Menschenseele, Schicksal und Tod
GA 70a
16 Juni 1915, Düsseldorf
17. Die tragende Kraft des Deutschen Geistes im Lichte der Geisteswissenschaft und im Hinblick auf unsere schicksalstragende Zeit
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! In der letztverflossenen Zeit durfte ich fast in jedem Jahr auch in dieser Stadt einen Vortrag halten aus dem Gebiete, das ich mir erlaube in der letzten Zeit mit dem Namen der Geisteswissenschaft zu bezeichnen. Da auch in dieser unserer schicksalstragenden Zeit von unseren Freunden gewünscht wurde, dass eine derartige Betrachtung angestellt werde, so soll dies am heutigen Abend geschehen. Aber Sie werden begreiflich finden, dass in unserer gegenwärtigen Zeit, wo all unsere Empfindungen, unsere Gefühle und unsere Gedanken hingerichtet sind nach den großen Ereignissen, nach jenen Ereignissen, die so viele Hoffnungen, so viel Zuversichten in Anspruch nehmen, nach den Ereignissen, die zweifellos Bedeutungsvollstes in ihrem Schoße tragen, die so viel Schmerzen und Leid auch erregen, Sie werden begreifen, dass in dieser Zeit eine solche Betrachtung, gerade wenn sie aus der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung her angestellt sein will, auch im Hinblick auf das Schicksalstragende unserer Zeit angestellt werden muss. Aber es kann nicht meine Aufgabe sein, die zahlreichen Betrachtungen, die heute in Vorträgen niedergelegt werden über dasjenige, was unsere Zeit so schwer bewegt, auch noch um eine zu vermehren. Sondern es muss meine Aufgabe sein, vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, von dem ich immer hier gesprochen habe, das zu sagen, was mit Bezug auf unsere Zeit etwa in Kürze gerade von diesem Gesichtspunkte ausgesagt werden kann.
[ 2 ] Es ist ja vielfach betont worden, dass der gegenwärtige Kampf, das gegenwärtige gewaltige Ringen, in dem ja in der Tat von kleineren Stammesunterschieden und Sprachunterschieden abgesehen, 35 verschiedene Völkerschaften der Erde miteinander im Kampfe liegen, es ist öfter gesagt worden, dass dieses gewaltige Ringen vor allen Dingen hervorgerufen sei durch die gegenwärtigen geschäftlichen, wirtschaftlich-sozialen, politischen Gegensätze, und dass es vor allen Dingen darauf ankäme, klar und energisch auf die Realität und die infrage kommenden Werte hinzuschauen und nicht mit metaphysischen Betrachtungen und Spekulationen zu umnebeln diese Betrachtungen. Man kann vom Standpunkte der Geisteswissenschaft nur einverstanden — und niemals gegnerisch einer solchen Anschauung — sein.
[ 3 ] Aber auch Geisteswissenschaft will auf dem Standpunkte der Realität stehen. Das ist das eine, worin sich in etwa die Betrachtung des heutigen Abends unterscheiden wird von denjenigen, die so oft gepflogen werden, dass sozusagen die realistische Ermahnung unserer Zeitgenossen durchaus berücksichtigt wird, und doch aber bedacht wird, dass dieses gewaltige Ringen immerhin drinnensteht in dem ganzen Entwicklungsgang der Menschheit, in dem vor allen Dingen große, nur durch eine geistige Betrachtung erreichbare Impulse wirksam sind. Man könnte ja auch sagen: Damals, als die germanischen Stämme von Mitteleuropa aus die südlichen Reiche, das Römerreich im Beginn des Mittelalters zu bedrohen hatten, waren auch nur die römischen Interessensphären mit ihren sozialen und politischen Intentionen dem gegenübergestanden, was von Mitteleuropa ausgehen sollte. Gewiss, für die Betrachtung der damaligen Gegenwart konnte man mit Recht so sprechen. Wenn wir aber heute die Dinge überschauen, und dann von einem höheren Gesichtspunkte aus, wie er heute sein muss, denn die Welt ist doch fortgeschritten, zu beurteilen hätten; so würde man sehen, dass, hätten diese Kämpfe dazumal nicht stattgefunden — die Neugestaltung Europas durch diese Kämpfe, die zunächst durch die römischen Interessensphären hervorgerufen waren selbstverständlich, vollzog sich in einer bestimmten Weise —, so würde die ganze abendländische Entwicklung bis in unsere Zeit herein ein anderes Antlitz bekommen haben. Das ist das eine.
[ 4 ] Das andere aber ist, dass gerade derjenige, der die geistige Bewegung der Völker, die geistige Bewegung in der Geschichte verfolgt, wirklich, ohne dass er sich irgendwelchen Hirngespinsten hingibt, ohne dass er spekuliert, zu der Anschauung kommen muss, dass dasjenige, was jetzt ausgefochten wird zwischen fünfunddreißig Völkern der Erde, dass das im Grunde genommen gewiss für die Gegenwart das denkbar Bedeutendste ist. Dasjenige, was da auszufechten ist, das werden gewiss nicht Worte ausfechten, nicht Gedanken und menschliche Weltanschauungen ausfechten, das wird die Tapferkeit der Heere ausfechten. Aber man kann hinter alledem erblicken ein anderes Ringen, ein Ringen geistiger Kräfte, ein Ringen von Weltanschauungen. Und ohne dass ich eingehen will auf das oft Gesagte, darf ich vielleicht doch betonen, dass einmal die Geschichte es als das Absurdeste ansehen wird, wenn behauptet wird, dass irgendwie die unmittelbare Veranlassung zu diesem Weltkriege von Mitteleuropa ausgegangen sei. Immer klarer wird man gerade erkennen, wenn man auf einen höheren Gesichtspunkt sich stellt, dass Mitteleuropa und besonders das deutsche Volk eingesponnen ist in einen reinen Verteidigungskampf. Aber gerade wenn man diesen Verteidigungskampf ins Auge fasst, dann kann man von einem gewissen Gesichtspunkte aus sehen, wie dieser Kampf der eine Teil ist eines großen, gewaltigen Verteidigungskampfes, den deutsches Geistesleben, geistige Impulse, zum Teil schon ausfechten mussten, zum Teil immer stärker werden auszufechten haben gegen dasjenige, was auch eine Art geistiger Einkreisung des mitteleuropäischen Geisteslebens ist. Was ich damit meine, ich möchte es nur mit einem Ihnen vielleicht nicht sehr bedeutungsvoll erscheinenden Symptom kennzeichnen. Aber man könnte vieles anführen und man würde immer das Gleiche finden.
[ 5 ] Dasjenige, was wir in vieler Beziehung zu dem größten, dem Bedeutungsvollsten zählen, was das geistige Leben der neueren Zeit in sich aufgenommen hat, man bezeichnet es ja mit dem Ausdruck «Entwicklungsidee», «Entwicklungsweltanschauung». Und man wird nicht müde, zu betonen, wie bedeutsam es sei für die ganze Entwicklung des geistigen Lebens der Menschheit, dass man einsehen gelernt habe, wie nicht die einzelnen Wesenheiten der Lebenswelt nebeneinanderstehen, sondern dass sie sich auseinander entwickelt haben; wie man eine Entwicklungsreihe verfolgen könne von den niedrigsten Wesen bis hinauf zum Menschen.
[ 6 ] Derjenige, der aus den tiefsten Impulsen der tragenden Kräfte des deutschen Geistes heraus von solcher Entwicklung in tief innerlichem Sinne gesprochen hat, ist kein anderer als Goethe. Und man darf sagen, man habe in der deutschen Kultur seit Goethe eine wunderbare, um einen Goethe’sehen Ausdruck zu gebrauchen: eine geistgemäße Entwicklungslehre. In das allgemeine Weltbild, auch in das europäische Weltbild, ist diese geistgemäße Entwicklungslehre nicht aufgegriffen worden. Dagegen tritt erst fünf bis sechs Jahrzehnte später in das allgemeine Bewusstsein der modernen Kulturmenschheit die Entwicklungslehre ein — aber in welcher Form — in der Form des Darwinismus.
[ 7 ] Wenn so etwas gesagt wird, so scheint das heute noch für viele sogar eine chauvinistische Färbung zu haben. Künftige Zeiten aber werden es in der ganzen Kraft, die ihm innewohnt, einsehen. Der Darwinismus hat die Idee der Entwicklung in einer materialistisch[utilitaristischen] Färbung gebracht; und in dieser Färbung, die ihm aufgedrückt ist, dem Entwicklungsgedanken, vonseiten eines ganz und gar englischen Denkers, ist der Entwicklungsgedanke eingegangen in die modernen Kulturideen. Und der tiefere deutsche Entwicklungsgedanke steht durchaus vor der Notwendigkeit, seine Verteidigung zu führen. Die Welt wird einsehen in der Zukunft, dass man nicht zu sagen braucht, der Darwinismus sei etwas Falsches, etwas Unrichtiges, aber dass man nötig haben wird, die tieferen Grundlagen, die energischere Erkenntnis aus den Quellen des deutschen Geisteslebens auch für den Entwicklungsgedanken herzunehmen. Mit anderen Worten: Dass man nötig haben wird, Waffen zu schmieden, welche das geistige Gut Mitteleuropas zu verteidigen wissen gegen die Angriffe, die so wie auf dem eben erwähnten Gebiete auf unzähligen Gebieten geführt werden gegen dieses mitteleuropäische Geistesleben. Und so, wie es nicht darauf ankommt, dass man mit diesen oder jenen Worten sozusagen Hass oder Sympathie bekriegt zwischen den einzelnen Völkern, wenn man in einem solchen Völkerringen drinnensteht wie heute, sondern wie es viel natürlicher ist, sich auf den Boden zu stellen, dass man ja das, was man als sein Vaterland erkennt, zu verteidigen hat, wie man seine Familie verteidigt, ohne irgendetwas anderes herabzusetzen, so kommt es auf dem Gebiete der geistigen Kämpfe, die uns in der nächsten Zukunft, wie alles zeigt, in gewaltiger Weise bevorstehen werden, darauf an, dass man sich durchdringe, voll durchdringe mit dem, was die Kräfte dieses mitteleuropäischen, vornehmlich des deutschen Geisteslebens sind. In diesen Kräften werden Waffen liegen, welche man brauchen wird in der Zukunft. Ich kann es nicht näher ausführen, aber ich möchte es doch andeuten, dass der gegenwärtige Kampf der äußeren Waffen nur wie ein Anfang sein wird für dasjenige, was da kommen wird an geistigen Kämpfen und wovon uns schon die übel gemeinten, bösartigen, verleumderischen Anschauungen, die von allen Seiten der deutschen Kultur entgegengeschleudert werden, den Anfang zeigen.
[ 8 ] Wenn man nun vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus über diese Dinge alle sprechen will, so obliegt es einem natürlich, dass man diesen Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft wenigstens mit ein paar Worten charakterisiert. Wenn ich auch heute selbstverständlich nicht, wie in anderen Vorträgen, die ich auch in dieser Stadt schon gehalten habe, auf Einzelheiten dieser Geisteswissenschaft, die als etwas Neues in die Zeiten- und Weltentwicklung eintreten soll, eingehen kann, und wenn ich auch gar nichts Beweisendes für die Geisteswissenschaft zu sagen in der Lage sein werde, so will ich doch mit ein paar Worten, mit ein paar Gesichtspunkten angeben, was Geisteswissenschaft will.
[ 9 ] Geisteswissenschaft will eine wirkliche Wissenschaft vom Geiste sein. Sie will vor allen Dingen zeigen, wie das menschliche Seelenleben, dasjenige, was wir unser innerstes Menschenwesen nennen, mit dem wirklichen und wahrhaftigen Geist, der Natur und Menschheit durchwallt und durchwebt, zusammenhängt. Und so, wie die Naturwissenschaft vor einigen Jahrhunderten die Weltanschauung der Menschheit erneuert hat, so will Geisteswissenschaft heute in ganz ähnlicher Weise, wenn auch von einem anderen Gesichtspunkte aus, eintreten in die Geistesentwicklung der Menschheit.
[ 10 ] Ich möchte da auf das Folgende aufmerksam machen: Wenn man jemandem, der gar nichts von Chemie versteht, der, ohne irgendetwas gehört zu haben von der Chemie, nur das Wasser kennt — natürlich können wir uns einen solchen Menschen nur hypothetisch vorstellen —, wenn man zu diesem sagt: Ja, in diesem Wasser, das flüssig ist, das Feuer löscht, ist ein Gas drinnen, das kann abgesondert werden, das ist der Wasserstoff; dieser Wasserstoff brennt, er ist nicht flüssig, sondern gasförmig, so wird derjenige, der nie etwas von Chemie gehört hat, das für eine höchst phantastische Anschauung halten können. Die Naturwissenschaft hat das zu einer ganz gewöhnlichen, heute schon trivialen Vorstellung gemacht. Es gab gewiss eine Zeit, wo diejenigen für Phantasten gehalten wurden, die solche Dinge behauptet haben.
[ 11 ] Heute gilt wiederum für denjenigen, der nichts von Geisteswissenschaft weiß, der als Phantast, der sagt: Wenn wir den menschlichen Leib mit seinem Seelischen vor uns haben, stellt er sich dar in einer solchen Weise, dass man in ihm das Wesen dessen, was mit ihm unmittelbar verbunden ist, nicht erkennen kann, solange dieses Wesen in dem Leib selbst drinnen ist. Man muss es durch die geisteswissenschaftliche Methode absondern, das Geistig-Seelische von dem Physisch-Leiblichen, wie man durch die chemischen Methoden den Wasserstoff vom Wasser absondert, wenn man ihn erkennen will. Diese geisteswissenschaftliche Methode, sie spielt sich nicht ab in einem äußerlichen Laboratorium, sondern in intimen Vorgängen der menschlichen Seele selbst.
[ 12 ] Aber es gibt solche geisteswissenschaftlichen Methoden, durch welche der Mensch wirklich ein Geisteswissenschaftler werden kann, durch welche er dazu kommen kann, sein Geistig-Seelisches herauszusondern aus dem Physisch-Leiblichen so, dass es draußen ist, wie der Wasserstoff außerhalb des Wassers ist. Dann aber lebt der Geistesforscher in diesem Geistig-Seelischen. Er lernt erkennen in seiner Wirklichkeit die Eigenschaften, die Wesenheit dieses Geistig-Seelischen, dasjenige, was im Menschen durch Geburt und Tod geht, was durch die Pforte des Todes in eine geistige Welt hineingeht und dann nach dem Tode in einer geistigen Welt mit einem höheren Bewusstsein zu leben hat, mit einem Bewusstsein, das der Geistesforscher erkennen lernt, wenn er die geisteswissenschaftliche Methode auf seine Seele anwendet, so wie der Chemiker die Eigenschaften des Wassers kennenlernt, wenn er die chemischen Methoden anwendet. Es wird eine Zeit kommen, in welcher man von diesen Dingen so sprechen wird, wie man heute spricht von der kopernikanischen Weltanschauung, die auch einmal als Phantasterei angesehen worden ist, oder von ähnlichen Dingen.
[ 13 ] Wie heute der Geistesforscher vor die Menschheit hinstellen muss die Wahrheit, dass in uns ein geistigseelischer Kern ist, der durch die Pforte des Todes geht, um zu einem wiederholten Erdenleben zurückzukehren, zu immer wiederholten Erdenleben, so wird das einmal eine Wahrheit sein, wie heute die Entwicklungsidee der äußeren Naturwissenschaft für wahr gilt. Wenn heute das, was der Geistesforscher zu sagen hat, ganz selbstverständlich als Träumerei, als Phantasterei angesehen wird von vielen Seiten her, so darf derjenige, der sich in diese Dinge eingelebt hat, hinweisen darauf, wie zu einer gewissen Zeit der Kopernikanismus, der heute allgemein anerkannt ist, so angesehen wurde, dass man sagte, er widerspreche den gesunden fünf Sinnen. So behauptet man heute, dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat über die wiederholten Erdenleben, über die Selbstständigkeit der Seele und so weiter, es widerspreche den gesunden fünf Sinnen. Und wenn man sich auf einen materialistischen Standpunkt stellt, so sagt man: Das Leben der Seele ist eingeschlossen zwischen Geburt und Tod.
[ 14 ] Vergleichen muss man eine solche Anschauung mit einer anderen Anschauung, die das Mittelalter noch hatte: dass sich über uns wölbt das blaue Firmament, das ein Abschluss, eine Grenze ist, eine räumliche Grenze. Die neuere Naturwissenschaft zeigt dem Menschen, dass die Grenze nur gebildet wird durch unser Sehvermögen, dass der Raum sich breitet in eine unendliche Welt heraus, dass wir auf der Erde eingebettet sind in den unendlichen Raum. Damals, als die neuere Naturwissenschaft aufdämmerte, da wurde das blaue Firmament durchbrochen, es wurde erkannt als etwas, was hervorgerufen wird durch das menschliche Sehvermögen. Durch Geisteswissenschaft wird erkannt werden, dass die Grenzen, die das Leben einschließen wollen zwischen Geburt und Tod, Grenzen sind wie das blaue Firmament in Bezug auf den Raum. Hinausschauen werden die Menschen lernen durch die Geisteswissenschaft über dieses zeitliche Firmament, das durch Geburt und Tod gesetzt ist, und sie werden eingebettet finden das menschliche Leben in eine Entwicklungslinie, aus welcher es immer wieder auftaucht.
[ 15 ] Zwischen den Erdenleben liegen Entwicklungsräume rein geistiger Art. Und indem sich so der Geistesforscher zu erleben lernt — und indem er zu verkündigen hat in der Geisteswissenschaft: In dem Geistig-Seelischen fühlt sich der Mensch, jetzt nicht durch philosophische Spekulation, sondern erfahrungsgemäß, zusammenhängend mit der wirklichen geistigen Welt, die das Leibliche umgibt, von dem das Geistig-Seelische frei wird —, von einem Erleben der geistigen Welt spricht die Geisteswissenschaft, einer geistigen Welt, in der geistige Wesen sind, wie hier physische Wesen um uns sind.
[ 16 ] Es ist heute vielleicht in gewisser Weise noch etwas unbeliebt, wenn man genötigt ist, diese Grundbegriffe der Geisteswissenschaft so hinzustellen. Aber wir leben in einer Zeit, in welcher die Menschheit lebt als in einer Zeit der Umformung alles Denkens. Wie sie entgegengehen musste in der Morgenröte der neueren Naturwissenschaft einem Kopernikus, einem Galilei, so kann man sehen in der Geisteswissenschaft etwas, was gewissermaßen im Schoße unserer Zeit liegt.
[ 17 ] Wenn man nun das deutsche Geistesleben verfolgt und sich so recht einlebt in dieses deutsche Geistesleben, dann wird man gerade von dem Gesichtspunkt dieser Geisteswissenschaft aus eine ganz bestimmte Anschauung über dieses deutsche Geistesleben, über dasjenige gewinnen müssen, was sich immerzu offenbart hat in diesem deutschen Geistesleben. Ich kann auch da auf Einzelheiten jetzt nicht eingehen, nur auf die letzten Zeiten des deutschen Geisteslebens. So, sagte ich, wäre die Eigentümlichkeit der Geisteswissenschaft, dass der Geistesforscher durch seine besondere geisteswissenschaftliche Methode sich erleben lernt in dem von dem Leiblich-Physischen frei gewordenen Geistig-Seelischen, das sich nun weiß, nicht in der Zeit, sondern in der Ewigkeit.
[ 18 ] Sehen wir einmal, indem wir diese geisteswissenschaftliche Anschauung vor unsere Seele stellen, wie sich in dem, ich möchte sagen allerdeutschesten Philosophen, in Johann Gottlieb Fichte dasjenige, was sein Unsterblichkeits-, sein Seelenglaube ist, ausgelebt hat. Fichte konnte ebenso wie seine Zeitgenossen noch nicht dazu kommen, eine wirkliche Geisteswissenschaft zu haben. Wie er aber aus dem geistigen Leben herausgeschöpft hat und dieses Leben im Zusammenhang mit dem Leben seines Volksgeistes gewusst hat, zeigen seine Reden, die er in einer der schwersten Zeiten Deutschlands zu seinem Volke gesprochen hat. Aber nicht davon will ich heute sprechen, sondern davon, wie Fichte zum Beispiel sich geäußert hat, wo er eine «Anweisung zum seligen Leben» philosophisch geben wollte, über seine Unsterblichkeits- und Seelenlehre. Da sagt er:
Ich kann nicht zugeben, dass man die Hauptsache des unsterblichen Menschenlebens sucht erst nach dem Tode. Das, was mir das Wichtigste ist, das ist, dass wir in diesem Leben des Leibes in uns schon gewahr werden dasjenige, was durch die Pforte des Todes tritt, was dann in eine geistige Welt geht und darinnen weiterlebt. [Für] dieses in uns lebende Unsichtbare allein will ich dieses Erdenleben durchleben.
[ 19 ] Das ist noch nicht Geisteswissenschaft, aber das ist der Keim zur Geisteswissenschaft. Und diesen Keim zur Geisteswissenschaft, wir finden ihn überall, wo wir das deutsche Geistesleben in seinen Früchten betrachten. Überall finden wir da den Drang, die Sehnsucht, sich nicht an den Abstraktionen des Gedankens, an den äußeren Wissenschaftsgeist, aus der die Sinneswissenschaft oder die Kombination des Sinnlichen geboren wird, zu befriedigen. Der Deutsche sucht nicht nach Begriffen und Ideen allein, sondern nach deren Zusammenhang mit dem lebendigen Geiste. Der Deutsche fühlt sich im Gemüt ergriffen, wenn er gewahr werden kann, dass Wissenschaft nicht ein äußeres Aufnehmen von einem Wissensinhalt ist, sondern dass sie das wahre Erkenntnisleben ist, das er so anstrebt, dass die Seele in sich Zwiesprache hält mit dem Geiste, der die Welt durchwallt und durchwest. In der realen Verbindung mit dem, was geistig die Welt durchwallt und durchwest, will der Deutsche das Ideal seiner Erkenntnis sehen, dass er nicht bloß Ideen, nicht bloß Begriffe aufnehmen will, eine Wissenschaft, die wie ein Abbild ist von etwas Äußerem. Er will etwas in seiner Seele haben, was wie ein geistiges Lebensblut in ihm fließt, wie der Gott selbst, der in ihm lebt. Und das kommt ja in nichts intensiver und gewaltiger zum Ausdruck als bei einer Schöpfung, die kein Volk der Welt hat; die vielleicht nicht in künstlerischer Beziehung auf dem Höhepunkt der Weltschöpfung steht, sondern in der Art und Weise, dass in ihr zum Ausdruck kommt, wie der Deutsche strebt nicht nach einem bloß äußerlich anschauenden Zusammenhang mit dem Geiste, sondern nach einem Gegenübertreten, Geistesauge in Geistesauge, dem Geiste. Sie wissen, dass ich meine mit dieser Schöpfung die Goethe’sche «Faust»-Dichtung.
[ 20 ] Sehen wir denn nicht im Faust, wie sein Bewusstsein gerade sich abwendet von alledem, was äußeres Wissengut ist, was bloße Ableitung von irgendetwas Äußerlichem ist? Sehen wir nicht, wie er strebt nach dem Lebensquell, der Erscheinung des Geistes; wie er danach strebt, diesem Geiste Auge in Auge gegenüberzustehen? Wie er sich abwendet vom Äußerlichen und zum Erleben von übersinnlichen Welten strebt? Der Deutsche kann nie befriedigt sein mit etwas, was er als Wissensgut erreicht hat. Das sieht man am besten, wenn man das Folgende betrachtet: Der Anfang des Goethe’sehen «Faust», er ist fast trivial geworden. Er spiegelt uns wider die Stimmung Goethes in den Siebzigerjahren. Da sehen wir, wie Faust heraus will aus einem Wissen, das nicht im Zusammenhang steht mit der lebendigen Geisteswelt. In ihrer vollen Tiefe erfasst, muss es einen erschüttern, wenn Faust die Worte spricht:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
[ 21 ] Nun sehen wir einmal, wie dieses deutsche Geistesleben sich abspielt, sehen wir, wie Goethe dasteht in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts verlangend nach der Erscheinung des Erdgeistes, nach den Quellen des geistigen Lebens, nach höherer Selbsterkenntnis, welche dadurch erreicht wird, dass die Seele eintaucht in das lebendige Geistige der übersinnlichen Welt.
[ 22 ] Dann betrachten wir, wie unendlich groß die deutschen Philosophen nach dieser Seite der deutschen Philosophie gestrebt haben. Wir sehen, das sich abspielt in der Zeit, nachdem Goethe seinen «Faust» geschrieben hat, dass deutsches Denken, deutsche Dichtung, deutsche Musik alles aus den tiefsten Quellen zu betrachten suchen. Wir sehen Geister wie Fichte, Schelling, Hegel auftreten; wir sehen sie mit Goethe in Verbindung treten; wir sehen, wie sie etwas schaffen von einer Erkenntnis, die ursprünglicher sein soll wie alle frühere, die auch herausquellen soll aus dem unmittelbaren Innern der menschlichen Seele; wir sehen, sie schaffen eine Philosophie; und wenn wir denken, dass Hegel ein «Naturrecht» geschaffen hat, Schelling ein Journal der Medizin herausgab, dass alle diese Geister nach Erneuerung der Wissenschaft gesucht haben, an der Faust verzweifelt! Sie suchten auch nach einer Erneuerung der Theologie, denn Theologen wollten sie alle miteinander sein. Wir sehen, wie all dieses Gewaltige, das noch gar nicht in gebührender Weise gewürdigt worden ist, herausquillt aus den tragenden Kräften des deutschen Geistes, und können vielleicht sagen: Goethe hätte dastehen können, nachdem er das alles an sich vorübergehen sah, und sagen können: Was ich dazumal in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts als Verzweiflung empfunden habe, glänzend hat es der deutsche Geist herausgebracht aus den Lebensquellen! Und nehmen wir an, Goethe wäre noch älter geworden, als er geworden ist; nehmen wir einmal an — und ich glaube, niemand wird diese Hypothese bestreiten —, Goethe hätte im Jahre 1840 begonnen, [oder nehmen wir an, er wäre noch jung gewesen], noch einmal den «Faust» zu schreiben, nach alledem was sich inzwischen zugetragen hatte im deutschen Geistesleben, können wir glauben, dass der Anfang des «Faust» etwa 1840 so gelautet haben würde:
Habe nun, Gott sei Dank, Philosophie,
Juristerei und Medizin, bei Fichte, Schelling, Hegel
Und Gott sei Dank auch Theologie
Durchaus studiert mit heißem Bemühn,
Da steh’ ich nun, ich weiser Mann,
Und bin so klug als man sein kann.
[ 23 ] Glauben Sie, der Anfang des «Faust» würde so gelautet haben? Ganz gewiss nicht. Er würde genauso gelautet haben wie 1772. Ganz genau so!
[ 24 ] Was bezeugt uns das aber? Das bezeugt uns, dass es im Wesen dieser urdeutschen, der Goethe’sehen FaustIdee liegt, alles das, was schon errungen ist, nicht anzusehen als das, was den Einzelnen befriedigen kann, sondern dass ein Streben wurzelt in diesem deutschen Geistesleben, da, wo es gerade in seinen Repräsentanten sich zeigt, dass jeder Einzelne wiederum durchzumachen hat, in jeder Zeit, ein Ewig-Werdender, ein niemals Vollendeter zu sein. Das ist aus dem Grunde der Fall, weil dieses deutsche Geistesleben nur dann das Ergreifen des Geistigen als ein wahrhaftes bezeichnen kann, wenn der Geist erlebt wird. Aber niemals kann er erlebt werden, wenn man ihn in einer zustande gekommenen Weise ergreifen will. Zu einem Erleben des Geistes gehört immer ein erneuertes Nahetreten dem Geiste. Das aber ist ein urdeutscher Zug, und zu gleicher Zeit dasjenige, was man nennen kann die «tragende Kraft des deutschen Geistes».
[ 25 ] Nicht Begriffe, nicht Ideen, nicht etwas, was in der Ratio erworben ist, ist etwas, was der Deutsche erstrebt, sondern das ist zu erstreben, was jederzeit wiederum in ursprünglicher Kraft erfasst werden kann. Nicht der eingesargte Geist, sondern der immer lebendige Geist wird erstrebt. Sodass wir sagen dürfen: Zwar sehen wir in den älteren Zeiten ein urdeutsches Streben nicht so, wie wir heute die Geisteswissenschaft sehen. Aber die Keime sehen wir; in dem, was in den Besten lebt, sehen wir das gleiche Streben nach dem unmittelbaren Erleben des Zusammenhanges mit dem Geiste. Das wird immer neu gezeugt. Das heißt: Es wird vorausgesetzt ein wirkliches Leben des Geistes, in dem der Einzelne drinnensteht. Das heißt: Die tragende Kraft des Geistes lebt so in ihm, dass sie geheime Zwiesprache halten, dass er berührt wird von dem, was der deutsche Geist von ihm will. Und dieses, wir sehen es nachwirken auch da, wo gerade durch die Angriffe von links und rechts, von oben und unten auf sich selbst das deutsche Geistesleben zurückgedrängt wurde; wir sehen das urdeutsche Getragenwerden des Einzelnen vom realen Geiste nachwirken. Ich möchte nur aus der Fülle der Erscheinungen, die angeführt werden könnten aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, eine anführen.
[ 26 ] Einer der bedeutendsten Repräsentanten des deutschen Geistes, der heute noch nicht völlig erkannt ist, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, ist Herman Grimm, der Sohn des einen, der Neffe des anderen der Gebrüder Grimm, der großen Mythen- und Sagenforscher, des Erforschers der deutschen Sprache. Herman Grimm, man [kennt] ihn zuerst als deutschen Kulturgeschichtsschreiber, als Kunstgeschichtsschreiber. Wenn man sich nun vertieft in die Kunstgeschichte Herman Grimms, so kommt man auf etwas Eigentümliches. Da ist nichts in den Schriften Herman Grimms von dem, was man nennen könnte pedantische Gelehrsamkeit, von äußerer Systematik, sondern da ist etwas, was aus dem Geistigen ursprünglich hervorquillt. Das Wichtigste, was man gerade aus den Werken Herman Grimms gewinnt, das muss zwischen den Zeilen gelesen werden, das muss erfühlt werden aus dem, was gesagt wird. Warum? Weil in Herman Grimm lebt die tragende Kraft des deutschen Geistes, die lebendig gemacht wird, von dem er sich in jedem einzelnen Falle wieder durch eine Inspiration zuraunen lässt, was er zu einer künstlerischen Erscheinung zu sagen hat. Sodass man fühlen muss die Verwandtschaft desjenigen, der da schreibt, mit dem, der ihn inspiriert, man fühlt wie ein lebendiges Gespräch des deutschen Volksgeistes mit dem, der kunsthistorisch zu uns durch seine Bücher spricht. Dieser Herman Grimm, er hat in einer eigentümlichen Weise sich vorbereitet zu seinem kunsthistorischen Beruf. Er hat in seiner Jugendzeit Novellen und auch einen bedeutsamen Roman geschrieben. Das Wiedererkennen dieser Dinge gehört auch zu dem Lebendigen des deutschen Geistesgutes. Denn nicht durch die Deutschheit selbst sind sie vergessen worden, sondern dadurch, dass die Angriffe geführt worden sind auf das deutsche Geistesgut von fremder Seite her.
[ 27 ] Ich will eine von den Novellen Herman Grimms kurz skizzieren. Wir werden gleich sehen, zu welchem Zweck. Die Novelle heißt «Die Sängerin». Wir treten gegenüber einer sehr schönen Charakteristik einer Frau. Wir sehen in der Umgebung der Frau einen Mann. Der Mann ist in tiefer Liebe zu der Frau entbrannt; die Frau hüllt sich mehr in ein vornehm kokettes Wesen. Er leidet furchtbar. Herman Grimm schrieb mit dieser Novelle eine sogenannte Ich-Novelle. Was er schreibt, ist so, wie wenn eine Person erzählte, die neben den beiden lebt und die das Ganze miterlebt. Und dann schildert uns in Wirklichkeit der Autor selbstverständlich, aber in der Novelle der Freund, dasjenige, was geschehen ist. Durch die Koketterie der Sängerin wird der Liebende endlich völlig abgestoßen. Er entfernt sich von ihr. Er kann den Zustand nicht ertragen. Später trifft ihn der Freund wieder und sieht ihn völlig herabgekommen. Er nimmt ihn in sein Haus und er sieht, dass dieser Mensch an den Rand des Grabes gekommen ist durch seine Liebe. Er sieht, dass er jederzeit nahe ist dem Selbstmord. Er nimmt ihn also in sein Haus. Er sieht aber, dass es notwendig ist, die Sängerin herbeizuholen. Er holt sie. Und siehe da, als er mit der Sängerin, die gleichsam zur letzten Rettung des Unglücklichen kommen soll, sich dem Hause nähert, hören sie einen Schuss. Der unglücklich Liebende hat sich erschossen, ist tot. Der Inhalt der Novelle ist wunderbar schön in seinen Charakteristiken; aber darauf kommt es mir jetzt nicht an. Sondern darauf kommt es mir an, was nun mit der Sängerin vorgeht, nachdem sie nur noch den toten, selbstgemordeten Geliebten findet. Die Sängerin bleibt einige Zeit in dem Hause des Freundes. Sie erklärt dem Freunde, dass sie nicht verbleiben könne in diesem Hause, dass sie in diesem Hause Furchtbares erlebt. Der Freund, dem sie erzählt, was sie erlebt, glaubt das nicht, selbstverständlich; er ist Rationalist. Er denkt, wie die Rationalisten der Gegenwart denken. Da fordert sie ihn auf, eine Nacht bei ihr zu wachen. Und da überzeugt er sich, was mit dieser Frau vorgeht als Folge des Todes des Geliebten. Er sieht selbst, wie die Frau sich aufrichtet. Er sieht, wie durch die Türe eine Gestalt hereinkommt; das heißt, er erkennt es nur aus den Worten, er sieht die Gestalt nicht, aber durch das, was die Frau erblickt, wird er überzeugt, dass es sich hier zwar um ein subjektives, aber um ein wahres Erlebnis handelt, dass die Frau wirklich mit dem Toten in Verbindung steht, dass es sich hier um die Austragung eines Schicksals handelt, das seine Strahlen hereinwirft über den Tod.
[ 28 ] Nicht weil ich ein belletristisches Werk heranziehen will zum Beweise der Geisteswissenschaft, sondern weil der Geisteswissenschaftler sagen muss: Herman Grimm schildert wie ein geisteswissenschaftlicher Fachmann, Herman Grimm will schildern, dass des Menschen Schicksal nicht begriffen ist nur zwischen Geburt und Tod. Wunderbar ergreifend, tief ergreifend ist diese Novelle, weil sie schildert das Leben eines Menschen über den Tod hinaus.
[ 29 ] Nun ist das nicht eine vorübergehende Erscheinung in der Schriftstellerei. In seinem großen kulturhistorischen Roman schildert Herman Grimm uns wiederum eine weibliche Gestalt, die auch den Tod des Geliebten erleben muss. Da schildert er, wie wirklich der Tod eintritt, wie der Tod des Helden eintritt, wie da sich herauserhebt die geistige Gestalt aus der physischen Gestalt. Nun schildert Herman Grimm, wie — sachgemäß —, wie diese Gestalt eingeht in die geistige Welt und wie eine Verbindung des Toten geblieben [ist] mit dem, was da aus dem physischen Leibe der Heldin sich heraushebt. Ich schildere diese Dinge aus dem Grunde, weil solche Dinge zeigen, wie im deutschen Schrifttum, da, wo man gegenübersteht Repräsentanten des Deutschen wirklich, wie da die tragende Kraft des deutschen Geistes so wirkt, dass auch der Novellist, der Romanschriftsteller, wo er sich in die Welt der wirklichen, übersinnlichen Realität erheben will, dieses kann. Da wird uns gezeigt, wie die besten Geister nicht stehen bleiben bei der äußerlichsichtbaren Wirklichkeit, sondern wie sie verfolgen die Menschenseele in die geistige Welt hinein. Geisteswissenschaft hatten diese Repräsentanten des deutschen Wesens noch nicht, aber ihre Seelen waren so gerichtet, dass sie die tragende Kraft des deutschen Geistes empfanden, der das deutsche Wesen führen will zum Erleben des Geistigen. Daher darf man haben die stärkste Zuversicht für die Entwicklung der Geisteswissenschaft, wenn man hinblickt auf das, was als Keim für diese Geisteswissenschaft da ist in dem deutschen Idealismus, in der deutschen Sehnsucht, nicht nach dem abstrakten, dem bloß ideellen Verstandeswissenschaftlichen, sondern nach dem lebendigen Geiste, der in der übersinnlichen Welt lebt, wie die Mineralwelt, die Pflanzenwelt, die Tierwelt in der Sinneswelt um uns herum leben. Dies bezeugt uns, dass Deutsch sein heißt: in einer ganz bestimmten Weise als einzelner Mensch zusammenhängen mit einer Gesamtheit geistigen Lebens. Und in diesem Punkte wird das deutsche Erleben nicht nur leicht missverstanden, sondern eben angegriffen und [wird] immer wieder angegriffen werden. Da ist es nicht leicht — weil das deutsche Erleben das Tiefere ist gegenüber alledem, was rund herum sich entwickelt —, zu den Waffen zu kommen, mit denen das deutsche, das eingekeilte deutsche Geistesleben sich im Laufe von Jahrtausenden wird zu verteidigen haben gegen das, was als feindliche Mächte von allen Seiten durch die Bedingungen des Lebens kommt.
[ 30 ] Was ersprießt denn aus diesen urdeutschen geistigen Impulsen? Dasjenige, was sich vielleicht am besten charakterisieren lässt, wenn man auch auf eine ältere Zeit hinweist. Dieses deutsche Geistesleben trat mit diesem Charakter nicht seit der neueren Zeit erst auf, sondern im Mittelalter schon. Wenn wir zurückgehen zu dem Mystiker Angelus Silesius, er hat viele Sprüche hinterlassen. Ein bedeutungsvoller Spruch ist der, wo er sagt: Nicht ich als Menschenseele erlebe den Tod, in dem Tiefsten meiner Menschenseele ruht Gott, und Gott erlebt in mir den Tod. Die Tiefe eines solchen Ausspruches ermisst man nicht sogleich. Er beweist das urdeutsche Denken und Fühlen und Empfinden, das in sich erlebt ein Zusammensein mit dem Weltgeist, der alles durchwallt und durchwebt. Denken wir nur an die Worte Fausts:
[Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert;
Dann führst Du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eigenen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.)
[ 31 ] Das ist es, was der Deutsche von jeher gesucht hat in seinen besten Repräsentanten. Das hat er gesucht: in der Seele wirklich zu finden, in seinem tiefsten Innern zu finden den lebendigen Geist, zusammenzuleben mit diesem lebendigen Geiste. Sodass Angelus Silesius schon in seiner ganzen Eigentümlichkeit große Unsterblichkeitsideen darlegt, wenn er so von dem Erleben des Todes spricht. Denn der Gott kann nur als lebendig empfunden werden. Wer aber den Gott so in sich erlebt, der weiß, dass er unsterblich ist. Denn der Gott muss unsterblich sein, deshalb kann der Tod nur ein Schein sein. Aus diesem Empfinden der deutschen Seele geht selbst das Ergreifen des unsterblichen Lebens für diese deutsche Seele hervor. Das ist es aber, was dieser deutschen Seele diese Sicherheit, diesen festen Stand gegeben hat in ihrer Entwicklung. Das ist es, was diese deutsche Seele von allen Volksseelen immer am nächsten gebracht hat dem, was wir heute als Geisteswissenschaft bezeichnen. Ich möchte gerade dieses von einer gewissen Seite her Ihren Seelen nahebringen.
[ 32 ] Vergleichen wir mit diesem deutschen Geistesleben das östliche Geistesleben, nicht in seinen unteren Regionen, sondern gehen wir hinauf bis in die höchsten Regionen des russischen Geisteslebens. Versuchen wir, einen der hervorragendsten Geister Russlands vor uns hinzustellen, Solowjow. Solowjow, der wirklich alles, was im russischen Geistesleben war, in seine Seele aufgenommen hat und es als Weltanschauung wiedergegeben hat — nicht bloß als das, was man nennt «philosophische Weltanschauung», sondern so, dass man das russische Leben vibrieren fühlt —, gegeben hat etwas, was in dieser tiefen Seele gelebt hat. Ich kann hier nur auf seine Werke, die erst zum kleinen Teil übersetzt sind, hinweisen, ich kann nicht auf alle Werke eingehen. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Philosoph, der sein ganzes Leben hindurch den Glauben bewahrt hat, den Glauben, der ja in vielen Russen lebt, dass das westeuropäische Leben, auch das mitteleuropäische Leben ein absterbendes Leben ist, dessen Erneuerung nur aus Russland kommen könne. Diesem Irrtum lebt er nach. Aber dieser Irrtum gibt seiner Philosophie das besondere Gepräge. Und immer wiederum versichert Solowjow in hinreißender Rede seinem Volk, was für schaffende, tragende Kräfte in dem Volke stecken. Da kam das Lebensende. Solowjow beschloss sein Leben mit dem, indem er immer mehr und mehr zu einem Kümmerlichen in seiner Weltanschauung kam, das ich charakterisieren will, indem ich es vergleiche mit dem, was auf ähnlichem Gebiete lebt in der deutschen Weltanschauung.
[ 33 ] Sehen wir, was in der deutschen Weltanschauung lebt, es ist die Gewissheit, dass die Menschenseele zusammenleben kann mit dem Geiste der Welt, dass er seine Zwiesprache halten kann mit dem Geiste der Welt. Wir haben es gesehen an der repräsentativen Gestalt des Faust. Solowjow spricht nicht so, wie eine Menschenseele aus deutscher Art heraus spricht, von der Gewissheit des geistigen Erlebens. Sondern er spricht so: Ja, das russische Volk, es habe eine große Sendung, aber es erfülle sie dadurch, dass ein Göttliches aus jenseitigen Höhen selbst durch Gnade das russische Volk ergreife und ihm seine Sendung gebe. Der Gott muss im russischen Volke wirken. Und auf das Wunder wartet der Russe, wo ein Gott, eine Art Lichterscheinung des Christus erscheinen werde, um das russische Volk aufzurufen zu seiner Aufgabe.
[ 34 ] In der mitteleuropäischen Geisteskultur weiß der Mensch, er kann seine Seele erleben, er kann den Gott erleben in seiner Seele. Solowjow wartet auf das, was ihn stößt und treibt und drängt von außen, er wartet auf das Wunder. Aber nun im Todesjahr Solowjows das Merkwürdige, dass Solowjow hintrat vor das Petersburger Publikum mit einer Rede, die wunderbar ergreifend gewesen sein muss, weil etwas tief Gemütvolles sprach aus seinen Worten, was die Zuhörer so überzeugte, dass diese Überzeugungskraft auf die Menschen überging wie ein Zauberhauch. Er sagte: Alles das, was jemals hat geglaubt werden können darüber, dass die Menschheit etwas finden könne in sich selbst, das sie erlöst, das sie hinbrächte zu einem Göttlichen, ist eitel Trug und Täuschung. Alles das ist Täuschung, was da glaubt, dass die Menschheit jemals die Kraft in sich finden werde, durch das, was sie jetzt ist, das Göttliche zu erleben. — Nein, betont Solowjow, alles, was die Menschheit jetzt an Kräften hat, alles, was sie an scheinbar höchstem Kulturhaftem hat, das muss untergehen. «Die ganze Welt liegt im Argen» — so sind seine Worte —, denn nichts liegt in der Menschheit, die gegenwärtig lebt, das diese Menschheit zu einem geistigen Ziel führen könnte. Erst wenn alles untergegangen ist, dann wird von außen herein der aufgelösten Erde, der untergegangenen Erde gegenüber der Gott treten, der die Seelen erlöst. Nichts können wir in unseren Seelen finden, das uns hinweist auf etwas, was wir selbst suchen könnten.
[ 35 ] Und auch im Einzelnen, im Konkreten schildert er, was er erwartet. Wie in einer gewaltigen Vision sieht er herankommen die asiatischen Völker, er sieht, wie sie Europa bekriegen, er sieht, wie im zwanzigsten, einundzwanzigsten Jahrhundert das Christentum soweit zurückgegangen sein wird, dass nur ein Zehntel an Zahl noch Christen sein werden von denen, die auf Erden sind, während die ganze Welt mit einer derben, materialistischen Weltanschauung überschwemmt sein wird, die sich über die Welt ergießt, denn: «Die ganze Welt liegt im Argen.» Derjenige, der sich das angehört hat, was kurz vor seinem Tode, nur Wochen vor seinem Tode, aus einem tiefen Glauben heraus der größte philosophische Geist des russischen Volkes gesprochen hat, der könnte fragen: Was könnte den, der hinübergegangen ist, angeregt haben zu den Worten: Meiner Seele durch ihre eigene Kraft ist die ganze Ewigkeit verloren.
[ 36 ] Stellen wir dazu das Testament eines Deutschen. Es gibt zwar auch heute Leute, die spotten über Lessings bedeutsames Testament «Die Erziehung des Menschengeschlechts», wo er darstellt, wie die Entwicklung durchgeht durch alle Zeiten, wie die Seelen immer wiederkommen. Denn Lessing war der Erste, der dem deutschen Geistesleben die Lehre von dem wiederholten Erdenleben einverleibt hat. Die Leute sagen oftmals: Nun ja, Lessing war ja ein Großer, aber als er diese «Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben hat, da war er schon ein alter Mann. Nun, die Leute richten sich das, was sie anerkennen wollen, immer so ein, wie sie wollen. Aber Lessing war nicht schwach geworden, sondern er war gerade hinaufgestiegen auch zum tiefen Ergreifen dieses unmittelbaren Zusammenseins, dieses Sprechens der menschlichen Seele mit dem lebendigen Geist, der seine tragende Kraft ausgießt über die Seele des Einzelnen, damit die einzelne Seele mit ihm leben kann in der tragenden Kraft des deutschen Geistes. Lessing hat als Schlussworte seines Testamentes ungefähr das Folgende gesagt: Ist dieser meiner Seele nicht klar durch dasjenige, was sie in sich erlebt, dass sie immer wiederkommen muss zu einem neuen Erdenleben, um immer Neues zu lernen, um sich immer höher zu entwickeln? Das würde viel Zeit brauchen, nun wohl, ist nicht die Ewigkeit mein? — Das gewinnt Lessing aus der Tiefe der menschlichen Seele selbst heraus, das legt er nieder in seinem Testament. Das ist eine geistige Kultur, die zu anderen Worten kommt, als diejenige, die da sagt: Aus der menschlichen Seele selbst heraus werden wir nie die Kraft finden.
[ 37 ] Aus solcher Gegenüberstellung der verschiedenen Stimmungen wird man begreifen, dass im Osten sich die russische geistige Stimmung geltend macht, die ohne Verständnis gegenübersteht dem, was in Mitteleuropa sich vollzieht, und die alles das, was hier auftritt als lebendiges Geistesleben, nicht überblickt, sondern immer spricht von der Verfallskultur des Westens. So rechtfertigt man durch geistige Gesichtspunkte bei den sogenannten Intellektuellen dasjenige, was man immer vorhatte gegen den Westen, auch politisch aufzunehmen. Ebenso viel wie aus äußeren Interessen ist aus den Stimmungen des Ostens der furchtbare Krieg veranlasst worden, in dem wir stehen. Diese Stimmungen aber, sie werden mit diesem Kriege nicht verschwinden. [Um] das deutsche Geistesleben zur Geltung zu bringen, wird es notwendig sein, aus dem Geiste die Waffen zu schmieden, aus dem die größten Geister Mitteleuropas ihre Waffen genommen haben, denn immer erneuert muss werden dieses Gegenüberstehen dem Geiste.
[ 38 ] Und wie durch ganz natürliche Veranlassung der Feinde dieses deutsche Geistesleben eingekreist werden muss — wir können es sehen, wenn wir einen Blick werfen darauf, wie das deutsche Geistesleben verstanden wird, das deutsche Geistesleben, das ich wie in Kohlezeichnung entwerfen konnte, über das man viel sprechen könnte. [Ich will zur Verteidigung und zum Verständnis dieses deutschen Geisteslebens] einen Geist Ihnen aufrufen, einen westlichen Geist, der wahrhaftig zu den besten [westlichen Geistern] des neunzehnten Jahrhunderts gehört, einen Amerikaner, der in englischer Sprache geschrieben hat, Emerson. Es ist wahrhaftig keiner, den man aufruft dann, wenn man aus Vorurteilen heraus den Gegensatz des Westens gegenüber dem deutschen Geistesleben schildern will. Emerson schildert das englische Volk als das erste Weltvolk; sonderbarerweise aber stellt er die Deutschen höher. Trotzdem Emerson von den Engländern als dem ersten Weltvolk spricht, sagt er:
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Geisteslebens nicht.
Der Deutsche denkt für Europa.
[ 39 ] Aber nun noch etwas sehr Charakteristisches, auf das ich hinweisen will von dem Gesichtspunkte aus, den ich heute dieser Betrachtung zugrunde legte. Emerson hat zwei wunderbare Abhandlungen geschrieben, eine über Shakespeare, eine über Goethe. Leider wird heute nur mit halbem Geiste gelesen, es könnte interessant sein, wenn das eine Anzahl von Menschen wirklich vollbringen würde, was ich jetzt andeuten will. Es würde interessant sein, wenn man sich darauf einlassen würde, in den Abhandlungen, die Emerson geschrieben hat und die den Titel tragen «Repräsentanten des Menschengeschlechts», die beiden Abhandlungen zu lesen, die eine über «Shakespeare, oder der Dichter», die andere über «Goethe, oder der Schriftsteller». Sie werden nicht glauben, dass ich so brutal, oder, man könnte auch sagen so «barbarisch» bin, Shakespeare irgendwie verunglimpfen zu wollen, oder dass ich ihn nicht im höchsten Maße als einen der größten Dichter der Menschheit verehrte. Das ist er, auch für Emerson. Und Emerson stellt fest, dass, wenn man den Dichter charakterisieren will, so muss man Shakespeare als repräsentativen Dichter nennen. Im Vergleich dazu muss man Goethe den repräsentativen Schriftsteller nennen. Nun soll man nicht bloß so lesen, dass man das liest, was dasteht, sondern man soll den Worten anfühlen, was durch die ganze Seele des Darstellers gezogen ist, als er die Charakteristiken gab. Emerson versucht, Shakespeare hinzustellen aus der Charakteristik der englischen Volksseele heraus als den Repräsentanten des Dichters überhaupt, dann Goethe als den Repräsentanten des Schriftstellers überhaupt. Und Emerson sucht heranzuziehen die Züge, die man betrachten muss, wenn man Shakespeare so richtig im Innern charakterisieren will. Und bei Emerson ist es ja so, dass, wenn er einer Erscheinung gegenübersteht, so charakterisiert er die eine Erscheinung mit aller Kraft des Wortes, wie wenn es nichts anderes gäbe, so vertieft er sich in die einzelne Erscheinung. In Shakespeare, wenn er Shakespeare bespricht, in Goethe, wenn er Goethe bespricht. [Es ist das eine besondere Gabe.] Und was sucht er aufzubringen, da er Shakespeare betrachtet, Shakespeare den Dichter, [den er als den auserlesensten Dichter und diesen als den Auserlesensten der Engländer, und dieses als das auserlesenste der Völker ansieht]? Er fühlt sich gedrängt zu sagen, indem er Shakespeare charakterisiert: Ein origineller Geist ist nicht, der, wie man gewöhnlich meint, alles aus sich selber schafft, sondern der wie Shakespeare wirkt, der geht überall und nimmt das geistige Gut, wo er es finden kann. Und nun stellt er dar, wie geradezu das ganze England so gedacht hat wie Shakespeare, wie er nur das Echo seines Volkes war. Auf der anderen Seite sucht er darzustellen, wie Shakespeare französische, italienische Quellen benutzte, wie er alles zusammentrug, um eben Shakespeare zu werden, wie er dadurch der große Mann wurde, dass er aus anderen Welten, aus anderen Völkern die großen geistigen Güter zusammenorganisiert hat. Darauf kommt Emerson durch Shakespeare. Und ich möchte Ihnen einige Worte, die charakteristisch sind, vorlesen:
Große Männer zeichnen sich mehr durch umfassenden Geist [und] durch die Höhe des Standpunktes aus, von dem sie herabschauen, als durch Originalität. Fordern wir jene Originalicie, welche wie'eine' Spinne aus ihren’eigenen Eingeweiden das eigene Gewebe zieht, welche selbst den Lehm findet, Steine daraus formt und das Haus aufrichtet, dann sind große Männer keineswegs original. Das Wesen wahr haft wertvoller Originalität liegt nicht in der Unähnlichkeit mit andern.
[ 40 ] Also Emerson charakterisiert Shakespeare so, dass er zeigt: Ich muss zeigen, warum Shakespeare so wenig originell ist. «Das Wesen wahrhaft wertvoller Originalität liegt nicht in der Unähnlichkeit mit andern.»
[ 41 ] Und ein Ausspruch, auf den besonders viel Wert gelegt werden muss in Emersons Charakteristik von Shakespeare, ist der Folgende, den also nicht ich sage, sondern Emerson spricht so über Shakespeare:
Es ist bei den Schriftstellern eine Art praktischer Regel geworden, dass; wer sich:einmal befähigt gezeigt hat; selbst Originales zu schaffen, hinfort auch die Werke anderer auf diskrete Weise bestehlen dürfe.
[ 42 ] Also nichts Geringeres bedarf Emerson, als Shakespeare einen der größten Geister der Weltordnung zu charakterisieren, indem er ihn entschuldigt dafür, dass man originell ist auch, indem man andere bestiehlt und das Gestohlene zusammenformt. Man muss schon etwas tiefer hineinschauen in das, was die Impulse der Menschheitsentwicklung sind, wenn man in einer so bedeutungsvollen Weltenperiode steht, wie die heutige.
[ 43 ] Und dann blättern wir weiter, besonders in der schönen Übersetzung von Herman Grimm, die er von den Abhandlungen Emersons über Shakespeare und Goethe gemacht hat. Gehen wir nun zu Goethe hinüber. Da ist es wiederum so, dass Emerson sich nun in Goethe vertieft, ganz aufgeht im Wesen Goethes, wie wenn nichts anderes da wäre. Und was fällt Emerson ein jetzt, um Goethe als den Repräsentanten des Schriftstellertums zu charakterisieren? Da fällt ihm ein dasjenige, was er mit folgenden Worten charakterisiert: Die ganze Natur, jeder Stein, alles, was ist und wird, strebt danach, ausgesprochen zu werden. Die ganze Welt strebt nach Ausdruck. Und bevorzugte Menschenseelen, denen andere Seelen nicht nacheifern können, die also einsam dastehen, die finden die Worte, um, mit dem Weltgeist ringend, das auszusprechen, was eben mit dem Weltgeiste ringt.
[ 44 ] Bei Shakespeare schildert Emerson, wie er [überall Anlehnungen macht].
[ 45 ] Bei Goethe schildert er, wie Goethe selbst im Zusammenhang steht mit dem Weltgeist, der in den einzelnen Reichen der Natur wirkt. Man vergleiche das eine mit dem anderen. Über Goethe sagt Emerson:
In meinen Augen steht der Schriftsteller als ein Mann da, dessen Stellung beim Aufbau der Welt vorgesehen ward.
[ 46 ] Unmittelbar in Zusammenhang mit dem Anfang der Welt bringt er Goethe. Shakespeare glaubt er entschuldigen zu müssen. Und weiter sagt er von Goethe:
Der Stellung, welche er einnahm, verdankt er nichts, sondern er trat in die Welt von seiner Geburt an als ein freier, [überwachender] Genius.
[ 47 ] Über Shakespeare sagt er:
Leicht ist es, zu erkennen, dass alles, was in der Welt jemals am besten geschrieben und getan ward, nicht eines Mannes Werk war, sondern durch weitverzweigte, gemeinschaftliche Arbeit, wo tausend wie einer, alle von einem Impulse getrieben, die Hand anlegten, zustande kam.
[ 48 ] Ganz aus der Umgebung heraus, aus der Welt heraus, die ihn umgibt, wird Shakespeare erklärt. Bei Goethe sagt Emerson:
Er ist ganz Auge und wendet sich instinktmäßig dahin, wo die Wahrheit liegt. Sage etwas, er wird sogleich wissen, ob es wahr oder falsch sei. Es ist ihm verhasst, die Altenweibergeschichten, und wenn sie tausend Jahre lang den guten Glauben der Menschheit für sich hatten, noch einmal nachzubeten, und sich von ihnen zum Narren haben zu lassen. Kein anderer braucht erst für ihn die Augen anzustrengen, um ihm zu zeigen, ob etwas wahr oder gelogen sei.
[ 49 ] Ich glaube, meine sehr verehrten Anwesenden, man kann Tiefes, Bedeutsames erfühlen, indem man den Aufsatz eines so weltmännischen Geistes wie Emerson über Shakespeare mit seinem Aufsatz über Goethe vergleicht; überall wird man fühlen, dass dieser Amerikaner eine gewisse Berechtigung hatte, zu sagen: «Die Engländer [ermessen die Tiefe des deutschen Geisteslebens nicht. Der Deutsche denkt für Europa.»] Er versuchte, sie zu ergründen, aber indem er sie ergründete, empfand er etwas von dem, was ich heute charakterisieren wollte als die lebendigen Kräfte des deutschen Geistes, die in jede einzelne Seele hereinwirken; nicht jene Kraft, die aus der Gemeinsamkeit der Menschen zusammenfließt, sondern aus dem unmittelbaren Verkehr der einzelnen Seele mit dem Geiste. Und man kann empfinden, wie Emerson erfüllt ist von dieser tragenden Kraft des deutschen Geistes, da, wo er am Schlusse seiner Betrachtung über Goethe Worte spricht, die man wiederum so nehmen muss, dass man sie mit dem Gefühl, nicht bloß mit dem Verstand aufnimmt. Am Schlusse der Shakespeare-Betrachtung sagt Emerson:
Es muss zugegeben werden, dass dies nur unvollkommene Gesichte unvollkommener Männer waren. Noch wartet die Welt auf den Dichterpriester, den Versöhner, welcher nicht spielt, wie Shakespeare, nicht in Gräbern sucht, wie der leichentraurige Swedenborg, sondern welcher sehen und sprechen und handeln wird mit gleicher Begeisterung. Denn die Erkenntnis wird dem Sonnenschein Glanz geben; Gerechtigkeit ist schöner als geheime Vorliebe, und Liebe vereinbar mit allumfassender Weisheit.
[ 50 ] Zu welchen Gefühlen regt Shakespeare Emerson an? Zu dem Gefühl, dass gewartet werden muss auf einen, der da kommen soll, der die Versöhnung bringen soll.
[ 51 ] Zu was regt ihn die Betrachtung Goethes an? Er sagt am Schlusse der Betrachtung:
Das Geheimnis des Genius ist, nicht zu dulden, dass eine Lüge für uns bestehen bleibe, alles, dessen wir bewusst sind, zu einer Wahrheit zu machen; im Raffinement des modernen Lebens, in Kunst und Wissenschaft, in [den] Büchern und in den Menschen Glauben, Bestimmtheit und Vertrauen zu erwecken, und zu Anfang wie am Schluss, mitten auf dem Wege wie für [endlose] Zeiten jede Wahrheit dadurch zu ehren, dass wir sie nicht allein erkennen, sondern sie zu einer Richtschnur uns’res Handelns machen.
[ 52 ] Also nicht zu warten auf irgendjemand, wird Emerson durch Goethe angeregt, wie durch Shakespeare. Und den Worten, die ich eben vorgelesen habe, gehen die anderen vorher:
Auch wir müssen heilige Schriften schreiben, um wieder Himmel und Erde miteinander zu vereinigen.
[ 53 ] Wir würden heute sagen: Wir müssen in Geisteswissenschaft eintauchen dasjenige, was menschliche Wissenschaft sein kann. Aber Emerson weiß, wie diese Tiefe des deutschen Geisteslebens nicht erfasst wird, wie gründlich feindlich diesem Geistesleben gegenüberstehen diejenigen, die es nicht erfassen können.
[ 54 ] Das aber begründet eben, dass für lange Zeiten hindurch das deutsche Geistesleben in einer Art Verteidigungsstellung stehen wird. Denn es erlebt selbst mit denjenigen, von denen gesagt wird, dass sie sich bemühen, in dieses deutsche Geistesleben einzudringen, sonderbare Dinge. Davon möchte ich Ihnen auch ein Pröbchen geben.
[ 55 ] Es hat überraschen können diejenigen, die einigermaßen mit dem geistigen Leben der jüngsten Vergangenheit bekannt sind, dass so große Hoffnungen gesetzt worden sind auch in manchem deutschen Kopfe, bevor dieser Krieg die Leute eines Besseren belehrt hat, sagen wir, auf so jemand wie Romain Rolland. Die Leute, die ihn bewundert haben, sie bedeuten gewissermaßen einen Einbruch in das geistige Leben der Gegenwart. Die ihn bewundert haben, konnten nicht recht begreifen, wie er so schnöde Worte nach dem Ausbruch des Krieges über die Deutschen hat sprechen können. Man hat ja allerdings sonderbare Artikel lesen können in Deutschland über Romain Rolland. Ich will nur auf ein Werk eingehen von Romain Rolland, «Jean-Christophe». In diesem Roman schildert Romain Rolland einen Deutschen, aber Sie werden gleich sehen, wie. Schon gegen diese Charakteristik, die er gibt von Jean-Christophe, ist zu sagen: Sie ist gegeben von einem Menschen, der niemals berührt worden ist von der realen inneren Tragkraft des geistigen Lebens. Was ist denn Jean-Christophe in dem zweibändigen Roman? Es ist ein deutscher Musiker, wie er sich entwickelt in dem Deutschtum. Das will Romain Rolland schildern. Und er schildert wirklich etwas, ja, man kann nicht anders sagen, als ein chaotisches Gemisch von Schicksalen verschiedener Deutscher wie Beethoven, Richard Strauss, Wagner, Gustav Mahler und so weiter. Das alles ist in der unmöglichsten Weise durcheinandergerührt, und das gibt den ganz unmöglichen Charakter des Jean-Christophe, der so viel bewundert worden ist, der aber als nichts anderes sich zeigt als das Ergebnis des Unvermögens eines Künstlers gegenüber der Wirklichkeit, die nicht bloß die äußere Natur abschreibt, sondern hineindringt in die Tiefen des Daseins, und da sehen kann die Unmöglichkeit, ein solches Chaos durcheinanderzurühren.
[ 56 ] Ich weiß sehr wohl, dass es viele Leute geben mag, die mir das als «barbarisch» auslegen werden, was ich jetzt über Romain Rolland zu sagen habe. Aber ich glaube, dass ich es mit dem, was diese Leute von ihrem scheinbaren ästhetischen Höhenstandpunkt verteidigen, dass ich es mit ihnen aufnehmen könnte für die Beurteilung des besonderen Ästheten- und Künstlertums solcher Leute, wie Romain Rolland sind. [Es hat nichts davon, was Schiller sagte Goethe gegenüber. «Die Leute sagen, im Wilhelm Meister sei Unmoralisches. Nein, die Figuren sind so, wie sie notwendig sind.»] Denn bei Romain Rolland weiß man nie, was der Autor sagt und was seine Personen sagen. Daher kann man das, was seine Personen sagen, zu gleicher Zeit ansehen als die Gesinnung des Romain Rolland selbst. Überall tritt uns entgegen diese Gesinnung, wo er über das Deutschtum spricht. Da schildert er zum Beispiel den Vater des Jean-Christoph.
[ 57 ] Ich will jetzt nur einzelne bedeutungsvolle Dinge wiedergeben, von denen wir sagen dürfen: Es ist das Urteil eines Franzosen aus der letzten Zeit über deutsches Wesen. Und ich will Beweise anführen, weil es Leute gab, die gesagt haben: Dieser Roman ist seit dem Jahre 1870 die erste große Tat, die die Versöhnung von Deutschen und Franzosen herbeiführen wird. Keine politische Tat ist so wichtig für diese Versöhnung, wie der Roman von Romain Rolland, so sagten die Leute. Nun, wer den Roman liest, wird mir recht geben, wenn ich anderer Meinung bin. Nicht darf man sagen: Der Romain Rolland wollte das ja gar nicht sagen als seine Gesinnung, was er seine Personen sagen lässt, man muss es nur vom künstlerischen Standpunkt ansehen. Denn, gerade das, was wir da von diesem Romain Rolland hören, diesem «Versöhner zwischen Deutschtum und Franzosentum», es ist uns in der letzten Zeit als deutsche «Barbarei» in der allerverleumderischsten Weise entgegengetönt vom Westen. Von dem Vater wird also gesagt:
Er war ein Schönredner, gut gebaut, wenn auch ein wenig plump, und der Typus dessen, was in Deutschland als klassische Schönheit gilt: eine breite ausdruckslose Stirn, starke regelmäßige Züge und ein lockiger Bart: ein Jupiter vom Rheinufer.
[ 58 ] Dann charakterisiert er eine Anzahl von Kammermusikern, die er für typisch hält für deutsche Kammermusik, in der folgenden Weise:
Sie spielten weder sehr richtig, noch sehr im Takt; aber sie entgleisten niemals und befolgten treu die angegebenen Ausdruckszeichen. Sie besaßen jene musikalische Leichtigkeit, die sich mit wenigem begnügt, und jene Vollkommenheit im Mittelmäßigen, die in der Rasse, welche man die musikalischste der Welt nennt, überreich vorhanden ist.
[ 59 ] Den Onkel Theodor, den Stiefsohn des Großvaters jenes Jean-Christophe charakterisiert Romain Rolland in der folgenden Weise:
Er war Teilhaber eines großen Handelshauses, das geschäftliche Verbindungen mit Afrika und dem äußersten Osten unterhielt. Er stellte ganz den Typus eines jener Deutschen neuen Stils dar, die mit Vorliebe den alten Idealismus der Rasse spöttisch verschmähen und siegestrunken mit Kraft und Erfolg einen Kultus treiben, der beweist, dass sie nicht gewohnt sind, unter diesem Zeichen zu leben. Da es aber unmöglich ist, die jahrhundertalte Natur eines Volkes plötzlich zu ändern, kam der zurückgedrängte Idealismus immer wieder in der Sprache, im Benehmen, in den moralischen Anschauungen, in den Goethe-Zitaten anlässlich der geringsten häuslichen Begebenheiten wieder zutage; und so entstand durch das bizarre Bemühen, die ehrbaren Prinzipien des alten deutschen Bürgertums mit dem Zynismus dieser neuen Laden-Condottieri in Einklang zu bringen, ein sonderbares Gemisch von Gewissenhaftigkeit und Eigennutz, ein Gemisch, das einen recht widerlichen Geruch von Heuchelei an sich hat, die darauf hinausläuft, aus deutscher Kraft, Geldgier und Interessensucht das Symbol alles Rechtes, aller Gerechtigkeit und aller Wahrheit zu gestalten.
[ 60 ] Das ist also die Charakteristik Romain Rollands, die er von gewissen Deutschen gibt. Wir haben es jetzt nach Romain Rolland wieder gehört. Dann aber wird gesagt von Jean-Christophe selbst:
Ihm fehlte jener willfährige germanische Idealismus, der nicht sehen will und auch nicht sieht, was ihm zu entdecken, peinlich wäre, aus Furcht, die bequeme Ruhe ihres Urteilens und das Behagen ihren Lebens zerstören.
[ 61 ] Den deutschen Idealismus sieht selbstverständlich Romain Rolland, aber er will ihn in dem Lichte zeigen, das nach seiner Ansicht das wahre Licht ist. Er will diesen deutschen Idealismus etwas charakterisieren, und da sagt er gerade über diesen deutschen Idealismus — da ja Romain Rolland ein guter Musiker ist, seine Freunde behaupten, dass er die deutsche Musik besonders gut versteht, darf er sich darauf berufen —; den deutschen Idealismus sucht Romain Rolland zu charakterisieren als das, was die Deutschen sich vormachen als blauen Dunst, den die Deutschen sich fürchten zu sehen und den sie deshalb idealisieren. Etwas sieht er darin, mit dem sich die Deutschen allerlei maskieren, um die Wirklichkeit nicht zu sehen. Dann sagt er:
Die Deutschen sind nicht Idealisten aus dem Grunde, dass sie Gefühle fälschen
[ 62 ] — er spricht, ich bitte das zu hören, er spricht so, als es sich um eine Charakteristik Schumanns und Wagners handelt —, das ist nicht das Verfängliche in der Musik, dass der Idealismus Gefühle fälscht, sondern dass die Gefühle falsch sind, das zeigt sich bei Schumann. Der Deutsche fühlt schon falsch. Das sind die eigenen Worte Romain Rollands:
Aber gerade sein Beispiel führte Christof zu der Erkenntnis, dass die schlimmste Falschheit der deutschen Kunst nicht dort lag, wo die Künstler Empfindungen ausdrücken wollten, die sie nicht fühlten, sondern vielmehr dort, wo sie zwar Gefühle ausdrückten, die sie empfanden, die aber in sich gefälscht waren. Die Musik ist ein unerbittlicher Spiegel der Seele, je naiver und vertrauensvoller ein deutscher Musiker ist, umso mehr zeigt er die Schwächen der deutschen Seele, ihren unsicheren Grund, ihre [weiche] Empfindsamkeit, ihren Mangel an Freimut, ihren ein wenig hinterhältigen Idealismus, ihre Unfähigkeit, sich selbst zu sehen, zu wagen, sich ins Gesicht zu schauen.
[ 63 ] Diesen deutschen Idealismus will er überhaupt in seinem Herzen treffen. Daher beruft er sich auf Frau von Stael, die ja die Deutschen einmal charakterisiert hat, wie Romain Rolland das wiedergibt. Sie hat gesagt:
Sie parieren ordentlich. Sie nehmen philosophische Vernunftgründe zu Hilfe, um das Unphilosophischeste auf der Welt zu erklären: den Respekt vor der Macht und die Gewöhnung an Furcht, die den Respekt in Bewunderung verwandelt.
[ 64 ] Auf diese Worte der Frau von Sta@] beruft sich Romain Rolland.
Christof fand dies Gefühl beim Größten und beim Kleinsten [in Deutschland] wieder
[ 65 ] — sagt er. Und dann, um etwas für die Deutschen recht Charakteristisches zu sagen, fügt er an:
von Wilhelm Tell an, dem bedächtigen, kleinen Spießbürger mit den Lastträgermuskeln, der, wie der freie Jude Börne sagt: «um Ehre und Angst miteinander in Einklang zu bringen, vor dem Pfahl des ‹lieben Herrn› Gessler mit gesenkten Augen vorbeigeht, damit er sich darauf berufen könne, dass der nicht ungehorsam ist, welcher den Hut nicht sah», bis hinauf zu dem chrenwerten siebzigjährigen Professor Weiße, einem der meistgeachteten Gelchrten der Stadt, der, wenn ein Herr Leutnant an ihm vorüber kam, ihm eilfertg den Fußsteig überließ, und auf den Fahrdamm [hinun terging].
[Er hasste den brutalen Militarismus, den er auf sich lasten fühlte, all diese Säbel, die auf dem Pflaster klangen, diese Gewehrpyramiden und vor den Kasernen aufgestellten Kanonen, die mit ihrer gegen die Stadt gerichteten Mündung schussbereit dastanden.]
[ 66 ] Wir hören das alles ja auch wiederum jetzt. Der Roman enthält schon dieselben Worte, die wir jetzt wieder hören, nur mit dem Unterschied, dass die Franzosen später nicht mehr gefunden haben, dass die Mündungen nur gegen die eigenen deutschen Städte gerichtet sind, sondern etwas gefühlt haben davon, dass sie auch woanders hin gerichtet werden können.
[ 67 ] Aber man darf nicht sagen, dass Romain Rolland so ganz ungerecht ist gegen die Deutschen, die er so charakterisiert. Er findet zwar, dass diese Deutschen vom eigentlichen Ästheten nichts an sich haben. In der Musik sagt er ihnen ja manches nach. Das Denken nennt er «klar, aber trübe», und so weiter. Aber von Schönheitsgefühl haben die Deutschen nicht viel, nach Ansicht dieses Franzosen, der als einer der besten Geister Frankreichs heute angesehen wird. Er schildert ein deutsches Mädchen: «Die Nase [Lücke im Text] die eine Seite hinauf, die andere hinunter.» Das ist nach ihm das typische deutsche Mädchen. Die folgenden Worte bitte ich auch zu berücksichtigen:
Die Deutschen sind in Bezug auf physische Unvollkommenheiten von einer glücklichen Nachsicht: Sie bringen es fertig, sie nicht zu sehen; sie können sogar dahin kommen, sie mit wohlwollender Phantasie zu verschönen, indem sie unerwartete Beziehungen zwischen dem [Gesicht], das sie sehen wollen, und den herrlichsten Exemplaren menschlicher Schönheit herausfinden.
[ 68 ] Das bezieht sich auf das Gesicht mit der Nase, die ich eben geschildert habe. Es hätte nicht allzu großer Überredungsgabe bedurft, um den alten Euler zu der Erklärung zu veranlassen, dass [seine] Enkelin die Nase der Juno Ludovisi habe.
[ 69 ] Aber man kann nicht sagen, dass Romain Rolland ganz und gar ungerecht ist oder sein will. Er lobt auch, wo er loben will, und erkennt im deutschen Wesen dasjenige an, was er glaubt, anerkennen zu können. So zum Beispiel, nachdem er gezeigt hat, wie dieser Jean-Christophe, der ein so begabter Geselle ist, dass er es nicht aushalten kann in der Deutschheit, dass er hinausstrebt, weil in der Deutschheit solch ein Genie nicht gedeihen kann. Nachdem er das gezeigt hat, lässt er ihn zuletzt eingeladen sein bei einem Professor, den er als typischen Deutschen schildern will. Und was da bei diesem deutschen Professor entfaltet wird, darin lobt nun doch Romain Rolland die Deutschen, da findet er etwas Lobenswertes bei ihnen. Der Professor bemüht sich nämlich, durch seine Wirtschafterin das Beste kochen zu lassen, was man kochen kann. Und diese ist so überzeugt davon, dass sie eine große Kunst entfaltet hat, dass sie einen Spalt der Türe auflässt, um zu sehen, wie es den Herren schmeckt.
Es war eine Ausstellung der unvergesslichen, ehrlichen, unverfälschten deutschen Küche mit ihren Düften aller Kräuter, ihren dicken Saucen, ihren nahrhaften Suppen, ihren vorbildlichen Fleischgerichten, ihren monumentalen Karpfen, ihrem Sauerkraut, ihren Gänsen, ihren Haustorten, ihren Anis- und Kümmelbroten.
[ 70 ] Man sieht, er lässt auch etwas Gutes an den Deutschen! Und besonders tut er sich etwas zugute da, wo nun diese Mahlzeit eingenommen ist, und ein richtiger Deutscher, ein singender Deutscher geschildert werden soll. Er schildert ihn so, dass man sieht; er wundert sich eigentlich, warum dieses Exemplar singen, und sogar gut singen kann. Er sagt, dass der Deutsche eigentlich keine Ahnung hat, wie man singt:
Sie werden von der Kraft des Gesanges gepackt, und der Gesang wirkt bei ihnen, wie durch ein Werkzeug. Der Geist der Lieder bemächtigte sich ihrer, und sie gehorchen ihm. Denn die Seele des Deutschen muss das tun. Diese Seele gehorcht dem Lied, wie der Soldat dem Feldherrn gehorcht.
[ 71 ] Der sogenannte deutsche Militarismus ist tief in die Seele derjenigen hineingewachsen, die heute davon mit wollüstigen Mienen sprechen. Er schildert nun einen richtigen Sänger, indem er sagt: Er war ein dicker Mensch, der immer schwitzte beim Gehen, namentlich aber auch, wenn er Töne von sich gab. — Er schildert sein Wesen, seine Gestalt. Dann sagt er: Er sah aus wie ein Bayer, eine besondere Abart der Deutschen. — Von diesen Bayern sagt er, dass sie solche Menschen viele haben, denn diese Bayern hätten «das Geheimnis dieser Menschenrasse zu bewahren, welche durch ein dem Geflügelmästen ähnliches Nudelsystem zustande gekommen ist».
[ 72 ] Er will nämlich ergründen, wie die Leute ausschauen, die gerade diese auch von ihm bewunderte deutsche Kunst des Singens wirklich in der Lage sind auszuüben.
[ 73 ] Nun, es [ist] nun kein Wunder, dass dieses Mixtum compositum von Beethoven, Strauss, Wagner und Mahler, der nur die Eigentümlichkeit hat, dass er von allen vieren nicht ein Fünkchen in seiner Seele trägt, dass dieses künstliche Gebilde es in Deutschland nicht aushalten kann. Er muss heraus aus dem Deutschtum! Da wird gesagt, obwohl er es nicht kannte, treibt es ihn aus deutscher Wirrnis nach dem «Goldenen Paris».
Instinktiv aber schauten seine Augen nach dem lateinischen Süden. Und zu allererst nach Frankreich. Nach Frankreich, der ewigen [Zuflucht] aus deutscher Wirrnis.
[ 74 ] Nun wird also geschildert, wie derjenige, der aus der Deutschheit herausmuss, sich zurechtfinden muss in der lateinischen Kultur. Dort wird er dann ein großer Mystiker. Die weiteren Wege zu verfolgen erlassen Sie mir wohl. Aber wir würden da so manches Charakteristische finden über das, was man Missverständnis nennen muss desjenigen, was gerade hält und trägt den einzelnen Deutschen aus der tragenden Kraft des lebendigen Geistes heraus, mit dem sich das deutsche Wesen verbunden fühlt.
[ 75 ] Daher darf man sagen: Allen denjenigen, die da glauben, dass der Menschheit Zukunft in der starken, der kräftigen Vertretung geistigen Lebens durch eine Weltkultur liegt, allen denen muss es klar sein, wie der deutsche Geist seine Mission in der Welt noch nicht vollendet hat, sondern wie dieser deutsche Geist die Keime gelegt hat, denen man ansehen kann, dass sie immer weiter und weiter gedeihen müssen zu Blüten und Früchten.
[ 76 ] Und das erscheint uns gerade als die tragende Kraft des deutschen Geistes, dass wir wissen: Die Blüten und Früchte können wir erst von der Zukunft erhoffen. Zuversichtlich stehen wir darinnen in dem, was lebendiges deutsches Geist-Erleben ist. Das muss uns auch die Kraft geben zur notwendigen Verteidigung, zur Verteidigung auch des deutschen Geisteslebens, das, wie vielleicht wenige heute schon ahnen, in einem gründlichen Kampfe drinnensteht, ebenso sehr wie das äußere Leben der unmittelbaren Gegenwart.
[ 77 ] Deplatziert wäre es, eine Betrachtung hinzustellen, die wie ein Trost nur gemeint gewesen wäre. Wer brauchte schwachen Trost oder wer brauchte Kraftworte oder dergleichen, der gezeigt hat, dass ein Volk mit solcher Kraft zur Verteidigung seiner Güter zu gehen weiß und schon fast ein Jahr mit Kraft und Mut und Opferwilligkeit durchgehalten hat?
[ 78 ] Aber dessen muss man sich bewusst sein, dass der deutsche Geist ebenso auf der Wacht sein muss, wie das äußere deutsche Leben auf der Wacht sein musste. Und gerade wenn man tiefer hineinschaut in dieses Geistesleben des Deutschen, so findet man etwas, wovon man sagen kann: Das ist der Kern und die Wurzel des Deutschtums: seine Sehnsucht nach dem lebendigen Geiste, sein Zusammenleben mit dem lebendigen Geiste.
[ 79 ] Diejenigen, die heute die Deutschen schmähen und dabei sagen: Wir meinen nicht diesen deutschen Geist, wenn wir schmähen, ihnen muss man sagen: Ihr kommt uns vor wie einer, der sagt: Ich weiß wohl, da ist ein Mensch mit kräftigen Händen, aber, wenn er diese seine Hände gebraucht, dann gefällt er uns nicht!
[ 80 ] Der französischen Philosoph Bergson, er hat in einer Weihnachtsrede gesagt, der deutsche Geist zeige heute, dass er das Lebendige nicht mehr ergreifen könne, er könne nur noch das Mechanistische ergreifen. Heute ständen nur noch die Kanonen den Franzosen entgegen; man sähe nur noch Mechanismen von Deutschland kommen, und Armeen.
[ 81 ] Logik ist ja nicht viel darin, in dem, was er da sagt, wie überhaupt Logik vermisst wird heute, wenn so schön diskutiert wird über die Weltlage. Man müsste schon diesen Philosophen Bergson fragen, ob er denn erwartet hat, dass den französischen Soldaten man entgegentreten wird mit Rezitationen Schiller’scher Gedichte, oder mit Novalis’ Werken?
[ 82 ] Aber ein Blick, den ich ja nur andeuten konnte mit schwachen Worten — ein Blick in das Wesen und Leben, in die Wesenswurzeln des deutschen Geistes, zeigt uns eben, dass man, hinblickend auf diesen Geist, sagen darf:
[ 83 ] Er hat nicht nur nicht vollendet; er zeigt gerade, dass er seinen aufsteigenden Weg zum vollen blühenden und fruchttragenden geistigen Leben einschlägt. Und wer auf innere Kraft vertrauen kann, der kann das höchste Vertrauen haben zu dem, was der deutsche Geist verrichten will. Und wer solche Erkenntnis von der inneren Wirksamkeit der deutschen Geisteskraft hat, der weiß auch, was Großes und Gewaltiges mit den äußeren Waffen heute verteidigt werden muss; der weiß, dass die Seele des deutschen Volkstums noch viel, viel in ihrem Schoße trägt.
[ 84 ] Deshalb lassen Sie mich dasjenige, was ich Ihnen heute durch ein paar Worte ausdrücken wollte, und was ich Sie bitte, mehr nach dem zu nehmen, was als Empfindungen und Gefühle meinen Worten zugrunde liegt, lassen Sie mich das zuletzt auch empfindungsgemäß in ein paar Worte zusammendrängen, zusammenfassen, die Zuversichtsworte sein sollen für die Seele, aus dem, was man wissen kann über die tragende Kraft des deutschen Geistes, in der Vergangenheit und in die Zukunft hinein. Da möchte ich sagen: Führt man mit seinen Gedanken zu Ende dasjenige, was ich nur mit einigen Kohlestrichen zeichnen konnte, so kommt man immer mehr zu der Empfindung, die ich am Schlusse aussprechen möchte mit den Worten:
Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Was er der Welt erbringen soll.
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefe fühlt er mächtig
Verborgenes, das noch reifend wirken muss. —
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
So lang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
[ 85 ] Handschriftliche Inhaltsübersicht für die Zensurbehörde
[ 86 ] Während des Krieges unterlagen öffentliche Veranstaltungen der Aufsicht der Zensurbehörden. Für diese verfasste Rudoif Steiner die nachstehende Inhaltsübersicht seines auf den 16. Juni 1915 in Düsseldorf angesetzten Vortrages (NZ 1564–1566).
[ 87 ] Inhalts-Übersicht des von Dr. Rudolf Steiner in Düsseldorf zu haltenden Vortrages. Der Vortrag wurde bereits gehalten in Berlin, Leipzig und in ähnlicher Art in München.
[ 88 ] Es wird der Vortrag damit eingeleitet, wie in schicksalstragenden Zeiten innerhalb der deutschen Kulturentwicklung Persönlichkeiten sich fanden, welche die Sicherheit, die Zuversicht, die wahre Unbesiegbarkeit des deutschen Wesens vor die Seele des Volkes dadurch hinstellten, dass sie das tiefe Durchdrungensein dieser Seele mit der wirksamen Kraft des waltenden Geistes aufriefen. Ihnen war dieser «Geist» nicht ein «Begriff», nicht eine «Idee», wie er es dem naturalistisch denkenden Bewusstsein ist; ihnen war der Geist ein wirkliches Wesen, mit dem die Seele Umgang hält in ihrem tiefsten Innern, aus dem sie geistige Lebenskraft schöpft, wie der Leib durch die Lungen aus der Luft physische Lebenskraft schöpft.
[ 89 ] So stand Fichte inmitten seines Volkes, als dieses in schwerster Bedrängnis, nur auf die eigene Kraft gestützt, sich zu freier Höhe hinaufzuarbeiten hatte, indem er zeigte, wie das deutsche Volk im Unterschiede von den romanischen Völkern schon durch seine Sprache erweist, dass es in seinem ganzen Wesen zusammenhängt mit den innersten Wurzeln der Lebensregung des geistigen Daseins. Der Deutsche empfindet das geistige Leben nicht als etwas, das nur in der einzelnen Menschenseele erkannt wird, sondern das über dieser Einzelseele als selbstständiges Wesen waltet und das die Einzelseele trägt.
[ 90 ] Aus diesem Bewusstsein ist eine Schöpfung innerhalb der deutschen Kultur hervorgegangen, welche nur innerhalb des deutschen Volkes möglich ist: Goethes «Faust». Faust strebt aus der toten Erkenntnis heraus zum inneren lebendigen Umgang mit dem Wesen des Geistes. Urältestes deutsches Natur- und Welt-Bewusstsein wird in Faust auf neuere Art wieder lebendig. Man braucht nicht die große Bedeutung Shakespeares zu verkennen; aber man muss doch sagen, in Faust erhebt sich alles Menschliche zu edlerer Höhe als in Hamlet. Man sehe, wie der Letztere dem wahrhaft Geistigen gegenüber nur in Zweifel und Unsicherheit verfallen kann, in die trostlose Frage: «Sein oder Nichtsein?», wie dagegen Faust der Macht des Bösen, des Materiellen gegenüber die innere Siegesgewissheit seines Verbundenseins mit dem Geiste geltend macht: «In deinem Nichts hoff? ich das All zu finden».
[ 91 ] Solches Wesen in der deutschen Kulturentwicklung empfindend, haben die Angehörigen der Völker, welche heute deutsche Taten nicht genug schmähen wollen, in Zeiten, in denen sie eine bessere Besinnung entwickelten als gegenwärtig, selbst in Zeiten, in denen innerhalb dieser Völker die Kraft der deutschen Waffen empfunden wurde, zu Ansichten kommen müssen, wie sie Ernest Renan 1870 ausgesprochen hat, Deutschland habe der Entwicklung der Menschheit etwas an «Tiefe und Ausdehnung» hinzugesetzt, das für den, «der es durchgemacht hat, sich so verhält, dass er sich vorkommen kann, wie einer, der nur die Elementarmathematik kennt, zu dem, der im Differenzialkalkül bewandert ist».
[ 92 ] Dieses Verbundensein der deutschen Seele mit der tragenden Kraft des welt-waltenden Geistes hat in Geistern wie Herder das Bewusstsein hervorgerufen von der weltbedeutsamen Aufgabe der deutschen Kultur, von der Tatsache, dass diese Kultur einen Beitrag zu leisten habe an der Gesamterziehung des Menschengeschlechts, insoferne dieser das erhabene Ziel leuchtet, zu wirken, «bis alles geschehen, bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen».
[ 93 ] Dieses Bewusstsein durchwärmte Lessings Seele, als er sein unvergleichliches Testament von der «Erziehung des Menschengeschlechts» schrieb, das alle Betrachtung der Geschichte erhob zu einem Miterleben der ewigen geistigen Wirksamkeit der Welt durch die Menschenseele.
[ 94 ] Und dieses Bewusstsein lebt bis zur Gegenwart in den erlesensten Geistern des deutschen Volkes. Es wird nun gezeigt, wie diese tragende Kraft des deutschen Geistes in einzelnen Persönlichkeiten des neunzehnten Jahrhunderts zu einer tiefen Weltanschauung und Lebensauffassung geführt hat. Herman Grimms echte deutsche Art wird gekennzeichnet; auch unbekanntere Persönlichkeiten werden genannt, um an ihnen zu zeigen, was besondere deutsche Art im Denken, Fühlen und Erleben ist.
[ 95 ] Zum Schlusse wird darauf hingedeutet, wie in der Gegenwart im deutschen Gemüte das Bewusstsein leben darf, das aus den Quellen kommt, in dem deutsches Wesen mit der Kraft des Geistes innig zusammenhängt, und wie dieses Bewusstsein vertrauen darf auf seine Kraft innerhalb der Welt von Feinden, gegenüber welcher es sich in unseren schicksalstragenden Tagen zu behaupten hat.
