Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele
GA 70b
29 November 1915, München
4. Die ewigen Kräfte der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
Sehr verehrte Anwesende!
[ 1 ] Wenn auch zu jeder Zeit der denkenden, der fühlenden Menschenseele das Rätsel, das sich einschließt in die Frage nach den ewigen Kräften dieser Menschenseele, naheliegen muss als eine der wichtigsten Lebensfragen, so muss doch in unserer Zeit, in unserer unmittelbaren Gegenwart — in welcher sich das Rätsel des Todes und damit das der Vergänglichkeit —, aus der sich aber allerdings in unserer Zeit aus geschichtlicher Notwendigkeit ein Bedeutungsvolles herausentwickeln soll, in einer solchen Zeit, in welcher das Rätsel des Todes so tausendfältig an den Menschen herantritt, muss diese Frage nach den ewigen Kräften der Menschenseele dieser auch ganz besonders naheliegen. Nun durfte ich im Laufe der Jahre, in denen ich zu sprechen hatte, hier von diesem Orte aus über Fragen der Geisteswissenschaft von manchem Gesichtspunkte aus gerade über diese ewigen Kräfte der Menschenseele sprechen, und so wird nach der einen oder anderen Richtung den verehrten Zuhörern, die schon öfter hier anwesend waren, vom dem heute Gesagten manches an früher Ausgesprochenes verwandt anklingen. Dennoch möchte ich von einem besonderen Gesichtspunkte aus heute — aus den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen — über dasjenige sprechen, was auf dem Grunde der Seele als hinausgehend über Geburt — oder sagen wir Empfängnis — des Menschen und Tod sich als sein Ewiges einer wirklichen Geistesforschung kundgibt.
[ 2 ] Wenn über diese ewigen Kräfte der Menschenseele gesprochen wird, so erheben sich ja heute — das muss immer wieder und immer wieder betont werden — gegen die Geltendmachung von Gründen, die der eine oder andere über die ewigen Kräfte der Menschenseele aus dieser oder jener Seelenkunde heraus vorzubringen hat, gegen diese Gründe erheben sich Bedenken, berechtigte Bedenken von Seite derjenigen Weltanschauung, die da glaubt, auf dem festen Boden naturwissenschaftlicher Forschung zu stehen. Und ein großer Teil der Missverständnisse, welche der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, entgegengebracht werden, beruht wohl darauf, dass gerade das Verhältnis der Geisteswissenschaft zu der naturwissenschaftlichen Weltanschauung der Gegenwart nicht in der rechten Weise gesehen wird. Auch das durfte ich ja öfter hier betonen, dass Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, in keiner Beziehung mit den berechtigten Forschungen der Naturwissenschaft irgendwie nicht im Einklang stehen wolle, dass Geisteswissenschaft im Gegenteil für die Erforschung des Geisteslebens des Menschen gerade dasjenige der Geisteskultur einverleiben möchte, was der äußeren materiellen Kultur und der Anschauung der äußeren Sinnenwelt und der äußeren Natur die naturwissenschaftliche Denkungsweise der neuen Zeit gegeben hat. Nicht im Missklang, sondern im vollen Einklang gerade mit dem, was berechtigt aus der Naturwissenschaft uns anblickt, möchte die Geisteswissenschaft stehen. [Daher blickt sie hin zu dem, was diese oder jene Seelenkunde über die ewigen Kräfte der Menschenseele der Geisteswissenschaft gegenüber zu sagen hat].
[ 3 ] Auf mancherlei, was dagegen Naturwissenschaft zu sagen hat, blickt Geisteswissenschaft nicht gegnerisch, sondern im Gegenteil ganz verständnisvoll hin. Es wird ja aus Urteilen, aus Erwägungen heraus, aus diesen oder jenen Begriffen, aus Beobachtungen des seelischen Lebens, wie es sich darbietet in der Alltäglichkeit oder auch in der Wissenschaft, dieser oder jener Schluss gemacht innerhalb der gebräuchlichen Psychologie dahingehend, dass dem, was sich in der Zeit zwischen Geburt und Tod in der Menschenseele äußert, ein Geistiges zugrunde liegt, das durch die Pforte des Todes hinausgeht und in eine geistige Welt eintritt; es werden Gründe geltend gemacht aus dieser gebräuchlichen Seelenkunde heraus dahin, dass das Seelenleben des Menschen etwas gegenüber dem äußeren physischen Leben Selbstständiges sei, das in seinem Entstehen und Vergehen nicht abhängig sein könne von den Gesetzen des physischen Lebens.
[ 4 ] Demgegenüber werden immer berechtigte Einwände diejenigen sein, die die naturwissenschaftliche Anschauung der Gegenwart macht. Ich habe schon öfter hingedeutet auf den Sinn dieser Einwände und kann deshalb heute in Kürze darauf hindeuten. Da kann mit Recht gesagt werden: Man sehe sich nur an den Verlauf dieses Seelenlebens, sehe an, wie sich dieses Seelenleben entwickelt von seinem dämmerhaften Auftreten in der ersten Kindheit bis herauf zur Reife, sehe, wie es seinen Weg von der Reife gegen die Alterszustände des Menschen hindurch sich entwickelt, man wird sehen, wie diese geistig genannte Entwicklung ganz und gar parallel geht mit der leiblich-physischen Entwicklung, wie mit der Ausbildung des Nervensystems und des anderen Organismus des Menschen von der Kindheit an auch die geistigen Fähigkeiten sich allmählich entwickeln, wie sie wieder verfallen mit dem physischen Verfall. Man kann wirklich darauf hinweisen, dass, wer dieses mit rechter naturwissenschaftlicher Gesinnung heute ansieht, dass dem dieses geistige Leben, wie es sich nun einmal äußert in der Alltäglichkeit und auch in der Wissenschaft, erscheint wirklich wie die Flamme, die nicht da sein kann, ohne dass die Kerze da ist, die abhängig ist von der Kerze und mit der Kerze selber verschwinden muss. Man kann einen solchen Parallelismus zwischen dem geistigen Leben, das wie hervorzuflammen scheint aus den Verrichtungen des physischen Leibes, und dem physischen Leib durchaus behaupten. Und insbesondere, wenn man hinsieht auf jene klinischen Untersuchungen, die zeigen, wie mit der Erkrankung des menschlichen Nervensystems sich geistige Fähigkeiten ausschalten, wie gewisse geistige Äußerungen nicht mehr da sind, wenn dieses oder jenes Organ erkrankt ist, wenn man darauf hinblickt, so kann man nicht anders als sagen: Gewiss, wenn man auch noch so gern Glauben schenken möchte den Schlussfolgerungen mancher Seelenkundiger, die naturwissenschaftliche Anschauung spricht so stark, dass man kaum umhin kann, dem, was von der genannten Seite vorgebracht wird, volle Zustimmung zu verleihen.
[ 5 ] Und so muss betont werden, dass viele Gegnerschaft vonseiten naturwissenschaftlicher Gesinnung in unserer Gegenwart keineswegs aus Abneigung, aus Antipathie, gegen irgendwelche Annahmen des Geistigen hervorgeht, sondern im Gegenteil hervorgeht aus innerlicher gewissenhafter Verfolgung dessen, was die neue Forschung dem Menschen über den Menschen zu sagen hat. Und sogar in gewisser Weise ist es berichtigt zu sagen: Gewiss, heute können noch nicht alle physischen Leibesvorgänge überschaut werden, aber die Naturwissenschaft ist auf dem Wege, diese Überschau immer vollkommener zu machen, und man kann es als ideale naturwissenschaftliche Anschauung hinstellen, dass die Zeit kommen werde, in der man einen vollständigen Parallelismus zwischen den leiblich-physischen Vorgängen und dem, was geistige Äußerungen der Menschenseele sind in diesem Leben, werde finden können.
[ 6 ] So muss man sagen: Gegenüber dem Schwergewicht naturwissenschaftlicher Gesinnung hat mancher — der auf dem Boden steht, von ewigen Kräften der Menschenseele zu sprechen —, einen schweren Stand. Allein Geisteswissenschaft rechnet völlig mit der naturwissenschaftlichen Gesinnung und den naturwissenschaftlichen Fortschritten der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart. Ja], sie steht sogar, was den Verlauf des menschlichen Seelenlebens zwischen Geburt und Tod anbetrifft, ihrerseits gerade aus ihren Forschungen heraus vollständig auf dem berechtigten Boden naturwissenschaftlicher Weltanschauung. Sie steht aus Gründen auf diesem Boden, die hervorleuchten werden in ihrer Berechtigung aus mancherlei, was gerade heute wird zu sagen sein. In Bezug auf dasjenige nämlich, was als Denken, Vorstellen, Empfinden, Fühlen, Wollen in der Seele sich entwickelt zwischen Geburt und Tod, was wir in unserem alltäglichen Geistesleben in uns selber sich offenbarend schauen, muss gesagt werden, dass es innig verknüpft ist mit dem Werkzeuge, das unser Körper, unser Physisches uns liefert; aber Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, steht nicht auf dem Boden, dass man die tieferen Seiten, die tieferen Kräfte der menschlichen Seele finden könne, wenn man nur den Blick hinrichtet auf das, was sich in der Zeit zwischen Geburt und Tod innerhalb dieses Seelenlebens abspielt. So wie Geisteswissenschaft auf dem Boden steht, dass das, was in der Natur unmittelbar den Sinnen anschaubar ist, was durch den Verstand auf der Grundlage der Sinneswahrnehmungen erschlossen werden kann — dass das gewissermaßen nur die äußere Offenbarung gegenüber dem Geiste der Natur ist —, so steht Geisteswissenschaft auch auf dem Boden, dass die Tiefen des Seelenlebens auch für dieses alltägliche und im gewöhnlichen Sinn wissenschaftliche Seelenleben hinter seiner selbst erst verborgen ist. Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, steht auf dem Boden, dass diejenigen Äußerungen des Seelenlebens, die dem Menschen unmittelbar, so wie er hineingestellt ist in sein Dasein in der physischen Welt, dass diese Seelenäußerungen nicht dasjenige sind, was als Ewiges zu bezeichnen ist, sondern dass man ebenso hinter den Schleier der Seelenerscheinungen, die sich unmittelbar darbieten, blicken muss, um zum wahren Wesen der Menschenseele zu kommen, wie man hinter den Schleier der Naturerscheinungen blicken muss, um zum wahren Wesen des Geistes in der Natur zu kommen.
[ 7 ] So handelt es sich darum für Geisteswissenschaft, innerhalb der Seele den Weg zu finden zu den Quellen ihres wahren Wesens. Und da muss gesagt werden: In der Erkenntnis der Geisteswissenschaft stellt sich ein gewisser Grundsatz in einer umfassenden Weise vor die Seele, der auch in der äußeren Naturwissenschaft gilt, der aber gewöhnlich, obwohl er heute in der äußeren Naturwissenschaft allgemein anerkannt ist, nicht so allgemein gelten gelassen wird für das umfassende Weltenleben, zu dem auch das Geistige gehört, in allgemeinerer Weise. Man sagt: Die Kräfte der Natur wirken so, dass keine Kraft vollständig verschwindet, sondern die Kräfte verwandeln sich. Und die Umwandlung der Naturkräfte, in denen sich ihre Stärke erhellt, bildet ja einen Grundzug innerhalb der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Umwandlung von Arbeit in Wärme, von Wärme in Arbeit und so weiter, das ist das, wovon viel gesprochen wird. Dieser Grundsatz von der Umwandlung der Kräfte, er gilt, und wir werden heute eine besondere Anwendung sehen desselben für das geistige Leben.
[ 8 ] Ganz besonders das, was sich äußert innerhalb Geburt und Tod des Menschen, was als unser Seelenleben sich in der Alltäglichkeit offenbart, das ist eine Umwandlung der ewigen Kräfte innerhalb der Menschenseele, und weil sich die ewigen Kräfte in die zeitlichen umwandeln, weil sie sich zu dem bilden, was sich uns darbietet im gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen, so können diese drei nicht darstellen diejenige Gestalt, in welcher das Ewige erscheinen muss, wenn es dem menschlichen Seelenleben zugrunde liegend betrachtet wird. Nicht dadurch, dass man anwendet die gewöhnlichen Seelenkräfte, so wie sie sind, kommt man zum Ewigen in der Menschenseele, sondern dadurch, dass man aus der Betätigung der Seele im gewöhnlichen Leben einen Weg sucht zu einer ganz anderen Betätigung, dadurch dass man herausentwickelt aus den gewöhnlichen Seelenvorgängen schlummernde Kräfte, die deshalb im gewöhnlichen Leben nicht da sind, weil sie in diese gewöhnlichen Kräfte des Seelenlebens umgewandelt sind.
[ 9 ] Zweierlei sind nun die Betätigungen des Seelenlebens in unserem gewöhnlichen Leben: Die eine Art ist diejenige, die sich mehr nach dem Vorstellungsgemäßen und Empfindungsgemäßen, nach dem vorstellenden und fühlenden Wesen des Menschen hin zeigt; und die andere ist diejenige, die sich mehr nach der Willensnatur des Menschen hin zeigt. Das Fühlen steht ja zwischen drinnen zwischen dem Denken und Wollen. Wir werden heute versuchen zu betrachten, wie entwickelt werden kann auf der einen Seite das vorstellende Wesen des Menschen, auf der anderen das wollende, damit der Mensch durch diese Entwicklung zu einer Wissenschaft kommen kann von den ewigen Kräften der Menschenseele. Die eine Grundkraft, die zunächst in ihrer äußeren Form im gewöhnlichen Seelenleben auftritt, ist das Denken. So, wie das Denken in diesem gewöhnlichen Seelenleben sich offenbart, so führt es nur zu einer Art Überschau über das, was uns eben durch die Sinne gegeben ist. Geisteswissenschaft sucht nun — und dadurch handelt sie ganz im Sinne der wirklichen naturwissenschaftlichen Weltanschauung —, Geisteswissenschaft sucht nun, gerade wie Naturwissenschaft durch das äußere Experiment der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen versucht, durch intime seelische Experimente den Weg zu finden in diejenigen Sphären, wo das Seelenleben seine Geheimnisse zu enthüllen vermag. Das gewöhnliche Denken, so wie es im Alltag auftritt, reicht dazu nicht hin; aber dieses Denken ist einer Entwicklung fähig, ist einer Erkraftung fähig — und auch auf diese innere Erkraftung des Denkens ist hier schon öfter hingewiesen worden. Man bezeichnet mit dem — ich möchte sagen — technischen Ausdruck das, was da die Seele zu tun hat, als «Meditieren» oder «Meditation» und meint damit innerlich hervorgerufene besonders starke Denkvorgänge, die im gewöhnlichen Leben nicht in dieser also gesuchten Art ablaufen, sondern anders. In dem gewöhnlichen Leben verwenden wir das Denken dazu, um uns durch die Gedanken Bilder zu machen von unserer sinnlichen Umgebung und dem, was innerhalb des menschlichen Lebens als von außen wahrnehmbar abläuft, was wir hereinnehmen können als Vorstellen. Das ist für das gewöhnliche Leben wichtig. Nun entdeckt die Geisteswissenschaft, indem sie innerlich intim Umschau hält im Seelenleben, indem sie es sich zur Aufgabe macht das Seelenleben so zu verfolgen, wie der Naturforscher die Natur im Experiment, man findet, dass dieses Denken noch eine ganz andere Seite hat. Verständlich machen kann ich mich vielleicht über diese andere Seite des denkerischen Lebens des Menschen dadurch, dass ich vergleichsweise sage: Wenn der Mensch mit der Hand arbeitet, dann verrichtet er dieses oder jenes; das Ergebnis der Arbeit der Hand ist dann da, ist äußerlich zu sehen. Wenn der Mensch fortwährend mit seiner Hand arbeitet, so verrichtet er nicht nur dieses, was äußerlich abläuft, sondern wir wissen es: Wenn er so arbeitet, verändert er die innere Erkräftigung der Hand selber; die Hand wird stärker und geschicklicher, wird in eine gewisse Richtung ihrer Betätigung gebracht. Es wird an der Hand selber etwas geleistet. Das läuft — ich möchte sagen — in die Betätigung desjenigen, was da äußerlich sichtbar ist, nebenher: eine Vervollkommnung der Hantierung neben den Ergebnissen, die durch die Arbeit erreicht werden! So auch ist es mit dem menschlichen Denken. Das menschliche Denken, indem es verläuft, macht Gedanken über das, was in der Umgebung oder sonst im Weltenverlauf ist. Diese Gedanken sind zunächst die Hauptsache, so wie für die Handarbeit die äußeren Ergebnisse; aber indem es ausgeführt wird, erkraftet es sich im Innern, ist es etwas, was in sich eine gewisse Entwicklung durchmacht. Gewiss, bei der Hand sehen wir auf die Entwicklung; aber auf jene intime innere Entwicklung, welche das Denken erlebt in dem Denken, auf diese wird in Wirklichkeit nicht gesehen.
[ 10 ] Der Geistesforscher aber ergreift gerade das, was hier zugrunde liegt, und bildet es systematisch aus, indem er gleichsam innerlich experimentell auf das losgeht, was innerliche Erkräftigung des Denkens ist. Dadurch erreicht es dieses, dass er in die Sphäre des Denkens hineinbringt eine ganz andere Art sich zu betätigen, als es gewöhnlich geschieht. Und das geschieht eben im Meditieren. Man versetzt gewisse Vorstellungen immer wieder und wiederum in die denkerische Tätigkeit hinein, aber verrichtet das jetzt so, dass es einem nicht darauf ankommt, irgendeinen besonderen Inhalt über das oder jenes zu bekommen, sondern sieht darauf, dass das Denken gleichsam in sich selber stehen bleibt, in der Betätigung, die darin liegt, gewisse, willkürlich in das Denken versetzte Vorstellungen festzuhalten. Man versetzt das Denken geradezu in einen gewissen stationären Zustand, man verharrt in einem gewissen Gedanken, konzentriert das ganze Seelenleben auf diesen Gedanken zusammen. Dabei kommt es nicht darauf an, dass man in das Seelenleben hineinversetzt irgendwelche Vorstellungen, die gerade das oder jenes in der äußeren Welt bedeuten, sondern am besten ist es, wenn man Vorstellungen, die man aus den Ratschlägen der Geisteswissenschaft heraus bekommt, verwendet, die man genau überschauen kann; denn wenn man Vorstellungen, die man sonst aus dem Leben aufnimmt, verwendet, dann kann man nicht wissen — weil man mit diesen verbunden war —, ob nicht in diesen Vorstellungen Empfindungsreste, allerlei Willensimpulsreste hängen und man diese heraufbringt. Man ist sozusagen nicht in der Lage, Vorstellungen, die man so aufnimmt, völlig in ihrer Reinheit so zu umfassen, dass man weiß: Aus den Tiefen des Seelenlebens heftet sich nichts an, was einen täuschen kann.
[ 11 ] Auf das Überschauliche, darauf kommt es an, darauf, dass man aus einigen Elementen solche Vorstellungen setzt — am besten sind Vorstellungen, die sinnbildlich sind, die gar nicht auf ein äußeres Wirkliches sich beziehen, sodass man nur in der Anstrengung verharren kann, die man hat im Festhalten solcher Vorstellungen. Nicht darauf kommt es an, dass solches Denken in diesem oder jenem Sinne wahr ist, sondern darauf, dass man in der Seele die Ruhe findet, alle Seelenkräfte für einige Zeit zusammenzuhalten, auf diesen einen Punkt hin zu konzentrieren, damit dadurch sich gerade diese Kraft ins ungemessene verstärkt und so wird, wie sie sein kann, durch diese Verstärkung. Also auf die innere Ruhe, auf die Anwendung der inneren Kraft, auf das Abgezogenensein vom übrigen Leben kommt es bei diesem inneren Experimente an. Das muss man in erster Linie betrachten, dass diese Geisteswissenschaft ganz und gar nicht wie die gewöhnliche Philosophie darauf ausgeht, durch das Denken dieses oder jenes zu ergründen. Das ist berechtigt in der gewöhnlichen Wissenschaft, im alltäglichen Leben, allüberall sonst, das führt aber nicht zur Ergründung desjenigen, was die Geisteswissenschaft ergründen will. Dieses Denken, das zu Ergebnissen führt im gewöhnlichen Sinne, das wird durchaus nicht in irgendeiner Weise angefochten von der Geisteswissenschaft — denn diese steht auf dem Boden des Lebens —, aber dieser Geisteswissenschaft kommt es für ihre Ziele darauf an, das, was man sonst zu einem Wissen über die Welt verwendet, das Denken, rein darauf anzuwenden, die Seele zu entwickeln, so, dass sie von ihrem gewöhnlichen Standpunkt zu einem anderen Gesichtspunkt vorrückt. Dass das Denken nicht so genommen werde wie sonst im Leben, um etwas zu erkunden, sondern dass es lediglich dazu verwendet wird, um etwas an der Menschenseele auszubilden, als Bildemittel — darauf kommt es an.
[ 12 ] Also diese andersartige Verwendung des Denkens innerhalb des menschlichen Seelenlebens, darauf kommt es an. Was man gewohnt ist in der gewöhnlichen Wissenschaft von dem Denken zu halten, davon muss man ganz absehen. Der gewöhnlichen Wissenschaft dient es dazu, um irgendein Wissen zu vermitteln. Alles das, was das Denken sonst vermag, kommt für Geisteswissenschaft nicht in Betracht, sondern das, was das Denken an der Menschenseele selber bewirkt.
[ 13 ] Nun, ich kann nur im Prinzip andeuten, was also als Meditation in der menschlichen Seele sich geltend machen muss behufs der Geistesforschung. Alles Genauere finden Sie in den Büchern, zum Beispiel in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Denn das, was ich hier in Kürze entwickle, ist ja nur im Prinzip auseinandergelegt das, was einen langen Seelenweg darstellt, der durch die mannigfaltigsten inneren, intimen Vorgänge unterstützt werden muss, der notwendig macht, dass der Mensch — bei dem einen dauert es kürzere, bei dem andern längere Zeit — in solcher Weise sich innerlich betätigt, immer wieder und wiederum darauf zurückkommt, das Denken also innerlich zu erkraften.
[ 14 ] Dann kommt aber der Moment im menschlichen Seelenleben, der zeigt, dass das Denken auf diese Weise die Seele gewissermaßen über sich selbst hinausführen könne, und es liegt daran, dass das, was heute noch oftmals einzig und allein als berechtigte philosophische Weltanschauung aufgefasst wird, durchaus zumeist nicht mitkann, wenn von den eben charakterisierten Wegen des Seelenlebens gesprochen wird und dass kritisiert wird dasjenige, was Geisteswissenschaft will und vermag, von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus, als der ist, der eben nur gewonnen werden kann, wenn man das angedeutete innere Experiment macht. Macht man es, dann kommt man — weil Geisteswissenschaft eben voraussetzt gewisse Vorgänge in der menschlichen Seele, die nun wirklich in die Tiefen des Seelenlebens hinunterführen und zu den Höhen hinauf —, man kommt in gewisser Weise zu innerlich erschütternden Erlebnissen des Seelenlebens. Diese Erlebnisse, zu denen man kommt, ergeben sich als notwendige Begleiterscheinungen, sind gewissermaßen auch Merkzeichen dafür, Marksteine, dass man einen gewissen Punkt auf dem Wege erreicht hat, sind aber nicht das, worauf es eigentlich ankommt. Worauf es ankommt, ist das, dass das also innerlich erkraftete Denken über sich selbst hinausführt. Und der Punkt, der dahinführt, wird seit langen Zeiten immer schon mit einem Worte bezeichnet, das allerdings nur ganz vollständig diejenigen verstehen, die wenigstens sich durch solche inneren geistigen Versuche eine Ahnung von den Wegen der menschlichen Seele erworben haben. Geisteswissenschaft, so wie sie hier gemeint ist, hat ja nur eine Geltung, hat nur die Möglichkeit des Entstehens innerhalb unserer jetzigen Menschheitskultur. So wie die äußere Wissenschaft fortgeschritten ist, gleichsam aus dem Dämmerdunkel des Nichtwissens heraufgeholt hat das, was heute der Umfang unseres Naturwissens ist, wie dieses Naturwissen früher nicht da war, so ist es auch mit dem, was der Mensch aus den Tiefen der Seele als Geisteswissenschaft hervorholen kann. Aber zu allen Zeiten hat man — wenn das auch auf anderen Wegen hat geschehen müssen als in der Gegenwart und Zukunft —, zu allen Zeiten hat man die Wege der Geistesforschung gesucht, und man hat das, was eben in der angegebenen Weise nur charakterisiert werden kann, wozu die Menschenseele kommt, wenn sie an dem Punkt steht, aus dem zeitlichen Verlauf des Seelenlebens zu dessen ewigen Kräften zu kommen, man hat das bezeichnet mit dem Worte: Der Mensch tritt an die Pforte des Todes heran. — Und dieses Wort, es hat eine gewisse tiefe Berechtigung. Denn eine innere Seelenverfassung, eine innere Seelenstimmung tritt ein in einem gewissen Zeitpunkte der Seelenentwicklung.
[ 15 ] Wenn also die Erkraftung des Denkens erfolgt ist, wie es geschildert worden ist, wo gewissermaßen der Mensch abgezogen wird — aber jetzt nicht durch seine bloße Willkür, durch abstraktes Denken, sondern durch Kräfte, die seine Seele ergreifen, deren geistige Realität er nun erst empfinden und erleben kann —, durch die er abgezogen wird von aller äußeren Welt und hingeführt wird auf den Menschen, auf sich selber, auf das, als was er als Mensch innerhalb der Welt steht, man lernt dadurch, dass das Denken gleichsam seine Kraft in seine eigene Wesenheit hineindrückt, sich innerlich erkraftend, man lernt dieses Denken als eine Art sich gestaltender Wesenheit kennen, durch die man in innerlichem Krafterfühlen sich wie verdoppelt fühlt, einen neuen inneren Menschen in dem gewöhnlichen Menschen drinnen fühlt.
[ 16 ] Soll ich die Sache genauer schildern, so müsste ich sagen: Der Mensch steht im gewöhnlichen Leben; er sieht ja nicht nur seine Umgebung, sondern er fühlt auch, dass in dem Raum, der von seiner Haut begrenzt ist, sich sein physisches Wesen ausdehnt. Im gewöhnlichen Leben fühlt er allerdings nur sehr dumpf dieses sein inneres Wesen. Er fühlt es weniger dumpf, wenn dieses physische Wesen von Schmerz durchzogen ist. Dasjenige, was der Mensch also wie die Durchfühlung seines physischen Menschen dumpf erlebt, das erlebt er auf eine neuerliche Weise. Er fühlt sich wie von innerlichen, geistig sich organisierenden Kräften ausgefüllt und — ich möchte sagen — durchpresst, er fühlt einen zweiten Menschen in dem Menschen. Und das, was er nun erlebt, es kann sich nur darstellen in der unmittelbaren Anschauung. Wirklich, wie auch derjenige, der nur spekulieren will, niemals herausbekommt, wenn er Wasser vor sich hat, dass das Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht, ohne dass das Experiment ausgeführt wird, ebenso wenig kann man, ohne dass dieses innerliche, intime, in Seelenvorgängen bestehende Experiment ausgeführt wird, vor sich haben gleichsam nebeneinander das, was man als Mensch auch schon vorher in sich fühlte und erlebte, und das, was jetzt durch das erkraftete Denken wie ein neuer, ein zweiter Mensch, den ersten ausfüllend, vor einem seelisch steht.
[ 17 ] Aber indem man diesen zweiten Menschen in sich erfährt, erlebt man ihn gebunden an das, was im Menschen nun nicht als eine aufbauende, sondern im Gegenteil als eine abtragende Kraft ist. Man lernt jetzt wissen — und es ist dieses ein Wissen, was nur durch das geschilderte Erlebnis erwerbbar ist —, man lernt jetzt wissen, dass mit dem Menschen, so lang er hier innerhalb des physischen Leibes zwischen Geburt und Tod lebt, Kräfte leben, die sich innerlich in ihm entwickeln, die fortwährend zehren an seinem Leibe, und die zuletzt eigentlich das darstellen, was diesen Leib zum Tode führt. Und man lernt erkennen, dass dieser zweite Mensch, den man nun entdeckt hat, zu dem sich das in sich erkraftete Denken kristallisiert hat, dass dieser Mensch die höchste Entwicklung ist dessen, was im Menschen als die Betätigung, als die Kräftewirkung, die zum physischen Tode führt, sich offenbart. In uns sind Kräfte des Lebens — das merkt man jetzt —, die unser Wachstum, die unsere Wiederherstellung immer in Bezug auf das, was wir im Leben verbrauchen, bewirken; aber in uns sind, seit wir in die physische Welt hereingetreten sind, immerzu auch die Kräfte der Zerstörung, die den Leib aufbrauchen. Und man lernt erkennen, dass — könnte man den Leib nicht aufbrauchen, wäre [also] nicht das in uns, was den Leib aufbraucht —, wir überhaupt nicht zum Denken in dem Sinn, wie wir dieses Denken haben als Menschen, kommen könnten; [man lernt erkennen], dass gewissermaßen die höchste Blüte der Todeskräfte vor unser Seelenauge tritt, indem wir das Denken also innerlich sich geistig organisierend in seiner Kraft schauen als zweiten Menschen im Menschen.
[ 18 ] Das ist das erschütternde Erlebnis; wir lernen erkennen, dass wir nicht nur aufbauende, sondern auch uns verzehrende Kräfte in uns haben müssen, und dass gerade die edelsten dieser verzehrenden Kräfte mit unserem Denken zusammenhängen. Dass wir imstande sind, nicht nur Lebekräfte zu entwickeln, sondern das Leben abzutragen, damit hängt vieles zusammen; aber als höchste Blüte geht das hervor, dass wir denken können. So finden wir ein uraltes Mysterienwort: Dass der Mensch die Pforte des Todes betreten muss, wenn er zu den Seelenquellen des Daseins kommen will, gerechtfertigt. Wir müssen schauen, was in uns den Tod wirkt, um die eigentliche Natur des Denkens in uns zu erkunden. Und wenn wir das Denken zu seinem höchsten Gipfel bringen, so überspringt es gleichsam seine eigene Wesenheit und zeigt sich uns als das, was in uns ist als ein zweiter Mensch, was aber die höchste Blüte abtragender Kräfte darstellt.
[ 19 ] Und nun — ich sagte: Man lernt nur erkennen, das, was man da findet, indem man es geistig anschaut. Da lernt man von ihm auch erkennen, dass das, was da durch das verdichtete — immer sind die Dinge geistig gemeint — Denken als ein zweiter Mensch im Menschen sich geltend macht, dass dieses in der Tat nicht zusammenhängt mit dem, was durch unsere Geburt, was durch die Vererbungskräfte in uns ist, sondern dass es aus der geistigen Welt an diesen physischen Leib herantritt. Durch die Art und Weise, wie es sich zum physischen Leib verhält, wie es ihn ergreift, wenn man das anschaut, so weiß man, dass der physische Leib diese Kräfte nicht aus sich selber hervorbringt, und man kann sie verfolgen, diese Kräfte, bis hinein in die geistige Welt, und man lernt nun in unmittelbarer geistiger Anschauung kennen die geistige Tatsache, dass der Mensch aus einer geistigen Welt, in der sein Wesen vor der Geburt oder — sagen wir — Empfängnis war, heruntersteigt und dass sich mit dem, was die Vererbungskräfte dem Menschen geben können, vereinigt ein geistiges Wesen. Ich möchte sagen: Wie sich das Männliche und Weibliche vereinigen, so vereinigt sich mit diesem ein Drittes, das aus der geistigen Welt kommt, und das sich, indem es sich dem Leibe einverleibt, verwandelt so, dass es den Leib ergreift, ihn durchorganisiert. Und indem es sich so betätigt, dass es diesen Leib aufbraucht, erscheint in der Umwandlung dessen, was geistig ist, das zeitliche Denken, wie es abläuft zwischen Geburt und Tod. Äußere Erkenntnisse, die aus der physischen Welt kommen, lassen uns verhältnismäßig gleichgültig in Bezug auf die innerste Empfindung unseres Seelenlebens; die geistige Erkenntnis, die uns also heranbringt an die Quellen des Seelenlebens, die kann nicht abgehen, ohne dass eine innere Tragik die Seele ergreift. Man kommt wirklich mit dem in Berührung, was lebendig war im Geistigen, was aber Todeskraft werden musste, indem der Mensch dem Physischen nach lebendig [wird]. Man lernt erkennen, dass das, was sich im physischen Menschen nach und nach entwickelt von der Kindheit bis in die Reife hinein, dass das die Umwandlung ist von Kräften, und dass diese Kräfte sich dem gewöhnlichen Blicke verbergen müssen gerade deswegen, weil sie sich eben umgewandelt haben aus dem Geistigen in das — wir können es geradezu nennen — physische Denken. Aber wir sehen herauskommen das, was im Menschen leibt und lebt innerhalb des physischen Leibes, wir sehen es herauskommen aus seiner geistigen Grundlage, und da sehen wir es tot werden, nachdem es geistig lebendig war, damit der Mensch physisch lebendig werden und sich entwickeln kann. Das geistig Lebendige, das den Menschen ausmacht vor der Geburt, verwandelte sich in ein physisch Ertötendes, damit das Physische in lebendiger Entwicklung zwischen Geburt und Tod bestehen könne.
[ 20 ] Ich sagte, meine sehr verehrte Anwesenden, dass das, was sich heute noch vielfach einzig berechtigte philosophische Weltanschauung nennt, nicht recht mitkann und in einer begreiflichen Weise sich gegen diese Geisteswissenschaft wenden muss, weil jene gewöhnliche philosophische Weltanschauung kein Organ hat, um einzugehen auf diese intimen Seelenvorgänge, die in treuer Hingebung ausgeführt werden müssen, wenn man wirklich ein Wissen über die Seele erlangen will.
[ 21 ] Wir haben gesehen, dass das Denken so entwickelt werden muss, dass es bis zu einem gewissen Punkte fortschreitet und da sich selber überschreitet, sich gestaltet. Mit dem, was man im gewöhnlichen Leben oftmals Mystizismus nennt, mit dem hat dieser Seelenweg eigentlich sehr wenig zu tun; aber die gewöhnliche philosophische Weltanschauung kennt nur das, was man so nennt. Dieser Mystizismus hat eigentlich etwas ganz äußerlich Ähnliches mit den wahrhaften Wegen in die geistige Welt hinein. Nämlich der gewöhnliche Mystiker — derjenige, der eine Ahnung davon hat, dass das Denken in anderer Weise verwendet werden muss als im gewöhnlichen Leben —, der möchte dieses Denken unterdrücken, das Denken unterdrücken in einem unbestimmten inneren, erfühlenden Leben, sodass dieses vernebelt wird, damit etwas Dunkel-Nebuloses in der Seele waltet. Gerade im Gegenteil sucht der wahre Geistesweg nicht dieses Denken auszulöschen, sondern er sucht dieses Denken in sich zu erkraften, sucht es bis zu seiner höchsten Energie zu bringen. Daher ist auch das, was die Seele durchgeistigt, nicht die dumpfe, nebulose, mystische Stimmung, die sich vor dem Denken fürchtet, gleichsam weil sie glaubt, dass sie in der Klarheit des Denkens — und für das gewöhnliche Denken hat sie recht —, weil sie fürchtet, dass die Seele nicht in wahrer Gestalt darin erscheinen kann, sondern das Denken wird [im wahren Geistesweg] gerade gesucht. Höchste Klarheit breitet sich aus immer mehr und mehr, indem der Weg der Seele also verfolgt wird bis dahin, wo das Denken sich gleichsam selber überspringt. So gelangt man, wenn man diesen Seelenweg verfolgt, dahin zu erkennen, was aus der geistigen Welt durch die Geburt — oder sagen wir Empfängnis — sich mit unserem physischen Organismus vereinigt hat; man lernt gleichsam zurückschauen auf das frühere geistige Erleben der Seele, das heruntergestiegen ist zum physischen Leben. Aber es ist eben verbunden mit diesem Erleben, das Erleben des Todes. Man lernt begreifen, dass, wenn man nur so hinschauen kann auf das geistige Leben, man zwar den Tod verstehen lernt, aber nicht mehr als den Tod; man lernt erkennen, dass gleichsam aus dem Geistigen heraus gewollt ist, dass sich ein geistiges Wesen physisch verkörpert, dass die Kräfte, die früher im Geistigen waren, physisch verbraucht werden, dass dieses Wesen zum Tode geführt wird, dass gerade in dem Abbau das liegt, worauf es die Entwicklung abgesehen hat.
[ 22 ] Aber man lernt nicht mehr. Man würde den Tod verstehen lernen, aber man würde noch nicht die ewigen Kräfte der Menschenseele erfassen können. Sie kann man nur erfassen, wenn man das innere, intime SeelenExperiment noch nach anderer Seite hin ausführt, nach der Seite des fühlenden Wollens. So wie das, wozu es das Denken bringt, nicht innerhalb des alltäglichen Denkens liegt, so liegt innerhalb des alltäglichen Wollens, durch das man seine Handlungen vollbringt, nicht alles, wozu man kommt, wenn man nun auch diesen Willen innerlich so erkraftet, dass man die Aufmerksamkeit auf das in diesem Willen gerade lenkt, worauf sie gewöhnlich nicht gelenkt wird. Wir wollen, wir führen unsere Handlungen aus im gewöhnlichen Leben. Gerade deshalb, weil wir aufgehen in den Handlungen, deshalb sehen wir nicht auf das, was sich im Willen — indem er sich entwickelt von unserer Kindheit an, während wir wollen —, ganz geheimnisvoll innerlich ausbildet. Wir können sagen: Wir erleben den Willen, aber im gewöhnlichen Leben schauen wir ihn nicht an; wir wenden die Aufmerksamkeit nicht hin. Ja, man muss sich erst schulen, man muss wiederum das innerliche Seelenexperiment machen, um zu entwickeln die Fähigkeit, so intensiv die Aufmerksamkeit auf den Willen zu lenken, dass man das erkennen könne, was darin liegt. Man erlangt dies besonders dadurch, dass man sich Augenblicke im Leben schafft, wo man die Aufmerksamkeit hinrichtet auf dasjenige im Willen, auf das sie gewöhnlich nicht gerichtet ist. Sagen wir: Man überblickt sein Tagesleben, man hat gewollt dieses oder jenes; jetzt blickt man hin rückschauend auf die Art und Weise, wie man sich verhalten hat. Man stellt sich bildlich selber dar; man denkt sich aus sich heraus, schaut sich an, vergegenwärtigt sich, wie die Absicht zu dem und jenem entstanden ist, schaut sich so in seinem Wollen an.
[ 23 ] Auch solches innere Experiment kann nicht wirken, wenn man es einfach ein paar Mal macht. Es hängt natürlich von den Anlagen des Einzelnen ab — aber es muss immer wieder und wiederum betont werden. Wobei wieder gesagt werden kann: Es kommt nicht darauf an, dass man etwa viel Zeit dazu verwendet; nicht auf die Zeitlänge, sondern auf die Intensität kommt es an, die man entfaltet, auf das wirklich genaue, aufmerksame Verfolgen dieser Willensvorgänge. Da ist es besonders wichtig, dass man versucht, seinen eigenen Willen dadurch zu prüfen, dass man innerlich intim mit diesem Willen zusammenlebt, zum Beispiel dadurch, dass man sich im Geiste vorsetzt: Wenn du dir dieses oder jenes vornehmen würdest, wie würde das ganze Wesen, das in dir ist, damit übereinstimmen. Wenn man das Innere-Absichten-Haben, wenn man das Fühlend-VerbundenSein mit dem, was der Mensch erstreben kann, wenn man das innerlich abgezogen erlebt, dann macht man sich bekannt immer mehr und mehr mit dem Willen und dann macht man eine Entdeckung, die wiederum erschütternd ist. Man entdeckt nämlich jetzt wiederum einen inneren Menschen, der aber ganz anderer Art ist als der vorhin geschilderte — ja, die menschliche Natur ist sehr vielfältig! Man entdeckt jetzt, indem man den Willen anschaut, innerhalb desjenigen, was wollender Mensch ist, gleichsam einen fortwährend verborgenen inneren Zuschauer, man entdeckt ein neues inneres Bewusstsein, welches — wie der Keim in der Frucht — in unserem Wollen liegt. Im gewöhnlichen Leben haben wir davon keine Ahnung. Wir haben unser Ich-Bewusstsein! Das breitet sich aus über unsere Beobachtungen im Leben; aber indem wir unser Wollen überschauen wie geschildert, entdecken wir einen innerlichen Zuschauer, etwas, was geistig geradeso auf die innerlichen Verrichtungen unseres Wollens blickt, wie wir auf die Vorgänge unserer Umgebung. Einen neuen Bewusstseinsmenschen entdecken wir da. Und so, wie das erste Erlebnis deshalb erschütternd ist, weil es uns gewissermaßen an die Pforte des Todes bringt, ist dieses zweite deshalb erschütternd, weil es nicht anders in seiner Tiefe durchlebt werden kann als dadurch, dass man erkennen lernt die Natur des Leidens innerhalb der Welt. Man lernt erkennen, worauf das Leiden eigentlich beruht; man lernt es dadurch erkennen, dass man auf diesen Zuschauer, den man in sich hat, wirklich die Aufmerksamkeit hin zu lenken lernt. Denn dieser Zuschauer hat die Eigentümlichkeit, dass er immer auf uns blickt. Er ist ein anderer Mensch in uns, er sieht von seinem Bewusstsein auf unsere Willensentfaltung hin. Ich rede von einer Realität, von etwas, was wirklich im Menschen ist, und was immer mächtiger und mächtiger heranwächst, indem der Mensch durch sein Leben hindurch will. Man lernt erkennen also etwas, was hinter dem Wollen des Menschen ist, man lernt dieses eben durchaus als eine volle Realität erkennen, aber so, dass es eigentlich ebenso wenig zu tun hat mit dem Menschen, der da im Physischen lebt zwischen Geburt und Tod, wie das andere viel mit dem zu tun hat, was man als Endergebnis des Denkens kennengelernt hat. Wie dieses abbauende Kräfte gestaltet enthält, also bei jeder Betätigung unseres physischen Menschen mitbeteiligt ist, ist dieser Zuschauer, der da gleichsam von hinten uns immer anschaut, niemals in der Lage, wirklich in das, was in uns vorgeht, einzugreifen. Er hat immerzu das intensivste Begehren, so zu sein, wie der Mensch ist, innerlich den Menschen auch so zu durchpressen wie der andere zweite Mensch; aber er kann von seinem Bewusstsein nicht eingreifen in unserer Organisation. Er will diese Organisation, aber er findet keinen Angriffspunkt innerhalb unseres Leibes.
[ 24 ] Und so lernt man wirklich, wie der Chemiker im Wasser Wasserstoff und Sauerstoff kennenlernt, diese zwei Menschen in sich kennen als Realitäten, diese zwei Menschen, die so Realitäten sind, wie physische Stoffe nur irgendwie Realitäten sein können. Man lernt sie kennen als entgegengesetzte Pole, aber man lernt den zweiten Menschen so kennen, dass man weiß: Der ist auf dem Wege, ein so gestalteter Mensch zu werden, wie du es bist. Innerhalb dieses Leibes nur kann er es nicht. Willst du gut, so lernt er die innere Güte deines Wollens kennen und bereichert sich dadurch, dass er diese innere Güte anschaut. Willst du böse, so lernt er es mit seinem Wesen verbinden und lernt erkennen, wie es zu überwinden ist; aber er kann in deine gegenwärtige Organisation nicht eingreifen. — Man lernt in diesem zweiten Menschen, der bloß Bewusstsein ist, das zu erkennen, was beginnt samenhaft in uns zu leben, [wie aus der wachsenden Pflanze ein Same hervorgeht].
[ 25 ] Man lernt erkennen das, was durch die Pforte des Todes schreitet, was in die geistige Welt hineingeht, wenn der physische Leib zerfällt. Aber so, wie man diesen zweiten inneren Menschen vor dem seelischen Auge vor sich hat, so lernt man erkennen: Wenn das zweite das erste ergreift, wenn das zweite — das durch den Leib verhindert wird, mehr zu sein in uns, als ein bloßer Bewusstseinsmensch —, wenn dieses durch die Anwesenheit des Leibes nicht mehr verhindert wird, so ergreift es das, was die Organisation der abbauenden Kräfte ist, verbindet sich und bildet den Samen, der hinausschreitet in die geistige Welt. Man lernt kennen, was hinter den Tod hinausgeht. Schaut man durch den ersten Weg auf die Art, wie aus der geistigen Welt heraus gleichsam als eine unmittelbare Blüte unseres vorzeitigen Geisteslebens unser physisches Leben erscheint und wie Gedanken, wie die Geisteskräfte sich umgewandelt haben in das, was den Leib verbraucht, um die physischen Erfahrungen zu erzeugen, so schaut man durch den zweiten das, was sich wiederum samenhaft vorbereitet, um durch die Pforte des Todes zu schreiten, um sich dann mit dem zu verbinden, was vor der Geburt da war.
[ 26 ] Intime innere Vorgänge sind es, um die es sich handelt, aber sie führen mit derselben Sicherheit zu einem wahren Ergreifen der ewigen Kräfte der Menschenseele wie die äußeren naturwissenschaftlichen Experimente zum Enthüllen der Geheimnisse der Natur. Und im Grunde genommen ist die ganze denkerische Gesinnung dieselbe wie diejenige, die der Naturbetrachtung zugrunde liegt.
[ 27 ] Wie betrachten wir denn die Pflanze? Wir betrachten sie, indem wir sie verfolgen von dem Samen bis herauf — durch die Wurzeln, Blätter, Blüten —, bis wiederum der Same sich entwickelt, und in diesem sehen wir die Wiederholung der alten und den Ausgangspunkt der neuen Pflanze. So verfolgen wir geisteswissenschaftlich im Menschen das, was hereintritt durch die Geburt aus der geistigen Welt, verfolgen das, was sich als geistiger Same entwickelt, wir verbinden das Ende mit dem Anfang, wie wir das bei der Pflanze machen. Wie wir bei der Pflanze die Frucht, die Blüte, den Samen mit dem, woraus die Pflanze hervorsprießt, verbinden und so die frühere mit der späteren schauen, so schaut der Geistesforscher, indem er das, was erwähnt worden ist, als intime Vorgänge in sich entwickelt; er schaut, wie sich Menschenleben an Menschenleben kettet. In wiederholten Erdenleben entwickelt sich das menschliche Leben. Das volle menschliche Leben lebt sich so dar für den Geistesforscher als ein Leben zwischen Geburt und Tod, als ein Leben zwischen Tod und neuer Geburt, als ein Wiederum-in-das-Erdenleben-Eintreten und so weiter.
[ 28 ] Und die Lehre von den wiederholten Erdenleben, die in einer bedeutungsvollen Epoche des Geisteslebens in Lessing so großartig vor die Menschen hingetreten ist, für sie ist es Zeit, dass sie heute eine wissenschaftliche Grundlage erhält dadurch, dass der Mensch sein Inneres so verändert, wie er die Natur verändert, um ihr durch Experimente ihre Geheimnisse abzulauschen. Dadurch aber wird der Mensch bekannt mit dem Ewigen in dem Zeitlichen, dadurch bringt sich der Mensch — so wie er sich durch die Naturwissenschaft in Zusammenhang bringt mit den Naturvorgängen um sich herum —, in Zusammenhang mit den geistigen Vorgängen. Dadurch, dass wir die Körperlichkeit des Menschen studieren, finden wir den Zusammenfluss desjenigen, was wir in unseren Studien über Mineralien, Pflanzen, Tiere, in unserer Anschauung über die Natur finden, wir finden es konzentriert im Menschen. Der Mensch ist in den Schoss der Natur eingebettet, ist aber auch mit den Kräften, die er auf Seelenwegen in sich entdeckt, in das geistige Leben des Kosmos eingebettet. Und sind einmal die geistigen Augen und Ohren eröffnet, dann schaut der Mensch in die geistige Welt hinein.
[ 29 ] Nur muss selbstverständlich betont werden, dass das Darinnenruhen in der geistigen Welt von ganz anderer Art ist als das Ruhen in der physischen Welt darinnen. Stehen wir der physischen Welt gegenüber: Ihr Licht leuchtet in uns herein, ihre Töne auch, die Wärmewirkungen finden auf uns statt, die Wirkungen der Außenwelt setzen sich im Körper fort. Das, was die Natur mit uns macht, das erleben wir dadurch, dass wir eine geistige Wesenheit sind, die in den Körper eingehüllt ist. Indem wir in der geistigen Welt stehen, ist es notwendig, dass wir uns nicht also passiv nur hingeben, sondern das Darinnen-Stehen in der geistigen Welt fordert ein fortwährendes Tätigsein. Wir haben gesehen, dass man diese geistige Welt findet, indem man entwickelt eine Erkraftung des Denkens und eine gesteigerte Aufmerksamkeit für den Willen. Diese Tätigkeiten, die wir beginnen innerhalb des gewöhnlichen Seelenlebens, sie führen uns in die ewigen Kräfte des Seelenlebens hinein. Aber indem Sie drinnen sind, müssen Sie wirksam sein, tätig sein. Sonst, wenn wir nicht in der Lage sind, indem wir uns in unserem Ewigen fühlen, aktiv das Sein zu erleben, so entschwindet es uns, wenn wir es auch schon erhascht haben, so leicht, wie uns ein Traum entschlüpft. Denn dieses Traumleben ist im Grunde genommen kein anderes Leben als ein solches innerhalb des Wesenskernes, der durch Geburt und Tod geht, wenn sich dieser Wesenskern zurückzicht aus dem physischen Leibe; aber es ist dieses Traumleben ein zartes Gewebe, das Bilder hervorruft. Die Seele kann sich innerlich nicht so erkraften, dass sie voll durchschauen kann, was sie da im Traum erlebt. Wie die Seele nun mit dem Geistigen zusammenhängt in ähnlicher Weise, wie der Leib mit dem Physischen der Welt, das kann nun, wenn einmal die inneren, die seelischen Organe überhaupt erschlossen sind, so entwickelt werden zu einer Geisteswissenschaft, die die Welt als geistigen Organismus darstellt, wie die physische Wissenschaft als physischen Organismus. Dabei kann hingewiesen werden auf meine «Geheimwissenschaft» oder meine «Theosophie». Oder wenn Sie ein kürzeres Büchlein haben wollen, so verweise ich auf die sehr verdienstvolle Schrift Ludwig Deinhardts: «Wer ist Mephistopheles?», wo Sie einen kurzen Auszug finden von dem, was Geisteswissenschaft ist.
[ 30 ] Ich habe versucht zu zeigen, wie der Mensch zu den ewigen Kräften der Menschenseele kommt. Man sieht daraus, dass die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht in irgendwie gearteten Widerspruch kommt mit der Naturwissenschaft, denn sie behauptet nicht, dass das, was in der Alltäglichkeit oder wissenschaftlichen Beobachtung in der menschlichen Seele sich entwickelt, dass das eine ewige Bedeutung habe. Man muss aus diesem gewöhnlichen Seelenleben herausgehen, wenn man die Kräfte finden will, welche als Ewiges über Tod und Geburt hinausführen.
[ 31 ] Selbstverständlich, man entwickelt nicht etwa die ewigen Kräfte, nur das Wissen davon entwickelt man. Das, was dieses Wissen erschaut, ist immer in der menschlichen Natur. Gerade so wenig, wie der Mensch die Natur schafft in der Naturwissenschaft, so wenig schafft er die ewigen Kräfte in der Geisteswissenschaft. Er lenkt nur die Überschau der Seele auf das hin, was immer in der menschlichen Natur ist. Auch in diesem Sinne spricht die Geistesforschung aus derselben Gesinnung heraus, aus der die Naturwissenschaft spricht.
[ 32 ] Man sieht [aber], dass diese Geisteswissenschaft geeignet ist, durch ihre Ergebnisse etwas in unser Leben hineinzugießen, was von ungeheurer Bedeutung für das Leben ist. Wenn der Mensch von seinen ewigen Kräften weiß, so weiß er sich im Einklang mit dem die Welt durchwebenden und durchwallenden Geistigen, er weiß sich gleichsam ruhend in dem, was als Geistiges die Welt durchströmt. Das Geistige wird aufgesucht im unmittelbaren Erleben, weil im eigenen Seelenleben der Weg liegt zu diesem Geistigen. Daher spricht Geisteswissenschaft nicht wie abstrakte Philosophie von der geistigen Welt, sondern spricht im Konkreten, indem sie die geistige Welt beschreibt wie die äußere Wissenschaft die physische Welt. Sie tritt heran an die Rätsel dieser Welt. Und wie die Naturwissenschaft nicht im Allgemeinen nur von der Natur spricht, sondern die einzelnen Naturgegenstände, die einzelnen Pflanzen, Tiere, Mineralien untersucht, so sucht die Geisteswissenschaft hinter die Rätsel des Menschenlebens im weitesten Umfang zu kommen.
[ 33 ] Heute tritt uns ja in unserer unmittelbaren Gegenwart eines von den vielen Rätseln entgegen. Und weil es uns entgegentritt, so sei über dasselbe anhangsweise zu diesem Vortrage noch gesprochen am Schluss. Ich spreche über dieses Rätsel, indem ich weiß, dass selbstverständlich unter den verehrten Zuhörern viele sein können, die, wenn man nun auf solche Einzelheiten eingeht, die Sache, die ja schon im Allgemeinen recht phantastisch gefunden werde kann, als der Gipfelpunkt der Phantastik gefunden werden kann; allein der Geistesforscher kann sich durch solche Dinge nicht abhalten lassen. So wie die Menschheit — selbst große Geister — es als den Gipfel der Phantastik angesehen hat, als die Anschauung in die Welt getreten ist, die Erde bewege sich um die Sonne; und wie die Menschen, die das als wilde Phantastik betrachtet haben, sich daran gewöhnt haben, es ernst zu nehmen, so geht es mit aller Wahrheit. Heute wird es noch als Phantastik gelten müssen, dass etwas Ähnliches wie mit jenem, nun auch mit dem geistigen Weltenall des Menschen geschehen soll. Da war an der Spitze der neueren Weltanschauungen es die Aufgabe derer, die den neuen Impuls zu geben hatten, zum Beispiel hinzuweisen darauf: Man hat gesagt, da oben begrenzt das Firmament den äußeren Raum; aber da ist gar nichts da oben. Das macht ihr selber nur. Die Begrenztheit des Schauens ist es. Jenseits jener nicht vorhandenen Grenze geht der Raum, der ausgefüllt ist, weiter. Wie dazumal das räumliche Firmament weggeräumt worden ist, so wird durch die Geisteswissenschaft das zeitliche Firmament weggeräumt, indem gezeigt wird, dass nur menschliche Bedingtheit des Anschauens zu diesem zeitlichen Firmament führt. Da ist gar nichts. Das geistige Firmament geht hinaus in die zeitliche Unendlichkeit. Der Mensch schreitet durch wiederholte Erdenleben. Man muss schon auf den Gang, den die Wahrheit durch die Menschheitsentwicklung geht, hinschauen, wenn man Kraft finden will, das zu vertreten, was den Denkgewohnheiten widerspricht. Aber derjenige, der den Gang der neueren naturwissenschaftlichen Entwicklung kennt, der wird solche Kraft finden können und wird überzeugt sein können, dass selbstverständlich von Torheit, Träumerei, wilder Phantastik geredet wird, wenn solches geltend gemacht wird, wie heute hier. Aber dieses Schicksal hatten ja auch die naturwissenschaftlichen Ergebnisse, und das Schicksal werden auch die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse haben. Sie werden auch zu einer Selbstverständlichkeit werden. Wie man von vielen Welten heute spricht, wird man von wiederholten Leben des Menschen sprechen als einer Wahrheit, die gegründet ist auf geistiger Beobachtung, welche in der geschilderten Weise erlangt werden kann.
[ 34 ] Nun, die Tatsache, die uns heute besonders tief berührt und auf die ich einen Blick werfen möchte, das ist das, dass so unzählige Tode in einer abnormen Weise in der unmittelbaren Gegenwart an uns herantreten. Man spricht von einem naturgemäß eintretenden Tod, den der Mensch durchmacht. Man spricht von einem Tod, der durch innere Krankheiten bewirkt wird. Nahe liegt uns aber heute, hinzublicken auf den Tod, der gewaltsam von außen — sagen wir — durch eine [Gewehr-]Kugel und dergleichen in der Blüte des Menschlebens über den Menschen verhängt wird. Und nicht zurückschrecken möchte ich davor — wenn es auch nicht rätlich ist, sich so weit vorzuwagen —, dasjenige mitzuteilen, was Geisteswissenschaft erkunden kann über die Eigentümlichkeit gerade solcher Tode, die gewaltsam so tausendfältig in der Gegenwart an uns herantreten, was Geisteswissenschaft über diese Tode, die auf dem Schlachtfeld erlebt werden, zu sagen hat. Da sehen wir, wie nicht gefordert durch die innere menschliche Organisation der zweite der geschilderten Menschen, der Bewusstseinsmensch, wie der sich verbindet dadurch, dass der physische Organismus gewaltsam weggenommen wird vom geistigen Menschen, wie der sich verbindet mit demjenigen, was als Todeskräfte im Menschen lebt. Es ergreift bei diesem Tode der Willenskeim den denkerischen Menschenorganismus, diesen geistigen Organismus, der sich herausstellt als der zweite Mensch. Eben, wenn durch gewaltsamen Stoß von außen der physische Organismus vom seelisch-geistigen genommen wird, da hätte noch lange nebeneinander wirken können der Willenssame und der abbauende Teil des Denkerleibes, des Vorstellungsleibes im Menschen. Gewaltsam sind sie zusammengeführt worden. Es ergreift vor der Zeit der Willenssame den Denkermenschen, führt ihn durch die Pforte des Todes.
[ 35 ] Das, was noch eine lange Entwicklung seiner Kräfte auf dem Erdenrund hätte offenbaren können, wird abgeschnitten. Wohin kommt dieses? Da darf hingewiesen werden darauf, dass Verwandlung der Kräfte stattfindet. Das, was der Mensch noch lange hätte besitzen können, das muss sich verwandelt haben. Geradeso, wie die Druckkraft, die ich ausübe, wenn ich mit dem Finger über etwas streife, sich in Wärme verwandelt, so verwandelt sich eine Kraft, die also scheinbar verschwindet, in eine andere. Und hier ist es, wo der Geistesforscher aufsuchen muss: Wo in der Welt ist das, was — in dieser Weise unverbraucht für die einzelnen Menschen — der Welt mitgeteilt wird, wo ist das in der Welt vorhanden? Der Geistesforscher blickt in die Weltvorgänge, wenn er seine Seele so geschult hat, wie auseinandergesetzt worden ist, und er forscht nach demjenigen, in das sich verwandeln könnte dasjenige, was auf solche Weise der Welt mitgeteilt wird und dem einzelnen Menschen — der Ausdruck ist nicht übel gemeint — genommen wird. Und nun findet der Geistesforscher — das ist ein [so] sicheres Ergebnis der Geistesforschung wie in der Naturwissenschaft es sich darstellt, dass das, was sich enthüllt, durchaus nicht erwartet werden kann, aber sich doch als Gewissheit ergibt, wenn es sich vor das Auge stellt, so auch hier mit der geistigen Beobachtung, die in entsprechender Weise ausgeführt wird —, der Geistesforscher findet, dass in die Welt hereintreten innerhalb der Menschheitsentwicklung Kräfte, hervorsprudelnd aus der menschlichen Seele, sodass man weiß: Die hat der Mensch sich [nicht] erworben.
[ 36 ] Wir erziehen die Menschen, wir legen unsere Erziehung so an, dass das, was in der Seele steckt, durch die Anstrengung zu Fähigkeiten sich gestaltet; aber wir finden noch andere Kräfte in der menschlichen Natur, die hervortreten so, dass wir in dem Sinne, wie geschildert worden ist, nicht dazu tun können die Kräfte, die wir die genialischen Kräfte der Menschennatur nennen, durch die große Errungenschaften erzielt werden auf dem Gebiet der Kunst, Wissenschaft und so weiter. Aber nicht bloß die großen Leistungen werden durch diese genialen Kräfte hervorgerufen, sondern der einfachste Mensch braucht ja Erfinderkraft; die genialischen Kräfte sind nur dem Grade nach verschieden von dem, was in dem einfachsten Menschen auftritt, was jeder hat, im geringeren Grad vielleicht, die Erfinderkraft, die hervortritt, wie auf zauberhafte Weise aus den Tiefen der Seele, die dem Menschen, wie man sagt, durch göttliche Gnade eingegeben ist und aus ihm heraustritt, die man nicht programmmäßig durch Erziehung selbstverständlicher Kräfte herausbringen kann. Aber im Verlauf der Menschheitsgeschichte, wie sie sich entwickelt, so, dass alle menschlichen Seelen in ihr enthalten sind, treten die einen und anderen dieser Kräfte hervor. Die genialischen Kräfte treten auf — man möchte sagen —, treten auf wie Boten aus der geistigen Welt in der menschlichen Seele, wie etwas, was nicht mit der normalen Menschennatur unmittelbar verbunden erscheint, sondern was hinzukommt. Dem Geistesforscher erklärt sich — indem er viele, viele Umwege macht, wie man auch im naturwissenschaftlichen Experiment es machen muss —, wie das, was da hervortritt, die Umwandlungsform desjenigen ist, was dadurch entsteht, dass in früherer Zeit als der normalen die Willenssamenkräfte sich vereinigen mit den abbauenden Kräften. Denn, wenn der physische Leib so, wie wir es jetzt tausendfältig erfahren, auf gewaltsame Weise von dem Seelischen weggenommen wird, was da unausgelebt bleibt, das wird mitgeteilt den späteren Generationen, das tritt in den genialischen Menschenkräften wieder auf. Ein geheimnisvoller, ein die Menschenseele erschütternder Zusammenhang innerhalb des Fortganges der menschlichen Entwicklung enthüllt sich da.
[ 37 ] Und so wie die Natur — man möchte sagen — wunderbar sich enthüllt, Unbekanntes an die Oberfläche der Erscheinungen tritt, dessen Zusammenhang man vorher nicht geahnt hat, so treten durch Geistesforschung die Zusammenhänge in dem gesamten Leben des Menschen auf. Allmählich enthüllt sich der Zusammenhang des Lebens. Wenn man auf die ewigen Kräfte der Menschenseele und ihre Umwandlungsformen im Leben den geistigen Blick gerichtet hält, so kann man sagen: Nicht das gewöhnliche Seelenleben, das eben sich erschöpft zwischen Geburt und Tod und das nicht durch die Pforte des Todes gehen kann, sondern ein höheres Bewusstsein, das Zuschauer in uns ist, das nur erforscht werden kann durch andere Kräfte, das geht durch die Pforte des Todes; das Bewusstsein ist es gerade, nicht ein unbestimmtes Seelenleben, sondern das Bewusstsein ist es, das durch die Pforte des Todes geht, und indem wir in die geistige Welt eintreten, treten wir mit unserem Bewusstseinsmenschen ein. Wie wir hier im physischen Leben von der unvollkommenen Ausgestaltung des Physischen zur immer vollkommeneren kommen und dann wieder zu seinem Abbau, so gehen wir in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt von dem Bewusstsein aus, das sich die Kräfte einverleibt, durch die es wiederum imstande ist wiederum herunterzukommen und in einem neuen Erdenleben sich auszuleben. Also nicht durch die gewöhnlichen Kräfte des Seelenlebens, sondern durch gewissermaßen hellsichtige Kräfte, durch Kräfte der Geistesaugen und Geistesohren gelangt man zu den ewigen Kräften der menschlichen Seele.
[ 38 ] Aber wer tiefer in das Wesen der Geisteswissenschaft eindringt, wird sehen, dass das, was man gewöhnlich Hellsehen nennt, und mit dem der Mensch so gerne zufrieden sein mag, dass das mit Recht wiederum bedenklich angeschaut wird von der gewöhnlichen Wissenschaft, Derjenige, der nicht eindringen will in wahrhaft geisteswissenschaftliche Methoden, wird natürlich leicht sagen können: Nun ja, man ist nicht zufrieden mit dem, was die gewöhnliche Wissenschaft erkunden kann, sondern es sollen besondere Fähigkeiten erworben werden. Man sieht ja diese an abnormen menschlichen Seelen; und warum sollte das, was da auf künstliche Weise erworben wird, etwas Höheres sein als das, was man an den abnormen Menschenseelen sieht! — Derjenige, der sich tiefer einlässt, wird finden, dass Geisteswissenschaft gerade mit Bezug auf das, was man oftmals Hellsehen nennt, wiederum ganz auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Anschauung steht und in vollem Einklang mit ihr; denn das, was Naturforschung nur ahnen kann, das zeigt gerade die wirkliche Beobachtung, die also errungen wird, wie es beschrieben worden ist, [nämlich] dass das, was man als Halluzinationen und so weiter bezeichnet, was oftmals Hellsehen genannt wird, dass das das finstere Schattenbild des wahren Hellsehens ist, und dass man auf die Weise, dass solch krankhaftes Seelenleben auftritt, nicht zu ewigen Menschenkräften, nicht zu übersinnlichen, sondern zu untersinnlichen Kräften kommt, zu dem, was Karikatur des Hellsehens ist. Das, was oftmals als ein Schauen bezeichnet wird, wo man traumhaft halluziniert oder Illusionen sich vormacht, das zeigt nicht die ewigen Kräfte der menschlichen Seele, sondern Kräfte, die viel zeitlicher sind als das, was das gewöhnliche Denken und Wollen hervorbringen.
[ 39 ] Dieses gewöhnliche Denken beherrscht uns, das lebt in uns aufbauend, abbauend; das aber, was in Halluzinationen lebt, in demjenigen, was man im trivialen Sinn Hellsehen nennt, ist ein Untersinnliches; [es] presst den Menschen tiefer in die Leiblichkeit hinein. Während das wahre Hellschen zum übersinnlichen Schauen erhebt, presst tiefer in die Leiblichkeit hinein das, was das halluzinatorische Hellsehen ist, und zeigt das, was viel zeitlicher ist als das gewöhnliche Zeitliche, was viel Vergänglicher ist als das, was durch das gewöhnliche Denken erworben werden kann. Wird man einmal einsehen, dass gerade mit Bezug auf die krankhaften Seelenerscheinungen Geisteswissenschaft nicht etwa gegen die naturwissenschaftliche Gesinnung sich richtet, sondern sie sogar bekräftigt, sogar herunterführt in eine tiefere Region, in dem, was gewöhnlich Hellsehen genannt wird —, um gerade zu zeigen, dass das wahre Hellsehen erlangt wird durch Kräfte, die in der geschilderten Weise erworben werden, dann wird man Geisteswissenschaft nicht zusammenbringen mit jedem beliebigen Aberglauben, sondern wird sie ansehen als etwas, was nicht nur gesund ist, wie gewöhnliche Gesundheit, sondern eine höhere Gesundheit darstellt — eben das Zusammenleben mit den geistigen Kräften.
[ 40 ] Die Menschheit wird sich allerdings aus ihren gewöhnlichen Denkgewohnheiten heraus erst bekannt machen müssen mit dem inneren Sinn des Weges in die geistigen Welten hinein. Und vieles, was an Verkennung besteht, rührt einzig und allein davon her, dass krankhafte Verirrungen des Seelenlebens eben als Hellsehen bezeichnet werden, und man gar keine Ahnung hat, wie über diese krankhaften Verirrungen des Seelenlebens ebenso wie über den Mystizismus hinausgeht das, was die Geistesforschung als den wahren Weg in die geistige Welt hinein enthüllt, wodurch sich bekundet, dass im menschlichen Inneren ein ewiger Wesenskern ist, der so der geistigen Welt angehört wie der physische Leib der physischen Welt.
[ 41 ] Das Wahre ist, was die großen Geister erahnend gedacht haben, dass der Mensch selber es ist, der von Epoche zu Epoche hinüberträgt das, was in der einen Epoche lebt, indem die Seele von Geburt zu Geburt geht, dass der Mensch hinüberträgt das, was sich in der Entwicklung der Menschheit auslebt. So habe ich versucht, in der heutigen Betrachtung von einem gewissen Gesichtspunkt aus die Möglichkeit des Sich-Verbindens — wissenschaftlich exakt Sich-Verbindens — des Menschen mit den ewigen Kräften seiner Seele aufzuzeigen. Den Schluss möchte ich Sie bitten, mir zu erlauben, so zu machen, dass er sozusagen sich nicht in einer verstandesmäßigen Logik anknüpft an das, was ich versuchte vor Ihre Seelen hinzustellen, sondern weil in unserer heutigen Zeit mit dem, was draußen in der Welt geschieht, was sich aus unzähligen Blutopfern heraus entwickelt, was wiederum als so beseligende Atmosphäre sich verbreitet in Zukunftshoffnungen, weil das unserer Seele so nahe steht — gestatten Sie mir gleichsam mit einer Empfindungslogik den Schluss zu bilden.
[ 42 ] Ich versuchte gestern auseinanderzusetzen, wie innerhalb des deutschen Volkes in seiner großen idealistischen Zeit, wo der Schauplatz der Gedanken hervorgeholt worden ist aus den tiefsten Anlagen der menschlichen Natur, wie in dieser Zeit die größten Persönlichkeiten der Deutschen, die hervorgetreten sind — nicht nur indem sie ihr Individuelles zur Entfaltung gebracht haben, sondern so recht aus der Volkssubstanzialität geschaffen haben —, einen Weg gewiesen haben dem Volke in die geistigen Welten hinein. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht darauf ankommt, das Ergebnis, zu dem diese idealistischen Denker und Dichter gekommen sind, dogmatisch zu nehmen, sondern darauf zu schauen, wie sie die Kräfte, die im Volke liegen, heraufzubringen suchten. Da erscheint uns dann der Weg, den wir gestern charakterisieren konnten, der sich uns dargestellt hat, wie der Weg, den das deutsche Volk selber genommen hat zum Schauplatz der Gedanken hin, er erscheint uns selber wie ein innerer Geistesweg, auf dem das Volk hinauszukommen versucht aus dem, was in der Alltäglichkeit erlebt werden kann, um über sich hinaus zu Kräften zu kommen, die mit dem Ewigen zusammenhängen! Meditation nennt die Geisteswissenschaft diesen intimen inneren Seelenweg, der in der Konzentration auf das Innere in zweifacher Weise durchgemacht wird. Schen wir nicht fast, wenn wir Fichte so auffassen wie gestern, in Fichte alle Aufmerksamkeit auf die Willensentfaltung so hinlenken, wie wir heute davon gesprochen haben? Und wenn man Fichtes späte Vorlesungen, die er vor seinem Tode gehalten hat, liest, dann findet man, wie er wirklich spricht von einem solchen höheren Bewusstsein, wie er spricht von einem höheren Sinn, der sich eröffnet, von einem Bewusstsein, das den gewöhnlichen Menschen begleitet. Da haben wir die eine Seite der Meditation. Die andere Seite der Meditation haben wir zum Beispiel in Hegel. Wir haben da die Anstrengung, im Denken die Welt zu ergreifen. Hegel hat die Anstrengung gemacht, das Denken dahin zu führen, wo es, sich selber überwindend, dem Menschen die abbauenden Kräfte zeigt. Daher erscheint bei Hegel auch das äußere Leben in seinem Verlauf Gedankenbild an Gedankenbild sich gliedernd. Sodass die eigentlichen ewigen Kräfte der Menschennatur nicht innerhalb dieser deutschen Philosophen hervortreten; aber wir sehen den Weg dahin. So sehen wir, wie das deutsche Volk in dieser Zeit, im achtzehnten, im neunzehnten Jahrhundert, selber meditiert. Das deutsche Volk vor dem Forum der Weltgeschichte meditierend, so steht es vor uns.
[ 43 ] Und gestehen darf ich vielleicht, dass man haben kann echte, wahre Hoffnung für die Zukunft der Geisteswissenschaft innerhalb der Menschheitsentwicklung, wenn man hinblickt auf den Zusammenhang desjenigen, was diese Geisteswissenschaft sein will mit dem Besten, was gerade innerhalb des Deutschen Idealismus erstrebt worden ist da, wo das ganze Volk seine Meditation durchgemacht hat, sich [gerade] auf den Weg gemacht hat, der führen soll in das Ewige hinaus. So angesehen, kann einem die Geisteswissenschaft erscheinen als das, wofür ein Keim, aber ein aus dem Volkstum selber entspringender Keim, in dem Deutschen Idealismus auf dem Schauplatz der Gedanken liegt. Und da kann man aus dieser inneren Notwendigkeit heraus — dass im deutschen Volk durch seine weltgeschichtliche Meditation ein Keim gelegt worden ist, der sich entwickeln muss —, da kann man den festen Glauben, die feste Zuversicht an die innere Wachstumskraft dieses deutschen Volkes gewinnen. Und man kann stehen innerhalb dieses Volkes gerade in der Zeit, wo es so von Feinden umringt wird, mit diesem Glauben, der einem sagt: Was in solcher Weise Keime geschossen hat, das wird in den fernsten Zeiten Früchte tragen — ungehindert aller feindlichen Vorurteile und aller feindlichen Kräfte, die sich wider solche Volksentwicklung erheben.
[ 44 ] Auch aus dem Geistigen heraus ergibt sich ein solch unerschütterlicher Glaube an das Sieghafte der deutschen Volkskraft und gerade die wirkliche Selbsterkenntnis des Wesens des deutschen Volkes im Zusammenhang mit der geistigen Entwicklung der Menschheit gibt diese Zuversicht, diese unerschütterliche Zuversicht, mit der der Deutsche stehen darf, wie sich auch seine Feinde ringsum erheben und wie sie auch dieser seiner Natur — die er also begreift, wie es gestern geschildert worden ist —, wie sie auch diese seine Natur verleumden, verketzern, in jeder Weise mit Ergebnissen ihres Hasses belegen wollen. Er braucht dieses nicht zurückzugeben, er kann anders stehen und anders hinblicken auf das, was werden soll aus den großen geschichtlichen Ereignissen der Gegenwart, wenn er so große Opfer zu bringen hat. Indem der Deutsche gerade auf die Zeit hinblickt, wo das ganze deutsche Volk so meditierte, als es unter der Fremdherrschaft geradezu als äußere Gestaltung des Reichs verschwunden war, indem er hinblickt auf das Lebendigsein des geistigen Weges in seinem Volk, da darf er ganz unähnlich den Schmähmethoden, den sophistischen Methoden seiner Gegner auf das eine hinweisen, das sich ergibt aus solcher Betrachtung dahingehend: Alles, was wider deutsches Wesen vorgebracht, gesprochen wird, darf der Deutsche, indem er auf den Zusammenhang seines Wesens mit der geistigen Welt gerade hinblickt, sagen: Versucht man — im Geiste ahnend, aber in einer berechtigten Ahnung —, die aus einer Beobachtung des Entwicklungsganges des deutschen Volkes folgt, das Schicksalsbuch der Weltgeschichte aufzuschlagen, versucht man ahnend diejenigen Blätter zu erforschen im Geiste, die auf das gegenwärtig geöffnete folgen, dann kann der Deutsche allen seinen Gegnern, allen seinen Feinden ein einziges Wort entgegenhalten, das ihn, unähnlich ihrem so oft vorgebrachten Hasse, beseelt, das Wort, welches das Kapitel beginnt, das zu der deutschen Seele spricht aus der Erkenntnis heraus, das Kapitel, an das der Deutsche glaubt und von dessen fruchtbarem Inhalt der Deutsche begründet überzeugt ist, und das da heißt: Die deutsche Zukunft.
