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Spiritual Science
and the Future of Humanity
GA 69e

3 January 1913, Cologne

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Spiritual Science and the Future of Humanity, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaft und die geistigen Ziele unserer Zeit

9. Irrtümer der Geistesforschung

9. Errors in Spiritual Research

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Auf dem Gebiet der Geistesforschung, von dem gestern hier gesprochen worden ist, da ist mehr noch als auf irgendeinem anderen Gebiet der Erkenntnis des Lebens notwendig, nach den Quellen der Irrtümer zu forschen. Es ist aus dem Grunde ganz besonders notwendig, weil auf den Wahrheitswegen, von denen wir gestern gesprochen haben, auf Schritt und Tritt sozusagen der Irrtum lauert, und weil die Natur des Irrtums in Bezug auf die Erforschung der geistigen Welten eine ganz andere eigentlich ist als bei der Erforschung der sinnlichen Welt, in der der Mensch zunächst lebt. Man darf sagen, dass gewissermaßen ein altes Wort des großen Philosophen Aristoteles sein kann wie ein Leitspruch auf dem Weg des Wahrheitssuchers in die geistigen Welten hinein. Dieses Wort klingt zunächst einfach, seine Befolgung ist jedoch recht schwierig. Es heißt:

[ 1 ] Ladies and gentlemen! In the field of spiritual research, which was discussed here yesterday, it is even more necessary than in any other field of knowledge about life to investigate the sources of error. This is particularly necessary because, on the paths to truth that we spoke of yesterday, error lies in wait at every turn, so to speak; and because the nature of error in the exploration of the spiritual worlds is actually quite different from that in the exploration of the sensory world in which human beings initially live. One might say that, in a sense, an ancient saying by the great philosopher Aristotle can serve as a guiding principle on the seeker of truth’s path into the spiritual worlds. At first glance, this saying sounds simple, but putting it into practice is quite difficult. It reads:

Nur derjenige kann die Wahrheit erkennen, der da aufgehört hat, die eigene Meinung zu lieben.

Only those who have stopped loving their own opinions can recognize the truth.

[ 2 ] Bei allem, was Lebenserfahrung, was Lebensweisheit ist, gilt schon dieser Spruch; in ganz besonderem Maße gilt er aber auf dem Gebiet, mit dem wir es hier zu tun haben. Im äußeren Leben wird ja dasjenige, was in diesem Spruch liegt, sozusagen überall außer Acht gelassen. Was hören wir öfter bei den Menschen betonen als: Dies ist mein Standpunkt über irgendeine Sache, dies ist meine Meinung. Und gerade in unserer Zeit wird immer wieder und wieder hervorgehoben, dass es doch berechtigt sei, und einzig berechtigt sei, wenn ein jeder Mensch sozusagen seinen Standpunkt, seine Meinung über irgendeine Sache zur Geltung bringe. Man kann selbstverständlich durchaus bis zu einer gewissen Grenze eine solche Forderung des Lebens zugeben, aber zur wirklichen Wahrheit, namentlich zur Wahrheit auf geistigem Gebiet, kann ein solcher Gesichtspunkt nicht führen. Denn die eigene Meinung — man hat sie sich gebildet im Leben ganz nach der persönlichen Erziehung, den persönlichen Verhältnissen, in denen man gelebt hat, nach dem Teil der Welt, der einem gerade entgegengetreten ist; und es gehört eigentlich nicht viel dazu, einzusehen, dass diese Meinung, welche eine einzelne Persönlichkeit sich gebildet hat, unter allen Umständen zum Mindesten eine eng beschränkte Geltung nur haben kann.

[ 2 ] This saying applies to everything that constitutes life experience and wisdom; but it applies to a very special degree in the area we are dealing with here. In everyday life, what this saying conveys is, so to speak, ignored everywhere. What do we hear people emphasize more often than: “This is my point of view on such-and-such a matter; this is my opinion.” And especially in our time, it is emphasized again and again that it is, after all, justified—and indeed the only justified course of action—for every person to assert, so to speak, their point of view, their opinion on any given matter. Of course, one can certainly concede such a demand of life up to a certain limit, but such a perspective cannot lead to the real truth—namely, to the truth in the spiritual realm. For one’s own opinion—one has formed it in life entirely according to one’s personal upbringing, the personal circumstances in which one has lived, and the part of the world that one has encountered—and it does not actually take much to realize that this opinion, which an individual has formed, can under all circumstances have, at the very least, only a narrowly limited validity.

[ 3 ] Nun liegt aber auf dem Gebiet des geistigen Lebens die Sache so, dass in ganz anderer Weise als in irgendwelchen sinnlichen Gebieten dasjenige sich hineinschiebt, wenn wir Forschungen anstellen, was wir als unsere Meinungen, unsere Lebensauffassung, unseren Standpunkt mitbringen. Im gewöhnlichen Leben, wo wir es zu tun haben mit den Außendingen, da können wir sagen, dass der Irrtum sich auf Schritt und Tritt selbst korrigiert. Wenn wir uns eine falsche Meinung bilden über diese oder jene Wesenheit oder diesen oder jenen Vorgang der sinnlichen Welt, so brauchen wir ja nur den Augenschein dieses Wesens, diese Tatsache selbst auf uns wirken zu lassen, und das unrichtige Urteil wird sozusagen beseitigt. Wir können nicht mit einem unrichtigen Urteil über eine Sache an diese Sache selbst herantreten, ohne dass uns die Sache Lügen straft. Auf geistigem Gebiet ist das ganz anders. Dort handelt es sich ja darum, dass alle Wesen, alle Tatsachen ihre ganz besondere Färbung erhalten durch dasjenige, was wir als die eigene Seelenkonstitution, als das, was in unserer Seele lebt, entgegenbringen, und eine falsche Meinung tragen wir mit in die geistige Welt hinein; es legt sich wie ein Schleier über die entsprechende Beobachtung. Und wenn wir an dieser falschen Meinung festhalten wollen, dann kann uns die geistige Tatsache, die eben verschleiert ist durch unsere Meinung, sie kann uns nicht Lügen strafen. Sie hüllt sich in das Kleid unserer falschen Meinung und erscheint uns in einer ganz falschen Gestalt.

[ 3 ] However, in the realm of spiritual life, the situation is such that—in a way entirely different from any sensory realm—what we bring with us as our opinions, our outlook on life, and our point of view inevitably finds its way into our investigations. In everyday life, where we deal with external things, we can say that error corrects itself at every turn. If we form a false opinion about this or that entity or this or that process in the sensory world, we need only allow the appearance of that entity—the fact itself—to take effect upon us, and the incorrect judgment is, so to speak, dispelled. We cannot approach a thing with an incorrect judgment about it without the thing itself proving us wrong. In the spiritual realm, it is quite different. There, the point is that all beings and all facts take on their very particular character through what we bring to them as our own soul constitution—that which lives within our soul—and we carry a false opinion with us into the spiritual world; it lays itself like a veil over the corresponding observation. And if we wish to cling to this false opinion, then the spiritual fact—which is veiled by our opinion—cannot prove us wrong. It cloaks itself in the garment of our false opinion and appears to us in a completely false form.

[ 4 ] Wenn wir wiederum – ohne ihn als berechtigt für die Geistesforschung anzuerkennen und ohne dass dadurch etwas gewonnen werden soll – auf den Mediumismus hinweisen wollen als auf das Gegenbild der wahren Geistesforschung, so geschieht dies nur zur Erklärung. Diejenigen Menschen, welche in der gestern schon besprochenen Art durch Medien oder Somnambule irgendwelche Kundgebungen haben wollen aus den geistigen Welten, die sind gewöhnlich auf eines ganz stark bedacht, und zwar darauf, dass ihr Medium nicht etwas aufnimmt, sagen wir, geisteswissenschaftliche Wahrheiten oder irgendwelche Überzeugungen von bestimmten Gesichtspunkten aus, über die geistige Welt. Denn die Menschen, die sich der Medien bedienen, haben mit Recht Furcht davor, dass in dem Fall, dass das Medium gewisse Gedanken aufgenommen hat über die geistige Welt in das gewöhnliche Bewusstsein und Seelenleben hinein, sich die Tatsache einstelle, dass, wenn das Medium in seinen schlafartigen Zustand versetzt ist, das, was es aufgenommen hat, wiederum herauskommt in seinen Offenbarungen, dass sich sozusagen einmischt das Persönliche in dasjenige, was das Medium offenbaren soll. Und es glauben solche Menschen, dass sie nur dadurch zu wirklichen, sachlichen Offenbarungen der geistigen Welt, die hinter der physischen Welt steht, kommen können, wenn sie alles Persönliche aus dem Medium ausgeschaltet haben, wenn es sozusagen gar nicht veranlagt ist, etwas Persönliches in seine Offenbarungen zu legen.

[ 4 ] If, on the other hand—without recognizing it as legitimate for spiritual research and without intending to gain anything from doing so—we wish to point to mediumship as the antithesis of true spiritual research, we do so solely for the sake of clarification. Those people who, in the manner already discussed yesterday, wish to receive messages from the spiritual worlds through mediums or somnambulists are usually very concerned about one thing in particular: namely, that their medium does not absorb, let us say, spiritual-scientific truths or any convictions about the spiritual world from specific points of view. For the people who make use of mediums rightly fear that, should the medium have absorbed certain thoughts about the spiritual world into their ordinary consciousness and soul life, the result would be that—when the medium is induced into a sleep-like state—what they have absorbed would emerge again in their revelations; that is to say, the personal would, so to speak, interfere with what the medium is supposed to reveal. And such people believe that they can attain genuine, objective revelations of the spiritual world that lies behind the physical world only if they have eliminated everything personal from the medium—if, so to speak, the medium is not at all predisposed to incorporate anything personal into its revelations.

[ 5 ] Wonach streben solche Menschen? [Sie streben danach], auszuschalten das Persönliche, alles, was von anderswo hereinkommt als aus den unterbewussten Untergründen des Mediums. Daher geben die Menschen auch das meiste auf solche Offenbarungen der Medien, von denen man bestimmt wissen kann, dass die Medien nicht irgendwie mit der betreffenden Sache in Verbindung gestanden haben. Wenn das Medium in einer Sprache spricht, von der man weiß, dass sie ihm unbekannt ist, dann wird am meisten gegeben auf solche Offenbarungen, und mit Recht. Zur Erläuterung kann dienen dasjenige, was solche Personen anstreben, die sich der Medien bedienen. Denn wenn auch Geistesforschung nichts von dem verwendet, was von dieser Seite kommt, so gilt doch auch für den wahren Geistesforscher, der sich selbst zu einem Instrument macht, um in die geistigen Welten einzudringen, dass er abstreifen muss das Persönliche, also dasjenige, was nur am eigenen Seelenleben haftet und seinem eigenen Seelenleben eigen ist.

[ 5 ] What do such people strive for? [They strive] to eliminate the personal—everything that comes from anywhere other than the medium’s subconscious depths. That is why people place the greatest credence in such revelations from mediums when it can be known with certainty that the mediums had no connection whatsoever to the matter in question. When the medium speaks in a language known to be unfamiliar to them, the greatest credence is given to such revelations—and rightly so. What those who make use of mediums strive for may serve to illustrate this point. For even though spiritual research makes no use of what comes from this source, it is nevertheless true for the true spiritual researcher—who makes himself an instrument for penetrating the spiritual worlds—that he must cast aside the personal, that is, that which clings only to his own soul life and is peculiar to his own soul life.

[ 6 ] Dies ist eine schwierigere Aufgabe, als man gewöhnlich glaubt, denn dazu ist notwendig etwas, was sozusagen für das gewöhnliche Bewusstsein außerordentlich schwer verständlich ist. Es ist notwendig [das, was] man in der Geistesforschung nennt «die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle». Als Schwelle ist da gemeint die, welche abgrenzt das Gebiet der Sinneswelt von der geistigen Welt. Was ist dieser «Hüter der Schwelle», wenn wir ausgehen von dem gewöhnlichen Leben und seinem Verhalten zur Wahrheit? Denn jener Hüter der Schwelle ist im Grunde genommen die Summe derjenigen Kräfte und Mächte, welche den Menschen im gewöhnlichen Leben von wahrer Selbsterkenntnis abhalten und welche ihn, wenn er ein Geistesforscher werden will, zu dieser Selbsterkenntnis führen. Aber im gewöhnlichen Leben ist Selbsterkenntnis eben keine leichte Sache, und [das] gerade deshalb, weil die menschliche Seele eben haftet an dem, was sie sich aus ihren Erlebnissen, aus allem, was ihr entgegentritt, gebildet hat. Und dadurch entstehen eben die verschiedenen Gesichtspunkte, die Kämpfe der Meinungen, wo einander entgegentreten Materialismus und Spiritualismus, Realismus und Idealismus und viele andere Standpunkte, die die Menschen mit Hingebung vertreten, die es aber unmöglich machen, dass die Menschen einander verstehen, gerade in Bezug auf die wichtigsten Dinge.

[ 6 ] This is a more difficult task than is generally believed, for it requires something that is, so to speak, extremely difficult for ordinary consciousness to comprehend. It requires [what] is called in spiritual science “the encounter with the Keeper of the Threshold.” The “threshold” referred to here is the one that separates the realm of the sensory world from the spiritual world. What is this “Keeper of the Threshold” when we consider ordinary life and its relationship to truth? For this Keeper of the Threshold is, in essence, the sum of those forces and powers that prevent people in ordinary life from true self-knowledge and that, if they wish to become researchers of the spiritual, lead them to this self-knowledge. But in ordinary life, self-knowledge is by no means an easy matter, and [this] is precisely because the human soul clings to what it has formed from its experiences, from everything that comes its way. And this is precisely what gives rise to the various perspectives and the clashes of opinion, where materialism and spiritualism, realism and idealism, and many other viewpoints—which people defend with devotion—clash, making it impossible for people to understand one another, especially when it comes to the most important matters.

[ 7 ] Wie verhält es sich denn eigentlich mit diesen Standpunkten? Derjenige, der das menschliche Seelenleben im Verhältnis zu dem übrigen Dasein ins Auge fasst, der wird bei der entsprechenden Vertiefung bemerken können, dass Idealismus, Materialismus, Realismus und so weiter als menschliche Meinungen deshalb entstehen, weil der Mensch immer nur ein beschränktes Gesichtsfeld hat und sich aus diesem dann seine Meinung bildet; und diese seine Meinung liebt er, und die Liebe ist es eigentlich, die ihn für diese Meinung begeistert und die es macht, dass er diese Meinung für das einzig Mögliche hält und andere Standpunkte bekämpft. Diese Liebe ist im Grunde genommen Selbstliebe. Das, was wir uns errungen haben, was mit uns so zusammenhängt, dass wir eigentlich die Sache selbst werden – es ist begreiflich, dass wir es lieben. Geben wir es auf, so geben wir uns selbst auf. Das ist ja das Bedeutungsvolle des Hängens an gewissen Lebensstandpunkten, dass jeder fühlt: Wenn er sie aufgibt, gibt er sich selbst auf, denn sein ganzes Ich hat die Färbung des Standpunktes angenommen. Der Mensch kann nicht anders als diesen Standpunkt bejahen.

[ 7 ] What is the actual situation regarding these viewpoints? Anyone who considers the life of the human soul in relation to the rest of existence will, upon closer examination, be able to observe that idealism, materialism, realism, and so on arise as human opinions because human beings always have only a limited field of vision and form their opinions based on it; and he loves this opinion of his, and it is actually this love that inspires his enthusiasm for it and causes him to regard it as the only possible one, while combating other viewpoints. This love is, at its core, self-love. What we have attained, what is so intimately connected with us that we actually become the thing itself—it is understandable that we love it. If we give it up, we give up ourselves. That is, after all, the significance of clinging to certain life positions: everyone feels that if they give them up, they give up themselves, for their entire self has taken on the character of that position. A person cannot help but affirm this position.

[ 8 ] Da gibt es Menschen, die durch ihr Leben oder die Richtung ihrer Wissenschaft, durch ihre Beschäftigung mit rein äußerlichen Dingen, welche in ihren Vorstellungen leben, Menschen, die gewohnt sind, ihre Augen nur zu heften auf dasjenige, was Material ist an den Dingen, Materialisten werden; ihre Aufmerksamkeit wird abgelenkt von allem, was nicht materiell ist, und sie sind Materialisten, nicht, weil der Idealismus falsch ist. Denn derjenige, welcher wirklich etwas versteht von den Meinungskämpfen, der wird bald einsehen, dass die Materialisten für ihre Behauptungen manche guten Gründe vorzubringen haben. Aber auch die Idealisten haben diese, und schlechte Gründe für den Idealismus sieht eigentlich nur derjenige, welcher befangen ist in seiner materialistischen Richtung. Der Mensch stellt sich lediglich dem Idealismus entgegen, pocht auf den Materialismus, wenn er die Denkgewohnheiten annimmt, dadurch, dass er nur mit materiellen Dingen zu tun hat. Andere Menschen werden sozusagen von der Härte und Dichtigkeit der Materie weniger berührt. Sie werden mehr hingewiesen durch ihre Anlagen und Verhältnisse auf die Kämpfe und Siege des menschlichen Lebens. Solche Menschen werden Idealisten. Sie sehen die Gründe ein, die für den Idealismus sprechen, und da sie nie gelernt haben, zu beachten die Gründe, die für den Materialismus sprechen, so betrachten sie den Materialismus als den großen Irrtum, der bekämpft werden muss.

[ 8 ] There are people who, because of their way of life or the focus of their scholarship—because of their preoccupation with purely external things that exist in their imagination—become materialists; people who are accustomed to fixing their eyes solely on the material aspect of things; their attention is diverted from everything that is not material, and they are materialists not because idealism is wrong. For anyone who truly understands the battles of ideas will soon realize that materialists have many good reasons to support their claims. But idealists have these as well, and only those who are biased in their materialistic outlook actually see bad reasons for idealism. People oppose idealism and insist on materialism only when they adopt the habit of thinking that way—by dealing exclusively with material things. Other people, so to speak, are less affected by the harshness and density of matter. Their dispositions and circumstances draw them more toward the struggles and triumphs of human life. Such people become idealists. They recognize the arguments in favor of idealism, and since they have never learned to consider the arguments in favor of materialism, they regard materialism as the great error that must be combated.

[ 9 ] Und so könnte man alle geistigen Richtungen charakterisieren; man würde sie immer wieder zurückführen müssen darauf, was die Menschen für Anlagen und Verhältnisse haben. Solche aber, die zu einem umfassenderen Horizont gekommen sind, wie Goethe, die wussten, – und das weiß jeder, der unbefangen die verschiedenen Weltanschauungen betrachten kann — Goethe wusste, dass alle Standpunkte eine gewisse Einseitigkeit haben und dass man im Grunde genommen für und gegen jeden Standpunkt vieles vorbringen kann. Das sehen allerdings auch manche andere Menschen ein, dann kommen sie leicht zu der Meinung, dass zwischen den verschiedenen Standpunkten die Wahrheiten der Mitte liegen, wodurch sozusagen ein Ausgleich gefunden werden kann. Derjenige aber, der auf diesem Gebiet die Wahrheit kennenlernen will, ist zu vergleichen mit einem Menschen, der sich zwischen zwei Stühle setzt. Das Richtige aber würde es sein, je nachdem die Verhältnisse es ergeben, eben beide Stühle zu benützen. Dazu wird derjenige kommen, welcher menschliche Meinungen in ihr Verhältnis zu bringen versteht zu dem umfassenden Weltganzen.

[ 9 ] And this is how one could characterize all intellectual schools of thought; one would always have to trace them back to people’s innate dispositions and circumstances. But those who have attained a broader perspective, such as Goethe, knew—and this is something anyone who can view the various worldviews impartially knows—that all viewpoints have a certain one-sidedness and that, fundamentally, one can present many arguments both for and against every viewpoint. Admittedly, some other people recognize this as well; they then easily come to the conclusion that the truths lie in the middle between the various viewpoints, whereby a balance can be found, so to speak. But the one who wishes to know the truth in this realm is like a person who sits between two chairs. The right thing to do, however, would be—depending on the circumstances—to use both chairs. This is what the person who understands how to relate human opinions to the comprehensive whole of the world will come to do.

[ 10 ] [Goethe sagt]: Nicht zwischen den verschiedenen Standpunkten liegt die Wahrheit, sondern zwischen diesen liegt erst die Aufgabe, der Weg zur Wahrheit. Was heißt das? Das heißt: Wenn man die einzelnen Weltanschauungen betrachtet, muss man sagen: Der Materialismus ist voll berechtigt auf materiellem Gebiet, und derjenige, der mit Spiritualismus die materielle Welt erklären will, wird nichts zutage bringen. [In] die Welt des Materialismus gehören Begriffe des Materialismus, und der Fehler des Materialismus ist nicht der, dass Materielles mit Materialismus erklärt wird, sondern, dass man auch das geistige Gebiet mit Materialismus erklären will. Umgekehrt ist es für den Spiritualismus. Der schwärmerische Idealist wird überall vom Geistigen und geistigen Kräften reden; er ist wie einer, der eine Uhr betrachtet und das Werk der Uhr nicht auf mechanischem Wege erklären will, sondern einen Dämon darinnen sucht, der die Zeiger vorwärts rückt. Das ist das, worauf man kommt und kommen muss, wenn man über die verschiedenen Weltanschauungen, die doch nur Meinungen sind, zur Wahrheit kommen will: dass man das Berechtigte und Begrenzte der verschiedenen Anschauungen ins Auge zu fassen vermag.

[ 10 ] [Goethe says]: The truth does not lie between the various points of view; rather, it is between them that the task—the path to truth—lies. What does this mean? It means that when one considers the individual worldviews, one must say: Materialism is fully justified in the material realm, and anyone who seeks to explain the material world through spiritualism will come up empty-handed. [In] the world of materialism, materialist concepts belong; and the error of materialism is not that the material is explained through materialism, but that one also seeks to explain the spiritual realm through materialism. The opposite is true for spiritualism. The fanciful idealist will speak everywhere of the spiritual and spiritual forces; he is like someone who looks at a clock and does not want to explain its workings mechanically, but instead seeks a demon inside it that moves the hands forward. This is what one arrives at—and must arrive at—if one wishes to arrive at the truth through the various worldviews, which are, after all, merely opinions: that one is able to grasp the validity and limitations of the various perspectives.

[ 11 ] Was hindert den Menschen, das zu tun? Je nach dem Gebiet der Welt und des Lebens liebt der Mensch seinen Standpunkt mit wahrer Eigenliebe; er kann nicht aus sich heraus, kann sich nicht versetzen in einen anderen Standpunkt. Deshalb wird es einem ja auch so übel genommen, wenn man Haeckel betrachtet und sich in dessen Geist versetzt und nicht überall die Tendenz hat, von einem spirituellen oder ideellen Standpunkt aus Haeckel zu bekämpfen, und wenn man sich anderen Geistern zuwendet und sie ebenso objektiv betrachtet. Der wahre Geistesforscher muss sich hineinversetzen können in das Positive und das Negative der verschiedenen Standpunkte. Denn es ist eine Eigentümlichkeit der menschlichen Natur, dass, wenn der Mensch eine solche Methode, wie sie gestern auseinandergesetzt wurde, auf seine Seele anwendet, [dass] dann mit ihm gehen seine Meinungen, seine Standpunkte. Das können wir besonders bei den entgegengesetzten Standpunkten – Idealismus und Materialismus – sehr wohl beobachten.

[ 11 ] What prevents people from doing that? Depending on the sphere of the world and of life, people love their own point of view with true self-love; they cannot step outside themselves, cannot put themselves in another’s shoes. That is why people take such offense when one considers Haeckel and puts oneself in his mindset—rather than always feeling the urge to oppose Haeckel from a spiritual or idealistic standpoint—and when one turns to other minds and views them just as objectively. The true researcher of the spirit must be able to empathize with both the positive and negative aspects of various points of view. For it is a peculiarity of human nature that when a person applies a method such as the one discussed yesterday to his own soul, his opinions and viewpoints change accordingly. We can observe this particularly clearly in the case of opposing viewpoints—idealism and materialism.

[ 12 ] Derjenige, der so im Leben steht, dass er alles Geistige ablehnt, der im strengsten Sinn Materialist ist, wird nun allerdings gar keine Methode, wie gestern geschildert, auf seine Seele anwenden; alles das gilt ihm als Unsinn und Torheit. Er hat von seinem materialistischen Standpunkt [aus] recht. Derjenige aber, der als Geistesforscher nicht nur die materielle Wirkung im Leben sieht, sondern hineinschauen kann in das Gesamtgetriebe des Lebens, in die geistigen Kräfte, die hinter dem Sinnlichen stehen, der weiß, dass es nicht die materielle Meinung ist, die diesen Menschen, der ablehnt alle Methoden der Geistesforschung, nicht zu diesen kommen lässt. Leugnen kann der Mensch, wenn er will, die geistige Welt. Aber diese geistige Welt ist nicht nur in einem abgetrennten Geisterreiche vorhanden, sondern diese geistige Welt ist überall in der sinnlichen, in der materiellen Welt auch vorhanden. Auch in der Materie, die allein der Materialist betrachtet, ist überall Geist vorhanden. Aber dieser Geist, der nur im Materiellen sich auslebt, das ist der Geist, die Kraft, die vor allen Dingen, wenn sie durch den Menschen wirkt – und sie tut das, wenn er die Denkgewohnheiten hat, nur im Materiellen sich zu bewegen –, bewirkt, dass er unfähig wird, überhaupt die Seelenbesinnung, die Seelenrichtung auf den Geist zu lenken. Es steckt in allem materiellen Dasein etwas, was auf uns so wirkt, dass es uns vom Geist abzieht, ablenkt. Da sehen wir, wie der Irrtum wirkt.

[ 12 ] Someone whose outlook on life is such that he rejects everything spiritual—who is a materialist in the strictest sense—will, of course, not apply any method to his soul as described yesterday; to him, all of that is nonsense and folly. From his materialistic standpoint, he is right. But the person who, as a spiritual researcher, not only sees the material effects in life but can also look into the overall workings of life—into the spiritual forces that lie behind the sensory realm—knows that it is not a materialistic view that prevents this person, who rejects all methods of spiritual research, from coming to these insights. A person can deny the spiritual world if they wish. But this spiritual world does not exist only in a separate realm of spirits; rather, this spiritual world is present everywhere in the sensory, material world as well. Even in matter—which the materialist alone considers—spirit is present everywhere. But this spirit, which manifests itself solely in the material realm—this is the spirit, the force that, above all else, when it works through a person—and it does so when that person has the habit of thinking only in material terms—causes them to become incapable of directing their soul’s attention or orientation toward the spirit at all. There is something in all material existence that affects us in such a way that it draws us away from the spirit and distracts us. There we see how error works.

[ 13 ] In unseren Ideen der Geistesforschung, wie sie jetzt versuchen, sich hineinzustellen in das geistige Kulturleben der Gegenwart, nennen wir diesen Geist, der in der Materie lebt und dort als eine Kraft wirkt, die den Menschen verfinstert gegenüber der geistigen Welt, den ahrimanischen Geist. Es ist dieser Geist derselbe, den Goethe darstellt im Faust als Mephisto, der den Faust begleitet, der jeden Menschen begleitet, weil jeder Mensch sich mit der materiellen Welt befassen muss. Das also ist die Kraft, die uns verfinstert gegenüber der geistigen Welt. Die Materialisten können wohl den Geist ableugnen mit ihren Begriffen, aber es wäre ein schwerer Irrtum, zu glauben, dass sie der Realität des Geistes etwas anhaben können. Er rächt sich an ihnen und verdunkelt ihre Anschauungen. Das ist die eigentümliche Wirkung in der Seele des Materialisten, dass dieser Geist einen Wall aufrichtet, dass der Mensch die geistige Welt nicht schauen kann; so leugnet der Materialist die geistige Welt, weil der Geist der Materie ihm dieses Leugnen eingibt. Leugnen kann man ihn, aber sich ihm nicht entziehen, und das, was als Materialismus herumschwirrt in der Welt, ist tatsächlich die Eingebung des [ahrimanischen] Geistes. Recht hatte Goethe, indem er seinen Faust so den Müttern entgegentreten lässt, dass Mephisto das geistige Reich als ein Nichts vorführt. Faust aber sagt: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden.» – Der Materialist sollte sich gestehen, dass er zu einem gewissen Völkchen gehört, von dem Mephisto sagt:

[ 13 ] In our ideas of spiritual research, as they now seek to engage with the spiritual cultural life of the present, we call this spirit—which lives within matter and acts there as a force that darkens human beings’ perception of the spiritual world—the Ahrimanic spirit. This is the very same spirit that Goethe portrays in *Faust* as Mephisto, who accompanies Faust—who accompanies every human being—because every human being must engage with the material world. This, then, is the force that blinds us to the spiritual world. Materialists may well deny the spirit with their concepts, but it would be a grave error to believe that they can do any harm to the reality of the spirit. It takes its revenge on them and obscures their perceptions. This is the peculiar effect in the soul of the materialist: this spirit erects a barrier so that the human being cannot perceive the spiritual world; thus the materialist denies the spiritual world because the spirit of matter instills this denial in him. One can deny it, but one cannot escape it, and what is circulating in the world as materialism is in fact the inspiration of the [Ahrimanic] spirit. Goethe was right in having his Faust confront the mothers in such a way that Mephisto presents the spiritual realm as nothingness. But Faust says: “In your nothingness I hope to find the universe.” – The materialist should admit to himself that he belongs to a certain little group of people of whom Mephisto says:

Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.

This little crowd never senses the devil,
Even if he had them by the collar.

[ 14 ] Es ist eben der materielle Geist, den das Völkchen nicht spürt und der ihm den Materialismus eingibt. In solcher Weise zeigt sich uns, wenn man nur tief genug geht, wie der Materialismus sich aufhebt, indem er selbst ein Erzeugnis des Geistes ist.

[ 14 ] It is precisely this material spirit that the little people do not sense, and which instills materialism in them. In this way, if one only goes deep enough, it becomes clear to us how materialism negates itself, since it is itself a product of the spirit.

[ 15 ] Nehmen wir nun den Standpunkt des Idealisten. Er will nichts wissen vom Materialismus, er hat sich Vorstellungen und Empfindungen gebildet, die ihn nur in geistige Sphären führen. Einem solchen wird es gewiss nicht einfallen, das Gesagte auf sich anzuwenden, aber die Einseitigkeit des idealistischen Standpunktes zeigt sich gerade in diesen Punkten. Wenn der die Materie ablehnende Idealist die gestern angeführte Methode auf sich anwendet und Einlass gewinnt in die geistige Welt, tritt ihm dort seine Art des Vorstellens und Empfindens, seine ganze Gesinnung entgegen; er trägt sie in diese Welt hinein, und die Folge davon ist, dass dieser Mensch zwar eintreten kann in die geistige Welt, aber er sieht alles durch die Brille seiner Meinung, seiner Vorstellungen, und [er sieht], dass es in der geistigen Welt eine große Summe von solchen Wesenheiten gibt, die man dämonische Naturen nennt, die nicht in der äußeren Welt auftreten, sondern in der geistigen Welt leben – es sind Wesen mit einem zu geringen Gewicht für unsere Welt – und die den Menschen von der Welt ablenken, zu der er doch gehört, da er als Mensch in einem physischen Leibe geboren ist; so wird der Idealist, wenn er engherzig ist, sehr leicht hineingetrieben werden in gewisse Methoden in der Welt, die wir die dämonische[n] nennen. Er steht dort so fest, dass er, wenn er früher von der Materie sozusagen nichts verstand, sie jetzt flieht. Die Menschen kommen dann in alle möglichen falschen asketischen Richtungen hinein. Er will mit der Materie gar nichts mehr tun haben, und sein Irrtum führt ihn zu einer Entfremdung mit der Welt, zu der er doch gehört. Er verfällt in Einsamkeit.

[ 15 ] Let us now consider the idealist’s point of view. He wants nothing to do with materialism; he has formed ideas and sensations that lead him only into spiritual spheres. It would certainly not occur to such a person to apply what has been said to himself, but the one-sidedness of the idealistic point of view is precisely evident in these points. When the idealist, who rejects matter, applies the method mentioned yesterday to himself and gains entry into the spiritual world, he encounters there his own way of imagining and feeling, his entire mindset; he carries them into that world, and the consequence is that although this person can enter the spiritual world, he sees everything through the lens of his own opinions and conceptions, and [he sees] that in the spiritual world there is a great multitude of such beings—called demonic entities—who do not appear in the outer world but live in the spiritual world —they are beings whose substance is too insubstantial for our world—and who distract the human being from the world to which he nevertheless belongs, since he was born as a human being in a physical body; thus, if the idealist is narrow-minded, he will very easily be driven into certain practices in the world that we call demonic. He is so firmly entrenched there that, whereas he previously understood nothing of the material world, so to speak, he now flees from it. People then stray into all sorts of false ascetic paths. He wants nothing more to do with the material world, and his error leads him to an alienation from the world to which he nevertheless belongs. He falls into loneliness.

[ 16 ] Gerade an diesem Beispiel sehen wir, dass die Irrtümer auf geistigem Gebiet verhängnisvoller sind als auf sinnlichem Gebiet. In der sinnlichen Welt werden die Irrtümer korrigiert; auf geistigem Gebiet sind die Irrtümer so wie Wirklichkeiten, die uns entgegentreten, obwohl diese Wirklichkeiten selbst von uns hereingetragen werden. Wir können nicht hindurch. Alle Irrtümer [auf geistigem Gebiet] wirken auf unsere Persönlichkeit wie Wirklichkeiten. Auf sinnlichem Gebiet kann man von Irrtümern frei werden durch die Widerlegung; auf geistigen Gebieten gibt es keinen Weg als den Kampf, denn man muss das, was einem wie wirklich entgegentritt, bekämpfen. Auf dem Gebiet der Geistesforschung wird daher der Kampf nicht ein bloß logischer sein, sondern eine fortwährende geistige Arbeit, ein Ankämpfen gegen die Mächte des Irrtums, denn dort sind die Irrtumsmächte.

[ 16 ] This example in particular shows us that errors in the spiritual realm are more disastrous than those in the sensory realm. In the sensory world, errors are corrected; in the spiritual realm, errors are like realities that confront us, even though we ourselves bring these realities into being. We cannot get past them. All errors [in the spiritual realm] affect our personality as if they were realities. In the sensory realm, one can free oneself from errors through refutation; in the spiritual realm, there is no other way than struggle, for one must combat what confronts one as if it were real. In the field of spiritual research, therefore, the struggle will not be merely a logical one, but a continuous spiritual endeavor—a battle against the forces of error, for that is where the forces of error reside.

[ 17 ] Die Frage entsteht nun: Wie können wir den Weg finden, um in entsprechender Weise tüchtige Kämpfer gegen den Irrtum auf geistigem Gebiet zu werden? Wir können dies durch wahre Selbsterkenntnis! Wie kommen wir schon im [gewöhnlichen] Leben über die Einseitigkeiten des Materialismus, Spiritualismus, des Idealismus und Realismus hinaus? Dadurch, dass wir einmal im Leben den Entschluss fassen, nachzusehen, wie wir eigentlich zu unserer Meinung gekommen sind. Das ist ein schwerwiegender Entschluss – weniger schwer zu fassen als durchzuführen. Wenn wir in strenger Selbstschau unser Leben zurückverfolgen und uns fragen, wie wir zu der oder jener Denkungsrichtung gekommen, wenn wir prüfen, wodurch sich die Gesinnungen und Meinungen ergeben haben, dann setzen wir uns sozusagen selbst zusammen, dann kommt ein Zeitpunkt, wo es uns schwer werden kann, wo unser Gemüt großen Widerständen sich entgegengesetzt fühlt. Ob man nun Materialist oder Idealist gewesen [ist] oder auf einer anderen Meinung beharrte, die man für die einzig richtige hielt – dann fühlt man: Man hat diese Meinung nur erhalten durch sein eigenes Erleben. Dann kommt der Zeitpunkt, wo man erst fühlt, was Meinung, was Weltanschauungen eigentlich sind.

[ 17 ] The question now arises: How can we find the way to become effective fighters against error in the spiritual realm? We can do this through true self-knowledge! How do we transcend the one-sidedness of materialism, spiritualism, idealism, and realism even in our [ordinary] daily lives? By resolving, at least once in our lives, to examine how we actually arrived at our opinions. This is a serious decision—one that is easier to make than to carry out. When we trace our lives back through rigorous self-examination and ask ourselves how we arrived at this or that line of thought, when we examine the origins of our attitudes and opinions, we, so to speak, piece ourselves back together; then there comes a moment when it may become difficult for us, when our mind feels it is facing great resistance. Whether one has been a materialist or an idealist, or has held fast to some other opinion that one considered the only correct one—one then feels: One has arrived at this opinion solely through one’s own experience. Then comes the moment when one first senses what opinions and worldviews actually are.

[ 18 ] Solange man unbefangen mit der Welt verkehrt und seine Anschauungen mit sich führt, wird man gar nicht darauf aufmerksam, wie sehr man seine Meinung liebt; wenn man sich aber einmal zurückzieht von der Welt und einsieht, wie man Materialist, wie man Spiritualist geworden ist, dann kommt man darauf, sich zu sagen: Ja, im Grunde genommen, wenn du diese oder jene Gedanken nicht mehr hast, was bleibt von dir noch? Dann wirst du ja ganz leer? – Man fühlt, wie man Stück für Stück aus sich herausschneidet. Was dann kommt, ist jener furchtbare Moment des Lebens, wo man sich selbst so sich entschwinden sieht, wo man auf die Entstehung seiner Meinung den Blick lenkt. Niemand aber kann zu einer Weltanschauung kommen, der nicht Selbsterkenntnis übt. Dann hört man auf, auf seine Meinung zu pochen, dann versteht man erst den Spruch des alten Weisen Aristoteles:

[ 18 ] As long as one interacts with the world without prejudice and carries one’s views with oneself, one doesn’t even realize how much one loves one’s own opinions; but once one withdraws from the world and realizes how one has become a materialist or a spiritualist, then one finds oneself saying: “Yes, when it comes down to it, if you no longer have this or that thought, what remains of you? Then you’ll be completely empty, won’t you?”—You feel as if you are cutting yourself away piece by piece. What follows is that dreadful moment in life when you see yourself fading away, when you turn your gaze to the origins of your opinion. But no one can arrive at a worldview without practicing self-knowledge. Only then do you stop insisting on your own opinion, and only then do you truly understand the saying of the ancient sage Aristotle:

Nur derjenige kann die Wahrheit erkennen, der da aufgehört hat, die eigene Meinung zu lieben.

Only those who have stopped loving their own opinions can recognize the truth.

[ 19 ] Dann fängt man erst recht an, seine Meinung zu lieben, wenn man sie verlassen muss, wie man auch bei einem Wesen die Liebe dann erst recht fühlt, wenn man es verliert. In dem Augenblick, wo man den Ursprung seiner Meinung erkennt und lernt, sie aufzugeben, dann liebt man sie erst. Das ist das, was unser Gemüt erlebt.

[ 19 ] One begins to love one’s opinion all the more when one must abandon it, just as one feels love for a person all the more when one loses them. The moment you recognize the origin of your opinion and learn to let it go, that is when you truly love it. That is what our mind experiences.

[ 20 ] Wenn man nun dazu kommt, sich erst zu sagen, die vielen Standpunkte sind berechtigt, dann fühlt man eine Weile, wie wenn man zwischen den verschiedenen Standpunkten in der Luft schwebe und ohne Boden dastünde mit seinem Seelendasein in der Welt. Das übt Selbsterkenntnis aus, wenn man sie als Lebensweisheit betrachtet, ohne die Schwelle zu übertreten. Aber es führt ein gerader Weg von dieser Selbsterkenntnis, wenn sie energisch durchgeführt wird, wirklich in die Welt hinein, auf die gestern aufmerksam gemacht wurde. Denn derjenige, dem nicht ein Spiel mit Begriffen bleibt, was beschrieben worden ist, der es innerlich erlebt, mit innerlichem Schmerz, derjenige, der das mit aller Energie erlebt, der Wärme hat für das, was in der Welt geschieht, wer nicht kalt der Welt gegenüberstehen kann, ein solcher Mensch, der wird gerade in dieser Selbstschau eine von den Meditationen erleben, auf die gestern hingewiesen worden ist. Denn solch eine Selbstschau ist eine wichtige Art von Meditation. Wenn sie oft angestellt wird, dann tritt vor uns etwas auf, das so geartet ist wie die Imagination, die gestern gezeigt wurde, aber [eine] solche Imagination, die sich auf uns selbst bezieht. Und was dann auftritt als eine Folge der Selbstschau des gewöhnlichen Lebens, wenn man die Selbstschau so weit bringt —, was dann da auftritt, ist: Man sieht, wie man ist im eigenen Wesen. Vorher hat man nur seine Meinung gekannt, jetzt sieht man, wie weit man jeden Teil der Seele, der unter dem bewussten Leben liegt, der von Leben zu Leben geht – wie weit man ihn im jetzigen Leben gebracht hat.

[ 20 ] When one finally comes to tell oneself that the many points of view are all valid, one feels for a while as if one were floating in the air between the various points of view, standing without a foundation, with one’s spiritual existence in the world. This cultivates self-knowledge when viewed as a wisdom of life, without crossing the threshold. But a direct path leads from this self-knowledge—when it is energetically pursued—truly into the world that was brought to our attention yesterday. For the person for whom what has been described is not merely a play on concepts—the one who experiences it inwardly, with inner pain; the one who experiences it with all their energy; the one who feels warmth for what happens in the world; the one who cannot remain cold toward the world—such a person will experience, precisely in this self-reflection, one of the meditations referred to yesterday. For such self-observation is an important form of meditation. When it is practiced frequently, something emerges before us that is similar in nature to the imagination demonstrated yesterday, but an imagination that relates to ourselves. And what then emerges as a consequence of self-observation in ordinary life—when one takes this self-observation to that extent—what then emerges is: One sees oneself as one truly is in one’s own being. Previously, one knew only one’s own opinion; now one sees how far one has brought every part of the soul that lies beneath conscious life—the part that passes from life to life—in this present life.

[ 21 ] Das ergibt sich dann aus der geistigen Welt selbst heraus. Da kommt man darauf, was man als Mensch eigentlich ist; darauf ist man im gewöhnlichen Leben nie gekommen. Wir beschäftigen uns nur schr selten mit uns selbst, wenn wir aber in uns hinuntersteigen, dann treten wir geistig vor uns selbst hin. Diese Selbsterkenntnis ist das, was wir genannt haben «die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle». Denn das, was in dem Teil der Seele ruht, der von Leben zu Leben geht, das zeigt sich nicht im gewöhnlichen Leben, und solange es sich nicht zeigt, können wir nicht in die geistige Welt hinein. Im gewöhnlichen Leben verhüllt uns unsere eigene Natur die geistige Welt; im Augenblick, wo wir in die geistige Welt eintreten wollen, müssen wir die genannte Begegnung mit dem Hüter der Schwelle haben, müssen unserer eigenen Wesenheit objektiv entgegentreten, der wir nun in einem wiedergeborenen Sein gegenüberstehen.

[ 21 ] This then emerges from the spiritual world itself. There one comes to realize what one actually is as a human being; this is something one has never realized in ordinary life. We rarely concern ourselves with ourselves, but when we descend into our inner being, we step forward spiritually before ourselves. This self-knowledge is what we have called “the encounter with the Keeper of the Threshold.” For that which rests in the part of the soul that passes from life to life does not reveal itself in ordinary life, and as long as it does not reveal itself, we cannot enter the spiritual world. In ordinary life, our own nature veils the spiritual world from us; the moment we wish to enter the spiritual world, we must have this encounter with the Keeper of the Threshold, and we must objectively confront our own being, which we now face in a reborn existence.

[ 22 ] Da kommen wir dazu, die Tiefe unseres eigenen Wesens, die uns im Leben erspart blieb, zu schauen, und man darf sagen: Wohltätig ist diese Welteinrichtung, dass dieser Hüter der Schwelle sich verbirgt für das gewöhnliche Leben, denn Sie können sich leicht denken, dass der Mensch nicht immer stark genug ist, dasjenige, was er am meisten lieben muss, aufzugeben; Furcht und Schrecken vor sich selbst sozusagen würde den Menschen, der nicht vorbereitet und reif ist für die wahre Selbstschau, befallen in einem Maße, die sein inneres Seelenleben in Ungleichmäßigkeit bringen müsste. Daher verläuft alle wirkliche Schulung zu dem Weg in die geistige Welt hinein so, dass der Schüler vor der Begegnung mit dem «Hüter der Schwelle» reif gemacht wird dazu. Dass man das ausspricht, was soeben ausgesprochen wurde, kann niemals in Furcht versetzen. Erst wenn man die eigene Wesenheit vor sich hat, fühlt man, dass sie dasjenige ist, was einen hindern würde, wenn man sie nicht neben sich hätte und anschauen würde, jemals in die geistige Welt in Wahrheit einzutreten. Wahr sehen wir die geistige Welt erst dann, wenn wir diesen Hüter der Schwelle aus uns gestellt haben, wenn wir ihn betrachten als eine andere Wesenheit, das heißt wiedergeboren sind; dann können wir erst beurteilen, wie das, was wir bisher waren, die Quelle aller Irrtümer ist.

[ 22 ] This brings us to the point where we can glimpse the depths of our own being—which life has spared us from seeing—and one might say: It is a blessing that this guardian of the threshold remains hidden from ordinary life, for you can easily imagine that human beings are not always strong enough to give up that which they must love most; Fear and dread of oneself, so to speak, would overwhelm a person who is not prepared and mature enough for true self-observation to such an extent that it would throw their inner spiritual life into turmoil. Therefore, all genuine training leading to the path into the spiritual world proceeds in such a way that the student is brought to maturity before encountering the “Keeper of the Threshold.” To speak what has just been said can never instill fear. Only when one has one’s own being before one does one feel that it is precisely what would prevent one—if one did not have it beside oneself and look upon it—from ever truly entering the spiritual world. We truly see the spiritual world only when we have cast this Keeper of the Threshold out of ourselves, when we regard him as another being—that is, when we have been reborn; only then can we judge how what we have been up to now is the source of all errors.

[ 23 ] Dann tritt die große, gewaltige Tatsache vor uns auf, die sich in die Frage formulieren lässt: Woher stammen die Irrtümer der Geistesforschung? Sie stammen von dem, was wir persönlich sind; das ist vermischt mit Wahrheit und Irrtum. Wir können diese erst sondern, wenn wir uns objektiv betrachten können. Erst wenn wir in der Welt, in die wir hineinschauen, uns selbst drinnen haben, dann finden wir den Weg, um die Irrtumsmächte zu bekämpfen. Da liegt aber noch eine Schwierigkeit vor, denn das Gefühl, dem Nichts gegenüberzustehen, erhöht sich dann noch, wenn man in die geistige Welt hineintritt. Solange man in irgendeiner Weise mit der äußeren Welt zusammenhängt, so lange ist immer wieder diese äußere Welt die Ursache, dass man noch zu stark seine Eigenheit liebt. Dann aber, wenn man vor sich sieht, wenn diese Eigenheit etwas wie ein Ding der Außenwelt geworden, dann tritt die arge Versuchung an uns heran, dass wir von einer unendlichen Liebe ergriffen werden zu unserem Selbst – und nie ist der Geistesforscher mehr in Gefahr, in Irrtum zu fallen, als jetzt. Daher gehört aller Mut dazu, von diesem Augenblick an alle Selbstliebe aus dem Herzen zu reißen; man muss sie aus dem Herzen reißen, wenn man Irrtümer bekämpfen will.

[ 23 ] Then the great, overwhelming fact presents itself to us, which can be formulated as the question: Where do the errors of spiritual research come from? They stem from what we personally are; that is a mixture of truth and error. We can separate these only when we are able to view ourselves objectively. Only when we find ourselves within the world we are observing do we find the way to combat the forces of error. But there is still a difficulty here, for the feeling of facing nothingness intensifies even further when one enters the spiritual world. As long as one is connected in any way to the outer world, that outer world will always be the reason why one still loves one’s own individuality too strongly. But then, when one sees it before oneself—when this sense of self has become something like an object in the external world—a grave temptation approaches us: we are seized by an infinite love for our own self—and never is the spiritual researcher in greater danger of falling into error than at this moment. Therefore, it takes all one’s courage to tear all self-love from the heart from this moment on; one must tear it from the heart if one wishes to combat errors.

[ 24 ] So können wir sagen, dass im Grunde genommen der moralische Mut das Ausschlaggebende ist auf einer gewissen Stufe der geistigen Erkenntnis, wenn es über die Irrtümer herausgeht, und dann sehen wir es, wie es möglich wird, die Irrtümer zu bekämpfen, wenn wir die Quelle der Irrtümer, unser persönliches Selbst, vor uns hinstellen fühlen. Wenn wir dies können, dann werden wir auch einen gesunden Blick wiederum zurückwenden können in das gewöhnliche Leben; dann werden wir finden, dass sowohl jene dämonischen Mächte wie jene ahrimanischen Mächte, welche den Materialismus inspirieren, und auch die schwärmerischen Mächte, dass alle diese geistigen Mächte und geistigen Wesenheiten die Offenbarungen der geistigen Welt sind. Wir stehen dann erst der vollen Wirklichkeit gegenüber. Dann erst gewinnen wir ein gesundes Urteil über diejenigen, welche in Irrtümer der Geisteswissenschaft verfallen, dass sie im geschichtlichen Verlauf der menschlichen Entwicklung nicht an wirklich geistige Mächte – Kräfte – glauben wollen, sondern reden von Ideen, welche den Lauf der Geschichte lenken.

[ 24 ] Thus we can say that, fundamentally, moral courage is the decisive factor at a certain stage of spiritual insight, when we rise above errors; and then we see how it becomes possible to combat these errors when we feel we have placed the source of the errors—our personal self—before us. If we can do this, then we will also be able to turn our healthy gaze back toward ordinary life; then we will find that both those demonic forces and those Ahrimanic forces that inspire materialism, as well as the fanatical forces—that all these spiritual forces and spiritual beings are manifestations of the spiritual world. Only then do we face the full reality. Only then do we gain a sound judgment regarding those who fall into errors in spiritual science—those who, in the historical course of human development, do not wish to believe in truly spiritual powers, but speak of ideas that guide the course of history.

[ 25 ] Im neunzehnten Jahrhundert sind Geschichtsforscher aufgetreten, die von Ideen in der Geschichte reden. Derjenige, der den Sachverhalt auf diesem Gebiete durchschaut, weiß, dass Ideen zwar im Menschen leben, zum Begreifen, dass sie aber nicht wirken können. Diese Ideen können in der Geschichte ebenso wenig wirken, als ein gemalter Maler ein Bild malen kann. Und wenn in unserem Zeitalter eine Anschauung auftritt, die verflüchtigen will eine solche Macht wie das Christuswesen, die da sagt, es könne abgesehen werden von einem historischen, einem persönlichen Christus, man könne glauben, dass einmal die Idee des Christus aufgetreten sei, so steht ebendiese Anschauung auf dem Standpunkt, dass Ideen wirken können, dass Ideen nicht bloß der Ausdruck sind für reale Wesenheiten. Dann aber erst wird einem das wirkliche Leben verständlich, wenn man wieder dahinterstehende geistige Mächte anerkennt.

[ 25 ] In the nineteenth century, historians emerged who spoke of “ideas” in history. Anyone who understands the facts in this area knows that while ideas do indeed live within human beings, they cannot act on their own. These ideas can have no effect in history any more than a painted painter can paint a picture. And when a view emerges in our age that seeks to dispel a power such as the Christ being—a view that claims one can dispense with a historical, personal Christ and believe instead that the idea of Christ once appeared—this very view is based on the assumption that ideas can have an effect, that ideas are not merely the expression of real entities. But only then does real life become understandable—when one once again acknowledges the spiritual powers that lie behind it.

[ 26 ] Wenn man sich auf eine solche Weltanschauung einlässt, braucht man nicht selbst Geistesforscher zu sein, um zu sehen, ob seine Lehren Wahrheit sind. Der Mensch muss die Selbsterkenntnis durchmachen, zur Sicherung, zur Erhöhung seines Lebens. Das gilt durchaus, dass, wenn der Geistesforscher das, was er erforscht hat, in menschliche Ideen formt und bildet, dass dann jeder, der nur unbefangen genug ist, diese Bilder verstehen kann. Und deshalb muss durchaus betont werden, dass der richtige Weg des Zuhörers zum Geistesforscher nicht der ist, sich gläubig der Autorität des Geistesforschers hinzugeben, sondern das richtige Verhältnis des Zuhörers zum Bekenner ist das, welches hervorgeht aus der freien Beurteilung des Zuhörers. Der Geistesforscher kann selbst nur zu einem richtigen Urteil über das, was er schaut, kommen, wenn er seinen gesunden Menschenverstand, sein gesundes Denken, anwendet und wenn dieses Denken moralisch und intellektuell gesund ist. Damit stehen wir aber auf dem Punkt, wo wir nicht nur von den Irrtümern selbst sprechen können, sondern auch von den Irrtümern, die sich bei der Verbreitung der Geistesforschungen ergeben, und die sind sehr wichtig. Nicht einzelne Irrtümer können angegeben werden und ihre Vermeidung, sondern es kann nur gesagt werden, dass, wer immer gewissenhafter und gewissenhafter zur wahren Geistesforschung vordringt, der die Irrtümer vermeidet, die überall lauern. Wir werden den Irrtum bekämpfen, wenn wir uns selbst erkennen. Irrtümer ergeben sich auch, wenn nicht das richtige Verhältnis besteht zwischen denen, die Bekenner sind, und dem Geistesforscher selbst. Da haben wir ja auch heute alle möglichen Standpunkte. Eine große Zahl unserer Zeitgenossen lehnt alles ab, was von der Geistesforschung kommt. Der Geistesforscher kann solche Standpunkte verstehen. Deshalb findet er so viel Gegnerschaft, weil Geistesforschung etwas ist, was sich neu hineinstellt in unsere Kultur und worauf das Denken noch nicht eingestellt ist. Das ist die eine Art, wie heute der Geistesforschung begegnet wird. Eine Anzahl von diesen Menschen kommen allerdings, wenn sie einsehen die Irrtümer des Materialismus und nähern sich allmählich den Ergebnissen der Geistesforschung. Anders ist es bei den Bekennern. Ebenso viel wie Kritik [Lücke in der Mitschrift] der Geistesforscher erlebt sie auf der anderen Seite an falscher Bekennerschaft, die Autorität anerkennt und nicht sieht, dass alles geprüft werden kann. Vor einer genauen Prüfung schreckt der Geistesforscher nicht zurück, nur vor derjenigen Prüfung, die hervorgeht aus halber Wissenschaftlichkeit, aber nicht Genauigkeit. Es ist der richtige Standpunkt, das zu nehmen, was der Geistesforscher bietet, sich anregen zu lassen und dann durch den Verstand zu prüfen, durch den es prüfbar ist. – Aber neben den ablehnenden Menschen gibt es viele, die es bequemer finden, statt zu prüfen einfach zu glauben. Und von diesen Menschen geht ja die Art von Bekennerschaft aus, die vor allen Dingen zu Irrtum über Irrtum bei der Verbreitung der Geistesforschung führt. Weil man nicht prüft, sondern hinnimmt das, was der Geistesforscher gibt, so gilt der Geistesforscher einem solchen gläubigen Bekenner als so etwas wie ein höheres Tier. Weil er hineinschaut in die geistige Welt, gilt er als ein höheres Wesen.

[ 26 ] If one embraces such a worldview, one does not need to be a spiritual researcher oneself to see whether its teachings are true. A person must undergo the process of self-knowledge to secure and elevate their life. It is certainly true that when the spiritual researcher shapes and forms what they have investigated into human ideas, then anyone who is open-minded enough can understand these images. And that is why it must be emphatically stated that the listener’s proper approach to the spiritual researcher is not to submit credulously to the spiritual researcher’s authority; rather, the listener’s proper relationship to the spiritual researcher is one that arises from the listener’s free judgment. The spiritual researcher himself can only arrive at a correct judgment of what he observes if he applies his common sense and sound thinking, and if this thinking is morally and intellectually sound. This brings us, however, to the point where we can speak not only of the errors themselves but also of the errors that arise in the dissemination of spiritual research, and these are very important. It is not possible to point out individual errors and how to avoid them; rather, it can only be said that whoever advances more and more conscientiously toward true spiritual research will avoid the errors that lurk everywhere. We will combat error when we come to know ourselves. Errors also arise when there is not the proper relationship between those who profess to believe in it and the spiritual researcher himself. After all, we have all manner of viewpoints on this today. A large number of our contemporaries reject everything that comes from spiritual research. The spiritual researcher can understand such viewpoints. That is why he encounters so much opposition: because spiritual research is something new in our culture, and our thinking has not yet adjusted to it. That is one way spiritual research is met today. A number of these people, however, come around once they recognize the errors of materialism and gradually draw closer to the findings of spiritual research. The situation is different with the professed adherents. Just as much as the spiritual researcher experiences criticism [gap in the transcript], they also encounter false adherence on the other side—people who acknowledge authority but fail to see that everything can be examined. The spiritual researcher does not shy away from a thorough examination, only from that which arises from a half-hearted scientific approach rather than precision. The correct approach is to take what the spiritual researcher offers, allow oneself to be inspired, and then examine it through reason, by means of which it can be tested. — But alongside those who reject it, there are many who find it more convenient simply to believe rather than to examine. And it is from these people that the kind of blind adherence arises which, above all, leads to error upon error in the dissemination of spiritual research. Because they do not examine but simply accept what the spiritual researcher provides, the spiritual researcher is regarded by such a devout adherent as something like a higher animal. Because he looks into the spiritual world, he is regarded as a higher being.

[ 27 ] Richtig denkt man, wenn man [einen] solchen Geistesforscher nicht als ein besonderes Wesen ansieht. Der Wert eines Geistesforschers hängt nicht davon ab, dass er in eine geistige Welt hineinschauen kann, sondern von seiner moralischen und intellektuellen Qualität. Das ist sozusagen ein Gebiet rein menschlichen Forschens, weil seine Ergebnisse zusammenhängen mit allen Hoffnungen und Sehnsuchten des Menschen, und wie man nicht höher gilt, weil man mathematische oder geometrische Wissenschaft betreibt, so sollte man nicht höher gelten, weil man Geistesforscher ist. Wenn man hineinschaut in die geistige Welt, braucht man noch kein Urteil zu haben über das Geschaute, man kann hineinschauen und vieles sehen und den größten Unsinn und die größten Irrtümer aus dieser Welt heraus erzählen. Erst dann, wenn man sozusagen den Geistesforscher als nichts anderes betrachtet als ein Instrument, durch das die geistigen Wahrheiten hereinströmen in die Welt, und dann selbst prüft, erst dann hat man das richtige Bekenner-Verhältnis zu der geistigen Welt. Wie könnten sich sonst so leicht Scharlatane neben die wirklichen Geistesforscher hinstellen? Aber wer nicht prüfen will, kann auch nicht unterscheiden zwischen dem, was auf gewissenhafte Weise gewonnen worden ist, und dem, was auf falschem Wege, ja schwindelhaftem Wege gewonnen worden ist.

[ 27 ] One is correct in not viewing [such] a spiritual researcher as a special being. The value of a spiritual researcher does not depend on their ability to glimpse into the spiritual world, but on their moral and intellectual qualities. This is, so to speak, a field of purely human inquiry, because its findings are connected to all of humanity’s hopes and longings; and just as one is not held in higher esteem for practicing mathematics or geometry, so one should not be held in higher esteem for being a spiritual researcher. When one looks into the spiritual world, one need not yet have a judgment about what one has seen; one can look in and see many things and recount the greatest nonsense and the greatest errors from that world. Only when one regards the spiritual researcher, so to speak, as nothing other than an instrument through which spiritual truths flow into the world—and then examines them for oneself—only then does one have the proper, committed relationship to the spiritual world. How else could charlatans so easily stand alongside genuine spiritual researchers? But those who are unwilling to examine cannot distinguish between what has been gained conscientiously and what has been gained by false means—indeed, by fraudulent means.

[ 28 ] Der Geistesforscher kann sich vor seinem Bekenner nur dadurch retten, dass er nicht verführt wird, zu sicher zu werden durch den Glauben, den man ihm entgegenbringt. Es gibt Naturen, die, wenn sie sehen, dass sie als etwas Besonderes angesehen werden, alles Mögliche mitteilen, was nur auf falschem Wege gewonnen worden ist. Deshalb machen sich Scharlatanerie und Humbug oft [nicht] unterscheidbar. Und viel weniger schädlich in Bezug auf die Verbreitung der Geistesforschung sind die kritischen Gegner, solange sie nicht von ihrer Sehnsucht getrieben sind, als die blind gläubigen Anhänger. Auf keinem Gebiet ist Autoritätsglaube schlimmer und schädlicher als auf dem Gebiet der Geistesforschung, und auf keinem Gebiet ist dieser Glaube so zu Hause. Eine gesunde Verbreitung von Geistesforschung und Geisteswissenschaft in unserer Zeit, die innerhalb dessen, was sie verbreitet, Irrtümer vermeiden will, muss vor allen Dingen darauf bedacht sein, Autoritätsglaube auszuschalten von aller Verbreitung der Geisteswissenschaft.

[ 28 ] The spiritual researcher can protect himself from his followers only by not allowing himself to be lured into becoming overconfident because of the faith others place in him. There are people who, when they see that they are regarded as something special, will reveal all sorts of things that have been obtained through false means. That is why charlatanism and humbug are often [indistinguishable]. And far less harmful to the spread of spiritual research are the critical opponents—as long as they are not driven by their own longing—than the blindly faithful followers. In no field is blind faith in authority worse or more harmful than in the field of spiritual research, and in no field is this faith so deeply entrenched. A healthy dissemination of spiritual research and spiritual science in our time—one that seeks to avoid errors in what it disseminates—must, above all, be committed to eliminating blind faith in authority from all dissemination of spiritual science.

[ 29 ] Von diesem Ideal sind wir allerdings in vieler Beziehung noch weit entfernt durch die Bequemlichkeit der Vielen, weil sie nicht mehr prüfen, ob das auch berechtigt ist, was der Geistesforscher sagt. Wenn ihnen das Gebotene gefällt, so nehmen sie es auf blinden Autoritätsglauben hin an. Immer ist es möglich, anzuwenden den gesunden Verstand auf das, das dargestellt wird in der Geisteswissenschaft, und wenn man sieht, dass der Geistesforscher bemüht ist, die Resultate seiner Forschungen in so streng von [Lücke in der Mitschrift] Bilder zu legen, wenn er nicht auf der einen Seite zur Schwärmerei, auf der anderen Seite zur Leichtfertigkeit hinneigt, sondern wenn man sieht, wie er alle Dinge der Geistesforschung in derselben logischen Weise behandelt wie die äußeren Dinge, erst dann ist er ein wahrer Geistesforscher. Dann, wenn er auf solchem Wege immer mehr und mehr Seelen der Gegenwart und der Zukunft der Geistesforschung sich zuneigen [sieht], dann kann der Einwand nicht erhoben werden, dass etwa [jelder gleich ein Geistesforscher sein müsste. Wie nicht jeder ein Botaniker zu werden braucht, um die botanischen Forschungen zu verstehen, so braucht auch nicht jeder Geistesforscher zu werden — obgleich es jeder Mensch werden kann.

[ 29 ] However, in many respects we are still far from this ideal due to the complacency of the many, because they no longer examine whether what the spiritual researcher says is actually justified. If they like what is presented to them, they accept it out of blind faith in authority. It is always possible to apply common sense to what is presented in spiritual science, and if one sees that the spiritual researcher strives to present the results of his research in such strictly [gap in the transcript]—if he does not tend toward fanaticism on the one hand or frivolity on the other—but when one sees how he treats all matters of spiritual science in the same logical manner as external matters, only then is he a true spiritual scientist. Then, when he sees more and more souls of the present and the future turning toward spiritual research in this way, then the objection cannot be raised that, for example, [everyone must be a spiritual researcher. Just as not everyone needs to become a botanist to understand botanical research, so too does not everyone need to become a spiritual researcher—although every human being can become one.

[ 30 ] Immer mehr und mehr aber müssen sich die Ideen der Geistesforschung verbreiten, weil wir in einer Zeit leben, in der die Seelen sich sehnen nach dem, was nur die Geisteswissenschaft geben kann. Ihre Tatsachen sind das, wonach die Seelen schon heute Verlangen tragen und immer mehr Verlangen tragen werden. Der, der den Geist der Zeit begreifen kann, der weiß, dass überall gewisse Bedürfnisse der Seele nur befriedigt werden können, wenn Geisteswissenschaft den Weg findet zu den Herzen und zu den Seelen. Da die Zeit aber schon selbst dafür sorgen wird, dass genügend Geistesforscher da sein werden, und da man nur logischen Verstand und Wahrheitsgefühl braucht, [um die Ergebnisse der Geistesforschung einzusehen], so wird man durch diese Geistesforscher den Weg finden, der einem die Perspektive eröffnet – jedem Menschen – in die geistigen Welten hinein, jene geistige Welt, aus der dem Menschen kommen kann Sicherheit, Freudigkeit, Hoffnung für das Leben, in dem er ist, und das, das sich eröffnet, wenn die Pforte des Todes sich schließt. Jene Sicherheit, die gerade mit dem Heranentwickeln der Weisheit sich gegen das Alter zu entwickeln kann, wenn unser Leib abwelkt, um sich vorzubereiten, durch ein geistiges Dasein zu gehen, um wiederzukommen auf diese Erde, um seine Arbeit fortzusetzen — das Sichere, das Gewisse werden diese Seelen, diese Persönlichkeiten finden in der geistigen Welt.

[ 30 ] The ideas of spiritual science must spread more and more, because we live in a time when souls yearn for what only spiritual science can provide. Its truths are what souls already long for today and will long for more and more. Anyone who can grasp the spirit of the times knows that certain needs of the soul can be satisfied only when spiritual science finds its way into hearts and souls. But since time itself will ensure that there will be enough spiritual researchers, and since one needs only logical understanding and a sense of truth [to comprehend the findings of spiritual research], then through these spiritual researchers, one will find the path that opens up a perspective—for every human being—into the spiritual worlds, that spiritual world from which a person can draw security, joy, and hope for the life in which they live, and for the life that unfolds when the gate of death closes. That sense of security, which can develop precisely as wisdom grows in old age—when our body withers away—in order to prepare to pass through a spiritual existence, to return to this earth, and to continue one’s work—that sense of security and certainty these souls, these personalities, will find in the spiritual world.

[ 31 ] Es wird sich diese Perspektive für immer mehr und mehr Seelen der Gegenwart und Zukunft ergeben: die Möglichkeit, hineinzuschauen in diese geistige Welt. Und eine Zeit wird kommen, wo wahrhaftig jeder einzelne Mensch, nicht nur der Geistesforscher, so dastehen wird, dass [er] gegenüber allem Leugnen der geistigen Welt einen sehr einfachen Standpunkt einnehmen wird. So groß werden diese Menschen werden, wenn die Wucht der Gründe der Geistesforschung [für dieselbe immer größer werden wird]. Da werden solche sicher gewordene Seelen sich etwa verhalten gegenüber den Leugnern der geistigen Welt, wie sich Goethe einmal verhalten hat, als vor seine Seele trat jene Philosophie, die aus dem Griechentum heraus kam, die nicht mit den Gesetzen der Bewegung zurechtkommen konnte. Man sagte, es gebe keine Bewegung, die sei nur scheinbar, wenn ein Körper sich bewege, so ruhe doch eigentlich in jedem Augenblick der Körper; Bewegung sei aber doch nicht aus Ruhen zusammengesetzt, folglich gäbe es keine Bewegung. Es gab eine solche philosophische Schule! Goethe, als er von dieser Philosophie hörte, sagte da zumal:

[ 31 ] This perspective will open up for more and more souls of the present and the future: the opportunity to glimpse into this spiritual world. And a time will come when truly every single person—not just the spiritual researcher—will find themselves in a position where they will take a very simple stance against any denial of the spiritual world. These people will grow so great as the force of spiritual research’s arguments [in favor of it] continues to increase. Such souls, now firmly grounded, will behave toward the deniers of the spiritual world much as Goethe once did when that philosophy—which emerged from Greek culture and could not come to terms with the laws of motion—presented itself to his soul. It was said that there was no such thing as motion—that it was only an illusion; that when a body moved, it was actually at rest at every moment; but since motion was not composed of moments of rest, consequently there was no motion at all. Such a philosophical school actually existed! When Goethe heard of this philosophy, he said in particular: “/p”

Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas’ herum.

You may spot something hostile,
Stay calm, remain silent;
And if they deny you the freedom to move,
Go right under their noses.

[ 32 ] Da beweist sich die Bewegung durch den Augenschein, wenn man ihnen vor der Nase herumgeht.

[ 32 ] That is how the movement becomes evident to the eye when one walks right in front of them.

[ 33 ] Wenn man sich ein wenig vertiefen könnte, in die Sicherheit der Seelen, die da kommen müssen, welche die Wucht der geisteswissenschaftlichen Beweise allmählich empfinden werden, solche Seelen werden dann den Leugnern des Geistes ebenso sicher entgegentreten wie Goethe den Leugnern der Bewegung – solche Seelen werden dann vielleicht sagen gegenüber denen, die verachten, als Torheit betrachten die Wissenschaft vom Geiste, diese sicheren Seelen werden dann vielleicht sagen:

[ 33 ] If one could delve a little deeper into the certainty of the souls who are bound to come—those who will gradually come to feel the force of the evidence provided by spiritual science— such souls will then confront the deniers of the spirit just as surely as Goethe confronted the deniers of motion—such souls will then perhaps say to those who despise and regard the science of the spirit as folly; these confident souls will then perhaps say:

Es mag sich Feindliches ereignen,
Du aber bleibe ruhig, bleibe heiter,
Und wenn sie dir den Geist verleugnen,
o grüble du nicht weiter.
Ja, gib ihnen am Ende gar noch recht,
s steht mit ihrem Geiste eben schlecht.

Hostile events may occur,
but you, remain calm, remain cheerful,
and if they deny your spirit,
oh, do not dwell on it.
Yes, in the end, even agree with them,
for their spirit is indeed in a sorry state.

Fragenbeantwortung

Question and Answer

Frage: Ist sich die Seele des Verstorbenen des eben beschlossenen Lebens bewusst?

Question: Is the soul of the deceased aware of the life that has just come to an end?

[ 34 ] Rudolf Steiner: In der «Geheimwissenschaft» ist die Art des Bewusstseins zu charakterisieren versucht worden. Wer sich informieren will, muss die dort gegebene Darstellung auf sich wirken lassen. [Man kann die Frage] mit [einem] absoluten «Ja» beantworten, aber dieses «Ja» [ist] erst [zu] erklären, und das [ist] nur durch ausführliche Darstellung [möglich].

[ 34 ] Rudolf Steiner: In *The Secret Science*, an attempt has been made to characterize the nature of consciousness. Anyone who wishes to learn more must allow the description provided there to sink in. [One can answer the question] with [an] unequivocal “yes,” but this “yes” [must] first [be] explained, and that [is] only [possible] through a detailed exposition.

Frage: Warum sind immer neue Verkörperungen nötig, also warum gibt es nie eine Ruhe?

Question: Why are new incarnations always necessary—in other words, why is there never any peace?

[ 35 ] Rudolf Steiner: Der Frage liegt zugrunde, dass der Fragesteller eine Ruhe, wie sie hier gemeint wird, vielleicht als etwas Wünschenswertes ansieht. Was kann mit dem Begriff der Ruhe hier gemeint sein? Ruhe, die die Ruhe des Todes ist oder irgendeine andere Art des Verhaltens? Es ist nicht herauszubekommen, was hier mit der Ruhe gemeint ist. Bei einem Vortrag können natürlich nicht alle Weltenrätsel gelöst werden, und viele Dinge müssen unbesprochen bleiben. Die Verkörperungen gehen natürlich nicht ununterbrochen fort von Ewigkeit zu Ewigkeit; sie haben einmal einen Anfang genommen, aus rein geistigem Dasein, und am Ende der Erde werden wir in einem anderen geistigen Zustand sein, nicht mehr zum Erdendasein zurückkehren. Aber in der Zwischenzeit müssen wir Verkörperungen durchmachen. Die wiederholten Erdenleben sind schon notwendig, weil der Mensch nur dadurch dem allseitigen Ausbilden und der Entwicklung des in ihm Liegenden sich nähern kann [und] sich seinem Ziel in auf- und absteigender Wellenlinie nähert. Das ist eben der Lauf der Erdenentwicklung; die Erde bleibt sich niemals gleich nach einer gewissen Anzahl von Jahrhunderten; man bedenke, was sich alles geändert hat, nicht nur in der Kultur, seit der Begründung des Christentums! Man erlebt ja große Zwischenräume, nicht kurze, zwischen zwei aufeinanderfolgenden Erdenleben. Die Seele ist deshalb in der Lage, immer Neues zu erfahren.

[ 35 ] Rudolf Steiner: The question is based on the assumption that the questioner perhaps regards “calm,” as it is meant here, as something desirable. What could be meant by the concept of “peace” here? Peace in the sense of the stillness of death, or some other kind of state? It is impossible to determine exactly what is meant by “peace” in this context. Of course, not all the mysteries of the universe can be solved in a single lecture, and many things must remain undiscussed. Incarnations, of course, do not continue uninterrupted from eternity to eternity; they once began from a purely spiritual existence, and at the end of the Earth we will be in a different spiritual state, no longer returning to earthly existence. But in the meantime, we must go through incarnations. Repeated earthly lives are necessary precisely because only through them can human beings draw nearer to the all-encompassing formation and development of what lies within them [and] approach their goal in an ascending and descending wave-like pattern. This is precisely the course of Earth’s development; the Earth never remains the same after a certain number of centuries; just consider how much has changed—not only in culture—since the founding of Christianity! One experiences great intervals, not short ones, between two successive Earth lives. The soul is therefore able to experience something new each time.

Frage: In welcher Inkarnation werden wir am Jüngsten Tag auferstehen, in der ersten oder in der letzten?

Question: In which incarnation will we be resurrected on Judgment Day—the first or the last?

[ 36 ] Rudolf Steiner: Die Inkarnation ist nichts Festes, man muss sich klar werden, wie hier das Wort «Inkarnation» gemeint ist: wie «Auferstehung» gemeint ist. Man muss erst die Paulinische Lehre vom geistigen Leib verstehen. Das hat alles überhaupt nichts zu tun mit dem physischen Leib. Dann erst kann eine Antwort auf diese Frage gegeben werden.

[ 36 ] Rudolf Steiner: Incarnation is not a fixed concept; one must clarify how the word “incarnation” is meant here—just as one must clarify how “resurrection” is meant. One must first understand the Pauline doctrine of the spiritual body. This has absolutely nothing to do with the physical body. Only then can an answer to this question be given.

Frage: Was träumt nachts, die Seele oder das Gehirn?

Question: What dreams at night—the soul or the brain?

[ 37 ] Rudolf Steiner: Das ist leicht zu beantworten durch das, was gestern gesagt wurde. Die Seele ist im Schlafe in der Astralwelt, und der Mensch erlebt seine Träume innerlich; selbstverständlich [träumt] nicht das Gehirn, sondern die Seele.

[ 37 ] Rudolf Steiner: That is easy to answer based on what was said yesterday. During sleep, the soul is in the astral world, and a person experiences their dreams inwardly; of course, it is not the brain that dreams, but the soul.

Frage: Welchen Trost kann der Mensch in der Wiederverkörperungslehre finden, der nicht selbst hellseherisch ist, da nur der Geistesforscher seine früheren Inkarnationen schauen kann, und der andere verzweifeln müsste, weil er sich nicht selbst überzeugen kann?

Question: What comfort can a person find in the doctrine of reincarnation if they do not possess clairvoyant abilities, since only those who study spiritual science can see their past incarnations, and others would be bound to despair because they cannot convince themselves?

[ 38 ] Rudolf Steiner: Im Vortrag wurde gesagt: Es kommt nicht darauf an, selber in den geistigen Welten zu forschen, sondern wenn diese Dinge in Begriffe geprägt sind, kann sie jeder verstehen und der Geistesforscher hat selber davon nicht mehr, als was er durch Prägen in Begriffe aus seinem Hellsehen gewinnt. Die Wiederverkörperungslehre ist etwas, was dem Leben Sicherheit und Inhalt gibt. Also ist diese Frage im Vortrage bereits beantwortet. Man lese auch das Schriftchen «Reinkarnation und Karma». Dann wird man finden, was der Seele Sicherheit und Trost geben kann, und dass dafür gesorgt worden ist, dass der Nicht-Geistesforscher durchaus die Möglichkeit hat, das zu verstehen. Frage: Ich habe schon zwei Einführungskurse mitgemacht, aber noch nicht verstanden, wie es möglich ist, dass es den einen Menschen schlecht geht, manchen gut; oft höher entwickelten Menschen schlecht, während der reiche Wüstling keine Strafe findet, sondern noch freudenreiches Leben.

[ 38 ] Rudolf Steiner: As was said in the lecture: It is not a matter of conducting research in the spiritual worlds oneself, but rather, once these things have been expressed in concepts, anyone can understand them, and the spiritual researcher himself gains no more from them than what he derives from his clairvoyance by expressing them in concepts. The doctrine of reincarnation is something that gives life security and meaning. So this question has already been answered in the lecture. One should also read the booklet “Reincarnation and Karma.” Then one will find what can give the soul security and comfort, and that provision has been made so that even those who are not spiritual researchers have every opportunity to understand this. Question: I have already taken two introductory courses, but I still do not understand how it is possible that some people fare poorly while others fare well; often, more highly developed people fare poorly, while the wealthy libertine faces no punishment but instead continues to lead a life full of joy.

[ 39 ] Rudolf Steiner: Das Letztere folgt nicht aus der Reinkarnationslehre, denn es ist nicht so, dass das Leben immer aufrückt, sondern [so], dass es auf- und absteigt, wie [es] eben die Ursachen [er]geben. Dass ein reicher Wüstling ein noch freudenvolleres Leben finden würde, eine solche Frage geht aus einem vollständigen Verkennen des Gesamtverlaufs des menschlichen Lebens hervor. Wenn jemand einen anderen Menschen oder sich selber beobachtet und einen anderen Menschen edel findet oder sich selber recht edel findet, oder von Leiden und Schicksalsschlägen heimgesucht, so ist das Urteil, das man im gegebenen Augenblick fällt, durchaus nicht immer maßgebend.

[ 39 ] Rudolf Steiner: The latter does not follow from the doctrine of reincarnation, for it is not the case that life always ascends, but rather that it rises and falls, just as the causes dictate. The idea that a wealthy libertine would find an even more joyful life—such a question stems from a complete misunderstanding of the overall course of human life. When someone observes another person or themselves and finds another person noble, or finds themselves quite noble, or is afflicted by suffering and misfortune, the judgment one makes at that particular moment is by no means always decisive.

[ 40 ] Ich will einen Vergleich anführen: Denken wir uns einen jungen Menschen, der bis zum achtzehnten Jahre von der Tasche seines Vaters gelebt hat, es sei angenommen, dass es nicht ein schlechtes Leben war. [Als] er 18 Jahre [alt] ist, verliert der Vater sein Vermögen. Er war vorher gerade nicht schlecht [gestellt], er kommt aber in diese üble Lage; jetzt muss er erst etwas Ordentliches lernen, während er früher nichts Ordentliches gelernt hat. Nun wird er in dieser Zeit seines Lebens diesen Schicksalsschlag als etwas recht Schweres, durchaus als unverdient betrachten. Wenn er 50 Jahre alt ist, wird er vielleicht zurückblicken und sich sagen: Wäre das dazumal nicht geschehen, dann wäre ich jetzt ein Taugenichts und wüsste gar nichts von der Welt. Mit 50 Jahren wird er [es] ganz anders beurteilen als mit 18 Jahren.

[ 40 ] Let me draw a comparison: Imagine a young person who lived off his father’s money until the age of eighteen—let’s assume it wasn’t a bad life. [When] he turns 18, his father loses his fortune. He wasn’t exactly in a bad [financial] situation before, but he finds himself in this dire predicament; now he must first learn a proper trade, whereas he hadn’t learned anything useful earlier. At this stage of his life, he will view this stroke of fate as something quite difficult—and certainly undeserved. When he is 50 years old, he may look back and say to himself: If that hadn’t happened back then, I’d be a good-for-nothing now and wouldn’t know a thing about the world. At 50, he will judge [it] quite differently than he did at 18.

[ 41 ] Wir sind zumeist selber nicht die richtigen Beurteiler unseres Ungeschicks. Später aber werden wir objektiver urteilen, besonders von der geistigen Welt aus im Leben zwischen Tod und Geburt, oder in folgenden Erdenleben, wenn man schon zurückschauen kann; denn das wird dann jeder erreichen; die Menschheit entwickelt sich; jeder wird zurückschauen können, was jetzt nur der Geistesforscher kann. Dann wird man sagen: Das, was erst unerklärlich schien, das machte gerade, dass ich mich stark entgegenstellen musste, dass ich Kräfte auslöste, die das Wichtigste wurden zur Fortentwicklung, zum Aufstieg. Im gewöhnlichen Leben wird man das schon sehen; man erlebt so manches. Mancher, der als angehender Geistesforscher das Leben intimer und eingehender betrachtet, wird davon zu erzählen wissen. Dann wird man zurückschauen auf das, was Freude, Lust und manches andere gebracht hat, auf Kampf, Übel, Schmerz, die er, [der Mensch], durchgemacht hat. Er blickt darauf zurück, auf alles Mögliche. Er wird sich sagen: Dafür, dass ich oft Freudiges erlebte, bin ich dem Schicksal dankbar. Aber willst du lieber deine Freuden hingeben oder deine Leiden? Dann ist man vielleicht zur Erkenntnis gekommen: Meine Freude und Beseligung will ich lieber hingeben; denn meinem Schmerz und Leid verdanke ich meine Erkenntnis. Man muss erst wissen, was aus den Ursachen wird.

[ 41 ] For the most part, we ourselves are not the best judges of our own clumsiness. Later, however, we will judge more objectively—especially from the spiritual world during the life between death and birth, or in subsequent earthly lives, when we are already able to look back; for everyone will then attain this; humanity is evolving; everyone will be able to look back—something only the spiritual researcher can do now. Then one will say: What at first seemed inexplicable was precisely what compelled me to resist strongly, what unleashed forces that became the most important factors for further development and ascension. In ordinary life, people will already see this; they experience many things. Many an aspiring spiritual researcher, who views life more intimately and deeply, will be able to speak of this. Then one will look back on what brought joy, pleasure, and many other things, as well as on the struggles, evils, and pain that he [the human being] has endured. He looks back on all sorts of things. He will say to himself: I am grateful to fate for the many joyful experiences I have had. But would you rather give up your joys or your sufferings? Then one may have come to the realization: I would rather give up my joy and bliss; for it is to my pain and suffering that I owe my insight. One must first know what becomes of the causes.

[ 42 ] Kurz, die Beurteilung einer solchen Frage soll man sich nicht so leicht machen. Geisteswissenschaft hat auf alle solchen Fragen eine im Tieferen befriedigende Antwort.

[ 42 ] In short, one should not take the assessment of such a question too lightly. The humanities offer a deeply satisfying answer to all such questions.

Frage: Würde dasselbe herauskommen, wenn zum Beispiel der Astralleib von mehreren Geistesforschern auf gleiche Weise wahrgenommen würde?

Question: Would the same result occur if, for example, the astral body were perceived in the same way by several parapsychologists?

[ 43 ] Rudolf Steiner: Diese Frage ist mit einfachem «Ja» nicht sinnvoll zu beantworten, weil das, was der Geistesforscher gewissermaßen imaginär als Vision wahrnimmt, sich nur dem Grade nach der völligen Objektivität anlehnt, und in höheren Welten in höherem Grade gilt, was auch in der sinnlichen Welt [gilt], dass man die Dinge von einem verschiedenen Standpunkte aus betrachten kann. Wenn eine Reisebeschreibung von derselben Gegend von zwei Menschen gemacht wird, wird trotzdem ein großer Unterschied da sein. Aber man braucht deshalb nicht überhaupt zu zweifeln, dass es diese Gegenden gibt. Und wenn wir in den immerfort flüssigen, flüchtigen Astralleib hineinschauen, dann ist es begreiflich, dass das äußere Bild verschieden sich darstellt, trotzdem die Realität ganz dasselbe ist. Deshalb kann man diese Frage wohl bejahen, wenn auch die äußeren Bilder verschieden sind, aber nicht mehr verschieden sind, als wenn zwei Menschen ein Bild von einem physisch-sinnlichen Gegenstand entwerfen; das Sehen und die Darstellung sind in einer gewissen Weise verschieden. Alles kommt an auf die Objektivität des Beobachters; es wird immer vorausgesetzt, dass wirkliche Geistesforscher die Dinge beschreiben.

[ 43 ] Rudolf Steiner: This question cannot be meaningfully answered with a simple “yes,” because what the spiritual researcher perceives, in a sense, imaginatively as a vision, is based on complete objectivity only to a certain degree; and in higher worlds, the principle that applies in the sensory world—that things can be viewed from different perspectives—holds true to an even greater extent. If two people were to write travel accounts of the same region, there would still be a great difference between them. But that is no reason to doubt at all that these regions exist. And when we look into the ever-changing, fleeting astral body, it is understandable that the external image appears different, even though the reality is exactly the same. Therefore, one can certainly answer this question in the affirmative, even if the external images differ—but they do not differ any more than when two people form an image of a physical, sensory object; the seeing and the representation are, in a certain sense, different. Everything depends on the objectivity of the observer; it is always assumed that true spiritual researchers describe things.

Frage: Muss nicht das Abstreifen des Standpunktes so weit geführt werden, dass auch das, was der Gattung Mensch eigen ist, ausgeschaltet wird? [...]

Question: Shouldn't the process of setting aside one's point of view be taken so far that even what is inherent to the human species is eliminated? [...]

[ 44 ] Rudolf Steiner: Die erste Frage betrifft das Gattungsmäßige. Dieses Gattungsmäßige, was ist das eigentlich? Unter Gattung stellt sich der Mensch oft nur etwas ganz Abstraktes vor. Aber der Begriff «Gattung» kann im richtigen Sinn nur in den Reichen der Natur angewendet werden, die unter den Menschen stehen. Innerhalb des Tierreiches ist der Begriff der Gattung voll berechtigt, weil es für eine einseitige Betrachtung kein bloßer Begriff sein kann. Denn wenn Menschen, die viel ausspintisieren, finden, dass es nur einzelne Hunde gibt, also nicht den Begriff «die Hunde-Natur» oder «Wolfsnatur», ... so ist zu erwidern, dass, wenn man nur das sinnliche, einzelne Wesen, zum Beispiel das sinnliche Einzel-Wesen «Wolf», gelten lässt, und nicht das, was übersinnlich darin waltet, also nur das Materielle anerkennt, dann ist die Widerlegung leicht gegeben. Wenn das Materielle bei einem Wolf keine andere Nahrung zu sich nimmt als Lämmer, so zeigt es sich, dass der Wolf dadurch kein Lamm wird, wenn er auch nur Lämmermaterie frisst. Aber beim Tierreich interessiert uns das, was in der Gattung lebt, so, wie beim Menschen uns das Einzelne, das Ideelle interessiert. Daher hat auch nur der Mensch eine Biografie.

[ 44 ] Rudolf Steiner: The first question concerns the generic. What exactly is this “generic”? People often imagine “genus” to be something entirely abstract. But the term “genus” can, in the proper sense, only be applied to the kingdoms of nature that are below the human realm. Within the animal kingdom, the concept of “genus” is fully justified, because—from a one-sided perspective—it cannot be a mere concept. For if people who tend to over-speculate believe that there are only individual dogs—that is, not the concept of “dog nature” or “wolf nature”— ... then it must be replied that if one acknowledges only the sensible, individual being—for example, the sensible individual being “wolf”—and not what reigns within it on a supersensible level, that is, if one recognizes only the material aspect, then the refutation is easily provided. If the material aspect of a wolf consumes no other food than lambs, it becomes clear that the wolf does not thereby become a lamb, even if it eats only the substance of lambs. But in the animal kingdom, we are interested in what lives within the species, just as with humans we are interested in the individual, the ideal. That is why only humans have a biography.

[ 45 ] Manche werden das sonderbar finden, weil man auch eine Biografie von Tieren haben kann. Das soll auch nicht geleugnet werden, dass eine Hundemutter eine Biografie ihrer Hunde, eine Katzenmutter eine Biografie ihrer Katzen geben kann. Aber darauf kommt es nicht an. Ein Lehrer kann den Kindern auch aufgeben, die Biografie ihrer Schreibfedern darzustellen. Aber das, was beim Individuum das Biografische ist, das findet sich doch nur beim Menschen. Der Begriff der Gattung hat daher nur, wenn man in einer abstrakten Philosophie lebt, beim Menschen einen Sinn. Dagegen erschöpft sich wirklich beim Menschen das Ideelle nicht in der Gattung. Was durch Volk, Stammeseigenschaften dem Menschen anhaftet, das gehört bei ihm doch in eine andere Richtung als beim Tier. Dieses Gattungsmäßige, das wird vor dem Ideellen sogar abgestreift; im wahren Sinne des Wortes kann man gar nicht davon reden. Im Beginne der Erdenentwicklung war der Mensch durchaus ein Gattungswesen, aber darin lag schon die Idee, die Individuen, die alle ideell werden, sodass das Gattungsmäßige beim Menschen eine sekundäre Rolle spielt.

[ 45 ] Some people may find this strange, because one can also have a biography of animals. Nor should it be denied that a mother dog can provide a biography of her puppies, or a mother cat a biography of her kittens. But that is not the point. A teacher might also assign children the task of writing a biography of their writing pens. Yet what constitutes the biographical aspect of an individual is found only in human beings. The concept of “species,” therefore, only makes sense in relation to humans if one lives within the realm of abstract philosophy. In contrast, the ideal in human beings is by no means limited to the species. What is inherent in humans through national or tribal characteristics belongs to a different realm than in animals. This generical aspect is even shed in the face of the ideal; in the true sense of the word, one cannot even speak of it. At the beginning of Earth’s development, humans were certainly generic beings, but even then the idea was already present—that individuals would all become ideal—so that the generic aspect plays a secondary role in humans.

Frage: Ohne Zweifel hat derjenige, der dem Hüter der Schwelle gegenübertreten soll, große Gefahren zu bestehen, die er vorher nicht kennt; wie kann er sich schützen, oder gibt es keinen Schutz?

Question: Without a doubt, the one who is to face the Keeper of the Threshold must overcome great dangers of which he is previously unaware; how can he protect himself, or is there no protection?

[ 46 ] Rudolf Steiner: Der Weg wird in konkreter Weise beschritten, wenn man dasjenige befolgt, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben ist. Dadurch werden einem auch die Eigenschaften in die Seele eingefügt, die Begegnung in rechter Weise zu bestehen. Es gibt dann zwar immer noch große Schwierigkeit, aber man hat vorher auch stärkere Kräfte erlangt.

[ 46 ] Rudolf Steiner: The path is walked in a concrete way when one follows what is set forth in “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?” Through this, the qualities necessary to face the encounter in the right way are also instilled in one’s soul. Although great difficulties still remain, one has already acquired greater strength.

Frage: Was ist zu sagen über Mohammed und seine Mission; warum musste er 600 Jahre nach Christus kommen?

Question: What can be said about Muhammad and his mission; why did he have to come 600 years after Christ?

[ 47 ] Rudolf Steiner: Eine kurze Beantwortung dieser Frage ist nicht möglich, es würde zu allerhöchsten Missverständnissen führen. Die Antwort müsste aus den Fundamenten heraus gegeben werden. Mohammed gab 600 Jahre nach dem Christus-Impuls Inhalt einer solchen Menschengemeinschaft, die vorzugsweise veranlagt war auf der einen Seite nach dem manchmal ins Phantastische sich erhebenden Gemüt, auf der anderen Seite in der feinen Ausarbeitung des Intellekts. Er war gegenüber dem Christusimpuls etwas wie ein Rückschlag, Atavismus. Es zeigt [dies], wie die Entwicklung überhaupt geschieht: In Vorstößen und Rückschlägen; die Natur dieses Mohammedanismus muss man aus der ganzen Natur der Entwicklung heraus verstehen: der Christus-Impuls, der größte religiöse Impuls, der aber sich nach und nach einleben muss in die Erdenentwicklung, während der Mohammed-Impuls vorher sich ihm entgegenstellen musste.

[ 47 ] Rudolf Steiner: It is not possible to give a brief answer to this question; it would lead to the gravest misunderstandings. The answer would have to be given from the very foundations. Six hundred years after the Christ impulse, Muhammad provided substance to a human community that was predisposed, on the one hand, toward a spirit that sometimes soared into the realm of the fantastic, and on the other hand, toward the refined elaboration of the intellect. In relation to the Christ impulse, he was something of a setback, an atavism. This shows how development occurs in general: in advances and setbacks; the nature of this Mohammedanism must be understood from the overall nature of development: the Christ impulse, the greatest religious impulse, must gradually become established in earthly development, while the Mohammedan impulse had to oppose it beforehand.

Frage: Sind die Theosophen für die Leichenverbrennung? Rudolf Steiner: Theosophen agiltileren nicht für diese oder jene Partei, sondern diese Dinge sind Erkenntnissache. Man sagt das, was wahr und richtig ist, und da kann dann ein jeder seine Anschauung zimmern, was er als Willensimpulse ins Leben aufnehmen will.

Question: Are theosophists in favor of cremation? Rudolf Steiner: Theosophists do not take sides with this or that party; rather, these matters are a matter of knowledge. One states what is true and right, and from there, each person can form their own view based on the impulses of will they wish to incorporate into their life.

[ 48 ] Solche Fragen können nicht in absolutem Sinne beantwortet werden. Die verschiedenen Menschheitsstufen sind verschieden, und für alle Zeiten ist nicht das Gleiche das Beste, sondern es ändern sich die Menschen, und dadurch das Hervortreten oder Minderhervortreten der menschlichen Einrichtungen. Im Ganzen war für die Zeit, die abgelaufen ist, auch für eine große Anzahl der Menschen in die Zukunft hinein noch ist die Leichenverbrennung nicht eine wichtige [richtige?] Sache, obwohl die Propagandisten der Leichenverbrennung gewissermaßen Pioniere der Zukunft sind. Aber die Menschen müssen heranreifen, alles hat nur relative Gültigkeit, so auch die Frage: begraben oder verbrennen für das eine oder andere Zeitalter. Für die geistige Betrachtung nimmt sich manches anders aus als für die äußere Auffassung.

[ 48 ] Such questions cannot be answered in an absolute sense. The various stages of human development are different, and what is best is not the same for all times; rather, people change, and with that, the prominence or diminished prominence of human institutions. On the whole, for the time that has passed—and even for a large number of people looking into the future—cremation is not an important [or correct?] matter, although the advocates of cremation are, in a sense, pioneers of the future. But people must mature; everything has only relative validity, and so does the question of whether to bury or cremate in one era or another. From a spiritual perspective, some things appear differently than they do from an external viewpoint.

Frage: Wie vereinbaren Sie die Anschauung, dass alle Menschen schon Erdenleben erlebt haben, mit der Tatsache, dass die Erde früher weniger und weniger bevölkert war?

Question: How do you reconcile the view that all people have already lived on Earth with the fact that the Earth used to be less and less populated?

[ 49 ] Rudolf Steiner: Das ist ein bloßes Rechenexempel, und man wird sehen, dass das Besagte einfach eine gewagte Behauptung ist. Die Frage taucht fast nach jedem Vortrag auf. Die Zwischenräume zwischen zwei Leben sind nicht für alle Menschen die gleichen. Zuweilen sind viel mehr Menschen in einem Zeitalter verkörpert als in einem anderen kurz vorher. Nehmen wir an, im siebzehnten Jahrhundert seien 100 Seelen inkarniert gewesen und im sechzehnten Jahrhundert auch 100, und die Zwischenräume ihrer Verkörperungen seien verschieden, dann können im neunzehnten Jahrhundert die 100 von beiden Gruppen wieder inkarniert sein, also gibt es dann 200. Dadurch, dass die Zwischenräume verschieden sind durch das ganze Karma der Seelen, dadurch tritt eine Zunahme in gewissen Zeiträumen ein. Von etwas anderem kann der Gewissenhafte nicht reden. Die Zwischenzeit seit der letzten Verkörperung ist im Durchschnitt größer als die Zeit, die uns zum Beispiel trennt von der Entdeckung Amerikas. Wenn aber behauptet wird, dass die Zahl der Menschen zunimmt, dann muss man erst fragen: Wie kann das durch äußere Dinge bewiesen werden? Zum Beispiel: Wer hat die Zunahme für China studiert; wie ist also erst recht die Bevölkerung der ganzen Erde; oder was für Welten sind untergegangen; oder was war vor der Entdeckung Amerikas, und lange Zeit bevor Amerika entdeckt wurde? Also bei gewissenhaftem Forschen kann schon in der physischen Welt diese Behauptung nicht gemacht werden.

[ 49 ] Rudolf Steiner: This is merely a mathematical example, and you will see that what has been said is simply a bold assertion. The question comes up after almost every lecture. The intervals between two lives are not the same for everyone. Sometimes many more people are incarnated in one era than in another that preceded it by a short time. Let us assume that 100 souls were incarnated in the seventeenth century and 100 in the sixteenth century as well, and that the intervals between their incarnations differ; then, in the nineteenth century, the 100 from both groups may have been reincarnated, so there would then be 200. Because the intervals vary due to the souls’ collective karma, an increase occurs during certain periods. The conscientious person cannot speak of anything else. The interval since the last incarnation is, on average, longer than the time that separates us, for example, from the discovery of America. But if it is claimed that the number of people is increasing, then one must first ask: How can this be proven by external evidence? For example: Who has studied the population growth in China? What, then, is the population of the entire Earth? Or what worlds have perished? Or what existed before the discovery of America—and long before America was discovered? Thus, even in the physical world, this claim cannot be made through conscientious research.

Frage: Was sagt der Redner zum Adventismus; wo aus Daniel und Offenbarung Johannis die Weltgeschichte erklärt wird, und jetzt die Zeit kommt, wo Christus sein Wiederkommen zugesagt und die Welt sozial und politisch geändert wird?

Question: What does the speaker say about Adventism—the belief that world history is explained through the books of Daniel and the Revelation of John, and that the time is now coming when Christ will return as He has promised and the world will be transformed socially and politically?

[ 50 ] Rudolf Steiner: Es ist eine bekannte Erscheinung, dass die Sekten den heute charakterisierten «Standpunkt der Standpunkte» einnehmen und ganz und gar verliebt sind in ihren Standpunkt, in viel höherem Maße, als das bei anderen Menschen der Fall ist. Und jemandem, der einer Sekte angehört, eine Erklärung für dieses oder jenes Symbol zu geben, oder abzubringen, oder etwas begreiflich zu machen, ist gewöhnlich für diese Inkarnation eine reine Unmöglichkeit. Aber wer ganz begreift den aristotelischen Satz: Der kann allein zur Wahrheit kommen, der der eigenen Meinung nicht mehr achtet –, der hat den richtigen Standpunkt. Wer Geisteswissenschaft kennt, der weiß, dass die Dinge, wenn man tiefer [auf sie] eingeht, eben durchaus nicht so wörtlich und in solcher Art genommen werden dürfen, wie oft von einem solchen Standpunkt. Trotzdem nichts gegen die Frömmigkeit und das Gemütlich-Innige der Seelen, die in einem solchen Standpunkt befangen sind, gesagt werden soll und man die höchste Achtung davor haben kann. Aber dabei kommt man in solchen Sekten über die Standpunkte nicht hinaus, die die Wahrheit einengen. Wer zurücksieht in der Menschheitsentwicklung, der wird finden, dass es immer Sekten gegeben hat, die dasselbe gesagt haben. Sie haben gesagt: In 50 Jahren ist das Wiederkommen des Christus da. Er ist nicht gekommen, aber das hat die Lehren nicht widerlegt; und sooft auch durch die Tatsachen die Widerlegung eingetreten ist, das hat dem Standpunkt aber nicht geschadet. So wenig war das ein Mittel, einen solchen «Standpunkt der Standpunkte» irgendwie zu widerlegen.

[ 50 ] Rudolf Steiner: It is a well-known phenomenon that sects adopt what is today characterized as the “point of view of all points of view” and are utterly enamored with their own point of view, to a far greater degree than is the case with other people. And to give someone who belongs to a sect an explanation for this or that symbol, or to dissuade them, or to make something understandable, is usually a complete impossibility in this incarnation. But whoever fully understands the Aristotelian maxim: “Only he can arrive at the truth who no longer attaches importance to his own opinion”—that person has the correct standpoint. Anyone familiar with spiritual science knows that, when examined more deeply, these things must by no means be taken so literally or in the manner often assumed from such a standpoint. Nevertheless, nothing is to be said against the piety and the warm, intimate nature of the souls who are caught up in such a standpoint, and one can have the highest regard for them. But in such sects, one does not go beyond viewpoints that constrain the truth. Anyone who looks back at the development of humanity will find that there have always been sects that have said the same thing. They have said: “In 50 years, the Second Coming of Christ will take place.” He did not come, but that did not refute the teachings; and even when refutation occurred through the facts, it did not undermine the viewpoint. Nor was that a means of refuting such a “viewpoint of viewpoints” in any way.

Frage: Steht die Geisteswissenschaft in irgendeinem Widerspruch mit dem positiven Christentum?

Question: Is spiritual science in any way at odds with positive Christianity?

[ 51 ] Rudolf Steiner: Der Frager versteht meist unter positivem Christentum das, was just er unter Christentum versteht. Ich [kann] darauf nicht weiter eingehen, [ich] müsste viel über den Christus-Impuls, [die] Christuswesenheit sprechen.

[ 51 ] Rudolf Steiner: The questioner usually understands “positive Christianity” to mean precisely what he himself understands by “Christianity.” I [cannot] go into this further; [I] would have to speak at length about the Christ impulse, [the] Christ presence.

Frage: Wie ist die Lehre von der Wiedergeburt empirisch oder philosophisch zu begreifen?

Question: How should the doctrine of reincarnation be understood from an empirical or philosophical perspective?

[ 52 ] Rudolf Steiner: Da muss ich auf die Literatur verweisen, «Geheimwissenschaft» und so weiter; denn nicht ein Vortrag würde genügen, diese Frage zu beantworten; denn wenn auch ich in der Lage sein würde, noch in dieser Nacht einige Vorträge zu halten, so doch vielleicht manche Zuhörer nicht; ich will mich nicht rühmen!

[ 52 ] Rudolf Steiner: I must refer you to the literature—*The Occult Science* and so on—because a single lecture would not suffice to answer this question; for even if I were able to give a few more lectures tonight, perhaps some of the listeners would not be able to attend; I do not wish to boast!

Frage: Gibt es noch eine dritte Erkenntnisfähigkeit?

Question: Is there a third faculty of cognition?

[ 53 ] Rudolf Steiner: Die [drei sind] Imagination, Inspiration, Intuition; ich wundere mich ein wenig, dass Fragen gestellt werden, die gestellt werden so, als wenn die Tatsache vorliegen würde, dass man den Vortrag gar nicht angehört hätte; der ist ja eine ausführliche Antwort gerade auf diese Frage.

[ 53 ] Rudolf Steiner: The [three are] imagination, inspiration, and intuition; I am a little surprised that questions are being asked in such a way as to suggest that the speaker has not even listened to the lecture; after all, the lecture is a detailed answer to precisely this question.

Frage: Ist zwischen Seele und Geist ein realer und praktischer Unterschied?

Question: Is there a real and practical difference between the soul and the spirit?

[ 54 ] Rudolf Steiner: Nun, das geht aus der Theosophie hervor, dass man sie nicht zusammenwerfen soll. Dieses Zusammenwerfen ist historisch erst spät geschehen; ein Konzilium hat dekretiert, dass Seele und Geist [nicht] zweierlei sind, hat sie zusammengeworfen; seitdem werden sie nicht mehr unterschieden, auch nicht in der Wissenschaft; wenn die Wissenschaft auch nicht sich bewusst ist, dass sie dabei einem kirchlichen Dogma folgt. Es ist ein realer Unterschied in dem Verhalten zum Leibe. Anders verhält sich der Geist zum Leib als die Seele zum Leib und umgekehrt.

[ 54 ] Rudolf Steiner: Well, it follows from theosophy that one should not lump them together. This conflation occurred relatively late in history; a council decreed that the soul and the spirit are [not] two distinct things, and conflated them; since then, they have no longer been distinguished, not even in science—even though science is not aware that it is thereby following a church dogma. There is a real difference in their relationship to the body. The spirit relates to the body differently than the soul does, and vice versa.

Frage: Muss nicht jemand, der in der theosophischen Anschauung groß wird, der der Anschauung dieser Anschauung erst auf den Grund geht, von ihr frei werden?

Question: Must not someone who matures within the theosophical perspective—who first gets to the bottom of this perspective—become free from it?

[ 55 ] Rudolf Steiner: Das ist so, als ob jemand, der eben gegessen hat, gleich wieder essen müsste, weil sich ja doch äußerlich nicht etwas geändert hat an diesem Menschen, wenigstens nicht in vielen Fällen, weil er ja doch eben gegessen hat. Man erlangt Selbsterkenntnis, wenn man außer seinem persönlichen Selbst steht; das heißt, man erlangt durch Selbsterkenntnis Freiwerden. Wenn man nun weiter frei werden will, wo man doch schon frei geworden ist, so ist das noch weniger berechtigt wie bei der Mahlzeit. Dann hat man aber doch schon das Freiwerden vollzogen; dann ist keine Notwendigkeit, ein zweites Mal frei zu werden, von dem [nachdem?] man doch eben frei geworden ist. Der Standpunkt lässt sich dabei nicht vergleichen mit dem bloßen Materialismus oder Individualismus, denn die Geistesforschung gebraucht alle verschiedenen Standpunkte, aber nicht, um sich auf sie zu stellen, sondern um sie zu charakterisieren. Und die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern durch die Gründe, die dafür angeführt werden können, dadurch [erscheinen] diese Standpunkte so, dass sie einem das wirkliche Wahre von verschiedenen Seiten her beleuchten. Nur wer in Abstraktionen stecken bleibt, kann, was auf das eine anwendbar ist, auch auf das andere anwenden. Aber wie man im wirklichen Leben nicht bloß die allgemein menschlichen Eigenschaften an sich hat, sondern einmal Kind ist, dann Mann, dann Greis ist, und nicht fragen kann, ob man die Kindheitsstufe noch einmal abstreifen muss, so ist die Frage der Selbsterkenntnis einmal da, nicht dann noch einmal. Erkenntnis ist dann in der Welt darinnen, und von da ab beginnt für den Menschen dann die Selbsterkenntnis; das ist der Schluss der Selbsterkenntnis, die Selbsterkenntnis, die selbstlos vom Individuum erworben wird und dadurch einen selbstlosen Charakter hat.

[ 55 ] Rudolf Steiner: It is as if someone who has just eaten were to have to eat again right away, because outwardly nothing has changed in that person—at least not in many cases—since they have, after all, just eaten. One attains self-knowledge when one stands outside of one’s personal self; that is, through self-knowledge one achieves liberation. If one then wants to become even more free, even though one has already become free, this is even less justified than in the case of the meal. But then one has already accomplished that liberation; there is no need to become free a second time from that [after which?] one has just become free. This perspective cannot be equated with mere materialism or individualism, for spiritual research makes use of all the various perspectives—not to adopt them, but to characterize them. And the truth does not lie in the middle; rather, through the reasons that can be cited for them, these perspectives [appear] in such a way that they illuminate the true reality from various angles. Only those who remain stuck in abstractions can apply what is applicable to one thing to another as well. But just as in real life one does not merely possess general human qualities in and of themselves, but is first a child, then an adult, then an elderly person—and cannot ask whether one must shed the stage of childhood once again—so the question of self-knowledge arises once and for all, not repeatedly. Insight is then found within the world, and from that point on, self-knowledge begins for the individual; this is the culmination of self-knowledge—the self-knowledge that is acquired selflessly by the individual and thereby possesses a selfless character.