Menschenseele, Schicksal und Tod
GA 70a
18 Februar 1915, Stuttgart
5. Die verjüngende Kraft der Deutschen Volksseele
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Jedes Jahr durfte ich hier in dieser Stadt sprechen über Gegenstände der Geisteswissenschaft. Unsere [hiesigen] Freunde der geisteswissenschaftlichen Bewegung waren der Meinung, dass das auch in diesen schicksalsschweren Tagen geschehen soll. Nun wird es begreiflich erscheinen, dass diese unsere Tage eine ganz besondere Art der Betrachtung auch für den geisteswissenschaftlich Bestrebten erfordern. Sind doch all unsere Empfindungen, all unsere Gefühle innig vereint mit demjenigen, was sich in diesen schicksalstragenden Tagen in Ost und West abspielt. Haben wir doch mit innigem Anteil hinzublicken auf diejenigen, welche treu der Pflicht gehorchen, die die Zeit von ihnen fordert, die mit Leib und Blut und Seele eintreten für dasjenige, was so tief bestimmend in den europäischen und überhaupt den menschlichen Entwicklungslauf eingetreten ist. In all unsere Gedanken, in alle Betrachtungen muss sich ja dasjenige hineinmischen, was uns mit dem großen Schauplatz verbindet, auf dem gegenwärtig nicht entschieden und beurteilt wird in Worten, in Begriffen und Vorstellungen, auf dem entschieden und geurteilt wird durch Taten, durch Leben, durch Blut, durch Tod.
[ 2 ] Dasjenige, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich am heutigen Abend vor Ihnen betrachten möchte, soll so zusammenhängen mit den großen Zeitereignissen, dass einmal gefragt wird, gleichsam aus diesen Zeitereignissen selbst gefragt wird: Welche Impulse, welche Kräfte, welche Mächte im Laufe der Menschheitsentwicklung dazu geführt haben, dazu führen konnten, dass die Träger der mitteleuropäischen Kultur, dass die Träger des mitteleuropäischen Seelenlebens nunmehr wie in einer mächtigen, vergrößerten Festung von allen Seiten eingeschlossen sind, nach allen Seiten sich zu wehren haben; ja nicht nur sich zu wehren haben, sondern von allen Seiten mit allen möglichen Schmähungen, ja Beschimpfungen belastet werden. Vielleicht sind gerade geisteswissenschaftliche Vorstellungen, vielleicht sind Empfindungen, die aus geisteswissenschaftlichem Fühlen herauskommen, geeignet, wenigstens in einigen Strichen die größeren Zusammenhänge zu charakterisieren, welche im Weltenwerden bis zu unserer Zeit herein, zu unseren schicksalbewegenden Ereignissen geführt haben.
[ 3 ] Zu denjenigen Dingen, über die das materialistische Zeitalter ganz besonders gelacht hat, kann man schon sagen, als ich versuchte, sie darzustellen in meinem Buche «Theosophie», gehörte die Idee, der Begriff der Volksseele. Für den Geisteswissenschaftler ist diese Volksseele nicht bloß ein abstrakter, leerer Begriff, nicht bloß eine abstrakte Zusammenfassung der Eigenschaften irgendeines Volkes. Diese Volksseele ist ein Lebendiges, ein Reales.
[ 4 ] Denn für die Geisteswissenschaft — das ist oftmals hier betont worden — hört der Begriff der Realität, auch der Begriff der persönlichen und individuellen Realität nicht auf mit dem Sichtbaren. Überall hinter dem Sichtbaren waltet das Unsichtbare. Treten wir geisteswissenschaftlich der Natur nahe, dann finden wir hinter dem, was uns die Natur äußerlich offenbart, geistige Wesenhaftigkeiten, die wirksam sind nicht bloß etwa für eine abergläubige, althergebrachte Weltanschauung, die wirksam sind für ein wirkliches, geisteswissenschaftliches Forschen. Hinter alledem, was wir selbst sind, hinter alledem, was sich in uns entwickelt zwischen Geburt und Tod, waltet jenes ewige, unvergängliche Selbst, das allerdings in Formen und Wesenhaftigkeiten sich dem Menschen darstellt, die er im alltäglichen Leben nicht beachtet. Es waltet in uns das übersinnliche Selbst, das durch Geburten und Tode von Leben zu Leben auf der Erde geht. Und es walten in allem geschichtlichen Werden unsichtbar, übersinnlich, aber so real wie äußere Wesenheiten der Tier- und Pflanzenwelt wirkliche, persönliche, individuelle Wesenheiten. Von solchen wirklichen, waltenden geistigen Wesenheiten spricht der Geistesforscher, wenn er von der Volksseele spricht. Und er versucht, aus seiner Erkenntnis heraus das Wesen dieser Volksseelen zu erfassen; versucht, einzudringen in dasjenige, was diese Volksseelen sind, um aus diesem Eindringen heraus ein Verständnis zu gewinnen davon, wie die Volksseelen in den Völkern, in den Empfindungen und Impulsen der Völker walten und wie sich durch dieses Walten der Volksseelen die Völker zueinander stellen.
[ 5 ] Zunächst nur andeuten möchte ich dasjenige, was ja im Einzelnen auszuführen viel zu weit führen würde, wie der Geistesforscher dahin gelangt, von solchen höheren geistigen Wesenheiten auch im Sinne von Volksseelen zu sprechen. Wir stehen im materiellen Leben zu den Dingen der Außenwelt, zu den Dingen des Mineralreiches, des Tier- und Pflanzenreiches; wir betrachten dasjenige, was im Horizont dieser Reiche um uns herum verbreitet ist; wir bilden uns davon Vorstellungen und Gedanken, nehmen sie in uns auf. Wir wissen, da drinnen in uns wohnt unser seelisches Wesen, und wenn wir uns Gedanken, Vorstellungen, Ideen bilden, dann beziehen sich diese Gedanken, Vorstellungen und Ideen auf Wesenheiten außer uns.
[ 6 ] Dasjenige, was wir aus den Wesenheiten herausziehen können, das eignen wir uns gewissermaßen an; das tragen wir dann von der Mineral- und Tier- und Pflanzenwelt, die um unsere Sinne herum sich ausbreiten, in uns weiter. Von der Welt, die unter uns ist als Menschen, bilden wir uns Vorstellungen, Gedanken, Ideen. Die Geistesforschung zeigt uns — ich kann das heute nur mit einem Vergleich andeuten; die Zuhörer, die mich hier öfter gehört haben, wissen, dass das nicht nur ein Vergleich ist, sondern ein Ergebnis einer geistigen Forschung —, die Geistesforschung zeigt uns, wie wir als menschliche Seele stehen zur äußerlichen Wirklichkeit. So steht über uns im Unsichtbaren eine geistige Welt; und was die Dinge der Mineral- und Tier- und Pflanzenwelt für uns sind, das sind wir selbst als Seelen für eine geistige Welt. Wir können vergleichsweise sagen: Wie die Dinge der Sinneswelt für uns Gedanken werden, so werden wir Gedanken, so werden wir Vorstellungen und Ideen für die geistige Welt. Und zu den in der geistigen Welt uns am nächsten stehenden Wesen gehört die Volksseele. Und wie wir Menschen stehen können so zu der äußeren Welt, dass wir einfach mit unseren Sinnen uns dieser äußeren Welt hingeben, gleichsam uns wenig Gedanken machen, uns wenig erheben in ein ideales Reich, so kann die Volksseele zu den einzelnen Menschen eines Volkes stehen so, dass sie gleichsam ganz sich auslebt in den einzelnen Individuen, dass sie ganz und gar [mit ihren Willensimpulsen] — und bei der Volksseele kommt es auf Willensimpulse an —, dass sie ganz und gar in den Individuen sich zum Ausdruck bringt, dass diese Volksseele sich wenig erhebt in ein geistiges Reich, sondern mehr untertaucht und ein Leben führt in den Volksindividuen selbst. Solche Volksseelen, wir finden sie, geisteswissenschaftlich betrachtet, mehr bei den westlichen Völkern Europas. Wir finden da die Volksseelen wenig sich in ein spirituelles Reich erhebend; dagegen finden wir, dass sie bestimmend, tyrannisch und dogmatisierend eingreifen in das individuelle Seelenleben der Mitglieder der westeuropäischen Völker.
[ 7 ] Ein anderes ist denkbar und ist wirklich im Charakter der Volksseelen. Das ist zu vergleichen mit dem, wenn ein Mensch mehr ein Träumer ist, wenn er wenig Augen, wenig Sinn hat für die äußere Welt; wenn die Dinge an ihm gleichsam unbeachtet vorübergehen und er mehr in seinen Vorstellungen lebt. Mit diesem Verhalten der einzelnen Menschenseele zu den äußeren Dingen lässt sich vergleichen eine solche Volksseele, wie die russische Volksseele ist. Sie schwebt gleichsam nebulos über den einzelnen Mitgliedern des Volkes, geht nicht in die einzelnen Individualitäten des Volkes; kümmert sich wenig um sie; steht nur in einem losen Zusammenhang damit.
[ 8 ] Dann gibt es Menschen, und wir haben in der Entwicklungsgeschichte Mitteleuropas einen repräsentativen Menschen dieser Art, welcher auf der einen Seite liebevoll mit allen Sinnen die Außenwelt betrachtet, aber doch wiederum nicht an dieser Außenwelt hängen bleibt, sondern ein volles ideelles, geistig-seelisches Leben entwickelt, und untertaucht mit diesem geistig-seelischen Leben in dasjenige, was die Sinne um ihn herum darbieten und offenbaren, im eminentesten Sinne eben ist ein Repräsentant dieser Geistesart Goethe. Goethe, dessen Vorstellungsart ein bedeutender Psychologe seiner Zeit genannt hat «Ein gegenständliches Denken», weil diese merkwürdige Goethe-Einzelseele sowohl durch die Sinne sich verbindet liebevoll mit allem, was draußen ist, und so stark zugleich aufsteigt zu Ideen. Schiller konnte in einem Gespräch, das er mit Goethe führte, das nicht recht verstehen, sodass Goethe behaupten musste, er sehe seine Ideen mit den Augen. So sehr war bei ihm entwickelt das Ideelle, das geistig-seelische Leben und wiederum das sinnlich-äußerliche Leben. Eine Volksseelenart, welche sich vergleichen lässt mit dieser Disposition der einzelnen Menschenseele, ist nun die deutsche Volksseele. Die deutsche Volksseele, die sich als solche bewährt hat durch die Jahrhunderte, die Jahrtausende der deutschen Entwicklung in Mitteleuropa.
[ 9 ] Diese deutsche Volksseele, sie erscheint uns auf der einen Seite vertraut und intim beschäftigt mit der einzelnen menschlichen Individualität. Auf der anderen Seite wiederum sehen wir, wie sie sich zurückziehen konnte in die geistigen Reiche, um dort neue Quellen des geistigen Lebens sich zu eröffnen, um dann wiederum herunterzugehen zu den einzelnen menschlichen Individualitäten im deutschen Volke. Eine Volksseele, die zugleich im Geistigen, zugleich im Individuellen lebt, die uns selbst in der Zeitenfolge so erscheint, als ob sie herunterkäme unter das Volk; [es erscheint, als ob sie rhythmisch herunterkäme], wir erblicken sie in den Entscheidungen, in denen die Vorfahren sich geltend machen als Gegner der römischen Entwicklung. Wir sehen, wie diese Volksseele damals schon in Mitteleuropa die einzelnen menschlichen Individualitäten erfüllt, wie sie sie mit Kräften durchtränkt, sodass sie in einer ganz bestimmten Art und Weise sich entgegenstellen können demjenigen, was als Römertum auf sie eindringt. Wir finden dann wiederum, wie diese Volksseele sich zurückzieht, dann wiederum hervorbricht, untertaucht in die einzelnen Individualitäten, wie sie sogar ein Höchstes hervorbringt zur Zeit des Walter von der Vogelweide, [Wolfram von Eschenbach]. Wir finden, wie dann später, als Deutschland zerstampft wird von links und von rechts, von Nord und von Süd, während des Dreißigjährigen Krieges, diese Volksseele Kraft sammelt im Unsichtbaren, um dann in einer Hochblüte deutscher Geistesentwicklung an der Wende des achtzehnten, neunzehnten Jahrhunderts wiederum in die Individuen unterzutauchen.
[ 10 ] Wenn wir die Geschichte in ihrem rhythmischen Gang betrachten, erschließt sie uns etwas wie ein Wechseln zwischen Untertauchen der Volksseele in die einzelnen Individualitäten und Zurückkehren in Geistiges. Und aus diesem Zurückkehren in Geistiges stammen die verjüngenden Kräfte der deutschen Entwicklung.
[ 11 ] Wenn wir einen Grundzug gerade dieses Vertrautseins auf der einen Seite und doch wiederum des Hochfluges auf der anderen Seite der deutschen Volksseele vor uns hinstellen, begreifen wir, wie innerhalb der deutschen Kulturentwicklung dasjenige, was als Höchstes hervorgebracht wird, was bis in die Spitzen der Kunst, des Gedankenlebens hinaufgeht, doch wiederum in den einfachsten Regungen, dem Primitiven der Volksseele wurzelt; wie es in Deutschland von jeher undenkbar war, dass Deutschlands Hochkultur nicht zugleich Volkskultur war.
[ 12 ] Und da möchte ich gerade in dieser schicksalsschweren Zeit — nicht um sentimentale Gefühle hier in ihren Herzen zu entwickeln, sondern um anzudeuten, was die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele gerade zum Ausdruck bringt, wie Deutschlands Hochkultur hervorgeflossen ist —, da möchte ich zwei Persönlichkeiten in ihren letzten Augenblicken, ihren Todesaugenblicken gewissermaßen anrufen und etwas charakterisieren.
[ 13 ] Wie hat sich eingelebt in die deutschen Herzen, in die deutschen Gemüter dasjenige, was Schiller seinem Volke sein konnte. Was wirkte in Schillers Gemüt selbst? Die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele! Er wusste sich verbunden mit diesen tieferen Kräften der deutschen Volksseele. Durch einen seiner Freunde, den Sohn des Homer-Übersetzers Voß, Heinrich Voß, werden wir gleichsam in Schillers Todesstube hineingeführt und lernen Schillers letzte Tage und letzte Augenblicke kennen. Da lernen wir ihn kennen, diesen Schiller, wie er in den letzten Tagen sozusagen körperlich schon gestorben ist, wie er aber doch alle seine Seelenkräfte zusammennehmend, teilnahm an dem, was ihn umgab. Da kann man sehen, wie der Geist über den mürbe gewordenen Körper, der bei der Sektion ein vertrocknetes Herz aufwies, in dem aber eine warme Glut war, herrschte. Wir sehen, dass dieser mürbe gewordene Körper aufrechterhalten wurde einzig und allein durch die starken Seelenkräfte, die in ihm wohnten.
[ 14 ] Erzählt wird uns, wie schwer Schillers letzte Augenblicke waren. Ergreifend ist, wie er in diesen letzten Augenblicken sich noch anstrengte, dieses oder jenes zu sagen, von dem er glaubte, es seiner Umgebung noch mitteilen zu müssen, damit es der Nachwelt verkündigt werden könnte. Es wird uns erzählt, wie Schiller sein letztes, sein jüngstes Kind an sein Bett bringen lässt, wie er dem Kinde lange, lange in die Augen schaut. Wie er sich dann zur Wand wendet. Und der junge Voß erzählt, dass er glaubte — und mit Recht durfte er das wohl glauben —, dass Schiller sein Kind so angeschaut hat, als ob er sagen wolle: Ja, es wäre notwendig, dass ich dir noch länger Vater sein könnte, denn ich habe dir noch so viel zu sagen.
[ 15 ] Und man darf sagen: Das ganze deutsche Volk kann sich vorstellen, als ob die Empfindungen, die zu dem Kinde hingewandt waren in diesen letzten Augenblicken, zu dem ganzen deutschen Volke selbst hingewendet gewesen wären; als ob das deutsche Volk fühlen müsse, was Schiller ihm noch zu sagen hatte. Denn bei Schiller darf das deutsche Volk fühlen, wie er in allem getragen war von den verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele.
[ 16 ] Führen wir die in der letzten Zeit öfter angeführten Worte uns vor das Gemüt, die Schiller sozusagen als ein Vermächtnis ausgesprochen hat, aus denen hervorgeht, wie er sich verbunden fühlte mit dem deutschen Volke. Lange nach seinem Tode sind diese Worte erst zutage gekommen. Aber sie zeigen uns, wie Schiller selbst sich getragen fühlte von den Kräften des deutschen Volksgeistes.
Dem, der den Geist bildet, beherrscht,
muss zuletzt die Herrschaft werden, denn
endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die
Welt einen Plan, wenn des Menschen
Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich
muss die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk wird alle
die schnellen Flüchtigen einholen.
[...]
Ihm
[ 17 ] — dem Deutschen —
ist das Höchste bestimmt,
und so wie er in der Mitte von
Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das Blatt.Er ist erwählt von dem Weltgeist, während
des Zeitkampfs
an dem ewigen Bau der Menschenbildung
zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt,
daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet
und es in sich bewahrt.
Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten
und Völkern aufkam, mit der Zeit
entstand und schwand, hat er aufbewahrt,
es ist ihm unverloren, die Schätze von
Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und
seine Rolle zu spielen, sondern den großen
Prozess der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
hat seinen Tag in der Geschichte, doch
der Tag des Deutschen ist die Ernte der
ganzen Zeit.
[ 18 ] So wusste sich Schiller verbunden mit der Kraft der deutschen Volksseele.
[ 19 ] Nun wenden wir den Blick zu einem anderen Deutschen, zu einem Deutschen, der hoch hinaufgestiegen ist, möchte man sagen in die oftmals so kalt erscheinenden philosophischen Regionen; wenden wir uns zu Johann Gottlieb Fichte. Zu jenem Fichte aber, der in Deutschlands schwerster Zeit, als Deutschland niedergedrückt war vom Westen her, versuchte — wie er sich selbst ausdrückte —, aus der innersten «Wurzel der Lebensregungen» seines Volkes seine «Reden an die deutsche Nation» zu halten. Er, der Philosoph, der vielleicht die am energischsten von Menschenwillen durchzogenen Gedanken vor die Menschheit hingestellt hat, er, der die schärfsten Gedanken geprägt hat, er wusste sich zugleich mit all den primitiven Quellen des deutschen Volkes verbunden, und aus diesem Bewusstsein heraus hielt er damals seine «Reden an die deutsche Nation». Aber er wusste sich auch verbunden mit alledem, was aus dem deutschen Volke heraus Deutschlands Schicksal bestimmte. Und wiederum zeigt sich uns das — wir können es ganz ohne Sentimentalität betrachten —, es zeigt sich das sinnbildlich in seinen letzten Augenblicken.
[ 20 ] Er hat oftmals mit sich Rat gepflogen, Fichte, ob er denn solle persönlich mit in den Krieg ziehen. Dann hat er sich gesagt, dass er durch die Kraft seines Geistes zu wirken habe. Seine Frau betätigte sich in Berlin als Lazarettpflegerin. Sie brachte das Lazerettfieber nach Hause. Sie genas, aber Fichte wurde von diesem Fieber angesteckt. Und in seinen letzten Augenblicken — und das war merkwürdig-charakteristisch für diesen scheinbar abstrakten und zu gleicher Zeit volkstümlichsten Philosophen —, in seinen letzten Tagen, als seine kristallklaren, lebensenergischen Gedanken in die Fieberphantasien übergingen, da war er in diesen Phantasien draußen bei den deutschen Heeren, beim Rheinübergang Blüchers, da nahm er treulich teil an den Kämpfen, da fühlte er sich mitten in der Schlacht. So mündete die stärkste deutsche Philosophie noch in den Fieberphantasien des hinsterbenden Philosophen in die innige Gemeinschaft mit den Taten seines Volkes hinein. Eine Arznei reichte ihm sein Sohn. Er schob sie mit der Hand hinweg und sagte, indem er seine Gedanken schweifen ließ aus menschlichster Philosophie hinüber zu der Art, wie er sich fühlte auf den Schlachtfeldern, er sagte: «Ich brauche keine Arznei, denn ich fühle, ich werde genesen.» Er genas zum Tode.
[ 21 ] Solche Beispiele, meine sehr verehrten Anwesenden, sie zeigen uns, wie die Kräfte der deutschen Volksseele wirkten, da, wo die einzelnen Seelen, die diesem Volke angehören, den Weg machen, den sie als den menschlichsten, als den zu den höchsten Gütern der Menschheit hinführenden bezeichnen müssen.
[ 22 ] Und überall zeigt es sich, wie diese deutsche Volksseele nicht tyrannisch waltet über den Einzelnen, wie sie nicht irgendeine gemeinschaftliche, dogmatische Weltanschauung in die Seelen hineingießt; wie sie miterlebt wird in den einzelnen Seelen, wie die einzelne Seele sie empfindet als eine eigene Kraft. Und wie dennoch in diese einzelnen Seelen hineingeholt werden die höchsten Entfaltungen des übersinnlichen geistigen Lebens. Und immer wiederum sehen wir von Neuem ergriffen die einzelne Seele in alledem, was sie auf Erden zu leisten hat, von dem, was die Volksseele herunterträgt aus den geistigen Höhen.
[ 23 ] Wie hat doch dieses mitteleuropäische Volk einstmals das Christentum aufgenommen! So, dass es empfunden wurde wie der persönlichste Impuls. Wir lesen die Wiedergabe der Evangeliengeschichten [im Heliand, dem Werk des sächsischen Mönches], wir lesen sie da als etwas, was unmittelbar aus dem persönlichsten Geistesleben hervorging, aber dennoch die Offenbarung eines Höchsten war.
[ 24 ] Und wir gehen weiter. Wir sehen, wie später das einzelne deutsche Gemüt ergriffen wird; so ergriffen wird von dem, was die ganze Volksseele umfasst, dass dieses deutsche Gemüt in der deutschen Mystik im zwölften, dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert den Gott so empfindet, dass dieser Gott unmittelbar in alledem lebt, was der Einzelne wollen, fühlen und lieben kann, was das einzelne Gemüt unmittelbar in sich als das Ewig-Lebendige fühlt. Wie klingen uns doch die Worte, die Meister Eckhart sprach: «Hast du Gott lieb, dann kannst du tun, was du willst, [denn dann willst du nur das Ewige und das Eine, was Gott auch will. Ich will Gott nicht bitten, dass er sich gebe, ich will ihn bitten, dass er mich lauter mache, dann fließet er von selber in mich ein. Gott ist ein lauteres Gut an ihm selbst und will darum nirgends wohnen, denn in einer lauteren Seele, in die mag er sich ganz ergießen. Wenn sie rein ist, dass sie sich selbst durchschaut, dann braucht sie Gott nicht in der Form zu suchen, sondern sie sieht ihn in ihr selbst und genießet alle Kreaturen in Gott und Gott in allen Kreaturen, und was sie tut, das tut sie in Gott und] Gott tut in dir.» Das heißt, vertraute Zwiesprache halten nicht nur mit dem, was man als einzelner Mensch ist, sondern mit dem, was als Volksseele durch alle Gemüter des Volkes raunt und west.
[ 25 ] Und denken Sie an Angelus Silesius, der im siebzehnten Jahrhundert lebte. Wie lebt bei ihm dieses Sicheinfühlen der einzelnen Seele des Menschen mit der ganzen Volksseele. Wie lesen wir da — ich will nur einen Spruch anführen —, wie Silesius, der «Cherubimische Wandersmann», unzählige solcher Sprüche gemacht hat.
Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir, Und was ich leben soll, lebt er auch für und für.
[ 26 ] Das heißt sich eins fühlen mit dem, was als Geist durch die Welt webt und west. Das heißt zugleich, ein Unsterblichkeitsbewusstsein höchster Art in sich zu tragen. Wie ist es, wenn ein Mensch in seinem Seelenwesen sich verbunden fühlt mit dem göttlichen Urgrund des Daseins, dass er sagt: «Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir.» Da ist die Gewissheit vorhanden, dass Gott nicht stirbt; dass Gott es aber ist, der mit mir durch den Tod geht. Da fühle ich mich mit dem Gotte so verbunden, dass dadurch meine Unsterblichkeit gewährt ist. Da sehen Sie die Eigentümlichkeit, wie vertraut lebt die Volksseele mit dem einzelnen Volksgemüt.
[ 27 ] Wenn wir geisteswissenschaftlich die menschliche Seele betrachten, dann zeigt sich uns — nicht indem wir abstrakt einteilen, sondern indem wir echt wissenschaftlich diese Seele betrachten, und das tut die heutige Wissenschaft nicht, das wird die Wissenschaft der Zukunft aber gewiss tun —, da sehen wir, dass wir in der menschlichen Seele unterscheiden können drei Seelenglieder, drei Seelenäußerungen. Wie man im Spektrum unterscheiden kann die verschiedenen Farbennuancen, so kann und muss man in der menschlichen Seele ganz wissenschaftlich unterscheiden die Empfindungsseele, die Verstandesoder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele. Und [in] all diesen waltet drinnen erst dasjenige, was man das Ich des Menschen, das eigentliche Selbst des Menschen nennt. So wie das Licht in dem rötlich-gelben, im grünlichen, im blau-violetten Teil des Regenbogens waltet, so waltet durch die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewusstseinsseele hindurch die Kraft des Selbst, des Ich des Menschen.
[ 28 ] Nun ist das Eigentümliche, wenn man geisteswissenschaftlich die Völker Europas verstehen will, dass sich zeigt, dass die Volksseele zum Beispiel des italienischen Volkes sich vorzugsweise so verhält zu den einzelnen Menschen, dass die Volksseele dort die Empfindungsseele anregt, durch die Empfindungsseele wirkt. Bei dem französischen Volke wirkt die Volksseele durch die Verstandes- oder Gemütsseele. Beim britischen Volke wirkt die Volksseele durch die Bewusstseinsseele. Bei dem russischen Volke schwebt die Volksseele über den Seelenkräften, lässt die Seelenkräfte gleichsam in einem [anarchischen] Zustand. Die deutsche Volksseele regt unmittelbar das Ich an. Sie spricht sich nicht in einem besonderen Seelenteil aus, sondern indem sie die ganze Seele ergreift; daher ihre verjüngende Kraft. Daher die Möglichkeit, dass der Deutsche, so von seiner Volksseelenkraft ergriffen wird. [Liebevoll hat sie ergriffen zu einer bestimmten Zeit, was in Italien, Frankreich, England geboten war, aber immer es verjüngend, es in sich zu einem selbstständigen Dasein erhebend.] Wie hat der deutsche Geist liebevoll zu seiner Zeit ergriffen dasjenige, was in Eckhart, in Tauler, der Menschheit geboten worden ist; wie aber hat er es verjüngt dadurch, dass das ganze Ich durch das ganze Spektrum hindurch angeregt wurde; wie hat er es zum selbstständigsten, persönlich-innerlichsten Dasein erhoben. Wie war er mit seiner, ihn immer verjüngenden Kraft der das Ich ergreifenden Volksseele, wie war der Deutsche in der Gegenwart fähig, dasjenige als den höchsten Repräsentanten der Menschheit hinzustellen, was den ganzen Menschen umfasst. Eine Dichtung wie der «Faust» hätte kein anderes Volk hervorbringen können, weil kein anderes Volk so ergriffen wird in seinem unmittelbaren Ich von der Volksseele, durch alle Glieder des Seelenspektrums hindurch. Daher kommt es aber auch, dass dieses deutsche Wesen nach allen Seiten hin so wenig verstanden, so missverstanden wird.
[ 29 ] Sehen wir nach Westen hinüber, so müssen wir finden, wie alles das, was gerade am tiefsten aus dem deutschen Gemüt hervorgeht, was ganz undogmatisch dort immer das Streben anregend, vorhanden ist, wie das durch die Sprache ins Grobe getaucht wird; wie es oft nicht verstanden und entweder empfindungsgemäß oder kritisch zurückgeworfen wird. Man möchte sagen: Das Beste, was die mitteleuropäische Volksseele in die Menschen Mitteleuropas hineinträufelt, es wird im Westen, wenn es auch zu verstehen versucht wird, in einer solchen Weise «verstanden», dass gerade das unmittelbar Belebende verloren geht. Und das erstreckt sich selbst auf die Betrachtung der Gestalten.
[ 30 ] Man kann viel lernen über die Eigentümlichkeit der europäischen Kulturen, wenn man ins Auge fasst, wie im Westen so vieles verstanden wird da, wo es verstanden wird durch die westeuropäische Volksseelenkraft. Herman Grimm, der Kunsthistoriker, er hat mit Recht einmal [über ein Goethe-Buch des Engländers Lewes] gesagt: Da hat einmal in England ein gewisser Mr. Lewes ein Buch geschrieben über einen Menschen, der im August 1749 in Frankfurt geboren ist, der im März 1832 in Weimar gestorben ist, dem Mr. Lewes andichtet [den «Werther», «Clavigo» und so weiter], solche Schicksale, von denen wir wissen, dass Goethe sie erlebt hat. Dem er auch andichtet, dass er die Werke Goethes geschrieben haben soll. Aber alles was er schildert an diesem Mann, das hängt nur zufällig zusammen mit demjenigen, der 1749 geboren und 1832 gestorben ist. Denn dasjenige, was verbindet Goethes Schaffen mit dem Leben der mitteleuropäischen Volksseele, das ist im Grunde genommen mit keinem Tropfen übergegangen in das Buch, welches Mr Lewes geschrieben hat über einen gewissen Goethe, der aber nicht für den Mitteleuropäer der Schöpfer des «Faust» in Wirklichkeit ist. Das Äußere, das Grobe, dasjenige, wodurch das andere erscheint, das kann man erfassen. Dasjenige aber, was in der Volksseele lebt, belebend die individuelle Seele, das geht verloren, das sieht man nicht. Es ist dies vielleicht um eine Kleinigkeit zu radikal ausgesprochen bei Herman Grimm. Aber es zeigt dasjenige, um was es sich handelt.
[ 31 ] Und so müssen wir auch finden, dass in der Art wie deutsches Wesen vom französischen Wesen verstanden wird, durchaus etwas liegt, was uns beweist, dass die französische Volksseele eine solche ist, dass sie sich hineinbegibt, bestimmend die Verstandesscele, unmittelbar tyrannisierend die Verstandesseele, sodass die Volksseele im Individuum denkt und die Willensimpulse des Individuums durchstrahlt. Während die deutsche Volksseele die Vertraute des einzelnen Menschen wird.
[ 32 ] Und wenn wir nun zum Osten hinüberschauen, zu dem russischen Volke. Man hat sich in Russland viel beschäftigt mit Kant, mit Hegel, Belinski. Aber das zeigt alles eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit: Die Gedanken Mitteleuropas, sie werden im Osten merkwürdig gespensterhaft. Sie werden empfunden und erlebt nicht in der die Seele erhebenden Empfindung, sondern wie Gedankengespenster, Begriffsgespenster; wie das, was in der über den Individuen lebenden Volksgruppensecle lebt.
[ 33 ] Ich spreche damit dasjenige aus, was ebenso strenges Wissensgut ist, wie die physikalischen, chemischen, biologischen Wahrheiten strenges Wissensgut sind. Wenn es auch schwieriger ist, über diese Dinge zu sprechen, weil die physikalischen, chemischen, biologischen Wahrheiten den Menschen gleichgültig lassen, während die hier vorgebrachten Wahrheiten zusammenhängen mit dem Schicksal und Wesen des Menschen. Aber wir leben in einer Zeit, in der sich die Menschenseele erheben muss über dasjenige, was beeinträchtigend das menschliche /Lücke im Text], und wir leben in einer Zeit, wo solche Dinge ausgesprochen werden müssen, wo wir Verständnis gewinnen müssen für die Impulse, die durch die Welt gehen und die dasjenige herbeigeführt haben, was jetzt da ist.
[ 34 ] Man redet mit Recht viel davon, dass die beiden mitteleuropäischen Volkszusammenhänge in den letzten Jahrzehnten eine Einkreisung erfahren haben, wie mit eisernen Klammern sind umschlossen worden die mitteleuropäischen Staaten. Für den Geistesforscher beginnt diese Einkreisung aber viel früher. Und die äußere, man möchte sagen die materialistische Einkreisung, die ihren hauptsächlichsten Arrangeur in Eduard VII. hatte, diese materialistische Einkreisung ist der letzte [Repräsentant] einer uralten Einkreisung, die begonnen hat im Jahre 860 unserer Zeitrechnung. Diese Zusammenhänge muss man ins Auge fassen. Als 860 auf der einen Seite die Normannen vor Paris standen und auf der anderen Seite herunterkamen die Waräger [vor Nowgorod und Kiew] und Konstantinopel bedrohten, als sie dann sich hineinschoben in das slawische Gebiet über Russland bis Kiew, bis Konstantinopel, auf der anderen Seite sich hineinschoben Normannen-Teile [in das romanische Element], da haben wir wie eine sich ringelnde Schlange in Mitteleuropa. Diejenigen, die Mitteleuropäer blieben, sollten umschlossen, eingekreist werden. Und im Westen haben wir einrückend und von einer Volksseele durchsetzt wirkend die Völker in das romanische Element, das dann von Süden nach Nordwesten hin eben Substanz des Volksseelenwesens wird, sich hineinschiebt, sodass das Denken dogmatisch wird, sodass auf dieser Seite alles dogmatisch genommen werden muss, sodass wir sehen, wie das, was unmittelbar menschlich ist, was durch den vertrauten Umgang der Menschenseele mit der Volksseele entsteht, im Westen dogmatisiert aufgenommen wird von der allen hergebrachten Romanismus durchsetzenden Verstandesseele. [So wird Mitteleuropa isoliert. Das muss dogmatisch genommen werden. Wenn die Welt nicht so genommen wird, wird die mit dem alten Romanismus durchsetzte Volksseele nicht individualisiert.]
[ 35 ] Auf der anderen Seite, im Osten sehen wir, wie ein Volksseelenwesen entsteht dadurch, dass die Waräger, die mit den Normannen verwandt sind, aufgehen im Slawischen, durchsetzt werden von dem Slawischen, rassenmäßig durchsetzt werden von dem Byzantinischen religionsmäßig. Und wir sehen, dass dasjenige, was dort entsteht, bei dem rassenmäßig Persönlichen stehen bleibt wie ein in der Höhe Schwebendes, [das ihnen nie vertraut wird], was nie heruntergeht, demgegenüber die Menschenseele so dasteht, dass sie sich entweder unterwirft oder zu Boden wirft. So hat man es im Osten zu tun mit demjenigen, was unmittelbar das Rassenelement geltend macht. Nach Westen hin mit demjenigen, was ein uraltes und erneuertes Gefühl ist, was die Einzelnen dogmatisiert. Sie sehen, dass man nur dadurch verstehen kann dasjenige, was Menschenseelen hervorbringen.
[ 36 ] In der Mitte sehen wir dasjenige von allen Seiten wie eingekreist, eingeschlossen, was immer von Neuem hervorholen will und auf dem Altar der Menschheitsentwicklung darbringen will dasjenige, was aus den intimen Zusammenhängen der einzelnen Seelen mit der Volksseele hervorgehen kann.
[ 37 ] So erleben wir die merkwürdige Erscheinung, dass bis in unsere Tage hinein, bis in unsere schmerzdurchtränkten Tage hinein dasjenige, was in Mitteleuropa auftaucht, zwar angeschaut wird vom Westen, aber im Anschauen notwendig verkannt werden muss, weil es gemessen wird nicht an dem menschlichen Erlebnis, sondern an dem eigenen Dogma; an demjenigen, was tyrannisch die Volksseele aus der Verstandesseele wie befiehlt. Sehr charakteristische Erscheinungen erleben wir dabei. So, äußerlich will man ja anerkennen, dass die Deutschen manches geleistet haben, dass sie eine hohe Kultur erlangt haben im Gedanken, in der Philosophie, in der Dichtkunst, in anderen Zweigen der Kunst; dann aber, wenn ein Mann so einiges genippt hat und es sogar in seiner Art ganz geistreich in das Gebiet der westlichen Volkskultur hinein übertragen hat, wie Henri Bergson, wenn ein solcher Mann einiges geistreich überschaut, so ist es doch ins Französische hinüber aufgefasstes Deutsches, in die dem Westen eigentümliche Art übertragenes Deutsches. Und nun fühlt er sich gedrungen — wir haben das lesen müssen um Weihnachten, wie er das in der sogenannten [Akademie der Moralischen und Politischen Wissenschaften] gesprochen hat, wir haben es lesen müssen, wie er versucht, deutsches Wesen zu charakterisieren. Und dieses deutsche Wesen erscheint bei ihm so, als ob es sich nur verkörpern wollte in Kanonen und Flinten, in demjenigen, was das alberne Geschwätz den «deutschen Militarismus» nennt; jenen Militarismus, zu dem Deutschland gezwungen worden ist, nicht durch sich, sondern durch diejenigen, die es einkreisten. Man möchte einen solchen Mann fragen, was er denn eigentlich erwartet hat, dass Deutschland seinen Feinden entgegenstellen würde anderes als Flinten und Kanonen. Hat er sich vielleicht vorgestellt, dass man den Heeren von Deutschland her Novalis oder Schiller oder Goethe rezitieren wird?
[ 38 ] Die Frage ist: Was hat der Mitteleuropäer zu verteidigen? Was er zu verteidigen hat, es geht hervor aus einer Betrachtung dessen, was die deutsche Volksseele dem einzelnen Deutschen ist. Aber solche Betrachtungen, sie werden erst wichtig werden, wenn sie einmal in einem etwas weiteren Horizont die vernünftigen Menschen der Welt ergreifen können und dort wiederum ein Echo finden können. Heute ist die Logik nicht gerade dasjenige, was durch die Welt raunt. Haben wir es doch sogar hören müssen, dass auf eine Manifestation von deutscher Seite her, von links und rechts in Europa erwidert wurde: Wir haben diesen Krieg nicht gewollt. — Sie haben ihn nicht gewollt. Ja, logisch betrachtet; es ist das ganz richtig, logisch betrachtet. Man kann es glauben. Es ist geradeso richtig, wie wenn eine Anzahl von Menschen das Haus eines anderen Menschen umstellt. Der sieht, dass er in seinem Hause eingeschlossen ist. Er geht heraus und prügelt die, die ihn umzingeln. Und die sagen dann: Wir haben die Prügelei nicht gewollt. Die Logik ist in beiden Fällen akkurat die gleiche. Logik raunt heute nicht durch dasjenige, was man den, besonders durch die Zeitungen getragenen, «Verkehr der Völker» nennt. Man sieht überall durch Tatsachen sich bewahrheiten: Nach Westen hinüber kann dasjenige, was die deutsche Volksseele dem einzelnen Deutschen sagt, zwar erfasst werden, es kann gehört werden, aber es kann nicht zur Wirkung kommen aus den Gründen, die eben angeführt worden sind.
[ 39 ] Eigentümliche Erscheinungen erleben wir. Diese Kraft der deutschen Volksseele — in erleuchteten Geistern, in Geistern, die sich mit ihr befassen wollen, ist doch etwas von ihr zum Vorschein gekommen. Es ist nicht gerade angenehm, gewissermaßen über das mitteleuropäische Volk mitten unter ihm charakterisierend zu sprechen. Und so will ich denn einen anderen Weg wählen. Ich möchte die Frage aufwerfen: Ist denn wirklich, so wie es jetzt verkannt wird, dieses deutsche Wesen immer verkannt worden auch außerhalb der deutschen Gebiete? Es gibt einen Mann, der ganz gewiss zu den bedeutendsten Geistern des neunzehnten Jahrhunderts gehört. Und ich möchte Ihnen vorlesen eine Stelle aus einem Buche über Goethe, der ihm selbst als der Repräsentant des deutschen Wesens erscheint, [Emerson]. Er sagt, ein Mann, der weit weg von Mitteleuropa lebt, er sagt über Goethe:
Eine [Eigenschaft] vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung.
[ 40 ] — von einer [Eigenschaft] wird gesprochen, welche Goethe mit der ganzen Nation gemeinsam hat —
dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit, allein was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? Woher hat er alle diese Gedanken?
Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.
Die Deutschen denken für Europa.
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.
[ 41 ] [Wir sehen, nicht immer ist das Verjüngende der deutschen Volksseele verkannt worden.]
Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit anseh’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.
[ 42 ] So fühlte man schon dasjenige, was der Deutsche im Verkehr mit der Wahrheit, das heißt, im Verkehr mit seiner Volksseele erreichen konnte, da wo man es fühlen wollte.
[ 43 ] Nun könnte man sagen: Das ist lange Zeit her. Und man hat es gesagt. Die Deutschen haben sich seither verändert. Statt zu dichten haben sie Kanonen gemacht. Nun, damit auch diesem begegnet werden kann, sei noch der Ausspruch eines anderen Mannes hier angeführt, der in seiner Art wohl angefasst haben muss — wir werden gleich sehen warum — nach Westen hin dasjenige, was deutsche Volksart ist.
Die Quelle des Stromes seines
[ 44 ] — Deutschlands —
geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret und praktisch.
[ 45 ] Und an anderer Stelle sagt derselbe Mann:
Der Einfluss wahrer Kenntnis kann allein des Misstrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner [unter] uns im Sinne hat.
[ 46 ] Wer hat denn das geredet? Nun, das hat Lord Haldane geredet. Sie erinnern sich vielleicht, wie er einiges andere geredet hat vor einigen Monaten! Vor nicht langer Zeit, eigentlich auch nur einige Monate, bevor dieser Krieg hereingebrochen ist, wurden in Manchester von einigen englischen Männern Vorlesungen gehalten, die dazu berufen sein sollten, englische Journalisten aufzuklären über deutsches Wesen. Aus den Zeitungen, die jetzt erscheinen, kann man ja sehen, was das für Früchte getragen hat, was das genützt hat. Wir werden aber gleich sehen, was in Manchester, also in England, gesprochen worden ist über deutsches Wesen.
Woods
[ 47 ] — des Engländers —
Aufsatz war der Vorläufer der noch epochemachenderen homerischen Forschungen Wolfs; und die griechischen Ideale von Kunst und Leben wurden für Goethe und Schiller in Weimar, wie im Falle Herders die Ideale [urzeitlichen] Gesanges, die Instrumente, auf welchen der deutsche Geist zu einer Musik sich emporspielte, die neu und doch zugleich im tiefsten Grunde sein Eigen war.
[ 48 ] Merkwürdige Worte folgen nun:
Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes’ und Newtons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt.
[ 49 ] Gesprochen in Manchester, um englische Journalisten aufzuklären; deshalb sind sie jetzt so aufgeklärt!
Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht, neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller. Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt. Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode ist die Tatsache, dass, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten oder völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.
Im Faust, am Schluss seines vielbewegten Lebens sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlos-kühnen Wollens und Handelns, und wir können umso besser verstehen, weshalb der [große] Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des Deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.
[ 50 ] Und nun eine ganz merkwürdige Sache. Das Folgende wurde auch kurze Zeit vor dem Ausbruch des Krieges in demselben Vortragszyklus in Manchester gesagt:
Im Ganzen und Großen ist es außer Frage, dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig sich verändernder blendender Kinematograf. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund.
[ 51 ] So sagt ein Engländer!
Es lässt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist, und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866–1871 machten ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege
[ 52 ] — damit hat er sich allerdings geirrt —,
welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte;
[ 53 ] — das ist nicht in Berlin und nicht in Hannover, das ist in Manchester alles gesagt worden —
sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.
[ 54 ] Das wurde in Manchester gesagt, ein Jahr vor dem Kriege. Die Sache spricht für sich, wir brauchen kaum etwas hinzufügen.
[ 55 ] Wir sehen also, man hat schon zuweilen gewusst, wie es um dasjenige steht, was die mitteleuropäische Volkheit der Gesamtkultur der Menschheit einzufügen hat. Ja, man hat es zuweilen sogar recht, recht gründlich gewusst. Davon auch ein Beispiel, wie gründlich man es gewusst hat. Da gab es einen gewissen Mann, auch da im Westen drüben, [der uns noch näher steht], als die anderen waren, von denen wir eben gesprochen haben; einen gewissen Mann, die Welt nennt ihn einen Mystiker. Der Mann hat zweifellos sehr geistvolle Werke geschrieben. Einmal äußerte er sich darüber, woher ihm tiefste Gedanken seiner Seele gekommen sind, und da führt er drei welthistorische Erscheinungen an. Die dritte ist der deutsche Dichter Novalis. Novalis, bei dem wir, wenn wir seine Dichtungen vernehmen, unmittelbar das Gefühl haben, die verjüngende Kraft der Volksseele spricht vertraut zu seiner Seele, sodass sie aussprechen kann, was ihm die Volksseele sagt. Nun, was empfindet dieser Mann bei Novalis? Er sagt:
[ 56 ] Was so die Menschen beschreiben auf Erden, was die Dichter sagen, ein Sophokles, ein Shakespeare, was diese Desdemona, Ophelia, was Hamlet und so weiter erleben, es geht alles zwischen Menschen vor. Aber wenn von einem anderen Plan einmal ein Geist heruntersteigen würde auf die Erde, könnte da dieser Geist eines anderen Planes etwas auf der Erde finden, was auch ihn interessiert, ihn, den Geist, der nicht von der Erde ist?
[ 57 ] Und der Mann findet nun, dass dasjenige, was der deutsche Dichter Novalis geäußert hat, auch einen solchen Geist interessieren könnte, der als Genius von einem anderen Plan heruntersteigt. Er findet, dass dieser Novalis an Geheimnisse der menschlichen Seele gerührt hat, denen gegenüber die Seele schweigen muss oftmals, weil sie nur in Feieraugenblicken des Lebens passende Worte finden kann, um auszudrücken diese Geheimnisse, diese übersinnlichen Geheimnisse des Lebens. So sagt der Mann. Und wir wollen uns die Worte gar sehr in die Seele schreiben, denn sie sind schön, diese Worte, die er sagt im Anklang an das, was er an Novalis erlebt hat. Er sagt:
Auf diesen Höhen allein gibt es Gedenken, welche die Seele bilden kann, und Vorstellungen, welche ihr ähneln und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde dem Geisterreiche ankündigen
[ 58 ] — und von jenen Lichtern, sagt der Mann, hat Novalis viele angezündet. Und er sagt weiter —,
aber in ihren Werken sind die genannten Menschen
[ 59 ] —also auch Novalis —
aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht von der irdischen Gemeinde sind.
[ 60 ] So spricht man über einen der deutschesten Deutschen, über Novalis. Ein Mann spricht so, und wir könnten voraussetzen, dass dieser Mann, der offenbar das Geistige liebt, alle diejenigen, die jetzt von den deutschen «Barbaren» sprechen, belehren würde mit den Worten: Denn diese Worte, die ich jetzt vorgelesen habe, sind auch von dem Mann, von dem ich etwas anderes vorlesen werde:
In Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten der unnützen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben.
[ 61 ] Ja, das kann man schon sagen, dass inmitten der unnützen Schreier, die jetzt von Deutschlands «Barbarei» sprechen, solche Worte wie die des Mannes nur schwerlich vernommen werden können. Aber wer hat das alles gesagt? Maurice Maeterlinck. Nun, Sie wissen, wie sehr Maeterlinck selbst unter die unnützen Schreier gegangen ist in den letzten Monaten. Wir brauchen auch dazu wieder nichts hinzuzufügen.
[ 62 ] Dann aber, wenn wir solche Stimmen vernehmen, dann sagen wir uns: Sie sind gerade ein Beweis dafür, dass hinüberdringt schon dasjenige, über die Grenzen, was aus der deutschen Volksseele in die deutschen einzelnen Seelen hineinquillt, aber zur Wirkung kommen, das kann es nicht. Und zur Wirkung kommen kann es auch da nicht recht, wo es wie gespensterhaft wirkt. Ich habe gezeigt, dass es im Osten wie gespensterhaft wirkt. Ja, wenn man frägt: Was ist dasjenige, was von diesem Mitwirken der deutschen Volksseele an der deutschen Kultur selbst solche Menschen, die im Osten von westeuropäischer Kultur sprechen, empfinden? Man kann oftmals etwas vernehmen wie die Worte, die ich Ihnen jetzt vorlesen möchte. Wenn Herman Grimm mit Recht in der Weise, wie ich es angeführt habe, von dem angeblichen Goethe des Mr Lewes spricht, so merken wir an diesem Mr Lewes eine Vergröberung; aber wie zum Gespensterhaften nach Osten hinüber dasjenige wird, was man aufnehmen will, aber nicht aufnehmen kann, das zeigen uns Worte, die Mereschkowski über Goethe gesprochen hat. Er sagt:
Wenn Goethe [von der] Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.
[ 63 ] So spricht Mereschkowski über den Faust-Dichter. Man lasse sich auch nicht täuschen durch die Worte, die über Goethe in demselben Werke bei Mereschkowski im Schlusssatz stehen. Wenn man das Vorhergehende liest, das ganz von diesem Geiste beseelt ist, so sieht man, dass er sich nicht bis zu Goethe hinaufringen kann, dass er ihn nur als Gespenst sieht. Und vieles von dieser Art könnte angeführt werden. Aber freilich, wenn von einem der führenden Geister des Ostens, über Tschechow, Mereschkowski selbst sagen muss:
Kein Zeitalter, keine Völker, als gäbe es inmitten der Ewigkeit nur das Ende des neunzehnten Jahrhunderts und in der Welt nur Russland. Unendlich scharfäugig und hellhörig [für] alles Russische und Zeitgenössische, ist er fast blind und taub für das Fremde und Vergangene. Er sah Russland klarer als sonst jemand, aber übersah Europa, übersah die Welt.
[ 64 ] Da kann man es verständlich finden, muss es verständlich finden, dass Mitteleuropa für den Osten augenblicklich nur ein Gespenst ist, das hinaufversetzt wird in die über den Einzelnen schwebende Volksseele. Es reicht die Zeit nicht aus, das im Einzelnen zu belegen, aber es könnte belegt werden. Dagegen darf wirklich gesagt werden, wie das, was genannt werden kann «das Verjüngende der deutschen Volksseelenkraft» uns nicht nur Einsicht gibt in die Eigenart der deutschen Volksseele für die Vergangenheit, sondern dass es uns auch Kraft und Glaube und Hoffnung für die deutsche Volksseele für die Zukunft gibt.
[ 65 ] Allerdings, der Deutsche weiß Goethe etwas anders zu nehmen als die anderen. Und dafür darf ich anführen einen Ausspruch, den wiederum Herman Grimm getan hat über Goethe. Dieser Ausspruch ist getan worden in Vorlesungen über Goethe, in Vorlesungen, die anders sprechen als derjenige spricht, den Herman Grimm selber in der angedeuteten Weise abgefertigt hat, Lewes. Da empfindet Herman Grimm Goethe wie den Vertrauten des deutschen Volkes selbst; dafür aber auch als einen Impuls, als eine Kraft, welche innerhalb der deutschen Kultur wirkt und weiterwirken wird, wie sonst kosmische Veränderungen in der Erde wirken müssen in Bezug auf die physischen Verhältnisse. Herman Grimm sagt über Goethe:
Goethe hat im geistigen Leben Deutschlands gewirkt, wie eine gewaltige Naturerscheinung im Physischen gewirkt hätte. Unsere Steinkohlenlager erzählen von Zeiten tropischer Wärme, wo Palmen bei uns wuchsen. Unsere sich aufschließenden Höhlen berichten von Eiszeiten, wo Rentiere bei uns heimisch waren. In ungeheuren Zeiträumen vollzogen sich auf dem deutschen Boden, der in seinem heutigen Zustande so sehr den Anschein des ewig Unveränderlichen trägt, kapitale Umwälzungen. Der Vergleich also lässt sich ziehen, dass Goethe auf die geistige Atmosphäre Deutschlands gewirkt habe etwa wie ein tellurisches Ereignis, das unsere klimatische Wärme umso und so viel Grade im Durchschnitte erhöhte. Geschähe dergleichen, so würde eine andere Vegetation, ein anderer Betrieb der Landwirtschaft und damit eine neue Grundlage unserer gesamten Existenz eintreten.
[ 66 ] So fühlt Herman Grimm Goethe innerhalb des deutschen Geisteslebens. Wie eine andere geistige Vegetation, wie ein anderes geistiges Klima, wird nach und nach eintreten durch Goethe, meint Herman Grimm.
[ 67 ] Dieser selbe Herman Grimm, er hat in einer die ganze Eigenart des deutschen Wesens herausbringenden Weise davon gesprochen, wie die deutsche Volksseele in der deutschen Kultur gearbeitet hat, um zu Anschauungen zu kommen, die im einzelnen Nationalgeist das allgemein Menschliche suchen. So hat Herman Grimm die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele erwiesen durch dasjenige, wie er selbst gestimmt war mit Bezug auf den Gang des Weltengeistes am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Denn 1895 sind die schönen Worte gesprochen, welche zum Ausdruck bringen die Stimmung eines Deutschen, der sich eins wusste mit der webenden und wesenden deutschen Volksseele. Herman Grimm sagte:
Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier nicht mehr. Wir fühlen, dass der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walter.
[ 68 ] Weiter sagt Herman Grimm:
Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern,
[ 69 ] — sagt er, und dann folgen die bedeutungsvollen Worte —
den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, dass Frieden zu halten unser heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.
[ 70 ] Dass aber Herman Grimm seine Zeit durchschaute, dass er nicht ein Träumer war, dass er unter der Anleitung der deutschen Volksseele die Wirklichkeit zu überschauen vermochte, das bezeugt dasjenige, was er nun weiter sagt:
Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden, unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern.
[ 71 ] Sie sehen, Herman Grimm hat 1895 mit klarem Blick durchschaut, wie die Dinge stehen. Diejenigen, die die Dinge gewöhnt sind, so anzuschauen, die lassen sich nicht zurufen: Wer hat den Krieg gewollt!
[ 72 ] Dafür, unter Hunderten und Hunderten von Zeugnissen, die ich Ihnen vorführen könnte, noch das eine. Ein Mensch, der gar nicht besonders eingenommen ist für deutsches Wesen, er schreibt folgende Worte:
Was mich [nun] betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, dass ein Konflikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, dass derselbe sich entweder [durch] den Orient, speziell die Türkei, oder durch den Nationalitätenstreit in Österreich, vielleicht durch beide, entzünden und dass Russland in demselben die Führerschaft auf der einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf die Eventualität vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und Flamme gegen Deutschland. [...] Die deutsche Presse lässt schon jetzt ihre Warnungsrufe erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Russland sich sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und, wie es scheint, wird es jetzt in Petersburg zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wieder einmal aufzunehmen.
[ 73 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist nicht ein paar Monate vor dem Kriege gesprochen. Das ist 1870 geschrieben, während des Deutsch-Französischen Krieges. So wenig hat man da, wo man die Dinge klar durchschaute, jemals erkannt, dass einmal diejenigen Völker, die in die Mitte Europas hineingedrängt sind, von den allseitig sie Missverstehenden und Nichtverstehenden wie in eine Festung eingeschlossen werden.
[ 74 ] Kurios ist es, wenn solchen Worten gegenüber man versucht, die Meinung zu vertreten: Die Deutschen haben diesen Krieg gewollt. Ich möchte Ihnen durch eine Art, die vielleicht doch einiges spricht über dieses «Die Deutschen haben diesen Krieg gewollt» noch etwas vorbringen in den wenigen Augenblicken, die mir für diesen Vortrag noch zur Verfügung stehen, was demjenigen, der klarsehen will, gar sehr beweisend klingen kann.
[ 75 ] Nehmen wir einmal an, jemand würde beobachtet haben dasjenige, was in den Wochen vor dem Ausbruch des Krieges — im Frühling 1914, als die Presse perhorreszierte den politischen Horizont — vor sich ging, und er würde das zum Ausdruck habe bringen wollen; was hätte er sagen müssen, 1914, nach den Ereignissen, die sich zugetragen haben? Er hätte etwa das Folgende sagen müssen:
[ 76 ] [Man konnte verfolgen, wie allmählich eine Presskampagne in Peterburg anfing, wie ein starker Druck auf Österreich ausgeübt wurde, der, wenn er angenommen worden wäre, zur Folge gehabt hätte, dass Österreich und Deutschland in Abhängigkeit von Russland gekommen wären. Und doch hätte man den russischen Freunden nicht widersprechen können, wenn sie gesagt hätten, es sei kein Grund für einen Krieg zwischen Russland und Deutschland.]
[ 77 ] Nicht wahr, 1914, so im Juli, hätte das ganz gut ausgesprochen werden können, und man hätte es auf die unmittelbaren Ereignisse der Gegenwart beziehen können. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, ich habe Ihnen nichts vorgelesen, was im Juli 1914 ausgesprochen worden ist, sondern, allerdings mit einiger Veränderung, die Worte, die [Bismarck am 6. Februar 1888 im Reichstag] gesprochen hat zur Begründung der Militärvorlage. Und jetzt lese ich seine eigenen Worte, sodass Sie sehen, dass ich nicht die Worte, sondern nur die Zeit etwas rektihziert habe:
[...] wie allmählich eine Art von Presskampagne in Petersburg anfing, [durch welche die deutsche Politik angegriffen], ich persönlich in meinen Absichten verdächtigt wurde. Diese Angriffe steigerten sich während des darauffolgenden Jahres bis 1879 zu starken Forderungen eines Druckes, den wir auf Österreich üben sollten in Sachen, wo wir das österreichische Recht nicht ohne Weiteres angreifen konnten. Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten, denn wenn wir uns Österreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhängigkeit von Russland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Ich hatte früher geglaubt, sie könnte es sein, indem ich mir sagte: Wir haben gar keine streitigen Interessen; es ist gar kein Grund, warum Russland je die Freundschaft uns kündigen sollte. Ich hatte wenigstens meinen russischen Kollegen, die mir dergleichen auseinandersetzten, nicht geradezu widersprochen. Der Vorgang betreffs des Kongresses enttäuschte mich, der sagte mir, dass selbst ein vollständiges Indienststellen unserer Politik (für gewisse Zeit) in die russische uns nicht davor schützte, gegen unseren Willen und gegen unser Bestreben mit Russland in Streit zu geraten.
[ 78 ] Allerdings, wenn die Dinge so liegen, wie sie dargestellt worden sind, wenn so die Volksseele im Westen und im Osten sich verhalten müssen zu dem, was die Kraft der deutschen Volksseele ist, dann wird es einem vergehen, zu glauben, dass im Jahre 1914 von Mitteleuropa dieser Krieg gewollt ist. Denn man hat sehen können seit Jahrzehnten mit klaren Augen, wie alles getan worden ist, damit zum Schlusse die heutigen Ereignisse herbeigeführt werden konnten.
[ 79 ] Nicht nur der feinsinnige Herman Grimm sprach von dem Friedenswillen in Mitteleuropa. Auch daran darf man erinnern, dass nicht bloß da, wo man, wie Herman Grimm, als ethisch auf der Höhe seiner Zeit stehender Mensch mit der deutschen Volksseele in Verbindung war, sondern dass auch da, wo man politisch von der deutschen Volksseele inspiriert wurde, in einer ähnlichen Weise gesprochen wurde.
[ 80 ] 1888 wurde, wiederum von Bismarck, in Berlin so gesprochen, dass damit wahrhaftig kein Kriegswollen ausgesprochen worden ist. Bismarck sagte:
Mit der gewaltigen Maschine, zu der wir das deutsche Heerwesen ausbilden, unternimmt man keinen Angriff. Wenn ich heute vor Sie treten wollte und Ihnen sagen — wenn die Verhältnisse eben anders lägen, als sie meiner Überzeugung nach liegen: Wir sind erheblich bedroht von Frankreich und Russland; es ist vorauszusehen, dass wir angegriffen werden; meiner Überzeugung nach glaube ich es als Diplomat nach militärischen Nachrichten hierüber, es ist nützlicher für uns, dass wir als Defensive den Vorstoß des Angriffs benutzen, dass wir jetzt gleich schlagen; der Angriffskrieg ist für uns vorteilhafter zu führen, und ich bitte also den Reichstag um einen Kredit von einer Milliarde oder einer halben Milliarde, um den Krieg gegen unsere beiden Nachbarn heute zu unternehmen. Ja, meine Herren, ich weiß nicht, ob Sie das Vertrauen zu mir haben würden, mir das zu bewilligen. Ich hoffe nicht!
[ 81 ] Man wird einmal dazu kommen, meine sehr verehrten Anwesenden, aus Stimmungen, aus demjenigen, was nicht nur der Verstand sieht, sondern auch aus Stimmungen heraus etwas zu verspüren von den eigentlichen Ursachen zu diesem Kriege und den treibenden Kräften, die zu diesem Kriege führten. Man wird etwas spüren von dem Wollen, dass sich wie zusammenkonzentrierte gegen Mitteleuropa, um die ewig sich verjüngen wollende deutsche Volksseele in ihrem Lebenselemente zu unterbinden.
[ 82 ] Wie das Ungewitter heraufzicht, das zeigen diejenigen Vorstellungen, die man gewinnen kann, wenn man gerade das Wirken und Weben der europäischen Volksseelen in den letzten Jahrzehnten überblickt. Kann da nicht gesagt werden das Folgende: Könnte man nicht, wenn man sich begeben wollte in das Treiben und Weben der deutschen Volksseele hinein, wie es war in den Zeiten, bevor dieser Krieg ausgebrochen ist, könnte man nicht zu folgenden Gedanken kommen? Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen auch noch dieses vorlese. Sie werden gleich sehen, dass ich dabei auch eine gewisse Idee habe:
Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philosophie sind uns Bücher mit sieben Siegeln. Was wir wissen, ist, wie viele Dreadnoughts Deutschland besitzt, und um wie viel sein Handel gestiegen ist. Was wirklich wichtig ist, ist nicht der Dreadnought, sondern das Hirn seines Erbauers, Mut und Begabung seines Kommandeurs. Was wirklich wichtig ist, ist nicht das Mehr an Umsatz, sondern die menschlichen Eigenschaften, die es veranlassten. [...]
Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz, und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]
An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen, Deutschland weiß das [auch ganz] genau.
[ 83 ] [So hat Mrs Wylie geschrieben in ihrem Buch «Eight years in Germany», das etwa zwei Jahre vor dem Krieg erschienen ist. Es ist recht gut, wenn solche Leute einmal versuchen, unterzutauchen in die deutsche Volksseele.]
[ 84 ] So, so sind die Dinge, die als ein Echo geweckt werden da, wo man zu verstehen versucht, was der Deutsche in vertrautem Zwiegespräch mit seiner Volksseele zu gewinnen sucht. Und was war es stets, was der Deutsche im Zwiegespräch mit seiner Volksseele zu finden versuchte? Es war immer dasjenige, was den einzelnen Menschen, die einzelne Menschenseele, den einzelnen Menschengeist den Weg finden lassen sollte in die geistigen Höhen der Welt, wo aller Dinge Quell und Ursprung ist, wo Quell und Ursprung auch des ewigen Teiles der Menschenseele selbst ist.
[ 85 ] Geisteswissenschaft, gerade aus ihren Quellen heraus, muss sie an die verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele glauben; glauben, weil sie sich dessen bewusst ist, dass immer wiederum im Verlaufe der Weltgeschichte diese deutsche Volksseele hinaufgegangen ist in geistige Höhen, hinuntergestiegen ist zu den menschlichen Selbsten, um ihnen die Wahrheit von ihrer Ewigkeit zu überliefern, Geisteswissenschaft hat ihre Wurzeln und ihren Quell im deutschen Idealismus, und wir können nachweisen, dass Geisteswissenschaft eng zusammenhängt mit diesem deutschen Idealismus.
[ 86 ] Was sagt Geisteswissenschaft, nicht in abstrakter, sondern in konkreter Weise über der menschlichen Seele Zukunft? Dass in diesem Leibe lebt ein unvergängliches Selbst, das durch Geburten und Tode immer wiederum geht; dass, wenn die geistige Initiation erreicht ist, wenn die geistige Erkenntnis und geistige Wirklichkeit durch Forschung erreicht ist, die Seele erfasst wird außerhalb des Leibes; dass sie auf diesen Leib zurückschaut wie auf einen äußeren Gegenstand, so vorempfindend dasjenige, was die Menschenseele erlebt, wenn sie durch die Pforte des Todes geschritten ist. Nicht im Allgemeinen nur spricht die Geisteswissenschaft davon, dass die Menschenseele ewig sei, sondern so, dass sie klar auf dasjenige hinweist, was nach dem Tode zurückschaut auf das, was im Leibe gelebt hat. Ganz konkret schildert Geisteswissenschaft das. Und sie kann es erst heute.
[ 87 ] Und die wahre Geisteswissenschaft, wie wir sie in Mitteleuropa für richtig halten, sie ist sich bewusst, dass sie die Kräfte zum Forschen nur verdankt der Verbindung der deutschen Volksseele mit dem deutschen Philosophen. Wenn heute jemand, der sich zur Geisteswissenschaft bekennt, im wahren Sinne des Wortes einen Vergleich gebrauchen möchte für irgendetwas, was vergangen ist und seine Zukunft finden muss, wenn irgendjemand als treuer Bekenner der Geisteswissenschaft sagen wollte: Ich meine, es müsse in die Menschheit etwas ganz Neues eingeführt werden, gegen das sich heute noch viele Vorurteile stellen; aber mir kommen diese Vorurteile vor, wie [die Seele des Leichnams sich] vorkommt, wenn sie zurückschaut nach dem Tode auf diesen Leichnam.
[ 88 ] Man könnte glauben, solch einen Vergleich könne nur ein Geistesforscher anwenden, weil erst heute Geistesforschung dazu kommt, das zu erhärten, dass das die Seele wirklich tut, wenn sie durch den Tod gegangen ist. Ich werde Ihnen einen solchen Vergleich vorführen:
Die Zeit erscheint mir wie ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der andern Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmem Liebeshauche; zwar begrüßen sie schon [freudig heimliche] Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen; zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.
[ 89 ] Man glaubt wirklich heute, nur ein Geistesforscher könne so sprechen. Fichte ist es, der so gesprochen hat in seinen «Reden an die deutsche Nation»; indem er das, was er als eine neue Erziehung an die Stelle der alten deutschen Erziehung setzen will, wie den Leichnam anspricht.
[ 90 ] So wurzelt, was man heute wollen kann, in den Keimen, welche aus dem Bunde mit der deutschen Volksseele, aus diesen verjüngenden Kräften der deutschen Volksseele der deutsche Idealismus gesucht hat.
[ 91 ] Und wollen wir Vertrauen haben, dass Geisteswissenschaft wirklich als eine neue Frucht am Baume der deutschen Entwicklung sich entfalten kann, so brauchen wir nur hinzublicken auf dasjenige, was man als das wahre Wesen der deutschen Volksseele ansehen kann, als die verjüngende Kraft der deutschen Volksseele. Das wahre Wesen der deutschen Volksseele ist eben diese immer sich verjüngende Kraft.
[ 92 ] Und wenn wir heute hinblicken auf die schicksalstragenden Ereignisse, dann empfinden wir sie wie eine Dämmerung. Wir blicken aber hinein in die Zukunft und wollen verstehen, dass sich aus dieser Dämmerung ein sonnendurchwärmter und sonnendurchleuchteter Horizont erheben muss; dass die deutsche Volksseele die Kraft haben wird, aufs Neue zu verjüngen deutsches Wesen, deutsches Streben. Und das, was immer unternommen wird gegen dieses deutsche Wesen, gegen dieses deutsche Streben, es wird ihm nicht die Lebensluft rauben können, weil dasjenige, was als das höchste Leben vorhanden ist im deutschen Wesen, die immer verjüngenden Kräfte der deutschen Volksseele sind. Hat sie so viele Sprossen in der deutschen Kultur hervorgebracht, so muss sie auch neue Früchte hervorbringen. Das ist unsere Hoffnung, und das ist nicht etwas Vages, das ist etwas Begründetes! Hoffnungsvoll schauen wir hin auf den Horizont, der uns zeigen wird gerade als eine der Früchte der deutschen Entwicklung geisteswissenschaftliche Weltanschauung, die alle Herzen und Seelen durchströmen wird, und Geist und Physis miteinander verbinden wird. Wenn man das Geistige als eine Realität schauen wird, wenn man wissen wird, wie das Geistige durch die Pforte des Todes geht, wenn man das Geistige einmal betrachten wird, wie die Wissenschaft heute die äußeren physischen Kräfte betrachtet, wo man wissen wird, dass nichts verloren geht, dann wird man wissen, dass die unzähligen geistigen Teile, die jetzt durch die Pforte des Todes gehen aus jungen Leibern, dass die nicht verloren sein können. Sie, diese seelischen Menschenglieder, die noch durch Jahrzehnte hindurch hier auf Erden hätten den Leib versorgen können, sie werden nicht nur in jenem abstrakten Sinne als ein Ewiges empfunden werden in der Zukunft, wie man das nach altem Wissen kann, sondern sie werden empfunden werden als etwas, was lebendig fortlebt, was diejenigen einverleibt haben dem geistigen Strom des Daseins, die den Pflichten der Zeit folgend durch die Pforte des Todes oder des Leidens gegangen sind.
[ 93 ] Und konkret verbunden werden sich fühlen, wenn aus dieser Kriegsdämmerung wieder Friedenszeiten kommen werden, verbunden werden sich fühlen diejenigen gerade, welche die besten Früchte deutschen Wesens getragen haben, mit alle demjenigen, was die hineinbringen, die durch die Pforten des Todes gehen mussten.
[ 94 ] So darf gesagt werden, zusammenfassend dasjenige, was ich heute versuchte, vor Ihnen auszuführen, es darf gesagt werden: Ja, dieser deutsche Geist hat noch nicht vollendet, was seine Sendung in der Erdenwelt war. Er steht in Verbindung mit der verjüngenden Kraft der deutschen Volksseele. Und schaut man [hin auf] das wahre Wesen der deutschen Volksseele, dann weiß man: Die treibenden Kräfte sind da, die unsichtbaren Kräfte des deutschen Lebens sind unverändert unter uns. Und allen denjenigen, die heute von Deutschlands Schwäche oder von deutscher Wesensschwächung oder Vernichtung sprechen, denen ruft derjenige, der objektiv erkennt, was die verjüngende Kraft der deutschen Volksseele den einzelnen Deutschen zuraunt, gerade der ruft in die Welt hinaus den Sinn, den er vernimmt aus dem Wirken der deutschen Volksseele:
Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er im Weltenlaufe schaffen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken soll.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
