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Spiritual Science
and the Future of Humanity
GA 69e

13 March 1914, Basel

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Spiritual Science and the Future of Humanity, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaft und die geistigen Ziele unserer Zeit

20. Geisteswissenschaft in ihrem Verhältnis zu Religiösen und sozialen Strömungen der Gegenwart

20. Spiritual Science in Relation to Contemporary Religious and Social Trends

[ 1 ] Die beiden ersten Vorträge über Geisteswissenschaft, die ich hier in diesem Winter halten durfte, handelten mehr von der Art, wie die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse errungen werden. Sie handelten von jenen Kräften in der Menschenseele, die im Allgemeinen in unserer Gegenwart dieser geisteswissenschaftlichen Erkenntnis noch entgegenstreben, ihr feindlich sind und dergleichen.

[ 1 ] The first two lectures on spiritual science that I was able to give here this winter dealt more with the way in which spiritual scientific insights are attained. They dealt with those forces in the human soul that, in general, still resist this spiritual scientific knowledge in our time, are hostile to it, and so on.

[ 2 ] Am heutigen Abend möchte ich mir gestatten, einiges, wenn es auch selbstverständlich in einem kurzen Vortrage nur spärlich sein kann, zu sprechen über das Verhältnis der Geisteswissenschaft zu verschiedenen religiösen und sozialen Strömungen in unserer gegenwärtigen Kultur. Universell darf ich bemerken, dass, wie es ja naturgemäß ist, von mir nur vertreten werden kann die geisteswissenschaftliche Forschung, von der in den ersten beiden Vorträgen hier die Rede war, und dass sorgfältig vermieden werden soll, diese geisteswissenschaftliche Forschung mit allerlei anderen Strömungen, die sich theosophisch oder ähnlich nennen und in der Gegenwart wirksam sind, zusammenzuwerfen. Es ist im Allgemeinen nicht erfreulich, gerade über solche Strömungen zu sprechen, aber es ist vielleicht auch nicht notwendig, nachdem diese Vorträge vorangegangen sind. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschenseele, die sich nur ein wenig orientiert über das, was um sie herum vorgeht, ganz zweifellos fühlen muss, wie sie immer mehr und mehr in die Notwendigkeit versetzt wird, aus dem seelisch instinktiven Leben herauszutreten und bewusster und bewusster, erkennender und erkennender sich in das hineinzuleben, was man die Anforderung der Welt, namentlich der Kulturwelt, an den Menschen und an seine seelische Entwicklung nennen kann. Man braucht nicht in sehr alte Zeiten menschlicher Kulturentwicklung zurückzublicken, und man wird sich sehr bald überzeugen können, wenn man unbefangen ist, dass in diesen älteren Zeiten der Mensch viel instinktiver, viel, man möchte sagen, selbstverständlicher leben konnte als in unserer Zeit. Darauf beruht das, was wir als das Fortschrittliche unserer Zeit erleben. Immer mehr und mehr ist die menschliche Seele genötigt, sich Gedanken und Vorstellungen zu machen über das, was, wenn der Ausdruck gestattet ist, ihr von inneren, seelisch-geistigen, ihr mehr unbestimmt bleibenden Kräften wie eingeimpft wurde, sodass sie sich mehr instinktiv äußern konnten.

[ 2 ] This evening, I would like to take the liberty of saying a few words—though, naturally, in a short lecture these can only be sparse—about the relationship between the humanities and various religious and social currents in our contemporary culture. As a general remark, I should note that—as is only natural—I can only speak on behalf of the spiritual scientific research discussed in the first two lectures here, and that we must take great care not to conflate this spiritual scientific research with all manner of other movements that call themselves theosophical or similar and are active today. It is generally not pleasant to speak specifically about such movements, but perhaps it is also unnecessary now that these lectures have taken place. We live in a time in which the human soul, which is even slightly aware of what is happening around it, must undoubtedly feel how it is increasingly compelled to step out of its instinctive soul life and to live, more and more consciously and with ever greater insight, into what might be called the demands of the world—namely, the cultural world—upon human beings and their soul development. One need not look back to the very early days of human cultural development, and if one is open-minded, one will very soon be able to see that in those earlier times, human beings were able to live much more instinctively—much more, one might say, naturally—than in our own time. This is the foundation of what we experience as the progressive aspect of our time. More and more, the human soul is compelled to form thoughts and ideas about what—if I may use the expression—has been, as it were, instilled in it by inner, soul-spiritual forces that remain somewhat indefinite to it, so that these forces could express themselves more instinctively.

[ 3 ] Im echten und wahren Sinne will Geisteswissenschaft gewissermaßen dieser nach Mündigkeit, nach Vollbewusstsein strebenden Menschenseele dienen. Aber da sie dies von einem Gesichtspunkte aus tun muss, der scheinbar zunächst wenigstens für viele Seelen noch scharf gegenübersteht dem, was althergebrachte Denkgewohnheiten, Vorstellungsarten sind, so ist es auf der anderen Seite ganz natürlich, wie schon betont worden ist, dass sich das Allgemeinbewusstsein noch auflehnt gegen das, was Geisteswissenschaft in die Gegenwart hineintragen will, sodass dieses wirklich entspricht nicht nur dem, was sozusagen auf der Oberfläche der Seele vorhanden ist, sondern [dem], was in den tiefen Sehnsüchten der Seele der menschlichen Zukunft entgegenwebt und -strebt.

[ 3 ] In the true and genuine sense, spiritual science seeks, so to speak, to serve the human soul as it strives for maturity and full consciousness. But since it must do so from a perspective that—at least for many souls at first—seems to stand in sharp contrast to traditional habits of thought and modes of conception, it is, on the other hand, quite natural—as has already been emphasized—that the general consciousness still resists what spiritual science seeks to bring into the present, so that this truly corresponds not only to what is present, so to speak, on the surface of the soul, but [to] what, in the deep longings of the soul, is weaving its way toward and striving for the human future.

[ 4 ] Für manchen muss das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, in einem viel höheren Sinne radikal wirken, als etwa das radikal wirkte, was in der Morgenröte des neuen Geisteslebens die naturwissenschaftliche Denkungsweise gebracht hat. In viel höherem Maße muss der Mensch heute durch Geisteswissenschaft scheinbar — immer sei dies betont — den Boden unter seinen Füßen weggezogen fühlen im Verhältnis zu damals, als Kopernikus durch seine auf das Physische bezügliche neue Weltanschauung das erschütterte, was die Menschen vorher geglaubt hatten, nämlich, dass die Erde mit dem Menschen im Raume ruhig sei. Dass die Menschen die für die damalige Zeit neue Wahrheit aufnehmen mussten, das fühlten sie etwa so, wie wenn ihnen der Boden, auf dem sie ruhig gestanden, unter den Füßen weggezogen worden wäre. Fühlte man dazumal so etwas im Physischen, so kann man es gewiss heute in erhöhtem Maße fühlen, wenn man an den alten Denkgewohnheiten festhalten will dann, wenn Geistesforschung von wiederholten Erdenleben spricht und davon redet, dass die Geistesgebiete nur erforscht werden können, wenn man die Seele frei macht vom Erleben im Leibe. Von der Geisteswissenschaft wird eine Seelenbeobachtung gefordert, die frei von aller Sinnenwahrnehmung und frei von dem an das Gehirn gebundenen Denken ist.

[ 4 ] For some, what spiritual science has to say must seem radical in a much deeper sense than, for example, the radical impact that the scientific way of thinking had at the dawn of the new spiritual life. To a much greater extent today, spiritual science must make people feel—and this must always be emphasized—as if the ground were being pulled out from under their feet, compared to the time when Copernicus, through his new worldview regarding the physical realm, shook the very foundations of what people had previously believed, namely, that the Earth, with humanity upon it, was stationary in space. People felt that they had to accept this truth—which was new for its time—much as if the ground on which they had stood securely had been pulled out from under their feet. If people felt something like that in the physical realm back then, they can certainly feel it to an even greater degree today if they insist on clinging to old habits of thought—especially when spiritual research speaks of repeated earthly lives and explains that the spiritual realms can only be explored by freeing the soul from bodily experience. Spiritual science requires a form of soul observation that is free from all sensory perception and free from thinking bound to the brain.

[ 5 ] Es ist selbstverständlich, dass sich demgegenüber so mancher unsicher fühlt, der den sicheren Boden menschlichen Wahrnehmens und Beobachtens, menschlichen Philosophierens immer dadurch gesucht hat, dass die Seele sich der Sinne bedient und des Verstandes, der an das Gehirn gebunden ist. Es entsteht für diesen ein Gefühl der Unsicherheit, so, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde, nur noch in viel höherem Maße, als das damals in der Morgenröte des neuen Geisteslebens der Fall war.

[ 5 ] It goes without saying that, in contrast, many people feel uncertain—those who have always sought the solid ground of human perception and observation, of human philosophical thought, through the soul’s use of the senses and the intellect, which is bound to the brain. This gives rise to a feeling of uncertainty for such people, as if the ground were being pulled out from under their feet—only to a much greater degree than was the case back then, in the dawn of the new spiritual life.

[ 6 ] Wer sich nur ein wenig mit dem Sinn und der Gesinnung der Geisteswissenschaft bekannt macht, muss sich dennoch immer wieder wundern über gewisse Einwände und Angriffe, die besonders von einer Seite her kommen, von den religiösen Bekenntnissen der verschiedensten Richtungen. Man muss sich, trotzdem es begreiflich ist, umso mehr darüber wundern, da auch von materialistischer und sonstiger wissenschaftlicher Seite her Angriffe kommen. Namentlich über die Angriffe muss man sich [wundern], die von religiösen Bekenntnissen herrühren. Diesen Angriffen gegenüber muss zunächst einmal, obwohl dies schon geschehen ist, mit wenig Worten hervorgehoben werden, worin das eigentlich Anstößige für viele Seelen liegt, wenn sie der Geisteswissenschaft gegenübertreten.

[ 6 ] Anyone who familiarizes themselves even a little with the meaning and spirit of spiritual science cannot help but be repeatedly surprised by certain objections and attacks that come particularly from one quarter: the religious denominations of the most diverse orientations. Although this is understandable, it is all the more surprising given that attacks also come from materialist and other scientific quarters. One must be [surprised] especially by the attacks that stem from religious denominations. In response to these attacks, it must first be emphasized—though this has already been done—in a few words what it is that actually offends many souls when they encounter spiritual science.

[ 7 ] Geisteswissenschaft will im eminentesten Sinne eine Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Vorstellungsweise sein, aber sie muss, da sie auf das Geistgebiet eingeht, diese naturwissenschaftliche Vorstellungsart überwinden. Sie muss gewissermaßen das, was die naturwissenschaftliche Vorstellungsart auf ihrem Gebiet groß gemacht hat, in anderer Art ausbilden, weil Geistesforschung es mit dem Gebiete des Geistes zu tun hat. Da zeigt die neuere Geisteswissenschaft, dass mit den Mitteln, die dem Menschen zur Verfügung stehen, wenn er die Naturgebiete durchforschen, die großen Wahrheiten der Natur ergründen will, dass er mit diesen Kräften und Seelenfähigkeiten nicht in die Geistgebiete hineinkommen kann. Es zeigt sich, dass kein Einblick in die geistige Welt möglich ist, wenn der Mensch sich nur jener Seelenfähigkeiten bedienen will, die entfaltet werden können, solange der Mensch vom Aufwachen bis zum Einschlafen in dem dadurch entstehenden Bewusstseinszustande ist, dass der Mensch sich der Sinne seines Leibes bedient, des Denkens, Fühlens und Wollens, zu denen er seinen Nervenapparat und sein Gehirn braucht.

[ 7 ] Spiritual science aims, in the most profound sense, to be a continuation of the scientific way of thinking, but since it deals with the realm of the spirit, it must transcend this scientific mode of thought. In a sense, it must develop in a different way what the scientific mode of thinking has made great in its own field, because spiritual research deals with the realm of the spirit. Here, modern spiritual science shows that with the means available to human beings when they investigate the natural realms and seek to fathom nature’s great truths, they cannot, with these powers and soul faculties, penetrate into the realms of the spirit. It becomes evident that no insight into the spiritual world is possible if human beings rely solely on those faculties of the soul that can be developed while they are in the state of consciousness that arises from the moment they wake up until they fall asleep—that is, when they make use of their physical senses, thinking, feeling, and willing, for which they require their nervous system and brain.

[ 8 ] Dass außer den Seelenfähigkeiten, die der Mensch gerade auf dem Gebiete des äußeren sinnlichen Lebens und auch auf dem Gebiete des naturwissenschaftlichen Forschens anwenden muss, dass außer diesen Fähigkeiten in der Seele noch andere Fähigkeiten schlummern, die entwickelt werden können, wenn der Mensch etwas dazu tut — das ist das Anstößige für viele Geister der Gegenwart. Viele Geister der Gegenwart denken eben gar nicht daran, dass in gewisser Beziehung im Kleinen, im Primitiven ja eigentlich mit dem Menschen im Verlaufe seines ganz naturgemäßen Lebens eine ähnliche Veränderung vor sich geht, wie sie gefordert wird von der Geistesforschung, wenn sie sich dieser gemäß entwickeln soll.

[ 8 ] The fact that, in addition to the soul’s faculties that human beings must apply specifically in the realm of external sensory life and also in the realm of scientific research—that, in addition to these faculties, there are other faculties slumbering within the soul that can be developed if human beings make an effort to do so—this is what is offensive to many contemporary minds. Many people today simply do not consider that, in a certain sense—on a small, primitive scale—a transformation actually takes place within a human being in the course of his or her entirely natural life that is similar to the one required by spiritual science if the soul is to develop in accordance with it.

[ 9 ] Jeder Mensch entfaltet in den ersten Jahren seines kindlichen Daseins Seelenkräfte, mit denen er nicht durch das Leben kommen könnte, wenn sie das ganze Leben hindurch so blieben, wie sie in den ersten kindlichen Jahren waren. Die Tatsache, dass wir uns als erwachsene Menschen im Leben zurechtfinden, dass wir uns in das Leben so hineinstellen können, dass der Mensch ein angemessenes Verhältnis zu anderen Menschen und zu der ganzen Welt entwickelt, hängt davon ab, dass zu den Fähigkeiten, die wir in der ersten Kindheit haben, andere hinzuentwickelt werden, und dass die Kindheitsfähigkeiten auf eine höhere Stufe gebracht werden können. Wie in den ersten Lebensjahren im Menschen schlummernde Kräfte so entwickelt werden, dass der Mensch sich in seine Sinnenwelt orientierend hineinstellen kann, so muss, wenn der Mensch die geistige Welt wirklich erkennen, anschauen, wahrnehmen will, im späteren Leben mit ihm eine Veränderung vor sich gehen. Und durch Übungen, deren Prinzip in den letzten Vorträgen und in meinen Büchern «Geheimwissenschaft» und «Die Schwelle der geistigen Welt» und so weiter angegeben worden ist, durch solche Übungen gelangt der Mensch dazu, wirklich die Fähigkeiten der Seele, die er naturgemäß ohne sein Zutun hat, umzuwandeln in solche, durch die er in die geistige Welt hineinschauen kann. Und verbunden ist diese Umwandlung damit, dass der Mensch lernt, seine Seele aus dem Leibe wirklich herauszuziehen.

[ 9 ] Every person develops spiritual faculties during the early years of childhood that would not enable them to navigate life if those faculties remained throughout their entire life as they were in those early childhood years. The fact that we, as adults, are able to find our way in life—that we can position ourselves in life in such a way that we develop an appropriate relationship with other people and with the whole world—depends on the fact that, in addition to the abilities we possess in early childhood, we develop others, and that these childhood abilities can be raised to a higher level. Just as the latent powers within a person in the early years of life are developed so that the person can orient themselves within their sensory world, so too must a transformation take place within them in later life if they truly wish to recognize, observe, and perceive the spiritual world. And through exercises whose principles have been outlined in my recent lectures and in my books *The Secret Science* and *The Threshold of the Spiritual World* and so on—through such exercises—a person comes to truly transform the soul’s innate abilities, which they possess by nature without any effort on their part, into abilities through which they can look into the spiritual world. And this transformation is connected to the fact that the person learns to truly draw his soul out of his body.

[ 10 ] Dadurch kommt der Mensch zu dem deutlichen Begriff, mit Bewusstsein zwischen zweierlei Lebenszuständen zu unterscheiden. Der eine Zustand ist der des gewöhnlichen Tagwachens. Da weiß man, dass man sich seiner Sinne bedienen muss. Und wer nur einigermaßen in die Denkungsweise der Neuzeit eingedrungen ist, der weiß, dass er sich seines an Gehirn und Nervensystem gebundenen Gedankenlebens bedienen muss, um sich in der Außenwelt zu orientieren. Das Bewusstsein verläuft so, dass alles Seelische unmittelbar verbunden ist mit dem Leiblichen, dass dieses im Seelisch-Geistigen darinnensteckt. Durch jene Anstrengung der Denk-, Fühlens- und Willenskräfte, die der Mensch in gewissen geistigen Übungen entfalten muss, gelangt er dazu, seine seelischen Kräfte in sich so zu konzentrieren, so zu verstärken, dass die Seele sich loslöst von dem Leib, gelangt er dazu, wirklich jenen Augenblick zu erleben, der sonst zwar auch erlebt, aber unbewusst erlebt wird: der Augenblick des Herausgehens aus dem physischen Leib. Dieser Augenblick wird ja sonst — aber nicht bewusst — im Einschlafen erlebt. Der Mensch nimmt noch wahr, wie die Eindrücke und die innere Regsamkeit dahinschwinden. Langsam geht er dann in Bewusstlosigkeit über. In ähnlicher Weise fühlt der, welcher durch Vornahme gewisser geistig-seelischer Übungen sein Denken, Fühlen und Wollen erstarkt und erkraftet hat, wie er es dazu bringt, die Seele so stark zu machen, dass sie fühlt: Ich bin auch etwas, wenn ich nicht mehr meine Hände rühre, nicht mehr mich der Augen und Ohren bedienen kann, ich bin noch etwas in mir selber.

[ 10 ] This enables human beings to clearly distinguish, through consciousness, between two different states of life. One state is that of ordinary waking life. In this state, one knows that one must make use of one’s senses. And anyone who has even moderately penetrated the mindset of the modern age knows that they must make use of their thought life—which is bound to the brain and nervous system—in order to orient themselves in the external world. Consciousness functions in such a way that everything psychological is directly connected to the physical, so that the physical is embedded within the psychological-spiritual. Through that exertion of the powers of thought, feeling, and will—which a person must develop in certain spiritual exercises—they come to concentrate and strengthen their soul forces within themselves to such an extent that the soul detaches itself from the body; they come to truly experience that moment which is otherwise also experienced, but unconsciously: the moment of leaving the physical body. This moment is, after all, otherwise experienced—though unconsciously—when falling asleep. The person still perceives how impressions and inner activity fade away. Slowly, they then slip into unconsciousness. In a similar way, the person who, through certain spiritual and soul exercises, has strengthened and invigorated their thinking, feeling, and willing, feels how they can make the soul so strong that it senses: “I am still something even when I no longer move my hands, can no longer use my eyes and ears; I am still something within myself.”

[ 11 ] Darauf beruhen diese seelisch-geistigen Übungen, dass die tieferen Kräfte herausgehoben werden, durch die die Seele auch dann etwas ist, wenn sie verzichtet auf die leiblichen Eindrücke und auf das Sich-Erfühlen dadurch, dass man den Willen in den Leibesgliedern anstrengt. Durch diese Übungen gelangt die Seele dazu, aus dem Leibe herauszugehen. Der Leib ist dann für die Seele ein äußeres Ding, wie die anderen Dinge außerhalb unseres Leibes. Ich habe bei den letzten Vorträgen den Vergleich einer geistigen Chemie gebraucht: Wie Wasserstoff auf chemischem Wege als Wasser herausgezogen wird, so erlebt sich die Seele als ein geistig-seelisches Wesen, so wird sie sich aus dem Leibe herausziehen. Dann weiß sie sich in einer Welt von geistigen Vorgängen und Wesenheiten, wie sie sich, solange sie sich der Sinne und des Verstandes bedient, der an das Gehirn gebunden ist, in einer Welt von sinnlichen Vorgängen und Wesenheiten weiß.

[ 11 ] These spiritual exercises are based on bringing forth the deeper forces through which the soul remains a reality even when it renounces physical impressions and the sensation of being, by exerting the will in the limbs. Through these exercises, the soul comes to step outside the body. The body then becomes an external object for the soul, just like other things outside our body. In my recent lectures, I used the analogy of spiritual chemistry: just as hydrogen is extracted chemically to form water, so the soul experiences itself as a spiritual-soul being, and thus it will withdraw from the body. It then finds itself in a world of spiritual processes and beings, just as—as long as it makes use of the senses and the intellect, which is bound to the brain—it finds itself in a world of sensory processes and beings.

[ 12 ] Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, dass es ja in der Gegenwart von manchen noch verziehen wird, wenn auf den Geist in allgemeiner Weise hingewiesen wird; aber nicht mehr wird es verziehen, wenn auf die geistige Welt, in die die Seele sich hineinlebt, so hingewiesen wird, dass diese Welt wie die Sinnenwelt aus einzelnen, ganz konkreten Vorgängen und Wesenheiten besteht. Dass man nicht in eine allgemeine verschwommene, pantheistische geistige Welt hineinträumt, sondern sich in eine Welt geistiger Mannigfaltigkeiten hineinbegibt, das ist schwer verzeihlich. Und dennoch führt jenes innere Sich-Erstarken, Erkraften die Seele dazu, dass sie leibfrei wird, dass der Mensch wirklich in konkrete geistige Welten eintritt.

[ 12 ] I have already pointed out that, even today, some people still forgive references to the spirit in a general sense; but they will no longer forgive references to the spiritual world—into which the soul immerses itself—that suggest this world consists, like the sensory world, of individual, entirely concrete processes and entities. The fact that one does not drift into a general, vague, pantheistic spiritual world, but rather enters a world of spiritual diversities, is something that is difficult to forgive. And yet, that inner strengthening and gaining of power leads the soul to become free of the body, so that the human being truly enters concrete spiritual worlds.

[ 13 ] Ich möchte nicht in Abstraktionen sprechen, sondern auf das aufmerksam machen, was der Geistesforscher im Konkreten erlebt. Er erlebt durch Hingabe an ganz bestimmte Gedanken, die er denkt, dass sich die Gefühle und Willensimpulse zusammendrängen, und er bewirkt dadurch, dass die Seele frei wird vom Leibe. Er erlebt das gleichsam wachend, was sonst nur schlummernd und unbewusst erlebt wird. Er fühlt zunächst, wie die äußere sinnliche Welt, die Welt der Farben, des Lichtes, der Töne beim Einschlafen hinschwindet. Der Mensch fühlt dann, dass seine Gedanken, von denen er mit Recht gesagt hat: Diese Sinneseindrücke erfasse ich mit ihnen —, dass seine Gedanken etwas werden wie von ihm sich loslösend. Und eine neue Welt geht vor ihm auf.

[ 13 ] I do not wish to speak in abstract terms, but rather to draw attention to what the spiritual researcher experiences in concrete terms. Through devotion to very specific thoughts that he thinks, he experiences his feelings and impulses of will gathering together, and thereby he brings about the soul’s liberation from the body. He experiences, as it were, while awake, what is otherwise experienced only in a slumbering and unconscious state. He first feels how the outer sensory world—the world of colors, light, and sounds—fades away as he falls asleep. The person then feels that his thoughts—of which he has rightly said, “I perceive these sensory impressions through them”—that his thoughts become, as it were, detached from him. And a new world opens up before him.

[ 14 ] Der Mensch ergießt seine Gedanken über die neue Welt. Und wenn die Eindrücke der Sinneswelt verschwinden, dann weiß der Mensch: Ja, bisher, wo ich in meinem Bewusstseinszustand um mich herum gleichsam den Teppich der Sinnenwelt gesehen habe, war mir etwas wie ein Schleier gewoben. Jetzt, wo dieser Schleier weg ist, geht mir eine neue Welt auf. Man erlebt dann, wenn man bewusst in der leibfreien Seele lebt, nicht nur, dass die Sinnenwelt verschwindet, sondern es verschwindet dann etwas wie ein Schleier, der so empfunden wird, als ob er eine Welt des Geistigen zugedeckt hat. Man erlebt dann eine Welt geistiger Wesenheiten, die gleichsam hervortritt, wenn der Schleier des Sinnlichen zerreißt.

[ 14 ] Human beings pour out their thoughts on the new world. And when the impressions of the sensory world fade away, then human beings realize: Yes, up until now, when—in my state of consciousness—I saw the sensory world spread out around me like a carpet, something like a veil had been woven over me. Now that this veil is gone, a new world opens up to me. When one lives consciously in the bodyless soul, one experiences not only that the sensory world disappears, but also that something like a veil—which is perceived as having covered a world of the spiritual—disappears. One then experiences a world of spiritual beings that, as it were, emerges when the veil of the sensory world is torn away.

[ 15 ] Wenn der Schleier hinwegschwindet, erlebt man Wesenheiten, die in der Weltenordnung um einen Grad höher sind als die menschliche Seele. Man lebt sich dann ein in ein Gefühl, das die Seele unendlich bereichert. Man fühlt dann: Wenn du hier in der Sinnenwelt herumsiehst, hast du unter dir die Wesen des Mineral-, des Pflanzen-, des Tier-, des Menschenreichs. Das höchste Reich, das du um dich hast, ist mit dir auf gleicher Stufe. Man lebt sich da hinein in eine Welt, die einem da entgegentritt, und da weiß man als Seele: Was da in deiner Tiefe ruht, was im gewöhnlichen Dasein für dich nicht bewusst wird, nicht in dein Selbstbewusstsein tritt, das ist etwas, durch das du bereichert wirst. Das ist eine Welt von geistigen Wesenheiten, die über dir stehen in der Weltenordnung, die nicht im Leibe verkörpert sind, die aber «verseelt» sind und innerhalb derer du selber bist, wenn du eine leibfreie Seele geworden bist.

[ 15 ] When the veil lifts, one encounters beings that are one level higher in the cosmic order than the human soul. One then immerses oneself in a feeling that enriches the soul infinitely. One then feels: When you look around here in the sensory world, you have beneath you the beings of the mineral, plant, animal, and human kingdoms. The highest kingdom around you is on the same level as you. You immerse yourself in a world that meets you there, and as a soul you know: What lies deep within you—what remains unconscious to you in ordinary life, what does not enter your self-awareness—is something that enriches you. This is a world of spiritual beings who stand above you in the order of the worlds, who are not embodied in a physical body but who are “endowed with a soul,” and within whom you yourself are present once you have become a disembodied soul.

[ 16 ] Das ist das Eine. Ein Zweites, das einem entgegentritt, wenn so der Schleier der Sinnenwelt weggeweht wird, ist, dass man das, was man sonst Naturgesetze nennt, in ganz anderer Weise empfindet. Die Naturgesetze, die man im Sinnensein durch die Gedanken auffasst, sind jetzt, wo man außerhalb des Leibes wahrnimmt, nicht mehr Naturgesetze; die Gedanken sind fort, sie haben sich vereinigt mit geistigen Wesenheiten, die über den Menschen stehen. Was wir erleben in den Naturgesetzen, die wir vorher durch Gedanken aufgefasst haben, das ist jetzt selber Leben, und zwar sind es geistige Wesenheiten, die dann, wenn man die betreffende Erkenntnisstufe erlangt hat, so real vor der Seele des Menschen stehen wie sonst Tiere, Pflanzen, Mineralien vor den Sinnen des Menschen. In Wesenheiten lebt man sich ein, denen gegenüber man sich sagt: Die Naturgesetze zeigen uns etwas wie Schattenbilder, wie Abstraktionen von ihnen. Aber was in den Naturgesetzen vorhanden ist, wenn der Schleier hinwegfällt, das sind hohe geistige Wesenheiten. Innerhalb der Geisteswissenschaft werden diese Wesenheiten, die gleichsam die Gestalt der Naturgesetze ausmachen, die Geister der Form genannt, weil sie alldem, was in der Welt vorhanden ist, aus dem Leben der Welt heraus durch ihre geistige Kraft die Form anweisen. Alles, was in den Mineralien, in Tier und Pflanze als Form vorhanden ist, stellt sich dar als Tat dieser Wesenheiten.

[ 16 ] That is one thing. A second thing that one encounters when the veil of the sensory world is blown away is that one perceives what are otherwise called the laws of nature in an entirely different way. The laws of nature, which one grasps through thought while in the sensory realm, are no longer laws of nature now that one perceives from outside the body; the thoughts are gone—they have united with spiritual beings that stand above human beings. What we experience in the laws of nature—which we previously grasped through thoughts—is now life itself; indeed, they are spiritual beings that, once one has attained the relevant level of insight, stand as real before the human soul as animals, plants, and minerals otherwise stand before the human senses. One becomes attuned to beings to whom one says: The laws of nature show us something like shadows, like abstractions of them. But what is present in the laws of nature, once the veil is lifted, are high spiritual beings. Within spiritual science, these beings—which, as it were, constitute the form of the laws of nature—are called the spirits of form, because through their spiritual power they impart form to everything that exists in the world, drawing from the life of the world itself. Everything that exists as form in minerals, animals, and plants presents itself as the work of these beings.

[ 17 ] Wenn man es dazu bringt, dass das Leibliche des Menschen ruht, aber so ruht, dass das Bewusstsein erhalten bleibt, wenn jeder Wille, der nur durch Glieder sich betätigt, der nur durch den Leib sich betätigt, wenn jeder solcher Wille abgelähmt ist, wenn er so ruht, wie er dann im Schlafe ruht, wenn der Mensch regungslos seinen physischen Leib im Bett liegen hat, wenn der Wille so durch Anwendung von Seelenkraft zur Ablähmung gebracht worden ist, aber der Mensch nicht in Bewusstlosigkeit versinkt, sondern bewusst bleibt, dann wird er sich klar: In dir selber ist etwas, was Eingeber deines Willens ist, was dir in deinen Willen hineinstrahlt. Dein Wille ist durchflossen und durchzogen von erhabenen Geistern, die die Welt durchwallen und durchweben. Geister des Willens ist man versucht sie zu nennen. Dadurch, dass der Mensch in sich selber den Willen zur Ablähmung bringt, entdeckt er die Geister des Willens.

[ 17 ] If one can bring about a state in which a person’s physical body is at rest, yet remains conscious—when every act of will that is carried out solely through the limbs, solely through the body, when every such will is subdued, when it rests as it does in sleep—when the person lies motionless in bed with his physical body at rest—when the will has been subdued in this way through the application of soul power, yet the person does not sink into unconsciousness but remains conscious, then he realizes: Within yourself there is something that is the source of your will, something that radiates into your will. Your will is permeated and interwoven with sublime spirits that surge through and interweave the world. One is tempted to call them spirits of the will. By bringing about the will to be stilled within himself, a person discovers the spirits of the will.

[ 18 ] So lebt er sich in die geistige Welt hinein in der Weise, wie wenn er von der Geburt an das Auge aufschließt und sich einlebt in eine Welt, die er durch seine Sinne wahrnimmt. So lebt er sich, wenn die gewöhnlichen bewussten Seelenkräfte abgelehnt werden, hinein in eine geistige Welt. Dieses Hineinleben kommt dadurch zustande, dass der Mensch mit seiner eigenen Seele in den Geist untertaucht, wie die neuere Naturwissenschaft in ihren Experimenten in die Natur untertaucht. Was hat in der Naturwissenschaft die großen Triumphe ausgelöst? Sie hat die Wahrnehmung von dem Versuche getrennt. Im Versuch ist losgelöst das Naturgeschehen vom unmittelbaren Eindruck, den es auf die Sinne macht. Zwar muss man beobachten, aber im Experiment versucht man hineinzudringen in das, was hinter den Sinneseindrücken im Physischen liegt. Wir tauchen in die Natur hinunter, und jede Naturforschung verlangt, dass das, was zu sehen ist, von den subjektiven Eindrücken der Sinne unabhängig gemacht wird.

[ 18 ] In this way, he immerses himself in the spiritual world, just as he does when, from the moment of birth, he opens his eyes and becomes accustomed to a world he perceives through his senses. In this way, when the ordinary conscious powers of the soul are set aside, he immerses himself in a spiritual world. This immersion comes about when a person plunges into the spirit with his own soul, just as modern science plunges into nature in its experiments. What has brought about the great triumphs in science? It has separated perception from the experiment. In an experiment, natural phenomena are detached from the immediate impression they make on the senses. Although observation is necessary, in an experiment one attempts to penetrate what lies behind the sensory impressions in the physical realm. We delve into nature, and all natural research requires that what is visible be made independent of the subjective impressions of the senses.

[ 19 ] Geisteswissenschaft geht nach der anderen Seite. Sie macht den Menschen selber zu dem, womit Versuche gemacht werden. Sie macht es nicht, wie es in manchen spiritistischen Kreisen geschicht, in denen die Experimente nach Beobachtungsart mit Menschen gemacht werden. Geisteswissenschaft weiß, dass der Mensch nur sich selber zu einem Werkzeug machen kann, um in die geistige Welt hineinzufinden. Und so zeigt sie, wie im Menschen sich loslöst vom Seelisch-Geistigen das Leiblich-Wahrnehmbare, und wie er dazu gelangt, Geist und Seele unter Geistern und Seelen zu sein.

[ 19 ] Spiritual science takes a different approach. It makes the human being himself the subject of experimentation. It does not proceed as is done in some spiritualist circles, where experiments are conducted on human beings in an observational manner. Spiritual science knows that human beings can only make themselves into instruments for finding their way into the spiritual world. And so it shows how the physical and perceptible aspects detach themselves from the soul-spiritual in human beings, and how they come to be spirit and soul among spirits and souls.

[ 20 ] Das alles, was jetzt auseinandergesetzt worden ist, wirkt anstößig auf zahlreiche Gemüter der Gegenwart. Das ist ja begreiflich, dass es so wirken muss. Warum wirkt es so anstößig? Ich kann jetzt nicht eingehen auf das, was ich in den letzten Vorträgen schon erwähnt habe. Wahrnehmen kann nur der in der geistigen Welt, der sich geistig schult, aber um das aufzunehmen und zu verstehen, was der Geistesforscher, nachdem er es erforscht hat, in Büchern niederschreibt, dazu braucht man nicht Geistesforscher zu sein. Man muss Maler sein, um ein Bild zu malen, aber nicht, um es zu verstehen. Es wäre traurig, wenn nur Maler die Bilder verstehen würden. Geradeso braucht man nicht Geistesforscher zu sein, um zu verstehen, was Geistesforschung zu sagen hat.

[ 20 ] Everything that has now been discussed strikes many people today as offensive. It is, of course, understandable that it must have this effect. Why does it seem so offensive? I cannot go into detail now about what I have already mentioned in my previous lectures. Only those who train themselves spiritually can perceive the spiritual world, but one does not need to be a spiritual researcher to take in and understand what the spiritual researcher writes down in books after having investigated it. You have to be a painter to paint a picture, but not to understand it. It would be sad if only painters understood the pictures. In the same way, you don’t have to be a spiritual researcher to understand what spiritual research has to say.

[ 21 ] Immer mehr wird die Welt einsehen: Selbst wenn wenige Menschen nur Geistesforscher sein können — meine Bücher setzen ja auseinander, wie jeder Mensch bis zum gewissen Grade Geistesforscher werden kann —, so wird doch durch das, was diese wenigen zu sagen haben, durch die Art, wie es auseinandergesetzt wird, für die Welt unmittelbar überzeugend gewirkt werden. Und auch für den Nichtgeistesforscher wird die Zeit heranrücken, wo die Seelen nach solchen Beschreibungen der geistigen Welt lechzen werden. Die Seelen der Menschen sind auf Wahrheit angelegt, nicht auf Irrtum. Um zu sehen in der geistigen Welt, muss man bewusst hineinschauen, muss man Geistesforscher sein. Um zu begreifen, braucht man nicht hineinzusehen, braucht man nur voll und unbefangen das hinzunehmen, was der Geistesforscher zu sagen hat.

[ 21 ] The world will increasingly come to realize: Even if only a few people can be spiritual researchers—my books, after all, explain how every person can become a spiritual researcher to a certain degree—what these few have to say, and the way it is presented, will have an immediate and convincing effect on the world. And even for those who are not spiritual researchers, the time will come when souls will yearn for such descriptions of the spiritual world. Human souls are attuned to truth, not to error. To see into the spiritual world, one must consciously look into it; one must be a spiritual researcher. To understand, one need not look into it; one need only accept fully and without prejudice what the spiritual researcher has to say.

[ 22 ] So wird die menschliche Seele durch das, was der Geistesforscher zu sagen hat, unmittelbar erfasst werden. In den Tiefen der menschlichen Seele ruht eine verborgene Sprache. Diese Sprache braucht nur entwickelt zu werden. Sie ist in jeder menschlichen Seele schlummernd. Sie tritt unmittelbar an die menschliche Seele heran, sie wird geweckt durch das, was der Geistesforscher an geistigen Wahrheiten aus der geistigen Welt heraus bringt. Verstehen wird man den Geistesforscher immer mehr und mehr durch die intime, tiefe Sprache, die die menschliche Seele für den Geist hat.

[ 22 ] In this way, the human soul will be directly touched by what the spiritual researcher has to say. A hidden language lies dormant in the depths of the human soul. This language only needs to be developed. It lies dormant in every human soul. It speaks directly to the human soul; it is awakened by the spiritual truths that the spiritual researcher brings forth from the spiritual world. We will come to understand the spiritual researcher more and more through the intimate, profound language that the human soul uses to communicate with the spirit.

[ 23 ] Vor allen Dingen lernt der Mensch auf diesem Wege seine eigene Seele kennen. Kennen lernt er, dass über Unsterblichkeit, über das, was über die Sinnenwelt hinausgeht, in wahrhaft wissenschaftlicher Weise gesprochen werden kann, wenn der Mensch durch die Entwicklung seiner Geisteskräfte dazu kommt, den Seelenkern zu finden, der sich loslösen kann von dem Leiblichen und der dann als lebendes Wesen weiterlebt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht und sein Leibliches den Elementen übergibt.

[ 23 ] Above all, a person comes to know his or her own soul in this way. They come to realize that one can speak about immortality—about that which transcends the sensory world—in a truly scientific manner when, through the development of their spiritual powers, they come to find the core of the soul, which can detach itself from the physical body and then lives on as a living being when the person passes through the gate of death and their physical body is returned to the elements.

[ 24 ] Um die Unsterblichkeit der Seele wissend kennenzulernen, muss man die Wege gehen, die zu dieser menschlichen Seele hinführen. Im gewöhnlichen Menschen sind die Eigenschaften so verborgen wie im Wasser die Eigenschaften des Wasserstoffes. Daher kann er mit keiner Philosophie, nicht mit bloßen Begriffen an die Seele herankommen. Er kann wohl allerlei theoretisch bestimmen über das, was man Unsterblichkeit nennt, aber wissend über die Unsterblichkeit zu sprechen ist erst dann möglich, wenn man wirklich auf das Wesen der Seele hinzuleuchten versteht. Dann zeigt sich, dass unser ganzes Erdenleben zwischen Geburt und Tod sich so darstellt, dass wir wirklich mit dem, was wir in der Seele tragen, etwas heranentwickeln, was der Geistesforscher nur herausholt aus dem Leibe, was aber immer von dem Leiblichen sich unabhängig verhält — so, wie der Naturforscher in der Pflanze, indem sie heranwächst von der Wurzel zu Blättern und Blüten und Früchten, den lebendigen Keim entdeckt, der sich allmählich herausbildet und der, wenn die Pflanze welkt, Anwartschaft bietet auf ein neues Pflanzenleben.

[ 24 ] To gain true knowledge of the soul’s immortality, one must follow the paths that lead to this human soul. In the ordinary person, these qualities are as hidden as the properties of hydrogen are in water. Therefore, one cannot approach the soul through any philosophy or mere concepts. One may well make all sorts of theoretical determinations about what is called immortality, but it is only possible to speak knowledgeably about immortality when one truly understands how to shed light on the essence of the soul. Then it becomes apparent that our entire earthly life between birth and death unfolds in such a way that we truly develop, through what we carry within the soul, something that the spiritual researcher merely extracts from the body—yet which always remains independent of the physical — just as the natural scientist discovers in the plant, as it grows from root to leaves, flowers, and fruits, the living seed that gradually takes shape and which, when the plant withers, holds the promise of a new plant life.

[ 25 ] So erfühlt der Geistesforscher die Seele, so entdeckt er im Menschen das, was im ganzen Leben zwischen Geburt und Tod innerlich, geistig-seelisch heranwächst, was als lebendige Seele dann durch die Pforte des Todes tritt, in eine geistige Welt eingeht, und das jene Ereignisse durchmacht, die geistig sind und die wiederum zu wiederholten Erdenleben führen. Das muss durch wiederholte Erdenleben durchgehen, was im Menschen die leibfreie Seele ist. Und was so durch den Tod durchführt, das wird wirklich durch den Geistesforscher entdeckt. Aber es wird dadurch entdeckt, dass der Erkenntnis, auf die man sich zunächst stützen will, eigentlich der Boden entzogen wird. So, wie durch Kopernikus dem sinnlichen Augenschein, mit dem man alles richtig zu sehen glaubte, der Boden entzogen worden ist, so wird durch die Geisteswissenschaft dem Glauben der Boden entzogen, dass die Seele, wenn sie sich nur loslöst, wenn sie selber ein geistig-seelisches Wesen wird, in die geistige Welt wirklich hineinschauen kann.

[ 25 ] This is how the spiritual researcher perceives the soul; this is how he discovers within the human being that which grows inwardly, spiritually, and soulfully throughout the entire life between birth and death—that which then, as a living soul, passes through the gate of death, enters a spiritual world, and undergoes those events that are spiritual and which, in turn, lead to repeated earthly lives. That which is the bodyless soul within the human being must pass through repeated earthly lives. And what thus passes through death is truly discovered by the spiritual researcher. But it is discovered in such a way that the very foundation of the knowledge on which one initially seeks to rely is actually pulled out from under one’s feet. Just as Copernicus pulled the rug out from under the sensory appearance with which one believed one could see everything correctly, so spiritual science pulls the rug out from under the belief that the soul, once it has detached itself and become a spiritual-soul being in its own right, can truly look into the spiritual world.

[ 26 ] Das ist das Anstößige bei der Geisteswissenschaft, dass sie gleichsam ebenso absetzt alle Erkenntnis, auf die der Mensch so stolz ist und die in der äußeren Wissenschaft zu so großen Triumphen geführt hat, wie Kopernikus den sinnlichen Augenschein abgesetzt hat. Und damit hängt zusammen, dass der Mensch vor dieser Geisteswissenschaft zurückprallt, weil man da sagt: Nicht eine Erkenntniskraft, die schon da ist, sondern eine, die sorgfältig vorbereitet und erworben werden muss, ist allein imstande, in die geistige Welt hineinzuschauen. Davor prallt der Mensch zurück. Denn alles, was an den Menschen die Forderung stellt, weiter zu kommen, als er schon ist, das widerspricht der tief in der Seele schlummernden, oftmals unbewusst bleibenden Anschauung, dass der Mensch, so, wie er ist, schon sehr vollkommen ist, dass er gar nicht nötig hat, über sich hinauszukommen.

[ 26 ] What is so offensive about spiritual science is that it, as it were, sets aside all the knowledge of which human beings are so proud—and which has led to such great triumphs in the external sciences—just as Copernicus set aside sensory perception. And this is why people recoil from this spiritual science, because it asserts: It is not a faculty of knowledge that already exists, but one that must be carefully prepared and acquired, that alone is capable of looking into the spiritual world. People recoil from this. For anything that demands of a person to go further than they already are contradicts the view—slumbering deep in the soul and often remaining unconscious—that a person, just as they are, is already very perfect, and that they have no need at all to transcend themselves.

[ 27 ] Geisteswissenschaft weiß, dass über die gewöhnlichen Erkenntniskräfte hinausgegangen werden muss, wie das Kind über seine Erkenntniskraft hinausgehen muss, wenn es sich über die Welt orientieren will. Im Grunde genommen wissen wir ja, dass es manchem Kinde unbequem ist, wenn man es über die ihm angeborene Erkenntniskraft hinausheben will. Die Kinder haben nur nicht den Eigensinn und die Widerstandskraft, die der Mensch im späteren Alter hat. Wenn man zum Menschen sagt: Wenn du an den Geist herankommen willst, so musst du an andere Kräfte glauben als an deine gewöhnliche Erkenntniskraft, dann widerspricht das der menschlichen Eitelkeit, dem Glauben an die Vollkommenheit des Menschen. Aber sosehr man sich dagegen sträubt, die Richtigkeit des eben Gesagten anzuerkennen — es ist so, dass es die Eitelkeit und Unbequemlichkeit eines neuen ungewohnten Denkens ist, was die Menschen abhält, an die geisteswissenschaftlichen Interessen heranzugehen.

[ 27 ] Spiritual science knows that one must go beyond the ordinary powers of cognition, just as a child must go beyond its own powers of cognition if it is to find its way in the world. After all, we know that some children feel uncomfortable when we try to lift them beyond their innate powers of cognition. Children simply lack the stubbornness and resilience that people possess in later life. If one tells a person, “If you want to approach the spirit, you must believe in powers other than your ordinary cognitive faculties,” this contradicts human vanity—the belief in human perfection. But no matter how much one resists acknowledging the truth of what has just been said—it is the vanity and discomfort associated with a new, unfamiliar way of thinking that prevents people from approaching the interests of spiritual science.

[ 28 ] Und das ist es im Grunde genommen immer, was allen wirklichen Fortschritt im Kulturleben des Menschen aufgehalten hat oder wenigstens aufhalten wollte; es ist nur gegenüber der Geisteswissenschaft im erhöhten Maße der Fall. Diejenigen, welche heute der Geistesforschung, sei es von liberaler oder orthodoxer Seite, entgegentreten, sind wirklich die Nachfolger der Gegner des Kopernikus, des Galilei, des Giordano Bruno. Wie die Gegner damals glaubten, dass alles, was die Menschen vorher als richtig anerkannt haben, jetzt in Frage gestellt sei, in Gefahr stehe, so glaubt man es auch heute in erhöhtem Maße von der Geisteswissenschaft. Und dies und nichts anderes liegt eigentlich den Angriffen zugrunde, die namentlich von religiösen Gemeinschaften her gegenüber der Geisteswissenschaft gemacht werden. Da muss man schon auf die Frage eingehen: Woher kommt es eigentlich, dass die religiösen Gemeinschaften mit so starkem Eigensinn sich der fortschreitenden Menschheitsentwicklung entgegenstemmen? Woher konnte es kommen, dass in der Zeit des Kopernikus, des Galilei, des Giordano Bruno gewisse Menschen glaubten, die Religion sei gefährdet, wenn diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aufkämen? Woher kann es kommen, dass die Nachfolger dieser Menschen heute durch die Geisteswissenschaft die Religion gefährdet glauben?

[ 28 ] And this is, in essence, what has always hindered—or at least sought to hinder—all genuine progress in human cultural life; it is simply the case to a greater degree with regard to spiritual science. Those who oppose spiritual science today—whether from a liberal or orthodox perspective—are truly the successors of the opponents of Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno. Just as the opponents back then believed that everything people had previously accepted as true was now being called into question and was in danger, so too is this believed today—to an even greater extent—with regard to spiritual science. And this—and nothing else—is actually the basis for the attacks directed against spiritual science, particularly by religious communities. One must therefore address the question: Why is it that religious communities oppose the progressive development of humanity with such stubborn obstinacy? How is it that in the time of Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno, certain people believed religion would be endangered if these scientific discoveries came to light? How is it that the successors of these people today believe that spiritual science endangers religion?

[ 29 ] Wenn man so vernimmt, wie der Bekenner dieser oder jener religiösen Gemeinschaft, man möchte sagen, mit all den Waffen, die ihm zu Gebote stehen, sich auflehnt gegenüber so etwas, wie es Geisteswissenschaft ist, werde ich immer wieder an einen Priester erinnert, der vor einiger Zeit — es ist noch nicht lange her — zum Rektor einer großen Universität gewählt wurde. Er hielt seine Antrittsrede über Galilei. Er war Priester und zu gleicher Zeit ein großer Gelehrter, ein liebenswürdiger Gelehrter. Er, der Priester, sagte dazumal, entgegen der Auffassung seiner Kirchengemeinschaft, gegenüber neuen Kulturerrungenschaften auf dem Gebiete des Geistes: Damals, als Kopernikus, Galilei auftraten, glaubten die Leute, die die Sache kurzsichtig von ihrer Religionsgemeinschaft aus beurteilten, dass durch solche Entdeckungen die Gottesverehrung, das religiöse Empfinden gefährdet wäre. Heute sollte man über solchen Glauben hinaus sein, heute sollte es klar sein, dass durch jede neue Einsicht in die großen Wahrheiten des Daseins nur beigetragen werden soll zur Offenbarung der Heiligkeit und Herrlichkeit der göttlichen Weltenordnung. — So sagt der Mann, der als katholischer Priester den Nerv seiner Religionsgemeinschaft besser verstand als diejenigen, die heute Nachfolger der Bekämpfer des Galilei, des Kopernikus sein wollen. Dass er es im Sinne seiner Religionsgemeinschaft sagte, das trat wohl demjenigen, der auch in ihm etwas witterte, was nicht ganz echt ist, vor Augen als das, was er sein ganzes Leben hindurch festgehalten hat. Und noch in der Todesstunde hielt er fest an dem, was er gesagt hatte. Er sprach in der Todesstunde, er wolle als ein treuer Sohn seiner Kirche sterben. Man muss mitfühlen, ohne selbst vielleicht auf dem Boden dieses Priesters zu stehen, was wahrer, innerer Zusammenhang mit Kern und Seele einer Religionsgemeinschaft zu bedeuten hat, wenn man zugleich die Möglichkeit und Fähigkeit findet, so, wie er, über den Fortschritt der Menschheit zu sprechen.

[ 29 ] When one hears how a member of this or that religious community—one might say, using every weapon at his disposal—rebels against something like spiritual science, I am repeatedly reminded of a priest who, some time ago—not long ago—was elected rector of a major university. He gave his inaugural address on Galileo. He was a priest and, at the same time, a great scholar—an amiable scholar. He, the priest, said at that time—contrary to the view of his church community—regarding new cultural achievements in the realm of the spirit: Back when Copernicus and Galileo emerged, people who judged the matter shortsightedly from the perspective of their religious community believed that such discoveries would endanger the worship of God and religious sentiment. Today we should have moved beyond such beliefs; today it should be clear that every new insight into the great truths of existence is meant only to contribute to the revelation of the holiness and glory of the divine world order.—So says the man who, as a Catholic priest, understood the sensibilities of his religious community better than those who today wish to be the successors of the opponents of Galileo and Copernicus. That he spoke in the spirit of his religious community—this was evident even to those who sensed in him something that was not entirely genuine—as the conviction he had held fast to throughout his entire life. And even in his final hour, he remained steadfast in what he had said. In his final hour, he declared that he wished to die as a faithful son of his Church. One must empathize—even without necessarily sharing this priest’s perspective—with what a true, inner connection to the core and soul of a religious community entails, when one simultaneously finds the opportunity and ability, as he did, to speak about the progress of humanity.

[ 30 ] Jede Religionsgemeinschaft verbündet sich mehr oder weniger im Laufe ihres Seins dadurch, dass sie wirken muss, mit gewissen Anschauungen, mit den Erkenntnissen ihrer Zeit. So hat sich, wie es ja ganz selbstverständlich ist, die christliche Religion verbunden mit den Vorstellungen der vorkopernikanischen Weltanschauung. Aber dass sie sich mit ihnen verband, war der Ausdruck ihrer Zeit. Kurzsichtig waren die, welche da gesagt haben, die Religion sei gefährdet, wenn jetzt etwas anderes über den Zusammenhang der Weltanschauung gewusst werde. Weitsichtig waren diejenigen, die gesagt haben: Der Gott, den wir in unserem Herzen tragen, der Christus, mit dem wir fühlen, das religiöse Empfinden, das in uns rinnt, das wird wirksam sein, wie auch das übrige Weltbild sich gestalten mag. Und man kann es noch einigermaßen begreifen, wenn die heutigen Religionsgemeinschaften sich gegnerisch verhalten gegen materialistische Weltanschauungen, die auf der Grundlage der Naturwissenschaft sich aufzubauen glauben, die aber von wahrer Naturerkenntnis meist weit entfernt sind.

[ 30 ] Every religious community, to a greater or lesser extent, aligns itself—by virtue of the need to act—with certain views and the insights of its time. Thus, as is only to be expected, the Christian religion became associated with the ideas of the pre-Copernican worldview. But the fact that it became aligned with them was a reflection of its time. Those who claimed that religion would be endangered if new insights were gained into the structure of the worldview were short-sighted. Those who said, “The God we carry in our hearts, the Christ with whom we feel a connection, the religious sentiment that flows within us—these will remain effective, no matter how the rest of the worldview may take shape,” were far-sighted. And one can still understand, to some extent, why today’s religious communities take a hostile stance toward materialistic worldviews that believe they are founded on natural science, yet are usually far removed from a true understanding of nature.

[ 31 ] Aber gar nicht begreifen kann man, warum der Geistesforschung gegenüber sich einzelne Vertreter dieser Religionsbekenntnisse so furchtbar auflehnen, obwohl tiefer veranlagte Naturforscher — man braucht nur an Galilei, oder, wenn man ihn nicht nennen will, an Kopernikus zu erinnern, man könnte auch eine ganze Reihe tiefer Naturforscher und Gelehrter des neunzehnten Jahrhunderts nennen, die wirklich den Ruf der Naturwissenschaft durch die Welt getragen haben —, obwohl tiefer veranlagte Naturforscher im Grunde genommen immer fromm waren. Von Newton wurde gesagt, dass er nicht den Namen Gottes aussprach, ohne den Kopf zu entblößen. Auf ihn stützen sich jene, die sich heute als Materialisten gebaren und die sagen, die Naturbeobachtung verbiete ihnen, an die Gottesvorstellung zu glauben. Newton hat so sehr daran gehangen, dass er niemals seinen Kopf unentblößt ließ, wenn er den Namen Gottes aussprach, wo immer er war, er, der angebliche Begründer der Bewegung, die da heute im materialistischen Sinne Monisten sein wollen.

[ 31 ] But it is truly incomprehensible why individual adherents of these religious denominations are so vehemently opposed to spiritual research, even though more deeply inclined natural scientists—one need only recall Galileo, or, if one prefers not to mention him, Copernicus— one could also name a whole series of profound natural scientists and scholars of the nineteenth century who truly carried the reputation of natural science throughout the world—even though natural scientists of a more profound disposition were, in essence, always devout. It was said of Newton that he never uttered the name of God without baring his head. Those who present themselves today as materialists and who say that the observation of nature forbids them from believing in the concept of God rely on him. Newton was so deeply attached to this belief that he never left his head uncovered when he spoke the name of God, wherever he was—he, the alleged founder of the movement whose adherents today wish to be monists in the materialistic sense.

[ 32 ] Dennoch kann man begreifen, wie Gegner erwachsen können. Aus einer oberflächlichen Beobachtung der Natur heraus kann mancher glauben, Naturwissenschaft gebiete, die Unsterblichkeit zu leugnen, Gott zu leugnen — oberflächlich betrachtet insofern, als man von der Sinneswahrnehmung das losgelöst hat, was in der äußeren Natur verborgen ist. Dadurch, dass man von diesem Verborgenen abgesehen hat und die Sinne bewaffnet hat zur Beobachtung der äußeren Natur, dadurch ist die Naturwissenschaft groß geworden. Es wird immer aus oberflächlicher Naturbeobachtung herrühren, von dilettantischer Naturerkenntnis herkommen, wenn man sich zum Atheismus, zur Religionslosigkeit gezwungen glaubt. Das kann nur durch missverständliche Auffassung der Dinge kommen. Daher kann es kommen, dass die religiös Empfindenden sich auflehnen gegenüber dem, was aus religionsloser Beobachtung der Natur hervorgeht. Geisteswissenschaft aber wirkt anders auf die Gemüter als eine Weltanschauung, die auf bloßer Naturwissenschaft gegründet sein will. Wie diese Geisteswissenschaft wirkt, verstehen allerdings die Menschen sehr bald, wenn sie sich nur ein wenig darauf einlassen. Wer sich auf Geisteswissenschaft einlässt, bekommt eine Summe von Begriffen und Ideen über die Welt und ihre Vorgänge, denen die Seele wirklich angehört. Nehmen Sie diese Begriffe und Ideen auf, dann sind diese von ganz anderer Stärke als die Vorstellungen der äußeren Naturwissenschaft. Diese Vorstellungen können einem sozusagen viele äußere Rätsel lösen, das aber, was in den Tiefen der Seele sitzt, werden sie nicht mehr erreichen. Sie werden nicht mehr das innere Sein in Regsamkeit bringen, sie lassen das Tiefste der Seele veröden. Geisteswissenschaft aber greift mit ihren Vorstellungen in das Gemüt, in die Gesinnung, in das Wollen und Fühlen der Seele ein, durchdringt und durchgeistigt alle Impulse, sogar alle Affekte und Leidenschaften der Seele. Sie durchwebt und durchlebt die ganze Seele. Und die Folge dieses Durchlebens und Durchwebens der Seele durch die Geisteswissenschaft ist die, dass die Seele des Menschen religiös gestimmt wird. Geisteswissenschaft will eine wirkliche echte Wissenschaft sein, will weder eine neue Religion begründen noch einer alten Religion ins Gehege kommen. Sie will alles eher sein als eine neue religiöse Sekte. Wissenschaft will sie sein für die Seelen, wie die Naturwissenschaft eine Wissenschaft für die äußere Natur war von dem Moment an, als ihre Zeit gekommen war. Wissenschaftlich will sie sein, aber durch die Art, wie sie sich den Seelen nähert, werden diese von vornherein religiös gestimmt. Man kann ein großer Naturgelehrter sein, man kann den ganzen Umfang der Naturgesetze kennenlernen, und man kann dabei ein irreligiöser, ein unreligiöser Mensch sein. Man wird nicht Geistesforscher dadurch, dass man schon diese oder jene religiöse Empfindung vorbereitet hat, sondern dadurch, dass man den wissenschaftlichen Sinn und den Geist hinaufträgt. Wird man aber von Geisteswissenschaft angezogen, bekommt man Interesse für Geisteswissenschaft, dann wird man unbedingt ein religiös gestimmter Mensch, eine religiös gestimmte Seele.

[ 32 ] Nevertheless, one can understand how opponents may arise. Based on a superficial observation of nature, some may believe that the natural sciences require us to deny immortality and to deny God—superficially speaking, insofar as one has separated from sensory perception that which is hidden in external nature. It is precisely by setting aside what is hidden and equipping the senses to observe external nature that the natural sciences have become great. Any belief that one is compelled toward atheism or irreligion will always stem from a superficial observation of nature, from an amateurish understanding of nature. This can only arise from a misunderstanding of things. This is why those with religious sensibilities may rebel against what arises from a non-religious observation of nature. Spiritual science, however, affects the mind differently than a worldview that claims to be based solely on natural science. People come to understand how this spiritual science works very quickly, however, if they are only willing to engage with it a little. Those who engage with spiritual science gain a body of concepts and ideas about the world and its processes to which the soul truly belongs. If you take these concepts and ideas to heart, they possess a strength quite different from that of the concepts of external natural science. These concepts can, so to speak, solve many external mysteries, but they will no longer reach what lies in the depths of the soul. They will no longer stir the inner being to life; they allow the deepest parts of the soul to wither away. Spiritual science, however, with its concepts, intervenes in the mind, in the disposition, in the will and feelings of the soul; it permeates and spiritualizes all impulses, even all the soul’s emotions and passions. It interweaves itself through and lives through the entire soul. And the result of this living through and interweaving of the soul by spiritual science is that the human soul becomes religiously attuned. Spiritual science aims to be a true, genuine science; it seeks neither to found a new religion nor to interfere with an old one. It wants to be anything but a new religious sect. It aims to be a science for the soul, just as natural science was a science for external nature from the moment its time had come. It aims to be scientific, but because of the way it approaches souls, these are imbued with a religious disposition from the very beginning. One can be a great natural scientist, one can come to know the full scope of the laws of nature, and yet remain an irreligious person. One does not become a spiritual scientist by having already cultivated this or that religious sentiment, but by elevating one’s scientific sense and spirit. But if one is drawn to spiritual science, if one develops an interest in spiritual science, then one inevitably becomes a religiously inclined person, a religiously inclined soul.

[ 33 ] Würden die religiösen Gemeinschaften in der Gegenwart das richtig empfinden, was da durch die Geisteswissenschaft auftritt, so würden sie diese nicht so bekämpfen. Sie würden sagen: Gott sei es gedankt, dass da eine Weltanschauung auftritt, die die Seelen religiös stimmt. Sie wird der Seele das bringen, wovon so viele durch die missverstandene Naturwissenschaft abgebracht werden. Die Naturwissenschaft kann man missverstehen, die Geisteswissenschaft wird niemand im anti-religiösen Sinn missverstehen. Frohlocken sollten die Seelen der verschiedenen Gemeinschaften, dass da eine geistige Macht auftritt, welche die Seelen, die durch so manches in der Gegenwart irreligiös gestimmt sind, wiederum religiös stimmt. Und sonderbar ist es, dass man diesen Zug, der in der Geisteswissenschaft auftritt, der die Seelen religiös durchgeistigt, nicht verspürt. Man verspürt ihn aus dem Grunde nicht, weil man eben gar nicht geneigt ist, durch die Geschichte zu lernen. Man hat die Träger der naturwissenschaftlichen Weltanschauung bekämpfen, selbst verbrennen können; sie hat sich durchgesetzt. Man mag die Träger der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung bekämpfen; sie wird sich durchsetzen. Zu verwundern ist nur, dass die Bekenner der Religionsgesellschaften sich nicht sagen: Muss es uns mit den geisteswissenschaftlichen Errungenschaften ebenso gehen, wie es unseren Vorfahren mit den naturwissenschaftlichen gegangen ist? Könnten wir nicht doch etwas aus der Geschichte lernen? Dass die Menschheit noch immer nicht so weit fortgeschritten ist, um aus der Geschichte zu lernen, verursacht wiederum die Frage: Warum besteht zum Beispiel die Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft?

[ 33 ] If religious communities today truly understood what spiritual science is offering, they would not oppose it so vehemently. They would say: Thanks be to God that a worldview is emerging that inspires the soul with a sense of the religious. It will bring to the soul what so many are being led away from by misunderstood natural science. Natural science can be misunderstood, but no one will misunderstand spiritual science in an anti-religious sense. The souls of the various communities should rejoice that a spiritual power is emerging which restores a religious disposition to souls that have been led astray by so many things in the present day. And it is strange that people do not sense this trend emerging in spiritual science, which imbues souls with a religious spirit. They do not sense it precisely because they are not at all inclined to learn from history. They have been able to fight against—and even burn—the proponents of the scientific worldview; yet it has prevailed. One may fight against the proponents of the spiritual scientific worldview; it will prevail. The only surprising thing is that the members of religious communities do not ask themselves: Must we fare with the achievements of spiritual science just as our ancestors did with those of natural science? Could we not learn something from history after all? The fact that humanity has still not advanced far enough to learn from history raises the question in turn: Why, for example, is there opposition to spiritual science?

[ 34 ] Da muss man sagen: Viele Menschen haben gewiss ihre Gottesvorstellung, ihre religiösen Empfindungen, aber sie haben verlernt, zu frohlocken, Freude zu empfinden, wenn eine Zeit neu heraufleuchtet, welche diese religiösen Empfindungen vertieft. Sie sind zu bequem, dieses Neuen wegen eine neue Zeit mitzumachen. Sehen wir uns Einzelnes an. Geisteswissenschaft erkennt jenen Christus, den der wahre Christ verehrt, voll an. Geisteswissenschaft vertieft ihn sogar, mit dem Entwicklungsgang der Menschheit mitgehend, indem sie sagt, dass alle Menschheitsentwicklung vor dem Mysterium von Golgatha hinzielte, hinwies zu dem Ereignis von Golgatha, dass durch dieses Ereignis ein Geist, der bis dahin außerirdisch war, eingezogen ist in die Erde, um mit den Menschen auf der Erde, wenn auch unsichtbar, zu leben und zu bleiben.

[ 34 ] It must be said: Many people certainly have their own conception of God and their own religious feelings, but they have forgotten how to rejoice and feel joy when a new era dawns that deepens these religious feelings. They are too complacent to embrace this new era because of what is new. Let us look at some specific examples. Spiritual science fully recognizes the Christ whom the true Christian venerates. Spiritual science even deepens this understanding, keeping pace with the course of human development, by stating that all of humanity’s development was directed toward the Mystery of Golgotha, pointed toward the event of Golgotha, and that through this event, a spirit—which until then had been extraterrestrial—entered the Earth to live and remain with the people on Earth, even if invisibly.

[ 35 ] Geisteswissenschaft zeigt, dass mit jenem Ereignis, auf das die Bibel so hindeutet, nämlich mit dem Ereignis auf Golgatha, etwas Gewaltiges geschehen war. Damals war ein Geist, der vorher nur von außerhalb der Erde in die Menschheit hereingewirkt hat, durch den Menschen wie durch ein Tor in die Erdenwirksamkeit eingezogen. Die Geisteswissenschaft sagt: Was vorher nicht in der geistigen Erdenatmosphäre war, das ist seit jener Zeit in der Erdenatmosphäre. Christus ist in die Erdenatmosphäre eingezogen. Geisteswissenschaft sagt: Ein kosmisches Wesen ist ein irdisches Wesen geworden. Und in dem Menschen Jesus von Nazareth hat es gelebt, um Genosse der Menschen werden zu können. Geisteswissenschaft sagt: Der Christus, der von Geburt des Jesus von Nazareth an diesen Jesus von außen gleichsam umschwebt hat, zog in das Innere seiner Seele ein bei der Taufe im Jordan.

[ 35 ] Spiritual science shows that something momentous occurred with that event to which the Bible so clearly alludes—namely, the event on Golgotha. At that time, a spirit—which had previously only worked upon humanity from outside the Earth—entered into Earth’s sphere of activity through the human being, as through a gateway. Spiritual science says: What was not previously present in the spiritual atmosphere of the Earth has been present there ever since that time. Christ has entered the spiritual atmosphere of the Earth. Spiritual science says: A cosmic being has become an earthly being. And it lived within the human being Jesus of Nazareth so that it might become a fellow human being. Spiritual science says: The Christ, who from the birth of Jesus of Nazareth had, as it were, hovered around him from without, entered into the innermost part of his soul at the baptism in the Jordan.

[ 36 ] Jetzt kommen die Gegner und sagen: Ihr lehrt eine Christusidee, die wir nicht anerkennen können, wenn ihr behauptet, dass bis zur Taufe des Jesus im Jordan Jesus sich bloß vorbereitete, um den Christus aufzunehmen, während die Bibel vorschreibt, dass das Christuswesen von Anfang an mit dem Jesus von Nazareth verbunden war. Auch die Bibel wird in dieser Beziehung noch anderes lehren. Sie wird der geisteswissenschaftlichen Interpretation recht geben, weil sie nicht mehr anders kann. Heute schon übersetzen einsichtige Übersetzer eine Stelle des [Lukas-]Evangeliums:

[ 36 ] Now the opponents come forward and say: You are teaching a concept of Christ that we cannot accept when you claim that, up until Jesus’ baptism in the Jordan, Jesus was merely preparing to receive the Christ, whereas the Bible states that the Christ-being was united with Jesus of Nazareth from the very beginning. The Bible, too, will teach something else in this regard. It will vindicate the spiritual-scientific interpretation, because it will have no other choice. Even today, discerning translators render a passage from the Gospel of Luke as follows:

Dies ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeugt,

This is my beloved Son; today I have begotten him,

[ 37 ] das heißt in die Seele des Jesus von Nazareth hineinversenkt. Gegenüber der umfassenden Größe dieser Christusidee, die die Seelen wahrhaftig im tiefsten Innern ergreifen kann, mögen dann die Gegner sagen, das sei nicht christlich, man dürfe so den Christus nicht vorstellen, denn ihr sucht den Christus nicht bei dem Jesus von Nazareth vor der Taufe im Jordan.

[ 37 ] that is, immersed in the soul of Jesus of Nazareth. Faced with the all-encompassing grandeur of this idea of Christ—which can truly move souls to their very core—opponents may then say that this is not Christian, that one must not conceive of Christ in this way, for you are not seeking Christ in the Jesus of Nazareth before his baptism in the Jordan.

[ 38 ] Wenn man ein Kind anschaut und sagt: Von dem Moment an, wo das Kind «Ich» sagen lernt, also dem Zeitpunkt, bis zu dem man sich später im Leben zurückerinnert, von dem Moment an ist etwas Neues in das Kind eingezogen —, wird man da kommen können und sagen: Du darfst nicht vor dem Zeitpunkt, wo das Kind «Ich» sagen lernt, das Kind, das Paul heißt, Paul nennen, weil da, mit diesem Zeitpunkt etwas Bedeutsames geschehen ist? Wird an dem, was jetzt christlich ist, dadurch etwas geändert, dass die Bedeutung der Taufe im Jordan geisteswissenschaftlich so erkannt ist, dass da etwas, was vorher den Jesus von Nazareth umschwebt hat, in sein Inneres einzog, eins mit diesem Innern geworden ist? Nein, das ist das Rechte, dass alle die Vorstellungen der Seele, all die tiefen Gefühle, all das Verbundensein mit dem Christus Jesus, das nur irgendeine christliche Seele empfinden kann, erhalten bleiben, und dass etwas hinzukommt, was, weil die Zeiten fortschreiten, die Christusidee noch größer, noch glorioser erscheinen lässt. Wenn also Geisteswissenschaft zu denen, die ihr vom christlichen Standpunkt aus entgegentreten, sagen muss: Was ihr zu glauben verlangt — Geisteswissenschaft verneint es nicht, Geisteswissenschaft gesteht es zu, dass das zu glauben ist, was ihr glaubt. Nur wird noch etwas hinzugefügt, von dem wir glauben, dass es hinzugefügt werden muss, weil der Christus gesagt hat:

[ 38 ] If you look at a child and say: From the moment the child learns to say “I”—that is, the point in time that you will later recall in life—from that moment on, something new has taken root in the child—will you be able to say: ‘You must not call the child named Paul “Paul” before the child learns to say “I,” because something significant happened at that moment’? Does this change anything about what is now considered Christian, given that the spiritual-scientific understanding of the significance of the baptism in the Jordan recognizes that something which previously surrounded Jesus of Nazareth entered into his inner being and became one with that inner being? No, it is right that all the soul’s perceptions, all the deep feelings, all the connection with Christ Jesus—which only a Christian soul can experience—remain intact, and that something is added which, as time goes on, makes the idea of Christ appear even greater, even more glorious. So when spiritual science must say to those who oppose it from a Christian standpoint: What you demand to believe—spiritual science does not deny it; spiritual science acknowledges that what you believe is to be believed. Only, something is added, which we believe must be added, because Christ said:

Ich bin bei euch bis an das Ende der Erdenzeit.

I am with you until the end of time.

[ 39 ] Er ist lebendig bei uns, er offenbart sich auch in den heutigen Menschenseelen immerzu. Er ist es, der uns selber in die Geisteswissenschaft einführt, und durch ihn fühlen wir uns mit der Geisteswissenschaft verbunden. Die Bekenner dieser geisteswissenschaftlichen Lehre wollen nicht sagen: Ihr sollt ganz glauben, was wir zu glauben verlangen; davon kann nicht die Rede sein. Nichts verneint die Geisteswissenschaft, sie fügt etwas hinzu. Sie verlangt nicht, dass etwas geglaubt werde, was sie glaubt, sondern sie verlangt, dass das nicht geglaubt, sondern gewusst werde, was sie nicht glaubt, sondern weiß. Sie vermittelt, dass die Christus-Vorstellung größer wird und fortschreitet in der Welt. Wie macht sie das?

[ 39 ] He is alive among us; he reveals himself constantly in the souls of people today as well. It is he who introduces us to spiritual science, and through him we feel connected to spiritual science. Those who profess this spiritual scientific teaching do not mean to say: You must believe everything we ask you to believe; that is out of the question. Spiritual science denies nothing; it adds something. It does not demand that people believe what it believes, but rather that they not merely believe—but know—what it does not believe, but knows. It ensures that the concept of Christ grows and advances in the world. How does it do this?

[ 40 ] Nehmen wir an, es hätte geschehen können, dass, ehe Kolumbus Amerika entdeckte, Leute zu ihm gekommen wären und gesagt hätten: Da soll es noch andere Gebiete der Erde geben? Das kann nicht möglich sein, denn auf unsere Gebiete der Erde scheint die Sonne so warm, wenn sie noch auf andere Gebiete scheinen müsste, hätte sie nicht genug Wärme für unsere Gebiete übrig. — Andere aber hätten zu Kolumbus gesagt: Gewiss, die Sonne scheint auf andere Gebiete der Erde ebenso wie bei uns. Die, welche mit ihrer Gottesvorstellung so schwachmütig sind, dass sie diese Vorstellung gefährdet glauben, wenn die Menschen ein neues Gebiet, eine neue physische Tatsache entdecken, die gleichen denen, welche die Sonne nicht für stark genug halten, ein neu entdecktes Land zu bescheinen. Aber der, welcher mit seinem Christus leben will, der von seinem religiösen Empfinden stark genug durchdrungen ist, der weiß, dass diese Gottheitsvorstellung, dieses Verbundensein mit dem Christus, diese religiöse Empfindung über alle Gebiete im Physischen und im Geistigen scheinen wird, die der Mensch jemals entdecken wird. Muss man nicht daraus schließen, wie schwachmütig die Gottesvorstellung der Menschen ist, die diese Christusvorstellung gefährdet glauben, weil sie nicht annehmen können, dass in diesem neu entdeckten Geisteslande die Sonne des Geistes so scheinen wird, wie sie in dem alten Gebiet scheint?

[ 40 ] Let’s suppose it could have happened that, before Columbus discovered America, people had come to him and said: “Are there really other parts of the world out there?” That cannot be possible, for the sun shines so warmly on our parts of the earth; if it were to shine on other parts as well, it would not have enough warmth left for our own. — Others, however, would have said to Columbus: “Certainly, the sun shines on other parts of the earth just as it does here.” Those whose conception of God is so timid that they believe this conception is endangered when people discover a new region, a new physical reality, are like those who do not consider the sun strong enough to shine upon a newly discovered land. But the one who wants to live with his Christ, who is deeply imbued with his religious sentiment, knows that this conception of divinity, this union with Christ, this religious sentiment will shine over all regions—both physical and spiritual—that humanity will ever discover. Must we not conclude from this how feeble is the concept of God held by those who believe this concept of Christ to be in danger, because they cannot accept that in this newly discovered spiritual realm the sun of the spirit will shine just as it shines in the old realm?

[ 41 ] So wird man immer mehr einsehen, dass aus schwach gewordener Religiosität, aus furchtsam gewordener Religiosität die Gegnerschaft erwächst, wie in den verschiedenen Religionsbekenntnissen gegenüber den Entdeckungen auf dem Gebiete des geistigen Lebens. Da sollte man viel mehr erkennen, wo wir eigentlich mit unserem religiösen Leben stehen. Schen wir denn nicht, dass es immer mehr und mehr zersplittert? Sehen wir nicht, wie sich von der orthodoxesten Rechten bis zur radikalsten Linken hinüber alle möglichen Schattierungen, alle möglichen Religionsbekenner verbreiten? Sehen wir nicht diese Vertreter gegenseitig sich immer mehr bekämpfen? Wenn man vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt diese Bekenntnisse überblickt, kann man fragen: Woher kommen diese Gegnerschaften?

[ 41 ] Thus, it will become increasingly clear that opposition arises from religiosity that has grown weak, from religiosity that has become timid—as is evident in the various religious denominations’ attitudes toward discoveries in the realm of intellectual life. We should be much more aware of where we actually stand with our religious life. Do we not see that it is becoming more and more fragmented? Do we not see how, from the most orthodox right to the most radical left, all manner of shades of belief and all manner of religious adherents are spreading? Do we not see these representatives fighting each other more and more? When one surveys these denominations from the perspective of spiritual science, one might ask: Where do these antagonisms come from?

[ 42 ] Wenn man auf dieses Hassen eingeht, so erweist sich da manches so schwach. Um zum Beispiel nur eines anzuführen, auf das ich schon aufmerksam gemacht habe; da hat ein freireligiöser Prediger vor einigen Monaten gesagt, man solle den Kindern doch nicht Religion beibringen, denn das sei wider die Natur. Man brauche nur Kinder von selbst heranwachsen zu lassen, so kommen sie nicht von selber zu religiösen Vorstellungen. Es sei also nicht natürlich, dass diese aus sich heraus entwickelt werden. Darum solle man sie ihnen auch nicht künstlich beibringen. Dieser Ausspruch wirkt durch die Logik auf ungeheuer viele Seelen überzeugend. Fragt man aber, wie es mit dieser Logik bestellt ist, so muss man sagen, dass es eine schwache, eine einseitige Logik ist. Der Mensch ist nicht so veranlagt, dass er alles Neue aus sich heraus tun kann. Dieselbe Logik spricht auch ganz genau gegen das Sprechenlernen beim Kinde. Die Logik braucht nur ein wenig schärfer zu werden, dann sieht man so prächtig, was eigentlich im tieferen Grunde auftritt. Denn im Grunde kämpft nicht Logik gegen Logik. Was von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken gegeneinander kämpft, das sind Leidenschaften, das sind Temperamente der Menschen — das ist das, was Menschenseelen an Affekten und Leidenschaften in sich tragen, bevor sie von Christus durchleuchtet und voll durchglüht sind. Wenn sich die verschiedenen Gruppen in unserer Gegenwart auf dem Gebiet der religiösen Weltanschauung in dieser Weise gegenüberstehen, so verraten sie, wie unsere so zersplitterte Zeit lechzen muss nach dem, was Geisteswissenschaft ihr geben kann.

[ 42 ] When one examines this hatred, many things turn out to be quite weak. To cite just one example, which I have already brought to your attention: a non-denominational preacher said a few months ago that children should not be taught religion, because that is against nature. One need only let children grow up on their own, he argued, and they will not arrive at religious concepts by themselves. It is therefore not natural for these to develop spontaneously. For this reason, he argued, one should not teach them artificially either. This statement, through its logic, has a persuasive effect on an immense number of people. But if one asks what this logic is really like, one must say that it is a weak, one-sided logic. Human beings are not predisposed to be able to do everything new on their own. The same logic also directly contradicts a child’s learning to speak. The logic need only become a little sharper, and then one can see so clearly what is actually happening at a deeper level. For, fundamentally, it is not logic pitted against logic. What is pitted against one another—from the far right to the far left—are passions, are human temperaments—that is what human souls carry within them in terms of emotions and passions before they are illuminated and fully purified by Christ. When the various groups of our time stand opposed to one another in this way in the realm of religious worldview, they reveal how our deeply fragmented age must yearn for what spiritual science can offer it.

[ 43 ] Geisteswissenschaft stiftet keine neue Religion. Sie sagt über die Welt des Geistes, was sie über sie zu sagen hat, in demselben Sinne, wie die Naturwissenschaft über die äußere Natur spricht. Geisteswissenschaft spricht über Christus so, wie man über ihn sprechen muss, wenn man die leibfrei gewordene Seele in Geistgebiete schauen lehrt und da den wirksamen Christus findet. Geisteswissenschaft wird den streitenden Parteien immer mehr und mehr die Unterlagen geben für ihre gegenseitige Verständigung.

[ 43 ] Spiritual science does not establish a new religion. It speaks about the spiritual world in the same way that natural science speaks about the external world. Spiritual science speaks of Christ in the way one must speak of him when one teaches the soul, now freed from the body, to gaze into the spiritual realms and find the active Christ there. Spiritual science will increasingly provide the conflicting parties with the basis for mutual understanding.

[ 44 ] Die streitenden Parteien in den Religionsgesellschaften sind heute so wie Menschen, die sich zur Zeit des Kopernikus darüber gestritten haben, was dieser über das Weltensystem zu sagen hatte. Der Streit hört auf, sobald eine positive Unterlage da ist. Eine positive Unterlage zu schaffen, wirklich zu sagen, wie es in der geistigen Welt bestellt ist, über die man sich nur aus dem tastenden Gefühl der Unbestimmtheit der Seele heraus eine Unterlage zu bilden vermochte, das wird die Aufgabe, die Mission der Geisteswissenschaft sein. Und wer in die Seelen der Menschen hineinschaut, weiß, dass es eine Aufgabe ist, die von diesen ersehnt wird.

[ 44 ] The disputing parties within religious communities today are like the people who, in Copernicus’s time, argued over what he had to say about the system of the world. The dispute ends as soon as a positive foundation is established. To create a solid foundation—to truly describe the state of the spiritual world, about which people have been able to form a basis only through the tentative sense of the soul’s indeterminacy—this will be the task, the mission, of spiritual science. And anyone who looks into the souls of human beings knows that this is a task they long for.

[ 45 ] So wird die Geisteswissenschaft nicht einen neuen Zankapfel in die Seelen der Gegenwart hineinwerfen, sondern wird ausgleichend jenen Frieden herbeiführen, der wirklich in den Seelen leben kann. Sie wird dadurch dem Streben der Menschenseele Gestalt geben. Diese Seelen werden dadurch eine Unterlage haben, um aus ihrem Empfinden heraus das zu bekämpfen, was durch den Charakter des Einzelnen gar zu sehr dem Liberalismus oder der Orthodoxie zuneigt, sodass aus diesem Temperament heraus die Menschen streiten müssten. Das Positive, das wirklich Geistige gegenüber dem, was nur erahnt wird, wird die Geisteswissenschaft bringen.

[ 45 ] Thus, spiritual science will not cast a new bone of contention into the souls of the present age, but will, through its balancing effect, bring about that peace which can truly dwell within the soul. In this way, it will give form to the striving of the human soul. These souls will thereby have a foundation upon which to combat, based on their own feelings, whatever in an individual’s character leans too strongly toward liberalism or orthodoxy, so that people would be compelled to quarrel because of that temperament. Spiritual science will bring what is positive and truly spiritual in contrast to what is merely intuited.

[ 46 ] Und wenn man dies ins Auge fasst, wird man erkennen, wie Geisteswissenschaft zu den verschiedenen Religionsbekenntnissen sich in Wahrheit verhält. Man möchte sagen: Wie durch einen Strom, über den sie noch nicht gehen können, sind die einzelnen religiösen Parteien voneinander getrennt. Geisteswissenschaft ist die Brücke, die über diesen Strom führt. Sie weiß jedem etwas zu sagen, so, wie der jedem etwas zu sagen hat, der sich eben über einen gewissen Umkreis hinaus umgesehen hat. Sie spricht einerseits zu dem, der sich den Glauben bewahrt hat, und sie spricht andererseits zu dem, dessen religiöses Gefühl eine neue Form sucht, und sie zeigt, dass sie zuletzt alle vereinigen kann. So wird es mit der Geisteswissenschaft sein: Sie hat das Positive zu finden.

[ 46 ] And when one considers this, one will recognize how spiritual science truly relates to the various religious denominations. One might say: The individual religious groups are separated from one another as if by a river they cannot yet cross. Spiritual science is the bridge that spans this river. It has something to say to everyone, just as anyone who has looked beyond a certain circle has something to say. On the one hand, it speaks to those who have retained their faith, and on the other hand, it speaks to those whose religious feelings are seeking a new form; and it shows that, ultimately, it can unite them all. This is how it will be with spiritual science: it must find the positive.

[ 47 ] Und dieses Positive hat sie nicht nur dem religiösen Standpunkt, sondern auch den sozialen Strömungen entgegenzutragen. Oh, diese sozialen Strömungen! Wir erblicken, wenn wir diese sozialen Strömungen verständnisvoll durchschauen, die Menschen im Grunde genommen gerade da recht hilflos, wo wir versuchen, tiefer nachzudenken, wo wir versuchen, uns Ideen zu machen über eine mögliche Zukunft der Menschheit auf sozialem Gebiet und über die Wirkung dieser sozialen Strömungen.

[ 47 ] And she must counter this positive aspect not only from a religious standpoint, but also in the face of social trends. Oh, these social currents! When we look at these social currents with understanding, we see that people are, at heart, quite helpless precisely where we try to think more deeply, where we try to form ideas about a possible future for humanity in the social sphere and about the impact of these social currents.

[ 48 ] Ein Beispiel für viele kann man in unserer Gegenwart anführen, und man kann so aus den mannigfaltigsten geistigen und physischen Ursachen heraus ergründen, was die soziale Organisation eigentlich heraufgebracht hat. Sombart hat vor einiger Zeit ein Buch geschrieben, um begreiflich zu machen, wie dieser kapitalistische Geist, der die Gegenwart beherrscht, heraufgezogen ist. Er ist kein fanatischer Vertreter des kapitalistischen Geistes. Dieser Sombart bemühte sich ein Leben lang, zu begreifen, was den Menschen, so, wie er jetzt im wirtschaftlichen Leben darinnensteht, in dieses wirtschaftliche Leben hineingestellt hat. Er fand tatsächlich bis zu einem gewissen Grade schöne Ausführungen über den Kapitalismus, der die menschliehe Seele ergriffen hat. Nachdem sich der Autor bemüht hat, alles zusammenzutragen, was Erkenntnis darüber geben kann, was unsere Organisation geschaffen hat, schließt er sein Buch — es ist bezeichnenderweise ein dickes Buch — so:

[ 48 ] One can cite a contemporary example among many, and in this way, by examining the most diverse intellectual and physical causes, one can discern what social organization has actually brought about. Some time ago, Sombart wrote a book to explain how this capitalist spirit, which dominates the present, came into being. He is not a fanatical advocate of the capitalist spirit. Throughout his life, Sombart strove to understand what has placed human beings, as they now find themselves immersed in economic life, into this economic life. He did, in fact, offer some insightful observations—to a certain extent—on the capitalism that has taken hold of the human soul. After the author has endeavored to compile everything that might shed light on what our social organization has created, he concludes his book—which, significantly, is a thick volume—as follows:

Was kommen wird, wenn einmal der kapitalistische Geist aufgehört haben wird, seine jetzige Spannkraft zu besitzen, geht uns hier nichts an. Vielleicht wird der Riese

What will happen once the capitalist spirit has ceased to possess its current vitality is none of our concern here. Perhaps the giant

[ 49 ] — damit meint er die gegenwärtige Wirtschaftsordnung

[ 49 ] — by this he means the current economic system

dann, wenn er blind geworden ist, dazu abgerichtet, einen demokratischen Kulturkarren zu ziehen. Vielleicht auch ist es die Götterdämmerung. [...]

Wer weiß es?

once he had gone blind, trained to pull a democratic cultural cart. Perhaps it is also the twilight of the gods. [...]

Who knows?

[ 50 ] So stellt sich der Versuch in der heutigen Strömung dar, der Versuch, zu wissen, wie die Menschen sich aus der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung heraus zu einem vollen menschenwürdigen Dasein aufschwingen könnten. $o stark steht er da, dieser «Wer weiß es», dass er den Geist dieser Wirtschaftsordnung einen «blinden Riesen» nennt. Und wenn man die verschiedenen Versuche überblickt, denkend zu begreifen, was aus unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung werden soll, die nicht in irgendeiner Weise national ist, die über alle Länder hinaus die ganze Erde ergreift, so sehen wir, wie wiederum von links und rechts, von Radikalismus und Konservatismus, die mannigfaltigsten Versuche kommen, das Ganze zu bewegen.

[ 50 ] This is how the endeavor presents itself in today’s intellectual current—the endeavor to understand how people might rise above the current economic order to a life of full human dignity. $o powerfully does this “Who knows?” stand that it calls the spirit of this economic order a “blind giant.” And when we survey the various attempts to intellectually grasp what is to become of our current economic order—which is in no way national, but extends beyond all countries to encompass the entire globe—we see how, once again, from the left and the right, from radicalism and conservatism, the most diverse attempts are emerging to set the whole thing in motion.

[ 51 ] Das Buch Sombarts enthält gewisse Hinweise auf das, was ich mir im Sinne der Geisteswissenschaft erlaubt habe, seit vielen Jahren zu sagen. Er schildert, was seit dem Altertum sich zugetragen hat, um die gegenwärtige Ordnung herbeizuführen, wie die gegenwärtige Menschheit auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens bestimmt wird wie von dem Gebot ihrer Seele: «Das sollst du tun, jenes sollst du lassen.» Er schildert, wie der Mensch von einem unpersönlichen Organismus ergriffen wird, wie er in das Räderwerk hineingetrieben wird. Anschaulich und mit Sachkenntnis schildert es dieser Beobachter des sozialen Lebens der Gegenwart. Und wenn man im Einzelnen dieses soziale Leben betrachtet, dann haben wir schon heute die Kenntnis von diesem Ergriffenwerden der Menschen, die in diesem Leben so recht darinnenstehen.

[ 51 ] Sombart’s book contains certain references to what I have taken the liberty of saying for many years in the spirit of spiritual science. He describes what has transpired since antiquity to bring about the present order, and how contemporary humanity is guided in the realm of economic life as if by the command of its soul: “You shall do this; you shall refrain from that.” He describes how human beings are gripped by an impersonal organism, how they are driven into the machinery. This observer of contemporary social life depicts it vividly and with expertise. And when we examine this social life in detail, we already have an understanding today of how people are gripped by it—people who are so deeply immersed in this life.

[ 52 ] Man lese nur einmal die Autobiographie eines großen Eisenbahnkönigs. Man wird immer den gleichen Ton, den gleichen Typus eines Mannes finden, der zum Beispiel sagt:

[ 52 ] Just read the autobiography of a great railroad magnate. You will always find the same tone, the same type of man who, for example, says:

Meine [...] Absicht war darauf beschränkt, beim Zustandebringen von Eisenbahnen mir so viel zu erwerben, dass ich mir einen größeren Grundbesitz kaufen konnte, mich dann von Geschäften zurückzuziehen und bei geeigneter Gelegenheit ein Mandat für das Abgeordnetenhaus anzunehmen und mich der parlamentarischen Tätigkeit gänzlich zu widmen. Das hat er gewollt.

My [...] intention was limited to earning enough money through the construction of railroads to enable me to purchase a large estate, then withdraw from business, and, when the opportunity arose, accept a seat in the House of Representatives and devote myself entirely to parliamentary work. That was his intention.

[ 53 ] Das hat ihm seine Seele gesagt. Er hat sich hineingestürzt in dieses Leben. Er hat gefunden: Wenn ich mich nur in dieses eine Unternehmen hineinstürze, muss ich verlieren. Nur dadurch, dass ich diese Mittel verwende für ein nächstes Unternehmen, dass ich mich von einem ins andere hineinreißen lasse, nur dadurch geht es. — Dadurch, dass er in ein zweites, ein drittes, ein viertes Unternehmen sich hineinstürzt und von einem ins andere Unternehmen getrieben wird, dadurch wird er immer schärfer hineingetrieben.

[ 53 ] That’s what his soul told him. He threw himself into this life. He realized: If I throw myself into just this one venture, I’m bound to lose. Only by using these resources for the next venture—by letting myself be swept from one venture to the next—only that way will it work. — By throwing himself into a second, a third, a fourth venture and being driven from one venture to the next, he is driven ever more intensely into it.

[ 54 ] Der Mensch kann nicht seinem Gang folgen. Wer das Wirtschaftsleben betrachtet, weiß, dass es immer darauf ankommt, wie die Angelegenheiten der Gegenwart in die objektive Ordnung eingefügt werden. Der Mensch wird in diese objektive Ordnung hineingestürzt, er wird von ihr ergriffen, und sein Persönliches wird vollständig ausgeschaltet, sodass Sombart sagen kann: Die Menschen haben im Laufe der Zeit Verschiedenes verloren. Wenn man den heutigen Unternehmer anschaut, muss man sagen, er hat das Letzte hingegeben, was ihn noch trennen konnte von diesem objektiven Räderwerk der Wirtschaft. Alles subjektive Empfinden und alle seine Liebe hat er verloren an das Wirken im Unternehmen selber. In das Unternehmen ist hineinergossen, was früher auf ganz andere Dinge gerichtet war. Der Mensch weiß nichts mehr von sich selber, sondern er ist in seiner Arbeit heimatlos geworden. — Das ist nicht ein Wort von mir, sondern von Sombart.

[ 54 ] Human beings cannot follow their own course. Anyone who observes economic life knows that what always matters is how the affairs of the present are integrated into the objective order. People are thrust into this objective order; they are swept up by it, and their individuality is completely eliminated, so that Sombart can say: People have lost various things over time. When one looks at today’s entrepreneur, one must say that he has surrendered the very last thing that could still separate him from this objective machinery of the economy. He has lost all subjective feeling and all his love to his work within the enterprise itself. What was once directed toward entirely different things has now been poured into the enterprise. The individual no longer knows anything about himself; rather, he has become rootless in his work. — These are not my words, but Sombart’s.

[ 55 ] Das ist die soziale Strömung der Gegenwart: Heimatlos steht die Seele im modernen Leben darinnen, und ist sie das nur bei dem, der in führender Unternehmerstelle tätig ist? Nein! Dieser soziale Geist der Gegenwart hat jeden ergriffen, sodass nicht nur der Unternehmer, sondern auch der als einfacher Arbeiter im Wirtschaftsleben Stehende sich nicht verbunden fühlt mit dem, was er arbeitet. Wenn im Laufe der Arbeit die Lohnfrage oder etwas anderes als Grund zu Unstimmigkeiten vorhanden ist, dann ist nicht die Arbeit, sondern die Frage, die durch unsere Wirtschaftsordnung herausgehoben ist, im Vordergrund des Interesses. Dieses Interesse wird verquickt mit der Arbeit. Das spielt eine Rolle im sozialen Leben der Gegenwart. Auf diesem Gebiet schreitet die Gegenwart ganz gewiss vorwärts.

[ 55 ] This is the social trend of our time: the soul stands homeless within modern life—and is this true only for those who hold leading positions in business? No! This social spirit of the present has gripped everyone, so that not only the entrepreneur but also the ordinary worker in the economic sphere feels no connection to the work he does. If, in the course of work, the issue of wages or some other matter gives rise to discord, then it is not the work itself but the issue—which has been brought to the fore by our economic system—that takes center stage. This issue becomes intertwined with the work. This plays a role in contemporary social life. In this area, the present is certainly moving forward.

[ 56 ] Alles, was ich eben ausgeführt habe, ist nicht gesagt worden, um eine tadelnde Kritik zu üben. Wie die Sachen geworden sind, [so] haben sie werden müssen — sie sind notwendig so geworden. Aber charakteristisch ist, was nun der Mensch zu dieser Ordnung zu sagen hat. Der einzelne Mensch kann eigentlich unmöglich so leben, dass sein Leben der Menschenwürde angemessen ist, sondern er sagt: Heute werde ich dies oder jenes tun müssen, das Morgen geht mich nichts an; mag der «blinde Riese» später dann tun, was man nicht wissen kann, das geht uns nichts an. Sombart sagt noch mehr. — Ich erwähne ihn nicht gerade, weil er dieses Buch geschrieben hat, sondern weil das, was er sagt, typisch ist. — Sombart sagt: Diese soziale Ordnung, diese Wirtschaftsordnung ist herangekommen, wir sehen sie den Menschen ergreifen, um ihn seelisch heimatlos zu machen, ihn hineinzuwerfen in das Räderwerk, erbarmungslos hineinzuwerfen. — Und nun ein sehr charakteristisches Wort! Er sagt: Und was haben wir eigentlich für Mittel dagegen? Arbeitsschutzgesetze, Heimatschutzgesetze und Ähnliches. Mittel, die einem im Aufstellen gleichsam grauen. Aber — so drückt er sich aus —, keine weimarisch-königsbergische Weisheitslehre wird jemals etwas an diesem Gang der Wirtschaftsordnung ändern. — Weimarisch-königsbergisch [meint]: eine Weisheit, die von Goethes oder Kants Weltanschauung ausgehen könnte.

[ 56 ] Everything I have just said was not intended as a reproachful critique. Things turned out the way they did because they had to—they necessarily turned out that way. But what is characteristic is what human beings now have to say about this order. It is actually impossible for an individual to live in a way that is befitting of human dignity; instead, he says: Today I will have to do this or that; tomorrow is none of my business; let the “blind giant” do whatever he may later—we cannot know—but that is none of our concern. Sombart goes even further. — I mention him not so much because he wrote this book, but because what he says is typical. — Sombart says: This social order, this economic order, has come upon us; we see it seizing people, making them spiritually homeless, throwing them into the machinery—throwing them in mercilessly. — And now a very characteristic remark! He says: And what means do we actually have to counter this? Occupational safety laws, heritage protection laws, and the like. Measures that, as it were, make one shudder just thinking about them. But—as he puts it—no Weimar-Königsberg school of wisdom will ever change the course of this economic order. — Weimar-Königsberg [means]: a wisdom that might stem from the worldview of Goethe or Kant.

[ 57 ] Was drückt sich in solcher Erkenntnis aus? Etwas, von dem man eigentlich nur verwundert sein müsste, dass so wenig Menschen heute davon ergriffen werden, davon beunruhigt werden. Wie stehen solche Menschen den jetzigen sozialen Strömungen gegenüber? Man kann sagen, dass die Individualität sich in dieser Entwicklungsstufe von den Menschen losgerissen hat. Man kann heute nicht mehr sagen: Der Mensch kalkuliert in seinem Geschäft; er stürzt sich hinein, es kalkuliert, es rechnet, es fließt das Kapital von einem Ort zum andern.

[ 57 ] What is expressed in such insight? Something that should really only leave one amazed that so few people today are moved by it or troubled by it. How do such people view current social trends? One could say that, at this stage of development, individuality has become detached from human beings. Today, one can no longer say: A person calculates in business; he throws himself into it—it calculates, it counts, and capital flows from one place to another.

[ 58 ] Was sagt der Mensch, der sich gegenüber der 'Tatsache, dass das immer so weitergehen muss, nicht prüde betragen will? Was sagt der Mensch, wenn er auf der anderen Seite die bisherigen Anstrengungen untersucht, um wissenschaftliche Einsicht in das menschliche Leben zu gewinnen, um eine Weltanschauung zu gewinnen? Der Mensch sagt: Keine weimarische Weisheit, keine königsbergische Weisheit wird irgendetwas ändern. Warum nicht? Weil der Mensch sich vor jener Weisheit verschließt, die aus der Geisteswissenschaft stammt, und die ganz andere Kräfte hat, um zu den Menschenseelen Zugang zu finden. Denn was allerdings im Sombart’schen Sinne gemeint ist als weimarische, als Goethe’sche Weisheit, als Kantische Weisheit, das ist nichtig. Geisteswissenschaft aber hat nicht nur Begriffe, nicht nur Ideen, sie ist etwas, was den ganzen Menschen ergreift und wiederum zu sich bringt.

[ 58 ] What does a person say who does not wish to be prudish in the face of the “fact” that things must always continue this way? What does a person say when, on the other hand, they examine the efforts made so far to gain scientific insight into human life, to develop a worldview? People say: No Weimar wisdom, no Königsberg wisdom will change anything. Why not? Because people close themselves off from the wisdom that stems from spiritual science, which possesses entirely different powers to gain access to human souls. For what is meant in the Sombartian sense as Weimar wisdom, as Goethean wisdom, as Kantian wisdom—that is null and void. Spiritual science, however, consists not only of concepts, not only of ideas; it is something that seizes the whole human being and brings them back to themselves.

[ 59 ] Geisteswissenschaft wird allein die Stärke, die Kraft haben, Menschenseelen in sich auch zu erstarken, so zu ergreifen, dass diese Menschenseelen sich wiederfinden, nachdem sie sich an den Geist der Wirtschaftsordnung der neuen Zeit verlieren mussten. Dieser Geist der Wirtschaftsordnung war so stark, dass er den Menschen zum Fremdling machen konnte. Der Geist der Geisteswissenschaft wird so stark sein, dass er die Seelen ergreifen wird, dass er der Seele ihre geistig-seelische Heimat im Getriebe der modernen Wirtschaftsordnung bieten wird. Der Mensch ist betäubt worden von der Wirtschaftsordnung, sodass er von ihr sprechen muss als von dem «blinden Riesen», von dem er nicht weiß, was er bringen wird. Sehend wird die Seelenkraft durch die Geisteswissenschaft, die den Menschen packen wird, sodass sie ihm zur Heimat wird, sodass durchglüht und durchgeistigt werden kann das, was der Mensch auf diesem Erdenrund tut.

[ 59 ] Spiritual science alone will have the strength and power to strengthen human souls from within, to take hold of them in such a way that these human souls may find themselves again after having been lost to the spirit of the economic order of the new age. This spirit of the economic order was so strong that it could turn human beings into strangers to themselves. The spirit of spiritual science will be so strong that it will take hold of souls, offering the soul its spiritual and emotional home within the machinery of the modern economic order. Humanity has been numbed by the economic order, so that it must speak of it as the “blind giant,” of which it does not know what it will bring. Through spiritual science, which will seize people’s souls, the power of the soul will become clear, so that it becomes their home, and so that everything people do on this earth may be imbued with spiritual life and transformed.

[ 60 ] So etwas kann von Menschen der Gegenwart noch wenig verstanden werden. Und was nicht verstanden wird, das wird am meisten angefeindet. Was man nicht versteht, dessen Gegner ist man. Das ist ja das Leichteste. Verstehenlernen ist schwieriger. Lachen und Unverständnis ist leichter. Gerade auf dem Gebiete der Gegnerschaft haben sich in Bezug auf den Bau, den wir als Stätte für die Geisteswissenschaft einzurichten suchen, einige Leute eingefunden. Diese Stätte erweist sich schon dadurch als etwas Besonders, was neu in unser geistiges Leben hereinkommt, dass die Leute versuchen, aus allen möglichen Winkeln des Alten heraus bereits Namen dafür zu finden. Karten sind schon gezeigt worden, worauf der Bau «Anthroposophischer Tempel im Bau» genannt wird. Ein Tempel wird es nicht sein, aber man muss eine Bezeichnung haben. Ein Tempel wird es ebenso wenig sein, wie Anthroposophie eine neue Religion oder Sektengründung sein will. Will man einen Namen haben, so kann man sagen: Es wird eine «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft». Aber aus den Gründen, die angeführt worden sind, wird sie nichts Antireligiöses haben; sie wird kein Gegner der Religion sein, sondern diese Hochschule wird religiös gestimmte Seelen in ihren Räumen haben. Denn durch das, was ausgeführt worden ist, werden die Seelen durch Geisteswissenschaft so angezogen, dass die Seelen religiös gestimmt sind.

[ 60 ] People today have little understanding of such things. And what is not understood is met with the greatest hostility. We become opponents of what we do not understand. After all, that is the easiest thing to do. Learning to understand is more difficult. Laughter and incomprehension come more easily. Precisely in the realm of opposition, a number of people have gathered with regard to the building we are seeking to establish as a center for spiritual science. This center is already proving to be something special—something new entering our spiritual life—simply because people are trying to find names for it from every possible angle of the old ways. Maps have already been shown on which the building is labeled “Anthroposophical Temple Under Construction.” It will not be a temple, but one must have a name for it. It will be no more a temple than anthroposophy intends to be a new religion or a sect. If one wants a name, one can say: It will be a “Free University of Spiritual Science.” But for the reasons that have been cited, it will have nothing anti-religious about it; it will not be an opponent of religion, but rather this school will welcome religiously inclined souls within its walls. For, as has been explained, spiritual science attracts souls in such a way that they become religiously inclined.

[ 61 ] Aber ohne Religion anzustreben, wird im besonderen Maße die Religion durch die Geisteswissenschaft geschützt, werden die Seelen wiederum dazu geführt, das Große ihrer Religion zu begreifen und zu erkennen. Und manche Seele, die vielleicht durch Bildung, also durch das, was außerhalb der Religion lebt, der religiösen Stimmung entfremdet worden ist, sie wird durch das, was in dieser religiösen Hochschule gelehrt wird, gezeigt wird, für eine sichere Gottes- und Christusvorstellung wiederum gewonnen werden. Nicht eine Kirche, nicht einen Tempel unterfangen wir uns zu bauen; aber das, was wir bauen, was wir wollen: Wie es Laboratorien, wie es Kabinette für das Physische gibt, so werden wir ein Laboratorium, ein Kabinett für Forschungen des geistigen Lebens bauen. Was wir wollen, das wird in seiner ganzen Konfiguration, in seiner ganzen Einrichtung ein Abbild dieses geistigen Strebens sein wollen. Dass so etwas entstehen muss, werden die begreifen, die das ins Auge gefasst haben, was jetzt eben über das Verhältnis der Geisteswissenschaft zur sozialen Strömung der Gegenwart gesagt worden ist.

[ 61 ] But even without consciously striving for religion—and especially when religion is protected by spiritual science—souls are once again led to comprehend and recognize the greatness of their religion. And some souls, who may have become estranged from the religious spirit through education—that is, through what exists outside of religion—will be won back to a sure conception of God and Christ through what is taught and demonstrated at this religious university. We do not presume to build a church or a temple; but what we are building, what we aim for: just as there are laboratories and cabinets for the physical world, so we will build a laboratory, a cabinet for the study of spiritual life. What we aim to create will, in its entire configuration and in its entire organization, be a reflection of this spiritual striving. Those who have taken to heart what has just been said about the relationship between spiritual science and the social currents of the present will understand that such a thing must come into being.

[ 62 ] Werden einstmals in großem Maßstab Gebäude aufgeführt, bei denen ein solcher Grundton des Geistigen bis ins einzelne Glied, bis in die einzelne Kante hineingeht, und werden die Seelen, die an der Geisteswissenschaft erstarkt sind, ihr nicht als etwas Unverstandenem gegenüberstehen, dann werden wiederum die Menschenseelen, die ihren Himmel auf der sozial konfigurierten Erde nicht gefunden haben, die Liebe mit ihrer Arbeit verbinden. Dann sagen wir nicht: Was wird aus dem «blinden Riesen»? — sondern dann fragen wir: Was wird aus dieser geisteswissenschaftlich religiös gestimmten Menschenseele? Und wir wissen: Unsere Gottesvorstellung, unser religiöses Empfinden ist so stark, dass diese Seele es in künftige Zeiten hinübertragen wird. Wir fragen nicht: Wer weiß, was dann ist? Wir sehen begründet das Wissen, dass unsere Seele durch den Tod geht, dass diese Seele sich ein neues Erdenleben gründet, dass sie das, was sie sich erwirbt, durch den Tod hinauftragen wird in die geistige Welt, sodass es aus der geistigen Welt wiederum wirken wird, bevor die Seele auf Erden wiedererscheinen wird. Wir sagen nicht: Wer weiß, was die Zukunft bringen wird? Wir suchen in der Gegenwart das zu erwerben, was Gewähr dafür bietet, dass die Zukunft der Menschenseele so ist, dass man nicht durch Betäubung des sozialen Lebens sagen kann, der Mensch habe seine Heimat verloren. Sondern man wird dann sagen können: Mag sich auch die kapitalistische Ordnung im Ganzen immer mehr ausbreiten, mag sie den Menschen noch so betäuben — die Menschenseele wird sich finden und wird sich findend wissen, wie fest sie im Boden ihres ursprünglichen Geisteslebens begründet ist. Sie wird sich nicht in eine Welt, von einem «blinden Riesen» geführt, hineinleben, sondern in eine Welt, worin sie sehend ist und auch ihre Wirtschaftsordnung sehend ist. Das wird ihr begründete Hoffnung in die Zukunft hinein verleihen, weil zu dem Gebäude dieser Hoffnung diese Seele selbst die Bausteine herbeiführt. Das mag gegenüber der sozialen Bewegung gesagt sein.

[ 62 ] If, one day, buildings are constructed on a grand scale in which such a spiritual foundation permeates every single element, down to the very edge, and if the souls strengthened by spiritual science do not regard this as something incomprehensible, then the human souls who have not found their heaven on this socially structured Earth will, in turn, unite love with their work. Then we will not say: “What will become of the ‘blind giant’?”—but rather we will ask: “What will become of this human soul attuned to spiritual science and religion?” And we know: Our conception of God, our religious feeling, is so strong that this soul will carry it forward into future times. We do not ask: “Who knows what will happen then?” We have a well-founded knowledge that our soul passes through death, that this soul establishes a new earthly life for itself, and that it will carry what it has earned through death into the spiritual world, so that it will act from the spiritual world once more before the soul reappears on Earth. We do not say: Who knows what the future will bring? We seek in the present to acquire what guarantees that the future of the human soul will be such that one cannot say—due to the numbing of social life—that humanity has lost its home. Instead, one will then be able to say: Even if the capitalist order as a whole continues to spread ever further, even if it numbs people to any degree—the human soul will find itself and, in finding itself, will know how firmly it is rooted in the soil of its original spiritual life. It will not live its way into a world led by a “blind giant,” but into a world in which it sees and also perceives its economic order. This will give it well-founded hope for the future, because this soul itself provides the building blocks for the edifice of that hope. This may be said in regard to the social movement.

[ 63 ] Diese Geisteswissenschaft wird jedem, der sich nur ein wenig mit ihr bekannt macht, zeigen, dass sie auf der Suche nach jenem Weg ist, den die Menschenseele vom Lebensanfang bis zum Erdenende durchmisst. Geisteswissenschaft spricht von dem Wege, auf dem der Mensch seiner Zukunft entgegengeht. Geisteswissenschaft spricht von der Wahrheit, nicht nur von einer Wahrheit der äußeren Eindrücke, die durch die Sinneswahrnehmungen entstehen, sondern von jener Wahrheit, die innerlich seelisch so erlebt wird, dass sie sich in jener Welt seelisch erfühlt, deren geistiger Bürger die Seele ist. In jener Welt ist der Christus unmittelbar zu finden. So mancher Geist in der Gegenwart sucht den gegenwärtigen Christus, aber er kommt nur bis zur Sehnsucht, er spricht nur davon.

[ 63 ] This spiritual science will show anyone who familiarizes themselves with it even a little that it is searching for the path that the human soul travels from the beginning of life to the end of its earthly existence. Spiritual science speaks of the path along which the human being moves toward their future. Spiritual science speaks of truth—not merely the truth of external impressions arising from sensory perceptions, but that truth which is experienced inwardly and spiritually in such a way that it is sensed in that world of which the soul is a spiritual citizen. In that world, Christ can be found directly. Many a spirit in the present seeks the present Christ, but they get no further than longing; they merely speak of him.

[ 64 ] Christus ist es, der harmonisiert. Er wird die neue Harmonie mit der Religion des alten Europa finden, er wird die Seelen sich selber geben. Jeder, der nachdenkt, muss finden, dass ein geistiger Zusammenhang zwischen allen Dingen ist. Und das, was heute da draußen einer äußeren Macht unterliegt, das muss sich nach dem unmittelbar lebendigen gegenwärtigen Christus sehnen. Geisteswissenschaft weist darauf hin, dass der lebendige Christus die Ordnung der Welt halten wird, solange die Erdenzeit dauern wird. Geisteswissenschaft weist auf den Christus hin, den die Seele braucht, wenn sie sich wahrhaftig gekräftigt fühlen will, und zu dem sie hingeht in Not und Gefahr. Diesen Christus vermittelt Geisteswissenschaft. Sie erfasst die Welt in Wahrheit, indem sie die Wahrheit von der Seele erleben lässt. Dadurch wird die Wahrheit selber zu Leben, dass sie die tote abstrakte Wahrheit so belebt, dass der ganze Mensch davon erfasst wird.

[ 64 ] It is Christ who brings harmony. He will find the new harmony with the religion of old Europe; he will give souls to themselves. Anyone who reflects must realize that there is a spiritual connection between all things. And that which today is subject to an external power out there must yearn for the immediately living, present Christ. Spiritual science points out that the living Christ will uphold the order of the world for as long as the earthly era endures. Spiritual science points to the Christ whom the soul needs if it truly wishes to feel strengthened, and to whom it turns in times of need and danger. Spiritual science conveys this Christ. It grasps the world in truth by allowing the soul to experience that truth. Through this, truth itself becomes life, enlivening the dead, abstract truth in such a way that the whole human being is encompassed by it.

[ 65 ] Während die heutige Wirtschaftsordnung den Menschen ertötet und aus seiner Heimat hinausgeworfen hat, versetzt die Geisteswissenschaft ihn wiederum in seine lebendige Heimat. Den Weg hat sie, den Weg, den die Seele vorher verloren hatte und stattdessen einen andern hat gehen müssen. Die Wahrheit sucht sie, so wird sie die Seele unmittelbar ergreifen, sodass diese sich dem Leben nicht getrennt, sondern verbunden fühlt. Der Weg, die Wahrheit und das Leben, sie leuchten der Geistesforschung voran. Und wie sie diese drei ernsthaft sucht, so ist sie sich dessen auch bewusst, dass sie sie findet. Und sie findet auch den, der gesagt hat, dass er das sei, was sie sucht. Wie auch die Gegner diese Geistesforschung bekämpfen werden, was sie auch vorbringen: Geistesforschung weist durch das, was in ihren Bekennern lebt, die nur durch eigene Urteilsfähigkeit zu dieser Bekennerschaft kommen können, sie weist durch das, was bei ihnen lebt und angestrebt wird, die Wahrheit und das Leben. Und so mögen gerade die Gegner der Religionsbekenntnisse sagen, was sie wollen — die, welche ehrlich und aufrichtig in Wahrheit den Weg in das Geistgebiet suchen, die ihn so erstreben wie die Bekenner der Geistesforschung, die dürfen unbesorgt sein, sie werden im rechten Sinne, in dem Sinne, wie die Seelen ihn heute eroffenbaren müssen, den finden, der gesagt hat:

[ 65 ] While today’s economic system has killed off human beings and cast them out of their homeland, spiritual science restores them to their living homeland. It has found the path—the path that the soul had previously lost and was instead forced to take another. It seeks the truth; thus it will immediately seize the soul, so that the soul feels connected to life rather than separated from it. The Way, the Truth, and the Life—these shine ahead of spiritual research. And as it earnestly seeks these three, it is also aware that it will find them. And it also finds the One who said that He is what it seeks. No matter how the opponents may fight against this spiritual research, no matter what arguments they put forward: spiritual research demonstrates the truth and life through what lives in its adherents—who can only come to this commitment through their own power of judgment—and through what lives within them and what they strive for. And so, no matter what the opponents of religious creeds may say—those who honestly and sincerely seek the path into the spiritual realm in truth, who strive for it just as the adherents of spiritual research do, may rest assured that they will find, in the true sense—in the sense in which souls must reveal it today—the one who said:

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

I am the way, the truth, and the life.

[ 66 ] Und mögen die Stimmen auch immer mächtiger werden, die sich gegen Geistesforschung erheben: In dem Bewusstsein, dass sie stets den Weg, die Wahrheit und das Leben sucht und sich dadurch unmittelbar in Zusammenhang weiß mit dem, der da war der Weg, die Wahrheit und das Leben, in diesem Bewusstsein wird sie kühn und frei, aber auch ihrer Herrlichkeit sich bewusst, in Bescheidenheit und Demut immerdar jedem — auch dem, der sich sagt, Geisteswissenschaft sucht einen falschen Christus — entgegnen können: Wir suchen den, der da ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Was er auch sagt, wir wissen es, dass wir jedem gegenüber frei und ehrlich die Worte aussprechen dürfen: Ihm, der da war der Weg, die Wahrheit und das Leben, ihm folgen wir auf unsere Art, von der wir glauben, dass sie den Seelen die neue Heimat auf Erden gibt. Ihm folgen wir nach, er ruft uns, er wird uns führen.

[ 66 ] And even as the voices speaking out against spiritual research grow ever louder: In the awareness that it is always seeking the Way, the Truth, and the Life, and thereby knows itself to be directly connected to the One who was the Way, the Truth, and the Life—in this awareness it becomes bold and free, yet also conscious of its own glory, and in modesty and humility will always be able to respond to everyone—even to those who claim that spiritual science seeks a false Christ—saying: We seek the One who is the Way, the Truth, and the Life. Whatever he may say, we know that we may speak these words freely and honestly to everyone: We follow Him—the One who was the Way, the Truth, and the Life—in our own way, which we believe gives souls a new home on earth. We follow Him; He calls us; He will guide us.