The Human Soul, Fate and Death
GA 70a
20 February 1915, Bremen
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Menschenseele, Schicksal und Tod
6. Die verjüngenden Kräfte der Deutschen Volksseele
6. Die verjüngenden Kräfte der Deutschen Volksseele
[ 1 ] Ich durfte während jeden Winters in den verflossenen Jahren hier einen Vortrag halten über ein geisteswissenschaftliches Thema. Die hiesigen Freunde haben auch für dieses Jahr einen solchen Vortrag gewünscht. Und es wird begreiflich erscheinen, dass in dieser schweren, schicksalreichen und schicksalstragenden Zeit eine solche Betrachtung hinlenken darf zu demjenigen, was uns ja alle in den Herzen, in den Seelen tief, tief erfüllt. Sind doch unsere Empfindungen, unsere Gefühle hingerichtet nach Osten, nach Westen, dahin, wo sich die großen Ereignisse der Zeit so bedeutsam, so groß, so gewaltig und so schmerzbereitend abspielen; wo über die Geschicke der Menschheit nicht gesprochen wird mit Worten, sondern mit Taten, die ihren Ausdruck finden in Mut, Zuversicht, Tapferkeit, in Tod und Leiden, aber auch in all den erhebenden Opfern, die so reichlich vorhanden [sind] in der Zeit, in der sich auch für unsere mitteleuropäische Menschheit so Bedeutsames abspielt.
[ 1 ] Ich durfte während jeden Winters in den verflossenen Jahren hier einen Vortrag halten über ein geisteswissenschaftliches Thema. Die hiesigen Freunde haben auch für dieses Jahr einen solchen Vortrag gewünscht. Und es wird begreiflich erscheinen, dass in dieser schweren, schicksalreichen und schicksalstragenden Zeit eine solche Betrachtung hinlenken darf zu demjenigen, was uns ja alle in den Herzen, in den Seelen tief, tief erfüllt. Sind doch unsere Empfindungen, unsere Gefühle hingerichtet nach Osten, nach Westen, dahin, wo sich die großen Ereignisse der Zeit so bedeutsam, so groß, so gewaltig und so schmerzbereitend abspielen; wo über die Geschicke der Menschheit nicht gesprochen wird mit Worten, sondern mit Taten, die ihren Ausdruck finden in Mut, Zuversicht, Tapferkeit, in Tod und Leiden, aber auch in all den erhebenden Opfern, die so reichlich vorhanden [sind] in der Zeit, in der sich auch für unsere mitteleuropäische Menschheit so Bedeutsames abspielt.
[ 2 ] Dasjenige, was in dieser unserer Gegenwart angeregt werden kann über das Verhältnis der europäischen Volksseelen, das möge den Gegenstand bilden der heutigen geisteswissenschaftlichen Betrachtung. Es möge so den Gegenstand dieser Betrachtung bilden, wie Geisteswissenschaft gerade diese Verhältnisse beleuchten kann. Diese Geisteswissenschaft, die ja noch wenig, wahrhaftig wenig Anklang und Bekenntnis gefunden hat bei der Mehrzahl der gegenwärtigen Menschen, die aber für diejenigen, welche von ihrem innersten Sinn, ihrem innersten Geist durchdrungen sind, sich so darstellt, dass sie sich für die ganze Bewegung hineinstellen muss für das ganze Leben des menschlichen Geistes so in die Kulturbewegung für die Gegenwart und die nächste Zukunft, wie sich für einige Jahrhunderte die naturwissenschaftliche Bewegung in das Kulturleben hineingestellt hat. Und gerade gegenüber den tief bewegenden Fragen des Lebens muss Geisteswissenschaft sich bewähren.
[ 2 ] Dasjenige, was in dieser unserer Gegenwart angeregt werden kann über das Verhältnis der europäischen Volksseelen, das möge den Gegenstand bilden der heutigen geisteswissenschaftlichen Betrachtung. Es möge so den Gegenstand dieser Betrachtung bilden, wie Geisteswissenschaft gerade diese Verhältnisse beleuchten kann. Diese Geisteswissenschaft, die ja noch wenig, wahrhaftig wenig Anklang und Bekenntnis gefunden hat bei der Mehrzahl der gegenwärtigen Menschen, die aber für diejenigen, welche von ihrem innersten Sinn, ihrem innersten Geist durchdrungen sind, sich so darstellt, dass sie sich für die ganze Bewegung hineinstellen muss für das ganze Leben des menschlichen Geistes so in die Kulturbewegung für die Gegenwart und die nächste Zukunft, wie sich für einige Jahrhunderte die naturwissenschaftliche Bewegung in das Kulturleben hineingestellt hat. Und gerade gegenüber den tief bewegenden Fragen des Lebens muss Geisteswissenschaft sich bewähren.
[ 3 ] Unter denjenigen Vorstellungen, welche gewissermaßen am meisten Spott und Gegnerschaft hervorgerufen haben, in meinem ersten grundlegenden geisteswissenschaftlichen Buche — in meiner «Theosophie» — ist die Vorstellung der Volksseele nicht als eines Abstraktums als eine bloße Idee und Summe von Merkmalen, durch welche eine Gruppe von Menschen zusammengehalten werden, sondern eines realen, als eines wirkenden Wesens. Da stehen wir bereits an einem Punkt, wo die Denkgewohnheiten, die sich seit Jahrhunderten gebildet haben, nicht mehr mit der Geisteswissenschaft mitwollen.
[ 3 ] Unter denjenigen Vorstellungen, welche gewissermaßen am meisten Spott und Gegnerschaft hervorgerufen haben, in meinem ersten grundlegenden geisteswissenschaftlichen Buche — in meiner «Theosophie» — ist die Vorstellung der Volksseele nicht als eines Abstraktums als eine bloße Idee und Summe von Merkmalen, durch welche eine Gruppe von Menschen zusammengehalten werden, sondern eines realen, als eines wirkenden Wesens. Da stehen wir bereits an einem Punkt, wo die Denkgewohnheiten, die sich seit Jahrhunderten gebildet haben, nicht mehr mit der Geisteswissenschaft mitwollen.
[ 4 ] Wie der Mensch gegenübersteht als das höchste der Erdenwesen den Wesenheiten der anderen Naturreiche, wie da gleichsam die Wesenheiten des Mineralischen, des Pflanzlichen und Tierischen im Menschen ihre physische, sinnliche Krönung erfahren, so muss Geisteswissenschaft zeigen — so ungewohnt es den Vorstellungen der Gegenwart auch ist —, dass die Reiche der Wesenheiten mit dem Sichtbaren nicht abgeschlossen sind, dass über dem Menschen stehen andere Reiche, die allerdings nicht zu erreichen sind mit dem Verstand, der an unser Gehirn gebunden ist, oder mit unseren physischen, sinnlichen Augen und Ohren, sondern die zu erreichen sind mit dem, was Goethe das geistige Schauen, die geistigen Augen und Ohren nannte. Das ist nicht vergleichsweise gesagt, sondern um etwas auszudrücken, was für die Anthroposophie ein ebenso sicheres Resultat ist wie zum Beispiel die biologischen Ergebnisse für die äußere Wissenschaft.
[ 4 ] Wie der Mensch gegenübersteht als das höchste der Erdenwesen den Wesenheiten der anderen Naturreiche, wie da gleichsam die Wesenheiten des Mineralischen, des Pflanzlichen und Tierischen im Menschen ihre physische, sinnliche Krönung erfahren, so muss Geisteswissenschaft zeigen — so ungewohnt es den Vorstellungen der Gegenwart auch ist —, dass die Reiche der Wesenheiten mit dem Sichtbaren nicht abgeschlossen sind, dass über dem Menschen stehen andere Reiche, die allerdings nicht zu erreichen sind mit dem Verstand, der an unser Gehirn gebunden ist, oder mit unseren physischen, sinnlichen Augen und Ohren, sondern die zu erreichen sind mit dem, was Goethe das geistige Schauen, die geistigen Augen und Ohren nannte. Das ist nicht vergleichsweise gesagt, sondern um etwas auszudrücken, was für die Anthroposophie ein ebenso sicheres Resultat ist wie zum Beispiel die biologischen Ergebnisse für die äußere Wissenschaft.
[ 5 ] Geisteswissenschaft sagt, dass wie der Mensch gegenübersteht mit seiner Seele den Dingen und Wesenheiten der äußeren Natur, wie er sich von ihnen Begriffe und Vorstellungen macht, so stehen über dem Menschen wahrhaft reale geistige, dem sinnlichen Auge unsichtbare Wesen, und für diese Wesen ist der Mensch mit seiner Seele so Gedanke, so Vorstellung gleichsam, wie die Gegenstände der äußeren Natur für den Menschen. So werden wir seelisch durchdrungen und gehalten von diesen geistigen Wesenheiten. Und zu einer der nächsten Klassen dieser Wesenheiten muss Geisteswissenschaft das zählen, was für viele nur die Zusammenstimmung der Merkmale eines Volkes ist: die Volksseelen.
[ 5 ] Geisteswissenschaft sagt, dass wie der Mensch gegenübersteht mit seiner Seele den Dingen und Wesenheiten der äußeren Natur, wie er sich von ihnen Begriffe und Vorstellungen macht, so stehen über dem Menschen wahrhaft reale geistige, dem sinnlichen Auge unsichtbare Wesen, und für diese Wesen ist der Mensch mit seiner Seele so Gedanke, so Vorstellung gleichsam, wie die Gegenstände der äußeren Natur für den Menschen. So werden wir seelisch durchdrungen und gehalten von diesen geistigen Wesenheiten. Und zu einer der nächsten Klassen dieser Wesenheiten muss Geisteswissenschaft das zählen, was für viele nur die Zusammenstimmung der Merkmale eines Volkes ist: die Volksseelen.
[ 6 ] Worauf es ankommt, ist das Verhältnis der Volksseele zu der einzelnen menschlichen Seele. Geisteswissenschaft betrachtet die Seele nicht wie die landläufige Psychologie. Sie betrachtet sie nicht als ein Produkt der äußeren Organisation, sondern als den wirklichen Bildner der äußeren Organisation. Und nicht um eine leichte Einteilung zu machen, sondern aus der Natur der Sache heraus unterscheidet der geisteswissenschaftliche Forscher drei Wesensglieder der Seele mit derselben Berechtigung — nur natürlich auf ein anderes Gebiet übertragen —, wie man in dem Regenbogenspektrum unterscheidet die rote Farbe auf der einen Seite, die grüne in der Mitte, und dann die blaue Farbe. Und wie man nicht begreifen kann das Zusammenwirken von Licht und Farben, wenn man nicht diese Gliederung zugrunde legt, die man am bekanntesten am Regenbogenspektrum sieht, so kann man die menschliche Seele nicht verstehen ohne die Dreigliedrigkeit, die wir bezeichnen als Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele. Wie der Regenbogen auf der einen Seite die rote Farbe hat, so hat der Mensch auf der einen Seite die Empfindungsseele, in der Mitte [— gleichsam wie der Regenbogen die grüne Farbe — hat der Mensch] die Verstandes- oder Gemütsseele; [und] wie der Regenbogen die blaue Farbe hat, hat der Mensch die Bewusstseinsseele. Wie gesagt, es entspringt das keiner Willkür, keiner Einteilungslust, sondern hängt zusammen mit dem innersten Wesen der Seele.
[ 6 ] Worauf es ankommt, ist das Verhältnis der Volksseele zu der einzelnen menschlichen Seele. Geisteswissenschaft betrachtet die Seele nicht wie die landläufige Psychologie. Sie betrachtet sie nicht als ein Produkt der äußeren Organisation, sondern als den wirklichen Bildner der äußeren Organisation. Und nicht um eine leichte Einteilung zu machen, sondern aus der Natur der Sache heraus unterscheidet der geisteswissenschaftliche Forscher drei Wesensglieder der Seele mit derselben Berechtigung — nur natürlich auf ein anderes Gebiet übertragen —, wie man in dem Regenbogenspektrum unterscheidet die rote Farbe auf der einen Seite, die grüne in der Mitte, und dann die blaue Farbe. Und wie man nicht begreifen kann das Zusammenwirken von Licht und Farben, wenn man nicht diese Gliederung zugrunde legt, die man am bekanntesten am Regenbogenspektrum sieht, so kann man die menschliche Seele nicht verstehen ohne die Dreigliedrigkeit, die wir bezeichnen als Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele. Wie der Regenbogen auf der einen Seite die rote Farbe hat, so hat der Mensch auf der einen Seite die Empfindungsseele, in der Mitte [— gleichsam wie der Regenbogen die grüne Farbe — hat der Mensch] die Verstandes- oder Gemütsseele; [und] wie der Regenbogen die blaue Farbe hat, hat der Mensch die Bewusstseinsseele. Wie gesagt, es entspringt das keiner Willkür, keiner Einteilungslust, sondern hängt zusammen mit dem innersten Wesen der Seele.
[ 7 ] Nehmen wir erstens die Empfindungsseele: Wie der rote Teil des Spektrums vorzugsweise die Wärme enthält, so hat die Empfindungsseele mehr die Begierden, die Leidenschaften, die passionellen Kräfte der Seele, aber zugleich auch von dem, in das sich zurückzieht, dann wenn die Seele in die geistige Welt durch die Pforte des Todes geht, [in das sich zurückzieht] dasjenige, was die ewigen Kräfte der Seele sind, die sich geheimnisvoll verbergen hinter den Trieben, den Leidenschaften, den Begierden, die zugleich das sind, was der Seele den ewigen Charakter aufdrückt. Was aber in der Seele wie die Vermittlung des ewigen Selbstes des Menschen mit dem zeitlichräumlichen Menschen besteht, das entspricht der grünen Farbe, die vorzugsweise dem Lichte dient, wie dem Geistigen der Verstand dient, der vermittelt den Verkehr des Menschen in Bezug auf sein Ewiges und Zeitliches.
[ 7 ] Nehmen wir erstens die Empfindungsseele: Wie der rote Teil des Spektrums vorzugsweise die Wärme enthält, so hat die Empfindungsseele mehr die Begierden, die Leidenschaften, die passionellen Kräfte der Seele, aber zugleich auch von dem, in das sich zurückzieht, dann wenn die Seele in die geistige Welt durch die Pforte des Todes geht, [in das sich zurückzieht] dasjenige, was die ewigen Kräfte der Seele sind, die sich geheimnisvoll verbergen hinter den Trieben, den Leidenschaften, den Begierden, die zugleich das sind, was der Seele den ewigen Charakter aufdrückt. Was aber in der Seele wie die Vermittlung des ewigen Selbstes des Menschen mit dem zeitlichräumlichen Menschen besteht, das entspricht der grünen Farbe, die vorzugsweise dem Lichte dient, wie dem Geistigen der Verstand dient, der vermittelt den Verkehr des Menschen in Bezug auf sein Ewiges und Zeitliches.
[ 8 ] Und die Bewusstseinsseele ist dasjenige, wodurch der Mensch zwischen Geburt und Tod verbraucht das Ewige zur Arbeit am Zeitlichen; sie ist am meisten der materiellen Welt zugekehrt. Die Bewusstseinsseele ist das, was am meisten die Seelenkräfte enthält, die am wenigsten hindurchgetragen werden durch die Pforte des Todes, die am wenigsten verbunden sind dem ewigen Selbst des Menschen.
[ 8 ] Und die Bewusstseinsseele ist dasjenige, wodurch der Mensch zwischen Geburt und Tod verbraucht das Ewige zur Arbeit am Zeitlichen; sie ist am meisten der materiellen Welt zugekehrt. Die Bewusstseinsseele ist das, was am meisten die Seelenkräfte enthält, die am wenigsten hindurchgetragen werden durch die Pforte des Todes, die am wenigsten verbunden sind dem ewigen Selbst des Menschen.
[ 9 ] In alldem, was wir so unterscheiden als Nuancierungen des Seelenlebens, lebt das eigentliche Ich des Menschen, wie in den Nuancen des Spektrums das Licht lebt. Wie in jeder Farbe das Licht ist, so in jedem Seelengliede des Menschen das Ich; aber zugleich geht durch das Ich in die Seelenglieder hinein das, was wie eine unsichtbare Wesenheit den Menschen durchwaltet: die Volksseele, zu der er gehört. In der verschiedensten Weise hat die Volksseele ein Verhältnis zu der menschlichen Einzelseele, und die Völker unterscheiden sich darnach, wie sich die Volksseele zu der einzelnen Seele des Menschen verhält. Es würde die Zeit durchaus nicht ausreichen, wenn ich aus geisteswissenschaftlicher Untersuchung heraus in aller Breite entwickeln wollte, wie die Volksseele ihr reales Verhältnis zu der Menschenseele hat. Ein Vergleich kann hier aufklärend wirken, der aber mehr als bloßer Vergleich sein soll, der ein echt geisteswissenschaftliches Resultat geben soll.
[ 9 ] In alldem, was wir so unterscheiden als Nuancierungen des Seelenlebens, lebt das eigentliche Ich des Menschen, wie in den Nuancen des Spektrums das Licht lebt. Wie in jeder Farbe das Licht ist, so in jedem Seelengliede des Menschen das Ich; aber zugleich geht durch das Ich in die Seelenglieder hinein das, was wie eine unsichtbare Wesenheit den Menschen durchwaltet: die Volksseele, zu der er gehört. In der verschiedensten Weise hat die Volksseele ein Verhältnis zu der menschlichen Einzelseele, und die Völker unterscheiden sich darnach, wie sich die Volksseele zu der einzelnen Seele des Menschen verhält. Es würde die Zeit durchaus nicht ausreichen, wenn ich aus geisteswissenschaftlicher Untersuchung heraus in aller Breite entwickeln wollte, wie die Volksseele ihr reales Verhältnis zu der Menschenseele hat. Ein Vergleich kann hier aufklärend wirken, der aber mehr als bloßer Vergleich sein soll, der ein echt geisteswissenschaftliches Resultat geben soll.
[ 10 ] Wenn wir einen Menschen betrachten im Verhältnis zur mineralischen, pflanzlichen und tierischen Welt, so können wir drei Typen von Menschen unterscheiden. Erstens solche Menschen, welche mit ihrem ganzen Wesen zugeneigt sind bloß der äußeren Sinneswelt, die nicht scharf konzentrieren können ihre Aufmerksamkeit auf etwas, was von der Sinnenwelt abzieht, die immer brauchen den Eindruck der Außenwelt. Sie verfallen in Gleichgültigkeit und Unaufmerksamkeit, wenn sie Ideen haben sollen, die nicht haften an der Außenwelt.
[ 10 ] Wenn wir einen Menschen betrachten im Verhältnis zur mineralischen, pflanzlichen und tierischen Welt, so können wir drei Typen von Menschen unterscheiden. Erstens solche Menschen, welche mit ihrem ganzen Wesen zugeneigt sind bloß der äußeren Sinneswelt, die nicht scharf konzentrieren können ihre Aufmerksamkeit auf etwas, was von der Sinnenwelt abzieht, die immer brauchen den Eindruck der Außenwelt. Sie verfallen in Gleichgültigkeit und Unaufmerksamkeit, wenn sie Ideen haben sollen, die nicht haften an der Außenwelt.
[ 11 ] Es gibt ein anderes Verhältnis zur Umwelt, das wir mehr bei innerlichen, sinnigen Naturen antreffen, die so durch die Welt gehen, dass ihre Sinne wenig angezogen werden durch die äußere Natur, die innerlich produzieren, die aus dem Seelenleben hervorholen, was sie erleben. Sie gehen schwärmend und träumend durch die Sinneswelt. Das sind ganz verschiedene Menschentypen, weil die Seele in verschiedener Weise zu sich und zur Außenwelt steht.
[ 11 ] Es gibt ein anderes Verhältnis zur Umwelt, das wir mehr bei innerlichen, sinnigen Naturen antreffen, die so durch die Welt gehen, dass ihre Sinne wenig angezogen werden durch die äußere Natur, die innerlich produzieren, die aus dem Seelenleben hervorholen, was sie erleben. Sie gehen schwärmend und träumend durch die Sinneswelt. Das sind ganz verschiedene Menschentypen, weil die Seele in verschiedener Weise zu sich und zur Außenwelt steht.
[ 12 ] Ein dritter Typus ist der, der vorzugsweise durch den Repräsentanten des Deutschtums, durch Goethe, in die Geschichte sich hineingestellt hat. Sein Denken hat ein großer Denker seiner Zeit ein «gegenständliches Denken» genannt. Er wollte damit sagen, dass Goethe die Eigentümlichkeit hatte, dass er ebenso wie er hingeordnet war den sinnlichen Dingen, er untertauchen konnte in das, was er erleben konnte an Spirituellem in und mit den Dingen. Innig durchdrungen waren in seiner Seele die Vorstellungen «Geist und Körper». Ein gegenständliches Denken war sein Denken, das sich wenig von den Gegenständen entfernte, und wenn es zu den Gegenständen hinging, sich von sich selbst nicht entfernte.
[ 12 ] Ein dritter Typus ist der, der vorzugsweise durch den Repräsentanten des Deutschtums, durch Goethe, in die Geschichte sich hineingestellt hat. Sein Denken hat ein großer Denker seiner Zeit ein «gegenständliches Denken» genannt. Er wollte damit sagen, dass Goethe die Eigentümlichkeit hatte, dass er ebenso wie er hingeordnet war den sinnlichen Dingen, er untertauchen konnte in das, was er erleben konnte an Spirituellem in und mit den Dingen. Innig durchdrungen waren in seiner Seele die Vorstellungen «Geist und Körper». Ein gegenständliches Denken war sein Denken, das sich wenig von den Gegenständen entfernte, und wenn es zu den Gegenständen hinging, sich von sich selbst nicht entfernte.
[ 13 ] Entsprechend diesem dreifachen Verhältnis des Menschen zur Umwelt haben wir auch drei Typen des Verhältnisses der Volksseele zu der einzelnen menschlichen Seele. Denn wie der Mensch zur Natur, so verhält sich die Volksseele zu der einzelnen menschlichen Seele. Es gibt Volksseelen, die so zu den Einzelseelen stehen, dass sie ganz hingegeben sind gleichsam den einzelnen Menschen, dass sie ganz in sie hineinschlüpfen und sie durchdringen, dass die einzelne Seele etwas ist, was der Abdruck der Volksseele ist.
[ 13 ] Entsprechend diesem dreifachen Verhältnis des Menschen zur Umwelt haben wir auch drei Typen des Verhältnisses der Volksseele zu der einzelnen menschlichen Seele. Denn wie der Mensch zur Natur, so verhält sich die Volksseele zu der einzelnen menschlichen Seele. Es gibt Volksseelen, die so zu den Einzelseelen stehen, dass sie ganz hingegeben sind gleichsam den einzelnen Menschen, dass sie ganz in sie hineinschlüpfen und sie durchdringen, dass die einzelne Seele etwas ist, was der Abdruck der Volksseele ist.
[ 14 ] So ist das Verhältnis vorzugsweise bei den Seelen, die den Westen und Süden Europas bewohnen: bei dem französischen, italienischen und britischen Volk. Anders ist das Verhältnis bei dem russischen Volk. Da finden wir, dass die Volksseele gleichsam oben über den einzelnen Seelen bleibt, dass sie nicht hineingeht in das Wesen des einzelnen Menschen, was sich dadurch ausdrückt, dass das russische Volk heute noch immer — wie eine über das ganze Volk hinziehende Wolke — die byzantinische Religion hat, die nicht mit der Einzelseele sich verbindet. So ist es mit dem Verhältnis der Volksseele mit dem einzelnen russischen Menschen.
[ 14 ] So ist das Verhältnis vorzugsweise bei den Seelen, die den Westen und Süden Europas bewohnen: bei dem französischen, italienischen und britischen Volk. Anders ist das Verhältnis bei dem russischen Volk. Da finden wir, dass die Volksseele gleichsam oben über den einzelnen Seelen bleibt, dass sie nicht hineingeht in das Wesen des einzelnen Menschen, was sich dadurch ausdrückt, dass das russische Volk heute noch immer — wie eine über das ganze Volk hinziehende Wolke — die byzantinische Religion hat, die nicht mit der Einzelseele sich verbindet. So ist es mit dem Verhältnis der Volksseele mit dem einzelnen russischen Menschen.
[ 15 ] [Wo wie im Westen Europas die Volksseele ergreift die einzelnen Seelen, da beherrscht sie die einzelnen Seelen, sodass die einzelne Seele etwas ist wie ein Abdruck der Volksseele. Wie das, was Volksseele ist, im Westen in der einzelnen Seele drinnen ist, so ist das Verhältnis der russischen Volksseele so, dass sie sich nicht herunterlässt.]
[ 15 ] [Wo wie im Westen Europas die Volksseele ergreift die einzelnen Seelen, da beherrscht sie die einzelnen Seelen, sodass die einzelne Seele etwas ist wie ein Abdruck der Volksseele. Wie das, was Volksseele ist, im Westen in der einzelnen Seele drinnen ist, so ist das Verhältnis der russischen Volksseele so, dass sie sich nicht herunterlässt.]
[ 16 ] Wie der Mensch, der nur in der eigenen Seele lebt, so lässt sich die Volksseele nicht herab zu der Einzelseele, die Volksseele schwärmt gleichsam über dem Volke. Die russischen Seelen sind nicht ergriffen von der Volksseele, sondern sie gehen anarchisch durcheinander. Selbst wenn man an die ausgezeichneten Vertreter des russischen Volkes denkt, an Tolstoi und so weiter, so sieht man, wie die Volksseele wolkenhaft über ihnen schwebt und dass die einzelnen Seelenkräfte nicht von ihr ergriffen sind, sondern anarchisch durcheinanderwirbeln.
[ 16 ] Wie der Mensch, der nur in der eigenen Seele lebt, so lässt sich die Volksseele nicht herab zu der Einzelseele, die Volksseele schwärmt gleichsam über dem Volke. Die russischen Seelen sind nicht ergriffen von der Volksseele, sondern sie gehen anarchisch durcheinander. Selbst wenn man an die ausgezeichneten Vertreter des russischen Volkes denkt, an Tolstoi und so weiter, so sieht man, wie die Volksseele wolkenhaft über ihnen schwebt und dass die einzelnen Seelenkräfte nicht von ihr ergriffen sind, sondern anarchisch durcheinanderwirbeln.
[ 17 ] Gehen wir jetzt in die europäische Mitte: Da finden wir ein solches Verhältnis der Volksseele zur Einzelseele, dass wir vergleichen können dieses Verhältnis mit dem gegenständlichen Denken Goethes. Wir haben die Volksseele liebevoll und vertraulich hineingehend in die einzelnen Seelen und doch wiederum sich hinaushebend und in die geistigen Welten entrückt, um sich neue Kräfte zu holen und sie herunterzutragen aus den geistigen Welten. Wir haben hier das Leben der Volksseele über den Menschen in den geistigen Höhen, und dann wieder in den einzelnen Menschenseelen.
[ 17 ] Gehen wir jetzt in die europäische Mitte: Da finden wir ein solches Verhältnis der Volksseele zur Einzelseele, dass wir vergleichen können dieses Verhältnis mit dem gegenständlichen Denken Goethes. Wir haben die Volksseele liebevoll und vertraulich hineingehend in die einzelnen Seelen und doch wiederum sich hinaushebend und in die geistigen Welten entrückt, um sich neue Kräfte zu holen und sie herunterzutragen aus den geistigen Welten. Wir haben hier das Leben der Volksseele über den Menschen in den geistigen Höhen, und dann wieder in den einzelnen Menschenseelen.
[ 18 ] Man kann sagen: Wenn man die Menschen des europäischen Westens betrachtet, so wird immer eine besondere Seelenkraft ergriffen und beherrscht von der Volksseele: bei den Italienern die Empfindungsseele, bei den Franzosen die Verstandes- oder Gemütsseele, bei den Briten die Bewusstseinsseele. Alle Eigenschaften, welche die Angehörigen dieser Nationen [eben als Angehörige dieser Nationen] haben, bekommen sogleich Licht, werden sogleich verständlich, wenn man sie aus dieser, durch die Geisteswissenschaft zu findenden Natur der Tatsachen betrachtet. Wie gewaltig passionell, wie ganz in Trieb getaucht erscheint das ganze italienische Leben bis hinauf zur Größe Dantes, der aus den Bildern der Empfindungsseele seine «Göttliche Komödie» entworfen hat. Das italienische Volk wird verständlich, wenn man weiß, es ergreift hier die Volksseele die Empfindungsseele.
[ 18 ] Man kann sagen: Wenn man die Menschen des europäischen Westens betrachtet, so wird immer eine besondere Seelenkraft ergriffen und beherrscht von der Volksseele: bei den Italienern die Empfindungsseele, bei den Franzosen die Verstandes- oder Gemütsseele, bei den Briten die Bewusstseinsseele. Alle Eigenschaften, welche die Angehörigen dieser Nationen [eben als Angehörige dieser Nationen] haben, bekommen sogleich Licht, werden sogleich verständlich, wenn man sie aus dieser, durch die Geisteswissenschaft zu findenden Natur der Tatsachen betrachtet. Wie gewaltig passionell, wie ganz in Trieb getaucht erscheint das ganze italienische Leben bis hinauf zur Größe Dantes, der aus den Bildern der Empfindungsseele seine «Göttliche Komödie» entworfen hat. Das italienische Volk wird verständlich, wenn man weiß, es ergreift hier die Volksseele die Empfindungsseele.
[ 19 ] Das französische Volk wird begreiflich, wenn man erkennt, dass die Volksseele unmittelbar die Verstandesseele ergreift. Ich habe gelesen, wie in einer deutschen Stadt in einer psychologischen Gesellschaft nachgedacht worden ist, um den französischen Volkscharakter zu erklären, [das Resultat war]: Das ist ihre mathematische Anlage. Es wird diese Anlage sofort erklärlich, wenn man weiß, dass die Volksseele unmittelbar ergreift die Kräfte der Verstandesseele. Alles in diesem westlichen Volke wird beleuchtet, wenn man weiß, dass es hinneigt, die Dinge so zu nehmen, dass trotz allen Strebens nach persönlicher Freiheit und Volksfreiheit es innerlich dogmatisiert und systematisiert wird bis in die künstlerische Betätigung hinein, bis in die Einzelheiten der künstlerischen Betätigung hinein. Und auch die andere Seite finden wir da. Ich möchte sagen, den negativen Pol des Dogmenwesens: Das ist die Kritik, das Auflösende. Auf der einen Seite will die Verstandesseele alles in einem Dogmensystem sehen, und kann sie es nicht, so lehnt sie sich auf dagegen, und wir haben so entweder Dogmatismus oder Voltairismus. Der Ausgangspunkt der Philosophie von Descartes ist der Zweifel bis in die Einzelheiten hinein. Man kann verstehen, was im französischen Volk geschieht, wenn man das weiß.
[ 19 ] Das französische Volk wird begreiflich, wenn man erkennt, dass die Volksseele unmittelbar die Verstandesseele ergreift. Ich habe gelesen, wie in einer deutschen Stadt in einer psychologischen Gesellschaft nachgedacht worden ist, um den französischen Volkscharakter zu erklären, [das Resultat war]: Das ist ihre mathematische Anlage. Es wird diese Anlage sofort erklärlich, wenn man weiß, dass die Volksseele unmittelbar ergreift die Kräfte der Verstandesseele. Alles in diesem westlichen Volke wird beleuchtet, wenn man weiß, dass es hinneigt, die Dinge so zu nehmen, dass trotz allen Strebens nach persönlicher Freiheit und Volksfreiheit es innerlich dogmatisiert und systematisiert wird bis in die künstlerische Betätigung hinein, bis in die Einzelheiten der künstlerischen Betätigung hinein. Und auch die andere Seite finden wir da. Ich möchte sagen, den negativen Pol des Dogmenwesens: Das ist die Kritik, das Auflösende. Auf der einen Seite will die Verstandesseele alles in einem Dogmensystem sehen, und kann sie es nicht, so lehnt sie sich auf dagegen, und wir haben so entweder Dogmatismus oder Voltairismus. Der Ausgangspunkt der Philosophie von Descartes ist der Zweifel bis in die Einzelheiten hinein. Man kann verstehen, was im französischen Volk geschieht, wenn man das weiß.
[ 20 ] Ich bemerke, dass eine Anzahl von Persönlichkeiten hier sitzen, die wissen, dass ich diese Dinge schon auseinandergesetzt habe seit Jahren, und dass sie nicht formuliert wurden durch die Gelegenheit der Gegenwart. Aber ich glaube, dass sie aufklärend wirken können für das, was wir jetzt so Großes, so Bedeutungsvolles und Schmerzvolles erleben.
[ 20 ] Ich bemerke, dass eine Anzahl von Persönlichkeiten hier sitzen, die wissen, dass ich diese Dinge schon auseinandergesetzt habe seit Jahren, und dass sie nicht formuliert wurden durch die Gelegenheit der Gegenwart. Aber ich glaube, dass sie aufklärend wirken können für das, was wir jetzt so Großes, so Bedeutungsvolles und Schmerzvolles erleben.
[ 21 ] Nun zur Bewusstseinsseele. Der Teil, der am meisten hingeneigt ist dem äußeren Leben und am wenigsten hineinträgt in den ewigen Teil des Menschen, ist die Bewusstseinsseele, und sie ist bei dem britischen Volk am meisten ergriffen von der Volksseele. Sogleich wird klar der Charakter des britischen Volkes als Handelsvolk und auch der Charakter Shakespeares. Denn worauf beruht seine Größe? Dass er die einzelnen Menschen in einer so scharfen Charakteristik hingestellt hat, dass sie fest auf dem physischen Plan stehen, dass er sie in dem charakterisiert, was nicht durch die Pforte des Todes geht. Er ist dadurch so groß, dass es ihm gelungen ist, das am Menschen in so scharfer Prägung zu charakterisieren, was an ihnen nicht das Ewige ist, sondern was sie zwischen Geburt und Tod für die physische Welt ausbilden.
[ 21 ] Nun zur Bewusstseinsseele. Der Teil, der am meisten hingeneigt ist dem äußeren Leben und am wenigsten hineinträgt in den ewigen Teil des Menschen, ist die Bewusstseinsseele, und sie ist bei dem britischen Volk am meisten ergriffen von der Volksseele. Sogleich wird klar der Charakter des britischen Volkes als Handelsvolk und auch der Charakter Shakespeares. Denn worauf beruht seine Größe? Dass er die einzelnen Menschen in einer so scharfen Charakteristik hingestellt hat, dass sie fest auf dem physischen Plan stehen, dass er sie in dem charakterisiert, was nicht durch die Pforte des Todes geht. Er ist dadurch so groß, dass es ihm gelungen ist, das am Menschen in so scharfer Prägung zu charakterisieren, was an ihnen nicht das Ewige ist, sondern was sie zwischen Geburt und Tod für die physische Welt ausbilden.
[ 22 ] Nun, die deutsche Volksseele, ich könnte auch sagen: die mitteleuropäische Kultur — bei ihr ist es das Eigentümliche, dass kein einzelnes Seelenglied unmittelbar ergriffen wird, sondern dass die Volksseele sich niedersenkt zur Seele und sie in ihrem ganzen Ich ergreift, gleichsam mit dem, was aus den Quellen der geistigen Welt fließt, denn sie hat die Gabe, sich zurückzuziehen in die geistigen Welten und dort Kräfte zu holen. Daher kommt die Eigentümlichkeit der deutschen Seele, das zu erleben, was unmittelbar die Kraft des Ewigen hat, was unmittelbar wie aus dem Ewigen in die einzelnen Seelen hineinträufelt. Das Gefühl muss die Einzelseele haben können: Es lebt etwas in deiner Seele durch die Volksseele, die sich hineinsenkt in dich, was in dich getragen wird, wodurch du unmittelbar zusammenhängst mit dem, was in geistigen Höhen lebt. Daher der Idealismus, daher das stets Verjüngende der deutschen Volksseelenkraft.
[ 22 ] Nun, die deutsche Volksseele, ich könnte auch sagen: die mitteleuropäische Kultur — bei ihr ist es das Eigentümliche, dass kein einzelnes Seelenglied unmittelbar ergriffen wird, sondern dass die Volksseele sich niedersenkt zur Seele und sie in ihrem ganzen Ich ergreift, gleichsam mit dem, was aus den Quellen der geistigen Welt fließt, denn sie hat die Gabe, sich zurückzuziehen in die geistigen Welten und dort Kräfte zu holen. Daher kommt die Eigentümlichkeit der deutschen Seele, das zu erleben, was unmittelbar die Kraft des Ewigen hat, was unmittelbar wie aus dem Ewigen in die einzelnen Seelen hineinträufelt. Das Gefühl muss die Einzelseele haben können: Es lebt etwas in deiner Seele durch die Volksseele, die sich hineinsenkt in dich, was in dich getragen wird, wodurch du unmittelbar zusammenhängst mit dem, was in geistigen Höhen lebt. Daher der Idealismus, daher das stets Verjüngende der deutschen Volksseelenkraft.
[ 23 ] Man kann die Erzeugnisse des deutschen Geisteslebens durchgehen und die Beweise erhalten, dass der Deutsche im Gegensatz zu den anderen Völkern in diesem eigentümlichen Verhältnis steht, dass nicht die einzelnen Seelenglieder ergriffen werden von der Volksseele wie bei den westlichen und östlichen Völkern Europas, sondern das Ich, woher der Deutsche weniger fertig zu sein scheint. Ein Brite, ein Franzose ist man; ein Deutscher sucht zu werden.
[ 23 ] Man kann die Erzeugnisse des deutschen Geisteslebens durchgehen und die Beweise erhalten, dass der Deutsche im Gegensatz zu den anderen Völkern in diesem eigentümlichen Verhältnis steht, dass nicht die einzelnen Seelenglieder ergriffen werden von der Volksseele wie bei den westlichen und östlichen Völkern Europas, sondern das Ich, woher der Deutsche weniger fertig zu sein scheint. Ein Brite, ein Franzose ist man; ein Deutscher sucht zu werden.
[ 24 ] Es ist ein Ideal, weil nicht eine einzelne Seelenkraft, sondern die ganze Seele in dem immer wieder Hervorkehren der verschiedenen Seiten im allertiefsten Leben ergriffen wird. Blicken wir zu den Zeiten zurück, wo das Christentum in das junge sich bildende Deutschtum eingedrungen ist. Wie wird es aufgenommen? Man kann es an dem altdeutschen Gedicht der «Heliand» sehen. Was der einzelne Mensch — hier der Dichter des «Heliand» fühlt gegenüber den Ereignissen, sein persönliches Erlebnis wird, aber mit den Kräften, die ihn umgeben, unmittelbar zusammenhängt. Wiedergeboren wird das, was den Römern nur überliefert war, aus den jüngsten keimhaften Kräften des Dichters.
[ 24 ] Es ist ein Ideal, weil nicht eine einzelne Seelenkraft, sondern die ganze Seele in dem immer wieder Hervorkehren der verschiedenen Seiten im allertiefsten Leben ergriffen wird. Blicken wir zu den Zeiten zurück, wo das Christentum in das junge sich bildende Deutschtum eingedrungen ist. Wie wird es aufgenommen? Man kann es an dem altdeutschen Gedicht der «Heliand» sehen. Was der einzelne Mensch — hier der Dichter des «Heliand» fühlt gegenüber den Ereignissen, sein persönliches Erlebnis wird, aber mit den Kräften, die ihn umgeben, unmittelbar zusammenhängt. Wiedergeboren wird das, was den Römern nur überliefert war, aus den jüngsten keimhaften Kräften des Dichters.
[ 25 ] Und noch in anderen Gedichten finden wir, wie das Christentum sich [nicht] nur einlebt in das deutsche Volk, sondern geboren wird aus dem einzelnen Menschen, wie es eine persönliche Angelegenheit des Menschen wird. Es ist die Volksseele, die nicht alt werden lässt, was an den Menschen herankommt, sondern es verjüngt, dass es wie eine Pflanze in der Seele lebt und wie neu ersteht.
[ 25 ] Und noch in anderen Gedichten finden wir, wie das Christentum sich [nicht] nur einlebt in das deutsche Volk, sondern geboren wird aus dem einzelnen Menschen, wie es eine persönliche Angelegenheit des Menschen wird. Es ist die Volksseele, die nicht alt werden lässt, was an den Menschen herankommt, sondern es verjüngt, dass es wie eine Pflanze in der Seele lebt und wie neu ersteht.
[ 26 ] Weiter sehen wir, wie im zwölften bis vierzehnten Jahrhundert eine Weltanschauung sich ausbaut, die man die deutsche Mystik nennt, zum Beispiel bei Tauler, Meister Eckhart, bei dem unbekannten Verfasser der «Theologia Deutsch» und so weiter. Man sehe, wie die Geister eigentümlich wirken, wie sie stehen zu der geistigen Welt. Bei dem Mystiker Eckhart ist es so, dass er überzeugt ist, die geistige Welt muss unmittelbar in der Seele erlebt werden, sie muss ganz gelassen werden, sie darf nicht aus der eigenen Willkür heraus sich regen, sie muss sich geben an die durch die Welt webenden, waltenden Kräfte. Dann entzündet sich in ihr etwas, was ein Fünkchen ist, aber in diesem Fünkchen lebt Gott, das göttliche Weben und Wesen.
[ 26 ] Weiter sehen wir, wie im zwölften bis vierzehnten Jahrhundert eine Weltanschauung sich ausbaut, die man die deutsche Mystik nennt, zum Beispiel bei Tauler, Meister Eckhart, bei dem unbekannten Verfasser der «Theologia Deutsch» und so weiter. Man sehe, wie die Geister eigentümlich wirken, wie sie stehen zu der geistigen Welt. Bei dem Mystiker Eckhart ist es so, dass er überzeugt ist, die geistige Welt muss unmittelbar in der Seele erlebt werden, sie muss ganz gelassen werden, sie darf nicht aus der eigenen Willkür heraus sich regen, sie muss sich geben an die durch die Welt webenden, waltenden Kräfte. Dann entzündet sich in ihr etwas, was ein Fünkchen ist, aber in diesem Fünkchen lebt Gott, das göttliche Weben und Wesen.
[ 27 ] Das, wo da Gott drinnenlebt, [wo da auch Christus drinnen geboren wird, das leidet] und stirbt, wenn die einzelne Seele den Leidens- und Passionsweg geht, /Lücke im Text] da hat der Meister Eckhart das Wort «Gemüt» geprägt. In dem Gemüt lebt die Welt geistig auf, und bewusst ist ihr, dass das, was der Mensch denkt, die Gottheit denkt, was der Mensch fühlt, die Gottheit fühlt, was der Mensch will, die Gottheit will, wenn er sich seinem Gott nur hingibt. Da haben wir etwas von dem vertrauten Zusammenleben des Einzelnen mit der deutschen Volksseele.
[ 27 ] Das, wo da Gott drinnenlebt, [wo da auch Christus drinnen geboren wird, das leidet] und stirbt, wenn die einzelne Seele den Leidens- und Passionsweg geht, /Lücke im Text] da hat der Meister Eckhart das Wort «Gemüt» geprägt. In dem Gemüt lebt die Welt geistig auf, und bewusst ist ihr, dass das, was der Mensch denkt, die Gottheit denkt, was der Mensch fühlt, die Gottheit fühlt, was der Mensch will, die Gottheit will, wenn er sich seinem Gott nur hingibt. Da haben wir etwas von dem vertrauten Zusammenleben des Einzelnen mit der deutschen Volksseele.
[ 28 ] Und bei dem Verfasser der «Theologia Deutsch» finden wir eine Verjüngung der deutschen Weltanschauung durch einen rhythmischen Schlag des deutschen Volksseelenlebens mit den einzelnen Repräsentanten des deutschen Volksseelenlebens. Was in früheren Zeiten dazu geführt hat, das Jesus-Leben wiedererstehen zu lassen, so wie wenn Jesus durch Deutschlands Gauen gewandert wäre mit seinen Jüngern als seinen Dienstmannen, was so persönlich das Jesus-Leben hat darstellen lassen, was das Christentum gleichsam verjüngt hat, das verjüngt neuerdings die Weltanschauung in der deutschen Mystik. Und wunderbar, wie tief die deutsche Volksseele eingreift in das persönliche Leben! Das wird deutlich, wenn wir auf einen Schüler der Mystik blicken, auf Angelus Silesius, wenn wir einen Spruch dieses Mystikers mitteilen, einen der tiefsten aus den zahlreichen Sprüchen:
[ 28 ] Und bei dem Verfasser der «Theologia Deutsch» finden wir eine Verjüngung der deutschen Weltanschauung durch einen rhythmischen Schlag des deutschen Volksseelenlebens mit den einzelnen Repräsentanten des deutschen Volksseelenlebens. Was in früheren Zeiten dazu geführt hat, das Jesus-Leben wiedererstehen zu lassen, so wie wenn Jesus durch Deutschlands Gauen gewandert wäre mit seinen Jüngern als seinen Dienstmannen, was so persönlich das Jesus-Leben hat darstellen lassen, was das Christentum gleichsam verjüngt hat, das verjüngt neuerdings die Weltanschauung in der deutschen Mystik. Und wunderbar, wie tief die deutsche Volksseele eingreift in das persönliche Leben! Das wird deutlich, wenn wir auf einen Schüler der Mystik blicken, auf Angelus Silesius, wenn wir einen Spruch dieses Mystikers mitteilen, einen der tiefsten aus den zahlreichen Sprüchen:
Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir,
Und was ich leben soll, lebt er auch für und für.
Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir,
Und was ich leben soll, lebt er auch für und für.
[ 29 ] Oh, welche Tiefen, sagen wir, nur in Bezug auf den Unsterblichkeitsgedanken! Es fühlt der, der diesen Spruch getan hat, die waltende Gottheit. Wenn ich sterbe, so ist es ebenso eine Tat der Gottheit wie, dass, wenn ich dahinlebe, es die Gottheit ist, die in mir lebt. Indem ich Gott in mir den Tod erleben lasse, bin ich mir meiner Unsterblichkeit bewusst.
[ 29 ] Oh, welche Tiefen, sagen wir, nur in Bezug auf den Unsterblichkeitsgedanken! Es fühlt der, der diesen Spruch getan hat, die waltende Gottheit. Wenn ich sterbe, so ist es ebenso eine Tat der Gottheit wie, dass, wenn ich dahinlebe, es die Gottheit ist, die in mir lebt. Indem ich Gott in mir den Tod erleben lasse, bin ich mir meiner Unsterblichkeit bewusst.
[ 30 ] Man kann sagen: Solche Unsterblichkeitsideen, die hinweisen auf eine unsterbliche Kraft in der Menschenseele, die nicht ergriffen wird durch Nachdenken über das, was jenseits des Todes liegt, sondern schon im Leben ergriffen ist von ihr, beweist der von dem deutschen Volksgeist ganz inspirierte Jakob Böhme, der einfache Schuster aus Görlitz, der tiefsinnige Philosoph. Er richtet den erleuchteten Blick auf das, was aus göttlichen Welten in seiner eigenen Seele ist. Er sah den Mut des menschlichen Erdenstrebens darin, dass die einzelne Menschenseele, die sonst hingegeben ist den Gefühlseindrücken, denen des Verstandes und so weiter, immer sich verbunden weiß mit ihrem unsterblichen Wesenskern, mit dem, was im Tode lebt, was zu sterben weiß, indem es lebend zu sterben weiß aus dem unmittelbaren Wissen heraus.
[ 30 ] Man kann sagen: Solche Unsterblichkeitsideen, die hinweisen auf eine unsterbliche Kraft in der Menschenseele, die nicht ergriffen wird durch Nachdenken über das, was jenseits des Todes liegt, sondern schon im Leben ergriffen ist von ihr, beweist der von dem deutschen Volksgeist ganz inspirierte Jakob Böhme, der einfache Schuster aus Görlitz, der tiefsinnige Philosoph. Er richtet den erleuchteten Blick auf das, was aus göttlichen Welten in seiner eigenen Seele ist. Er sah den Mut des menschlichen Erdenstrebens darin, dass die einzelne Menschenseele, die sonst hingegeben ist den Gefühlseindrücken, denen des Verstandes und so weiter, immer sich verbunden weiß mit ihrem unsterblichen Wesenskern, mit dem, was im Tode lebt, was zu sterben weiß, indem es lebend zu sterben weiß aus dem unmittelbaren Wissen heraus.
[ 31 ] Das Erleben des Todes haben unmittelbar im Erdenleben, und dass das der Keim ist zu den Erfahrungen des Lebens, das war Jakob Böhmes Ziel. Ein Ausdruck, der erscheint wie der Ausspruch der deutschen Volksseele durch einen einzelnen Menschen, ist der folgende:
[ 31 ] Das Erleben des Todes haben unmittelbar im Erdenleben, und dass das der Keim ist zu den Erfahrungen des Lebens, das war Jakob Böhmes Ziel. Ein Ausdruck, der erscheint wie der Ausspruch der deutschen Volksseele durch einen einzelnen Menschen, ist der folgende:
Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.
Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.
[ 32 ] Wer nicht zu Lebzeiten erfasst, was als Unsterbliches in der Seele lebt und so durch die Pforte des Todes geht, wer nicht den Tod erfasst als die Quelle des geistigen Lebens, der verdirbt, wenn er stirbt. Wir sehen höchste philosophische Anschauung, die aber zugleich durchtränkt mit elementarer Seelenkraft bis in die höchsten Höhen des Geistigen steigt.
[ 32 ] Wer nicht zu Lebzeiten erfasst, was als Unsterbliches in der Seele lebt und so durch die Pforte des Todes geht, wer nicht den Tod erfasst als die Quelle des geistigen Lebens, der verdirbt, wenn er stirbt. Wir sehen höchste philosophische Anschauung, die aber zugleich durchtränkt mit elementarer Seelenkraft bis in die höchsten Höhen des Geistigen steigt.
[ 33 ] Wenn wir immer wiederum solche Gestalten des deutschen Volkstums vor unsere Seele treten sehen, so nehmen wir wahr, wie die deutsche Volksseele immer wieder verjüngend wirkt, sodass sie Geist und Seele immer wiederum als frischen Keim anfassen muss, um die ganze Leiter hinaufzugehen, um zu gehen zu den höchsten Höhen der Geistesfrüchte.
[ 33 ] Wenn wir immer wiederum solche Gestalten des deutschen Volkstums vor unsere Seele treten sehen, so nehmen wir wahr, wie die deutsche Volksseele immer wieder verjüngend wirkt, sodass sie Geist und Seele immer wiederum als frischen Keim anfassen muss, um die ganze Leiter hinaufzugehen, um zu gehen zu den höchsten Höhen der Geistesfrüchte.
[ 34 ] Und nachdem vorübergegangen ist sengend und brennend die Verwüstung des Dreißigjährigen Krieges, sehen wir neuerdings die deutsche Volksseelenkraft eingreifen in das ganze Volksleben. [Lücke im Text] Wie geradezu bewusst Lessing darauf hinweist, dass eine Wahrheit deshalb nicht töricht zu sein braucht, weil sie ursprünglich bei den Menschen auftrat, die noch nicht durch die Sophistereien der Schulen verdorben waren — er meint die große Wahrheit von den wiederholten Erdenleben —, dass das gesamte Erdenleben so verläuft, dass es durch verschiedene Erdenleben hindurchgeht. Er spricht das aus in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts». Die ganz gescheiten Menschen sagen: Er ist alt geworden, als er das schrieb. Er aber war sich bewusst, dass er in der «Erziehung des Menschengeschlechts» die gesamte Entwicklung zur Darstellung brachte, welche ebenso hergeholt ist aus den elementaren Seelenkräften und zugleich zu den höchsten Höhen des Geisteslebens führt. Was so entsteht, das entsteht durch den vertrauten Umgang der Volksseele mit den gesamten Seelenkräften.
[ 34 ] Und nachdem vorübergegangen ist sengend und brennend die Verwüstung des Dreißigjährigen Krieges, sehen wir neuerdings die deutsche Volksseelenkraft eingreifen in das ganze Volksleben. [Lücke im Text] Wie geradezu bewusst Lessing darauf hinweist, dass eine Wahrheit deshalb nicht töricht zu sein braucht, weil sie ursprünglich bei den Menschen auftrat, die noch nicht durch die Sophistereien der Schulen verdorben waren — er meint die große Wahrheit von den wiederholten Erdenleben —, dass das gesamte Erdenleben so verläuft, dass es durch verschiedene Erdenleben hindurchgeht. Er spricht das aus in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts». Die ganz gescheiten Menschen sagen: Er ist alt geworden, als er das schrieb. Er aber war sich bewusst, dass er in der «Erziehung des Menschengeschlechts» die gesamte Entwicklung zur Darstellung brachte, welche ebenso hergeholt ist aus den elementaren Seelenkräften und zugleich zu den höchsten Höhen des Geisteslebens führt. Was so entsteht, das entsteht durch den vertrauten Umgang der Volksseele mit den gesamten Seelenkräften.
[ 35 ] So ist es auch wiederum bei Herder, der den großen Überblick gab in der «Geschichte der Menschheit», die die gesamte Natur der Seele umfasste, die elementarsten Seelenkräfte und die höchsten philosophischen Kräfte. Viel, viel kann man erwähnen, wie die Volksseele in der Goethe-Seele lebt. Es ist bemerkenswert, dass wir gewahr werden, dass wiederum in ihm ein dichterisches Werk entstehen konnte, das innerhalb keiner anderen Kultur hätte entstehen können. Wenn die deutsche Volksscele die Eigentümlichkeit, dass sie nicht die einzelnen Seelenkräfte, sondern die ganze Seele ergreift, so ergreift sie das Unsterbliche im Sterblichen, und die Persönlichkeit wird zum Träger des Ewigen. Daher konnte Goethes «Faust» nur innerhalb der deutschen Kultur entstehen. Er enthält alles dasjenige in der menschlichen Secle, all das Streben nach den allerersten Anfängen des Geisteslebens, die bewusst wieder gesucht werden, nachdem alles Traditionelle abgeworfen ist. Wie ist das dargestellt?
[ 35 ] So ist es auch wiederum bei Herder, der den großen Überblick gab in der «Geschichte der Menschheit», die die gesamte Natur der Seele umfasste, die elementarsten Seelenkräfte und die höchsten philosophischen Kräfte. Viel, viel kann man erwähnen, wie die Volksseele in der Goethe-Seele lebt. Es ist bemerkenswert, dass wir gewahr werden, dass wiederum in ihm ein dichterisches Werk entstehen konnte, das innerhalb keiner anderen Kultur hätte entstehen können. Wenn die deutsche Volksscele die Eigentümlichkeit, dass sie nicht die einzelnen Seelenkräfte, sondern die ganze Seele ergreift, so ergreift sie das Unsterbliche im Sterblichen, und die Persönlichkeit wird zum Träger des Ewigen. Daher konnte Goethes «Faust» nur innerhalb der deutschen Kultur entstehen. Er enthält alles dasjenige in der menschlichen Secle, all das Streben nach den allerersten Anfängen des Geisteslebens, die bewusst wieder gesucht werden, nachdem alles Traditionelle abgeworfen ist. Wie ist das dargestellt?
[ 36 ] Vergleichen wir, wie die deutsche Volksseelenkraft inspiriert das deutsche Volk im Verhältnis zum französischen Volk. In beiden lebt das Griechische auf. Aber wie lebt es bei den französischen Dichtern auf? Es wird studiert, die Regeln werden übernommen und so weiter. Wie aber ist es bei Goethe? Schon in der «Iphigenie» ist das Griechische nicht herübergenommen, sondern neu, verjüngt wiedergeboren. Und im «Faust» haben wir den Zusammenschluss mit dem, was er als Griechentum ansah: Helena wird wiedergeboren für Faust. Er wird jung, um sich mit der Repräsentantin des Griechentums zu verbinden. Der alt gewordene Faust wirft von sich das Alte, den Verjüngungstrank sucht er. Was geschichtlich gegeben ist, muss verjüngt in Verbindung mit Faust gebracht werden. Das fordert die ganze Kraft, diese verjüngende Kraft der deutschen Volksseele.
[ 36 ] Vergleichen wir, wie die deutsche Volksseelenkraft inspiriert das deutsche Volk im Verhältnis zum französischen Volk. In beiden lebt das Griechische auf. Aber wie lebt es bei den französischen Dichtern auf? Es wird studiert, die Regeln werden übernommen und so weiter. Wie aber ist es bei Goethe? Schon in der «Iphigenie» ist das Griechische nicht herübergenommen, sondern neu, verjüngt wiedergeboren. Und im «Faust» haben wir den Zusammenschluss mit dem, was er als Griechentum ansah: Helena wird wiedergeboren für Faust. Er wird jung, um sich mit der Repräsentantin des Griechentums zu verbinden. Der alt gewordene Faust wirft von sich das Alte, den Verjüngungstrank sucht er. Was geschichtlich gegeben ist, muss verjüngt in Verbindung mit Faust gebracht werden. Das fordert die ganze Kraft, diese verjüngende Kraft der deutschen Volksseele.
[ 37 ] Wir können sie überall verfolgen in allen Einzelheiten des deutschen Geisteslebens! Das ist dasjenige, was durch ein Drinnenstehen in der Substanz der deutschen Volksseele zum Bewusstsein kommen lässt. Man schaut, man fühlt, man empfindet in ihr eine stets verjüngende Kraft. Wie auch die gegenwärtige Kultur ist, die verjüngende Kraft wird bleiben dadurch, dass in verschiedenen Epochen immer wieder verjüngend ihr Zauberhauch eratmet werden wird. Das ist Eigentümlichkeit gerade der mitteleuropäischen Kultur. Diese Hoffnung und Zuversicht, die unmittelbar zur Kraft wird, die bedingt den nicht oberflächlichen, sondern den in die Tiefe gehenden Optimismus des Deutschen, der auch in allen Philosophien mit dem Idealismus verbunden ist. Wer wirklich imstande ist, heranzutreten an das, was deutsche Volksseelenkraft hervorgebracht hat, der kann nicht an der Menschheit verzweifeln, sondern kommt stets zu einem Glauben an die Menschheit, und zwar zu einem geistigen Glauben an die Menschheit.
[ 37 ] Wir können sie überall verfolgen in allen Einzelheiten des deutschen Geisteslebens! Das ist dasjenige, was durch ein Drinnenstehen in der Substanz der deutschen Volksseele zum Bewusstsein kommen lässt. Man schaut, man fühlt, man empfindet in ihr eine stets verjüngende Kraft. Wie auch die gegenwärtige Kultur ist, die verjüngende Kraft wird bleiben dadurch, dass in verschiedenen Epochen immer wieder verjüngend ihr Zauberhauch eratmet werden wird. Das ist Eigentümlichkeit gerade der mitteleuropäischen Kultur. Diese Hoffnung und Zuversicht, die unmittelbar zur Kraft wird, die bedingt den nicht oberflächlichen, sondern den in die Tiefe gehenden Optimismus des Deutschen, der auch in allen Philosophien mit dem Idealismus verbunden ist. Wer wirklich imstande ist, heranzutreten an das, was deutsche Volksseelenkraft hervorgebracht hat, der kann nicht an der Menschheit verzweifeln, sondern kommt stets zu einem Glauben an die Menschheit, und zwar zu einem geistigen Glauben an die Menschheit.
[ 38 ] Das wird sehr bedeutungsvoll, wenn man hinschaut auf Geister, welche in die Menschheit den Blick hineinrichten, um zu suchen nach etwas, was gute Hoffnung [auf] der Menschen Weiterentwicklung geben kann, und die nichts finden können, die die europäische Kultur wie abgestorben glauben. Keiner kann die europäische Kultur als alt geworden betrachten, der vermag das Verhältnis der Volksseele zu der deutschen Einzelseele zu verstehen. Wer die europäische Kultur für alt hält, der versteht dann das eben nicht.
[ 38 ] Das wird sehr bedeutungsvoll, wenn man hinschaut auf Geister, welche in die Menschheit den Blick hineinrichten, um zu suchen nach etwas, was gute Hoffnung [auf] der Menschen Weiterentwicklung geben kann, und die nichts finden können, die die europäische Kultur wie abgestorben glauben. Keiner kann die europäische Kultur als alt geworden betrachten, der vermag das Verhältnis der Volksseele zu der deutschen Einzelseele zu verstehen. Wer die europäische Kultur für alt hält, der versteht dann das eben nicht.
[ 39 ] Daher haben wir einen Intellektuellen Russlands, der gesucht hat nach dem, was die Menschheit beglücken kann, und nichts finden kann, was aus dieser Volksseelenkultur herausgewachsen ist. Er wendet den Blick überallhin und findet nichts. Herzen meine ich, den großen Russen, der so klein wurde vor sich selbst, wenn er hatte verstehen wollen mitteleuropäische Kultur. Folgender Ausspruch Herzens wirft sogleich Licht auf die Art, wie die osteuropäische, anarchische Seele Trostlosigkeit erblickt, wo blühendes Leben zu erblicken ist für den, der mitteleuropäisches Seelenleben verstehen kann. Er schließt geistig ein Bündnis mit einem Engländer, mit Stuart Mill und sagt:
[ 39 ] Daher haben wir einen Intellektuellen Russlands, der gesucht hat nach dem, was die Menschheit beglücken kann, und nichts finden kann, was aus dieser Volksseelenkultur herausgewachsen ist. Er wendet den Blick überallhin und findet nichts. Herzen meine ich, den großen Russen, der so klein wurde vor sich selbst, wenn er hatte verstehen wollen mitteleuropäische Kultur. Folgender Ausspruch Herzens wirft sogleich Licht auf die Art, wie die osteuropäische, anarchische Seele Trostlosigkeit erblickt, wo blühendes Leben zu erblicken ist für den, der mitteleuropäisches Seelenleben verstehen kann. Er schließt geistig ein Bündnis mit einem Engländer, mit Stuart Mill und sagt:
Mill übertreibt nicht, wenn er von der Einengung des Verstandes, von der beständigen Verflachung des Lebens, der Reduzierung desselben in kaufmännischer Kultur spricht. Er sagt, dass England zu China werden wird, und wir setzen hinzu, nicht England allein.
Mill übertreibt nicht, wenn er von der Einengung des Verstandes, von der beständigen Verflachung des Lebens, der Reduzierung desselben in kaufmännischer Kultur spricht. Er sagt, dass England zu China werden wird, und wir setzen hinzu, nicht England allein.
[ 40 ] Das sagt Herzen, der kein Verständnis hat für das, was den Mitteleuropäer mit höchster Lebenskraft erfüllen muss. Und weiter sagt er:
[ 40 ] Das sagt Herzen, der kein Verständnis hat für das, was den Mitteleuropäer mit höchster Lebenskraft erfüllen muss. Und weiter sagt er:
Vielleicht rettet uns ein Zufall vor chinesischer Ausdörrung.
Vielleicht rettet uns ein Zufall vor chinesischer Ausdörrung.
[ 41 ] Hätte er Goethe verstanden, so wäre ein solcher Ausspruch unmöglich! Weiter sagt Herzen:
[ 41 ] Hätte er Goethe verstanden, so wäre ein solcher Ausspruch unmöglich! Weiter sagt Herzen:
Wo ist der höchste Gedanke, das heißt hoffen, was die Herzen härtet, dass sie weder Schmerz noch Leiden fühlen. Seht Euch um, was vermag die Herzen zu erheben.
Wo ist der höchste Gedanke, das heißt hoffen, was die Herzen härtet, dass sie weder Schmerz noch Leiden fühlen. Seht Euch um, was vermag die Herzen zu erheben.
[ 42 ] Dass diejenige Kraft, welche in Goethe die höchsten dichterischen und philosophischen Blüten getrieben hat, dieselbe Kraft ist, die heute die zahllosen Opfer, die Todes- und Schmerzensopfer bringt, das ist es, was sich uns zugleich aus dem ganzen Zusammenhang des deutschen Lebens darstellt.
[ 42 ] Dass diejenige Kraft, welche in Goethe die höchsten dichterischen und philosophischen Blüten getrieben hat, dieselbe Kraft ist, die heute die zahllosen Opfer, die Todes- und Schmerzensopfer bringt, das ist es, was sich uns zugleich aus dem ganzen Zusammenhang des deutschen Lebens darstellt.
[ 43 ] Und dieses deutsche Leben, ist es denn immer in der Welt so verkannt worden wie jetzt, wo von allen Seiten ihm zugerufen wird, es sei ein Leben von «Barbaren»? Nicht nur, dass Mitteleuropa wie eine große Festung mit der Absicht von Aushungerung eingeschlossen wird, nein, geschimpft und geschmäht wird es zugleich von allen Seiten. Da und dort erheben sich auch freundliche Stimmen, so zum Beispiel von einem Rumänen, der die Worte ausruft:
[ 43 ] Und dieses deutsche Leben, ist es denn immer in der Welt so verkannt worden wie jetzt, wo von allen Seiten ihm zugerufen wird, es sei ein Leben von «Barbaren»? Nicht nur, dass Mitteleuropa wie eine große Festung mit der Absicht von Aushungerung eingeschlossen wird, nein, geschimpft und geschmäht wird es zugleich von allen Seiten. Da und dort erheben sich auch freundliche Stimmen, so zum Beispiel von einem Rumänen, der die Worte ausruft:
Alle diejenigen, die in Frankreich studiert und inmitten des französischen Volkes gelebt haben, haben sich beeilt, mit allerlei Lobliedern die Spalten der Zeitungen zu füllen. Warum antwortet ihr, die ihr deutsche Gastfreundschaft genossen, diesen Leuten nicht, dass diese Barbaren die besten Schulen, Kliniken, Universitäten und so weiter besitzen? Dass man euch mit offenen Armen überall aufgenommen hat! Warum antwortet ihr nicht, dass diese Barbaren, die eure Lehrer waren, unfähig sind, solche Verbrechen zu begehen? [Warum antwortet Ihr nicht?!]
Alle diejenigen, die in Frankreich studiert und inmitten des französischen Volkes gelebt haben, haben sich beeilt, mit allerlei Lobliedern die Spalten der Zeitungen zu füllen. Warum antwortet ihr, die ihr deutsche Gastfreundschaft genossen, diesen Leuten nicht, dass diese Barbaren die besten Schulen, Kliniken, Universitäten und so weiter besitzen? Dass man euch mit offenen Armen überall aufgenommen hat! Warum antwortet ihr nicht, dass diese Barbaren, die eure Lehrer waren, unfähig sind, solche Verbrechen zu begehen? [Warum antwortet Ihr nicht?!]
[ 44 ] Nicht immer waren diese Stimmen so selten. Es ist unbehaglich für einen Mitteleuropäer, von sich selbst aus das deutsche Wesen in Werturteilen zu charakterisieren. Was ich gesagt habe, das, ich weiß es, ist ebenso sicheres geisteswissenschaftliches Forschungsresultat, wie die Gesetze des Sonnenspektrums ein wissenschaftliches Forschungsresultat sind. Aber es ist unbehaglich für einen Deutschen, Werturteile zu fällen über das deutsche Wesen, daher seien zunächst andere gehört. Zuerst Emerson, der große amerikanische Lehrer. In seinen Betrachtungen über Goethe hat er geschrieben, als wenn irgendein Bewusstsein vorhanden wäre, wie die deutsche Volksscele zu der Einzelseele steht, und von dem Unterschied zwischen Osten und Westen Europas:
[ 44 ] Nicht immer waren diese Stimmen so selten. Es ist unbehaglich für einen Mitteleuropäer, von sich selbst aus das deutsche Wesen in Werturteilen zu charakterisieren. Was ich gesagt habe, das, ich weiß es, ist ebenso sicheres geisteswissenschaftliches Forschungsresultat, wie die Gesetze des Sonnenspektrums ein wissenschaftliches Forschungsresultat sind. Aber es ist unbehaglich für einen Deutschen, Werturteile zu fällen über das deutsche Wesen, daher seien zunächst andere gehört. Zuerst Emerson, der große amerikanische Lehrer. In seinen Betrachtungen über Goethe hat er geschrieben, als wenn irgendein Bewusstsein vorhanden wäre, wie die deutsche Volksscele zu der Einzelseele steht, und von dem Unterschied zwischen Osten und Westen Europas:
Eine [Eigenschaft] vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit
Eine [Eigenschaft] vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit
[ 45 ] — wie gesagt, ein Amerikaner schreibt das in englischer Sprache —,
[ 45 ] — wie gesagt, ein Amerikaner schreibt das in englischer Sprache —,
allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? — Woher hat er all diese Gedanken?
Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.
Die Deutschen denken für Europa.
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.
allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? — Woher hat er all diese Gedanken?
Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.
Die Deutschen denken für Europa.
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.
[ 46 ] Es lebt da etwas in diesen Worten, was wie ein Echo dessen erscheinen kann, dessen, was aus dem vertrauten Umgang der Volksseele mit dem einzelnen Menschen hervorgehen kann. Und weiter sagt Emerson:
[ 46 ] Es lebt da etwas in diesen Worten, was wie ein Echo dessen erscheinen kann, dessen, was aus dem vertrauten Umgang der Volksseele mit dem einzelnen Menschen hervorgehen kann. Und weiter sagt Emerson:
Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist. Er macht mich neugierig. Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.
Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist. Er macht mich neugierig. Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.
[ 47 ] Man könnte sagen: Nun ja, das hat einmal Emerson gesagt, der weit fort in Amerika gelebt hat. Wir haben es hören müssen: Die Deutschen, die jetzt leben, sind nicht dieselben, wie sie waren. Sogar der französische Philosoph Bergson hat gesagt, wie die Deutschen mechanisch geworden sind. Es ist sonderbar, wie aus diesen Tagen heraus ein Mann, der ein Philosoph sein will, zu seinem Urteil kommen will: Er sehnt das Urteil wohl herbei! Das weiß er, dass Deutsche große Gedanken gehabt haben. Er scheint das Gefühl zu haben, dass, wenn von allen Seiten her Kanonen und Flinten sich gegen Deutsche stellen, dass dann diese demgegenüber Gedichte von Novalis oder Goethe deklamieren sollten.
[ 47 ] Man könnte sagen: Nun ja, das hat einmal Emerson gesagt, der weit fort in Amerika gelebt hat. Wir haben es hören müssen: Die Deutschen, die jetzt leben, sind nicht dieselben, wie sie waren. Sogar der französische Philosoph Bergson hat gesagt, wie die Deutschen mechanisch geworden sind. Es ist sonderbar, wie aus diesen Tagen heraus ein Mann, der ein Philosoph sein will, zu seinem Urteil kommen will: Er sehnt das Urteil wohl herbei! Das weiß er, dass Deutsche große Gedanken gehabt haben. Er scheint das Gefühl zu haben, dass, wenn von allen Seiten her Kanonen und Flinten sich gegen Deutsche stellen, dass dann diese demgegenüber Gedichte von Novalis oder Goethe deklamieren sollten.
[ 48 ] Merkwürdige Logik geht heute überhaupt durch die Welt. Wenn darüber gesprochen wird: «Wer hat diesen Krieg gewollt», und von Engländern, Franzosen und Russen und so weiter behauptet wird: «Wir haben ihn nicht gewollt», so könnte man sagen: «Ja, das glauben wir auch!» Es kommt aber nicht darauf an, was man sagt, sondern darauf, ob man das Betreffende sagen kann. Wenn fünf Menschen drohend um ein Haus herumstehen, und der darin wohnt, das sieht, und er fordert sie auf, sie sollen fortgehen, und sie dann, weil sie es nicht tun, durchprügelt, so können die fünf auch sagen: «Wir haben die Prügel nicht gewollt!»
[ 48 ] Merkwürdige Logik geht heute überhaupt durch die Welt. Wenn darüber gesprochen wird: «Wer hat diesen Krieg gewollt», und von Engländern, Franzosen und Russen und so weiter behauptet wird: «Wir haben ihn nicht gewollt», so könnte man sagen: «Ja, das glauben wir auch!» Es kommt aber nicht darauf an, was man sagt, sondern darauf, ob man das Betreffende sagen kann. Wenn fünf Menschen drohend um ein Haus herumstehen, und der darin wohnt, das sieht, und er fordert sie auf, sie sollen fortgehen, und sie dann, weil sie es nicht tun, durchprügelt, so können die fünf auch sagen: «Wir haben die Prügel nicht gewollt!»
[ 49 ] Man kann nicht sagen, dass das Urteil, das Emerson über die deutschen «Barbaren» gefällt hat, etwa schon veraltet ist, aber doch wird man meinen, dass diejenigen besser urteilen können, die sich in deutsche Geistessubstanz eingelebt haben.
[ 49 ] Man kann nicht sagen, dass das Urteil, das Emerson über die deutschen «Barbaren» gefällt hat, etwa schon veraltet ist, aber doch wird man meinen, dass diejenigen besser urteilen können, die sich in deutsche Geistessubstanz eingelebt haben.
[ 50 ] Da ist einige Jahre vor dem Krieg ein Buch von einer Engländerin herausgekommen, betitelt: «Eight Years in Germany». Sie hat deutsche Schulen, Kliniken und so weiter besucht und schreibt, nachdem sie deutsches Wesen kennengelernt hat, das Folgende:
[ 50 ] Da ist einige Jahre vor dem Krieg ein Buch von einer Engländerin herausgekommen, betitelt: «Eight Years in Germany». Sie hat deutsche Schulen, Kliniken und so weiter besucht und schreibt, nachdem sie deutsches Wesen kennengelernt hat, das Folgende:
Wir lesen viel vom neuen Deutschland und neuem deutschen Geist. Das Bestehende ist das gereifte Werk von Generationen? Geblendet durch den Glanz von Deutschlands Reichtum, sind wir geneigt zu vergessen, dass es außer dem Wohlstand nie einen anderen als den allervordersten Platz eingenommen hat. In der Literatur hat es von jeher Impulse gegeben, in der Wissenschaft hat es von jeher geleuchtet, in der Musik von jeher dominiert.
Wir lesen viel vom neuen Deutschland und neuem deutschen Geist. Das Bestehende ist das gereifte Werk von Generationen? Geblendet durch den Glanz von Deutschlands Reichtum, sind wir geneigt zu vergessen, dass es außer dem Wohlstand nie einen anderen als den allervordersten Platz eingenommen hat. In der Literatur hat es von jeher Impulse gegeben, in der Wissenschaft hat es von jeher geleuchtet, in der Musik von jeher dominiert.
[ 51 ] Und nun das Folgende. Ich weiß nicht, ob sie es jetzt noch geschrieben hätte, aber etwa zwei Jahre vor dem Kriege hat sie es getan:
[ 51 ] Und nun das Folgende. Ich weiß nicht, ob sie es jetzt noch geschrieben hätte, aber etwa zwei Jahre vor dem Kriege hat sie es getan:
Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz, und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]
An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen? Deutschland weiß das ganz genau.
Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz, und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]
An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen? Deutschland weiß das ganz genau.
[ 52 ] Die Gründe, warum deutsches Volksseelenwesen so wenig verstanden wird, können begriffen werden. Es kann etwas hineindringen nach Westen von dem deutschen Volksseelenwesen — nach Osten weniger —, aber es wird im Westen abgestoßen, weil er nichts wissen will in dem dogmatischen Charakter von dem, was lebendig mitleben will in der ganzen Seele. Es ist ein gewisses Verständnis da, aber zugleich ein Nicht-Wollen, sich dies ganz in die Seele hineinwachsen zu lassen.
[ 52 ] Die Gründe, warum deutsches Volksseelenwesen so wenig verstanden wird, können begriffen werden. Es kann etwas hineindringen nach Westen von dem deutschen Volksseelenwesen — nach Osten weniger —, aber es wird im Westen abgestoßen, weil er nichts wissen will in dem dogmatischen Charakter von dem, was lebendig mitleben will in der ganzen Seele. Es ist ein gewisses Verständnis da, aber zugleich ein Nicht-Wollen, sich dies ganz in die Seele hineinwachsen zu lassen.
[ 53 ] Etwa anderthalb Jahre vor Ausbruch des Krieges wurden in Manchester Vorlesungen gehalten. Sie sind veröffentlicht worden und waren sehr interessant, und die Gelehrten erzählen in der Vorrede, warum sie dieselben halten: Die englischen Journalisten sollten etwas besser über deutsche Verhältnisse aufgeklärt werden. Über die unmittelbare Gegenwart wurde von dem Gelehrten Herford gesagt, dass es im großen Ganzen außer Frage sei, dass die Herstellung des deutschen Reiches dem Frieden förderlich gewesen ist. [Lücke im Text] Die Geschichte sollte etwas mehr sein als ein Kinematograf und das höhere Licht auf die Dinge werfen:
[ 53 ] Etwa anderthalb Jahre vor Ausbruch des Krieges wurden in Manchester Vorlesungen gehalten. Sie sind veröffentlicht worden und waren sehr interessant, und die Gelehrten erzählen in der Vorrede, warum sie dieselben halten: Die englischen Journalisten sollten etwas besser über deutsche Verhältnisse aufgeklärt werden. Über die unmittelbare Gegenwart wurde von dem Gelehrten Herford gesagt, dass es im großen Ganzen außer Frage sei, dass die Herstellung des deutschen Reiches dem Frieden förderlich gewesen ist. [Lücke im Text] Die Geschichte sollte etwas mehr sein als ein Kinematograf und das höhere Licht auf die Dinge werfen:
Im Ganzen und Großen ist es außer Frage
Im Ganzen und Großen ist es außer Frage
[ 54 ] — heißt es da —,
[ 54 ] — heißt es da —,
dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anders ist als ein ewig sich verändernder blendender Kinematograf. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund. [...] Es lässt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866–1871 machten ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege, welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte; sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.
dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anders ist als ein ewig sich verändernder blendender Kinematograf. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund. [...] Es lässt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866–1871 machten ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege, welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte; sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.
[ 55 ] Wenn man sich gegenüber diesen Dingen an die Stirne greifen muss und sich fragt, was vorliegt in den Seelen derjenigen, die das geschrieben haben, so muss man einiges Verständnis haben für die Eigentümlichkeit der europäischen Volksseelen, um zu begreifen, warum man außerhalb Deutschlands [es] so wenig verstehen kann. Nur erleuchtete Geister können das.
[ 55 ] Wenn man sich gegenüber diesen Dingen an die Stirne greifen muss und sich fragt, was vorliegt in den Seelen derjenigen, die das geschrieben haben, so muss man einiges Verständnis haben für die Eigentümlichkeit der europäischen Volksseelen, um zu begreifen, warum man außerhalb Deutschlands [es] so wenig verstehen kann. Nur erleuchtete Geister können das.
[ 56 ] Ein Mystiker, der Wunderschönes geschrieben hat, sei noch erwähnt. Er hat gestanden, dass er an drei Mystikern Großes erlebt habe. Der eine ist Novalis, der aus seinem vertrauten Umgang mit der deutschen Volksseele so Großes gewonnen hat. Er gebraucht schöne Worte, um ihn zu charakterisieren. Er sagt: Auf der Erde geht so viel vor, was eigentlich nur Erdenseelen interessieren kann, so das, was zum Beispiel die Shakespeare’sehen Personen tun. Aber wenn andere Wesen aus anderen Planeten herunterblicken könnten, was könnte sie daran interessieren? Und er fragt sich, ob es etwas gibt, was auch andere Geister interessieren kann, und findet in Novalis” Schriften etwas von dem, was nicht nur Erdenseelen interessiert, sondern auch solche Wesen, die herunterkommen aus himmlischen Höhen. Was die menschliche Seele kaum in Worten hervorzubringen vermag, das ist es, wovon er spricht, wovon man am liebsten schweigen möchte, wo die wahre Natur erst beginnt. Er sagt:
[ 56 ] Ein Mystiker, der Wunderschönes geschrieben hat, sei noch erwähnt. Er hat gestanden, dass er an drei Mystikern Großes erlebt habe. Der eine ist Novalis, der aus seinem vertrauten Umgang mit der deutschen Volksseele so Großes gewonnen hat. Er gebraucht schöne Worte, um ihn zu charakterisieren. Er sagt: Auf der Erde geht so viel vor, was eigentlich nur Erdenseelen interessieren kann, so das, was zum Beispiel die Shakespeare’sehen Personen tun. Aber wenn andere Wesen aus anderen Planeten herunterblicken könnten, was könnte sie daran interessieren? Und er fragt sich, ob es etwas gibt, was auch andere Geister interessieren kann, und findet in Novalis” Schriften etwas von dem, was nicht nur Erdenseelen interessiert, sondern auch solche Wesen, die herunterkommen aus himmlischen Höhen. Was die menschliche Seele kaum in Worten hervorzubringen vermag, das ist es, wovon er spricht, wovon man am liebsten schweigen möchte, wo die wahre Natur erst beginnt. Er sagt:
Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie
Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie
[ 57 ] — das heißt also wahrscheinlich die Seele —
[ 57 ] — das heißt also wahrscheinlich die Seele —
ihn unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich um eine Stufe erhebt und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst erfüllt, aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich erst an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich [nur] im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, die ihr ähneln und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer fremden Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; aber [die Menschen, von denen ich rede, sind] in ihren Werken aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht zur irdischen Gemeinde zählen.
ihn unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich um eine Stufe erhebt und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst erfüllt, aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich erst an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich [nur] im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, die ihr ähneln und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer fremden Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; aber [die Menschen, von denen ich rede, sind] in ihren Werken aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht zur irdischen Gemeinde zählen.
[ 58 ] So schätzte dieser erleuchtete Geist Novalis ein. Wer ist es, der so spricht? Wohl einer, der solche Schreier, die jetzt über deutsche «Barbarei» schimpfen, zur Rechenschaft fordert? Der sich wenden wird gegen solche Worte wie:
[ 58 ] So schätzte dieser erleuchtete Geist Novalis ein. Wer ist es, der so spricht? Wohl einer, der solche Schreier, die jetzt über deutsche «Barbarei» schimpfen, zur Rechenschaft fordert? Der sich wenden wird gegen solche Worte wie:
In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.
In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.
[ 59 ] Die Worte, die der erleuchtete Mann über Novalis geschrieben, die sind von Maeterlinck. Und die Worte über den Schreier sind auch von ihm. Solche Dinge erleben wir jetzt; sie charakterisieren unsere Zeit unmittelbar durch sich selbst, ohne dass man dieses oder jenes besonders hinzuzusetzen braucht.
[ 59 ] Die Worte, die der erleuchtete Mann über Novalis geschrieben, die sind von Maeterlinck. Und die Worte über den Schreier sind auch von ihm. Solche Dinge erleben wir jetzt; sie charakterisieren unsere Zeit unmittelbar durch sich selbst, ohne dass man dieses oder jenes besonders hinzuzusetzen braucht.
[ 60 ] Die erwähnten Vorträge, die in Manchester gehalten worden sind, sind herausgegeben und auch ins Deutsche übersetzt. In der Vorrede sind einige Worte, die also auch in englischer Sprache zu lesen sind:
[ 60 ] Die erwähnten Vorträge, die in Manchester gehalten worden sind, sind herausgegeben und auch ins Deutsche übersetzt. In der Vorrede sind einige Worte, die also auch in englischer Sprache zu lesen sind:
Die Quelle des Stromes seines geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret und praktisch.
Die Quelle des Stromes seines geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret und praktisch.
[ 61 ] Der das sagt, ist Lord Haldane.
[ 61 ] Der das sagt, ist Lord Haldane.
[ 62 ] Wenn wir bedenken, wie verschieden in Bezug auf das ganze Volksgepräge die europäische Mitte und der europäische Osten sein müssen, so kann man es begreiflich finden, dass da einmal eine mächtige Auseinandersetzung kommen musste. Diese Auseinandersetzung sahen Menschen heraufkommen, die ordentlich sehen wollten. Wir hören heute von allen Seiten herrufen: Die Deutschen haben diesen Krieg gewollt. Wer ihn gewollt hat, wer aus dem besonderen Charakter seines Volksstrebens heraus ihn seit Langem wollen musste, das sahen einigermaßen aufgeklärte Geister schon immer. Ein Mann, der gar nicht besonders deutschem Wesen geneigt ist, schreibt:
[ 62 ] Wenn wir bedenken, wie verschieden in Bezug auf das ganze Volksgepräge die europäische Mitte und der europäische Osten sein müssen, so kann man es begreiflich finden, dass da einmal eine mächtige Auseinandersetzung kommen musste. Diese Auseinandersetzung sahen Menschen heraufkommen, die ordentlich sehen wollten. Wir hören heute von allen Seiten herrufen: Die Deutschen haben diesen Krieg gewollt. Wer ihn gewollt hat, wer aus dem besonderen Charakter seines Volksstrebens heraus ihn seit Langem wollen musste, das sahen einigermaßen aufgeklärte Geister schon immer. Ein Mann, der gar nicht besonders deutschem Wesen geneigt ist, schreibt:
Was mich nun betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, dass ein Konflikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, dass derselbe sich entweder durch den Orient, speziell die Türkei, oder durch den Nationalitätenstreit in Österreich, vielleicht durch beide, entzünden und dass Russland in demselben die Führerschaft auf der einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf die Eventualität vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und Flammen gegen Deutschland. [...] Die deutsche Presse lässt schon jetzt ihre Warnungsrufe erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Russland sich sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und, wie es scheint, wird es jetzt in Petersburg zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wieder einmal aufzunehmen.
Wenn das Mittelmeer einst, nach dem mehr pompösen als wahren Ausdruck, «ein französischer See» werden sollte, so hat Russland die noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meere einen russischen See und aus dem Marmarameer einen russischen Teich zu machen. Dass Konstantinopel eine russische Stadt, Griechenland ein direkter Vasallenstaat Russlands werden müsse, ist ein feststehender Zielpunkt der russischen Politik, die ihre Unterstützungshebel in der gemeinsamen Religion und in dem Panslawismus findet.
Was mich nun betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, dass ein Konflikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, dass derselbe sich entweder durch den Orient, speziell die Türkei, oder durch den Nationalitätenstreit in Österreich, vielleicht durch beide, entzünden und dass Russland in demselben die Führerschaft auf der einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf die Eventualität vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und Flammen gegen Deutschland. [...] Die deutsche Presse lässt schon jetzt ihre Warnungsrufe erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Russland sich sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und, wie es scheint, wird es jetzt in Petersburg zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wieder einmal aufzunehmen.
Wenn das Mittelmeer einst, nach dem mehr pompösen als wahren Ausdruck, «ein französischer See» werden sollte, so hat Russland die noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meere einen russischen See und aus dem Marmarameer einen russischen Teich zu machen. Dass Konstantinopel eine russische Stadt, Griechenland ein direkter Vasallenstaat Russlands werden müsse, ist ein feststehender Zielpunkt der russischen Politik, die ihre Unterstützungshebel in der gemeinsamen Religion und in dem Panslawismus findet.
[ 63 ] So sahen die Geister, die sehen wollten, wie die Kräfte, die in Europa wirkten, allmählich diese Zeit heraufbrachten. Das ist im Jahre 1870 geschrieben worden!
[ 63 ] So sahen die Geister, die sehen wollten, wie die Kräfte, die in Europa wirkten, allmählich diese Zeit heraufbrachten. Das ist im Jahre 1870 geschrieben worden!
[ 64 ] Der Gegensatz vom Osten Europas gegen Mitteleuropa war immer da, sodass die Logik der Frage: «Wer hat diesen Krieg gewollt?», die fadenscheinigste ist, weil das Volk, dessen Seele wie eine Wolke über ihm schwebt, den Wunsch hat nach Ausbreitung, und weil nicht das allergeringste Verständnis da ist für das, was in Mitteleuropa geleistet worden ist. Es wurde in Russland aufgenommen, aber wie das geschah, ist wiederum ganz charakteristisch.
[ 64 ] Der Gegensatz vom Osten Europas gegen Mitteleuropa war immer da, sodass die Logik der Frage: «Wer hat diesen Krieg gewollt?», die fadenscheinigste ist, weil das Volk, dessen Seele wie eine Wolke über ihm schwebt, den Wunsch hat nach Ausbreitung, und weil nicht das allergeringste Verständnis da ist für das, was in Mitteleuropa geleistet worden ist. Es wurde in Russland aufgenommen, aber wie das geschah, ist wiederum ganz charakteristisch.
[ 65 ] Es ist richtig, so wie es Herman Grimm sagt, dass der Engländer Mr Lewes ein bedeutendes Buch über Goethe schreiben wollte. Er hat aber nur von einem Mann erzählt, der zufällig in Frankfurt am Main geboren ist und zufällig in Weimar gestorben ist, der diese und jene Erfahrung gemacht hat und diese und jene Werke geschrieben hat. Aber die Seele Goethes lebt nicht darin, weil ihm seine Seele durch die Finger schlüpft. Er sieht nur, was er dogmatisieren kann; er sieht nur das von Goethe, was sich breit auf die Erde stellt — das Geburts- und Todesdatum und so weiter. Er weiß, wie die Titel der Werke heißen und so weiter. Dasjenige, was Goethe aber wirklich gewesen ist, dass er der Repräsentant des Zwiegespräches gewesen ist des einzelnen Deutschen mit der deutschen Volksseele, das ahnt er nicht.
[ 65 ] Es ist richtig, so wie es Herman Grimm sagt, dass der Engländer Mr Lewes ein bedeutendes Buch über Goethe schreiben wollte. Er hat aber nur von einem Mann erzählt, der zufällig in Frankfurt am Main geboren ist und zufällig in Weimar gestorben ist, der diese und jene Erfahrung gemacht hat und diese und jene Werke geschrieben hat. Aber die Seele Goethes lebt nicht darin, weil ihm seine Seele durch die Finger schlüpft. Er sieht nur, was er dogmatisieren kann; er sieht nur das von Goethe, was sich breit auf die Erde stellt — das Geburts- und Todesdatum und so weiter. Er weiß, wie die Titel der Werke heißen und so weiter. Dasjenige, was Goethe aber wirklich gewesen ist, dass er der Repräsentant des Zwiegespräches gewesen ist des einzelnen Deutschen mit der deutschen Volksseele, das ahnt er nicht.
[ 66 ] So wie nach drüben, nach dem Westen die Erscheinung so wirkt, dass sich die inneren Passionen dagegen aufbäumen und in das Grobe umsetzen, aber in das Dogmatische, so wirkt dasjenige im Osten — wie gesagt, sie haben es oftmals willig aufgenommen —, was bei den Deutschen unmittelbares Erlebnis ist, im Osten so, dass es dort zum Gedankengespinst wird. Weil der Russe das Gefühl hat: das muss hinaufgetragen werden in die Wolke, die über ihm schwebt, wird es gespensterhaft, schattenhaft.
[ 66 ] So wie nach drüben, nach dem Westen die Erscheinung so wirkt, dass sich die inneren Passionen dagegen aufbäumen und in das Grobe umsetzen, aber in das Dogmatische, so wirkt dasjenige im Osten — wie gesagt, sie haben es oftmals willig aufgenommen —, was bei den Deutschen unmittelbares Erlebnis ist, im Osten so, dass es dort zum Gedankengespinst wird. Weil der Russe das Gefühl hat: das muss hinaufgetragen werden in die Wolke, die über ihm schwebt, wird es gespensterhaft, schattenhaft.
[ 67 ] Sogar der große Philosoph Solowjow schwebt in dieser Wolke. Er hat seine großzügige Philosophie der deutschen Kultur entlehnt — aber was in der deutschen Seele alles mit vollem Leben lebt, bei ihm wirkt es gespensterhaft, und es bewirkt die wirr durcheinanderflatternden Gedanken, denen der den vertrauten Umgang mit der Volksseele gewöhnte Deutsche nicht als Abbild der Wahrheit folgen kann. Man muss es sogar erleben, [dass ein Intellektueller Russlands Goethe] noch in einer andern Weise zum Gespenst macht, einer, der allerdings vor dem Kriege einmal ein anderes Volk «Barbaren» genannt hat: Mereschkowski. Er spricht von Herzens letzter Todesvision:
[ 67 ] Sogar der große Philosoph Solowjow schwebt in dieser Wolke. Er hat seine großzügige Philosophie der deutschen Kultur entlehnt — aber was in der deutschen Seele alles mit vollem Leben lebt, bei ihm wirkt es gespensterhaft, und es bewirkt die wirr durcheinanderflatternden Gedanken, denen der den vertrauten Umgang mit der Volksseele gewöhnte Deutsche nicht als Abbild der Wahrheit folgen kann. Man muss es sogar erleben, [dass ein Intellektueller Russlands Goethe] noch in einer andern Weise zum Gespenst macht, einer, der allerdings vor dem Kriege einmal ein anderes Volk «Barbaren» genannt hat: Mereschkowski. Er spricht von Herzens letzter Todesvision:
Die letzte Todesvision Herzens ist — Russland als «Land des freien Lebens» und die russische bäuerliche Gemeinde als Retterin der Welt. Seine alte Liebe nahm er für neuen Glauben, aber begriff, so scheint es, in letzter Stunde, dass auch dieser letzte Glaube — Täuschung war. Wenn indessen auch der Glaube ihn trog, so trog ihm doch die Liebe nicht; in seiner Liebe zu Russland lag ein gewisser richtiger Ausblick: nicht die bäuerliche Gemeinde, sondern die christliche Gemeinschaft wird vielleicht in Wahrheit zu dem Glauben, den die jungen Barbaren dem alten Rom bringen sollen.
Die letzte Todesvision Herzens ist — Russland als «Land des freien Lebens» und die russische bäuerliche Gemeinde als Retterin der Welt. Seine alte Liebe nahm er für neuen Glauben, aber begriff, so scheint es, in letzter Stunde, dass auch dieser letzte Glaube — Täuschung war. Wenn indessen auch der Glaube ihn trog, so trog ihm doch die Liebe nicht; in seiner Liebe zu Russland lag ein gewisser richtiger Ausblick: nicht die bäuerliche Gemeinde, sondern die christliche Gemeinschaft wird vielleicht in Wahrheit zu dem Glauben, den die jungen Barbaren dem alten Rom bringen sollen.
[ 68 ] So sagt er von Herzen.
[ 68 ] So sagt er von Herzen.
Einstweilen indessen stirbt er — ohne jeden Glauben: Fahr wohl, verderbtes Rom! ... Fahr wohl, du Heimatland!
Einstweilen indessen stirbt er — ohne jeden Glauben: Fahr wohl, verderbtes Rom! ... Fahr wohl, du Heimatland!
[ 69 ] Aber man lasse sich nicht täuschen über das, was er über Goethe sagt in seinem neuesten Buch; der ganze Goethe ist dort ein Gespenst geworden. Dass er nicht versteht die Volksseele, die alles verjüngt hat, dass er nicht hinblicken kann auf das, was Goethe als Weltseelenkraft ist, das zeigt die Tatsache, dass er sagt, dass er sich erkühnt, solche Worte von Goethe zu sagen wie:
[ 69 ] Aber man lasse sich nicht täuschen über das, was er über Goethe sagt in seinem neuesten Buch; der ganze Goethe ist dort ein Gespenst geworden. Dass er nicht versteht die Volksseele, die alles verjüngt hat, dass er nicht hinblicken kann auf das, was Goethe als Weltseelenkraft ist, das zeigt die Tatsache, dass er sagt, dass er sich erkühnt, solche Worte von Goethe zu sagen wie:
Wenn Goethe von der Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.
Wenn Goethe von der Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.
[ 70 ] Das über den «Faust»-Dichter!
[ 70 ] Das über den «Faust»-Dichter!
[ 71 ] Man begreift, was es in der Mitte Europas zu verständigen gilt, und dafür spricht das Maß des Verständnisses, das man von links und rechts der deutschen Volksseele entgegenbringt. Man wird einst die Weltgeschichte nicht nur nach den Archiven beurteilen, nach dem, was gedruckt und geschrieben ist, sondern nach feineren Merkmalen! Eigentlich mit schwerem Herzen, unter Tränen, unter innerlichen Tränen bin ich mir gewahr geworden, dass sich mir etwas wie ein Bild vor die Seele gestellt, wie die Kräfte Europas stehen, weil es so weit ab ist von den ursprünglichen Kräften, durch die der einzelne Mensch herauswächst aus dem Kosmos.
[ 71 ] Man begreift, was es in der Mitte Europas zu verständigen gilt, und dafür spricht das Maß des Verständnisses, das man von links und rechts der deutschen Volksseele entgegenbringt. Man wird einst die Weltgeschichte nicht nur nach den Archiven beurteilen, nach dem, was gedruckt und geschrieben ist, sondern nach feineren Merkmalen! Eigentlich mit schwerem Herzen, unter Tränen, unter innerlichen Tränen bin ich mir gewahr geworden, dass sich mir etwas wie ein Bild vor die Seele gestellt, wie die Kräfte Europas stehen, weil es so weit ab ist von den ursprünglichen Kräften, durch die der einzelne Mensch herauswächst aus dem Kosmos.
[ 72 ] Gerade [durch das], was jener Bund von Großfürstentum und verlogenem Panslawismus dem russischen Volk angetan hat, steht dieses Bild vor mir. Wir haben heraufkommen sehen jene ersten Augusttage. Ich will nur drei Bilder aus jener Zeit erwähnen: In Mitteleuropa der Reichstag. Etwas Charakteristisches geht als Herold den kommenden Taten voraus, er ist ein reinster Ausdruck für etwas unendlich Jugendliches in den Kräften der deutschen Volksseele: Die Leute schweigen! Darin liegt etwas Ungeheures. Blicken wir dagegen nach Westen in das französische Parlament; schauen Sie sich die Reden an, die da gehalten worden sind, und wie gerade alle diese Reden herausfließen aus der Tyrannengewalt. Und dann wenden wir uns nach Russland, wo wir gewohnt sind, das Beste des russischen Mannes im Schweigen zu erblicken: In der Duma rauschen die Reden, und alle reden sie so, dass die Worte Phrasen sind und alles so aussieht, wie eine arrangierte Theatervorstellung von Reden.
[ 72 ] Gerade [durch das], was jener Bund von Großfürstentum und verlogenem Panslawismus dem russischen Volk angetan hat, steht dieses Bild vor mir. Wir haben heraufkommen sehen jene ersten Augusttage. Ich will nur drei Bilder aus jener Zeit erwähnen: In Mitteleuropa der Reichstag. Etwas Charakteristisches geht als Herold den kommenden Taten voraus, er ist ein reinster Ausdruck für etwas unendlich Jugendliches in den Kräften der deutschen Volksseele: Die Leute schweigen! Darin liegt etwas Ungeheures. Blicken wir dagegen nach Westen in das französische Parlament; schauen Sie sich die Reden an, die da gehalten worden sind, und wie gerade alle diese Reden herausfließen aus der Tyrannengewalt. Und dann wenden wir uns nach Russland, wo wir gewohnt sind, das Beste des russischen Mannes im Schweigen zu erblicken: In der Duma rauschen die Reden, und alle reden sie so, dass die Worte Phrasen sind und alles so aussieht, wie eine arrangierte Theatervorstellung von Reden.
[ 73 ] So stehen sich die europäischen Kräfte gegenüber, und ich bin mir bewusst der Objektivität, in der ich sie unter Schmerzen habe auf meine Seele wirken lassen. Das Schweigen in der Mitte ist ein Symptom für etwas, was zusammenhängt mit den verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele; sie hat von Epoche zu Epoche mit den hervorragendsten Repräsentanten des Deutschtums Zwiegespräche gehalten, und die schönsten Produkte sind darauf zurückzuführen. Auch in dem, was in unserer Zeit geschehen ist, ist das Streben des deutschen Volkes nach dem Geiste hingerichtet.
[ 73 ] So stehen sich die europäischen Kräfte gegenüber, und ich bin mir bewusst der Objektivität, in der ich sie unter Schmerzen habe auf meine Seele wirken lassen. Das Schweigen in der Mitte ist ein Symptom für etwas, was zusammenhängt mit den verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele; sie hat von Epoche zu Epoche mit den hervorragendsten Repräsentanten des Deutschtums Zwiegespräche gehalten, und die schönsten Produkte sind darauf zurückzuführen. Auch in dem, was in unserer Zeit geschehen ist, ist das Streben des deutschen Volkes nach dem Geiste hingerichtet.
[ 74 ] So war immer das Wesen des deutschen Strebens. Aber blickt man es an, sucht man den Grundcharakter zu erkennen, so muss man sagen: Dieser deutsche Geist hat wirklich das, was an Entwicklungskräften und an Entwicklungsmöglichkeiten in ihm ist, noch nicht erschöpft: Die deutsche Volksseele hat eine verjüngende Kraft und wird ihn immer neu und neu verjüngen. Wie verjüngend ist Fichtes Philosophie! Wie ein volkstümlicher Strom floss sie in «Reden an die deutsche Nation» in die damalige Zeit hinein. Was seine Ideen mit einem merkwürdigen Sinnbild zur Erscheinung bringt, will neue Erziehung den Menschen als Realität geben. Fichte weiß, wie ungern man das Neue aufnimmt, und braucht einen eigentümlichen Vergleich. Er ist höchst charakteristisch für seine Art.
[ 74 ] So war immer das Wesen des deutschen Strebens. Aber blickt man es an, sucht man den Grundcharakter zu erkennen, so muss man sagen: Dieser deutsche Geist hat wirklich das, was an Entwicklungskräften und an Entwicklungsmöglichkeiten in ihm ist, noch nicht erschöpft: Die deutsche Volksseele hat eine verjüngende Kraft und wird ihn immer neu und neu verjüngen. Wie verjüngend ist Fichtes Philosophie! Wie ein volkstümlicher Strom floss sie in «Reden an die deutsche Nation» in die damalige Zeit hinein. Was seine Ideen mit einem merkwürdigen Sinnbild zur Erscheinung bringt, will neue Erziehung den Menschen als Realität geben. Fichte weiß, wie ungern man das Neue aufnimmt, und braucht einen eigentümlichen Vergleich. Er ist höchst charakteristisch für seine Art.
[ 75 ] Die Geisteswissenschaft aber, aus welcher die Gesinnungen herausfließen, von denen die Verhältnisse der Volksseele verstanden werden können, will aktive Wissenschaft sein, die mutvoll und tapfer ihre Resultate herausholt. Sie redet von dem Ewigen — nicht bloß in abstrakten Worten, sondern wie sie redet, dass der Men sehengeist lebt von Inkarnation zu Inkarnation, so redet sie, wie sie heute reden muss — von den verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele.
[ 75 ] Die Geisteswissenschaft aber, aus welcher die Gesinnungen herausfließen, von denen die Verhältnisse der Volksseele verstanden werden können, will aktive Wissenschaft sein, die mutvoll und tapfer ihre Resultate herausholt. Sie redet von dem Ewigen — nicht bloß in abstrakten Worten, sondern wie sie redet, dass der Men sehengeist lebt von Inkarnation zu Inkarnation, so redet sie, wie sie heute reden muss — von den verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele.
[ 76 ] Fichte sagt:
[ 76 ] Fichte sagt:
Die Zeit erscheint mir wie ein leerer Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die Abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freundliche Stimmen der Schwestern, und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.
Die Zeit erscheint mir wie ein leerer Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die Abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freundliche Stimmen der Schwestern, und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.
[ 77 ] Zu dem erfolgreichen Streben des deutschen Geistes zum Geistesleben hin, darf man Vertrauen haben, weil man sieht, was der deutsche Geist geleistet hat. Das ist im Werden und nicht vollendet. Es ist ebenso Keim wie es Frucht ist. Mögen sie noch so verständnislos rechts und links über Deutschland sprechen, es ist nicht vollendet und muss seine innere Kraft in die Welt hinaustragen. Sie ist es, die es zu verteidigen hat. Die Zeit für das, was der deutsche Geist zu verteidigen hat, wird man heraufziehen sehen — sie darf erwartet werden. Die Seelen, die heute das Todesopfer bringen, sie werden, wenn die Nachgeborenen verstehen, was die Volksseele den deutschen Einzelwesen sein kann, sie können, die gestorben sind, in den künftigen Tagen herunterschauen auf eine Zeit, die umwandelt in [Menschenheil] und Fortschritt das, was mit so großen Opfern, [mit mutigen, aber schmerzlichen Opfern] erkauft worden ist. Wirklich erkennend die treibenden Kräfte, darf gesagt werden, dass der deutsche Geist nicht vollendet hat, sondern weiter sich entwickeln wird:
[ 77 ] Zu dem erfolgreichen Streben des deutschen Geistes zum Geistesleben hin, darf man Vertrauen haben, weil man sieht, was der deutsche Geist geleistet hat. Das ist im Werden und nicht vollendet. Es ist ebenso Keim wie es Frucht ist. Mögen sie noch so verständnislos rechts und links über Deutschland sprechen, es ist nicht vollendet und muss seine innere Kraft in die Welt hinaustragen. Sie ist es, die es zu verteidigen hat. Die Zeit für das, was der deutsche Geist zu verteidigen hat, wird man heraufziehen sehen — sie darf erwartet werden. Die Seelen, die heute das Todesopfer bringen, sie werden, wenn die Nachgeborenen verstehen, was die Volksseele den deutschen Einzelwesen sein kann, sie können, die gestorben sind, in den künftigen Tagen herunterschauen auf eine Zeit, die umwandelt in [Menschenheil] und Fortschritt das, was mit so großen Opfern, [mit mutigen, aber schmerzlichen Opfern] erkauft worden ist. Wirklich erkennend die treibenden Kräfte, darf gesagt werden, dass der deutsche Geist nicht vollendet hat, sondern weiter sich entwickeln wird:
Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er im Weltenwerden schaffen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er im Weltenwerden schaffen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
