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The Human Soul, Fate and Death
GA 70a

6 March 1915, Leipzig

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The Human Soul, Fate and Death, tr. SOL
  1. Menschenseele, Schicksal und Tod

7. Die tragenden Kräfte des Deutschen Geistes

7. The Driving Forces of the German Spirit

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Durch eine Reihe von Jahren darf ich nun schon in dieser Stadt in jedem Winter geisteswissenschaftliche Vorträge halten. Auch für diese schicksalsschwere Zeit haben unsere Freunde der geisteswissenschaftlichen Bewegung gewünscht, dass ich diesen Vortrag heute halte. Nun wird es begreiflich erscheinen, dass in dieser Zeit, in der so Gewaltiges, aber auch so Schmerzliches geschieht, in der sich so unermesslich Bedeutsames für die europäische und für die Erdengeschichte vorbereitet, dass in dieser Zeit ich solche Betrachtungen anknüpfen will an das, was uns alle bewegt, an dasjenige, was verteidigen diejenigen, die in Ost und West stehen und die durch Blut und Tod einzutreten haben für das, was die große Pflicht der Zeit fordert. In einer solchen Zeit will auch das Wort dahin gerichtet sein, wo es die Empfindungen, die Gefühle hintragen, dahin, wo Blut und Tod verteidigen die großen Güter Mitteleuropas, dahin, wo sich Gewaltiges entscheiden muss. Und so seien denn heute meine Worte der Betrachtung gewidmet über dasjenige, was man in unserer Gegenwart zu verteidigen hat, was von allen Seiten her in dieser unserer Zeit so angegriffen, so beschimpft und geschmäht wird. Nur gestreift soll zunächst werden dasjenige, was, ich möchte sagen das Grundprinzip und die Grundbestrebung der Geisteswissenschaft ist, um dann zu zeigen, wie dieses Grundbestreben, dieser innerste Impuls der Geisteswissenschaft — die da sein will ein Motiv, das eindringt in die geistige Kulturbewegung der Gegenwart und in die Zukunft hinein —, wie diese geisteswissenschaftlichen Impulse fest verankert sind gerade in den tragenden Kräften des deutschen Geistes. Und dann sollen einige Streiflichter geworfen werden auf die Art, wie Deutschlands Feinde heute diesen deutschen Geist, dieses deutsche Wesen, das Deutschtum in Ost und West verunglimpfen, missverstehen und dergleichen mehr.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! For a number of years now, I have had the privilege of giving lectures on the humanities in this city every winter. Even in these fateful times, our friends in the humanities movement have asked that I deliver this lecture today. It will now seem understandable that in this time, when events so momentous, yet also so painful events are unfolding—a time in which something of immeasurable significance is unfolding for European and world history—that I wish to link such reflections to what moves us all, to that which is being defended by those who stand in the East and West and who must, through blood and death, stand up for what the great duty of the times demands. In such a time, the word, too, must be directed toward where emotions and feelings lead—toward where blood and death defend the great treasures of Central Europe, toward where momentous decisions must be made. And so let my words today be devoted to a reflection on what must be defended in our present time—that which is so attacked, reviled, and slandered from all sides in this age of ours. I shall first touch only briefly upon that which, I would call the fundamental principle and the fundamental aspiration of spiritual science, in order then to show how this fundamental aspiration, this innermost impulse of spiritual science—which seeks to be a driving force penetrating the spiritual cultural movement of the present and extending into the future—how these spiritual-scientific impulses are firmly anchored precisely in the sustaining forces of the German spirit. And then I shall shed some light on the way in which Germany’s enemies today denigrate, misunderstand, and the like this German spirit, this German essence, this Germanness in both East and West.

[ 2 ] Ich habe ja schon öfter hier anführen dürfen, wie Geisteswissenschaft sein will die wahre Fortsetzerin der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, aber dadurch wiederum der entgegengesetzte Pol dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist, dass sie mit wirklich wissenschaftlichem Charakter sich nahen will den Welten des geistigen Lebens. Für die geisteswissenschaftliche Weltanschauung ist Geist nicht nur etwas in Begriffen, Ideen, Vorstellungen abstrakt zu Fassendes, sondern für die Geisteswissenschaft ist Geist dasjenige, was in einer Welt waltet, die hinter dieser unserer Sinneswelt ist, die die Gründe, die treibenden Kräfte für alles das enthält, was unsere Sinneswelt und das Leben, auch das geschichtliche Werden uns darbieten, die innerhalb der Sinneswelt sich abspielen. Wie gesagt, ich kann das heute nur streifen und muss Sie auf die Lektüre verweisen.

[ 2 ] I have often pointed out here how spiritual science seeks to be the true successor to the scientific worldview, yet is at the same time the opposite pole of that scientific worldview, in that it seeks to approach the realms of spiritual life with a truly scientific character. For the spiritual-scientific worldview, the spirit is not merely something to be grasped abstractly in concepts, ideas, and representations; rather, for spiritual science, the spirit is that which reigns in a world that lies beyond our sensory world—a world that contains the foundations and driving forces for everything that our sensory world and life, including historical development, present to us, and which unfolds within the sensory world. As I said, I can only touch on this briefly today and must refer you to the text itself.

[ 3 ] Geisteswissenschaft bereitet des Menschen Seele, wenn er sich dazu bereiten will, so vor, dass eine Erkenntnis, ein wirkliches Erleben dieses Seelischen stattfindet, das nicht gebunden ist an die Kräfte des Leibes, nicht gebunden ist an die Sinne, nicht gebunden ist, wie der gewöhnliche Verstand, an das Gehirn, sondern Geisteswissenschaft bereitet die Seele vor zu einem leibfreien Erkennen durch das, was auch hier öfter schon genannt worden ist: Meditation, Konzentration des Gedankenlebens. Sie finden das Nähere beschrieben in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höherer Welten?» oder im zweiten Teil des Buches «Die Geheimwissenschaft» oder in dem Buche «Theosophie». In diesen Büchern werden die Wege geschildert, die den Menschen dazu führen, in innerer Tätigkeit, in innerem Erleben das Seelisch-Geistige frei zu machen von der Gebundenheit an den Leib, sodass sie verweilen kann, die Seele, im Leben und Weben, im Walten und Wirken der geistigen Welt. Was heute noch für viele Menschen als Phantasterei, als Absurdität erscheint, das soll eben durch die Geisteswissenschaft der heutigen Kultur eingefügt werden. Begreiflich ist es, dass die Menschen sagen: Geisteswissenschaft widerspricht allem, was die fünf Sinne begreifen.

[ 3 ] Spiritual science prepares the human soul—if the person is willing to do so— so that a realization—a genuine experience of this spiritual realm—may take place, one that is not bound to the forces of the body, not bound to the senses, and not bound, like the ordinary mind, to the brain; rather, spiritual science prepares the soul for a body-free realization through what has already been mentioned here on several occasions: meditation and the concentration of thought life. You will find a more detailed description in my books *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* or in the second part of the book *The Secret Science* or in the book *Theosophy*. These books describe the paths that lead people, through inner activity and inner experience, to free the soul-spirit from its bondage to the body, so that the soul may dwell in the life, the weaving, the reign, and the workings of the spiritual world. What still appears to many people today as fantasy or absurdity is precisely what spiritual science is meant to integrate into contemporary culture. It is understandable that people say: Spiritual science contradicts everything that the five senses perceive.

[ 4 ] Es ist begreiflich, dass Menschen, die so sprechen, Geisteswissenschaft als Träumerei, als Phantasterei ansehen. Aber als Träumerei und Phantasterei haben die Menschen auch einstmals angesehen die kopernikanische Weltanschauung, die, wie man sagte, auch den fünf Sinnen und ihren Aussagen widersprechen sollte. Ebenso wie die Denkgewohnheiten der Menschen sich bequemt haben, die kopernikanische Weltanschauung anzunehmen, so werden sich die Denkgewohnheiten der Menschen auch dazu finden, immer mehr und mehr Seelenbefriedigung, ein notwendiges Seelenerleben, notwendige Seelenharmonie in dem Hinnehmen der Geisteswissenschaft zu finden, die da zeigt, wie die Seele wirklich in einem leibfreien Erkennen eindringen kann in eine geistige Welt, eine geistige Welt, die nicht bloß eine Summe von Begriffen und Ideen ist, sondern etwas ganz Konkretes, eine wirkliche geistige Welt, eine lebendige geistige Welt. So blickt man als Geistesforscher auf etwas, was da kommen muss, wie einstmals der Kopernikanismus in die Menschheitsentwicklung hereingekommen ist.

[ 4 ] It is understandable that people who speak this way regard spiritual science as a fantasy or a flight of fancy. But people once regarded the Copernican worldview as mere daydreaming and fantasy as well—a worldview that, as it was said, was supposed to contradict the five senses and their observations. Just as people’s ways of thinking have adapted to accept the Copernican worldview, so too will people’s ways of thinking come to find ever greater spiritual fulfillment, a necessary spiritual experience, and necessary spiritual harmony in the acceptance of spiritual science, which shows how the soul can truly penetrate, through body-free cognition, into a spiritual world—a spiritual world that is not merely a sum of concepts and ideas, but something entirely concrete, a real spiritual world, a living spiritual world. Thus, as a spiritual researcher, one looks upon something that is bound to come, just as Copernicanism once entered the course of human development.

[ 5 ] Wenn man diese Anschauung von dem lebendigen Geiste und von der Beziehung der Menschenseele zu ihm so recht ins Auge fast, und blickt dann hin auf dasjenige, was sich in der gesamten Entwicklung gerade des deutschen Volkes und des deutschen Wesens durch viele Jahrhunderte vorbereitet hat, so darf man sagen: Alle Kräfte, welche das deutsche Wesen angewendet hat im Laufe vieler Jahrhunderte, sie zielen alle dahin, in diese Geisteswissenschaft endlich einzumünden. Es gibt nichts, was Geisteswissenschaft nicht als einen Keim ihrer selbst finden könnte in dem, was durch Jahrhunderte der deutsche Geist angestrebt hat. Nur in einem charakteristischen Beispiel der neueren Zeit sei das zunächst vor Sie hingestellt.

[ 5 ] If one truly takes this view of the living spirit and of the relationship of the human soul to it to heart, and then looks at what has been taking shape over many centuries in the entire development of the German people and the German essence in particular, one may say: All the forces that the German essence has brought to bear over the course of many centuries are aimed at ultimately converging in this spiritual science. There is nothing that spiritual science cannot find as a seed of itself in what the German spirit has strived for over the centuries. Let me first present just one characteristic example from more recent times.

[ 6 ] Das deutsche Wesen, das zum Beispiel in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, als Lessing, als Herder den Horizont dieses deutschen Wesens betreten, es hat sich nicht zufriedengeben können mit einem Geiste, der nur ein Abstraktum, nur eine Summe von Ideen ist. Herder, der große Bahnbrecher des deutschen Geisteswesens, er hat einem Geiste, der eben nur den Geist als Abstraktum kannte, er hat einmal Voltaire zugerufen: Ideen können immer nur [Ideen bewirken].

[ 6 ] The German spirit—which, for example, in the second half of the eighteenth century, when Lessing and Herder entered the realm of this German spirit—could not be satisfied with a spirit that was merely an abstraction, merely a sum of ideas. Herder, the great pioneer of German intellectual life, once exclaimed to Voltaire—who understood the mind only as an abstraction—that “ideas can only ever [produce ideas].”

[ 7 ] Das, um was es sich für Herder handelte, ist, dass der Mensch in seiner Seele den Weg finden kann, wie er durch Augen und Ohren in der Sinneswelt lebt, so durch innere Entwicklung eine wirklich lebendige, webende und lebende Geisteswelt zu erleben. Und Geschichte wollte Herder nicht so aufgefasst wissen, dass man sprechen könnte: Die Geschichte wird von Ideen beherrscht, sondern Geschichte war für ihn so, dass innerhalb des geschichtlichen Wirkens reale geistige Wesenheiten wirken, zu denen der Mensch hinaufschauen kann als zu Wesenheiten einer übersinnlichen Welt, wie er hinunterschaut in die unter ihm stehenden Reiche zu den sinnlichen Wesen der drei Naturreiche. Und so überzeugt war Herder, der große Vorgänger, ja, man kann sagen, der Lehrer Goethes, dass wahre Wissenschaft vom Geiste zu einem wirklichen Geiste kommt und dass die Menschheit hinzielt, eine solche Geisteswissenschaft zu finden, dass er selbst, Herder, mit schönen Worten ausspricht: [«Das Menschengeschlecht wird nicht vergehen, bis dass es alles geschehe! Bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen!»]

[ 7 ] What mattered to Herder was that human beings, just as they find their way in their souls to live in the sensory world through their eyes and ears, can also, through inner development, experience a truly vibrant, dynamic, and living spiritual world. And Herder did not want history to be understood in such a way that one could say: “History is governed by ideas”; rather, for him, history was such that within historical events, real spiritual entities are at work, to which human beings can look up as to entities of a supersensible world, just as they look down into the realms below them at the sensory beings of the three natural kingdoms. And so convinced was Herder—the great predecessor, indeed, one might even say Goethe’s teacher, that true spiritual science leads to a real spirit and that humanity is striving to find such a spiritual science, that he himself, Herder, expressed it in beautiful words: [“The human race will not perish until all this has come to pass! Until the genius of enlightenment has permeated the earth!”]

[ 8 ] Mit der Erleuchtung meint er jene Erkenntnis, welche der deutsche Geist immer gesucht hat, die nicht aufgeht durch die äußeren Sinne und den Verstand, sondern durch das innere Erleben der Seele, die sich aber weiterbringt, als es im Alltagsleben geschieht. In seiner Art hat Herder wieder angeknüpft an dasjenige, was Jahrhunderte früher uns entgegentritt in dem deutschen Mystiker, der da stand in der Morgenröte der neueren Zeit. In dem Augenblick, da Angelus Silesius in seinen Bildern spricht, in denen er wie eine Anweisung zum Wege der Seele in eine geistige Welt hinein gibt. Er spricht aus in einem seiner Bilder: Ich bin es nicht, der lebt und stirbt, sondern in mir waltet die Gottgeistigkeit, die wird in mir geboren, die lebt und stirbt in mir.

[ 8 ] By “enlightenment,” he means that insight which the German spirit has always sought—one that does not arise through the external senses and the intellect, but through the inner experience of the soul, and which takes one further than is the case in everyday life. In his own way, Herder picked up where the German mystic left off centuries earlier, standing there at the dawn of the modern era. At the very moment when Angelus Silesius speaks through his images, in which he offers guidance on the soul’s path into a spiritual world. In one of his images, he declares: “It is not I who live and die, but within me reigns the divine spirit—it is born within me, it lives and dies within me.”

[ 9 ] Solche Verbindung mit dem lebendigen Geiste suchte die deutsche Seele immer. Und so wurde intim gesucht diese Verbindung der Seele mit dem wirksamen Geiste, dass selbst die Unsterblichkeitsidee für Angelus Silesius unmittelbar folgt aus der geistigen Innenerkenntnis, dem geistigen Innenleben. Denn indem er sich bewusst war, in mir waltet der ewige Gott, wusste er auch, dieser ewige Gott ist in meiner Seele im Augenblick des Todes, da, wo der ewige Gott nicht sterben kann. Da das, was in der Seele lebt, von Gott zugleich erlebt wird, so ist damit aus dem Geistigen erlebt die Idee der Unsterblichkeit. Die Idee der Unsterblichkeit, das Aufgehen in einer geistigen Welt ist für Angelus Silesius Erlebnis.

[ 9 ] The German soul has always sought such a connection with the living Spirit. And this connection between the soul and the active Spirit was sought so intimately that, for Angelus Silesius, even the idea of immortality follows directly from inner spiritual knowledge—the inner spiritual life. For in being aware that “the eternal God reigns within me,” he also knew that this eternal God is present in my soul at the moment of death—there, where the eternal God cannot die. Since what lives in the soul is simultaneously experienced by God, the idea of immortality is thus experienced from the spiritual realm. For Angelus Silesius, the idea of immortality—the merging into a spiritual world—is a lived experience.

[ 10 ] Indem sich die Seele bewusst wird des Gottes, der in ihr waltet, weiß sie, dass der Gott in einem nicht sterben kann, dass der Tod in die geistige Welt hineinführt.

[ 10 ] As the soul becomes aware of the God who reigns within it, it knows that God cannot die within one, and that death leads into the spiritual world.

[ 11 ] Und denken wir an den großen Mystiker am Anfang der Neuzeit deutschen Geisteslebens, an Jakob Böhme. Nicht um einen falschen sinnbildlichen Aktivismus zu predigen, sondern um hinzuweisen darauf, dass das Sinnesleben erst begriffen wird, wenn der Mensch erfasst dasjenige, was nicht nur lebendig ist zwischen Geburt und Tod, sondern was hindurchgeht durch die Pforte des Todes, möchte ich Jakob Böhme anführen. Ihm war es klar, dass der Mensch eindringen muss während des Lebens in die Geheimnisse des Todes. dass seine Kräfte angefacht werden, wenn er weiß, was im Sterben ihn zu einem neuen Leben ruft, dass diese Kräfte schon erkannt werden müssen in diesem Leben. Das will der wunderbare Spruch Jakob Böhmes bedeuten:

[ 11 ] And let us think of the great mystic at the dawn of the modern era of German intellectual life, Jakob Böhme. I would like to cite Jakob Böhme—not to preach a false, symbolic activism, but to point out that the life of the senses is only truly understood when a person grasps that which is not only alive between birth and death, but also that which passes through the gate of death. It was clear to him that a person must penetrate the mysteries of death during their lifetime; that their powers are kindled when they know what calls them to a new life in the moment of dying; and that these powers must already be recognized in this life. This is the meaning of Jakob Böhme’s wonderful saying:

Wer nicht stirbt, bevor er stirbt;
Der verdirbt, wenn er stirbt.

Whoever does not die before he dies;
He will perish when he dies.

[ 12 ] Wenn solche Worte heraustönen aus dem deutschen Geistesleben, dann fühlt man, wie da walten durch die besten Seelen der deutschen Entwicklung hindurch lebendige Tragkräfte des Geistes. Denn es ist die Tragkraft des deutschen Geistes, durch die sich die Seele in ihrem höchsten Streben innerlich lebendig verbunden weiß mit dem Geiste, dass sie erfährt, was sie als Höchstes tun kann, das tut der Geist selbst in ihr. Getragen fühlt sich die Seele vom konkreten Geiste, nicht bloß von Ideen und Vorstellungen, die eine Abstraktion des menschlichen Verstandes und der Vernunft sind und die nicht lebendig den im Leben wirklich waltenden Geist darstellen. Dieser Geist entwickelt daher seine Tragkraft für das ganze deutsche Geistesleben.

[ 12 ] When such words resound from German intellectual life, one senses how the living, sustaining forces of the spirit reign through the finest souls of German development. For it is the sustaining power of the German spirit through which the soul, in its highest striving, knows itself to be inwardly and vitally connected to the spirit—and it is the spirit itself within her that enables her to experience what she can do as the highest good. The soul feels sustained by the concrete Spirit, not merely by ideas and concepts, which are abstractions of the human intellect and reason and do not vividly represent the Spirit that truly reigns in life. This Spirit therefore develops its sustaining power for the entirety of German intellectual life.

[ 13 ] Und wenn wir auf unsere besten Geistesgrößen hinblicken, man kann sagen, da tritt einem entgegen, wie diese tragende Kraft des deutschen Geistes in ihren Herzen, ihren Seelen wirkt, wie sie im Leben und in ihrem geistigen Streben und Schaffen diese tragende Kraft des deutschen Geistes allüberall zeigen.

[ 13 ] And when we look to our greatest intellectual figures, one can say that we see how this sustaining force of the German spirit works in their hearts and souls, and how they demonstrate this sustaining force of the German spirit everywhere in their lives, intellectual pursuits, and creative work.

[ 14 ] Wahrhaftig nicht um sentimentale Empfindungen heraufzurufen in Ihnen, sehr verehrte Anwesende, sondern um zu zeigen, wie die tragende Kraft des deutschen Geistes in besten deutschen Geistern bis in das unmittelbare Leben hineinwirkt, seien zwei Geistesgrößen zum Ausgangspunkt genommen der heutigen Betrachtung. Und diese beiden Geistesgrößen, sie seien betrachtet gerade im Moment des Todes, Schiller sei der Erste.

[ 14 ] Truly, not to evoke sentimental feelings in you, esteemed audience, but to show how the sustaining power of the German spirit works its way into the very fabric of life in the finest German minds, let us take two great minds as the starting point for today’s reflection. And let us consider these two intellectual giants precisely at the moment of their deaths; Schiller shall be the first.

[ 15 ] Wir können durch einen Freund, den Sohn des Homer-Übersetzers Voß, den sogenannten jüngeren Voß, bis in die letzten Tage, bis in das Sterbezimmer unseres Schiller hineinblicken. Da sieht man, wie dieser Schiller, indem seine letzten Wochen heranrücken, man könnte sagen schon im Leben als ein fast Verstorbener am Leibe herumgeht, aber noch immer teilnimmt an alledem, was in seiner Weimarer Wohnstätte die geistigen Interessen genannt werden können. Man sieht förmlich, wie in ihm vorhandene feste Zusammenhaltekräfte mit dem geistigen Leben ihn durch seine letzten Wochen und Tage tragen. Dann werden wir hineingeführt in das Sterbezimmer. Wir erleben mit durch die Beschreibung des jungen Voß, wie Schiller kaum mehr aus seinem immer so wohlwollend, so liebevoll, so geistvoll blickenden Augen schauen kann. Er lässt zu sich bringen sein kleinstes Kind. Voß schildert, wie sich seine Augen, aus denen auf der einen Seite schon der Tod, aber auch noch die mächtige Feuerseele herausschaut, wie sich seine Augen groß hinrichten auf das Kind. Und glauben können wir es, dass Voß recht hat, wenn er in seiner Beschreibung sagt, aus diesen Augen sprach so etwas wie der Gedanke: © du mein Kind, das ich so klein zurücklassen muss, ich hätte dir noch in so vielem Vater sein müssen. Dann gab er das Kind wieder zurück, der sterbende Schiller, und wandte sich ab, der Wand zu.

[ 15 ] Through a friend—the son of the Homer translator Voß, the so-called “younger Voß”—we can gain a glimpse into Schiller’s final days, right into the room where he died. There we see how Schiller, as his final weeks draw near—one might say he is already walking about as if he were nearly dead—still takes part in all that might be called the intellectual pursuits of his Weimar home. One can literally see how the strong inner forces of cohesion within him, together with his intellectual life, carry him through his final weeks and days. Then we are led into the room where he died. Through the description by the young Voß, we experience how Schiller can barely look out of his eyes—eyes that had always gazed so benevolently, so lovingly, so spiritedly. He has his youngest child brought to him. Voß describes how his eyes—from which, on the one hand, death is already visible, but on the other, his powerful, fiery soul still shines through—how his eyes fix intently on the child. And we can believe that Voß is right when he says in his description that something like the following thought spoke from those eyes: © “You, my child, whom I must leave behind so young—I should have been a father to you in so many more ways.” Then the dying Schiller handed the child back and turned away, facing the wall.

[ 16 ] Indem wir diese Augenblicke miterleben, fühlen wir als deutsche Nation, wie wenn wir ebenso zu Schiller uns verhalten könnten wie dieses Kind. Man fühlt, da lebt die tragende Kraft des deutschen Geistes, die Schiller in den Tod hineingetragen hat; und es lebt diese Kraft fort im deutschen Volke. Aber zu solchen Geistesgrößen hinblickend müssen wir sagen: Nicht nur viel Großes, viel Gewaltiges ist von ihnen erarbeitet worden, sondern viel Keimhaftes auch, das sich erst entwickeln muss. Auch dem deutschen Volke gelten Schillers Gedanken, dass er ihm noch vieles hätte geben können. Aber wie war auch Schiller verbunden mit dem, was genannt werden kann: die tragende Kraft des deutschen Geistes. Wir haben ein merkwürdiges Dokument, das erst lange, lange nachdem Schiller nicht mehr war, aufgefunden worden ist und in dem Schiller gewissermaßen aufgeschrieben hat dasjenige, was er wie ein Testament, als seine Anschauung vom deutschen Geiste der Menschheit hinterlassen hat. In diesem Dokument spricht Schiller die folgenden schönen Worte über denjenigen Geist aus, dessen tragende Kraft derjenige empfindet, der ihn kennenlernt.

[ 16 ] As we witness these moments, we, as the German nation, feel as if we could relate to Schiller in the same way this child does. One senses that the sustaining power of the German spirit—the power that carried Schiller into death—is alive; and this power lives on in the German people. But looking up to such giants of the spirit, we must say: Not only have they produced much that is great and mighty, but also much that is in its infancy, which has yet to develop. Schiller’s thoughts also apply to the German people—that he could have given them so much more. But how closely was Schiller connected to what might be called the sustaining force of the German spirit? We have a remarkable document that was discovered only long, long after Schiller’s death, in which Schiller, so to speak, wrote down what he bequeathed to humanity—like a testament—as his vision of the German spirit. In this document, Schiller expresses the following beautiful words about that spirit, whose sustaining power is felt by anyone who comes to know it.

Dem, der den Geist bildet, beherrscht,
muss zuletzt die Herrschaft werden, denn
endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die
Welt einen Plan, wenn des Menschen
Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich
muss die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk wird alle
die schnellen Flüchtigen einholen.
[...]
Ihm

He who shapes and masters the spirit,
must ultimately attain dominion, for
at the end of time, if the
world has a plan, if human
life has any meaning at all, eventually
morality and reason must triumph,
the brute force of form must yield
and the slowest people will catch up with all
the swift and fleeting ones.
[...]
To him

[ 17 ] — dem Deutschen —

[ 17 ] — the German —

ist das Höchste bestimmt,
und so wie er in der Mitte von
Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das Blatt.
Er ist erwählt von dem Weltgeist, während
des Zeitkampfs
an dem ewigen Bau der Menschenbildung
zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt,
daher hat er bisher Fremdes sich ange-
eignet und es in sich bewahrt.
Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten
und Völkern aufkam, mit der Zeit
entstand und schwand, hat er aufbewahrt,
es ist ihm unverloren, die Schätze von
Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und
seine Rolle zu spielen, sondern den großen
Prozess der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
hat seinen Tag in der Geschichte, doch
der Tag des Deutschen ist die Ernte der
ganzen Zeit.

is destined for the highest,
and just as it is situated in the midst of
the peoples of Europe,
so it is the core of humanity,
while they are the blossom and the leaf.
He has been chosen by the World Spirit, during
the struggle of time
to work on the eternal edifice of human culture
and to preserve what time brings,
therefore he has thus far assimilated
what is foreign and preserved it within himself.
Everything of value that arose in other eras
and among other peoples—which, over time
emerged and faded—he has preserved;
it remains his own: the treasures of
centuries.
Not to shine in the moment and
play its part, but to prevail in the great
process of time. Every people
has its day in history, yet
the day of the Germans is the harvest of
all of time.

[ 18 ] So fühlte sich Schiller mit demjenigen verbunden, was man nennen kann die tragende Kraft des deutschen Geistes.

[ 18 ] Schiller thus felt connected to what might be called the driving force of the German spirit.

[ 19 ] Und wenn wir nun den Blick hinwenden auf eine andere Geistesgröße, auf eine Geistesgröße, die gewissermaßen alle Kraft des deutschen Geistes zusammengefasst hat, einen Philosophen, der aus einem starken Menschheitscharakter heraus eine Philosophie von dramatischer Klarheit geschaffen hat, wenden wir uns zu dem Sprecher der «Reden an die deutsche Nation», wenden wir uns an Johann Gottlieb Fichte.

[ 19 ] And if we now turn our attention to another intellectual giant—one who, in a sense, embodied the full power of the German spirit, a philosopher who, drawing on a strong sense of humanity, created a philosophy of dramatic clarity—let us turn to the author of the “Addresses to the German Nation,” let us turn to Johann Gottlieb Fichte.

[ 20 ] Schauen wir auch bei ihm auf die tragenden Kräfte des deutschen Geisteslebens, mit dem sich Fichte so verbunden fühlte, dass er in einer der schwierigsten Zeiten Deutschlands durch seine Reden [die] deutschen Herzen in seltener Art anzufachen wusste. Sehen wir, wie bei ihm die tragende Kraft des Geistes bis in das unmittelbare, alltägliche Leben hineingewirkt hat. Als Deutschland zu seinen großen Kämpfen schritt gegen die westliche Fremdherrschaft, da ist Fichte mit sich zurate gegangen, ob er denn irgendwie mitzuhelfen berufen sei, und zuletzt hat er gewusst, dass er durch geistige Betätigung am meisten wirken könne. Seine Frau aber hat sich dem Krankendienst gewidmet. Sie war es, die von den Lazaretten das Fieber mit nach Hause brachte, aber wieder genas. Fichte aber wurde von dieser Krankheit seiner Frau angesteckt. Und als er krank dalag, da war es merkwürdig, wie übergingen in den letzten Tagen die philosophischen Gedanken, die zu den stärksten dieser Art in der Menschheitsentwicklung gehören, zu den leuchtendsten gehören, wie sie übergingen in die Fieberphantasien des Sterbenden. Und merkwürdig, Fichte, der gedankenklare, diamanthelle Philosoph, er leitete über in seiner Seele, die ganz. beschäftigt war mit dem Geiste, der durch das deutsche Wesen waltet, seine philosophischen Gedanken so, dass er sich glaubte draußen auf den Schlachtfeldern, mitten unter den Heeren, da sich Blüchers Rheinübergang vollzog.

[ 20 ] Let us also look at him in terms of the driving forces of German intellectual life, to which Fichte felt so closely connected that, during one of Germany’s most difficult periods, he was able to stir German hearts in a rare way through his speeches. Let us see how, in his case, the driving force of the spirit permeated even the immediate, everyday life. As Germany set out on its great struggles against Western foreign domination, Fichte asked himself whether he was called upon to help in any way, and ultimately he realized that he could make the greatest impact through intellectual activity. His wife, however, devoted herself to nursing the sick. It was she who brought the fever home from the military hospitals, but then recovered. Fichte, however, was infected by his wife’s illness. And as he lay ill, it was remarkable how, in his final days, the philosophical thoughts—which rank among the most powerful of their kind in human development and among the most luminous—merged into the feverish fantasies of the dying man. And it is remarkable that Fichte—the clear-thinking, diamond-bright philosopher—channeled his philosophical thoughts in his soul, which was entirely absorbed in the spirit that reigns over the German essence, in such a way that he believed himself to be out on the battlefields, in the midst of the armies, where Blücher’s crossing of the Rhine was taking place.

[ 21 ] So sehen wir da ein Zusammenwachsen höchster Gedankenentfaltung selbst noch in den Fieberphantasien eines dahinsterbenden Deutschen. Sein Sohn brachte ihm eine Arznei. Fichte fühlte sich wie verbunden mit der Kraft des deutschen Geistes, von der er die feste Hoffnung hatte, dass sie das deutsche Volk zum Siege führen müsste. Er schob hinweg die Arznei und sagte: «Ich brauche keine Arznei, denn ich fühle, ich werde genesen.» Dann starb er. Das waren gewissermaßen seine letzten Augenblicke. Das ist jener Fichte, aus dessen Seele die tragende Kraft des deutschen Geistes so spricht, dass man sieht, wie bei ihm unmittelbar das Erkennen von dem in seiner Seele waltenden Willen erfasst wird so, dass man sagen kann: In jedem Worte Fichtes fühlen wir hindurchdringen diese Kraft des deutschen Geistes, welche nicht anders kann als bekennen, dass der Geist nicht ein Abstraktum ist, sondern etwas, was die Welt durchwebt und durchwallt und durchwirkt und in welchem die Seele sich weiß, sich erleben kann. Wie schön spricht Fichte so etwas aus, wenn er sagt:

[ 21 ] Thus we see the highest flowering of thought coming together even in the feverish fantasies of a dying German. His son brought him some medicine. Fichte felt as if he were connected to the power of the German spirit, in which he had firm hope that it would lead the German people to victory. He pushed the medicine aside and said, “I don’t need any medicine, for I feel that I will recover.” Then he died. Those were, in a sense, his final moments. This is the Fichte from whose soul the sustaining power of the German spirit speaks so clearly that one sees how, in his case, the recognition of the will reigning in his soul is grasped so directly that one can say: In every word of Fichte’s, we feel this power of the German spirit penetrating through, a power that cannot help but affirm that the spirit is not an abstraction, but something that interweaves, surges through, and permeates the world—and in which the soul knows itself and can experience itself. How beautifully Fichte expresses this when he says:

Es ist gar nicht zweifelhaft, sondern das Gewisseste, was es gibt, [ja der Grund aller andern Gewissheit, das einzige absolut gültige Objektive, dass es eine moralische Weltordnung gibt, dass jedem vernünftigen Individuum seine bestimmte Stelle in dieser Ordnung angewiesen und auf seine Arbeit gerechnet ist.]

There is no doubt whatsoever; rather, it is the surest thing there is—[indeed, the foundation of all other certainties, the only absolutely valid objective truth—that there is a moral world order, that every rational individual has been assigned a specific place in this order and is held accountable for his work.]

[ 22 ] Das ist das von der tragenden Kraft des deutschen Geistes abgelegte Bekenntnis zu der geistigen Welt. Und so fühlt sich Fichte verbunden mit dieser geistigen Welt, dass er in Worten, die ebenso Gedanken wie aus der ganzen Seele quellender Wille sind, einmal vor seinen Studenten das Folgende sprach: «Ihr Sterne, die über mir wandelt, ihr Berge all, ... wenn ihr alle einmal zusammenstürzet, wenn euch Blitze durchzucken, wenn euch die elementaren Kräfte zermalmen, sodass kein Stäubchen mehr von euch vorhanden ist, so sagt ihr mir nichts über meiner eigenen Seele Wesen. Dieses trotzt eurer Macht, dies ist nicht ewig, wie ihr nicht ewig seid.» So etwa sprach Fichte aus der unmittelbaren Kraft des Zusammenhanges mit der geistigen Welt in der eigenen Seele heraus. Das ist nicht bloß philosophische Spekulation, das sind nicht bloß Gedanken, sondern das ist inneres seelisches Leben, ein Zusammenfließen der Seele mit dem Geiste. Das ist das Ergebnis der tragenden Kräfte des deutschen Geistes.

[ 22 ] This is the commitment to the spiritual world that has been cast aside by the driving force of the German spirit. And Fichte feels so connected to this spiritual world that he once addressed his students with the following words, which are as much thoughts as they are a will springing from the depths of his soul: “You stars that wander above me, you mountains all, … if you were all to collapse at once, if lightning were to flash through you, if the elemental forces were to crush you so that not a speck of dust remained of you, you would tell me nothing about the nature of my own soul. This defies your power; this is not eternal, just as you are not eternal.” Thus spoke Fichte, drawing from the immediate power of the connection with the spiritual world within his own soul. This is not merely philosophical speculation; these are not merely thoughts, but rather inner spiritual life—a merging of the soul with the Spirit. This is the result of the sustaining forces of the German spirit.

[ 23 ] Und man darf sich als heutiger Geisteswissenschaftler wirklich auf Fichte berufen. Ein Beispiel für viele, das beweisen kann, wie man sich heute mit der heutigen Geisteswissenschaft auf Fichte berufen kann: In den «Reden an die deutsche Nation» steht es, und viele werden vielleicht darüber hinweglesen, aber wichtig ist es für denjenigen, der Fichte nicht bloß an der Oberfläche seiner Worte erfassen will, sondern in die Tiefe seiner Anschauungen dringen will. Fichte hielt vor seinem Volke, für sein Volk die «Reden an die deutsche Nation», durch die er den deutschen Geist in den deutschen Herzen anfachen wollte, damit deutsches Wesen zum Siege komme in Europa. Und das, was er als Mittel dazumal besonders zu empfehlen hatte, war eine ganz neuartige Erziehung. Man mag heute zu seinem Plane stehen, wie man will, man muss sagen, dass er dazumal groß und kühn gedacht war, so gedacht war, dass er wirklich etwas enthielt wiederum von dieser tragenden Kraft des deutschen Geistes. Aber Fichte wusste, indem er dieses aussprach vor Zuhörern, die allerdings willens waren, das Wort, das dem Dienste der Menschheit gewidmet war, entgegenzunehmen, indem er das aussprach, was seinen Plan charakterisierte, dass er etwas sagte, was alle Vorstellungen von der Erziehung und der Entwicklung des Menschen zu durchdringen hat. Er verlangte damit etwas ganz Neues von den Menschen. Und da machte er einen Vergleich zwischen dem, was er als Neuartiges sich dachte für die bisherigen Denkgewohnheiten, und dem, was sie als /Lücke im Text].

[ 23 ] And as a scholar of the humanities today, one can indeed draw on Fichte. Here is one example among many that demonstrates how one can draw on Fichte within the context of today’s humanities: It is stated in the “Addresses to the German Nation”—and many may skim over this—but it is important for those who wish not merely to grasp Fichte at the surface level of his words, but to delve into the depth of his views. Fichte delivered the “Addresses to the German Nation” before his people, for his people, through which he sought to kindle the German spirit in German hearts so that the German essence might triumph in Europe. And what he particularly recommended as a means to that end at the time was a completely new kind of education. Whatever one may think of his plan today, one must acknowledge that at the time it was a grand and bold vision—one that truly embodied, once again, the sustaining power of the German spirit. But Fichte knew—as he articulated this before an audience that was, admittedly, willing to receive the message dedicated to the service of humanity, and as he articulated what characterized his plan—that he was saying something that must permeate all conceptions of human education and development. In doing so, he demanded something entirely new from people. And there he drew a comparison between what he conceived as novel in relation to previous habits of thought, and what they regarded as [gap in the text].

[ 24 ] Und nun fragen wir uns: Wie könnte Geisteswissenschaft, die eine Wissenschaft ist vom geistigen Leben, wie könnte sie einen Vergleich nehmen, wenn sie das kennzeichnen wollte, was sie will, was sie anstrebt? Geisteswissenschaft will ja führen zu einer wirklichen inneren Erleuchtung, sodass die Seele außerhalb des Leibes den Leib mit seinen physischen Erlebnissen so ansieht, wie man sonst einen äußeren Gegenstand ansieht. Dadurch erringt der Geistesforscher die Erkenntnis, wie diese Seele sich nach dem Tode verhält, wie die Seele mit Geistesaugen schaut auf den Leib, wie sie ihn überschaut wie ein äußeres Element. Und so kommt dann der Geisteswissenschaftler heute, indem er sich fest auf den Boden dieser Geisteswissenschaft stellt, er kommt dazu, zu sagen: Dieses Neue verhält sich wie eine Seele, die den Leib verlässt und zurückblickt auf den Leib. Man würde ein Symbolum nehmen, das heute allerdings die Menschen noch wie eine Träumerei ansehen. Fragen wir aber, was für ein Sinnbild Fichte selbst gewählt hat, als er charakterisieren wollte das Neue seines Erziehungssystems im Verhältnis zum alten.

[ 24 ] And now let us ask ourselves: How could spiritual science—which is a science of spiritual life—how could it use a comparison if it wanted to characterize what it seeks, what it strives for? Spiritual science aims, after all, to lead to a true inner enlightenment, so that the soul, outside the body, regards the body with its physical experiences just as one would otherwise regard an external object. Through this, the spiritual researcher gains insight into how this soul behaves after death, how the soul looks upon the body with spiritual eyes, and how it surveys it as an external element. And so the spiritual scientist today, by standing firmly on the ground of this spiritual science, comes to say: This new element behaves like a soul that leaves the body and looks back upon it. One might take a symbol that people today, however, still regard as mere fantasy. But let us ask what kind of symbol Fichte himself chose when he sought to characterize the “new” aspect of his educational system in relation to the “old.”

[Die Zeit erscheint mir wie ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freudig heimliche Stimmen der Schwestern, und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.]

[Time seems to me like a shadow standing over his corpse—from which an army of diseases has just driven him out—wailing and unable to tear its gaze away from the shell it once loved so dearly, and desperately trying every means to get back into the dwelling of the plagues. True, the life-giving breezes of the other world, into which the departed soul has entered, have already taken her in and surround her with a warm breath of love; true, secret voices of her sisters already greet her joyfully and welcome her; true, something is already stirring and expanding within her in all directions to develop the more glorious form into which she is to grow; yet she still has no sense of these breezes or hearing for these voices; or, if she did, she is consumed by grief over her loss, believing that in it she has also lost herself.]

[ 25 ] Das ist der lebendige Fichte! Müssen wir nicht sagen, dasjenige, was heute Geisteswissenschaft aus einer wirklichen Geist-Erkenntnis heraus entfalten und erkennen will, wir treffen es da, wo Fichte den tiefen Intentionen seines Geistes sich überlässt und einen Vergleich wählt, der tief wurzelt in den tragenden Kräften des deutschen Volkes. Es ist das Bekenntnis zu dem wirklichen, lebendigen, zu dem wallenden und webenden Geiste. Und so wurzelt es bei den besten Größen dieses deutschen Geisteslebens.

[ 25 ] This is Fichte at his best! Must we not say that what spiritual science today seeks to unfold and recognize out of a genuine spiritual insight—we find it precisely where Fichte surrenders to the deep intentions of his spirit and chooses a metaphor that is deeply rooted in the sustaining forces of the German people? It is a commitment to the real, living, surging, and weaving spirit. And thus it is rooted in the greatest figures of this German spiritual life.

[ 26 ] Und sehen wir nicht, wie diese tragenden Kräfte des deutschen Geistes auch wiederum in Goethe wirken? Ist es nicht dadurch schon zu sehen, dass Goethe schon in seiner Jugend sich unbefriedigt erklären musste mit alledem, was nur als Abbild der äußeren Sinneswelt durch Spekulation des Verstandes in die menschliche Seele als Begriffe und Ideen hereinkommen kann, dass er etwas fühlt wie jenen faustischen Drang, sich nicht nur in abstrakten Begriffen, in sinnlichen Vorstellungen zu ergehen, sondern sich mit den innersten Kräften der Seele zu vermählen mit dem in der Welt waltenden Geiste. Und aus solchem Drang, der sich dann künstlerisch gestalten wollte, ist bei Goethe entstanden dasjenige, was er in seinem «Faust» dargestellt hat; in jenem «Faust», der in seiner Ganzheit eine Dichtung darstellt, wie sie eben kein anderes Volk haben kann. Denn alles das, was der Mensch erstreben kann durch die tiefsten Kräfte seiner Seele auf dem Wege in die geistige Welt, es soll in diesem «Faust» zur Anschauung kommen. Sehen wir nicht, wie Faust, nachdem er sich unbefriedigt fühlt in der äußeren Welt der Sinne, zu den Quellen des Lebens hinkommen will? Wie er durch Irrtum und Überwindung, durch Versuchung und Verführung hindurchgeht, und wie er zunächst da steht und in dem Geiste, der ihn im innersten Selbst ergreift, zugleich das erkennt, was als Geistiges wallt und webt durch die Welt. So kommt Faust schon im ersten Teil des Dramas dazu, diesen Geist, der draußen in der Natur waltet, aber auch im menschlichen Innern waltet, zu finden. Diesem Geist, mit dem sich als einem lebendigen, der wirklich im deutschen Geistesleben Stehende verbunden fühlt, dem Geiste fühlt sich Faust in solchen Worten verbunden, die immer wieder angeführt werden können:

[ 26 ] And do we not see how these driving forces of the German spirit are also at work in Goethe? Is it not already evident from the fact that Goethe, even in his youth, had to declare himself unsatisfied with everything that can enter the human soul as concepts and ideas—merely as a reflection of the external sensory world through the speculation of the intellect—that he feels something like that Faustian urge not merely to lose himself in abstract concepts, sensory perceptions, but to unite, with the innermost powers of the soul, with the spirit that reigns in the world. And from such an urge, which then sought artistic expression, arose in Goethe that which he portrayed in his *Faust*—that *Faust* which, in its entirety, constitutes a work of poetry such as no other people can possess. For everything that a human being can strive for through the deepest powers of his soul on the path to the spiritual world is meant to be revealed in this *Faust*. Do we not see how Faust, feeling unsatisfied in the outer world of the senses, seeks to reach the sources of life? How he passes through error and triumph, through temptation and seduction, and how he initially stands there and, in the spirit that seizes him in his innermost self, simultaneously recognizes what surges and weaves through the world as the spiritual. Thus, already in the first part of the drama, Faust comes to find this spirit, which reigns out there in nature but also reigns within the human soul. To this spirit—with which anyone who is truly rooted in German spiritual life feels connected as a living being—Faust feels connected in words that can be quoted again and again:

[Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewender.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.]

[Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you merely permit me to be a cold, marveling visitor,
but grant me to gaze into its deep bosom,
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me, and teach me to know my brothers
in the silent thicket, in air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce, toppling, strikes down neighboring branches
And crushes neighboring trunks as it sweeps downward
And the hill thunders with a dull, hollow roar at its fall,
Then you lead me to the safe cave, show
Me to myself, and in my own breast
Secret, profound wonders unfold.]

[ 27 ] Wie ist in diesen erhabenen Worten ausgedrückt, wie der Mensch, wenn er die tragenden Kräfte in sich selbst gefunden hat, sie auch finden will in allem Sinnlichen. Und wie wird dann Faust zurückgeführt, nachdem er so den Geist erkannt hat zu dem Walten des Geistes in der eigenen Brust.

[ 27 ] These sublime words express how a person, having found the sustaining forces within himself, seeks to find them in all things of the senses as well. And how, having thus come to know the Spirit, is Faust then led back to the reign of the Spirit within his own breast.

Dann führst Du mich zur sichern Höhle, zeigst Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust Geheime tiefe Wunder öffnen sich.

Then you lead me to the safe cave, show me to myself, and secret, profound wonders within my own heart are revealed.

[ 28 ] Das können wir nennen: Das Weben des Geistes in der Geistigkeit der Welt, in der Wesen sind übersinnlicher Art, wie in der Sinneswelt die Wesen sind des Mineralreiches, des Pflanzenreiches, des Tierreiches. Und so sehen wir, wie dieser Geist in unseren Größten waltet und wirkt und sie trägt.

[ 28 ] We can call this: the weaving of the Spirit into the spirituality of the world, in which beings are of a supersensory nature, just as in the sensory world there are beings of the mineral kingdom, the plant kingdom, and the animal kingdom. And so we see how this Spirit reigns and works within our greatest beings and sustains them.

[ 29 ] Aber wir sehen auch, wie in der deutschen Geisteskultur einsetzt das Bestreben, diesem Geiste sich wirklich zu einen, sich lebendig mit ihm zu durchdringen, sich mit ihm zu vermählen. Man könnte da auf Hunderte von wichtigen historischen Ereignissen hinweisen, um zu zeigen, wie im deutschen Geistesleben die Sehnsucht auftritt, mit dem Geiste, der in allen Jahrhunderten das deutsche Wesen trug, sich zu vereinigen; zu suchen, wie er wirkt nicht nur in der Gegenwart, sondern wie er gewirkt hat durch alle Zeiten der Entwicklung hindurch. Und wo der Deutsche etwas finden kann, wo ihm der Geist entgegentritt wie eine Gestalt, wo er ihm begegnet ist, da sieht man, wie der Deutsche mit Inbrunst den deutschen Geist, der ihn tragen kann, zu ergreifen imstande ist. Ein Beispiel möchte ich anführen, ein Ereignis zu Goethes Lebenszeit.

[ 29 ] But we also see how, within German intellectual culture, a striving begins to truly unite with this spirit, to be vividly permeated by it, to wed itself to it. One could point to hundreds of important historical events to show how, in German intellectual life, a longing arises to unite with the spirit that has sustained the German essence throughout the centuries; to seek not only how it acts in the present, but also how it has acted throughout all periods of development. And wherever the German can find something—wherever the spirit confronts him like a figure, wherever he has encountered it—there one sees how the German is capable of embracing with fervor the German spirit that can sustain him. I would like to cite one example, an event that took place during Goethe’s lifetime.

[ 30 ] Es kam herauf eine Weltanschauung des deutschen Geisteslebens, die sogenannte Romantik; eine Anschauung, die zurückgehen wollte zu einer früheren Stufe des deutschen Geisteslebens, weil sozusagen etwas eintrat, wobei der deutsche Geist in einer Gestalt vor die deutsche Seele trat, in der sie den deutschen Geist mit religiöser Inbrunst erfassen wollte. Das war da, als, nachdem die republikanischen Herren des Westens, jenes Westens, der heute behauptet, dass er gegen die deutschen «Barbaren» kämpfen muss, als diese Herren, so wie heute die Herren des Westens — selbstverständlich, das taten sie dazumal nach ihrer Meinung und das tun sie auch heute für die Freiheit und für das Recht der Völker — in den Krieg zogen. Da zogen diese Herren in die Gegend des Niederrheins, in die niederländischen Gegenden ein. Da können wir diese Herren schauen, wie sie verwüstend hinzogen über Paläste, Kirchen, Stifte, über alles Mögliche, wie dazumal in ungeheurem, in unermesslichem Maße verwüstet wurde und in alle Welt zerstückt und zerstreut wurden die besten Kunstwerke dieser Gegenden. Selbstverständlich haben dazumal die Herren gesagt, dass sie für Freiheit, Recht und Menschlichkeit kämpfen. Und da konnte man dann sehen, wie die Reste dieser verwüsteten Kunstwerke sich auch wiederum einfanden, selbstverständlich nur spärliche Reste, Fragmente in den rheinischen Städten. Das Zerbrochene, Verwüstete, das kam dann in die Hände einer Reihe von Leuten, so auch in die Hände der Brüder Boisserée, welche sich zur Weltanschauung der jungromantischen Schule bekannten. Und dazumal tauchte auf in dieser Schule etwas, was man nennen kann /Lücke im Text]. Da trat etwas zutage für diese Deutschen der jüngeren Romantiker, was sie wie das göttliche Walten des deutschen Geistes selbst empfanden, was sie einzuführen versuchten in das Leben. Und wir könnten die Entwicklung der Kunst Mitteleuropas im neunzehnten Jahrhundert studieren, wir würden finden, wie das, was dazumal aus den verwüsteten Trümmern, aus den tragenden Kräften des deutschen Geistes fortwirkte in der Dichtung, in den besten Kunstwerken, wir könnten finden, wie es uns überall entgegentritt.

[ 30 ] A worldview of German intellectual life emerged, known as Romanticism; a perspective that sought to return to an earlier stage of German intellectual life, because something occurred, so to speak, whereby the German spirit appeared before the German soul in a form in which the soul sought to grasp the German spirit with religious fervor. This was at the time when, after the republican leaders of the West—that West which today claims it must fight against the German “barbarians”—when these leaders, just as the leaders of the West do today—of course, they did so back then according to their own convictions, and they do so today as well, for the sake of freedom and the rights of peoples—went to war. At that time, these gentlemen marched into the Lower Rhine region and into the Dutch territories. There we can see these gentlemen as they swept through, wreaking havoc on palaces, churches, monasteries, and everything imaginable; as at that time, devastation occurred on a tremendous, immeasurable scale, and the finest works of art from these regions were shattered and scattered across the world. Of course, at the time these gentlemen claimed they were fighting for freedom, justice, and humanity. And then one could see how the remnants of these devastated works of art began to resurface—of course, only sparse remnants, fragments—in the cities along the Rhine. The broken and devastated pieces then fell into the hands of a number of people, including the Boisserée brothers, who adhered to the worldview of the Young Romantic school. And at that time, something emerged within this school that one might call [gap in the text]. Something then came to light for these German Young Romantics that they perceived as the divine workings of the German spirit itself—something they sought to introduce into life. And if we were to study the development of Central European art in the nineteenth century, we would find how that which, at that time, continued to work from the devastated ruins—from the sustaining forces of the German spirit—in poetry and in the finest works of art; we would find how it confronts us everywhere.

[ 31 ] Aber es hat nicht nur eine solche Kraft in die Seele hineingeprägt dessen nur, was schon da war, die Seelen wurden vielmehr vorbereitet zu solchem Ergreifen. Und wenn auch nicht zur jüngeren, wenn auch zur älteren Romantik gehörend, einer derjenigen deutschen Dichter ist — man darf es glauben, immer mehr und mehr wird er in seiner wunderbaren Geistesart gewürdigt werden —, ich meine Novalis. Er ist einer derjenigen, in dem die tragende Kraft des deutschen Geistes sich so offenbart, dass wir in vielem von ihm, was er uns hinterlassen hat, zum Teil fragmentarisch hinterlassen hat, zu sehen haben wie etwas, was sich herausgestaltet aus dem Unbewussten seiner Seele, etwas, was aber nur entwickelt zu werden braucht, um in das hineinzuführen, was die Menschheit einmal als Geisteswissenschaft wird ergreifen müssen.

[ 31 ] But it did not merely imprint such power upon the soul—merely reinforcing what was already there—rather, the souls were prepared to be moved in this way. And even if he does not belong to the younger Romantic movement, but rather to the older one—and one may well believe that he will be increasingly appreciated for his wonderful spirit—I am referring to Novalis. He is one of those in whom the sustaining power of the German spirit reveals itself so clearly that in much of what he has left us—some of it in fragmentary form—we must see something that emerges from the unconscious of his soul, something that merely needs to be developed in order to lead us into what humanity will one day have to grasp as spiritual science.

[ 32 ] Und man kann sagen: Es ist doch schon einigermaßen dasjenige ergriffen worden von der Welt, was Novalis aus der tragenden Kraft des deutschen Geistes herausentwickelt hat. Dies wird begriffen sogar nicht bloß von den «barbarischen Deutschen», wie sich die feindlichen Völker jetzt ausdrücken, sondern begriffen sogar von einigen französischen Schriftstellern, die etwas verstehen von der Art, sogar unter denjenigen, die heute das deutsche Wesen so beschimpfen und es verschreien als «barbarisches Wesen». Wir wissen ja, wie nicht lange nach dem Kriegsausbruch Maurice Maeterlinck nicht genug Worte finden konnte zum Schmähen und Beschimpfen des deutschen «Barbarismus».

[ 32 ] And one might say: The world has, to a certain extent, already embraced what Novalis developed from the sustaining power of the German spirit. This is understood not only by the “barbaric Germans,” as hostile nations now put it, but even by some French writers who have some understanding of the matter—even among those who today revile the German spirit and denounce it as a “barbaric spirit.” We know, after all, how, not long after the outbreak of the war, Maurice Maeterlinck could not find enough words to revile and denounce German “barbarism.”

[ 33 ] Nun möchte man Maeterlinck hinweisen auf einen anderen, vielleicht einen anderen französischen Geist, der sich vertieft hat in dasjenige, was Novalis von sich aus geben kann, der geschrieben hat über dasjenige, was Novalis in seiner Seele angeregt hat. Und dieser französische Dichter, Philosoph und Künstler, was hat er bei Novalis, bei dem jetzt so verachteten, sagen wir bei Maurice Maeterlinck, so verachteten deutschen «Barbarismus» gefunden? Er hat sich veranlasst gefühlt, zu sagen: Ja, was Sophokles, selbst Schiller und andere Dichter hervorgebracht haben, was die Gestalten der Dichter tun, Hamlet und so weiter miteinander zu schaffen haben und mit ihrer Umgebung zu schaffen haben, das sind gewiss Gefühle und Empfindungen, die Erdenseelen interessieren. Allein — so meint dieser französische Schriftsteller —, allein man müsse annehmen, dass, wenn aus dem Kosmos herunter Wesen schauen würden, sie sich nicht interessieren könnten für dasjenige, was diese Gestalten die Schiller, Sophokles und andere geschaffen haben, was die miteinander zu tun haben. Aber Novalis wäre ein Mensch — so meint dieser französische DichterPhilosoph —, der aus seiner Seele heraus etwas zu sagen hat über Dinge, die nicht nur Erdenmenschen interessieren könnten, sondern die selbst Geister interessieren müssten, die die Erde besuchen aus Himmelsphären heraus.

[ 33 ] Now one might point Maeterlinck toward another—perhaps another French mind—who has delved deeply into what Novalis can offer of his own accord, who has written about what Novalis stirred within his soul. And this French poet, philosopher, and artist—what did he find in Novalis, in that German “barbarism” so despised today—let us say by Maurice Maeterlinck? He felt compelled to say: Yes, what Sophocles, even Schiller, and other poets have produced—what the poets’ characters do, what Hamlet and so on have to do with one another and with their surroundings—these are certainly feelings and sensations that interest earthly souls. However—so this French writer argues—one must assume that if beings were to look down from the cosmos, they could not be interested in what these characters—those created by Schiller, Sophocles, and others—have to do with one another. But Novalis would be a person—so says this French poet-philosopher—who, from the depths of his soul, has something to say about things that might not only interest earthly human beings but that must also interest spirits who visit Earth from the heavenly spheres.

[ 34 ] Solche Worte spricht er in Anknüpfung an Novalis, in Anlehnung an das, was er an Novalis erlebt hat. Diese Worte müssen wir uns einmal wörtlich vor die Seele rufen:

[ 34 ] He speaks these words in connection with Novalis, drawing on what he experienced through Novalis. We must take these words to heart, word for word:

Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie [ihn] unter die führen, deren Werke fast an Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich [um eine Stufe erhebt] und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst [erfüllt], aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich erst an, und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich [nur] im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss.

But if he needed further proof, she would lead him among those whose works border on silence. She would open the gate to the realm where some loved her for her own sake, without concerning themselves with the subtle gestures of her body. Together they would ascend to the lonely highlands, where consciousness [rises a notch] and where all those filled with restlessness [about themselves] attentively survey the immense ring that links the world of phenomena with our higher worlds. She would go with him to the boundaries of humanity; for at the point where man seems to end, he probably only begins, and his most essential and inexhaustible parts lie [only] in the invisible, where he must be constantly on guard.

[ 35 ] Er spricht also immer von Novalis. Er will sich an Gebiete wenden, wo Novalis wohnt, an Welten, für die menschliche Worte nicht mehr ausreichen, um sie zu charakterisieren. Darum sagt er «deren Werke fast an Schweigen rühren». Dann fährt er fort:

[ 35 ] So he is always talking about Novalis. He wants to turn to realms where Novalis dwells, to worlds that human words can no longer adequately describe. That is why he says, “whose works almost border on silence.” Then he continues:

Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, die ihr ähneln und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen. Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer [fremden] Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; aber [die Menschen, von denen ich rede, sind] in ihren Werken aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen, und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht zur irdischen Gemeinde zählen.

Only at these heights are there thoughts that the soul can approve of, and ideas that resemble it and are as commanding as the soul itself. There, humanity reigned for a moment, and these dimly lit peaks are perhaps the only lights that herald the Earth in the realm of the spirit. Their reflection truly bears the color of our soul. We feel that the passions of the mind and the body would resemble the tolling of bells in the eyes of a [foreign] reason; but [the people of whom I speak] have, through their works, emerged from the small village of passions and have spoken words that are of value even to those who do not belong to the earthly community.

[ 36 ] So dieser französische Dichter-Philosoph über Novalis, über dasjenige, was Novalis in ihm angeregt hat. Dieser Novalis, der ganz aus der Urkraft und dem Urschicksal des deutschen Genius heraus getragen ist. Würde dieser Dichter-Philosoph nicht einem Maurice Maeterlinck, wenn er jetzt kommt und von dem «Barbarismus» spricht, entgegenschleudern: Schau hin auf Novalis, dessen Werke so erhaben sind, dass sie «fast ans Schweigen rühren».

[ 36 ] So says this French poet-philosopher about Novalis, about what Novalis inspired in him. This Novalis, who is entirely sustained by the primal force and primal destiny of the German genius. Wouldn’t this poet-philosopher retort to a Maurice Maeterlinck—if he were to come along now and speak of “barbarism”—saying: Look to Novalis, whose works are so sublime that they “almost move one to silence.”

[ 37 ] Man könnte glauben, dass diese Worte, die von dem philosophischen Dichter herrühren, Maurice Maeterlinck entgegengeschlaudert würden. Aber, die Sache verhält sich so, dass diese Worte, die ich eben vorgelesen habe, von Maurice Maeterlinck selber herrühren! Allerdings von dem Maurice Maeterlinck, der vor Jahren gelebt hat, der vor Jahren den deutschen Geist hat auf sich wirken lassen; nicht von dem Maurice Maeterlinck, der jetzt die Deutschen ein «Barbarenvolk» schimpft.

[ 37 ] One might think that these words, which come from the philosophical poet, were made up to counter Maurice Maeterlinck. But the fact is that these words, which I just read aloud, come from Maurice Maeterlinck himself! Admittedly, from the Maurice Maeterlinck who lived years ago, who allowed the German spirit to influence him years ago; not from the Maurice Maeterlinck who now denounces the Germans as a “barbarian people.”

[ 38 ] Solche Erfahrungen muss das Deutschtum, das wie in einer großen Festung belagert ist in der europäischen Kultur, solche Erfahrungen muss das Deutschtum heute machen. Man darf sagen: Dieses Deutschtum, das heute so verkannt wird, es war wahrhaftig nicht immer in dieser Weise in der Welt verkannt. Man hat schon die tragende Kraft des deutschen Geistes in der Welt empfunden. Und man kann Beweise vorbringen, wie dieser deutsche Geist in der Welt angesehen worden ist. Es ist ja etwas unangenehm, gewisse sympathische, ich möchte sagen Gefühlsurteile über den deutschen Geist abzugeben in deutscher Sprache. So sei denn ein anderer Weg gewählt. Dasjenige sei gewählt zunächst, was ein in Amerika führender englischer Denker des neunzehnten Jahrhunderts über das deutsche Wesen zu sagen hatte. Eine charakteristische, große Persönlichkeit, Emerson, hat das deutsche Wesen sich einmal vor die Seele geführt. Und um zu zeigen, wie die tragende Kraft des deutschen Geistes gefühlt und empfunden worden ist, sagt Emerson, indem er über Goethe spricht — und wir werden sehen aus den Worten selbst, wie er in Goethe geradezu den Repräsentanten des neueren deutschen Geistes sieht —, Emerson sagt:

[ 38 ] Such experiences must be faced today by the German spirit, which lies besieged within European culture as if in a great fortress. It is fair to say: This German spirit, which is so misunderstood today, was truly not always misunderstood in this way by the world. The world has indeed recognized the sustaining power of the German spirit. And one can present evidence of how this German spirit has been regarded throughout the world. It is, after all, somewhat awkward to express certain sympathetic—I would say emotional—judgments about the German spirit in the German language. Let us therefore choose another approach. Let us begin with what a leading English thinker of the nineteenth century in America had to say about the German character. A distinctive, great figure, Emerson, once reflected on the German character. And to show how the driving force of the German spirit has been felt and perceived, Emerson says—while speaking of Goethe, and we shall see from the words themselves how he regards Goethe as the very embodiment of the modern German spirit—Emerson says:

Eine [Eigenschaft] vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika

One [quality] in particular, which Goethe shares with his entire nation, makes him an exceptional figure in the eyes of both French and English audiences: that everything about him is based solely on inner truth. In England and America

[ 39 ] — bitte, es ist nicht in deutscher Sprache, sondern von einem Amerikaner, einem amerikanischen Engländer in englischer Sprache geschrieben —,

[ 39 ] — please note, it is not written in German, but by an American, an American English speaker, in English —,

in England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen.

In England and America, talent is respected, but people are satisfied only when it works for or against a party they support. In France, people are delighted whenever they see brilliant ideas, no matter where they lead.

[ 40 ] Also nicht ein Deutscher hat das gesagt, es ist von einem englischen Amerikaner zur Charakteristik der Deutschen gesagt, des deutschen Wesens!

[ 40 ] So no German said that; it was said by an English-speaking American to characterize the Germans, the German character!

In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit, allein was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt «Wo will das hin?»

In all these countries, however, talented men write to the best of their abilities. If what they present stimulates the discerning reader and contains nothing that offends good taste, it is considered sufficient. So many columns, so many hours spent pleasantly and usefully. The German spirit possesses neither the French vivacity nor the English penchant for practicality, nor, finally, the American spirit of adventure; what it does possess, however, is a certain integrity that never stops at the outward appearance of things, but always returns to the central question: “Where is this leading?”

[ 41 ] Man könnte glauben, es sei von einem Deutschen gesagt, es wäre eitel orientiert.

[ 41 ] One might think it was said by a German; it seems to have a vain slant.

Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? [— woher] hat er alle diese Gedanken?

Die Engländer [...] sehen immer nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.

Die Deutschen denken für Europa.

The German public expects a writer to rise above things and simply speak his mind. Intellectual vivacity is present—very well: What does it stand for? What is this man’s opinion? Where—[where]—does he get all these thoughts?

The English [...] always see only the individual; they do not know how to view humanity as a whole according to higher laws.

The Germans think for Europe.

[ 42 ] Bedenken Sie, nicht ein Deutscher sagt das!

[ 42 ] Keep in mind, not a single German says that!

Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.

For this reason, the distinguishing terms commonly used in high-level conversation are all of German origin. While the English and the French—who are renowned for their acumen and erudition—view their studies and their standpoint with a certain superficiality, and their personal character bears only a shallow connection to what they have grasped, and the way they express themselves—there is not a very deep connection; Goethe, the head and the essence of the German nation, speaks not because he has talent, but because truth concentrates its rays in his soul and shines forth from it. He is wise to the highest degree, even if his wisdom is often veiled by his talent. As excellent as what he says is, he has something in mind that is even better. [...] He possesses that awe-inspiring independence that springs from communion with the truth.

[ 43 ] Nun könnte man ja allerdings sagen: Emerson ist schon lange tot, und das ist eine Charakteristik, die schon vor einem Jahrzehnt über das deutsche Wesen gegeben worden ist. Werden doch solche Geister wie derjenige, der als der heute bedeutendste französische Philosoph angesehen wird [Lücke im Text], nach der Rede die er gehalten hat, in der er die Deutschen von heute als bar alles dessen, was in ihrer großen Zeit in ihnen lebte, darstellte. Man findet auch bei ihm, bei diesem französischen Philosophen mit dem so schön französisch klingenden, wenigstens bis vor dem Kriege getragenen Namen, man findet bei ihm auch betont, wie diese Deutschen so anders geworden seien in der letzten Zeit.

[ 43 ] Now, one might well say: Emerson has been dead for a long time, and this is a characterization that was already applied to the German character a decade ago. Yet even such minds as the one regarded today as the most significant French philosopher [gap in the text] made such a statement after the speech he delivered, in which he portrayed the Germans of today as devoid of everything that once lived within them during their golden age. One also finds in him—in this French philosopher with the name that sounds so beautifully French, a name worn at least until before the war—one also finds him emphasizing how these Germans have become so different in recent times.

[ 44 ] Und so sei es denn, dass wir auch einmal hinblicken wiederum auf [etwas, was nicht auf] deutscher Seite gesagt wird, sondern hören wir wiederum auf eine englische Stimme. Und jetzt wollen wir sogar kritische Stimmen wählen, die vor nicht langer Zeit abgegeben worden sind, und zwar kaum zwei Jahre vor dem Kriege; Stimmen zur Charakteristik des deutschen Wesens. Es wurden in Manchester Vorträge gehalten unter dem Titel «Deutschland im neunzehnten Jahrhundert».

[ 44 ] And so let us, for once, look not to what is being said on the German side, but rather listen once again to an English voice. And now let us even select critical voices that were expressed not long ago—in fact, barely two years before the war—voices that characterize the German spirit. Lectures were given in Manchester under the title “Germany in the Nineteenth Century.”

[ 45 ] In der Vorrede wird betont, warum diese Vorträge in Manchester gehalten worden sind über das deutsche Wesen. Da wird gesagt, es sollten die Zeitungsleute in England über das deutsche Wesen etwas erfahren. Zweierlei kann man vielleicht aus dieser Anführung, dieser Vorrede ersehen, dass dazumal diejenigen, die als gelehrte Engländer diese Vorträge gehalten haben, die Zeitungsleute für bedürftig gehalten haben einer solchen Aufklärung. Aber das andere wird man auch ersehen können; das kann ich ja Ihrem Urteil überlassen, ob das viel genützt hat, was den Zeitungsleuten gesagt worden ist, nach den heutigen Erfahrungen. Aber was ist dazumal den englischen Zeitungsleuten gesagt worden? Wie gesagt, nicht in deutscher Sprache sind die Vorträge gehalten worden in Leipzig oder Berlin oder Hamburg, sondern englisch für die englischen Ausländer. Da wurde gesagt:

[ 45 ] The preface emphasizes why these lectures on the German character were held in Manchester. It states that the journalists in England should learn something about the German character. Two things can perhaps be gleaned from this statement, from this preface: that at the time, those learned Englishmen who delivered these lectures considered the journalists to be in need of such enlightenment. But one can also see the other point; I’ll leave it to your judgment whether what was said to the journalists was of much use, in light of today’s experiences. But what was said to the English journalists back then? As mentioned, the lectures were not delivered in German in Leipzig, Berlin, or Hamburg, but in English for the English visitors. It was said:

Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes’ und Newtons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wur de dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt.

The select few among Descartes’ and Newton’s compatriots were undoubtedly familiar with the spirit of science; but the passionate drive for knowledge was taught to modern Europe—if at all—primarily by thousands of German researchers.

[ 46 ] Wie gesagt, nicht in Berlin oder Leipzig gesprochen, sondern in Manchester!

[ 46 ] As I said, not in Berlin or Leipzig, but in Manchester!

Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller. Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe.

Imagination, emotion, and will asserted their right to be heard alongside reason—or even beyond it—and under their transformative influence, the universe became deeper, broader, and more wondrous. The irrational was recognized as a source of enlightenment; wisdom was drawn from the child and the flower; science, philosophy, and poetry drew closer together.

[ 47 ] So wurde das deutsche Wesen in Manchester charakterisiert.

[ 47 ] This is how the German character was described in Manchester.

Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt. Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode ist die Tatsache, dass, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten oder völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.

Im Faust, am Schluss seines vielbewegten Lebens sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlos-kühnen Wollens und Handelns, und wir können umso besser verstehen, weshalb der große Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des Deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.

Here in England, this revival of the imagination gave rise to noble poetry, but left the sciences and philosophy almost untouched. One of the keys to understanding the entire period is the fact that, while in England and France the poetic, philosophical, and scientific movements largely flowed along separate channels, in Germany they intersected or merged completely. Wordsworth sang and Bentham calculated; Hegel, however, ensnared the genius of poetry in the web of his logic; and the thought that discovers and explains, and the imagination that brings forth the new, worked together in fruitful harmony in the genius of Goethe.

In *Faust*, at the close of his eventful life, we see a foreshadowing of today’s Germany—the Germany of restless, bold will and action—and we can all the better understand why the great cosmopolitan, in whose eyes the state and national identity were subordinate and sometimes harmful ideals, nevertheless maintains his unassailable position as the greatest poet of the German Empire alongside Bismarck, his creator.

[ 48 ] So wurde das deutsche Wesen charakterisiert durch englische Gelehrte in Manchester.

[ 48 ] This is how the German character was described by English scholars in Manchester.

[ 49 ] Sie werden einem Namen begegnet sein, der nach dem Kriegsausbruch für die hohe Moralität, die die britische Regierung geleitet hat bei der Kriegserklärung an das Deutsche Reich, [der] nicht Worte genug finden konnte, um diese hohe Moralität zu kennzeichnen: Haldane. Er hat die Vorrede geschrieben zu den Vorträgen, die gesammelt worden sind und in denen das steht, was ich eben verlesen habe. Und jener Lord Haldane, er hat in der Vorrede das Folgende geschrieben, es war allerdings einige Zeit vor dem Kriege:

[ 49 ] You will have come across a name that, after the outbreak of war, could not find enough words to describe the high moral standards that guided the British government in its declaration of war against the German Empire: Haldane. He wrote the preface to the collected lectures, which contain what I have just read aloud. And that Lord Haldane—he wrote the following in the preface, though it was, admittedly, some time before the war:

Die Quelle des Stromes seines

The source of the stream of his

[ 50 ] — Deutschlands —

[ 50 ] — Germany —

geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret und praktisch. [..] Der Einfluss wahrer Kenntnis kann allein des Misstrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner unter uns im Sinne hat.

The roots of both intellectual and political life lie in the Reformation. At the end of the eighteenth and the beginning of the nineteenth centuries, however, a movement—unique in world history—began to take shape in a way that has been as uninterrupted as it has been distinctive ever since. Since the days of ancient Greece, the world has not witnessed such a spectacle of the closest fusion between the life of the statesman and that of the thinker. The spirit of today’s Germany is highly concrete and practical. [..] Only the influence of true knowledge can dispel the clouds of mistrust and free us from the burden of having to arm ourselves against attacks that, in reality, none of us intends to launch.

[ 51 ] So sprach dieser führende englische Geist. Sie wissen, wie er nach Ausbruch des Krieges gesprochen hat. Derselbe Gelehrte, der die vorgelesenen Worte gesprochen hat, hat noch ganz andere Worte dazumal in Manchester zur Aufklärung der Zeitungsleute gesprochen. Er sagte:

[ 51 ] So spoke this leading English intellectual. You know what he said after the outbreak of the war. The same scholar who uttered the words just read also spoke quite different words at that time in Manchester to clarify matters for the journalists. He said:

Im Ganzen und Großen ist es außer Frage, dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist.

On the whole, there is no question that the establishment of the German Empire has contributed to world peace.

[ 52 ] In Manchester gesprochen.

[ 52 ] Delivered in Manchester.

Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig sich verändernder blendender Kinematograf. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund. [...]

Es lässt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866–1871 machten ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege, welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte; sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.

This explanation will seem strange to those who know nothing but the events of the present and for whom history is nothing more than an ever-changing, dazzling movie. But history should be something more than that. It is fitting that the light of the past should shine upon the chaotic goings-on of the present, and in that higher light, things that seem hurtful will take on a natural appearance. For when we look to the past, we find that our ancestors viewed France with far greater fear than even the wildest rabble-rousers today fear Germany. And our ancestors’ fear had good reason. [...]

To sum it all up, it can be shown that the founding of the German Empire was a boon for Europe and, therefore, for Great Britain as well. For the events of the years 1866–1871 put an end, once and for all, to the possibility of waging wars of plunder against the hitherto unprotected heart of Europe, thereby eliminating a temptation to war that had so often led France astray in earlier centuries; they enabled the German people to develop their political capabilities, which had hitherto been stunted, and they helped to establish, on a secure foundation, a new European system that has maintained peace for forty years. This blessing arose from the fact that German unity achieved in one fell swoop what Great Britain, despite all its expenditure of blood and money, had never been able to accomplish—namely, securing the balance of power so decisively that a major war became the most dangerous of all ventures.

[ 53 ] Man kann wohl sagen, dass diese Worte zum Preise der tragenden Kraft des deutschen Geistes gesprochen wurden, ja, man möchte sogar sagen der für Europa seelentragenden Kraft des deutschen Geistes. Kann man mehr sagen, als dieser Engländer in Manchester den Zeitungsleuten gesagt hat, bei denen das dann so gut angeschlagen hat!

[ 53 ] One could certainly say that these words were spoken in praise of the sustaining power of the German spirit—indeed, one might even say the power of the German spirit that sustains the soul of Europe. Can one say more than what this Englishman said to the journalists in Manchester, with whom his words went down so well!

[ 54 ] Und bis in die jüngsten Tage hinein können wir solche Erscheinungen verfolgen. Wir haben ja gesehen, wie Emerson ausdrücklich betonte, wie wenig die Engländer eigentlich verstehen können von dem, was die tragende Kraft des deutschen Wesens ist. Aber wenn sie sich wirklich einmal auf die Beine gemacht haben und kennengelernt haben diesen deutschen Geist, dann haben sie doch anders über ihn denken gelernt. Nur ein paar Worte seien noch erwähnt, welche eine Engländerin niedergeschrieben hat ganz kurz vor Ausbruch des Krieges, nachdem sie acht Jahre zugebracht hat in Deutschland. Sie hat es allerdings nicht so kennengelernt wie Engländer zumeist Deutschland kennenlernen, sondern sie war in Schulen, Kliniken, sie hat philosophische und andere Hörsäle kennengelernt. Ich könnte Ihnen nun mancherlei Worte anführen, die tief charakteristisch sind, aber ich will nur eine Stelle vorlesen, die also von einer englischen Kennerin des deutschen Wesens hingeschrieben sind. Die folgenden Worte schreibt Miss Wylie:

[ 54 ] And we can trace such phenomena right up to the present day. We have seen, after all, how Emerson explicitly emphasized how little the English can actually understand what constitutes the driving force of the German spirit. But once they really set out to explore and got to know this German spirit, they did learn to think of it differently. Let me mention just a few words written by an Englishwoman shortly before the outbreak of the war, after she had spent eight years in Germany. Admittedly, she did not get to know Germany the way most English people do; rather, she visited schools and hospitals and attended lectures in philosophy and other fields. I could now cite various passages that are deeply characteristic, but I will read only one passage written by an Englishwoman who was well-versed in the German character. Miss Wylie writes the following:

Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz. Und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. (...]

An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen. Deutschland weiß das [auch] ganz genau.

Forty years ago, Germany was fighting for its very existence. And it is still fighting for it today. It is completely wrong to believe that Germany has already reached its peak. It is waging a quiet but determined battle against powerful rivals whose power and experience were established generations ago. (...]

At every border and across the waters, Germany’s commercial and political adversaries lie in wait, eagerly anticipating the moment when Germany shows even the slightest sign of weakness so they can pounce and bring it down. Germany knows this [as well] very well.

[ 55 ] Man braucht wahrhaftig nicht selbst zu rühmen die tragende Kraft des deutschen Geistes, man braucht sozusagen nur einmal herumzuhören in den Zeiten, wo die Menschen aus der Besinnung heraus sprachen, und nicht aus der Besinnungslosigkeit heraus sprachen, wenn das von den Ländern gesagt wird, deren Objektivität sich doch erwiesen hat. Man wird, wenn man sich umschaut, viele Urteile, die diesen ähnlich sind, über das deutsche Wesen und seine tragende Kraft finden können. Diese tragende Kraft des deutschen Geistes, sie erweist sich gerade dadurch, dass dieser deutsche Geist in jeder Seele des deutschen Wesens, die den Weg zum Geiste sucht, sozusagen wie hineinleuchtend in diese Seelen wirkt, sodass in der Tat gesagt werden kann: In dem, was als deutscher Idealismus auftrat an der Wende des achtzehnten, neunzehnten Jahrhunderts, liegen die Keime zu einem Immer-Lebendiger-und-lebendiger-Machen der geistigen Erfahrung. Und so kam es denn, dass nicht nur im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts durch Geister, die in der späteren Zeit einmal eine große Rolle spielen werden, Troxler und Gotthilf Heinrich von Schubert, großartige Anfänge der heutigen Geisteswissenschaft zu finden sind; desjenigen, was wir selbst wieder aus der geistigen Welt herausholen können. Es finden sich diese tragenden Kräfte des deutschen Geistes in der ganzen Entwicklung des deutschen Geisteslebens. Und da sei wiederum ein Fall angeführt, der Fall eines der besten, der tiefsten, der deutschesten Deutschen aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts: Herman Grimm.

[ 55 ] One truly need not praise the sustaining power of the German spirit oneself; one need only, so to speak, listen to what was said in times when people spoke from a place of reflection, and not from a place of thoughtlessness—especially when this is said by nations whose objectivity has, after all, been proven. If one looks around, one will find many judgments similar to this one regarding the German character and its sustaining power. This sustaining power of the German spirit is demonstrated precisely by the fact that this German spirit acts within every soul of the German character that seeks the path to the spirit—as if shining into these souls—so that it can indeed be said: In what emerged as German idealism at the turn of the eighteenth and nineteenth centuries lie the seeds for making spiritual experience ever more alive. And so it came to pass that not only in the course of the nineteenth century, through minds that would later play a major role—Troxler and Gotthilf Heinrich von Schubert—can we find magnificent beginnings of today’s spiritual science; that which we ourselves can once again draw forth from the spiritual world. These sustaining forces of the German spirit can be found throughout the entire development of German spiritual life. And here, once again, let us cite a case—that of one of the finest, the most profound, and the most quintessentially German of Germans from the second half of the nineteenth century: Herman Grimm.

[ 56 ] Herman Grimm ist ein außerordentlicher Kunsthistoriker, der mit innerem Miterleben über viele Künstler und Kunstwerke geschrieben hat. Man hat oft das Gefühl: Woher kommt das, was Herman Grimm nicht durch gewöhnliche Beweise, sondern durch unmittelbares Herauserleben des ästhetischen Urteilens zu sagen hat über Kunst und Kunstwerke? Dann muss man gehen zu den künstlerisch-dichterischen Werken, die er hervorgebracht hat. Da findet man in seinen Novellen, dass sich auch darin erweist die tragende Kraft des deutschen Geistes, die sich da, wenn auch nicht als Geisteswissenschaft, sondern ins Künstlerische überträgt. Man kann selbstverständlich nicht künstlerische Produkte anführen als Beweise für die Ergebnisse der Geisteswissenschaft. Wenn aber der Geisteswissenschaftler sagen kann, dass in dem Kunstwerk die Aussprüche geradezu fachmännisch richtig sind für die geschilderten geistigen Erlebnisse, so darf hingedeutet werden auf solch eine Erscheinung, wie es heute geschehen soll.

[ 56 ] Herman Grimm is an extraordinary art historian who has written about many artists and works of art with a sense of intimate experience. One often wonders: Where does Herman Grimm derive what he has to say about art and works of art—not from ordinary evidence, but from his direct, lived experience of aesthetic judgment? Then one must turn to the artistic and literary works he has produced. There, in his novellas, one finds that the sustaining power of the German spirit is also evident—a power that is transmitted there, not as spiritual science, but through the artistic medium. Of course, one cannot cite artistic products as evidence for the findings of spiritual science. But if the spiritual scientist can say that, in the work of art, the expressions are, in fact, expertly accurate in depicting the spiritual experiences described, then one may point to such a phenomenon, as will be done today.

[ 57 ] Herman Grimm will immer hinweisen darauf, dass man die Welt nur verstehen kann, wenn man in der Lage ist, nicht nur auf das hinzuschauen, was [Lücke im Text], sondern wenn man auch das betrachtet, was aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche hineinragt. Er stellt dann geistige Vorgänge dar, welche zeigen, wie er das Bestreben hat, darzustellen, dass die Welt weiter ist als die bloße sinnliche Welt. Da hat er geschrieben eine Novelle: «Die Sängerin». Er schildert das Schicksal einer etwas koketten, aber doch mit einer tiefen Seele ausgestatteten Sängerin. Da ist ein Mann, der die Sängerin liebt, den sie aber zurückstößt. In ungeheuer bedeutungsvoller Weise ist die Novelle fortgesetzt bis zum Tode der Sängerin. Die Sängerin wird geführt durch einen Freund gerade in das Haus, wo ihr Geliebter, den sie zurückgestoßen hat, Selbstmord beging. In dem Moment, wo sie eintritt, wird der Selbstmord begangen. Sie kann von der Stunde ab schuldbeladen nicht mehr schlafen. Der Freund, der Hausherr, muss bei ihr wachen. Da stellt nun Herman Grimm dar, wie diese Sängerin sieht im Bette sich aufrichten den Geist des Verstorbenen, der an sie herankommt. Und Herman Grimm stellt das in einer Weise dar, dass man aus dieser Darstellung sieht: Er will nicht reflektieren auf eine Einbildung; sondern in einem GeistErlebnis, das die schuldbeladene Sängerin hat, will er etwas darstellen, wie über den Tod hinaus Kräfte wirksam sind, will hinweisen auf das Schicksal, das über den Tod hinaus wirkt. Die Sängerin stirbt dem Geliebten nach, sie wird gleichsam geholt. Geisteswissenschaft würde sagen: Vor der Seele der Sängerin tritt auf dasjenige, was als die nächste Erscheinung an den Menschen verkündet werden kann, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, die Erscheinung des Ätherleibes, welcher das Schicksal, das über den Tod hinaus zu tragen ist, eben zu tragen hat.

[ 57 ] Herman Grimm always seeks to point out that one can only understand the world if one is able not only to look at what [gap in the text], but also to consider what extends from the supersensible into the sensible. He then depicts mental processes that demonstrate his effort to show that the world extends beyond the mere sensory realm. To this end, he wrote a novella: “The Singer.” He describes the fate of a singer who is somewhat coquettish but nonetheless endowed with a deep soul. There is a man who loves the singer, but she rejects him. In an immensely significant way, the novella unfolds until the singer’s death. The singer is led by a friend directly into the house where her lover—whom she had rejected—committed suicide. The moment she enters, the suicide is committed. From that hour on, burdened by guilt, she can no longer sleep. Her friend, the master of the house, must keep watch over her. Here, Herman Grimm depicts how this singer sees, as she sits up in bed, the spirit of the deceased approaching her. And Herman Grimm depicts this in such a way that one can see from this portrayal: He does not wish to reflect on a figment of the imagination; rather, through a spiritual experience that the guilt-ridden singer has, he seeks to illustrate how forces are at work beyond death, to point to the destiny that extends beyond death. The singer dies following her beloved; she is, as it were, taken away. Spiritual science would say: Before the singer’s soul appears that which can be described as the first manifestation revealed to a human being once they have passed through the gate of death—the manifestation of the etheric body, which is precisely meant to bear the destiny that must be carried beyond death.

[ 58 ] Aber nicht nur diesen einen Fall gibt es bei Herman Grimm. Er hat einen kulturhistorischen Roman geschrieben: «Unüberwindliche Mächte».

[ 58 ] But this is not the only such instance in Herman Grimm’s work. He wrote a cultural-historical novel: *Unüberwindliche Mächte*.

[ 59 ] Was das Wichtigste ist: Dargestellt wird die junge Heldin Emmy. Auch Emmy wird dadurch, dass ihr Geliebter erschossen wird, in die Lage gebracht, wo das Schicksal des geliebten Toten auf die Lebende wirkt, aber nicht bloß wirkt aus den inneren Kräften der Seele, sondern so wirkt, dass mit diesem Wirken gemeint sind die noch von der Seele — nachdem sie durch die Todespforte geschritten ist —, real ins Leben hineinwirkenden Kräfte. Herman Grimm stellt dar, wie Emmy ihrem Geliebten gleichsam nachstirbt. Und eine wunderschöne Szene finden wir am Schluss des Romans «Unüberwindliche Mächte». Emmy stirbt, und Herman Grimm schildert, wie sich erhebt aus der sterbenden Emmy, aus dem physischen Leibe heraus eine Gestalt, eine Gestalt mit Armen ähnlich den physischen Armen, mit einem Antlitz ähnlich dem Antlitz Emmys, das hinüberentschwindet und verschwindet in der geistigen Welt. Herman Grimm vermag es künstlerisch zu erfassen den Moment des Todes, so wie ihn in lebendiger Schau die Geisteswissenschaft erfassen kann.

[ 59 ] The most important thing is this: The story centers on the young heroine, Emmy. Emmy, too, is placed in a situation—through the shooting of her beloved—where the fate of the beloved dead person affects the living, but not merely through the inner forces of the soul; rather, this effect is such that it refers to the forces that—even after the soul has passed through the gate of death—continue to exert a real influence on life. Herman Grimm depicts how Emmy, as it were, dies after her beloved. And we find a beautiful scene at the end of the novel *Unsurpassable Powers*. Emmy dies, and Herman Grimm describes how a figure rises from the dying Emmy, emerging from her physical body—a figure with arms resembling her physical arms, with a face resembling Emmy’s—which drifts away and vanishes into the spiritual world. Herman Grimm is able to artistically capture the moment of death, just as spiritual science can grasp it in a living vision.

[ 60 ] Man sieht, die tragende Kraft des deutschen Geistes, sie wirkt auch in dieser Dichterseele, die aus dem deutschen Idealismus heraus zum Ergreifen des lebendigen Geisterlebens kommt. Dass Herman Grimm die Sache in romanhafter Weise, aber in vollster Realität darstellen kann, dass er dazu in der Lage ist, das ist die durch den deutschen Geist waltende Kraft geistigen Lebens. Herman Grimm fühlte sich — er war ja ganz aufgewachsen in dem, was aus Goethe’schem Geistesleben in das deutsche Geistesleben eingegangen ist —, er fühlte sich mit seiner ganzen Seele drinnen im Strome des deutschen Geisteslebens. Er kannte dieses deutsche Geistesleben, weil jede Phase dieses deutschen Geisteslebens eine Phase seines eigenen Lebens war. Und wie charakterisiert 1895 kurz vor seinem Tode Herman Grimm diese Stimmung des deutschen Wesens? Wer deutsches Leben kennt, weiß, dass diese Schilderung wahr ist; wahr ist dasjenige, was ich nun vorzulesen habe von Herman Grimm als Worte, die die Stimmung des deutschen Wesens darstellen sollen. Er will ausdrücken — er, der so oft hingewiesen hat, wie ihm die wiederholten Erdenleben ein lieber Gedanke sind —, er will ausdrücken, wie das deutsche Geistesleben dahinzielt, die geistige Welt anzuerkennen, aber nicht in einseitiger Weise eine Nationalität zu entwickeln, sondern dahin, das allgemeinste Menschliche in sich aufzunehmen. Schön sind die Worte, aber auch tief bedeutsam für die Charakteristik des deutschen Geisteslebens, die Herman Grimm 1895 gesprochen hat.

[ 60 ] One can see that the driving force of the German spirit is also at work in this poet’s soul, which, drawing from German idealism, comes to embrace a vibrant spiritual life. The fact that Herman Grimm is able to portray this in a novelistic manner, yet with the fullest reality—that he is capable of doing so—is the power of spiritual life that reigns through the German spirit. Herman Grimm felt—having, after all, grown up entirely within what had passed from Goethe’s spiritual life into the German spiritual life—he felt, with his whole soul, immersed in the current of German spiritual life. He knew this German spiritual life because every phase of it was a phase of his own life. And how did Herman Grimm characterize this mood of the German spirit in 1895, shortly before his death? Anyone familiar with German life knows that this description is true; what I am now about to read aloud from Herman Grimm—words intended to portray the mood of the German spirit—is true. He wants to express—he who so often pointed out how dear to him the idea of repeated earthly lives is—he wants to express how German intellectual life aims to acknowledge the spiritual world, not in a one-sided way to develop a nationality, but rather to embrace the most universal aspects of humanity. These words, spoken by Herman Grimm in 1895, are beautiful, but also deeply significant for characterizing German spiritual life.

Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier [bereits] nicht mehr. Wir fühlen, dass der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte.

The solidarity of all people’s moral convictions is today the church that unites us all. We are searching more passionately than ever for a visible expression of this community. All truly serious endeavors of the masses have but this one goal. The division among nations no longer exists here. We feel that no national distinction prevails when it comes to the ethical worldview.

[ 61 ] Dann sagt er weiter:

[ 61 ] Then he goes on to say:

Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, dass Friede zu halten unser [aller] heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.

We would all sacrifice ourselves for our fatherland; but we are far from longing for or bringing about the moment when this might happen through war. The assurance that maintaining peace is our [all] most sacred wish is no lie. “Peace on earth and goodwill toward men” permeates us.

[ 62 ] So schildert Herman Grimm die Stimmung in Mitteleuropa. Dann aber zeigt er, dass er nicht ein Träumer ist, sondern dass er die Verhältnisse gut beurteilen kann. Denn er sagt weiter:

[ 62 ] This is how Herman Grimm describes the mood in Central Europe. But then he shows that he is not a dreamer, but rather someone who can assess the situation well. For he goes on to say:

Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern.

Humanity, viewed as a totality, recognizes itself as subject to an invisible court of justice enthroned as if in the clouds; it regards failure to stand before this court as a misfortune, and seeks to align its internal conflicts with the court’s judicial proceedings. With anxious earnestness, they seek justice here. How hard the French of today strive to present the war against Germany they are planning as a moral imperative, the recognition of which they demand from other nations—indeed, from the Germans themselves.

[ 63 ] Jeder, der die mitteleuropäische Stimmung kennt, wird wissen, dass Herman Grimm dazumal die Wahrheit gesprochen hat. Und er wird dann beurteilen können, was es eigentlich heißen soll, wenn von links und rechts, von West und Ost denjenigen, die heute diese Wahrheit von Mitteleuropa her geltend machen wollen, immer wieder zugerufen wird: «Wer hat den Krieg gewollt!» Man muss schon sagen, dieses «Wer hat den Krieg gewollt» das kommt einem so vor, als wenn sich eine Anzahl von Menschen mit drohender Gebärde um ein Haus herum stellen und der Hausherr sieht, dass sie das Haus überfallen wollen, und er geht dann hinaus und kann sich nicht anders helfen, als die da draußen durchzuprügeln. Und dann würde gefragt: «Wer hat diese Prügelei gewollt?». Es ist dieselbe Logik. Ja, man kann sogar über diese Logik, die heute durch die Welt waltet, mancherlei sagen. Man kann sogar sagen: Diese Logik ist — man geniert sich fast, es auszusprechen, denn es ist so fadenscheinig, wenn gesagt wird: «Wir haben den Krieg nicht gewollt, sondern in Mitteleuropa ist er gewollt worden.» —, es ist dieselbe Logik, wie wenn gesagt würde: «Ja, wir könnten ja nicht Krieg führen, wenn die Deutschen nicht das Pulver erfunden hätten, denn dann gäbe es ja keinen Krieg; also wer hat den Krieg gewollt? Die gleiche Logik wäre es auch, wenn die Leute uns die Schuld geben wollten in Mitteleuropa, dass sie mit Druckerschwärze auf Papier das deutsche Wesen als «Barbarenwesen» anklagen. Die Deutschen haben ja auch das Verfahren, mit Druckerschwärze auf Papier zu drucken, erfunden. Aber mit diesem Wollen sieht es in der Tat sonderbar aus für denjenigen, welcher nicht bloß auf das hinblickt, was in den letzten Monaten vor dem Krieg sich abgespielt hat, sondern hinblickt auf das, was sich wie die treibenden Impulse durch Jahrzehnte hindurch vorbereitet hat. Diejenigen, die wirklich offenen Auges haben schauen können, was in Europa vorgeht, die das haben schauen wollen, die haben schon gesehen, wie sich dieser Krieg sozusagen in seinen Grundimpulsen gerade von Osten her vorbereitet hat. Und derjenige, der heute die Frage richtig stellen würde: Wer hätte den Krieg verhindern können?, der wird selbstverständlich auf Russland hinweisen müssen. Aber diejenigen, die klar gesehen haben, haben das gewusst. Wir sehen das an Worten, die lange vor dem Kriege gesprochen worden sind.

[ 63 ] Anyone familiar with the Central European mindset will know that Herman Grimm spoke the truth back then. And they will then be able to judge what it actually means when, from the left and the right, from the West and the East, those who today wish to assert this truth from Central Europe are repeatedly shouted at: “Who wanted the war!” One really has to say that this “Who wanted the war?”—it feels as if a group of people were standing around a house with threatening gestures, and the owner of the house sees that they want to storm the house, so he goes out and has no choice but to beat them up. And then the question would be asked: “Who wanted this brawl?” It’s the same logic. Yes, one can even say many things about this logic that prevails in the world today. One could even say: This logic is—one is almost embarrassed to say it, because it’s so flimsy—when people say, “We didn’t want the war; rather, it was wanted in Central Europe.” —it is the same logic as if one were to say: “Yes, we couldn’t wage war if the Germans hadn’t invented gunpowder, because then there would be no war; so who wanted the war?” It would be the same logic if people in Central Europe wanted to blame us for the fact that they use printer’s ink on paper to accuse the German character of being “barbaric.” After all, the Germans also invented the process of printing with ink on paper. But this notion of “wanting” does indeed look strange to anyone who looks not merely at what took place in the last few months before the war, but at what has been building up as the driving forces over the course of decades. Those who have truly been able to observe what is happening in Europe with open eyes—those who have wanted to see it—have already observed how this war, so to speak, was being prepared in its fundamental impulses precisely from the East. And anyone who were to ask the right question today—“Who could have prevented the war?”—would, of course, have to point to Russia. But those who have seen clearly have known this all along. We can see this in words that were spoken long before the war.

Was mich [nun] betrifft, so bin ich keinen Augenblick im Zweifel, dass ein Konflikt zwischen der germanischen und slawischen Welt bevorsteht, dass derselbe sich entweder [durch] den Orient, speziell die Türkei, oder durch den Nationalitätenstreit in Österreich, vielleicht durch beide, entzünden und dass Russland in demselben die Führerschaft auf der einen Seite übernehmen wird. Diese Macht bereitet sich schon jetzt auf die Eventualität vor; die nationalrussische Presse speit Feuer und Flamme gegen Deutschland. [...] Die deutsche Presse lässt schon jetzt ihre Warnungsrufe erschallen. Seitdem nach dem Krimkriege Russland sich sammelte, ist eine lange Zeit verflossen, und wie es scheint, wird es jetzt in [Petersburg] zweckmäßig gefunden, die orientalische Frage wieder einmal aufzunehmen. Wenn das Mittelmeer einst nach dem mehr pompösen als wahren Ausdruck «ein französischer See» werden sollte, so hat Russland die noch viel positivere Absicht, aus dem Schwarzen Meere einen russischen See und aus dem Marmarameer einen russischen Teich zu machen. Dass Konstantinopel eine russische Stadt, Griechenland ein direkter Vasallenstaat Russlands werden müsse, ist ein feststehender Zielpunkt der russischen Politik, die ihren Unterstützungshebel in der gemeinsamen Religion und in dem Panslawismus findet. Die Donau würde dann am Eisernen Tor etwa von dem russischen Schlagbaum geschlossen werden.

As for me [now], I have not a moment’s doubt that a conflict between the Germanic and Slavic worlds is imminent, that it will be sparked either [by] the East—specifically Turkey—or by the ethnic strife in Austria, perhaps by both, and that Russia will assume leadership on one side in this conflict. This power is already preparing for this eventuality; the Russian nationalist press is lashing out fiercely against Germany. [...] The German press is already sounding its warnings. A long time has passed since Russia regrouped after the Crimean War, and it seems that it is now deemed expedient in [St. Petersburg] to take up the Eastern Question once again. If the Mediterranean were ever to become, to use an expression that is more pompous than true, “a French sea,” Russia has the even more ambitious intention of turning the Black Sea into a Russian sea and the Sea of Marmara into a Russian pond. That Constantinople must become a Russian city and Greece a direct vassal state of Russia is a fixed objective of Russian policy, which finds its basis of support in the shared religion and in Pan-Slavism. The Danube would then be closed off at the Iron Gate by a Russian barrier.

[ 64 ] Das ist aber nicht vor Kurzem gesagt, sondern 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges; allerdings von denjenigen, die nicht so ins Blaue hineinreden, sondern die wussten, wie von Osten her sich die Kräfte allmählich sammelten, wie da durchdrungen wurde die österreichische Volksseele mit demjenigen, was verzerrter Slawophilismus war, um endlich zu dem zu führen, was heute zum Krieg geführt hat und dem die Westmächte auf den Leim gegangen sind.

[ 64 ] However, this was not said recently, but in 1870 during the Franco-Prussian War; though it was said by those who did not speak off the cuff, but who knew how forces were gradually gathering from the East, how the Austrian national spirit was permeated by a distorted form of Slavophilism, ultimately leading to what has now resulted in war—and which the Western powers have fallen for.

[ 65 ] Ich möchte Ihnen noch eine Stelle vorlesen, die Ihnen zeigen kann, wie der Zusammenhang mit den wirkenden Kräften und Impulsen sich dem ergibt, der sie wirklich schauen will. Konnte man nicht, wenn man hinblickt auf dasjenige, was sich im Sommer 1914 abgespielt hat und was dann zum Krieg geführt hat von der Seite, die im Osten liegt, konnte man da nicht etwa folgende Worte gebrauchen — Ich will Worte vorlesen, die man prägen könnte für die Zeit der ersten Hälfte des Jahres 1914:

[ 65 ] I would like to read another passage to you that can show you how the connection with the active forces and impulses reveals itself to those who truly wish to see them. When looking at what took place in the summer of 1914 and what subsequently led to the war from the perspective of the East, could one not use the following words—I want to read aloud words that could be coined for the first half of 1914:

[——. wie allmählich eine Art von Presskampagne in Petersburg anfing, (...] ich persönlich in meinen Absichten verdächtigt wurde. Diese Angriffe steigerten sich während des darauffolgenden Jahres bis 1879 zu starken Forderungen eines Druckes, den wir auf Österreich üben sollten in Sachen wo wir das österreichische Recht nicht ohne Weiteres angreifen konnten. Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten; denn wenn wir uns Österreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhängigkeit von Russland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Ich hatte früher geglaubt, sie könnte es sein, indem ich mir sagte: Wir haben gar keine streitigen Interessen; es ist gar kein Grund, warum Russland je die Freundschaft uns kündigen sollte. Ich hatte wenigstens meinen russischen Kollegen, die mir dergleichen auseinandersetzten, nicht geradezu widersprochen. Der Vorgang betreffs des Kongresses enttäuschte mich, der sagte mir, dass selbst ein vollständiges Indienststellen unserer Politik (für gewisse Zeit) in die russische uns nicht davor schützte, gegen unseren Willen und gegen unser Bestreben mit Russland in Streit zu geraten.]

[——. how a sort of press campaign gradually began in St. Petersburg, (...] and I personally was suspected of certain intentions. Over the course of the following year, up until 1879, these attacks escalated into strong demands that we exert pressure on Austria in matters where we could not simply challenge Austrian law. I could not go along with this; for if we alienated Austria, we would—unless we wished to be completely isolated in Europe—necessarily fall into dependence on Russia. Would such dependence have been tolerable? I had previously believed it might be, telling myself: We have no conflicting interests; there is no reason whatsoever why Russia should ever sever its friendship with us. At the very least, I had not outright contradicted my Russian colleagues who had explained this to me. The events surrounding the Congress disappointed me; they showed me that even a complete subordination of our policy (for a certain time) to Russia’s would not protect us from entering into conflict with Russia against our will and against our aspirations.]

[ 66 ] Das, was vorgegangen ist, es zeigt allerdings, dass sich vor einem solchen Überfall die europäische Mitte retten kann. Die Worte, die ich Ihnen vorgelesen habe, sie könnten eine Charakteristik sein der Kräfte, die 1914 gespielt haben. Aber ich habe in der Tat, nur etwas verändert, Worte Ihnen vorgelesen, die gar nicht 1914 geschrieben oder gesprochen worden sind, sondern die 1888 am 6. [Februar] von Bismarck im deutschen Reichstag gesagt worden sind. Und ich werde sie Ihnen jetzt in ihrer wahren Gestalt vorlesen. Sie werden sehen, wie sie übereinstimmen mit dem, was ich Ihnen vorgelesen habe als für das Frühjahr 1914 passend. Bismarck sagte diese Worte als er im Reichstag gegen die Militärvorlage sprach:

[ 66 ] What has happened, however, shows that the European center can save itself from such an attack. The words I have read to you could serve as a characterization of the forces at play in 1914. But in fact, I have only altered them slightly; the words I read to you were not written or spoken in 1914 at all, but were spoken by Bismarck in the German Reichstag on February 6, 1888. And I will now read them to you in their original form. You will see how they correspond to what I read to you as being appropriate for the spring of 1914. Bismarck spoke these words when he addressed the Reichstag against the military bill:

[... wie allmählich eine Art von Presskampagne in Petersburg anfing, durch welche die deutsche Politik angegriffen, ich persönlich in meinen Absichten verdächtigt wurde. Diese Angriffe steigerten sich während des darauffolgenden Jahres bis 1879 zu starken Forderungen eines Druckes, den wir auf Österreich üben sollten in Sachen, wo wir das österreichische Recht nicht ohne Weiteres angreifen konnten. Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten; denn wenn wir uns Österreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhängigkeit von Russland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Ich hatte früher geglaubt, sie könnte es sein, indem ich mir sagte: Wir haben gar keine streitigen Interessen, es ist gar kein Grund, warum Russland je die Freundschaft uns kündigen sollte. Ich hatte wenigstens meinen russischen Kollegen, die mir dergleichen auseinandersetzten, nicht geradezu widersprochen. Der Vorgang betreffs des Kongresses enttäuschte mich, der sagte mir, dass selbst ein vollständiges Indienststellen unserer Politik (für gewisse Zeit) in die russische uns nicht davor schützte, gegen unsern Willen und gegen unser Bestreben mit Russland in Streit zu geraten.]

[... how a sort of press campaign gradually began in St. Petersburg, through which German policy was attacked and I personally was suspected of ulterior motives. These attacks intensified over the course of the following year, up until 1879, into strong demands that we exert pressure on Austria in matters where we could not simply challenge Austrian law. I could not go along with this; for if we alienated Austria, we would—unless we wished to be completely isolated in Europe—necessarily become dependent on Russia. Would such dependence have been tolerable? I had previously believed it might be, telling myself: We have no conflicting interests at all; there is absolutely no reason why Russia should ever sever its friendship with us. At the very least, I had not outright contradicted my Russian colleagues who had explained this to me. The events surrounding the Congress disappointed me; they showed me that even a complete subordination of our policy (for a certain time) to Russia’s would not protect us from entering into conflict with Russia against our will and against our intentions.]

[ 67 ] Also man kann sagen: Das Kräfteverhältnis zwischen dem europäischen Osten und der Mitte musste 1888 genau so charakterisiert werden wie für das Jahr 1914. Da wage man noch einmal zu sagen, dass in Mitteleuropa 1914 Menschen gelebt haben sollen, die diesen Krieg herbeigeführt haben. Wer einen gesunden Sinn hat für Tatsachen, wird eine solche Behauptung nicht hinstellen können. Man muss allerdings einen gesunden Sinn für Tatsachen haben. Wie ist vorbereitet worden in diesem europäischen Osten die Stimmung, die dann dazu führte, dass jener Feuerbrand durch die Verbindung des Ostens mit dem Westen endlich zu der heutigen Belagerung der europäischen Mitte geführt hat — was hat sich da im europäischen Osten vorbereitet?

[ 67 ] So one could say: The balance of power between Eastern Europe and Central Europe in 1888 had to be characterized exactly as it was in 1914. Let us dare to say once again that there were supposedly people living in Central Europe in 1914 who brought about this war. Anyone with a sound sense of facts will not be able to accept such a claim. One must, however, have a sound sense of facts. How was the mood in Eastern Europe prepared—the mood that ultimately led to that spark, through the connection between East and West, resulting in the current siege of Central Europe? What was taking shape there in Eastern Europe?

[ 68 ] Wir sahen im neunzehnten Jahrhundert herauskommen unter anderem die Stimmung des Slawophilismus. Unter diesen Slawophilen gibt es Idealisten, es gibt aber auch Leute, die später die Stimmung des Slawophilismus umgebildet haben in ein vollständiges Aufgehen und Vergöttern dessen, was in Russland jetzt vorhanden ist; die nicht gesehen haben die Mission Russlands im Verfolgen der inneren Seelenkräfte des russischen Volkes, sondern in dem, was jetzt an Gewalt und Macht dort waltet. Und diejenigen, die die besten sind unter diesen Slawophilen, sie haben so gewirkt, dass sich weit ausgebreitet hat die Überzeugung, dass die Kultur des europäischen Westens, namentlich auch Deutschlands, eine Verfallskultur ist und dass vom europäischen Osten eine Wiedergeburt des europäischen Lebens kommen müsse. Das ist ein Glaubenssatz geworden. Und dieser Glaubenssatz hat sich langsam und allmählich eingebürgert in das, was man nennen kann das russische Leben. Gewisse Empfindungen dieses russischen Lebens sind vollständig durchdrungen davon. Die besten Geister sind, indem sie mit dem russischen Leben verwoben sind, auch verwoben mit dieser Idee des Slawophilismus.

[ 68 ] In the nineteenth century, we saw, among other things, the emergence of the Slavophile movement. Among these Slavophiles there are idealists, but there are also people who later transformed the spirit of Slavophilism into a complete absorption in and idolization of what currently exists in Russia; who did not see Russia’s mission in the pursuit of the inner spiritual forces of the Russian people, but rather in the violence and power that now reign there. And the finest among these Slavophiles have worked to spread the conviction that the culture of Western Europe—and Germany in particular—is a culture in decline, and that a rebirth of European life must come from Eastern Europe. This has become a creed. And this creed has slowly and gradually become ingrained in what might be called Russian life. Certain aspects of this Russian life are completely permeated by it. The finest minds, by virtue of being interwoven with Russian life, are also interwoven with this idea of Slavophilism.

[ 69 ] Selbst der große Solowjow, er hat eine Zeit in seinem Leben gehabt, wo er Slawophile war, wo er in der Tat geglaubt hat, allerdings in anderer Weise als [Aksakow, Katkow und Danilewski], dass schon jetzt im russischen Leben etwas sein könne, was die Mission habe, ganz Europa sozusagen mit einer neuen Kultur zu überziehen. Aber dann lernte er immer mehr kennen dasjenige, was aus dem Slawophilentum im gegenwärtigen Russland geworden ist. Er lernte betrachten, wie wirken müsste das, was aus dem Slawophilentum im jetzigen Russland geworden ist, auf die europäische Mitte, auf den europäischen Westen. Und da war es, in der Zeit, in der er sich das Folgende sagte — es sind Solowjows, des russischen Philosophen eigene Worte; er sagt, dass aus dem Slawophilentum eine «Ware des Jahrmarkthandels geworden» ist, «der mit wildem, tierischem Geschrei alle schmutzigen Straßen, Plätze und Winkelgassen des russischen Lebens anfüllte». Das sind Solowjows eigene Worte. In der Zeit, in der sich vor Solowjow die Gewissensfrage stellte, die es einmal wichtig ist, sich vor das geistige Auge zu stellen; jene Gewissensfrage, die dahingeht, dass er sagt: «Warum liebt uns Europa nicht?»

[ 69 ] Even the great Soloviev had a period in his life when he was a Slavophile, when he truly believed—albeit in a different way than [Aksakov, Katkov, and Danilevsky]—that there could already be something in Russian life today whose mission was, so to speak, to envelop all of Europe with a new culture. But then he came to understand more and more what Slavophilism had become in present-day Russia. He learned to consider how what Slavophilism had become in present-day Russia would affect the European center and the European West. And there it was, at the time when he said the following to himself—these are the very words of Solovyov, the Russian philosopher; he says that Slavophilism had become a “fairground commodity” that “filled all the filthy streets, squares, and back alleys of Russian life with wild, bestial clamor.” Those are Solovyov’s own words. At the time when Solovyov was faced with a question of conscience—one that it is important to visualize in one’s mind’s eye—that question of conscience which led him to say: “Why does Europe not love us?”

[ 70 ] Er wollte eigentlich die Frage aufwerfen: Was muss Europa sehen, wenn es uns ansieht? Und darauf antwortet Solowjow, der große Philosoph, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, aus russischem Geiste heraus auf die Frage: Was muss Europa in uns sehen?:

[ 70 ] He actually wanted to raise the question: What must Europe see when it looks at us? And Soloviev, the great philosopher of the second half of the nineteenth century, answers this question from a Russian perspective: What must Europe see in us?:

Europa [...] schaut auf uns mit Befürchtung und mit Unwillen, [da die elementare Kraft des russischen Volkes dunkel und rätselhaft, seine geistigen und kulturellen Kräfte minderwertig, seine Ansprüche dagegen] deutlich, bestimmt und groß sind.

Europe [...] looks upon us with fear and resentment, [since the elemental power of the Russian people is dark and enigmatic, its intellectual and cultural powers are inferior, while its aspirations, on the other hand] are clear, resolute, and grand.

[ 71 ] Das sagt nicht ein Deutscher, sondern ein Russe über das, was als Kräfte waltet Jahrzehnte lang und was jetzt mit dem Feuerbrand zum Ausdruck kam. Solowjow sagt weiter:

[ 71 ] This is not the view of a German, but of a Russian, regarding the forces that have been at work for decades and have now manifested themselves in the fire blight. Soloviev goes on to say:

[Laut ertönt in Europa das Geschrei unseres Nationalismus, der die Türkei und Österreich vernichten, die Deutschen schlagen, Konstantinopel und, wenn es gelänge, auch Indien an sich reißen möchte. Wollte man uns aber fragen, womit wir nach Einnahme und Vernichtung alles dessen die Menschheit beglücken werden, so können wir nur schweigen oder sinnlose Phrasen herplappern.»

«Somit [...] besteht jene wesentlichste, ja die einzig wichtige Frage, deren sich ein ehrlicher und vernünftiger Patriotismus annehmen sollte, nicht in der Macht und Sendung Russlands, sondern in dessen Sünden.]

[Across Europe, the clamour of our nationalism resounds—a nationalism that seeks to destroy Turkey and Austria, to defeat the Germans, and to seize Constantinople and, if possible, India as well. But if one were to ask us how we intend to bring happiness to humanity after seizing and destroying all of this, we could only remain silent or spout meaningless platitudes.”

“Thus [...] the most fundamental—indeed, the only important—question that honest and reasonable patriotism should address is not Russia’s power and mission, but its sins.”

[ 72 ] So der große Russe über russisches Wesen. Darf dann nicht von der Mitte Europas an den Osten hin die Frage gerichtet werden: «Was wollt ihr? Wenn ihr die Mitte von Europa irgendwie in eure Hand bekommen könntet, was wollt ihr? Der beste, der bedeutendste, der segensreichste Russe des neunzehnten Jahrhunderts antwortet darauf:

[ 72 ] So says the great Russian on the Russian character. Might the question then be posed from the heart of Europe toward the East: “What do you want? If you could somehow gain control of the heart of Europe, what would you want?” The greatest, most significant, and most beneficial Russian of the nineteenth century answers this:

Wollte man uns fragen, [womit wir nach Einnahme und Vernichtung alles dessen die Menschheit beglücken werden, so können wir nur schweigen oder sinnlose Phrasen herplappern.]

If someone were to ask us [how we intend to bring happiness to humanity after seizing and destroying everything, we could only remain silent or spout meaningless platitudes.]

[ 73 ] Da sehen wir, was zu verteidigen ist, was die Kräfte, die unter Blut und Tod nach links und nach rechts das deutsche Wesen zu verteidigen haben, was diese Kräfte in Wirklichkeit zu verteidigen haben.

[ 73 ] Here we see what needs to be defended—what the forces that, amid blood and death, must defend the German essence on both the left and the right actually have to defend.

[ 74 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, man darf sich nicht wundern, wenn dieses deutsche Wesen, diese tragende Kraft des deutschen Geistes in der Tat überall missverstanden wird. Sie geht ja hervor, möchte man sagen aus einem intimen Umgang des einzelnen Deutschen mit dem deutschen Geiste, den der einzelne Deutsche als einen lebendigen empfinden muss. Und daraus entstehen jene Missverständnisse, die uns überall begegnen, wenn wir andere als gerade so Aufgeklärte fragen unter den anderen Völkern, als wir sie heute kennengelernt haben. Wir hören zuweilen, dass wahr sind solche Worte, wie sie Herman Grimm, der deutsches Wesen, der auch Goethe gut kannte, mit Bezug auf die Biografie Goethes von Lewes gesprochen hat, geschrieben hat; wahr ist, was Herman Grimm über dieses Buch ausgesagt hat: Lewes hat ein Buch über Goethe geschrieben, das heißt, er hat ein Buch über einen Mann geschrieben, der in Frankfurt geboren ist, dem er zuschreibt Goethes Werke, von dem er behauptet, dass er 1832 gestorben ist. Aber wie er ihn schildert, was er als Seele in dem Buche darstellt, das hat keine Ähnlichkeit mit dem, was der empfindet, der im deutschen Geistesleben sich mit Goethe verbunden fühlt.

[ 74 ] Well, my esteemed audience, it should come as no surprise that this German essence—this driving force of the German spirit—is, in fact, misunderstood everywhere. One might say that it arises from the individual German’s intimate engagement with the German spirit, which the individual German must perceive as a living force. And this gives rise to those misunderstandings we encounter everywhere when we ask people from other nations—other than those we have just met today—who are considered enlightened. We sometimes hear that words such as those spoken and written by Herman Grimm—who understood the German essence and knew Goethe well—regarding Lewes’s biography of Goethe are true; what Herman Grimm said about this book is true: Lewes has written a book about Goethe—that is to say, he has written a book about a man born in Frankfurt, to whom he attributes Goethe’s works, and of whom he claims that he died in 1832. But the way he portrays him—the soul he depicts in the book—bears no resemblance to what is felt by those who, in German intellectual life, feel connected to Goethe.

[ 75 ] Und so finden wir überall, wo es sich darum handelt, ein Verhältnis zu finden zum deutschen Geisteswesen, nur Missverständnisse. Wie eine mehr oder weniger belanglose, aber doch vielleicht interessante Episode möchte ich zum Schlusse noch etwas anführen.

[ 75 ] And so, wherever the issue is about establishing a relationship with the German intellectual tradition, we find nothing but misunderstandings. As a more or less trivial, but perhaps nonetheless interesting episode, I would like to mention one more thing in closing.

[ 76 ] Diejenige Bewegung, der wir angehören, hatte ja einige Verbindung mit derjenigen Bewegung, die von Adyar ausgeht. [Da konnten unsere Freunde aus der Verwobenheit mit dem deutschen Geistesleben und seinen tragenden Kräften nicht mehr mitgehen], als englischer Materialismus, der sich als Theosophie gebärdet, es so weit brachte, dass die Absurdität von manchen geglaubt wurde, dass der Geist Christi sich geoffenbart habe in einem kleinen Hinduknaben. Wir wissen, unter welchen Verbrämungen das alles getrieben worden ist. Da war es, dass aufstieg deutsches Wahrheitsgefühl, dass deutscher Sinn sich abwenden musste von jenem theosophisch sich nennenden Treiben. Allein jetzt findet die Präsidentin jener Bewegung Folgendes aus englischem Geiste heraus über den Zusammenhang der Abtrennung der deutschen geisteswissenschaftlichen Bewegung, die in der Anthroposophischen Gesellschaft vereinigt ist, zu sagen. Das Folgende ist wahrhaftig in England geschrieben worden. Verzeihen Sie, dass ich meine unbedeutende Person hineinbringe in den ganzen Zusammenhang, aber das ist geschrieben worden Monate nachdem der Krieg ausgebrochen war.

[ 76 ] The movement to which we belong did, after all, have some connection with the movement originating in Adyar. [Our friends, due to their deep connection with German spiritual life and its driving forces, could no longer go along with it] when English materialism, masquerading as theosophy, went so far that some came to believe the absurdity that the Spirit of Christ had revealed itself in a little Hindu boy. We know under what guises all this was carried out. It was then that the German sense of truth arose, compelling the German spirit to turn away from those activities that called themselves “theosophical.” Yet now the president of that movement has the following to say—out of an English spirit—regarding the circumstances surrounding the separation of the German spiritual-scientific movement, which is united in the Anthroposophical Society. The following was indeed written in England. Please forgive me for bringing my insignificant person into the whole context, but this was written months after the war had broken out.

Jetzt, wenn ich rückwärts blicke im Lichte der deutschen Methoden, wie der Krieg sie uns offenbart, erkenne ich, dass die lang andauernden Bemühungen, die theosophische Organisation einzufangen und einen Deutschen an ihre Spitze zu setzen — der Zorn gegen mich, als ich diese Bemühungen vereitelte, die Klage, dass ich über den verstorbenen König Eduard VII. als den Beschützer des europäischen Friedens gesprochen hatte, statt dem Kaiser diese Ehre zu geben —, dass alles das ein Teil war der weit ausgebreiteten Kampagne gegen England, und dass die Missionare Werkzeuge waren, geschickt gebraucht durch den deutschen Agenten hier, um ihre Pläne durchzusetzen. Wenn sie hätten verwandeln können die Theosophische Gesellschaft in Indien mit ihrer großen Anzahl von Verwaltungsbeamten in eine Waffe gegen die britische Regierung und sie hätten dazu erziehen können, emporzuschauen zu Deutschland als zu ihrer geistigen Führerin, statt einzustehen, wie sie es immer getan hat, für den gleichwertigen Bund zweier freier Nationen, so hätte sie allmählich ein Kanal für Gift in Indien werden können. Um dieses zu erreichen, war es erst notwendig, ihren Präsidenten zu stürzen, der, wie bekannt, für das Bündnis der beiden Völker in den letzten zwanzig Jahren eingetreten ist.

Now, looking back in light of the German methods as revealed to us by the war, I realize that the long-standing efforts to take over the Theosophical Society and place a German at its head —the anger directed at me when I thwarted these efforts, the complaint that I had spoken of the late King Edward VII as the protector of European peace instead of bestowing that honor on the Kaiser—that all of this was part of the widespread campaign against England, and that the missionaries were tools, skillfully used by the German agent here to carry out their plans. If they had been able to transform the Theosophical Society in India, with its large number of administrative officials, into a weapon against the British government, and if they had been able to indoctrinate it to look up to Germany as its spiritual leader, instead of standing up, as it has always done, for the equal alliance of two free nations, it could gradually have become a conduit for poison in India. To achieve this, it was first necessary to overthrow their president, who, as is well known, has advocated for the alliance of the two peoples for the past twenty years.

[ 77 ] Also, wir sollen uns darüber geärgert haben, dass sie nicht den deutschen Kaiser, sondern Eduard VII. als Friedenshort hingestellt hat, und uns deshalb abgetrennt haben, während die Abtrennung erfolgte, weil wir nicht mitgehen konnten in dem, was von jener Seite über die Christuswesenheit ausgesagt wurde. Aber dann gibt sie uns allzu viel Ehre, indem sie anführt, was alles die deutsche Bewegung der Geisteswissenschaft zur Einleitung des gegenwärtigen Krieges getan haben soll; also diejenigen, die drüben gesprochen haben über unsere geisteswissenschaftliche Bewegung. Jetzt erfahren wir etwas über ihre Pläne in englischer Beleuchtung. Es ist merkwürdig, was wir alles getan haben sollen, was alles in unserer Absicht gelegen haben soll. Man sieht, wie von dieser Seite das aufgefasst wird, was notwendigerweise hat geschehen müssen um des Deutschen Wahrheitsgefühls, des Deutschen Wahrheitssinnes wegen, um dessentwillen, was sich fühlt als innerhalb der tragenden Kraft des deutschen Geistes stehend. Dann muss man sagen: Wenn man das sieht, wie dieser deutsche Geist mit seiner tragenden Kraft in Hunderten und Tausenden gewirkt hat, wie er den deutschen Idealismus gebracht hat, der die Keime enthält, [um] zum Erfassen und Erleben des lebendigen Geistes zu kommen, dann muss man sagen, tief wahr ist das Goethe-Wort, das auch Friedrich Lienhard in seiner Broschüre «Deutschlands europäische Sendung» anführt, das Wort, das Goethe 1813 in einem Gespräch mit Luden aussprach, indem er sagte:

[ 77 ] So, we are said to have been upset that she portrayed Edward VII—rather than the German Emperor—as a beacon of peace, and that we therefore broke away; whereas the split actually occurred because we could not agree with what was being said on that side regarding the Christ Presence. But then she gives us far too much credit by listing everything the German spiritual science movement is said to have done to bring about the current war—that is, those who spoke over there about our spiritual science movement. Now we are learning something about their plans from an English perspective. It is remarkable what we are said to have done, what is said to have been our intention. One sees how this side interprets what necessarily had to happen for the sake of the German sense of truth, the German spirit of truth—for the sake of that which feels itself to be part of the sustaining power of the German spirit. Then one must say: When one sees how this German spirit, with its sustaining power, has worked in hundreds and thousands, how it has brought about German idealism, which contains the seeds [to] arrive at a grasp and experience of the living spirit, then one must say that Goethe’s words—which Friedrich Lienhard also quotes in his pamphlet *Germany’s European Mission*—are profoundly true; the words Goethe spoke in 1813 during a conversation with Luden, when he said:

Das Schicksal der Deutschen ist noch nicht erfüllt. Hätten sie keine andere Aufgabe gehabt, als das Römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zugrunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müssen sie nach meinem Glauben noch eine große Bestimmung haben.

The destiny of the Germans has not yet been fulfilled. If they had had no other purpose than to shatter the Roman Empire and to create and organize a new world, they would have perished long ago. But since they have endured—and with such strength and capability—I believe they must still have a great destiny ahead of them.

[ 78 ] Dieses Gespräch Goethes gilt auch noch heute. Und wenn wir jetzt in dieser schicksalsschweren Zeit leben, so fühlen wir, sehr verehrte Anwesende, wie alles dasjenige, was im Zusammenhang mit dem großen historischen Werden deutschen Wesens zu tun hat, das als ein Organismus vor uns steht, schauen wir zu dem, was in deutschen Geistern gelebt hat, was gelebt hat in einem Wolfram von Eschenbach, in Herder, Lessing, Goethe, Schiller, Fichte, was in Herman Grimm bis an die Grenze des Erfassens des lebendigen Geistes gelangt ist, bis an die Geisteswissenschaft herangelangt ist, so sehen wir, was an seelisch-geistigen Kräften wie aus einer einzigen Quelle hervorgeht aus dem deutschen Geiste. Das ist die tragende Kraft des deutschen Geistes.

[ 78 ] This statement by Goethe remains relevant even today. And as we now live in these fateful times, we feel, distinguished guests, that everything connected with the great historical development of the German spirit—which stands before us as an organism—we look to what has lived in German minds, what lived in Wolfram von Eschenbach, in Herder, Lessing, Goethe, Schiller, Fichte—and what reached the very limits of grasping the living spirit in Herman Grimm, extending all the way to spiritual science—we see what spiritual and soul forces spring forth from the German spirit as if from a single source. That is the sustaining force of the German spirit.

[ 79 ] Jetzt hat der deutsche Geist eine andere Aufgabe. Er muss hineinfließen in die opferwilligen Taten, die durch Tod und Blut zur Verteidigung desjenigen vollbracht werden müssen, was wir mit diesen allerdings ungenügenden Worten heute haben betrachten wollen. Was uns aber zeigt, dass deutsches Wesen, so wie es aufgetreten ist, noch nicht vollendet hat seine Aufgabe in der Welt, dass es zu verteidigen ist, weil es eine Sendung hat für die Welt, die es noch hinführen muss zum völligen Erfassen des lebendigen Geisteslebens. Und so entspringt aus der Betrachtung der tragenden Kraft des deutschen Geistes Hoffnung und Zuversicht für die deutsche Zukunft. So spricht aber auch alles das in unseren Empfindungen und Gefühlen, welches uns auf der einen Seite wehmütig, aber auch trostreich, aber auch wiederum wie in größter Bewunderung hinschauen lässt auf das, was Deutschland jetzt in dieser schicksalsschweren Zeit zu tun hat. Unsere Gefühle und Empfindungen sind gerade dann bei alledem, was da blutet und leidet, was aber Großtaten vollbringt in West und Ost, wenn wir sehen in alledem nur einen anderen Ausdruck des deutschen Wesens. Und diejenigen, die als Mütter und Väter, als Brüder und Schwestern verlieren einen teuren Angehörigen, sie wissen, dass sie ihn verlieren für dasjenige, was erarbeitet werden muss als deutscher Geist, als deutsche Zukunft, als das ganze deutsche Wesen, das noch etwas zu tun hat in der Welt, auf das man hinblicken muss als auf ein Wesen, das noch nicht vollendet hat.

[ 79 ] Now the German spirit has a different task. It must flow into the self-sacrificing deeds that must be accomplished through death and blood in defense of what we have sought to consider today with these—admittedly inadequate—words. But what shows us that the German essence, as it has manifested itself, has not yet fulfilled its mission in the world—that it must be defended because it has a mission for the world, one that must still lead it to a complete grasp of living spiritual life. And so, from contemplating the sustaining power of the German spirit, hope and confidence spring forth for Germany’s future. Yet all of this also resonates in our sentiments and feelings, causing us—on the one hand—to look with a mixture of wistfulness and comfort, and yet also with the greatest admiration, upon what Germany must now accomplish in this fateful hour. Our feelings and emotions are with all that is bleeding and suffering—yet also accomplishing great deeds in the West and East—precisely when we see in all of this merely another expression of the German spirit. And those who, as mothers and fathers, as brothers and sisters, are losing a beloved family member—they know that they are losing him for the sake of what must be achieved: the German spirit, the German future, the entire German essence, which still has a role to play in the world—an essence that must be viewed as one that has not yet been perfected.

[ 80 ] Und so seien denn zusammengefasst, empfindungs- und gefühlsmäßig zusammengefasst die Impulse, die aus dieser Betrachtung hervorgehen wollen, in die Worte: Ja, dieses deutsche Wesen, man sieht es im Werden wachsen, und nur Unverständnis kann sprechen von einem Niedergang dieses deutschen Wesens. Wahr ist vielmehr etwas anderes. Wahr ist dasjenige, was ich, empfindungsgemäß zusammenfassend die Gedanken des heutigen Abends zum Schlusse nun in die Worte kleiden möchte, die ausdrücken sollen, wie das, was man betrachten kann am deutschen Wesen, zuletzt zusammentrifft, zusammenklingen kann in unserem Gemüt in einer Hoffnung, einer Zuversicht, in einer Gewissheit der Fortentwicklung des deutschen Wesens:

[ 80 ] And so, let us summarize—in terms of intuition and feeling—the impulses that emerge from this reflection in the following words: Yes, this German essence—one sees it growing as it comes into being—and only a lack of understanding could speak of a decline of this German essence. The truth is quite the opposite. What is true is what I would now like to express—summarizing this evening’s thoughts intuitively as I conclude—in words that are meant to convey how what we can observe in the German spirit ultimately converges and resonates within our hearts as hope, confidence, and certainty in the continued development of the German spirit:

Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er der Welt erbringen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?

The German spirit has not yet fulfilled
What it is meant to bring to the world.
It lives in hopeful concern for the future,
It hopes for future deeds full of life; —
In the depths of its being, it feels powerfully
Something hidden that must still ripen and take effect.
How can the desire for its end,
In the power of the enemy, without understanding, Come to life:
As long as life reveals itself to it,
Which sustains it creatively at the roots of its being?