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The Human Soul, Fate and Death
GA 70a

20 February 1915, Bremen

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The Human Soul, Fate and Death, tr. SOL
  1. Menschenseele, Schicksal und Tod

6. Die verjüngenden Kräfte der Deutschen Volksseele

6. The Rejuvenating Forces of the German National Soul

[ 1 ] Ich durfte während jeden Winters in den verflossenen Jahren hier einen Vortrag halten über ein geisteswissenschaftliches Thema. Die hiesigen Freunde haben auch für dieses Jahr einen solchen Vortrag gewünscht. Und es wird begreiflich erscheinen, dass in dieser schweren, schicksalreichen und schicksalstragenden Zeit eine solche Betrachtung hinlenken darf zu demjenigen, was uns ja alle in den Herzen, in den Seelen tief, tief erfüllt. Sind doch unsere Empfindungen, unsere Gefühle hingerichtet nach Osten, nach Westen, dahin, wo sich die großen Ereignisse der Zeit so bedeutsam, so groß, so gewaltig und so schmerzbereitend abspielen; wo über die Geschicke der Menschheit nicht gesprochen wird mit Worten, sondern mit Taten, die ihren Ausdruck finden in Mut, Zuversicht, Tapferkeit, in Tod und Leiden, aber auch in all den erhebenden Opfern, die so reichlich vorhanden [sind] in der Zeit, in der sich auch für unsere mitteleuropäische Menschheit so Bedeutsames abspielt.

[ 1 ] Every winter in recent years, I have had the privilege of giving a lecture here on a topic in the humanities. My friends here have requested such a lecture again this year. And it will seem understandable that, in this difficult, fateful, and momentous time, such a reflection may turn to that which, after all, fills us all deeply, deeply in our hearts and souls. For our sensibilities and our feelings are directed toward the East and the West—toward the places where the great events of our time are unfolding with such significance, such grandeur, such magnitude, and such pain; where the fate of humanity is decided not by words, but by deeds that find their expression in courage, confidence, bravery, in death and suffering, but also in all the uplifting sacrifices that are so abundant in this era, in which events of such great significance are unfolding even for us, the people of Central Europe.

[ 2 ] Dasjenige, was in dieser unserer Gegenwart angeregt werden kann über das Verhältnis der europäischen Volksseelen, das möge den Gegenstand bilden der heutigen geisteswissenschaftlichen Betrachtung. Es möge so den Gegenstand dieser Betrachtung bilden, wie Geisteswissenschaft gerade diese Verhältnisse beleuchten kann. Diese Geisteswissenschaft, die ja noch wenig, wahrhaftig wenig Anklang und Bekenntnis gefunden hat bei der Mehrzahl der gegenwärtigen Menschen, die aber für diejenigen, welche von ihrem innersten Sinn, ihrem innersten Geist durchdrungen sind, sich so darstellt, dass sie sich für die ganze Bewegung hineinstellen muss für das ganze Leben des menschlichen Geistes so in die Kulturbewegung für die Gegenwart und die nächste Zukunft, wie sich für einige Jahrhunderte die naturwissenschaftliche Bewegung in das Kulturleben hineingestellt hat. Und gerade gegenüber den tief bewegenden Fragen des Lebens muss Geisteswissenschaft sich bewähren.

[ 2 ] What can be explored in our present time regarding the relationship between the souls of the European peoples may form the subject of today’s spiritual scientific reflection. May it form the subject of this reflection in the way that spiritual science is precisely able to shed light on these relationships. This spiritual science, which has indeed found little—truly very little—resonance and acceptance among the majority of people today, yet which, for those who are permeated by its innermost meaning and spirit, presents itself in such a way that it must commit itself to the entire movement—to the entire life of the human spirit—and thus to the cultural movement of the present and the near future, just as the movement of the natural sciences has been integrated into cultural life for several centuries. And it is precisely in the face of life’s deeply moving questions that spiritual science must prove its worth.

[ 3 ] Unter denjenigen Vorstellungen, welche gewissermaßen am meisten Spott und Gegnerschaft hervorgerufen haben, in meinem ersten grundlegenden geisteswissenschaftlichen Buche — in meiner «Theosophie» — ist die Vorstellung der Volksseele nicht als eines Abstraktums als eine bloße Idee und Summe von Merkmalen, durch welche eine Gruppe von Menschen zusammengehalten werden, sondern eines realen, als eines wirkenden Wesens. Da stehen wir bereits an einem Punkt, wo die Denkgewohnheiten, die sich seit Jahrhunderten gebildet haben, nicht mehr mit der Geisteswissenschaft mitwollen.

[ 3 ] Among the concepts in my first fundamental book on spiritual science—my *Theosophy*—that have, so to speak, provoked the most ridicule and opposition is the concept of the national soul, not as an abstraction, a mere idea, or a sum of characteristics that hold a group of people together, but as a real, active being. Here we have already reached a point where the habits of thought that have developed over centuries are no longer compatible with spiritual science.

[ 4 ] Wie der Mensch gegenübersteht als das höchste der Erdenwesen den Wesenheiten der anderen Naturreiche, wie da gleichsam die Wesenheiten des Mineralischen, des Pflanzlichen und Tierischen im Menschen ihre physische, sinnliche Krönung erfahren, so muss Geisteswissenschaft zeigen — so ungewohnt es den Vorstellungen der Gegenwart auch ist —, dass die Reiche der Wesenheiten mit dem Sichtbaren nicht abgeschlossen sind, dass über dem Menschen stehen andere Reiche, die allerdings nicht zu erreichen sind mit dem Verstand, der an unser Gehirn gebunden ist, oder mit unseren physischen, sinnlichen Augen und Ohren, sondern die zu erreichen sind mit dem, was Goethe das geistige Schauen, die geistigen Augen und Ohren nannte. Das ist nicht vergleichsweise gesagt, sondern um etwas auszudrücken, was für die Anthroposophie ein ebenso sicheres Resultat ist wie zum Beispiel die biologischen Ergebnisse für die äußere Wissenschaft.

[ 4 ] Just as human beings, as the highest of earthly beings, stand in relation to the entities of the other kingdoms of nature—just as, so to speak, the entities of the mineral, plant, and animal kingdoms find their physical, sensory culmination in human beings—so spiritual science must show — however unfamiliar this may be to contemporary conceptions — that the realms of beings do not end with the visible, that there are other realms above the human being, which, however, cannot be reached by the intellect bound to our brain, or by our physical, sensory eyes and ears, but which can be reached by what Goethe called spiritual vision, the spiritual eyes and ears. This is not meant figuratively, but to express something that is as certain a finding for anthroposophy as, for example, biological findings are for external science.

[ 5 ] Geisteswissenschaft sagt, dass wie der Mensch gegenübersteht mit seiner Seele den Dingen und Wesenheiten der äußeren Natur, wie er sich von ihnen Begriffe und Vorstellungen macht, so stehen über dem Menschen wahrhaft reale geistige, dem sinnlichen Auge unsichtbare Wesen, und für diese Wesen ist der Mensch mit seiner Seele so Gedanke, so Vorstellung gleichsam, wie die Gegenstände der äußeren Natur für den Menschen. So werden wir seelisch durchdrungen und gehalten von diesen geistigen Wesenheiten. Und zu einer der nächsten Klassen dieser Wesenheiten muss Geisteswissenschaft das zählen, was für viele nur die Zusammenstimmung der Merkmale eines Volkes ist: die Volksseelen.

[ 5 ] Spiritual science teaches that just as human beings, with their souls, face the things and entities of external nature and form concepts and ideas about them, so too do truly real spiritual beings—invisible to the physical eye—stand above human beings; and for these beings, human beings with their souls are, as it were, thoughts and ideas, just as the objects of external nature are for human beings. Thus, we are spiritually permeated and sustained by these spiritual beings. And spiritual science must count among the next class of these beings what for many is merely the harmony of a people’s characteristics: the national souls.

[ 6 ] Worauf es ankommt, ist das Verhältnis der Volksseele zu der einzelnen menschlichen Seele. Geisteswissenschaft betrachtet die Seele nicht wie die landläufige Psychologie. Sie betrachtet sie nicht als ein Produkt der äußeren Organisation, sondern als den wirklichen Bildner der äußeren Organisation. Und nicht um eine leichte Einteilung zu machen, sondern aus der Natur der Sache heraus unterscheidet der geisteswissenschaftliche Forscher drei Wesensglieder der Seele mit derselben Berechtigung — nur natürlich auf ein anderes Gebiet übertragen —, wie man in dem Regenbogenspektrum unterscheidet die rote Farbe auf der einen Seite, die grüne in der Mitte, und dann die blaue Farbe. Und wie man nicht begreifen kann das Zusammenwirken von Licht und Farben, wenn man nicht diese Gliederung zugrunde legt, die man am bekanntesten am Regenbogenspektrum sieht, so kann man die menschliche Seele nicht verstehen ohne die Dreigliedrigkeit, die wir bezeichnen als Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele. Wie der Regenbogen auf der einen Seite die rote Farbe hat, so hat der Mensch auf der einen Seite die Empfindungsseele, in der Mitte [— gleichsam wie der Regenbogen die grüne Farbe — hat der Mensch] die Verstandes- oder Gemütsseele; [und] wie der Regenbogen die blaue Farbe hat, hat der Mensch die Bewusstseinsseele. Wie gesagt, es entspringt das keiner Willkür, keiner Einteilungslust, sondern hängt zusammen mit dem innersten Wesen der Seele.

[ 6 ] What matters is the relationship between the collective soul of a people and the individual human soul. Spiritual science does not view the soul in the same way as conventional psychology. It does not regard it as a product of the external organization, but as the true shaper of the external organization. And not merely to make a simple classification, but based on the very nature of the matter, the researcher in spiritual science distinguishes three essential aspects of the soul with the same justification—merely transferred, naturally, to a different realm—as one distinguishes in the rainbow spectrum the color red on one side, green in the middle, and then the color blue. And just as one cannot grasp the interplay of light and colors without taking as a basis this structure—which is most clearly seen in the spectrum of the rainbow—so too can one not understand the human soul without the threefold structure that we designate as the soul of sensation, the soul of understanding or feeling, and the soul of consciousness. Just as the rainbow has the color red on one side, so the human being has the soul of sensation on one side; in the middle [— just as the rainbow has the color green — the human being has] the soul of understanding or the emotional soul; [and] just as the rainbow has the color blue, so the human being has the soul of consciousness. As stated, this does not arise from arbitrariness or a mere desire to categorize, but is connected to the innermost nature of the soul.

[ 7 ] Nehmen wir erstens die Empfindungsseele: Wie der rote Teil des Spektrums vorzugsweise die Wärme enthält, so hat die Empfindungsseele mehr die Begierden, die Leidenschaften, die passionellen Kräfte der Seele, aber zugleich auch von dem, in das sich zurückzieht, dann wenn die Seele in die geistige Welt durch die Pforte des Todes geht, [in das sich zurückzieht] dasjenige, was die ewigen Kräfte der Seele sind, die sich geheimnisvoll verbergen hinter den Trieben, den Leidenschaften, den Begierden, die zugleich das sind, was der Seele den ewigen Charakter aufdrückt. Was aber in der Seele wie die Vermittlung des ewigen Selbstes des Menschen mit dem zeitlichräumlichen Menschen besteht, das entspricht der grünen Farbe, die vorzugsweise dem Lichte dient, wie dem Geistigen der Verstand dient, der vermittelt den Verkehr des Menschen in Bezug auf sein Ewiges und Zeitliches.

[ 7 ] Let us first consider the sensory soul: Just as the red part of the spectrum primarily contains warmth, so the sensory soul is more associated with the desires, the passions, and the passionate forces of the soul, but at the same time it is also that into which the soul withdraws when it passes through the gate of death into the spiritual world—namely, the eternal forces of the soul, which are mysteriously hidden behind the drives, the passions, and the desires, and which are at the same time what impart the soul’s eternal character. But that which exists in the soul as the mediation between the eternal self of the human being and the temporal-spatial human being corresponds to the color green, which primarily serves light, just as the intellect serves the spiritual; it mediates the human being’s relationship to both the eternal and the temporal.

[ 8 ] Und die Bewusstseinsseele ist dasjenige, wodurch der Mensch zwischen Geburt und Tod verbraucht das Ewige zur Arbeit am Zeitlichen; sie ist am meisten der materiellen Welt zugekehrt. Die Bewusstseinsseele ist das, was am meisten die Seelenkräfte enthält, die am wenigsten hindurchgetragen werden durch die Pforte des Todes, die am wenigsten verbunden sind dem ewigen Selbst des Menschen.

[ 8 ] And the consciousness soul is that through which human beings, between birth and death, use the eternal to work on the temporal; it is most oriented toward the material world. The consciousness soul is that which contains the greatest proportion of the soul forces that are carried through the gate of death to the least extent, and that are least connected to the human being’s eternal Self.

[ 9 ] In alldem, was wir so unterscheiden als Nuancierungen des Seelenlebens, lebt das eigentliche Ich des Menschen, wie in den Nuancen des Spektrums das Licht lebt. Wie in jeder Farbe das Licht ist, so in jedem Seelengliede des Menschen das Ich; aber zugleich geht durch das Ich in die Seelenglieder hinein das, was wie eine unsichtbare Wesenheit den Menschen durchwaltet: die Volksseele, zu der er gehört. In der verschiedensten Weise hat die Volksseele ein Verhältnis zu der menschlichen Einzelseele, und die Völker unterscheiden sich darnach, wie sich die Volksseele zu der einzelnen Seele des Menschen verhält. Es würde die Zeit durchaus nicht ausreichen, wenn ich aus geisteswissenschaftlicher Untersuchung heraus in aller Breite entwickeln wollte, wie die Volksseele ihr reales Verhältnis zu der Menschenseele hat. Ein Vergleich kann hier aufklärend wirken, der aber mehr als bloßer Vergleich sein soll, der ein echt geisteswissenschaftliches Resultat geben soll.

[ 9 ] In all that we distinguish as nuances of the life of the soul, the true self of the human being lives, just as light lives in the nuances of the spectrum. Just as light is present in every color, so is the “I” present in every aspect of the human soul; but at the same time, what permeates the human being like an invisible entity—the national soul to which he belongs—flows through the “I” into these aspects of the soul. The national soul relates to the individual human soul in a wide variety of ways, and nations differ according to how the national soul relates to the individual human soul. There would by no means be enough time if I were to elaborate in full detail, based on spiritual scientific research, on how the national soul has its real relationship to the human soul. A comparison may be illuminating here, but it should be more than a mere comparison; it should yield a genuine result of spiritual science.

[ 10 ] Wenn wir einen Menschen betrachten im Verhältnis zur mineralischen, pflanzlichen und tierischen Welt, so können wir drei Typen von Menschen unterscheiden. Erstens solche Menschen, welche mit ihrem ganzen Wesen zugeneigt sind bloß der äußeren Sinneswelt, die nicht scharf konzentrieren können ihre Aufmerksamkeit auf etwas, was von der Sinnenwelt abzieht, die immer brauchen den Eindruck der Außenwelt. Sie verfallen in Gleichgültigkeit und Unaufmerksamkeit, wenn sie Ideen haben sollen, die nicht haften an der Außenwelt.

[ 10 ] When we consider human beings in relation to the mineral, plant, and animal worlds, we can distinguish three types of people. First, there are those who, with their entire being, are inclined solely toward the external sensory world; they cannot sharply focus their attention on anything that draws them away from the sensory world, and they always need the impressions of the external world. They fall into indifference and inattention when they are expected to form ideas that are not tied to the external world.

[ 11 ] Es gibt ein anderes Verhältnis zur Umwelt, das wir mehr bei innerlichen, sinnigen Naturen antreffen, die so durch die Welt gehen, dass ihre Sinne wenig angezogen werden durch die äußere Natur, die innerlich produzieren, die aus dem Seelenleben hervorholen, was sie erleben. Sie gehen schwärmend und träumend durch die Sinneswelt. Das sind ganz verschiedene Menschentypen, weil die Seele in verschiedener Weise zu sich und zur Außenwelt steht.

[ 11 ] There is another relationship to the environment that we find more often in introspective, sensuous natures—people who move through the world in such a way that their senses are scarcely drawn to the external natural world; who create internally; who draw from their inner life what they experience. They move through the sensory world in a dreamy, reverie-like state. These are very different types of people, because the soul relates to itself and to the outside world in different ways.

[ 12 ] Ein dritter Typus ist der, der vorzugsweise durch den Repräsentanten des Deutschtums, durch Goethe, in die Geschichte sich hineingestellt hat. Sein Denken hat ein großer Denker seiner Zeit ein «gegenständliches Denken» genannt. Er wollte damit sagen, dass Goethe die Eigentümlichkeit hatte, dass er ebenso wie er hingeordnet war den sinnlichen Dingen, er untertauchen konnte in das, was er erleben konnte an Spirituellem in und mit den Dingen. Innig durchdrungen waren in seiner Seele die Vorstellungen «Geist und Körper». Ein gegenständliches Denken war sein Denken, das sich wenig von den Gegenständen entfernte, und wenn es zu den Gegenständen hinging, sich von sich selbst nicht entfernte.

[ 12 ] A third type is the one who has made his mark on history primarily through the representative of German culture, Goethe. A great thinker of his time called his way of thinking “concrete thinking.” By this he meant that Goethe had the distinctive quality of being, just as he himself was, attuned to sensory things, yet able to immerse himself in the spiritual aspects he could experience in and through those things. The concepts of “spirit and body” were deeply ingrained in his soul. His thinking was concrete; it rarely strayed far from objects, and when it turned toward objects, it did not stray from itself.

[ 13 ] Entsprechend diesem dreifachen Verhältnis des Menschen zur Umwelt haben wir auch drei Typen des Verhältnisses der Volksseele zu der einzelnen menschlichen Seele. Denn wie der Mensch zur Natur, so verhält sich die Volksseele zu der einzelnen menschlichen Seele. Es gibt Volksseelen, die so zu den Einzelseelen stehen, dass sie ganz hingegeben sind gleichsam den einzelnen Menschen, dass sie ganz in sie hineinschlüpfen und sie durchdringen, dass die einzelne Seele etwas ist, was der Abdruck der Volksseele ist.

[ 13 ] In accordance with this threefold relationship between human beings and the environment, we also have three types of relationship between the national soul and the individual human soul. For just as the human being relates to nature, so does the national soul relate to the individual human soul. There are national souls that relate to individual souls in such a way that they are, as it were, wholly devoted to the individual human beings, that they slip completely into them and permeate them, so that the individual soul is something that bears the imprint of the national soul.

[ 14 ] So ist das Verhältnis vorzugsweise bei den Seelen, die den Westen und Süden Europas bewohnen: bei dem französischen, italienischen und britischen Volk. Anders ist das Verhältnis bei dem russischen Volk. Da finden wir, dass die Volksseele gleichsam oben über den einzelnen Seelen bleibt, dass sie nicht hineingeht in das Wesen des einzelnen Menschen, was sich dadurch ausdrückt, dass das russische Volk heute noch immer — wie eine über das ganze Volk hinziehende Wolke — die byzantinische Religion hat, die nicht mit der Einzelseele sich verbindet. So ist es mit dem Verhältnis der Volksseele mit dem einzelnen russischen Menschen.

[ 14 ] This is how the relationship is, for the most part, among the souls inhabiting western and southern Europe: among the French, Italian, and British peoples. The relationship is different among the Russian people. There we find that the national soul remains, as it were, above the individual souls; it does not enter into the being of the individual human being. This is expressed by the fact that the Russian people still today—like a cloud hovering over the entire nation—retain the Byzantine religion, which does not connect with the individual soul. Such is the relationship between the national soul and the individual Russian human being.

[ 15 ] [Wo wie im Westen Europas die Volksseele ergreift die einzelnen Seelen, da beherrscht sie die einzelnen Seelen, sodass die einzelne Seele etwas ist wie ein Abdruck der Volksseele. Wie das, was Volksseele ist, im Westen in der einzelnen Seele drinnen ist, so ist das Verhältnis der russischen Volksseele so, dass sie sich nicht herunterlässt.]

[ 15 ] [Where, as in Western Europe, the national soul takes hold of individual souls, it dominates them, so that the individual soul is something like an imprint of the national soul. Just as the national soul is present within the individual soul in the West, the relationship of the Russian national soul is such that it does not descend to that level.]

[ 16 ] Wie der Mensch, der nur in der eigenen Seele lebt, so lässt sich die Volksseele nicht herab zu der Einzelseele, die Volksseele schwärmt gleichsam über dem Volke. Die russischen Seelen sind nicht ergriffen von der Volksseele, sondern sie gehen anarchisch durcheinander. Selbst wenn man an die ausgezeichneten Vertreter des russischen Volkes denkt, an Tolstoi und so weiter, so sieht man, wie die Volksseele wolkenhaft über ihnen schwebt und dass die einzelnen Seelenkräfte nicht von ihr ergriffen sind, sondern anarchisch durcheinanderwirbeln.

[ 16 ] Just as a person who lives only within his own soul, so too does the national soul not deign to descend to the individual soul; the national soul hovers, as it were, above the people. Russian souls are not gripped by the national soul, but rather they are in anarchic disarray. Even when one thinks of the outstanding representatives of the Russian people—Tolstoy and so on—one sees how the national soul hovers over them like a cloud, and that the individual soul forces are not gripped by it but swirl chaotically about.

[ 17 ] Gehen wir jetzt in die europäische Mitte: Da finden wir ein solches Verhältnis der Volksseele zur Einzelseele, dass wir vergleichen können dieses Verhältnis mit dem gegenständlichen Denken Goethes. Wir haben die Volksseele liebevoll und vertraulich hineingehend in die einzelnen Seelen und doch wiederum sich hinaushebend und in die geistigen Welten entrückt, um sich neue Kräfte zu holen und sie herunterzutragen aus den geistigen Welten. Wir haben hier das Leben der Volksseele über den Menschen in den geistigen Höhen, und dann wieder in den einzelnen Menschenseelen.

[ 17 ] Let us now turn to the heart of Europe: There we find such a relationship between the collective soul and the individual soul that we can compare this relationship to Goethe’s concrete thinking. We see the national soul lovingly and intimately penetrating into the individual souls, yet at the same time rising above them and being carried away into the spiritual worlds to draw new strength and bring it down from those spiritual realms. Here we see the life of the national soul extending over human beings in the spiritual heights, and then returning to the individual human souls.

[ 18 ] Man kann sagen: Wenn man die Menschen des europäischen Westens betrachtet, so wird immer eine besondere Seelenkraft ergriffen und beherrscht von der Volksseele: bei den Italienern die Empfindungsseele, bei den Franzosen die Verstandes- oder Gemütsseele, bei den Briten die Bewusstseinsseele. Alle Eigenschaften, welche die Angehörigen dieser Nationen [eben als Angehörige dieser Nationen] haben, bekommen sogleich Licht, werden sogleich verständlich, wenn man sie aus dieser, durch die Geisteswissenschaft zu findenden Natur der Tatsachen betrachtet. Wie gewaltig passionell, wie ganz in Trieb getaucht erscheint das ganze italienische Leben bis hinauf zur Größe Dantes, der aus den Bildern der Empfindungsseele seine «Göttliche Komödie» entworfen hat. Das italienische Volk wird verständlich, wenn man weiß, es ergreift hier die Volksseele die Empfindungsseele.

[ 18 ] One might say: When one considers the peoples of Western Europe, one always finds a particular soul force that is grasped and governed by the national soul: in the Italians, the feeling soul; in the French, the intellectual or emotional soul; and in the British, the conscious soul. All the characteristics that the members of these nations possess [precisely as members of these nations] immediately become clear and understandable when viewed from this perspective of the nature of facts, which can be discovered through spiritual science. How intensely passionate, how completely steeped in instinct the whole of Italian life appears, right up to the greatness of Dante, who drew upon the images of the soul of feeling to conceive his *Divine Comedy*. The Italian people become understandable when one realizes that here the national soul takes hold of the soul of feeling.

[ 19 ] Das französische Volk wird begreiflich, wenn man erkennt, dass die Volksseele unmittelbar die Verstandesseele ergreift. Ich habe gelesen, wie in einer deutschen Stadt in einer psychologischen Gesellschaft nachgedacht worden ist, um den französischen Volkscharakter zu erklären, [das Resultat war]: Das ist ihre mathematische Anlage. Es wird diese Anlage sofort erklärlich, wenn man weiß, dass die Volksseele unmittelbar ergreift die Kräfte der Verstandesseele. Alles in diesem westlichen Volke wird beleuchtet, wenn man weiß, dass es hinneigt, die Dinge so zu nehmen, dass trotz allen Strebens nach persönlicher Freiheit und Volksfreiheit es innerlich dogmatisiert und systematisiert wird bis in die künstlerische Betätigung hinein, bis in die Einzelheiten der künstlerischen Betätigung hinein. Und auch die andere Seite finden wir da. Ich möchte sagen, den negativen Pol des Dogmenwesens: Das ist die Kritik, das Auflösende. Auf der einen Seite will die Verstandesseele alles in einem Dogmensystem sehen, und kann sie es nicht, so lehnt sie sich auf dagegen, und wir haben so entweder Dogmatismus oder Voltairismus. Der Ausgangspunkt der Philosophie von Descartes ist der Zweifel bis in die Einzelheiten hinein. Man kann verstehen, was im französischen Volk geschieht, wenn man das weiß.

[ 19 ] The French people become understandable when one realizes that the national soul directly influences the intellectual soul. I have read how, in a psychological society in a German city, people sought to explain the French national character; [the conclusion was]: It is their mathematical disposition. This disposition becomes immediately understandable when one realizes that the national soul directly engages the powers of the intellectual soul. Everything about this Western people is illuminated when one knows that it tends to take things in such a way that, despite all striving for personal freedom and national freedom, it is internally dogmatized and systematized—even into artistic activity, right down to the details of artistic activity. And we find the other side there as well. I would like to say, the negative pole of dogmatism: This is criticism, the dissolving force. On the one hand, the intellectual soul wants to see everything within a system of dogma, and if it cannot, it rebels against it, and thus we have either dogmatism or Voltaireanism. The starting point of Descartes’ philosophy is doubt, down to the finest details. One can understand what is happening in the French people when one knows this.

[ 20 ] Ich bemerke, dass eine Anzahl von Persönlichkeiten hier sitzen, die wissen, dass ich diese Dinge schon auseinandergesetzt habe seit Jahren, und dass sie nicht formuliert wurden durch die Gelegenheit der Gegenwart. Aber ich glaube, dass sie aufklärend wirken können für das, was wir jetzt so Großes, so Bedeutungsvolles und Schmerzvolles erleben.

[ 20 ] I notice that there are a number of people sitting here who know that I have been exploring these issues for years, and that they were not formulated in response to current events. But I believe they can shed light on what we are now experiencing—something so vast, so significant, and so painful.

[ 21 ] Nun zur Bewusstseinsseele. Der Teil, der am meisten hingeneigt ist dem äußeren Leben und am wenigsten hineinträgt in den ewigen Teil des Menschen, ist die Bewusstseinsseele, und sie ist bei dem britischen Volk am meisten ergriffen von der Volksseele. Sogleich wird klar der Charakter des britischen Volkes als Handelsvolk und auch der Charakter Shakespeares. Denn worauf beruht seine Größe? Dass er die einzelnen Menschen in einer so scharfen Charakteristik hingestellt hat, dass sie fest auf dem physischen Plan stehen, dass er sie in dem charakterisiert, was nicht durch die Pforte des Todes geht. Er ist dadurch so groß, dass es ihm gelungen ist, das am Menschen in so scharfer Prägung zu charakterisieren, was an ihnen nicht das Ewige ist, sondern was sie zwischen Geburt und Tod für die physische Welt ausbilden.

[ 21 ] Now, regarding the conscious soul. The part that is most inclined toward external life and contributes least to the eternal aspect of the human being is the conscious soul, and among the British people, it is the part most deeply influenced by the national soul. Immediately, the character of the British people as a commercial people—and also the character of Shakespeare—becomes clear. For what is the basis of his greatness? That he has portrayed individual human beings with such sharp characterization that they stand firmly on the physical plane; that he characterizes them in terms of what does not pass through the gate of death. His greatness lies in the fact that he succeeded in characterizing, with such sharp precision, that aspect of human beings which is not eternal, but rather what they develop for the physical world between birth and death.

[ 22 ] Nun, die deutsche Volksseele, ich könnte auch sagen: die mitteleuropäische Kultur — bei ihr ist es das Eigentümliche, dass kein einzelnes Seelenglied unmittelbar ergriffen wird, sondern dass die Volksseele sich niedersenkt zur Seele und sie in ihrem ganzen Ich ergreift, gleichsam mit dem, was aus den Quellen der geistigen Welt fließt, denn sie hat die Gabe, sich zurückzuziehen in die geistigen Welten und dort Kräfte zu holen. Daher kommt die Eigentümlichkeit der deutschen Seele, das zu erleben, was unmittelbar die Kraft des Ewigen hat, was unmittelbar wie aus dem Ewigen in die einzelnen Seelen hineinträufelt. Das Gefühl muss die Einzelseele haben können: Es lebt etwas in deiner Seele durch die Volksseele, die sich hineinsenkt in dich, was in dich getragen wird, wodurch du unmittelbar zusammenhängst mit dem, was in geistigen Höhen lebt. Daher der Idealismus, daher das stets Verjüngende der deutschen Volksseelenkraft.

[ 22 ] Well, the German national soul, or, I might also say, Central European culture—its distinctive feature is that no single aspect of the soul is directly grasped, but rather that the national soul descends into the soul and grasps it in its entirety, as it were, with that which flows from the sources of the spiritual world; for it has the gift of withdrawing into the spiritual worlds and drawing strength from there. Hence the distinctive quality of the German soul: to experience that which possesses the power of the eternal, that which trickles directly into individual souls as if from the eternal. The individual soul must be able to feel this: something lives in your soul through the national soul, which descends into you; it is carried into you, through which you are directly connected to what lives in spiritual heights. Hence the idealism, hence the ever-rejuvenating power of the German national soul.

[ 23 ] Man kann die Erzeugnisse des deutschen Geisteslebens durchgehen und die Beweise erhalten, dass der Deutsche im Gegensatz zu den anderen Völkern in diesem eigentümlichen Verhältnis steht, dass nicht die einzelnen Seelenglieder ergriffen werden von der Volksseele wie bei den westlichen und östlichen Völkern Europas, sondern das Ich, woher der Deutsche weniger fertig zu sein scheint. Ein Brite, ein Franzose ist man; ein Deutscher sucht zu werden.

[ 23 ] One can examine the products of German intellectual life and find evidence that, unlike other peoples, Germans find themselves in this peculiar situation: it is not the individual aspects of the soul that are embraced by the national soul, as is the case with the Western and Eastern peoples of Europe, but rather the “I”—a realm in which Germans seem less developed. One is a Briton or a Frenchman; one seeks to become a German.

[ 24 ] Es ist ein Ideal, weil nicht eine einzelne Seelenkraft, sondern die ganze Seele in dem immer wieder Hervorkehren der verschiedenen Seiten im allertiefsten Leben ergriffen wird. Blicken wir zu den Zeiten zurück, wo das Christentum in das junge sich bildende Deutschtum eingedrungen ist. Wie wird es aufgenommen? Man kann es an dem altdeutschen Gedicht der «Heliand» sehen. Was der einzelne Mensch — hier der Dichter des «Heliand» fühlt gegenüber den Ereignissen, sein persönliches Erlebnis wird, aber mit den Kräften, die ihn umgeben, unmittelbar zusammenhängt. Wiedergeboren wird das, was den Römern nur überliefert war, aus den jüngsten keimhaften Kräften des Dichters.

[ 24 ] It is an ideal because it engages not a single faculty of the soul, but the whole soul, as the various aspects of life continually emerge from its deepest depths. Let us look back to the times when Christianity penetrated the young, emerging German identity. How was it received? This can be seen in the Old High German poem *Heliand*. What the individual—in this case, the poet of the *Heliand*—feels in response to events becomes his personal experience, yet is directly connected to the forces surrounding him. That which had merely been handed down to the Romans is reborn from the poet’s own nascent powers.

[ 25 ] Und noch in anderen Gedichten finden wir, wie das Christentum sich [nicht] nur einlebt in das deutsche Volk, sondern geboren wird aus dem einzelnen Menschen, wie es eine persönliche Angelegenheit des Menschen wird. Es ist die Volksseele, die nicht alt werden lässt, was an den Menschen herankommt, sondern es verjüngt, dass es wie eine Pflanze in der Seele lebt und wie neu ersteht.

[ 25 ] And in other poems as well, we find how Christianity [does not] merely take root in the German people, but is born from the individual, becoming a personal matter for each person. It is the soul of the people that does not allow what touches a person to grow old, but rather rejuvenates it, so that it lives in the soul like a plant and is reborn anew.

[ 26 ] Weiter sehen wir, wie im zwölften bis vierzehnten Jahrhundert eine Weltanschauung sich ausbaut, die man die deutsche Mystik nennt, zum Beispiel bei Tauler, Meister Eckhart, bei dem unbekannten Verfasser der «Theologia Deutsch» und so weiter. Man sehe, wie die Geister eigentümlich wirken, wie sie stehen zu der geistigen Welt. Bei dem Mystiker Eckhart ist es so, dass er überzeugt ist, die geistige Welt muss unmittelbar in der Seele erlebt werden, sie muss ganz gelassen werden, sie darf nicht aus der eigenen Willkür heraus sich regen, sie muss sich geben an die durch die Welt webenden, waltenden Kräfte. Dann entzündet sich in ihr etwas, was ein Fünkchen ist, aber in diesem Fünkchen lebt Gott, das göttliche Weben und Wesen.

[ 26 ] We also see how, from the twelfth to the fourteenth century, a worldview known as German mysticism developed, as exemplified by Tauler, Meister Eckhart, the unknown author of the *Theologia Deutsch*, and so on. Observe how these minds operate in their own unique way, how they relate to the spiritual world. In the case of the mystic Eckhart, he is convinced that the spiritual world must be experienced directly in the soul; it must be surrendered to completely; it must not be stirred by one’s own arbitrary will; it must yield to the forces that weave and reign throughout the world. Then something is kindled within the soul—a tiny spark—but in this spark lives God, the divine weaving and being.

[ 27 ] Das, wo da Gott drinnenlebt, [wo da auch Christus drinnen geboren wird, das leidet] und stirbt, wenn die einzelne Seele den Leidens- und Passionsweg geht, /Lücke im Text] da hat der Meister Eckhart das Wort «Gemüt» geprägt. In dem Gemüt lebt die Welt geistig auf, und bewusst ist ihr, dass das, was der Mensch denkt, die Gottheit denkt, was der Mensch fühlt, die Gottheit fühlt, was der Mensch will, die Gottheit will, wenn er sich seinem Gott nur hingibt. Da haben wir etwas von dem vertrauten Zusammenleben des Einzelnen mit der deutschen Volksseele.

[ 27 ] That place where God dwells, [where Christ is also born, which suffers] and dies when the individual soul walks the path of suffering and passion, /gap in the text]—it is there that Meister Eckhart coined the term “Gemüt.” In the Gemüt, the world comes to life spiritually, and it is aware that what a person thinks, the Divinity thinks; what a person feels, the Divinity feels; what a person wills, the Divinity wills—provided that the person surrenders himself to his God. Here we see something of the intimate coexistence of the individual with the German national soul.

[ 28 ] Und bei dem Verfasser der «Theologia Deutsch» finden wir eine Verjüngung der deutschen Weltanschauung durch einen rhythmischen Schlag des deutschen Volksseelenlebens mit den einzelnen Repräsentanten des deutschen Volksseelenlebens. Was in früheren Zeiten dazu geführt hat, das Jesus-Leben wiedererstehen zu lassen, so wie wenn Jesus durch Deutschlands Gauen gewandert wäre mit seinen Jüngern als seinen Dienstmannen, was so persönlich das Jesus-Leben hat darstellen lassen, was das Christentum gleichsam verjüngt hat, das verjüngt neuerdings die Weltanschauung in der deutschen Mystik. Und wunderbar, wie tief die deutsche Volksseele eingreift in das persönliche Leben! Das wird deutlich, wenn wir auf einen Schüler der Mystik blicken, auf Angelus Silesius, wenn wir einen Spruch dieses Mystikers mitteilen, einen der tiefsten aus den zahlreichen Sprüchen:

[ 28 ] And in the author of *Theologia Deutsch*, we find a rejuvenation of the German worldview through a rhythmic interplay between the German national soul and the individual representatives of that soul. What in earlier times led to the revival of the life of Jesus—as if Jesus had wandered through the regions of Germany with his disciples as his servants—what portrayed the life of Jesus so personally, what, as it were, rejuvenated Christianity—that is now rejuvenating the worldview within German mysticism. And it is wonderful how deeply the German national soul penetrates into personal life! This becomes clear when we look at a disciple of mysticism, Angelus Silesius, and share one of this mystic’s sayings—one of the deepest among his many:

Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir,
Und was ich leben soll, lebt er auch für und für.

I die, yet I do not live. God Himself dies within me,
And what I am to live, He also lives forever and ever.

[ 29 ] Oh, welche Tiefen, sagen wir, nur in Bezug auf den Unsterblichkeitsgedanken! Es fühlt der, der diesen Spruch getan hat, die waltende Gottheit. Wenn ich sterbe, so ist es ebenso eine Tat der Gottheit wie, dass, wenn ich dahinlebe, es die Gottheit ist, die in mir lebt. Indem ich Gott in mir den Tod erleben lasse, bin ich mir meiner Unsterblichkeit bewusst.

[ 29 ] Oh, what depths, let us say, even just in regard to the idea of immortality! The one who uttered this saying senses the ruling divinity. When I die, it is just as much an act of the divinity as it is that, when I live on, it is the divinity that lives within me. By allowing God within me to experience death, I am aware of my immortality.

[ 30 ] Man kann sagen: Solche Unsterblichkeitsideen, die hinweisen auf eine unsterbliche Kraft in der Menschenseele, die nicht ergriffen wird durch Nachdenken über das, was jenseits des Todes liegt, sondern schon im Leben ergriffen ist von ihr, beweist der von dem deutschen Volksgeist ganz inspirierte Jakob Böhme, der einfache Schuster aus Görlitz, der tiefsinnige Philosoph. Er richtet den erleuchteten Blick auf das, was aus göttlichen Welten in seiner eigenen Seele ist. Er sah den Mut des menschlichen Erdenstrebens darin, dass die einzelne Menschenseele, die sonst hingegeben ist den Gefühlseindrücken, denen des Verstandes und so weiter, immer sich verbunden weiß mit ihrem unsterblichen Wesenskern, mit dem, was im Tode lebt, was zu sterben weiß, indem es lebend zu sterben weiß aus dem unmittelbaren Wissen heraus.

[ 30 ] One could say: Such ideas of immortality—which point to an immortal power in the human soul that is not grasped through reflection on what lies beyond death, but is already grasped by it during life—are demonstrated by Jakob Böhme, who was entirely inspired by the German national spirit: the simple cobbler from Görlitz, the profound philosopher. He directs his enlightened gaze toward what, from divine realms, resides within his own soul. He saw the courage of human striving on earth in the fact that the individual human soul—which is otherwise given over to emotional impressions, those of the intellect, and so on—always knows itself to be connected to its immortal core, to that which lives in death, to that which knows how to die by knowing how to die while still alive, out of direct knowledge.

[ 31 ] Das Erleben des Todes haben unmittelbar im Erdenleben, und dass das der Keim ist zu den Erfahrungen des Lebens, das war Jakob Böhmes Ziel. Ein Ausdruck, der erscheint wie der Ausspruch der deutschen Volksseele durch einen einzelnen Menschen, ist der folgende:

[ 31 ] Jakob Böhme’s goal was to experience death directly in earthly life and to recognize that this is the seed of life’s experiences. The following statement seems to be an expression of the German national soul through a single individual:

Wer nicht stirbt, bevor er stirbt,
Der verdirbt, wenn er stirbt.

Whoever does not die before he dies,
Will perish when he dies.

[ 32 ] Wer nicht zu Lebzeiten erfasst, was als Unsterbliches in der Seele lebt und so durch die Pforte des Todes geht, wer nicht den Tod erfasst als die Quelle des geistigen Lebens, der verdirbt, wenn er stirbt. Wir sehen höchste philosophische Anschauung, die aber zugleich durchtränkt mit elementarer Seelenkraft bis in die höchsten Höhen des Geistigen steigt.

[ 32 ] Whoever fails to grasp during their lifetime what lives as the immortal in the soul—and thus passes through the gate of death—and whoever fails to grasp death as the source of spiritual life, that person perishes when they die. We see the highest philosophical insight, which, however, is at the same time imbued with elemental soul power and rises to the highest heights of the spiritual realm.

[ 33 ] Wenn wir immer wiederum solche Gestalten des deutschen Volkstums vor unsere Seele treten sehen, so nehmen wir wahr, wie die deutsche Volksseele immer wieder verjüngend wirkt, sodass sie Geist und Seele immer wiederum als frischen Keim anfassen muss, um die ganze Leiter hinaufzugehen, um zu gehen zu den höchsten Höhen der Geistesfrüchte.

[ 33 ] Whenever we see such figures of German folklore appear before our minds’ eye, we perceive how the German national spirit continually has a rejuvenating effect, so that it must time and again take hold of mind and soul as fresh seeds in order to climb the entire ladder and reach the highest peaks of spiritual fruits.

[ 34 ] Und nachdem vorübergegangen ist sengend und brennend die Verwüstung des Dreißigjährigen Krieges, sehen wir neuerdings die deutsche Volksseelenkraft eingreifen in das ganze Volksleben. [Lücke im Text] Wie geradezu bewusst Lessing darauf hinweist, dass eine Wahrheit deshalb nicht töricht zu sein braucht, weil sie ursprünglich bei den Menschen auftrat, die noch nicht durch die Sophistereien der Schulen verdorben waren — er meint die große Wahrheit von den wiederholten Erdenleben —, dass das gesamte Erdenleben so verläuft, dass es durch verschiedene Erdenleben hindurchgeht. Er spricht das aus in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts». Die ganz gescheiten Menschen sagen: Er ist alt geworden, als er das schrieb. Er aber war sich bewusst, dass er in der «Erziehung des Menschengeschlechts» die gesamte Entwicklung zur Darstellung brachte, welche ebenso hergeholt ist aus den elementaren Seelenkräften und zugleich zu den höchsten Höhen des Geisteslebens führt. Was so entsteht, das entsteht durch den vertrauten Umgang der Volksseele mit den gesamten Seelenkräften.

[ 34 ] And now that the scorching and devastating ravages of the Thirty Years’ War have passed, we are once again seeing the vitality of the German spirit take hold in the life of the entire nation. [Gap in the text] Lessing points out quite deliberately that a truth need not be foolish simply because it originally arose among people who had not yet been corrupted by the sophistry of the schools—he is referring to the great truth of repeated earthly lives—and that the entire course of earthly life unfolds in such a way that it passes through various earthly lives. He expresses this in his *Education of the Human Race*. Very clever people say: He was getting old when he wrote that. But he was aware that in *The Education of the Human Race* he presented the entire development, which is drawn just as much from the elementary soul forces as it leads to the highest heights of spiritual life. What arises in this way arises through the familiar interaction of the national soul with the entire range of soul forces.

[ 35 ] So ist es auch wiederum bei Herder, der den großen Überblick gab in der «Geschichte der Menschheit», die die gesamte Natur der Seele umfasste, die elementarsten Seelenkräfte und die höchsten philosophischen Kräfte. Viel, viel kann man erwähnen, wie die Volksseele in der Goethe-Seele lebt. Es ist bemerkenswert, dass wir gewahr werden, dass wiederum in ihm ein dichterisches Werk entstehen konnte, das innerhalb keiner anderen Kultur hätte entstehen können. Wenn die deutsche Volksscele die Eigentümlichkeit, dass sie nicht die einzelnen Seelenkräfte, sondern die ganze Seele ergreift, so ergreift sie das Unsterbliche im Sterblichen, und die Persönlichkeit wird zum Träger des Ewigen. Daher konnte Goethes «Faust» nur innerhalb der deutschen Kultur entstehen. Er enthält alles dasjenige in der menschlichen Secle, all das Streben nach den allerersten Anfängen des Geisteslebens, die bewusst wieder gesucht werden, nachdem alles Traditionelle abgeworfen ist. Wie ist das dargestellt?

[ 35 ] This is also true of Herder, who provided a broad overview in his *History of Mankind*, which encompassed the entire nature of the soul—from its most elementary powers to its highest philosophical faculties. There is much, much more that could be said about how the folk soul lives within the Goethean soul. It is remarkable that we come to realize that, once again, a poetic work could emerge from him that could not have arisen within any other culture. If the German national soul has the distinctive quality of grasping not the individual powers of the soul but the whole soul, then it grasps the immortal within the mortal, and the personality becomes the bearer of the eternal. That is why Goethe’s *Faust* could only have come into being within German culture. It contains everything in the human soul—all the striving toward the very earliest beginnings of spiritual life—which are consciously sought again after everything traditional has been cast aside. How is this portrayed?

[ 36 ] Vergleichen wir, wie die deutsche Volksseelenkraft inspiriert das deutsche Volk im Verhältnis zum französischen Volk. In beiden lebt das Griechische auf. Aber wie lebt es bei den französischen Dichtern auf? Es wird studiert, die Regeln werden übernommen und so weiter. Wie aber ist es bei Goethe? Schon in der «Iphigenie» ist das Griechische nicht herübergenommen, sondern neu, verjüngt wiedergeboren. Und im «Faust» haben wir den Zusammenschluss mit dem, was er als Griechentum ansah: Helena wird wiedergeboren für Faust. Er wird jung, um sich mit der Repräsentantin des Griechentums zu verbinden. Der alt gewordene Faust wirft von sich das Alte, den Verjüngungstrank sucht er. Was geschichtlich gegeben ist, muss verjüngt in Verbindung mit Faust gebracht werden. Das fordert die ganze Kraft, diese verjüngende Kraft der deutschen Volksseele.

[ 36 ] Let us compare how the German national spirit inspires the German people in relation to the French people. In both, the Greek spirit is revived. But how is it revived among the French poets? It is studied; the rules are adopted, and so on. But how is it with Goethe? Even in *Iphigenia*, the Greek spirit is not merely borrowed but is reborn anew, rejuvenated. And in *Faust*, we see the union with what he regarded as the Greek spirit: Helen is reborn for Faust. He becomes young in order to unite with the embodiment of the Greek spirit. Faust, now grown old, casts off the old and seeks the elixir of youth. What is historically given must be rejuvenated and brought into connection with Faust. This demands the full force—the rejuvenating power—of the German national soul.

[ 37 ] Wir können sie überall verfolgen in allen Einzelheiten des deutschen Geisteslebens! Das ist dasjenige, was durch ein Drinnenstehen in der Substanz der deutschen Volksseele zum Bewusstsein kommen lässt. Man schaut, man fühlt, man empfindet in ihr eine stets verjüngende Kraft. Wie auch die gegenwärtige Kultur ist, die verjüngende Kraft wird bleiben dadurch, dass in verschiedenen Epochen immer wieder verjüngend ihr Zauberhauch eratmet werden wird. Das ist Eigentümlichkeit gerade der mitteleuropäischen Kultur. Diese Hoffnung und Zuversicht, die unmittelbar zur Kraft wird, die bedingt den nicht oberflächlichen, sondern den in die Tiefe gehenden Optimismus des Deutschen, der auch in allen Philosophien mit dem Idealismus verbunden ist. Wer wirklich imstande ist, heranzutreten an das, was deutsche Volksseelenkraft hervorgebracht hat, der kann nicht an der Menschheit verzweifeln, sondern kommt stets zu einem Glauben an die Menschheit, und zwar zu einem geistigen Glauben an die Menschheit.

[ 37 ] We can trace it everywhere in every detail of German intellectual life! This is what becomes conscious through being immersed in the very substance of the German national soul. One sees, one feels, one senses in it a constantly rejuvenating force. Whatever the state of contemporary culture may be, this rejuvenating force will endure because, in various epochs, its magical breath will be breathed anew, time and again. This is a distinctive feature of Central European culture in particular. This hope and confidence, which immediately becomes a source of strength, is what gives rise to the German people’s optimism—not a superficial one, but one that runs deep—which is also linked to idealism in all philosophies. Anyone who is truly capable of approaching what the German national spirit has produced cannot despair of humanity, but will always arrive at a faith in humanity—namely, a spiritual faith in humanity.

[ 38 ] Das wird sehr bedeutungsvoll, wenn man hinschaut auf Geister, welche in die Menschheit den Blick hineinrichten, um zu suchen nach etwas, was gute Hoffnung [auf] der Menschen Weiterentwicklung geben kann, und die nichts finden können, die die europäische Kultur wie abgestorben glauben. Keiner kann die europäische Kultur als alt geworden betrachten, der vermag das Verhältnis der Volksseele zu der deutschen Einzelseele zu verstehen. Wer die europäische Kultur für alt hält, der versteht dann das eben nicht.

[ 38 ] This becomes very significant when one considers the spirits who turn their gaze toward humanity in search of something that can offer hope for humanity’s further development, and who find nothing—those who believe European culture to be dead. No one who is able to understand the relationship between the national soul and the individual German soul can regard European culture as having grown old. Anyone who considers European culture to be old simply does not understand this.

[ 39 ] Daher haben wir einen Intellektuellen Russlands, der gesucht hat nach dem, was die Menschheit beglücken kann, und nichts finden kann, was aus dieser Volksseelenkultur herausgewachsen ist. Er wendet den Blick überallhin und findet nichts. Herzen meine ich, den großen Russen, der so klein wurde vor sich selbst, wenn er hatte verstehen wollen mitteleuropäische Kultur. Folgender Ausspruch Herzens wirft sogleich Licht auf die Art, wie die osteuropäische, anarchische Seele Trostlosigkeit erblickt, wo blühendes Leben zu erblicken ist für den, der mitteleuropäisches Seelenleben verstehen kann. Er schließt geistig ein Bündnis mit einem Engländer, mit Stuart Mill und sagt:

[ 39 ] Thus we have a Russian intellectual who has sought what might bring happiness to humanity, yet can find nothing that has sprung from this culture of the national soul. He looks everywhere and finds nothing. I mean Herzen, the great Russian who became so small in his own eyes when he tried to understand Central European culture. The following statement by Herzen immediately sheds light on the way the Eastern European, anarchic soul perceives desolation where, for those who can understand Central European spiritual life, a flourishing life is to be seen. He forms a spiritual alliance with an Englishman, with Stuart Mill, and says:

Mill übertreibt nicht, wenn er von der Einengung des Verstandes, von der beständigen Verflachung des Lebens, der Reduzierung desselben in kaufmännischer Kultur spricht. Er sagt, dass England zu China werden wird, und wir setzen hinzu, nicht England allein.

Mill is not exaggerating when he speaks of the narrowing of the mind, of the constant trivialization of life, and of its reduction in a commercial culture. He says that England will become like China, and we would add: not England alone.

[ 40 ] Das sagt Herzen, der kein Verständnis hat für das, was den Mitteleuropäer mit höchster Lebenskraft erfüllen muss. Und weiter sagt er:

[ 40 ] This is what Herzen says, a man who has no understanding of what must fill Central Europeans with the greatest vitality. And he goes on to say:

Vielleicht rettet uns ein Zufall vor chinesischer Ausdörrung.

Perhaps a stroke of luck will save us from Chinese desiccation.

[ 41 ] Hätte er Goethe verstanden, so wäre ein solcher Ausspruch unmöglich! Weiter sagt Herzen:

[ 41 ] If he had understood Goethe, such a statement would have been impossible! Herzen goes on to say:

Wo ist der höchste Gedanke, das heißt hoffen, was die Herzen härtet, dass sie weder Schmerz noch Leiden fühlen. Seht Euch um, was vermag die Herzen zu erheben.

Where is the loftiest thought—that is, the hope—that hardens hearts so that they feel neither pain nor suffering? Look around you—what is capable of lifting hearts?

[ 42 ] Dass diejenige Kraft, welche in Goethe die höchsten dichterischen und philosophischen Blüten getrieben hat, dieselbe Kraft ist, die heute die zahllosen Opfer, die Todes- und Schmerzensopfer bringt, das ist es, was sich uns zugleich aus dem ganzen Zusammenhang des deutschen Lebens darstellt.

[ 42 ] That the very force which brought forth the highest poetic and philosophical achievements in Goethe is the same force that today produces countless sacrifices—sacrifices of death and suffering—is what becomes clear to us from the overall context of German life.

[ 43 ] Und dieses deutsche Leben, ist es denn immer in der Welt so verkannt worden wie jetzt, wo von allen Seiten ihm zugerufen wird, es sei ein Leben von «Barbaren»? Nicht nur, dass Mitteleuropa wie eine große Festung mit der Absicht von Aushungerung eingeschlossen wird, nein, geschimpft und geschmäht wird es zugleich von allen Seiten. Da und dort erheben sich auch freundliche Stimmen, so zum Beispiel von einem Rumänen, der die Worte ausruft:

[ 43 ] And this German way of life—has it always been so misunderstood in the world as it is now, when people from all sides are shouting that it is the life of “barbarians”? Not only is Central Europe being encircled like a great fortress with the intent of starving it out, but it is also being reviled and vilified from all sides. Here and there, friendly voices are also being raised, such as that of a Romanian who exclaims:

Alle diejenigen, die in Frankreich studiert und inmitten des französischen Volkes gelebt haben, haben sich beeilt, mit allerlei Lobliedern die Spalten der Zeitungen zu füllen. Warum antwortet ihr, die ihr deutsche Gastfreundschaft genossen, diesen Leuten nicht, dass diese Barbaren die besten Schulen, Kliniken, Universitäten und so weiter besitzen? Dass man euch mit offenen Armen überall aufgenommen hat! Warum antwortet ihr nicht, dass diese Barbaren, die eure Lehrer waren, unfähig sind, solche Verbrechen zu begehen? [Warum antwortet Ihr nicht?!]

All those who have studied in France and lived among the French people have rushed to fill the columns of the newspapers with all sorts of praise. Why don’t you—who have enjoyed German hospitality—tell these people that these “barbarians” have the best schools, hospitals, universities, and so on? That you were welcomed everywhere with open arms! Why don’t you tell them that these “barbarians,” who were your teachers, are incapable of committing such crimes? [Why don’t you tell them?!]

[ 44 ] Nicht immer waren diese Stimmen so selten. Es ist unbehaglich für einen Mitteleuropäer, von sich selbst aus das deutsche Wesen in Werturteilen zu charakterisieren. Was ich gesagt habe, das, ich weiß es, ist ebenso sicheres geisteswissenschaftliches Forschungsresultat, wie die Gesetze des Sonnenspektrums ein wissenschaftliches Forschungsresultat sind. Aber es ist unbehaglich für einen Deutschen, Werturteile zu fällen über das deutsche Wesen, daher seien zunächst andere gehört. Zuerst Emerson, der große amerikanische Lehrer. In seinen Betrachtungen über Goethe hat er geschrieben, als wenn irgendein Bewusstsein vorhanden wäre, wie die deutsche Volksscele zu der Einzelseele steht, und von dem Unterschied zwischen Osten und Westen Europas:

[ 44 ] These voices were not always so rare. It is uncomfortable for a Central European to characterize the German character in terms of value judgments on his own initiative. What I have said—and I know this—is just as certain a finding of research in the humanities as the laws of the solar spectrum are a finding of scientific research. But it is uncomfortable for a German to pass value judgments on the German character; therefore, let us first hear from others. First, Emerson, the great American teacher. In his reflections on Goethe, he wrote as if there were some awareness of how the German national character relates to the individual soul, and of the difference between Eastern and Western Europe:

Eine [Eigenschaft] vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit

One [quality] in particular, which Goethe shares with his entire nation, makes him an exceptional figure in the eyes of both French and English audiences: that everything about him is based solely on inner truth. In England and America, talent is respected, but people are satisfied only when it works for or against a party in accordance with their convictions. In France, people are delighted simply to see brilliant ideas, no matter where they lead. In all these countries, however, gifted men write to the best of their ability. If what they present stimulates the discerning reader and contains nothing that offends good taste, it is considered sufficient. So many columns, so many hours spent pleasantly and usefully. The German spirit possesses neither the French vivacity nor the English understanding, which is sharply focused on practical matters, nor, finally, the American spirit of adventure

[ 45 ] — wie gesagt, ein Amerikaner schreibt das in englischer Sprache —,

[ 45 ] — as I said, an American is writing this in English —,

allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? — Woher hat er all diese Gedanken?

Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.

Die Deutschen denken für Europa.

Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.

All he possesses is a certain probity that never stops at the outward appearance of things, but always returns to the central question: “Where is this leading?” The German public demands that a writer rise above things and simply speak his mind. Intellectual vivacity is present—very well: What does it stand for? What is this man’s opinion? Where does it come from?—Where does he get all these thoughts?

The English [...] see only the individual; they do not know how to conceive of humanity as a whole according to higher laws.

The Germans think for Europe.

The English do not grasp the depth of the German genius.

[ 46 ] Es lebt da etwas in diesen Worten, was wie ein Echo dessen erscheinen kann, dessen, was aus dem vertrauten Umgang der Volksseele mit dem einzelnen Menschen hervorgehen kann. Und weiter sagt Emerson:

[ 46 ] There is something alive in these words that may seem like an echo of what can emerge from the familiar interaction between the collective soul of the people and the individual. And Emerson goes on to say:

Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist. Er macht mich neugierig. Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.

For this reason, the terms of distinction commonly used in high-level conversation are all of German origin. While the English and French—who are celebrated for their acumen and erudition—view their studies and their standpoint with a certain superficiality, and their personal character bears only a shallow connection to what they have grasped, and the way they express themselves—there is not a very deep connection, whereas Goethe, the head and the essence of the German nation, speaks not because he has talent, but because truth concentrates its rays in his soul and shines forth from it. He is wise to the highest degree, even if his wisdom is often veiled by his talent. How excellent is what he says; yet he has something in mind that is even better. He makes me curious. He possesses that awe-inspiring independence that springs from communion with the truth.

[ 47 ] Man könnte sagen: Nun ja, das hat einmal Emerson gesagt, der weit fort in Amerika gelebt hat. Wir haben es hören müssen: Die Deutschen, die jetzt leben, sind nicht dieselben, wie sie waren. Sogar der französische Philosoph Bergson hat gesagt, wie die Deutschen mechanisch geworden sind. Es ist sonderbar, wie aus diesen Tagen heraus ein Mann, der ein Philosoph sein will, zu seinem Urteil kommen will: Er sehnt das Urteil wohl herbei! Das weiß er, dass Deutsche große Gedanken gehabt haben. Er scheint das Gefühl zu haben, dass, wenn von allen Seiten her Kanonen und Flinten sich gegen Deutsche stellen, dass dann diese demgegenüber Gedichte von Novalis oder Goethe deklamieren sollten.

[ 47 ] One might say: Well, that’s what Emerson once said, who lived far away in America. We’ve had to hear it: The Germans living today are not the same as they used to be. Even the French philosopher Bergson remarked on how mechanical the Germans have become. It is strange how, in these times, a man who aspires to be a philosopher seeks to reach his judgment: he surely longs for that judgment! He knows that Germans have had great thoughts. He seems to feel that, when cannons and rifles are turned against the Germans from all sides, they should respond by reciting poems by Novalis or Goethe.

[ 48 ] Merkwürdige Logik geht heute überhaupt durch die Welt. Wenn darüber gesprochen wird: «Wer hat diesen Krieg gewollt», und von Engländern, Franzosen und Russen und so weiter behauptet wird: «Wir haben ihn nicht gewollt», so könnte man sagen: «Ja, das glauben wir auch!» Es kommt aber nicht darauf an, was man sagt, sondern darauf, ob man das Betreffende sagen kann. Wenn fünf Menschen drohend um ein Haus herumstehen, und der darin wohnt, das sieht, und er fordert sie auf, sie sollen fortgehen, und sie dann, weil sie es nicht tun, durchprügelt, so können die fünf auch sagen: «Wir haben die Prügel nicht gewollt!»

[ 48 ] Strange logic is running rampant in the world today. When people ask, “Who wanted this war?” and the British, French, Russians, and so on claim, “We didn’t want it,” one might say, “Yes, we believe that too!” But what matters is not what one says, but whether one can say it. If five people stand menacingly around a house, and the person living inside sees them and tells them to leave, and then, because they refuse, beats them up, the five can still say, “We didn’t want to be beaten!”

[ 49 ] Man kann nicht sagen, dass das Urteil, das Emerson über die deutschen «Barbaren» gefällt hat, etwa schon veraltet ist, aber doch wird man meinen, dass diejenigen besser urteilen können, die sich in deutsche Geistessubstanz eingelebt haben.

[ 49 ] One cannot say that Emerson’s judgment of the German “barbarians” is already outdated, but one might think that those who have immersed themselves in the German intellectual tradition are better equipped to judge.

[ 50 ] Da ist einige Jahre vor dem Krieg ein Buch von einer Engländerin herausgekommen, betitelt: «Eight Years in Germany». Sie hat deutsche Schulen, Kliniken und so weiter besucht und schreibt, nachdem sie deutsches Wesen kennengelernt hat, das Folgende:

[ 50 ] A few years before the war, a book by an Englishwoman was published, titled *Eight Years in Germany*. She visited German schools, hospitals, and so on, and after getting to know the German character, she wrote the following:

Wir lesen viel vom neuen Deutschland und neuem deutschen Geist. Das Bestehende ist das gereifte Werk von Generationen? Geblendet durch den Glanz von Deutschlands Reichtum, sind wir geneigt zu vergessen, dass es außer dem Wohlstand nie einen anderen als den allervordersten Platz eingenommen hat. In der Literatur hat es von jeher Impulse gegeben, in der Wissenschaft hat es von jeher geleuchtet, in der Musik von jeher dominiert.

We read a lot about the new Germany and the new German spirit. Is what exists today the matured work of generations? Blinded by the glitter of Germany’s wealth, we tend to forget that, apart from prosperity, it has never occupied any place other than the very forefront. In literature, it has always provided inspiration; in science, it has always shone; in music, it has always dominated.

[ 51 ] Und nun das Folgende. Ich weiß nicht, ob sie es jetzt noch geschrieben hätte, aber etwa zwei Jahre vor dem Kriege hat sie es getan:

[ 51 ] And now the following. I don't know if she would have written it now, but she did so about two years before the war:

Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz, und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]

An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen? Deutschland weiß das ganz genau.

Forty years ago, Germany was fighting for its very existence, and it is still fighting for it today. It is completely wrong to believe that Germany has already reached its peak. It is waging a quiet but determined struggle against powerful rivals whose power and experience were built up generations ago. [...]

At every border and across the waters, its adversaries—both commercial and political—lie in wait, eagerly anticipating the moment when Germany shows even the slightest sign of weakness so they can pounce and bring it down. Germany knows this all too well.

[ 52 ] Die Gründe, warum deutsches Volksseelenwesen so wenig verstanden wird, können begriffen werden. Es kann etwas hineindringen nach Westen von dem deutschen Volksseelenwesen — nach Osten weniger —, aber es wird im Westen abgestoßen, weil er nichts wissen will in dem dogmatischen Charakter von dem, was lebendig mitleben will in der ganzen Seele. Es ist ein gewisses Verständnis da, aber zugleich ein Nicht-Wollen, sich dies ganz in die Seele hineinwachsen zu lassen.

[ 52 ] The reasons why the German national soul is so poorly understood can be grasped. Some aspect of the German national soul may penetrate into the West—less so into the East—but it is rejected in the West because, in its dogmatic nature, the West does not want to acknowledge what seeks to live and breathe within the whole soul. There is a certain degree of understanding, but at the same time a reluctance to allow this to take full root in the soul.

[ 53 ] Etwa anderthalb Jahre vor Ausbruch des Krieges wurden in Manchester Vorlesungen gehalten. Sie sind veröffentlicht worden und waren sehr interessant, und die Gelehrten erzählen in der Vorrede, warum sie dieselben halten: Die englischen Journalisten sollten etwas besser über deutsche Verhältnisse aufgeklärt werden. Über die unmittelbare Gegenwart wurde von dem Gelehrten Herford gesagt, dass es im großen Ganzen außer Frage sei, dass die Herstellung des deutschen Reiches dem Frieden förderlich gewesen ist. [Lücke im Text] Die Geschichte sollte etwas mehr sein als ein Kinematograf und das höhere Licht auf die Dinge werfen:

[ 53 ] About a year and a half before the outbreak of the war, a series of lectures was given in Manchester. They have been published and were very interesting; in the preface, the scholars explain why they gave them: to provide English journalists with a better understanding of German conditions. Regarding the immediate present, the scholar Herford stated that, on the whole, there was no question that the establishment of the German Empire had been conducive to peace. [Gap in the text] History should be more than just a cinema and should shed a higher light on things:

Im Ganzen und Großen ist es außer Frage

All in all, there is no question that

[ 54 ] — heißt es da —,

[ 54 ] — it says there —,

dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anders ist als ein ewig sich verändernder blendender Kinematograf. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund. [...] Es lässt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866–1871 machten ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege, welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte; sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.

that the establishment of the German Empire has been conducive to world peace. This statement will seem strange to those who know nothing but the events of the present and for whom history is nothing more than an ever-changing, dazzling movie. But history should be something more than that. It is fitting to let the light of the past shine upon the chaotic turmoil of the present, and in that higher light, things that appear hurtful will take on a natural appearance. For when we look to the past, we find that our ancestors regarded France with far greater fear than even the wildest rabble-rousers today fear Germany. And our ancestors’ fear had good reason. [...] To sum it all up, it can thus be shown that the founding of the German Empire was a boon for Europe and, therefore, for Great Britain as well. For the events of the years 1866–1871 put an end, once and for all, to the possibility of waging wars of plunder against the hitherto unprotected heart of Europe, thereby eliminating a temptation to war that had so often led France astray in earlier centuries; they enabled the German people to develop their political capabilities, which had hitherto been stunted, and they helped to establish, on a secure foundation, a new European system that has maintained peace for forty years. This blessing stemmed from the fact that German unity achieved in a single stroke what Great Britain, despite all its expenditure of blood and money, had never been able to accomplish—namely, securing the balance of power so decisively that a major war became the most dangerous of all ventures.

[ 55 ] Wenn man sich gegenüber diesen Dingen an die Stirne greifen muss und sich fragt, was vorliegt in den Seelen derjenigen, die das geschrieben haben, so muss man einiges Verständnis haben für die Eigentümlichkeit der europäischen Volksseelen, um zu begreifen, warum man außerhalb Deutschlands [es] so wenig verstehen kann. Nur erleuchtete Geister können das.

[ 55 ] When one is left scratching one’s head at these things and wonders what lies in the souls of those who wrote them, one must have some understanding of the peculiarities of the European national character to grasp why people outside Germany find it so difficult to understand. Only enlightened minds can do so.

[ 56 ] Ein Mystiker, der Wunderschönes geschrieben hat, sei noch erwähnt. Er hat gestanden, dass er an drei Mystikern Großes erlebt habe. Der eine ist Novalis, der aus seinem vertrauten Umgang mit der deutschen Volksseele so Großes gewonnen hat. Er gebraucht schöne Worte, um ihn zu charakterisieren. Er sagt: Auf der Erde geht so viel vor, was eigentlich nur Erdenseelen interessieren kann, so das, was zum Beispiel die Shakespeare’sehen Personen tun. Aber wenn andere Wesen aus anderen Planeten herunterblicken könnten, was könnte sie daran interessieren? Und er fragt sich, ob es etwas gibt, was auch andere Geister interessieren kann, und findet in Novalis” Schriften etwas von dem, was nicht nur Erdenseelen interessiert, sondern auch solche Wesen, die herunterkommen aus himmlischen Höhen. Was die menschliche Seele kaum in Worten hervorzubringen vermag, das ist es, wovon er spricht, wovon man am liebsten schweigen möchte, wo die wahre Natur erst beginnt. Er sagt:

[ 56 ] One mystic who has written some truly beautiful works deserves mention here. He confessed that he had experienced something profound through three mystics. One of them is Novalis, who gained so much from his intimate connection with the German national soul. He uses beautiful words to characterize him. He says: So much happens on Earth that can really only interest earthly souls—such as, for example, what Shakespeare’s characters do. But if other beings from other planets could look down upon us, what might interest them? And he wonders if there is anything that might also interest other spirits, and finds in Novalis’s writings something that interests not only earthly souls but also those beings who descend from heavenly heights. What the human soul can scarcely put into words—that is what he speaks of, what one would most like to keep silent about, where true nature first begins. He says:

Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie

But if he needed further proof, it would be

[ 57 ] — das heißt also wahrscheinlich die Seele —

[ 57 ] — which probably means the soul —

ihn unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich um eine Stufe erhebt und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst erfüllt, aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich erst an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich [nur] im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, die ihr ähneln und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer fremden Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; aber [die Menschen, von denen ich rede, sind] in ihren Werken aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht zur irdischen Gemeinde zählen.

count him among those whose works border on silence. She would open the gate to the realm where some loved her for her own sake, without concerning themselves with the subtle gestures of her body. Together they would ascend to the lonely plateaus, where consciousness rises to a higher level and where all those filled with restlessness about themselves gaze intently at the immense ring that links the world of phenomena with our higher worlds. She would go with him to the boundaries of humanity; for at the point where man seems to end, he probably only begins, and his most essential and inexhaustible parts lie [only] in the invisible, where he must be constantly on guard. Only at these heights are there thoughts that the soul can approve of, and ideas that resemble it and are as commanding as the soul itself. There, humanity reigned for a moment, and these dimly lit peaks are perhaps the only lights that herald the Earth in the realm of the spirit. Their reflection truly bears the color of our soul. We sense that the passions of the mind and body would resemble the tolling of bells in the eyes of an alien reason; but [the people of whom I speak] have, in their works, emerged from the small village of passions and have spoken words that are of value even to those who do not belong to the earthly community.

[ 58 ] So schätzte dieser erleuchtete Geist Novalis ein. Wer ist es, der so spricht? Wohl einer, der solche Schreier, die jetzt über deutsche «Barbarei» schimpfen, zur Rechenschaft fordert? Der sich wenden wird gegen solche Worte wie:

[ 58 ] This is how this enlightened mind assessed Novalis. Who is it that speaks thus? Surely someone who calls such loudmouths—who are now railing against German “barbarism”—to account? Someone who will turn against words such as:

In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.

In truth, it is difficult to listen to one's soul and hear its faint, childlike voice amid the useless clamor that surrounds it.

[ 59 ] Die Worte, die der erleuchtete Mann über Novalis geschrieben, die sind von Maeterlinck. Und die Worte über den Schreier sind auch von ihm. Solche Dinge erleben wir jetzt; sie charakterisieren unsere Zeit unmittelbar durch sich selbst, ohne dass man dieses oder jenes besonders hinzuzusetzen braucht.

[ 59 ] The words that the enlightened man wrote about Novalis are by Maeterlinck. And the words about the crier are also by him. We are experiencing such things now; they directly characterize our time in and of themselves, without the need to add this or that in particular.

[ 60 ] Die erwähnten Vorträge, die in Manchester gehalten worden sind, sind herausgegeben und auch ins Deutsche übersetzt. In der Vorrede sind einige Worte, die also auch in englischer Sprache zu lesen sind:

[ 60 ] The lectures mentioned, which were given in Manchester, have been published and also translated into German. The preface contains a few words that can therefore also be read in English:

Die Quelle des Stromes seines geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret und praktisch.

The source of the current of his intellectual and political life lies in the Reformation. At the end of the eighteenth and the beginning of the nineteenth century, however, a movement unique in world history began to flow in a way that has been as uninterrupted as it has been characteristic ever since. Since the days of ancient Greece, the world has not witnessed such a spectacle of the closest fusion of the life of the statesman with that of the thinker. The spirit of today’s Germany is, to a high degree, concrete and practical.

[ 61 ] Der das sagt, ist Lord Haldane.

[ 61 ] The person saying this is Lord Haldane.

[ 62 ] Wenn wir bedenken, wie verschieden in Bezug auf das ganze Volksgepräge die europäische Mitte und der europäische Osten sein müssen, so kann man es begreiflich finden, dass da einmal eine mächtige Auseinandersetzung kommen musste. Diese Auseinandersetzung sahen Menschen heraufkommen, die ordentlich sehen wollten. Wir hören heute von allen Seiten herrufen: Die Deutschen haben diesen Krieg gewollt. Wer ihn gewollt hat, wer aus dem besonderen Charakter seines Volksstrebens heraus ihn seit Langem wollen musste, das sahen einigermaßen aufgeklärte Geister schon immer. Ein Mann, der gar nicht besonders deutschem Wesen geneigt ist, schreibt:

[ 62 ] When we consider how different Central Europe and Eastern Europe must be in terms of their overall national character, it is understandable that a major conflict was bound to arise there at some point. People who were willing to look clearly saw this conflict coming. Today we hear cries from all sides: “The Germans wanted this war.” Who wanted it—and who, given the particular nature of their national aspirations, had long been bound to want it—has always been clear to reasonably enlightened minds. A man who is by no means particularly sympathetic to the German character writes:

Was mich nun betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, dass ein Konflikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, dass derselbe sich entweder durch den Orient, speziell die Türkei, oder durch den Nationalitätenstreit in Österreich, vielleicht durch beide, entzünden und dass Russland in demselben die Führerschaft auf der einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf die Eventualität vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und Flammen gegen Deutschland. [...] Die deutsche Presse lässt schon jetzt ihre Warnungsrufe erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Russland sich sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und, wie es scheint, wird es jetzt in Petersburg zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wieder einmal aufzunehmen.

Wenn das Mittelmeer einst, nach dem mehr pompösen als wahren Ausdruck, «ein französischer See» werden sollte, so hat Russland die noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meere einen russischen See und aus dem Marmarameer einen russischen Teich zu machen. Dass Konstantinopel eine russische Stadt, Griechenland ein direkter Vasallenstaat Russlands werden müsse, ist ein feststehender Zielpunkt der russischen Politik, die ihre Unterstützungshebel in der gemeinsamen Religion und in dem Panslawismus findet.

As for me, I have not a moment’s doubt that a conflict between the Germanic and Slavic worlds is imminent, that it will be sparked either by the East—specifically Turkey—or by the ethnic strife in Austria, perhaps by both, and that Russia will assume leadership on one side in this conflict. This power is already preparing for this eventuality; the Russian nationalist press is spewing fire and brimstone against Germany. [...] The German press is already sounding its warnings. A long time has passed since Russia regrouped after the Crimean War, and, it seems, it is now deemed expedient in St. Petersburg to take up the Eastern Question once again.

If the Mediterranean were ever to become, to use an expression more pompous than true, “a French lake,” Russia has the even more concrete intention of turning the Black Sea into a Russian lake and the Sea of Marmara into a Russian pond. That Constantinople must become a Russian city and Greece a direct vassal state of Russia is a fixed objective of Russian policy, which finds its leverage in the shared religion and in Pan-Slavism.

[ 63 ] So sahen die Geister, die sehen wollten, wie die Kräfte, die in Europa wirkten, allmählich diese Zeit heraufbrachten. Das ist im Jahre 1870 geschrieben worden!

[ 63 ] This is how the spirits who wished to see it perceived how the forces at work in Europe were gradually bringing about this era. This was written in 1870!

[ 64 ] Der Gegensatz vom Osten Europas gegen Mitteleuropa war immer da, sodass die Logik der Frage: «Wer hat diesen Krieg gewollt?», die fadenscheinigste ist, weil das Volk, dessen Seele wie eine Wolke über ihm schwebt, den Wunsch hat nach Ausbreitung, und weil nicht das allergeringste Verständnis da ist für das, was in Mitteleuropa geleistet worden ist. Es wurde in Russland aufgenommen, aber wie das geschah, ist wiederum ganz charakteristisch.

[ 64 ] The contrast between Eastern Europe and Central Europe has always existed, so that the logic behind the question: “Who wanted this war?” is the most flimsy of arguments, because the people—whose spirit hovers over them like a cloud—have a desire for expansion, and because there is not the slightest understanding of what has been accomplished in Central Europe. It was accepted in Russia, but the way this happened is, once again, quite characteristic.

[ 65 ] Es ist richtig, so wie es Herman Grimm sagt, dass der Engländer Mr Lewes ein bedeutendes Buch über Goethe schreiben wollte. Er hat aber nur von einem Mann erzählt, der zufällig in Frankfurt am Main geboren ist und zufällig in Weimar gestorben ist, der diese und jene Erfahrung gemacht hat und diese und jene Werke geschrieben hat. Aber die Seele Goethes lebt nicht darin, weil ihm seine Seele durch die Finger schlüpft. Er sieht nur, was er dogmatisieren kann; er sieht nur das von Goethe, was sich breit auf die Erde stellt — das Geburts- und Todesdatum und so weiter. Er weiß, wie die Titel der Werke heißen und so weiter. Dasjenige, was Goethe aber wirklich gewesen ist, dass er der Repräsentant des Zwiegespräches gewesen ist des einzelnen Deutschen mit der deutschen Volksseele, das ahnt er nicht.

[ 65 ] It is true, as Herman Grimm says, that the Englishman Mr. Lewes wanted to write an important book about Goethe. But he only told the story of a man who happened to be born in Frankfurt am Main and happened to die in Weimar, who had this or that experience and wrote this or that work. But Goethe’s soul does not live within it, because his soul slips through his fingers. He sees only what he can dogmatize; he sees only that part of Goethe which stands firmly on the ground—the dates of birth and death, and so on. He knows the titles of the works and so on. But what Goethe truly was—that he was the representative of the dialogue between the individual German and the German national soul—he has no inkling of.

[ 66 ] So wie nach drüben, nach dem Westen die Erscheinung so wirkt, dass sich die inneren Passionen dagegen aufbäumen und in das Grobe umsetzen, aber in das Dogmatische, so wirkt dasjenige im Osten — wie gesagt, sie haben es oftmals willig aufgenommen —, was bei den Deutschen unmittelbares Erlebnis ist, im Osten so, dass es dort zum Gedankengespinst wird. Weil der Russe das Gefühl hat: das muss hinaufgetragen werden in die Wolke, die über ihm schwebt, wird es gespensterhaft, schattenhaft.

[ 66 ] Just as over there, in the West, the phenomenon has the effect of causing inner passions to rebel against it and manifest in a coarse, dogmatic form, so too does that which is a direct experience for Germans—as I said, they have often willingly embraced it—take on a form in the East that turns it into a web of abstract thought. Because the Russian feels that this must be carried up into the cloud hovering above him, it becomes ghostly, shadowy.

[ 67 ] Sogar der große Philosoph Solowjow schwebt in dieser Wolke. Er hat seine großzügige Philosophie der deutschen Kultur entlehnt — aber was in der deutschen Seele alles mit vollem Leben lebt, bei ihm wirkt es gespensterhaft, und es bewirkt die wirr durcheinanderflatternden Gedanken, denen der den vertrauten Umgang mit der Volksseele gewöhnte Deutsche nicht als Abbild der Wahrheit folgen kann. Man muss es sogar erleben, [dass ein Intellektueller Russlands Goethe] noch in einer andern Weise zum Gespenst macht, einer, der allerdings vor dem Kriege einmal ein anderes Volk «Barbaren» genannt hat: Mereschkowski. Er spricht von Herzens letzter Todesvision:

[ 67 ] Even the great philosopher Soloviev is lost in this fog. He borrowed his generous philosophy from German culture—but everything that lives with such vitality in the German soul appears ghostly in his work, giving rise to a jumble of fluttering thoughts that the German, accustomed to a familiar rapport with the national soul, cannot follow as a reflection of truth. One must even witness how [a Russian intellectual] turns Goethe into a specter in yet another way—a man who, admittedly, once called another people “barbarians” before the war: Merezhkovsky. He speaks of the heart’s final vision of death:

Die letzte Todesvision Herzens ist — Russland als «Land des freien Lebens» und die russische bäuerliche Gemeinde als Retterin der Welt. Seine alte Liebe nahm er für neuen Glauben, aber begriff, so scheint es, in letzter Stunde, dass auch dieser letzte Glaube — Täuschung war. Wenn indessen auch der Glaube ihn trog, so trog ihm doch die Liebe nicht; in seiner Liebe zu Russland lag ein gewisser richtiger Ausblick: nicht die bäuerliche Gemeinde, sondern die christliche Gemeinschaft wird vielleicht in Wahrheit zu dem Glauben, den die jungen Barbaren dem alten Rom bringen sollen.

Herzens’ final vision of death is—Russia as the “land of free life” and the Russian peasant community as the savior of the world. He mistook his old love for a new faith, but realized, it seems, in his final hour, that even this last faith was an illusion. Yet even if his faith deceived him, love did not; in his love for Russia lay a certain true insight: not the peasant community, but the Christian community may in truth become the faith that the young barbarians are destined to bring to ancient Rome.

[ 68 ] So sagt er von Herzen.

[ 68 ] That's what he says from the bottom of his heart.

Einstweilen indessen stirbt er — ohne jeden Glauben: Fahr wohl, verderbtes Rom! ... Fahr wohl, du Heimatland!

Meanwhile, however, he dies—without any faith: Farewell, corrupt Rome! ... Farewell, my homeland!

[ 69 ] Aber man lasse sich nicht täuschen über das, was er über Goethe sagt in seinem neuesten Buch; der ganze Goethe ist dort ein Gespenst geworden. Dass er nicht versteht die Volksseele, die alles verjüngt hat, dass er nicht hinblicken kann auf das, was Goethe als Weltseelenkraft ist, das zeigt die Tatsache, dass er sagt, dass er sich erkühnt, solche Worte von Goethe zu sagen wie:

[ 69 ] But do not be misled by what he says about Goethe in his latest book; the whole of Goethe has become a ghost there. The fact that he does not understand the soul of the people—which has rejuvenated everything—and that he cannot perceive what Goethe represents as a force of the world soul is evident from his claim that he dares to attribute such words to Goethe as:

Wenn Goethe von der Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.

When Goethe speaks of the French Revolution, he suddenly bends down toward the ground, as if by some evil spell a giant were to be crushed and shriveled into a dwarf; from a Hellenic demigod, he becomes a German citizen and—may the shadow of the Olympian be merciful to me—a German philistine, “Mr. von Goethe,” Privy Councilor to the Duke of Weimar, and the respectable son of a respectable Frankfurt shopkeeper.

[ 70 ] Das über den «Faust»-Dichter!

[ 70 ] About the poet who wrote *Faust*!

[ 71 ] Man begreift, was es in der Mitte Europas zu verständigen gilt, und dafür spricht das Maß des Verständnisses, das man von links und rechts der deutschen Volksseele entgegenbringt. Man wird einst die Weltgeschichte nicht nur nach den Archiven beurteilen, nach dem, was gedruckt und geschrieben ist, sondern nach feineren Merkmalen! Eigentlich mit schwerem Herzen, unter Tränen, unter innerlichen Tränen bin ich mir gewahr geworden, dass sich mir etwas wie ein Bild vor die Seele gestellt, wie die Kräfte Europas stehen, weil es so weit ab ist von den ursprünglichen Kräften, durch die der einzelne Mensch herauswächst aus dem Kosmos.

[ 71 ] One comes to understand what needs to be grasped in the heart of Europe, and this is evidenced by the degree of understanding shown toward the German national soul by both the left and the right. One day, world history will be judged not only by the archives—by what has been printed and written—but by more subtle characteristics! Actually, with a heavy heart, through tears—inner tears—I have come to realize that something like a vision has appeared before my soul, showing the state of Europe’s forces, because it is so far removed from the original forces through which the individual human being grows out of the cosmos.

[ 72 ] Gerade [durch das], was jener Bund von Großfürstentum und verlogenem Panslawismus dem russischen Volk angetan hat, steht dieses Bild vor mir. Wir haben heraufkommen sehen jene ersten Augusttage. Ich will nur drei Bilder aus jener Zeit erwähnen: In Mitteleuropa der Reichstag. Etwas Charakteristisches geht als Herold den kommenden Taten voraus, er ist ein reinster Ausdruck für etwas unendlich Jugendliches in den Kräften der deutschen Volksseele: Die Leute schweigen! Darin liegt etwas Ungeheures. Blicken wir dagegen nach Westen in das französische Parlament; schauen Sie sich die Reden an, die da gehalten worden sind, und wie gerade alle diese Reden herausfließen aus der Tyrannengewalt. Und dann wenden wir uns nach Russland, wo wir gewohnt sind, das Beste des russischen Mannes im Schweigen zu erblicken: In der Duma rauschen die Reden, und alle reden sie so, dass die Worte Phrasen sind und alles so aussieht, wie eine arrangierte Theatervorstellung von Reden.

[ 72 ] It is precisely [because of] what that alliance of the Grand Duchy and hypocritical Pan-Slavism has done to the Russian people that this image stands before me. We have seen those first days of August unfold. I will mention just three images from that time: In Central Europe, the Reichstag. Something characteristic precedes the coming deeds like a herald; it is the purest expression of something infinitely youthful in the forces of the German national soul: The people are silent! Therein lies something immense. Let us, in contrast, look westward to the French Parliament; look at the speeches that have been delivered there, and how all these speeches flow directly from tyrannical power. And then let us turn to Russia, where we are accustomed to seeing the best of the Russian man in silence: In the Duma, speeches rage, and everyone speaks in such a way that the words are mere phrases and everything looks like a staged theatrical performance of speeches.

[ 73 ] So stehen sich die europäischen Kräfte gegenüber, und ich bin mir bewusst der Objektivität, in der ich sie unter Schmerzen habe auf meine Seele wirken lassen. Das Schweigen in der Mitte ist ein Symptom für etwas, was zusammenhängt mit den verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele; sie hat von Epoche zu Epoche mit den hervorragendsten Repräsentanten des Deutschtums Zwiegespräche gehalten, und die schönsten Produkte sind darauf zurückzuführen. Auch in dem, was in unserer Zeit geschehen ist, ist das Streben des deutschen Volkes nach dem Geiste hingerichtet.

[ 73 ] Thus the European forces stand opposed to one another, and I am fully aware of the objectivity with which I have, with great pain, allowed them to take their toll on my soul. The silence in the midst of it all is a symptom of something connected to the rejuvenating forces of the German national soul; from one epoch to the next, it has engaged in dialogue with the most outstanding representatives of German culture, and the finest achievements can be traced back to this. Even in what has happened in our time, the German people’s striving for the spirit has been realized.

[ 74 ] So war immer das Wesen des deutschen Strebens. Aber blickt man es an, sucht man den Grundcharakter zu erkennen, so muss man sagen: Dieser deutsche Geist hat wirklich das, was an Entwicklungskräften und an Entwicklungsmöglichkeiten in ihm ist, noch nicht erschöpft: Die deutsche Volksseele hat eine verjüngende Kraft und wird ihn immer neu und neu verjüngen. Wie verjüngend ist Fichtes Philosophie! Wie ein volkstümlicher Strom floss sie in «Reden an die deutsche Nation» in die damalige Zeit hinein. Was seine Ideen mit einem merkwürdigen Sinnbild zur Erscheinung bringt, will neue Erziehung den Menschen als Realität geben. Fichte weiß, wie ungern man das Neue aufnimmt, und braucht einen eigentümlichen Vergleich. Er ist höchst charakteristisch für seine Art.

[ 74 ] Such has always been the essence of German endeavor. But if one looks at it, seeking to recognize its fundamental character, one must say: This German spirit has not yet exhausted the developmental forces and possibilities that lie within it; the German national soul possesses a rejuvenating power and will continually renew it anew. How rejuvenating Fichte’s philosophy is! Like a folk current, it flowed into the “Addresses to the German Nation” and into the spirit of that time. What his ideas bring to light through a remarkable metaphor, a new form of education seeks to present to people as reality. Fichte knows how reluctant people are to accept the new, and thus employs a distinctive comparison. It is highly characteristic of his style.

[ 75 ] Die Geisteswissenschaft aber, aus welcher die Gesinnungen herausfließen, von denen die Verhältnisse der Volksseele verstanden werden können, will aktive Wissenschaft sein, die mutvoll und tapfer ihre Resultate herausholt. Sie redet von dem Ewigen — nicht bloß in abstrakten Worten, sondern wie sie redet, dass der Men sehengeist lebt von Inkarnation zu Inkarnation, so redet sie, wie sie heute reden muss — von den verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele.

[ 75 ] Spiritual science, however, from which flow the attitudes that make it possible to understand the conditions of the national soul, aims to be an active science that courageously and boldly draws out its findings. It speaks of the eternal—not merely in abstract terms, but just as it speaks of how the human spirit lives from incarnation to incarnation; so, too, does it speak as it must speak today—of the rejuvenating forces of the German national soul.

[ 76 ] Fichte sagt:

[ 76 ] Fichte says:

Die Zeit erscheint mir wie ein leerer Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die Abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freundliche Stimmen der Schwestern, und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.

Time seems to me like an empty shadow standing over its corpse—from which an army of diseases has just driven it out—wailing and unable to tear its gaze away from the shell it once loved so dearly, and desperately trying every means to get back into the dwelling of the plagues. True, the life-giving breezes of the other world, into which the departed has entered, have already embraced her and surround her with a warm breath of love; true, friendly voices of the sisters are already greeting her and welcoming her; true, something is already stirring and expanding within her in all directions to develop the more glorious form into which she is to awaken; yet she still has no sense of these breezes or hearing for these voices; or, if she did, she would be consumed by grief over her loss, believing that in it she has also lost herself.

[ 77 ] Zu dem erfolgreichen Streben des deutschen Geistes zum Geistesleben hin, darf man Vertrauen haben, weil man sieht, was der deutsche Geist geleistet hat. Das ist im Werden und nicht vollendet. Es ist ebenso Keim wie es Frucht ist. Mögen sie noch so verständnislos rechts und links über Deutschland sprechen, es ist nicht vollendet und muss seine innere Kraft in die Welt hinaustragen. Sie ist es, die es zu verteidigen hat. Die Zeit für das, was der deutsche Geist zu verteidigen hat, wird man heraufziehen sehen — sie darf erwartet werden. Die Seelen, die heute das Todesopfer bringen, sie werden, wenn die Nachgeborenen verstehen, was die Volksseele den deutschen Einzelwesen sein kann, sie können, die gestorben sind, in den künftigen Tagen herunterschauen auf eine Zeit, die umwandelt in [Menschenheil] und Fortschritt das, was mit so großen Opfern, [mit mutigen, aber schmerzlichen Opfern] erkauft worden ist. Wirklich erkennend die treibenden Kräfte, darf gesagt werden, dass der deutsche Geist nicht vollendet hat, sondern weiter sich entwickeln wird:

[ 77 ] We can have confidence in the German spirit’s successful striving toward spiritual life because we see what the German spirit has accomplished. This is a work in progress and not yet complete. It is as much a seed as it is a fruit. No matter how insensitively people on the right and left may speak of Germany, it is not yet complete and must carry its inner strength out into the world. It is this strength that it must defend. The time for what the German spirit must defend will come—it can be expected. The souls who make the ultimate sacrifice today—when future generations understand what the national soul can mean to individual Germans—those who have died will, in days to come, look down upon a time that transforms into [human salvation] and progress that which has been purchased with such great sacrifices, [with courageous but painful sacrifices]. Truly recognizing the driving forces, it may be said that the German spirit has not yet reached perfection, but will continue to develop:

Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er im Weltenwerden schaffen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?

The German spirit has not yet accomplished
What it is meant to create in the unfolding of the world.
It lives with hope amid concerns for the future,
It hopes for future deeds full of life; —
In the depths of its being, it feels powerfully
Something hidden that must still ripen and take effect.
How can the desire for its end,
In the power of the enemy and without understanding, come to life:
As long as life reveals itself to it,
Which holds it creatively in the roots of its being?