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The Human Soul, Fate and Death
GA 70a

11 March 1915, Nuremberg

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The Human Soul, Fate and Death, tr. SOL
  1. Menschenseele, Schicksal und Tod

8. Warum nennen Sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?

8. Why does one call the people of Schiller and Fichte a “barbarian people”?

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Seit einer Reihe von Jahren durfte ich auch hier in dieser Stadt Vorträge halten aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft. Da die Freunde unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung auch für diese schicksalsschwere Zeit solche Vorträge hier gewünscht haben, so soll denn auch in dieser Zeit eine Betrachtung vor Sie hingestellt werden, die heute mehr von der Gesinnung der Geisteswissenschaft ihren Ausgangspunkt nimmt; und morgen soll dann tiefer in Herz und Seelen bewegende Fragen der geistigen Erkenntnis eingegangen werden. Dass dieser heutige, gleichsam einleitende Vortrag gehalten wird, das wird begreiflich erscheinen, da ja alles dasjenige, was uns heute bewegen kann, gerade dann, wenn es Herz und Seele nahesteht, wirklich hingerichtet sein muss nach den schicksalsschweren Ereignissen, in deren Mitte wir stehen.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! For a number of years now, I have had the privilege of giving lectures here in this city on the subject of spiritual science. Since the friends of our spiritual science movement have requested such lectures here even during these fateful times, I shall present to you today a reflection that takes its starting point more from the spirit of spiritual science; and tomorrow we shall delve more deeply into questions of spiritual knowledge that stir the heart and soul. It will seem understandable that today’s lecture—which is, so to speak, an introductory one—is being given, since everything that can move us today, especially when it is close to our hearts and souls, must truly be shaped by the fateful events in the midst of which we find ourselves.

[ 2 ] Wie in eine Festung, in eine große, gewaltige Festung eingeschlossen, könnte man sagen, sind die Völker Mitteleuropas. Und in Ost und West wird gewissermaßen die Existenz. dieses Mitteleuropas, man darf schon so sagen heute, infrage gestellt. Und welche Summe von Mut, von Aufopferung und Hingebung haben wir in den Monaten, die seit Kriegsbeginn verlaufen sind, gesehen; und an wie viel Leid und Schmerz haben wir teilnehmen müssen! Wie ragen die Leid- und Schmerzenstage mit ihren Ereignissen herein in die Familien, wie sind zusammenhängend mit ihnen Väter und Mütter, Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern!

[ 2 ] One might say that the peoples of Central Europe are enclosed, as it were, within a fortress—a large, mighty fortress. And in both the East and the West, the very existence of this Central Europe—as we may well say today—is being called into question. And what a sum of courage, sacrifice, and devotion we have witnessed in the months that have passed since the war began; and how much suffering and pain we have had to share! How these days of suffering and pain, with all their events, loom over families—how closely fathers and mothers, sons and daughters, brothers and sisters are bound up with them!

[ 3 ] Daher muss es uns naheliegen, gerade die Betrachtungen über die geistige Entwicklung und die geistigen Hoffnungen der Menschheit einzuleiten durch einige Gedanken und Empfindungen, welche auf die schwierige Lage unserer Zeit hingerichtet sind. Wir hören ja von allen Seiten diese mitteleuropäische Kultur anschwärzen, beschimpfen. Wir hören alles Mögliche heute von Ost und West und von allen Seiten über diese mitteleuropäische Kultur. Wir dürfen zweifellos, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was wir an bedeutsamen Taten unseres Volkes verrichten sehen, ansehen wie in Zusammenhang stehend mit dem ganzen Wesen des Organismus unseres Volkes. Ich möchte sagen: Dasjenige, was heute geschieht, das geschieht durch die Arme dieses Organismus. Aber es geziemt gerade dem Wesen des deutschen Volkes, hinzubetrachten zu dem, was die Arme verrichten, das Wesen des Geistes, das Wesen der Seele dieses Organismus. Und wie könnte man das besser, als indem man gerade in einem solchen schicksalsschweren, schicksalstragenden Augenblick gedenkt desjenigen, was in unsere Gegenwart hineinragt von bedeutsamen, gewichtigen Taten gerade der Seele, des Geistes des deutschen Volkes, und sich zu stärken an solchen für dasjenige, was wir hegen dürfen an Zukunftshoffnungen, an Zukunftszielen.

[ 3 ] It therefore stands to reason that we should begin our reflections on humanity’s spiritual development and spiritual hopes with some thoughts and feelings directed toward the difficult situation of our time. After all, we hear this Central European culture being denigrated and reviled from all sides. We hear all sorts of things today—from East and West and from every direction—about this Central European culture. Undoubtedly, my esteemed audience, we may regard the significant deeds we see our people accomplishing as being connected to the very essence of our people’s organism. I would like to say: What is happening today is happening through the arms of this organism. But it is precisely the nature of the German people to consider, alongside what the arms are doing, the essence of the spirit, the essence of the soul of this organism. And what better way to do this than by commemorating, precisely at such a fateful, decisive moment, those significant and weighty deeds of the very soul and spirit of the German people that extend into our present—and by drawing strength from them for the hopes and goals we may cherish for the future.

[ 4 ] Und den Ausgang möchte ich nehmen davon, was uns aus dem Wesen des deutschen Volkes heraus vergegenwärtigen können zwei hervorragende Genien dieses Volkes: Schiller und Fichte. War es ja immer eigentlich Sitte innerhalb des deutschen Wesens, in schwierigen Zeiten Kräfte sich zu holen bei denjenigen, die als die großen Vorfahren diese Kräfte geben können. Und anknüpfen möchte ich heute, wahrhaftig nicht, um seelische Empfindungen in Ihnen zu erregen, sondern weil ich glaube, dass solche Anknüpfung bedeutungsvoll sein kann in unseren Tagen, die Anknüpfung gerade an die Tage des Todes dieser beiden genannten Genien. Es ist uns ja möglich — wie gesagt, nicht um seelische Empfindungen zu erregen, sei gerade dieses gewählt, sondern weil ich glaube, dass dieser Gesichtspunkt besonders nahe unseren Herzen und Seelen in diesen Tagen geht —, es ist uns ja möglich, die letzten Tage, ja, die Stunden des Todes Schillers und Fichtes ganz intim, ganz vertraulich zu betrachten.

[ 4 ] And I would like to take as my starting point what two outstanding geniuses of the German people—Schiller and Fichte—can help us visualize regarding the essence of the German people. After all, it has always been a tradition within the German spirit to draw strength in difficult times from those who, as our great ancestors, can impart that strength. And I would like to draw on this today—truly not to stir up emotional feelings in you, but because I believe that such a connection can be meaningful in our day—specifically, the connection to the days of the deaths of these two geniuses. It is indeed possible for us—as I said, not to stir up emotional feelings, though this particular example has been chosen precisely for that reason, but because I believe that this perspective is particularly close to our hearts and souls these days—it is indeed possible for us to contemplate the final days, indeed, the final hours of Schiller’s and Fichte’s deaths in a very intimate, very personal way.

[ 5 ] Schillers Hingang, ihn hat uns geschildert sein damals junger Freund, der Sohn von Johann Heinrich Voß, Heinrich Voß, der sogenannte jüngere Voß. Und wir können ihn verfolgen, diesen unseren Schiller in den letzten Tagen seines Lebens, wie er schon sterbend, aufrechterhalten wird einzig und allein durch die Kräfte des Geistes, der in ihm waltet. Ja, bei Schiller können wir sagen, dass im Grunde genommen der Körper längst dem Tode geweiht war, indem der kräftige, energische Geist noch waltet und eben den Leib noch hinschleppte. Denn, wie dieser Leib so völlig hinfällig war, das führt uns Heinrich Voß gleichsam vor. Er führt uns hinein in das Sterbezimmer Schillers, und wir nehmen teil an den letzten Stunden des großen Geisteshelden. Es wird uns erzählt, wie Schiller in diesen letzten Stunden bei völlig schon dem Tode verfallenem Leibe, mit vergilbtem Antlitz, mit erloschenen Augen, noch immer seelenstark in diesen Augenblicken, wie er in diesen letzten Stunden sich sein letztes, sein jüngstes Kind noch kommen ließ, wie er dem Kinde lange in die Augen noch sah und dann aus diesen Augen, man möchte sagen in die Augen hinein Gedanken sandte. Diese Gedanken, der jüngere Voß wollte sie erraten, und wir können sagen, so wie er sie uns erzählt, sie werden richtig erraten sein. Es war, als ob Schiller sagen wollte zu dem Kinde — was er nur in diesen röchelnden Worten noch vorbringen konnte: Ich hätte dir noch lange Vater sein sollen, ich habe an dir noch viel zu tun. Dann gab er das Kind zurück, wandte sich ab und sah wieder zur Wand.

[ 5 ] Schiller’s final days were described to us by his then-young friend, the son of Johann Heinrich Voß, Heinrich Voß, known as the “younger Voß.” And we can follow him—our Schiller—in the final days of his life, as he, already dying, is sustained solely by the power of the spirit that reigns within him. Indeed, in Schiller’s case, we can say that, in essence, the body had long been doomed to death, while the vigorous, energetic spirit still reigned and was, in fact, still dragging the body along. For Heinrich Voß, as it were, shows us just how completely decrepit this body had become. He leads us into Schiller’s deathbed chamber, and we share in the final hours of this great hero of the spirit. We are told how, in those final hours—with a body already completely succumbing to death, a sallow face, and lifeless eyes—Schiller was still spiritually strong in those moments; how, in those final hours, he had his youngest child brought to him; how he gazed long into the child’s eyes and then, one might say, sent thoughts from those eyes—or rather, into the child’s eyes. The younger Voß sought to guess these thoughts, and we can say that, as he recounts them to us, they must be correctly guessed. It was as if Schiller wanted to say to the child—which he could only convey in these gasping words: “I should have been your father for much longer; I still have much work to do with you.” Then he handed the child back, turned away, and looked at the wall again.

[ 6 ] Fühlen wir nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, als wenn sozusagen das ganze deutsche Volk, des ganzen deutschen Volkes Seele sich wiedererkennen könnte sinnbildlich in diesem Kinde? Der früh verstorbenen Schiller, er hätte auch zu unserem Volke sagen können: Ich hätte dir noch viel sein können, ich habe dir vieles ungesagt und ungetan lassen müssen. — So stirbt er dahin. Aber er stirbt dahin ganz erfüllt von der inneren Energie desjenigen, was er empfand als den deutschen Geist, als denjenigen Geist, der ihn ins Leben getragen hat, ihn inspiriert hat zu seinen Schöpfungen, ihn aufrechterhalten hat bei hinsiechendem Leibe, jenen Geist, dessen weltgeschichtliche Sendung er mit so ergreifenden Worten selbst geschildert hat, dass wir wohl diese Worte uns heute in diesen Zeiten vor die Seele führen dürfen. Lange nach Schillers Tode sind diese Worte erst bekannt geworden, aber sie sind Zeugnis dafür, wie Schiller über den Geist seines Volkes gedacht hat:

[ 6 ] Do we not feel, my esteemed audience, as if, so to speak, the entire German people—the very soul of the entire German people—could recognize itself symbolically in this child? Schiller, who died so young, might also have said to our people: “I could have been so much more to you; I had to leave so much unsaid and undone.” — And so he passes away. But he passes away fully imbued with the inner energy of what he perceived as the German spirit—the spirit that carried him through life, inspired him to his creative works, sustained him as his body wasted away, and whose mission in world history he himself described in such moving words that we may well bring those words to mind today, in these times. These words only became known long after Schiller’s death, but they bear witness to how Schiller thought about the spirit of his people:

Dem, der den Geist bildet, beherrscht,
muss zuletzt die Herrschaft werden, denn
endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die
Welt einen Plan, wenn des Menschen
Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich
muss die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk wird alle
die schnellen Flüchtigen einholen.
[...]
Ihm

He who shapes and masters the spirit,
must ultimately reign, for
at the end of time, unless the
world has a plan, if human
life has any meaning at all, ultimately
morality and reason must triumph,
the brute force of form must yield
and the slowest people will catch up with all
the swift and fleeting ones.
[...]
To him

[ 7 ] — dem Deutschen —

[ 7 ] — the German —

ist das Höchste bestimmt,
und so wie er in der Mitte von
Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das Blatt.

Er ist erwählt von dem Weltgeist, während
des Zeitkampfs
an dem ewigen Bau der Menschenbildung zu arbeiten,
zu bewahren, was die Zeit bringt,
Daher hat er bisher Fremdes sich ange-
eignet und es in sich bewahrt.
Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten
und Völkern aufkam, mit der Zeit
ntstand und schwand, hat er aufbewahrt,
s ist ihm unverloren, die Schätze von
Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und
eine Rolle zu spielen, sondern den großen
Prozess der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
at seinen Tag in der Geschichte, doch
der Tag des Deutschen ist die Ernte der
ganzen Zeit.

is destined for the highest,
and just as it is situated in the midst of
the peoples of Europe,
so it is the core of humanity,
while they are the blossoms and the leaves.

He has been chosen by the World Spirit, during
the struggle of time
to work on the eternal edifice of human culture,
to preserve what time brings,
Therefore, he has thus far assimilated
what is foreign and preserved it within himself.
Everything of value that arose in other eras
and among other peoples—which, over time
emerged and faded—he has preserved;
it remains his own: the treasures of
centuries.
Not to shine for a moment and
play a role, but to win the great
process of time. Every people
has its day in history, yet
the day of the Germans is the harvest of
all of time.

[ 8 ] Und wir dürfen wohl heute in diesen schicksalstragenden Tagen uns des Geistes erinnern, von dem Schiller glaubte, dass er die Ernte der ganzen Zeit sein müsse, die Ernte der Kulturentwicklung der Menschheit.

[ 8 ] And today, in these fateful days, we may well recall the spirit that Schiller believed must be the fruit of the entire era—the fruit of humanity’s cultural development.

[ 9 ] Und wenn wir von Schiller, dem großen Dichter, hinübergehen zu seinem Freunde, dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte, so sehen wir nicht minder des deutschen Geistes Tragkraft in der Seele eines Menschen, wenn wir gerade auf Fichtes letzte Stunden im irdischen Wandel hinblicken. Schiller hat dasjenige, was er in einem Werke seinem Volke zu sagen hatte, von dem gleich nachher noch die Rede sein soll, vielfach gerade an Fichtes starke, energische Philosophie anzuknüpfen verstanden. Ja, energisch und kräftig ist diese Philosophie Fichtes. Sie ist so, als wenn aus dem ganzen Umfang, dem Universellen des Genies der Philosoph Fichte herauszichen wollte alles, was dieser deutsche Geist an Tragkraft hat, herausziehen wollte alles dasjenige, was den stärksten Willen am stärksten Gedanken bekräftigen kann. Und so, wie Fichte das schöne Wort gesprochen hat: «Was für eine Philosophie man hat, das hängt davon ab, was man für ein Mensch ist», so darf gesagt werden, dass wir insbesondere bei Fichte dieses Wort in Wahrheit bewährt sehen; weil er sich verbunden fühlte mit dem deutschen Geiste, der ihm so teuer war, fühlte sich Fichte zugleich verknüpft mit dem Walten und Weben des ganzen Weltengeistes, fühlte sich in jedem Wort, das er gesprochen hat, getragen von dem Geiste, der die Welt durchwebt und durchwallt. Aber nicht bloß im abstrakten Geiste lebte dieser Philosoph. Als Deutschland die schwere Zeit am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts durchmachte, da überlegte sich Fichte, der Philosoph, oftmals, ob er nicht teilnehmen solle als Krieger an den damaligen schicksalsschweren Ereignissen. Er fand dann aber, dass er durch seine geistige Arbeit mehr leisten könne seiner Nation. So kam es denn, dass zunächst seine Gattin nur teilnahm an dem Lazarettdienst in Berlin. Aber sie brachte ihm durch Ansteckung Krankheit ins Haus. Sie genas, aber er selbst, der Philosoph, er wurde durch das Lazarettfieber hinweggerafft.

[ 9 ] And when we turn from Schiller, the great poet, to his friend, the philosopher Johann Gottlieb Fichte, we see no less of the German spirit’s resilience in the soul of a single man, especially when we look back on Fichte’s final hours on this earth. Schiller, in many ways, knew how to link what he had to say to his people in a work—which will be discussed shortly—precisely to Fichte’s strong, energetic philosophy. Indeed, Fichte’s philosophy is energetic and powerful. It is as if the philosopher Fichte, drawing from the full scope and universality of his genius, sought to extract all the strength inherent in the German spirit—to draw out everything that can reinforce the strongest will with the strongest thought. And just as Fichte spoke the beautiful words: “The kind of philosophy one has depends on the kind of person one is,” it may be said that we see this statement proven true especially in Fichte; because he felt connected to the German spirit, which was so dear to him, Fichte also felt linked to the workings and weaving of the entire world spirit, and in every word he spoke, he felt carried by the spirit that weaves through and surges through the world. But this philosopher did not live solely in the abstract realm of the spirit. When Germany was going through difficult times at the beginning of the nineteenth century, Fichte, the philosopher, often considered whether he should take part as a soldier in the fateful events of that time. He then concluded, however, that he could do more for his nation through his intellectual work. And so it came to pass that, at first, only his wife participated in the military hospital service in Berlin. But she brought the disease into their home by infecting him. She recovered, but he himself—the philosopher—was carried off by hospital fever.

[ 10 ] Und nun sehen wir, wie Fichte, der die diamanthellen, kristallklaren Gedanken deutschester Philosophie vor die Menschheit hingestellt hat, in den letzten Tagen seines Lebens, abwartend die Nachrichten über Blüchers Rheinübergang und alles, was die Menschen im Westen zu unternehmen hatten, dalag auf seinem Krankenbett. Wir sehen, wie er, der beschlossen hatte, nicht physisch unter den Kämpfenden zu sein, weil er mit dem Geiste seinem Volke und der Menschheit dienen wollte, wir sehen, wie er in den letzten Stunden in seinen Fieberträumen teilnahm an den kriegerischen Ereignissen seiner Zeit. Und das wundervolle Zusammenspiel einer Weltanschauung mit dem Leben noch in der Krankheit und noch im Todesröcheln erleben wir, wenn wir sehen, wie Fichte in seine Fieberträume hinfließen ließ alles das, was er durch seine kraftvolle Philosophie dem deutschen Volke hat geben wollen. Wir sehen, wie er sich fühlt mitten unter den Kämpfenden in seinen Träumen, und wie er sich aber zugleich fühlt als sicher ruhend mit der Seele in der geistigen Welt. So ohne Furcht und lebend in den Hoffnungen für sein Volk sagte der sterbende Philosoph Fichte, als man ihm Arznei reichen wollte: «Ich brauche keine Arznei, denn ich weiß, ich werde genesen.» Kurz vorher hatte man ihm die Nachricht von Blüchers Rheinübergang gebracht. So wirkte zusammen in demjenigen, der im deutschen Geistesleben voll darinnensteht, dieses Geistesleben mit dem unmittelbaren Leben der Umgebung. Denn dieses deutsche Geistesleben ist nicht ein idealistisch-träumerisches, sondern ein solches, das stets hineingeht in alle Einzelleistungen seines deutschen Volkes. Und wir dürfen auch heute mit vollem Recht behaupten, dass dasjenige, was unter Blut und Tod, unter Schmerz und Leid errungen wird, von derjenigen Kraft getragen ist, von der die Gedanken unseres Geist-Erlebens durchsetzt sind.

[ 10 ] And now we see how Fichte—who had presented to humanity the diamond-bright, crystal-clear ideas of the most quintessentially German philosophy—lay on his sickbed during the last days of his life, waiting for news of Blücher’s crossing of the Rhine and all that the people in the West were about to undertake. We see how he—who had resolved not to be physically among the fighters because he wanted to serve his people and humanity with his spirit—we see how, in his final hours, he participated in the warlike events of his time in his feverish dreams. And we experience the wonderful interplay of a worldview with life—even in sickness and even in the death throes—when we see how Fichte allowed everything he had sought to give the German people through his powerful philosophy to flow into his feverish dreams. We see how, in his dreams, he feels himself to be right in the midst of the combatants, yet at the same time feels his soul resting securely in the spiritual world. Thus, without fear and filled with hope for his people, the dying philosopher Fichte said, when they tried to give him medicine: “I need no medicine, for I know I shall recover.” Shortly before, he had been told the news of Blücher’s crossing of the Rhine. Thus, in one who is fully immersed in German spiritual life, this spiritual life interacted with the immediate reality of his surroundings. For this German spiritual life is not an idealistic, dreamy one, but one that is constantly woven into every individual achievement of the German people. And even today we may rightly assert that what is achieved amid blood and death, amid pain and suffering, is sustained by the very force that permeates the thoughts of our spiritual experience.

[ 11 ] Und wie sehen wir diesen Fichte von der besten Kraft des deutschen Geistes durchdrungen vor uns stehen! Wir können selbstverständlich heute nur mit einigen charakteristischen Strichen hinweisen auf das, was in Fichtes Geist lebte. In einer der schwersten Zeiten Deutschlands, als von dem westlichen Eroberer Deutschland niedergerungen war, sprach Fichte seine «Reden an die deutsche Nation». Gewiss nicht mit allem, was Fichte damals gesprochen hat, wird man heute mitgehen können, wortwörtlich. Aber der Geist, der ihn beseelte, er muss auch der unsrige sein. Wie Fichte dazumal davon ausging, dass die Sprache des Deutschen eine ursprüngliche Sprache ist, die sich entwickelt hat wie ein Organismus vom Ausgangspunkte der deutschen Geschichte in Europa, während die romanischen Sprachen des Westens und des Südens einen Bruch in ihrer Entwicklung erlitten haben, während sie ursprünglich von etwas Germanischem ausgegangen sind, aber angenommen haben etwas Fremdes, was sie über das Volkswesen gestülpt haben im romanischen Wesen.

[ 11 ] And how we see Fichte standing before us, imbued with the finest power of the German spirit! Of course, today we can only point out, with a few characteristic strokes, what lived in Fichte’s mind. During one of Germany’s darkest periods, when Germany had been subjugated by the Western conqueror, Fichte delivered his “Addresses to the German Nation.” Certainly, we cannot agree today, word for word, with everything Fichte said at that time. But the spirit that animated him must also be our own. Just as Fichte posited at the time that the German language is a primal language that developed like an organism from the starting point of German history in Europe, whereas the Romance languages of the West and the South suffered a rupture in their development—having originally stemmed from something Germanic but having adopted something foreign, which they superimposed over the national character in their Romance essence.

[ 12 ] Wenn Fichte ableitet etwas aus dem Charakter dieser ursprünglichen Sprache, die sich aus dem Wesen des Deutschen herausentwickelt hat, die wie eine organische Kraft selber gewachsen ist, so mag das heute sprachwissenschaftlich anfechtbar sein. Das aber, was Fichte beseelte, was den Grundcharakter seiner Willens- und Gedankenphilosophie ausmacht, das ist, dass Fichte reflektierte auf dasjenige, was im Menschen das Ursprünglichste ist, was im Menschen zusammenhängt mit allen Lebensquellen der Seele. Nur da sieht Fichte Gedeihen, nur da sieht Fichte wirklich verbürgt Schicksalshoffnungen, wo die Seele imstande ist, das, was in ihren Tiefen ruht, aus sich hervorzuholen. Ein Sinnbild dafür, dass das deutsche Wesen solches anstrebt, sah Fichte schon in der deutschen Sprache. Aber, wenn wir auch nicht mehr in den Einzelheiten heute auf Fichtes Standpunkt stehen können, müssen wir doch darauf hinsehen, wie sich in Fichte formte dasjenige, was er dann gemäß seiner Zeit zum Ausdruck brachte.

[ 12 ] If Fichte derives something from the character of this original language—which developed out of the essence of the German people and grew of its own accord like an organic force—this may be open to linguistic criticism today. But what inspired Fichte—what constitutes the fundamental character of his philosophy of will and thought—is that Fichte reflected on that which is most primordial in human beings, that which in human beings is connected to all the sources of life within the soul. Only there does Fichte see flourishing; only there does Fichte see truly assured hopes for the future—where the soul is capable of drawing forth from within itself that which lies in its depths. Fichte saw in the German language itself a symbol of the German spirit’s striving toward this very end. But even if we can no longer share Fichte’s viewpoint in every detail today, we must nevertheless consider how what he later expressed in accordance with his time took shape within him.

[ 13 ] Was strebte Fichte in seiner Philosophie an? Wir brauchen nur an dasjenige zu erinnern, was Geisteswissenschaft eigentlich sein will. Sie will sein eine Erkenntnis, welche nicht passiv sich hingibt bloß an die Erscheinungen der Außenwelt, welche nicht bloß passiv sich anregen lässt mit Bezug auf den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, sondern Geisteswissenschaft will sein, wenn wir den Ausdruck in aller Demut gebrauchen wollen, eine tapfere Wissenschaft. Sie will sein eine Wissenschaft, welche zustande kommt durch die Entwicklung des höheren Menschen im Menschen, wie Schiller sagte, des eigentlichen geistigen Menschen, durch Entwicklung desjenigen, was in des Menschen eigenem Wesen zusammenhängt mit dem großen geistigen Wesen der Welt, was so im Menschen lebt, dass, wenn es der Mensch erkennt, er zu gleicher Zeit sich weiß lebendig webend im göttlich-geistigen Weltenwesen selbst. Das aber suchte Fichte unablässig. Und so fühlt er sich verbunden gerade mit dem Geistigsten der Welt durch das Wissen, das er von der eigenen Seele des Menschen zu erwerben suchte. Oder wie könnte man die Geistgewissheit, die der Mensch erlangen kann, energischer aussprechen, als wenn Fichte die Worte gebraucht:

[ 13 ] What was Fichte’s aim in his philosophy? We need only recall what spiritual science actually aims to be. It aims to be a form of knowledge that does not merely passively surrender itself to the phenomena of the external world, that is not merely passively stimulated in relation to the intellect bound to the brain; rather, spiritual science aims to be—if we may use the term with all humility—a courageous science. It seeks to be a science that comes into being through the development of the higher human being within the human being—as Schiller said, the truly spiritual human being—through the development of that which, in the human being’s own essence, is connected to the great spiritual essence of the world, which lives within the human being in such a way that, when the human being recognizes it, he simultaneously knows himself to be actively weaving within the divine-spiritual essence of the world itself. But this is what Fichte sought unceasingly. And so he feels connected precisely to the most spiritual aspect of the world through the knowledge he sought to acquire from the human being’s own soul. Or how could one express more forcefully the spiritual certainty that a human being can attain than when Fichte uses the words:

Es ist gar nicht zweifelhaft, sondern das Gewisseste, das es gibt, ja, der Grund aller anderen Gewissheit, das einzige absolut gültige Objektive, dass es eine moralische Weltordnung gibt, dass jedem vernünftigen Individuum seine bestimmte Stelle in dieser Ordnung angewiesen und auf seine Arbeit gerechnet ist.

There is no doubt whatsoever—it is, in fact, the surest thing there is, indeed, the foundation of all other certainties, the only absolutely valid objective truth—that there is a moral world order, that every rational individual has been assigned a specific place within this order and is expected to do their part.

[ 14 ] So brachte Fichtes deutscheste Philosophie zustande, sich zu wissen als Einzelseele in dem gesamten Geistigen der Welt, dass es für Fichte das Gewisseste war, dass es eine solche Weltordnung gibt, in die der Einzelne hineinverwoben ist.

[ 14 ] This is how Fichte’s most “German” philosophy came about: the awareness of the individual soul as part of the totality of the spiritual world; for Fichte, it was the most certain thing that there is such a world order into which the individual is woven.

[ 15 ] Nur erneuert hat damals Fichte in einer der neueren Zeit angemessenen Weise dasjenige, was im Grunde im deutschen Geiste immer gewaltet hat: das Streben nach einem Wissen, das aus Kräften der Menschenseele hervorgeht, die mit dem Tode nicht endigen können. Und erinnern kann man sich bei solchen Worten, wie die eben angeführten Worte von Fichte sind, an etwas, was der große deutsche Mystiker Angelus Silesius aussprach: Nicht ich bin es, der in mir lebt und stirbt, Gott selber ist's, der in mir lebt und stirbt.

[ 15 ] At that time, Fichte merely renewed—in a manner appropriate to the modern era—what has essentially always prevailed in the German spirit: the pursuit of knowledge that springs from powers of the human soul that cannot come to an end with death. And words such as those just quoted from Fichte bring to mind something expressed by the great German mystic Angelus Silesius: “It is not I who live and die within me; it is God Himself who lives and dies within me.”

[ 16 ] Solches Streben nach Erkenntnis gibt zugleich der Seele nicht nur ein Wissen ihres Geborgenseins im Weltengeiste, sondern zu gleicher Zeit Sicherheit in Bezug auf ihre Unsterblichkeit. Denn wie könnte man denn in der Seele sich erlebend und wissend den Gott in der Seele zugleich erleben, ohne sich dieser Unsterblichkeit bewusst zu sein? Denn stirbt der Gott in der Menschenseele, dann ist der Tod gerade eine neue Auferstehung. Nach einem solchen Wissen, das den Tod besiegt, strebte der deutsche Geist unablässig, nach einem Wissen von der Seele, sodass diese Seele sich erkennt nicht nur durch die Werkzeuge ihres Leibes, sondern durch rein geistige Werkzeuge, sodass sie gleichsam im leibfreien Zustande, in tapferer Wissenschaft dem leiblichen Erleben, ihrem eigenen Leibe gegenübersteht, so wie man im Leibe gegenübersteht den äußeren Objekten, den äußeren Gegenständen. Aber aus solchem Wissen ging hervor ein so wunderbares Wort, wie das Wort Jakob Böhmes, in dem gleichsam zusammengefasst ist alles dasjenige, was der deutsche Geist über die großen Rätsel des Lebens in ihrem Zusammenhang mit dem Schicksal der Menschenseele zu sagen hat: «Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.»

[ 16 ] Such a quest for knowledge not only gives the soul an awareness of its security within the World Spirit, but also, at the same time, assurance regarding its immortality. For how could one, while experiencing and knowing God within the soul, simultaneously experience God in the soul without being aware of this immortality? For if God dies within the human soul, then death is precisely a new resurrection. In pursuit of such knowledge, which overcomes death, the German spirit strove unceasingly—for a knowledge of the soul, so that this soul might recognize itself not only through the instruments of its body but through purely spiritual instruments, so that it might, as it were, in a bodiless state, face its own body with courageous insight, just as one faces external objects and things while in the body. But from such knowledge emerged a word as wondrous as that of Jakob Böhme, in which is, as it were, summarized everything the German spirit has to say about the great mysteries of life in their connection with the destiny of the human soul: “Whoever does not die before he dies will perish when he dies.”

[ 17 ] Das heißt aber nichts anderes, als Jakob Böhme will darauf hindeuten, dass schon im Leben zu erringen ist eine Erkenntnis des Wesens der Seele, der Seele, wie sie sein wird, wenn sie einmal durch die Pforte des Todes gegangen ist und zurückblicken wird auf ihren Leib. Denn derjenige, der nicht solches Wissen erwirbt, bevor er stirbt, er wird verderben, nach Jakob Böhmes Ansicht, wenn er stirbt.

[ 17 ] This means nothing other than that Jakob Böhme is suggesting that one can attain, even during one’s lifetime, an understanding of the essence of the soul—the soul as it will be once it has passed through the gate of death and looks back upon its body. For, according to Jakob Böhme, whoever does not acquire such knowledge before dying will perish upon death.

[ 18 ] Und so sucht Geisteswissenschaft heute nicht nur ein Wissen von dem Geistigen, das sozusagen eine Steigerung ist des gewöhnlichen Wissens im Leibe, sondern Geisteswissenschaft sucht ein Wissen in der Seele, insofern diese Seele schon zwischen Geburt und Tod erringen kann Kräfte, die sie auch haben wird nach dem Tode, wo sie zurückschauen wird auf den Leib und das Leibesleben, wo Leib und Leibesleben wieder nicht Subjekt, sondern Objekt sein wird, wie im Alltagsleben. Und wenn heute der Geisteswissenschaftler sozusagen aus demjenigen, was uns der deutsche Geist heute bringen kann, einen Vergleich für etwas, was Fichte zu seiner Zeit hat sagen wollen, gebrauchen will, so könnte er diesen Vergleich für einen bestimmten Fall von dieser Geisteswissenschaft hernehmen. Ich will diesen bestimmten Fall einmal vor Ihnen entwickeln.

[ 18 ] And so spiritual science today seeks not only knowledge of the spiritual realm—which is, so to speak, an elevation of ordinary knowledge within the body—but spiritual science seeks knowledge within the soul, insofar as this soul can already acquire, between birth and death, powers that it will also possess after death, when it will look back upon the body and bodily life, and when the body and bodily life will once again be not the subject but the object, as in everyday life. And if today the spiritual scientist wishes to use, so to speak, from what the German spirit can offer us today, an analogy for something Fichte intended to say in his time, he could draw this analogy from spiritual science for a specific case. I would like to elaborate on this specific case before you.

[ 19 ] Fichte hat, als er nachdachte, was er seinem Volke sagen wollte, worin es seine Hoffnungen verwirklichen, seine Ziele finden könne in schicksalsschwerer Zeit, er hat auf eine ganz neue Erziehung, welche an die Quelle der Lebensregungen in der Seele geht, auf den höheren Menschen im Menschen hingewiesen. Fichte wusste dazumal, dass dasjenige, was er mit dieser Erziehung vor sein Volk hinstellen wollte — wir können heute nicht mehr so denken, aber auf die Absichten, auf die Empfindungen und Gefühle Fichtes können wir hinsehen —, vermutlich stand das vor Fichtes Seele zwar klar als das Heilsame der Zukunft, aber wenn er es verglich mit dem, was man bis zu seiner Zeit als das Wesen der Erziehung angesehen hat, so konnte es ihm vorkommen wie etwas ganz Neues, das sich aus dem Alten herauswinden muss, sodass dieses Neue mit dem Alten keine Ähnlichkeit mehr habe. Dann könnte der neuere Geistesforscher sagen, gerade aus der Geisteswissenschaft heraus, die Fichte noch nicht hatte: Nun, ich vergleiche diese neue, diese ganz neue Erziehung mit der Seele, die sich im Tode losgerungen hat von dem Leibe, auf den sie nun zurückblickt.

[ 19 ] When Fichte was reflecting on what he wanted to say to his people—how they might realize their hopes and find their goals in a time of great destiny—he pointed to a wholly new form of education that goes to the source of the soul’s vital impulses, to the higher human being within each person. Fichte knew at the time that what he wanted to present to his people through this form of education—we can no longer think that way today, but we can look to Fichte’s intentions, sensibilities, and feelings— it was presumably clear to Fichte’s soul as the healing force of the future; but when he compared it with what had been regarded as the essence of education up to his time, it must have seemed to him like something entirely new that had to extricate itself from the old, so that this new thing would bear no resemblance to the old. Then the more recent scholar of the spirit might say, drawing precisely on the science of the spirit that Fichte did not yet possess: “Well, I compare this new, this entirely new form of education to the soul that has torn itself away from the body in death and now looks back upon it.”

[ 20 ] Und es könnte der Geistesforscher heute beschreiben, wie die Seele nach dem Tode auf den Leib und das Leibesleben zurückblickt. Es gibt nun eine Stelle in Fichtes «Reden an die deutsche Nation», die in dieser Beziehung ganz besonders bedeutsam ist. Eine Stelle, über die man vielleicht leicht hinwegliest, aber die es gut ist, sich gerade heute einmal vor die Seele zu stellen. Fichte suchte selbst ein Sinnbild für das Verhältnis seiner neuen Erziehung zu der alten. Und er sagt: Das, was ich als neuen Erziehungsplan hinstelle, das erscheint verschieden von alledem, was man für das Richtige gehalten hat, sodass mich so leicht nicht jemand verstehen wird. Und als Fichte ein Sinnbild sucht für das Verhältnis dieser neuen zur alten Erziehung, da gebraucht er das folgende Bild:

[ 20 ] And today, a researcher of the spirit could describe how the soul looks back on the body and bodily life after death. There is a passage in Fichte’s “Addresses to the German Nation” that is particularly significant in this regard. It is a passage that one might easily overlook, but it is worthwhile to reflect on it today. Fichte himself sought a metaphor for the relationship between his new concept of education and the old one. And he says: What I present as a new educational plan appears different from everything that has been considered correct, so that no one will understand me all that easily. And when Fichte seeks a metaphor for the relationship between this new and the old concept of education, he uses the following image:

Die Zeit erscheint mir wie ein leerer Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuche. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmen Liebeshauche; zwar begrüßen sie schon [freudig heimliche] Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen; zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachen soll, zu entwickeln, aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.

Time seems to me like an empty shadow standing over its corpse—from which an army of diseases has just driven it out—wailing and unable to tear its gaze away from the shell it once loved so dearly, and desperately trying every means to get back into the dwelling of the plague. True, the life-giving breezes of the other world, into which the departed has entered, have already taken her in and surround her with warm breaths of love; true, [joyful, secret] voices of her sisters are already greeting her and welcoming her; and although something is already stirring and expanding within her in all directions to develop the more glorious form into which she is to awaken, she still has no sense of these breezes or hearing for these voices; or, if she did, she is consumed by grief over her loss, through which she believes she has lost herself as well.

[ 21 ] Wir sehen daraus, meine sehr verehrten Anwesenden, dass Fichte selber das Bild gebraucht, welches wir heute aus dem geisteswissenschaftlichen Bewusstsein heraus gebrauchen. Fichte gebraucht es heraus aus dem, was er als die Tiefe des deutschen Geistes in sich webend fühlt und was er damals vor sein Volk hinstellen wollte. Wie tief ist dieses Bewusstsein von dem Durchwobensein der Seele mit dem Allgeiste mit dem deutschen Geistesleben verknüpft, wenn wir sehen, dass das, was heute gesucht wird und geisteswissenschaftlich geleistet wird, wie eine energische Ahnung sich herausarbeitet aus des deutschen Volkes großem Philosophen.

[ 21 ] We can see from this, my esteemed audience, that Fichte himself uses the image that we employ today from the perspective of spiritual science. Fichte draws upon it from what he feels woven within himself as the depth of the German spirit—and what he sought to present to his people at that time. How deeply is this awareness of the soul’s interweaving with the Universal Spirit connected to German spiritual life, when we see that what is sought today and achieved through spiritual science emerges like a powerful intuition from the great philosopher of the German people?

[ 22 ] Und gehen wir von ihm wiederum zu Schiller zurück, dann können wir sehen, wie das Suchen nach dem Geistigsten der Seele gerade bei ihm eine der intimsten, der schönsten, der herrlichsten Prosawerke durchzieht, eines derjenigen Prosawerke, wo zugleich der Mensch dasjenige, was er mit Augen sieht und mit Ohren hört, nicht bloß mit Bezug auf die äußere Sinnlichkeit wahrnimmt, sondern das Geistige darin durch die Vertiefung der Seele in sich erlebt, und dieses so vollsaftig lebendig in ihm wirkt, dass er es bildhaft künstlerisch oder, wie man heute sagen würde, geisteswissenschaftlich als Realität erlebt. Da ist der Mensch frei, da gebiert der Mensch seinen höheren Menschen aus sich heraus.

[ 22 ] And if we return from him to Schiller, we can see how the search for the most spiritual aspect of the soul permeates, in his case in particular, one of the most intimate, most beautiful, and most magnificent works of prose—one of those works of prose in which the human being perceives not only what he sees with his eyes and hears with his ears, not merely in terms of external sensuality, but experiences the spiritual within them through the soul’s deep immersion, and this works within him so richly and vividly that he experiences it as reality—whether through figurative artistry or, as one would say today, through the humanities. There, the human being is free; there, the human being gives birth to his higher self from within himself.

[ 23 ] Schillers höchstes Streben geht darauf, den höheren Menschen im Menschen zu suchen. Und hier liegt es, meine sehr verehrten Anwesenden, wo wir sehen können, wie im Grunde genommen alles, was der deutsche Geist auf seinen Höhen geleistet hat, zusammenhängt mit seinem universellen Streben nach Geistigkeit hin, nach dem intimen Zusammenleben der Seele mit dem Geiste hin. Bei Schiller, bei Fichte, bei Goethe, allüberall das gleiche Streben. Und für diese Geister, das ist das Charakteristische, wächst Deutsch-Sein im rechten Sinne zusammen mit Menschsein, im Streben nach dem höchsten Menschlichen. Und gerade bei einem Geist wie Goethe tritt es uns dann wiederum ganz besonders entgegen, und die schönste Ausgestaltung ist sein «Faust».

[ 23 ] Schiller’s highest aspiration is to seek the higher human being within man. And it is here, my esteemed audience, that we can see how, fundamentally, everything the German spirit has achieved at its highest levels is connected to its universal striving toward spirituality, toward the intimate union of the soul with the spirit. In Schiller, in Fichte, in Goethe—everywhere the same aspiration. And for these minds—this is what is characteristic—German-ness, in the true sense, grows together with humanity in the pursuit of the highest human qualities. And it is precisely in a mind like Goethe’s that this confronts us most vividly, and its most beautiful expression is his *Faust*.

[ 24 ] Gerade bei diesen Geistern sehen wir, wie DeutschSein doch etwas anderes ist als Italiener-Sein, FranzoseSein, Brite-Sein, Russe-Sein. Da muss man das Wort gebrauchen: Italiener kann man sein, Franzose kann man sein, Brite, Russe kann man sein, aber Deutscher wird man. Man wird immerzu Deutscher. Dann ist man am besten Deutscher, wenn die Deutschheit vor einem schwebt wie ein höheres Ideal, oder man könnte sagen wie ein lebendiges geistiges Ziel in der Ferne, dem man sich immer mehr zu nähern hat. Daher wird das Wort, das dann in neuerer Zeit Lagarde gesprochen hat: «Das Deutsch-Sein liegt nicht im Geblüt, sondern im Gemüt.» — gerade bei diesen Geistern ist das außerordentlich wahr.

[ 24 ] It is precisely in these spirits that we see how being German is, after all, something different from being Italian, French, British, or Russian. Here one must use the word: one can be Italian, one can be French, one can be British, one can be Russian, but one becomes German. One is constantly becoming German. One is at one’s best as a German when German-ness hovers before one like a higher ideal—or, one might say, like a living spiritual goal in the distance that one must continually draw nearer to. Hence, the words spoken more recently by Lagarde: “Being German lies not in the blood, but in the spirit.” — This is especially true of these minds.

[ 25 ] Daher ist es schwierig, dieses Deutschtum zum Verständnis derjenigen zu bringen, die um dieses Deutschtum herum leben, und auf die dieses Deutschtum von Mitteleuropa aus seine Wirkungsstrahlen zu senden hat. Und aus Fichtes Mund vernehmen wir ein bedeutsames, wichtiges Wort gerade über das Deutsch-Sein, und zwar wiederum in den «Reden an die deutsche Nation»:

[ 25 ] It is therefore difficult to make this “German-ness” understandable to those who live in its midst and upon whom this “German-ness” must cast its influence from Central Europe. And from Fichte’s own lips we hear a significant, important statement specifically about what it means to be German, again in the “Addresses to the German Nation”:

[... was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, dass, wo es auch geboren sei und in welcher Sprache es rede, ist unsers Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun.]

[... whatever embodies spirituality and believes in the freedom of that spirituality, and desires the eternal development of that spirituality through freedom—no matter where it is born or in what language it speaks—is of our kind; it belongs to us and will come to us.]

[ 26 ] So universell stehen die größten Deutschen zu dem, was sie als Deutschheit, als Deutschtum empfanden. So sprach Deutschlands großer Philosoph Johann Gottlieb Fichte in seinen «Reden an die deutsche Nation», die er, wie er in einer der ersten Reden sagte, von Deutschen schlechthin zum Deutschen schlechthin halten wollte.

[ 26 ] This is how universally the greatest Germans embraced what they perceived as German identity, as German-ness. This is how Germany’s great philosopher Johann Gottlieb Fichte spoke in his “Addresses to the German Nation,” which, as he stated in one of the first addresses, he intended to deliver from Germans par excellence to the German par excellence.

[ 27 ] Ich sagte: Es konzentriert sich gleichsam in dem, was Goethe seinem Volke war, alles das, was sich als Streben nach Geistigkeit, als das Wesen des Deutschtums geltend machte. Und nun könnten wir uns fragen: Hat man in der Welt von diesem Wesen und von diesem Streben des deutschen Volkes sich im richtigen Sinne einen Begriff zu machen versucht? Es gab zwar Zeiten, in denen man abwechselnd bei dem einen oder anderen europäischen Volke hören konnte, wie sie das deutsche Wesen lobten, wie sie das deutsche Wesen in der einen oder anderen Hinsicht besonders hervorhoben. Allein vielfach muss man sich sagen: Gerade die Erlebnisse der heutigen Tage, sie zeigen uns, wie wenig Grund, wie wenig innere Wahrheit dasjenige hatte, was man vom deutschen Wesen in der Welt empfand. Es gibt ja gegenwärtig in der Tat Leute wie den französischen Philosoph Bergson — man weiß nicht, ob er sich noch Bergson nennen wird, nachdem Petersburg nicht mehr Petersburg, sondern Petrograd genannt wird —, dieser französische Philosoph Bergson, er fand, dieser Bergson, der das Gute, das er der Philosophie zu geben hat in unserer Zeit, im Grunde genommen ganz aus der Philosophie des deutschen Idealismus entlehnt hat, nur tritt es uns im deutschen Idealismus entgegen reichhaltig und universell, bei Bergson aber ärmlich und dünnfädig. Aber er, der kennen sollte deutsches Wesen, er weist hin in einer chauvinistischen Rede, die er letzte Weihnacht gehalten hat, wie die Deutschen vergessen hätten alles das, was sie an Geistigkeit aufgebracht hätten. Wie ja einmal die Deutschen etwas wie Geistigkeit gehabt hätten, wie sie sich aber jetzt nur rein mechanistisch zeigen. Man brauche nur hinzuweisen auf das, was die Deutschen jetzt hervorbringen, mechanistische Kanonen, Flinten, Maschinen, in Mechanismus hat sich alles verwandelt.

[ 27 ] I said: Everything that asserted itself as a striving for spirituality, as the essence of Germanness, is, as it were, concentrated in what Goethe was to his people. And now we might ask ourselves: Has the world ever attempted to form a proper understanding of this essence and this striving of the German people? There were, admittedly, times when one could hear, in turn, from one European nation or another, how they praised the German essence, how they particularly emphasized the German essence in one way or another. Yet in many cases one must say to oneself: It is precisely the experiences of the present day that show us how little basis, how little inner truth there was in what the world perceived as the German essence. There are, in fact, people today like the French philosopher Bergson—one doesn’t know if he will still call himself Bergson now that St. Petersburg is no longer called St. Petersburg but Petrograd—this French philosopher Bergson, he found—this Bergson, who has essentially borrowed everything of value he has to offer philosophy in our time entirely from the philosophy of German idealism—only that in German idealism it presents itself to us as rich and universal, whereas in Bergson it appears meager and flimsy. But he—who ought to know the German spirit—points out in a chauvinistic speech he gave last Christmas how the Germans have forgotten all the spirituality they once possessed. As if the Germans had ever possessed anything like spirituality, yet now they present themselves as purely mechanistic. One need only point to what the Germans are now producing—mechanistic cannons, shotguns, machines; everything has been transformed into mechanism.

[ 28 ] Man muss wahrhaftig erstaunen über die Logik, die heute durch die Welt geht. Denn ist es logisch, wenn man so spricht wie Bergson? Selbst wenn man zugibt, dass die Deutschen einmal Goethe, Schiller, Fichte gehabt haben, was, möchte man sagen hat denn Bergson erwartet mit seiner französischen Logik? Hat er erwartet, dass dann, wenn die mitteleuropäischen Völker von allen Seiten bedroht werden, von einer zweieinhalb Mal so starken Übermacht bedroht werden, dass sie dann ihren Feinden entgegentreten und Goethe und Schiller rezitieren oder Fichtes Philosophie vordeklamieren? Weil sie das nicht tun, findet der Philosoph Bergson, dass die Deutschen ein mechanistisches Volk geworden seien, weil sie mit Flinten und Kanonen den Feinden gegenübertreten. Nun, und von diesem französischen Philosophen bis zu jenem Monsieur Richepin ist dann ein gradliniger Weg zwischen dem, was alles an Geschimpfe und Schmähungen über das deutsche Volk, das deutsche Wesen zu hören ist. Es sind alle Nuancen der Schimpferei zu finden. Richepin konnte nicht umhin, zu sagen, dass die Deutschen wilde, tolle, dreckige Bestien seien, die wie tolle Schweine erwürgt werden müssten alle. Es ist eine Skala von dem Philosophen Bergson bis zu solchen Schmähungen des deutschen Volkes, die heute durch ganz Europa vibriert. Da dürfen wir uns dann allerdings fragen: Hat man denn immer so gedacht über das deutsche Wesen? Über jenes deutsche Wesen, das selbstverständlich unter den heutigen Zeitverhältnissen nichts anderes zeigen kann als seine Armeen, über jenes deutsche Wesen, dass aber mit den Armeen gewiss sich nur zu verteidigen hat, das aber seine Grundlage in Geist und Seele nur hat. Da ist es interessant, einmal gegenüber dem, was heute durch die Welt pulst, dieses deutsche Wesen in Bezug auf seine Weltstellung, seine Weltsendung sich vor Augen zu führen. Und da ist es ja gewiss keine angenehme Aufgabe, über das, womit man selbst verknüpft ist, gleichsam ein Selbstlob zu erheben. So sei also ein anderer Weg gewählt, der Weg, einmal Umschau zu halten, ob dieses deutsche Wesen denen, die es heute «barbarisch» nennen, immer als «barbarisch» erschienen ist für diejenigen, die etwas davon zu verstehen suchten.

[ 28 ] One really has to marvel at the logic that prevails in the world today. For is it logical to speak the way Bergson does? Even if one concedes that the Germans once had Goethe, Schiller, and Fichte—which, one might ask, is what Bergson expected with his French logic? Did he expect that when the Central European peoples are threatened from all sides—by a force two and a half times their own—they would then confront their enemies by reciting Goethe and Schiller or declaiming Fichte’s philosophy? Because they do not do this, the philosopher Bergson believes that the Germans have become a mechanistic people, since they confront their enemies with shotguns and cannons. Well, from this French philosopher to that Monsieur Richepin, there is a straight path through all the abuse and invective directed at the German people and the German character. Every nuance of abuse can be found there. Richepin could not help but say that the Germans were wild, frenzied, filthy beasts who, like mad pigs, must all be strangled. There is a spectrum stretching from the philosopher Bergson to such invectives against the German people, which today reverberate throughout all of Europe. We must then ask ourselves, however: Has the German character always been viewed in this light? That German character which, of course, under today’s circumstances can show nothing other than its armies—that German character which, however, certainly needs its armies only for defense, but whose foundation lies solely in spirit and soul. It is interesting, then, in contrast to what pulses through the world today, to consider this German character in terms of its place in the world and its mission. And it is certainly no pleasant task to engage in self-praise, as it were, regarding that with which one is oneself connected. Let us therefore choose another path—the path of taking a look around to see whether this German essence has always appeared “barbaric” to those who today call it “barbaric,” at least to those who have sought to understand it.

[ 29 ] Es gibt einen Denker, einen großen Denker des neunzehnten Jahrhunderts, einen amerikanischen Denker, der englisch gesprochen und geschrieben hat, Emerson. Weil wir schon einmal nicht selbst urteilen wollen über deutsches Wesen, hören wir, was nun nicht ein Deutscher, sondern was in englischer Sprache ein Emerson in Amerika über das Wesen des Deutschen und seine Sendung gesprochen hat. Emerson knüpft an an Goethe, der ihm der Repräsentant des deutschen Wesens ist, Goethe, in dem zusammengefasst wird dasjenige, was uns auch als das Tragende bei Fichte und Schiller erscheinen muss.

[ 29 ] There is a thinker, a great thinker of the nineteenth century, an American thinker who spoke and wrote in English: Emerson. Since we do not wish to pass judgment ourselves on the German essence, let us hear—not from a German, but from Emerson in America, speaking in English—what he had to say about the essence of the German and his mission. Emerson draws on Goethe, whom he regards as the embodiment of the German spirit—Goethe, in whom is encapsulated that which must also appear to us as the fundamental foundation in Fichte and Schiller.

Eine Erscheinung vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit. Allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? [- Woher] hat er alle diese Gedanken?

Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.

Die Deutschen denken für Europa.

Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.

One characteristic in particular, which Goethe shares with his entire nation, makes him an exceptional figure in the eyes of both French and English audiences: that everything he does is based solely on inner truth. In England and America, talent is respected, but people are satisfied only when it works for or against a party in accordance with their convictions. In France, people are delighted simply to see brilliant ideas, no matter where they lead. In all these countries, however, gifted men write to the extent of their abilities. If what they present stimulates the discerning reader and contains nothing that offends good taste, it is considered sufficient. So many columns, so many hours spent pleasantly and usefully. The German mind possesses neither the French vivacity nor the English understanding, which is honed for practical matters, nor, finally, the American spirit of adventure. Yet what it does possess is a certain probity that never stops at the outward appearance of things, but always returns to the central question: “Where is this leading?” The German public demands that a writer rise above things and simply speak his mind. Intellectual vivacity is present—very well: What does it stand for? What is the man’s opinion? Where does it come from? [- Where] does he get all these thoughts?

The English [...] see only the particular; they do not know how to conceive of humanity as a whole according to higher laws.

The Germans think for Europe.

The English do not fathom the depth of the German genius.

[ 30 ] Nicht wahr, man würde zurückhaltend sein, wenn man solche Worte selbst zu prägen hätte, aber sie sind ja von einem englischen Amerikaner in englischer Sprache zuerst ausgesprochen worden. Dann sagt er weiter, hinschauend auf dasjenige, was der deutsche Geist der Weltentwicklung zu geben hat:

[ 30 ] Wouldn’t one be cautious if one had to coin such words oneself? But they were, after all, first uttered in English by an English-speaking American. He goes on to say, looking at what the German spirit has to offer to the development of the world:

Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.

For this reason, the terms of distinction commonly used in higher conversation are all of German origin. While the English and French—who are celebrated for their acumen and erudition—view their studies and their standpoint with a certain superficiality, and their personal character bears only a shallow connection to what they have grasped, and the way they express themselves—there is not a very deep connection; Goethe, the head and the essence of the German nation, speaks not because he has talent, but because truth concentrates its rays in his soul and shines forth from it. He is wise to the highest degree, even if his wisdom is often veiled by his talent. As excellent as what he says is, he has something in mind that is even better. [...] He possesses that awe-inspiring independence that springs from communion with the truth.

[ 31 ] Nun, so könnte man sagen, das sind alte Geschichten. Emerson ist längst tot, und die Deutschen sind ja nach denjenigen, die sie jetzt beurteilen in ihrer durch die Zeit verursachten Besinnungslosigkeit anders geworden. Da dürfen wir vielleicht noch auf etwas anderes hinblicken, was nicht vor Jahrzehnten, was einige Monate vor dem Ausbruch des Krieges, wiederum nicht von einem Deutschen, nicht in Deutschland, sondern von einem Engländer in Manchester gesprochen worden ist. Diese Worte sind auch ins Deutsche übersetzt und erschienen unter dem Titel «Deutschland im neunzehnten Jahrhundert».

[ 31 ] Well, one might say, those are old stories. Emerson has long since passed away, and the Germans—according to those who now judge them—have changed in their time-induced bewilderment. Perhaps we should also consider something else—not from decades ago, but from a few months before the outbreak of the war—spoken not by a German, not in Germany, but by an Englishman in Manchester. These words have also been translated into German and published under the title “Germany in the Nineteenth Century.”

[ 32 ] In der Vorrede wird uns gesagt, dass die Vorträge deshalb gehalten worden sind, um Journalisten und anderen Leuten ein wenig Aufklärung über das deutsche Wesen zu geben. Wie «gut» das angeschlagen hat, das können Sie ja selber beurteilen nach dem, was sie jetzt in englischen Zeitungen lesen über das deutsche Wesen und über die Art, wie man es in England ansieht. Aber dazumal ist eben das Folgende gesagt worden, und nicht in deutscher, sondern in englischer Sprache und in Manchester, auf den Britischen Inseln selbst:

[ 32 ] The preface tells us that the lectures were given to provide journalists and others with some insight into the German character. You can judge for yourselves just how “well” that went over, based on what you now read in English newspapers about the German character and the way it is viewed in England. But at the time, the following was said—not in German, but in English, and in Manchester, right here in the British Isles:

Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes’ und Newtons Landsleuten

The highly privileged elite among Descartes’ and Newton’s compatriots

[ 33 ] — das sind die Engländer [und Franzosen] —

[ 33 ] — those are the English [and French] —

war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt.

Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden geltend, und unter ihrem umgestaltendem Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller.

The spirit of science was undoubtedly well known; but the passionate drive for knowledge was taught to modern Europe—if at all—primarily by thousands of German researchers.

Imagination, emotion, and will asserted their right to be heard alongside reason—or even beyond it—and under their transformative pressure, the universe became deeper, broader, and more wondrous.

[ 34 ] Merkwürdig, was diese Engländer in Manchester alles über das deutsche Wesen zu sagen wissen.

[ 34 ] It's strange what these Englishmen in Manchester have to say about the German character.

Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt. Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode

The irrational was recognized as a source of enlightenment; wisdom was drawn from children and flowers; science, philosophy, and poetry grew closer together. Here in England, this revival of the imagination gave rise to noble poetry, yet left the sciences and philosophy almost untouched. One of the keys to understanding the entire period

[ 35 ] — bitte beachten Sie wohl, dass das ein Engländer sagt —

[ 35 ] — please keep in mind that this is coming from an Englishman —

ist die Tatsache, dass, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten oder völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.

Im Faust, am Schluss seines vielbewegten Lebens sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlos-kühnen Wollens und Handelns, und wir können umso besser verstehen, weshalb der [große] Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des Deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.

is the fact that, while in England and France the poetic, philosophical, and scientific movements largely flowed along separate channels, in Germany they intersected or merged completely. Wordsworth sang and Bentham calculated; Hegel, however, ensnared the genius of poetry in the web of his logic; and the intellect that discovers and explains, and the imagination that brings forth the new, worked together in fruitful harmony in the genius of Goethe.

In *Faust*, at the end of his eventful life, we see a foreshadowing of today’s Germany—the Germany of restless, bold will and action—and we can understand all the better why the [great] citizen of the world—in whose eyes the state and national identity were subordinate and sometimes harmful ideals—nevertheless asserts his unassailable position as the greatest poet of the German Empire alongside Bismarck, his creator.

[ 36 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, da kann man nur sagen: Ja, warum nennen denn ihre Landsleute jetzt das Volk Schillers und Goethes ein «Barbarenvolk»? Diese Frage wird, da sie es besser wissen könnten, die Geschichte über die Entwicklung dieser Völker für lange, lange Zeiten hinstellen. Denn nicht um die Frage zu beantworten: Warum nennen sie das Volk Fichtes und Schillers ein «Barbarenvolk»?, stellte ich diese Betrachtung an, sondern um eben zu zeigen, dass diese Frage lange, lange [in den Geschichten von Deutschlands Feinden] ausgesprochen werden wird, und sie werden, diese anderen Völker, sie werden sie zu beantworten haben.

[ 36 ] Yes, ladies and gentlemen, one can only ask: Why, then, do your compatriots now call the people of Schiller and Goethe a “barbarian people”? Since they should know better, history will set aside this question for a long, long time as it chronicles the development of these peoples. For I did not offer this reflection to answer the question: “Why do they call the people of Fichte and Schiller a ‘barbarian people’?” but rather to show that this question will be raised for a long, long time [in the histories written by Germany’s enemies], and they—these other peoples—will have to answer it.

[ 37 ] In diesen Vorträgen, die diese Engländer vor Engländern gehalten haben, findet sich etwas, was man wahrhaftig nicht aussprechen würde als Deutscher in Deutschland; aber es soll ja hier nicht ausgesprochen, sondern nur zitiert werden: «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.»

[ 37 ] In these lectures, which these Englishmen delivered to an English audience, there is something that one would truly never say as a German in Germany; but it is not to be stated here, only quoted: “No German words are more deeply imbued with the essence of national ethics than those that denote these things: true, thorough, faithful.”

[ 38 ] Nun, warum nennen sie denn das deutsche Volk ein «Barbarenvolk»? Und über das Deutsche Reich wurde in denselben Vorträgen das Folgende gesagt:

[ 38 ] Well, why do they call the German people a “barbarian people”? And the following was said about the German Empire in those same lectures:

Im Ganzen und Großen ist es außer Frage, dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig sich verändernder, blendender Kinematograf. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren

On the whole, there is no question that the establishment of the German Empire has been conducive to world peace. This statement will seem strange to those who know nothing but the events of the present and for whom history is nothing more than an ever-changing, dazzling movie. But history ought to be something more than that. It is fitting for history to shed the light of the past upon the chaotic turmoil of the present, and in that higher light, things that appear hurtful will take on a natural appearance. For when we look to the past, we find that our ancestors

[ 39 ] — er meint also seine englischen Vorfahren selbstverständlich —,

[ 39 ] — by which he obviously means his English ancestors —,

dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund. [...]

Es lässt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist, und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866–1871 machten ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege, welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte, sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.

that our ancestors viewed France with far greater fear than even the most vociferous agitators today fear Germany. And our ancestors’ fear was well-founded. [...]

To sum it all up, it can be shown that the founding of the German Empire was a boon for Europe, and therefore also for Great Britain. For the events of 1866–1871 put an end, once and for all, to the possibility of waging wars of plunder against the hitherto unprotected heart of Europe, thereby eliminating a temptation to war that had so often led France astray in earlier centuries, they enabled the German people to develop their political capabilities, which had hitherto been stunted, and they helped to establish, on a secure foundation, a new European system that has maintained peace for forty years. This blessing stemmed from the fact that German unity achieved in one fell swoop what Great Britain, despite all its expenditure of blood and money, had never been able to accomplish: namely, securing the balance of power so decisively that a major war became the most dangerous of all ventures.

[ 40 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn die Sache so ist, warum nennen sie denn das Volk in Mitteleuropa ein «Barbarenvolk»? Eine merkwürdige Einleitung findet sich vor dem Abdruck der Vorlesungen, aus denen ich Ihnen dieses zitiert habe. Sie werden den Namen des Lord Haldane in den ersten Zeiten der Kriegswochen in nicht angenehmer Weise in ihre Ohren haben hereinklingen hören. Aber gerade jener Lord Haldane — der ja auch gesprochen hat davon, dass die Engländer aus Überfülle an Moralität nichts anderes tun könnten, als zu den anderen Feinden Deutschlands sich hinzuzugesellen, um die Deutschen zu überfallen —, nun, dieser Lord Haldane, er hat eine Vorrede geschrieben zu den Vorträgen, aus der ich Ihnen eine Probe mitteilen möchte. In dieser Vorrede sagt der Lord, der jetzt behauptet, England könne jetzt nicht anders, als Deutschland züchtigen, er sagt:

[ 40 ] Well, ladies and gentlemen, if that is the case, why do they call the people of Central Europe a “barbarian people”? There is a curious introduction preceding the publication of the lectures from which I have quoted this passage for you. You will have heard the name of Lord Haldane ring in your ears in an unpleasant way during the early weeks of the war. But that very Lord Haldane—who, after all, also spoke of how the English, out of an abundance of morality, could do nothing else but join forces with Germany’s other enemies to attack the Germans—well, this Lord Haldane wrote a preface to the lectures, from which I would like to share an excerpt with you. In this preface, the lord—who now claims that England has no choice but to punish Germany—says:

Die Quelle des Stromes seines

The source of the stream of his

[ 41 ] — also Deutschlands —

[ 41 ] — that is, Germany's —

geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten [Griechenlands] hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret praktisch.

intellectual and political life lies in the Reformation. At the end of the eighteenth and the beginning of the nineteenth century, however, a current—unique in world history—began to flow in a way that has been as uninterrupted as it has been characteristic ever since. Since the days of ancient [Greece], the world has not witnessed such a spectacle of the closest fusion of the life of the statesman with that of the thinker. The spirit of today’s Germany is, to a high degree, concrete and practical.

[ 42 ] Ja, es steigt einem fast die Schamröte ins Gesicht, wenn man so etwas sagt. Aber ich sage es ja nicht, ich führe es bloß an. Dann sagt Lord Haldane:

[ 42 ] Yes, you almost blush with embarrassment when you say something like that. But I’m not the one saying it—I’m just quoting it. Then Lord Haldane says:

Der Einfluss wahrer Kenntnis kann allein des Misstrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner von uns im Sinne hat.

Only the influence of true knowledge can dispel the clouds of mistrust and free us from the burden of having to defend ourselves against attacks that, in reality, none of us intends to launch.

[ 43 ] Und eine Frau, welche acht Jahre in Deutschland verbracht hat, eine Engländerin, die während acht Jahren in Deutschland die Spitäler, die Hörsäle besucht hat, die Schulen studiert hat, die alles studiert hat, was ihr an Derartigem zugänglich war, sie unterscheidet sich von den übrigen Engländern mit Bezug auf ihre Kenntnisse darin, dass sie die Deutschen und ihre Einrichtungen wirklich kennengelernt hat. Sie gab ein Buch heraus, das Buch heißt: «Eight Years in Germany» von Miss Wylie. Dieses Buch erschien vor ganz kurzer Zeit, kaum einige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges. Miss Wylie hat manches, was sie hier in Deutschland kennengelernt hat vom deutschen Wesen, beschrieben. Ich will Ihnen nur ein paar Worte aus ihrem Buche mitteilen, und sie werden sehen, wie wiederum die Frage hingestellt werden muss, die den Gegenstand unserer heutigen Betrachtung bildet.

[ 43 ] And a woman who spent eight years in Germany—an Englishwoman who, during those eight years, visited hospitals and lecture halls, studied the schools, and studied everything of that nature that was accessible to her—differs from other English people in terms of her knowledge in that she has truly come to know the Germans and their institutions. She published a book titled *Eight Years in Germany* by Miss Wylie. This book was published very recently, barely a few weeks before the outbreak of the war. Miss Wylie has described many aspects of the German character that she came to know here in Germany. I would like to share just a few words from her book with you, and you will see how the question that is the subject of our discussion today must be reframed.

Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz. Und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]

An jeder Grenze und über dem Wasser

Forty years ago, Germany was fighting for its very existence. And it is still fighting for it today. It is completely wrong to believe that Germany has already reached its peak. It is waging a quiet but determined battle against powerful rivals whose power and experience were built up generations ago. [...]

At every border and across the water

[ 44 ] —also über dem Kanal —

[ 44 ] —that is, over the canal—

sitzen die Gegner kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen. Deutschland weiß das [auch] ganz genau.

Germany’s commercial and political opponents are sitting in wait, eagerly anticipating the moment when Germany shows even the slightest sign of weakness so they can pounce and bring it down. Germany knows this [as well] all too well.

[ 45 ] Wir sehen, so ganz unbekannt war deutsches Wesen durchaus nicht bei den anderen Völkern. Daher müssen wir die Frage der heutigen Betrachtung als die Frage, die von der späteren Geschichte diesen Völkern gestellt werden wird, wohl übersehen.

[ 45 ] We see that the German character was by no means entirely unknown to other peoples. Therefore, we must likely overlook the question of today’s perspective as the question that later history will pose to these peoples.

[ 46 ] Aber wie steht auf der anderen Seite zu gleicher Zeit das volle Unverständnis gegenüber demjenigen, was gerade mit dem Tiefsten, mit dem Geistigsten des deutschen Wesens zusammenhängt! Herman Grimm, der große Kunsthistoriker, er war es, welcher ein wunderbares Wort ausgesprochen hat. Er, dieser Herman Grimm — man spürt ihn geradezu als den Statthalter Goethes in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts —, er, der ganz drinnenstand im deutschen Wesen und der geistig und seelisch damit ganz verknüpft war, er sprach ein sehr bedeutsames Wort über die Biografie Goethes, die der Engländer Lewes geschrieben hat. Jener Lewes hat versucht, die alten Vorurteile der Engländer mit Bezug auf Goethe abzuschwächen. Denn bis zu Lewes glaubte jeder Engländer, die Deutschen verehrten einen Menschen Goethe, der eigentlich ein ganz unmoralischer Kerl wäre, trotzdem er ja einiges Schöne hervorgebracht habe. Mit Bezug auf Goethes ethisches Wesen hat dieser Mr. Lewes einiges geleistet. Aber wahr ist doch, was Herman Grimm sagt: Wenn man die Biografie von Lewes, die den Titel «Goethe-Biografie» trägt, durchliest, so hat man das Gefühl, Lewes schreibt über eine Persönlichkeit die 1749 in Frankfurt geboren wurde, eine Persönlichkeit, der Goethes Lebensschicksale angedichtet werden, der Goethes Werke zugeschrieben werden, die im März 1832 gestorben ist. Dasjenige aber, was der Deutsche in seinem Goethe hat, von dem ist auch nicht ein Hauch in der Biografie des Mr Lewes.

[ 46 ] But on the other hand, at the same time, there is a complete lack of understanding of precisely what is connected to the deepest, most spiritual aspects of the German spirit! Herman Grimm, the great art historian—it was he who uttered these wonderful words. He—this Herman Grimm, whom one can almost sense as Goethe’s representative in the second half of the nineteenth century—he, who was deeply immersed in the German spirit and was completely bound to it in mind and soul, spoke a very significant word about Goethe’s biography, written by the Englishman Lewes. This Lewes attempted to temper the old English prejudices regarding Goethe. For up until Lewes, every Englishman believed that the Germans revered a man named Goethe who was actually a thoroughly immoral fellow, even though he had produced some beautiful works. With regard to Goethe’s ethical character, this Mr. Lewes accomplished quite a bit. But it is true, as Herman Grimm says: When one reads through Lewes’s biography, which bears the title “Goethe Biography,” one gets the feeling that Lewes is writing about a figure born in Frankfurt in 1749—a figure to whom Goethe’s life story is attributed, to whom Goethe’s works are ascribed—who died in March 1832. Yet there is not even a hint in Mr. Lewes’s biography of what the German people see in their Goethe.

[ 47 ] Das ist eben dasjenige, was gerade in der deutschen Seele so tief veranlagt ist, die Universalität, das Aufgehenwollen in jener fließenden Geistigkeit und das Hereinverwandeln des Stromes der Geistigkeit in das eigene Wesen. Das ist es, was den Völkern, die um Deutschland herumwohnen, abgeht, und was sie im Grunde genommen bis heute noch sehr wenig aufgenommen haben. Und daher kann man sagen: Wahr ist, richtig ist so etwas, was Herman Grimm einmal auch sagte mit Bezug auf das Volk des Ostens. Da, sagte er, habe es gegeben einen Russen, der habe auch eine Biografie geschrieben, die Biografie Beethovens. Nichts von dem, was Beethoven wirklich ist, lebe in der Biografie drinnen.

[ 47 ] This is precisely what is so deeply ingrained in the German soul: universality, the desire to merge into that flowing spirituality, and the transformation of the stream of spirituality into one’s own being. This is what the peoples living around Germany lack, and what, fundamentally speaking, they have still absorbed very little of to this day. And so one can say: It is true, it is right—as Herman Grimm once said with regard to the peoples of the East. There, he said, there was a Russian who also wrote a biography—Beethoven’s biography. Nothing of what Beethoven truly is lives within that biography.

[ 48 ] Man vergleiche damit nur die selbstlose, hingebungsvolle Art, wie der deutsche Geist, der immer werden will, sich in das, was über die Welt verbreitet ist, hineinvertiefen will, wie er, mit Außerachtlassung seiner eigenen Charaktereigentümlichkeit in fremde Eigentümlichkeiten sich hineinzufinden weiß. Wie hat der deutsche Geist Shakespeares Geist mit seinem eigenen vereinigt. Da darf wohl, wenn solches in einem Volke erlebt wird, da darf wohl ein Herman Grimm solches mit Bezug auf die angebliche Biografie Goethes des Mister Lewes aussprechen. Und wenn man sieht, wie wenig Herz und Sinn vorhanden war eigentlich bei denjenigen, welche sich vielfach die Führer der anderen Völker genannt haben, so begreift man vieles. Vieles begreift man, wenn man sich so recht hineinvertieft in dasjenige, was man zusammen erleben kann mit dem deutschen Geiste, so kann man sagen: Es ist wirklich etwas in diesem deutschen Geiste von jener faustischen Stimmung, welche des Lebens große Rätsel auf der einen Seite hineingeheimnisst in: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis», aber auf der anderen Seite sagt: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.» Und im deutschen Geiste lebt etwas, was über allen Pessimismus hinausführen muss, etwas, was Zukunftssicherheit und Zukunftshoffnung auf wahrer Grundlage begründet. Wie wenig ist das aber im Grunde in die Herzen und Seelen derjenigen eingegangen, die mit einiger Aufrichtigkeit in anderen Völkern suchen nach dem, was den Geist befreit und die Harmonie in die befreite Menschenseele hineinbringen kann.

[ 48 ] One need only compare this with the selfless, devoted manner in which the German spirit—which is always striving to become—seeks to immerse itself in what is spread throughout the world, and how, setting aside its own distinctive character, it knows how to find its way into foreign peculiarities. How has the German spirit united Shakespeare’s spirit with its own? When such a thing is experienced within a people, it is only natural that a man like Herman Grimm should speak of it in reference to Mr. Lewes’s alleged biography of Goethe. And when one sees how little heart and understanding were actually present in those who have often called themselves the leaders of other peoples, one comes to understand many things. One comes to understand much when one truly immerses oneself in what one can experience together with the German spirit; then one can say: There is truly something in this German spirit of that Faustian mood which, on the one hand, shrouds life’s great mysteries in the saying, “All that is transitory is but a parable,” but on the other hand declares: “Whoever strives with all their might, we can redeem them.” And within the German spirit lives something that must lead beyond all pessimism, something that establishes certainty and hope for the future on a true foundation. Yet how little of this has truly penetrated the hearts and souls of those who, with some sincerity, seek among other peoples that which liberates the spirit and can bring harmony into the liberated human soul.

[ 49 ] Ich möchte Ihnen charakterisieren, wie einer der bedeutendsten Russen, Alexander Herzen, dazumal eine Art Seelen-Entente begründete mit dem Engländer Stuart Mill; dass einer der besten russischen Geister, Herzen, sich vertiefte in die Philosophie des Engländers Stuart Mill, in jene im Grunde genommen ganz auf materialistischem Standpunkte stehende Weltanschauung, dass er fand, hinblickend über Europa, dass im Grunde genommen diese Kultur Europas keinen Trost, keine Hoffnung für die Zukunft der Menschheit geben kann. Charakteristische Worte dieses Russen sind es, die wirklich blitzartig beleuchten dasjenige, was in Europa einander gegenüberstand seit langer Zeit, und was jetzt in diesem furchtbaren Kriegsflammen zum Ausdruck kommen musste. Herzen sagt von Stuart Mill:

[ 49 ] I would like to describe to you how one of the most significant Russians, Alexander Herzen, established a kind of “entente of souls” with the Englishman Stuart Mill; that one of the finest Russian minds, Herzen, immersed himself in the philosophy of the Englishman Stuart Mill—in that worldview, which is, at its core, entirely based on a materialist standpoint—and that, looking out over Europe, he concluded that, fundamentally, this European culture could offer no consolation, no hope for the future of humanity. It is this Russian’s characteristic words that truly illuminate, in a flash, what has long been at odds in Europe and what has now inevitably come to expression in the flames of this terrible war. Herzen says of Stuart Mill:

[Er übertrieb durchaus nicht, wenn er von der Einengung des Verstandes, der Energie sprach, von der Abgeschliffenheit der Persönlichkeiten, von der beständigen Verflachung des Lebens, vom beständigen Ausschließen allgemein menschlicher Interessen aus dem Leben, von der Reduzierung derselben auf die Interessen des kaufmännischen Comptoirs und des bürgerlichen Wohlstandes. Mill spricht unumwunden davon, dass auf diesem Wege England zu China werden wird — und wir setzen hinzu: und nicht allein England.]

[He was by no means exaggerating when he spoke of the narrowing of the mind and of energy, of the blunting of personalities, of the constant dumbing down of life, of the constant exclusion of universal human interests from life, and of the reduction of those interests to the concerns of the commercial office and bourgeois prosperity. Mill speaks plainly of how, in this way, England will become like China—and we would add: and not just England.]

[ 50 ] Und wir setzen hinzu: Nicht allein England! Denn Stuart Mill meint, mit England müsse ganz Europa zu China werden. Wir bekommen nur die Antwort auf die Frage: Wie konnte selbst in dem Herzen eines Strebenden solch eine Meinung aufkommen? — eine Antwort, wenn wir sehen, wie er vorbeigeht an jenem Streben, das Goethe in seinem «Faust» sagen lässt: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen», vorbeigeht auch an dem, was Fichte, Goethe, Schiller der ganzen neuzeitigen Entwicklung sein können. Wer so spricht, kennt nicht den deutschen Geist, jenen deutschen Geist, von dem wir uns aber in unseren schicksalstragenden Tagen sagen werden: In ihm lebt die Kraft, die zwar nicht, wie der Russe meint, zum Richtfeld und Scheiterhaufen, aber zu Druck und Tod, zu unendlichen Schmerzen und Leiden geht, um das zu verteidigen, was die deutsche Seele und ihre Mission in der Welt ist.

[ 50 ] And we might add: Not just England! For Stuart Mill believes that, along with England, all of Europe must become like China. We are left with only one answer to the question: How could such an opinion arise even in the heart of a man who strives for greatness? — an answer that becomes clear when we see how he overlooks that striving which Goethe has his “Faust” express: “Whoever strives with all his might, we can redeem him,” and also overlooks what Fichte, Goethe, and Schiller represent for the entire modern era. Whoever speaks this way does not know the German spirit—that German spirit of which we will say, in these fateful days: Within it lives the power that, though not, as the Russian believes, leading to the execution ground and the pyre, does lead to oppression and death, to endless pain and suffering, in order to defend what the German soul and its mission in the world are.

[ 51 ] Allerdings, wenn Emerson in Goethe geradezu den Repräsentanten deutschen Wesens sieht, und einer der gegenwärtigen Intellektuellen Russlands die folgenden Worte über Goethe findet, Mereschkowski, der sogar Goethe zu verehren vorgibt — man lasse sich nur nicht täuschen, lasse sich in seinen «Führenden Geistern», die jetzt ins Deutsche übersetzt sind, nicht täuschen, denn derjenige, der Goethe wirklich erkennt, dem ist es unmöglich, dass er solche Worte über Goethe, den Repräsentanten des modernen Geisteslebens spricht, wie der Russe Mereschkowski gesprochen hat. Er sagt:

[ 51 ] However, while Emerson sees Goethe as the very embodiment of the German spirit, one of Russia’s contemporary intellectuals has this to say about Goethe: Merezhkovsky, who even pretends to revere Goethe—let us not be deceived, let us not be deceived by his *Leading Spirits*, which have now been translated into German, for anyone who truly understands Goethe would find it impossible to speak such words about Goethe, the representative of modern intellectual life, as the Russian Merezhkovsky has done. He says:

Wenn Goethe [von der] Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.

When Goethe speaks of the French Revolution, he suddenly bends down toward the ground, just as a giant might be crushed by an evil spell and shrivel into a dwarf; from a Hellenic demigod he becomes a German citizen and—may the shadow of the Olympian have mercy on me—a German philistine, “Mr. von Goethe,” Privy Councilor to the Duke of Weimar, and the respectable son of a respectable Frankfurt shopkeeper.

[ 52 ] Nehmen wir an, Goethe erschiene so in gewissen Lagen seines Lebens dem Mereschkowski; wer aber Goethe und dasjenige, was er der Menschheit ist, erkennt, der sagt so etwas nicht. Denn es kommt nicht bloß darauf an, ob man irgendetwas für richtig hält, sondern ob man genug Geistigkeit hat, es zu sagen, oder nicht. In diesen Worten liegt etwas, was die Welt erst noch vom deutschen Geist zu lernen haben wird.

[ 52 ] Let us suppose that Goethe appeared to Mereschkowski in this way during certain periods of his life; but anyone who recognizes Goethe and what he means to humanity would not say such a thing. For it is not merely a matter of whether one considers something to be correct, but whether one possesses enough spiritual insight to say it or not. There is something in these words that the world still has to learn from the German spirit.

[ 53 ] Aber allerdings, wenn wir jetzt sehen, wie vom Osten her zertreten werden soll dasjenige, was deutsches Geistesleben ist, wie vom Osten her dieses deutsche Geistesleben, im Bunde mit den Westvölkern, in Grund und Boden getreten werden soll, dann dürfen wir fragen: Wie steht es denn mit dem Verständnis und der Verständnismöglichkeit vonseiten desjenigen, was da im Osten ist, mit Bezug auf das deutsche Wesen?

[ 53 ] But indeed, when we now see how that which constitutes German spiritual life is to be trampled underfoot from the East, how this German spiritual life—in alliance with the Western peoples—is to be crushed to the ground from the East, then we may ask: What, then, is the state of understanding—and the potential for understanding—on the part of those in the East with regard to the German essence?

[ 54 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wiederum spreche nicht ein Deutscher, wiederum will ich nicht selber sprechen, sondern ich lasse einen Angehörigen des russischen Volkes selbst sprechen, den Philosophen Solowjow, der im Grunde genommen nicht bloß Philosoph, der Seher ist, der von den ausgezeichnetsten Russen selber als ein Repräsentant des Russentums angesehen wird. Fragen wir ihn. Wie muss er dasjenige, was Jahrzehnte lang geschmäht worden ist durch russische Intellektuelle und andere Verführer in dem russischen Volke, wie muss er diese Vergötterung des Rassenprinzips mit Ausschluss des Bildungsprinzips, wie muss er diese rohe Kraft beurteilen im Verhältnis zu Europa? Hören wir ihn, nicht uns selbst; hören wir den Russen über die Russen, nicht über die intimen Kräfte des russischen Volkes, sondern über die Kräfte, die durch Verschwörungen des verlogenen Panslawismus und des verlogenen Großfürstentums zustande gekommen sind. Hören wir den Russen über alles dasjenige, was sich lange vorbereitet hat, hören wir ihn sprechen. Er sagt: «Warum liebt uns Europa nicht?» Und er antwortet darauf:

[ 54 ] Well, my esteemed audience, once again it is not a German who is speaking; once again, I do not wish to speak myself, but rather I will let a member of the Russian people speak for himself—the philosopher Soloviev, who, in essence, is not merely a philosopher but a seer, regarded even by the most distinguished Russians themselves as a representative of the Russian spirit. Let us ask him. How must he assess that which has been reviled for decades by Russian intellectuals and other demagogues among the Russian people—how must he assess this idolization of the racial principle to the exclusion of the principle of education, how must he assess this brute force in relation to Europe? Let us listen to him, not to ourselves; let us hear the Russian speak about the Russians—not about the inner forces of the Russian people, but about the forces that have come into being through the conspiracies of mendacious Pan-Slavism and the mendacious Grand Duchy. Let us hear the Russian speak about all that has long been in the making; let us hear him speak. He says: “Why does Europe not love us?” And he answers:

Europa [...] schaut auf uns mit Befürchtung und mit Unwillen, da die elementare Kraft des russischen Volkes dunkel und rätselhaft, seine geistigen und kulturellen Kräfte minderwertig, seine Ansprüche dagegen deutlich, bestimmt und groß sind.

Laut ertönt in Europa das Geschrei unseres Rationalismus, der die Türkei und Österreich vernichten, die Deutschen schlagen, Konstantinopel und, wenn es gelänge, auch Indien an sich reißen möchte. Wollte man uns aber fragen, womit wir nach Einnahme und Vernichtung alles dessen die Menschheit beglücken werden, so können wir nur schweigen oder sinnlose Phrasen herplappern. [...] Somit [...] besteht jene wesentlichste, ja die einzig wichtige Frage, deren sich ein ehrlicher und vernünftiger Patriotismus annehmen sollte, nicht in der Macht und Sendung Russlands, sondern in dessen Sünden.

Europe [...] looks upon us with fear and resentment, for the elemental power of the Russian people is dark and enigmatic, its intellectual and cultural powers are inferior, while its aspirations, on the other hand, are clear, resolute, and grand.

The clamour of our rationalism resounds loudly throughout Europe—a rationalism that seeks to destroy Turkey and Austria, to defeat the Germans, and to seize Constantinople and, if possible, India as well. But if one were to ask us how we intend to bring happiness to humanity after seizing and destroying all of this, we can only remain silent or spout meaningless platitudes. [...] Thus [...] the most essential—indeed, the only important—question that an honest and reasonable patriotism should address lies not in Russia’s power and mission, but in its sins.

[ 55 ] Weil dasjenige, über das der Russe also selber sprechen muss, eingeführt worden ist durch die Mächte, von denen ich eben in Andeutung gesprochen habe, bereitete sich seit Jahrzehnten dasjenige vor gerade von Osten herüber, was jetzt unter so furchtbaren Stürmen verwüstend über Europa hinzieht. Denn, wenn von so vielen Seiten die Frage aufgeworfen wird: «Wer hat den Krieg gewollt?», so braucht die Frage nur umgewandelt zu werden in eine andere: «Wer hätte den Krieg verhindern können?» Und auf diese Frage gibt es eine eindeutige Antwort, die die Geschichte auch geben muss: Einzig und allein Russland hätte den Krieg verhindern können. Selbstverständlich werden auch die Westmächte daran zu tragen haben, denn ohne sie hätte Russland sich den Krieg erspart, jetzt wenigstens. Doch darüber können nur Andeutungen gegeben werden. Für den Deutschen, der dasjenige, was ich mit Kohle-Strichen habe zeichnen können, in seiner Seele wirken lässt, für ihn muss das, was jetzt unter so unsäglichen Opfern in Ost und West zu bekämpfen ist, etwas sein, was Augen-öffnend wirkt, was uns darauf hinweist, wie sehr wir nötig haben, uns auf uns selbst zu besinnen, uns zu besinnen auf dasjenige, was uns auffinden lässt die starken Kräfte des deutschen Wesens. An der Zahl seiner Feinde kann der Deutsche die Notwendigkeit dieses seines Suchens nach seiner ihm ureigenen, auf sich selbst gestellten Kraft ermessen. In dieser Beziehung kann manches für uns lehrreich sein.

[ 55 ] Because the very thing the Russian must now address himself was introduced by the powers I have just alluded to, what is now sweeping devastatingly across Europe amid such terrible storms has been brewing for decades, coming precisely from the East. For when the question is raised from so many quarters: “Who wanted the war?”, the question need only be rephrased as: “Who could have prevented the war?” And to this question there is a clear answer, which history must also provide: Russia, and Russia alone, could have prevented the war. Of course, the Western powers will also bear some responsibility, for without them Russia would have spared itself the war—at least for now. But only hints can be given on this point. For the German who allows what I have been able to sketch with charcoal strokes to take root in his soul, for him, what must now be fought against amid such unspeakable sacrifices in the East and West must be something that opens one’s eyes —an eye-opener—that points out to us how desperately we need to reflect on ourselves, to reflect on that which allows us to discover the strong forces of the German spirit. By the number of his enemies, the German can gauge the necessity of this search for his own, inherently unique strength, rooted in himself. In this regard, many things can be instructive for us.

[ 56 ] Wir haben geglaubt, dass ein Verständnis aufdämmern würde namentlich bei den Franzosen für das deutsche Wesen. Es hat sonderbarerweise noch ganz kurz vor dem Kriege Menschen gegeben, welche geglaubt haben, dass in dem jugendlichen Frankreich Verständnis zu finden sei für das deutsche Wesen. Ich muss zum Schlusse denn doch noch auch auf diese Sache einiges Licht werfen. Es haben sich einige, man kann schon sagen unserer besten Deutschen verwundert, dass ein Franzose, Romain Rolland, der einer der ersten war, die mit Verhaeren und anderen zusammen die bittersten Schmähungen gegen den deutschen «Barbarismus» gefunden haben, denn in Romain Rolland fand man einen Geist, der deutsches Wesen, der Deutschland wohl verstünde. Warum fand man dieses? Ja, die Frage ist schwer zu beantworten, recht schwer. Dieser Romain Rolland hat nämlich einen Roman geschrieben. In diesem Roman spielt ein Deutscher, Jean-Christophe, eine Rolle. Ich weiß wohl, dass ich ein Urteil abgebe, das vor jeder Ästhetik bestehen kann, und ich bin gewappnet gegen die, die das Urteil «barbarisch» finden, das ich abgebe.

[ 56 ] We believed that an understanding of the German character would begin to dawn, particularly among the French. Strangely enough, even very shortly before the war, there were people who believed that youthful France would show an understanding of the German character. In conclusion, I must shed some light on this matter after all. Some—one might even say some of our finest Germans—were surprised to find that a Frenchman, Romain Rolland, who was one of the first, along with Verhaeren and others, to level the bitterest invectives against German “barbarism,” was in fact a man who understood the German spirit and Germany well. Why was this the case? Well, the question is difficult to answer—very difficult indeed. For this Romain Rolland has, in fact, written a novel. In this novel, a German, Jean-Christophe, plays a role. I am well aware that I am making a judgment that can stand up to any aesthetic scrutiny, and I am prepared to face those who find the judgment I am making “barbaric.”

[ 57 ] Dieser Romain Rolland schrieb also seinen Roman «Jean-Christophe». Der Held ist ein Deutscher, aber er ist zusammengebraut so, dass sich ein wüstes Chaos ergibt. Dieser Charakter ist zusammengebraut aus Beethovens Jugendschicksalen, den Schicksalen Richard Wagners, Richard Strauss’ und Gustav Mahlers. Das alles ist in einem Wirrwarr in diesem Charakter zusammengebraut. Ein Charakter ist daraus geprägt, der in künstlerisch-ästhetischer Beziehung im Grunde genommen für jeden, der wirklich für Charakterschilderungen Sinn hat, ein widerwärtiger ist. Und dieser Jean-Christophe — auf deutsch, dieser Johann Christof Kraft —, er wird uns dargestellt, wie er hineingestellt ist in die schrecklichen deutschen Verhältnisse. Seine Jugend macht er als Deutscher unter Deutschen durch, aber er kann es nicht aushalten in diesen deutschen Verhältnissen. Da muss er denn aus diesen deutschen Verhältnissen heraus, in Deutschland wird er nicht anerkannt. Er findet zwar einige Verehrer, aber er kann eben das deutsche Wesen nicht aushalten. Er geht dann nach Frankreich. In Paris bekommt er erst das, was ihn zum Vollmenschen macht. Das wird geschildert, und noch anderes, was im Grunde genommen eben recht chaotisch ist, wie auch der Jean-Christophe selber.

[ 57 ] So this Romain Rolland wrote his novel *Jean-Christophe*. The hero is a German, but he is cobbled together in such a way that the result is utter chaos. This character is cobbled together from the early lives of Beethoven, Richard Wagner, Richard Strauss, and Gustav Mahler. All of this is jumbled together in this character. The result is a character who, from an artistic and aesthetic standpoint, is fundamentally repulsive to anyone who truly appreciates character portrayals. And this Jean-Christophe—in German, Johann Christof Kraft—is presented to us as he is thrust into the terrible conditions of German society. He spends his youth as a German among Germans, but he cannot bear these German conditions. So he must escape from them; he is not accepted in Germany. Although he finds a few admirers, he simply cannot tolerate the German spirit. He then goes to France. It is only in Paris that he finds what makes him a fully realized human being. This is described, along with other aspects that are, in essence, quite chaotic—just like Jean-Christophe himself.

[ 58 ] Und es ist uns sogar von Kritikern gesagt worden, dass dieser Roman eine der bedeutendsten Taten für die Aussöhnung des deutschen und des französischen Geistes nach 1870 sei. Und jemand hat das Folgende über diesen Roman gesagt:

[ 58 ] We have even been told by critics that this novel is one of the most significant contributions to the reconciliation of the German and French spirits after 1870. And someone has said the following about this novel:

Ich finde mich selbst verwirrt, wie vielfach ich Ihnen eigentlich danken muss. Der Mensch, der Genießer, der Künstler, der Deutsche, der [Weltfrohe] in mir, jeder drängt sich vor und will Ihnen ein Wort sagen. Aber ein andermal soll der Künstler über diesen Roman sprechen, ein andermal der Genießer, und der Mensch will warten, bis er Ihnen wieder die Hand drücken darf. Heute soll nur der Deutsche danken; denn ich habe das Gefühl, die französische Jugend ist uns näher geworden durch dieses Buch, das mehr getan hat als alle Diplomaten, Bankette und Vereine.

I find myself at a loss as to how many times I should actually thank you. The human being, the connoisseur, the artist, the German, and the [worldly optimist] within me—each is jostling to the front, eager to say a word to you. But let the artist speak about this novel another time, and the connoisseur another time, and the human being will wait until he may shake your hand again. Today, let only the German express his gratitude; for I have the feeling that French youth has grown closer to us through this book, which has accomplished more than all the diplomats, banquets, and associations combined.

[ 59 ] Es druckte jemand diese Kritik als Brief an Romain Rolland.

[ 59 ] Someone published this review as a letter to Romain Rolland.

[ 60 ] In diesem Buche — verzeihen Sie, dass ich diese Stelle hervorhebe, aber ich darf sie hervorheben, ohne irgendein künstlerisches Prinzip zu verletzen, einfach aus dem Grunde, dass man bei Romain Rolland, der ein schlechter Romanschreiber ist, diesen Romain Rolland selbst durch seine Personen hindurchhört. Wenn er seinen Personen Charakterzüge gibt, die ihm willkommen sind, weil er über dieses deutsche Wesen, das er «so gut kennt», sich auslassen will. Es kommt darauf an, welche Nuancen diesem jungen Franzosen vor Augen stehen, da er doch so gut das deutsche Wesen verstehen soll. Da lesen wir denn das Folgende, das zustande kommt bei einem Gespräch eines Besuchers:

[ 60 ] In this book—forgive me for highlighting this passage, but I may do so without violating any artistic principle, simply because in Romain Rolland, who is a poor novelist, one can hear Romain Rolland himself speaking through his characters. When he endows his characters with traits that are welcome to him, because he wants to expound on this German nature that he “knows so well.” It all depends on what nuances this young Frenchman has in mind, since he is supposed to understand the German nature so well. We then read the following, which comes up during a conversation with a visitor:

Seit den deutschen Siegen taten die Deutschen alles, um Kompromisse zu schließen, einen widerlichen Mischmasch aus neuer Macht und alten Grundsätzen zustande zu bringen. Auf den alten Idealismus wollte man nicht verzichten: Das wäre eine Tat des Freimuts gewesen, zu der man nicht fähig war; man hatte sich, um [ihn] den deutschen Interessen dienstbar zu machen, damit begnügt, ihn zu verfälschen. Man folgte dem Beispiel Hegels, des heiter doppelzüngigen Schwaben, der Leipzig und Waterloo abgewartet hatte, um den Grundgedanken seiner Philosophie dem preußischen Staat anzupassen

Ever since the German victories, the Germans have done everything in their power to strike compromises, creating a repulsive hodgepodge of new power and old principles. They did not want to renounce their old idealism: that would have been an act of boldness of which they were incapable; instead, in order to make [it] serve German interests, they had contented themselves with distorting it. They followed the example of Hegel, the cheerfully duplicitous Swabian who had waited for the outcomes of Leipzig and Waterloo in order to adapt the fundamental ideas of his philosophy to the Prussian state

[ 61 ] — 1806 hat Hegel unter dem Kanonendonner der Schlacht von Jena sein grundlegendes Werk, indem die Grundstriche aller seiner späteren Werke enthalten waren, geschrieben, 1806. Der Franzose, der auch Hegel nicht gelesen hat, oder wenn schon, dann ohne Verständnis, er sagt, dass Hegel «Leipzig und Waterloo» abgewartet habe. Und weiter —

[ 61 ] — In 1806, amid the thunder of cannon fire at the Battle of Jena, Hegel wrote his seminal work, which contained the fundamental principles of all his later works, in 1806. The Frenchman, who has not read Hegel either—or if he has, then without understanding—says that Hegel waited for “Leipzig and Waterloo.” And further—

und änderte jetzt, nachdem die Interessen andere geworden waren, auch die Prinzipien. War man geschlagen, so sagte man, Deutschlands Ideal sei die Menschheit. Jetzt, da man die andern schlug, hieß es, Deutschland sei das Ideal der Menschheit. Solange die andern Länder die mächtigeren waren, sagte man mit Lessing, dass die Vaterlandsliebe eine heroische Schwäche sei, die man sehr gut entbehren könne, und man nannte sich Weltbürger. Jetzt, da man den Sieg davontrug, konnte man nicht genug Verachtung für die «französischen» Utopien aufbringen: als da sind Weltfrieden, Brüderlichkeit, friedlicher Fortschritt, Menschenrechte, natürliche Gleichheit; man sagte, das stärkste Volk habe den andern gegenüber ein absolutes Recht, während die andern als die Schwächeren ihm gegenüber rechtlos seien. Es schien, der lebendige Gott und der fleischgewordene Geist zu sein, dessen Fortschritt sich durch Krieg, Gewalttat und Unterdrückung vollzog.

and now, since interests had changed, it also changed its principles. When Germany was defeated, it was said that Germany’s ideal was humanity. Now that they were defeating others, they claimed that Germany was the ideal of humanity. As long as other countries were the more powerful ones, they said, echoing Lessing, that patriotism was a heroic weakness that one could very well do without, and they called themselves citizens of the world. Now that they had emerged victorious, they could not muster enough contempt for the “French” utopias—such as world peace, brotherhood, peaceful progress, human rights, and natural equality; they claimed that the strongest nation had an absolute right over the others, while the others, as the weaker ones, had no rights in relation to it. It seemed to be the living God and the Spirit made flesh, whose progress was achieved through war, violence, and oppression.

[ 62 ] So gut hat der Franzose die Deutschen verstanden!

[ 62 ] That's how well the Frenchman understood the Germans!

Die Macht war jetzt, da man sie auf seiner Seite hatte, heiliggesprochen. Macht war jetzt der Inbegriff alles Idealismus und aller Vernunft geworden.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss man sagen, dass Deutschland jahrhundertelang so sehr darunter gelitten hatte, Idealismus ohne Macht zu besitzen, dass es nach so viel Prüfungen wohl entschuldbar war, wenn es jetzt das traurige Geständnis ablegte, es bedürfe vor allen der Macht, wie immer sie beschaffen sein möge. Wie viel verborgene Bitternis aber lag in solchem Bekenntnis des Volkes eines Herder und Goethe! Und welch Verzicht, welche Erniedrigung des deutschen Ideals lag in diesem deutschen Sieg! — Und ach, dieser Verzicht fand nur allzu viel Entgegenkommen in der beklagenswerten Neigung aller besten Deutschen, sich unterzuordnen.

«Was den Deutschen charakterisiert», sagte Möser schon vor mehr als einem Jahrhundert, «ist der Gehorsam».

Und Frau von Stael: «Sie parieren ordentlich. Sie nehmen philosophische Vernunftgründe zu Hilfe, um das Unphilosophischeste auf der Welt zu erklären: den Respekt vor der Macht und die Gewöhnung an Furcht, die den Respekt in Bewunderung verwandelt.»

Christof fand dies Gefühl beim Größten und beim Kleinsten in Deutschland wieder

Now that power was on their side, it had been sanctified. Power had now become the very embodiment of all idealism and all reason.

To be fair, one must say that Germany had suffered so greatly for centuries from possessing idealism without power that, after so many trials, it was quite excusable if it now made the sad confession that what it needed above all else was power, whatever form it might take. But how much hidden bitterness lay in such a confession by the people of Herder and Goethe! And what a renunciation, what a humiliation of the German ideal lay in this German victory! — And alas, this renunciation found all too much willingness in the lamentable tendency of all the best Germans to submit.

“What characterizes the Germans,” Möser said more than a century ago, “is obedience.”

And Madame de Staël: “You parry neatly. You resort to philosophical rationales to explain the most unphilosophical thing in the world: respect for power and the habituation to fear, which transforms respect into admiration.”

Christof found this sentiment reflected in both the greatest and the humblest in Germany

[ 63 ] — deshalb muss er aus Deutschland heraus —,

[ 63 ] — that's why he has to leave Germany —,

von Wilhelm Tell an, dem bedächtigen, kleinen Spießbürger mit den Lastträgermuskeln, der, wie der freie Jude Börne sagt: «um Ehre und Angst miteinander in Einklang zu bringen, vor dem Pfahl des dieben Herrn Gessler mit gesenkten Augen vorbeigeht, damit er sich darauf berufen könne, dass der nicht ungehorsam ist, welcher den Hut nicht sah», bis hinauf zu dem ehrenwerten siebzigjährigen Professor Weiße, einem der meistgeachteten Gelehrten der Stadt, der, wenn ein Herr Leutnant an ihm vorüber kam, ihm eilfertig den Fußsteig überließ, und auf den Fahrdamm [hinunterging].

Deutschland

from Wilhelm Tell, the cautious, petty-bourgeois man with the muscles of a porter, who, as the free Jew Börne says: “To reconcile honor and fear, he walks past the stake of the thieving Lord Gessler with his eyes downcast, so that he may claim that he who did not see the hat is not disobedient,” all the way up to the honorable seventy-year-old Professor Weiße, one of the city’s most respected scholars, who, whenever a lieutenant passed him, would hastily yield the sidewalk to him and step down onto the road.

Germany

[ 64 ] — so sagt an einer anderen Stelle dieser gute Deutschenversteher Frankreichs weiter,

[ 64 ] — so this Frenchman, who understands the Germans so well, goes on to say elsewhere,

Deutschland trägt wirklich die Hauptsündenlast Europas. Wenn man den Sieg errungen hat, so ist man dafür verantwortlich: Man hat eine Schuld gegen die Besiegten auf sich geladen; man hat die schweigende Verantwortung übernommen, vor ihnen herzuschreiten, ihnen den Weg zu weisen. Der siegende Ludwig XIV. brachte der Welt den Glanz der französischen Vernunft. Welches Licht hat das Deutschland von Sedan der Welt gebracht?

Germany truly bears the main burden of Europe’s sins. Once victory has been achieved, one is responsible for it: one has incurred a debt to the vanquished; one has assumed the silent responsibility to lead the way for them, to show them the path. The victorious Louis XIV brought the splendor of French reason to the world. What light has the Germany of Sedan brought to the world?

[ 65 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, Sie werden es nicht wunderbar finden vielleicht, wenn Sie dieses gehört haben, dass dieser Franzose unter den Ersten war, die im «Matin» mit den anderen über den deutschen «Barbarismus» geheult haben. Sie werden es aber wunderbar finden, dass man geglaubt hat, dieses Buch, dieser Roman von Romain Rolland sei eine der bedeutendsten Taten seit 1870, um den Frieden herbeizuführen. Man hat ihn sehr schnell ins Deutsche übersetzt. Die drei ersten Bände sind kurz vor dem Kriege erschienen. Aber, er will die Deutschen kennen, dieser Franzose, er will sie auch schildern, wo er charakteristische Momente bei diesen Deutschen findet. Wie gesagt, er übt ja die Praxis der schlechten Romanschreiber, die selbst immer hörbar sind, wenn sie ihre Personen reden lassen. So schildert er denn etwas, was er wirklich gut bei den Deutschen findet, dieser Franzose, über den man sich besonders wundert, wenn er ins Horn des «Matin» et cetera bläst. Er schildert wie einen Verehrer Jean-Christophe in einem Ulmer Professor gefunden hat. Er macht ihm einen Besuch. Da schildert der Franzose das, was er eine «deutsche Mahlzeit» nennt. Sie war so gut, die deutsche Mahlzeit, dass selbst die Köchin Salomé durch die Türe hindurchguckt, wie es den Herren mundet, die da mit Jean-Christophe zusammensitzen. Da findet dann der Franzose die «Größe» Deutschlands.

[ 65 ] Well, ladies and gentlemen, you may not find it all that surprising, having heard this, that this Frenchman was among the first to join the others in *Le Matin* in wailing about German “barbarism.” But you will find it astonishing that people believed this book—this novel by Romain Rolland—to be one of the most significant acts since 1870 aimed at bringing about peace. It was translated into German very quickly. The first three volumes were published shortly before the war. But this Frenchman wants to understand the Germans; he also wants to portray them whenever he finds characteristic moments in their behavior. As I said, he follows the practice of poor novelists, who always make themselves audible when they have their characters speak. So this Frenchman—whom one finds particularly puzzling when he toots the horn for *Le Matin* and the like—describes something he truly admires about the Germans. He describes how Jean-Christophe found an admirer in a professor from Ulm. He pays him a visit. There, the Frenchman describes what he calls a “German meal.” It was so good, this German meal, that even the cook, Salomé, peeks through the door to see how the gentlemen sitting there with Jean-Christophe are enjoying their meal. It is then that the Frenchman discovers the “greatness” of Germany.

Es war eine Ausstellung der unvergesslichen, ehrlichen, unverfälschten deutschen Küche mit ihren Düften aller Kräuter, ihren dicken Saucen, ihren nahrhaften Suppen, ihren vorbildlichen Fleischgerichten, ihren monumentalen Karp fen, ihrem Sauerkraut, ihren Gänsen, ihren Haustorten, ihren Anis- und Kümmelbroten.

It was a showcase of unforgettable, authentic, unadulterated German cuisine—with its aromas of all kinds of herbs, its thick sauces, its hearty soups, its exemplary meat dishes, its monumental carp, its sauerkraut, its geese, its homemade cakes, and its anise and caraway breads.

[ 66 ] Da schildert er etwas, was er als Gutes bei den Deutschen schildert will. Aber nun ist unter denjenigen, die also dazumal gekommen sind zu dem deutschen Professor, der wirklich auch nicht gerade hervorragend schön geschildert wird von dem die Deutschen so gut verstehenden Franzosen, einer, der gut singen kann. Und Musik liebt ja Romain Rolland. Seine Kritiker haben gesagt, sein Roman sei «der Roman der Musik der Neuzeit». Und er selber habe gerade durch die Musik Deutschland lieb gewonnen. Da schildert er also einen, der singen kann. Und er schildert ihn so, dass man sieht, er, Jean-Christophe, legt sich die Frage vor, warum ein Deutscher singen kann.

[ 66 ] There he describes something he intends to portray as a positive trait of the Germans. But among those who came to visit the German professor at that time—a man who, incidentally, is not exactly portrayed in the most flattering light by this Frenchman who claims to understand the Germans so well—there is one who can sing well. And Romain Rolland certainly loves music. His critics have said that his novel is “the novel of modern music.” And he himself came to love Germany precisely through music. So here he describes someone who can sing. And he describes him in such a way that one sees that Jean-Christophe is asking himself why a German can sing.

[ 67 ] Das ist deshalb, weil die Deutschen gar nicht wissen, wie man singt. Sie werden von der Kraft des Gesanges gepackt und der Gesang wirkt bei ihnen wie durch ein Werkzeug. Der Geist der Lieder bemächtigte sich ihrer, und sie gehorchen ihm. Denn die Seele des Deutschen muss das tun. Diese Seele gehorcht dem Lied, wie der Soldat dem Feldherrn gehorcht.

[ 67 ] That is because the Germans do not know how to sing at all. They are gripped by the power of song, and the song works through them as if through a tool. The spirit of the songs took hold of them, and they obey it. For the German soul must do so. This soul obeys the song just as a soldier obeys his commander.

[ 68 ] So ungefähr schildert der die Deutschen so gut verstehende Franzose das [deutsche] Gesangeswesen.

[ 68 ] This is roughly how the Frenchman, who understands the Germans so well, describes the [German] singing tradition.

[ 69 ] Und dann gibt er uns auch einige Gesichtspunkte, wie der Mensch, der so singt, ausgesehen hat. Und damit Sie auch in dieser Gegend etwas Gutes aus dem Buche des Franzosen haben, will ich Ihnen auch mitteilen, dass er diesen Sänger, von dem er zugibt, dass er ausgezeichnet singt, aus den Gründen, die ich angeführt habe, gut singt, schildert als einen dicken Menschen, der immer schwitzt, wenn er Schritte macht, namentlich aber, wenn er Töne von sich gibt. Er schildert sein Wesen, seine ganze Gestalt. Dann sagt er: Er sah aus wie ein Bayer, eine besondere Abart der Deutschen. — Von diesen Bayern findet er, dass sie solche Menschen recht viele haben, denn diese Bayern hätten das Geheimnis, diese Menschenrasse zu bewahren, welche «durch ein dem Geflügelmästen ähnliches Nudelsystem zustande gekommen ist».

[ 69 ] And then he also gives us some insights into what the man who sang like that looked like. And so that you, too, may gain something valuable from the Frenchman’s book in this regard, I’d also like to tell you that he describes this singer—whom he admits sings excellently, for the reasons I’ve cited—as a fat man who always sweats when he takes steps, but especially when he sings. He describes his nature, his entire appearance. Then he says: He looked like a Bavarian, a particular subtype of Germans. — He believes there are quite a few such people among the Bavarians, for they possess the secret to preserving this human race, which “has come about through a feeding regimen similar to that used for fattening poultry.”

[ 70 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, so könnte ich Ihnen noch manches erzählen zur Charakteristik desjenigen, was geistig hinter dem steckt, was jetzt physisch zum Ausdruck kommt. Gerade wenn man heute den Gegensatz von Franzosentum und Deutschtum ins Auge fasst, wie er sich so recht ausdrückt in dem Umstand, dass, um die Besinnung gebracht durch die ewigen Revanchegelüste, die Franzosen etwas getan haben, was sie erst einsehen werden in der Zukunft: sich ins Schlepptau nehmen zu lassen durch den Osten, über den wir einen Russen selbst haben reden hören. Wenn man diesen Gegensatz Mitteleuropas und des unmittelbaren Westens ins Auge fasst, dann könnten einem Worte kommen wie diese — wahrhaftig, wenn man alles das ansieht, was drüben jenseits des Rheines erzeugt worden ist, wenn man alles das zusammenfasst —, es könnten einem Worte in den Sinn kommen von der Art:

[ 70 ] Well, my esteemed audience, I could tell you many more things about the spiritual nature of what lies behind what is now manifesting physically. Especially when one considers today the contrast between the French and the German, as it is so clearly expressed in the fact that—having lost their sense of judgment due to their eternal thirst for revenge—the French have done something they will only come to realize in the future: allowing themselves to be led in the wake of the East, about which we have even heard a Russian speak. When one considers this contrast between Central Europe and the immediate West, words like these might come to mind—truly, when one looks at everything that has been produced on the other side of the Rhine, when one sums it all up—words of this sort might come to mind:

Meines Wissens gibt es kein Naturgesetz und keine himmlische Parlamentsakte, aufgrund deren Frankreich allein unter allen irdischen Wesen keinen Teil von seinem Raub zurückgeben müsste, wenn der beraubte Eigentümer ihm den Raub wieder abnehmen kann. Niemand außer Frankreich selbst in diesem Augenblick kann glauben, es gebe ein solches Naturgesetz. Elsass und Lothringen sind beide nicht auf so providenzielle Weise an Frankreich gekommen, dass man sie ihm nicht wieder nehmen dürfte. Richelieus List, Ludwig XIV. grandioser Säbel; dies sind die einzigen Rechtstitel Frankreichs auf die deutschen Länder. Richelieu schraubte sie los. Und der General Turenne wurde zufällig mit losgeschraubt. Denn Turenne war ein richtiger Deutscher nach Blut und Narurell. Aber Franz I. hatte seinen Vorfahren, den kleinen Herzog von Bouillon, auf den Weg gebracht, den wir oben sahen, und er machte ihn allmählich zum Franzosen.

To my knowledge, there is no law of nature and no divine parliamentary act on the basis of which France alone, among all earthly beings, would be exempt from returning part of its spoils if the robbed owner is able to reclaim them. No one except France itself at this moment can believe that such a law of nature exists. Neither Alsace nor Lorraine came into France’s possession in such a providential manner that they could not be taken back from it. Richelieu’s cunning, Louis XIV’s magnificent saber—these are France’s only legal claims to the German lands. Richelieu pried them loose. And General Turenne happened to be unscrewed along with them. For Turenne was a true German by blood and nature. But Francis I had set his ancestor, the little Duke of Bouillon, on the path we saw above, and he gradually turned him into a Frenchman.

[ 71 ] Und so weiter. Und weiter:

[ 71 ] And so on. And further:

Für mich ist zurzeit das traurigste Symptom in Frankreich die Figur, welche seine Genies jetzt machen, seine höchsten literarischen Stimmen, die seine Propheten und Seher sein sollten und welche diese Figur in der Tat schon seit einem Menschenalter gemacht haben. Diese glauben offenbar, neue himmlische Weisheit strahle aus von Frankreich über alle anderen Völker, die in tiefem Schatten sitzen. Frankreich sei das neue Zion des Universums. Und all das traurige, schmutzige, halbverrückte und zum großen Teil geradezu höllische Zeug, das die französische Literatur in den letzten fünfzig Jahren uns gepredigt hat, sei ein wahres Evangelium vom Himmel, voll von Segen für alle Menschenkinder. Ach, man versteht, dass Frankreich seine große Revolution gemacht hat; dass es seine schreckliche Schicksalsstimme erhoben hat gegen eine Welt von menschlichen Trugbildern, verkündend mit der Posaune des Weltgerichts: Es soll keine Trugbilder mehr geben!

For me, the saddest symptom in France right now is the image that its geniuses are projecting—its greatest literary voices, who are supposed to be its prophets and seers, and who have in fact been projecting this image for a generation. They apparently believe that new heavenly wisdom radiates from France onto all other nations, which sit in deep shadow. France, they say, is the new Zion of the universe. And all that sad, filthy, half-mad, and for the most part downright hellish stuff that French literature has been preaching to us over the last fifty years is a true gospel from heaven, full of blessings for all the children of men. Ah, one understands that France has carried out its great revolution; that it has raised its terrible voice of destiny against a world of human illusions, proclaiming with the trumpet of the Last Judgment: There shall be no more illusions!

[ 72 ] Nicht sind sie von Deutschen geprägt, diese Worte! Sondern diese Worte, die ich jetzt vorgelesen habe, hat der Würzburger Professor der Psychiatrie Rieger aus einem Briefe übersetzt, der allerdings schon am 18. November 1870 in der «Times» stand und der dazumal geschrieben worden ist von Thomas Carlyle; geschrieben wurde über Frankreich und französisches Wesen, französische Raubgier und die Ansprüche auf Elsass-Lothringen. Es ist ja ein ganz nettes Symptom, dass gerade ein Psychiater diesen Brief gefunden hat und übersetzt hat, denn es wird manches psychiatrische Kapitel geben in der Weltgeschichte, wenn alles das beurteilt werden muss, was jetzt von Osten und Westen über das deutsche Wesen in die Welt gebracht wird.

[ 72 ] These words were not written by Germans! Rather, the words I have just read aloud were translated by Rieger, a professor of psychiatry at the University of Würzburg, from a letter that had already appeared in *The Times* on November 18, 1870, and which was written at that time by Thomas Carlyle; It dealt with France and the French character, French greed, and the claims to Alsace-Lorraine. It is, in fact, quite a telling sign that a psychiatrist, of all people, found and translated this letter, for there will be many a psychiatric chapter in world history if everything that is now being put out into the world—from both the East and the West—regarding the German character is to be judged.

[ 73 ] Wenn wir aber andererseits dieses deutsche Wesen selbst in der Art, wie es nicht der Hochmut, sondern wie es die demütige Selbsterkenntnis auch getan hat, auf uns wirken lassen, wenn wir sehen, was Deutschlands beste Geister im deutschen Geist gesehen haben, wenn wir sehen, wie Ahnungen einer geistigen Wissenschaft, geistiger Erkenntnisse bei Schiller, bei Fichte hervorgetreten sind, sodass wir uns sagen müssen: In diesem deutschen Wesen liegen Keime, die verpflichten, sie weiter zu Blüten und Früchten auszugestalten, dann müssen wir unsere Seele erfüllen mit den rechten Zukunftssicherheiten und Zukunftsmöglichkeiten. Und wir werden wissen, dass dann, wenn unsere schicksalsbewegten und schicksalsschweren Tage wieder abgelöst werden von solchen Tagen, in denen wieder Geschichte objektiv spricht, dass dann die Frage wie eine der furchtbarsten Fragen über den Feindesvölkern hängen wird: Warum nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?

[ 73 ] But if, on the other hand, we allow this German essence to influence us—not in the manner of arrogance, but rather as humble self-knowledge has done—if we see what Germany’s greatest minds have recognized in the German spirit, if we see how the seeds of spiritual science and spiritual insights emerged in Schiller and Fichte, so that we must say to ourselves: In this German essence lie seeds that compel us to nurture them into blossoms and fruits, then we must fill our souls with the right certainties and possibilities for the future. And we will know that when our days, marked by fate and burdened by destiny, are once again replaced by days in which history speaks objectively, then one of the most terrible questions will hang over the enemy nations: Why do they call the people of Schiller and Fichte a “barbarian people”?

[ 74 ] Und fühlen wird man, wenn man diese Frage beantworten will, wie der deutsche Geist nicht vollendet hat seine Aufgaben im Weltganzen, im Entwicklungswerden der Menschheit. Fühlen wird man, wie recht Goethe hatte, als er auch in einer schicksalsschweren Zeit zu Luden sagte:

[ 74 ] And when one seeks to answer this question, one will sense how the German spirit has not yet fulfilled its mission within the whole of the world, within the ongoing development of humanity. One will sense how right Goethe was when, even in a time of great adversity, he said to Luden:

Das Schicksal der Deutschen ist noch nicht erfüllt. Hätten sie keine andere Aufgabe gehabt, als das Römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zugrunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müssen sie nach meinem Glauben noch eine große Bestimmung haben.

The destiny of the Germans has not yet been fulfilled. If they had had no other task than to shatter the Roman Empire and to create and organize a new world, they would have perished long ago. But since they have endured—and with such strength and capability—I believe they must still have a great destiny ahead of them.

[ 75 ] Fühlen wird man, wenn man das deutsche Wesen fühlen wird, so wie es sich heute zu verteidigen hat wie in einer großen Festung eingeschlossen — auch die nicht verstehenden und es unter die Füße treten wollenden Feinde —, und finden wird man, dass dieses deutsche Wesen noch nicht vollendet hat, dass dieser deutsche Geist nicht nur zu seinem, sondern zu der Erdenentwicklung Heil um seine Existenz kämpfen muss. Und zusammenfassen dürfen wir heute dasjenige, was nur in Andeutungen diese Betrachtung enthalten konnte, zusammenfassen dürfen wir das in Worte, welche hinweisen auf das, wie, selbst wenn der deutsche Geist schon Großes geleistet hat, dasjenige, was er geleistet hat, gegenwärtig erscheinen muss als Keim zu künftigen Blüten und Früchten. Und entgegenrufen möchte man denjenigen, über welchen die Frage als historisches Schicksal schweben wird: Warum nennen sie das Volk Fichtes und Schillers ein «Barbarenvolk»?, zurufen muss man ihnen als Antwort dasjenige, womit wir die heutige Betrachtung abschließen wollen:

[ 75 ] One will sense—when one comes to sense the German essence—that it must defend itself today as if enclosed within a great fortress—even against enemies who do not understand it and seek to trample it underfoot—and one will find that this German essence is not yet complete, that this German spirit must fight for its existence not only for its own sake but for the sake of the Earth’s development. And today we may summarize what this reflection could only hint at; we may put it into words that point to how, even though the German spirit has already accomplished great things, what it has accomplished must now appear as the seed of future blossoms and fruits. And to those over whom this question will hang as a historical fate—why do they call the people of Fichte and Schiller a “barbarian people”?—one must call out to them in response what we wish to conclude today’s reflection with:

Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er der Welt erbringen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunftftaten] lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborgenes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?

The German spirit has not yet fulfilled
What it is meant to bring to the world.
It lives in hopeful concern for the future,
It hopes for future deeds] full of life; —
In the depths of its being, it feels powerfully
Something hidden that must still ripen.
How can the desire for its end be stirred,
without understanding, in the power of the enemy:
As long as life reveals itself to it,
which sustains it creatively at the roots of its being?