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Spiritual Science
and the Future of Humanity
GA 69e

3 January 1914, Leipzig

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Spiritual Science and the Future of Humanity, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaft und die geistigen Ziele unserer Zeit

16. Geisteswissenschaft und geistige Welt Ausblicke in die Ziele unserer Zeit

16. The Humanities and the Spiritual World: Perspectives on the Goals of Our Time

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Nachdem ich in den verflossenen Jahren wiederholt über verschiedene einzelne Gebiete der Geisteswissenschaft auch in dieser Stadt habe sprechen dürfen, gestatten Sie, dass ich am heutigen Abend einiges prinzipiell Grundlegendes aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft vor Ihnen vorbringe, um dann in dem morgigen Vortrage einige von den Konsequenzen und Gütern der Geisteswissenschaft für das praktische und für das Seelenleben darzustellen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Since I have had the opportunity on several occasions in recent years to speak on various specific areas of the science of the spirit, including here in this city, please allow me this evening to present to you some fundamental principles from the field of the science of the spirit, so that in tomorrow’s lecture I may then outline some of the consequences and benefits of the science of the spirit for practical life and for the life of the soul.

[ 2 ] Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ist ja in unserer Gegenwart durchaus nicht etwas, wovon man sagen kann, es sei in weiteren Kreisen irgendwie beliebt oder gar anerkannt. Im Gegenteil; von den verschiedensten Seiten und Gesichtspunkten aus wird man immer wieder und wiederum hören müssen die mannigfaltigsten Einwände der Gegnerschaft gegen diese Geisteswissenschaft. Man wird vorbereitet sein müssen, wo man sie zur Geltung bringen will, auf die allerverschiedensten Missverständnisse, die ihr entgegengebracht werden.

[ 2 ] The science of the spirit, as understood here, is by no means something that can be said to be popular or even recognized in wider circles in our time. On the contrary; from a wide variety of sides and perspectives, one will have to hear, time and again, the most diverse objections raised by opponents of this humanities discipline. Wherever one wishes to promote it, one must be prepared for the most varied misunderstandings that will be directed against it.

[ 3 ] Wie schon früher, möchte ich auch bei dieser Gelegenheit gleich einleitungsweise wieder betonen, dass es demjenigen, der auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft steht, nicht nur als nichts Überraschendes, sondern als etwas ganz Natürliches erscheint, dass die Gesichtspunkte, von denen hier ausgegangen wird, Gegner finden und Missverständnissen ausgesetzt sind. Ja, gerade derjenige, der auf diesem Boden steht, der wird sich ganz klar darüber sein, dass nach den Denk- und Vorstellungsgewohnheiten der gegenwärtigen Zeit, nach den allgemeinen, man könnte sagen, allgemein anerkannten oder geglaubten Zielen unserer Gegenwart, vorläufig diese Geisteswissenschaft noch Gegner finden muss. Geht es ihr ja in dieser Beziehung nicht viel anders als demjenigen, dessen Fortsetzung für unsere Gegenwart sie sein will. So sonderbar es manchem erscheinen kann, so muss doch gesagt werden, dass diese Geisteswissenschaft die Fortsetzung desjenigen ist oder wenigstens sein will, was mit Bezug auf die Natur [durch] die neuere Naturwissenschaft im Beginne, in der Morgenröte des neuzeitlichen Geisteslebens heraufgekommen ist.

[ 3 ] As I have done before, I would like to take this opportunity, right at the outset, to emphasize once again that to anyone standing on the ground of this spiritual science, it seems not only unsurprising but entirely natural that the perspectives taken here should encounter opposition and be subject to misunderstandings. Indeed, it is precisely those who stand on this ground who will be fully aware that, given the habits of thought and imagination of the present age—and given the general, one might say, universally recognized or believed goals of our time—this spiritual science must, for the time being, still encounter opposition. In this respect, it is, after all, not much different from that which it seeks to continue in our present age. As strange as it may seem to some, it must nevertheless be said that this spiritual science is—or at least seeks to be—the continuation of what, with regard to nature, emerged [through] modern natural science in the beginning, at the dawn of modern spiritual life.

[ 4 ] Wie man dazumal mit Hinwegheben über traditionelle Anschauungen, über Hergebrachtes unmittelbar auf die Natur selbst gegangen ist, so will Geisteswissenschaft in unserer Zeit auf die Welt des Geistigen, auf die Vorgänge des Geistigen unmittelbar gehen. Und man kann sagen: Nichts ist unbegründeter, als wenn von irgendeiner Seite vorgebracht wird, dass Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, irgendwie selbst gegnerisch sein wollte gegen die Naturwissenschaft. Gerade wer diese Geisteswissenschaft durchschaut, wird die bedeutsamen Fortschritte, den großen Segen, den die naturwissenschaftliche Anschauung und Vorstellungsweise gebracht hat, voll anerkennen und richtig einschätzen.

[ 4 ] Just as people in those days went directly to nature itself by setting aside traditional views and established customs, so spiritual science in our time seeks to go directly to the world of the spiritual, to the processes of the spiritual. And one can say: Nothing is more unfounded than the claim, made by some quarters, that spiritual science—as understood here—is in any way intended to oppose natural science. It is precisely those who truly understand this spiritual science who will fully recognize and properly appreciate the significant progress and the great blessings that the natural-scientific worldview and mode of thinking have brought about.

[ 5 ] Geisteswissenschaft kann, indem sie sich, man möchte sagen, nach dem Vorbilde der Naturwissenschaft auf das Gebiet des Geistigen begeben will, auf diesem Gebiet nicht unmittelbar die Methode, die Denkungsweise anwenden, die in der Naturwissenschaft üblich ist, und zwar aus dem Grunde, weil ein richtiges Festhalten an der naturwissenschaftlichen Gesinnung für die Erforschung des Geistigen anderes erfordert.

[ 5 ] The humanities, in seeking—one might say—to apply the model of the natural sciences to the realm of the spiritual, cannot directly apply the methods and modes of thought customary in the natural sciences to this realm, for the reason that a true adherence to the scientific mindset requires something different when it comes to the study of the spiritual.

[ 6 ] Wie aber doch diese Geisteswissenschaft die Fortsetzung des naturwissenschaftlichen Denkens ist, das möchte ich, bevor ich zu unserer eigentlichen Betrachtung übergehe, durch eine Art Gleichnis darlegen. Dieses Gleichnis soll nichts Besonderes besagen, sondern nur zum Ausdruck bringen das Verhältnis der naturwissenschaftlichen Fortschritte zu dem, was Geisteswissenschaft sein will.

[ 6 ] But before I move on to our actual discussion, I would like to use a kind of parable to illustrate how this spiritual science is a continuation of scientific thinking. This parable is not meant to convey anything specific, but only to express the relationship between scientific progress and what spiritual science aims to be.

[ 7 ] Wenn wir unsern Seelenblick werfen auf die Tätigkeit des Landmannes, der zur entsprechenden Jahreszeit seine Getreidesaaten aussät, so finden wir, dass diese Getreidesaaten aufgehen, dass der weitaus größte Teil dieser Getreidesaaten verwendet wird zur menschlichen Ernährung. Ein kleiner Teil nur der ausgesäten Saat wird dazu verwendet, wiederum dem Element der Erde übergeben zu werden und neuerdings zu Getreide zu werden. So möchte ich dasjenige, was uns durch Jahrhunderte hindurch das naturwissenschaftliche Denken gebracht hat, anschauen gegenüber den Anforderungen der Geistesforschung. Naturwissenschaft hat uns gebracht, man darf sagen, eine völlige Umgestaltung des Antlitzes unserer Erde. Sie hat eingegriffen in das gesamte menschliche Leben, bis in das alltägliche Leben hinein. Denn überall um uns herum können wir finden dasjenige, was wir der neueren Naturwissenschaft verdanken. Neben alledem verdanken wir ihr aber auch einen Einblick in die Zusammenhänge der Welterscheinungen, des Sinnengebietes, von denen sich vorher die Menschheit wohl wenig hat träumen lassen. Aber noch etwas anderes wird ihr verdankt: Eine Summe von Ideen, Begriffen und Vorstellungen hat sie heraufgebracht; sie haben sich eingelebt durch die drei letzten, besonders durch das letzte Jahrhundert. Die Menschengemüter mussten fertig werden mit diesen Ideen. Sie mussten sich die oft rätselhafte Frage beantworten: Wie kann die Seele zu einer in sich selbst harmonischen Verfassung kommen, wenn sie sich auszusöhnen hat mit den Ideen, den Vorstellungen, welche das naturwissenschaftliche Denken heraufgebracht hat, und mit den Empfindungen, die aus diesem naturwissenschaftlichen Denken folgen?

[ 7 ] When we turn our spiritual gaze to the work of the farmer who sows his grain seeds at the appropriate time of year, we find that these grain seeds sprout and that by far the greatest portion of them is used for human nourishment. Only a small portion of the seeds sown is used to be returned to the element of earth and to become grain once again. Thus, I would like to examine what scientific thinking has brought us over the centuries in light of the demands of spiritual research. Natural science has brought us—one might say—a complete transformation of the face of our Earth. It has intervened in all aspects of human life, right down to everyday life. For everywhere around us we can find what we owe to modern natural science. In addition to all this, however, we also owe it an insight into the interconnections of worldly phenomena—the realm of the senses—which humanity could scarcely have imagined before. But there is something else we owe to it: it has brought forth a body of ideas, concepts, and notions; these have taken root over the course of the last three centuries, especially during the last one. People’s minds had to come to terms with these ideas. They had to answer the often perplexing question: How can the soul attain a state of inner harmony when it must reconcile itself with the ideas and concepts that scientific thinking has brought forth, and with the feelings that arise from this scientific thinking?

[ 8 ] Das, was in unsere Seele gesenkt worden ist an neuartigen Ideen, Begriffen und Vorstellungen seit wenigen Jahrhunderten, das möchte ich vergleichen mit den verhältnismäßig wenigen Saatkörnern, die ausgesät werden, um neue Frucht im nächsten Jahr zu tragen; gegenüber dem, was von den eingeernteten Früchten zur menschlichen Nahrung verwendet wird. Das, was zur menschlichen Nahrung verwendet wird, das können wir auf dem Gebiete des naturwissenschaftlichen Denkens vergleichen mit dem, was ausgestreut ist in unser äußeres Kulturleben, was verwendet worden ist für den menschlichen Nutzen und für die Erkenntnis der Zusammenhänge in der Sinneswelt. Das aber, was an neuen Ideen, Begriffen und Vorstellungen aufgebracht worden ist, senkt sich in unsere Seele, das wird dem Elemente wiederum anvertraut, aus dem es hervorgegangen ist. Mit dem sollen wir leben, mit dem sollen wir versuchen, unsere innersten Seelenkräfte und Seelenharmonie in Zusammenhang zu bringen. Demgegenüber sollen wir fragen: Wie ist es möglich, Sicherheit, Hoffnung, Arbeitsfreudigkeit im Leben zu haben?

[ 8 ] I would like to compare the new ideas, concepts, and notions that have been instilled in our souls over the past few centuries to the relatively few seeds that are sown to bear new fruit the following year—in contrast to the portion of the harvested fruit that is used for human consumption. What is used for human nourishment—in the realm of scientific thought—can be compared to what has been scattered throughout our external cultural life, what has been utilized for human benefit and for understanding the interrelationships in the sensory world. But what has been brought forth in the form of new ideas, concepts, and imaginings sinks into our soul; it is entrusted once again to the element from which it emerged. We are to live with this, and we are to try to bring our innermost soul forces and soul harmony into harmony with it. In contrast, we should ask: How is it possible to have security, hope, and a joy in work in life?

[ 9 ] Nicht allein das, was uns theoretisch gegeben wird durch die naturwissenschaftlichen Ideen und Begriffe, soll ins Auge gefasst werden, sondern was die Seele erlebt an ihnen. Denn gerade diese naturwissenschaftlichen Ideen, wenn sie so verwendet werden, wie es in der nachfolgenden Betrachtung angedeutet werden soll, sie geben durch sich selbst der Seele die schönste Richtung auf den Geist. Sie führen das Leben der Seele unmittelbar in das Gebiet des Geistes ein. Trotzdem dies ein Lebensresultat ist für alle diejenigen, die sich mit der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, näher befasst haben, muss es befremdlich erscheinen demjenigen, der dies nicht getan hat, wenn gesagt wird, dass diese Geisteswissenschaft eine echte Fortsetzerin sein will der Naturwissenschaft. Denn gerade deshalb, weil sie auf das geistige Gebiet geht, muss die naturwissenschaftliche Methode eine andere Form annehmen, gerade um treu zu bleiben der naturwissenschaftlichen Gesinnung.

[ 9 ] We should not focus solely on what is theoretically presented to us through scientific ideas and concepts, but rather on what the soul experiences through them. For it is precisely these scientific ideas—when used in the way that will be indicated in the following discussion—that, through themselves, point the soul in the most beautiful direction toward the spirit. They lead the life of the soul directly into the realm of the spirit. Although this is a conclusion drawn from personal experience by all those who have engaged more closely with spiritual science as understood here, it must seem strange to those who have not done so when it is said that this spiritual science aims to be a true successor to the natural sciences. For precisely because it enters the spiritual realm, the scientific method must take on a different form—precisely in order to remain true to the scientific spirit.

[ 10 ] Und um diese Form uns vor die Seele zu rücken, möchte ich, um mich verständlich zu machen, Geisteswissenschaft zunächst mit Bezug auf die Art, wie sie ihre Resultate gewinnt, vergleichen mit einer geistigen Chemie. Nicht als ob ich mit diesem Vergleiche etwas Besonderes sagen wollte, aber der Vergleich kann dazu führen, dass wir uns verständigen über das, was mit den folgenden Ausführungen gemeint sein wird. Wenn wir Wasser vor uns haben, so können wir diesem Wasser nicht ansehen, was für Bestandteile es im Sinne der heutigen Chemie hat; dass es aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht, kann die äußere Betrachtung nicht ergeben. Mit den Mitteln der Chemie können wir darauf kommen, zu wissen: Eine ganz andere Eigenschaft, eine ganz andere Eigenheit hat das Wasser; es ist flüssig, es löscht Feuer. Der Wasserstoff kann selbst brennen, ist gasförmig. Dass so etwas wie Wasserstoff in diesem Wasser enthalten ist, kann nur dadurch gewusst werden, dass wir diesen Wasserstoff abtrennen von dem Wasser.

[ 10 ] And to bring this concept to life, I would like—to make myself clear—to first compare spiritual science, in terms of how it arrives at its results, to a kind of spiritual chemistry. Not that I intend to say anything particularly special with this comparison, but it may help us reach a common understanding of what is meant by the following remarks. When we have water before us, we cannot tell by looking at it what components it contains in the sense of modern chemistry; the fact that it consists of hydrogen and oxygen cannot be determined by external observation. Through the methods of chemistry, we can come to know that water has entirely different properties and characteristics: it is liquid; it extinguishes fire. Hydrogen itself can burn and is gaseous. The fact that something like hydrogen is contained in this water can only be known by separating this hydrogen from the water.

[ 11 ] Ganz ähnlich, nur mit Hilfe geistiger Methoden, muss zum Behufe der Geisteswissenschaft etwas ausgeführt werden mit dem Menschen selbst. So, wie er uns entgegentritt in der äußeren Welt, ist er in seinen Bestandteilen nicht zu erkennen, so wenig wie das Wasser zu erkennen ist in seinen Bestandteilen. Das, was das geistig-seelische Wesen des Menschen ist, das, nach dessen Erkenntnis die Sehnsucht in jeder Seele lebt, das ist für das gewöhnliche Leben so an den Leib gebunden, wie der Wasserstoff an das Wasser gebunden ist, und kann seiner ureigenen Natur nach innerhalb des Leibes nicht erkannt werden, wie der Wasserstoff nicht im Wasser erkannt werden kann.

[ 11 ] In much the same way, but using spiritual methods, something must be done with the human being himself for the sake of spiritual science. Just as he appears to us in the outer world, he cannot be recognized in his constituent parts, any more than water can be recognized in its constituent parts. That which constitutes the human being’s spiritual-soul nature—the very thing for which every soul yearns to know—is, in ordinary life, as bound to the body as hydrogen is bound to water, and, by its very nature, cannot be recognized within the body, just as hydrogen cannot be recognized in water.

[ 12 ] Nun sind die Methoden, durch welche wir das Geistig-Seelische abtrennen von dem Leiblichen, nicht so robust, nicht auf Hantierungen in der Sinneswelt hin gerichtet wie die chemische Methode, durch welche Wasserstoff vom Wasser abgetrennt wird. Aber sie sind deshalb nicht weniger in einem streng wissenschaftlichen Sinne zu nehmen. Es sind solche Methoden, die sich ganz abspielen innerhalb des Lebens der Seele selbst. Es sind feine, subtile Vorgänge des seelischen Lebens. Nicht durch äußere Hantierungen kann man zu den Rätseln des geistigen Lebens gelangen. Das einzige Instrument, das dem Menschen zur Verfügung steht, um in die geistige Welt einzudringen, ist der Mensch selbst, und zwar sein geistig-seelisches Leben.

[ 12 ] Now, the methods by which we separate the spiritual-soul aspects from the physical are not as robust, nor are they directed toward manipulations in the sensory world, as the chemical method by which hydrogen is separated from water. But they are no less to be taken in a strictly scientific sense. These are methods that take place entirely within the life of the soul itself. They are delicate, subtle processes of the soul’s life. One cannot penetrate the mysteries of spiritual life through external manipulations. The only instrument available to human beings for penetrating the spiritual world is the human being himself—specifically, his spiritual-soul life.

[ 13 ] Wie geschieht es nun, dass wir dieses Geistig-Seelische, wenn wir es in uns haben, hypothetisch gesprochen, abtrennen von dem Leiblichen, mit dem es im alltäglichen Leben verknüpft ist? Die Methoden, die angewendet werden, sind nicht solche, die zu irgendetwas besonders Wunderbarem ihre Zuflucht nehmen, sie sind Fortsetzungen von seelischen Tätigkeiten, die jeder Mensch im täglichen Leben kennt; nur müssen diese seelischen Tätigkeiten in das unbegrenzt Starke ausgedehnt werden. Das aber erfordert eine Resignation, eine Hingabe im Seelenleben, zu der man sich erst fähig machen muss. Alles Genauere über die Methode, durch welche die Seele dazu gelangt, in die geistige Welt einzudringen, finden Sie geschildert in meinen Büchern «Die Geheimwissenschaft im Umriss» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Es ist zunächst etwas, was der Mensch als Seelentätigkeit überall kennt, was man im alltäglichen Leben braucht, was man zur Gesundheit des Seelenlebens braucht, was also angewendet wird von der Seele im gewöhnlichen Leben. Zum Behufe der Geisteswissenschaft muss es aber ins Unbegrenzte verstärkt werden. Es ist dasjenige, was man nennen kann: die Aufmerksamkeit, das Interesse auf irgendetwas wenden. Wir wissen ja alle: Damit wir im Leben zurechtkommen, damit wir uns orientieren können in der Welt, können wir nicht bloß gleichgültig dahingehen, sondern wir müssen den verschiedensten Dingen unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Und je mehr wir dies tun, desto mehr wird es vorstellungsgemäß unser Eigentum, desto mehr tragen wir ein Zeichen davon durch das weitere Leben mit und haben uns mit ihm verbunden.

[ 13 ] How is it, then, that—hypothetically speaking—when we have this spiritual-soul aspect within us, we separate it from the physical aspect with which it is linked in everyday life? The methods used do not rely on anything particularly miraculous; they are extensions of soul activities familiar to every person in daily life; these soul activities simply need to be expanded to boundless strength. This, however, requires a sense of resignation and devotion in the life of the soul—a state one must first train oneself to attain. You will find a detailed description of the method by which the soul comes to penetrate the spiritual world in my books *An Outline of Esoteric Science* and *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. It is, first of all, something that every human being recognizes as a soul activity, something needed in everyday life, something necessary for the health of the soul—in other words, something the soul employs in ordinary life. For the purposes of spiritual science, however, it must be intensified to the infinite. It is what one might call: directing one’s attention and interest toward something. We all know, of course, that in order to cope with life and find our bearings in the world, we cannot simply go about our business indifferently; rather, we must direct our attention to a wide variety of things. And the more we do this, the more it becomes, so to speak, our own, the more we carry a trace of it with us throughout the rest of our lives, and the more we have become connected to it.

[ 14 ] Und die Aufmerksamkeit hängt innig zusammen mit einer anderen Seelenfähigkeit, deren Bedeutung für das Leben jeder einsehen muss, und zwar mit dem, was wir Erinnerungsvermögen, Gedächtnis nennen. Und man kann sogar sagen: In gewissem Sinne ist die Frage nach einem guten Gedächtnis der menschlichen Seele dieselbe Frage wie die nach der Betätigung der Aufmerksamkeit. Ein Gegenstand, dem wir nur flüchtig unsere Aufmerksamkeit zuwenden, schwindet hin aus dem Gedächtnis. Ein Gegenstand, dem wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden, und zwar wiederholt zuwenden — auf dieses Wiederholen kommt es vielfach an —, der wird unser seelisches Eigentum.

[ 14 ] And attention is intimately connected with another faculty of the soul, the importance of which for life everyone must recognize—namely, what we call the power of recollection, or memory. One might even say: In a certain sense, the question of a good memory in the human soul is the same question as that of the exercise of attention. An object to which we turn our attention only fleetingly fades from memory. An object to which we turn our attention—and indeed turn it repeatedly (for this repetition is often crucial)—becomes part of our inner being.

[ 15 ] Jeder kann sich im alleralltäglichsten Leben von der Bedeutung der Aufmerksamkeit für das Gedächtnis überzeugen. Ein triviales Beispiel lassen Sie mich dafür anführen: Wem wäre es nicht schon passiert, dass er am Morgen aufwachend Dinge, die er am Abend fortlegte, nicht gefunden hat? Wenn man sich einmal übt darin, sagen wir, die Manschettenknöpfe nicht bloß hinzulegen, sondern auf die Handlung des Hinlegens Aufmerksamkeit zu verwenden, den Gedanken damit zu verknüpfen: Jetzt lege ich diesen Gegenstand da hin —, dann wird man morgen gleich hingehen zu der Stelle, wo man den Gegenstand hingelegt hat. Das heißt: Die Kraft, welche in unser Gedächtnis einschreibt das, was eingeschrieben werden soll, das ist die Aufmerksamkeit.

[ 15 ] Anyone can see for themselves, in the most ordinary aspects of daily life, how important attention is for memory. Let me give you a trivial example: Who hasn’t woken up in the morning to find that they couldn’t locate the things they had set aside the night before? If you practice, say, not just putting your cufflinks down, but paying attention to the act of putting them down and linking the thought to it: “Now I am putting this object there”—then tomorrow you will go straight to the spot where you put the object. In other words: the power that inscribes into our memory what is to be inscribed—that is attention.

[ 16 ] Und wer ein wenig sich im Seelenleben der Menschheit umgesehen hat, der wird oftmals wenigstens Anklänge an jene Ungesundheit des Seelenlebens bemerken oder davon gehört haben, die darin besteht, dass die menschliche Seele sich nicht auf das, was sie erlebt hat, so erinnern kann, als ob die Erlebnisse ihre eigenen Erlebnisse gewesen wären. Wir sprechen dann einem solchen ungesunden Seelenleben gegenüber von einer Spaltung des Ich. Es kann einer solchen Seele vorkommen, dass Dinge, die sie selbst erlebt hat, gewissermaßen einem anderen Ich angehören. In dieser radikalen Weise kommt der Fall ja zwar seltener vor, aber er kommt doch vor.

[ 16 ] And anyone who has taken even a brief look at the inner life of humanity will often have noticed, or at least heard of, signs of that unhealthy state of the soul, which consists in the human soul being unable to recall what it has experienced as if those experiences were its own. In the face of such an unhealthy spiritual life, we speak of a splitting of the “I.” It can happen to such a soul that things it has experienced itself belong, as it were, to another “I.” Although this radical form of the condition occurs less frequently, it does occur.

[ 17 ] Aber dass das Ich in seinem vollen Zusammenhange, in seiner Kontinuität gestört ist mit Bezug auf das genaue Durchschauen der eigenen Vergangenheit, das kommt öfter vor. Das würde man verhindern können, wenn man den guten pädagogischen Grundsatz mehr einführen würde im Leben, die Aufmerksamkeit, das Interesse für das, was als Wichtiges in unserer Umwelt vorgeht, zu erregen, wie überhaupt der Zusammenhang zwischen der Aufmerksamkeit und einem gesunden geistigen Leben insbesondere in der Pädagogik die allergrößte Rolle spielen sollte.

[ 17 ] But it is not uncommon for the self to be disrupted in its full context and continuity when it comes to gaining a clear understanding of one’s own past. This could be prevented if we were to apply the sound pedagogical principle more fully in life—that of arousing attention and interest in what is important in our environment—just as the connection between attention and a healthy mental life should play the most crucial role, particularly in education.

[ 18 ] So sehen wir, dass die Aufmerksamkeit etwas ist, was wir für das gewöhnliche Leben brauchen. Der Geistesforscher muss diese Aufmerksamkeit, das heißt die Tätigkeit, die ausgeübt wird, indem wir die Seelenkraft hinrichten auf einen bestimmten Gegenstand, indem wir sie abziehen in diesem Augenblick von anderen Gegenständen und sie konzentrieren auf einen bestimmten Gegenstand, der Seelenforscher muss diese Betätigung des Seelenlebens, die schwach und gering in der alltäglichen Aufmerksamkeit zutage tritt, zu einer unbegrenzten Stärke ausbilden; das heißt, er muss es auf sich nehmen, immer wieder solche seelischen Übungen zu machen, welche eine unbegrenzte Verstärkung desjenigen sind, was sonst als Aufmerksamkeit, als Interesse im Seelenleben sich betätigt. Man [nennt] dieses mit einem technischen Ausdruck der Geisteswissenschaft Konzentration des Denkens oder Empfindens. Alle Seelenkräfte können immer wieder und wieder konzentriert, auf einen Punkt zusammengezogen werden. Dieses muss immer wieder und wieder wiederholt werden, denn man braucht, um die Seele zu einem wirklichen Instrument der Geistesforschung zu machen, oft viele, viele Jahre lang. Man muss, um dies zu erreichen, immer wieder und wiederum die Tätigkeit ausüben, die Seelenkräfte zusammenzuziehen auf eine Vorstellung, auf eine Empfindung, die man nur durch seinen eigenen Willen in den Mittelpunkt des Seelenlebens hereingerückt. Am besten ist es dabei, in das Seelenleben hereinzurücken eine solche Vorstellung, die man wirklich zusammengestellt hat, beispielsweise eine symbolische Vorstellung, ein Sinnbild; dasjenige, was man vom äußeren Leben entlehnt hat, daran ist man zu sehr gewöhnt; eine größere Anstrengung ist erforderlich, wenn man das Seelenleben, alle Kräfte, die man sonst zerstreut, auf die Seelenvorgänge zusammenzieht, auf eine willkürliche Zusammenstellung, die man in den Mittelpunkt des Seelenlebens immer wiederum rückt. Dadurch wird nach und nach ein Zustand möglich für den Menschen, welcher sein Geistig-Seelisches, was sonst ergossen ist in das Physisch-Leibliche, erfassen lässt von derselben Kraft, die da konzentriert wird, und endlich frei macht von dem Physisch-Leiblichen. Man kann auf keine andere Weise sich praktisch überzeugen, dass in uns wirklich ein zweiter Mensch steckt, ein geistig-seelischer Mensch, so, wie der Wasserstoff im Wasser steckt, wenn man nicht diesen seelisch-geistigen Menschen ergreift dadurch, dass man ihn durchsetzt von dem, was in unbegrenzter Verstärkung die Tätigkeit der gewöhnlichen Aufmerksamkeit ist, und ihn dabei in sich selbst so erkraftet, diesen seelisch-geistigen Menschen, dass er sich heraushebt aus dem Physisch-Leiblichen. Er wird auf diese Weise aus dem Physisch-Leiblichen herausgehoben wie der Wasserstoff aus dem Wasser durch die chemischen Verrichtungen.

[ 18 ] Thus we see that attention is something we need in everyday life. The researcher of the soul must develop this attention—that is, the activity exercised by directing the soul’s power toward a specific object, by withdrawing it at that moment from other objects and concentrating it on a specific object—the researcher of the soul must develop this activity of the soul’s life, which manifests itself weakly and faintly in everyday attention, into unlimited strength; that is to say, he must undertake, time and again, to perform such spiritual exercises that serve as an unlimited strengthening of what otherwise manifests as attention or interest in the life of the soul. In spiritual science, this is referred to by the technical term “concentration of thought or feeling.” All powers of the soul can be concentrated again and again, drawn together to a single point. This must be repeated over and over again, for it often takes many, many years to make the soul a true instrument of spiritual research. To achieve this, one must repeatedly engage in the activity of focusing the soul’s powers on an idea or a feeling that one has brought into the center of one’s inner life solely through one’s own will. The best approach is to bring into one’s inner life an image that one has truly constructed oneself—for example, a symbolic image or a metaphor; one is far too accustomed to what has been borrowed from external life; greater effort is required when one focuses one’s soul life—all the forces that are otherwise scattered—on the processes of the soul, on an arbitrary composition that one repeatedly brings into the center of one’s soul life. Through this, a state gradually becomes possible for the human being in which one’s spiritual-soul aspect—which is otherwise poured out into the physical-bodily realm—can be grasped by the very same force that is concentrated there, and is finally freed from the physical-bodily realm. There is no other practical way to convince oneself that there truly is a second human being within us—a spiritual-soul human being—just as hydrogen is contained in water—unless one grasps this spiritual-soul human being by permeating it with what, in infinitely intensified form, is the activity of ordinary attention, and thereby strengthens this spiritual-soul being within oneself to such an extent that it rises above the physical-bodily realm. In this way, it is lifted out of the physical-bodily realm just as hydrogen is separated from water through chemical processes.

[ 19 ] Wir können, wenn alles das, was jetzt prinzipiell erörtert worden ist, so von der Seele vorgenommen wird, wie es in den vorhin genannten Büchern angegeben ist, wir können das Geistig-Seelische aus dem Physisch-Leiblichen herausziehen durch rein seelische Verrichtungen.

[ 19 ] If everything that has now been discussed in principle is undertaken by the soul in the manner described in the books mentioned earlier, we can extract the spiritual-soul aspect from the physical-bodily aspect through purely soul-based activities.

[ 20 ] Wenn dieses wirklich gelingt, dann tritt eine große Veränderung im Innenleben des Menschen ein. Man erhält ganz neue innere Lebensbegriffe. Man wird sozusagen von etwas in seinem Innern ergriffen, wovon man vorher nicht einmal eine richtige Vorstellung gehabt hat. Vor allen Dingen wird man auf diese Weise zu einem bestimmten Begriff gebracht, zu einer Vorstellung gebracht, mit der man nun einen Sinn verbinden kann von dem, was es heißt, außer seinem Leibe sein und dennoch ein in sich vollbewusstes Leben führen; sich innerlich ergreifen, sich innerlich erfassen können, ohne dies durch die Werkzeuge der Sinne, durch die leiblichen Werkzeuge des Gehirns zu tun.

[ 20 ] If this truly succeeds, then a great change takes place in a person’s inner life. One gains entirely new inner concepts of life. One is, so to speak, seized by something within oneself of which one previously had not even a proper conception. Above all, one is led in this way to a certain concept, to an idea with which one can now associate a meaning—namely, what it means to be outside one’s body and yet lead a fully conscious life within oneself; to be able to grasp oneself inwardly, to comprehend oneself inwardly, without doing so through the instruments of the senses, through the physical instruments of the brain.

[ 21 ] Das Nächste, was eintritt für den Geistesforscher auf dem angezeigten Wege, wenn er weit genug gekommen ist, das ist, dass über ihn kommt ein Zustand, der sich vergleichen lässt im gewöhnlichen Leben nur mit etwas, was unwillkürlich auftritt. Der Mensch gelangt dazu, dass ebenso, wie beim Einschlafen die äußere Sinneswelt gleichsam versinkt, diese Sinneswelt nun ebenso von dem Menschen gewissermaßen sich hinweghebt, wie im Einschlafen. Aber auch das erlebt der Mensch, dass er seinen physischen Leib in völliger Ruhe, in völliger innerer Gelassenheit übergehen fühlt, und zwar jetzt vollbewusst, wie es sonst unbewusst im Schlafe geschieht. Nichts von dem, was sich sonst durch die alltägliche Tätigkeit im Leibe regen kann, regt sich dann. Der Mensch ist mit seinem Geistig-Seelischen aus dem Physisch-Leiblichen heraus.

[ 21 ] The next thing that happens to the spiritual researcher on the path described, once he has progressed far enough, is that he enters a state that can be compared in ordinary life only to something that occurs involuntarily. The person reaches a point where, just as the external sensory world seems to fade away when falling asleep, this sensory world now, in a sense, lifts away from the person, just as it does when falling asleep. But the person also experiences that he feels his physical body passing away in complete stillness, in complete inner serenity—and now fully consciously, as otherwise happens unconsciously during sleep. Nothing that might otherwise stir within the body through everyday activity stirs at that moment. The person has emerged from the physical-bodily realm with his spiritual-soul aspects.

[ 22 ] Zum ersten Mal bekommt nun der Mensch eine Vorstellung davon, was es heißt: Ich stehe meinem Leib gegenüber, wie ich sonst einem äußeren Gegenstand gegenüberstehe. Man hat ja im gewöhnlichen Leben erst eine Vorstellung von dem, was es heißt, sich erleben, nur, wenn man gleichsam drinnensteckt im Leibe; dadurch ist der Leib mit einem selbst verbunden; man steht zu ihm ganz anders als zu den anderen Dingen. Jetzt aber wird einem der eigene Leib ein äußerer Gegenstand, dem man gegenübersteht, wie man früher anderen äußeren Gegenständen gegenüberstand. Nur nicht so steht man ihm gegenüber, wie er uns physisch erscheint, solange wir uns der Werkzeuge der physischen Welt bedienen. Wie er uns gegenübersteht, wie wir diesem Leibe gegenübertreten, das stellt sich heraus in einem erschütternden Ereignis, das auf dem Wege zur Geistesforschung der Mensch durchmachen kann.

[ 22 ] For the first time, a person now gains an idea of what it means to stand before one’s own body, just as one would otherwise stand before an external object. In ordinary life, one has an idea of what it means to experience oneself only when one is, as it were, inside one’s body; through this, the body is connected to oneself; one relates to it quite differently than to other things. Now, however, one’s own body becomes an external object that one faces, just as one used to face other external objects. Yet one does not face it in the same way as it appears to us physically, as long as we make use of the instruments of the physical world. How it stands before us, how we face this body—this becomes apparent in a shattering experience that a person may undergo on the path to spiritual research.

[ 23 ] In den verschiedensten Formen, auf vielerlei Weise kann dasjenige erlebt werden, was ich nun darstellen kann. In einem kleinen Buche «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» versuchte ich es darzustellen in einer typischen Form, wie es auftreten kann. Man wird sich aus dieser Darstellung eine Vorstellung machen können, was der Geistesforscher in einer bestimmten Etappe zu erleben hat. Aber, wie gesagt, es ist nur eine typische Form, es kann immer wieder anders sein. Sagen wir, der Mensch steht im äußeren Leben unmittelbar darinnen, oder auch als Schlafender während des Schlafens. Während des Schlafens und während des Wachens kann dieses Ereignis eintreten; nie wird es in irgendeiner Weise das gesunde Seelenleben stören können, wenn es richtig verläuft. Mitten aus dem Wachen, mitten im Schlafe beim Schlafen so, dass es mehr ist als selbst der lebhafteste Traum — kann es uns überkommen, dieses Ereignis, sodass wir fühlen etwa das, was [ich] in folgende Worte fassen möchte — man kann es nur stammelnd ausdrücken, was da von der Seele erlebt wird: Was geschieht mit mir? Es ist, wie wenn Blitze, wie wenn Feuer die Luft durchzuckte; wie wenn der Raum, in dem ich bin, von Blitzen erhellt würde; wie wenn mein eigener Leib durchzogen würde von Blitzen und zerstört würde von den Elementen. Nicht bloß auf das, was ich mit Worten schildern kann, kommt es dabei an, sondern darauf, was man für ein inneres Erlebnis an diesem Punkte der Seelenentwicklung hat. Darauf kommt es an, dass man von jetzt ab weiß: Man hat im Bilde erfahren, was es heißt, in seinem Geistig-Seelischen leben so, dass man herausgehoben ist aus dem Physisch-Leiblichen; dass das Bild des Physisch-Leiblichen sich vor einen hinstellt. Aber es ist ein Bild, von dem man nicht anders kann, als dass es einem darstellt das Leibliche im Zustand der Zerstörung.

[ 23 ] What I am now about to describe can be experienced in a wide variety of forms and in many different ways. In a small book titled *A Path to Self-Knowledge for Human Beings*, I attempted to describe it in a typical form, showing how it can occur. This description will give you an idea of what the spiritual researcher experiences at a certain stage. But, as I said, it is only a typical form; it can always be different. Let us say that a person is in the midst of their outer life, or even as a sleeper during sleep. This event can occur both during sleep and while awake; if it proceeds correctly, it will never in any way disturb a healthy soul life. In the midst of waking, in the midst of sleep—in such a way that it is more than even the liveliest dream—this experience can overcome us, so that we feel something like what [I] would like to put into the following words—one can only stammer out what the soul is experiencing there: What is happening to me? It is as if lightning, as if fire, were flashing through the air; as if the space in which I am were illuminated by lightning; as if my own body were being pierced by lightning and destroyed by the elements. What matters here is not merely what I can describe in words, but rather what kind of inner experience one has at this point in the soul’s development. What matters is that from now on one knows: One has experienced through the image what it means to live in one’s spiritual-soul life in such a way that one is lifted out of the physical-bodily realm; that the image of the physical-bodily realm stands before one. But it is an image that cannot help but present the bodily realm in a state of destruction.

[ 24 ] Und dann kommt man darauf, was man da eigentlich erlebt, wenn man so recht sich einleben kann in das, was man erfühlt hat. Man kommt darauf, sich zu sagen: Ja, wenn du im Leben drinnen stehst, so ist dein GeistigSeelisches allerdings ein selbstständiges Wesen. Aber es ist, wie du das alltägliche Leben erlebst, an den physischen Leib gebunden. Das ganze Leben hindurch — selbst die Naturwissenschaft gibt das zu — zerstört das Geistig-Seelische in dem Physisch-Leiblichen. Indem wir von morgens, wo wir aufwachen, bis zum Abend, wo wir einschlafen, unsern physischen Leib gebrauchen als Werkzeug des in unserer Seele, in unseren Vorstellungen und Empfindungen Auftauchenden, zerstören wir ihn fortwährend. In der Ermüdung drückt sich aus die Zerstörung des Seelenlebens. Der Schlaf ist der Ausgleich. Dass wir das Seelische erleben, hängt davon ab, dass wir im Grunde genommen ein fortwährendes Zerstörungswerk liefern an unserem Leibe, das mit dem Tode endigt. Das tritt uns in dem Bilde entgegen, das uns zeigt: In dem Augenblick, wo du gewahr wirst, dass dein Seelisch-Geistiges ein Selbstständiges ist, das sich vom Leibe emanzipieren kann, in dem Augenblick erlebst du dein Leibliches so, als ob es sich vor dir zerstöre.

[ 24 ] And then you come to realize what you’re actually experiencing when you’re able to truly immerse yourself in what you’ve felt. You come to say to yourself: Yes, when you are living your life, your spiritual-soul aspect is indeed an independent being. But the way you experience everyday life is bound to the physical body. Throughout your entire life—even natural science admits this—the spiritual-soul aspect is destroyed within the physical-bodily aspect. By using our physical body from morning, when we wake up, until evening, when we fall asleep, as a tool for what arises in our soul, in our thoughts and feelings, we are constantly destroying it. Fatigue is an expression of the destruction of the soul life. Sleep is the compensation. Our experience of the soul depends on the fact that, fundamentally, we are constantly carrying out a process of destruction upon our body, which ends with death. This is illustrated by the following image: the moment you become aware that your soul-spiritual being is an independent entity capable of emancipating itself from the body, in that very moment you experience your physical body as if it were being destroyed before your very eyes.

[ 25 ] Geisteswissenschaft — zwar nicht so, wie sie in unserer Zeit gemäß der naturwissenschaftlichen Erziehung, die die Menschheit durch Jahrhunderte genossen hat, betrachtet werden muss, sondern so, wie sie durch die verschiedenen Epochen gegangen ist —, Geisteswissenschaft hat es immer gegeben, nur haben die wenigsten Menschen etwas davon gewusst. Aber diejenigen, die davon gewusst haben, sie kannten auch den erschütternden Moment im Leben des Geistesforschers, den ich eben geschildert habe, und sie nannten ihn, indem sie die Worte aussprachen: Ich bin gekommen bis an die Pforte des Todes. — Das heißt, man hat kennengelernt im Bilde, was der Tod ist; man hat kennengelernt, wie im Tode triumphiert das Geistig-Seelische in seiner Selbstständigkeit gegenüber dem Physisch-Leiblichen. Von da ab, wo man dieses erlebt hat, weiß man, was es heißt: Selbstständig in seinem Geistig-Seelischen leben. Man weiß, dass dieses Geistig-Seelische in seiner Absonderung vom Leiblichen etwas ist, was ganz andere Eigenschaften hat wie das Leibliche.

[ 25 ] Spiritual science—not as it must be viewed in our time in light of the scientific education that humanity has enjoyed for centuries, but as it has evolved through the various epochs—has always existed; it is just that very few people have known anything about it. But those who were aware of it also knew the shattering moment in the life of the spiritual researcher that I have just described, and they described it by saying: “I have come to the very threshold of death.”—That is to say, one has come to know, in a symbolic sense, what death is; one has come to know how, in death, the spiritual-soul aspect triumphs in its independence from the physical-bodily aspect. From the moment one has experienced this, one knows what it means to live independently in one’s spiritual-soul aspect. One knows that this spiritual-soul aspect, in its separation from the physical, is something that possesses qualities entirely different from those of the physical.

[ 26 ] Aber es ist in einer gewissen Weise durchaus wahr, dass das, was Fortschritt gibt gegen den Geist hin, mit Schwierigkeiten des inneren Lebens verknüpft ist; sogar in einer gewissen Beziehung zu einer Art inneren Martyriums werden kann. Vor allen Dingen ist Geduld notwendig, dass die Seelenkraft so konzentriert werde, dass das Seelisch-Geistige emanzipiert vom Leiblichen in seiner Selbstständigkeit sich erfassen kann. — Ich wollte Ihnen dieses so schildern, wie es geschehen ist, weil ich nicht in allgemeinen Redensarten sprechen will, sondern weil ich erzählen will von den lebendigen Erlebnissen des Geistesforschers selbst.

[ 26 ] But in a certain sense it is entirely true that what constitutes progress toward the spirit is linked to difficulties in inner life; it can even, in a certain respect, become a kind of inner martyrdom. Above all, patience is necessary so that the soul’s power may be concentrated to such an extent that the soul-spiritual, emancipated from the physical, can grasp its own independence. — I wanted to describe this to you exactly as it happened, not because I wish to speak in general terms, but because I want to recount the living experiences of the spiritual researcher himself.

[ 27 ] Von da ab weiß man, was es heißt, außerhalb seines Leibes leben, auch besonders [in] Bezug auf das Denken. Man verbindet jetzt einen bestimmten Sinn, einen Sinn voll von Realität damit, wenn man sagt: Ich weiß jetzt, dass ich denke, dass ich mir Vorstellungen bilden kann nicht wie im Alltag; ich weiß jetzt, dass ich mit der aus dem Gehirne herausgegangenen Seele, rein geistigseelisch, mir Vorstellungen bilden kann. Und weil ich nicht in allgemeinen Redensarten sprechen will, möchte ich auch nicht zurückschrecken vor etwas, was natürlich, oberflächlich betrachtet, sehr angreifbar erscheinen kann: In dem Augenblick, wo man das geschilderte Erlebnis hat, erlebt man sich in seinem Denken, das für die Momente, wo man aus dem eigenen Leibe geht, nicht mehr an das Gehirn gebunden; man fühlt sich wie außerhalb des Gehirns, in der Umgebung des Gehirns lebend. Und man weiß: Wenn du wieder denken willst wie im Alltag, musst du wieder untertauchen in dein Gehirn. Man fängt an, es als etwas Äußerliches zu betrachten, in das man untertauchen muss.

[ 27 ] From that point on, one knows what it means to live outside one’s body, especially [in] relation to thought. One now associates a specific meaning—a meaning full of reality—with the statement: “I now know that I think, that I can form mental images not as I do in everyday life; I now know that with the soul that has emerged from the brain, purely in a spiritual-soul manner, I can form mental images.” And because I do not wish to speak in generalities, I do not want to shy away from something that, of course, at first glance may seem highly open to criticism: At the moment one has the experience described, one experiences oneself in one’s thinking—which, during the moments when one steps out of one’s own body, is no longer bound to the brain; one feels as if outside the brain, living in the environment surrounding the brain. And one knows: If you want to think again as you do in everyday life, you must submerge yourself back into your brain. You begin to regard it as something external into which you must submerge yourself.

[ 28 ] Eines ist notwendig, wenn man bis zu diesem Punkte fortgeschritten ist. Und das, was ich hier als notwendig erwähnen werde, kann auch aus dem Felde schlagen die Einwände derjenigen, die Geisteswissenschaft nicht kennen und vom Standpunkte der heutigen Wissenschaft aus dasjenige, was der Geistesforscher erlebt, in die Kategorie der Halluzinationen schieben möchten. Sie reden von etwas, von dem sie keine Ahnung haben. Denn gerade der Geistesforscher weiß zu unterscheiden in jedem Augenblick, was der Unterschied ist zwischen einer Halluzination, einer Illusion und dem, was er real als ein Geistiges erlebt. Auch im gewöhnlichen alltäglichen Leben ist es nicht anders, als dass man durch das Leben selbst die Wirklichkeit von der bloßen Vorstellung unterscheiden lernt. Im gewöhnlichen Leben kann man gut unterscheiden die Vorstellung des heißen Eisens und die wirkliche Wahrnehmung des heißen Eisens, wenn man es berührt. So ist es auch, wenn man sich wirklich hineinlebt in die geistige Welt auf die beschriebene Art.

[ 28 ] One thing is necessary once one has progressed to this point. And what I am about to mention here as essential can also dispel the objections of those who are unfamiliar with spiritual science and who, from the standpoint of modern science, would like to classify what the spiritual researcher experiences as a hallucination. They speak of something about which they have no idea. For the spiritual researcher, in particular, knows how to distinguish at every moment between a hallucination, an illusion, and what he actually experiences as a spiritual reality. Even in ordinary everyday life, it is no different: through life itself, one learns to distinguish reality from mere imagination. In ordinary life, one can easily distinguish between the idea of hot iron and the actual sensation of hot iron when one touches it. The same is true when one truly immerses oneself in the spiritual world in the manner described.

[ 29 ] Aber was notwendig ist, das ist, dass man das, was man jetzt erlebt, so innerlich erfühlt, mit dieser inneren Kraft durchdrungen erfühlt, dass man mit seiner Willkür drinnen steckt. Denn fassen wir das wohl ins Auge: Was man so erlebt als eine Vorstellungswelt, die außerhalb des Leibes ist, das muss so als Erlebnis auftreten, dass man es nicht fühlt jetzt zunächst als äußeres Wesen, sondern man muss es so fühlen, wie man seine Hand, seinen Fuß fühlt, wie man sein Auge fühlt; man muss es als ein geistiges Sinnesorgan fühlen. Man muss zunächst genau wissen: Das, was du da in dir entwickelt hast, ist ein Teil deines geistig-seelischen Wesens; es ist etwas in dir, dessen du dich seelisch so bedienen musst wie sonst deiner Hand zum Greifen oder deines Auges, um im Hineinblicken zu sehen.

[ 29 ] But what is necessary is that one feel what one is experiencing right now so deeply within, feel it so thoroughly imbued with this inner power, that one is fully immersed in it with one’s own will. For let us bear this in mind: What one experiences as a world of imagination that lies outside the body must arise as an experience in such a way that one does not initially perceive it as an external entity, but must feel it just as one feels one’s hand, one’s foot, or one’s eye; one must feel it as a spiritual sense organ. One must first know precisely: What you have developed within yourself is a part of your spiritual-soul being; it is something within you that you must use soulfully just as you would otherwise use your hand to grasp or your eye to see by looking into something.

[ 30 ] Zunächst entwickelt man auf diese Weise die Organe. Man macht etwas in sich, was gegenüber der äußeren Wirklichkeit so subtil ist wie ein Traumgewebe, dessen Wirklichkeit man aber erlebt. Man macht etwas mit seiner geistig-seelischen Wesenheit; man steckt mit seinem Willen drinnen. Man muss etwas erleben in dem Neuen, was man herausgezogen hat aus seinem Leibe, das man bezeichnen kann als inneres Mienenspiel. So, [wie] man imstande ist, mit seinen Gesichtsmuskeln sein Denken und Empfinden zum Ausdruck zu bringen, wie man im Blicke zum Ausdruck bringt das, was man seelisch erlebt, so muss man jetzt die Fähigkeit entwickeln, in dem aus dem Leibe herausgehobenen geistig-seelischen Wesen ein deutlich bewusstes inneres Handhaben dieses Wesens selbst zu haben. Man muss sich ausdrücken können durch dieses Wesen. Kurz, man muss das Gefühl haben: In dem, was du da aus dir gemacht hast, steckst du mit dem Willen drinnen. Nicht wie beim Träumen; der Traum stellt Bilder vor uns hin, aber diese Bilder treten auf ohne unseren Willen. Anders ist es, wenn wir uns durch echte geisteswissenschaftliche Entwicklung dazu bringen, dass wir außerhalb unseres Leibes etwas erleben. Da sind wir selbst die Akteure, die ein Bild, das auftritt bis zur höchsten Intensität, verschwinden lassen, von einem Ort zum anderen bringen. Wir sind in dieser Bilderwelt so drinnen, dass wir sie beherrschen, dass wir sie durcheinanderwirbeln können.

[ 30 ] First, one develops the organs in this way. One creates something within oneself that is as subtle as a dreamlike fabric in relation to external reality, yet one experiences its reality. One works with one’s spiritual-soul being; one is fully engaged with one’s will. One must experience something in this new entity—which one has drawn out of one’s body—that can be described as an inner play of expressions. Just as one is able to express one’s thoughts and feelings through one’s facial muscles, and just as one expresses in one’s gaze what one experiences soulfully, so must one now develop the ability to have a clear, conscious inner control over this spiritual-soul entity that has been drawn out of the body. One must be able to express oneself through this being. In short, one must have the feeling: In what you have created out of yourself, you are present with your will. Not as in dreaming; a dream presents images to us, but these images arise without our will. It is different when, through genuine spiritual scientific development, we bring about a state in which we experience something outside our body. There, we ourselves are the agents who cause an image—which appears with the utmost intensity—to vanish or move from one place to another. We are so deeply immersed in this world of images that we master it, that we can stir it up.

[ 31 ] So, wie uns das geworden ist durch die angestellten Übungen, die ja im Grunde genommen nur die Ausbildung der äußeren Aufmerksamkeit ins Unbegrenzte zur geistig-seelischen Konzentration sind, so gelangen wir zunächst nur dazu, uns selbst zu geistig-seelisch selbstständigen Wesen zu machen. Noch nicht dazu gelangen wir, andere geistige Vorgänge und geistige Wesenheiten, die um uns herum sind, wahrzunehmen. Damit wir das können, müssen wir zu der Kategorie der Übungen, die gewissermaßen unter die Aufmerksamkeit fallen, andere hinzufügen, die der Aufmerksamkeit ganz entgegengesetzt sind.

[ 31 ] Just as we have come to be through the exercises we have undertaken—which, after all, are essentially nothing more than the training of outward attention to the point of infinite spiritual-psychic concentration—we are initially able only to make ourselves into spiritually and psychically independent beings. We have not yet reached the point where we can perceive other spiritual processes and spiritual beings that surround us. In order to do so, we must add to the category of exercises—which, in a sense, fall under the heading of “attention”—others that are entirely opposed to attention.

[ 32 ] Aber darauf beruht das Fortschreiten im Geistigen, dass wir nicht nur einseitig üben, sondern dass wir unsere Seele abwechselnd nach der einen oder anderen Seite übend anstrengen. Wir müssen die intensivsten Übungen in der Steigerung der Aufmerksamkeit machen. Damit gleichzeitig müssen wir aber eine solche innere Übungstätigkeit vollbringen, die gerade entgegengesetzt ist. Wir müssen auch das Entgegengesetzte tun, was im gewöhnlichen Leben auch vorkommt. Zum Beispiel, wenn ein Wesen das andere hingebend liebt, sodass es sich wie in diesem Wesen untergegangen fühlt, oder wenn irgendein Wesen im Gebete oder in sonstigen religiösen Empfindungen ganz hingegeben ist an etwas, was es angeht. Hingabe, die wir ebenso, wie die Aufmerksamkeit auch im gewöhnlichen Leben haben, aber wiederum ins Unbegrenzte gesteigert. Wir müssen wirklich ganz willkürlich, durch starken Willensentschluss herbeiführen die Unterdrückung alles äußeren sinnlichen Wahrnehmens, wie es sonst nur im Schlafe geschieht. Man erlangt allmählich die Fähigkeit, bis in die unwillkürlichen Muskeln und sonstigen organischen Werkzeuge hinein gewissermaßen zu unterdrücken alles, was für das alltägliche Sinnesleben notwendig ist; ganz und gar, mit Ausschluss dessen, was im gewöhnlichen Sinnesleben sich betätigt, hingegeben zu sein mit seiner Seele an das, was zunächst vorgestellt wird von uns als das über allen Begriffen stehende Göttlich-Geistige, das die Welt durchwebt und durchwallt. Insbesondere muss man versuchen, alles das, was uns sonst in unserer Urteilstätigkeit beschäftigt, zu unterdrücken. Man muss die willkürliche Fähigkeit der alltäglichen Betätigung annehmen und in innerster Gelassenheit und Hingabe von nichts anderem bewusst leben als von der Erwartung: Was kommt an dich heran, wenn du alles Willkürliche unterdrückst, was sonst auf dich Eindruck machte, und wenn du hingegeben bist dem, was du kennenlernen wirst? — Bis ins Unbegrenzte muss diese Hingabe gesteigert werden, dann tritt einmal der Moment ein, wo wir gebrauchen können das, was wir entwickelt haben an geistig-seelischem Wesen, emanzipiert von unserem Selbst.

[ 32 ] But spiritual progress depends on the fact that we do not practice in a one-sided manner, but rather that we alternately exert our soul in practice toward one direction or the other. We must engage in the most intensive exercises to increase our attention. At the same time, however, we must perform an inner practice that is precisely the opposite. We must also do the opposite, which occurs in ordinary life as well. For example, when one person loves another devotedly, so that they feel as if they have lost themselves in that person, or when a person, in prayer or other religious experiences, is completely devoted to something that concerns them. This devotion, which we experience just as we do attention in everyday life, is, in turn, heightened to infinite proportions. We must truly bring about, entirely at will and through a strong act of volition, the suppression of all external sensory perception, as otherwise occurs only in sleep. One gradually acquires the ability to suppress, so to speak, everything necessary for everyday sensory life—even down to the involuntary muscles and other organic faculties— to be wholly and completely devoted, with the exclusion of everything active in ordinary sensory life, with one’s soul to what is initially conceived by us as the divine-spiritual—which stands above all concepts and which interweaves and surges through the world. In particular, one must strive to suppress everything that otherwise occupies us in our judgmental activity. One must accept the arbitrary nature of everyday activity and, in the deepest serenity and devotion, live consciously of nothing other than the expectation: What will come to you when you suppress everything arbitrary that otherwise made an impression on you, and when you are devoted to what you are about to come to know? — This devotion must be heightened to the point of the infinite; then the moment will come when we can make use of what we have developed in our spiritual and psychological being, emancipated from our self.

[ 33 ] Dann werden uns die Bilder, die wir in uns hineingelegt haben, sie werden uns so, dass wir uns geistig gleichsam verbinden mit einer geistigen Welt; so aber, dass wir jetzt nicht passiv, wie im alltäglichen Leben, uns mit dieser Welt verbinden, sondern aktiv. In der alltäglichen Welt sind wir außerhalb eines Gegenstandes, den wir anschauen. Wenn wir in die geistige Welt eindringen wollen, müssen wir untertauchen in den Gegenstand und darin aufgehen, müssen eins werden mit ihm, so eins, wie wir vorher nur mit unserer eigenen Seele waren.

[ 33 ] Then the images we have imprinted within ourselves will become such that we connect spiritually, as it were, with a spiritual world; but in such a way that we now connect with this world not passively, as in everyday life, but actively. In the everyday world, we are outside the object we are looking at. If we want to enter the spiritual world, we must immerse ourselves in the object and be absorbed into it; we must become one with it—as one as we were previously only with our own soul.

[ 34 ] Und wie wir zum Ausdruck bringen durch unser Mienenspiel, was in unserer Seele lebt, so kommt es, wenn wir uns nach hinreichender Hingabe in eine wirkliche, eine reale geistige Welt einleben, so, dass wir darin erkennen, so, dass wir in der Betätigung unseres GeistigSeelischen leben, dass wir in uns zum Ausdruck bringen Zustände der geistigen Welt. Wir erleben sie durch innere Mimik, indem wir uns einleben in die geistige Welt, die wir nur dadurch ergreifen, dass wir uns aktiv in sie einleben. Wir müssen in der geistigen Welt eine geistige Mimik erwerben; wir müssen uns Ausdruckfähigkeit erwerben.

[ 34 ] Just as we express what lives in our soul through our facial expressions, so too, when we immerse ourselves with sufficient devotion into a true, real spiritual world—so that we recognize it within ourselves, so that we live in the activity of our spiritual-soul life—we express within ourselves states of the spiritual world. We experience them through inner facial expressions as we immerse ourselves in the spiritual world, which we can grasp only by actively immersing ourselves in it. We must acquire a spiritual expressiveness in the spiritual world; we must acquire the ability to express ourselves.

[ 35 ] Dann wissen wir, dass eine geistige Welt immer um uns ist, so, wie zum Beispiel die Welt einer Sprache auch um ein taubstummes Kind herum ist, aber es weiß nichts davon; es gelangt nicht dazu, zu dieser Welt der Sprache, trotzdem seine Sprachorgane ganz gesund sind. Es gelangt nicht dazu, was es nicht hört, in der Mimik der Sprache nachzumachen, zum Ausdruck zu bringen. So, wie die Welt der Worte auch um das taubstumme Kind ist, so ist die Welt der geistigen Wesenheiten und geistigen Vorgänge immer um jeden Menschen herum.

[ 35 ] Then we know that a spiritual world is always around us, just as, for example, the world of language is also around a deaf-mute child, but the child knows nothing of it; it does not manage to reach this world of language, even though its speech organs are perfectly healthy. It is unable to imitate or express what it cannot hear through the gestures of language. Just as the world of words surrounds the deaf-mute child, so too is the world of spiritual beings and spiritual processes always present around every human being.

[ 36 ] Und so, wie der Mensch sich nur öffnen muss gegenüber der äußeren Welt und in der Sprache die Worte nachahmen muss, so muss der Mensch als geistig-seelisches Wesen öffnen durch Hingabe der geistigen Welt gegenüber sein inneres Wesen, um durch Handhabe dessen, was er in sich heranerzogen hat, mimisch zum Ausdruck zu bringen, was er erlebt. Denn nur durch aktive Betätigung und nicht passiv wird die geistige Welt aufgenommen. Was wir nicht in uns selbst wie durch eine innere Mimik von der geistigen Welt erfahren, kann sich uns nicht offenbaren. Wir müssen eins werden mit der geistigen Welt, damit wir in dem, was wir offenbart bekommen, indem wir uns einleben in die geistige Welt, die geistige Mimik entwickeln, die uns dann erlebend zum Bewusstsein bringt: Du erlebst jetzt Zustände der geistigen Welt. Das, was ich geschildert habe, kann erlebt werden, indem man die Denkkraft loslöst von dem physisch-leiblichen Werkzeug, vom Gehirn.

[ 36 ] And just as a person need only open themselves to the external world and imitate words in language, so too must a person—as a spiritual-soul being—open their inner being to the spiritual world through devotion, in order to express what they experience through mimicry by making use of what they have cultivated within themselves. For the spiritual world is received only through active engagement, not passively. What we do not experience within ourselves—as through an inner mimicry of the spiritual world—cannot be revealed to us. We must become one with the spiritual world so that, in what is revealed to us as we immerse ourselves in the spiritual world, we develop the spiritual mimicry that then brings us to the living awareness: “You are now experiencing states of the spiritual world.” What I have described can be experienced by detaching the power of thought from the physical instrument, the brain.

[ 37 ] Aber es kann noch eine andere Kraft in uns gelöst werden vom physisch-leiblichen Werkzeug, und zwar das, was man nennt: die Sprechkraft des Menschen, und damit zusammenhängend die Erinnerungskraft. Beide gehören zur selben Art der Seelenberätigung. So, wie wir unser Denken herausgezogen haben aus dem leiblichen Werkzeug, so gelangen wir dazu, wenn wir unsere Übungen fortsetzen, fähig zu werden, die geistig-seelische Kraft zu erfassen, durch die wir sonst sprechen. Denken Sie sich, wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, so ist mein Geistig-Seelisches in Regsamkeit. Aber diese Regsamkeit überträgt sich zunächst auf das Gehirn, dann auf die Sprachwerkzeuge, dann auf die Luft. Zunächst ist es eine geistig-seelische Kraft, die dann nach außen strömt. Wenn wir durch Fortsetzung unserer verstärkten Hingabe es dahin bringen, ohne dass wir sprechen, ja ohne dass wir jene, auch von der neueren Wissenschaft zugegebene, innere, feine Vibration machen, die selbst beim gewöhnlichen Denken wie ein leises, unhörbares Sprechen erklingt, wenn wir es dahin bringen, alles das auszuschließen, was beim Sprechen an den Leib gebunden ist, aber im Geistig-Seelischen das entwickeln, was sonst in die Sprache ergossen wird, wenn man also die Sprachkraft innerlich lässt, wenn man in Bezug auf das, was in der Sprache zum Ausdruck kommt, schweigsam wird, aber die Kraft doch innerlich anwendet, dann gelangt man zu einer weiteren Stufe in der geistigen Erforschung. Man gelangt dazu, dass man nicht nur dasjenige erlebt als

[ 37 ] But there is another power within us that can be freed from the physical body—namely, what is called the human power of speech, and, connected to it, the power of memory. Both belong to the same type of soul activity. Just as we have separated our thinking from the physical body, so too, if we continue our exercises, we will become capable of grasping the spiritual-soul power through which we otherwise speak. Consider this: when I speak to you now, my spiritual-soul aspect is active. But this activity is first transmitted to the brain, then to the speech organs, and then into the air. At first, it is a spiritual-soul force that then flows outward. If, through the continuation of our intensified devotion, we manage—without speaking, indeed without producing that inner, subtle vibration (acknowledged even by modern science) that resounds like a soft, inaudible speech even during ordinary thinking—if we manage to to exclude everything in speech that is bound to the body, but to develop within the spiritual-soul realm what is otherwise poured into speech—that is, when one allows the power of speech to remain within, when one becomes silent in regard to what is expressed in speech, yet still applies that power inwardly—then one reaches a further stage in spiritual exploration. One arrives at a point where one experiences not only that which is

[ 38 ] etwas Äußeres, was man seinen Leib nennen kann; man gelangt jetzt dazu, zu erkennen: Du bist eine selbstständige Wesenheit, die sich von ihrem inneren Seelenleben des Alltags herausheben kann. Man sondert sich, ebenso, wie früher vom Leibe, von dem, was gewöhnliches Denken, Fühlen und Vorstellen ist, ab. Und dasselbe, was man in der Sprachkraft entwickelt, entwickelt man auch in der Erinnerung, indem man im Verlaufe des Lebens aufstapelt die äußeren Anregungen und Reize. Die Seelenkraft, die zum Sprechen anregt, ist tätig in der Erinnerung.

[ 38 ] something external that one might call one’s body; one now comes to realize: You are an independent being who can detach yourself from your inner, everyday soul life. One detaches oneself—just as one once did from the body—from what constitutes ordinary thinking, feeling, and imagining. And the same capacity that one develops in speech is also developed in memory, by accumulating external impressions and stimuli over the course of one’s life. The soul force that inspires speech is at work in memory.

[ 39 ] Jetzt aber, wenn man sich erlebt außerhalb des alltäglichen Seelenlebens, hat man wiederum ein erschütterndes Ereignis. Denn jetzt erlebt man, wie in einem Rückblick, das ganze vergangene Leben bis zu dem Punkte, wo man normalerweise sich zurückerinnern kann, einem Zeitpunkte in der Kindheit. Das, was man durchlebt hat, tritt in deutlichen Bildern vor die Seele, in immer klareren und klareren Bildern, aber nicht so, wie die gewöhnliche Erinnerung ist, sondern ganz anders.

[ 39 ] But now, when one finds oneself outside of one’s everyday inner life, one experiences yet another shattering event. For now, as if looking back, one experiences one’s entire past life up to the point where one can normally recall it—a moment in childhood. What one has lived through appears before the soul in vivid images, in ever clearer and clearer images, but not in the way ordinary memory works—rather, in a completely different way.

[ 40 ] An einem Beispiel möchte ich das klarmachen. Nehmen wir an, wir haben etwas getan, was moralisch anfechtbar ist. Man schaut darauf zurück. Es erscheint einem im Bilde und es zeigt einem: Dadurch, dass du dieses getan hast, bist du abgekommen von dem wahren Bilde des Menschen, das du darstellen sollst. So viel hast du dich zurückgebracht im Menschwerden. — Es steht gleichsam mahnend vor einem, so, dass man nicht anders sagen kann, als: Ehe ich nicht durch ein weiteres Leben überwunden habe durch entsprechende gute Betätigungen das, was ich da überschaue, muss ich es immer anschauen, wenn ich außerhalb meines eigenen Seelenlebens mich erlebe.

[ 40 ] I’d like to illustrate this with an example. Let’s assume we’ve done something that is morally questionable. We look back on it. It appears to us in a vision, and it shows us: By doing this, you have strayed from the true image of humanity that you are meant to embody. That is how far you have set yourself back in your process of becoming human. — It stands before you, as it were, as a warning, so that you cannot help but say: Until I have overcome, through another life and through corresponding good deeds, what I now perceive, I must always look upon it whenever I experience myself outside my own inner life.

[ 41 ] So ist es beim Guten, so ist es beim Schlechten, bei allen Erlebnissen, die man durchgemacht hat. Wie einen Kometenschweif zieht man sein vergangenes Leben nach sich; aber nun so verändert, dass es einem zeigt, was man zu tun hat, damit man dasjenige, was nicht getan hat werden sollen, in entsprechender Weise ausgleicht, und damit man das, was man verrichtet hat, in entsprechender Weise in der Welt verwerten kann. Es gruppiert sich das, was man so mit seinem eigenen Leben erlebt, so, dass es zu einem äußerlich komplizierten Gesamterlebnis wird. Es durchsetzt sich gleichsam von einer inneren Kraft, die man wahrnimmt, von der man jetzt weiß: Sie war immer in dir, du hast sie nur nicht wahrgenommen, die Kraft, einen Mangel auszulöschen; eine reale Kraft, irgendetwas, was du erreicht hast als Fähigkeit, fruchtbar anzuwenden. Jetzt erlangt man eine volle Vorstellung mit innerer Realität: Eine Pflanze entwickelt sich aus dem Boden. Sie entfaltet Blatt für Blatt, zieht ihr Leben zusammen in einem engen Keim. Aber in diesem Keime ist das Leben so zusammengezogen, dass in ihm steckt die Möglichkeit, dass eine neue Pflanze sich ausbildet. So, wie das eine physische Kraft ist in diesem Samen, so merkt man, dass man in sich trägt, vermöge dessen, was man durchlebt hat, und was man erst in der wahren Gestalt erkennt, wenn man es überschaut, dass man in sich hat eine Kraft wie eine Keimkraft, die fortwirken muss aufgrund dessen, was man erlebt hat. Von jetzt ab weiß man: Wenn der Tod über dich kommt, dann ist in dir ein geistig-seelischer Keim, der durch die Pforte des Todes hindurchgeht und weiterlebt, so gewiss, wie der Keim der Pflanze weiterlebt. Es entsprießt deinem Innern ein immer den Tod besiegender geistiger Keim. Man weiß von dem Momente an: Wenn der Leib von dir fällt, geht durch den Tod hindurch in die geistige Welt hinein dein Geistig-Seelisches.

[ 41 ] This is true of the good, this is true of the bad—of all the experiences one has gone through. Like a comet’s tail, one drags one’s past life behind them; but now transformed in such a way that it shows you what you must do—so that you may appropriately make amends for what should not have been done, and so that you may appropriately put what you have accomplished to use in the world. What one experiences in this way through one’s own life comes together to form an outwardly complex overall experience. It is, as it were, permeated by an inner force that one perceives, a force of which one now knows: It has always been within you; you simply did not perceive it—the force to eradicate a deficiency; a real force, something you have attained as a capacity to apply fruitfully. Now one gains a complete picture imbued with inner reality: a plant develops from the soil. It unfurls leaf by leaf, condensing its life into a tiny seed. But within this seed, life is so condensed that it holds the potential for a new plant to form. Just as there is a physical force within this seed, so one realizes that one carries within oneself—by virtue of what one has lived through, and which one recognizes in its true form only when one surveys it—a force like a germinative power that must continue to work as a result of what one has experienced. From now on, one knows: When death comes upon you, there is within you a spiritual-soul germ that passes through the gate of death and lives on, just as surely as the germ of the plant lives on. A spiritual seed that always overcomes death springs forth from within you. From that moment on, one knows: When the body falls away from you, your spiritual-soul essence passes through death and enters the spiritual world.

[ 42 ] Wenn man mit dieser Erkenntnis nunmehr studiert ein Leben, das in die Welt hereintritt, das Kindesleben, das ja im Grunde genommen für den Geistesforscher das größte Mysterium darstellt, wenn man studiert damit das Kindesleben, oder sei es das eigene Leben in der Kindheit — denn von jetzt ab kann man weiter zurückschauen in seinem Leben —, oder wenn man ein Kind betrachtet, dann wird es einem klar an dem, wie sich in der Entwicklung herausentfaltet nach und nach Fähigkeit um Fähigkeit, wie die kindlichen Züge sich immer mehr befestigen, immer bestimmter werden, wie Talente herauskommen es wird einem klar: Genau wie die Pflanze aus dem Keim wächst, so kommt da heraus, was aus der geistigen Welt heraussprießt. Das ist das Gleiche, von dem man vorher erkannt hat, dass es den Tod besiegt. Es kommt wieder herein in die Welt, und unser geistig-seelisches Leben entwickelt sich heraus durch das, was wir durch den Tod getragen haben. Jetzt wissen wir, was die Wiederholung des Erdenlebens heißt. Wir wissen, dass wir leben abwechselnd; dass wir leben zwischen Geburt und Tod in einem physischen Leibe, dass wir dann durch den Tod durchgehen und in einer geistigen Welt leben. Wir wissen, dass jede Geburt bedeutet: Etwas aus der geistigen Welt steigt herunter und verbindet sich mit dem, was von Vater und Mutter kommt. Es arbeitet die Früchte eines früheren Lebens um, die in seinem Schicksal hereinragen in dieses Leben.

[ 42 ] If one now applies this insight to the study of a life entering the world—the life of a child, which, after all, represents the greatest mystery for the spiritual researcher—if one studies the life of a child with this insight, or even one’s own life in childhood—for from now on one can look further back into one’s own life— or if one observes a child, it becomes clear from the way abilities unfold one by one as the child develops, from the way the child’s features become increasingly established and defined, and from the way talents emerge—it becomes clear: Just as a plant grows from a seed, so too does that which sprouts from the spiritual world emerge. This is the very same thing that we previously recognized as overcoming death. It enters the world again, and our spiritual-soul life develops through what we have carried through death. Now we know what the repetition of earthly life means. We know that we live in cycles; that we live between birth and death in a physical body, that we then pass through death and live in a spiritual world. We know that every birth means: Something descends from the spiritual world and unites with what comes from the father and mother. It transforms the fruits of a previous life, which extend into this life through one’s destiny.

[ 43 ] Dadurch, dass wir die Sprachkraft in uns emanzipiert haben, dass wir dasjenige, was wir im Leben sozusagen verschwenden an die Sprache, in besonderen Übungsaugenblicken im Inneren entwickeln so, dass es in der Seele bleibt, dadurch leben wir uns ein in die geistige Welt, in der wir uns selbst finden, von Leben zu Leben gehend, weil wir jetzt nicht Zustände erleben, sondern Vorgänge der geistigen Welt. So steigen wir von Zuständen zu Vorgängen auf.

[ 43 ] By emancipating the power of language within us—by taking what we, so to speak, squander on language in life and, through special moments of practice, developing it inwardly so that it remains in the soul—we thus immerse ourselves in the spiritual world, where we find ourselves, passing from life to life, because we now experience not states but processes of the spiritual world. In this way, we ascend from states to processes.

[ 44 ] Praktisch nimmt sich das für den Geistesforscher so aus, dass er vorher, wo er nur Zustände wahrgenommen hat, ausstreckte wie geistige Fangarme, dass er ergreift jetzt das, was außer ihm ist. Jetzt aber erlebt der Geistesforscher, dass er mit seinem emanzipierten Seelenleben, das in sich aufgenommen hat auch die Sprachkraft, vollständig aus sich heraustritt und in die anderen Wesen so untertaucht, dass er weiß: Du bewegst dich jetzt von Wesen zu Wesen der geistigen Welt; du lebst dich ein in die geistige Welt. Meistens wird es so sein: Bis man eine vollständige Gewandtheit hat, dass man zu einem Erleben von Zuständen kommt, muss man versuchen, sich so weit hinzugeben; dann fühlt man sich wie erwacht in einen anderen Zustand.

[ 44 ] In practical terms, this means that the spiritual researcher—who previously perceived only states, extending them like spiritual tentacles—now grasps that which lies outside himself. But now the spiritual researcher experiences that, with his emancipated soul life—which has also taken in the power of speech—he steps completely out of himself and immerses himself in other beings to such an extent that he knows: You are now moving from being to being in the spiritual world; you are living yourself into the spiritual world. Most often it will be this way: Until one has attained complete proficiency—that is, until one reaches a state of direct experience—one must try to surrender oneself to this extent; then one feels as if awakened into a different state.

[ 45 ] So erlebt man Geschehnisse, indem man wirklich innerlich miterlebt, mit auftaucht, mit untertaucht. Man kann sagen: Vorgänge der geistigen Welt erlebt man jetzt nicht durch inneres Mienenspiel, sondern durch innere Geste. So, wie man in der äußeren Welt Vorgänge erlebt in Bewegung, so muss man in der geistigen Welt die Bewegung mitmachen; man muss mitgehen mit den Vorgängen. Man steigt also auf von der inneren Mimik zu dem inneren Gestus, und man nimmt dadurch allmählich wahr nicht nur Zustände, sondern Vorgänge der geistigen Welt.

[ 45 ] This is how one experiences events: by truly participating in them inwardly, rising with them and sinking with them. One could say: events in the spiritual world are now experienced not through inner facial expressions, but through inner gestures. Just as one experiences events in the outer world through movement, so too must one participate in the movement of the spiritual world; one must go along with the events. One thus ascends from inner facial expressions to inner gestures, and through this gradually perceives not only states but also events of the spiritual world.

[ 46 ] Und endlich, wenn man dieses immer weiter und weiter übt, wenn man es wirklich systematisch ausbildet, so, wie es in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höherer Welten?» geschildert ist, wenn man fortsetzt die beiden Kategorien des inneren Übens, das, was unter die Kategorie der Aufmerksamkeit und unter die Kategorie der Hingabe fällt, wir nennen es auch Konzentration und Meditation, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann gelangt man endlich noch zu einem Dritten, zu einem Dritten, das ich in der folgenden Weise andeuten muss.

[ 46 ] And finally, if one practices this more and more, if one truly cultivates it systematically, just as described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* , if one continues with the two categories of inner practice—those that fall under the category of attention and under the category of devotion, which we also call concentration and meditation—then, my esteemed audience, one finally arrives at a third, a third that I must describe as follows.

[ 47 ] Dem Menschen ist etwas vorbehalten — ich weiß, dass das vom Standpunkte einer oberflächlichen äußeren Wissenschaft angreifbar ist, es ist aber doch wahr; es fehlt mir nur jetzt die Zeit, es zu beweisen, aber es kann bewiesen werden —, der Mensch hat einen Vorzug vor den anderen Geschöpfen auf der Erde dadurch, dass er zu dem Wesen, das so in der Welt steht wie er, sich eigentlich erst macht im Verlaufe des Lebens. Denn wenn wir in die Welt kommen, müssen wir auf allen vieren kriechen. Andere Wesen, die Tiere, sind von vorneherein nicht von dem abhängig, sondern ihnen sind anders als dem Menschen einverleibt Kräfte, die ihnen die Stellung geben, die sie im Leben einnehmen sollen. Der Mensch muss sich im Laufe des Lebens selbst zu dem erheben, von dem man sagen kann: Es macht ihn eigentlich erst im physischen Sinne zum Menschen. Immer wiederum haben bedeutsame Denker darauf hingewiesen, was der Mensch dadurch ist, dass er sich vom Boden erhebt und das Antlitz frei hinausrichtet. Aber der Mensch macht sich erst selbst dazu. Er hat eine innere Richtekraft, durch die er sich in die Gestaltung gegenüber dem Kosmos bringt, durch die er im physischen Sinne Mensch ist. Dazu sind innere geistig-seelische Kräfte da. Aber im gewöhnlichen Leben werden sie ganz in das Leibliche hineinergossen.

[ 47 ] There is something reserved for human beings—I know that this is open to criticism from the standpoint of a superficial, external science, but it is nevertheless true; I simply lack the time right now to prove it, but it can be proven—human beings have an advantage over other creatures on Earth in that they only truly become the beings they are in the world over the course of their lives. For when we come into the world, we must crawl on all fours. Other beings—the animals—are not dependent on this from the outset; rather, unlike human beings, they are endowed with innate powers that give them the position they are meant to occupy in life. Human beings must, in the course of their lives, elevate themselves to that which one can say: It is this that actually makes them human in the physical sense. Time and again, significant thinkers have pointed out what it is that makes a human being a human being: the fact that they rise from the ground and freely turn their face toward the world. But human beings must first become this themselves. They possess an inner orienting force through which they bring themselves into alignment with the cosmos, through which they are human in the physical sense. Inner spiritual and soul forces exist for this purpose. But in ordinary life, these forces are entirely poured into the physical body.

[ 48 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, geradeso, wie man die Denkkraft emanzipieren kann von dem Leiblich-Physischen, so kann man auch die Kräfte emanzipieren, durch die wir erst im physischen Sinne uns in der Welt zum Menschen machen. Und wie man das, was sonst durch die Sprache sich ergießt, im inneren Seelenleben lassen kann und dadurch zum inneren Gestus kommt, so kann man die Aufrichtekräfte innerlich emanzipieren durch Übung. Dann gelangt man dazu, durch den Gebrauch dieser inneren Kräfte, verstehen zu lernen Wesen in der geistigen Welt, die anders sind als der Mensch. Dass man in der physischen Welt nur den Menschen kennt, das kommt davon her, dass man die Kräfte, die die Richtekräfte sind, verwendet hat, den Menschen zu dem zu machen, was er ist. Übt man es innerlich, diese Kräfte zu emanzipieren, so lernt man Wesen kennen, die etwas anders sind als der Mensch. Man kommt dadurch zu einer inneren Physiognomik. Man ahmt nach die Formen der anderen Wesen, mit denen man dann in Zusammenhang kommt. Kurz, man tritt jetzt in lebendigen Verkehr mit der geistigen Welt. Man nimmt die Physiognomik der Wesen an, mit denen man in Berührung kommt. Ich möchte das Gesagte noch einmal wiederholen: Durch innere Mimik kommt man zu Zuständen; durch den inneren Gestus kommt man zu Vorgängen; durch innere Physiognomik kommt man dazu, wirklich die geistige Welt als solche kennenzulernen.

[ 48 ] Well, ladies and gentlemen, just as one can emancipate the power of thought from the physical body, so too can one emancipate the forces through which we, in the physical sense, become human beings in the world. And just as one can allow what would otherwise pour forth through language to remain within the inner life of the soul—thereby arriving at an inner gesture—so too can one emancipate the forces of uprightness inwardly through practice. Then, through the use of these inner forces, one comes to understand beings in the spiritual world who are different from human beings. The fact that we know only human beings in the physical world stems from the fact that we have used the forces—which are the forces of uprightness—to make human beings what they are. If one practices emancipating these forces inwardly, one comes to know beings that are somewhat different from human beings. Through this, one arrives at an inner physiognomy. One imitates the forms of the other beings with whom one then comes into contact. In short, one now enters into a living communion with the spiritual world. One takes on the physiognomy of the beings with whom one comes into contact. I would like to repeat what I have said: Through inner mimicry, one attains certain states; through inner gesture, one experiences certain processes; through inner physiognomy, one comes to truly know the spiritual world as such.

[ 49 ] Ich habe versucht, Ihnen real zu zeigen, wie wahre Geistesforschung sich einlebt in die geistige Welt, wie der Mensch wirklich zum Ergreifen einer geistigen Welt kommt. Geisteswissenschaft ist ebenso eine Wissenschaft wie Chemie, Physik und so weiter. Was durch diese Geisteswissenschaft vor die Menschheit hingestellt werden kann, man braucht es ebenso wenig auf Autorität hin anzunehmen wie die Resultate anderer Wissenschaften. Ich werde morgen zu schildern haben, wie diese Geisteswissenschaft zum Lebensgut des Menschen werden kann.

[ 49 ] I have tried to show you in a concrete way how true spiritual research becomes attuned to the spiritual world, and how human beings truly come to grasp a spiritual world. Spiritual science is just as much a science as chemistry, physics, and so on. What this spiritual science can present to humanity need not be accepted on authority any more than the findings of other sciences. Tomorrow I will describe how this spiritual science can become a part of human life.

[ 50 ] Wenn wir die Ziele unserer Zeit ins Auge fassen, so dürfen wir uns sagen: Gerade die großen, die bewunderungswürdigen Fortschritte der Naturwissenschaft haben den Menschen daran gewöhnt, mehr oder weniger dasjenige, was er als wahr gelten lassen soll, nur dann anzuerkennen, wenn die Wahrheit vor ihn hingestellt wird so, dass er sich passiv verhalten kann. Jeder Schritt in der Geistesforschung [aber] zeigt uns, dass wir aktiv uns einleben müssen in die geistige Welt; dass wir für das, was wir wahrnehmen wollen, erst den Ausdruck schaffen müssen. Wie Aktivität zur Passivität verhält sich Geisteswissenschaft zur Naturwissenschaft. Man braucht nur einen Umblick über unsere Zeitverhältnisse zu richten, und man wird finden, dass der Mensch geneigt ist, zu sagen: Da handelt es sich um Phantasterei — wenn ihm etwas nicht so gegenüberrtritt, dass er sich passiv verhalten kann. So ist im Grunde genommen alles in der Geisteswissenschaft den Zeitströmungen entgegengesetzt.

[ 50 ] When we consider the goals of our time, we may say to ourselves: It is precisely the great, admirable advances in the natural sciences that have accustomed people to recognizing—more or less—what they are supposed to accept as true only when the truth is presented to them in such a way that they can remain passive. Every step in spiritual research [however] shows us that we must actively immerse ourselves in the spiritual world; that we must first create the means of expression for what we wish to perceive. Just as activity relates to passivity, so does spiritual science relate to natural science. One need only take a look at the conditions of our time to find that people are inclined to say, “That’s just fantasy”—when something does not present itself in a way that allows them to remain passive. Thus, fundamentally, everything in spiritual science runs counter to the currents of our time.

[ 51 ] Aber auf der anderen Seite geschieht es im Leben so, dass, wo etwas bis zur höchsten Kraft hinaufgeschnellt ist, das ihr Entgegengesetzte gemacht wird. Für denjenigen, der in den Seelen der Gegenwart forschen kann, für den zeigt es sich ganz klar, dass in den Untergründen der Menschen der Gegenwart die Sehnsucht lebt, etwas zu erfahren von jener Aktivität, durch die der Mensch sein Ewiges, sein Unsterbliches, seinen Zusammenhang mit dem Göttlichen auch erkennend ergreifen kann. Es ist durchaus natürlich, dass auf der einen Seite sich Gegnerschaft über Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft wendet, weil die naturwissenschaftliche Erziehung zur Passivität hingelenkt hat. Aber in den Untergründen der Seele regt sich die Sehnsucht, eine Sehnsucht, die auf Erfüllung wartet. Viele Seelen leben in der Gegenwart, die nichts davon wissen, dass ihre Unsicherheit, ihr Nichtwissen, was sie mit sich anfangen sollen, einfach davon herkommt, dass sie die Sehnsucht haben, mit dem Geistigen zusammenzukommen, und dass sie es nicht können. Sie lechzen nach der Geisteswissenschaft.

[ 51 ] But on the other hand, it is a fact of life that whenever something has surged to its highest point, its opposite comes into being. For those who can delve into the souls of the present, it becomes quite clear that deep within the hearts of people today there lives a longing to experience something of that activity through which human beings can recognize and embrace their eternal, their immortal, and their connection to the divine. It is entirely natural that, on the one hand, opposition upon opposition is directed against spiritual science, because an education grounded in the natural sciences has led to passivity. But in the depths of the soul, a longing stirs—a longing that awaits fulfillment. Many souls live in the present who are unaware that their insecurity, their not knowing what to do with themselves, stems simply from the fact that they long to connect with the spiritual and are unable to do so. They yearn for spiritual science.

[ 52 ] Deshalb kann man sagen: Wenn noch so sehr scheinbar den Zielen unserer Zeit entgegengesetzt ist das, was an die Seelen zunächst äußerlich herantritt, in Wahrheit lechzen die Seelen nach den Zielen, die sich die Geisteswissenschaft setzt. Man könnte an mancherlei, was in der Gegenwart an uns herantritt, zeigen, wie der Mensch gegenwärtig durchaus passiv hingegeben sein will an die Außenwelt; wie er alles das, was er als wahr gelten lassen soll, von außen bekommen will. Zu einem Vortrag, der so angekündigt wird, dass darunter steht «mit Lichtbildern», gehen die Leute gerne hin. Es wird nicht der Anspruch erhoben nach etwas anderem, als dass man sich passiv hingibt, dass man schaut, Sensationen empfängt, die höchstens durch Worte unterstützt werden. Anders ist es, wo ein Vortrag ohne Lichtbilder verlangt, dass man mitarbeitet in der Seele.

[ 52 ] That is why we can say: No matter how much what initially approaches the souls from the outside may seem to run counter to the goals of our time, in truth the souls yearn for the goals that spiritual science sets for itself. One could point to many things that come to us in the present to show how people today want to be completely passively devoted to the external world; how they want to receive everything they are supposed to accept as true from outside themselves. People are happy to attend a lecture advertised with the note “with slides.” No claim is made to anything other than passive participation—simply watching and receiving sensations that are, at most, supported by words. The situation is different when a lecture without slides requires active participation of the soul.

[ 53 ] Und so ist es im Grunde genommen, im weitesten Umfang unseres Lebens. Hat ja doch eines in unserer Zeit Platz greifen können: In einer sehr verbreiteten Zeitschrift ist vor Kurzem einmal ein Aufsatz erschienen, der das Folgende enthält; der Verfasser hat einen geachteten Namen als Philosoph; er wird für manches auch mit Recht bewundert. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch erwähnen, dass ich immer mir zur Pflicht mache, dass ich nur Gegner anführe, die ich auch schätzen kann; und einen geachteten Mann möchte ich Ihnen jetzt nennen. Aber dieser Mann ist zu einer merkwürdigen Idee gekommen. Er sagt: Wenn man so Kant, Spinoza liest, es ist schwer zu lesen; die Begriffe gehen einem so herum. Man könnte das doch auch leichter haben. Man habe ja heute Lichtbilder, den Film, das Kino. Man zeige den Menschen Spinoza, wie er dasitzt und Gläser schleift. Das wäre das erste Bild. Es verwandelt sich. Es wird gezeigt, wie in seinem Kopfe auftritt der Gedanke «Substanz». Es erscheint der Gedanke Substanz. Im nächsten Bilde «Denken und Ausdehnung» und so weiter. Spinozas «Ethik» — so heißt das Werk, von dem ich eben gesprochen habe —, es wird eine schöne Zukunftsperspektive sein, einmal vorübergehen zu können an einem Kino und zu lesen an den Plakaten: «Spinozas Ethik» oder: «Kants Kritik der reinen Vernunft».

[ 53 ] And that is essentially how it is, in the broadest sense of our lives. After all, one thing has managed to take hold in our time: An essay was recently published in a very widely read magazine that contains the following; the author is a respected philosopher; he is rightly admired for many things. I would also like to take this opportunity to mention that I always make it a point to cite only opponents whom I can also respect; and I would now like to name a respected man for you. But this man has arrived at a curious idea. He says: When you read Kant or Spinoza, it’s difficult to read; the concepts just go over your head. Surely there must be an easier way. After all, today we have photographs, film, and the cinema. Show people Spinoza sitting there grinding lenses. That would be the first image. It transforms. It shows how the thought “substance” arises in his mind. The thought of substance appears. In the next image, “Thinking and Extension,” and so on. Spinoza’s *Ethics*—that is the title of the work I just mentioned—it will be a wonderful prospect for the future to be able to walk past a movie theater one day and read on the posters: “Spinoza’s Ethics” or “Kant’s Critique of Pure Reason.”

[ 54 ] Sehr verehrte Anwesende! Solche Dinge erwähne ich nur aus dem Grunde, weil sie Ihnen in grotesker Weise zeigen, wohin die Ziele unserer Zeit tendieren, und wie sie entgegengesetzt sind den Zielen der Geisteswissenschaft, in denen alles Aktivität ist, um die Tätigkeit im Menschen zu erkraften, immer selbstständiger und selbstständiger das Wesen des Menschen zu machen. Derjenige, der den vorerwähnten Aufsatz abgedruckt hat in seiner Zeitung, er sagt, man müsse große Hoffnungen haben, wenn so etwas verwirklicht werden könnte; das würde der metaphysischen Sehnsucht der Menschen Erfüllung schaffen. Der Geistesforscher kann allerdings diese Erfüllung nicht erhoffen. Er muss sich also schon «oberflächlich» schelten lassen, weil er sich nicht viel erhoffen kann von Spinozas «Ethik» und Kants «Kritik der reinen Vernunft» im Film.

[ 54 ] Ladies and gentlemen! I mention such things only because they show you, in a grotesque way, where the goals of our time are headed, and how they are opposed to the goals of spiritual science, in which everything is directed toward strengthening the activity within the human being, making the human essence ever more and more independent. The person who published the aforementioned essay in his newspaper says that one must have great hopes if such a thing could be realized; that would fulfill people’s metaphysical longing. The spiritual researcher, however, cannot hope for this fulfillment. He must therefore be prepared to be criticized as “superficial” because he cannot expect much from Spinoza’s *Ethics* and Kant’s *Critique of Pure Reason* in film.

[ 55 ] Ich brauche nicht weiter auf einzelne Ziele unserer Zeit einzugehen, ich brauche nur den allgemeinen Charakter der Passivität vor sie hinzustellen, der ja notwendigerweise kommen musste; der kommen musste aus dem Grunde, weil durch die wunderbare Vertiefung des äußeren Lebens der Mensch gewöhnt worden ist, an dem sich zu betätigen, wozu er nichts hinzutun kann. Je mehr aber die Menschen der Gegenwart sich einhüllen werden in solche Passivität, je mehr wird die Sehnsucht erwachen nach jener Aktivität der Seele, durch die der Mensch sich erst als ein ewiges, als ein selbstständiges, als ein gegenüber dem Leibe selbstständiges Wesen fühlen [kann], das den Tod besiegt, weil es in sich Kräfte hat, die nichts zu tun haben mit Geborenwerden und Sterben, sondern die zurückweisen in frühere Erdenleben, und die hinweisen auf das spätere und auf ein ewiges Dasein.

[ 55 ] I need not go into further detail about the specific goals of our time; I need only highlight the general character of passivity that has come to define them—a passivity that was bound to arise; it was bound to arise because, through the remarkable intensification of external life, people have become accustomed to engaging in activities over which they have no control. But the more the people of the present wrap themselves in such passivity, the more the longing will awaken for that activity of the soul through which human beings can first feel themselves to be eternal, independent, and autonomous beings—autonomous even from the body— [can]—a being that overcomes death because it possesses within itself powers that have nothing to do with being born and dying, but which point back to earlier earthly lives and forward to a future and eternal existence.

[ 56 ] Nur charakterisieren wollte ich; nicht im Einzelnen wollte ich andeuten das, was ich nennen möchte einen Ausblick in die Zukunft der Menschheitsentwicklung.

[ 56 ] I merely wanted to characterize; I did not intend to go into detail about what I would call a glimpse into the future of human development.

[ 57 ] Wozu soll diese Aktivität führen? Was die Geisteswissenschaft als Lebensgut sein soll, werden wir morgen betrachten. Aber wozu kann sie führen?

[ 57 ] What is the purpose of this activity? Tomorrow we will consider what the humanities are meant to be as a source of life. But what can they lead to?

[ 58 ] Nun, sehen wir einmal auf den Grundcharakter unserer Zeit hin, auf die Weltanschauung, welche nur aus den materialistisch-sinnlichen Tatsachen heraus sich ein Weltbild machen möchte. Man ist nicht sehr konsequent, sonst müsste man sagen: Nach diesem Weltbilde, wie es sich schon mal herausbilden will im Sinne eines missverstandenen Darwinismus, soll der Mensch sich rein erhoben haben, ohne dass ein Geistig-Seelisches sich mit seinem Physisch-Leiblichen verbunden hat, das sich aus der Tierheit ergeben hat, es soll der Mensch sich aus der Tierheit erhoben haben; und die Eigenschaften des Denkens, Fühlens und Wollens, die Eigenschaft der religiösen Vertiefung und so weiter soll nur eine Steigerung desjenigen sein, was im Tiere auf einer unteren Stufe zum Vorschein kommt.

[ 58 ] Now, let us consider the fundamental character of our time, the worldview that seeks to construct a picture of the world based solely on materialistic and sensory facts. People are not very consistent; otherwise, they would have to say: According to this worldview—as it tends to take shape in the sense of a misunderstood Darwinism—human beings are said to have elevated themselves purely, without any spiritual-soul aspect having united with their physical-bodily aspect, which arose from the animal realm; human beings are said to have risen from the animal realm; and the faculties of thinking, feeling, and willing, the capacity for religious contemplation, and so on, are supposed to be merely an intensification of what manifests itself in animals at a lower level.

[ 59 ] Es ist Oberflächlichkeit, gegenüber gewissen Dingen davon zu sprechen, dass man in einer Übergangszeit lebt. Jede Zeit ist eine Übergangszeit. Aber man darf sagen, und darauf kommt es an: In Bezug auf solche Dinge ist diese Zeit eine Übergangszeit. Und ich möchte mir von Ihnen die Erlaubnis erbitten, vielleicht etwas grotesk, aber dadurch besonders deutlich, anzudeuten, wie die Geisteswissenschaft sich hineinstellen will in die Ziele unserer Zeit. Man ist nur immer nicht konsequent genug, sonst könnte man gerade aus der materialistischen Vorstellungsweise Folgendes sich sagen: Mag was immer gemeint sein mit dem, was hingestellt ist durch die Bibel an dem Beginn der Menschheitsentwicklung mit dem Erscheinen des Geistes, der durch die Schlange symbolisiert wird; was für ein Wort tönt uns aus diesem Symbolum entgegen?

[ 59 ] It is superficial to speak of living in a transitional period when it comes to certain matters. Every era is a transitional era. But one may say—and this is what matters—that with regard to such matters, this era is a transitional one. And I would like to ask your permission to suggest—perhaps somewhat grotesquely, but all the more clearly for it—how spiritual science seeks to position itself within the goals of our time. People are simply not consistent enough; otherwise, one could deduce the following directly from the materialistic way of thinking: Whatever may be meant by what the Bible presents at the beginning of human development—the appearance of the spirit symbolized by the serpent—what message does this symbol convey to us?

Ihr werdet sein wie die Götter und unterscheiden das Gute und das Böse.

You will be like gods, able to distinguish between good and evil.

[ 60 ] Wie man auch über dieses Sinnbild denken will — es ist ein bedeutsames Wort, ein Wort, was mit alledem zusammenhängt, was wir im Menschen «Freiheit» nennen. Ein großartiges, in die Menschennatur tief einschlagendes Wort: «Ihr werdet sein wie die Götter und unterscheiden das Gute und das Böse.» Wäre man so konsequent, wie die Schlange konsequent gewesen ist, wenn man Materialist oder Monist ist, dann würde man nicht verschleiern, inkonsequenterweise verschleiern, was man eigentlich bei dieser Zusammensetzung sagen müsste: Alles dasjenige, in das der Mensch sich vertiefen kann, ist eine Steigerung dessen, was im Triebleben der Tiere zutage kommt. Es ist, wie wenn der Versucher vor uns stünde und uns zurufen wollte: «Ihr werdet sein wie die Tiere, und nicht mehr unterscheiden das Gute und das Böse.» Denn wird alles eingespannt in das objektiv-physikalische Naturgesetz, dann verläuft alles so, wie das Tierleben verläuft. So steht als das Ziel unserer Zeit das Versucherwort vor uns: «Ihr werdet sein wie die Tiere und nicht mehr unterscheiden das Gute und das Böse.»

[ 60 ] However one may interpret this symbol—it is a significant word, a word connected to everything we call “freedom” in human beings. A magnificent word that cuts deep into human nature: “You will be like gods and know the difference between good and evil.” ” If one were as consistent as the serpent was—especially if one is a materialist or a monist—then one would not obscure, inconsistently obscure, what one ought actually to say in this context: Everything into which human beings can immerse themselves is an elevation of what manifests in the instinctual life of animals. It is as if the tempter were standing before us, calling out: “You will be like the animals, and will no longer distinguish between good and evil.” For if everything is subjected to the objective, physical laws of nature, then everything proceeds just as animal life proceeds. Thus, the Tempter’s words stand before us as the goal of our time: “You will be like the animals and will no longer distinguish between good and evil.”

[ 61 ] Zwischen beiden Extremen liegt der wahre Fortschritt der menschlichen Wesenheit. Dass sich die Menschheit erheben möge über das, was sie nur gewinnen kann aus der Betrachtung der sinnlichen Wirklichkeit, an die sie sich nur passiv hingeben mag, [dafür] soll Geisteswissenschaft eingreifen in die Kulturwelt und ihr Ziele geben, die in der Aktivität der Seele liegen, die den Menschen so hineinstellen in die Welt, dass er in richtiger Mitte zwischen Gottheit und Tierheit seinen Fortschritt in der Entwicklung der Freiheit und alles Menschlichen besser finden kann.

[ 61 ] True progress for the human being lies between these two extremes. So that humanity may rise above what it can gain merely from contemplating sensory reality—to which it may only passively surrender itself— [to this end] spiritual science must intervene in the cultural world and provide it with goals that lie in the activity of the soul—goals that place human beings in the world in such a way that, in the proper balance between the divine and the animal, they may better find their progress in the development of freedom and all that is human.

[ 62 ] Mit diesen wahren Zielen der Geisteswissenschaft steht man allerdings im Einklang mit all den Persönlichkeiten, die im Laufe der Menschheitsentwicklung aus einer tiefen Seelenbetrachtung heraus sich ein Gefühl und eine Empfindung zu verschaffen versuchten über des Menschen wahre Wesenheit. Wenn auch in älteren Zeiten noch nicht so, wie es in unserer Zeit möglich ist, weil wir das Muster der Naturwissenschaft vor uns haben, ausgesprochen werden konnte das, was Geisteswissenschaft heute deutlich aussprechen kann — es wurde gefühlt und empfunden von all den Geistern, all den Persönlichkeiten, die es mit dem echten Menschenfortschritte ernst genommen haben. Sie waren weit, weit davon entfernt, die Richtung ihres Denkens einlaufen zu lassen etwa in ein Ziel, das man charakterisieren muss damit: Ihr werdet sein wie die Tiere und nicht mehr unterscheiden das Gute und das Böse; euer Gedanke wird sein nur wie eine höchste Betätigung eures Gehirns, so, wie der Magnetismus eine höchste Betätigung ist desjenigen, was in den materiellen Vorgängen des Eisens geschehen kann.

[ 62 ] With these true goals of spiritual science, one is, however, in harmony with all those individuals who, in the course of human development and out of a deep contemplation of the soul, sought to gain a sense and a feeling for the true nature of the human being. Even though in earlier times it was not possible to articulate—as it is in our time, because we have the model of the natural sciences before us—what spiritual science can clearly articulate today, it was felt and sensed by all those spirits, all those individuals, who took genuine human progress seriously. They were far, far from allowing the direction of their thinking to lead toward a goal that must be characterized as follows: You will be like animals and will no longer distinguish between good and evil; your thought will be nothing more than the highest activity of your brain, just as magnetism is the highest activity of what can occur in the material processes of iron.

[ 63 ] Wie viele große Geister würden uns aus den Jahrhunderten in Dichten und Denken ertönen können! Führen wir zum Schlusse nur einen an, in dessen Worte ich empfindungsgemäß zusammenfassen möchte dasjenige, was ich heute hier vorbringen wollte. Lassen Sie mich anführen einen Ausspruch Schillers, der sich auch einmal klarmachen wollte, wie es sich verhält mit dem Verhältnis des Menschen zu der werdenden Tierwelt; wie es sich verhielt in der Erdengestaltung, als der Mensch auftrat, zu den anderen Wesen hinzu. Wahrhaftig tiefer noch, als er es fühlen konnte, möchten wir aus der Geisteswissenschaft heraus, wie ihr wichtigstes Ergebnis gefühlsmäßig zusammenfassend, das Wort Schillers aussprechen, wissend, dass sich in einem solchen Worte ausdrückt die richtige Stellung des Menschen zum Weltall:

[ 63 ] How many great minds could speak to us from across the centuries through poetry and thought! Let us conclude by citing just one, in whose words I would like to summarize, in accordance with my own feelings, what I wanted to present here today. Let me quote a statement by Schiller, who also once sought to clarify the nature of humanity’s relationship to the emerging animal world; how this relationship stood in the formation of the Earth when humanity appeared alongside the other beings. Indeed, even more profoundly than he could have sensed it, we would like—drawing on spiritual science as its most important result and summarizing it intuitively—to express Schiller’s words, knowing that such a statement expresses humanity’s true position in relation to the universe:

Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
Und Menschheit trat auf die entwölkte Stirn,
Und der erhabene Fremdling, der Gedanke
Sprang aus dem staunenden Gehirn.

Now the dull barrier of animality fell,
And humanity stepped onto the cloudless brow,
And the sublime stranger, the thought
Leapt from the astonished brain.