Ways to a Knowledge of the
Eternal Forces of the Human Soul
GA 70b
29 November 1915, Munich
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Ways to a Knowledge of the Eternal Forces of the Human Soul, tr. SOL
4. Die ewigen Kräfte der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
4. The Eternal Forces of the Human Soul in the Light of Spiritual Science
Sehr verehrte Anwesende!
Ladies and gentlemen!
[ 1 ] Wenn auch zu jeder Zeit der denkenden, der fühlenden Menschenseele das Rätsel, das sich einschließt in die Frage nach den ewigen Kräften dieser Menschenseele, naheliegen muss als eine der wichtigsten Lebensfragen, so muss doch in unserer Zeit, in unserer unmittelbaren Gegenwart — in welcher sich das Rätsel des Todes und damit das der Vergänglichkeit —, aus der sich aber allerdings in unserer Zeit aus geschichtlicher Notwendigkeit ein Bedeutungsvolles herausentwickeln soll, in einer solchen Zeit, in welcher das Rätsel des Todes so tausendfältig an den Menschen herantritt, muss diese Frage nach den ewigen Kräften der Menschenseele dieser auch ganz besonders naheliegen. Nun durfte ich im Laufe der Jahre, in denen ich zu sprechen hatte, hier von diesem Orte aus über Fragen der Geisteswissenschaft von manchem Gesichtspunkte aus gerade über diese ewigen Kräfte der Menschenseele sprechen, und so wird nach der einen oder anderen Richtung den verehrten Zuhörern, die schon öfter hier anwesend waren, vom dem heute Gesagten manches an früher Ausgesprochenes verwandt anklingen. Dennoch möchte ich von einem besonderen Gesichtspunkte aus heute — aus den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen — über dasjenige sprechen, was auf dem Grunde der Seele als hinausgehend über Geburt — oder sagen wir Empfängnis — des Menschen und Tod sich als sein Ewiges einer wirklichen Geistesforschung kundgibt.
[ 1 ] Although the mystery inherent in the question of the eternal forces of the human soul must always be close at hand for every thinking, feeling human soul as one of life’s most important questions, it is nevertheless the case that in our time, in our immediate present — in which the mystery of death and, with it, that of transience—from which, however, something significant is to emerge in our time out of historical necessity—in such a time, in which the mystery of death approaches human beings in so many ways, this question regarding the eternal powers of the human soul must be particularly close to their hearts. Now, over the years that I have had the opportunity to speak here from this very place on questions of spiritual science from various perspectives—particularly regarding these eternal forces of the human soul—much of what I have said today will, in one way or another, sound familiar to the esteemed listeners who have been present here on many previous occasions. Nevertheless, I would like to speak today from a particular perspective—that of spiritual scientific insights—about that which, at the very core of the soul, transcends a person’s birth—or, let us say, conception—and death, and reveals itself to genuine spiritual research as the human being’s eternal essence.
[ 2 ] Wenn über diese ewigen Kräfte der Menschenseele gesprochen wird, so erheben sich ja heute — das muss immer wieder und immer wieder betont werden — gegen die Geltendmachung von Gründen, die der eine oder andere über die ewigen Kräfte der Menschenseele aus dieser oder jener Seelenkunde heraus vorzubringen hat, gegen diese Gründe erheben sich Bedenken, berechtigte Bedenken von Seite derjenigen Weltanschauung, die da glaubt, auf dem festen Boden naturwissenschaftlicher Forschung zu stehen. Und ein großer Teil der Missverständnisse, welche der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, entgegengebracht werden, beruht wohl darauf, dass gerade das Verhältnis der Geisteswissenschaft zu der naturwissenschaftlichen Weltanschauung der Gegenwart nicht in der rechten Weise gesehen wird. Auch das durfte ich ja öfter hier betonen, dass Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, in keiner Beziehung mit den berechtigten Forschungen der Naturwissenschaft irgendwie nicht im Einklang stehen wolle, dass Geisteswissenschaft im Gegenteil für die Erforschung des Geisteslebens des Menschen gerade dasjenige der Geisteskultur einverleiben möchte, was der äußeren materiellen Kultur und der Anschauung der äußeren Sinnenwelt und der äußeren Natur die naturwissenschaftliche Denkungsweise der neuen Zeit gegeben hat. Nicht im Missklang, sondern im vollen Einklang gerade mit dem, was berechtigt aus der Naturwissenschaft uns anblickt, möchte die Geisteswissenschaft stehen. [Daher blickt sie hin zu dem, was diese oder jene Seelenkunde über die ewigen Kräfte der Menschenseele der Geisteswissenschaft gegenüber zu sagen hat].
[ 2 ] When people speak of these eternal forces of the human soul, then today—and this must be emphasized again and again—objections arise against the arguments that one person or another advances regarding the eternal powers of the human soul based on this or that school of psychology; against these arguments, legitimate reservations are raised by those whose worldview believes it stands on the firm ground of scientific research. And a large part of the misunderstandings directed against spiritual science, as it is understood here, probably stems from the fact that the very relationship between spiritual science and the contemporary scientific worldview is not properly understood. I have also emphasized this here on several occasions: that spiritual science, as it is understood here, in no way seeks to be at odds with the legitimate research of the natural sciences; on the contrary, in its exploration of human spiritual life, spiritual science seeks to incorporate into spiritual culture precisely those elements that the scientific mindset of the modern era has contributed to external material culture and to the perception of the external sensory world and external nature. Spiritual science seeks to stand not in discord, but in full harmony with precisely what the natural sciences rightly present to us. [Therefore, it looks to what this or that school of psychology has to say to spiritual science regarding the eternal forces of the human soul].
[ 3 ] Auf mancherlei, was dagegen Naturwissenschaft zu sagen hat, blickt Geisteswissenschaft nicht gegnerisch, sondern im Gegenteil ganz verständnisvoll hin. Es wird ja aus Urteilen, aus Erwägungen heraus, aus diesen oder jenen Begriffen, aus Beobachtungen des seelischen Lebens, wie es sich darbietet in der Alltäglichkeit oder auch in der Wissenschaft, dieser oder jener Schluss gemacht innerhalb der gebräuchlichen Psychologie dahingehend, dass dem, was sich in der Zeit zwischen Geburt und Tod in der Menschenseele äußert, ein Geistiges zugrunde liegt, das durch die Pforte des Todes hinausgeht und in eine geistige Welt eintritt; es werden Gründe geltend gemacht aus dieser gebräuchlichen Seelenkunde heraus dahin, dass das Seelenleben des Menschen etwas gegenüber dem äußeren physischen Leben Selbstständiges sei, das in seinem Entstehen und Vergehen nicht abhängig sein könne von den Gesetzen des physischen Lebens.
[ 3 ] The humanities do not view the various points of view that the natural sciences have to offer with hostility, but rather, on the contrary, with great understanding. Indeed, based on judgments, considerations, various concepts, and observations of spiritual life as it presents itself in everyday life or even in science, certain conclusions are drawn within conventional psychology to the effect that what manifests itself in the human soul during the period between birth and death is based on a spiritual element that passes through the gate of death and enters a spiritual world; reasons are put forward from this conventional psychology of the soul to the effect that human soul life is something independent of external physical life, which in its arising and passing away cannot be dependent on the laws of physical life.
[ 4 ] Demgegenüber werden immer berechtigte Einwände diejenigen sein, die die naturwissenschaftliche Anschauung der Gegenwart macht. Ich habe schon öfter hingedeutet auf den Sinn dieser Einwände und kann deshalb heute in Kürze darauf hindeuten. Da kann mit Recht gesagt werden: Man sehe sich nur an den Verlauf dieses Seelenlebens, sehe an, wie sich dieses Seelenleben entwickelt von seinem dämmerhaften Auftreten in der ersten Kindheit bis herauf zur Reife, sehe, wie es seinen Weg von der Reife gegen die Alterszustände des Menschen hindurch sich entwickelt, man wird sehen, wie diese geistig genannte Entwicklung ganz und gar parallel geht mit der leiblich-physischen Entwicklung, wie mit der Ausbildung des Nervensystems und des anderen Organismus des Menschen von der Kindheit an auch die geistigen Fähigkeiten sich allmählich entwickeln, wie sie wieder verfallen mit dem physischen Verfall. Man kann wirklich darauf hinweisen, dass, wer dieses mit rechter naturwissenschaftlicher Gesinnung heute ansieht, dass dem dieses geistige Leben, wie es sich nun einmal äußert in der Alltäglichkeit und auch in der Wissenschaft, erscheint wirklich wie die Flamme, die nicht da sein kann, ohne dass die Kerze da ist, die abhängig ist von der Kerze und mit der Kerze selber verschwinden muss. Man kann einen solchen Parallelismus zwischen dem geistigen Leben, das wie hervorzuflammen scheint aus den Verrichtungen des physischen Leibes, und dem physischen Leib durchaus behaupten. Und insbesondere, wenn man hinsieht auf jene klinischen Untersuchungen, die zeigen, wie mit der Erkrankung des menschlichen Nervensystems sich geistige Fähigkeiten ausschalten, wie gewisse geistige Äußerungen nicht mehr da sind, wenn dieses oder jenes Organ erkrankt ist, wenn man darauf hinblickt, so kann man nicht anders als sagen: Gewiss, wenn man auch noch so gern Glauben schenken möchte den Schlussfolgerungen mancher Seelenkundiger, die naturwissenschaftliche Anschauung spricht so stark, dass man kaum umhin kann, dem, was von der genannten Seite vorgebracht wird, volle Zustimmung zu verleihen.
[ 4 ] In contrast, the objections raised by the current scientific worldview will always be valid. I have often alluded to the significance of these objections and can therefore touch on them briefly today. It can rightly be said: One need only observe the course of this inner life, see how it develops from its dim beginnings in early childhood all the way to maturity, see how it progresses from maturity through the stages of old age, and you will see how this so-called spiritual development runs entirely parallel to physical development; how, alongside the formation of the nervous system and the rest of the human organism from childhood onward, the spiritual faculties also gradually develop, and how they in turn decline with physical decay. One can truly point out that, to anyone who views this today with a proper scientific mindset, this spiritual life—as it manifests itself in everyday life and also in science—really does appear like a flame that cannot exist without the candle, that is dependent on the candle, and that must vanish along with the candle itself. One can certainly draw such a parallel between spiritual life—which seems to burst forth from the activities of the physical body—and the physical body itself. And especially when one looks at those clinical studies that show how mental faculties are shut down with the disease of the human nervous system, how certain mental manifestations are no longer present when this or that organ is diseased—when one considers this, one cannot help but say: Certainly, no matter how much one might wish to give credence to the conclusions of certain psychologists, the scientific perspective is so compelling that one can hardly avoid giving full agreement to what is put forward by the aforementioned side.
[ 5 ] Und so muss betont werden, dass viele Gegnerschaft vonseiten naturwissenschaftlicher Gesinnung in unserer Gegenwart keineswegs aus Abneigung, aus Antipathie, gegen irgendwelche Annahmen des Geistigen hervorgeht, sondern im Gegenteil hervorgeht aus innerlicher gewissenhafter Verfolgung dessen, was die neue Forschung dem Menschen über den Menschen zu sagen hat. Und sogar in gewisser Weise ist es berichtigt zu sagen: Gewiss, heute können noch nicht alle physischen Leibesvorgänge überschaut werden, aber die Naturwissenschaft ist auf dem Wege, diese Überschau immer vollkommener zu machen, und man kann es als ideale naturwissenschaftliche Anschauung hinstellen, dass die Zeit kommen werde, in der man einen vollständigen Parallelismus zwischen den leiblich-physischen Vorgängen und dem, was geistige Äußerungen der Menschenseele sind in diesem Leben, werde finden können.
[ 5 ] And so it must be emphasized that much of the opposition on the part of those with a scientific mindset in our time by no means stems from aversion or antipathy toward any spiritual assumptions, but rather, on the contrary, arises from an inner, conscientious pursuit of what new research has to say to humanity about humanity itself. And in a certain sense, it is even correct to say: Certainly, today not all physical bodily processes can yet be fully understood, but the natural sciences are on the path to making this understanding ever more complete, and one can hold to the ideal scientific view that the time will come when a complete parallelism can be found between physical bodily processes and the spiritual expressions of the human soul in this life.
[ 6 ] So muss man sagen: Gegenüber dem Schwergewicht naturwissenschaftlicher Gesinnung hat mancher — der auf dem Boden steht, von ewigen Kräften der Menschenseele zu sprechen —, einen schweren Stand. Allein Geisteswissenschaft rechnet völlig mit der naturwissenschaftlichen Gesinnung und den naturwissenschaftlichen Fortschritten der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart. Ja], sie steht sogar, was den Verlauf des menschlichen Seelenlebens zwischen Geburt und Tod anbetrifft, ihrerseits gerade aus ihren Forschungen heraus vollständig auf dem berechtigten Boden naturwissenschaftlicher Weltanschauung. Sie steht aus Gründen auf diesem Boden, die hervorleuchten werden in ihrer Berechtigung aus mancherlei, was gerade heute wird zu sagen sein. In Bezug auf dasjenige nämlich, was als Denken, Vorstellen, Empfinden, Fühlen, Wollen in der Seele sich entwickelt zwischen Geburt und Tod, was wir in unserem alltäglichen Geistesleben in uns selber sich offenbarend schauen, muss gesagt werden, dass es innig verknüpft ist mit dem Werkzeuge, das unser Körper, unser Physisches uns liefert; aber Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, steht nicht auf dem Boden, dass man die tieferen Seiten, die tieferen Kräfte der menschlichen Seele finden könne, wenn man nur den Blick hinrichtet auf das, was sich in der Zeit zwischen Geburt und Tod innerhalb dieses Seelenlebens abspielt. So wie Geisteswissenschaft auf dem Boden steht, dass das, was in der Natur unmittelbar den Sinnen anschaubar ist, was durch den Verstand auf der Grundlage der Sinneswahrnehmungen erschlossen werden kann — dass das gewissermaßen nur die äußere Offenbarung gegenüber dem Geiste der Natur ist —, so steht Geisteswissenschaft auch auf dem Boden, dass die Tiefen des Seelenlebens auch für dieses alltägliche und im gewöhnlichen Sinn wissenschaftliche Seelenleben hinter seiner selbst erst verborgen ist. Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, steht auf dem Boden, dass diejenigen Äußerungen des Seelenlebens, die dem Menschen unmittelbar, so wie er hineingestellt ist in sein Dasein in der physischen Welt, dass diese Seelenäußerungen nicht dasjenige sind, was als Ewiges zu bezeichnen ist, sondern dass man ebenso hinter den Schleier der Seelenerscheinungen, die sich unmittelbar darbieten, blicken muss, um zum wahren Wesen der Menschenseele zu kommen, wie man hinter den Schleier der Naturerscheinungen blicken muss, um zum wahren Wesen des Geistes in der Natur zu kommen.
[ 6 ] It must be said, then, that in the face of the dominance of the scientific mindset, some—those who stand on the ground of speaking of the eternal forces of the human soul—have a difficult time. Yet spiritual science fully takes into account the scientific mindset and the scientific advances of the recent past and present. Indeed], when it comes to the course of human soul life between birth and death, it stands—precisely on the basis of its own research—entirely on the justified ground of the scientific worldview. It stands on this ground for reasons whose validity will become evident from various points that will be addressed today. For with regard to what develops in the soul between birth and death as thinking, imagining, sensing, feeling, and willing—what we observe manifesting within ourselves in our everyday mental life—it must be said that it is intimately linked to the instrument provided by our body, our physical being; but spiritual science, as it is understood here, does not rest on the premise that one can discover the deeper aspects and forces of the human soul simply by directing one’s gaze toward what takes place within this soul life during the period between birth and death. Just as spiritual science is based on the premise that what is immediately perceptible to the senses in nature, and what can be deduced by the intellect on the basis of sensory perceptions—that this is, so to speak, only the outer manifestation of the spirit of nature— so spiritual science is also grounded in the principle that the depths of soul life are hidden even from this everyday, and in the ordinary sense, scientific understanding of soul life. Spiritual science, as understood here, is based on the premise that those manifestations of soul life which are immediately apparent to the human being—as he is situated in his existence in the physical world—are not what can be described as eternal; rather, one must look just as far beyond the veil of the soul phenomena that present themselves directly in order to arrive at the true nature of the human soul, just as one must look beyond the veil of natural phenomena to arrive at the true nature of the spirit in nature.
[ 7 ] So handelt es sich darum für Geisteswissenschaft, innerhalb der Seele den Weg zu finden zu den Quellen ihres wahren Wesens. Und da muss gesagt werden: In der Erkenntnis der Geisteswissenschaft stellt sich ein gewisser Grundsatz in einer umfassenden Weise vor die Seele, der auch in der äußeren Naturwissenschaft gilt, der aber gewöhnlich, obwohl er heute in der äußeren Naturwissenschaft allgemein anerkannt ist, nicht so allgemein gelten gelassen wird für das umfassende Weltenleben, zu dem auch das Geistige gehört, in allgemeinerer Weise. Man sagt: Die Kräfte der Natur wirken so, dass keine Kraft vollständig verschwindet, sondern die Kräfte verwandeln sich. Und die Umwandlung der Naturkräfte, in denen sich ihre Stärke erhellt, bildet ja einen Grundzug innerhalb der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Umwandlung von Arbeit in Wärme, von Wärme in Arbeit und so weiter, das ist das, wovon viel gesprochen wird. Dieser Grundsatz von der Umwandlung der Kräfte, er gilt, und wir werden heute eine besondere Anwendung sehen desselben für das geistige Leben.
[ 7 ] Thus, the task of spiritual science is to find, within the soul, the path to the sources of its true being. And it must be said: In the knowledge of spiritual science, a certain principle presents itself to the soul in a comprehensive way—a principle that also applies in the external natural sciences, but which, although generally recognized today in the external natural sciences, is not usually accepted in a more general sense for the comprehensive life of the world, to which the spiritual also belongs. It is said: The forces of nature operate in such a way that no force disappears completely, but rather the forces are transformed. And the transformation of natural forces, in which their power is revealed, does indeed constitute a fundamental feature of the current scientific worldview. The transformation of work into heat, of heat into work, and so on—this is what is often discussed. This principle of the transformation of forces holds true, and today we will see a specific application of it to spiritual life.
[ 8 ] Ganz besonders das, was sich äußert innerhalb Geburt und Tod des Menschen, was als unser Seelenleben sich in der Alltäglichkeit offenbart, das ist eine Umwandlung der ewigen Kräfte innerhalb der Menschenseele, und weil sich die ewigen Kräfte in die zeitlichen umwandeln, weil sie sich zu dem bilden, was sich uns darbietet im gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen, so können diese drei nicht darstellen diejenige Gestalt, in welcher das Ewige erscheinen muss, wenn es dem menschlichen Seelenleben zugrunde liegend betrachtet wird. Nicht dadurch, dass man anwendet die gewöhnlichen Seelenkräfte, so wie sie sind, kommt man zum Ewigen in der Menschenseele, sondern dadurch, dass man aus der Betätigung der Seele im gewöhnlichen Leben einen Weg sucht zu einer ganz anderen Betätigung, dadurch dass man herausentwickelt aus den gewöhnlichen Seelenvorgängen schlummernde Kräfte, die deshalb im gewöhnlichen Leben nicht da sind, weil sie in diese gewöhnlichen Kräfte des Seelenlebens umgewandelt sind.
[ 8 ] In particular, what manifests itself within a person’s birth and death—what reveals itself as our soul life in everyday existence—is a transformation of the eternal forces within the human soul; and because the eternal forces are transformed into temporal ones, because they take shape as what presents itself to us in ordinary thinking, feeling, and willing, these three cannot represent the form in which the eternal must appear when considered as the foundation of human soul life. It is not by applying the ordinary powers of the soul as they are that one reaches the eternal in the human soul, but by seeking, from the soul’s activity in ordinary life, a path to a completely different kind of activity, by developing, out of the ordinary soul processes, dormant powers that are not present in ordinary life precisely because they have been transformed into these ordinary powers of the soul.
[ 9 ] Zweierlei sind nun die Betätigungen des Seelenlebens in unserem gewöhnlichen Leben: Die eine Art ist diejenige, die sich mehr nach dem Vorstellungsgemäßen und Empfindungsgemäßen, nach dem vorstellenden und fühlenden Wesen des Menschen hin zeigt; und die andere ist diejenige, die sich mehr nach der Willensnatur des Menschen hin zeigt. Das Fühlen steht ja zwischen drinnen zwischen dem Denken und Wollen. Wir werden heute versuchen zu betrachten, wie entwickelt werden kann auf der einen Seite das vorstellende Wesen des Menschen, auf der anderen das wollende, damit der Mensch durch diese Entwicklung zu einer Wissenschaft kommen kann von den ewigen Kräften der Menschenseele. Die eine Grundkraft, die zunächst in ihrer äußeren Form im gewöhnlichen Seelenleben auftritt, ist das Denken. So, wie das Denken in diesem gewöhnlichen Seelenleben sich offenbart, so führt es nur zu einer Art Überschau über das, was uns eben durch die Sinne gegeben ist. Geisteswissenschaft sucht nun — und dadurch handelt sie ganz im Sinne der wirklichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung —, Geisteswissenschaft sucht nun, gerade wie Naturwissenschaft durch das äußere Experiment der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen versucht, durch intime seelische Experimente den Weg zu finden in diejenigen Sphären, wo das Seelenleben seine Geheimnisse zu enthüllen vermag. Das gewöhnliche Denken, so wie es im Alltag auftritt, reicht dazu nicht hin; aber dieses Denken ist einer Entwicklung fähig, ist einer Erkraftung fähig — und auch auf diese innere Erkraftung des Denkens ist hier schon öfter hingewiesen worden. Man bezeichnet mit dem — ich möchte sagen — technischen Ausdruck das, was da die Seele zu tun hat, als «Meditieren» oder «Meditation» und meint damit innerlich hervorgerufene besonders starke Denkvorgänge, die im gewöhnlichen Leben nicht in dieser also gesuchten Art ablaufen, sondern anders. In dem gewöhnlichen Leben verwenden wir das Denken dazu, um uns durch die Gedanken Bilder zu machen von unserer sinnlichen Umgebung und dem, was innerhalb des menschlichen Lebens als von außen wahrnehmbar abläuft, was wir hereinnehmen können als Vorstellen. Das ist für das gewöhnliche Leben wichtig. Nun entdeckt die Geisteswissenschaft, indem sie innerlich intim Umschau hält im Seelenleben, indem sie es sich zur Aufgabe macht das Seelenleben so zu verfolgen, wie der Naturforscher die Natur im Experiment, man findet, dass dieses Denken noch eine ganz andere Seite hat. Verständlich machen kann ich mich vielleicht über diese andere Seite des denkerischen Lebens des Menschen dadurch, dass ich vergleichsweise sage: Wenn der Mensch mit der Hand arbeitet, dann verrichtet er dieses oder jenes; das Ergebnis der Arbeit der Hand ist dann da, ist äußerlich zu sehen. Wenn der Mensch fortwährend mit seiner Hand arbeitet, so verrichtet er nicht nur dieses, was äußerlich abläuft, sondern wir wissen es: Wenn er so arbeitet, verändert er die innere Erkräftigung der Hand selber; die Hand wird stärker und geschicklicher, wird in eine gewisse Richtung ihrer Betätigung gebracht. Es wird an der Hand selber etwas geleistet. Das läuft — ich möchte sagen — in die Betätigung desjenigen, was da äußerlich sichtbar ist, nebenher: eine Vervollkommnung der Hantierung neben den Ergebnissen, die durch die Arbeit erreicht werden! So auch ist es mit dem menschlichen Denken. Das menschliche Denken, indem es verläuft, macht Gedanken über das, was in der Umgebung oder sonst im Weltenverlauf ist. Diese Gedanken sind zunächst die Hauptsache, so wie für die Handarbeit die äußeren Ergebnisse; aber indem es ausgeführt wird, erkraftet es sich im Innern, ist es etwas, was in sich eine gewisse Entwicklung durchmacht. Gewiss, bei der Hand sehen wir auf die Entwicklung; aber auf jene intime innere Entwicklung, welche das Denken erlebt in dem Denken, auf diese wird in Wirklichkeit nicht gesehen.
[ 9 ] There are two kinds of activities of the soul in our everyday life: one kind is that which manifests itself more in accordance with imagination and sensation, in accordance with the imaginative and feeling nature of the human being; and the other is that which manifests itself more in accordance with the volitional nature of the human being. Feeling, after all, lies between thinking and willing. Today we will attempt to consider how, on the one hand, the imaginative nature of the human being can be developed, and on the other, the volitional nature, so that through this development the human being may attain a science of the eternal forces of the human soul. The one fundamental force that first appears in its outer form in ordinary soul life is thinking. Just as thinking reveals itself in this ordinary soul life, it leads only to a kind of overview of what is given to us through the senses. Spiritual science now seeks—and in doing so acts entirely in the spirit of the true scientific worldview—spiritual science now seeks, just as natural science attempts to uncover nature’s secrets through external experimentation, to find the path through intimate soul experiments into those spheres where the life of the soul is capable of revealing its secrets. Ordinary thinking, as it occurs in everyday life, is not sufficient for this; but this thinking is capable of development, capable of being strengthened—and this inner strengthening of thinking has already been referred to here on several occasions. What the soul has to do here is described—I would say—with the technical term “meditation,” which refers to particularly intense thought processes evoked internally; these do not occur in ordinary life in this deliberate manner, but rather in a different way. In everyday life, we use thinking to form mental images of our sensory surroundings and of what takes place within human life that is perceptible from the outside—what we can take in as representations. This is important for everyday life. Now, spiritual science—by looking inward intently at the life of the soul, by making it its task to observe the life of the soul in the same way that the natural scientist observes nature through experimentation—discovers that this thinking has yet another side entirely. Perhaps I can make this other aspect of human intellectual life understandable by drawing a comparison: When a person works with their hands, they perform this or that task; the result of the hand’s work is then there, visible from the outside. When a person works continuously with their hands, they do not merely perform what takes place externally; rather, as we know, when they work in this way, they alter the inner strengthening of the hand itself; the hand becomes stronger and more dexterous, and is directed toward a certain mode of activity. Something is accomplished within the hand itself. This occurs—I would say—alongside the activity that is outwardly visible: a refinement of dexterity alongside the results achieved through the work! So it is also with human thinking. As human thinking unfolds, it forms thoughts about what is happening in the surroundings or elsewhere in the course of the world. These thoughts are initially the main thing, just as the external results are for manual labor; but as it is carried out, it gains strength internally; it is something that undergoes a certain development within itself. Certainly, with the hand we observe the development; but that intimate inner development which thinking experiences within itself—this, in reality, goes unnoticed.
[ 10 ] Der Geistesforscher aber ergreift gerade das, was hier zugrunde liegt, und bildet es systematisch aus, indem er gleichsam innerlich experimentell auf das losgeht, was innerliche Erkräftigung des Denkens ist. Dadurch erreicht es dieses, dass er in die Sphäre des Denkens hineinbringt eine ganz andere Art sich zu betätigen, als es gewöhnlich geschieht. Und das geschieht eben im Meditieren. Man versetzt gewisse Vorstellungen immer wieder und wiederum in die denkerische Tätigkeit hinein, aber verrichtet das jetzt so, dass es einem nicht darauf ankommt, irgendeinen besonderen Inhalt über das oder jenes zu bekommen, sondern sieht darauf, dass das Denken gleichsam in sich selber stehen bleibt, in der Betätigung, die darin liegt, gewisse, willkürlich in das Denken versetzte Vorstellungen festzuhalten. Man versetzt das Denken geradezu in einen gewissen stationären Zustand, man verharrt in einem gewissen Gedanken, konzentriert das ganze Seelenleben auf diesen Gedanken zusammen. Dabei kommt es nicht darauf an, dass man in das Seelenleben hineinversetzt irgendwelche Vorstellungen, die gerade das oder jenes in der äußeren Welt bedeuten, sondern am besten ist es, wenn man Vorstellungen, die man aus den Ratschlägen der Geisteswissenschaft heraus bekommt, verwendet, die man genau überschauen kann; denn wenn man Vorstellungen, die man sonst aus dem Leben aufnimmt, verwendet, dann kann man nicht wissen — weil man mit diesen verbunden war —, ob nicht in diesen Vorstellungen Empfindungsreste, allerlei Willensimpulsreste hängen und man diese heraufbringt. Man ist sozusagen nicht in der Lage, Vorstellungen, die man so aufnimmt, völlig in ihrer Reinheit so zu umfassen, dass man weiß: Aus den Tiefen des Seelenlebens heftet sich nichts an, was einen täuschen kann.
[ 10 ] The researcher of the spirit, however, grasps precisely what underlies this and systematically develops it by, as it were, setting out on an inner experimental journey into what constitutes the inner invigoration of thought. In this way, he introduces into the sphere of thought a completely different way of engaging with it than is usually the case. And this is precisely what happens in meditation. One repeatedly introduces certain images into the activity of thinking, but does so in such a way that the goal is not to arrive at any particular content regarding this or that, but rather to ensure that thinking, as it were, remains within itself—in the very act of holding onto certain images that have been arbitrarily introduced into thought. One effectively brings thinking into a certain stationary state; one remains focused on a particular thought, concentrating one’s entire inner life upon that thought. In doing so, it is not important to introduce into one’s inner life any ideas that signify this or that in the external world; rather, it is best to use ideas derived from the guidance of spiritual science—ideas that one can fully grasp; for if one uses concepts otherwise absorbed from life, one cannot know—because one was connected to them—whether remnants of feeling or all manner of remnants of volitional impulses might be clinging to these concepts and being brought to the surface. One is, so to speak, not in a position to grasp such ideas—taken in this way—in their complete purity, so that one knows: nothing from the depths of the soul life clings to them that could deceive one.
[ 11 ] Auf das Überschauliche, darauf kommt es an, darauf, dass man aus einigen Elementen solche Vorstellungen setzt — am besten sind Vorstellungen, die sinnbildlich sind, die gar nicht auf ein äußeres Wirkliches sich beziehen, sodass man nur in der Anstrengung verharren kann, die man hat im Festhalten solcher Vorstellungen. Nicht darauf kommt es an, dass solches Denken in diesem oder jenem Sinne wahr ist, sondern darauf, dass man in der Seele die Ruhe findet, alle Seelenkräfte für einige Zeit zusammenzuhalten, auf diesen einen Punkt hin zu konzentrieren, damit dadurch sich gerade diese Kraft ins ungemessene verstärkt und so wird, wie sie sein kann, durch diese Verstärkung. Also auf die innere Ruhe, auf die Anwendung der inneren Kraft, auf das Abgezogenensein vom übrigen Leben kommt es bei diesem inneren Experimente an. Das muss man in erster Linie betrachten, dass diese Geisteswissenschaft ganz und gar nicht wie die gewöhnliche Philosophie darauf ausgeht, durch das Denken dieses oder jenes zu ergründen. Das ist berechtigt in der gewöhnlichen Wissenschaft, im alltäglichen Leben, allüberall sonst, das führt aber nicht zur Ergründung desjenigen, was die Geisteswissenschaft ergründen will. Dieses Denken, das zu Ergebnissen führt im gewöhnlichen Sinne, das wird durchaus nicht in irgendeiner Weise angefochten von der Geisteswissenschaft — denn diese steht auf dem Boden des Lebens —, aber dieser Geisteswissenschaft kommt es für ihre Ziele darauf an, das, was man sonst zu einem Wissen über die Welt verwendet, das Denken, rein darauf anzuwenden, die Seele zu entwickeln, so, dass sie von ihrem gewöhnlichen Standpunkt zu einem anderen Gesichtspunkt vorrückt. Dass das Denken nicht so genommen werde wie sonst im Leben, um etwas zu erkunden, sondern dass es lediglich dazu verwendet wird, um etwas an der Menschenseele auszubilden, als Bildemittel — darauf kommt es an.
[ 11 ] What matters is clarity—that is, forming such concepts from a few elements. The best concepts are symbolic ones that do not refer to any external reality at all, so that one can remain solely in the effort required to hold onto such concepts. What matters is not that such thinking is true in this or that sense, but that one finds peace within the soul to hold all the soul’s powers together for a time, to concentrate them on this one point, so that through this very effort this power is strengthened immeasurably and becomes what it can be through this strengthening. Thus, what matters in this inner experiment is inner peace, the application of inner strength, and detachment from the rest of life. One must first and foremost recognize that this spiritual science, unlike ordinary philosophy, does not aim to fathom this or that through thinking. This approach is justified in ordinary science, in everyday life, and everywhere else; but it does not lead to the understanding of what spiritual science seeks to understand. This kind of thinking, which leads to results in the ordinary sense, is by no means challenged in any way by spiritual science—for it is grounded in life— but for its own purposes, spiritual science requires that what is otherwise used as knowledge about the world—namely, thinking—be applied purely to the development of the soul, so that it advances from its ordinary standpoint to a different perspective. What matters is that thinking is not taken as it usually is in life—to investigate something—but is used solely to cultivate something in the human soul, as a means of education.
[ 12 ] Also diese andersartige Verwendung des Denkens innerhalb des menschlichen Seelenlebens, darauf kommt es an. Was man gewohnt ist in der gewöhnlichen Wissenschaft von dem Denken zu halten, davon muss man ganz absehen. Der gewöhnlichen Wissenschaft dient es dazu, um irgendein Wissen zu vermitteln. Alles das, was das Denken sonst vermag, kommt für Geisteswissenschaft nicht in Betracht, sondern das, was das Denken an der Menschenseele selber bewirkt.
[ 12 ] So this different use of thinking within the life of the human soul—that is what matters. One must completely set aside what one is accustomed to thinking about thinking in ordinary science. In ordinary science, it serves to convey some kind of knowledge. Everything else that thinking is capable of is irrelevant to spiritual science; what matters is what thinking brings about in the human soul itself.
[ 13 ] Nun, ich kann nur im Prinzip andeuten, was also als Meditation in der menschlichen Seele sich geltend machen muss behufs der Geistesforschung. Alles Genauere finden Sie in den Büchern, zum Beispiel in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Denn das, was ich hier in Kürze entwickle, ist ja nur im Prinzip auseinandergelegt das, was einen langen Seelenweg darstellt, der durch die mannigfaltigsten inneren, intimen Vorgänge unterstützt werden muss, der notwendig macht, dass der Mensch — bei dem einen dauert es kürzere, bei dem andern längere Zeit — in solcher Weise sich innerlich betätigt, immer wieder und wiederum darauf zurückkommt, das Denken also innerlich zu erkraften.
[ 13 ] Well, I can only outline in general terms what must take effect as meditation within the human soul for the sake of spiritual research. You will find more detailed information in the books, for example in my work *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. For what I am briefly outlining here is, after all, only a general explanation of what constitutes a long spiritual journey—one that must be supported by the most diverse inner, intimate processes, and which necessitates that the individual—for some it takes less time, for others more — engage in inner work in such a way, returning to it again and again, so as to strengthen their thinking from within.
[ 14 ] Dann kommt aber der Moment im menschlichen Seelenleben, der zeigt, dass das Denken auf diese Weise die Seele gewissermaßen über sich selbst hinausführen könne, und es liegt daran, dass das, was heute noch oftmals einzig und allein als berechtigte philosophische Weltanschauung aufgefasst wird, durchaus zumeist nicht mitkann, wenn von den eben charakterisierten Wegen des Seelenlebens gesprochen wird und dass kritisiert wird dasjenige, was Geisteswissenschaft will und vermag, von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus, als der ist, der eben nur gewonnen werden kann, wenn man das angedeutete innere Experiment macht. Macht man es, dann kommt man — weil Geisteswissenschaft eben voraussetzt gewisse Vorgänge in der menschlichen Seele, die nun wirklich in die Tiefen des Seelenlebens hinunterführen und zu den Höhen hinauf —, man kommt in gewisser Weise zu innerlich erschütternden Erlebnissen des Seelenlebens. Diese Erlebnisse, zu denen man kommt, ergeben sich als notwendige Begleiterscheinungen, sind gewissermaßen auch Merkzeichen dafür, Marksteine, dass man einen gewissen Punkt auf dem Wege erreicht hat, sind aber nicht das, worauf es eigentlich ankommt. Worauf es ankommt, ist das, dass das also innerlich erkraftete Denken über sich selbst hinausführt. Und der Punkt, der dahinführt, wird seit langen Zeiten immer schon mit einem Worte bezeichnet, das allerdings nur ganz vollständig diejenigen verstehen, die wenigstens sich durch solche inneren geistigen Versuche eine Ahnung von den Wegen der menschlichen Seele erworben haben. Geisteswissenschaft, so wie sie hier gemeint ist, hat ja nur eine Geltung, hat nur die Möglichkeit des Entstehens innerhalb unserer jetzigen Menschheitskultur. So wie die äußere Wissenschaft fortgeschritten ist, gleichsam aus dem Dämmerdunkel des Nichtwissens heraufgeholt hat das, was heute der Umfang unseres Naturwissens ist, wie dieses Naturwissen früher nicht da war, so ist es auch mit dem, was der Mensch aus den Tiefen der Seele als Geisteswissenschaft hervorholen kann. Aber zu allen Zeiten hat man — wenn das auch auf anderen Wegen hat geschehen müssen als in der Gegenwart und Zukunft —, zu allen Zeiten hat man die Wege der Geistesforschung gesucht, und man hat das, was eben in der angegebenen Weise nur charakterisiert werden kann, wozu die Menschenseele kommt, wenn sie an dem Punkt steht, aus dem zeitlichen Verlauf des Seelenlebens zu dessen ewigen Kräften zu kommen, man hat das bezeichnet mit dem Worte: Der Mensch tritt an die Pforte des Todes heran. — Und dieses Wort, es hat eine gewisse tiefe Berechtigung. Denn eine innere Seelenverfassung, eine innere Seelenstimmung tritt ein in einem gewissen Zeitpunkte der Seelenentwicklung.
[ 14 ] But then comes the moment in the life of the human soul that shows that thinking in this way can, so to speak, lead the soul beyond itself, and this is because what is still often regarded today as the sole legitimate philosophical worldview generally cannot keep pace when we speak of the paths of soul life just described; and what is criticized is precisely what spiritual science aims for and is capable of—from a perspective entirely different from the one that can only be gained by undertaking the inner experiment just alluded to. If one does so—because spiritual science presupposes certain processes in the human soul that truly lead down into the depths of the soul’s life and up to its heights—one arrives, in a certain sense, at deeply moving experiences of the soul’s life. These experiences one arrives at arise as necessary accompaniments; they are, so to speak, signs—milestones—indicating that one has reached a certain point along the path, but they are not what really matters. What matters is that this inwardly strengthened thinking leads one beyond oneself. And the point that leads there has long been designated by a single word—a word, however, that can be fully understood only by those who, through such inner spiritual endeavors, have at least gained a glimpse of the paths of the human soul. Spiritual science, as it is meant here, has validity only within our present human culture; it has the potential to arise only within it. Just as external science has advanced—bringing forth, as it were, from the twilight of ignorance what constitutes the scope of our knowledge of nature today, whereas this knowledge did not exist in the past—so it is with what human beings can draw forth from the depths of the soul as spiritual science. But throughout all ages—even if this had to occur by different means than in the present and future—people have sought the paths of spiritual research, and they have described what can only be characterized in the manner just indicated—that which the human soul experiences when it reaches the point where, through the temporal course of soul life, it arrives at its eternal powers— —this has been described with the words: “Man approaches the gate of death.” —And this phrase has a certain profound validity. For an inner state of the soul, an inner mood of the soul, sets in at a certain point in the soul’s development.
[ 15 ] Wenn also die Erkraftung des Denkens erfolgt ist, wie es geschildert worden ist, wo gewissermaßen der Mensch abgezogen wird — aber jetzt nicht durch seine bloße Willkür, durch abstraktes Denken, sondern durch Kräfte, die seine Seele ergreifen, deren geistige Realität er nun erst empfinden und erleben kann —, durch die er abgezogen wird von aller äußeren Welt und hingeführt wird auf den Menschen, auf sich selber, auf das, als was er als Mensch innerhalb der Welt steht, man lernt dadurch, dass das Denken gleichsam seine Kraft in seine eigene Wesenheit hineindrückt, sich innerlich erkraftend, man lernt dieses Denken als eine Art sich gestaltender Wesenheit kennen, durch die man in innerlichem Krafterfühlen sich wie verdoppelt fühlt, einen neuen inneren Menschen in dem gewöhnlichen Menschen drinnen fühlt.
[ 15 ] So when the strengthening of thought has taken place, as has been described—where, in a sense, the human being is drawn away—but now not through mere willfulness or abstract thought, but through forces that seize his soul, whose spiritual reality he can now, for the first time, perceive and experience— through which he is drawn away from the entire external world and led toward the human being, toward himself, toward what he is as a human being within the world—one learns, through the fact that thinking, as it were, presses its power into his own being, strengthening itself inwardly, one comes to know this thinking as a kind of self-forming essence, through which, in an inner sense of power, one feels as if doubled, sensing a new inner human being within the ordinary human being.
[ 16 ] Soll ich die Sache genauer schildern, so müsste ich sagen: Der Mensch steht im gewöhnlichen Leben; er sieht ja nicht nur seine Umgebung, sondern er fühlt auch, dass in dem Raum, der von seiner Haut begrenzt ist, sich sein physisches Wesen ausdehnt. Im gewöhnlichen Leben fühlt er allerdings nur sehr dumpf dieses sein inneres Wesen. Er fühlt es weniger dumpf, wenn dieses physische Wesen von Schmerz durchzogen ist. Dasjenige, was der Mensch also wie die Durchfühlung seines physischen Menschen dumpf erlebt, das erlebt er auf eine neuerliche Weise. Er fühlt sich wie von innerlichen, geistig sich organisierenden Kräften ausgefüllt und — ich möchte sagen — durchpresst, er fühlt einen zweiten Menschen in dem Menschen. Und das, was er nun erlebt, es kann sich nur darstellen in der unmittelbaren Anschauung. Wirklich, wie auch derjenige, der nur spekulieren will, niemals herausbekommt, wenn er Wasser vor sich hat, dass das Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht, ohne dass das Experiment ausgeführt wird, ebenso wenig kann man, ohne dass dieses innerliche, intime, in Seelenvorgängen bestehende Experiment ausgeführt wird, vor sich haben gleichsam nebeneinander das, was man als Mensch auch schon vorher in sich fühlte und erlebte, und das, was jetzt durch das erkraftete Denken wie ein neuer, ein zweiter Mensch, den ersten ausfüllend, vor einem seelisch steht.
[ 16 ] If I were to describe the matter in more detail, I would have to say: In ordinary life, a person not only sees his surroundings, but also feels that his physical being extends into the space bounded by his skin. In everyday life, however, they feel this inner being only very dimly. They feel it less dimly when this physical being is permeated by pain. What a person thus experiences vaguely as a sensation of his physical being, he experiences in a new way. He feels as if he were filled—and, I might say, permeated—by inner forces that are organizing themselves spiritually; he feels a second human being within the human being. And what he now experiences can only be represented through direct perception. Indeed, just as even someone who merely wishes to speculate can never determine, when faced with water, that water consists of hydrogen and oxygen without conducting an experiment, so too, without carrying out this inner, intimate experiment that takes place within the soul’s processes, one cannot have before oneself, as it were side by side, what one as a human being has already felt and experienced within oneself, and what now stands before one in the soul, through the strengthened thinking, like a new, second human being who fills out the first.
[ 17 ] Aber indem man diesen zweiten Menschen in sich erfährt, erlebt man ihn gebunden an das, was im Menschen nun nicht als eine aufbauende, sondern im Gegenteil als eine abtragende Kraft ist. Man lernt jetzt wissen — und es ist dieses ein Wissen, was nur durch das geschilderte Erlebnis erwerbbar ist —, man lernt jetzt wissen, dass mit dem Menschen, so lang er hier innerhalb des physischen Leibes zwischen Geburt und Tod lebt, Kräfte leben, die sich innerlich in ihm entwickeln, die fortwährend zehren an seinem Leibe, und die zuletzt eigentlich das darstellen, was diesen Leib zum Tode führt. Und man lernt erkennen, dass dieser zweite Mensch, den man nun entdeckt hat, zu dem sich das in sich erkraftete Denken kristallisiert hat, dass dieser Mensch die höchste Entwicklung ist dessen, was im Menschen als die Betätigung, als die Kräftewirkung, die zum physischen Tode führt, sich offenbart. In uns sind Kräfte des Lebens — das merkt man jetzt —, die unser Wachstum, die unsere Wiederherstellung immer in Bezug auf das, was wir im Leben verbrauchen, bewirken; aber in uns sind, seit wir in die physische Welt hereingetreten sind, immerzu auch die Kräfte der Zerstörung, die den Leib aufbrauchen. Und man lernt erkennen, dass — könnte man den Leib nicht aufbrauchen, wäre [also] nicht das in uns, was den Leib aufbraucht —, wir überhaupt nicht zum Denken in dem Sinn, wie wir dieses Denken haben als Menschen, kommen könnten; [man lernt erkennen], dass gewissermaßen die höchste Blüte der Todeskräfte vor unser Seelenauge tritt, indem wir das Denken also innerlich sich geistig organisierend in seiner Kraft schauen als zweiten Menschen im Menschen.
[ 17 ] But in experiencing this second human being within oneself, one experiences him as bound to that which in human beings is not a constructive force, but rather, on the contrary, a destructive one. One now comes to know—and this is a knowledge that can only be acquired through the experience described—one now comes to know that as long as a human being lives here within the physical body between birth and death, forces are at work within him that develop internally, that continually consume his body, and that ultimately represent what actually leads this body to death. And one comes to recognize that this second human being, whom one has now discovered—into whom the thinking that has gained strength within has crystallized—that this human being is the highest development of what manifests itself in the human being as the activity, as the force that leads to physical death. Within us are life forces—as we now realize—that bring about our growth and our restoration, always in relation to what we consume in life; but within us, ever since we entered the physical world, there have also always been the forces of destruction that wear down the body. And one comes to recognize that—if one could not wear out the body, if [therefore] there were not within us that which wears out the body—we could not at all attain to thinking in the sense in which we, as human beings, possess this thinking; [one comes to realize] that, in a sense, the highest flowering of the forces of death appears before our soul’s eye when we behold thinking—organizing itself inwardly and spiritually in its power—as a second human being within the human being.
[ 18 ] Das ist das erschütternde Erlebnis; wir lernen erkennen, dass wir nicht nur aufbauende, sondern auch uns verzehrende Kräfte in uns haben müssen, und dass gerade die edelsten dieser verzehrenden Kräfte mit unserem Denken zusammenhängen. Dass wir imstande sind, nicht nur Lebekräfte zu entwickeln, sondern das Leben abzutragen, damit hängt vieles zusammen; aber als höchste Blüte geht das hervor, dass wir denken können. So finden wir ein uraltes Mysterienwort: Dass der Mensch die Pforte des Todes betreten muss, wenn er zu den Seelenquellen des Daseins kommen will, gerechtfertigt. Wir müssen schauen, was in uns den Tod wirkt, um die eigentliche Natur des Denkens in uns zu erkunden. Und wenn wir das Denken zu seinem höchsten Gipfel bringen, so überspringt es gleichsam seine eigene Wesenheit und zeigt sich uns als das, was in uns ist als ein zweiter Mensch, was aber die höchste Blüte abtragender Kräfte darstellt.
[ 18 ] This is the shattering experience; we come to realize that we must have within us not only constructive forces but also forces that consume us, and that it is precisely the noblest of these consuming forces that are connected to our thinking. The fact that we are capable not only of developing life forces but also of wearing life away is connected to many things; but what emerges as the highest flowering of this is our ability to think. Thus we find an ancient mystery teaching: that the human being must enter the gate of death if he wishes to reach the soul sources of existence—a teaching that is justified. We must observe what within us brings about death in order to explore the true nature of thinking within us. And when we bring thinking to its highest peak, it, as it were, transcends its own essence and reveals itself to us as that which exists within us as a second human being, yet which represents the highest flowering of life-diminishing forces.
[ 19 ] Und nun — ich sagte: Man lernt nur erkennen, das, was man da findet, indem man es geistig anschaut. Da lernt man von ihm auch erkennen, dass das, was da durch das verdichtete — immer sind die Dinge geistig gemeint — Denken als ein zweiter Mensch im Menschen sich geltend macht, dass dieses in der Tat nicht zusammenhängt mit dem, was durch unsere Geburt, was durch die Vererbungskräfte in uns ist, sondern dass es aus der geistigen Welt an diesen physischen Leib herantritt. Durch die Art und Weise, wie es sich zum physischen Leib verhält, wie es ihn ergreift, wenn man das anschaut, so weiß man, dass der physische Leib diese Kräfte nicht aus sich selber hervorbringt, und man kann sie verfolgen, diese Kräfte, bis hinein in die geistige Welt, und man lernt nun in unmittelbarer geistiger Anschauung kennen die geistige Tatsache, dass der Mensch aus einer geistigen Welt, in der sein Wesen vor der Geburt oder — sagen wir — Empfängnis war, heruntersteigt und dass sich mit dem, was die Vererbungskräfte dem Menschen geben können, vereinigt ein geistiges Wesen. Ich möchte sagen: Wie sich das Männliche und Weibliche vereinigen, so vereinigt sich mit diesem ein Drittes, das aus der geistigen Welt kommt, und das sich, indem es sich dem Leibe einverleibt, verwandelt so, dass es den Leib ergreift, ihn durchorganisiert. Und indem es sich so betätigt, dass es diesen Leib aufbraucht, erscheint in der Umwandlung dessen, was geistig ist, das zeitliche Denken, wie es abläuft zwischen Geburt und Tod. Äußere Erkenntnisse, die aus der physischen Welt kommen, lassen uns verhältnismäßig gleichgültig in Bezug auf die innerste Empfindung unseres Seelenlebens; die geistige Erkenntnis, die uns also heranbringt an die Quellen des Seelenlebens, die kann nicht abgehen, ohne dass eine innere Tragik die Seele ergreift. Man kommt wirklich mit dem in Berührung, was lebendig war im Geistigen, was aber Todeskraft werden musste, indem der Mensch dem Physischen nach lebendig [wird]. Man lernt erkennen, dass das, was sich im physischen Menschen nach und nach entwickelt von der Kindheit bis in die Reife hinein, dass das die Umwandlung ist von Kräften, und dass diese Kräfte sich dem gewöhnlichen Blicke verbergen müssen gerade deswegen, weil sie sich eben umgewandelt haben aus dem Geistigen in das — wir können es geradezu nennen — physische Denken. Aber wir sehen herauskommen das, was im Menschen leibt und lebt innerhalb des physischen Leibes, wir sehen es herauskommen aus seiner geistigen Grundlage, und da sehen wir es tot werden, nachdem es geistig lebendig war, damit der Mensch physisch lebendig werden und sich entwickeln kann. Das geistig Lebendige, das den Menschen ausmacht vor der Geburt, verwandelte sich in ein physisch Ertötendes, damit das Physische in lebendiger Entwicklung zwischen Geburt und Tod bestehen könne.
[ 19 ] And now—I said: One learns to recognize only what one finds there by contemplating it spiritually. From it one also comes to recognize that what asserts itself through condensed—things are always meant in a spiritual sense—thinking as a second human being within the human being is, in fact, not connected to what is within us through our birth or through hereditary forces, but rather that it approaches this physical body from the spiritual world. Through the way it relates to the physical body, the way it takes hold of it—when one observes this—one knows that the physical body does not produce these forces from within itself, and one can trace these forces all the way into the spiritual world, and one now comes to know, through direct spiritual perception, the spiritual fact that the human being descends from a spiritual world in which his being existed before birth or—let us say—conception, and that a spiritual being unites with what the hereditary forces can give to the human being. I would like to say: Just as the masculine and the feminine unite, so a third entity—coming from the spiritual world—unites with them; and by incorporating itself into the body, it transforms itself in such a way that it takes hold of the body and organizes it throughout. And as it acts in such a way as to consume this body, temporal thinking—as it unfolds between birth and death—arises from the transformation of what is spiritual. External knowledge derived from the physical world leaves us relatively indifferent to the innermost feelings of our soul life; spiritual insight, which thus brings us close to the sources of soul life, cannot pass without an inner tragedy seizing the soul. One truly comes into contact with what was alive in the spiritual realm, but which had to become a force of death as the human being becomes physically alive. One comes to recognize that what develops gradually in the physical human being from childhood into maturity is the transformation of forces, and that these forces must remain hidden from the ordinary gaze precisely because they have been transformed from the spiritual into—we might even call it—physical thinking. But we see emerging what lives and breathes within the human being inside the physical body; we see it emerging from its spiritual foundation, and there we see it become dead, after having been spiritually alive, so that the human being can become physically alive and develop. That which is spiritually alive—which constitutes the human being before birth—transformed itself into something physically life-extinguishing so that the physical could exist in living development between birth and death.
[ 20 ] Ich sagte, meine sehr verehrte Anwesenden, dass das, was sich heute noch vielfach einzig berechtigte philosophische Weltanschauung nennt, nicht recht mitkann und in einer begreiflichen Weise sich gegen diese Geisteswissenschaft wenden muss, weil jene gewöhnliche philosophische Weltanschauung kein Organ hat, um einzugehen auf diese intimen Seelenvorgänge, die in treuer Hingebung ausgeführt werden müssen, wenn man wirklich ein Wissen über die Seele erlangen will.
[ 20 ] I said, my esteemed audience, that what is still widely regarded today as the only legitimate philosophical worldview cannot quite keep up and must, understandably, turn against this spiritual science, because that conventional philosophical worldview lacks the means to address these intimate soul processes, which must be carried out with faithful devotion if one truly wishes to gain knowledge of the soul.
[ 21 ] Wir haben gesehen, dass das Denken so entwickelt werden muss, dass es bis zu einem gewissen Punkte fortschreitet und da sich selber überschreitet, sich gestaltet. Mit dem, was man im gewöhnlichen Leben oftmals Mystizismus nennt, mit dem hat dieser Seelenweg eigentlich sehr wenig zu tun; aber die gewöhnliche philosophische Weltanschauung kennt nur das, was man so nennt. Dieser Mystizismus hat eigentlich etwas ganz äußerlich Ähnliches mit den wahrhaften Wegen in die geistige Welt hinein. Nämlich der gewöhnliche Mystiker — derjenige, der eine Ahnung davon hat, dass das Denken in anderer Weise verwendet werden muss als im gewöhnlichen Leben —, der möchte dieses Denken unterdrücken, das Denken unterdrücken in einem unbestimmten inneren, erfühlenden Leben, sodass dieses vernebelt wird, damit etwas Dunkel-Nebuloses in der Seele waltet. Gerade im Gegenteil sucht der wahre Geistesweg nicht dieses Denken auszulöschen, sondern er sucht dieses Denken in sich zu erkraften, sucht es bis zu seiner höchsten Energie zu bringen. Daher ist auch das, was die Seele durchgeistigt, nicht die dumpfe, nebulose, mystische Stimmung, die sich vor dem Denken fürchtet, gleichsam weil sie glaubt, dass sie in der Klarheit des Denkens — und für das gewöhnliche Denken hat sie recht —, weil sie fürchtet, dass die Seele nicht in wahrer Gestalt darin erscheinen kann, sondern das Denken wird [im wahren Geistesweg] gerade gesucht. Höchste Klarheit breitet sich aus immer mehr und mehr, indem der Weg der Seele also verfolgt wird bis dahin, wo das Denken sich gleichsam selber überspringt. So gelangt man, wenn man diesen Seelenweg verfolgt, dahin zu erkennen, was aus der geistigen Welt durch die Geburt — oder sagen wir Empfängnis — sich mit unserem physischen Organismus vereinigt hat; man lernt gleichsam zurückschauen auf das frühere geistige Erleben der Seele, das heruntergestiegen ist zum physischen Leben. Aber es ist eben verbunden mit diesem Erleben, das Erleben des Todes. Man lernt begreifen, dass, wenn man nur so hinschauen kann auf das geistige Leben, man zwar den Tod verstehen lernt, aber nicht mehr als den Tod; man lernt erkennen, dass gleichsam aus dem Geistigen heraus gewollt ist, dass sich ein geistiges Wesen physisch verkörpert, dass die Kräfte, die früher im Geistigen waren, physisch verbraucht werden, dass dieses Wesen zum Tode geführt wird, dass gerade in dem Abbau das liegt, worauf es die Entwicklung abgesehen hat.
[ 21 ] We have seen that thinking must be developed in such a way that it progresses to a certain point and, having transcended itself there, takes shape. This path of the soul actually has very little to do with what is often called “mysticism” in everyday life; but the conventional philosophical worldview knows only what is commonly referred to as such. This so-called “mysticism” bears only a very superficial resemblance to the true paths leading into the spiritual world. Namely, the ordinary mystic—the one who has a sense that thinking must be used in a different way than in ordinary life—wishes to suppress this thinking, to suppress it within an indefinite inner, intuitive life, so that it becomes clouded, allowing something dark and nebulous to reign in the soul. On the contrary, the true spiritual path does not seek to extinguish this thinking, but rather seeks to strengthen it within itself, to bring it to its highest energy. Therefore, what spiritualizes the soul is not the dull, nebulous, mystical mood that fears thinking—as if because it believes that in the clarity of thinking—and in the case of ordinary thinking it is right—the soul cannot appear in its true form—but rather, thinking is precisely what is sought [on the true spiritual path]. Supreme clarity spreads ever more and more as the soul’s path is thus pursued to the point where thinking, as it were, transcends itself. Thus, by following this path of the soul, one comes to recognize what from the spiritual world has united with our physical organism through birth—or, shall we say, conception; one learns, as it were, to look back upon the soul’s earlier spiritual experience, which has descended into physical life. But the experience of death is precisely linked to this experience. One learns to grasp that, if one can look upon spiritual life in this way, one does indeed come to understand death, but nothing more than death; one comes to recognize that it is, as it were, willed from within the spiritual realm that a spiritual being incarnate physically, that the forces that were formerly in the spiritual realm are physically expended, that this being is led to death, and that it is precisely in this process of decay that the goal of its development lies.
[ 22 ] Aber man lernt nicht mehr. Man würde den Tod verstehen lernen, aber man würde noch nicht die ewigen Kräfte der Menschenseele erfassen können. Sie kann man nur erfassen, wenn man das innere, intime SeelenExperiment noch nach anderer Seite hin ausführt, nach der Seite des fühlenden Wollens. So wie das, wozu es das Denken bringt, nicht innerhalb des alltäglichen Denkens liegt, so liegt innerhalb des alltäglichen Wollens, durch das man seine Handlungen vollbringt, nicht alles, wozu man kommt, wenn man nun auch diesen Willen innerlich so erkraftet, dass man die Aufmerksamkeit auf das in diesem Willen gerade lenkt, worauf sie gewöhnlich nicht gelenkt wird. Wir wollen, wir führen unsere Handlungen aus im gewöhnlichen Leben. Gerade deshalb, weil wir aufgehen in den Handlungen, deshalb sehen wir nicht auf das, was sich im Willen — indem er sich entwickelt von unserer Kindheit an, während wir wollen —, ganz geheimnisvoll innerlich ausbildet. Wir können sagen: Wir erleben den Willen, aber im gewöhnlichen Leben schauen wir ihn nicht an; wir wenden die Aufmerksamkeit nicht hin. Ja, man muss sich erst schulen, man muss wiederum das innerliche Seelenexperiment machen, um zu entwickeln die Fähigkeit, so intensiv die Aufmerksamkeit auf den Willen zu lenken, dass man das erkennen könne, was darin liegt. Man erlangt dies besonders dadurch, dass man sich Augenblicke im Leben schafft, wo man die Aufmerksamkeit hinrichtet auf dasjenige im Willen, auf das sie gewöhnlich nicht gerichtet ist. Sagen wir: Man überblickt sein Tagesleben, man hat gewollt dieses oder jenes; jetzt blickt man hin rückschauend auf die Art und Weise, wie man sich verhalten hat. Man stellt sich bildlich selber dar; man denkt sich aus sich heraus, schaut sich an, vergegenwärtigt sich, wie die Absicht zu dem und jenem entstanden ist, schaut sich so in seinem Wollen an.
[ 22 ] But one does not learn any more than that. One would come to understand death, but one would not yet be able to grasp the eternal powers of the human soul. These can only be grasped if one carries out the inner, intimate soul experiment in yet another direction—toward the realm of feeling and willing. Just as what thinking leads to does not lie within everyday thinking, so too does not everything one arrives at lie within everyday volition—through which one carries out one’s actions—if one now strengthens this will inwardly in such a way that one directs one’s attention to precisely that aspect of this will to which it is not usually directed. We will, we carry out our actions in ordinary life. Precisely because we are absorbed in our actions, we do not look at what develops quite mysteriously within the will—as it evolves from our childhood onward, while we will. We can say: We experience the will, but in ordinary life we do not look at it; we do not turn our attention to it. Yes, one must first train oneself; one must once again conduct the inner psychological experiment to develop the ability to direct one’s attention so intensely toward the will that one can recognize what lies within it. One achieves this especially by creating moments in life when one directs one’s attention to that aspect of the will to which it is not usually directed. Let’s say: You review your day; you intended to do this or that; now you look back on the way you behaved. You visualize yourself; you step outside yourself, observe yourself, recall how the intention for this or that arose, and thus examine yourself in your willing.
[ 23 ] Auch solches innere Experiment kann nicht wirken, wenn man es einfach ein paar Mal macht. Es hängt natürlich von den Anlagen des Einzelnen ab — aber es muss immer wieder und wiederum betont werden. Wobei wieder gesagt werden kann: Es kommt nicht darauf an, dass man etwa viel Zeit dazu verwendet; nicht auf die Zeitlänge, sondern auf die Intensität kommt es an, die man entfaltet, auf das wirklich genaue, aufmerksame Verfolgen dieser Willensvorgänge. Da ist es besonders wichtig, dass man versucht, seinen eigenen Willen dadurch zu prüfen, dass man innerlich intim mit diesem Willen zusammenlebt, zum Beispiel dadurch, dass man sich im Geiste vorsetzt: Wenn du dir dieses oder jenes vornehmen würdest, wie würde das ganze Wesen, das in dir ist, damit übereinstimmen. Wenn man das Innere-Absichten-Haben, wenn man das Fühlend-VerbundenSein mit dem, was der Mensch erstreben kann, wenn man das innerlich abgezogen erlebt, dann macht man sich bekannt immer mehr und mehr mit dem Willen und dann macht man eine Entdeckung, die wiederum erschütternd ist. Man entdeckt nämlich jetzt wiederum einen inneren Menschen, der aber ganz anderer Art ist als der vorhin geschilderte — ja, die menschliche Natur ist sehr vielfältig! Man entdeckt jetzt, indem man den Willen anschaut, innerhalb desjenigen, was wollender Mensch ist, gleichsam einen fortwährend verborgenen inneren Zuschauer, man entdeckt ein neues inneres Bewusstsein, welches — wie der Keim in der Frucht — in unserem Wollen liegt. Im gewöhnlichen Leben haben wir davon keine Ahnung. Wir haben unser Ich-Bewusstsein! Das breitet sich aus über unsere Beobachtungen im Leben; aber indem wir unser Wollen überschauen wie geschildert, entdecken wir einen innerlichen Zuschauer, etwas, was geistig geradeso auf die innerlichen Verrichtungen unseres Wollens blickt, wie wir auf die Vorgänge unserer Umgebung. Einen neuen Bewusstseinsmenschen entdecken wir da. Und so, wie das erste Erlebnis deshalb erschütternd ist, weil es uns gewissermaßen an die Pforte des Todes bringt, ist dieses zweite deshalb erschütternd, weil es nicht anders in seiner Tiefe durchlebt werden kann als dadurch, dass man erkennen lernt die Natur des Leidens innerhalb der Welt. Man lernt erkennen, worauf das Leiden eigentlich beruht; man lernt es dadurch erkennen, dass man auf diesen Zuschauer, den man in sich hat, wirklich die Aufmerksamkeit hin zu lenken lernt. Denn dieser Zuschauer hat die Eigentümlichkeit, dass er immer auf uns blickt. Er ist ein anderer Mensch in uns, er sieht von seinem Bewusstsein auf unsere Willensentfaltung hin. Ich rede von einer Realität, von etwas, was wirklich im Menschen ist, und was immer mächtiger und mächtiger heranwächst, indem der Mensch durch sein Leben hindurch will. Man lernt erkennen also etwas, was hinter dem Wollen des Menschen ist, man lernt dieses eben durchaus als eine volle Realität erkennen, aber so, dass es eigentlich ebenso wenig zu tun hat mit dem Menschen, der da im Physischen lebt zwischen Geburt und Tod, wie das andere viel mit dem zu tun hat, was man als Endergebnis des Denkens kennengelernt hat. Wie dieses abbauende Kräfte gestaltet enthält, also bei jeder Betätigung unseres physischen Menschen mitbeteiligt ist, ist dieser Zuschauer, der da gleichsam von hinten uns immer anschaut, niemals in der Lage, wirklich in das, was in uns vorgeht, einzugreifen. Er hat immerzu das intensivste Begehren, so zu sein, wie der Mensch ist, innerlich den Menschen auch so zu durchpressen wie der andere zweite Mensch; aber er kann von seinem Bewusstsein nicht eingreifen in unserer Organisation. Er will diese Organisation, aber er findet keinen Angriffspunkt innerhalb unseres Leibes.
[ 23 ] Even such an inner experiment cannot be effective if one simply does it a few times. Of course, it depends on the individual’s disposition—but this must be emphasized again and again. That said, it is not a matter of spending a great deal of time on it; what matters is not the length of time but the intensity with which one engages in it—the truly precise, attentive observation of these processes of the will. It is particularly important to try to examine one’s own will by living intimately with it inwardly—for example, by mentally asking oneself: If you were to resolve to do this or that, how would your entire being within you align with it? When one experiences this inner intention—this feeling of connection with what a human being can strive for—when one experiences this as an inner process, then one becomes increasingly familiar with the will, and then one makes a discovery that is, in turn, profound. For one now discovers yet another inner human being, one that is, however, of an entirely different nature than the one described earlier—yes, human nature is truly multifaceted! By observing the will, one now discovers, within the very essence of the willing human being, as it were, a constantly hidden inner observer; one discovers a new inner consciousness which—like the seed in the fruit—lies within our willing. In ordinary life, we have no inkling of this. We have our “I”-consciousness! This extends over our observations in life; but as we survey our willing as described, we discover an inner observer—something that spiritually gazes upon the inner workings of our willing just as we gaze upon the events in our surroundings. There we discover a new, conscious being. And just as the first experience is so profound because it brings us, as it were, to the threshold of death, this second experience is profound because it can only be fully lived through in its depth by learning to recognize the nature of suffering within the world. One learns to recognize what suffering is actually based on; one learns to recognize it by truly learning to direct one’s attention toward this observer within oneself. For this observer has the peculiarity of always looking at us. He is another person within us; from his consciousness, he observes the unfolding of our will. I am speaking of a reality, of something that truly exists within the human being, and which grows ever more powerful as the human being moves through life with his or her will. So we learn to recognize something that lies behind human volition; we learn to recognize this as a full-fledged reality in its own right—but in such a way that it actually has just as little to do with the human being who lives in the physical realm between birth and death as the other has to do with what we have come to know as the end result of thinking. Although this force contains destructive elements—and is thus involved in every activity of our physical being—this observer, who is always watching us, as it were, from behind, is never in a position to truly intervene in what is taking place within us. He constantly has the most intense desire to be just as the human being is, to permeate the human being from within just as that second human being does; but he cannot, from his consciousness, intervene in our organism. He wants this organism, but he finds no point of entry within our body.
[ 24 ] Und so lernt man wirklich, wie der Chemiker im Wasser Wasserstoff und Sauerstoff kennenlernt, diese zwei Menschen in sich kennen als Realitäten, diese zwei Menschen, die so Realitäten sind, wie physische Stoffe nur irgendwie Realitäten sein können. Man lernt sie kennen als entgegengesetzte Pole, aber man lernt den zweiten Menschen so kennen, dass man weiß: Der ist auf dem Wege, ein so gestalteter Mensch zu werden, wie du es bist. Innerhalb dieses Leibes nur kann er es nicht. Willst du gut, so lernt er die innere Güte deines Wollens kennen und bereichert sich dadurch, dass er diese innere Güte anschaut. Willst du böse, so lernt er es mit seinem Wesen verbinden und lernt erkennen, wie es zu überwinden ist; aber er kann in deine gegenwärtige Organisation nicht eingreifen. — Man lernt in diesem zweiten Menschen, der bloß Bewusstsein ist, das zu erkennen, was beginnt samenhaft in uns zu leben, [wie aus der wachsenden Pflanze ein Same hervorgeht].
[ 24 ] And so one truly comes to know—just as a chemist comes to know hydrogen and oxygen in water—these two people within oneself as realities, these two people who are realities in the same way that physical substances can only be realities in a certain sense. You come to know them as opposing poles, but you come to know the second human being in such a way that you know: He is on the path to becoming a human being shaped just as you are. Within this body alone, however, he cannot do so. If you will good, he comes to know the inner goodness of your will and is enriched by beholding this inner goodness. If you will evil, he learns to connect it with his own being and learns to recognize how it can be overcome; but he cannot intervene in your present constitution. — In this second human being, who is nothing but consciousness, one learns to recognize what begins to live within us as a seed, [just as a seed emerges from a growing plant].
[ 25 ] Man lernt erkennen das, was durch die Pforte des Todes schreitet, was in die geistige Welt hineingeht, wenn der physische Leib zerfällt. Aber so, wie man diesen zweiten inneren Menschen vor dem seelischen Auge vor sich hat, so lernt man erkennen: Wenn das zweite das erste ergreift, wenn das zweite — das durch den Leib verhindert wird, mehr zu sein in uns, als ein bloßer Bewusstseinsmensch —, wenn dieses durch die Anwesenheit des Leibes nicht mehr verhindert wird, so ergreift es das, was die Organisation der abbauenden Kräfte ist, verbindet sich und bildet den Samen, der hinausschreitet in die geistige Welt. Man lernt kennen, was hinter den Tod hinausgeht. Schaut man durch den ersten Weg auf die Art, wie aus der geistigen Welt heraus gleichsam als eine unmittelbare Blüte unseres vorzeitigen Geisteslebens unser physisches Leben erscheint und wie Gedanken, wie die Geisteskräfte sich umgewandelt haben in das, was den Leib verbraucht, um die physischen Erfahrungen zu erzeugen, so schaut man durch den zweiten das, was sich wiederum samenhaft vorbereitet, um durch die Pforte des Todes zu schreiten, um sich dann mit dem zu verbinden, was vor der Geburt da war.
[ 25 ] One learns to recognize that which passes through the gate of death, that which enters the spiritual world when the physical body decays. But just as one sees this second inner human being before one’s soul’s eye, so one learns to recognize: When the second seizes the first—when the second—which is prevented by the body from being more within us than a mere human of consciousness—is no longer hindered by the presence of the body, it seizes what constitutes the organization of the decomposing forces, unites with it, and forms the seed that steps out into the spiritual world. One comes to know what extends beyond death. If one looks, through the first path, at the way our physical life appears to emerge from the spiritual world, as it were, as an immediate flowering of our pre-birth spiritual life, and at how thoughts and spiritual forces have been transformed into that which consumes the body in order to produce physical experiences, then through the second path one sees what is in turn preparing itself in seed-like form to pass through the gateway of death, to then unite with what was there before birth.
[ 26 ] Intime innere Vorgänge sind es, um die es sich handelt, aber sie führen mit derselben Sicherheit zu einem wahren Ergreifen der ewigen Kräfte der Menschenseele wie die äußeren naturwissenschaftlichen Experimente zum Enthüllen der Geheimnisse der Natur. Und im Grunde genommen ist die ganze denkerische Gesinnung dieselbe wie diejenige, die der Naturbetrachtung zugrunde liegt.
[ 26 ] These are intimate inner processes, but they lead just as surely to a true grasp of the eternal forces of the human soul as external scientific experiments lead to the unveiling of nature’s secrets. And, fundamentally, the entire intellectual attitude is the same as that which underlies the observation of nature.
[ 27 ] Wie betrachten wir denn die Pflanze? Wir betrachten sie, indem wir sie verfolgen von dem Samen bis herauf — durch die Wurzeln, Blätter, Blüten —, bis wiederum der Same sich entwickelt, und in diesem sehen wir die Wiederholung der alten und den Ausgangspunkt der neuen Pflanze. So verfolgen wir geisteswissenschaftlich im Menschen das, was hereintritt durch die Geburt aus der geistigen Welt, verfolgen das, was sich als geistiger Same entwickelt, wir verbinden das Ende mit dem Anfang, wie wir das bei der Pflanze machen. Wie wir bei der Pflanze die Frucht, die Blüte, den Samen mit dem, woraus die Pflanze hervorsprießt, verbinden und so die frühere mit der späteren schauen, so schaut der Geistesforscher, indem er das, was erwähnt worden ist, als intime Vorgänge in sich entwickelt; er schaut, wie sich Menschenleben an Menschenleben kettet. In wiederholten Erdenleben entwickelt sich das menschliche Leben. Das volle menschliche Leben lebt sich so dar für den Geistesforscher als ein Leben zwischen Geburt und Tod, als ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt, als ein Wiederum-in-das-Erdenleben-Eintreten und so weiter.
[ 27 ] How, then, do we observe the plant? We observe it by tracing its development from the seed upward—through the roots, leaves, and flowers—until a new seed develops, and in this seed we see the repetition of the old plant and the starting point of the new one. In the same way, in spiritual science we trace in the human being what enters through birth from the spiritual world; we trace what develops as a spiritual seed; we connect the end with the beginning, just as we do with the plant. Just as we connect the fruit, the flower, and the seed of a plant with that from which the plant sprouts, and thus view the earlier with the later, so the spiritual researcher observes by developing within himself the processes mentioned as inner occurrences; he sees how human lives are linked one to another. Human life develops through repeated earthly lives. Thus, for the spiritual researcher, the full human life unfolds as a life between birth and death, as a life between death and new birth, as a re-entry into earthly life, and so on.
[ 28 ] Und die Lehre von den wiederholten Erdenleben, die in einer bedeutungsvollen Epoche des Geisteslebens in Lessing so großartig vor die Menschen hingetreten ist, für sie ist es Zeit, dass sie heute eine wissenschaftliche Grundlage erhält dadurch, dass der Mensch sein Inneres so verändert, wie er die Natur verändert, um ihr durch Experimente ihre Geheimnisse abzulauschen. Dadurch aber wird der Mensch bekannt mit dem Ewigen in dem Zeitlichen, dadurch bringt sich der Mensch — so wie er sich durch die Naturwissenschaft in Zusammenhang bringt mit den Naturvorgängen um sich herum —, in Zusammenhang mit den geistigen Vorgängen. Dadurch, dass wir die Körperlichkeit des Menschen studieren, finden wir den Zusammenfluss desjenigen, was wir in unseren Studien über Mineralien, Pflanzen, Tiere, in unserer Anschauung über die Natur finden, wir finden es konzentriert im Menschen. Der Mensch ist in den Schoss der Natur eingebettet, ist aber auch mit den Kräften, die er auf Seelenwegen in sich entdeckt, in das geistige Leben des Kosmos eingebettet. Und sind einmal die geistigen Augen und Ohren eröffnet, dann schaut der Mensch in die geistige Welt hinein.
[ 28 ] And the doctrine of repeated earthly lives, which was so magnificently presented to humanity by Lessing during a significant epoch of spiritual life—it is time for this doctrine to be given a scientific foundation today, through humanity transforming its inner self just as it transforms nature, in order to uncover its secrets through experimentation. Through this, however, human beings become acquainted with the eternal within the temporal; through this, human beings—just as they connect themselves through the natural sciences to the natural processes around them—connect themselves to spiritual processes. By studying the physical nature of human beings, we find the convergence of what we discover in our studies of minerals, plants, and animals, and in our observation of nature, we find it concentrated in the human being. The human being is embedded in the bosom of nature, but is also embedded in the spiritual life of the cosmos through the forces he discovers within himself on the paths of the soul. And once the spiritual eyes and ears are opened, the human being looks into the spiritual world.
[ 29 ] Nur muss selbstverständlich betont werden, dass das Darinnenruhen in der geistigen Welt von ganz anderer Art ist als das Ruhen in der physischen Welt darinnen. Stehen wir der physischen Welt gegenüber: Ihr Licht leuchtet in uns herein, ihre Töne auch, die Wärmewirkungen finden auf uns statt, die Wirkungen der Außenwelt setzen sich im Körper fort. Das, was die Natur mit uns macht, das erleben wir dadurch, dass wir eine geistige Wesenheit sind, die in den Körper eingehüllt ist. Indem wir in der geistigen Welt stehen, ist es notwendig, dass wir uns nicht also passiv nur hingeben, sondern das Darinnen-Stehen in der geistigen Welt fordert ein fortwährendes Tätigsein. Wir haben gesehen, dass man diese geistige Welt findet, indem man entwickelt eine Erkraftung des Denkens und eine gesteigerte Aufmerksamkeit für den Willen. Diese Tätigkeiten, die wir beginnen innerhalb des gewöhnlichen Seelenlebens, sie führen uns in die ewigen Kräfte des Seelenlebens hinein. Aber indem Sie drinnen sind, müssen Sie wirksam sein, tätig sein. Sonst, wenn wir nicht in der Lage sind, indem wir uns in unserem Ewigen fühlen, aktiv das Sein zu erleben, so entschwindet es uns, wenn wir es auch schon erhascht haben, so leicht, wie uns ein Traum entschlüpft. Denn dieses Traumleben ist im Grunde genommen kein anderes Leben als ein solches innerhalb des Wesenskernes, der durch Geburt und Tod geht, wenn sich dieser Wesenskern zurückzicht aus dem physischen Leibe; aber es ist dieses Traumleben ein zartes Gewebe, das Bilder hervorruft. Die Seele kann sich innerlich nicht so erkraften, dass sie voll durchschauen kann, was sie da im Traum erlebt. Wie die Seele nun mit dem Geistigen zusammenhängt in ähnlicher Weise, wie der Leib mit dem Physischen der Welt, das kann nun, wenn einmal die inneren, die seelischen Organe überhaupt erschlossen sind, so entwickelt werden zu einer Geisteswissenschaft, die die Welt als geistigen Organismus darstellt, wie die physische Wissenschaft als physischen Organismus. Dabei kann hingewiesen werden auf meine «Geheimwissenschaft» oder meine «Theosophie». Oder wenn Sie ein kürzeres Büchlein haben wollen, so verweise ich auf die sehr verdienstvolle Schrift Ludwig Deinhardts: «Wer ist Mephistopheles?», wo Sie einen kurzen Auszug finden von dem, was Geisteswissenschaft ist.
[ 29 ] Of course, it must be emphasized that resting within the spiritual world is of a completely different nature than resting within the physical world. When we face the physical world: its light shines into us, as do its sounds; its thermal effects act upon us; and the effects of the external world continue within the body. We experience what nature does to us because we are spiritual beings enveloped in a physical body. When we stand within the spiritual world, it is necessary that we not simply surrender ourselves passively; rather, standing within the spiritual world demands constant activity. We have seen that one finds this spiritual world by developing a strengthening of thought and an increased focus on the will. These activities, which we begin within ordinary soul life, lead us into the eternal forces of soul life. But once you are there, you must be effective, you must be active. Otherwise, if we are unable—while feeling ourselves within our Eternal Self—to actively experience being, it will slip away from us, even if we have already caught a glimpse of it, just as easily as a dream slips away. For this dream life is, in essence, no other life than that within the core of the being, which passes through birth and death when this core withdraws from the physical body; but this dream life is a delicate fabric that evokes images. The soul cannot muster the inner strength to fully comprehend what it is experiencing there in the dream. The way in which the soul is connected to the spiritual realm—in a manner similar to how the body is connected to the physical world—can, once the inner, soul-related faculties have been opened up at all, be developed into a spiritual science that portrays the world as a spiritual organism, just as physical science portrays it as a physical organism. In this regard, reference can be made to my *Secret Science* or my *Theosophy*. Or if you would like a shorter booklet, I refer you to Ludwig Deinhardt’s highly commendable work, *Who Is Mephistopheles?*, where you will find a brief excerpt explaining what spiritual science is.
[ 30 ] Ich habe versucht zu zeigen, wie der Mensch zu den ewigen Kräften der Menschenseele kommt. Man sieht daraus, dass die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht in irgendwie gearteten Widerspruch kommt mit der Naturwissenschaft, denn sie behauptet nicht, dass das, was in der Alltäglichkeit oder wissenschaftlichen Beobachtung in der menschlichen Seele sich entwickelt, dass das eine ewige Bedeutung habe. Man muss aus diesem gewöhnlichen Seelenleben herausgehen, wenn man die Kräfte finden will, welche als Ewiges über Tod und Geburt hinausführen.
[ 30 ] I have tried to show how human beings come to understand the eternal forces of the human soul. It is clear from this that spiritual science, as understood here, does not conflict in any way with natural science, for it does not claim that what develops in the human soul in everyday life or through scientific observation has eternal significance. One must step outside this ordinary life of the soul if one wishes to find the forces that, as eternal entities, lead beyond death and birth.
[ 31 ] Selbstverständlich, man entwickelt nicht etwa die ewigen Kräfte, nur das Wissen davon entwickelt man. Das, was dieses Wissen erschaut, ist immer in der menschlichen Natur. Gerade so wenig, wie der Mensch die Natur schafft in der Naturwissenschaft, so wenig schafft er die ewigen Kräfte in der Geisteswissenschaft. Er lenkt nur die Überschau der Seele auf das hin, was immer in der menschlichen Natur ist. Auch in diesem Sinne spricht die Geistesforschung aus derselben Gesinnung heraus, aus der die Naturwissenschaft spricht.
[ 31 ] Of course, one does not actually develop the eternal forces; one merely develops knowledge of them. That which perceives this knowledge is always present in human nature. Just as little as a person creates nature in the natural sciences, so little does a person create the eternal forces in the spiritual sciences. He merely directs the soul’s insight toward what is always present in human nature. In this sense, too, spiritual research speaks from the same spirit as the natural sciences.
[ 32 ] Man sieht [aber], dass diese Geisteswissenschaft geeignet ist, durch ihre Ergebnisse etwas in unser Leben hineinzugießen, was von ungeheurer Bedeutung für das Leben ist. Wenn der Mensch von seinen ewigen Kräften weiß, so weiß er sich im Einklang mit dem die Welt durchwebenden und durchwallenden Geistigen, er weiß sich gleichsam ruhend in dem, was als Geistiges die Welt durchströmt. Das Geistige wird aufgesucht im unmittelbaren Erleben, weil im eigenen Seelenleben der Weg liegt zu diesem Geistigen. Daher spricht Geisteswissenschaft nicht wie abstrakte Philosophie von der geistigen Welt, sondern spricht im Konkreten, indem sie die geistige Welt beschreibt wie die äußere Wissenschaft die physische Welt. Sie tritt heran an die Rätsel dieser Welt. Und wie die Naturwissenschaft nicht im Allgemeinen nur von der Natur spricht, sondern die einzelnen Naturgegenstände, die einzelnen Pflanzen, Tiere, Mineralien untersucht, so sucht die Geisteswissenschaft hinter die Rätsel des Menschenlebens im weitesten Umfang zu kommen.
[ 32 ] One sees [however] that this spiritual science, through its findings, is capable of infusing into our lives something of immense significance for life itself. When a person is aware of their eternal powers, they know themselves to be in harmony with the spiritual that weaves through and surges through the world; they know themselves, as it were, to be resting in what flows through the world as the spiritual. The spiritual is sought in direct experience, because the path to this spiritual lies within one’s own soul life. Therefore, spiritual science does not speak of the spiritual world as abstract philosophy does, but speaks in concrete terms, describing the spiritual world just as the external sciences describe the physical world. It approaches the mysteries of this world. And just as natural science does not speak generally only of nature but examines individual natural objects—individual plants, animals, and minerals—so spiritual science seeks to get to the bottom of the mysteries of human life to the fullest extent possible.
[ 33 ] Heute tritt uns ja in unserer unmittelbaren Gegenwart eines von den vielen Rätseln entgegen. Und weil es uns entgegentritt, so sei über dasselbe anhangsweise zu diesem Vortrage noch gesprochen am Schluss. Ich spreche über dieses Rätsel, indem ich weiß, dass selbstverständlich unter den verehrten Zuhörern viele sein können, die, wenn man nun auf solche Einzelheiten eingeht, die Sache, die ja schon im Allgemeinen recht phantastisch gefunden werde kann, als der Gipfelpunkt der Phantastik gefunden werden kann; allein der Geistesforscher kann sich durch solche Dinge nicht abhalten lassen. So wie die Menschheit — selbst große Geister — es als den Gipfel der Phantastik angesehen hat, als die Anschauung in die Welt getreten ist, die Erde bewege sich um die Sonne; und wie die Menschen, die das als wilde Phantastik betrachtet haben, sich daran gewöhnt haben, es ernst zu nehmen, so geht es mit aller Wahrheit. Heute wird es noch als Phantastik gelten müssen, dass etwas Ähnliches wie mit jenem, nun auch mit dem geistigen Weltenall des Menschen geschehen soll. Da war an der Spitze der neueren Weltanschauungen es die Aufgabe derer, die den neuen Impuls zu geben hatten, zum Beispiel hinzuweisen darauf: Man hat gesagt, da oben begrenzt das Firmament den äußeren Raum; aber da ist gar nichts da oben. Das macht ihr selber nur. Die Begrenztheit des Schauens ist es. Jenseits jener nicht vorhandenen Grenze geht der Raum, der ausgefüllt ist, weiter. Wie dazumal das räumliche Firmament weggeräumt worden ist, so wird durch die Geisteswissenschaft das zeitliche Firmament weggeräumt, indem gezeigt wird, dass nur menschliche Bedingtheit des Anschauens zu diesem zeitlichen Firmament führt. Da ist gar nichts. Das geistige Firmament geht hinaus in die zeitliche Unendlichkeit. Der Mensch schreitet durch wiederholte Erdenleben. Man muss schon auf den Gang, den die Wahrheit durch die Menschheitsentwicklung geht, hinschauen, wenn man Kraft finden will, das zu vertreten, was den Denkgewohnheiten widerspricht. Aber derjenige, der den Gang der neueren naturwissenschaftlichen Entwicklung kennt, der wird solche Kraft finden können und wird überzeugt sein können, dass selbstverständlich von Torheit, Träumerei, wilder Phantastik geredet wird, wenn solches geltend gemacht wird, wie heute hier. Aber dieses Schicksal hatten ja auch die naturwissenschaftlichen Ergebnisse, und das Schicksal werden auch die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse haben. Sie werden auch zu einer Selbstverständlichkeit werden. Wie man von vielen Welten heute spricht, wird man von wiederholten Leben des Menschen sprechen als einer Wahrheit, die gegründet ist auf geistiger Beobachtung, welche in der geschilderten Weise erlangt werden kann.
[ 33 ] Today, one of these many mysteries confronts us right here in our immediate present. And because it confronts us, let us discuss it briefly at the end of this lecture as an appendix. I speak of this enigma knowing full well that, of course, there may be many among the esteemed audience who, if one were to go into such details, might regard the matter—which is already generally considered quite fantastical—as the pinnacle of fantasy; yet the researcher of the spirit cannot allow himself to be deterred by such things. Just as humanity—even great minds—regarded it as the pinnacle of fantasy when the idea that the Earth revolves around the Sun first entered the world; and just as the people who regarded this as wild fantasy eventually grew accustomed to taking it seriously, so it is with all truth. Today it will still have to be regarded as fantasy that something similar to what happened with that—namely, the firmament—is now to happen with the spiritual universe of the human being. At the forefront of more recent worldviews, it was the task of those who were to provide the new impulse to point out, for example: It has been said that up there the firmament limits outer space; but there is nothing at all up there. You create that limitation yourselves. It is the limited nature of perception. Beyond that non-existent boundary, the space that is filled continues. Just as the spatial firmament was once dispelled, so too is the temporal firmament dispelled by spiritual science, by showing that it is only the human limitations of perception that lead to this temporal firmament. There is nothing there at all. The spiritual firmament extends into temporal infinity. The human being progresses through repeated earthly lives. One must look closely at the path that truth takes through human evolution if one wishes to find the strength to uphold what contradicts habitual ways of thinking. But anyone familiar with the course of recent developments in the natural sciences will be able to find such strength and will be convinced that it is, of course, foolishness, daydreaming, and wild fantasy when such claims are made, as they are here today. But this was also the fate of the findings of the natural sciences, and it will be the fate of the findings of the spiritual sciences as well. They, too, will become a matter of course. Just as people speak of many worlds today, they will speak of the human being’s repeated lives as a truth founded on spiritual observation, which can be attained in the manner described.
[ 34 ] Nun, die Tatsache, die uns heute besonders tief berührt und auf die ich einen Blick werfen möchte, das ist das, dass so unzählige Tode in einer abnormen Weise in der unmittelbaren Gegenwart an uns herantreten. Man spricht von einem naturgemäß eintretenden Tod, den der Mensch durchmacht. Man spricht von einem Tod, der durch innere Krankheiten bewirkt wird. Nahe liegt uns aber heute, hinzublicken auf den Tod, der gewaltsam von außen — sagen wir — durch eine [Gewehr-]Kugel und dergleichen in der Blüte des Menschlebens über den Menschen verhängt wird. Und nicht zurückschrecken möchte ich davor — wenn es auch nicht rätlich ist, sich so weit vorzuwagen —, dasjenige mitzuteilen, was Geisteswissenschaft erkunden kann über die Eigentümlichkeit gerade solcher Tode, die gewaltsam so tausendfältig in der Gegenwart an uns herantreten, was Geisteswissenschaft über diese Tode, die auf dem Schlachtfeld erlebt werden, zu sagen hat. Da sehen wir, wie nicht gefordert durch die innere menschliche Organisation der zweite der geschilderten Menschen, der Bewusstseinsmensch, wie der sich verbindet dadurch, dass der physische Organismus gewaltsam weggenommen wird vom geistigen Menschen, wie der sich verbindet mit demjenigen, was als Todeskräfte im Menschen lebt. Es ergreift bei diesem Tode der Willenskeim den denkerischen Menschenorganismus, diesen geistigen Organismus, der sich herausstellt als der zweite Mensch. Eben, wenn durch gewaltsamen Stoß von außen der physische Organismus vom seelisch-geistigen genommen wird, da hätte noch lange nebeneinander wirken können der Willenssame und der abbauende Teil des Denkerleibes, des Vorstellungsleibes im Menschen. Gewaltsam sind sie zusammengeführt worden. Es ergreift vor der Zeit der Willenssame den Denkermenschen, führt ihn durch die Pforte des Todes.
[ 34 ] Well, the fact that touches us particularly deeply today—and which I would like to examine—is that so many deaths are coming to us in an abnormal way right now. We speak of a natural death that a person undergoes. We speak of a death caused by internal illnesses. But what is close to us today is to look upon the death that is violently imposed from the outside—let us say—by a [gun] bullet or the like, in the prime of a person’s life. And I do not wish to shy away from—even if it is not advisable to venture so far—sharing what spiritual science can reveal about the peculiar nature of precisely such deaths, which confront us so frequently and violently in the present, and what spiritual science has to say about these deaths experienced on the battlefield. There we see how, without being compelled by the inner human organization, the second of the people described—the conscious human being—becomes connected through the violent removal of the physical organism from the spiritual human being; how he becomes connected with that which lives within the human being as the forces of death. In this death, the seed of the will seizes the thinking human organism—this spiritual organism that emerges as the second human being. Precisely when, through a violent external shock, the physical organism is torn away from the soul-spiritual, the seed of the will and the decaying part of the body of thought, the body of imagination within the human being, could have continued to act side by side for a long time. They have been forcibly brought together. The seed of the will seizes the thinking human being before its time and leads him through the gate of death.
[ 35 ] Das, was noch eine lange Entwicklung seiner Kräfte auf dem Erdenrund hätte offenbaren können, wird abgeschnitten. Wohin kommt dieses? Da darf hingewiesen werden darauf, dass Verwandlung der Kräfte stattfindet. Das, was der Mensch noch lange hätte besitzen können, das muss sich verwandelt haben. Geradeso, wie die Druckkraft, die ich ausübe, wenn ich mit dem Finger über etwas streife, sich in Wärme verwandelt, so verwandelt sich eine Kraft, die also scheinbar verschwindet, in eine andere. Und hier ist es, wo der Geistesforscher aufsuchen muss: Wo in der Welt ist das, was — in dieser Weise unverbraucht für die einzelnen Menschen — der Welt mitgeteilt wird, wo ist das in der Welt vorhanden? Der Geistesforscher blickt in die Weltvorgänge, wenn er seine Seele so geschult hat, wie auseinandergesetzt worden ist, und er forscht nach demjenigen, in das sich verwandeln könnte dasjenige, was auf solche Weise der Welt mitgeteilt wird und dem einzelnen Menschen — der Ausdruck ist nicht übel gemeint — genommen wird. Und nun findet der Geistesforscher — das ist ein [so] sicheres Ergebnis der Geistesforschung wie in der Naturwissenschaft es sich darstellt, dass das, was sich enthüllt, durchaus nicht erwartet werden kann, aber sich doch als Gewissheit ergibt, wenn es sich vor das Auge stellt, so auch hier mit der geistigen Beobachtung, die in entsprechender Weise ausgeführt wird —, der Geistesforscher findet, dass in die Welt hereintreten innerhalb der Menschheitsentwicklung Kräfte, hervorsprudelnd aus der menschlichen Seele, sodass man weiß: Die hat der Mensch sich [nicht] erworben.
[ 35 ] That which could have revealed a long-term development of its forces on Earth is cut short. Where does this lead? It should be noted here that a transformation of forces is taking place. What human beings could have possessed for a long time must have been transformed. Just as the pressure I exert when I run my finger over something is transformed into heat, so a force that thus appears to disappear is transformed into another. And this is where the spiritual researcher must seek: Where in the world is that which—in this way, unspent for individual human beings—is communicated to the world; where in the world does it exist? The spiritual researcher observes the processes of the world, once he has trained his soul as has been explained, and he searches for that into which might be transformed what is communicated to the world in this way and is—to use an expression without any negative connotation—taken from the individual human being. And now the spiritual researcher finds—this is a finding of spiritual research just as certain as it is in the natural sciences, where what is revealed cannot be anticipated at all, yet emerges as a certainty when it presents itself to the eye, and so it is here with spiritual observation carried out in the appropriate manner— the spiritual researcher finds that forces are entering the world within the course of human development, gushing forth from the human soul, so that one knows: Human beings have [not] acquired these themselves.
[ 36 ] Wir erziehen die Menschen, wir legen unsere Erziehung so an, dass das, was in der Seele steckt, durch die Anstrengung zu Fähigkeiten sich gestaltet; aber wir finden noch andere Kräfte in der menschlichen Natur, die hervortreten so, dass wir in dem Sinne, wie geschildert worden ist, nicht dazu tun können die Kräfte, die wir die genialischen Kräfte der Menschennatur nennen, durch die große Errungenschaften erzielt werden auf dem Gebiet der Kunst, Wissenschaft und so weiter. Aber nicht bloß die großen Leistungen werden durch diese genialen Kräfte hervorgerufen, sondern der einfachste Mensch braucht ja Erfinderkraft; die genialischen Kräfte sind nur dem Grade nach verschieden von dem, was in dem einfachsten Menschen auftritt, was jeder hat, im geringeren Grad vielleicht, die Erfinderkraft, die hervortritt, wie auf zauberhafte Weise aus den Tiefen der Seele, die dem Menschen, wie man sagt, durch göttliche Gnade eingegeben ist und aus ihm heraustritt, die man nicht programmmäßig durch Erziehung selbstverständlicher Kräfte herausbringen kann. Aber im Verlauf der Menschheitsgeschichte, wie sie sich entwickelt, so, dass alle menschlichen Seelen in ihr enthalten sind, treten die einen und anderen dieser Kräfte hervor. Die genialischen Kräfte treten auf — man möchte sagen —, treten auf wie Boten aus der geistigen Welt in der menschlichen Seele, wie etwas, was nicht mit der normalen Menschennatur unmittelbar verbunden erscheint, sondern was hinzukommt. Dem Geistesforscher erklärt sich — indem er viele, viele Umwege macht, wie man auch im naturwissenschaftlichen Experiment es machen muss —, wie das, was da hervortritt, die Umwandlungsform desjenigen ist, was dadurch entsteht, dass in früherer Zeit als der normalen die Willenssamenkräfte sich vereinigen mit den abbauenden Kräften. Denn, wenn der physische Leib so, wie wir es jetzt tausendfältig erfahren, auf gewaltsame Weise von dem Seelischen weggenommen wird, was da unausgelebt bleibt, das wird mitgeteilt den späteren Generationen, das tritt in den genialischen Menschenkräften wieder auf. Ein geheimnisvoller, ein die Menschenseele erschütternder Zusammenhang innerhalb des Fortganges der menschlichen Entwicklung enthüllt sich da.
[ 36 ] We educate people; we structure our education in such a way that what lies within the soul is shaped into abilities through effort; but we find other powers in human nature that emerge in such a way that, in the sense described above, we cannot help but acknowledge the powers we call the genius-like powers of human nature—powers through which great achievements are attained in the fields of art, science, and so on. Yet it is not merely great achievements that are brought about by these genius-like powers; even the simplest person needs inventive power; the genius-like powers differ only in degree from what is present in the simplest person—what everyone possesses, perhaps to a lesser degree—that inventive power which emerges, as if by magic, from the depths of the soul, which is, as they say, instilled in the person by divine grace and flows forth from within, and which cannot be systematically brought forth through education as a matter of course. But in the course of human history, as it unfolds in such a way that all human souls are encompassed within it, these various powers emerge. The powers of genius appear—one might say—as messengers from the spiritual world within the human soul, as something that does not seem directly connected to normal human nature, but rather as something that is added to it. To the researcher of the spiritual world—by taking many, many detours, just as one must do in scientific experimentation—it becomes clear how what emerges here is the transformed form of that which arises when, in a time earlier than the normal one, the seed forces of the will unite with the destructive forces. For when the physical body is violently torn away from the soul—as we now experience a thousandfold—what remains unlived is passed on to later generations and reappears in the creative powers of the human being. A mysterious connection within the course of human development, one that shakes the human soul to its core, is revealed here.
[ 37 ] Und so wie die Natur — man möchte sagen — wunderbar sich enthüllt, Unbekanntes an die Oberfläche der Erscheinungen tritt, dessen Zusammenhang man vorher nicht geahnt hat, so treten durch Geistesforschung die Zusammenhänge in dem gesamten Leben des Menschen auf. Allmählich enthüllt sich der Zusammenhang des Lebens. Wenn man auf die ewigen Kräfte der Menschenseele und ihre Umwandlungsformen im Leben den geistigen Blick gerichtet hält, so kann man sagen: Nicht das gewöhnliche Seelenleben, das eben sich erschöpft zwischen Geburt und Tod und das nicht durch die Pforte des Todes gehen kann, sondern ein höheres Bewusstsein, das Zuschauer in uns ist, das nur erforscht werden kann durch andere Kräfte, das geht durch die Pforte des Todes; das Bewusstsein ist es gerade, nicht ein unbestimmtes Seelenleben, sondern das Bewusstsein ist es, das durch die Pforte des Todes geht, und indem wir in die geistige Welt eintreten, treten wir mit unserem Bewusstseinsmenschen ein. Wie wir hier im physischen Leben von der unvollkommenen Ausgestaltung des Physischen zur immer vollkommeneren kommen und dann wieder zu seinem Abbau, so gehen wir in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt von dem Bewusstsein aus, das sich die Kräfte einverleibt, durch die es wiederum imstande ist wiederum herunterzukommen und in einem neuen Erdenleben sich auszuleben. Also nicht durch die gewöhnlichen Kräfte des Seelenlebens, sondern durch gewissermaßen hellsichtige Kräfte, durch Kräfte der Geistesaugen und Geistesohren gelangt man zu den ewigen Kräften der menschlichen Seele.
[ 37 ] And just as nature—one might say—reveals itself in a wondrous way, with unknown aspects coming to the surface of phenomena whose connections one had not previously suspected, so too do the connections within the entirety of human life emerge through spiritual research. Gradually, the interconnectedness of life is revealed. If one keeps one’s spiritual gaze fixed on the eternal forces of the human soul and their forms of transformation in life, one can say: It is not the ordinary life of the soul—which is confined to the period between birth and death and cannot pass through the gate of death—but a higher consciousness, which is the observer within us and can only be explored through other forces; it is this that passes through the gate of death; it is precisely this consciousness—not an indefinite soul life, but consciousness itself—that passes through the gate of death, and as we enter the spiritual world, we enter with our conscious self. Just as here in physical life we progress from the imperfect form of the physical to an ever more perfect one, and then back to its decay, so in the spiritual world, between death and a new birth, we proceed from the consciousness that incorporates the forces through which it is once again able to descend and live out its life in a new earthly existence. Thus, it is not through the ordinary powers of soul life, but rather through clairvoyant powers, so to speak—through the powers of the spiritual eyes and spiritual ears—that one attains the eternal powers of the human soul.
[ 38 ] Aber wer tiefer in das Wesen der Geisteswissenschaft eindringt, wird sehen, dass das, was man gewöhnlich Hellsehen nennt, und mit dem der Mensch so gerne zufrieden sein mag, dass das mit Recht wiederum bedenklich angeschaut wird von der gewöhnlichen Wissenschaft, Derjenige, der nicht eindringen will in wahrhaft geisteswissenschaftliche Methoden, wird natürlich leicht sagen können: Nun ja, man ist nicht zufrieden mit dem, was die gewöhnliche Wissenschaft erkunden kann, sondern es sollen besondere Fähigkeiten erworben werden. Man sieht ja diese an abnormen menschlichen Seelen; und warum sollte das, was da auf künstliche Weise erworben wird, etwas Höheres sein als das, was man an den abnormen Menschenseelen sieht! — Derjenige, der sich tiefer einlässt, wird finden, dass Geisteswissenschaft gerade mit Bezug auf das, was man oftmals Hellsehen nennt, wiederum ganz auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Anschauung steht und in vollem Einklang mit ihr; denn das, was Naturforschung nur ahnen kann, das zeigt gerade die wirkliche Beobachtung, die also errungen wird, wie es beschrieben worden ist, [nämlich] dass das, was man als Halluzinationen und so weiter bezeichnet, was oftmals Hellsehen genannt wird, dass das das finstere Schattenbild des wahren Hellsehens ist, und dass man auf die Weise, dass solch krankhaftes Seelenleben auftritt, nicht zu ewigen Menschenkräften, nicht zu übersinnlichen, sondern zu untersinnlichen Kräften kommt, zu dem, was Karikatur des Hellsehens ist. Das, was oftmals als ein Schauen bezeichnet wird, wo man traumhaft halluziniert oder Illusionen sich vormacht, das zeigt nicht die ewigen Kräfte der menschlichen Seele, sondern Kräfte, die viel zeitlicher sind als das, was das gewöhnliche Denken und Wollen hervorbringen.
[ 38 ] But anyone who delves deeper into the nature of spiritual science will see that what is commonly called clairvoyance—and with which people are so content—is, in turn, rightly viewed with suspicion by conventional science. Those who do not wish to delve into truly spiritual scientific methods will, of course, easily say: Well, one is not satisfied with what conventional science can discover, but rather special abilities must be acquired. After all, one sees these in abnormal human souls; and why should what is acquired artificially be anything higher than what one sees in abnormal human souls! — Anyone who delves deeper will find that spiritual science, particularly with regard to what is often called clairvoyance, is in fact firmly grounded in the scientific worldview and in full harmony with it; for what natural science can only intuit is precisely what true observation reveals—an observation attained, as has been described, [namely] that what is termed hallucinations and the like—what is often called clairvoyance—is the dark shadow of true clairvoyance, and that through the manifestation of such a pathological soul life, one does not arrive at eternal human powers, nor at supersensible powers, but rather at subsensible powers—at what is a caricature of clairvoyance. What is often described as a “vision”—where one experiences dreamlike hallucinations or deludes oneself with illusions—does not reveal the eternal powers of the human soul, but rather powers that are far more temporal than those produced by ordinary thinking and willing.
[ 39 ] Dieses gewöhnliche Denken beherrscht uns, das lebt in uns aufbauend, abbauend; das aber, was in Halluzinationen lebt, in demjenigen, was man im trivialen Sinn Hellsehen nennt, ist ein Untersinnliches; [es] presst den Menschen tiefer in die Leiblichkeit hinein. Während das wahre Hellschen zum übersinnlichen Schauen erhebt, presst tiefer in die Leiblichkeit hinein das, was das halluzinatorische Hellsehen ist, und zeigt das, was viel zeitlicher ist als das gewöhnliche Zeitliche, was viel Vergänglicher ist als das, was durch das gewöhnliche Denken erworben werden kann. Wird man einmal einsehen, dass gerade mit Bezug auf die krankhaften Seelenerscheinungen Geisteswissenschaft nicht etwa gegen die naturwissenschaftliche Gesinnung sich richtet, sondern sie sogar bekräftigt, sogar herunterführt in eine tiefere Region, in dem, was gewöhnlich Hellsehen genannt wird —, um gerade zu zeigen, dass das wahre Hellsehen erlangt wird durch Kräfte, die in der geschilderten Weise erworben werden, dann wird man Geisteswissenschaft nicht zusammenbringen mit jedem beliebigen Aberglauben, sondern wird sie ansehen als etwas, was nicht nur gesund ist, wie gewöhnliche Gesundheit, sondern eine höhere Gesundheit darstellt — eben das Zusammenleben mit den geistigen Kräften.
[ 39 ] This ordinary thinking dominates us; it lives within us, both building us up and breaking us down; but that which lives in hallucinations—in what is trivially called “clairvoyance”—is a sub-sensory force; [it] presses the human being deeper into physicality. While true clairvoyance elevates one to supersensible perception, what is hallucinatory clairvoyance presses one deeper into physicality and reveals what is far more temporal than ordinary temporality, what is far more transitory than what can be attained through ordinary thinking. Once one realizes that, particularly with regard to pathological psychological phenomena, spiritual science is not directed against the scientific mindset, but rather reinforces it—even leading it down into a deeper region of what is commonly called clairvoyance— precisely to show that true clairvoyance is attained through powers acquired in the manner described—then one will not equate spiritual science with just any form of superstition, but will regard it as something that is not only healthy, like ordinary health, but represents a higher form of health—namely, living in harmony with the spiritual forces.
[ 40 ] Die Menschheit wird sich allerdings aus ihren gewöhnlichen Denkgewohnheiten heraus erst bekannt machen müssen mit dem inneren Sinn des Weges in die geistigen Welten hinein. Und vieles, was an Verkennung besteht, rührt einzig und allein davon her, dass krankhafte Verirrungen des Seelenlebens eben als Hellsehen bezeichnet werden, und man gar keine Ahnung hat, wie über diese krankhaften Verirrungen des Seelenlebens ebenso wie über den Mystizismus hinausgeht das, was die Geistesforschung als den wahren Weg in die geistige Welt hinein enthüllt, wodurch sich bekundet, dass im menschlichen Inneren ein ewiger Wesenskern ist, der so der geistigen Welt angehört wie der physische Leib der physischen Welt.
[ 40 ] Humanity, however, will first have to break free from its habitual ways of thinking in order to become acquainted with the inner meaning of the path into the spiritual worlds. And much of the misunderstanding that exists stems solely from the fact that pathological aberrations of the soul’s life are simply labeled as clairvoyance, and people have no idea how what spiritual science reveals as the true path into the spiritual world transcends both these pathological aberrations of the soul’s life and mysticism—thereby demonstrating that within the human being there is an eternal core of being that belongs to the spiritual world just as the physical body belongs to the physical world.
[ 41 ] Das Wahre ist, was die großen Geister erahnend gedacht haben, dass der Mensch selber es ist, der von Epoche zu Epoche hinüberträgt das, was in der einen Epoche lebt, indem die Seele von Geburt zu Geburt geht, dass der Mensch hinüberträgt das, was sich in der Entwicklung der Menschheit auslebt. So habe ich versucht, in der heutigen Betrachtung von einem gewissen Gesichtspunkt aus die Möglichkeit des Sich-Verbindens — wissenschaftlich exakt Sich-Verbindens — des Menschen mit den ewigen Kräften seiner Seele aufzuzeigen. Den Schluss möchte ich Sie bitten, mir zu erlauben, so zu machen, dass er sozusagen sich nicht in einer verstandesmäßigen Logik anknüpft an das, was ich versuchte vor Ihre Seelen hinzustellen, sondern weil in unserer heutigen Zeit mit dem, was draußen in der Welt geschieht, was sich aus unzähligen Blutopfern heraus entwickelt, was wiederum als so beseligende Atmosphäre sich verbreitet in Zukunftshoffnungen, weil das unserer Seele so nahe steht — gestatten Sie mir gleichsam mit einer Empfindungslogik den Schluss zu bilden.
[ 41 ] The truth is what the great minds have intuitively conceived: that it is humanity itself that carries forward, from one epoch to the next, what is alive in a given epoch as the soul passes from birth to birth; that humanity carries forward what is expressed in the development of humankind. Thus, in today’s reflection, I have attempted—from a certain perspective—to demonstrate the possibility of humanity’s connection—a scientifically precise connection—with the eternal forces of its soul. I would ask you to allow me to draw a conclusion that does not, so to speak, follow an intellectual logic in connection with what I have attempted to present before your souls, but rather because in our present time—with what is happening out there in the world, what is developing out of countless blood sacrifices, what in turn spreads as such a blissful atmosphere in hopes for the future—because this is so close to our souls — allow me, as it were, to draw the conclusion with a logic of feeling.
[ 42 ] Ich versuchte gestern auseinanderzusetzen, wie innerhalb des deutschen Volkes in seiner großen idealistischen Zeit, wo der Schauplatz der Gedanken hervorgeholt worden ist aus den tiefsten Anlagen der menschlichen Natur, wie in dieser Zeit die größten Persönlichkeiten der Deutschen, die hervorgetreten sind — nicht nur indem sie ihr Individuelles zur Entfaltung gebracht haben, sondern so recht aus der Volkssubstanzialität geschaffen haben —, einen Weg gewiesen haben dem Volke in die geistigen Welten hinein. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht darauf ankommt, das Ergebnis, zu dem diese idealistischen Denker und Dichter gekommen sind, dogmatisch zu nehmen, sondern darauf zu schauen, wie sie die Kräfte, die im Volke liegen, heraufzubringen suchten. Da erscheint uns dann der Weg, den wir gestern charakterisieren konnten, der sich uns dargestellt hat, wie der Weg, den das deutsche Volk selber genommen hat zum Schauplatz der Gedanken hin, er erscheint uns selber wie ein innerer Geistesweg, auf dem das Volk hinauszukommen versucht aus dem, was in der Alltäglichkeit erlebt werden kann, um über sich hinaus zu Kräften zu kommen, die mit dem Ewigen zusammenhängen! Meditation nennt die Geisteswissenschaft diesen intimen inneren Seelenweg, der in der Konzentration auf das Innere in zweifacher Weise durchgemacht wird. Schen wir nicht fast, wenn wir Fichte so auffassen wie gestern, in Fichte alle Aufmerksamkeit auf die Willensentfaltung so hinlenken, wie wir heute davon gesprochen haben? Und wenn man Fichtes späte Vorlesungen, die er vor seinem Tode gehalten hat, liest, dann findet man, wie er wirklich spricht von einem solchen höheren Bewusstsein, wie er spricht von einem höheren Sinn, der sich eröffnet, von einem Bewusstsein, das den gewöhnlichen Menschen begleitet. Da haben wir die eine Seite der Meditation. Die andere Seite der Meditation haben wir zum Beispiel in Hegel. Wir haben da die Anstrengung, im Denken die Welt zu ergreifen. Hegel hat die Anstrengung gemacht, das Denken dahin zu führen, wo es, sich selber überwindend, dem Menschen die abbauenden Kräfte zeigt. Daher erscheint bei Hegel auch das äußere Leben in seinem Verlauf Gedankenbild an Gedankenbild sich gliedernd. Sodass die eigentlichen ewigen Kräfte der Menschennatur nicht innerhalb dieser deutschen Philosophen hervortreten; aber wir sehen den Weg dahin. So sehen wir, wie das deutsche Volk in dieser Zeit, im achtzehnten, im neunzehnten Jahrhundert, selber meditiert. Das deutsche Volk vor dem Forum der Weltgeschichte meditierend, so steht es vor uns.
[ 42 ] Yesterday I attempted to explain how, within the German people during their great idealistic era—when the realm of thought was drawn forth from the deepest strata of human nature—the greatest German figures of that time emerged—not merely by bringing their individuality to full expression, but by truly creating themselves out of the very substance of the people— pointed the way for the people into the spiritual realms. I pointed out that what matters is not to take the conclusions reached by these idealistic thinkers and poets dogmatically, but to look at how they sought to bring forth the forces lying within the people. Then the path that we were able to characterize yesterday—the one that presented itself to us as the path the German people themselves have taken toward the realm of thought—appears to us as an inner spiritual path, along which the people strive to emerge from what can be experienced in everyday life in order to rise above themselves to forces connected with the eternal! Spiritual science calls this intimate inner path of the soul “meditation,” which is traversed in two ways through concentration on the inner self. Do we not, when we understand Fichte as we did yesterday, direct all our attention in Fichte toward the unfolding of the will, just as we spoke of it today? And when one reads Fichte’s late lectures, which he gave before his death, one finds that he truly speaks of such a higher consciousness, of a higher meaning that opens up, of a consciousness that accompanies the ordinary person. There we have one aspect of meditation. We find the other aspect of meditation, for example, in Hegel. There we have the effort to grasp the world through thought. Hegel made the effort to guide thought to the point where, by overcoming itself, it reveals to human beings the forces that break them down. Thus, in Hegel, external life also appears in its unfolding as a series of thought-images linked one to another. Thus, the true eternal forces of human nature do not emerge within these German philosophers; but we see the path toward them. Thus we see how the German people themselves meditated during this period—in the eighteenth and nineteenth centuries. The German people, meditating before the forum of world history—this is how they stand before us.
[ 43 ] Und gestehen darf ich vielleicht, dass man haben kann echte, wahre Hoffnung für die Zukunft der Geisteswissenschaft innerhalb der Menschheitsentwicklung, wenn man hinblickt auf den Zusammenhang desjenigen, was diese Geisteswissenschaft sein will mit dem Besten, was gerade innerhalb des Deutschen Idealismus erstrebt worden ist da, wo das ganze Volk seine Meditation durchgemacht hat, sich [gerade] auf den Weg gemacht hat, der führen soll in das Ewige hinaus. So angesehen, kann einem die Geisteswissenschaft erscheinen als das, wofür ein Keim, aber ein aus dem Volkstum selber entspringender Keim, in dem Deutschen Idealismus auf dem Schauplatz der Gedanken liegt. Und da kann man aus dieser inneren Notwendigkeit heraus — dass im deutschen Volk durch seine weltgeschichtliche Meditation ein Keim gelegt worden ist, der sich entwickeln muss —, da kann man den festen Glauben, die feste Zuversicht an die innere Wachstumskraft dieses deutschen Volkes gewinnen. Und man kann stehen innerhalb dieses Volkes gerade in der Zeit, wo es so von Feinden umringt wird, mit diesem Glauben, der einem sagt: Was in solcher Weise Keime geschossen hat, das wird in den fernsten Zeiten Früchte tragen — ungehindert aller feindlichen Vorurteile und aller feindlichen Kräfte, die sich wider solche Volksentwicklung erheben.
[ 43 ] And perhaps I may confess that one can have genuine, true hope for the future of spiritual science within the development of humanity when one considers the connection between what this spiritual science aspires to be and the best of what has been sought within German Idealism—there where the entire people has undergone its meditation and has [just] set out on the path that is to lead into the eternal. Viewed in this light, the science of the spirit can appear as that for which a seed—but a seed springing from the national character itself—lies in German Idealism on the stage of thought. And from this inner necessity—that a seed has been planted in the German people through their meditation on world history, a seed that must develop—one can gain a firm belief, a firm confidence in the inner power of growth of this German people. And one can stand within this people, precisely at a time when it is so surrounded by enemies, with this faith that tells one: What has sprouted in this way will bear fruit in the most distant times—unhindered by all hostile prejudices and all hostile forces that rise up against such national development.
[ 44 ] Auch aus dem Geistigen heraus ergibt sich ein solch unerschütterlicher Glaube an das Sieghafte der deutschen Volkskraft und gerade die wirkliche Selbsterkenntnis des Wesens des deutschen Volkes im Zusammenhang mit der geistigen Entwicklung der Menschheit gibt diese Zuversicht, diese unerschütterliche Zuversicht, mit der der Deutsche stehen darf, wie sich auch seine Feinde ringsum erheben und wie sie auch dieser seiner Natur — die er also begreift, wie es gestern geschildert worden ist —, wie sie auch diese seine Natur verleumden, verketzern, in jeder Weise mit Ergebnissen ihres Hasses belegen wollen. Er braucht dieses nicht zurückzugeben, er kann anders stehen und anders hinblicken auf das, was werden soll aus den großen geschichtlichen Ereignissen der Gegenwart, wenn er so große Opfer zu bringen hat. Indem der Deutsche gerade auf die Zeit hinblickt, wo das ganze deutsche Volk so meditierte, als es unter der Fremdherrschaft geradezu als äußere Gestaltung des Reichs verschwunden war, indem er hinblickt auf das Lebendigsein des geistigen Weges in seinem Volk, da darf er ganz unähnlich den Schmähmethoden, den sophistischen Methoden seiner Gegner auf das eine hinweisen, das sich ergibt aus solcher Betrachtung dahingehend: Alles, was wider deutsches Wesen vorgebracht, gesprochen wird, darf der Deutsche, indem er auf den Zusammenhang seines Wesens mit der geistigen Welt gerade hinblickt, sagen: Versucht man — im Geiste ahnend, aber in einer berechtigten Ahnung —, die aus einer Beobachtung des Entwicklungsganges des deutschen Volkes folgt, das Schicksalsbuch der Weltgeschichte aufzuschlagen, versucht man ahnend diejenigen Blätter zu erforschen im Geiste, die auf das gegenwärtig geöffnete folgen, dann kann der Deutsche allen seinen Gegnern, allen seinen Feinden ein einziges Wort entgegenhalten, das ihn, unähnlich ihrem so oft vorgebrachten Hasse, beseelt, das Wort, welches das Kapitel beginnt, das zu der deutschen Seele spricht aus der Erkenntnis heraus, das Kapitel, an das der Deutsche glaubt und von dessen fruchtbarem Inhalt der Deutsche begründet überzeugt ist, und das da heißt: Die deutsche Zukunft.
[ 44 ] Such an unshakable faith in the triumph of the German people’s strength also arises from the spiritual realm, and it is precisely the true self-knowledge of the essence of the German people in connection with the spiritual development of humanity that gives rise to this confidence, this unshakable confidence with which the German may stand firm, no matter how his enemies rise up all around him, and no matter how they seek to slander, denounce, and in every way impose the consequences of their hatred upon this very nature of his—which he thus understands, as was described yesterday. He need not renounce this; he can stand differently and look differently upon what is to come from the great historical events of the present, even if he must make such great sacrifices. By looking back precisely to the time when the entire German people meditated in this way—when, under foreign rule, it had virtually disappeared as the outward form of the Reich—and by looking at the vitality of the spiritual path within his people, the German may, in a manner entirely unlike the slanderous and sophistical methods of his opponents, point to the one thing that emerges from such contemplation, namely: Regarding everything that is advanced or spoken against the German essence, the German, by looking directly at the connection between his essence and the spiritual world, may say: If one attempts—with a spiritual intuition, yet a well-founded one, arising from an observation of the German people’s course of development—to open the book of world history’s destiny; if one attempts, with such intuition, to explore in spirit those pages that follow the one currently open, then the German can hold up to all his opponents, to all his enemies, a single word that inspires him—unlike the hatred they so often express—the word that begins the chapter which speaks to the German soul from a place of insight, the chapter in which the German believes and of whose fruitful content the German is firmly convinced, and which is called: The German Future.
