The Human Soul, Fate and Death
GA 70a
18 February 1915, Hanover
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The Human Soul, Fate and Death, tr. SOL
5. Die verjüngende Kraft der Deutschen Volksseele
5. The Rejuvenating Power of the German National Soul
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Jedes Jahr durfte ich hier in dieser Stadt sprechen über Gegenstände der Geisteswissenschaft. Unsere [hiesigen] Freunde der geisteswissenschaftlichen Bewegung waren der Meinung, dass das auch in diesen schicksalsschweren Tagen geschehen soll. Nun wird es begreiflich erscheinen, dass diese unsere Tage eine ganz besondere Art der Betrachtung auch für den geisteswissenschaftlich Bestrebten erfordern. Sind doch all unsere Empfindungen, all unsere Gefühle innig vereint mit demjenigen, was sich in diesen schicksalstragenden Tagen in Ost und West abspielt. Haben wir doch mit innigem Anteil hinzublicken auf diejenigen, welche treu der Pflicht gehorchen, die die Zeit von ihnen fordert, die mit Leib und Blut und Seele eintreten für dasjenige, was so tief bestimmend in den europäischen und überhaupt den menschlichen Entwicklungslauf eingetreten ist. In all unsere Gedanken, in alle Betrachtungen muss sich ja dasjenige hineinmischen, was uns mit dem großen Schauplatz verbindet, auf dem gegenwärtig nicht entschieden und beurteilt wird in Worten, in Begriffen und Vorstellungen, auf dem entschieden und geurteilt wird durch Taten, durch Leben, durch Blut, durch Tod.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Every year I have had the privilege of speaking here in this city on topics related to the spiritual sciences. Our friends here in the spiritual science movement felt that this should continue even during these fateful days. It will now seem understandable that these days of ours require a very special kind of contemplation, even for those dedicated to spiritual science. For all our sensations, all our feelings, are intimately united with what is unfolding in the East and West during these fateful days. We must, after all, look on with deep sympathy toward those who faithfully fulfill the duty that the times demand of them, who stand up with body, blood, and soul for that which has so profoundly shaped the course of European—and indeed, all human—development. In all our thoughts, in all our reflections, there must inevitably be woven in that which connects us to the great stage where, at present, decisions are not made and judgments are not passed in words, concepts, and ideas, but where decisions are made and judgments are passed through deeds, through life, through blood, and through death.
[ 2 ] Dasjenige, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich am heutigen Abend vor Ihnen betrachten möchte, soll so zusammenhängen mit den großen Zeitereignissen, dass einmal gefragt wird, gleichsam aus diesen Zeitereignissen selbst gefragt wird: Welche Impulse, welche Kräfte, welche Mächte im Laufe der Menschheitsentwicklung dazu geführt haben, dazu führen konnten, dass die Träger der mitteleuropäischen Kultur, dass die Träger des mitteleuropäischen Seelenlebens nunmehr wie in einer mächtigen, vergrößerten Festung von allen Seiten eingeschlossen sind, nach allen Seiten sich zu wehren haben; ja nicht nur sich zu wehren haben, sondern von allen Seiten mit allen möglichen Schmähungen, ja Beschimpfungen belastet werden. Vielleicht sind gerade geisteswissenschaftliche Vorstellungen, vielleicht sind Empfindungen, die aus geisteswissenschaftlichem Fühlen herauskommen, geeignet, wenigstens in einigen Strichen die größeren Zusammenhänge zu charakterisieren, welche im Weltenwerden bis zu unserer Zeit herein, zu unseren schicksalbewegenden Ereignissen geführt haben.
[ 2 ] What I would like to consider with you this evening, my esteemed audience, is connected to the great events of our time in such a way that a question arises—as it were, arising directly from these events themselves: What impulses, what forces, what powers in the course of human development have led—or could have led—to the situation where the bearers of Central European culture, the bearers of Central European spiritual life, are now, as it were, enclosed on all sides within a mighty, expanded fortress, forced to defend themselves on all sides; indeed, not only must they defend themselves, but they are also burdened from all sides with all manner of insults, even abuse. Perhaps it is precisely spiritual-scientific concepts—perhaps it is feelings that arise from spiritual-scientific sensibility—that are suited to characterizing, at least in broad strokes, the larger contexts that, in the unfolding of the world up to our time, have led to our fateful events.
[ 3 ] Zu denjenigen Dingen, über die das materialistische Zeitalter ganz besonders gelacht hat, kann man schon sagen, als ich versuchte, sie darzustellen in meinem Buche «Theosophie», gehörte die Idee, der Begriff der Volksseele. Für den Geisteswissenschaftler ist diese Volksseele nicht bloß ein abstrakter, leerer Begriff, nicht bloß eine abstrakte Zusammenfassung der Eigenschaften irgendeines Volkes. Diese Volksseele ist ein Lebendiges, ein Reales.
[ 3 ] Among the things that the materialistic age particularly mocked—as I noted when I attempted to describe them in my book *Theosophy*—was the idea, the concept, of the national soul. For the spiritual scientist, this national soul is not merely an abstract, empty concept, nor merely an abstract summary of the characteristics of any given people. This national soul is a living, real entity.
[ 4 ] Denn für die Geisteswissenschaft — das ist oftmals hier betont worden — hört der Begriff der Realität, auch der Begriff der persönlichen und individuellen Realität nicht auf mit dem Sichtbaren. Überall hinter dem Sichtbaren waltet das Unsichtbare. Treten wir geisteswissenschaftlich der Natur nahe, dann finden wir hinter dem, was uns die Natur äußerlich offenbart, geistige Wesenhaftigkeiten, die wirksam sind nicht bloß etwa für eine abergläubige, althergebrachte Weltanschauung, die wirksam sind für ein wirkliches, geisteswissenschaftliches Forschen. Hinter alledem, was wir selbst sind, hinter alledem, was sich in uns entwickelt zwischen Geburt und Tod, waltet jenes ewige, unvergängliche Selbst, das allerdings in Formen und Wesenhaftigkeiten sich dem Menschen darstellt, die er im alltäglichen Leben nicht beachtet. Es waltet in uns das übersinnliche Selbst, das durch Geburten und Tode von Leben zu Leben auf der Erde geht. Und es walten in allem geschichtlichen Werden unsichtbar, übersinnlich, aber so real wie äußere Wesenheiten der Tier- und Pflanzenwelt wirkliche, persönliche, individuelle Wesenheiten. Von solchen wirklichen, waltenden geistigen Wesenheiten spricht der Geistesforscher, wenn er von der Volksseele spricht. Und er versucht, aus seiner Erkenntnis heraus das Wesen dieser Volksseelen zu erfassen; versucht, einzudringen in dasjenige, was diese Volksseelen sind, um aus diesem Eindringen heraus ein Verständnis zu gewinnen davon, wie die Volksseelen in den Völkern, in den Empfindungen und Impulsen der Völker walten und wie sich durch dieses Walten der Volksseelen die Völker zueinander stellen.
[ 4 ] For spiritual science—as has often been emphasized here—the concept of reality, including the concept of personal and individual reality, does not end with the visible. Everywhere behind the visible, the invisible reigns. When we approach nature from the perspective of spiritual science, we find, behind what nature reveals to us externally, spiritual essences that are effective not merely for a superstitious, traditional worldview, but for genuine, spiritual-scientific research. Behind all that we ourselves are, behind all that develops within us between birth and death, reigns that eternal, imperishable Self, which, however, presents itself to human beings in forms and essences that they do not take into account in everyday life. The supersensible Self reigns within us, passing from life to life on Earth through births and deaths. And in all historical development, real, personal, individual beings reign invisibly, supersensibly, yet as real as the external beings of the animal and plant worlds. It is of such real, reigning spiritual beings that the spiritual researcher speaks when he speaks of the national soul. And based on his insights, he attempts to grasp the essence of these national souls; he attempts to penetrate into the very nature of these national souls in order to gain, through this penetration, an understanding of how the national souls are at work within the peoples, in the feelings and impulses of the peoples, and how, through this activity of the national souls, the peoples relate to one another.
[ 5 ] Zunächst nur andeuten möchte ich dasjenige, was ja im Einzelnen auszuführen viel zu weit führen würde, wie der Geistesforscher dahin gelangt, von solchen höheren geistigen Wesenheiten auch im Sinne von Volksseelen zu sprechen. Wir stehen im materiellen Leben zu den Dingen der Außenwelt, zu den Dingen des Mineralreiches, des Tier- und Pflanzenreiches; wir betrachten dasjenige, was im Horizont dieser Reiche um uns herum verbreitet ist; wir bilden uns davon Vorstellungen und Gedanken, nehmen sie in uns auf. Wir wissen, da drinnen in uns wohnt unser seelisches Wesen, und wenn wir uns Gedanken, Vorstellungen, Ideen bilden, dann beziehen sich diese Gedanken, Vorstellungen und Ideen auf Wesenheiten außer uns.
[ 5 ] I would like to begin by merely hinting at something—which, if explained in detail, would take us far too far afield—namely, how the spiritual researcher comes to speak of such higher spiritual beings also in the sense of national souls. In our material life, we relate to the things of the external world—to the things of the mineral, animal, and plant kingdoms; we observe what is spread out around us within the scope of these kingdoms; we form concepts and thoughts about them and take them into ourselves. We know that our soul-being dwells within us, and when we form thoughts, conceptions, and ideas, these thoughts, conceptions, and ideas relate to beings outside of us.
[ 6 ] Dasjenige, was wir aus den Wesenheiten herausziehen können, das eignen wir uns gewissermaßen an; das tragen wir dann von der Mineral- und Tier- und Pflanzenwelt, die um unsere Sinne herum sich ausbreiten, in uns weiter. Von der Welt, die unter uns ist als Menschen, bilden wir uns Vorstellungen, Gedanken, Ideen. Die Geistesforschung zeigt uns — ich kann das heute nur mit einem Vergleich andeuten; die Zuhörer, die mich hier öfter gehört haben, wissen, dass das nicht nur ein Vergleich ist, sondern ein Ergebnis einer geistigen Forschung —, die Geistesforschung zeigt uns, wie wir als menschliche Seele stehen zur äußerlichen Wirklichkeit. So steht über uns im Unsichtbaren eine geistige Welt; und was die Dinge der Mineral- und Tier- und Pflanzenwelt für uns sind, das sind wir selbst als Seelen für eine geistige Welt. Wir können vergleichsweise sagen: Wie die Dinge der Sinneswelt für uns Gedanken werden, so werden wir Gedanken, so werden wir Vorstellungen und Ideen für die geistige Welt. Und zu den in der geistigen Welt uns am nächsten stehenden Wesen gehört die Volksseele. Und wie wir Menschen stehen können so zu der äußeren Welt, dass wir einfach mit unseren Sinnen uns dieser äußeren Welt hingeben, gleichsam uns wenig Gedanken machen, uns wenig erheben in ein ideales Reich, so kann die Volksseele zu den einzelnen Menschen eines Volkes stehen so, dass sie gleichsam ganz sich auslebt in den einzelnen Individuen, dass sie ganz und gar [mit ihren Willensimpulsen] — und bei der Volksseele kommt es auf Willensimpulse an —, dass sie ganz und gar in den Individuen sich zum Ausdruck bringt, dass diese Volksseele sich wenig erhebt in ein geistiges Reich, sondern mehr untertaucht und ein Leben führt in den Volksindividuen selbst. Solche Volksseelen, wir finden sie, geisteswissenschaftlich betrachtet, mehr bei den westlichen Völkern Europas. Wir finden da die Volksseelen wenig sich in ein spirituelles Reich erhebend; dagegen finden wir, dass sie bestimmend, tyrannisch und dogmatisierend eingreifen in das individuelle Seelenleben der Mitglieder der westeuropäischen Völker.
[ 6 ] What we are able to draw out of these beings, we assimilate, as it were; we then carry this within us from the mineral, animal, and plant worlds that surround our senses. From the world that lies beneath us as human beings, we form conceptions, thoughts, and ideas. Spiritual research shows us—I can only hint at this today with a comparison; those in the audience who have heard me speak here often know that this is not merely a comparison, but the result of spiritual research—spiritual research shows us how we, as human souls, relate to external reality. Thus, a spiritual world exists above us in the invisible realm; and just as the things of the mineral, animal, and plant worlds are to us, so are we ourselves, as souls, to a spiritual world. We can say, by way of comparison: Just as the things of the sensory world become thoughts for us, so do we become thoughts, so do we become concepts and ideas for the spiritual world. And among the beings closest to us in the spiritual world is the national soul. And just as we humans can relate to the outer world in such a way that we simply surrender ourselves to it through our senses—as it were, giving it little thought and scarcely rising into an ideal realm—so too can the national soul relate to the individual members of a nation in such a way that it, as it were, lives itself out entirely within the individual members, that it is wholly and completely [with its impulses of will]—and with the national soul, it is the impulses of will that matter—that it expresses itself entirely within the individuals, that this national soul rarely rises into a spiritual realm, but rather submerges itself and leads a life within the individuals of the nation themselves. Such national souls, viewed from the perspective of spiritual science, we find more among the Western nations of Europe. There we find that the national souls hardly rise into a spiritual realm; on the contrary, we find that they intervene in a domineering, tyrannical, and dogmatic manner in the individual soul life of the members of the Western European peoples.
[ 7 ] Ein anderes ist denkbar und ist wirklich im Charakter der Volksseelen. Das ist zu vergleichen mit dem, wenn ein Mensch mehr ein Träumer ist, wenn er wenig Augen, wenig Sinn hat für die äußere Welt; wenn die Dinge an ihm gleichsam unbeachtet vorübergehen und er mehr in seinen Vorstellungen lebt. Mit diesem Verhalten der einzelnen Menschenseele zu den äußeren Dingen lässt sich vergleichen eine solche Volksseele, wie die russische Volksseele ist. Sie schwebt gleichsam nebulos über den einzelnen Mitgliedern des Volkes, geht nicht in die einzelnen Individualitäten des Volkes; kümmert sich wenig um sie; steht nur in einem losen Zusammenhang damit.
[ 7 ] Another possibility is conceivable and is indeed inherent in the character of national souls. This can be compared to a person who is more of a dreamer, who has little awareness or appreciation for the external world; when things pass him by, as it were, unnoticed, and he lives more in his own imagination. The Russian national soul can be compared to this attitude of the individual human soul toward external things. It hovers, as it were, nebulously over the individual members of the people; it does not penetrate into the individual personalities of the people; it pays little attention to them; it stands in only a loose connection with them.
[ 8 ] Dann gibt es Menschen, und wir haben in der Entwicklungsgeschichte Mitteleuropas einen repräsentativen Menschen dieser Art, welcher auf der einen Seite liebevoll mit allen Sinnen die Außenwelt betrachtet, aber doch wiederum nicht an dieser Außenwelt hängen bleibt, sondern ein volles ideelles, geistig-seelisches Leben entwickelt, und untertaucht mit diesem geistig-seelischen Leben in dasjenige, was die Sinne um ihn herum darbieten und offenbaren, im eminentesten Sinne eben ist ein Repräsentant dieser Geistesart Goethe. Goethe, dessen Vorstellungsart ein bedeutender Psychologe seiner Zeit genannt hat «Ein gegenständliches Denken», weil diese merkwürdige Goethe-Einzelseele sowohl durch die Sinne sich verbindet liebevoll mit allem, was draußen ist, und so stark zugleich aufsteigt zu Ideen. Schiller konnte in einem Gespräch, das er mit Goethe führte, das nicht recht verstehen, sodass Goethe behaupten musste, er sehe seine Ideen mit den Augen. So sehr war bei ihm entwickelt das Ideelle, das geistig-seelische Leben und wiederum das sinnlich-äußerliche Leben. Eine Volksseelenart, welche sich vergleichen lässt mit dieser Disposition der einzelnen Menschenseele, ist nun die deutsche Volksseele. Die deutsche Volksseele, die sich als solche bewährt hat durch die Jahrhunderte, die Jahrtausende der deutschen Entwicklung in Mitteleuropa.
[ 8 ] Then there are people—and in the history of Central Europe’s development we have a representative example of this type—who, on the one hand, lovingly perceive the external world with all their senses, yet does not become attached to this external world; rather, he develops a full, ideal, spiritual-psychic life, and with this spiritual-psychic life he immerses himself in what the senses around him present and reveal; in the most eminent sense, Goethe is a representative of this type of spirit. Goethe, whose mode of thinking a prominent psychologist of his time called “concrete thinking,” because this remarkable, unique soul of Goethe’s connects lovingly through the senses with everything outside himself, while at the same time rising so powerfully to ideas. Schiller, in a conversation he had with Goethe, could not quite understand this, so that Goethe had to assert that he saw his ideas with his eyes. So highly developed were in him the ideal realm, the spiritual-soul life, and, in turn, the sensory-external life. A national soul that can be compared to this disposition of the individual human soul is the German national soul. The German national soul, which has proven itself as such through the centuries and millennia of German development in Central Europe.
[ 9 ] Diese deutsche Volksseele, sie erscheint uns auf der einen Seite vertraut und intim beschäftigt mit der einzelnen menschlichen Individualität. Auf der anderen Seite wiederum sehen wir, wie sie sich zurückziehen konnte in die geistigen Reiche, um dort neue Quellen des geistigen Lebens sich zu eröffnen, um dann wiederum herunterzugehen zu den einzelnen menschlichen Individualitäten im deutschen Volke. Eine Volksseele, die zugleich im Geistigen, zugleich im Individuellen lebt, die uns selbst in der Zeitenfolge so erscheint, als ob sie herunterkäme unter das Volk; [es erscheint, als ob sie rhythmisch herunterkäme], wir erblicken sie in den Entscheidungen, in denen die Vorfahren sich geltend machen als Gegner der römischen Entwicklung. Wir sehen, wie diese Volksseele damals schon in Mitteleuropa die einzelnen menschlichen Individualitäten erfüllt, wie sie sie mit Kräften durchtränkt, sodass sie in einer ganz bestimmten Art und Weise sich entgegenstellen können demjenigen, was als Römertum auf sie eindringt. Wir finden dann wiederum, wie diese Volksseele sich zurückzieht, dann wiederum hervorbricht, untertaucht in die einzelnen Individualitäten, wie sie sogar ein Höchstes hervorbringt zur Zeit des Walter von der Vogelweide, [Wolfram von Eschenbach]. Wir finden, wie dann später, als Deutschland zerstampft wird von links und von rechts, von Nord und von Süd, während des Dreißigjährigen Krieges, diese Volksseele Kraft sammelt im Unsichtbaren, um dann in einer Hochblüte deutscher Geistesentwicklung an der Wende des achtzehnten, neunzehnten Jahrhunderts wiederum in die Individuen unterzutauchen.
[ 9 ] This German national soul appears to us, on the one hand, as familiar and intimately engaged with individual human existence. On the other hand, we see how it was able to withdraw into the spiritual realms to open up new sources of spiritual life there, only to then descend once more to the individual human beings within the German people. A national soul that lives simultaneously in the spiritual and in the individual, which—even in the course of time—appears to us as if it were descending among the people; [it appears as if it were descending rhythmically]; we perceive it in the decisions in which the ancestors asserted themselves as opponents of Roman development. We see how this national soul, even back then in Central Europe, filled the individual human beings, how it imbued them with strength so that they could oppose, in a very specific way, that which was encroaching upon them as Roman culture. We then see how this national soul withdraws, then bursts forth again, submerges into the individual personalities, and even brings forth a pinnacle during the time of Walter von der Vogelweide and [Wolfram von Eschenbach]. We see how, later on, when Germany was being torn apart from the left and the right, from the north and the south, during the Thirty Years’ War, this national soul gathered strength in the unseen, only to re-emerge into the individuals at the turn of the eighteenth and nineteenth centuries during a golden age of German spiritual development.
[ 10 ] Wenn wir die Geschichte in ihrem rhythmischen Gang betrachten, erschließt sie uns etwas wie ein Wechseln zwischen Untertauchen der Volksseele in die einzelnen Individualitäten und Zurückkehren in Geistiges. Und aus diesem Zurückkehren in Geistiges stammen die verjüngenden Kräfte der deutschen Entwicklung.
[ 10 ] When we consider history in its rhythmic course, it reveals to us something like an alternation between the immersion of the national soul into individual personalities and its return to the spiritual realm. And it is from this return to the spiritual realm that the rejuvenating forces of German development spring.
[ 11 ] Wenn wir einen Grundzug gerade dieses Vertrautseins auf der einen Seite und doch wiederum des Hochfluges auf der anderen Seite der deutschen Volksseele vor uns hinstellen, begreifen wir, wie innerhalb der deutschen Kulturentwicklung dasjenige, was als Höchstes hervorgebracht wird, was bis in die Spitzen der Kunst, des Gedankenlebens hinaufgeht, doch wiederum in den einfachsten Regungen, dem Primitiven der Volksseele wurzelt; wie es in Deutschland von jeher undenkbar war, dass Deutschlands Hochkultur nicht zugleich Volkskultur war.
[ 11 ] If we consider this fundamental trait—on the one hand, this sense of familiarity, and on the other, this soaring spirit—of the German national soul, we come to understand how, within the development of German culture, that which is produced as the highest achievement, that which rises to the very pinnacles of art and intellectual life, is nevertheless rooted in the simplest impulses, in the primal essence of the national soul; how it has always been unthinkable in Germany that Germany’s high culture would not also be folk culture.
[ 12 ] Und da möchte ich gerade in dieser schicksalsschweren Zeit — nicht um sentimentale Gefühle hier in ihren Herzen zu entwickeln, sondern um anzudeuten, was die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele gerade zum Ausdruck bringt, wie Deutschlands Hochkultur hervorgeflossen ist —, da möchte ich zwei Persönlichkeiten in ihren letzten Augenblicken, ihren Todesaugenblicken gewissermaßen anrufen und etwas charakterisieren.
[ 12 ] And so, especially in these fateful times—not to stir up sentimental feelings in your hearts, but to hint at what the rejuvenating forces of the German national soul are currently expressing, and how Germany’s high culture has emerged—I would like to, as it were, invoke two figures in their final moments, their moments of death, and characterize them somewhat.
[ 13 ] Wie hat sich eingelebt in die deutschen Herzen, in die deutschen Gemüter dasjenige, was Schiller seinem Volke sein konnte. Was wirkte in Schillers Gemüt selbst? Die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele! Er wusste sich verbunden mit diesen tieferen Kräften der deutschen Volksseele. Durch einen seiner Freunde, den Sohn des Homer-Übersetzers Voß, Heinrich Voß, werden wir gleichsam in Schillers Todesstube hineingeführt und lernen Schillers letzte Tage und letzte Augenblicke kennen. Da lernen wir ihn kennen, diesen Schiller, wie er in den letzten Tagen sozusagen körperlich schon gestorben ist, wie er aber doch alle seine Seelenkräfte zusammennehmend, teilnahm an dem, was ihn umgab. Da kann man sehen, wie der Geist über den mürbe gewordenen Körper, der bei der Sektion ein vertrocknetes Herz aufwies, in dem aber eine warme Glut war, herrschte. Wir sehen, dass dieser mürbe gewordene Körper aufrechterhalten wurde einzig und allein durch die starken Seelenkräfte, die in ihm wohnten.
[ 13 ] How deeply did what Schiller could be to his people take root in German hearts and minds? What was at work within Schiller’s own mind? The rejuvenating forces of the German national spirit! He knew he was connected to these deeper forces of the German national spirit. Through one of his friends, Heinrich Voß—the son of the Homer translator Voß—we are, as it were, led into Schiller’s deathbed chamber and come to know Schiller’s final days and final moments. There we come to know him—this Schiller—who, in his final days, had, so to speak, already died physically, yet who, mustering all his spiritual strength, remained engaged with his surroundings. There we can see how the spirit reigned over the body that had grown frail—a body that, upon autopsy, revealed a withered heart, yet within which a warm glow still burned. We see that this frail body was sustained solely by the powerful spiritual forces that dwelt within it.
[ 14 ] Erzählt wird uns, wie schwer Schillers letzte Augenblicke waren. Ergreifend ist, wie er in diesen letzten Augenblicken sich noch anstrengte, dieses oder jenes zu sagen, von dem er glaubte, es seiner Umgebung noch mitteilen zu müssen, damit es der Nachwelt verkündigt werden könnte. Es wird uns erzählt, wie Schiller sein letztes, sein jüngstes Kind an sein Bett bringen lässt, wie er dem Kinde lange, lange in die Augen schaut. Wie er sich dann zur Wand wendet. Und der junge Voß erzählt, dass er glaubte — und mit Recht durfte er das wohl glauben —, dass Schiller sein Kind so angeschaut hat, als ob er sagen wolle: Ja, es wäre notwendig, dass ich dir noch länger Vater sein könnte, denn ich habe dir noch so viel zu sagen.
[ 14 ] We are told how difficult Schiller’s final moments were. It is moving to see how, even in those last moments, he still struggled to say this or that—things he believed he still had to convey to those around him so that they might be passed on to posterity. We are told how Schiller had his last, his youngest child brought to his bedside, how he gazed into the child’s eyes for a long, long time. How he then turned toward the wall. And the young Voß recounts that he believed—and he was certainly justified in believing so—that Schiller looked at his child as if to say: Yes, it would be necessary for me to be your father a little longer, for I still have so much to tell you.
[ 15 ] Und man darf sagen: Das ganze deutsche Volk kann sich vorstellen, als ob die Empfindungen, die zu dem Kinde hingewandt waren in diesen letzten Augenblicken, zu dem ganzen deutschen Volke selbst hingewendet gewesen wären; als ob das deutsche Volk fühlen müsse, was Schiller ihm noch zu sagen hatte. Denn bei Schiller darf das deutsche Volk fühlen, wie er in allem getragen war von den verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele.
[ 15 ] And one may say: The entire German people can imagine it as if the feelings directed toward the child in those final moments had been directed toward the entire German people themselves; as if the German people must feel what Schiller still had to say to them. For in Schiller, the German people can feel how he was sustained in everything by the rejuvenating forces of the German national spirit.
[ 16 ] Führen wir die in der letzten Zeit öfter angeführten Worte uns vor das Gemüt, die Schiller sozusagen als ein Vermächtnis ausgesprochen hat, aus denen hervorgeht, wie er sich verbunden fühlte mit dem deutschen Volke. Lange nach seinem Tode sind diese Worte erst zutage gekommen. Aber sie zeigen uns, wie Schiller selbst sich getragen fühlte von den Kräften des deutschen Volksgeistes.
[ 16 ] Let us reflect on the words that have been frequently cited in recent times—words that Schiller uttered, so to speak, as a legacy, and from which it is clear how deeply he felt connected to the German people. These words did not come to light until long after his death. But they show us how Schiller himself felt sustained by the forces of the German national spirit.
Dem, der den Geist bildet, beherrscht,
muss zuletzt die Herrschaft werden, denn
endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die
Welt einen Plan, wenn des Menschen
Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich
muss die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk wird alle
die schnellen Flüchtigen einholen.
[...]
Ihm
He who shapes and masters the spirit,
must ultimately reign, for
at the end of time, unless the
world has a plan, if human
life has any meaning at all, then finally
morality and reason must triumph,
the brute force of form must yield
and the slowest people will catch up with all
the swift and flighty ones.
[...]
To him
[ 17 ] — dem Deutschen —
[ 17 ] — the German —
ist das Höchste bestimmt,
und so wie er in der Mitte von
Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das Blatt.Er ist erwählt von dem Weltgeist, während
des Zeitkampfs
an dem ewigen Bau der Menschenbildung
zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt,
daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet
und es in sich bewahrt.
Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten
und Völkern aufkam, mit der Zeit
entstand und schwand, hat er aufbewahrt,
es ist ihm unverloren, die Schätze von
Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und
seine Rolle zu spielen, sondern den großen
Prozess der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
hat seinen Tag in der Geschichte, doch
der Tag des Deutschen ist die Ernte der
ganzen Zeit.
is destined for the highest,
and just as he stands in the midst of
the peoples of Europe,
so he is the core of humanity,
while they are the blossom and the leaf.He has been chosen by the World Spirit, while
in the struggle of time
to work on the eternal edifice of human culture
to preserve what time brings,
therefore he has so far assimilated what is foreign
and preserved it within himself.
Everything of value that arose in other eras
and among other peoples—which, over time
came into being and faded away—he has preserved;
it remains his own: the treasures of
centuries.
Not to shine in the moment and
play its part, but to win the great
process of time. Every people
has its day in history, yet
the day of the Germans is the harvest of
all of time.
[ 18 ] So wusste sich Schiller verbunden mit der Kraft der deutschen Volksseele.
[ 18 ] Schiller thus felt connected to the power of the German national spirit.
[ 19 ] Nun wenden wir den Blick zu einem anderen Deutschen, zu einem Deutschen, der hoch hinaufgestiegen ist, möchte man sagen in die oftmals so kalt erscheinenden philosophischen Regionen; wenden wir uns zu Johann Gottlieb Fichte. Zu jenem Fichte aber, der in Deutschlands schwerster Zeit, als Deutschland niedergedrückt war vom Westen her, versuchte — wie er sich selbst ausdrückte —, aus der innersten «Wurzel der Lebensregungen» seines Volkes seine «Reden an die deutsche Nation» zu halten. Er, der Philosoph, der vielleicht die am energischsten von Menschenwillen durchzogenen Gedanken vor die Menschheit hingestellt hat, er, der die schärfsten Gedanken geprägt hat, er wusste sich zugleich mit all den primitiven Quellen des deutschen Volkes verbunden, und aus diesem Bewusstsein heraus hielt er damals seine «Reden an die deutsche Nation». Aber er wusste sich auch verbunden mit alledem, was aus dem deutschen Volke heraus Deutschlands Schicksal bestimmte. Und wiederum zeigt sich uns das — wir können es ganz ohne Sentimentalität betrachten —, es zeigt sich das sinnbildlich in seinen letzten Augenblicken.
[ 19 ] Now let us turn our attention to another German—a German who has risen high, one might say, into the philosophical realms that so often seem so cold; let us turn to Johann Gottlieb Fichte. But to that Fichte who, during Germany’s darkest hour—when Germany was being crushed from the West—attempted, as he himself put it, to deliver his “Addresses to the German Nation” from the innermost “root of the life forces” of his people. He, the philosopher who perhaps presented to humanity the ideas most vigorously imbued with human will, he who coined the sharpest ideas—he knew himself to be connected at the same time to all the primal sources of the German people, and it was out of this awareness that he delivered his “Addresses to the German Nation” at that time. But he also felt connected to everything that, emerging from the German people, determined Germany’s destiny. And once again, this becomes evident to us—we can view it entirely without sentimentality—it is symbolically evident in his final moments.
[ 20 ] Er hat oftmals mit sich Rat gepflogen, Fichte, ob er denn solle persönlich mit in den Krieg ziehen. Dann hat er sich gesagt, dass er durch die Kraft seines Geistes zu wirken habe. Seine Frau betätigte sich in Berlin als Lazarettpflegerin. Sie brachte das Lazerettfieber nach Hause. Sie genas, aber Fichte wurde von diesem Fieber angesteckt. Und in seinen letzten Augenblicken — und das war merkwürdig-charakteristisch für diesen scheinbar abstrakten und zu gleicher Zeit volkstümlichsten Philosophen —, in seinen letzten Tagen, als seine kristallklaren, lebensenergischen Gedanken in die Fieberphantasien übergingen, da war er in diesen Phantasien draußen bei den deutschen Heeren, beim Rheinübergang Blüchers, da nahm er treulich teil an den Kämpfen, da fühlte er sich mitten in der Schlacht. So mündete die stärkste deutsche Philosophie noch in den Fieberphantasien des hinsterbenden Philosophen in die innige Gemeinschaft mit den Taten seines Volkes hinein. Eine Arznei reichte ihm sein Sohn. Er schob sie mit der Hand hinweg und sagte, indem er seine Gedanken schweifen ließ aus menschlichster Philosophie hinüber zu der Art, wie er sich fühlte auf den Schlachtfeldern, er sagte: «Ich brauche keine Arznei, denn ich fühle, ich werde genesen.» Er genas zum Tode.
[ 20 ] Fichte often pondered whether he should go to war himself. Then he told himself that he had to make a difference through the power of his mind. His wife worked as a nurse in a military hospital in Berlin. She brought hospital fever home with her. She recovered, but Fichte contracted the fever. And in his final moments—and this was strangely characteristic of this seemingly abstract and yet at the same time most down-to-earth philosopher—in his final days, as his crystal-clear, vibrant thoughts gave way to feverish fantasies, in those fantasies he found himself out there with the German armies, at Blücher’s crossing of the Rhine; there he faithfully took part in the battles; there he felt himself in the thick of the battle. Thus, even in the feverish fantasies of the dying philosopher, the most profound German philosophy still flowed into an intimate communion with the deeds of his people. His son handed him some medicine. He pushed it away with his hand and said—letting his thoughts wander from the most human of philosophies to the way he felt on the battlefields—“I don’t need any medicine, for I feel that I will recover.” He recovered—only to die.
[ 21 ] Solche Beispiele, meine sehr verehrten Anwesenden, sie zeigen uns, wie die Kräfte der deutschen Volksseele wirkten, da, wo die einzelnen Seelen, die diesem Volke angehören, den Weg machen, den sie als den menschlichsten, als den zu den höchsten Gütern der Menschheit hinführenden bezeichnen müssen.
[ 21 ] Such examples, my esteemed audience, show us how the forces of the German national soul were at work wherever the individual souls belonging to this people blaze the trail they must recognize as the most humane—the one leading to the highest goods of humanity.
[ 22 ] Und überall zeigt es sich, wie diese deutsche Volksseele nicht tyrannisch waltet über den Einzelnen, wie sie nicht irgendeine gemeinschaftliche, dogmatische Weltanschauung in die Seelen hineingießt; wie sie miterlebt wird in den einzelnen Seelen, wie die einzelne Seele sie empfindet als eine eigene Kraft. Und wie dennoch in diese einzelnen Seelen hineingeholt werden die höchsten Entfaltungen des übersinnlichen geistigen Lebens. Und immer wiederum sehen wir von Neuem ergriffen die einzelne Seele in alledem, was sie auf Erden zu leisten hat, von dem, was die Volksseele herunterträgt aus den geistigen Höhen.
[ 22 ] And everywhere it becomes evident how this German national soul does not rule tyrannically over the individual, how it does not instill some collective, dogmatic worldview into people’s souls; how it is experienced within each individual soul, how the individual soul perceives it as a force of its own. And yet, the highest manifestations of the supersensory spiritual life are brought into these individual souls. And time and again, we see anew how the individual soul is moved by all that it has to accomplish on earth, by what the national soul brings down from the spiritual heights.
[ 23 ] Wie hat doch dieses mitteleuropäische Volk einstmals das Christentum aufgenommen! So, dass es empfunden wurde wie der persönlichste Impuls. Wir lesen die Wiedergabe der Evangeliengeschichten [im Heliand, dem Werk des sächsischen Mönches], wir lesen sie da als etwas, was unmittelbar aus dem persönlichsten Geistesleben hervorging, aber dennoch die Offenbarung eines Höchsten war.
[ 23 ] How this Central European people once embraced Christianity! In such a way that it was felt as the most personal of impulses. We read the retellings of the Gospel stories [in the *Heliand*, the work of the Saxon monk]; we read them there as something that sprang directly from the most personal spiritual life, yet was nonetheless the revelation of the Most High.
[ 24 ] Und wir gehen weiter. Wir sehen, wie später das einzelne deutsche Gemüt ergriffen wird; so ergriffen wird von dem, was die ganze Volksseele umfasst, dass dieses deutsche Gemüt in der deutschen Mystik im zwölften, dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert den Gott so empfindet, dass dieser Gott unmittelbar in alledem lebt, was der Einzelne wollen, fühlen und lieben kann, was das einzelne Gemüt unmittelbar in sich als das Ewig-Lebendige fühlt. Wie klingen uns doch die Worte, die Meister Eckhart sprach: «Hast du Gott lieb, dann kannst du tun, was du willst, [denn dann willst du nur das Ewige und das Eine, was Gott auch will. Ich will Gott nicht bitten, dass er sich gebe, ich will ihn bitten, dass er mich lauter mache, dann fließet er von selber in mich ein. Gott ist ein lauteres Gut an ihm selbst und will darum nirgends wohnen, denn in einer lauteren Seele, in die mag er sich ganz ergießen. Wenn sie rein ist, dass sie sich selbst durchschaut, dann braucht sie Gott nicht in der Form zu suchen, sondern sie sieht ihn in ihr selbst und genießet alle Kreaturen in Gott und Gott in allen Kreaturen, und was sie tut, das tut sie in Gott und] Gott tut in dir.» Das heißt, vertraute Zwiesprache halten nicht nur mit dem, was man als einzelner Mensch ist, sondern mit dem, was als Volksseele durch alle Gemüter des Volkes raunt und west.
[ 24 ] And we move on. We see how, later on, the individual German soul is moved; so deeply moved by what encompasses the entire soul of the people that, in German mysticism of the twelfth, thirteenth, and fourteenth centuries, this German soul perceives God in such a way that this God lives directly within everything the individual can will, feel, and love—that which the individual soul feels directly within itself as the eternally living. How resonant are the words spoken by Meister Eckhart: “If you love God, then you may do as you please, [for then you desire only the Eternal and the One, which God also desires. I do not ask God to give Himself; I ask Him to purify me, and then He will flow into me of His own accord. God is a pure good in Himself and therefore wishes to dwell nowhere but in a pure soul, into which He may pour Himself completely. When the soul is so pure that it sees right through itself, then it need not seek God in any form, but rather sees Him within itself and enjoys all creatures in God and God in all creatures; and whatever it does, it does in God, and] God does it in you.” That is, to engage in intimate dialogue not only with what one is as an individual human being, but also with what, as the soul of the people, whispers and breathes through all the minds of the people.
[ 25 ] Und denken Sie an Angelus Silesius, der im siebzehnten Jahrhundert lebte. Wie lebt bei ihm dieses Sicheinfühlen der einzelnen Seele des Menschen mit der ganzen Volksseele. Wie lesen wir da — ich will nur einen Spruch anführen —, wie Silesius, der «Cherubimische Wandersmann», unzählige solcher Sprüche gemacht hat.
[ 25 ] And think of Angelus Silesius, who lived in the seventeenth century. How does this sense of empathy between the individual human soul and the collective soul of the people come to life in his work? As we read there—I’ll cite just one saying—Silesius, the “Cherubic Wanderer,” composed countless such sayings.
Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir, Und was ich leben soll, lebt er auch für und für.
I die, yet I do not live. God Himself dies within me, and whatever I am to live, He also lives forever and ever.
[ 26 ] Das heißt sich eins fühlen mit dem, was als Geist durch die Welt webt und west. Das heißt zugleich, ein Unsterblichkeitsbewusstsein höchster Art in sich zu tragen. Wie ist es, wenn ein Mensch in seinem Seelenwesen sich verbunden fühlt mit dem göttlichen Urgrund des Daseins, dass er sagt: «Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir.» Da ist die Gewissheit vorhanden, dass Gott nicht stirbt; dass Gott es aber ist, der mit mir durch den Tod geht. Da fühle ich mich mit dem Gotte so verbunden, dass dadurch meine Unsterblichkeit gewährt ist. Da sehen Sie die Eigentümlichkeit, wie vertraut lebt die Volksseele mit dem einzelnen Volksgemüt.
[ 26 ] This means feeling at one with that which weaves and flows through the world as Spirit. It also means carrying within oneself a consciousness of immortality of the highest order. What is it like when a person feels connected in the depths of their soul to the divine source of existence, so that they say: “I die, yet I do not live. God Himself dies within me.” There is the certainty that God does not die; but that it is God who passes through death with me. There I feel so united with God that my immortality is thereby assured. There you see the peculiarity of how intimately the national soul lives with the individual national spirit.
[ 27 ] Wenn wir geisteswissenschaftlich die menschliche Seele betrachten, dann zeigt sich uns — nicht indem wir abstrakt einteilen, sondern indem wir echt wissenschaftlich diese Seele betrachten, und das tut die heutige Wissenschaft nicht, das wird die Wissenschaft der Zukunft aber gewiss tun —, da sehen wir, dass wir in der menschlichen Seele unterscheiden können drei Seelenglieder, drei Seelenäußerungen. Wie man im Spektrum unterscheiden kann die verschiedenen Farbennuancen, so kann und muss man in der menschlichen Seele ganz wissenschaftlich unterscheiden die Empfindungsseele, die Verstandesoder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele. Und [in] all diesen waltet drinnen erst dasjenige, was man das Ich des Menschen, das eigentliche Selbst des Menschen nennt. So wie das Licht in dem rötlich-gelben, im grünlichen, im blau-violetten Teil des Regenbogens waltet, so waltet durch die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele hindurch die Kraft des Selbst, des Ich des Menschen.
[ 27 ] When we examine the human soul from a spiritual-scientific perspective—not by making abstract classifications, but by observing this soul in a truly scientific manner (which modern science does not do, but which the science of the future will certainly do)—we see that we can distinguish three soul components, three expressions of the soul. Just as one can distinguish the various shades of color in the spectrum, so too can and must one, in a thoroughly scientific manner, distinguish within the human soul the soul of sensation, the soul of understanding or emotion, and the soul of consciousness. And within all of these reigns, first and foremost, that which is called the human “I,” the human being’s true self. Just as light reigns in the reddish-yellow, greenish, and blue-violet parts of the rainbow, so the power of the self—the human “I”—reigns through the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul.
[ 28 ] Nun ist das Eigentümliche, wenn man geisteswissenschaftlich die Völker Europas verstehen will, dass sich zeigt, dass die Volksseele zum Beispiel des italienischen Volkes sich vorzugsweise so verhält zu den einzelnen Menschen, dass die Volksseele dort die Empfindungsseele anregt, durch die Empfindungsseele wirkt. Bei dem französischen Volke wirkt die Volksseele durch die Verstandes- oder Gemütsseele. Beim britischen Volke wirkt die Volksseele durch die Bewusstseinsseele. Bei dem russischen Volke schwebt die Volksseele über den Seelenkräften, lässt die Seelenkräfte gleichsam in einem [anarchischen] Zustand. Die deutsche Volksseele regt unmittelbar das Ich an. Sie spricht sich nicht in einem besonderen Seelenteil aus, sondern indem sie die ganze Seele ergreift; daher ihre verjüngende Kraft. Daher die Möglichkeit, dass der Deutsche, so von seiner Volksseelenkraft ergriffen wird. [Liebevoll hat sie ergriffen zu einer bestimmten Zeit, was in Italien, Frankreich, England geboten war, aber immer es verjüngend, es in sich zu einem selbstständigen Dasein erhebend.] Wie hat der deutsche Geist liebevoll zu seiner Zeit ergriffen dasjenige, was in Eckhart, in Tauler, der Menschheit geboten worden ist; wie aber hat er es verjüngt dadurch, dass das ganze Ich durch das ganze Spektrum hindurch angeregt wurde; wie hat er es zum selbstständigsten, persönlich-innerlichsten Dasein erhoben. Wie war er mit seiner, ihn immer verjüngenden Kraft der das Ich ergreifenden Volksseele, wie war der Deutsche in der Gegenwart fähig, dasjenige als den höchsten Repräsentanten der Menschheit hinzustellen, was den ganzen Menschen umfasst. Eine Dichtung wie der «Faust» hätte kein anderes Volk hervorbringen können, weil kein anderes Volk so ergriffen wird in seinem unmittelbaren Ich von der Volksseele, durch alle Glieder des Seelenspektrums hindurch. Daher kommt es aber auch, dass dieses deutsche Wesen nach allen Seiten hin so wenig verstanden, so missverstanden wird.
[ 28 ] Now, what is peculiar—if one wishes to understand the peoples of Europe from a spiritual-scientific perspective—is that it becomes apparent that the national soul of, for example, the Italian people relates to individual human beings in such a way that the national soul there stimulates the soul of feeling and acts through it. In the case of the French people, the national soul acts through the intellectual or emotional soul. In the case of the British people, the national soul acts through the conscious soul. In the case of the Russian people, the national soul hovers above the soul forces, leaving them, as it were, in an [anarchic] state. The German national soul directly stimulates the “I.” It does not express itself through a particular part of the soul, but by seizing the whole soul; hence its rejuvenating power. Hence the possibility that the German is thus seized by the power of his national soul. [At a certain time, it lovingly embraced what was offered in Italy, France, and England, but always rejuvenating it, elevating it within itself to an independent existence.] How lovingly did the German spirit, in its own time, embrace what was offered to humanity in Eckhart and Tauler; yet how did it rejuvenate it by stimulating the entire “I” across the entire spectrum; how did it elevate it to the most independent, most personal and inner existence. How, with its ever-rejuvenating power—the power of the national soul that grips the “I”—was the German people, in the present, able to present as the highest representative of humanity that which encompasses the whole human being? No other people could have produced a work of poetry like *Faust*, because no other people is so deeply moved in its immediate “I” by the national soul, through all the elements of the soul’s spectrum. But this is also why this German essence is so little understood and so misunderstood on all sides.
[ 29 ] Sehen wir nach Westen hinüber, so müssen wir finden, wie alles das, was gerade am tiefsten aus dem deutschen Gemüt hervorgeht, was ganz undogmatisch dort immer das Streben anregend, vorhanden ist, wie das durch die Sprache ins Grobe getaucht wird; wie es oft nicht verstanden und entweder empfindungsgemäß oder kritisch zurückgeworfen wird. Man möchte sagen: Das Beste, was die mitteleuropäische Volksseele in die Menschen Mitteleuropas hineinträufelt, es wird im Westen, wenn es auch zu verstehen versucht wird, in einer solchen Weise «verstanden», dass gerade das unmittelbar Belebende verloren geht. Und das erstreckt sich selbst auf die Betrachtung der Gestalten.
[ 29 ] When we look toward the West, we must observe how everything that springs most deeply from the German soul—that which, entirely undogmatically, is always present there to inspire striving—is reduced to coarseness through language; how it is often misunderstood and rejected, either on an emotional level or critically. One might say: The very best that the Central European national soul instills in the people of Central Europe is, in the West—even when an attempt is made to understand it—“understood” in such a way that precisely what is immediately invigorating is lost. And this extends even to the way figures are perceived.
[ 30 ] Man kann viel lernen über die Eigentümlichkeit der europäischen Kulturen, wenn man ins Auge fasst, wie im Westen so vieles verstanden wird da, wo es verstanden wird durch die westeuropäische Volksseelenkraft. Herman Grimm, der Kunsthistoriker, er hat mit Recht einmal [über ein Goethe-Buch des Engländers Lewes] gesagt: Da hat einmal in England ein gewisser Mr. Lewes ein Buch geschrieben über einen Menschen, der im August 1749 in Frankfurt geboren ist, der im März 1832 in Weimar gestorben ist, dem Mr. Lewes andichtet [den «Werther», «Clavigo» und so weiter], solche Schicksale, von denen wir wissen, dass Goethe sie erlebt hat. Dem er auch andichtet, dass er die Werke Goethes geschrieben haben soll. Aber alles was er schildert an diesem Mann, das hängt nur zufällig zusammen mit demjenigen, der 1749 geboren und 1832 gestorben ist. Denn dasjenige, was verbindet Goethes Schaffen mit dem Leben der mitteleuropäischen Volksseele, das ist im Grunde genommen mit keinem Tropfen übergegangen in das Buch, welches Mr Lewes geschrieben hat über einen gewissen Goethe, der aber nicht für den Mitteleuropäer der Schöpfer des «Faust» in Wirklichkeit ist. Das Äußere, das Grobe, dasjenige, wodurch das andere erscheint, das kann man erfassen. Dasjenige aber, was in der Volksseele lebt, belebend die individuelle Seele, das geht verloren, das sieht man nicht. Es ist dies vielleicht um eine Kleinigkeit zu radikal ausgesprochen bei Herman Grimm. Aber es zeigt dasjenige, um was es sich handelt.
[ 30 ] One can learn a great deal about the distinctive character of European cultures by considering how so much in the West is understood through the spiritual essence of the Western European people. Herman Grimm, the art historian, once rightly said [regarding a book on Goethe by the Englishman Lewes]: There was once a certain Mr. Lewes in England who wrote a book about a man born in Frankfurt in August 1749 and who died in Weimar in March 1832, to whom Mr. Lewes attributes [“Werther,” “Clavigo,” and so on]—fates that we know Goethe actually experienced. He also attributes to him the authorship of Goethe’s works. But everything he describes about this man is connected only by chance to the one who was born in 1749 and died in 1832. For that which connects Goethe’s creative work with the life of the Central European national soul has, in essence, not been conveyed in the slightest to the book that Mr. Lewes has written about a certain Goethe—who, however, is not in reality the creator of *Faust* for the Central European. The outward appearance, the coarse aspects—that through which the other becomes visible—can be grasped. But that which lives in the national soul, enlivening the individual soul, is lost; it cannot be seen. Perhaps Herman Grimm expressed this a little too radically. But it reveals what is at stake.
[ 31 ] Und so müssen wir auch finden, dass in der Art wie deutsches Wesen vom französischen Wesen verstanden wird, durchaus etwas liegt, was uns beweist, dass die französische Volksseele eine solche ist, dass sie sich hineinbegibt, bestimmend die Verstandesscele, unmittelbar tyrannisierend die Verstandesseele, sodass die Volksseele im Individuum denkt und die Willensimpulse des Individuums durchstrahlt. Während die deutsche Volksseele die Vertraute des einzelnen Menschen wird.
[ 31 ] And so we must also conclude that there is indeed something in the way the French soul understands the German soul that proves to us that the French national soul is such that it immerses itself in the intellectual soul—determining it and, in a sense, directly tyrannizing it—so that the national soul thinks within the individual and permeates the individual’s impulses of will. Whereas the German national soul becomes the confidante of the individual human being.
[ 32 ] Und wenn wir nun zum Osten hinüberschauen, zu dem russischen Volke. Man hat sich in Russland viel beschäftigt mit Kant, mit Hegel, Belinski. Aber das zeigt alles eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit: Die Gedanken Mitteleuropas, sie werden im Osten merkwürdig gespensterhaft. Sie werden empfunden und erlebt nicht in der die Seele erhebenden Empfindung, sondern wie Gedankengespenster, Begriffsgespenster; wie das, was in der über den Individuen lebenden Volksgruppensecle lebt.
[ 32 ] And now, if we turn our gaze eastward, toward the Russian people. In Russia, there has been much engagement with Kant, Hegel, and Belinsky. But all of this reveals a very specific peculiarity: the ideas of Central Europe take on a strangely ghostly quality in the East. They are not perceived and experienced as soul-uplifting sensations, but rather as ghosts of thought, ghosts of concepts; as that which lives in the collective consciousness of the people, which transcends the individual.
[ 33 ] Ich spreche damit dasjenige aus, was ebenso strenges Wissensgut ist, wie die physikalischen, chemischen, biologischen Wahrheiten strenges Wissensgut sind. Wenn es auch schwieriger ist, über diese Dinge zu sprechen, weil die physikalischen, chemischen, biologischen Wahrheiten den Menschen gleichgültig lassen, während die hier vorgebrachten Wahrheiten zusammenhängen mit dem Schicksal und Wesen des Menschen. Aber wir leben in einer Zeit, in der sich die Menschenseele erheben muss über dasjenige, was beeinträchtigend das menschliche /Lücke im Text], und wir leben in einer Zeit, wo solche Dinge ausgesprochen werden müssen, wo wir Verständnis gewinnen müssen für die Impulse, die durch die Welt gehen und die dasjenige herbeigeführt haben, was jetzt da ist.
[ 33 ] By this I am expressing a body of knowledge that is just as rigorous as the physical, chemical, and biological truths. Although it is more difficult to speak about these things, because physical, chemical, and biological truths leave people indifferent, whereas the truths presented here are connected to human destiny and nature. But we live in a time when the human soul must rise above that which impairs the human [gap in the text], and we live in a time when such things must be spoken, when we must gain an understanding of the impulses that are sweeping through the world and that have brought about what is now here.
[ 34 ] Man redet mit Recht viel davon, dass die beiden mitteleuropäischen Volkszusammenhänge in den letzten Jahrzehnten eine Einkreisung erfahren haben, wie mit eisernen Klammern sind umschlossen worden die mitteleuropäischen Staaten. Für den Geistesforscher beginnt diese Einkreisung aber viel früher. Und die äußere, man möchte sagen die materialistische Einkreisung, die ihren hauptsächlichsten Arrangeur in Eduard VII. hatte, diese materialistische Einkreisung ist der letzte [Repräsentant] einer uralten Einkreisung, die begonnen hat im Jahre 860 unserer Zeitrechnung. Diese Zusammenhänge muss man ins Auge fassen. Als 860 auf der einen Seite die Normannen vor Paris standen und auf der anderen Seite herunterkamen die Waräger [vor Nowgorod und Kiew] und Konstantinopel bedrohten, als sie dann sich hineinschoben in das slawische Gebiet über Russland bis Kiew, bis Konstantinopel, auf der anderen Seite sich hineinschoben Normannen-Teile [in das romanische Element], da haben wir wie eine sich ringelnde Schlange in Mitteleuropa. Diejenigen, die Mitteleuropäer blieben, sollten umschlossen, eingekreist werden. Und im Westen haben wir einrückend und von einer Volksseele durchsetzt wirkend die Völker in das romanische Element, das dann von Süden nach Nordwesten hin eben Substanz des Volksseelenwesens wird, sich hineinschiebt, sodass das Denken dogmatisch wird, sodass auf dieser Seite alles dogmatisch genommen werden muss, sodass wir sehen, wie das, was unmittelbar menschlich ist, was durch den vertrauten Umgang der Menschenseele mit der Volksseele entsteht, im Westen dogmatisiert aufgenommen wird von der allen hergebrachten Romanismus durchsetzenden Verstandesseele. [So wird Mitteleuropa isoliert. Das muss dogmatisch genommen werden. Wenn die Welt nicht so genommen wird, wird die mit dem alten Romanismus durchsetzte Volksseele nicht individualisiert.]
[ 34 ] It is rightly often said that the two Central European ethnic groups have been encircled in recent decades, as if the Central European states had been clamped shut with iron clamps. For the spiritual researcher, however, this encirclement began much earlier. And the external—one might say materialistic—encirclement, whose chief architect was Edward VII, is the final [representative] of an ancient encirclement that began in the year 860 A.D. These connections must be taken into account. When, in 860, the Normans stood before Paris on one side and, on the other side, the Varangians came down [before Novgorod and Kyiv] and threatened Constantinople—when they then pushed their way into the Slavic territory through Russia as far as Kyiv and Constantinople, while on the other side Norman forces pushed their way [into the Romance-speaking region], we see a sort of coiling serpent in Central Europe. Those who remained Central Europeans were to be enclosed, encircled. And in the West, we see the peoples moving inward and permeated by a national soul, pushing their way into the Romanic element—which then, from south to northwest, becomes the very substance of the national soul—so that thought becomes dogmatic, so that on this side everything must be taken dogmatically, so that we see how that which is immediately human—that which arises from the familiar interaction of the human soul with the national soul—is absorbed dogmatically in the West by the intellectual soul, which is permeated by traditional Romanism. [This is how Central Europe becomes isolated. This must be taken dogmatically. If the world is not viewed in this way, the national soul, permeated by the old Romanism, will not be individualized.]
[ 35 ] Auf der anderen Seite, im Osten sehen wir, wie ein Volksseelenwesen entsteht dadurch, dass die Waräger, die mit den Normannen verwandt sind, aufgehen im Slawischen, durchsetzt werden von dem Slawischen, rassenmäßig durchsetzt werden von dem Byzantinischen religionsmäßig. Und wir sehen, dass dasjenige, was dort entsteht, bei dem rassenmäßig Persönlichen stehen bleibt wie ein in der Höhe Schwebendes, [das ihnen nie vertraut wird], was nie heruntergeht, demgegenüber die Menschenseele so dasteht, dass sie sich entweder unterwirft oder zu Boden wirft. So hat man es im Osten zu tun mit demjenigen, was unmittelbar das Rassenelement geltend macht. Nach Westen hin mit demjenigen, was ein uraltes und erneuertes Gefühl ist, was die Einzelnen dogmatisiert. Sie sehen, dass man nur dadurch verstehen kann dasjenige, was Menschenseelen hervorbringen.
[ 35 ] On the other hand, in the East, we see how a national soul emerges as the Varangians—who are related to the Normans—merge with the Slavs, becoming intermingled with the Slavs racially and with the Byzantines religiously. And we see that what arises there remains, in terms of racial individuality, as something suspended on high—[something that never becomes familiar to them]—that never descends, whereas the human soul stands in such a way that it either submits or throws itself to the ground. Thus, in the East, one is confronted with that which directly asserts the racial element. In the West, one is confronted with what is an ancient and renewed sentiment that dogmatizes the individual. You see that this is the only way to understand what human souls bring forth.
[ 36 ] In der Mitte sehen wir dasjenige von allen Seiten wie eingekreist, eingeschlossen, was immer von Neuem hervorholen will und auf dem Altar der Menschheitsentwicklung darbringen will dasjenige, was aus den intimen Zusammenhängen der einzelnen Seelen mit der Volksseele hervorgehen kann.
[ 36 ] In the center, we see that which is, as it were, encircled and enclosed on all sides—that which constantly seeks to bring forth anew and to offer upon the altar of human development whatever may emerge from the intimate connections between individual souls and the collective soul of the people.
[ 37 ] So erleben wir die merkwürdige Erscheinung, dass bis in unsere Tage hinein, bis in unsere schmerzdurchtränkten Tage hinein dasjenige, was in Mitteleuropa auftaucht, zwar angeschaut wird vom Westen, aber im Anschauen notwendig verkannt werden muss, weil es gemessen wird nicht an dem menschlichen Erlebnis, sondern an dem eigenen Dogma; an demjenigen, was tyrannisch die Volksseele aus der Verstandesseele wie befiehlt. Sehr charakteristische Erscheinungen erleben wir dabei. So, äußerlich will man ja anerkennen, dass die Deutschen manches geleistet haben, dass sie eine hohe Kultur erlangt haben im Gedanken, in der Philosophie, in der Dichtkunst, in anderen Zweigen der Kunst; dann aber, wenn ein Mann so einiges genippt hat und es sogar in seiner Art ganz geistreich in das Gebiet der westlichen Volkskultur hinein übertragen hat, wie Henri Bergson, wenn ein solcher Mann einiges geistreich überschaut, so ist es doch ins Französische hinüber aufgefasstes Deutsches, in die dem Westen eigentümliche Art übertragenes Deutsches. Und nun fühlt er sich gedrungen — wir haben das lesen müssen um Weihnachten, wie er das in der sogenannten [Akademie der Moralischen und Politischen Wissenschaften] gesprochen hat, wir haben es lesen müssen, wie er versucht, deutsches Wesen zu charakterisieren. Und dieses deutsche Wesen erscheint bei ihm so, als ob es sich nur verkörpern wollte in Kanonen und Flinten, in demjenigen, was das alberne Geschwätz den «deutschen Militarismus» nennt; jenen Militarismus, zu dem Deutschland gezwungen worden ist, nicht durch sich, sondern durch diejenigen, die es einkreisten. Man möchte einen solchen Mann fragen, was er denn eigentlich erwartet hat, dass Deutschland seinen Feinden entgegenstellen würde anderes als Flinten und Kanonen. Hat er sich vielleicht vorgestellt, dass man den Heeren von Deutschland her Novalis oder Schiller oder Goethe rezitieren wird?
[ 37 ] Thus we witness the curious phenomenon that even to this day—even in our pain-filled days—what emerges in Central Europe is indeed observed by the West, but in that observation it is bound to be misunderstood, because it is measured not against human experience but against the West’s own dogma; by that which tyrannically commands the national soul from the intellectual soul, as it were. We witness very characteristic phenomena in this regard. For instance, outwardly one is willing to acknowledge that the Germans have achieved a great deal, that they have attained a high culture in thought, in philosophy, in poetry, and in other branches of art; but then, when a man has absorbed some of these things and has even, in his own way, quite ingeniously transposed them into the realm of Western popular culture—as Henri Bergson did—when such a man offers a witty overview of these things, it is still German thought interpreted through a French lens, German thought transposed into the manner peculiar to the West. And now he feels compelled—we had to read around Christmas how he spoke about this at the so-called [Academy of Moral and Political Sciences]; we had to read how he attempts to characterize the German essence. And this German essence appears in his account as if it sought to embody itself solely in cannons and rifles—in what the silly chatter calls “German militarism”; that militarism to which Germany was forced, not of its own accord, but by those who surrounded it. One would like to ask such a man what he actually expected Germany to set against its enemies other than shotguns and cannons. Did he perhaps imagine that the armies of Germany would recite Novalis, Schiller, or Goethe?
[ 38 ] Die Frage ist: Was hat der Mitteleuropäer zu verteidigen? Was er zu verteidigen hat, es geht hervor aus einer Betrachtung dessen, was die deutsche Volksseele dem einzelnen Deutschen ist. Aber solche Betrachtungen, sie werden erst wichtig werden, wenn sie einmal in einem etwas weiteren Horizont die vernünftigen Menschen der Welt ergreifen können und dort wiederum ein Echo finden können. Heute ist die Logik nicht gerade dasjenige, was durch die Welt raunt. Haben wir es doch sogar hören müssen, dass auf eine Manifestation von deutscher Seite her, von links und rechts in Europa erwidert wurde: Wir haben diesen Krieg nicht gewollt. — Sie haben ihn nicht gewollt. Ja, logisch betrachtet; es ist das ganz richtig, logisch betrachtet. Man kann es glauben. Es ist geradeso richtig, wie wenn eine Anzahl von Menschen das Haus eines anderen Menschen umstellt. Der sieht, dass er in seinem Hause eingeschlossen ist. Er geht heraus und prügelt die, die ihn umzingeln. Und die sagen dann: Wir haben die Prügelei nicht gewollt. Die Logik ist in beiden Fällen akkurat die gleiche. Logik raunt heute nicht durch dasjenige, was man den, besonders durch die Zeitungen getragenen, «Verkehr der Völker» nennt. Man sieht überall durch Tatsachen sich bewahrheiten: Nach Westen hinüber kann dasjenige, was die deutsche Volksseele dem einzelnen Deutschen sagt, zwar erfasst werden, es kann gehört werden, aber es kann nicht zur Wirkung kommen aus den Gründen, die eben angeführt worden sind.
[ 38 ] The question is: What does the Central European have to defend? What he has to defend becomes clear when we consider what the German national spirit means to the individual German. But such considerations will only become important once they can capture the imagination of reasonable people around the world within a somewhat broader context and find an echo there. Today, logic is not exactly what is being whispered around the world. We have even had to hear that a demonstration on the German side was met with the response from both the left and the right in Europe: “We did not want this war.” — “You did not want it.” Yes, viewed logically; that is quite correct, viewed logically. One can believe it. It is just as true as when a group of people surrounds another person’s house. He sees that he is trapped inside his house. He goes out and beats up those who are surrounding him. And they then say: “We didn’t want the fight.” The logic is exactly the same in both cases. Today, logic does not whisper through what is called the “interaction of nations”—a term particularly promoted by the newspapers. One sees it confirmed everywhere by facts: in the West, what the German national soul tells the individual German can indeed be grasped—it can be heard—but it cannot take effect for the reasons just cited.
[ 39 ] Eigentümliche Erscheinungen erleben wir. Diese Kraft der deutschen Volksseele — in erleuchteten Geistern, in Geistern, die sich mit ihr befassen wollen, ist doch etwas von ihr zum Vorschein gekommen. Es ist nicht gerade angenehm, gewissermaßen über das mitteleuropäische Volk mitten unter ihm charakterisierend zu sprechen. Und so will ich denn einen anderen Weg wählen. Ich möchte die Frage aufwerfen: Ist denn wirklich, so wie es jetzt verkannt wird, dieses deutsche Wesen immer verkannt worden auch außerhalb der deutschen Gebiete? Es gibt einen Mann, der ganz gewiss zu den bedeutendsten Geistern des neunzehnten Jahrhunderts gehört. Und ich möchte Ihnen vorlesen eine Stelle aus einem Buche über Goethe, der ihm selbst als der Repräsentant des deutschen Wesens erscheint, [Emerson]. Er sagt, ein Mann, der weit weg von Mitteleuropa lebt, er sagt über Goethe:
[ 39 ] We are witnessing peculiar phenomena. This power of the German national soul—in enlightened minds, in minds that seek to engage with it—has indeed come to light to some extent. It is not exactly pleasant, so to speak, to speak characteristically about the Central European people right in the midst of them. And so I shall choose a different approach. I would like to raise the question: Has this German essence, as it is now misunderstood, truly always been misunderstood even outside German territories? There is a man who certainly ranks among the most significant thinkers of the nineteenth century. And I would like to read to you a passage from a book about Goethe, whom he himself regards as the embodiment of the German essence [Emerson]. He says—a man who lives far away from Central Europe—he says about Goethe:
Eine [Eigenschaft] vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung.
One [quality] in particular, which Goethe shares with his entire nation, makes him a remarkable figure in the eyes of both French and English audiences.
[ 40 ] — von einer [Eigenschaft] wird gesprochen, welche Goethe mit der ganzen Nation gemeinsam hat —
[ 40 ] — there is mention of a [quality] that Goethe shares with the entire nation —
dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit, allein was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? Woher hat er alle diese Gedanken?
Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.
Die Deutschen denken für Europa.
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.
that everything he does is based solely on inner truth. In England and America, talent is respected, but people are satisfied only when it works for or against a party in accordance with their convictions. In France, people are delighted simply to encounter brilliant ideas, no matter where they lead. In all these countries, however, talented men write to the best of their ability. If what they present stimulates the discerning reader and contains nothing that offends good taste, it is considered sufficient. So many columns, so many hours spent pleasantly and usefully. The German mind possesses neither the French vivacity nor the English understanding, which is honed for practical matters, nor, finally, the American spirit of adventure; yet what it does possess is a certain probity that never stops at the outward appearance of things but always returns to the central question: “Where is this leading?” The German public demands that a writer rise above things and simply speak his mind. Intellectual vivacity is present—very well: What does it stand for? What is the man’s opinion? Where does it come from? Where does he get all these thoughts?
The English [...] see only the individual; they do not know how to conceive of humanity as a whole according to higher laws.
The Germans think for Europe.
The English do not fathom the depth of the German genius.
[ 41 ] [Wir sehen, nicht immer ist das Verjüngende der deutschen Volksseele verkannt worden.]
[ 41 ] [We see that the rejuvenating force of the German national spirit has not always been misunderstood.]
Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit anseh’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.
For this reason, the terms used to make distinctions in high-level conversation are all of German origin. While the English and French—who are renowned for their acumen and erudition—view their studies and their perspectives with a certain superficiality, and their personal character bears only a shallow connection to what they have grasped and the way they express themselves—there is not a very deep connection; Goethe, the head and the essence of the German nation, speaks not because he has talent, but because truth concentrates its rays in his soul and shines forth from it. He is wise to the highest degree, even if his wisdom is often veiled by his talent. How excellent is what he says; yet he has something in mind that is even better. [...] He possesses that awe-inspiring independence that springs from communion with the truth.
[ 42 ] So fühlte man schon dasjenige, was der Deutsche im Verkehr mit der Wahrheit, das heißt, im Verkehr mit seiner Volksseele erreichen konnte, da wo man es fühlen wollte.
[ 42 ] Thus, one could already sense what the German could achieve in his engagement with the truth—that is, in his engagement with the soul of his people—wherever one was willing to feel it.
[ 43 ] Nun könnte man sagen: Das ist lange Zeit her. Und man hat es gesagt. Die Deutschen haben sich seither verändert. Statt zu dichten haben sie Kanonen gemacht. Nun, damit auch diesem begegnet werden kann, sei noch der Ausspruch eines anderen Mannes hier angeführt, der in seiner Art wohl angefasst haben muss — wir werden gleich sehen warum — nach Westen hin dasjenige, was deutsche Volksart ist.
[ 43 ] Now, one might say: That was a long time ago. And people have said so. The Germans have changed since then. Instead of writing poetry, they have been making cannons. Well, to address this as well, let us quote here the words of another man who, in his own way, must have captured—we will see why in a moment—what constitutes the German national character as it is perceived in the West.
Die Quelle des Stromes seines
The source of the stream of his
[ 44 ] — Deutschlands —
[ 44 ] — Germany —
geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret und praktisch.
The roots of both intellectual and political life lie in the Reformation. At the end of the eighteenth and the beginning of the nineteenth century, however, a movement—unique in world history—began to take shape in a way that has been as uninterrupted as it has been distinctive ever since. Since the days of ancient Greece, the world has not witnessed such a spectacle of the closest fusion between the life of the statesman and that of the thinker. The spirit of today’s Germany is highly concrete and practical.
[ 45 ] Und an anderer Stelle sagt derselbe Mann:
[ 45 ] And elsewhere, the same man says:
Der Einfluss wahrer Kenntnis kann allein des Misstrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner [unter] uns im Sinne hat.
Only the influence of true knowledge can dispel the clouds of mistrust and free us from the burden of having to defend ourselves against attacks that, in reality, no one [among] us intends to make.
[ 46 ] Wer hat denn das geredet? Nun, das hat Lord Haldane geredet. Sie erinnern sich vielleicht, wie er einiges andere geredet hat vor einigen Monaten! Vor nicht langer Zeit, eigentlich auch nur einige Monate, bevor dieser Krieg hereingebrochen ist, wurden in Manchester von einigen englischen Männern Vorlesungen gehalten, die dazu berufen sein sollten, englische Journalisten aufzuklären über deutsches Wesen. Aus den Zeitungen, die jetzt erscheinen, kann man ja sehen, was das für Früchte getragen hat, was das genützt hat. Wir werden aber gleich sehen, was in Manchester, also in England, gesprochen worden ist über deutsches Wesen.
[ 46 ] Who said that? Well, Lord Haldane said it. You may recall some of the other things he said a few months ago! Not long ago—in fact, just a few months before this war broke out—some Englishmen gave lectures in Manchester intended to enlighten English journalists about the German character. From the newspapers that are now being published, one can see what fruits that has borne, what good it has done. But we will see shortly what was said in Manchester—that is, in England—about the German character.
Woods
Woods
[ 47 ] — des Engländers —
[ 47 ] — the Englishman's —
Aufsatz war der Vorläufer der noch epochemachenderen homerischen Forschungen Wolfs; und die griechischen Ideale von Kunst und Leben wurden für Goethe und Schiller in Weimar, wie im Falle Herders die Ideale [urzeitlichen] Gesanges, die Instrumente, auf welchen der deutsche Geist zu einer Musik sich emporspielte, die neu und doch zugleich im tiefsten Grunde sein Eigen war.
This essay was the precursor to Wolf’s even more epoch-making research on Homer; and the Greek ideals of art and life became, for Goethe and Schiller in Weimar—just as, in Herder’s case, the ideals of [primordial] song—the instruments on which the German spirit soared into a music that was new and yet, at its very core, its own.
[ 48 ] Merkwürdige Worte folgen nun:
[ 48 ] Some strange words follow:
Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes’ und Newtons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt.
The spirit of science was undoubtedly familiar to the highly privileged elite among Descartes’ and Newton’s compatriots; but the passionate drive for knowledge was taught to modern Europe—if at all—primarily by thousands of German researchers.
[ 49 ] Gesprochen in Manchester, um englische Journalisten aufzuklären; deshalb sind sie jetzt so aufgeklärt!
[ 49 ] Spoken in Manchester to enlighten English journalists; that's why they're so enlightened now!
Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht, neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller. Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt. Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode ist die Tatsache, dass, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten oder völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.
Im Faust, am Schluss seines vielbewegten Lebens sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlos-kühnen Wollens und Handelns, und wir können umso besser verstehen, weshalb der [große] Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des Deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.
Imagination, emotion, and will asserted their right to be heard alongside reason—or even beyond it—and under their transformative pressure, the universe became deeper, vaster, and more wondrous. The irrational was recognized as a source of enlightenment; wisdom was drawn from the child and the flower; science, philosophy, and poetry drew closer together. Here in England, this revival of the imagination gave rise to noble poetry, but left the sciences and philosophy almost untouched. One of the keys to understanding the entire period is the fact that, while in England and France the poetic, philosophical, and scientific movements flowed largely in separate channels, in Germany they touched one another or merged completely. Wordsworth sang and Bentham calculated; Hegel, however, captured the genius of poetry in the web of his logic; and the thought that discovers and explains, and the imagination that brings forth the new, worked together in fruitful harmony in the genius of Goethe.
In *Faust*, at the end of his eventful life, we see a foreshadowing of today’s Germany—the Germany of restless, bold ambition and action—and we can understand all the better why the [great] citizen of the world—in whose eyes the state and national identity were subordinate and sometimes harmful ideals—nevertheless asserts his unassailable position as the greatest poet of the German Empire alongside Bismarck, his creator.
[ 50 ] Und nun eine ganz merkwürdige Sache. Das Folgende wurde auch kurze Zeit vor dem Ausbruch des Krieges in demselben Vortragszyklus in Manchester gesagt:
[ 50 ] And now for something quite strange. The following was also said shortly before the outbreak of the war during the same lecture series in Manchester:
Im Ganzen und Großen ist es außer Frage, dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig sich verändernder blendender Kinematograf. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund.
On the whole and in the grand scheme of things, there is no question that the establishment of the German Empire has been conducive to world peace. This statement will seem strange to those who know nothing but the events of the present and for whom history is nothing more than an ever-changing, dazzling movie. But history should be something more than that. It is fitting for history to cast the light of the past upon the chaotic turmoil of the present, and in that higher light, things that appear harmful will take on a natural perspective. For when we look to the past, we find that our ancestors viewed France with far greater fear than even the most vociferous agitators today fear Germany. And our forefathers’ fear was well-founded.
[ 51 ] So sagt ein Engländer!
[ 51 ] So says an Englishman!
Es lässt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist, und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866–1871 machten ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege
To sum it all up, it can be shown that the founding of the German Empire was a benefit for Europe—and therefore also for Great Britain. For the events of 1866–1871 put an end, once and for all, to the possibility of waging wars of aggression against the hitherto unprotected heart of Europe, thereby removing a temptation to wage war
[ 52 ] — damit hat er sich allerdings geirrt —,
[ 52 ] — though he was wrong about that —,
welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte;
which had so often led France astray in earlier centuries;
[ 53 ] — das ist nicht in Berlin und nicht in Hannover, das ist in Manchester alles gesagt worden —
[ 53 ] — that wasn't said in Berlin or Hanover; it was all said in Manchester —
sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.
They enabled the German people to develop their political capabilities, which had been stunted until then, and they helped establish, on a secure foundation, a new European system that has maintained peace for forty years. This blessing stemmed from the fact that German unity achieved in one fell swoop what Great Britain, despite all its expenditure of blood and money, had never been able to accomplish: namely, securing the balance of power so decisively that a major war became the most dangerous of all ventures.
[ 54 ] Das wurde in Manchester gesagt, ein Jahr vor dem Kriege. Die Sache spricht für sich, wir brauchen kaum etwas hinzufügen.
[ 54 ] That was said in Manchester, a year before the war. The matter speaks for itself; we hardly need to add anything.
[ 55 ] Wir sehen also, man hat schon zuweilen gewusst, wie es um dasjenige steht, was die mitteleuropäische Volkheit der Gesamtkultur der Menschheit einzufügen hat. Ja, man hat es zuweilen sogar recht, recht gründlich gewusst. Davon auch ein Beispiel, wie gründlich man es gewusst hat. Da gab es einen gewissen Mann, auch da im Westen drüben, [der uns noch näher steht], als die anderen waren, von denen wir eben gesprochen haben; einen gewissen Mann, die Welt nennt ihn einen Mystiker. Der Mann hat zweifellos sehr geistvolle Werke geschrieben. Einmal äußerte er sich darüber, woher ihm tiefste Gedanken seiner Seele gekommen sind, und da führt er drei welthistorische Erscheinungen an. Die dritte ist der deutsche Dichter Novalis. Novalis, bei dem wir, wenn wir seine Dichtungen vernehmen, unmittelbar das Gefühl haben, die verjüngende Kraft der Volksseele spricht vertraut zu seiner Seele, sodass sie aussprechen kann, was ihm die Volksseele sagt. Nun, was empfindet dieser Mann bei Novalis? Er sagt:
[ 55 ] So we see that people have, at times, known what role the Central European people have to play in the overall culture of humanity. Indeed, at times they have even known it quite, quite thoroughly. Here is an example of just how thoroughly they knew it. There was a certain man, also over there in the West, [who is even closer to us] than the others we have just spoken of; a certain man whom the world calls a mystic. This man has undoubtedly written very profound works. On one occasion, he spoke about the source of the deepest thoughts of his soul, and in doing so, he cited three phenomena of world history. The third is the German poet Novalis. With Novalis, when we hear his poetry, we immediately have the feeling that the rejuvenating power of the national soul speaks intimately to his soul, so that it can express what the national soul is saying to him. Now, what does this man feel when it comes to Novalis? He says:
[ 56 ] Was so die Menschen beschreiben auf Erden, was die Dichter sagen, ein Sophokles, ein Shakespeare, was diese Desdemona, Ophelia, was Hamlet und so weiter erleben, es geht alles zwischen Menschen vor. Aber wenn von einem anderen Plan einmal ein Geist heruntersteigen würde auf die Erde, könnte da dieser Geist eines anderen Planes etwas auf der Erde finden, was auch ihn interessiert, ihn, den Geist, der nicht von der Erde ist?
[ 56 ] What people on Earth describe, what poets say—a Sophocles, a Shakespeare—what these Desdemonas, Ophelias, Hamlets, and so on experience—it all takes place among human beings. But if a spirit from another plane were to descend to Earth, could that spirit from another plane find something on Earth that would also interest him—him, the spirit who is not of this Earth?
[ 57 ] Und der Mann findet nun, dass dasjenige, was der deutsche Dichter Novalis geäußert hat, auch einen solchen Geist interessieren könnte, der als Genius von einem anderen Plan heruntersteigt. Er findet, dass dieser Novalis an Geheimnisse der menschlichen Seele gerührt hat, denen gegenüber die Seele schweigen muss oftmals, weil sie nur in Feieraugenblicken des Lebens passende Worte finden kann, um auszudrücken diese Geheimnisse, diese übersinnlichen Geheimnisse des Lebens. So sagt der Mann. Und wir wollen uns die Worte gar sehr in die Seele schreiben, denn sie sind schön, diese Worte, die er sagt im Anklang an das, was er an Novalis erlebt hat. Er sagt:
[ 57 ] And the man now believes that what the German poet Novalis expressed might also interest a spirit who, as a genius, descends from another plane. He believes that Novalis touched upon mysteries of the human soul—mysteries before which the soul must often remain silent, because it can find the right words to express these mysteries—these supernatural mysteries of life—only in life’s moments of solemn reverence. So says the man. And let us engrave these words deeply into our souls, for they are beautiful—these words he speaks in response to what he has experienced in Novalis. He says:
Auf diesen Höhen allein gibt es Gedenken, welche die Seele bilden kann, und Vorstellungen, welche ihr ähneln und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde dem Geisterreiche ankündigen
Only at these heights are there memories capable of shaping the soul, and ideas that resemble it and are as commanding as the soul itself. There, humanity reigned for a moment, and these dimly lit peaks are perhaps the only lights that announce the Earth to the realm of the spirit
[ 58 ] — und von jenen Lichtern, sagt der Mann, hat Novalis viele angezündet. Und er sagt weiter —,
[ 58 ] — and, says the man, Novalis lit many of those lights. And he goes on to say —,
aber in ihren Werken sind die genannten Menschen
but in her works, the people mentioned
[ 59 ] —also auch Novalis —
[ 59 ] —including Novalis —
aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht von der irdischen Gemeinde sind.
They came out of the little village of passions and said things that are valuable even to those who are not part of the earthly community.
[ 60 ] So spricht man über einen der deutschesten Deutschen, über Novalis. Ein Mann spricht so, und wir könnten voraussetzen, dass dieser Mann, der offenbar das Geistige liebt, alle diejenigen, die jetzt von den deutschen «Barbaren» sprechen, belehren würde mit den Worten: Denn diese Worte, die ich jetzt vorgelesen habe, sind auch von dem Mann, von dem ich etwas anderes vorlesen werde:
[ 60 ] This is how one speaks of one of the most German of Germans, of Novalis. A man speaks this way, and we might assume that this man, who evidently loves the spiritual, would instruct all those who now speak of the German “barbarians” with the words: “For these words, which I have just read aloud, are also from the man from whom I will now read something else:”
In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.
In truth, it is difficult to listen to one’s soul and hear its faint, childlike voice amid the senseless clamor that surrounds it.
[ 61 ] Ja, das kann man schon sagen, dass inmitten der unnützen Schreier, die jetzt von Deutschlands «Barbarei» sprechen, solche Worte wie die des Mannes nur schwerlich vernommen werden können. Aber wer hat das alles gesagt? Maurice Maeterlinck. Nun, Sie wissen, wie sehr Maeterlinck selbst unter die unnützen Schreier gegangen ist in den letzten Monaten. Wir brauchen auch dazu wieder nichts hinzuzufügen.
[ 61 ] Yes, one could certainly say that, amid the useless loudmouths who are now speaking of Germany’s “barbarism,” words like those of this man are hard to hear. But who said all this? Maurice Maeterlinck. Well, you know how much Maeterlinck himself has joined the ranks of the useless loudmouths in recent months. We need not add anything further on that point either.
[ 62 ] Dann aber, wenn wir solche Stimmen vernehmen, dann sagen wir uns: Sie sind gerade ein Beweis dafür, dass hinüberdringt schon dasjenige, über die Grenzen, was aus der deutschen Volksseele in die deutschen einzelnen Seelen hineinquillt, aber zur Wirkung kommen, das kann es nicht. Und zur Wirkung kommen kann es auch da nicht recht, wo es wie gespensterhaft wirkt. Ich habe gezeigt, dass es im Osten wie gespensterhaft wirkt. Ja, wenn man frägt: Was ist dasjenige, was von diesem Mitwirken der deutschen Volksseele an der deutschen Kultur selbst solche Menschen, die im Osten von westeuropäischer Kultur sprechen, empfinden? Man kann oftmals etwas vernehmen wie die Worte, die ich Ihnen jetzt vorlesen möchte. Wenn Herman Grimm mit Recht in der Weise, wie ich es angeführt habe, von dem angeblichen Goethe des Mr Lewes spricht, so merken wir an diesem Mr Lewes eine Vergröberung; aber wie zum Gespensterhaften nach Osten hinüber dasjenige wird, was man aufnehmen will, aber nicht aufnehmen kann, das zeigen uns Worte, die Mereschkowski über Goethe gesprochen hat. Er sagt:
[ 62 ] But then, when we hear such voices, we say to ourselves: They are precisely proof that what wells up from the German national soul into the individual German souls is already permeating across the borders, but it cannot take effect. Nor can it truly take effect where it appears ghostlike. I have shown that it appears ghostlike in the East. Indeed, if one asks: What is it that even those people in the East who speak of Western European culture perceive in this contribution of the German national soul to German culture itself? One often hears something like the words I would now like to read to you. When Herman Grimm rightly speaks, as I have cited, of Mr. Lewes’s so-called Goethe, we notice a coarsening in this Mr. Lewes; but how that which one wishes to absorb but cannot becomes ghostly as it moves toward the East is shown to us by words that Mereschkowski spoke about Goethe. He says:
Wenn Goethe [von der] Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.
When Goethe speaks [of the] French Revolution, he suddenly bends down to the ground, just as a giant might be crushed by an evil spell and shrivel up into a dwarf; from a Hellenic demigod, he becomes a German citizen and—may the shadow of the Olympian be merciful to me—a German philistine, “Mr. von Goethe,” Privy Councilor to the Duke of Weimar, and the respectable son of a respectable Frankfurt shopkeeper.
[ 63 ] So spricht Mereschkowski über den Faust-Dichter. Man lasse sich auch nicht täuschen durch die Worte, die über Goethe in demselben Werke bei Mereschkowski im Schlusssatz stehen. Wenn man das Vorhergehende liest, das ganz von diesem Geiste beseelt ist, so sieht man, dass er sich nicht bis zu Goethe hinaufringen kann, dass er ihn nur als Gespenst sieht. Und vieles von dieser Art könnte angeführt werden. Aber freilich, wenn von einem der führenden Geister des Ostens, über Tschechow, Mereschkowski selbst sagen muss:
[ 63 ] This is how Mereschkowski speaks of the poet of *Faust*. Nor should one be deceived by the words about Goethe that appear in the concluding sentence of the same work by Mereschkowski. If one reads what precedes this—which is entirely imbued with this spirit—one sees that he cannot bring himself to rise to Goethe’s level, that he views him only as a specter. And much more of this sort could be cited. But of course, when one of the leading minds of the East, speaking of Chekhov, must say of Mereschkowski himself:
Kein Zeitalter, keine Völker, als gäbe es inmitten der Ewigkeit nur das Ende des neunzehnten Jahrhunderts und in der Welt nur Russland. Unendlich scharfäugig und hellhörig [für] alles Russische und Zeitgenössische, ist er fast blind und taub für das Fremde und Vergangene. Er sah Russland klarer als sonst jemand, aber übersah Europa, übersah die Welt.
No era, no peoples—as if, in the midst of eternity, there were only the end of the nineteenth century, and in the world, only Russia. Infinitely keen-eyed and attuned to everything Russian and contemporary, he is almost blind and deaf to the foreign and the past. He saw Russia more clearly than anyone else, but overlooked Europe, overlooked the world.
[ 64 ] Da kann man es verständlich finden, muss es verständlich finden, dass Mitteleuropa für den Osten augenblicklich nur ein Gespenst ist, das hinaufversetzt wird in die über den Einzelnen schwebende Volksseele. Es reicht die Zeit nicht aus, das im Einzelnen zu belegen, aber es könnte belegt werden. Dagegen darf wirklich gesagt werden, wie das, was genannt werden kann «das Verjüngende der deutschen Volksseelenkraft» uns nicht nur Einsicht gibt in die Eigenart der deutschen Volksseele für die Vergangenheit, sondern dass es uns auch Kraft und Glaube und Hoffnung für die deutsche Volksseele für die Zukunft gibt.
[ 64 ] It is understandable—indeed, one must find it understandable—that Central Europe is currently nothing more than a specter to the East, one that is elevated into the national soul hovering above the individual. There is not enough time to substantiate this in detail, but it could be substantiated. On the other hand, it can truly be said that what might be called “the rejuvenating force of the German national soul” not only gives us insight into the distinctive character of the German national soul in the past, but also provides us with strength, faith, and hope for the German national soul in the future.
[ 65 ] Allerdings, der Deutsche weiß Goethe etwas anders zu nehmen als die anderen. Und dafür darf ich anführen einen Ausspruch, den wiederum Herman Grimm getan hat über Goethe. Dieser Ausspruch ist getan worden in Vorlesungen über Goethe, in Vorlesungen, die anders sprechen als derjenige spricht, den Herman Grimm selber in der angedeuteten Weise abgefertigt hat, Lewes. Da empfindet Herman Grimm Goethe wie den Vertrauten des deutschen Volkes selbst; dafür aber auch als einen Impuls, als eine Kraft, welche innerhalb der deutschen Kultur wirkt und weiterwirken wird, wie sonst kosmische Veränderungen in der Erde wirken müssen in Bezug auf die physischen Verhältnisse. Herman Grimm sagt über Goethe:
[ 65 ] However, Germans view Goethe somewhat differently than others do. And to illustrate this, I would like to cite a remark that Herman Grimm himself made about Goethe. This remark was made in lectures on Goethe—lectures that speak differently from the way Herman Grimm himself dismissed Lewes in the manner I have indicated. In them, Herman Grimm perceives Goethe as a confidant of the German people themselves; but also as an impulse, as a force that works within German culture and will continue to do so, just as cosmic changes must otherwise affect the Earth in terms of physical conditions. Herman Grimm says of Goethe:
Goethe hat im geistigen Leben Deutschlands gewirkt, wie eine gewaltige Naturerscheinung im Physischen gewirkt hätte. Unsere Steinkohlenlager erzählen von Zeiten tropischer Wärme, wo Palmen bei uns wuchsen. Unsere sich aufschließenden Höhlen berichten von Eiszeiten, wo Rentiere bei uns heimisch waren. In ungeheuren Zeiträumen vollzogen sich auf dem deutschen Boden, der in seinem heutigen Zustande so sehr den Anschein des ewig Unveränderlichen trägt, kapitale Umwälzungen. Der Vergleich also lässt sich ziehen, dass Goethe auf die geistige Atmosphäre Deutschlands gewirkt habe etwa wie ein tellurisches Ereignis, das unsere klimatische Wärme umso und so viel Grade im Durchschnitte erhöhte. Geschähe dergleichen, so würde eine andere Vegetation, ein anderer Betrieb der Landwirtschaft und damit eine neue Grundlage unserer gesamten Existenz eintreten.
Goethe had as profound an impact on Germany’s intellectual life as a mighty natural phenomenon would have had on the physical world. Our coal deposits tell of times of tropical heat, when palm trees grew here. Our caves, as they are uncovered, bear witness to ice ages when reindeer were native to this land. Over immense spans of time, momentous upheavals took place on German soil, which in its present state so strongly gives the impression of eternal immutability. The comparison can thus be drawn that Goethe influenced Germany’s intellectual atmosphere much like a telluric event that raised our average temperature by that many degrees. Were something similar to occur, a different vegetation, a different system of agriculture, and thus a new foundation for our entire existence would emerge.
[ 66 ] So fühlt Herman Grimm Goethe innerhalb des deutschen Geisteslebens. Wie eine andere geistige Vegetation, wie ein anderes geistiges Klima, wird nach und nach eintreten durch Goethe, meint Herman Grimm.
[ 66 ] This is how Herman Grimm perceives Goethe within German intellectual life. Herman Grimm believes that, through Goethe, a different intellectual landscape, a different intellectual climate, will gradually emerge.
[ 67 ] Dieser selbe Herman Grimm, er hat in einer die ganze Eigenart des deutschen Wesens herausbringenden Weise davon gesprochen, wie die deutsche Volksseele in der deutschen Kultur gearbeitet hat, um zu Anschauungen zu kommen, die im einzelnen Nationalgeist das allgemein Menschliche suchen. So hat Herman Grimm die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele erwiesen durch dasjenige, wie er selbst gestimmt war mit Bezug auf den Gang des Weltengeistes am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Denn 1895 sind die schönen Worte gesprochen, welche zum Ausdruck bringen die Stimmung eines Deutschen, der sich eins wusste mit der webenden und wesenden deutschen Volksseele. Herman Grimm sagte:
[ 67 ] This very same Herman Grimm spoke—in a way that brought out the entire uniqueness of the German character—about how the German national soul worked within German culture to arrive at perspectives that seek the universal human within the particular national spirit. Thus, Herman Grimm demonstrated the rejuvenating powers of the German national soul through his own attitude toward the course of the world spirit at the end of the nineteenth century. For it was in 1895 that these beautiful words were spoken, words that express the sentiment of a German who felt at one with the ever-evolving and ever-present German national soul. Herman Grimm said:
Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier nicht mehr. Wir fühlen, dass der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walter.
The solidarity of all people’s moral convictions is today the church that unites us all. We are searching more passionately than ever for a visible expression of this community. All truly serious aspirations of the masses have but this one goal. The division among nations no longer exists here. We feel that no national differences prevail when it comes to the ethical worldview.
[ 68 ] Weiter sagt Herman Grimm:
[ 68 ] Herman Grimm goes on to say:
Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern,
We would all sacrifice ourselves for our homeland,
[ 69 ] — sagt er, und dann folgen die bedeutungsvollen Worte —
[ 69 ] — he says, and then come the meaningful words —
den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, dass Frieden zu halten unser heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.
But we are far from longing for or bringing about the moment when this could happen through war. The assurance that maintaining peace is our most sacred desire is no lie. “Peace on earth and goodwill toward men” fills our hearts.
[ 70 ] Dass aber Herman Grimm seine Zeit durchschaute, dass er nicht ein Träumer war, dass er unter der Anleitung der deutschen Volksseele die Wirklichkeit zu überschauen vermochte, das bezeugt dasjenige, was er nun weiter sagt:
[ 70 ] But the fact that Herman Grimm had a keen insight into his time, that he was no dreamer, and that he was able to grasp reality under the guidance of the German national spirit is attested to by what he goes on to say:
Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden, unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern.
Humanity as a whole recognizes itself as subject to an invisible court of justice, enthroned as if in the clouds; they regard it as a misfortune not to be allowed to stand before it, and they seek to align their internal disputes with its judicial proceedings. With anxious endeavor, they seek justice here. How hard the French of today strive to present the war against Germany they are planning as a moral imperative, the recognition of which they demand from other nations—indeed, from the Germans themselves.
[ 71 ] Sie sehen, Herman Grimm hat 1895 mit klarem Blick durchschaut, wie die Dinge stehen. Diejenigen, die die Dinge gewöhnt sind, so anzuschauen, die lassen sich nicht zurufen: Wer hat den Krieg gewollt!
[ 71 ] As you can see, Herman Grimm had a clear understanding of how things stood back in 1895. Those who are accustomed to viewing things in this way will not be swayed by cries of, “Who wanted the war?”
[ 72 ] Dafür, unter Hunderten und Hunderten von Zeugnissen, die ich Ihnen vorführen könnte, noch das eine. Ein Mensch, der gar nicht besonders eingenommen ist für deutsches Wesen, er schreibt folgende Worte:
[ 72 ] To add to the hundreds and hundreds of testimonies I could present to you, here is one more. A person who is not particularly fond of the German character writes the following words:
Was mich [nun] betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, dass ein Konflikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, dass derselbe sich entweder [durch] den Orient, speziell die Türkei, oder durch den Nationalitätenstreit in Österreich, vielleicht durch beide, entzünden und dass Russland in demselben die Führerschaft auf der einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf die Eventualität vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und Flamme gegen Deutschland. [...] Die deutsche Presse lässt schon jetzt ihre Warnungsrufe erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Russland sich sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und, wie es scheint, wird es jetzt in Petersburg zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wieder einmal aufzunehmen.
As for me [now], I have not a moment’s doubt that a conflict between the Germanic and Slavic worlds is imminent, that it will be sparked either [by] the East—specifically Turkey—or by the ethnic strife in Austria, perhaps by both, and that Russia will assume leadership on one side in this conflict. This power is already preparing for this eventuality; the Russian nationalist press is railing vehemently against Germany. [...] The German press is already sounding its warnings. A long time has passed since Russia regrouped after the Crimean War, and, it seems, it is now deemed expedient in St. Petersburg to take up the Eastern Question once again.
[ 73 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist nicht ein paar Monate vor dem Kriege gesprochen. Das ist 1870 geschrieben, während des Deutsch-Französischen Krieges. So wenig hat man da, wo man die Dinge klar durchschaute, jemals erkannt, dass einmal diejenigen Völker, die in die Mitte Europas hineingedrängt sind, von den allseitig sie Missverstehenden und Nichtverstehenden wie in eine Festung eingeschlossen werden.
[ 73 ] Yes, ladies and gentlemen, these words were not spoken a few months before the war. They were written in 1870, during the Franco-Prussian War. Even those who saw things clearly never realized that one day the peoples who had pushed their way into the heart of Europe would be enclosed, as if in a fortress, by those who misunderstood and failed to understand them on all sides.
[ 74 ] Kurios ist es, wenn solchen Worten gegenüber man versucht, die Meinung zu vertreten: Die Deutschen haben diesen Krieg gewollt. Ich möchte Ihnen durch eine Art, die vielleicht doch einiges spricht über dieses «Die Deutschen haben diesen Krieg gewollt» noch etwas vorbringen in den wenigen Augenblicken, die mir für diesen Vortrag noch zur Verfügung stehen, was demjenigen, der klarsehen will, gar sehr beweisend klingen kann.
[ 74 ] It is curious when, in response to such words, one tries to argue that the Germans wanted this war. In the few moments I have left for this lecture, I would like to present something to you—in a way that perhaps says quite a bit about this notion that “the Germans wanted this war”—which may sound quite convincing to anyone willing to see clearly.
[ 75 ] Nehmen wir einmal an, jemand würde beobachtet haben dasjenige, was in den Wochen vor dem Ausbruch des Krieges — im Frühling 1914, als die Presse perhorreszierte den politischen Horizont — vor sich ging, und er würde das zum Ausdruck habe bringen wollen; was hätte er sagen müssen, 1914, nach den Ereignissen, die sich zugetragen haben? Er hätte etwa das Folgende sagen müssen:
[ 75 ] Let us suppose that someone had observed what was happening in the weeks leading up to the outbreak of the war—in the spring of 1914, when the press was casting a shadow over the political horizon—and wanted to express that; what would he have had to say in 1914, after the events that had taken place? He would have had to say something like the following:
[ 76 ] [Man konnte verfolgen, wie allmählich eine Presskampagne in Peterburg anfing, wie ein starker Druck auf Österreich ausgeübt wurde, der, wenn er angenommen worden wäre, zur Folge gehabt hätte, dass Österreich und Deutschland in Abhängigkeit von Russland gekommen wären. Und doch hätte man den russischen Freunden nicht widersprechen können, wenn sie gesagt hätten, es sei kein Grund für einen Krieg zwischen Russland und Deutschland.]
[ 76 ] [One could see how a press campaign gradually began in St. Petersburg, how strong pressure was exerted on Austria—pressure which, had it been accepted, would have resulted in Austria and Germany becoming dependent on Russia. And yet one could not have contradicted our Russian friends if they had said that there was no reason for a war between Russia and Germany.]
[ 77 ] Nicht wahr, 1914, so im Juli, hätte das ganz gut ausgesprochen werden können, und man hätte es auf die unmittelbaren Ereignisse der Gegenwart beziehen können. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe Ihnen nichts vorgelesen, was im Juli 1914 ausgesprochen worden ist, sondern, allerdings mit einiger Veränderung, die Worte, die [Bismarck am 6. Februar 1888 im Reichstag] gesprochen hat zur Begründung der Militärvorlage. Und jetzt lese ich seine eigenen Worte, sodass Sie sehen, dass ich nicht die Worte, sondern nur die Zeit etwas rektihziert habe:
[ 77 ] Isn’t it true that in 1914—say, in July—this could very well have been said, and one could have related it to the immediate events of the present? Yes, ladies and gentlemen, I have not read to you anything that was said in July 1914, but rather—albeit with some modifications—the words that [Bismarck spoke on February 6, 1888, in the Reichstag] in support of the military bill. And now I will read his own words, so that you can see that I have not altered the words themselves, but only adjusted the time frame slightly:
[...] wie allmählich eine Art von Presskampagne in Petersburg anfing, [durch welche die deutsche Politik angegriffen], ich persönlich in meinen Absichten verdächtigt wurde. Diese Angriffe steigerten sich während des darauffolgenden Jahres bis 1879 zu starken Forderungen eines Druckes, den wir auf Österreich üben sollten in Sachen, wo wir das österreichische Recht nicht ohne Weiteres angreifen konnten. Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten, denn wenn wir uns Österreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhängigkeit von Russland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Ich hatte früher geglaubt, sie könnte es sein, indem ich mir sagte: Wir haben gar keine streitigen Interessen; es ist gar kein Grund, warum Russland je die Freundschaft uns kündigen sollte. Ich hatte wenigstens meinen russischen Kollegen, die mir dergleichen auseinandersetzten, nicht geradezu widersprochen. Der Vorgang betreffs des Kongresses enttäuschte mich, der sagte mir, dass selbst ein vollständiges Indienststellen unserer Politik (für gewisse Zeit) in die russische uns nicht davor schützte, gegen unseren Willen und gegen unser Bestreben mit Russland in Streit zu geraten.
[...] how a sort of press campaign gradually began in St. Petersburg, [through which German policy was attacked], and I personally was suspected of ulterior motives. Over the course of the following year, up until 1879, these attacks escalated into strong demands that we exert pressure on Austria in matters where we could not simply challenge Austrian law. I could not go along with this, for if we alienated Austria, we would—unless we wished to be completely isolated in Europe—necessarily fall into dependence on Russia. Would such dependence have been tolerable? I had previously believed it might be, telling myself: We have no conflicting interests at all; there is no reason whatsoever why Russia should ever sever its friendship with us. At least I had not outright contradicted my Russian colleagues who had explained this to me. The events surrounding the Congress disappointed me; they showed me that even a complete subordination of our policy (for a certain time) to Russia’s would not protect us from entering into conflict with Russia against our will and against our aspirations.
[ 78 ] Allerdings, wenn die Dinge so liegen, wie sie dargestellt worden sind, wenn so die Volksseele im Westen und im Osten sich verhalten müssen zu dem, was die Kraft der deutschen Volksseele ist, dann wird es einem vergehen, zu glauben, dass im Jahre 1914 von Mitteleuropa dieser Krieg gewollt ist. Denn man hat sehen können seit Jahrzehnten mit klaren Augen, wie alles getan worden ist, damit zum Schlusse die heutigen Ereignisse herbeigeführt werden konnten.
[ 78 ] However, if things are as they have been portrayed, if the national spirit in the West and in the East must relate in this way to the power of the German national spirit, then it becomes impossible to believe that Central Europe wanted this war in 1914. For decades, one has been able to see clearly how everything was done to ultimately bring about the events of today.
[ 79 ] Nicht nur der feinsinnige Herman Grimm sprach von dem Friedenswillen in Mitteleuropa. Auch daran darf man erinnern, dass nicht bloß da, wo man, wie Herman Grimm, als ethisch auf der Höhe seiner Zeit stehender Mensch mit der deutschen Volksseele in Verbindung war, sondern dass auch da, wo man politisch von der deutschen Volksseele inspiriert wurde, in einer ähnlichen Weise gesprochen wurde.
[ 79 ] It was not only the discerning Herman Grimm who spoke of the desire for peace in Central Europe. It is also worth recalling that such sentiments were expressed not only by those who, like Herman Grimm—a man whose ethical standards were at the forefront of his time—were in touch with the German national spirit, but also by those who were politically inspired by that same spirit.
[ 80 ] 1888 wurde, wiederum von Bismarck, in Berlin so gesprochen, dass damit wahrhaftig kein Kriegswollen ausgesprochen worden ist. Bismarck sagte:
[ 80 ] In 1888, Bismarck again made a statement in Berlin that made it clear he had no intention of going to war. Bismarck said:
Mit der gewaltigen Maschine, zu der wir das deutsche Heerwesen ausbilden, unternimmt man keinen Angriff. Wenn ich heute vor Sie treten wollte und Ihnen sagen — wenn die Verhältnisse eben anders lägen, als sie meiner Überzeugung nach liegen: Wir sind erheblich bedroht von Frankreich und Russland; es ist vorauszusehen, dass wir angegriffen werden; meiner Überzeugung nach glaube ich es als Diplomat nach militärischen Nachrichten hierüber, es ist nützlicher für uns, dass wir als Defensive den Vorstoß des Angriffs benutzen, dass wir jetzt gleich schlagen; der Angriffskrieg ist für uns vorteilhafter zu führen, und ich bitte also den Reichstag um einen Kredit von einer Milliarde oder einer halben Milliarde, um den Krieg gegen unsere beiden Nachbarn heute zu unternehmen. Ja, meine Herren, ich weiß nicht, ob Sie das Vertrauen zu mir haben würden, mir das zu bewilligen. Ich hoffe nicht!
One does not launch an attack with the formidable military machine that we are training the German Army to be. If I were to stand before you today and tell you—if the circumstances were different from what I am convinced they are: We are under a significant threat from France and Russia; it is foreseeable that we will be attacked; based on my conviction as a diplomat and on military intelligence regarding this matter, I believe it is more beneficial for us to use the enemy’s advance as a pretext for a defensive strike, to strike immediately; a war of aggression is more advantageous for us to wage, and I therefore ask the Reichstag for a credit of one billion or half a billion to wage war against our two neighbors today. Yes, gentlemen, I do not know whether you would have the confidence in me to grant me this. I hope not!
[ 81 ] Man wird einmal dazu kommen, meine sehr verehrten Anwesenden, aus Stimmungen, aus demjenigen, was nicht nur der Verstand sieht, sondern auch aus Stimmungen heraus etwas zu verspüren von den eigentlichen Ursachen zu diesem Kriege und den treibenden Kräften, die zu diesem Kriege führten. Man wird etwas spüren von dem Wollen, dass sich wie zusammenkonzentrierte gegen Mitteleuropa, um die ewig sich verjüngen wollende deutsche Volksseele in ihrem Lebenselemente zu unterbinden.
[ 81 ] Ladies and gentlemen, the time will come when, through our feelings—not only through what the intellect perceives, but also through our feelings—we will begin to sense the true causes of this war and the driving forces that led to it. We will sense something of the will that converged against Central Europe in order to stifle the German national spirit—which seeks eternal renewal—in the very elements of its life.
[ 82 ] Wie das Ungewitter heraufzicht, das zeigen diejenigen Vorstellungen, die man gewinnen kann, wenn man gerade das Wirken und Weben der europäischen Volksseelen in den letzten Jahrzehnten überblickt. Kann da nicht gesagt werden das Folgende: Könnte man nicht, wenn man sich begeben wollte in das Treiben und Weben der deutschen Volksseele hinein, wie es war in den Zeiten, bevor dieser Krieg ausgebrochen ist, könnte man nicht zu folgenden Gedanken kommen? Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen auch noch dieses vorlese. Sie werden gleich sehen, dass ich dabei auch eine gewisse Idee habe:
[ 82 ] The way the storm is brewing is revealed by the insights one can gain by surveying the workings and interplay of the European national souls over the past few decades. Can’t the following be said: If one were to delve into the stirrings and interplay of the German national soul as it was in the times before this war broke out, couldn’t one arrive at the following thoughts? Allow me to read this to you as well. You will see right away that I also have a certain idea in mind:
Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philosophie sind uns Bücher mit sieben Siegeln. Was wir wissen, ist, wie viele Dreadnoughts Deutschland besitzt, und um wie viel sein Handel gestiegen ist. Was wirklich wichtig ist, ist nicht der Dreadnought, sondern das Hirn seines Erbauers, Mut und Begabung seines Kommandeurs. Was wirklich wichtig ist, ist nicht das Mehr an Umsatz, sondern die menschlichen Eigenschaften, die es veranlassten. [...]
Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz, und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]
An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen, Deutschland weiß das [auch ganz] genau.
German literature, German religion, and German philosophy are a complete mystery to us. What we do know is how many dreadnoughts Germany possesses and by how much its trade has increased. What is truly important is not the dreadnought, but the mind of its builder and the courage and talent of its commander. What is truly important is not the increase in sales, but the human qualities that brought it about. [...]
Forty years ago, Germany was fighting for its very existence, and it continues to do so today. It is completely wrong to believe that Germany [has] already reached its peak. It is waging a quiet but determined struggle against powerful rivals whose power and experience were established generations ago. [...]
At every border and across the water, Germany’s adversaries—both commercial and political—lie in wait, eagerly anticipating the moment when Germany shows even the slightest sign of weakness so they can pounce and bring it down; Germany knows this [all too] well.
[ 83 ] [So hat Mrs Wylie geschrieben in ihrem Buch «Eight years in Germany», das etwa zwei Jahre vor dem Krieg erschienen ist. Es ist recht gut, wenn solche Leute einmal versuchen, unterzutauchen in die deutsche Volksseele.]
[ 83 ] [This is what Mrs. Wylie wrote in her book *Eight Years in Germany*, which was published about two years before the war. It is quite good when people like this try to immerse themselves in the German national character.]
[ 84 ] So, so sind die Dinge, die als ein Echo geweckt werden da, wo man zu verstehen versucht, was der Deutsche in vertrautem Zwiegespräch mit seiner Volksseele zu gewinnen sucht. Und was war es stets, was der Deutsche im Zwiegespräch mit seiner Volksseele zu finden versuchte? Es war immer dasjenige, was den einzelnen Menschen, die einzelne Menschenseele, den einzelnen Menschengeist den Weg finden lassen sollte in die geistigen Höhen der Welt, wo aller Dinge Quell und Ursprung ist, wo Quell und Ursprung auch des ewigen Teiles der Menschenseele selbst ist.
[ 84 ] Such, then, are the things that are stirred up like an echo wherever one tries to understand what the German seeks to gain in an intimate dialogue with the soul of his people. And what was it that the German has always sought to find in this dialogue with the soul of his people? It was always that which was meant to enable the individual human being—the individual human soul, the individual human spirit—to find the path to the spiritual heights of the world, where the source and origin of all things lie, where the source and origin of the eternal part of the human soul itself also lie.
[ 85 ] Geisteswissenschaft, gerade aus ihren Quellen heraus, muss sie an die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele glauben; glauben, weil sie sich dessen bewusst ist, dass immer wiederum im Verlaufe der Weltgeschichte diese deutsche Volksseele hinaufgegangen ist in geistige Höhen, hinuntergestiegen ist zu den menschlichen Selbsten, um ihnen die Wahrheit von ihrer Ewigkeit zu überliefern, Geisteswissenschaft hat ihre Wurzeln und ihren Quell im deutschen Idealismus, und wir können nachweisen, dass Geisteswissenschaft eng zusammenhängt mit diesem deutschen Idealismus.
[ 85 ] Spiritual science, precisely because it draws from its own sources, must believe in the rejuvenating forces of the German national soul; believe because it is aware that, time and again throughout world history, this German national soul has ascended to spiritual heights and descended to the human selves in order to impart to them the truth of their eternity. Spiritual science has its roots and its source in German idealism, and we can demonstrate that spiritual science is closely connected to this German idealism.
[ 86 ] Was sagt Geisteswissenschaft, nicht in abstrakter, sondern in konkreter Weise über der menschlichen Seele Zukunft? Dass in diesem Leibe lebt ein unvergängliches Selbst, das durch Geburten und Tode immer wiederum geht; dass, wenn die geistige Initiation erreicht ist, wenn die geistige Erkenntnis und geistige Wirklichkeit durch Forschung erreicht ist, die Seele erfasst wird außerhalb des Leibes; dass sie auf diesen Leib zurückschaut wie auf einen äußeren Gegenstand, so vorempfindend dasjenige, was die Menschenseele erlebt, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten ist. Nicht im Allgemeinen nur spricht die Geisteswissenschaft davon, dass die Menschenseele ewig sei, sondern so, dass sie klar auf dasjenige hinweist, was nach dem Tode zurückschaut auf das, was im Leibe gelebt hat. Ganz konkret schildert Geisteswissenschaft das. Und sie kann es erst heute.
[ 86 ] What does spiritual science say—not in an abstract way, but in a concrete way—about the future of the human soul? That within this body lives an imperishable self that passes through births and deaths time and again; that once spiritual initiation has been attained, once spiritual knowledge and spiritual reality have been attained through research, the soul is perceived outside the body; that it looks back upon this body as upon an external object, thus foreshadowing what the human soul experiences once it has passed through the gate of death. Spiritual science does not merely speak in general terms about the human soul being eternal, but does so in a way that clearly points to what, after death, looks back upon what was lived in the body. Spiritual science describes this in very concrete terms. And it is only today that it can do so.
[ 87 ] Und die wahre Geisteswissenschaft, wie wir sie in Mitteleuropa für richtig halten, sie ist sich bewusst, dass sie die Kräfte zum Forschen nur verdankt der Verbindung der deutschen Volksseele mit dem deutschen Philosophen. Wenn heute jemand, der sich zur Geisteswissenschaft bekennt, im wahren Sinne des Wortes einen Vergleich gebrauchen möchte für irgendetwas, was vergangen ist und seine Zukunft finden muss, wenn irgendjemand als treuer Bekenner der Geisteswissenschaft sagen wollte: Ich meine, es müsse in die Menschheit etwas ganz Neues eingeführt werden, gegen das sich heute noch viele Vorurteile stellen; aber mir kommen diese Vorurteile vor, wie [die Seele des Leichnams sich] vorkommt, wenn sie zurückschaut nach dem Tode auf diesen Leichnam.
[ 87 ] And true spiritual science, as we in Central Europe consider it to be, is aware that it owes its power to conduct research solely to the connection between the German national soul and the German philosopher. If today someone who professes to follow spiritual science were to use a comparison—in the true sense of the word—for something that has passed and must find its future, if anyone, as a faithful adherent of spiritual science, were to say: “I believe something entirely new must be introduced into humanity, something against which many prejudices still stand today; but these prejudices strike me as [the soul of the corpse] appears when it looks back upon this corpse after death.”
[ 88 ] Man könnte glauben, solch einen Vergleich könne nur ein Geistesforscher anwenden, weil erst heute Geistesforschung dazu kommt, das zu erhärten, dass das die Seele wirklich tut, wenn sie durch den Tod gegangen ist. Ich werde Ihnen einen solchen Vergleich vorführen:
[ 88 ] One might think that only a spiritual researcher could make such a comparison, because it is only now that spiritual research is beginning to confirm that this is indeed what the soul does after passing through death. I will present such a comparison to you:
Die Zeit erscheint mir wie ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der andern Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmem Liebeshauche; zwar begrüßen sie schon [freudig heimliche] Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen; zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.
Time seems to me like a shadow standing over its corpse—from which an army of diseases has just driven it out—lamenting and unable to tear its gaze away from the shell it once loved so dearly, desperately trying every means to get back into the dwelling of the plagues. True, the life-giving breezes of the other world, into which the departed soul has entered, have already taken her in and surround her with a warm breath of love; true, the [joyfully secret] voices of her sisters already greet her and welcome her; and indeed, something is already stirring and expanding within her in all directions to develop the more magnificent form into which she is to grow; but she still has no sense of these breezes or hearing for these voices, or, even if she did, she is consumed by grief over her loss, through which she believes she has lost herself as well.
[ 89 ] Man glaubt wirklich heute, nur ein Geistesforscher könne so sprechen. Fichte ist es, der so gesprochen hat in seinen «Reden an die deutsche Nation»; indem er das, was er als eine neue Erziehung an die Stelle der alten deutschen Erziehung setzen will, wie den Leichnam anspricht.
[ 89 ] People today truly believe that only a philosopher of the mind could speak this way. It was Fichte who spoke this way in his “Addresses to the German Nation,” addressing what he wished to replace the old German education with—a new form of education—as if it were a corpse.
[ 90 ] So wurzelt, was man heute wollen kann, in den Keimen, welche aus dem Bunde mit der deutschen Volksseele, aus diesen verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele der deutsche Idealismus gesucht hat.
[ 90 ] Thus, what one can aspire to today has its roots in the seeds that German idealism sought in its alliance with the German national soul—in these rejuvenating forces of the German national soul.
[ 91 ] Und wollen wir Vertrauen haben, dass Geisteswissenschaft wirklich als eine neue Frucht am Baume der deutschen Entwicklung sich entfalten kann, so brauchen wir nur hinzublicken auf dasjenige, was man als das wahre Wesen der deutschen Volksseele ansehen kann, als die verjüngende Kraft der deutschen Volksseele. Das wahre Wesen der deutschen Volksseele ist eben diese immer sich verjüngende Kraft.
[ 91 ] And if we are to have confidence that spiritual science can truly unfold as a new fruit on the tree of German development, we need only look to what can be regarded as the true essence of the German national soul—the rejuvenating force of the German national soul. The true essence of the German national soul is precisely this ever-rejuvenating force.
[ 92 ] Und wenn wir heute hinblicken auf die schicksalstragenden Ereignisse, dann empfinden wir sie wie eine Dämmerung. Wir blicken aber hinein in die Zukunft und wollen verstehen, dass sich aus dieser Dämmerung ein sonnendurchwärmter und sonnendurchleuchteter Horizont erheben muss; dass die deutsche Volksseele die Kraft haben wird, aufs Neue zu verjüngen deutsches Wesen, deutsches Streben. Und das, was immer unternommen wird gegen dieses deutsche Wesen, gegen dieses deutsche Streben, es wird ihm nicht die Lebensluft rauben können, weil dasjenige, was als das höchste Leben vorhanden ist im deutschen Wesen, die immer verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele sind. Hat sie so viele Sprossen in der deutschen Kultur hervorgebracht, so muss sie auch neue Früchte hervorbringen. Das ist unsere Hoffnung, und das ist nicht etwas Vages, das ist etwas Begründetes! Hoffnungsvoll schauen wir hin auf den Horizont, der uns zeigen wird gerade als eine der Früchte der deutschen Entwicklung geisteswissenschaftliche Weltanschauung, die alle Herzen und Seelen durchströmen wird, und Geist und Physis miteinander verbinden wird. Wenn man das Geistige als eine Realität schauen wird, wenn man wissen wird, wie das Geistige durch die Pforte des Todes geht, wenn man das Geistige einmal betrachten wird, wie die Wissenschaft heute die äußeren physischen Kräfte betrachtet, wo man wissen wird, dass nichts verloren geht, dann wird man wissen, dass die unzähligen geistigen Teile, die jetzt durch die Pforte des Todes gehen aus jungen Leibern, dass die nicht verloren sein können. Sie, diese seelischen Menschenglieder, die noch durch Jahrzehnte hindurch hier auf Erden hätten den Leib versorgen können, sie werden nicht nur in jenem abstrakten Sinne als ein Ewiges empfunden werden in der Zukunft, wie man das nach altem Wissen kann, sondern sie werden empfunden werden als etwas, was lebendig fortlebt, was diejenigen einverleibt haben dem geistigen Strom des Daseins, die den Pflichten der Zeit folgend durch die Pforte des Todes oder des Leidens gegangen sind.
[ 92 ] And when we look back today at those fateful events, we perceive them as a twilight. But we look into the future and want to understand that from this twilight a horizon warmed and illuminated by the sun must rise; that the German national soul will have the strength to rejuvenate, anew, the German essence, the German striving. And whatever is ever undertaken against this German essence, against these German aspirations, it will not be able to rob it of the breath of life, because what exists as the highest life within the German essence are the ever-rejuvenating forces of the German national soul. Just as it has produced so many shoots in German culture, so too must it produce new fruits. That is our hope, and it is not something vague—it is something well-founded! We look hopefully toward the horizon, which will reveal to us, precisely as one of the fruits of German development, a spiritual-scientific worldview that will flow through all hearts and souls and unite spirit and physicality. When people come to see the spiritual as a reality, when they come to know how the spiritual passes through the gate of death, when they come to regard the spiritual in the same way that science today regards the external physical forces—when they come to know that nothing is lost—then they will know that the countless spiritual parts now passing through the gate of death from young bodies cannot be lost. These soul-members of human beings, which could have continued to sustain the body here on Earth for decades to come, will not only be perceived in the future in that abstract sense as something eternal—as is possible according to ancient knowledge—but they will be perceived as something that lives on, something that those who, following the duties of their time, have passed through the gate of death or suffering have incorporated into the spiritual stream of existence.
[ 93 ] Und konkret verbunden werden sich fühlen, wenn aus dieser Kriegsdämmerung wieder Friedenszeiten kommen werden, verbunden werden sich fühlen diejenigen gerade, welche die besten Früchte deutschen Wesens getragen haben, mit alle demjenigen, was die hineinbringen, die durch die Pforten des Todes gehen mussten.
[ 93 ] And when times of peace return from this twilight of war, those who have borne the finest fruits of the German spirit will feel a deep connection—especially with all that is brought by those who had to pass through the gates of death.
[ 94 ] So darf gesagt werden, zusammenfassend dasjenige, was ich heute versuchte, vor Ihnen auszuführen, es darf gesagt werden: Ja, dieser deutsche Geist hat noch nicht vollendet, was seine Sendung in der Erdenwelt war. Er steht in Verbindung mit der verjüngenden Kraft der deutschen Volksseele. Und schaut man [hin auf] das wahre Wesen der deutschen Volksseele, dann weiß man: Die treibenden Kräfte sind da, die unsichtbaren Kräfte des deutschen Lebens sind unverändert unter uns. Und allen denjenigen, die heute von Deutschlands Schwäche oder von deutscher Wesensschwächung oder Vernichtung sprechen, denen ruft derjenige, der objektiv erkennt, was die verjüngende Kraft der deutschen Volksseele den einzelnen Deutschen zuraunt, gerade der ruft in die Welt hinaus den Sinn, den er vernimmt aus dem Wirken der deutschen Volksseele:
[ 94 ] To summarize what I have attempted to explain to you today, it may be said: Yes, this German spirit has not yet fulfilled its mission in the earthly world. It is connected to the rejuvenating power of the German national soul. And if one looks at the true essence of the German national soul, then one knows: The driving forces are there; the invisible forces of German life remain unchanged among us. And to all those who speak today of Germany’s weakness or of the weakening or destruction of the German essence, the one who objectively recognizes what the rejuvenating power of the German national soul whispers to individual Germans—it is precisely this one who proclaims to the world the meaning he perceives from the workings of the German national soul:
Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er im Weltenlaufe schaffen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken soll.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
The German spirit has not yet accomplished
What it is meant to achieve in the course of the world.
It lives with hope amid worries about the future,
It hopes for future deeds full of life; —
In the depths of its being, it feels powerfully
Something hidden that is yet to take effect as it matures.
How can the desire for its end,
In the enemy’s power, without understanding, come to life:
As long as life reveals itself to it,
Which sustains it creatively at the roots of its being?
