Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Menschenseele, Schicksal und Tod
GA 70a

11 März 1915, Nürnberg

8. Warum nennen Sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Seit einer Reihe von Jahren durfte ich auch hier in dieser Stadt Vorträge halten aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft. Da die Freunde unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung auch für diese schicksalsschwere Zeit solche Vorträge hier gewünscht haben, so soll denn auch in dieser Zeit eine Betrachtung vor Sie hingestellt werden, die heute mehr von der Gesinnung der Geisteswissenschaft ihren Ausgangspunkt nimmt; und morgen soll dann tiefer in Herz und Seelen bewegende Fragen der geistigen Erkenntnis eingegangen werden. Dass dieser heutige, gleichsam einleitende Vortrag gehalten wird, das wird begreiflich erscheinen, da ja alles dasjenige, was uns heute bewegen kann, gerade dann, wenn es Herz und Seele nahesteht, wirklich hingerichtet sein muss nach den schicksalsschweren Ereignissen, in deren Mitte wir stehen.

[ 2 ] Wie in eine Festung, in eine große, gewaltige Festung eingeschlossen, könnte man sagen, sind die Völker Mitteleuropas. Und in Ost und West wird gewissermaßen die Existenz. dieses Mitteleuropas, man darf schon so sagen heute, infrage gestellt. Und welche Summe von Mut, von Aufopferung und Hingebung haben wir in den Monaten, die seit Kriegsbeginn verlaufen sind, gesehen; und an wie viel Leid und Schmerz haben wir teilnehmen müssen! Wie ragen die Leid- und Schmerzenstage mit ihren Ereignissen herein in die Familien, wie sind zusammenhängend mit ihnen Väter und Mütter, Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern!

[ 3 ] Daher muss es uns naheliegen, gerade die Betrachtungen über die geistige Entwicklung und die geistigen Hoffnungen der Menschheit einzuleiten durch einige Gedanken und Empfindungen, welche auf die schwierige Lage unserer Zeit hingerichtet sind. Wir hören ja von allen Seiten diese mitteleuropäische Kultur anschwärzen, beschimpfen. Wir hören alles Mögliche heute von Ost und West und von allen Seiten über diese mitteleuropäische Kultur. Wir dürfen zweifellos, meine sehr verehrten Anwesenden, dasjenige, was wir an bedeutsamen Taten unseres Volkes verrichten sehen, ansehen wie in Zusammenhang stehend mit dem ganzen Wesen des Organismus unseres Volkes. Ich möchte sagen: Dasjenige, was heute geschieht, das geschieht durch die Arme dieses Organismus. Aber es geziemt gerade dem Wesen des deutschen Volkes, hinzubetrachten zu dem, was die Arme verrichten, das Wesen des Geistes, das Wesen der Seele dieses Organismus. Und wie könnte man das besser, als indem man gerade in einem solchen schicksalsschweren, schicksalstragenden Augenblick gedenkt desjenigen, was in unsere Gegenwart hineinragt von bedeutsamen, gewichtigen Taten gerade der Seele, des Geistes des deutschen Volkes, und sich zu stärken an solchen für dasjenige, was wir hegen dürfen an Zukunftshoffnungen, an Zukunftszielen.

[ 4 ] Und den Ausgang möchte ich nehmen davon, was uns aus dem Wesen des deutschen Volkes heraus vergegenwärtigen können zwei hervorragende Genien dieses Volkes: Schiller und Fichte. War es ja immer eigentlich Sitte innerhalb des deutschen Wesens, in schwierigen Zeiten Kräfte sich zu holen bei denjenigen, die als die großen Vorfahren diese Kräfte geben können. Und anknüpfen möchte ich heute, wahrhaftig nicht, um seelische Empfindungen in Ihnen zu erregen, sondern weil ich glaube, dass solche Anknüpfung bedeutungsvoll sein kann in unseren Tagen, die Anknüpfung gerade an die Tage des Todes dieser beiden genannten Genien. Es ist uns ja möglich — wie gesagt, nicht um seelische Empfindungen zu erregen, sei gerade dieses gewählt, sondern weil ich glaube, dass dieser Gesichtspunkt besonders nahe unseren Herzen und Seelen in diesen Tagen geht —, es ist uns ja möglich, die letzten Tage, ja, die Stunden des Todes Schillers und Fichtes ganz intim, ganz vertraulich zu betrachten.

[ 5 ] Schillers Hingang, ihn hat uns geschildert sein damals junger Freund, der Sohn von Johann Heinrich Voß, Heinrich Voß, der sogenannte jüngere Voß. Und wir können ihn verfolgen, diesen unseren Schiller in den letzten Tagen seines Lebens, wie er schon sterbend, aufrechterhalten wird einzig und allein durch die Kräfte des Geistes, der in ihm waltet. Ja, bei Schiller können wir sagen, dass im Grunde genommen der Körper längst dem Tode geweiht war, indem der kräftige, energische Geist noch waltet und eben den Leib noch hinschleppte. Denn, wie dieser Leib so völlig hinfällig war, das führt uns Heinrich Voß gleichsam vor. Er führt uns hinein in das Sterbezimmer Schillers, und wir nehmen teil an den letzten Stunden des großen Geisteshelden. Es wird uns erzählt, wie Schiller in diesen letzten Stunden bei völlig schon dem Tode verfallenem Leibe, mit vergilbtem Antlitz, mit erloschenen Augen, noch immer seelenstark in diesen Augenblicken, wie er in diesen letzten Stunden sich sein letztes, sein jüngstes Kind noch kommen ließ, wie er dem Kinde lange in die Augen noch sah und dann aus diesen Augen, man möchte sagen in die Augen hinein Gedanken sandte. Diese Gedanken, der jüngere Voß wollte sie erraten, und wir können sagen, so wie er sie uns erzählt, sie werden richtig erraten sein. Es war, als ob Schiller sagen wollte zu dem Kinde — was er nur in diesen röchelnden Worten noch vorbringen konnte: Ich hätte dir noch lange Vater sein sollen, ich habe an dir noch viel zu tun. Dann gab er das Kind zurück, wandte sich ab und sah wieder zur Wand.

[ 6 ] Fühlen wir nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, als wenn sozusagen das ganze deutsche Volk, des ganzen deutschen Volkes Seele sich wiedererkennen könnte sinnbildlich in diesem Kinde? Der früh verstorbenen Schiller, er hätte auch zu unserem Volke sagen können: Ich hätte dir noch viel sein können, ich habe dir vieles ungesagt und ungetan lassen müssen. — So stirbt er dahin. Aber er stirbt dahin ganz erfüllt von der inneren Energie desjenigen, was er empfand als den deutschen Geist, als denjenigen Geist, der ihn ins Leben getragen hat, ihn inspiriert hat zu seinen Schöpfungen, ihn aufrechterhalten hat bei hinsiechendem Leibe, jenen Geist, dessen weltgeschichtliche Sendung er mit so ergreifenden Worten selbst geschildert hat, dass wir wohl diese Worte uns heute in diesen Zeiten vor die Seele führen dürfen. Lange nach Schillers Tode sind diese Worte erst bekannt geworden, aber sie sind Zeugnis dafür, wie Schiller über den Geist seines Volkes gedacht hat:

Dem, der den Geist bildet, beherrscht,
muss zuletzt die Herrschaft werden, denn
endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die
Welt einen Plan, wenn des Menschen
Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich
muss die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk wird alle
die schnellen Flüchtigen einholen.
[...]
Ihm

[ 7 ] — dem Deutschen —

ist das Höchste bestimmt,
und so wie er in der Mitte von
Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das Blatt.

Er ist erwählt von dem Weltgeist, während
des Zeitkampfs
an dem ewigen Bau der Menschenbildung zu arbeiten,
zu bewahren, was die Zeit bringt,
Daher hat er bisher Fremdes sich ange-
eignet und es in sich bewahrt.
Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten
und Völkern aufkam, mit der Zeit
ntstand und schwand, hat er aufbewahrt,
s ist ihm unverloren, die Schätze von
Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und
eine Rolle zu spielen, sondern den großen
Prozess der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
at seinen Tag in der Geschichte, doch
der Tag des Deutschen ist die Ernte der
ganzen Zeit.

[ 8 ] Und wir dürfen wohl heute in diesen schicksalstragenden Tagen uns des Geistes erinnern, von dem Schiller glaubte, dass er die Ernte der ganzen Zeit sein müsse, die Ernte der Kulturentwicklung der Menschheit.

[ 9 ] Und wenn wir von Schiller, dem großen Dichter, hinübergehen zu seinem Freunde, dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte, so sehen wir nicht minder des deutschen Geistes Tragkraft in der Seele eines Menschen, wenn wir gerade auf Fichtes letzte Stunden im irdischen Wandel hinblicken. Schiller hat dasjenige, was er in einem Werke seinem Volke zu sagen hatte, von dem gleich nachher noch die Rede sein soll, vielfach gerade an Fichtes starke, energische Philosophie anzuknüpfen verstanden. Ja, energisch und kräftig ist diese Philosophie Fichtes. Sie ist so, als wenn aus dem ganzen Umfang, dem Universellen des Genies der Philosoph Fichte herauszichen wollte alles, was dieser deutsche Geist an Tragkraft hat, herausziehen wollte alles dasjenige, was den stärksten Willen am stärksten Gedanken bekräftigen kann. Und so, wie Fichte das schöne Wort gesprochen hat: «Was für eine Philosophie man hat, das hängt davon ab, was man für ein Mensch ist», so darf gesagt werden, dass wir insbesondere bei Fichte dieses Wort in Wahrheit bewährt sehen; weil er sich verbunden fühlte mit dem deutschen Geiste, der ihm so teuer war, fühlte sich Fichte zugleich verknüpft mit dem Walten und Weben des ganzen Weltengeistes, fühlte sich in jedem Wort, das er gesprochen hat, getragen von dem Geiste, der die Welt durchwebt und durchwallt. Aber nicht bloß im abstrakten Geiste lebte dieser Philosoph. Als Deutschland die schwere Zeit am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts durchmachte, da überlegte sich Fichte, der Philosoph, oftmals, ob er nicht teilnehmen solle als Krieger an den damaligen schicksalsschweren Ereignissen. Er fand dann aber, dass er durch seine geistige Arbeit mehr leisten könne seiner Nation. So kam es denn, dass zunächst seine Gattin nur teilnahm an dem Lazarettdienst in Berlin. Aber sie brachte ihm durch Ansteckung Krankheit ins Haus. Sie genas, aber er selbst, der Philosoph, er wurde durch das Lazarettfieber hinweggerafft.

[ 10 ] Und nun sehen wir, wie Fichte, der die diamanthellen, kristallklaren Gedanken deutschester Philosophie vor die Menschheit hingestellt hat, in den letzten Tagen seines Lebens, abwartend die Nachrichten über Blüchers Rheinübergang und alles, was die Menschen im Westen zu unternehmen hatten, dalag auf seinem Krankenbett. Wir sehen, wie er, der beschlossen hatte, nicht physisch unter den Kämpfenden zu sein, weil er mit dem Geiste seinem Volke und der Menschheit dienen wollte, wir sehen, wie er in den letzten Stunden in seinen Fieberträumen teilnahm an den kriegerischen Ereignissen seiner Zeit. Und das wundervolle Zusammenspiel einer Weltanschauung mit dem Leben noch in der Krankheit und noch im Todesröcheln erleben wir, wenn wir sehen, wie Fichte in seine Fieberträume hinfließen ließ alles das, was er durch seine kraftvolle Philosophie dem deutschen Volke hat geben wollen. Wir sehen, wie er sich fühlt mitten unter den Kämpfenden in seinen Träumen, und wie er sich aber zugleich fühlt als sicher ruhend mit der Seele in der geistigen Welt. So ohne Furcht und lebend in den Hoffnungen für sein Volk sagte der sterbende Philosoph Fichte, als man ihm Arznei reichen wollte: «Ich brauche keine Arznei, denn ich weiß, ich werde genesen.» Kurz vorher hatte man ihm die Nachricht von Blüchers Rheinübergang gebracht. So wirkte zusammen in demjenigen, der im deutschen Geistesleben voll darinnensteht, dieses Geistesleben mit dem unmittelbaren Leben der Umgebung. Denn dieses deutsche Geistesleben ist nicht ein idealistisch-träumerisches, sondern ein solches, das stets hineingeht in alle Einzelleistungen seines deutschen Volkes. Und wir dürfen auch heute mit vollem Recht behaupten, dass dasjenige, was unter Blut und Tod, unter Schmerz und Leid errungen wird, von derjenigen Kraft getragen ist, von der die Gedanken unseres Geist-Erlebens durchsetzt sind.

[ 11 ] Und wie sehen wir diesen Fichte von der besten Kraft des deutschen Geistes durchdrungen vor uns stehen! Wir können selbstverständlich heute nur mit einigen charakteristischen Strichen hinweisen auf das, was in Fichtes Geist lebte. In einer der schwersten Zeiten Deutschlands, als von dem westlichen Eroberer Deutschland niedergerungen war, sprach Fichte seine «Reden an die deutsche Nation». Gewiss nicht mit allem, was Fichte damals gesprochen hat, wird man heute mitgehen können, wortwörtlich. Aber der Geist, der ihn beseelte, er muss auch der unsrige sein. Wie Fichte dazumal davon ausging, dass die Sprache des Deutschen eine ursprüngliche Sprache ist, die sich entwickelt hat wie ein Organismus vom Ausgangspunkte der deutschen Geschichte in Europa, während die romanischen Sprachen des Westens und des Südens einen Bruch in ihrer Entwicklung erlitten haben, während sie ursprünglich von etwas Germanischem ausgegangen sind, aber angenommen haben etwas Fremdes, was sie über das Volkswesen gestülpt haben im romanischen Wesen.

[ 12 ] Wenn Fichte ableitet etwas aus dem Charakter dieser ursprünglichen Sprache, die sich aus dem Wesen des Deutschen herausentwickelt hat, die wie eine organische Kraft selber gewachsen ist, so mag das heute sprachwissenschaftlich anfechtbar sein. Das aber, was Fichte beseelte, was den Grundcharakter seiner Willens- und Gedankenphilosophie ausmacht, das ist, dass Fichte reflektierte auf dasjenige, was im Menschen das Ursprünglichste ist, was im Menschen zusammenhängt mit allen Lebensquellen der Seele. Nur da sieht Fichte Gedeihen, nur da sieht Fichte wirklich verbürgt Schicksalshoffnungen, wo die Seele imstande ist, das, was in ihren Tiefen ruht, aus sich hervorzuholen. Ein Sinnbild dafür, dass das deutsche Wesen solches anstrebt, sah Fichte schon in der deutschen Sprache. Aber, wenn wir auch nicht mehr in den Einzelheiten heute auf Fichtes Standpunkt stehen können, müssen wir doch darauf hinsehen, wie sich in Fichte formte dasjenige, was er dann gemäß seiner Zeit zum Ausdruck brachte.

[ 13 ] Was strebte Fichte in seiner Philosophie an? Wir brauchen nur an dasjenige zu erinnern, was Geisteswissenschaft eigentlich sein will. Sie will sein eine Erkenntnis, welche nicht passiv sich hingibt bloß an die Erscheinungen der Außenwelt, welche nicht bloß passiv sich anregen lässt mit Bezug auf den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, sondern Geisteswissenschaft will sein, wenn wir den Ausdruck in aller Demut gebrauchen wollen, eine tapfere Wissenschaft. Sie will sein eine Wissenschaft, welche zustande kommt durch die Entwicklung des höheren Menschen im Menschen, wie Schiller sagte, des eigentlichen geistigen Menschen, durch Entwicklung desjenigen, was in des Menschen eigenem Wesen zusammenhängt mit dem großen geistigen Wesen der Welt, was so im Menschen lebt, dass, wenn es der Mensch erkennt, er zu gleicher Zeit sich weiß lebendig webend im göttlich-geistigen Weltenwesen selbst. Das aber suchte Fichte unablässig. Und so fühlt er sich verbunden gerade mit dem Geistigsten der Welt durch das Wissen, das er von der eigenen Seele des Menschen zu erwerben suchte. Oder wie könnte man die Geistgewissheit, die der Mensch erlangen kann, energischer aussprechen, als wenn Fichte die Worte gebraucht:

Es ist gar nicht zweifelhaft, sondern das Gewisseste, das es gibt, ja, der Grund aller anderen Gewissheit, das einzige absolut gültige Objektive, dass es eine moralische Weltordnung gibt, dass jedem vernünftigen Individuum seine bestimmte Stelle in dieser Ordnung angewiesen und auf seine Arbeit gerechnet ist.

[ 14 ] So brachte Fichtes deutscheste Philosophie zustande, sich zu wissen als Einzelseele in dem gesamten Geistigen der Welt, dass es für Fichte das Gewisseste war, dass es eine solche Weltordnung gibt, in die der Einzelne hineinverwoben ist.

[ 15 ] Nur erneuert hat damals Fichte in einer der neueren Zeit angemessenen Weise dasjenige, was im Grunde im deutschen Geiste immer gewaltet hat: das Streben nach einem Wissen, das aus Kräften der Menschenseele hervorgeht, die mit dem Tode nicht endigen können. Und erinnern kann man sich bei solchen Worten, wie die eben angeführten Worte von Fichte sind, an etwas, was der große deutsche Mystiker Angelus Silesius aussprach: Nicht ich bin es, der in mir lebt und stirbt, Gott selber ist's, der in mir lebt und stirbt.

[ 16 ] Solches Streben nach Erkenntnis gibt zugleich der Seele nicht nur ein Wissen ihres Geborgenseins im Weltengeiste, sondern zu gleicher Zeit Sicherheit in Bezug auf ihre Unsterblichkeit. Denn wie könnte man denn in der Seele sich erlebend und wissend den Gott in der Seele zugleich erleben, ohne sich dieser Unsterblichkeit bewusst zu sein? Denn stirbt der Gott in der Menschenseele, dann ist der Tod gerade eine neue Auferstehung. Nach einem solchen Wissen, das den Tod besiegt, strebte der deutsche Geist unablässig, nach einem Wissen von der Seele, sodass diese Seele sich erkennt nicht nur durch die Werkzeuge ihres Leibes, sondern durch rein geistige Werkzeuge, sodass sie gleichsam im leibfreien Zustande, in tapferer Wissenschaft dem leiblichen Erleben, ihrem eigenen Leibe gegenübersteht, so wie man im Leibe gegenübersteht den äußeren Objekten, den äußeren Gegenständen. Aber aus solchem Wissen ging hervor ein so wunderbares Wort, wie das Wort Jakob Böhmes, in dem gleichsam zusammengefasst ist alles dasjenige, was der deutsche Geist über die großen Rätsel des Lebens in ihrem Zusammenhang mit dem Schicksal der Menschenseele zu sagen hat: «Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.»

[ 17 ] Das heißt aber nichts anderes, als Jakob Böhme will darauf hindeuten, dass schon im Leben zu erringen ist eine Erkenntnis des Wesens der Seele, der Seele, wie sie sein wird, wenn sie einmal durch die Pforte des Todes gegangen ist und zurückblicken wird auf ihren Leib. Denn derjenige, der nicht solches Wissen erwirbt, bevor er stirbt, er wird verderben, nach Jakob Böhmes Ansicht, wenn er stirbt.

[ 18 ] Und so sucht Geisteswissenschaft heute nicht nur ein Wissen von dem Geistigen, das sozusagen eine Steigerung ist des gewöhnlichen Wissens im Leibe, sondern Geisteswissenschaft sucht ein Wissen in der Seele, insofern diese Seele schon zwischen Geburt und Tod erringen kann Kräfte, die sie auch haben wird nach dem Tode, wo sie zurückschauen wird auf den Leib und das Leibesleben, wo Leib und Leibesleben wieder nicht Subjekt, sondern Objekt sein wird, wie im Alltagsleben. Und wenn heute der Geisteswissenschaftler sozusagen aus demjenigen, was uns der deutsche Geist heute bringen kann, einen Vergleich für etwas, was Fichte zu seiner Zeit hat sagen wollen, gebrauchen will, so könnte er diesen Vergleich für einen bestimmten Fall von dieser Geisteswissenschaft hernehmen. Ich will diesen bestimmten Fall einmal vor Ihnen entwickeln.

[ 19 ] Fichte hat, als er nachdachte, was er seinem Volke sagen wollte, worin es seine Hoffnungen verwirklichen, seine Ziele finden könne in schicksalsschwerer Zeit, er hat auf eine ganz neue Erziehung, welche an die Quelle der Lebensregungen in der Seele geht, auf den höheren Menschen im Menschen hingewiesen. Fichte wusste dazumal, dass dasjenige, was er mit dieser Erziehung vor sein Volk hinstellen wollte — wir können heute nicht mehr so denken, aber auf die Absichten, auf die Empfindungen und Gefühle Fichtes können wir hinsehen —, vermutlich stand das vor Fichtes Seele zwar klar als das Heilsame der Zukunft, aber wenn er es verglich mit dem, was man bis zu seiner Zeit als das Wesen der Erziehung angesehen hat, so konnte es ihm vorkommen wie etwas ganz Neues, das sich aus dem Alten herauswinden muss, sodass dieses Neue mit dem Alten keine Ähnlichkeit mehr habe. Dann könnte der neuere Geistesforscher sagen, gerade aus der Geisteswissenschaft heraus, die Fichte noch nicht hatte: Nun, ich vergleiche diese neue, diese ganz neue Erziehung mit der Seele, die sich im Tode losgerungen hat von dem Leibe, auf den sie nun zurückblickt.

[ 20 ] Und es könnte der Geistesforscher heute beschreiben, wie die Seele nach dem Tode auf den Leib und das Leibesleben zurückblickt. Es gibt nun eine Stelle in Fichtes «Reden an die deutsche Nation», die in dieser Beziehung ganz besonders bedeutsam ist. Eine Stelle, über die man vielleicht leicht hinwegliest, aber die es gut ist, sich gerade heute einmal vor die Seele zu stellen. Fichte suchte selbst ein Sinnbild für das Verhältnis seiner neuen Erziehung zu der alten. Und er sagt: Das, was ich als neuen Erziehungsplan hinstelle, das erscheint verschieden von alledem, was man für das Richtige gehalten hat, sodass mich so leicht nicht jemand verstehen wird. Und als Fichte ein Sinnbild sucht für das Verhältnis dieser neuen zur alten Erziehung, da gebraucht er das folgende Bild:

Die Zeit erscheint mir wie ein leerer Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuche. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmen Liebeshauche; zwar begrüßen sie schon [freudig heimliche] Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen; zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachen soll, zu entwickeln, aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.

[ 21 ] Wir sehen daraus, meine sehr verehrten Anwesenden, dass Fichte selber das Bild gebraucht, welches wir heute aus dem geisteswissenschaftlichen Bewusstsein heraus gebrauchen. Fichte gebraucht es heraus aus dem, was er als die Tiefe des deutschen Geistes in sich webend fühlt und was er damals vor sein Volk hinstellen wollte. Wie tief ist dieses Bewusstsein von dem Durchwobensein der Seele mit dem Allgeiste mit dem deutschen Geistesleben verknüpft, wenn wir sehen, dass das, was heute gesucht wird und geisteswissenschaftlich geleistet wird, wie eine energische Ahnung sich herausarbeitet aus des deutschen Volkes großem Philosophen.

[ 22 ] Und gehen wir von ihm wiederum zu Schiller zurück, dann können wir sehen, wie das Suchen nach dem Geistigsten der Seele gerade bei ihm eine der intimsten, der schönsten, der herrlichsten Prosawerke durchzieht, eines derjenigen Prosawerke, wo zugleich der Mensch dasjenige, was er mit Augen sieht und mit Ohren hört, nicht bloß mit Bezug auf die äußere Sinnlichkeit wahrnimmt, sondern das Geistige darin durch die Vertiefung der Seele in sich erlebt, und dieses so vollsaftig lebendig in ihm wirkt, dass er es bildhaft künstlerisch oder, wie man heute sagen würde, geisteswissenschaftlich als Realität erlebt. Da ist der Mensch frei, da gebiert der Mensch seinen höheren Menschen aus sich heraus.

[ 23 ] Schillers höchstes Streben geht darauf, den höheren Menschen im Menschen zu suchen. Und hier liegt es, meine sehr verehrten Anwesenden, wo wir sehen können, wie im Grunde genommen alles, was der deutsche Geist auf seinen Höhen geleistet hat, zusammenhängt mit seinem universellen Streben nach Geistigkeit hin, nach dem intimen Zusammenleben der Seele mit dem Geiste hin. Bei Schiller, bei Fichte, bei Goethe, allüberall das gleiche Streben. Und für diese Geister, das ist das Charakteristische, wächst Deutsch-Sein im rechten Sinne zusammen mit Menschsein, im Streben nach dem höchsten Menschlichen. Und gerade bei einem Geist wie Goethe tritt es uns dann wiederum ganz besonders entgegen, und die schönste Ausgestaltung ist sein «Faust».

[ 24 ] Gerade bei diesen Geistern sehen wir, wie DeutschSein doch etwas anderes ist als Italiener-Sein, FranzoseSein, Brite-Sein, Russe-Sein. Da muss man das Wort gebrauchen: Italiener kann man sein, Franzose kann man sein, Brite, Russe kann man sein, aber Deutscher wird man. Man wird immerzu Deutscher. Dann ist man am besten Deutscher, wenn die Deutschheit vor einem schwebt wie ein höheres Ideal, oder man könnte sagen wie ein lebendiges geistiges Ziel in der Ferne, dem man sich immer mehr zu nähern hat. Daher wird das Wort, das dann in neuerer Zeit Lagarde gesprochen hat: «Das Deutsch-Sein liegt nicht im Geblüt, sondern im Gemüt.» — gerade bei diesen Geistern ist das außerordentlich wahr.

[ 25 ] Daher ist es schwierig, dieses Deutschtum zum Verständnis derjenigen zu bringen, die um dieses Deutschtum herum leben, und auf die dieses Deutschtum von Mitteleuropa aus seine Wirkungsstrahlen zu senden hat. Und aus Fichtes Mund vernehmen wir ein bedeutsames, wichtiges Wort gerade über das Deutsch-Sein, und zwar wiederum in den «Reden an die deutsche Nation»:

[... was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, dass, wo es auch geboren sei und in welcher Sprache es rede, ist unsers Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun.]

[ 26 ] So universell stehen die größten Deutschen zu dem, was sie als Deutschheit, als Deutschtum empfanden. So sprach Deutschlands großer Philosoph Johann Gottlieb Fichte in seinen «Reden an die deutsche Nation», die er, wie er in einer der ersten Reden sagte, von Deutschen schlechthin zum Deutschen schlechthin halten wollte.

[ 27 ] Ich sagte: Es konzentriert sich gleichsam in dem, was Goethe seinem Volke war, alles das, was sich als Streben nach Geistigkeit, als das Wesen des Deutschtums geltend machte. Und nun könnten wir uns fragen: Hat man in der Welt von diesem Wesen und von diesem Streben des deutschen Volkes sich im richtigen Sinne einen Begriff zu machen versucht? Es gab zwar Zeiten, in denen man abwechselnd bei dem einen oder anderen europäischen Volke hören konnte, wie sie das deutsche Wesen lobten, wie sie das deutsche Wesen in der einen oder anderen Hinsicht besonders hervorhoben. Allein vielfach muss man sich sagen: Gerade die Erlebnisse der heutigen Tage, sie zeigen uns, wie wenig Grund, wie wenig innere Wahrheit dasjenige hatte, was man vom deutschen Wesen in der Welt empfand. Es gibt ja gegenwärtig in der Tat Leute wie den französischen Philosoph Bergson — man weiß nicht, ob er sich noch Bergson nennen wird, nachdem Petersburg nicht mehr Petersburg, sondern Petrograd genannt wird —, dieser französische Philosoph Bergson, er fand, dieser Bergson, der das Gute, das er der Philosophie zu geben hat in unserer Zeit, im Grunde genommen ganz aus der Philosophie des deutschen Idealismus entlehnt hat, nur tritt es uns im deutschen Idealismus entgegen reichhaltig und universell, bei Bergson aber ärmlich und dünnfädig. Aber er, der kennen sollte deutsches Wesen, er weist hin in einer chauvinistischen Rede, die er letzte Weihnacht gehalten hat, wie die Deutschen vergessen hätten alles das, was sie an Geistigkeit aufgebracht hätten. Wie ja einmal die Deutschen etwas wie Geistigkeit gehabt hätten, wie sie sich aber jetzt nur rein mechanistisch zeigen. Man brauche nur hinzuweisen auf das, was die Deutschen jetzt hervorbringen, mechanistische Kanonen, Flinten, Maschinen, in Mechanismus hat sich alles verwandelt.

[ 28 ] Man muss wahrhaftig erstaunen über die Logik, die heute durch die Welt geht. Denn ist es logisch, wenn man so spricht wie Bergson? Selbst wenn man zugibt, dass die Deutschen einmal Goethe, Schiller, Fichte gehabt haben, was, möchte man sagen hat denn Bergson erwartet mit seiner französischen Logik? Hat er erwartet, dass dann, wenn die mitteleuropäischen Völker von allen Seiten bedroht werden, von einer zweieinhalb Mal so starken Übermacht bedroht werden, dass sie dann ihren Feinden entgegentreten und Goethe und Schiller rezitieren oder Fichtes Philosophie vordeklamieren? Weil sie das nicht tun, findet der Philosoph Bergson, dass die Deutschen ein mechanistisches Volk geworden seien, weil sie mit Flinten und Kanonen den Feinden gegenübertreten. Nun, und von diesem französischen Philosophen bis zu jenem Monsieur Richepin ist dann ein gradliniger Weg zwischen dem, was alles an Geschimpfe und Schmähungen über das deutsche Volk, das deutsche Wesen zu hören ist. Es sind alle Nuancen der Schimpferei zu finden. Richepin konnte nicht umhin, zu sagen, dass die Deutschen wilde, tolle, dreckige Bestien seien, die wie tolle Schweine erwürgt werden müssten alle. Es ist eine Skala von dem Philosophen Bergson bis zu solchen Schmähungen des deutschen Volkes, die heute durch ganz Europa vibriert. Da dürfen wir uns dann allerdings fragen: Hat man denn immer so gedacht über das deutsche Wesen? Über jenes deutsche Wesen, das selbstverständlich unter den heutigen Zeitverhältnissen nichts anderes zeigen kann als seine Armeen, über jenes deutsche Wesen, dass aber mit den Armeen gewiss sich nur zu verteidigen hat, das aber seine Grundlage in Geist und Seele nur hat. Da ist es interessant, einmal gegenüber dem, was heute durch die Welt pulst, dieses deutsche Wesen in Bezug auf seine Weltstellung, seine Weltsendung sich vor Augen zu führen. Und da ist es ja gewiss keine angenehme Aufgabe, über das, womit man selbst verknüpft ist, gleichsam ein Selbstlob zu erheben. So sei also ein anderer Weg gewählt, der Weg, einmal Umschau zu halten, ob dieses deutsche Wesen denen, die es heute «barbarisch» nennen, immer als «barbarisch» erschienen ist für diejenigen, die etwas davon zu verstehen suchten.

[ 29 ] Es gibt einen Denker, einen großen Denker des neunzehnten Jahrhunderts, einen amerikanischen Denker, der englisch gesprochen und geschrieben hat, Emerson. Weil wir schon einmal nicht selbst urteilen wollen über deutsches Wesen, hören wir, was nun nicht ein Deutscher, sondern was in englischer Sprache ein Emerson in Amerika über das Wesen des Deutschen und seine Sendung gesprochen hat. Emerson knüpft an an Goethe, der ihm der Repräsentant des deutschen Wesens ist, Goethe, in dem zusammengefasst wird dasjenige, was uns auch als das Tragende bei Fichte und Schiller erscheinen muss.

Eine Erscheinung vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden. Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit. Allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? [- Woher] hat er alle diese Gedanken?

Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.

Die Deutschen denken für Europa.

Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.

[ 30 ] Nicht wahr, man würde zurückhaltend sein, wenn man solche Worte selbst zu prägen hätte, aber sie sind ja von einem englischen Amerikaner in englischer Sprache zuerst ausgesprochen worden. Dann sagt er weiter, hinschauend auf dasjenige, was der deutsche Geist der Weltentwicklung zu geben hat:

Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.

[ 31 ] Nun, so könnte man sagen, das sind alte Geschichten. Emerson ist längst tot, und die Deutschen sind ja nach denjenigen, die sie jetzt beurteilen in ihrer durch die Zeit verursachten Besinnungslosigkeit anders geworden. Da dürfen wir vielleicht noch auf etwas anderes hinblicken, was nicht vor Jahrzehnten, was einige Monate vor dem Ausbruch des Krieges, wiederum nicht von einem Deutschen, nicht in Deutschland, sondern von einem Engländer in Manchester gesprochen worden ist. Diese Worte sind auch ins Deutsche übersetzt und erschienen unter dem Titel «Deutschland im neunzehnten Jahrhundert».

[ 32 ] In der Vorrede wird uns gesagt, dass die Vorträge deshalb gehalten worden sind, um Journalisten und anderen Leuten ein wenig Aufklärung über das deutsche Wesen zu geben. Wie «gut» das angeschlagen hat, das können Sie ja selber beurteilen nach dem, was sie jetzt in englischen Zeitungen lesen über das deutsche Wesen und über die Art, wie man es in England ansieht. Aber dazumal ist eben das Folgende gesagt worden, und nicht in deutscher, sondern in englischer Sprache und in Manchester, auf den Britischen Inseln selbst:

Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes’ und Newtons Landsleuten

[ 33 ] — das sind die Engländer [und Franzosen] —

war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt.

Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden geltend, und unter ihrem umgestaltendem Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller.

[ 34 ] Merkwürdig, was diese Engländer in Manchester alles über das deutsche Wesen zu sagen wissen.

Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt. Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode

[ 35 ] — bitte beachten Sie wohl, dass das ein Engländer sagt —

ist die Tatsache, dass, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten oder völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.

Im Faust, am Schluss seines vielbewegten Lebens sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlos-kühnen Wollens und Handelns, und wir können umso besser verstehen, weshalb der [große] Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des Deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.

[ 36 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, da kann man nur sagen: Ja, warum nennen denn ihre Landsleute jetzt das Volk Schillers und Goethes ein «Barbarenvolk»? Diese Frage wird, da sie es besser wissen könnten, die Geschichte über die Entwicklung dieser Völker für lange, lange Zeiten hinstellen. Denn nicht um die Frage zu beantworten: Warum nennen sie das Volk Fichtes und Schillers ein «Barbarenvolk»?, stellte ich diese Betrachtung an, sondern um eben zu zeigen, dass diese Frage lange, lange [in den Geschichten von Deutschlands Feinden] ausgesprochen werden wird, und sie werden, diese anderen Völker, sie werden sie zu beantworten haben.

[ 37 ] In diesen Vorträgen, die diese Engländer vor Engländern gehalten haben, findet sich etwas, was man wahrhaftig nicht aussprechen würde als Deutscher in Deutschland; aber es soll ja hier nicht ausgesprochen, sondern nur zitiert werden: «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.»

[ 38 ] Nun, warum nennen sie denn das deutsche Volk ein «Barbarenvolk»? Und über das Deutsche Reich wurde in denselben Vorträgen das Folgende gesagt:

Im Ganzen und Großen ist es außer Frage, dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig sich verändernder, blendender Kinematograf. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren

[ 39 ] — er meint also seine englischen Vorfahren selbstverständlich —,

dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund. [...]

Es lässt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist, und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866–1871 machten ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege, welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte, sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.

[ 40 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn die Sache so ist, warum nennen sie denn das Volk in Mitteleuropa ein «Barbarenvolk»? Eine merkwürdige Einleitung findet sich vor dem Abdruck der Vorlesungen, aus denen ich Ihnen dieses zitiert habe. Sie werden den Namen des Lord Haldane in den ersten Zeiten der Kriegswochen in nicht angenehmer Weise in ihre Ohren haben hereinklingen hören. Aber gerade jener Lord Haldane — der ja auch gesprochen hat davon, dass die Engländer aus Überfülle an Moralität nichts anderes tun könnten, als zu den anderen Feinden Deutschlands sich hinzuzugesellen, um die Deutschen zu überfallen —, nun, dieser Lord Haldane, er hat eine Vorrede geschrieben zu den Vorträgen, aus der ich Ihnen eine Probe mitteilen möchte. In dieser Vorrede sagt der Lord, der jetzt behauptet, England könne jetzt nicht anders, als Deutschland züchtigen, er sagt:

Die Quelle des Stromes seines

[ 41 ] — also Deutschlands —

geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten [Griechenlands] hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret praktisch.

[ 42 ] Ja, es steigt einem fast die Schamröte ins Gesicht, wenn man so etwas sagt. Aber ich sage es ja nicht, ich führe es bloß an. Dann sagt Lord Haldane:

Der Einfluss wahrer Kenntnis kann allein des Misstrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner von uns im Sinne hat.

[ 43 ] Und eine Frau, welche acht Jahre in Deutschland verbracht hat, eine Engländerin, die während acht Jahren in Deutschland die Spitäler, die Hörsäle besucht hat, die Schulen studiert hat, die alles studiert hat, was ihr an Derartigem zugänglich war, sie unterscheidet sich von den übrigen Engländern mit Bezug auf ihre Kenntnisse darin, dass sie die Deutschen und ihre Einrichtungen wirklich kennengelernt hat. Sie gab ein Buch heraus, das Buch heißt: «Eight Years in Germany» von Miss Wylie. Dieses Buch erschien vor ganz kurzer Zeit, kaum einige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges. Miss Wylie hat manches, was sie hier in Deutschland kennengelernt hat vom deutschen Wesen, beschrieben. Ich will Ihnen nur ein paar Worte aus ihrem Buche mitteilen, und sie werden sehen, wie wiederum die Frage hingestellt werden muss, die den Gegenstand unserer heutigen Betrachtung bildet.

Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz. Und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]

An jeder Grenze und über dem Wasser

[ 44 ] —also über dem Kanal —

sitzen die Gegner kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen. Deutschland weiß das [auch] ganz genau.

[ 45 ] Wir sehen, so ganz unbekannt war deutsches Wesen durchaus nicht bei den anderen Völkern. Daher müssen wir die Frage der heutigen Betrachtung als die Frage, die von der späteren Geschichte diesen Völkern gestellt werden wird, wohl übersehen.

[ 46 ] Aber wie steht auf der anderen Seite zu gleicher Zeit das volle Unverständnis gegenüber demjenigen, was gerade mit dem Tiefsten, mit dem Geistigsten des deutschen Wesens zusammenhängt! Herman Grimm, der große Kunsthistoriker, er war es, welcher ein wunderbares Wort ausgesprochen hat. Er, dieser Herman Grimm — man spürt ihn geradezu als den Statthalter Goethes in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts —, er, der ganz drinnenstand im deutschen Wesen und der geistig und seelisch damit ganz verknüpft war, er sprach ein sehr bedeutsames Wort über die Biografie Goethes, die der Engländer Lewes geschrieben hat. Jener Lewes hat versucht, die alten Vorurteile der Engländer mit Bezug auf Goethe abzuschwächen. Denn bis zu Lewes glaubte jeder Engländer, die Deutschen verehrten einen Menschen Goethe, der eigentlich ein ganz unmoralischer Kerl wäre, trotzdem er ja einiges Schöne hervorgebracht habe. Mit Bezug auf Goethes ethisches Wesen hat dieser Mr. Lewes einiges geleistet. Aber wahr ist doch, was Herman Grimm sagt: Wenn man die Biografie von Lewes, die den Titel «Goethe-Biografie» trägt, durchliest, so hat man das Gefühl, Lewes schreibt über eine Persönlichkeit die 1749 in Frankfurt geboren wurde, eine Persönlichkeit, der Goethes Lebensschicksale angedichtet werden, der Goethes Werke zugeschrieben werden, die im März 1832 gestorben ist. Dasjenige aber, was der Deutsche in seinem Goethe hat, von dem ist auch nicht ein Hauch in der Biografie des Mr Lewes.

[ 47 ] Das ist eben dasjenige, was gerade in der deutschen Seele so tief veranlagt ist, die Universalität, das Aufgehenwollen in jener fließenden Geistigkeit und das Hereinverwandeln des Stromes der Geistigkeit in das eigene Wesen. Das ist es, was den Völkern, die um Deutschland herumwohnen, abgeht, und was sie im Grunde genommen bis heute noch sehr wenig aufgenommen haben. Und daher kann man sagen: Wahr ist, richtig ist so etwas, was Herman Grimm einmal auch sagte mit Bezug auf das Volk des Ostens. Da, sagte er, habe es gegeben einen Russen, der habe auch eine Biografie geschrieben, die Biografie Beethovens. Nichts von dem, was Beethoven wirklich ist, lebe in der Biografie drinnen.

[ 48 ] Man vergleiche damit nur die selbstlose, hingebungsvolle Art, wie der deutsche Geist, der immer werden will, sich in das, was über die Welt verbreitet ist, hineinvertiefen will, wie er, mit Außerachtlassung seiner eigenen Charaktereigentümlichkeit in fremde Eigentümlichkeiten sich hineinzufinden weiß. Wie hat der deutsche Geist Shakespeares Geist mit seinem eigenen vereinigt. Da darf wohl, wenn solches in einem Volke erlebt wird, da darf wohl ein Herman Grimm solches mit Bezug auf die angebliche Biografie Goethes des Mister Lewes aussprechen. Und wenn man sieht, wie wenig Herz und Sinn vorhanden war eigentlich bei denjenigen, welche sich vielfach die Führer der anderen Völker genannt haben, so begreift man vieles. Vieles begreift man, wenn man sich so recht hineinvertieft in dasjenige, was man zusammen erleben kann mit dem deutschen Geiste, so kann man sagen: Es ist wirklich etwas in diesem deutschen Geiste von jener faustischen Stimmung, welche des Lebens große Rätsel auf der einen Seite hineingeheimnisst in: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis», aber auf der anderen Seite sagt: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.» Und im deutschen Geiste lebt etwas, was über allen Pessimismus hinausführen muss, etwas, was Zukunftssicherheit und Zukunftshoffnung auf wahrer Grundlage begründet. Wie wenig ist das aber im Grunde in die Herzen und Seelen derjenigen eingegangen, die mit einiger Aufrichtigkeit in anderen Völkern suchen nach dem, was den Geist befreit und die Harmonie in die befreite Menschenseele hineinbringen kann.

[ 49 ] Ich möchte Ihnen charakterisieren, wie einer der bedeutendsten Russen, Alexander Herzen, dazumal eine Art Seelen-Entente begründete mit dem Engländer Stuart Mill; dass einer der besten russischen Geister, Herzen, sich vertiefte in die Philosophie des Engländers Stuart Mill, in jene im Grunde genommen ganz auf materialistischem Standpunkte stehende Weltanschauung, dass er fand, hinblickend über Europa, dass im Grunde genommen diese Kultur Europas keinen Trost, keine Hoffnung für die Zukunft der Menschheit geben kann. Charakteristische Worte dieses Russen sind es, die wirklich blitzartig beleuchten dasjenige, was in Europa einander gegenüberstand seit langer Zeit, und was jetzt in diesem furchtbaren Kriegsflammen zum Ausdruck kommen musste. Herzen sagt von Stuart Mill:

[Er übertrieb durchaus nicht, wenn er von der Einengung des Verstandes, der Energie sprach, von der Abgeschliffenheit der Persönlichkeiten, von der beständigen Verflachung des Lebens, vom beständigen Ausschließen allgemein menschlicher Interessen aus dem Leben, von der Reduzierung derselben auf die Interessen des kaufmännischen Comptoirs und des bürgerlichen Wohlstandes. Mill spricht unumwunden davon, dass auf diesem Wege England zu China werden wird — und wir setzen hinzu: und nicht allein England.]

[ 50 ] Und wir setzen hinzu: Nicht allein England! Denn Stuart Mill meint, mit England müsse ganz Europa zu China werden. Wir bekommen nur die Antwort auf die Frage: Wie konnte selbst in dem Herzen eines Strebenden solch eine Meinung aufkommen? — eine Antwort, wenn wir sehen, wie er vorbeigeht an jenem Streben, das Goethe in seinem «Faust» sagen lässt: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen», vorbeigeht auch an dem, was Fichte, Goethe, Schiller der ganzen neuzeitigen Entwicklung sein können. Wer so spricht, kennt nicht den deutschen Geist, jenen deutschen Geist, von dem wir uns aber in unseren schicksalstragenden Tagen sagen werden: In ihm lebt die Kraft, die zwar nicht, wie der Russe meint, zum Richtfeld und Scheiterhaufen, aber zu Druck und Tod, zu unendlichen Schmerzen und Leiden geht, um das zu verteidigen, was die deutsche Seele und ihre Mission in der Welt ist.

[ 51 ] Allerdings, wenn Emerson in Goethe geradezu den Repräsentanten deutschen Wesens sieht, und einer der gegenwärtigen Intellektuellen Russlands die folgenden Worte über Goethe findet, Mereschkowski, der sogar Goethe zu verehren vorgibt — man lasse sich nur nicht täuschen, lasse sich in seinen «Führenden Geistern», die jetzt ins Deutsche übersetzt sind, nicht täuschen, denn derjenige, der Goethe wirklich erkennt, dem ist es unmöglich, dass er solche Worte über Goethe, den Repräsentanten des modernen Geisteslebens spricht, wie der Russe Mereschkowski gesprochen hat. Er sagt:

Wenn Goethe [von der] Französischen Revolution spricht, so beugt er sich plötzlich zur Erde, wie wohl durch einen bösen Zauber ein Riese erdrückt werden und zum Zwerge zusammenschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deutschen Bürger und — der Schatten des Olympiers sei mir gnädig — zum deutschen Philister, zum «Herrn von Goethe», zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anständigen Sohne des anständigen Frankfurter Krämers.

[ 52 ] Nehmen wir an, Goethe erschiene so in gewissen Lagen seines Lebens dem Mereschkowski; wer aber Goethe und dasjenige, was er der Menschheit ist, erkennt, der sagt so etwas nicht. Denn es kommt nicht bloß darauf an, ob man irgendetwas für richtig hält, sondern ob man genug Geistigkeit hat, es zu sagen, oder nicht. In diesen Worten liegt etwas, was die Welt erst noch vom deutschen Geist zu lernen haben wird.

[ 53 ] Aber allerdings, wenn wir jetzt sehen, wie vom Osten her zertreten werden soll dasjenige, was deutsches Geistesleben ist, wie vom Osten her dieses deutsche Geistesleben, im Bunde mit den Westvölkern, in Grund und Boden getreten werden soll, dann dürfen wir fragen: Wie steht es denn mit dem Verständnis und der Verständnismöglichkeit vonseiten desjenigen, was da im Osten ist, mit Bezug auf das deutsche Wesen?

[ 54 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wiederum spreche nicht ein Deutscher, wiederum will ich nicht selber sprechen, sondern ich lasse einen Angehörigen des russischen Volkes selbst sprechen, den Philosophen Solowjow, der im Grunde genommen nicht bloß Philosoph, der Seher ist, der von den ausgezeichnetsten Russen selber als ein Repräsentant des Russentums angesehen wird. Fragen wir ihn. Wie muss er dasjenige, was Jahrzehnte lang geschmäht worden ist durch russische Intellektuelle und andere Verführer in dem russischen Volke, wie muss er diese Vergötterung des Rassenprinzips mit Ausschluss des Bildungsprinzips, wie muss er diese rohe Kraft beurteilen im Verhältnis zu Europa? Hören wir ihn, nicht uns selbst; hören wir den Russen über die Russen, nicht über die intimen Kräfte des russischen Volkes, sondern über die Kräfte, die durch Verschwörungen des verlogenen Panslawismus und des verlogenen Großfürstentums zustande gekommen sind. Hören wir den Russen über alles dasjenige, was sich lange vorbereitet hat, hören wir ihn sprechen. Er sagt: «Warum liebt uns Europa nicht?» Und er antwortet darauf:

Europa [...] schaut auf uns mit Befürchtung und mit Unwillen, da die elementare Kraft des russischen Volkes dunkel und rätselhaft, seine geistigen und kulturellen Kräfte minderwertig, seine Ansprüche dagegen deutlich, bestimmt und groß sind.

Laut ertönt in Europa das Geschrei unseres Rationalismus, der die Türkei und Österreich vernichten, die Deutschen schlagen, Konstantinopel und, wenn es gelänge, auch Indien an sich reißen möchte. Wollte man uns aber fragen, womit wir nach Einnahme und Vernichtung alles dessen die Menschheit beglücken werden, so können wir nur schweigen oder sinnlose Phrasen herplappern. [...] Somit [...] besteht jene wesentlichste, ja die einzig wichtige Frage, deren sich ein ehrlicher und vernünftiger Patriotismus annehmen sollte, nicht in der Macht und Sendung Russlands, sondern in dessen Sünden.

[ 55 ] Weil dasjenige, über das der Russe also selber sprechen muss, eingeführt worden ist durch die Mächte, von denen ich eben in Andeutung gesprochen habe, bereitete sich seit Jahrzehnten dasjenige vor gerade von Osten herüber, was jetzt unter so furchtbaren Stürmen verwüstend über Europa hinzieht. Denn, wenn von so vielen Seiten die Frage aufgeworfen wird: «Wer hat den Krieg gewollt?», so braucht die Frage nur umgewandelt zu werden in eine andere: «Wer hätte den Krieg verhindern können?» Und auf diese Frage gibt es eine eindeutige Antwort, die die Geschichte auch geben muss: Einzig und allein Russland hätte den Krieg verhindern können. Selbstverständlich werden auch die Westmächte daran zu tragen haben, denn ohne sie hätte Russland sich den Krieg erspart, jetzt wenigstens. Doch darüber können nur Andeutungen gegeben werden. Für den Deutschen, der dasjenige, was ich mit Kohle-Strichen habe zeichnen können, in seiner Seele wirken lässt, für ihn muss das, was jetzt unter so unsäglichen Opfern in Ost und West zu bekämpfen ist, etwas sein, was Augen-öffnend wirkt, was uns darauf hinweist, wie sehr wir nötig haben, uns auf uns selbst zu besinnen, uns zu besinnen auf dasjenige, was uns auffinden lässt die starken Kräfte des deutschen Wesens. An der Zahl seiner Feinde kann der Deutsche die Notwendigkeit dieses seines Suchens nach seiner ihm ureigenen, auf sich selbst gestellten Kraft ermessen. In dieser Beziehung kann manches für uns lehrreich sein.

[ 56 ] Wir haben geglaubt, dass ein Verständnis aufdämmern würde namentlich bei den Franzosen für das deutsche Wesen. Es hat sonderbarerweise noch ganz kurz vor dem Kriege Menschen gegeben, welche geglaubt haben, dass in dem jugendlichen Frankreich Verständnis zu finden sei für das deutsche Wesen. Ich muss zum Schlusse denn doch noch auch auf diese Sache einiges Licht werfen. Es haben sich einige, man kann schon sagen unserer besten Deutschen verwundert, dass ein Franzose, Romain Rolland, der einer der ersten war, die mit Verhaeren und anderen zusammen die bittersten Schmähungen gegen den deutschen «Barbarismus» gefunden haben, denn in Romain Rolland fand man einen Geist, der deutsches Wesen, der Deutschland wohl verstünde. Warum fand man dieses? Ja, die Frage ist schwer zu beantworten, recht schwer. Dieser Romain Rolland hat nämlich einen Roman geschrieben. In diesem Roman spielt ein Deutscher, Jean-Christophe, eine Rolle. Ich weiß wohl, dass ich ein Urteil abgebe, das vor jeder Ästhetik bestehen kann, und ich bin gewappnet gegen die, die das Urteil «barbarisch» finden, das ich abgebe.

[ 57 ] Dieser Romain Rolland schrieb also seinen Roman «Jean-Christophe». Der Held ist ein Deutscher, aber er ist zusammengebraut so, dass sich ein wüstes Chaos ergibt. Dieser Charakter ist zusammengebraut aus Beethovens Jugendschicksalen, den Schicksalen Richard Wagners, Richard Strauss’ und Gustav Mahlers. Das alles ist in einem Wirrwarr in diesem Charakter zusammengebraut. Ein Charakter ist daraus geprägt, der in künstlerisch-ästhetischer Beziehung im Grunde genommen für jeden, der wirklich für Charakterschilderungen Sinn hat, ein widerwärtiger ist. Und dieser Jean-Christophe — auf deutsch, dieser Johann Christof Kraft —, er wird uns dargestellt, wie er hineingestellt ist in die schrecklichen deutschen Verhältnisse. Seine Jugend macht er als Deutscher unter Deutschen durch, aber er kann es nicht aushalten in diesen deutschen Verhältnissen. Da muss er denn aus diesen deutschen Verhältnissen heraus, in Deutschland wird er nicht anerkannt. Er findet zwar einige Verehrer, aber er kann eben das deutsche Wesen nicht aushalten. Er geht dann nach Frankreich. In Paris bekommt er erst das, was ihn zum Vollmenschen macht. Das wird geschildert, und noch anderes, was im Grunde genommen eben recht chaotisch ist, wie auch der Jean-Christophe selber.

[ 58 ] Und es ist uns sogar von Kritikern gesagt worden, dass dieser Roman eine der bedeutendsten Taten für die Aussöhnung des deutschen und des französischen Geistes nach 1870 sei. Und jemand hat das Folgende über diesen Roman gesagt:

Ich finde mich selbst verwirrt, wie vielfach ich Ihnen eigentlich danken muss. Der Mensch, der Genießer, der Künstler, der Deutsche, der [Weltfrohe] in mir, jeder drängt sich vor und will Ihnen ein Wort sagen. Aber ein andermal soll der Künstler über diesen Roman sprechen, ein andermal der Genießer, und der Mensch will warten, bis er Ihnen wieder die Hand drücken darf. Heute soll nur der Deutsche danken; denn ich habe das Gefühl, die französische Jugend ist uns näher geworden durch dieses Buch, das mehr getan hat als alle Diplomaten, Bankette und Vereine.

[ 59 ] Es druckte jemand diese Kritik als Brief an Romain Rolland.

[ 60 ] In diesem Buche — verzeihen Sie, dass ich diese Stelle hervorhebe, aber ich darf sie hervorheben, ohne irgendein künstlerisches Prinzip zu verletzen, einfach aus dem Grunde, dass man bei Romain Rolland, der ein schlechter Romanschreiber ist, diesen Romain Rolland selbst durch seine Personen hindurchhört. Wenn er seinen Personen Charakterzüge gibt, die ihm willkommen sind, weil er über dieses deutsche Wesen, das er «so gut kennt», sich auslassen will. Es kommt darauf an, welche Nuancen diesem jungen Franzosen vor Augen stehen, da er doch so gut das deutsche Wesen verstehen soll. Da lesen wir denn das Folgende, das zustande kommt bei einem Gespräch eines Besuchers:

Seit den deutschen Siegen taten die Deutschen alles, um Kompromisse zu schließen, einen widerlichen Mischmasch aus neuer Macht und alten Grundsätzen zustande zu bringen. Auf den alten Idealismus wollte man nicht verzichten: Das wäre eine Tat des Freimuts gewesen, zu der man nicht fähig war; man hatte sich, um [ihn] den deutschen Interessen dienstbar zu machen, damit begnügt, ihn zu verfälschen. Man folgte dem Beispiel Hegels, des heiter doppelzüngigen Schwaben, der Leipzig und Waterloo abgewartet hatte, um den Grundgedanken seiner Philosophie dem preußischen Staat anzupassen

[ 61 ] — 1806 hat Hegel unter dem Kanonendonner der Schlacht von Jena sein grundlegendes Werk, indem die Grundstriche aller seiner späteren Werke enthalten waren, geschrieben, 1806. Der Franzose, der auch Hegel nicht gelesen hat, oder wenn schon, dann ohne Verständnis, er sagt, dass Hegel «Leipzig und Waterloo» abgewartet habe. Und weiter —

und änderte jetzt, nachdem die Interessen andere geworden waren, auch die Prinzipien. War man geschlagen, so sagte man, Deutschlands Ideal sei die Menschheit. Jetzt, da man die andern schlug, hieß es, Deutschland sei das Ideal der Menschheit. Solange die andern Länder die mächtigeren waren, sagte man mit Lessing, dass die Vaterlandsliebe eine heroische Schwäche sei, die man sehr gut entbehren könne, und man nannte sich Weltbürger. Jetzt, da man den Sieg davontrug, konnte man nicht genug Verachtung für die «französischen» Utopien aufbringen: als da sind Weltfrieden, Brüderlichkeit, friedlicher Fortschritt, Menschenrechte, natürliche Gleichheit; man sagte, das stärkste Volk habe den andern gegenüber ein absolutes Recht, während die andern als die Schwächeren ihm gegenüber rechtlos seien. Es schien, der lebendige Gott und der fleischgewordene Geist zu sein, dessen Fortschritt sich durch Krieg, Gewalttat und Unterdrückung vollzog.

[ 62 ] So gut hat der Franzose die Deutschen verstanden!

Die Macht war jetzt, da man sie auf seiner Seite hatte, heiliggesprochen. Macht war jetzt der Inbegriff alles Idealismus und aller Vernunft geworden.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss man sagen, dass Deutschland jahrhundertelang so sehr darunter gelitten hatte, Idealismus ohne Macht zu besitzen, dass es nach so viel Prüfungen wohl entschuldbar war, wenn es jetzt das traurige Geständnis ablegte, es bedürfe vor allen der Macht, wie immer sie beschaffen sein möge. Wie viel verborgene Bitternis aber lag in solchem Bekenntnis des Volkes eines Herder und Goethe! Und welch Verzicht, welche Erniedrigung des deutschen Ideals lag in diesem deutschen Sieg! — Und ach, dieser Verzicht fand nur allzu viel Entgegenkommen in der beklagenswerten Neigung aller besten Deutschen, sich unterzuordnen.

«Was den Deutschen charakterisiert», sagte Möser schon vor mehr als einem Jahrhundert, «ist der Gehorsam».

Und Frau von Stael: «Sie parieren ordentlich. Sie nehmen philosophische Vernunftgründe zu Hilfe, um das Unphilosophischeste auf der Welt zu erklären: den Respekt vor der Macht und die Gewöhnung an Furcht, die den Respekt in Bewunderung verwandelt.»

Christof fand dies Gefühl beim Größten und beim Kleinsten in Deutschland wieder

[ 63 ] — deshalb muss er aus Deutschland heraus —,

von Wilhelm Tell an, dem bedächtigen, kleinen Spießbürger mit den Lastträgermuskeln, der, wie der freie Jude Börne sagt: «um Ehre und Angst miteinander in Einklang zu bringen, vor dem Pfahl des dieben Herrn Gessler mit gesenkten Augen vorbeigeht, damit er sich darauf berufen könne, dass der nicht ungehorsam ist, welcher den Hut nicht sah», bis hinauf zu dem ehrenwerten siebzigjährigen Professor Weiße, einem der meistgeachteten Gelehrten der Stadt, der, wenn ein Herr Leutnant an ihm vorüber kam, ihm eilfertig den Fußsteig überließ, und auf den Fahrdamm [hinunterging].

Deutschland

[ 64 ] — so sagt an einer anderen Stelle dieser gute Deutschenversteher Frankreichs weiter,

Deutschland trägt wirklich die Hauptsündenlast Europas. Wenn man den Sieg errungen hat, so ist man dafür verantwortlich: Man hat eine Schuld gegen die Besiegten auf sich geladen; man hat die schweigende Verantwortung übernommen, vor ihnen herzuschreiten, ihnen den Weg zu weisen. Der siegende Ludwig XIV. brachte der Welt den Glanz der französischen Vernunft. Welches Licht hat das Deutschland von Sedan der Welt gebracht?

[ 65 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, Sie werden es nicht wunderbar finden vielleicht, wenn Sie dieses gehört haben, dass dieser Franzose unter den Ersten war, die im «Matin» mit den anderen über den deutschen «Barbarismus» geheult haben. Sie werden es aber wunderbar finden, dass man geglaubt hat, dieses Buch, dieser Roman von Romain Rolland sei eine der bedeutendsten Taten seit 1870, um den Frieden herbeizuführen. Man hat ihn sehr schnell ins Deutsche übersetzt. Die drei ersten Bände sind kurz vor dem Kriege erschienen. Aber, er will die Deutschen kennen, dieser Franzose, er will sie auch schildern, wo er charakteristische Momente bei diesen Deutschen findet. Wie gesagt, er übt ja die Praxis der schlechten Romanschreiber, die selbst immer hörbar sind, wenn sie ihre Personen reden lassen. So schildert er denn etwas, was er wirklich gut bei den Deutschen findet, dieser Franzose, über den man sich besonders wundert, wenn er ins Horn des «Matin» et cetera bläst. Er schildert wie einen Verehrer Jean-Christophe in einem Ulmer Professor gefunden hat. Er macht ihm einen Besuch. Da schildert der Franzose das, was er eine «deutsche Mahlzeit» nennt. Sie war so gut, die deutsche Mahlzeit, dass selbst die Köchin Salomé durch die Türe hindurchguckt, wie es den Herren mundet, die da mit Jean-Christophe zusammensitzen. Da findet dann der Franzose die «Größe» Deutschlands.

Es war eine Ausstellung der unvergesslichen, ehrlichen, unverfälschten deutschen Küche mit ihren Düften aller Kräuter, ihren dicken Saucen, ihren nahrhaften Suppen, ihren vorbildlichen Fleischgerichten, ihren monumentalen Karp fen, ihrem Sauerkraut, ihren Gänsen, ihren Haustorten, ihren Anis- und Kümmelbroten.

[ 66 ] Da schildert er etwas, was er als Gutes bei den Deutschen schildert will. Aber nun ist unter denjenigen, die also dazumal gekommen sind zu dem deutschen Professor, der wirklich auch nicht gerade hervorragend schön geschildert wird von dem die Deutschen so gut verstehenden Franzosen, einer, der gut singen kann. Und Musik liebt ja Romain Rolland. Seine Kritiker haben gesagt, sein Roman sei «der Roman der Musik der Neuzeit». Und er selber habe gerade durch die Musik Deutschland lieb gewonnen. Da schildert er also einen, der singen kann. Und er schildert ihn so, dass man sieht, er, Jean-Christophe, legt sich die Frage vor, warum ein Deutscher singen kann.

[ 67 ] Das ist deshalb, weil die Deutschen gar nicht wissen, wie man singt. Sie werden von der Kraft des Gesanges gepackt und der Gesang wirkt bei ihnen wie durch ein Werkzeug. Der Geist der Lieder bemächtigte sich ihrer, und sie gehorchen ihm. Denn die Seele des Deutschen muss das tun. Diese Seele gehorcht dem Lied, wie der Soldat dem Feldherrn gehorcht.

[ 68 ] So ungefähr schildert der die Deutschen so gut verstehende Franzose das [deutsche] Gesangeswesen.

[ 69 ] Und dann gibt er uns auch einige Gesichtspunkte, wie der Mensch, der so singt, ausgesehen hat. Und damit Sie auch in dieser Gegend etwas Gutes aus dem Buche des Franzosen haben, will ich Ihnen auch mitteilen, dass er diesen Sänger, von dem er zugibt, dass er ausgezeichnet singt, aus den Gründen, die ich angeführt habe, gut singt, schildert als einen dicken Menschen, der immer schwitzt, wenn er Schritte macht, namentlich aber, wenn er Töne von sich gibt. Er schildert sein Wesen, seine ganze Gestalt. Dann sagt er: Er sah aus wie ein Bayer, eine besondere Abart der Deutschen. — Von diesen Bayern findet er, dass sie solche Menschen recht viele haben, denn diese Bayern hätten das Geheimnis, diese Menschenrasse zu bewahren, welche «durch ein dem Geflügelmästen ähnliches Nudelsystem zustande gekommen ist».

[ 70 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, so könnte ich Ihnen noch manches erzählen zur Charakteristik desjenigen, was geistig hinter dem steckt, was jetzt physisch zum Ausdruck kommt. Gerade wenn man heute den Gegensatz von Franzosentum und Deutschtum ins Auge fasst, wie er sich so recht ausdrückt in dem Umstand, dass, um die Besinnung gebracht durch die ewigen Revanchegelüste, die Franzosen etwas getan haben, was sie erst einsehen werden in der Zukunft: sich ins Schlepptau nehmen zu lassen durch den Osten, über den wir einen Russen selbst haben reden hören. Wenn man diesen Gegensatz Mitteleuropas und des unmittelbaren Westens ins Auge fasst, dann könnten einem Worte kommen wie diese — wahrhaftig, wenn man alles das ansieht, was drüben jenseits des Rheines erzeugt worden ist, wenn man alles das zusammenfasst —, es könnten einem Worte in den Sinn kommen von der Art:

Meines Wissens gibt es kein Naturgesetz und keine himmlische Parlamentsakte, aufgrund deren Frankreich allein unter allen irdischen Wesen keinen Teil von seinem Raub zurückgeben müsste, wenn der beraubte Eigentümer ihm den Raub wieder abnehmen kann. Niemand außer Frankreich selbst in diesem Augenblick kann glauben, es gebe ein solches Naturgesetz. Elsass und Lothringen sind beide nicht auf so providenzielle Weise an Frankreich gekommen, dass man sie ihm nicht wieder nehmen dürfte. Richelieus List, Ludwig XIV. grandioser Säbel; dies sind die einzigen Rechtstitel Frankreichs auf die deutschen Länder. Richelieu schraubte sie los. Und der General Turenne wurde zufällig mit losgeschraubt. Denn Turenne war ein richtiger Deutscher nach Blut und Narurell. Aber Franz I. hatte seinen Vorfahren, den kleinen Herzog von Bouillon, auf den Weg gebracht, den wir oben sahen, und er machte ihn allmählich zum Franzosen.

[ 71 ] Und so weiter. Und weiter:

Für mich ist zurzeit das traurigste Symptom in Frankreich die Figur, welche seine Genies jetzt machen, seine höchsten literarischen Stimmen, die seine Propheten und Seher sein sollten und welche diese Figur in der Tat schon seit einem Menschenalter gemacht haben. Diese glauben offenbar, neue himmlische Weisheit strahle aus von Frankreich über alle anderen Völker, die in tiefem Schatten sitzen. Frankreich sei das neue Zion des Universums. Und all das traurige, schmutzige, halbverrückte und zum großen Teil geradezu höllische Zeug, das die französische Literatur in den letzten fünfzig Jahren uns gepredigt hat, sei ein wahres Evangelium vom Himmel, voll von Segen für alle Menschenkinder. Ach, man versteht, dass Frankreich seine große Revolution gemacht hat; dass es seine schreckliche Schicksalsstimme erhoben hat gegen eine Welt von menschlichen Trugbildern, verkündend mit der Posaune des Weltgerichts: Es soll keine Trugbilder mehr geben!

[ 72 ] Nicht sind sie von Deutschen geprägt, diese Worte! Sondern diese Worte, die ich jetzt vorgelesen habe, hat der Würzburger Professor der Psychiatrie Rieger aus einem Briefe übersetzt, der allerdings schon am 18. November 1870 in der «Times» stand und der dazumal geschrieben worden ist von Thomas Carlyle; geschrieben wurde über Frankreich und französisches Wesen, französische Raubgier und die Ansprüche auf Elsass-Lothringen. Es ist ja ein ganz nettes Symptom, dass gerade ein Psychiater diesen Brief gefunden hat und übersetzt hat, denn es wird manches psychiatrische Kapitel geben in der Weltgeschichte, wenn alles das beurteilt werden muss, was jetzt von Osten und Westen über das deutsche Wesen in die Welt gebracht wird.

[ 73 ] Wenn wir aber andererseits dieses deutsche Wesen selbst in der Art, wie es nicht der Hochmut, sondern wie es die demütige Selbsterkenntnis auch getan hat, auf uns wirken lassen, wenn wir sehen, was Deutschlands beste Geister im deutschen Geist gesehen haben, wenn wir sehen, wie Ahnungen einer geistigen Wissenschaft, geistiger Erkenntnisse bei Schiller, bei Fichte hervorgetreten sind, sodass wir uns sagen müssen: In diesem deutschen Wesen liegen Keime, die verpflichten, sie weiter zu Blüten und Früchten auszugestalten, dann müssen wir unsere Seele erfüllen mit den rechten Zukunftssicherheiten und Zukunftsmöglichkeiten. Und wir werden wissen, dass dann, wenn unsere schicksalsbewegten und schicksalsschweren Tage wieder abgelöst werden von solchen Tagen, in denen wieder Geschichte objektiv spricht, dass dann die Frage wie eine der furchtbarsten Fragen über den Feindesvölkern hängen wird: Warum nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?

[ 74 ] Und fühlen wird man, wenn man diese Frage beantworten will, wie der deutsche Geist nicht vollendet hat seine Aufgaben im Weltganzen, im Entwicklungswerden der Menschheit. Fühlen wird man, wie recht Goethe hatte, als er auch in einer schicksalsschweren Zeit zu Luden sagte:

Das Schicksal der Deutschen ist noch nicht erfüllt. Hätten sie keine andere Aufgabe gehabt, als das Römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zugrunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müssen sie nach meinem Glauben noch eine große Bestimmung haben.

[ 75 ] Fühlen wird man, wenn man das deutsche Wesen fühlen wird, so wie es sich heute zu verteidigen hat wie in einer großen Festung eingeschlossen — auch die nicht verstehenden und es unter die Füße treten wollenden Feinde —, und finden wird man, dass dieses deutsche Wesen noch nicht vollendet hat, dass dieser deutsche Geist nicht nur zu seinem, sondern zu der Erdenentwicklung Heil um seine Existenz kämpfen muss. Und zusammenfassen dürfen wir heute dasjenige, was nur in Andeutungen diese Betrachtung enthalten konnte, zusammenfassen dürfen wir das in Worte, welche hinweisen auf das, wie, selbst wenn der deutsche Geist schon Großes geleistet hat, dasjenige, was er geleistet hat, gegenwärtig erscheinen muss als Keim zu künftigen Blüten und Früchten. Und entgegenrufen möchte man denjenigen, über welchen die Frage als historisches Schicksal schweben wird: Warum nennen sie das Volk Fichtes und Schillers ein «Barbarenvolk»?, zurufen muss man ihnen als Antwort dasjenige, womit wir die heutige Betrachtung abschließen wollen:

Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er der Welt erbringen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunftftaten] lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborgenes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?