Spiritual Science
and the Future of Humanity
GA 69e
11 January 1913, Leipzig
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Spiritual Science and the Future of Humanity, tr. SOL
10. Wahrheiten und Irrtümer der Geistesforschung
10. Truths and Errors in Spiritual Research
[ 1 ] Wenn auf jeglichem Gebiete des menschlichen Lebens die Frage nach Wahrheit und Irrtum eine tief bedeutsame ist, so darf gesagt werden, dass auf dem Gebiete der Geistesforschung dieser Frage noch eine ganz besondere Bedeutung zukommt; dies wohl aus dem Grunde, weil dasjenige, was Geistesforschung den Menschen geben und sein will, zusammenhängt mit jenen Lebensfragen, die an die Seele nicht nur so herandringen wie die Fragen der einen oder anderen Wissenschaft, sondern die an die Seele herandringen, man möchte sagen, täglich und schließlich ausmachen das Interesse dieser menschlichen Seele, ausmachen alles dasjenige, was der Seele geben kann auf der einen Seite Trost und Hoffnung, [auf der anderen Seite] Sicherheit und Kraft im Leben.
[ 1 ] If the question of truth and error is one of profound significance in every area of human life, it may be said that in the field of spiritual research this question takes on a very special significance; this is likely because what spiritual science seeks to give to and be for human beings is connected to those questions of life that do not merely approach the soul in the same way as the questions of one science or another, but rather—one might say—approach the soul daily and ultimately constitute the very interest of this human soul, constituting everything that can give the soul, on the one hand, comfort and hope, [on the other hand] security and strength in life.
[ 2 ] Weit ist das Gebiet der Geistesforschung. Es erstreckt sich ja sozusagen auf das ganze Gebiet der Entwicklung einer jeden Wesenheit, mit der der Mensch in irgendeinem Zusammenhang gedacht werden kann, denn alles dasjenige, was in diesen Gebieten der Geistesforschung an den Menschen herankommt, man möchte sagen, drängt sich zusammen in bedeutsame Lebensrätsel und Lebensfragen. Eine Frage, die wirklich stündlich an uns herantritt, finden wir eingeschlossen in die bedeutungsschweren Worte der menschlichen Schicksale. Wenn wir auf der einen Seite das menschliche Wesen hereintreten sehen in das Dasein, sodass es umgeben ist schon von der Wiege an mit Not und Elend, und wir voraussagen können, dass Not und Elend vielleicht ihn (den Menschen) begleiten werden sein ganzes Leben lang, wenn wir ihn mit geringen Fähigkeiten ausgestattet finden in der Kindheit, sodass wir in einer gewissen Weise wissen können, dass er zunächst nur ein wenig nützliches Glied der menschlichen Gemeinschaft sein wird, so ist das vielleicht auf der einen Seite rätselvoll; auf der anderen Seite brauchen wir nur zu vergleichen, wie mancher andere eintritt in das Leben, gesegnet mit Glücksgütern oder ausgestattet mit bedeutsamen Fähigkeiten, sodass man wissen kann, er wird ein nützliches Glied der Menschheit werden. Äußere Wissenschaft ist gar nicht in der Lage, aufzuwerfen solche Fragen, denn diese äußere Wissenschaft erweist sich ja mit ihren Voraussetzungen von vornherein als unfähig zur Beantwortung solcher Fragen. Endlich tritt heran an den Menschen das andere, in das sich sozusagen zusammenschließt Geistesforschung: die Frage [der Unsterblichkeit], die herantritt schließlich an die Unverständlichkeiten des menschlichen Wesens.
[ 2 ] The field of spiritual research is vast. It extends, so to speak, to the entire realm of the development of every being with which human beings can be conceived to have some connection; for everything that approaches human beings in these realms of spiritual research—one might say—coalesces into significant life’s riddles and life’s questions. A question that truly confronts us every hour is encapsulated in the weighty words of human destinies. When, on the one hand, we see the human being entering into existence, surrounded from the cradle onward by hardship and misery, and we can predict that hardship and misery may accompany him (the human being) throughout his entire life—if we find him endowed with limited abilities in childhood, so that we can know, in a certain sense, that he will initially be only a marginally useful member of the human community—then this may seem enigmatic on the one hand; on the other hand, we need only compare how many others enter life, blessed with good fortune or endowed with significant abilities, so that one can know they will become a useful member of humanity. External science is not at all capable of raising such questions, for this external science, with its presuppositions, proves itself incapable of answering such questions from the outset. Finally, the other aspect—which, so to speak, brings spiritual research together—approaches humanity: the question [of immortality], which ultimately confronts the incomprehensible aspects of the human being.
[ 3 ] Es darf vielleicht gerade in unserer Zeit gesagt werden, dass diese Frage an den Menschen durchaus nicht herantritt in der Art der wissenschaftlichen Fragen. Wie viele Wünsche, Hoffnungen und Empfindungen, die sich in eine wissenschaftliche Frage überhaupt nicht hereindrängen dürfen, vermengen sich in dieser Frage. Es hat in unserer Zeit genugsam Menschen gegeben und gibt deren noch, die an ein Fortleben der menschlichen Seele, wenn sich das Tor des Lebens geschlossen hat, nicht glauben und gerade ein solches Fortleben der menschlichen Seele nach dem Tode leugnen, und man darf sagen, dass materialistische Denkweise zu dieser Anschauung kommen muss. Gerade edle Naturen können sagen, es sei egoistisch, nur leben zu wollen unter der Voraussetzung, dass diese Wesenheit durchschreitet die Pforte des Todes und dann eine andere Daseinsform hat, während es selbstlos sei, hinzugeben das, was man sich errungen hat, an die Allgemeinheit. Viele wahrhaft edle Naturen haben gerade von diesem Gesichtspunkte aus die Notwendigkeit, die der Materialismus uns hier gibt, selbstloser gefunden als ein egoistisches Bedürfnis nach einem Fortleben nach dem Tode.
[ 3 ] Perhaps it can be said, especially in our time, that this question does not approach human beings in the same way as scientific questions do. How many desires, hopes, and feelings—which have no place whatsoever in a scientific question—are intertwined in this question. There have been, and still are, plenty of people in our time who do not believe in the continued existence of the human soul once the gate of life has closed, and who deny precisely such a continued existence of the human soul after death; and it may be said that a materialistic way of thinking must inevitably lead to this view. It is precisely noble souls who can say that it is selfish to want to live only on the condition that this being passes through the gate of death and then takes on another form of existence, whereas it is selfless to give what one has achieved to the community. Many truly noble souls, viewing the matter from this very perspective, have found the necessity that materialism presents to us here to be more selfless than a selfish need for life after death.
[ 4 ] Wären wirklich nur menschliche Wünsche und Begierden, die Furcht und die Angst vor einem Fortleben nach dem 'Tode maßgebend, so könnte man leicht annehmen, gerade aus edlen Empfindungen heraus zu mehr materialistischen Anschauungen kommen zu müssen. Wenn man die Frage aber tiefer anfasst, entwickelt sie sich als eine eminent wissenschaftliche Frage, wenn auch Wissenschaft nicht die Mittel hat, Antwort zu geben. Man braucht nur Kenner der menschlichen Seele zu sein und man darf sagen, dass das Bedeutsamste, was der Mensch erringen kann für seine Seele, ganz individuelles Leben ist. Die Feinheit, die Eigenartigkeit, der unsere Kräfte am meisten dienen, die am meisten fördern, was wir uns erringen können, die können nicht an irgendetwas abgegeben werden; und müsste die Seele sie abgeben mit dem Tode, sie müssten verloren gehen. Daraus würde jenes bedeutsame Rätsel folgern: es verstoße solches Verlorengehen gegen die Weltordnung, dass das Beste, was sich die Seele erringen kann, verschwinden soll wie [ins] nichts. Nicht, als ob das eine Antwort wäre auf die Frage, die aufgeworfen ist. Es ergibt sich aber die Notwendigkeit, diese Frage aufzuwerfen. Fragen sind dies, welche wohl nicht in dem gewöhnlichen Sinne wissenschaftlich genannt werden können, Fragen, die vielleicht auch mancher Seele, die dahinlebt in den Tag hinein, gleichgültig sind.
[ 4 ] If human desires and passions, along with the fear and anxiety of continuing to exist after ‘death,’ were truly the decisive factors, one might easily assume that noble sentiments would inevitably lead to more materialistic views. But if one examines the question more deeply, it reveals itself to be an eminently scientific question, even if science does not have the means to provide an answer. One need only be a connoisseur of the human soul to say that the most significant thing a person can achieve for their soul is a wholly individual life. The subtlety and uniqueness that serve our powers most, that most promote what we can achieve—these cannot be surrendered to anything; and if the soul were to surrender them upon death, they would be lost. From this would follow that significant enigma: such a loss would violate the order of the world, for the best that the soul can attain is to vanish as if into nothingness. Not that this is an answer to the question that has been raised. But the necessity arises to raise this question. These are questions that cannot really be called scientific in the usual sense—questions that may well be of no concern to many a soul who lives from day to day.
[ 5 ] Doch abgesehen davon, ob wir uns diese Fragen beantworten können oder nicht, hängt doch die Frage, wo die Quellen von Wahrheit und Irrtum zu finden sind auf diesem Gebiete, aufs engste zusammen mit unserem inneren Seelenleben und Schicksal. Ich durfte auch hier schon öfters über das Thema sprechen, was Geistesforschung zu bieten hat. Es ist natürlich nicht möglich, von Einzelnem auch nur einleitungsweise zu sprechen, und es ist auch hier nicht meine Aufgabe, über dasjenige zu sprechen, was in anderen Vorträgen gehört werden kann oder in der Literatur zu haben ist. Ich will sprechen darüber, wie der Mensch zu solchen Fragen kommt, welches die Erkenntnisse sind, sodann, wie die Quellen sind und wie der Mensch zu Irrtümern kommen kann.
[ 5 ] But regardless of whether we can answer these questions or not, the question of where the sources of truth and error lie in this realm is most closely connected to our inner spiritual life and destiny. I have had the opportunity to speak on this topic—what spiritual research has to offer—on several occasions here as well. Of course, it is not possible to discuss individual topics even briefly, and it is not my task here to speak about what can be heard in other lectures or found in the literature. I want to speak about how people come to such questions, what the insights are, and then what the sources are and how people can fall into error.
[ 6 ] Weil eine gewisse Notwendigkeit vorliegt, die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft zu verbreiten, so soll nicht bloß gesprochen werden von Wahrheit und Irrtum auf geisteswissenschaftlichem Gebiet, insofern diese liegen auf dem Wege des Geistesforschers selbst, sondern auch in Bezug auf die Verbreitung der Erkenntnisse der Geisteswissenschaft. Das Schicksal des menschlichen Wesens, es kann ja nicht erkannt werden, wenn man bloß bei dem stehen bleibt, was die Sinnenwelt gibt, und derjenige, der sich wenig auf unsere Wissenschaft einlässt, weiß auch, dass der Verstand nichts auszumachen hat über die Gründe, warum eine Seele zu diesem oder jenem Schicksal bestimmt ist. Er weiß auch, dass der Verstand nichts auszumachen hat über das Schicksal der Seele nach dem Tode, weil ja dann die Seele in dem übersinnlichen, unsichtbaren Reiche wohnt, wenn sie als solche überhaupt noch vorhanden ist. Die gewöhnlichen Kräfte also, welche der Mensch zur Verfügung hat, um die Welt zu erkennen, diese Kräfte reichen nicht aus, um diese tiefsten Fragen zu beantworten.
[ 6 ] Since there is a certain need to disseminate the findings of spiritual science, we should not speak merely of truth and error in the field of spiritual science—insofar as these lie on the path of the spiritual researcher himself—but also in relation to the dissemination of the findings of spiritual science. The destiny of the human being—after all, it cannot be understood if one stops merely at what the sensory world provides—and even those who have little familiarity with our science know that the intellect has no say in the reasons why a soul is destined for this or that fate. They also know that the intellect has no say regarding the soul’s destiny after death, for the soul then dwells in the supersensible, invisible realm—if indeed it still exists as such at all. The ordinary faculties, then, that human beings have at their disposal to understand the world are not sufficient to answer these deepest questions.
[ 7 ] Da entsteht dann die Frage: Gibt es denn Kräfte in der menschlichen Seele, welche über die gewöhnlichen Sinne hinausdringen, welche nicht angewiesen sind auf den Verstand bloß, welcher an das menschliche Gehirn gebunden ist? Wenn wir zu dem Resultat kommen, dass die Seele nicht nur ein Erdenleben durchläuft, sondern dass sich dieses Leben zwischen Geburt und Tod wiederholt, und dass dasjenige, was die Seele als Schicksal trifft, sie sich errungen hat im vergangenen Leben, dasjenige, was wir jetzt tun, Ursachen bildet für ein kommendes Leben, so muss man sagen: Ganz gewiss trägt dasjenige, was durch die Geburt hereintritt ins physische Dasein, die Kräfte, die es hereinträgt, durch die Geburt herein in die äußeren Welten, und die Erkenntnis dieser übersinnlichen Welten kann Fragen beantworten, warum eine Seele in ganz bestimmte Lebenslagen kommt. Überall werden wir hingewiesen auf die Notwendigkeit solcher Fragen, auf die Notwendigkeit, zu erforschen alles das mit den Seelenkräften, was unsere Wissenschaft nicht erforschen kann.
[ 7 ] This then raises the question: Are there forces within the human soul that transcend the ordinary senses, that do not rely solely on the intellect, which is bound to the human brain? If we come to the conclusion that the soul does not merely pass through one earthly life, but that this life repeats itself between birth and death, and that what befalls the soul as fate is what it has earned in a past life—and that what we do now creates causes for a future life—then we must say: Certainly, what enters physical existence through birth brings with it the forces it carries into the outer worlds through birth, and knowledge of these supersensible worlds can answer questions about why a soul finds itself in very specific life situations. Everywhere we are reminded of the necessity of such questions, of the necessity to investigate, through the powers of the soul, all that our science cannot investigate.
[ 8 ] Gibt es aber solche Kräfte in der menschlichen Seele? Es wird am leichtesten sein, uns zu verständigen darüber, wie solche Kräfte in der Seele walten können, wenn wir von den alltäglichen Erscheinungen ausgehen, die allerdings nicht so an den Menschen herantreten wie etwa das bestürzende, überraschende Ereignis des Todes, sondern welche herantreten, ohne dass der Mensch viel nachdenkt. Bekanntlich denkt der Mensch nur nach über das, was ihn überrascht; was in seine täglichen Gewohnheiten fällt, darüber denkt er weniger nach, und gerade das kann in die tiefsten Tiefen menschlichen Lebens hineindeuten. Eine solche Erscheinung, die täglich sich abspielt, ist der Zustand des Wachens und Schlafens. Rätselvoll ist der Zustand des Schlafes. Wir sind an jedem Tage gezwungen, in Bewusstlosigkeit überzugehen, in einen solchen Zustand, der Finsternis um uns verbreitet. Das ist ein bedeutsames Rätsel.
[ 8 ] But do such forces exist in the human soul? The easiest way to understand how such forces can operate in the soul is to start with everyday phenomena—phenomena that, admittedly, do not confront us in the same way as, say, the shocking and unexpected event of death, but rather ones that we encounter without giving them much thought. As is well known, people reflect only on what surprises them; they give less thought to what falls within their daily routines, and yet it is precisely this that can point to the deepest depths of human life. One such phenomenon that occurs daily is the state of waking and sleeping. The state of sleep is mysterious. Every day we are compelled to slip into unconsciousness, into a state that casts darkness around us. This is a profound mystery.
[ 9 ] Betrachten wir diesen Zustand zunächst rein äußerlich. Wir sehen, wenn wir einschlafen, wie unser physischer Leib uns sozusagen entfällt, wie wir allmählich unfähig werden, die Glieder zu dirigieren wie am Tage. Endlich sehen wir, wie unsere Sinne aufhören, wach zu sein für uns, wie unser Verstand gleichsam lahm wird, dann gehen wir über in einen bewusstlosen Zustand. Nun wäre es schon eine Unmöglichkeit, dass alles, was im Wachzustande vom Morgen bis zum Abend sich abspielt in der Seele an Affekten, Leid, Trieben und Begierden, dass das mit dem Einschlafen verschwindet und am Morgen jedes Mal neu entsteht. Es muss da sein, auch wenn der Mensch sich dessen nicht bewusst ist.
[ 9 ] Let us first consider this state from a purely external perspective. When we fall asleep, we see how our physical body, so to speak, slips away from us, how we gradually become unable to control our limbs as we do during the day. Finally, we see how our senses cease to be alert to us, how our mind becomes, as it were, paralyzed, and then we slip into a state of unconsciousness. Now, it would be impossible for everything that takes place in the soul during the waking state—from morning to evening—in terms of emotions, suffering, drives, and desires—to simply vanish when we fall asleep and then arise anew every morning. It must be there, even if the person is not aware of it.
[ 10 ] Nehmen wir zunächst hypothetisch an, was Geistesforschung zeigt. Es kann jetzt nur darauf hingewiesen werden; es kann nicht ausführlich gezeigt werden. Nehmen wir also hypothetisch an, in dem, was wir mit physischen Augen sehen, in dem, was wir mit Händen greifen können, ist ein übersinnliches Geistiges enthalten, ein geistig-seelisches Übersinnliches. Dieses sei der Träger von Schwierigkeiten, von beginnender Leidenschaft und so weiter, und dieses geistige Übersinnliche begebe sich aus dem schlafenden Zustande heraus in eine geistige Welt, sei also vorhanden. Dass dies zunächst eine Hypothese ist, sei ausdrücklich gesagt. Wir werden durch unsere Betrachtungen sehen, dass es in gewisser Weise seine Berechtigung hat. Wenn dies so ist, dann müssen wir sagen, dass dieses Geistig-Seelische auch im Schlaf vorhanden ist, aber nichts von sich weiß, wenn es in jene Welt untertaucht; es bedient sich ja des Gehirns, um die äußere Welt wahrzunehmen und sich anzueignen.
[ 10 ] Let us first make a hypothetical assumption based on what spiritual research reveals. At this point, we can only point this out; it cannot be demonstrated in detail. So let us hypothetically assume that what we see with our physical eyes, what we can grasp with our hands, contains a supersensible spiritual element—a spiritual-soul element. Let this be the source of difficulties, of nascent passion, and so on, and let this spiritual-soul element emerge from its dormant state into a spiritual world—in other words, let it exist. Let it be explicitly stated that this is, for the time being, a hypothesis. Through our considerations, we will see that it has a certain validity. If this is the case, then we must say that this spiritual-soul aspect is also present during sleep, but is unaware of itself when it plunges into that world; after all, it makes use of the brain to perceive and assimilate the external world.
[ 11 ] Wir können also voraussetzen, dieses Geistig-Seelische sei nicht stark genug, wenn es abgesondert ist vom physischen Leibe, um ein bewusstes Leben zu führen, es sei für dieses Leben zu schwach. Ist dem so, dann müsste allerdings die Möglichkeit vorhanden sein, diese Kräfte stark zu machen. Es müsste der Mensch also künstlich eine Art von Schlaf eintreten lassen können, so, dass doch eintreten würde die Herbeiführung eines Seelenzustandes, einerseits dem gewöhnlichen Schlaf ähnlich, auf der anderen Seite wesentlich verschieden. Die Herbeiführung eines solchen Zustandes ist in der Tat notwendig, und nur in einem solchen Zustande kann wirkliche Geistesforschung stattfinden. Es handelt sich also darum, ob das Geistig-Seelische im Menschen so stark gemacht werden kann, dass der Mensch gleichsam in eine Art künstlichen Schlafes, der kein Schlaf ist, sich versetzen kann. Dann müsste der Mensch in der Lage sein, das herbeizuführen, was im Schlaf herbeigeführt wird, dass sein Geistig-Seelisches mit dem Leib nichts zu tun hat, dass der Verstand schweigt, dass der Mensch auch äußerlich physisch ist wie im Schlafe. Im Schlaf ist der Mensch so, dass sein Inneres schweigt, abgedämpft ist, ganz in Finsternis gehüllt ist. Wenn nun der Mensch willkürlich aus seinen eigenen Seelenkräften heraus sich frei machen kann, dass er leibfrei, gleichsam entkörpert, Erlebnisse haben kann, dann erlebt er im Geiste, dann kann er durch innere Erfahrungen zunächst allerdings sich seiner selbst als geistiger Wesenheit erinnern.
[ 11 ] We can therefore assume that this spiritual-soul aspect is not strong enough—when separated from the physical body—to lead a conscious life; it is too weak for such a life. If this is the case, then there must indeed be a way to strengthen these forces. Human beings would therefore have to be able to artificially induce a kind of sleep, such that a state of the soul would be brought about that is, on the one hand, similar to ordinary sleep, but on the other hand, fundamentally different. Inducing such a state is indeed necessary, and only in such a state can true spiritual research take place. The question, then, is whether the spiritual-soul aspect in human beings can be made strong enough for a person to place themselves, as it were, into a kind of artificial sleep that is not sleep. Then the person would have to be able to bring about what occurs during sleep: that their spiritual-soul aspect has nothing to do with the body, that the intellect is silent, and that the person is also physically still, as in sleep. In sleep, a person is in a state where their inner being is silent, subdued, and completely shrouded in darkness. If a person can now, of their own volition and through their own soul forces, free themselves so that they can have experiences while being free of the body—as it were, disembodied—then they experience these in the spirit; then, through inner experiences, they can initially, at least, remember themselves as spiritual beings.
[ 12 ] Das müsste ausführbar sein, was heute den breitesten Schichten der Menschheit als Narrheit erscheint. Einen Beweis gegen die Ausführbarkeit kann es ja doch nicht geben. Es glauben die Menschen, Beweise dagegen zu haben, allein solche Menschen können sich höchstens darauf berufen, dass sie mit ihren jetzigen Kräften nichts wissen können von derartigen Dingen. Man kann aber nur von einer Sache behaupten, von der man weiß, aber nicht von einer Sache, von der man nichts weiß. Sonst macht eine solche Weltanschauung einen logischen Fehler. Es muss aber zunächst die starke Willensentwicklung gelernt werden, künstlich sich zu befreien von allen Sinneseindrücken, Schweigen zu erwirken, alle Farben- und Lichteindrücke abzudämpfen, nichts von allem wissen zu wollen, ebenso nichts von Gehöreindrücken und allen anderen Eindrücken; zum Stillstand also zu bringen das gewöhnliche Denken und so weiter. Das alles muss durch Willensübung ebenso zum Stillstand gebracht werden können wie im Schlaf. Der Mensch muss nun das, was sonst so schwach ist im Schlafe, stark machen. Das geschieht durch Meditationen und dergleichen.
[ 12 ] What seems like folly to the broadest strata of humanity today ought to be feasible. After all, there can be no proof that it is not feasible. People believe they have evidence against it, but such people can at most claim that, with their current faculties, they cannot know anything about such matters. However, one can only make a claim about something one knows, not about something one knows nothing about. Otherwise, such a worldview commits a logical fallacy. First, however, one must learn to develop a strong will—to artificially free oneself from all sensory impressions, to achieve silence, to dampen all impressions of color and light, to desire to know nothing of any of it, nor of auditory impressions or any other impressions; in short, to bring ordinary thinking to a standstill, and so on. All of this must be brought to a standstill through the exercise of the will, just as it is during sleep. A person must now strengthen that which is otherwise so weak during sleep. This is achieved through meditation and similar practices.
[ 13 ] Was sind das für rein geistige Verrichtungen? Denn rein geistige Verrichtungen sind es. Eine Meditation ist eine Art seelisch-geistigen Erlebens; aber es unterscheidet sich von allem anderen, an das der Mensch sonst gewöhnt ist. Wollen wir einmal ins Auge fassen, wie diese Verrichtung des Geistes aufgefasst wird. Sie unterscheidet sich auch schon dadurch von allen anderen menschlichen Verrichtungen, dass diese dazu da sind, sich Begriffe, Vorstellungen, Gefühle zu machen, um innerlich etwas Äußerliches zu empfinden, etwas Äußerliches abzubilden. Der Mensch sucht Bilder und Ausdrücke im gewöhnlichen Leben. Dadurch nur kann das gewöhnliche Leben unterhalten werden. Doch kann der ganze Sinn solcher Einrichtungen, die so für das gewöhnliche Leben bestehen, nicht maßgebend sein für die Seelenentwicklung, die geistig gefordert worden ist. Für diese Seelenentwicklung ist alles, was geistig gedacht, vorgestellt, empfunden und gefühlt, gewünscht werden kann, nur da zur inneren Selbsterziehung, um die Seele weiterzubringen, um die Seele gleichsam innerlich mit Kräften auszustatten, also nicht, was man fühlt, was man als äußere Wahrheit anerkannt durch sein Denken und Empfinden, darauf kommt es an, sondern darauf, was dieses Denken, Fühlen und Empfinden in der Seele hervorbringt, was es aus der Seele macht.
[ 13 ] What are these purely mental activities? For they are indeed purely mental activities. Meditation is a kind of spiritual experience; but it differs from everything else to which human beings are otherwise accustomed. Let us consider how this activity of the mind is understood. It differs from all other human activities in that the latter serve to form concepts, ideas, and feelings in order to perceive something external inwardly, to represent something external. People seek images and expressions in everyday life. Only in this way can everyday life be sustained. Yet the entire purpose of such mechanisms, which exist for the sake of everyday life, cannot be decisive for the soul’s development that has been spiritually demanded. For this soul development, everything that can be spiritually thought, imagined, sensed, felt, and desired serves only for inner self-education—to advance the soul, to endow the soul, as it were, with inner strength. Thus, what matters is not what one feels or what one has recognized as external truth through one’s thinking and feeling, but rather what this thinking, feeling, and sensing brings forth in the soul, what it makes of the soul.
[ 14 ] Damit stehen wir schon auf einem ganz anderen Boden, als es der Boden des gewöhnlichen Lebens, der Wissenschaft ist. In einer gewissen Weise muss der Mensch frei werden von dem, was seine Begriffe bedeuten, von dem, woran seine Empfindungen sich schließen, und muss ganz mit seiner Seele hingegeben sein irgendeiner Übung. Es ist am besten, wenn der Mensch nicht solche Vorstellungen für die Meditation nimmt, die etwas Äußerliches darstellen, denn dabei fühlt man die Abhängigkeit von der äußerlichen Welt. Am besten sind für die Meditation Vorstellungen, welche ganz allein in der Seele leben können.
[ 14 ] This places us on entirely different ground than that of ordinary life or science. In a certain sense, a person must free themselves from the meanings of their concepts and from the objects to which their sensations are attached, and must devote their entire soul to some form of practice. It is best not to use ideas for meditation that represent something external, for in doing so one feels a dependence on the external world. The best ideas for meditation are those that can live entirely within the soul.
[ 15 ] Eine Vorstellung, die dem äußerlich materiell Denkenden töricht sein wird: Man stelle sich vor, jemand habe zwei Gläser vor sich, das eine mit Wasser, das andere leer. Jetzt stelle man sich vor, er gieße aus dem einen Glas Wasser in das andere hinein und das teilweise gefüllte würde nicht leerer, sondern immer voller, und je mehr er abschüttet, desto voller wird das Glas.
[ 15 ] An idea that will seem foolish to those who think in purely material terms: Imagine that someone has two glasses in front of them, one filled with water, the other empty. Now imagine that he pours water from one glass into the other, and the partially filled one does not become emptier, but rather fuller and fuller—and the more he pours out, the fuller the glass becomes.
[ 16 ] Es ist das kein äußerlicher wirklicher Vorgang. Darauf kommt es auch nicht an, sondern darauf, was dieser in der Seele hervorrufen kann. Es kann ein Symbolum sein für Folgendes: Es weist uns hinein in ein Gebiet des Lebens, das uns [auf der einen Seite] immer und immer wieder in dessen Tiefen hineinführt, auf der anderen Seite uns immer wieder Lebensrätsel aufgibt, dasjenige, was wir mit «Liebe» zusammenfassen, von der leidenschaftlichen Liebe angefangen bis hinauf zur seelischen Form der Liebe. Unsummen von Menschenleid können zusammengefasst werden in dieser Vorstellung, und eine Eigenschaft hat die Liebe: die Eigenschaft, dass der liebende Mensch, wenn er aus der Liebe heraus etwas für den anderen tut, hingibt sein geistiges Gut, dass er nicht ärmer und leerer wird, sondern voller und voller.
[ 16 ] This is not an external, real event. That is not what matters; rather, what matters is what it can evoke in the soul. It can be a symbol for the following: It points us toward a realm of life that, on the one hand, leads us deeper and deeper into its depths, and on the other hand, repeatedly presents us with life’s mysteries—that which we summarize as “love,” ranging from passionate love all the way up to the spiritual form of love. Immeasurable amounts of human suffering can be summed up in this concept, and love has one characteristic: the characteristic that when a loving person does something for another out of love, they give of their spiritual wealth—and in doing so, they do not become poorer or emptier, but fuller and fuller.
[ 17 ] Es ist doch nicht so ganz töricht, sich solche Bilder und Sinnbilder zu bilden. Auf anderem Gebiet ist der Mensch gewöhnt, sich solche Sinnbilder zu bilden [wie eine] Medaille. Die Medaille ist kreisrund. Wir brauchen uns gar nicht weiter zu kümmern, sondern zeichnen einen Kreis auf. Alle Eigenschaften des Kreises gelten für die Medaille.
[ 17 ] It’s not entirely foolish to form such images and symbols. In other areas, people are accustomed to forming such symbols [such as] a medal. A medal is circular. We don’t need to worry about it any further; we simply draw a circle. All the properties of the circle apply to the medal.
[ 18 ] Es kommt nicht darauf an, ein Objekt zu erkennen, um vielleicht die Liebe in ihrem Wesen ergründen zu können, sondern dass man eine Vorstellung hat, die emanzipiert ist von der äußeren Wirklichkeit. Bedenken wir, was dadurch geschieht, wenn man es zuwege bringt, die Seele leer zu machen von allen Verstandesurteilen, von allen äußeren Eindrücken, und dass man den ganzen Umfang der Seelenkraft nur konzentriert auf eine solche Vorstellung, die man sich zurechtgerückt hat. Sonst im Leben verteilen wir die mannigfaltigsten Seelenkräfte, die wir in uns haben, auf die mannigfaltigsten Vorstellungen aus dem Verhalten des Menschen. Wir haben oft die Seele zugleich mit vielem beschäftigt. Wir entleeren die Seele nun vollständig davon und konzentrieren uns vollständig auf eine solche Vorstellung, zum Beispiel des Wohlwollens, der Güte. Wir müssen uns ausschließlich darauf konzentrieren, darin leben, und wenn wir Geduld und Ausdauer genug haben, solche Übungen immer und immer wieder zu machen, dann werden wir es tatsächlich dahin bringen, dass schlafende Kräfte in unserer Seele wachgerufen werden. Wir lernen, uns, während wir sonst ein mehr leidendes, passives Wesen sind, in ein tätiges Wesen zu verwandeln, und erfassen uns so zunächst an uns selber. Nur genügt es nicht, nur ein paar solcher Seelenübungen zu machen, sondern es hängt alles davon ab, Geduld zu haben, die Seele so zuzubereiten, dass sie immer Regsamkeit fühlt.
[ 18 ] What matters is not recognizing an object in order to perhaps fathom the essence of love, but rather having a conception that is emancipated from external reality. Let us consider what happens when one succeeds in emptying the soul of all intellectual judgments, of all external impressions, and concentrates the full scope of one’s soul power solely on such a concept as one has formulated for oneself. Otherwise, in life, we distribute the manifold powers of the soul that we possess among the manifold ideas derived from human behavior. We often have our soul occupied with many things at once. We now completely empty the soul of these and concentrate entirely on a single concept—for example, benevolence or kindness. We must focus exclusively on this, live within it, and if we have enough patience and perseverance to perform such exercises over and over again, then we will indeed succeed in awakening dormant powers within our soul. We learn to transform ourselves—from beings who are otherwise more passive and prone to suffering—into active beings, and in this way we first come to understand ourselves. However, it is not enough to do just a few such soul exercises; rather, everything depends on having the patience to prepare the soul so that it always feels a sense of vitality.
[ 19 ] Dann kommt ein Zeitpunkt, an dem die Seele sich wie neugeboren fühlt, dadurch, dass sie nicht mehr nötig hat, sich solche Bilder zu bilden, solche Vorstellungen vor sich hinzustellen, sondern diese treten dann wie aus den Tiefen der Seele selber auf, und der Mensch lebt dann in der Tat wie in einer neuen Welt, die aus den verborgenen Untergründen auftaucht. Wenn der Mensch so weit ist, dann beginnt eigentlich erst die eigentliche Geistesschulung, denn dann tritt vor ihm eine neue Welt auf. Aber was ist diese Welt? Um uns zu verständigen, was diese Welt ist, wollen wir hinweisen darauf, dass der heutige materialistische Mensch, wenn es sich um die imaginative Welt handelt, glaubt: Das sind Einbildungen, Phantasien, das ist gleich zu achten dem, was in der kranken, pathologischen Seele auftaucht.
[ 19 ] Then there comes a point when the soul feels as if it were reborn, because it no longer needs to form such images or conjure up such ideas for itself; instead, these arise as if from the depths of the soul itself, and the person then truly lives as if in a new world that emerges from the hidden depths. When a person has reached this point, that is when the true training of the spirit actually begins, for a new world then appears before them. But what is this world? To understand what this world is, let us point out that today’s materialistic person, when it comes to the imaginative world, believes: These are delusions, fantasies; they are to be regarded as equivalent to what arises in a sick, pathological soul.
[ 20 ] Wenn wir erkennen, dass man mit dieser imaginativen Welt erst am Anfang ist zur Geistesforschung, dann vergleichen wir, was der Geistesforscher durch Meditation erlangt hat, mit dem, was man in einer ungesunden Seele erleben kann. Eine Eigenschaft, die Ihnen wohl bekannt sein wird, die treffen wir bei kranken Menschen an, die Eigenschaft, dass solche Menschen den unerschütterlichen Glauben haben, dass sie einer objektiven Welt gegenübertreten, und es ist vergeblich, ihnen das ausreden zu wollen. Sie bringen mit größtem Scharfsinn alles vor, woran man gar nicht gedacht hat, womit sie den denkenden Verstand bemeistern. Würde der Geistesforscher niemals in der Lage sein, hier Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden, so würde er sich eben nicht von einer solchen kranken Seele unterscheiden. Es handelt sich darum, wie man sich dazu verhält.
[ 20 ] When we realize that this imaginative world is only the beginning of spiritual research, we compare what the spiritual researcher has attained through meditation with what one can experience in an unhealthy soul. There is a trait—one with which you are likely familiar—that we encounter in sick people: the fact that such individuals hold the unshakable belief that they are facing an objective world, and it is futile to try to dissuade them of this. With the greatest acuity, they present arguments that one had not even considered, thereby mastering the thinking mind. If the researcher of the spirit were never able to distinguish between truth and error here, he would be no different from such a sick soul. The question is how one relates to this.
[ 21 ] Schon daraus können Sie ersehen, dass es zunächst sich um nichts anderes handelt als um Gebilde, die aus dem eigenen Inneren auftreten, die also nichts anderes zu sein brauchen als Widerspiegelungen desjenigen, was der Mensch im eigenen Innern hat. Der Mensch hat Kräfte rege gemacht, inneres Leben geweckt, das vorher nicht da war, er hat aber doch in nichts anderem gelebt als in sich selber. Was vor ihm steht, ist zunächst nichts anderes als die Widerspiegelung seines eigenen Inneren. Weil diese Widerspiegelung von dem Menschen so erlebt wird, so ist es außerordentlich schwer, nun den Entschluss zu fassen, der von dem wirklichen Geistesforscher nun gefasst werden muss. Es ist durchzubringen die Erkenntnis, dass man es mit nichts zu tun hat als mit den Widerspiegelungen des eigenen Innern, dessen, was man in der eigenen Seele trägt. Aber es genügt nicht allein, dass der Geistesforscher weiß, dass alles nur Widerspiegelung des eigenen Innern ist, sondern [dass er] tatsächlich auch die Stärke hat, die ganze imaginative Welt zu unterdrücken, sodass sie nicht mehr da ist.
[ 21 ] From this alone, you can see that these are, at first, nothing more than formations that arise from within oneself—and thus need be nothing more than reflections of what a person holds within. A person has activated forces and awakened an inner life that was not there before, yet they have lived in nothing other than themselves. What stands before them is, at first, nothing other than the reflection of their own inner being. Because this reflection is experienced in this way by the person, it is extraordinarily difficult to make the decision that the true researcher of the spiritual must now make. One must come to the realization that one is dealing with nothing other than the reflections of one’s own inner being—that which one carries within one’s own soul. But it is not enough for the spiritual researcher merely to know that everything is merely a reflection of one’s own inner being; rather, [he] must also actually possess the strength to suppress the entire imaginative world so that it no longer exists.
[ 22 ] Es gibt auch die Möglichkeit, dass Menschen zu derartigem Erleben kommen ohne Schulung. Solche Menschen sind dann gewöhnlich verliebt in derartige Erlebnisse. Der Mensch ist gewöhnlich ungeheuer froh, wenn eine solche Welt in ihm auftritt. Es ist deshalb nur durch starke Willenstrainierung zu erreichen, dass der Mensch, wenn er zum Geistesforscher werden will, die ganze imaginative Welt unterdrückt, sodass sie nicht mehr da ist. Er unterdrückt damit eigentlich seine eigene Wesenheit, wofür er sich trainiert hat. Man bemerkt dann erst, wie sehr man in sich selbst verliebt ist.
[ 22 ] It is also possible for people to have such experiences without any training. Such people are usually enamored with these kinds of experiences. A person is usually immensely happy when such a world appears within them. Therefore, if a person wishes to become a researcher of the spirit, it can only be achieved through rigorous training of the will—to the point where they suppress the entire imaginative world so that it no longer exists. In doing so, they are actually suppressing their own essence, which is precisely what they have trained themselves to develop. Only then does one realize how deeply in love one is with oneself.
[ 23 ] Es gehört zu den stärksten Willensanstrengungen, diese Widerspiegelungen zu unterdrücken. Der Mensch lebt schon im äußeren Leben in Selbstliebe, und dies verstärkt sich, wenn dies innere Leben beginnt. Jetzt soll man unterdrücken, wofür man sich angestrengt hat. Es muss aber geschehen. Dann aber, wenn man dies ganz unterdrückt hat, den starken Willensentschluss entwickelt hat, auszulöschen diese Widerspiegelungen, so hat man die Imaginationen abgelöst und muss warten, bis sie wiederkommen. Dann kommen sie in einer neuen Gestalt wieder, sodass es dann unmöglich ist, zu verkennen, man habe es jetzt mit einer objektiven Welt zu tun. Wer mit solchen Dingen bekannt ist, der findet es begreiflich, dass zahlreiche Menschen diesen Vorgang einfach ableugnen, aus dem Grunde, weil alles dasjenige in der Ausführung nicht leicht ist. Dann aber, wenn eine neue Welt heraufgekommen ist, nachdem der Mensch die erste imaginative Welt unterdrückt hat, dann weiß man in dieser neuen Welt ebenso zu unterscheiden zwischen Phantasterei und Wirklichkeit. Es gilt für viele, die Welt sei unsere Vorstellung. Und wenn schon eine solche Philosophie behauptet, man könne über die Vorstellung nicht hinauskommen, dann würde es umso leichter sein, zu sagen: Wie soll man dann noch unterscheiden zwischen Vorstellung und Wirklichkeit? Dieser Satz ist leicht widerlegbar. Es ist eine Banalität, die ich sagen werde, das macht aber nichts. Der Limonadengeschmack auf der Zunge bei bloßer Vorstellung – damit lässt sich aber kein Durst löschen.
[ 23 ] Suppressing these reflections requires one of the greatest acts of willpower. A person already lives in self-love in their outer life, and this intensifies when their inner life begins. Now one must suppress what one has strived to achieve. But it must be done. Then, however, once one has completely suppressed this and developed the strong resolve to eradicate these reflections, one has shed the imaginations and must wait until they return. Then they return in a new form, making it impossible to mistake them for anything other than an objective world. Anyone familiar with such matters will find it understandable that many people simply deny this process, simply because none of this is easy to carry out. But once a new world has emerged—after one has suppressed the first imaginative world—one is then able to distinguish just as clearly in this new world between fantasy and reality. Many believe that the world is merely our imagination. And even if such a philosophy claims that one cannot go beyond imagination, it would be all the easier to say: How, then, can one still distinguish between imagination and reality? This statement is easily refutable. What I am about to say is a truism, but that does not matter. The taste of lemonade on the tongue from mere imagination—that cannot quench one’s thirst.
[ 24 ] Es gibt keinen logischen Beweis dafür, ob eine Sache wirklich ist oder nur eine Vorstellung ist. Der Beweis kann nur durch das Leben geliefert werden. Aber durch die Erfahrung wird auch genau unterschieden zwischen Vorstellung, bloßer Phantasievorstellung und dem, was real ist; oder sollte der Mensch nicht unterscheiden können zwischen vorgestelltem heißen Eisen und wirklichem heißen Eisen? Dasselbe gilt auch für den Kant’schen Satz, dass drei wirkliche Taler nicht mehr oder weniger enthalten als drei mögliche Taler. Mit wirklichen Talern kann man eine Schuld bezahlen, mit möglichen nicht.
[ 24 ] There is no logical proof as to whether something is real or merely a figment of the imagination. Proof can only be provided by life itself. But experience also makes a clear distinction between imagination, mere fantasy, and what is real; or should a person be unable to distinguish between an imagined hot iron and a real hot iron? The same applies to Kant’s proposition that three real talers contain no more or less than three possible talers. One can pay a debt with real talers, but not with possible ones.
[ 25 ] Man mag sagen, bei Geistigem sei das doch anders, da könne das, was man erschaut, doch wirklich eine Selbstsuggestion sein. Das wirkliche Leben gibt den Unterschied. Man muss aber erst drinstehen im wirklichen Leben. Das Leben allein entscheidet über die Realität, und so [ist es] auch auf geistigem Gebiete. Es bringt uns das Üben der Seele, das Hervorrufen von Erkenntniskraft in der Seele dazu, den Unterschied zu machen zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. So bringt es der Mensch dahin, den Zustand hervorzurufen, der allerdings dem Schlafzustand ähnlich ist dadurch, dass der Mensch sich nicht seines Leibes bedient. Dann, wenn der Mensch zu dieser imaginativen Erkenntnis gelangt ist, geht es hinauf zu höheren Stufen, wo der Mensch tatsächlich anfängt, das um sich zu haben, was man eine geistige Welt nennt, und nicht nur in der Weise, wie zwischen Tod und einer neuen Geburt, sondern so, dass sie hereintritt in seine gedachten Vorstellungen, an die man sich erinnert. Der Mensch gelangt zur Erkenntnis von Wahrheiten über die jenseitige Welt. Wie die charakterisierten Fragen durch Meditationen zu lösen sind, muss in der Literatur nachgelesen werden. Es handelt sich darum, dass, wenn der Mensch auf diese Weise versucht, Erkenntnisse zu erlangen, der Irrtum wirklich nicht so auftritt, wie er dem äußeren Wissen gegenüber auftritt, sondern dass der Irrtum dann überall hervorspringt. In der äußeren Welt werden wir korrigiert durch mancherlei, woran wir gewöhnt sind. Auf diesem Gebiete gibt es nicht so leicht eine Korrektur. Der Mensch ist auf sich selbst angewiesen.
[ 25 ] One might say that things are different in the spiritual realm, where what one perceives could indeed be mere self-suggestion. Real life is what makes the difference. But one must first be immersed in real life. Life alone determines reality, and this is also true in the spiritual realm. The training of the soul—the awakening of the soul’s power of insight—enables us to distinguish between imagination and reality. In this way, the human being is led to bring about a state that is, admittedly, similar to the state of sleep in that the human being does not make use of the body. Then, once a person has attained this imaginative insight, they ascend to higher levels, where they actually begin to experience what is called the spiritual world—not merely in the manner that exists between death and a new birth, but in such a way that it enters into their mental images, which they recall. The individual gains insight into truths about the world beyond. How to resolve the questions described through meditation must be looked up in the literature. The point is that when the individual attempts to gain insights in this way, error does not arise in the same way it does in relation to external knowledge, but rather error then emerges everywhere. In the external world, we are corrected by various things to which we are accustomed. In this realm, correction does not come so easily. Human beings must rely on themselves.
[ 26 ] Es gibt zunächst zwei Dinge, die berücksichtigt werden müssen. Sie können heute nur angeführt werden als Erfahrungssatz. Es sind dies zwei Dinge, die der Mensch in die Geisteswelt hineinträgt, weil er ja seine ganze Seelenverfassung hineinträgt, die Art seiner Urteilskraft, seine moralische Verfassung. Was trägt der Mensch hinein in diese geistigen Welten? Was der Mensch als gute oder schlechte Urteilskraft entwickelt, trägt dazu bei, ob der Mensch in der richtigen Weise Anregung erhalten wird. Gesunde Urteilskraft wird seine Seele in der richtigen Weise rege machen. Was in seiner Seele leben muss, wird dadurch regelmäßig entwickelt, wie unsere normalen Augen und Ohren. Wie also schlecht beschaffene Sinne sich zur Welt verhalten, so verhält sich in der Seele das, was herangebildet wird, wenn der Mensch sich nicht bemüht, gesunde Urteilskraft zu erhalten. Wer in die geistige Welt hineingehen will, muss von gesundem Menschenverstand ausgehen.
[ 26 ] There are, first of all, two things that must be taken into account. Today, they can only be stated as principles derived from experience. These are two things that a person brings into the spiritual world, for they bring their entire soul disposition into it—the nature of their power of judgment and their moral disposition. What does a person bring into these spiritual worlds? Whatever a person develops as good or poor judgment contributes to whether that person will receive stimulation in the right way. Sound judgment will stimulate the soul in the right way. What must live in the soul is developed in a regular way, just as our normal eyes and ears are. Just as poorly developed senses relate to the world, so too does that which is formed in the soul when a person does not strive to maintain sound judgment. Anyone who wishes to enter the spiritual world must proceed from sound common sense.
[ 27 ] Das Zweite, was wir hineintragen müssen, ist eine gesunde moralische Seelenverfassung und Seelenstimmung, eine solche Seelenstimmung und Seelenverfassung, welche in gewisser Weise es dahin gebracht hat, frei zu sein von Seelenstimmungen. Wenn ein Mensch unmoralische Seelenstimmungen hineinträgt, so wirkt das nicht wie ungesunde Urteilskraft, sondern es wirkt unmoralische Seelenstimmung wie betäubend, nur nicht auslöschend, sondern schlechte Bilder hervorrufend, unwahre Bilder. Bloße Täuschung der Seelenwelt gegenüber wäre bloß zurechtzurücken durch die Urteilskraft; was hervorgerufen wird als Blendwerk durch unmoralische Seelenstimmung, das ist da und an das glaubt man, wenn nicht zugleich mit der geistigen Schulung auch die moralische Tatkraft einsetzt.
[ 27 ] The second thing we must bring into ourselves is a healthy moral state of mind and mood—a state of mind and mood that, in a certain sense, has led us to be free from moods. When a person brings in immoral states of mind, this does not manifest as unhealthy judgment; rather, the immoral state of mind acts as a numbing influence—not one that extinguishes, but one that evokes false images, untrue images. Mere deception on the part of the soul-world could simply be corrected by the power of judgment; but what is evoked as an illusion by an immoral state of mind is present, and one believes in it unless moral energy is applied alongside spiritual training.
[ 28 ] Denn es ist in der Geistesschulung zu berücksichtigen, dass der Mensch von manchem frei werden muss, wovon er nur schwer frei wird, wenn er objektiv forschen will. Wir wollen vom gewöhnlichen Leben ausgehen. Da finden wir eine Erscheinung, welche eigentlich überall studiert werden kann. Wir finden Menschen, die sind Materialisten und glauben nur an Natur und Gesetz. Solche Menschen meinen, dass derjenige, der nicht nur an Natur glaubt, eben ein Tor sei, und dass alles Unsinn ist, was nicht auf materialistischem Gebiete erklärbar ist. Dagegen gibt es Idealisten, welche wenig gewöhnt sind, mit Materie umzugehen. Sie sind mehr gewöhnt und achten mehr Menschen mit einem ausgesprochenen Seelenleben. Sie sind daher besser geeignet, die Welt und ihre immateriellen Verhältnisse zu erkennen. Es gibt Realismus und Spiritualismus, und der größte Fehler ist im gewöhnlichen Leben, dass jeder schwört auf seinen «Ismus». Was ist dieser «Ismus» anderes, als was sie sich eingebildet haben: der Ausdruck ihres eigenen Selbst. Sie lieben es daher. Der Idealist liebt seine Ideen und so weiter. Weiter blickende Geister wie Goethe sind in der Tat nicht so gestimmt, dass sie sagen: Ich bin ein Idealist, von meinem Standpunkt ist die Sache so –, sondern gerade bei Goethe können wir sehen, wie er überzeugt ist von dem, was dem eigentlichen Materialisten eigentlich als Torheit gilt.
[ 28 ] For in spiritual training, one must take into account that a person must free themselves from certain things, which are difficult to let go of if they wish to conduct objective research. Let us take ordinary life as our starting point. There we find a phenomenon that can actually be studied anywhere. We find people who are materialists and believe only in nature and the laws of nature. Such people believe that anyone who does not believe solely in nature is simply a fool, and that anything that cannot be explained in materialistic terms is nonsense. In contrast, there are idealists who are not very accustomed to dealing with matter. They are more accustomed to—and place greater value on—people with a pronounced inner life. They are therefore better suited to understanding the world and its immaterial realities. There is realism and spiritualism, and the greatest mistake in everyday life is that everyone swears by their own “-ism.” What is this “-ism” other than what they have imagined it to be: the expression of their own self. That is why they love it. The idealist loves his ideas, and so on. More far-sighted minds like Goethe are in fact not inclined to say, “I am an idealist; from my point of view, this is how things are”—rather, in Goethe’s case in particular, we can see how convinced he is of what the true materialist actually regards as folly.
[ 29 ] Vor uns lebt sich die Welt der materialistischen Erscheinungen aus, und man muss die Materie und das Gesetz studieren – und man wird einsehen, dass das, was Materie gewährt, seine Berechtigung hat. So hat man auch dasjenige, was der Welt und ihren materiellen Erscheinungen angehört, auch durch diese materiellen Erscheinungen zu erklären. Man kann sich sehr wohl einlassen auf die Erklärungen, welche der Materialist gibt für die Materie. Goethe sagt: Zwischen den verschiedenen einseitigen Richtungen eröffnet sich der Weg in die Wahrheit hinein. – Man muss erkennen, dass die Welt eine äußerst mannigfaltige ist und dass man die verschiedenen Gebiete durch die verschiedensten Denkformen und Vorstellungsarten ergreifen muss. So wird man es eben immer wieder treffen, dass man die Materie auf materialistische Weise erklären muss. Will man Geistesforscher werden, so ist es notwendig, dass man schon im gewöhnlichen Leben sich zurechtfindet. Man kommt darüber hinaus, wenn man Selbsterkenntnis übt, die oft recht schwer ist. Wenn man Selbsterkenntnis objektiv zu üben versucht, merkt man bald, welchen Standpunkt man einnimmt. Es hat dies weiter keine Bedeutung außer in unserem Seelenleben. Man ist dann eher geneigt, auch anderen einen solchen Standpunkt zuzugestehen. Solche Vorstellungen sind notwendig.
[ 29 ] The world of materialistic phenomena unfolds before us, and one must study matter and its laws—and one will come to realize that what matter offers has its justification. Thus, one must also explain that which belongs to the world and its material phenomena through these very material phenomena. One can certainly accept the explanations that the materialist offers for matter. Goethe says: “Between the various one-sided tendencies, the path to truth opens up.” – One must recognize that the world is an extremely diverse one and that one must approach the various fields through the most diverse forms of thought and modes of perception. Thus, one will repeatedly find that matter must be explained in a materialistic way. If one wishes to become a researcher of the spirit, it is necessary to find one’s bearings in ordinary life. One goes beyond this by practicing self-knowledge, which is often quite difficult. When one tries to practice self-knowledge objectively, one soon realizes what standpoint one takes. This has no further significance except in our inner life. One is then more inclined to grant others such a standpoint as well. Such perspectives are necessary.
[ 30 ] Der Geistesforscher muss erkennen, dass Standpunkte für Weltgebiete da sind, und dass man gleichsam die Möglichkeit haben muss, die Welt im Ganzen zu ergreifen, dass man ihr von den verschiedenen Seiten mit den verschiedenen Standpunkten beikommt, wie man erkennt die Form eines Baumes dadurch, dass man ihn von verschiedenen Seiten fotografiert. Ein materialistisches und ein idealistisches Weltbild kann beides richtig sein. Diese Erkenntnis muss man gewinnen durch Selbsterkenntnis. Durch Selbsterkenntnis sucht man die Einseitigkeit zu überwinden.
[ 30 ] The spiritual researcher must recognize that there are different perspectives for different regions of the world, and that one must, as it were, be able to grasp the world as a whole—that one approaches it from various sides with different perspectives, just as one recognizes the shape of a tree by photographing it from different angles. Both a materialistic and an idealistic worldview can be correct. One must arrive at this realization through self-knowledge. Through self-knowledge, one seeks to overcome one-sidedness.
[ 31 ] Es nimmt sich vieles in der Praxis anders aus als in der Theorie, wenn man sich die Mühe nimmt, es ernstlich auszuführen. Einen Standpunkt hat man erobert, und wenn man die Eingeschränktheit desselben einsieht, fühlt man den Boden unter sich wanken. Der Standpunkt, den wir uns errungen, ist unser eigenes Selbst. Und darum muss man solche Gefühle eben durchmachen, sonst kommt man vom eigenen Selbst nicht los, sonst bleibt alles subjektiv geformt. Dieses «Von-sich-Loskommen» ist es, worauf es ankommt. Wenn hier von Irrtümern die Rede ist, kann man nicht sagen: Das sind Wahrheiten und das sind Irrtümer. Man wird von den Irrtümern frei durch Selbsterziehung, wenn man von sich loskommt, wenn man die Standpunktgeschichte aufzugeben vermag. In nichts ist der Mensch so vernarrt als in seinen Standpunkt.
[ 31 ] In practice, many things turn out differently than in theory when one takes the trouble to carry them out seriously. One has attained a point of view, and when one recognizes its limitations, one feels the ground shifting beneath one’s feet. The standpoint we have attained is our very self. And that is precisely why one must go through such feelings; otherwise, one cannot break free from one’s own self, and everything remains shaped by subjectivity. This “breaking free from oneself” is what matters most. When we speak of errors here, one cannot simply say: “These are truths and those are errors.” One becomes free from errors through self-education, by detaching oneself from one’s own perspective, by being able to let go of the history of one’s own standpoint. In nothing is a person so attached as to their own standpoint.
[ 32 ] Er muss aber noch weiter gehen. Er muss nicht nur von dem, was wir Standpunkt nennen, loskommen, sondern loskommen von dem Subjektiven seines Denkens und Fühlens. Man muss Selbsterkenntnis üben, doch das dringt ein wie von selbst, wenn die Geistesschulung in der richtigen Weise vorgenommen wird.
[ 32 ] But he must go even further. He must not only break free from what we call a “point of view,” but also break free from the subjectivity of his thinking and feeling. One must practice self-knowledge, yet this comes naturally when the training of the mind is carried out in the right way.
[ 33 ] Wenn wir der geistigen Welt gegenüberstehen, sind wir außerhalb des gewöhnlichen Lebens, in dem wir sonst stehen. Wir stehen uns gegenüber, sind selbst eine Sache geworden. Sonst leben wir uns, jetzt stehen wir uns selbst gegenüber wie einem äußerlichen Dinge. Der Geistesforscher reiht sich ein in die geistigen Dinge, wenn er in die geistige Welt aufstrebt. Wir vergleichen uns mit der geistigen Welt. Dieser Vergleich fällt gewöhnlich nicht günstig aus. Das ist leicht begreiflich, denn wenn der Mensch beginnt, sich selbst zu erkennen, so weiß er dann alles, was ihm fehlt. Der Mensch schrickt zurück vor der Selbsterkenntnis. Es ist in der Tat wahr: Selbsterkenntnis ist dasjenige, dass wir uns entreißen dasjenige, was wir geliebt haben. Wir schweben in der Luft. Wir haben bisher in einer gewissen Weise empfunden; wir müssen das als eng begrenzte Persönlichkeit ansehen. Wir haben in einer gewissen Weise gedacht – eng begrenzte Persönlichkeit. Jetzt erst merkt der Mensch, wie er in sich selbst verliebt ist. Selbsterkenntnis ist nicht nur deshalb, weil so schwer zu erreichen, schwierig, sondern auch deshalb, weil sie moralischen Mut erfordert, weil man sich aus sich heraussetzt, dasjenige, was man war, neben sich setzt; weil man in eine neue Seelenverfassung kommt, die man ganz ungewöhnt ist.
[ 33 ] When we face the spiritual world, we are outside the ordinary life in which we otherwise find ourselves. We stand face to face with ourselves; we have become a thing in and of ourselves. Normally we live as ourselves; now we face ourselves as if we were an external object. The spiritual researcher joins the ranks of spiritual beings when he aspires toward the spiritual world. We compare ourselves to the spiritual world. This comparison usually does not turn out favorably. This is easy to understand, for when a person begins to recognize himself, he then knows everything that he lacks. People recoil from self-knowledge. It is indeed true: self-knowledge is the act of tearing ourselves away from what we have loved. We float in the air. Until now, we have felt in a certain way; we must regard this as a narrowly limited personality. We have thought in a certain way—a narrowly limited personality. Only now does a person realize how much he is in love with himself. Self-knowledge is difficult not only because it is so hard to attain, but also because it requires moral courage—because one steps outside of oneself, sets aside what one was; because one enters a new state of mind to which one is entirely unaccustomed.
[ 34 ] Diese Stimmung erlebt zu haben, das ist es, was notwendig ist, um Irrtümer zu vermeiden auf dem Gebiete der Geistesforschung. Die Irrtümer kommen aus uns. Immer müssen wir diesen Eindruck erneuern können, uns selbst neben uns hinstellen, dann wissen wir, was auszuschalten ist; dann wissen wir die Irrtümer auszuschalten. Auf dem Gebiete der Geistesforschung ist es nicht wie in der gewöhnlichen Welt, wenn man den Irrtum wiederholt. Wir müssen Irrtümer bekämpfen auf Schritt und Tritt, sie sind Realitäten. Wahrheiten müssen auf geistigem Gebiete auf Schritt und Tritt geschöpft werden, denn wenn wir alles dies einsehen, dann erst können wir uns verständigen darüber, welchen Wert Erkenntnisse der geistigen Welt haben, denn es kann ja der Einwand gemacht werden: Dann hat die geistige Welt nur Bedeutung für diejenigen, die hineinschauen können. So ist es nicht: Nur derjenige, der die geistige Welt erforschen will, muss hineinschauen können. Einsehen kann sie jeder unbefangene Mensch.
[ 34 ] To have experienced this state of mind—that is what is necessary to avoid errors in the field of spiritual research. Errors arise from within us. We must always be able to renew this impression, to stand beside ourselves; then we will know what to eliminate; then we will know how to eliminate errors. In the field of spiritual research, it is not like in the ordinary world, where one simply repeats a mistake. We must combat errors at every turn; they are realities. In the spiritual realm, truths must be drawn upon at every turn; for only when we understand all this can we agree on the value of insights into the spiritual world—since the objection might be raised: “Then the spiritual world has significance only for those who can look into it.” That is not the case: only those who wish to explore the spiritual world must be able to look into it. Any open-minded person can understand it.
[ 35 ] Wie verhält sich der Geistesforscher zu der gewöhnlichen Seelenverfassung? Ein Maler muss viel lernen, ehe er ein Bild vor sich hinstellen kann. Beim Betrachten des Bildes sieht dann der eine nur die Farbenzusammenstellungen, der andere sieht nach demjenigen, was durch den Maler hineingelegt worden ist, und gerade denjenigen, der am tiefsten erlebt, den würde stören, wenn ein Theoretiker kommt und ihm erklärte, wie Farben gemischt werden, oder wenn jemand Auseinandersetzungen machen würde über Kunstgeschichte und so weiter. Man steht vor dem Bilde: Kann man erfassen, was hineingelegt worden ist, so erfasst man es, und man braucht kein Maler zu sein. So ist es auch mit dem, was der Geistesforscher zutage fördert.
[ 35 ] How does the spiritual researcher relate to the ordinary state of mind? A painter must learn a great deal before he can create a painting. When looking at the painting, one person sees only the color combinations, while another looks for what the painter has put into it; and it is precisely the person who experiences it most deeply who would be disturbed if a theorist came along and explained how colors are mixed, or if someone were to engage in debates about art history and so on. One stands before the painting: if one can grasp what has been put into it, then one grasps it, and one need not be a painter. The same is true of what the spiritual researcher brings to light.
[ 36 ] Dann muss der Geistesforscher das, was er erforscht, in Begriffe bringen, die den Menschen seiner Zeit geläufig sind, die für den gesunden Sinn durchdringbar sind; und dann empfängt es der andere als Zuhörer oder Leser, nur darf der Mensch nicht mit Vorurteilen an das herantreten, was der Geistesforscher zu sagen hat. Dann sieht er durch gesunden Sinn dasjenige ein, was der Geistesforscher heruntergebracht hat. Nicht ist es etwa so, dass nur dasjenige eingesehen werden könnte, was der Geistesforscher bringt, wenn man diese Urteilskraft anwendet; das, was die Seele bewegt, wird in hinreichender Weise gegeben, auch wenn sie nicht selbst Geistesforscher ist.
[ 36 ] Then the spiritual researcher must express what he is investigating in terms that are familiar to the people of his time, terms that are comprehensible to sound judgment; and then the other person—whether listener or reader—will receive it, provided that the person does not approach what the spiritual researcher has to say with preconceptions. Then, through sound judgment, they will understand what the spiritual researcher has conveyed. It is not the case that one can only grasp what the spiritual researcher presents by applying this faculty of judgment; what moves the soul is sufficiently conveyed, even if the soul itself is not a spiritual researcher.
[ 37 ] Der Geistesforscher selbst hat nichts von seinem Forschen, wenn er nur dort bleibt und die Dinge anschaut, wenn er, was er sieht, nicht herunterbringt, [so] dass er es anderen Menschen mitteilen kann. In dem, was durch Geistesforschung gegeben werden kann, sind der Geistesforscher und derjenige ganz gleich, der nur durch gesundes Wahrheitsgefühl die Dinge aufnimmt. Weil dies so ist, so kann auch nur mit Berücksichtigung dieser Eigentümlichkeit von Wahrheit und Irrtum ein gedeihliches Verbreiten der Erkenntnis der Geistesforschung geschehen, und hier muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass also die Wahrheit dessen, was Geistesforschung zu sagen hat, verkündet werden kann von dem Geistesforscher, und dass alles eingesehen werden kann von dem gewöhnlichen Verstand, wenn man unbefangen genug ist. Mit dem ganzen Umfang der Wissenschaft kann nachgeprüft werden, was durch Geistesforschung gesagt wird, mit einer halben Wissenschaft nicht. Wenn es auf der einen Seite richtig ist, dass das natürliche Wahrheitsgefühl sich jederzeit überzeugen kann von dem, was der Geistesforscher hervorbringt, so muss auch gesagt werden, dass dieses Wahrheitsgefühl auch angewendet werden muss gegenüber dem Geistesforscher, und hier stehen wir vor dem Irrtum in der Verbreitung.
[ 37 ] The spiritual researcher himself gains nothing from his research if he merely remains there observing things, if he does not distill what he sees [so] that he can communicate it to other people. In what can be conveyed through spiritual research, the spiritual researcher is no different from someone who perceives things solely through a sound sense of truth. Because this is the case, the knowledge of spiritual research can only be fruitfully disseminated by taking this characteristic of truth and error into account; and here it must be pointed out that the truth of what spiritual research has to say can be proclaimed by the spiritual researcher, and that everything can be understood by the ordinary mind, provided one is open-minded enough. The entirety of science can be used to verify what is stated by spiritual research; half of science cannot. While it is true, on the one hand, that a natural sense of truth can always be convinced by what the spiritual researcher presents, it must also be said that this sense of truth must likewise be applied to the spiritual researcher—and this is where we encounter the error in dissemination.
[ 38 ] Man kann diejenigen, welche die Geistesforschung ablehnen, verstehen. Es sind dies noch nicht einmal diejenigen, welche dem Geistesforscher Sorge machen. Solche fühlen doch manchmal die Verpflichtung, zu prüfen, und es wird für sie schon einmal die Zeit kommen, wo sie aus ihrem Gefühl, prüfen zu müssen, das sehen, was viele schon gesehen haben. Nicht um seine Gegner aus solcher Art ist der Geistesforscher besorgt. Viel mehr Sorge machen ihm manche seiner Bekenner.
[ 38 ] One can understand those who reject spiritual research. These are not even the ones who cause the spiritual researcher concern. Such people sometimes feel an obligation to examine the matter, and the time will come for them when, out of their sense of needing to examine it, they will see what many have already seen. It is not opponents of this kind that concern the spiritual researcher. He is far more concerned about some of his own adherents.
[ 39 ] So wahr es ist, dass manche Menschen ohne Grund ablehnen, so wahr ist es auch, dass viele Menschen sich ohne Grund zu Bekennern machen, einfach auf das hin, was man Autoritätsglauben nennt. Daher kommt es, dass viele gar nicht den gesunden Menschenverstand anwenden. Für solche Menschen gibt es gar keine Möglichkeit, zu unterscheiden zwischen dem Scharlatan, der alles Mögliche redet, wovon er nicht viel weiß, und demjenigen, der mit Gewissenhaftigkeit zu forschen versteht. Für den gesunden Verstand kennt man immer diese zwei Erscheinungen. Man weiß, dass beides immer nebeneinander gegangen ist und die Menschen wenig geneigt waren, zu unterscheiden. Moralisch nicht feststehende Menschen sind deshalb einer gewissen Gefahr ausgesetzt, denn sie unterliegen der Versuchung. Seinen Grund hat dies darin, dass der Geistesforscher und jeder, der in die Geisteswelt hineinschauen kann, als etwas ganz Besonderes angesehen wird. Das ist [ein] ungesundes Urteil in der Verbreitung der Geistesforschung, denn dadurch, dass jemand hineinsieht, ist er nichts weiter als ein Forscher auf diesem Gebiet, nur ist das, was hier zu erfahren ist, viel wichtiger, als was auf anderen Gebieten erforscht werden kann. Aber der Mensch ist kein anderer oder höherer oder besserer Mensch dadurch, und wenn man berücksichtigt, dass der Tor seine Torheiten und der Gescheite seine Gescheitheit hineinträgt, so wird man jemanden, der aus der Geistesforschung etwas mitzuteilen weiß, nicht für ein höheres Wesen halten. Man kann ihn danach beurteilen, was er mit anderen gemeinsam hat. Der Wert des Menschen liegt in seiner moralischen Seelenverfassung.
[ 39 ] Just as it is true that some people reject things for no reason, it is also true that many people declare themselves believers for no reason, simply based on what is called “belief in authority.” This is why many people do not use common sense at all. For such people, there is no way to distinguish between the charlatan, who talks about all sorts of things he knows little about, and the one who knows how to conduct research conscientiously. A sound mind always recognizes these two phenomena. One knows that the two have always coexisted, and that people have been reluctant to distinguish between them. People who lack moral firmness are therefore exposed to a certain danger, for they are susceptible to temptation. The reason for this is that the spiritual researcher—and anyone who can glimpse into the spiritual world—is regarded as something quite special. This is an unhealthy judgment regarding the dissemination of spiritual research, for the fact that someone gains insight into this realm makes them nothing more than a researcher in this field—only what can be learned here is far more important than what can be researched in other fields. But a person is not a different, higher, or better person because of this, and when one considers that the fool brings his follies and the wise person brings his wisdom into it, one will not regard someone who has something to share from spiritual research as a higher being. One can judge him by what he has in common with others. The value of a human being lies in the moral state of his soul.
[ 40 ] Wer das Leben der Seele im geistigen Sinne erkennt, der wird wissen, wie die Sehnsucht der menschlichen Seele, der Trieb der menschlichen Natur gerade nach den Lösungen hin geht, die eigentlich nur aus der Geisteswissenschaft heraus gegeben werden können. Umso mehr ist es notwendig, dass diese in gesunder Weise sich verbreite, denn sie soll dem Menschen die Möglichkeit geben, sein Schicksal zu verstehen, damit aber auch die Möglichkeit, sein Schicksal in entsprechender Art zu erleben, damit er nicht haltlos im Leben steht.
[ 40 ] Whoever understands the life of the soul in a spiritual sense will know how the longing of the human soul and the impulse of human nature are directed precisely toward those solutions that can truly be provided only by spiritual science. This makes it all the more necessary for spiritual science to spread in a healthy way, for it is meant to give people the opportunity to understand their destiny—and thereby also the opportunity to experience their destiny in an appropriate way—so that they do not stand without a foundation in life.
[ 41 ] Das, was uns Geistesforschung zu geben vermag, ist Lebensweisheit, die uns zum Dasein stärkt und kräftigt. Derjenige, dem die Stärkungen und Kräftigungen der Geisteswissenschaft fehlen, der wird sehen, dass ihm auch nach und nach Stärke und Kraft zum Leben überhaupt fehlen. Geistesforschung wird immer mehr und mehr werden eine Notwendigkeit der Zeit. Umso mehr liegt die Notwendigkeit vor, ihre Quellen, Wahrheiten und Irrtümer zu erkennen. Wenn der Mensch sich einlässt auf solche Richtungen und Gedanken, wie sie heute nur skizziert werden konnten, dann gelangt er zu dem, was der Geisteskultur immer mehr und mehr diese Geistesforschung wird sein können, und das wird ihn innerlich stärken in der Anerkennung dieser Forschung, in dem Durchdrungensein von der Wahrheit dieser Forschung, und er wird ruhig gegenüber denjenigen, die auf diese Forschung nicht eingehen wollen. Er bleibt ruhig, sodass uns diese seine Ruhe erscheint als das Zeichen der gleichmäßig erlangten Überzeugung durch die Geisteswissenschaft. Dann versteht er, wenn er in die Dinge selbst hineingeschaut und hineingedacht hat, die Worte, mit denen wir abschließen wollen die heutige Betrachtung als mit einem empfindungsgemäßen Abschließen, denn das Beste, womit Geisteswissenschaft abschließen kann, ist das, was sich zusammenschließen lässt in eine Empfindung; Wahrheit und Irrtum wird selten so beschaut als gegenüber allem, was Geisteswissenschaft und ihre Kraft erschüttern kann. Wir müssen demgegenüber so dastehen, wie etwa Goethe gegenübergestanden hat einer Sache, die sich vergleichen lässt mit der Art, wie der Geistesforscher sich zur Geistesforschung verhält. Er hat sich einmal auseinandersetzen müssen mit einer großen philosophischen Schule, welche die Bewegung leugnet, sodass die Menschen sagten, es gebe eigentlich keine Bewegung.
[ 41 ] What spiritual research can offer us is wisdom about life that strengthens and fortifies us for existence. Those who lack the strength and fortification provided by spiritual science will find that, little by little, they also lack the strength and power to live at all. Spiritual research will increasingly become a necessity of our time. This makes it all the more essential to recognize its sources, truths, and errors. When a person engages with such approaches and ideas—which today could only be sketched out—he or she will arrive at what spiritual research can increasingly become for spiritual culture, and this will strengthen him or her inwardly through recognition of this research and through being imbued with its truth; and he or she will remain calm toward those who do not wish to engage with this research. They remain calm, so that their calmness appears to us as a sign of the conviction they have steadily gained through spiritual science. Then, having looked into and thought deeply about the things themselves, he understands the words with which we wish to conclude today’s reflection—as a conclusion rooted in feeling—for the best way in which spiritual science can conclude is that which can be synthesized into a feeling; truth and error are rarely viewed in this way in the face of everything that can shake spiritual science and its power. We must, in contrast, stand in the same way that Goethe, for example, stood in relation to a matter comparable to the way the spiritual researcher relates to spiritual research. He once had to grapple with a major philosophical school that denied motion, so that people said there was actually no such thing as motion.
[ 42 ] Goethe, der durchdrungen war von der Wesenlosigkeit solcher Anschauungen, der fand Worte, die treffend aus einem gesunden Wahrheitssinn die Widerlegung sagten. Er sagte:
[ 42 ] Goethe, who was acutely aware of the emptiness of such views, found words that aptly refuted them, stemming from a sound sense of truth. He said:
Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie Dir die Bewegung leugnen,
Geh ihnen vor der Nas’ herum.
You may spot something hostile,
Stay calm, stay silent;
And if they try to stop you from moving,
Go right around them.
[ 43 ] Wer Geistesforschung in richtiger Weise versteht, kann sich in ähnlicher Weise verhalten gegenüber den Widerlegungen der Geistesforschung wie Goethe hier.
[ 43 ] Anyone who truly understands spiritual research can respond to the criticisms of spiritual research in much the same way as Goethe does here.
