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Spiritual Science
and the Future of Humanity
GA 69e

31 January 1911, Cologne

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Spiritual Science and the Future of Humanity, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaft und die geistigen Ziele unserer Zeit

22. Zarathustra, seine Lehre und seine Mission

22. Zarathustra, His Teachings, and His Mission

[ 1 ] Es ist schwer, sich zu verständigen mit dem, der sich in anderer Art ausdrückt als wir. Für die Aufklärung eigener Seelengeheimnisse ist es wichtig, eigenes Denken, Fühlen, Wollen an anderen fernliegenden Geistern abzumessen.

[ 1 ] It is difficult to communicate with someone who expresses himself differently than we do. To shed light on the mysteries of our own souls, it is important to measure our own thoughts, feelings, and desires against those of minds very different from our own.

[ 2 ] Die gewöhnliche neuere Geschichtsforschung weiß selbst nicht die Lebenszeit des Zarathustra festzustellen; sie versetzt ihn in die Zeit des Buddha, die alten Griechen versetzen sie 5000 Jahre vor Christus: möglichst weit oder wenig weit [zurück]. Die Theosophie setzt ihn in die vorasiatische Kultur, doch sein Einfluss ist bis in die christliche Zeit zu bemerken.

[ 2 ] Even modern historical research is unable to determine the exact time period in which Zarathustra lived; some place him during the time of the Buddha, while the ancient Greeks place him 5,000 years before Christ: as far back as possible—or not very far at all. Theosophy places him within the pre-Asian cultural sphere, yet his influence can be observed all the way into the Christian era.

[ 3 ] Alles Seelenleben ist sehr geändert worden, die Entwicklung des Entstandenen ist ein jetzt schr befriedigendes Studium. Des Menschen geistige Entwicklung müsste derselben Untersuchung unterzogen werden, um Licht zu verbreiten; man muss zurückgehen in frühere Seelenzustände, wo die Menschen eine andere Umwelt gewahr wurden als jetzt. Es gab da eine Art hellsichtigen Bewusstseins, ein oft missbrauchtes Wort, ein Bilderbewusstsein. Die an die gewöhnlichen Formen anknüpfenden hinauf- und hinuntersteigenden Bilder haben wenig zu bedeuten, sind ein übrig gebliebener Rest eines ganz anderen Bewusstseinszustandes. Das frühere Bilderbewusstsein ist zu beziehen auf die äußere Wirklichkeit in der geistigen Welt hinter der Sinnenwelt, als das Gegenstandsbewusstsein noch erst in den Anfängen war, von einer Zwischenwelt zwischen Wachen und Schlafen, durch Sinnbilder, die sich bezogen auf die geistige reale Welt.

[ 3 ] All aspects of spiritual life have undergone profound changes; the development of what has emerged is now a most satisfying field of study. Human spiritual development would need to be subjected to the same examination in order to shed light on the subject; one must go back to earlier states of consciousness, when people perceived a different environment than they do now. There was a kind of clairvoyant consciousness—a term often misused—a visual consciousness. The images rising and falling in connection with ordinary forms have little significance; they are a remnant of an entirely different state of consciousness. This earlier visual consciousness relates to the external reality in the spiritual world beyond the sensory world—at a time when object consciousness was still in its infancy—in an intermediate realm between waking and sleeping, through symbols that referred to the real spiritual world.

[ 4 ] Eine bestimmte Fähigkeit vollzieht sich auf Kosten einer anderen. Wir müssen wieder hinauf, aber zu einer von Intellektualität durchdrungenen Hellsichtigkeit. Erst ging der Intellekt verloren. Mythen, Sagen, Legenden sind die ältesten Urkunden vom alten Hellsehen. Die Götterbilder der Mythologie waren zunächst nur Bilder. Es waren zwei geistige Strömungen: eine aus dem alten Indien, die andere, mehr nördliche aus dem alten Persien. Diese gehen nebeneinander in den älteren Jahrtausenden, strömen zusammen in der altgriechischen Kultur. Daher ist der Pessimismus der alten Inder so charakteristisch. Unheimlich fand es der alte Inder, wenn er geistige Wesen hinter den Außendingen sah. Das nannte er Asuras. Der letzte Impuls davon, der darum so bedeutsam war, erschien in Buddha. Durch ungeistigen Hang nach dem Innern war er versetzt in Maya, daher musste er heraus ins Nirwana. Nirwana hat nichts von dem, was die Sinne bieten, Nirwana ist der letzte große Ruf dieser als Abstieg empfundenen Menschheitsentwicklung. Auch dieses ist durchsetzt von pessimistischer Antiwirklichkeitsstummung.

[ 4 ] One particular ability develops at the expense of another. We must ascend once more, but to a form of clairvoyance imbued with intellectuality. First, the intellect was lost. Myths, sagas, and legends are the oldest records of ancient clairvoyance. The images of the gods in mythology were, at first, merely images. There were two spiritual currents: one from ancient India, the other—more northern—from ancient Persia. These ran parallel to one another in the earlier millennia, converging in ancient Greek culture. This is why the pessimism of the ancient Indians is so characteristic. The ancient Indian found it eerie when he saw spiritual beings behind external things. He called them asuras. The final impulse of this tradition—which was therefore so significant—appeared in the Buddha. Due to a non-spiritual inclination toward the inner world, he was plunged into Maya; thus, he had to escape into Nirvana. Nirvana has none of what the senses offer; Nirvana is the final great call of this human development, which is perceived as a descent. This, too, is permeated by a pessimistic, anti-realistic numbness.

[ 5 ] Im alten Griechenland empfand man dieses Untertauchen nicht gerade so. Der Grieche empfand in der Dionysoskultur, als er noch nicht die Intelligenz hatte, die ins Griechenland verpflanzte altindische Kultur. Zarathustra entwickelte gerade das Gegenteil, der Perser wollte Hand anlegen an die unmittelbare Wirklichkeit, ein Übergang zu einer neuen freudigen Zukunft der Menschheit. Er hatte Neues gewonnen, neue menschliche Seelenkräfte. Zarathustra wies das persische Volk auf die physische Welt als nicht nur Maya. Ihm war das Äußere wie das Kleid einer geistigen Welt, die sinnliche Welt wie ein Teppich. Die geistige Welt liegt hinter der Sinnenwelt, überall dahinter ist die geistige Welt. Das ist nicht nur als ein pantheistischer Hinweis auf die geistige Weisheit gemeint, sondern konkretes Hineinschauen in die geistige Welt. Hinter dem sinnlich Wichtigsten [Wirklichen?] verbirgt sich die geistige Wichtigkeit [Wirklichkeit?]. Und wie die Sonne ihre große Aura hat, so hat auch der Mensch seine kleine Aura: Ahura Mazdao, später Ormuzd. Durch bloß mystisches Hineinschauen findet er nicht mehr das Gute. Das sind absterbende Kräfte, daher sind ihm die Devas das Böse, die Asuras das Richtige.

[ 5 ] In ancient Greece, this immersion was not perceived quite that way. The Greeks, within the culture of Dionysus—when they had not yet acquired the intellectual capacity—experienced the ancient Indian culture that had been transplanted into Greece. Zoroaster developed precisely the opposite; the Persians sought to take hold of immediate reality, a transition to a new, joyful future for humanity. He had gained something new: new powers of the human soul. Zoroaster pointed out to the Persian people that the physical world was not merely Maya. To him, the external world was like the garment of a spiritual world, and the sensory world like a carpet. The spiritual world lies behind the sensory world; everywhere behind it is the spiritual world. This is not meant merely as a pantheistic allusion to spiritual wisdom, but as a concrete gaze into the spiritual world. Behind what is most important in the sensory realm [the real?] lies spiritual importance [reality?]. And just as the sun has its great aura, so too does man have his small aura: Ahura Mazdao, later Ormuzd. Through mere mystical insight, he no longer finds the good. These are dying forces; therefore, the Devas are evil to him, and the Asuras are what is right.

[ 6 ] So ist diese Umkehr zu erklären aus der Kulturentwicklung. Ahuras sind die indischen Asuras. Geistiges ist in und hinter allem Sinnlichen, besonders hinter dem Mittelpunkt. Der griechische Apollo ist die griechische Übersetzung der Mazdaokultur. Beide Strömungen kamen zusammen, als der größte Menschheitsimpuls kam, in Christus.

[ 6 ] This reversal can thus be explained in terms of cultural development. The Ahuras are the Indian Asuras. The spiritual is within and behind all that is sensory, especially behind the center. The Greek Apollo is the Greek interpretation of the Mazdaic culture. Both currents converged when humanity’s greatest impulse came to pass in Christ.

[ 7 ] Damals, in Zarathustras Zeit, brauchte man ganz andere Zeichen, eine ganz andere Schrift, um dies zu versinnlichen. Diese alte Schrift war in den Himmelskörpern. Beide Gegensätze führte Zarathustra auf Höheres zurück. Er brauchte Sinnbilder. Während des Tages durchläuft die Sonne einen Teil des Zodiakus; die Tagessonne ist Ormuzd, die Nachtsonne Ahriman. Die eine Hälfte der Tierkreiszeichen bezeichnet Ormuzd, die andere Hälfte Ahriman. Es ist ein gemeinsamer Grund des Guten und Bösen. In immer größerem Bogen wird der Kreis flacher und flacher, endlich eine gerade Linie, die Unendlichkeit. Ein Kreis mit unendlichem Durchmesser ist Bild des unendlichen Zeitverlaufs. Die Vergangenheit hält zurück, die Zukunft ist für den Fortschritt, hebt empor. Der ganze Tierkreis ist eigentlich eine Linie, als Kreis verkleinlicht vorgestellt. «Zaroana akarena» ist das Bild der unendlichen Zeit.

[ 7 ] Back then, in Zarathustra’s time, people needed entirely different symbols, an entirely different script, to give this a tangible form. This ancient script was found in the celestial bodies. Zarathustra traced both of these opposites back to a higher source. He needed symbols. During the day, the sun traverses a portion of the zodiac; the daytime sun is Ormuzd, the nighttime sun is Ahriman. One half of the zodiac signs represents Ormuzd, the other half Ahriman. It is a common source of good and evil. In an ever-widening arc, the circle becomes flatter and flatter, finally a straight line—infinity. A circle with an infinite diameter is an image of the infinite passage of time. The past holds us back; the future is for progress, lifting us up. The entire zodiac is actually a line, visualized as a miniature circle. “Zaroana akarena” is the image of infinite time.

[ 8 ] So steht in den Sternen die Schrift für das, was in der geistigen Welt ist. Zoroaster ist kein abstrakter Geist, der sich nur in Allgemeinheiten bewegt; daher stehen unter Ormuzd Untergeister. Der heutige Mensch ist bequem, will gleich zum höchsten Gott aufsteigen. Die sechs oder sieben Amschaspands waren gleichsam Boten. Goethe erwähnt in seinem Faust: Göttersöhne, bewahrt das Schöne, und so weiter. Es ist dasselbe. So auch hat Ahriman fünf bis sechs böse geistige Wesenheiten; das macht zusammen zwölf.

[ 8 ] Thus, the stars contain the writing that reflects what exists in the spiritual world. Zoroaster is not an abstract spirit who moves only in generalities; therefore, there are lesser spirits under Ormuzd. People today are lazy; they want to ascend directly to the highest God. The six or seven Ameshaspands were, as it were, messengers. Goethe mentions in his *Faust*: “Sons of the gods, preserve beauty,” and so on. It is the same thing. Likewise, Ahriman has five or six evil spiritual beings; that makes twelve in all.

[ 9 ] Jedes Sternbild ist Ausdruck für eine der Kräfte. Ormuzd wirkt zum Beispiel durch [den] Löwen als gute Gesinnung, durch den Widder Weisheit. So fahren die geistigen Wesen gleichsam in die Menschen hinein. Der Mensch aber ist nicht so gescheit wie sein kleiner Finger, der weiß, dass er so nichts ist ohne den ganzen Organismus. So werden die menschlichen Seelenkräfte, dringen in den Menschen hinein, setzen sich im Menschen fort, verdichten sich materiell in dem, was im Menschen ist. Der Mensch kann also ein Ormuzd- oder ein Ahrimanmensch sein. Die neue Physiologie, die den Menschen zergliedert, sagt [anatomisch-physiologisch]: Zwölf Paar Gehirnnerven gehen vom Gehirn aus. So sind die materialisierten zwölf Amshaspands nach Jahrtausenden wieder gefunden. Beide Zeitalter reichen sich die Hände.

[ 9 ] Each constellation is an expression of one of these forces. Ormuzd, for example, acts through [the] Lion as a good disposition, and through Aries as wisdom. In this way, the spiritual beings enter into human beings, as it were. But human beings are not as wise as their little finger, which knows that it is nothing on its own without the whole organism. Thus, the human soul forces penetrate into the human being, continue within the human being, and condense materially into what is within the human being. A human being can therefore be an Ormuzd-type or an Ahriman-type human being. The new physiology, which dissects the human being, states [anatomically and physiologically]: Twelve pairs of cranial nerves extend from the brain. Thus, after millennia, the materialized twelve Amshaspands have been rediscovered. The two eras join hands.

[ 10 ] So gibt es 28 bis 31 Izeds, Geister, die untergeordnete Funktionen besorgen, die wirksam sind im Kosmos und in der menschlichen Natur. Das sind in des Menschen Haupt die geistigen Fähigkeiten [= die Amshaspands] und die Fähigkeiten, die von den Rückenmarksnerven ausgehen und meinetwegen wieder zurück [die Izeds]. Dann sehen wir in den Feroars die geistigen Urbilder, die allem anderen zugrunde liegen.

[ 10 ] Thus, there are 28 to 31 Izeds, spirits that perform subordinate functions and are active in the cosmos and in human nature. These are, in the human head, the spiritual faculties [= the Amshaspands] and the faculties that emanate from the spinal nerves and, so to speak, return again [the Izeds]. Then, in the Feroars, we see the spiritual archetypes that underlie everything else.

[ 11 ] Plato sagt: Allen sinnlichen Dingen liegen Urbilder zugrunde. Aber da ist es schon mehr abstrakt gemeint. Plato spricht von der Geisteswelt, Zoroaster von der Geisterwelt. Doch hatte Plato gegenüber den heutigen Anschauungen noch ein lebendiges Gefühl. Zoroaster sah im äußeren Licht, was im Inneren Weisheit ist, wie die Geisteswissenschaft heute auch.

[ 11 ] Plato says: All sensory things are based on archetypes. But here, the meaning is already more abstract. Plato speaks of the world of the mind; Zoroaster of the world of spirits. Yet Plato still had a vivid sense of these concepts compared to today’s views. Zoroaster saw in the outer light what is wisdom within—just as spiritual science does today.

[ 12 ] Pythagoras hat von den Persern die richtige Stellung gegenüber der geistigen und der moralischen Welt gelernt. Das ist ganz anders wie in Ägypten oder wie in den Dionysischen Mysterien. Da gilt Männliches und Weibliches, Osiris — Isis, Apollo — Aphrodite. Solche geschlechtliche Gegensätze gibt es überall. Selbst bei den alten Hebräern wird Luzifer, das Böse, durch Weibliches angedeutet. Nur Zoroaster hat es anders, hat den organischen, moralischen Gegensatz des Guten und Bösen in Bildern, nicht vom Natürlichen genommen.

[ 12 ] Pythagoras learned from the Persians the proper attitude toward the spiritual and moral worlds. This is quite different from the situation in Egypt or in the Dionysian Mysteries. There, the masculine and feminine are emphasized: Osiris—Isis, Apollo—Aphrodite. Such gender opposites exist everywhere. Even among the ancient Hebrews, Lucifer—the embodiment of evil—is symbolized by the feminine. Only Zoroaster took a different approach; he expressed the organic, moral contrast between good and evil through imagery, not through the natural world.

[ 13 ] Daher muss Zoroaster in jetziger Zeit wichtig sein, um nicht alles auf die Gegensätze der Geschlechter zurückzuführen, wie heute. Daher der Duft, der ausgeht vom Zoroastrismus. Durch Läuterung, durch sittliche Reinigung entwickelt sich die heroische, moralische Kraft, nicht philiströse Moral wie die heutige. Der alte Perser ist nicht beschaulich, er ist arbeitsam, legt die Hand an die Schätze der Erde. So wird er der Genosse des Ormuzd, der immer rang mit Ahriman. So war es bei diesem einfachen Kulturvolk. Durch moralische Läuterung werden die Hemmnisse überwunden.

[ 13 ] That is why Zoroaster must be important in our time, so that we do not attribute everything to gender differences, as we do today. Hence the aura that emanates from Zoroastrianism. Through purification, through moral cleansing, heroic, moral strength develops—not the philistine morality of today. The ancient Persian is not contemplative; he is hardworking and puts his hand to the treasures of the earth. Thus he becomes the comrade of Ormuzd, who has always struggled against Ahriman. Such was the case with this simple, cultured people. Through moral purification, obstacles are overcome.

[ 14 ] Ich will reden, kommt und höret zu, von dem, was in der Welt das Höchste ist. Nicht mit böser Zunge rede ich davon, von dem Gegensatz. Hört, wie ich es meine, sonst werdet ihr Schlimmes erfahren am Weltenende. — So spricht Zoroaster. Nicht genügt es, dem Buchstaben nach die Gathas zu studieren, sondern man soll sich versetzen in Zoroasters Empfinden und Denken. Das bedingt historisches Gefühl. Man soll dankbar sein Ahriman.

[ 14 ] I will speak—come and listen—of what is supreme in the world. I do not speak of it with a malicious tongue, nor of its opposite. Listen to what I mean, or else you will suffer misfortune at the end of the world. — Thus speaks Zoroaster. It is not enough to study the Gathas literally; one must put oneself in Zoroaster’s shoes and understand his feelings and thoughts. This requires a sense of history. One should be grateful to Ahriman.