 ] And so, through spiritual research, we can see how a person becomes ready to build a new body by gathering the forces between birth and death to build a new body for themselves.
[ 42 ] Ganz dieselben Methoden, durch die man gewohnt worden ist, äußerlich die Natur zu betrachten, wendet der Geistesforscher an; nur wendet er sie so an, dass derjenige, der sie anwenden will, die Organe zum übersinnlichen Schauen entwickeln muss. Dann wird das, was er erklärt, auch begreiflich für den, der noch nicht hineinschauen kann in die geistige Welt, begreiflich aus alledem, was im Einklange steht mit den Erscheinungen des äußeren Lebens.
[ 42 ] The spiritual researcher applies the very same methods by which we have become accustomed to observing nature from the outside; only he applies them in such a way that whoever wishes to use them must develop the faculties for supersensory perception. Then what he explains becomes comprehensible even to those who cannot yet look into the spiritual world—comprehensible on the basis of everything that is in harmony with the phenomena of external life.
[ 43 ] So wird begreiflich diese zuerst phantastisch vielleicht aussehende Lehre von der Wiederkehr des Menschen, von der schaffenden Seele, die in ihm lebt, und die nicht begrenzt ist durch Geburt und Tod. Dann gelangt der Mensch von heute an einen gewissen Punkt seiner Anschauung von der Welt, an jenen Punkt, der wie die Morgenröte ist, in der Giordano Bruno gestanden hat.
[ 43 ] Thus, this doctrine—which may at first seem fantastical—of the return of the human being, of the creative soul that lives within him and is not limited by birth and death, becomes understandable. Then, starting today, humanity reaches a certain point in its view of the world—that point which is like the dawn in which Giordano Bruno stood.
[ 44 ] Wie stand er da – Giordano Bruno – als er sein Wissen von der Naturwissenschaft unabhängig machte? Wenn heute die Naturwissenschaft sich stützen muss auf dasjenige, was auf Äußeres sich gründet, dann braucht man nur zu sagen: Auch vor Kopernikus, vor Kepler, vor Galilei richteten die Menschen ihren Sinn in den Weltenraum hinaus und fanden gerade so das Weltengesetz, wie das sich abspielte vor ihren äußeren Sinnen; und er – Giordano Bruno – setzt an die Stelle des äußeren Gesetzes sein inneres Schauen. Bei der Sinnes-Anschauung [blieben die Menschen vor Kopernikus] stehen, die betrachtet haben das Sich-Ausbreiten der weiten Himmels-Sphären und das blaue Himmelsgewölbe wie auf einer Scheibe ruhend sahen.
[ 44 ] How did he—Giordano Bruno—stand there when he made his knowledge independent of natural science? If today natural science must rely on what is based on external phenomena, then one need only say: Even before Copernicus, before Kepler, before Galileo, people directed their senses out into outer space and discovered the laws of the universe precisely as they unfolded before their external senses; and he—Giordano Bruno—substitutes his inner vision for the external law. [Before Copernicus,] people remained at the level of sensory perception, observing the expansion of the vast celestial spheres and seeing the blue vault of the sky as if resting upon a disk.
[ 45 ] Was hat gegen diese Anschauung Giordano Bruno gesagt? Er sagte: Das, was ihr als blaues Himmelsgewölbe anseht, ist nur durch die Beschränkung eures Auges. Von jedem Punkte aus sieht das Auge in eine unendliche Welt! Das sagte er auf Grundlage des Kopernikus. Und Kopernikus hatte nicht auf Grundlage sinnlicher Erfahrung ein System bereitet, sondern das, was Kopernikus in seinem System gegeben hat, das hatte er durch das Denken, durch die innere Kraft des menschlichen Seelenlebens.
[ 45 ] What did Giordano Bruno say against this view? He said: What you regard as the blue vault of the sky is merely a limitation of your eye. From every point, the eye looks out into an infinite world! He said this based on Copernicus. And Copernicus had not devised a system based on sensory experience; rather, what Copernicus presented in his system was derived through thought, through the inner power of the human soul.
[ 46 ] So darf die Seele sich nicht verlassen auf das, was die Naturwissenschaft als Wissen sich vorstellt. Und aufgrund der inneren Kräfte konnte Giordano Bruno sagen: Das, was ihr mit den Sinnen wahrnehmet, dieses äußere Himmelsgewölbe, das ist nichts weiter als die Grenze eures Schauens!
[ 46 ] Thus, the soul must not rely on what natural science regards as knowledge. And drawing on his inner powers, Giordano Bruno was able to say: “What you perceive with your senses—this outer vault of the heavens—is nothing more than the limit of your vision!”
[ 47 ] Geradeso sagt der Geistesforscher: Die Grenze von Geburt und Tod, und dass man den Menschen eingeschlossen glaubt in diese Grenzen, ist durchaus zu vergleichen mit den «Grenzen» im Himmelsraume, die man vor der Kopernikanischen Weltanschauung aufgrund der sinnlichen Wahrnehmung annahm. Und ebenso wie Giordano Bruno weist die Geisteswissenschaft hinaus in die unendliche Weite des menschlichen Seelenlebens. Und wie das blaue Himmelsgewölbe davon herrührt, dass das sinnliche Schauen nicht weiter reicht, so rührt der Glaube, dass das Leben begrenzt sei durch den Tod, daher, dass ein begrenztes Schauen eben nicht weiter sieht als bis zu dem physischen Tode.
[ 47 ] In the same way, the spiritual researcher says: The boundaries of birth and death—and the belief that human beings are confined within these boundaries—can certainly be compared to the “boundaries” in the heavens that were assumed prior to the Copernican worldview on the basis of sensory perception. And just as Giordano Bruno did, spiritual science points outward into the infinite expanse of human soul life. And just as the blue vault of the heavens arises from the fact that sensory perception does not extend any further, so too does the belief that life is limited by death arise from the fact that limited perception sees no further than physical death.
[ 48 ] Viele stehen heute mit der Geisteswissenschaft an demselben Punkte, an dem die Naturwissenschaft vor drei Jahrhunderten stand; und diesen Prozessen entgegen drängt sich die Sehnsucht der heutigen Zeit, unserer Zeit. Wer den Geistesgang der letzten Zeit verfolgt, der sieht ja, wie von Triumph zu Triumph die Naturwissenschaft und das Denken geschritten sind – das Denken, das an die Naturwissenschaft und an die äußere Wahrnehmung geknüpft ist. Derjenige, der diesen Gang verfolgt, wird da, wo es sich um die Ausgestaltung des Wissenschaftlichen handelt, ganz gewiss ein Bewunderer dieser Naturwissenschaft sein, und nirgends handelt es sich bei der Geisteswissenschaft um ein Ankämpfen gegen die wunderbaren Erfolge der Naturwissenschaft. Aber wenn diese Naturwissenschaft vor Ihre Seele hintritt, dann tritt gegenüber dem Menschenleben noch etwas anderes heran an dieses Menschenwesen.
[ 48 ] Many people today find themselves at the same point with the spiritual sciences as the natural sciences were three centuries ago; and the longing of the present age—our age—is pressing against these processes. Anyone who has followed the intellectual developments of recent times can see how the natural sciences and thought—that is, thought linked to the natural sciences and to external perception—have advanced from triumph to triumph. Anyone who follows this course will, when it comes to the development of science, certainly be an admirer of natural science, and nowhere does spiritual science involve a struggle against the marvelous achievements of natural science. But when natural science steps before your soul, then something else approaches this human being in relation to human life.
[ 49 ] Ich will hier nicht theoretisieren; wir wollen einen bestimmten Fall ins Auge fassen. – Es war im Februar 1901, da leuchtete plötzlich ein Stern oben am Himmel, und verschwand schon am nächsten Tag: Nachdem er vorher hell-leuchtend erschien, hatte er schon am nächsten Tag kaum recht wahrnehmbares Licht mehr.
[ 49 ] I don’t want to theorize here; let’s consider a specific case. – It was in February 1901 when a star suddenly appeared in the sky and disappeared the very next day: After initially appearing to shine brightly, by the next day it had barely any perceptible light left.
[ 50 ] Mag die naturwissenschaftliche Hypothese mehr oder weniger recht haben – wie stellt sich die naturwissenschaftliche Seele gegenüber diesem Stern? Sie stellt sich vor, dass dort ein Doppelstern ist, dass dann der eine Stern mit dem andern zusammenstößt und versprüht und in Nebel sich auflöst. Ein helles Aufflackern durch das Zusammenstoßen, dann ein Aufleuchten, ein Abdämmern durch das Zersprühen.
[ 50 ] Whether the scientific hypothesis is more or less correct—how does the scientific mind view this star? It imagines that there is a binary star system there, that one star then collides with the other, explodes, and dissolves into a nebula. A bright flash from the collision, then a glow, followed by a fading as it disperses.
[ 51 ] Und wie verfolgt nun der naturwissenschaftliche Gedanke dieses merkwürdige Geheimnis? Denken wir ganz in dem Strome des Denkens, das durch Giordano Bruno, durch Kopernikus sich eingeflochten hat: Da stoßen zwei Weltenkörper zusammen. Giordano Bruno schildert den Hinausblick in die unendlichen Weiten, die Sonne mit ihren Planeten, auf denen Wesen leben. Welten stoßen da zusammen. Vielleicht gehen Millionen von Geschöpfen zugrunde bei einem solchen Zusammenstoß. In dem, was ein Aufflackern ist, und in dem Versprühen liegt all dieses Leben begründet und wird vernichtet. Was weiß uns die Naturwissenschaft eventuell von dem zu erzählen, was da oben vorgeht in dem äußeren mechanischen Zusammenstoß? Da zersprühen Weltenkörper in Nebel, und aus diesem Nebel wird sich ein neues Sonnensystem bilden, werden sich Gewächse, später Tiere, Menschenformen bilden – bis wieder ein solcher Zusammenstoß stattfindet.
[ 51 ] And how, then, does scientific thought pursue this wondrous mystery? Let us think entirely within the current of thought that has woven its way through Giordano Bruno and Copernicus: there, two celestial bodies collide. Giordano Bruno describes the view out into the infinite expanses—the Sun with its planets, on which beings live. Worlds collide there. Perhaps millions of creatures perish in such a collision. In what is a flash and a burst, all this life is created and destroyed. What, if anything, can natural science tell us about what is happening up there in that external mechanical collision? There, celestial bodies disintegrate into nebulae, and from this nebula a new solar system will form; plants, and later animals and human forms, will emerge—until such a collision takes place again.
[ 52 ] So etwas weiß das Denken, das sich an die Naturwissenschaft knüpft. – Man sage nichts gegen die Größe dieses Denkens. Wie möchte man dieses Denken nicht bewundern — dasjenige, was im neunzehnten Jahrhundert durch die Spektral-Analyse, durch die Fortschritte der Biologie erreicht ist. Aber außerdem wirkt neben diesem, was wir soeben jetzt vor unsere Seele hingestellt haben, noch ein anderes, das uns zeigen kann, wie ohnmächtig alles Denken ist, das sich eben an diesem aufblitzenden und zerstiebenden Stern-Ereignis gebildet hat.
[ 52 ] This is what the mode of thinking associated with the natural sciences knows. — Let no one speak against the greatness of this mode of thinking. How could one not admire this mode of thinking—the one that achieved so much in the nineteenth century through spectral analysis and the advances in biology? But in addition to what we have just set before our souls, there is another force at work that can show us how powerless all thinking is that has been formed precisely by this flashing and shattering stellar event.
[ 53 ] Sehen wir eine Mutter heranleben mit ihrem Kinde, so sehen wir sie miterleben, wie das, was Seele des Kindes ist, sich heraufarbeitet; wir sehen diese Mutter verbunden mit dem ersten Heranreifen, den Sprech- und Gehversuchen, wir sehen sie in Liebe verbunden mit dem Kinde; wir schen dann diese Mutter an dem Totenbette, sehen das Kind hinsterben. Wir sehen die Trauer der Mutter, und fühlen in uns die Frage aufsteigen: Warum ist es geboren worden? Und was ist es mit der Seele, die da in die Geburt hineingetreten ist, an der ich meine innige Freude hatte, die mir jetzt in Nichts verschwunden ist?
[ 53 ] When we see a mother caring for her child, we see her witnessing how the child’s soul works its way upward; we see this mother connected to the child’s first steps toward maturity—the attempts at speaking and walking—and we see her bound to the child in love; we then see this mother at the deathbed, watching the child pass away. We see the mother’s grief, and feel the question rising within us: Why was it born? And what has become of the soul that entered into this birth—in which I took such deep joy—and which has now vanished into nothingness?
[ 54 ] Da haben wir die Frage nach dem Leben. Und wir wissen, meine sehr verehrten Anwesenden, dass uns auf Schritt und Tritt solche Fragen begegnen, die man aus dem äußeren Sinnensein nicht beantworten kann, die man leben sehen kann in einem Winkel der Seele.
[ 54 ] Here we have the question of life. And we know, my dear friends, that at every turn we encounter such questions—questions that cannot be answered through external sensory perception, but which we can see living in a corner of the soul.
[ 55 ] Und jetzt schauen wir hinaus über dasjenige, was die Naturwissenschaft über ein ganzes Weltensystem geben kann, und wir fühlen die Ohnmacht alles dessen gegenüber den Fragen, die die menschliche Seele berühren. Solche Dinge lassen sich nicht durch teilnahmsloses Anstarren hinwegbringen, solche Dinge stellt das Leben immer wieder uns vor die Seele.
[ 55 ] And now, as we look beyond what the natural sciences can offer about an entire world system, we feel the powerlessness of all that in the face of the questions that touch the human soul. Such things cannot be dismissed by staring at them impassively; life presents such things to our souls time and again.
[ 56 ] Wenn Millionen von Lebewesen tot sind, durch einen Zusammenstoß vergehen — das, was uns die Naturwissenschaft sagen kann über all dieses Vergehen und Entstehen von Wesen und Wesen, es reicht nicht an das heran, was ein Menschenherz frägt, wenn es am Sterbebette eines geliebten Wesens sitzt und sich über das Schicksal des Lebens Gedanken macht!
[ 56 ] When millions of living beings die, perish in a collision—what natural science can tell us about all this passing away and coming into being of beings and beings does not come close to what the human heart asks when it sits at the deathbed of a loved one and ponders the fate of life!
[ 57 ] Wenn man beobachtet das Denken und Treiben der Zeit, heutzutage, diesen Dingen gegenüber, so stellt sich uns gegenüber der Vergangenheit eine große Veränderung vor Augen. Wir brauchen nur zurück bis zur Zeit Goethes zu gehen, um zu sehen, wie selbst die aufgeklärtesten Forscher – abgesehen von den französischen Moralisten — etwas Ähnliches wie die Schöpfungsgeschichte bejahen und sagen: Sie war eben das Leben von dem, was man heute hinstellt als Wissen. Was war denn darinnen in der Mosaischen Schöpfungsgeschichte?
[ 57 ] If we observe the thinking and activities of our time regarding these matters, a great change becomes apparent when compared to the past. We need only go back to Goethe’s time to see how even the most enlightened scholars—with the exception of the French moralists—affirmed something akin to the creation story and said: It was, in fact, the very essence of what we now regard as knowledge. What, then, was contained in the Mosaic creation story?
[ 58 ] Der Mensch ist in der geistigen Welt, und zu dem wird hinzugefügt erst das Materielle. Diese Weltanschauung gab dem Menschen ein Weltenbild, in dem der Mensch schon drinnen war, und gab es so, dass sie dieser Menschenseele sagte: Was da so wunderbar hereinkommt ins Leben, das gehört der ersten Substanz der Erde an – und du selbst gehörst dazu.
[ 58 ] Human beings exist in the spiritual world, and only then is the material added to it. This worldview gave human beings a picture of the world in which they were already present, and it did so in such a way that it told the human soul: What enters life so wonderfully belongs to the first substance of the earth—and you yourself are part of it.
[ 59 ] Und immer mehr bildet sich anstelle dessen ein Weltenbild heraus, das nur noch das mechanische Weltengeschehen sicht. Man sieht ein Sterngebilde zersprühen und stellt sich vor, es bilde sich eine neue Welt, so, wie man sich vorstellt, dass sich ein neues Weltensystem bildet. Öfter habe ich ja schon das Bild gebraucht, wie es sich darstellt, wenn man eine gewisse Substanz, eine ölige Substanz nimmt, die Tropfen bildet, ein Kartenblatt durchschneidet und als Äquatorebene sie durchdrängt in das große Tröpfchen, indem man in das Kartenblatt eine Nadel hineinsteckt, anfängt zu drehen, und dann sieht, wie in der Tat kleine Tröpfchen sich abspalten. Und man sieht auf diese Weise tatsächlich etwas wie ein Weltensystem im Kleinen sich entfalten, wie es sich im Großen draußen entfaltet. Und: Wer sollte nicht daran glauben?
[ 59 ] And increasingly, a worldview is emerging in its place that perceives only the mechanical processes of the universe. One sees a star system disintegrating and imagines that a new world is forming, just as one imagines a new solar system forming. I have often used the image of what happens when you take a certain substance—an oily substance—that forms droplets, cut a sheet of paper in half, and use it as an equatorial plane to penetrate the large droplet by inserting a needle into the paper, beginning to turn it, and then watching as small droplets indeed break off. And in this way, one actually sees something like a cosmic system unfolding on a small scale, just as it unfolds on a large scale out there. And: Who wouldn’t believe in it?
[ 60 ] Nur einen Fehler hat es: Man darf, wenn man etwas zeigt, die wichtigsten Dinge nicht vergessen, darf nicht vergessen, dass nichts entstehen würde, wenn der Herr Lehrer nicht da wäre und drehte! Sodass man nicht vollständig das darstellt, wenn man den Hauptfaktor vergisst: die treibende Kraft! So hat schon theoretisch dieses «Weltensystem» ein Loch.
[ 60 ] There’s just one flaw: When you’re showing something, you mustn’t forget the most important things—you mustn’t forget that nothing would come of it if the teacher weren’t there, directing it! So you’re not presenting the full picture if you forget the main factor: the driving force! Thus, even theoretically, this “world system” has a flaw.
[ 61 ] Dann aber wird es vollständig unerklärlich, wie anknüpfen kann diese Weltenseele sich selber an das, was sich da entwickelt, damit sie einmal aus ihrem Nichts auf diesen Schauplatz trete.
[ 61 ] But then it becomes completely inexplicable how this world soul can connect itself to what is developing there, so that it may one day emerge from its nothingness onto this stage.
[ 62 ] Und immer mehr hat sich diese Anschauung entwickelt, dass nur das Mechanische zur Welten-Erklärung aufgerufen wird. Von alten Zeiten her, bis auf unsere Zeit selber, ist das so, dass sich immer mehr und mehr eine Art Glaube herausbildete, dass alle Erscheinungen nur mechanisch erklärt werden müssten. Das ganze Menschenleben selber ist nach und nach mechanisch geworden.
[ 62 ] And the view that only mechanical principles can explain the world has become increasingly prevalent. From ancient times right up to the present day, a kind of belief has gradually taken shape that all phenomena can be explained solely by mechanical means. Human life itself has gradually become mechanical.
[ 63 ] Und so ist es ja gekommen, dass die Zeit herankam, wo die Seele mit ihren Fragen dem, was sie im Sinne des modernen Denkens draußen zu schauen vermag, verständnislos gegenübersteht, und keine Brücke zu finden weiß gegenüber dem, was die Wissenschaft sagt. Und indem die Seele sich fragt – die Geisteswissenschaft hat eine Antwort darauf!
[ 63 ] And so it came to pass that the time drew near when the soul, with all its questions, found itself at a loss in the face of what it is able to perceive in the outside world according to modern thinking, and could find no bridge to what science says. And as the soul asks itself these questions—spiritual science has an answer!
[ 64 ] Es gab im neunzehnten Jahrhundert eine Zeit, wo man ernstlich geglaubt hat, dass Gedanken aus dem Gehirn entspringen, wo man von Gedanken sprach wie von Gehirn-Schwingungen. Woher könnte es denn überhaupt einmal kommen, dass man Bewegungen im Gehirn in ein unmittelbares Verhältnis mit Gedanken bringen konnte? Woher konnte denn überhaupt diese ganze mechanische Wissenschaft kommen?
[ 64 ] There was a time in the nineteenth century when people seriously believed that thoughts arose from the brain, and spoke of thoughts as if they were brain waves. How could it ever have come to be that movements in the brain were thought to be directly related to thoughts? Where could this entire mechanical science have come from in the first place?
[ 65 ] Daher kam es, dass in der neueren Zeit durch die notwendige Bedingung dieser Zeit abhandengekommen ist die Fähigkeit der alten Zeit, hineinzuschauen in das Geistige. Man erkannte nicht das Wesen der Gedanken; man wusste nicht einen Gedanken anzuschauen. Und so konnte man glauben, dass in dem, wo die Seele eingebettet ist, im physischen Leibe, allein das Wesen des Menschen läge. Aber wenn man auch diese Seele wegdisputiert, sie ist doch da, und sie stellt sich hinein in den modernen Fortgang der Welt. – Daher hatte sich im Laufe der Zeit der Drang geltend gemacht, anderes wirksames Wesen herbeizuziehen als allein das mechanische Wirken.
[ 65 ] Consequently, in more recent times, due to the necessary conditions of the age, the ability of earlier times to look into the spiritual realm has been lost. People did not recognize the nature of thoughts; they did not know how to contemplate a thought. And so one could believe that the essence of the human being lay solely in that in which the soul is embedded—the physical body. But even if one argues the soul away, it is still there, and it inserts itself into the modern course of the world. —Hence, over time, the urge had asserted itself to call upon other active forces besides mere mechanical action.
[ 66 ] Wie trat, seiner Zeit entgegen, ein bedeutender Geschichtsforscher und Kunstverständiger, Herman Grimm, dem Leben gegenüber? Er wusste noch nichts von Geisteswissenschaft, aber er hatte sich eine große Aufgabe gestellt, die er denjenigen, die ihm zuhören wollten, mitteilte. Mir hat er einmal diesen Plan auseinandergesetzt; alles, was er uns im Einzelnen geliefert hat, sollten nur Teile sein aus einem großen Plane heraus. Er wollte an einem großen Werke arbeiten, in dem er darlegen wollte, dass das, was im ganzen Weltendasein wirkt, nicht mechanische Kräfte sind, sondern die «schöpferische Phantasie»! Das, was im Menschen die schöpferische Phantasie ist, das ist draußen die schöpferische Kraft – so sagte er.
[ 66 ] How did Herman Grimm, a prominent historian and art connoisseur of his time, approach life? He knew nothing yet of the spiritual sciences, but he had set himself a great task, which he shared with those who were willing to listen. He once explained this plan to me in detail; everything he provided us with in detail was intended to be only parts of a larger plan. He wanted to work on a major work in which he intended to demonstrate that what is at work in the entire existence of the world are not mechanical forces, but rather “creative imagination”! What is creative imagination within the human being is, in the outer world, the creative force—so he said.
[ 67 ] Und einen Philosophen hat es gegeben im neunzehnten Jahrhundert: Jakob Frohschammer, in München, der suchte, diese menschliche Phantasie als das Wesentlichste hinzustellen. Wenn er zeigt, dass im Embryo sich nicht nur heranbilden solche Kräfte, an die heute der Mikroskopiker glaubt, sondern er die schöpferische Phantasie als Gestaltungskraft vermutet, so entspricht das in jener Zeit dem Drange, auch etwas Geistiges zu finden, mitten in den Triumphen der Naturwissenschaft den Blick zu richten auf den wirkenden, den schaffenden Geist, der sich zeigt als hinausgehend über Entstehen und Vergehen. Denn das Entstehen und Vergehen ist angeknüpft an das Naturerscheinen; während der schaffende Geist das Bleibende ist.
[ 67 ] And there was a philosopher in the nineteenth century—Jakob Frohschammer, in Munich—who sought to present this human imagination as the most essential thing. When he demonstrates that not only do the forces in which today’s microscopists believe develop within the embryo, but that he also posits creative imagination as a formative force, this corresponds to the urge of that time to find something spiritual as well—amid the triumphs of natural science, to turn one’s gaze toward the active, creative spirit that reveals itself as transcending becoming and passing away. For coming into being and passing away are linked to the manifestation of nature, whereas the creative spirit is that which endures.
[ 68 ] Und in unserer Zeit sehen wir, wie ernste Menschen fühlen, dass, trotzdem man mit Recht überall da, wo von Naturgeschehen die Rede ist, im Sinne der heutigen Wissenschaft vorgehen muss, wie trotzdem die Seele nicht anders kann, als sich [zu] erheben in das die Welt durchlebende und durchwebende Geistige.
[ 68 ] And in our own time we see how serious-minded people feel that, even though one must rightly proceed in accordance with modern science whenever natural phenomena are discussed, the soul nevertheless cannot help but rise up into the spiritual realm that permeates and weaves through the world.
[ 69 ] Eine interessante Erscheinung kann man verfolgen heute. Auf jeder Bahnhofs-Buchhandlung bekommt man jetzt ein merkwürdiges Buch: Dieses Buch ist, trotzdem manches Falsche darinnen ist, eine bedeutende Erscheinung der Zeit; es heißt: «Zur Kritik der Zeit», von Walter Rathenau. Ein «Lebenspraktiker» hat dieses Buch geschrieben, der mit freiem Auge dieses Mechanische im wissenschaftlichen und intellektuellen Leben überall erblickt und der gerade in den ersten Kapiteln dieses Buches großartig darstellt, wie die menschlichen Begriffe mechanisch geworden sind, das soziale Leben mechanisch geworden ist.
[ 69 ] An interesting phenomenon can be observed today. A curious book is now available at every train station bookstore: Although it contains some inaccuracies, this book is a significant work of our time; it is titled *Zur Kritik der Zeit* (*A Critique of the Times*), by Walter Rathenau. This book was written by a “practical man” who, with a clear eye, perceives this mechanistic aspect everywhere in scientific and intellectual life and who, particularly in the first chapters of this book, magnificently illustrates how human concepts have become mechanistic and how social life has become mechanistic.
[ 70 ] Das alles stellt er mit dem Griffel des Sinnesmenschen dar, des Menschen, der auf die Wirklichkeit sieht. Aber gerade solch ein Lebenspraktiker, der von dem lebendigen Wesen der Seele ergriffen ist, zeigt uns das Drängen und Sehnen nach dem Geistigen in unserer Zeit. Da finden Sie zum Beispiel bedeutungsvolle Stellen. Die Seele ruft nach dem, was das Geistige, das Spirituelle ist:
[ 70 ] He depicts all of this with the pen of the thinking human being, the person who looks at reality. But it is precisely such a practical person, who is captivated by the living essence of the soul, who shows us the yearning for the spiritual in our time. There you will find, for example, meaningful passages. The soul cries out for what is spiritual:
Sie sehnt sich nach einem jenseits des Beweisbaren stehenden Sinn [...]. Die Zeit sucht [...] ihre Seele.
She longs for a meaning that lies beyond what can be proven [...]. Time seeks [...] her soul.
[ 71 ] Sie sucht ihre Seele, die Zeit – so meint er —,
[ 71 ] Time is searching for its soul—so he says—
und wird sie finden; freilich gegen den Willen der Mechanisierung. Dieser Epoche
and will find them; albeit against the will of mechanization. This era
[ 72 ] —der unsrigen—
[ 72 ] —ours—
lag nichts daran, das Seelenhafte im Menschen zu entfalten; sie ging darauf aus, die Welt benutzbar, und somit rationell zu machen, die Wundergrenze zu verschieben und das Jenseitige zu verdecken —
had no interest in developing the spiritual aspect of human beings; its aim was to make the world usable—and thus rational—to push back the boundaries of the miraculous, and to conceal the beyond —
[ 73 ] die Wahrheiten zu verstehen.
[ 73 ] to understand the truths.
Dennoch sind wir, wie je zuvor, vom Mysterium umgeben. Unter jeder glatten Gedankenfläche tritt es zutage, und von jedem alltäglichen Erlebnis bedarf es eines einzigen Schrittes,
Yet, as always, we are surrounded by mystery. It emerges from beneath every smooth surface of thought, and from every everyday experience, it takes just a single step,
[ 74 ] um hineinzudringen
[ 74 ] to penetrate
bis zum Mittelpunkt der Welt. Die drei Emanationen der Seele: die Liebe zur Kreatur, zur Natur und zur Gottheit konnte die Mechanisierung dem Einzelleben nicht rauben; für das Leben der Gesamtheit wurde sie zur Bedeutungslosigkeit verflüchtigt. Menschenliebe sank zum kalten Erbarmen und zur Fürsorgepflicht herab, und bedeutet dennoch den ethischen Gipfel der Gesamtepoche; Naturliebe wurde zum sentimentalen Sonntagsvergnügen; Gottesliebe, überdeckt vom Regiebetriebe mythologisch-dogmatischer Ritualien, trat in den Dienst diesseitiger und jenseitiger Interessen und wurde so nicht bloß unedlen Naturen verdächtigt.
Es gibt wohl keinen einzigen Weg, auf dem es dem Menschen nicht möglich wäre, seine Seele zu finden [...]. Aber die Menschheit wird keine Umwege beschreiten. Es werden keine Propheten kommen und keine Religionsstifter, [...]. Es wird keine Einheitskunst der Welt ihre Seele bringen, denn die Kunst ist [schon] ein Spiegel [...] der Seele, nicht ihre Urheberin.
to the center of the world. Mechanization could not rob the individual life of the soul’s three emanations: love for fellow human beings, for nature, and for the Divine; yet for the life of the whole, they were reduced to insignificance. Love for humanity sank to cold compassion and a duty of care, and yet it represents the ethical pinnacle of the entire era; Love of nature became a sentimental Sunday pastime; love of God, obscured by the orchestrated performance of mythological-dogmatic rituals, was placed in the service of interests in this world and the next, and was thus not merely viewed with suspicion by ignoble natures.
There is probably not a single path along which it would be impossible for a person to find their soul [...]. But humanity will not take any detours. No prophets will come, nor any founders of religions, [...]. No single art form will bring the world its soul, for art is [already] a mirror [...] of the soul, not its creator.
[ 75 ] So also spricht ein «Lebenspraktiker» von dem Drängen und Sehnen der Seele. — Vieles in dem Buche ist schief; aber das eine ist wahr: Wer so fühlt, der fühlt, wie nicht mehr gesprochen wird von dem Wahrhaften der Seele in unserer Zeit. Religionsstifter werden zurückgewiesen. Er fühlt, dass auch eine exoterische Lehre nicht mehr angenommen werden will.
[ 75 ] This, then, is how a “practitioner of life” speaks of the soul’s longing and yearning. — Much in the book is off the mark; but this much is true: Anyone who feels this way senses how the truth of the soul is no longer spoken of in our time. Religious founders are rejected. He feels that even an exoteric teaching is no longer willing to be accepted.
[ 76 ] Aber das Streben der Zeit selbst geht dahin, die Seele wieder anzuknüpfen an das Geistige.
[ 76 ] But the very essence of time is to reconnect the soul with the spiritual.
[ 77 ] Und diesem Sehnen entspricht das, was Geisteswissenschaft zu bringen hat, es zeigt die Geistesforschung, dass der Mensch in sich selber finden kann eine solche Entfaltung der in seiner Seele schlummernden Kräfte, sodass der Mensch sich unmittelbar hineinlebt in das, was uns übersinnlich umgibt. Und dann erobert der Blick in diesen Weiten das Materielle.
[ 77 ] And what spiritual science has to offer corresponds to this longing; spiritual research shows that human beings can find within themselves such an unfolding of the powers slumbering in their souls that they can immerse themselves directly in what surrounds us on the supersensible plane. And then, within these vast expanses, the gaze conquers the material world.
[ 78 ] Wir schauen hinaus und fühlen nicht nur den menschlichen Leib in das physische Dasein eingebettet, sondern durch ihn die Seele eingebettet in das geistige Dasein [wir] erweitern den Blick über Geburt und Tod hinaus.
[ 78 ] We look out and feel not only the human body embedded in physical existence, but—through it—the soul embedded in spiritual existence; [we] expand our gaze beyond birth and death.
[ 79 ] Wie Naturwissenschaft den Blick erweitert hat über das blaue Himmelsgewölbe hinaus — so, wie Naturwissenschaft sagt: Diese Grenze, die der Mensch sich selbst gesetzt hat, muss erweitert werden, so sagt die Geisteswissenschaft: Das, was die mechanische Wissenschaft, was die mechanische Weltanschauung glaubt über die Grenze, die dem menschlichen Zeitenleben gesetzt ist – die nur von dem begrenzten menschlichen Erkennen selbst herkommt –, das erweiterte menschliche Erkennen wird darüber hinausgehen, wird hinausgehen über diese Grenze, wie die Naturwissenschaft über die Grenze des blauen Himmelsgewölbes hinausging.
[ 79 ] Just as the natural sciences have broadened our view beyond the blue vault of the sky—just as the natural sciences say: “This boundary that humanity has set for itself must be expanded”—so the spiritual sciences say: What mechanical science and the mechanical worldview believe about the boundary set for human life—a boundary that stems solely from limited human cognition itself—expanded human cognition will go beyond it, will transcend this boundary, just as natural science went beyond the boundary of the blue vault of the sky.
[ 80 ] So, wie die Geisteswissenschaft hingestellt sieht in unserer Zeit das Drängen und Sehnen nach ihrer Seele, so, wie «die Zeit ihre Seele sucht», so wird sie weiter ausbilden das Leben dieser Seele, wird eine weitere Fortbildung derselben erstreben.
[ 80 ] Just as the humanities are seen in our time as embodying the yearning and longing for their soul—just as “the age seeks its soul”—so they will continue to develop the life of this soul and strive for its further development.
[ 81 ] Eine Weltanschauung, die auf der Phantasie aufgebaut ist, kann nicht bestehen; dieses Problem Herman Grimms hätte niemals gelöst werden können. Wir sehen aber, wie bei denjenigen, die sich die Frische dieses Sehnens der Seele bewahrt haben, sich das Verlangen regt, hinauszuschauen in das Geistig-Seelische, das draußen ist in der Welt. Und wir wissen, dass wir ein Teil dessen sind, so, wie unser Leib ein Teil des Stofflichen ist.
[ 81 ] A worldview built on imagination cannot endure; this problem of Herman Grimm’s could never have been solved. But we see how, in those who have preserved the freshness of this longing of the soul, the desire stirs to look out into the spiritual-soul realm that lies outside in the world. And we know that we are a part of it, just as our body is a part of the material world.
[ 82 ] Die Geisteswissenschaft will das, wonach die Seele verlangt, den Menschen geben. Und wenn wir fragen: Was wird Geisteswissenschaft zu tun haben in der Zukunft? Wenn alle die Menschen, welche Sehnsucht in sich selbst fühlen nach dem Woher und Wohin der Seele, wenn sie fragen werden, dann weisen wir hin nicht auf abstrakte Begriffe, sondern auf die hungernden Seelen, und suchen diesen hungernden Seelen zu geben, wovon sie deutlich zeigen, dass sie es verlangen.
[ 82 ] Spiritual science seeks to give people what the soul longs for. And when we ask: What will spiritual science have to do in the future? When all those people who feel a longing within themselves for the origin and destination of the soul begin to ask, then we will point not to abstract concepts, but to the hungry souls, and seek to give these hungry souls what they clearly show they desire.
[ 83 ] Nicht von unbestimmter Bruderliebe will Geisteswissenschaft sprechen, sondern so sich stellen zu den Menschen, dass sie geben will, was von der Menschenseele ersehnt wird. Dann mag man diesen oder jenen Einwand hören, Spott und Schlimmeres hören – man wird es gerade als Geistesforscher begreiflich finden, wird verstehen können die Leute, die es von ihrem Standpunkt aus heute noch nicht anders machen können, als es die Gegner der Naturwissenschaft vor Jahrhunderten gemacht haben: Ketzergerichte abzuhalten. Man richtet allerdings keine Scheiterhaufen mehr auf, aber man macht es entsprechend der Mode der Zeit: behandelt die Leute, die nach der Wahrheit streben, als Phantasten und sucht sie durch Spott und Lästerung zu verunglimpfen.
[ 83 ] Spiritual science does not seek to speak of an indefinite brotherly love, but rather to relate to people in such a way that it gives them what the human soul longs for. Then one may hear this or that objection, mockery, and worse—but as a spiritual scientist, one will find this understandable and will be able to understand those people who, from their point of view today, cannot yet do anything other than what the opponents of natural science did centuries ago: hold trials for heresy. Admittedly, they no longer erect pyres, but they do it in a manner befitting the fashion of the times: treating people who strive for the truth as fantasists and seeking to denigrate them through mockery and blasphemy.
[ 84 ] Das macht aber jenen Menschen nichts; denn ihnen kommt es bei der Wahrheit nur auf dasjenige an, dass sie – die Wahrheit – durch ihre eigene Wesenheit sich der Seele als gerechtfertigt zeigt, und dass sie in der Tat dieses Leben befördert, befruchtet, erhöht, und vor dem Leben bestehen kann.
[ 84 ] But that does not matter to those people; for as far as the truth is concerned, all that matters to them is that it—the truth—reveals itself to the soul as justified by its very nature, and that it in fact promotes, enriches, and elevates this life, and can stand the test of life.
[ 85 ] Dass das Letztere geschehen kann, das zu zeigen wird die Aufgabe des morgigen Vortrages sein, der in einer gewissen Weise die Fortsetzung des heutigen bilden wird.
[ 85 ] The task of tomorrow’s lecture—which, in a sense, will serve as a continuation of today’s—will be to show that the latter can indeed happen.
[ 86 ] In Bezug auf die Wahrheit kann gesagt werden: Derjenige, der die Wahrheit so hinstellt, wie das eben besprochen worden ist, der kann sich sagen: Gewiss, alles menschliche Streben ist je und je dem Irrtume unterworfen, und vieles wird sich auch dem Geistesforscher leicht als ein Irrtum in das, was er sucht, einschleichen können. Dass der Irrtum noch leichter sich einschleichen kann als in der äußeren Sinneswelt, das ist ihm wohl bewusst. Aber gleichviel – wenn nur der Sinn da ist, die Wahrheit aufzusuchen, dann darf auch das Kleinste, was auf diesem Gebiete geschieht, verglichen werden mit dem Großen, was geschehen ist im Dienste der Wissenschaft. Ob man die Wahrheit auch verspotte, darauf kommt es nicht an. Denn zweierlei ist nur möglich: Entweder ist das, was verbreitet wird, Irrtum — dann wird es durch den strebenden, Wahrheit suchenden Sinn, nach der Wahrheit suchenden Menschensinn schon ausgemerzt werden, denn die nach Wahrheit suchende Menschenseele duldet den Irrtum nicht –, oder aber ist es Wahrheit, dann wird kein Spott, dann werden keine unberechtigten, persönlichen Einwände, dann wird gar nichts dieses, was diese Wahrheit an Siegeskraft in sich hat, aufzuhalten vermögen!
[ 86 ] With regard to the truth, it can be said: Anyone who views truth in the manner just discussed can say to himself: Certainly, all human endeavor is always and forever subject to error, and much can easily creep into what the spiritual researcher seeks as error. He is well aware that error can creep in even more easily than in the external sensory world. But regardless—if only the intention to seek the truth is present, then even the smallest thing that happens in this field may be compared to the great things that have been accomplished in the service of science. Whether the truth is mocked or not is irrelevant. For only two possibilities exist: Either what is being disseminated is error—in which case it will already be eradicated by the striving, truth-seeking human mind, for the human soul that seeks the truth does not tolerate error—or else it is the truth; in that case, no mockery, no unfounded personal objections, and absolutely nothing will be able to stop the triumphant power inherent in this truth!
[ 87 ] In der Weltgeschichte ist es denn auch so, dass [es zuweilen vorkommt, dass] die Dinge [und] Wesen verkündet werden können. Bezüglich der Wahrheit darf aber gesagt werden: Wo man auch noch ihr den Rücken zugekehrt hat, wo auch die Leute da oder dort sich widersetzen mögen, und wie auch die Wahrheit vergraben sein mag in den tiefsten Schächten – alles das wird überwunden werden! Denn überall noch fand die Wahrheit die Wege, wieder hinauszudringen in die Menschheit und nützlich und förderlich zu sein und ihren Siegeszug durch die Entwicklung des menschlichen Geistes zu halten.
[ 87 ] In world history, it is indeed the case that [it sometimes happens that] things [and] beings can be revealed. But with regard to the truth, it may be said: No matter where people have turned their backs on it, no matter where people may resist it here or there, and no matter how deeply the truth may be buried in the deepest pits—all of this will be overcome! For everywhere, the truth has still found ways to break through once more into humanity, to be useful and beneficial, and to continue its triumphant march through the development of the human spirit.
