Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele
GA 70b

8 Januar 1916, Bern

5. Wege der Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele

Sehr verehrte Anwesende!

[ 1 ] Was ich Ihnen heute zu sagen habe über Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele, wird in unserer Zeit keineswegs geeignet sein, unmittelbar, von vornherein Überzeugung hervorzurufen. Einer solchen Illusion gibt sich auch derjenige nicht hin, welcher vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus spricht, wie Geisteswissenschaft hier gemeint ist. Handeln kann es sich vielmehr nur um Mitteilungen, die gemacht werden zur Anregung, Mitteilungen über eine Forschungsmethode, welche glaubt, mit derselben Gewissheit, mit derselben Sicherheit über das seelische Leben, seinen Sinn und seine Bedeutung im Weltenall etwas sagen zu können, wie die neuere Naturwissenschaft etwas ausspricht über die Zusammenhänge der Naturkräfte, die Bedeutung dieses oder jenes Naturgeschehens im ganzen Weltenzusammenhange. Gerade weil Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, gewissermaßen so für das geistige Leben eine Fortsetzung der Naturerrungenschaften, der Vorstellungsart, man könnte auch sagen, der Forschergesinnung ist, welche durch naturwissenschaftliche Weltanschauung im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte in die Menschheitsentwicklung sich eingefügt hat. Allein da diese Geisteswissenschaft ihr Gebiet sucht in den geistigen Welten, so ist es notwendig, dass ihre Wissenschafts-, ihre Forschungsmethoden ganz andere sind, als die Forschungsmethoden und die Forschungsweise für die naturwissenschaftliche Anschauungsweise sind. Gerade damit diese Geisteswissenschaft gewissermaßen die Schwester sein könne der Naturwissenschaft, muss sie, weil ihr Gebiet ein so verschiedenes ist, andere Wege, andere Methoden einschlagen. Und so werden denn die Methoden, die Wege, welche ich Ihnen zu schildern habe, zunächst sich durchaus unterscheiden von denjenigen Wegen, den Methoden, welche durch äußere Hantierung, durch äußere Handlung, der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen suchen. Aber die Gesinnung ist dieselbe.

[ 2 ] Geisteswissenschaft sucht auch gewissermaßen durch den seelischen Versuch, durch Seelenexperimente, der geistigen Welt ihre Geheimnisse abzulauschen. Nicht hat man es zu tun in der Geisteswissenschaft in Bezug auf die Wege zur Erkenntnis der geistigen Geheimnisse, nicht hat man es zu tun mit irgendwelchen Versuchen, die äußerlich mit den Sinnen angeschaut werden können, die durch die äußeren Verstandeskräfte kombiniert werden können in ihren Tatsachenfolgen. Zu tun hat man es, wenn man vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus über die «Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele» spricht, zu tun hat man es mit ganz intimen Seelenvorgängen, welche, wenn man sie experimentell nennt, ganz intime, innere Seelenexperimente sind, Experimente, die sich nicht äußerlich anschauen lassen.

[ 3 ] Dasjenige, wozu diese inneren Seelenexperimente führen sollen, das ist eine innere Erkenntnis desjenigen Wesenskerns des Menschen, der nicht den äußeren Sinnen zugänglich ist, der auch nicht demjenigen Verstande zugänglich ist, den man für das gewöhnliche Leben und die gewöhnliche Wissenschaft braucht, sondern der zugänglich werden kann nur Kräften, die erst in der Seele rege gemacht werden. Daher ist — ich möchte sagen — von Anfang an der Weg der Geisteswissenschaft in einer gewissen Beziehung verschieden von den Wegen aller anderen Wissenschaften und von dem Denker- und Handlungswege des gewöhnlichen Lebens.

[ 4 ] Auch im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft versuchen wir, uns Vorstellungen zu verschaffen über die Dinge der Welt und über ihre Vorgänge. Und wenn wir uns Vorstellungen verschafft haben, durch die wir glauben, den gesetzmäßigen Zusammenhang der einzelnen Tatsachen zu durchschauen, der einzelnen Dinge zu durchschauen, so sind wir in der gewöhnlichen Wissenschaft und auch im natürlichen Leben mit unseren Anstrengungen fertig.

[ 5 ] Nun kann man sagen für die Geisteswissenschaft: Dasjenige, was Ende, Abschluss ist in Bezug auf das Forschen und Denken für die gewöhnliche Wissenschaft und für das gewöhnliche Leben, ist erst der Anfang. Alle diejenigen Verrichtungen, die uns zu einem erstrebten Ziel führen in der gewöhnlichen Wissenschaft, die sind nur da, um dasjenige in der Seele vorzubereiten, was in dieser Seele dann die Kräfte hervorruft, durch die Einsicht gewonnen werden kann in die geistigen Welten.

[ 6 ] Und so ist für das Denken der Gegenwart, für die Vorstellungsgewohnheiten der Gegenwart dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, sehr verehrte Anwesende, in vieler Beziehung viel, viel verschiedener von dem Hergebrachten, als verschieden war dasjenige, was in der Morgenröte der neueren Naturwissenschaft Kopernikus, Kepler, Giordano Bruno zu sagen hatten über den Bau des Weltenalls, über die Bewegung der Erde, der Sonne und so weiter — viel verschiedener, als verschieden war von dem, was die Menschen unmittelbar vorher über alle diese Dinge dachten.

[ 7 ] Daher kann es nicht verwunderlich sein, dass nicht so ohne Weiteres angenommen werde in der Gegenwart dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat. Man braucht sich ja nur zu erinnern daran, wie lange es gebraucht hat, bis in weiteren Kreisen gegenüber den althergebrachten Anschauungen sich das durchgesetzt hat, was über den Bau und die Wege des Weltenalls und seiner Körper vom Standpunkte der neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung aus zu sagen war. Und dass die Menschen von vornherein nicht alles glauben, das ist eine ebenso begreifliche und verständliche wie im Grunde genommen von einem gewissen Gesichtspunkte aus sogar anerkennenswerte Sache. Daher braucht man sich nicht zu verwundern, wenn manches, was der Geistesforscher zu sagen hat, phantastisch, wie ein Traum heute noch klingt. Und so wird tatsächlich manches zu klingen haben, was gerade heute wird gesagt werden müssen.

[ 8 ] Wenn man so zunächst in die Schriften, in die Veröffentlichungen hineinschaut, welche vonseiten der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, hinausgeschickt werden in die Welt, so wird einem manches als ein Traum, als eine Phantasterei vorkommen müssen, dass man etwas erkennen könne darüber, dass diesem physischen Leib des Menschen, den man mit Augen sieht, den die äußere Wissenschaft mit ihren bewundernswürdigen Methoden erforscht, dass diesem gewöhnlichen physischen Leib ein feinerer Leib zugrunde liege — ob man ihn nun Ätherleib nennt oder anders, darauf kommt es nicht an —, dass dem ein feinerer Leib zugrunde liege, ein Leib, der für die gewöhnliche Anschauung und [für die gewöhnlichen Forschungsmethoden] schlechterdings unsichtbar, unschaubar ist; und dass man über diesen feineren Leib etwas wissen könne, das erscheint gewiss zunächst mit Recht als etwas Unglaubliches.

[ 9 ] Und als etwas weiteres Unglaubliches erscheint es, wenn der Geistesforscher sagen muss: Wenn der Mensch nach getaner Arbeit zur Ruhe gegangen ist und nun in Bezug auf die äußeren Vorgänge sich dem Schlafe übergeben hat, so ist etwas von dem, was gerade das Wesen des Menschen ist, aus der physischen Organisation, aus der physisch-leiblichen Organisation herausgetreten, etwas, was ein anderes Seelenleben darstellt als das gewöhnliche Tages-Seelenleben. Und in diesem andersartigen Seelenleben — nennen wir es ein anderes Bewusstsein als das Tagesbewusstsein oder wie man es dann nennen will, darauf kommt es nicht an —, in diesem andersartigen Bewusstsein, in diesem andersartigen Seelenleben lebt der Mensch bis zum Wiederaufwachen. Und beim Wiederaufwachen taucht wiederum dieses andersartige Seelenleben in die äußere physische Leiblichkeit unter.

[ 10 ] Und wenn nun der Geistesforscher behaupten muss: In dem, was da beim Einschlafen aus dem physischen Leib heraustritt, das beim Aufwachen wiederum hineintritt, lebt etwas von dem ewigen Wesenskern des Menschen. Nur kann der Mensch im gewöhnlichen Leben sich dessen nicht bewusst sein, was er da erlebt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Wiederum ist dies etwas, was für die gewöhnlichen Denkgewohnheiten der heutigen Zeit selbstverständlich noch etwas Träumerisches hat.

[ 11 ] Ein Recht, zu reden über diese Dinge, sehr verehrte Anwesende, hat man ja gewiss erst, wenn man aufzeigen kann in einer Tatsachenwelt — wenn auch diese Tatsachenwelt eine ungewohnte ist —, dass man wirklich zu so etwas kommen kann, wie einem feineren Leib und einem andersartigen Seelenleben, einem andersartigen Bewusstsein.

[ 12 ] Nun sind die Vorgänge, durch die man diesen feineren Leib erforschen kann — was [dem groben] physischen Leib, den die Augen sehen, zugrunde liegt als ein unsichtbares Menschenwesen —, diese Methoden sind eben intime; nur sind sie keine solchen, die auf irgendwelcher Zauberei beruhen, die auf irgendeiner falschen Mathematik oder falschen Mystik beruhen, sondern es sind Methoden, welche durchaus in der Fortsetzung desjenigen liegen, was der Mensch auch schon im gewöhnlichen, alltäglichen Seelenleben verrichtet, nur eben in der Fortsetzung. Dasjenige, was da auftreten muss als ein intimer Vorgang der Seele, was herbeigeführt werden muss als ein intimer Vorgang der Seele, sehr verehrte Anwesende, das ist zunächst etwas, was bezeichnet werden kann [als] eine Verstärkung des inneren Gedankenlebens —, [als] eine Verstärkung des inneren Gedankenlebens, über die man sich allerdings im gewöhnlichen Verlauf des Seelenlebens keine rechte Vorstellung macht.

[ 13 ] Technisch im Sinne der Geisteswissenschaft nennt man diese inneren Verrichtungen, diese inneren Übungen: Konzentration und Meditation im Seelenleben. Was ist nun Konzentration, was ist Meditation im Seelenleben? [Jede] Meditation ist ein Vorstellen, ein Denken, nur eben ein etwas anders geartetes Vorstellen, ein etwas anders geartetes Denken, als das gewöhnliche Vorstellen und das gewöhnliche Denken sind. Und da ich nicht im Nebulösen herumreden möchte, sondern Bestimmtestes mitteilen möchte, so möchte ich, prinzipiell wenigstens, den Meditations-, den Konzentrationsvorgang des Denkens, dieses innere Seelenexperiment schildern — prinzipiell. Alles Weitere finden Sie in den Büchern, namentlich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss».

[ 14 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass der Mensch — um in dieser Weise den gewöhnlichen alltäglichen Denkprozess und den Denkprozess, den er in der gewöhnlichen Wissenschaft übt —, dass er, um den fortzusetzen, ganz bestimmte Vorstellungen, die er überschauen kann, in den Mittelpunkt seines Bewusstseins stellt.

[ 15 ] Es kommt nicht darauf an, wie sich diese Vorstellungen zu der äußeren Wirklichkeit verhalten, es kommt nicht darauf an, welchen Wahrheitswert zunächst diese Vorstellungen haben; daher ist es sogar besser, wenn man nicht solche Vorstellungen nimmt, welche man aus dem Gedächtnis heraus behält, oder Vorstellungen, welche irgendetwas Äußeres abbilden, sondern wenn man sinnbildliche, symbolische Vorstellungen, bildliche Vorstellungen nimmt. Sagen wir, man stellt sich vor — wenn es auch keinen Wahrheitsinhalt hat, darauf kommt es nicht an; wir werden gleich sehen, warum es nicht darauf ankommt —, man stelle sich zum Beispiel vor: Licht breite sich aus in dem Raum, und in dem Lichte lebe die Weisheit. — Wie gesagt, wie sich das zu irgendeiner Wahrheit verhält, darauf kommt es nicht an.

[ 16 ] Und nun sollte man den ganzen Umfang des Seelenlebens, das ganze Seelenleben so einrichten, dass man nichts, nichts anderes denkt als nur diese eine Vorstellung: Weisheit flutet im Lichte —, dass das ganze Seelenleben, das sonst verteilt ist über Wirklichkeitsvorgänge, Wirklichkeitseindrücke, wechselnde Eindrücke, dass dieses ganze Seelenleben eine gewisse Zeit hindurch festhält diese einzige Vorstellung.

[ 17 ] Ich sagte, es kommt nicht auf den Wahrheitsinhalt an desjenigen, was man in das Bewusstsein stellt. Es kommt nicht darauf an, dass man also in das Bewusstsein stellt irgendetwas Äußeres, Abgebildetes, sondern es kommt an auf die innere Tätigkeit; es kommt darauf an, dass die Seele die Tätigkeit mit besonderer Anstrengung ausführt, in einer erhöhten Willensanstrengung lebt, die Tätigkeit dabei ausübt, die eben notwendig ist, um eine einzige Vorstellung in den Mittelpunkt des Bewusstseins zu stellen, um sie längere Zeit, wenn auch nur minutenweise, festzuhalten.

[ 18 ] Dadurch, dass man diese Übungen immer wieder und wieder macht, durch Monate — nicht lange Zeiten sind dazu notwendig, obwohl diese Zeiten selbstverständlich ganz abhängen von der Seelendisposition, von der Seele des betreffenden Menschen, der diese Übungen vornimmt —, wenn man also mit innerer Anstrengung übt und insbesondere darauf achtet, wie man sich auf diese Weise innerlich in feiner Art in einer Willenstätigkeit bewegt, um diese Vorstellung zu fassen — denn darauf kommt es an —, dann merkt man nach und nach, dass das gesamte Seelenleben sich ändert. Ändert selbstverständlich nur für diejenigen Zeiten, in denen man diese Seelenübungen vornimmt. Das gesamte Seelenleben fühlt nach und nach, dass es sich loslöst — das ist eine innere Erfahrung —, dass es sich loslöst von all dem, worinnen es sonst lebt. Und der Erfolg ist zunächst ein sehr eigentümlicher.

[ 19 ] Der Erfolg ist zunächst der, dass man, wenn man nun versucht — und das muss man versuchen, damit die Übung vollständig ist —, wenn man nun versucht, die Vorstellung, die man in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückt hat, wiederum zu unterdrücken, das heißt: Wenn man aus der Meditation wieder herauskommen will — oder auch schon früher —, dann wird man gerade sehen, wie alle möglichen Vorstellungen aus der Tiefe des Bewusstseins herauf aufsteigen. Ja, man möchte sagen: Niemals hat man so sehr Gelegenheit, zu sehen, welche Unsummen von Vorstellungen da fortwährend eigentlich bestrebt sind, sich über die Schwelle des Bewusstseins heraufzuheben und Macht über die Seele zu gewinnen, wie gerade durch diese Übung. Wenn man nun diese Übung fortsetzt, so tritt eine bestimmte Veränderung ein: Man hat allmählich das Gefühl, dass man sich bewegt in lauter Lebenserinnerungen, in allen möglichen Erinnerungen an das Leben, das man durchgemacht hat, seitdem man angefangen hat zu denken und die Welt zu beobachten in bewusster Weise. Alle möglichen Erinnerungen, die entweder vor kürzerer oder vor längerer Zeit an uns vorübergeflutet sind, sie treten auf; und man fühlt sich so recht — ich möchte sagen — für eine gewisse Zeit als Sklave der auftretenden inneren Seelenreminiszenzen, der Seelen-Erinnerungen.

[ 20 ] Nun muss man sich die Fähigkeit aneignen — und sie kommt gewissermaßen von selbst, wenn man die Übung immer weiter und weiter fortsetzt —, man muss sich die Fähigkeit aneignen, zu beobachten, dass jetzt — wenn es auch Lebenserinnerungen sind, die da auftreten — die Art, wie sie in das Bewusstsein treten, anders wird als sonst Lebenserinnerungen im Bewusstsein auftreten: Traumhaft wird die Lebenserinnerung auftreten. Und eines merkt man vor allen Dingen, das ungeheuer wichtig ist, zu bemerken: Sie haftet jetzt nicht im Gedächtnisse, sie flutet vorüber wie Traumesvorstellung. Man weiß genau: Es sind Erinnerungen aus dem Leben; sie fluten jetzt herauf, aber sie rufen nicht als solche jetzt — dadurch, dass sie jetzt da sind —, sie rufen nicht Erinnerungen hervor. Sie kommen, sie gehen; sie quälen uns, sie machen uns sozusagen zu Sklaven; aber sie rufen als solche nicht neue Erinnerungen hervor, sie sind wie überflutende Träume; aber es ist ein zusammenhängendes Ganzes, ein überflutendes Ganzes.

[ 21 ] Allen diesen inneren Erlebnissen gegenüber muss man nun fortsetzen die Meditation. Man muss immer wiederum solche Übungen machen, wie sie geschildert worden sind. Dadurch erlangt man allmählich die Fähigkeit, Herr zu werden, in dieser Masse — man möchte sagen — von puren Traumerlebnissen, die da hervortreten. Herr wird man über sie. In der Weise wird man Herr über sie, dass man durch den eigenen Willen sie allmählich verblassen machen kann und abdämpfen kann. Und dieser Wille wird gerade durch das Immer-fort-und-fort-Meditieren so stark, dass man wirklich dahin kommt, den Ideellen, den gedachten Raum, in dem diese Vorstellungen auftreten, leer zu machen, wie ein freies Gesichtsfeld zu machen.

[ 22 ] Ja, sehr verehrte Anwesende, was ich jetzt so schilderte, das musste ich zunächst abstrakt schildern; aber es erlebt sich nicht so abstrakt. Das Erlebnis ist ein ungeheuer tiefgehendes. Und das ist das Eigentümliche beim geisteswissenschaftlichen Forschen, dass die Wege, die man einschlagen muss, von bedeutungsvollen, von erschütternden inneren Seelenerlebnissen erfüllt sind. Man kommt nämlich, indem man solche Übungen fortsetzt, in einem gewissen Zeitpunkt dann zu einem Erlebnis, das wahrhaft erschütternd ist; und wenn es eintritt, weiß man: Man ist jetzt zu einem gewissen Punkte gelangt, bis zu dem man gelangen muss, um überhaupt Aussicht zu haben, im geistigen Forschen immer weiter zu kommen. Welches ist nun dieser Punkt?

[ 23 ] Und, sehr verehrte Anwesende, die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, sie ist wirklich nur möglich — ich möchte sagen —, nachdem das ganze naturwissenschaftliche Denken drei bis vier Jahrhunderte der Menschheitsentwicklung sich einverleibt hat, der geistigen Entwicklung der Menschheit sich einverleibt hat. Sie kann im Grunde genommen aus ähnlichen Gründen erst herauftreten, aus denen die Galilei’schen, die Giordano Bruno’schen, die Kepler’schen Errungenschaften in ihrer Zeit erst auftreten konnten. Aber dasjenige, was durch diese Geisteswissenschaft für die Gegenwart und für die Zukunft in einer gewissen Weise gefunden werden muss, das hat immer die Menschenseele beschäftigt. Ich kann in ausführlicher Weise jetzt nicht darüber sprechen, weil es zu weit führen würde, in welcher Weise man etwas, was dieser Geisteswissenschaft ähnlich ist, in früheren Epochen zur Menschheitsentwicklung getrieben hat. Es ging viel unbewusster vor sich, viel instinktiver vor sich, möchte man sagen, wenn ich ein ungenaues, aber doch bezeichnendes Wort wählen darf. Aber aus den Kräften, welche eben die Menschen damals hatten — welche nicht die Kräfte waren, die gewissermaßen für die Menschheitsentwicklung jetzt beginnen —, kamen die Menschen auch schon zu jenem Punkte, den ich jetzt meine, wo man gleichsam am Eingangstore steht in die geistige Welt. Und sie bezeichneten das Erlebnis, das man nun hat — hat an dem Punkte, den ich bezeichnet habe, auch noch heute hat und haben muss —, sie bezeichneten dies, sehr verehrte Anwesende, mit einem Wort, das man wirklich versteht, wenn man die entsprechenden Erlebnisse durchgemacht hat, mit einem schwerwiegenden Worte. Sie sagten: Die Menschenseele kommt in einem bestimmten Punkte ihrer Entwicklung, bevor sie eintreten kann in die geistige Welt, an die «Pforte des Todes».

[ 24 ] Wie gesagt, man lernt verstehen, was dies heißt, wenn man an den Punkt gekommen ist, den ich jetzt meine: In dem Augenblick, da man gekommen ist dahin, die Ihnen geschilderten, traumhaften Seelenreminiszenzen abzublassen, abzudämpfen, kommt man auch dahin, nun zu wissen, dass man gerade deshalb, weil man als Mensch denken kann, seit der Zeit, seit man die Kräfte des Denkens in sich aufgenommen hat, gerade in den denkerischen Kräften — nicht allein in den denkerischen Kräften, aber gerade auch in den denkerischen Kräften — jene Kraft anzusehen hat, welche nach und nach, indem sie sich in dem Menschen entwickelt — allmählich entwickelt oder auch zeitweise plötzlich —, welche den Menschen hineinführt in den Tod.

[ 25 ] Diejenige Kraft der Menschennatur, der leiblichen Menschennatur, diejenigen Kräfte, welche in dieser Menschennatur wirksam sind und welche das Instrument gleichsam sind, das Werkzeug sind für das Herrlichste, das wir im äußeren, im physischen Leben haben: für das Denken —, das sind nicht aufbauende Kräfte, nicht aufbauende Lebenskräfte; die fruchtenden Lebenskräfte, die machen den Menschen eher dumpf, drücken sein Bewusstsein unter das Träumen hinunter. Dass des Menschen Bewusstsein hell bis zum Denken werden kann, das verdankt er dem, dass in ihm Todeskräfte, abbauende Kräfte, zerstörende Kräfte sind. Mit dem, was in der Menschennatur als die todbringenden Kräfte wirkt, mit dem hängt innig zusammen dasjenige, was das leibliche Werkzeug für unser Denken ist.

[ 26 ] Geisteswissenschaft ist in vollständigem Einklange mit der Naturwissenschaft — gerade mit demjenigen in der Naturwissenschaft, sehr verehrte Anwesende, was im Großen und Ganzen Ausbreitung gewinnen wird. Nicht steht Geisteswissenschaft auf dem Standpunkt, dass das Denken, so wie es im gewöhnlichen physischen Leben ausgeübt wird, kein körperliches, kein physisches Instrument braucht. Es braucht ein physisches Instrument. Das heißt: Es braucht, dieses gewöhnliche Denken braucht überall, wo es auftritt, physische Vorstellungen, die sich vollziehen. Das aber sind Abbauvorstellungen. Und in dem Augenblicke, wo man durch die Meditation dahin gekommen ist, das Denken bis zu einem solchen Akte zu [bringen], wie ich ihn geschildert habe, dass man [ablösen] kann die Gedanken, dass man durch das Denken das Denken selber ausbildet, in dem Augenblicke liegt einem mit voller Klarheit vor Augen, wie gerade das gewöhnliche physische Denken an das leibliche Werkzeug — das heißt an die Abbaukraft, an die todbringende Kraft — des gewöhnlichen Gedächtnisses gebunden ist. Man steht — das ist ein inneres Erlebnis — man steht an der Todespforte. Man weiß jetzt, was es heißt: Es gibt im Innern der Seele Kräfte, die sich trennen können von dem Leiblichen, die aber, indem sie sich trennen, auch hinschauen müssen auf dasjenige, was im Leibe todbringend ist.

[ 27 ] Das ist das erschütternde Erlebnis. Das ist dasjenige, was man seit Jahrtausenden in den Kreisen, in denen man von diesen Dingen wusste, bezeichnet als das «Treten an die Pforte des Todes». Aber man hat es, indem man es bis zu diesem Erlebnis gebracht hat, mit derjenigen Kraft, die im Denken lebt — wohlgemerkt, sehr verehrte Anwesende, nicht mit dem Denken, das uns im physischen Leben beschäftigt, sondern mit der Kraft, die darinnen lebt, und die man jetzt herausgelöst hat —, man hat es dahin gebracht, wirklich sich selber gegenüberzustehen. So sind wir aus uns herausgetreten.

[ 28 ] Es darf aber nicht einseitig bei diesem Wege bleiben, den ich eben geschildert habe. Würde es bei diesem Wege allein bleiben, so würde man nur dahin kommen, zu wissen, worinnen man mit seinem Denken lebt, wenn man es losgetrennt hat vom physischen Leibe. Man weiß nämlich, in dem Augenblicke, wo man bis zu dem Punkt gekommen ist, den ich Ihnen geschildert habe, dass man lebt und webt eben in einem feineren Elemente als sonst —, man weiß, was es sonst heißt, mit seinem gewöhnlichen Bewusstsein, mit seinen Augen, seinen Ohren, Gesichts- und Gehörempfindungen zu leben, in seinen gewöhnlichen Gedanken zu leben, man weiß, was dies heißt. Man weiß aber auch, was es heißt: außer diesem zu leben.

[ 29 ] Aber das Festhalten dieses Zustandes ist ein außerordentlich schwieriges. Und weil es schwierig ist, deshalb kann der Mensch zunächst nicht ohne starke, stärkste Willensanstrengungen innerer Natur zu diesem Punkte kommen. Es darf aber eben dieser Weg nicht einseitig bleiben. Und er bleibt nicht einseitig, [allein] durch dasjenige, was wir im Meditieren verrichten schon nicht einseitig. Dadurch, dass wir im Meditieren unseren Willen nicht so anstrengen, dass wir unsere Leibesglieder bewegen, dass wir gehen, dass wir irgendwelche physische Arbeit verrichten oder auch geistige Arbeit verrichten mit dem Gehirn, dadurch, dass wir in dem Meditieren unseren Willen anstrengen, vollziehen wir zugleich eine Willenskultur, eine innere geistige Willenskultur. Und wir gelangen allmählich dazu, unsern Willen auch auf eine ganz neue Weise zu erfühlen, innerlich zu erleben.

[ 30 ] Würden wir das nicht erreichen durch das Meditieren — und wir erreichen es durch das Meditieren, wenn wir es so treiben, wie es zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert wird —, würden wir das nicht erreichen, dass wir unseren Willen gleichsam innerlich in die Hand bekämen, dann würden wir bis zu dem geschilderten Punkte kommen; dann aber würde etwas eintreten wie eine geistige Ohnmacht oder auch wie ein Schlafen. Wir würden in einen unbewussten Zustand hinüberkommen, wir würden nicht unser Ich hinübertragen können in den neuen Zustand.

[ 31 ] Dadurch aber, dass wir zu gleicher Zeit unseren Willen stärken — und wir stärken ihn, wie gesagt, durch jene innere Anstrengung, die im Denken also direkt wirkt, wie es geschildert worden ist — dadurch, dass wir unsern Willen stärken, tragen wir unser Ich hinein in den neuen Zustand, tragen wir ihn hinein in jene feine Leiblichkeit, in der wir [weben und leben] zunächst, wie ich geschildert habe, nach der Abdämpfung und Abtötung der Vorstellungen, was in entsprechender Zeitausdehnung liegt —, wir tragen unser Ich, wir tragen unsern Willen da hinein. Und da tritt nun ein neues erschütterndes Erlebnis, ein erschütterndes Ereignis der Seele ein, das nun wieder durchgemacht werden muss.

[ 32 ] War das erste ein Erlebnis, das uns — wie gesagt — bekannt machte mit dem Todesseelenerlebnis — theoretisch seelisch erlebbarem [Tod] —, bekannt machte mit dem, was man nennen kann «wirklich sterben», so ist das andere, was wir jetzt erleben, dasjenige, was man nennen kann: Man lernt erkennen die Grundlage dessen, was als Schmerz durch die Welt geht, als Schmerz und Leid.

[ 33 ] Daher wird derjenige, der die Wege zu den ewigen Kräften der Menschenseele gegangen ist, immer auch zu sagen wissen von dem, welches die Grundlagen dafür sind, warum Schmerz und Leid durch die Welt fluten und wallen müssen. Denn dieses Hineintragen des eigenen Ich, des eigenen Willen in die neue Welt ist mit einer leidvollen Anstrengung verknüpft, mit einer vollen Anstrengung, die noch dazu verbunden ist mit tiefster, tiefster Einsamkeit. Es ist die übrige Welt wie zunächst versunken. Man ist innerhalb einer weiten, weiten Leere wie mit sich allein. Man hat zunächst nur seinen eigenen Willen und damit sein eigenes Ich in diese Welt hineingetragen.

[ 34 ] Dass alles dasjenige, was sich ins Dasein erschafft, was ins Dasein eintritt, durch die Sphäre des Leides in das Dasein eintreten muss — was einfach ein Weltgesetz ist —, das lernt man jetzt erkennen. Und erkennen lernt man, dass alles dasjenige, was als wunderbare Welt, an Schönheiten und Weisheiten und an sonstigem Nützlichen und Lustvollen die Welt durchpulst, dass das nur so sein kann wie die Blüte, die sich aus der Pflanze heraus erhebt — aber in den Wurzeln sind als Untergrund Leid und Schmerzen.

[ 35 ] Wer das nicht als eine Wirklichkeit anerkennen würde, der stünde auf demselben Standpunkte wie einer, der nicht anerkennen will, dass die drei Winkel eines Dreieckes 180 Grad sind. Wenn etwas ein Dreieck sein will, so müssen die drei Winkel 180 Grad betragen. So auch kann sich alles Große, alles Herrliche, alles Schöne, alles dasjenige, was sich an Harmonischem in der Welt entwickelt, kann sich nur aus dem Element des Schmerzes heraus entwickeln. Und diesen Schmerz der Seele muss man jetzt, wo man in ein Urelement eintritt, wiederum kennenlernen.

[ 36 ] Aber nun tritt allerdings auf diesem Punkt des Erkenntnisweges, sehr verehrte Anwesende, etwas auf, was, wenn man es schildert, ja, ich kann sagen, erst recht wie eine Phantasterei, wie ein Traum erscheint, weil man gewohnt ist, nach dem, was eben heute gilt, solche Dinge hinzunehmen, [wie] wenn sie bildlich gemeint sind, [wie] wenn sie irgendetwas allegorisch darstellen. Aber so, wie ich sie hier geschildert habe, stellen sie etwas dar — so stellen sie wirkliche, reale innere Seelenerlebnisse dar, Wirklichkeiten dar in einem noch höheren Sinne, wie die äußeren Wirklichkeiten des physischen Raumes und der physischen Zeit sind.

[ 37 ] Dasjenige, worauf man jetzt kommt, das ist: Man lernt erkennen, dass allem Willen — und man hat ja den Willen jetzt herausgetragen in ein ganz anderes Gebiet, in das Gebiet — nun lassen Sie uns das aussprechen, ich glaube, man braucht sich an Ausdrücken nicht zu stoßen —, in das Gebiet des ätherischen Erlebens.

[ 38 ] Nachdem man den Willen nun da herübergetragen hat, seinen eigenen Willen, lernt man erkennen, dass diesem Willen, der im Menschen waltet, nun etwas zugrunde liegt, was man den eigentlichen geistig-seelischen Wesenskern des Menschen nennen kann, was aber nicht früher zur äußeren Anschauung oder auch zur inneren Anschauung kommt — man kann sagen äußerlich in Bezug auf seine Objektivität, innerlich in Bezug auf uns selber —, was nicht anders zur Anschauung kommen kann, als dadurch, dass man [die Abdämpfung der Gedanken in der geschilderten Form vollzogen hat]. Jetzt merkt man, dass in alle dem Willen, der durch unsere Hände, durch unser Gehen, durch all unsere Arbeit, durch alle unsere Sehnsucht waltet, dass in allem diesen Willen ein Kern darinnen ist, aber ein solcher Kern, der Bewusstsein hat, der ein Wesen ist.

[ 39 ] Das ist das Unglaubliche, sehr verehrte Anwesende, aber es ist eben wahr: Man entdeckt jetzt ein anderes Bewusstsein in sich, einen inneren Zuschauer — aber wie gesagt, man versteht das nur, wenn man die Sache nicht für ein Bild, sondern für eine Realität nimmt —, man entdeckt in sich einen inneren Zuschauer, den man immerfort in sich trägt, der auch handelt, der ein eigenes Bewusstsein hat.

[ 40 ] Und diesen Zuschauer, wenn man ihn entdeckt — entdeckt im Lichte desjenigen, was man selber erst hergestellt hat durch seine Meditation —, der nur in diesem neuen Element, in dieser neuen Sphäre erscheinen kann, diesen inneren Zuschauer erkennt man als dasjenige, das vorangegangen ist unserer Geburt, oder sagen wir, unscrer Empfängnis, und [man erkennt,] dass wir durch die Pforte des Todes schreiten, wenn wir einmal physisch durch den Tod gehen.

[ 41 ] Man hat auf diese Weise entdeckt, sehr verehrte Anwesende, das Element, die geistige Welt, in der unser innerer Mensch leben kann, und man hat entdeckt dasjenige, was dieser innere Mensch selber ist. Es ist etwas ganz, ganz Neues. Und von jetzt ab lernt man erkennen, in der geistigen Welt zu schauen. Und man muss sagen: Alles ist nur eine Vorbereitung. Das Schauen, das kann nur von selber kommen. Denn, was man so vorgenommen hat, es war alles nur Vorbereitung. Es war so wie dasjenige, was die Natur vorgenommen hat, um uns ein Auge zu geben. Und wenn das Auge einmal da ist, dann schaut es. Wir haben das innere Auge gebildet. Wir haben das innere Sehorgan, das geistige Auge; auch das Geistgehör — um diesen Ausdruck Goethes zu gebrauchen. Wir haben die Welt, in die wir versetzt haben unsern inneren Zuschauer, in die Sphäre, die wir selbst jetzt geschaffen haben. Wir leben jetzt in der geistigen Welt, und dieser Zuschauer im Menschheitlichen fängt an, zu sehen, schaut dasjenige, was immer in der Geistwelt um uns herum ist, was aber von dem gewöhnlichen Menschenbewusstsein nicht wahrgenommen werden kann; wie [auch derjenige], der noch [ohne] physische Beobachtung keine Ahnung hat, dass Luft um ihn herum ist, auch glauben kann, dass der Raum um uns herum leer ist, so umgibt uns die geistige Welt, so lebt sie um uns herum.

[ 42 ] Aber es muss erst das Organ, das geistige Auge, das geistige Ohr da sein. Und zur Vorbereitung, zur Zubereitung desselben muss alle Denkkraft, müssen alle diejenigen Kräfte, die wir sonst in der gewöhnlichen Wissenschaft und bei dem gewöhnlichen Leben bis zu einem Ziel anwenden, sie müssen zur Vorbereitung angewandt werden.

[ 43 ] Daher tritt auch das Eigentümliche ein, sehr verehrte Anwesende, dass, so sonderbar es klingt: Während den gewöhnlichen äußeren Erscheinungen gegenüber die Augen sehen, die Ohren hören — kurz: die Sinneswahrnehmung —, der gewöhnliche Verstand kombiniert, während man diese Erscheinungen zuerst anschauen muss, und dann versteht, während man da nachdenkt, nachbeobachtet im Denken, muss man gegenüber demjenigen, was man in der geistigen Welt erlebt, zuerst verstehen, zuerst den Begriff haben, und dann kann man, wenn man es verstanden hat, wenn man es begriffen hat, dann kann man das Schauen gewinnen. Dann kann man hineinschauen in die geistige Welt.

[ 44 ] Sehr verehrte Anwesende, nachdem ich Ihnen in positiver Weise geschildert habe, wie der Mensch seine Seele zubereiten kann, damit er wirklich, wie er mit den gewöhnlichen physischen Augen die physische Welt schaut, mit einem erweiterten geistigen Auge und geistigem Ohr die geistige Welt wahrnehmen kann, nachdem ich Ihnen dies geschildert habe, sehr verehrte Anwesende, möchte ich auch aufmerksam machen auf all die Bedenken, die mit Recht dem, was ich gesagt habe, gegenübergestellt werden. Und es stehen nicht nur logischerweise, sondern auch praktisch der Sache ganz bedeutsame Bedenken gegenüber.

[ 45 ] Nehmen wir nur einmal die Tatsache, dass wir uns mit unserem Denken in der Meditation, in der Konzentration bis zu einem gewissen Punkte hin zu entwickeln haben, und dass wir dann das, was wir da entwickelt haben in unserer Seele, für irgendetwas Maßgebliches ansehen, um in eine andere Welt hineinzukommen.

[ 46 ] Wie gesagt, Geisteswissenschaft will in keinem Punkte im Widerspruch sein zu der Naturwissenschaft, wenn sie richtig verstanden wird. Allein der Naturforscher, der noch nicht zum richtigen Verständnis der Geisteswissenschaft, namentlich ihrer Welt emporgedrungen ist, der wird nun mit Recht, mit vollem Recht — ich betone es ausdrücklich — einwenden: Ja, Du Geistesforscher, was gibst Du Dich für Illusionen hin? Du glaubst, Du hast durch Deine Konzentration, durch Deine Meditation Dein Denken in einer gewissem Weise entwickelt, dass es etwas ganz Neues wahrnehmen kann. Du weißt ja eben nicht, wie viel Unbewusstes, wie viel Dunkles im Seelenleben des Menschen vorhanden ist. Das nimmst Du alles mit auf Deinem Gedankenweg. Denke nur einmal nach, wie es der Naturforscher weiß oder wissen kann, wie durch die besonderen Dispositionen des Nervensystems, wie durch alles dasjenige, was durch unsere Vererbungsverhältnisse unserem Nervensystem wie angeboren ist, wie durch das der Mensch ganz bestimmte Dispositionen, von denen er nichts weiß, Gedankenrichtungen, Gedankenneigungen in sich trägt, wie er diese mitschleppt. Ist es denn da nicht ganz. selbstverständlich, dass man, wenn man also sein Denken gleichsam dressiert, man könnte auch sagen: malträtiert, dass man dann etwas scheinbar Neues zwar wahrnimmt, aber in Wahrheit wirklich nur etwas, was im unbewussten, unterbewussten Seelenleben längst gewartet hat, und nur deshalb als etwas Neues ausschaut, weil es früher nicht zum Bewusstsein gekommen ist, früher nicht die Schwelle des Bewusstseins überschritten hat? — Und der Geistesforscher muss ausdrücklich solche sachlichen Einwände des Naturforschers als berechtigt anerkennen. Und sie sind sogar sachlich berechtigt; denn diejenigen Menschen, die auf leichte Art, ohne die sorgfältige Art desjenigen, was zum Beispiel als die geisteswissenschaftliche Meditationsmethode in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ausgeführt ist, die ohne die sorgfältige Beobachtung dieser Methode leicht in die geistige Welt eintreten wollen, die kommen sehr leicht dazu, zu glauben: Sie sehen etwas ganz Neues. Sie erzählen dann von allen möglichen Dingen, aber sie haben nichts vor sich als ihre Illusionen, als dasjenige, was sie aus ihrer eigenen Seele herausgebären, aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht wissen, dass sie das schon früher in den Seelen gehabt haben, und es nur jetzt, durch ihre Anstrengungen herausstellen.

[ 47 ] Solche Menschen, die auf leichte Weise in die geistige Welt hineinkommen wollen, werden nicht selbst Forscher, sondern Illusionäre. Sie geben sich jeder Gelegenheit hin, die ihnen allerdings als etwas Neues erscheinen muss. Also nicht nur eine theoretische, nicht nur eine logische Art, sondern eine praktische Art ist nötig. Aber darauf kommt es erstens an, dass der Geistesforscher in der Lage ist, sorgfältig Schritt für Schritt seinen Forschungsweg zu prüfen, und dass ihn sein Forschungsweg gerade dahin führt, zu überschauen nach und nach, was im Laufe des Lebens in sein Seelenleben hereingetreten ist; und dass er dazu gelangt, alle die auftretenden Vorstellungen abzudämpfen, abzutöten — darauf kommt es an. Denn indem man diesen Akt wirklich üben lernt und ihn erkennen lernt, handhaben lernt innerlich, dämpft man nicht nur die bewussten Vorstellungen, die da heraufkommen, ab, sondern man weiß ganz genau: Man dämpft auch alle unbewussten Vorstellungen ab; man überwindet das Denken im Denken.

[ 48 ] Was ist das? Das lässt sich allerdings nur erleben, nur erfahren. Aber es kommt alles darauf an, dass eben die Dinge erfahren und erlebt werden — so wie ja auch im Äußeren eben alles darauf ankommt, dass man die Wahrheit erlebt.

[ 49 ] So also, sehr verehrte Anwesende, ist dasjenige, was von dieser Seite von der Naturwissenschaft eingewender wird, zunächst voll berechtigt. Es muss aber auch noch anderes gesagt werden. Der Naturforscher wird sagen: Ja, sich einmal, wir kennen ganz gut jene krankhaften Seelenzustände, wo der Mensch glaubt, eine besondere Schau zu haben. Aber wir kennen die körperlichen, die physischen Veranlassungen, die einen zu Illusionen, zu Halluzinationen führen; dasjenige, was Du da vorbringst, das sind nur feinere Illusionen, feinere Halluzinationen. Das muss gesagt werden, sehr verehrte Anwesende, dass mit dem, was in dieser Weise der Naturforscher spricht, der Geistesforscher voll einverstanden ist. Denn gerade durch die Wege, die er einschlägt, und die ich Ihnen, wenigstens prinzipiell, geschildert habe, wird alles dasjenige gerade überwunden. Man lernt es erkennen und überwindet es: Was im gewöhnlichen Sinne, im abergläubischen oder sonstigen gewöhnlichen Sinne Hellsehen genannt wird. Und wenn man das Schauen mit den geistigen Augen und geistigen Ohren, wie ich es geschildert habe, ein Hellsehen nennen will, so muss man etwas ganz anderes unter Hellsehen verstehen, als im gewöhnlichen Leben so sehr häufig verstanden wird, und das leichten Herzens so oft als etwas anerkannt wird, was in besonders geistige Welten hineinführen kann, all dasjenige, was da als Halluzination, als Illusion auftritt, und was auch dem gewöhnlichen Hellsehen zugrunde liegt, das ist nicht, sehr verehrte Anwesende, ein Heraustreten mit dem Seelenkern aus dem Leibe, sondern das ist ein viel gründlicheres Gebundensein an den Leib, als das gewöhnliche, alltägliche Leben des gesunden, normalen Menschen ist.

[ 50 ] Und dasjenige, was oftmals im gewöhnlichen Leben Hellsehen genannt wird, das führt nicht zu dem, wozu, wie wir hören werden, dieses wahre Hellsehen führt, von dem ich heute zu reden habe, sondern das führt dazu, dass man lernt — während man mit dem gewöhnlichen gesunden Denken dasjenige erkennt, was günstig ist für den Menschen zwischen Geburt und Tod —, durch dieses Hellsehen, welches durch krankhafte Organisation die Seele enger bindet an den Leib, als sie sonst gebunden ist, man lernt etwas erkennen, was eine viel geringere Bedeutung hat: Man lernt nichts Ewiges der Menschenseele erkennen, sondern im Gegenteil etwas viel Zeitlicheres, als man mit dem gewöhnlichen, alltäglichen Denken erkennen lernt. Daher sind diese Erkenntnisse viel weniger wert als beim gewöhnlichen, alltäglichen Denken. So wie man abhängig wird dadurch, dass man, sei es irgendwo, auch nur den kleinsten Schmerz hat, abhängig wird vom Leibe, so wird, wenn irgendeine krankhafte Veranlagung im Leibe vorliegt, das innere Seelenleben gerade darauf konzentriert. Und man lebt, wenn ich mich grob ausdrücken darf, in einem kleineren Stück, in einem kleineren Teil der Leiblichkeit; während man mit dem gewöhnlichen Denken in der ganzen Leiblichkeit lebt.

[ 51 ] Aber — ich möchte sagen — das wach in die geistige Welt hineinführende Hellsehen, das führt eben gerade aus dem Leiblichen heraus. Deshalb ist es erst da, wenn dieses Leibliche wie ein Außending — wie andere Außendinge, neben uns, außer uns —, in der Weise, wie ich es geschildert habe, beobachtet werden kann.

[ 52 ] Wenn man nun, sehr verehrte Anwesende, so weit gekommen ist, dass man diesen inneren Zuschauer, den ich geschildert habe, diesen inneren Seelenkern wirklich erlebt, innerlich erlebt, dann lebt man in einer geistigen Welt. Vor allen Dingen lebt man in derjenigen geistigen Welt, die unsere Welt ist vor unserer Geburt — oder sagen wir, vor unserer Empfängnis und nach unserem Tode.

[ 53 ] Und jetzt gibt es nicht dasjenige, was man im gewöhnlichen Sinne einen Beweis nennt für die Unsterblichkeit, sondern jetzt gibt es eben für den Geistesforscher das Erfahren dieser Unsterblichkeit, und man lernt diesen Seelenkern kennen.

[ 54 ] Ja, sehr verehrte Anwesende, wenn man sonst kennenlernt dasjenige, was diesem Seelenkern entspricht, dann lernt man es in einer sehr ungeeigneten Weise. Denn, was ist denn dieser Seelenkern? Ist er sonst auch irgendwie da im Menschen?

[ 55 ] Sehen Sie, dasjenige Bewusstsein, das eigentlich kein Bewusstsein ist, das der Mensch hat vom Einschlafen bis zum Aufwachen, das lebt in diesem Seelenkern, und lebt in dem, was der innere Zuschauer ist. Nur ist das Bewusstsein so gering vom Einschlafen bis zum Aufwachen, dass es eben kein Bewusstsein ist; das heißt, die Vorstellung, alles das, was der Mensch da innerlich erlebt, ist so dumpf, dass eben Unbewusstsein darüber ausgegossen ist. Und durch die Anstrengungen, die man gemacht hat, gelangt man dazu, willkürlich, nicht nur im Schlafe, sondern willkürlich dasselbe aus dem Leib herauszuziehen, was sonst nur im Schlafe durchlebt wird [und wo] man unbewusst als Geist unter Geistern, unter seelisch-geistigen Wesen lebt, [und wo man] jetzt bewusst drinnen lebt.

[ 56 ] Deshalb darf der Geistesforscher, weil er sein Denken so fühlen kann, dass das in der feineren Leiblichkeit drinnen lebt, wie ich es geschildert habe, und dass er lebt, indem er seinen Willen fühlt und den Willen kennenlernt, in dem, worinnen der Mensch unbewusst lebt im Einschlafen und Aufwachen —, deshalb darf der Geistesforscher von dem feineren Leibe, und er darf auch von den anderen Leib sprechen, welcher sich getrennt von der Leiblichkeit im Schlafe erleben lässt. Aber man lernt es im Schlafe so kennen, dass man weiß gewissermaßen — ich muss es jetzt bildlich ausdrücken, obwohl das alles in ganz wissenschaftlichen Formen auszudrücken ist, das würde aber jetzt zu weit führen —, dass, wenn dieser innere Seelenkern — das, was im Schlafe außerhalb des Leibes ist, außerhalb des physischen Leibes ist —, anstößt an den physischen Leib, dann entwickelt sich das, was eigentlich in dem Seelenkern [...] lebt, im Seelenkern des Menschen lebt als Träumen, und er spiegelt vor das, was eben Traumerscheinungen sind, Lebensreminiszenzen sind oder dergleichen.

[ 57 ] Das ist aber nicht dasjenige, was eigentlich in dem Seelenkern wirklich lebt. Wenn er außerhalb des Leibes — wie es durch dir Geistesforschung geschehen kann in der angedeuteten Weise —, erlebt wird, dieser Seelenkern, da weiß man, was dieser Seelenkern ist.

[ 58 ] Ja, was ist er denn? Dasjenige, was durch die Pforte des Todes geht, dasjenige, was unsere Lebensfrüchte sind, dasjenige, was wir denken, fühlen und vollbringen, und was in unserem Denken, Fühlen und Vollbringen zwischen unserer Geburt und dem Tode sich als Früchte, als Keime zubereitete, das durch die Pforte des Todes trägt.

[ 59 ] Und wenn man nun so schaut auf die Weise, wie es beschrieben worden ist, so merkt man aus all dem, was im gewöhnlichen Leben nicht zum Bewusstsein kommt, was aber in unserem Innern sich so entwickelt, wie der Pflanzenkeim in der Blüte sich entwickelt, um zur nächsten Pflanze zu werden, so gewiss, wie man weiß, dass die Natur des Pflanzenkeims so ist, dass er wieder eine Pflanze entwickeln kann, so weiß man, dass, was da als nur ein Beobachter, als dieses zweite Wesen, als der andere Mensch in dir lebt, was da drinnen ist, das ist der Keim zu einem neuen Erdenleben. Man weiß, das braucht nur durch eine Zeit der Entwicklung im geistigen Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchzugehen, und es entwickelt sich so wahr, was zum einzelnen Erdenleben sich entwickelt, wie sich wahr entwickelt der einzelne Pflanzenkeim zu einer neuen Pflanze. Nur dass da in der äußeren physischen Welt für den Pflanzenkeim Hindernisse sein können in seiner Entwicklung; während in der geistigen Welt jedenfalls für den Seelenkern keine Hindernisse, keine Hemmnisse sein können, sondern er unter allen Umständen wiederum eintreten wird in ein anderes Erdenleben!

[ 60 ] [Und während die gewöhnliche Erinnerung — von der man merkt, sagte ich, wenn so die Erinnerungsvorstellungen auftreten, wie man diese Vorstellungen dann abdämpfen kann] —, während diese gewöhnliche Erinnerung aufhört, während man sich gleichsam von allen Erinnerungsvorstellungen in dem Augenblicke, wo man die Vorstellungen abgedämpft hat, wie ausgehöhlt empfindet, treten jetzt auf diejenigen Vorstellungen, die einen wissen lassen: Vor Deiner Geburt, respektive Empfängnis, warst Du in der geistigen Welt. Du bist aus dieser heruntergestiegen; Du bist als physischer Mensch nicht ein Produkt bloß vom väterlichen und mütterlichen Element, sondern mit dieser Zweiheit hat sich ein Drittes aus der geistigen Welt hinunterverbunden, und mit dem Väterlichen und Mütterlichen und mit der Vererbungsströmung dasjenige, was aus Deinem früheren Erdendasein herkommt. Die wiederholten Erdenleben werden auf diese Weise durch innere Forschung eine — wie der Geistesforscher sagen kann —, eine Gewissheit, wenn auch diese Gewissheit eine anders wahrgenommene ist, als die des Naturforschers. Sie werden eine wissenschaftliche Wahrheit, die wiederholten Erdenleben, die im neueren Geistesleben zuerst wiederum für Lessing in einer so genialen Weise aufgeblüht sind, diese wiederholten Erdenleben.

[ 61 ] Das zeitigt dann Ergebnisse zu den anderen Ergebnissen der Entwicklungswissenschaft hinzu; die werden einverleibt werden durch die Geisteswissenschaft der geistigen Entwicklung der Menschheit. Aber nicht nur in dieser Weise, dass man einsieht, das Menschenleben geht durch wiederholte Erdenleben, kommt man in die geistige Welt hinein, sondern man erlangt wirklich die Möglichkeit, in der geistigen Welt zu forschen.

[ 62 ] Nur muss man sich damit bekannt machen, sehr verehrte Anwesende, dass dieses Forschen in der geistigen Welt andersartig ist als in der physischen Welt. Auf das muss ganz besonders hingewiesen werden. Derjenige, der zunächst hört davon, dass es ein wahres Hellsehen gibt, ein Hineinschauen in die geistige Welt, der glaubt, wenn der Geistesforscher nun so hineinleuchtet in die geistige Welt, ja, dann, dann hat er die geistige Welt in solchen Eindrücken vor sich, wie der physische Mensch die äußere physische Welt vor sich hat.

[ 63 ] Ja, sehen Sie, davon kann nicht die Rede sein, sehr verehrte Anwesende! Die geistige Welt ist realer als die physische; aber sie ist nicht so, wie die physische. Während in der physischen Welt die Dinge sich draußen ausbreiten und dann in unsere Gedanken hereinkommen, also durch unsere Sinnesorgane in unser Bewusstseinsfeld hereintreten, treten die geistigen Wesenheiten, in deren Sphäre wir durch die geistige Forschung hineinkommen, sie treten durch unser Willenselement herein, das aber nicht eine Macht hat von jener Willkür, die etwa auftreten würde, wenn nur das Geist wäre, was eben der äußere Naturforscher kennt. Und da ich, wie gesagt, nicht im Nebulösen herumreden will, sondern immer im Konkreten, sehr verehrte Anwesende, so möchte ich nicht davor zurückschrecken, auch Andeutungen darüber zu machen, wie solche geistigen Erlebnisse nun vor sich gehen, gegenüber dem gewöhnlichen Hellschen.

[ 64 ] Ich weiß sehr wohl, dass ich, indem ich solche Mitteilungen mache aus dem konkreten Gebiet der Geistesforschung heraus, mich nun noch mehr als mit dem schon Gesagten dem aussetzen muss, restlos aussetzen muss, dass solche Dinge wie Phantasien, wie Träume angesehen werden; allein sie sind es nicht. Sie sind es in dem Sinne nicht, wie des Kopernikus’, wie des Galileis Ideen nicht Phantasterei waren, trotzdem sie deren Zeitgenossen dafür anschauen mussten. Denn ebenso wie Galilei, wenn er es auch nicht wirklich gesagt hat, der Angabe nach gesagt hat: «Und sie bewegt sich doch!» — so muss der Geistesforscher sagen gegenüber all den Einwänden, die vorgebracht werden gegen das Hineinschauen in die geistige Welt: Und sie, die Seele, die Menschenseele, sie schaut trotzdem in die geistige Welt hinein! Sie lernt erkennen, dass in unserer Umgebung Geistiges ist, wie Physisches ist —, nur dass es auf eine andere Weise, auf einem wahrhaft hellseherischen Wege in unser Bewusstsein hereinkommt.

[ 65 ] Ein Beispiel: Es ist ja selbstverständlich, sehr verehrte Anwesende — das tut man nicht aus Unbescheidenheit, sondern weil es so sein muss —, man muss aus der eigenen Erfahrung heraus solche Beispiele geben aus dem weiten Felde, das wir ja betrachten konnten. [Ich will] eine einfache Tatsache mitteilen.

[ 66 ] Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, derjenige, der zunächst in der physischen Welt dies oder jenes zu tun hat, zu dem eine gewisse geistige Kraft notwendig ist, die er denkt vielleicht erzielen zu können, auch in einem gewissen eingeschränkten Gebiet, der übt solche Tätigkeit intensiv, und er ist sich nicht mehr bewusst, als dass er es intensiv übt. Solches Fühlen hört allerdings beim Geistesforscher auf. So zum Beispiel kann es einem vorkommen, dass man in einer bestimmten Zeit irgendetwas zu verrichten hat, um irgendetwas Künstlerisches zu organisieren. Wenn man nun nötig hat, dieses Künstlerische zu organisieren, so muss man das aus dem Innern seiner Seelenkraft hervorholen, möchte ich sagen, wenn auch in eingeschränkt bescheidenem Maße: erfinderische Kräfte, Kräfte, die etwas zusammenforschen, was noch nicht da ist. Man muss in einer gewissen Weise produktiv werden.

[ 67 ] Wie ich selber einmal in einer solchen Lage war, da trat so lebendig vor meine Seele, wem eigentlich etwas Bestimmtes an dieser Tätigkeit zu danken ist. Vor Jahren, sehr verehrte Anwesende, starb eine befreundete Persönlichkeit, die im Leben einem nahe gestanden war, eine Persönlichkeit, die in ihrer ganzen Seelenentwicklung voll künstlerisch war. Sie ist durch die Pforte des Todes gegangen. Mit einer Seele, mit der man im Leben in Verbindung gestanden hat — so lehrt die Geisteswissenschaft —, man bleibe mit ihr in Verbindung, ob es nun unbewusst ist, wie es für den Nichtgeistesforscher sein muss, oder bewusst, wie es für den Geistesforscher werden kann. Nach Jahren, als eine bestimmte Tätigkeit, in der gerade einlaufen konnte dasjenige, was diese andere Persönlichkeit zu den eigentümlichen Kräften ihrer Seele zählte, von mir zu erfüllen war, da wusste ich: In alle dem, was ich da vollbringen, vollziehen konnte, lebt dasjenige, was hinunterströmt von jener Seele! — Allerdings, um das zu beobachten, sehr verehrte Anwesende, gehört dazu, dass man alle Kriterien anzuwenden vermag. Selbstverständlich weiß ich, dass der Naturforscher oder derjenige, der eine naturwissenschaftliche Weltanschauung allein schätzt, sagen kann: Na ja, das ging in deine Seele über; das trat dann aus deiner Seele heraus. — Solange kann man so reden, als alle Anwendung nebulos bleibt. [Wenn man aber so die Kräfte von der verstorbenen Seele anschlagen sieht wie ein Einströmen in die gesteigerte Willenskraft und diese dann ins Bewusstsein hebt, wenn man das so ansieht], es anschaut, wie man anschaut dasjenige, was man vor Augen hat, als erlebte Wahrheit, dann, sehr verehrte Anwesende, dann gibt es kein Leugnen der geistigen Welt und des Zusammenhängens der menschlichen Seele mit ihr, ebenso wenig, wie es eine Möglichkeit gibt, die äußere physische Welt zu leugnen, wenn man sie mit Augen sieht.

[ 68 ] Und so wird einem dasjenige, was jetzt nicht durch äußere, sondern durch innere Organe in das Bewusstsein hereintritt, zum Inhalt einer konkreten geistigen Welt — einer geistigen Welt, in welcher nicht nur die Toten, die sogenannten Toten sind, sondern in welcher auch andere Geistwesen sind, die an der Weltentwicklung mitwirken und in ihr leben, ins physische Dasein hinuntersteigen, deren Genosse man gewissermaßen wird, wenn einmal in der eben geschilderten Weise die geistigen Augen und die geistigen Ohren geöffnet sind.

[ 69 ] Immer wieder und wiederum muss betont werden: Gewiss, für unsere Zeit muss also das vielen phantastischer, lächerlicher erscheinen, als erschienen hat den Menschen, die einmal geglaubt haben, die Erde steht still, und die Sonne bewegt sich herum, und der ganze Sternenhimmel, [und] die [dann] von Kopernikus gehört haben: Das muss anders sein. Aber dasjenige, was einmal eine Träumerei, ein Phantastisches ist — so geht es schon einmal im Weltengange —, wird später eine Selbstverständlichkeit, wie für die Menschheit dasjenige, was ihr vorher auch paradox erschienen war, eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Und derjenige, der drinnen steht in diesen neuen Forschungsergebnissen, der weiß, dass dieses Reden von der geistigen Welt einmal eine Selbstverständlichkeit werden wird.

[ 70 ] Man ahnt gar nicht, was Denkgewohnheiten ausmachen, was das ausmacht, dass man nicht gewöhnt ist, eine solche Sache überhaupt ins Auge zu fassen. Aber auch auf andere Dinge erstreckt sich dann die geistige Forschung, und ich will aus dem weiten Gebiet noch ein Beispiel herauswählen.

[ 71 ] Wir sehen ja, sehr verehrte Anwesende, nicht bloß durch die Pforte des Todes gehen Menschen, die sozusagen ihr Leben voll ausgereift haben; wir sehen Menschen durch die Pforte des Todes gehen in früher Jugend; wir sehen Menschen durch die Pforte des Todes gehen — in unserer Zeit tritt uns das besonders schmerzlich vor die Seele — nicht dadurch, dass gleichsam die inneren, todbringenden Kräfte sie in den Tod senden, sondern dass sie durch äußere Veranlassungen, durch äußere Gewalt, durch eine [Gewehr-]Kugel oder dergleichen durch die Pforte des Todes gehen.

[ 72 ] Wenn der Geistesforscher seinen Blick richtet auf diese sogenannten frühen Tode, die da eintreten, dann gelangt er zu einer Anschauung, zu einer Erkenntnis, die auch diese frühen Tode sinngemäß in der Welt erscheinen lässt.

[ 73 ] Wir machen es ja schließlich in der Naturwissenschaft nicht anders: Wir sehen getrennte Tatsachen; wir suchen sie in ihrem Wesen zu erkennen und einen Zusammenhang darinnen zu finden. So macht es auch der Geistesforscher mit dem, was er nun geistig erkennt. Und wenn der Geistesforscher, geführt durch seinen inneren Weg, ein bestimmtes Stück des geistesforscherischen Weges getan hat, dann wird man, wenn — ich möchte sagen — die inneren Verhältnisse günstig sind, die inneren Seelenverhältnisse, auf gewisse innere Tatsachenzusammenhänge geleitet. Konzentriert man sich auf einen bestimmten Tatsachenzusammenhang, so wie man überhaupt sich das Meditieren angeeignet hat, dann treten einem andere Tatsachenzusammenhänge vor die Seele, vor das geistige Auge, und man erkennt das Verhältnis dabei.

[ 74 ] So kann sich der Geistesforscher konzentrieren — aber wie gesagt, erst dann, wenn er die Wege durchgemacht hat, die geschildert worden sind heute —, so kann er sich konzentrieren auf dieses: Durch gewaltsame Mittel, durch einen Schuss oder Ähnliches geht ein Menschenleben in früher Jugend physisch zugrunde. Eine Seele geht so durch die Pforte des Todes, dass nicht diejenigen Kräfte, die innerlich im Organismus wirken, sich ausgewirkt haben und vom Inneren des Organismus heraus den Tod herbeiführten, sondern durch Gewalt von außen, durch ein Unglück und dergleichen, geht ein solches Menschenleben zugrunde, geht durch die Pforte des Todes. Wenn man sich darauf konzentriert — aber wie gesagt, mit den Kräften, die man sich angeeignet hat auf dem geistesforscherischen Wege —, dann tritt einem eine andere Tatsache vor die Seele, und man erkennt den Zusammenhang dieser zwei Tatsachen.

[ 75 ] Und diese andere Tatsache ist diese, dass uns ja schon im gewöhnlichen Menschenleben zweierlei auf einem gewissen Gebiet entgegentritt. Wir beobachten Kinder, die aufwachsen. Wir sind zum Beispiel Erzieher oder Lehrer dieser Kinder. Wir wissen ganz genau: Wir strengen uns an, um das oder jenes in dem Kind heranzubilden. Wir werden dies oder jenes Wissen durch dies oder jenes anstreben, das aus der kindlichen Seele heraufwill. Aber bei manchen Kindern, die wir unterrichten, die Anlagen dazu haben, gelehrter, begabter zu werden, gescheiter zu werden, als wir als Lehrer, als Erzieher selber sind, bei denen merkt man, dass da etwas aus unbestimmten Tiefen heraufkommt, was bescheiden sein kann bei dem einen Kinde, was die Anlage zu einer genialen Kraft bei einem andern Kinde sein kann. Wir sehen im Kleinen und im Großen geniale Kräfte aus der Menschenseele heraufkommen. Und nun merkt man den Zusammenhang dieser scheinbar weit auseinander liegenden Tatsachen. Dasjenige, was in einem späteren Zeitraume, oftmals nach Jahren, wirkt, in irgendeinem Kinde in besonders genialen Kräften zum Vorschein kommt, das ist ja durchgegangen durch die geistige Entwicklung, durch die unsichtbare geistige Entwicklung und hat ihre Ursache in dem gewaltsamen Tode, der durch äußere Gewaltmittel herbeigeführt werden kann. Nicht bei derselben Seele braucht das zu sein; sondern irgendein Mensch geht zugrunde. Das, was er da durchmacht, indem seine Seele auf diese Weise gewaltsam dem Leib entrissen wird, das teilt sich der rein geistigen Welt mit, und wird verwoben mit einer Menschenseele — mit einer ganz anderen Menschenseele kann es verwoben werden —, die in dem Leben ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt! Und diese Seele bringt diese Kraft, die gerade aus einem solchen Tode kommt, mit in das neue Leben. Und diese Kräfte treten als geniale Kräfte auf.

[ 76 ] Das muss nicht immer so sein, sehr verehrte Anwesende, muss nicht immer diese Ursache haben! In der Zukunft der Erdenentwicklung wird es vielleicht ganz anders sein, wenn sich geniale Kräfte entwickeln. Aber für das Leben, das wir überblicken können, ist das zunächst bloß ein merkwürdig geheimnisvoller Zusammenhang, sehr verehrte Anwesende, ein Zusammenhang, der allerdings Erkenntnisse gibt, die wirklich derart sind, dass man sagt: Geisteswissenschaft liefert Erkenntnisse, die uns bringen Anschauungen über den Sinn des Lebens — auch über den Sinn des Lebens, wenn dieses Leben an den einzelnen Stellen besonders schwer, besonders schmerzvoll uns berühren muss. Auch dem Schmerze, auch dem Leide können wir als sinnvollen Erscheinungen im Leben also nachforschen. Und Geisteswissenschaft führt zu einem gewissen höheren Standpunkt — obwohl sie nicht da ist, um aus den Menschen Flachlinge, oberflächliche Menschen zu machen, die über Schmerz und Leid hinaus sind. Nein, Schmerz und Leid müssen ja eben empfunden werden, sonst können sie nicht zur Ursache werden, die jetzt aus ihnen hervorgeht. Wenn man glauben würde, dass Geisteswissenschaft für die Schmerzen und Leiden abdumpfen würde, würde sie ja die Schmerzen aus der Welt schaffen, und es würde nicht das entstehen, was aus dem Schmerz, aus dem Leid entstehen soll. Nein — abdumpfen nicht! Aber von einem gewissen höheren Standpunkte aus zeigen, wie auch Schmerz und Leid sich einfügen in den Sinn des Lebens, das will die Geisteswissenschaft.

[ 77 ] Noch auf einen Punkt muss ich zum Schlusse, sehr verehrte Anwesende, aufmerksam machen: Wie es ein absolutes Missverständnis ist, wenn man glaubt, dass Geisteswissenschaft in irgendeinem Missklang in ihren Anschauungen stehe mit der Naturwissenschaft! Nein, Geisteswissenschaft erkennt alles dasjenige, was sie ihrerseits leistet, vollständig an, erkennt auch dasjenige, was die experimentellen Seelenforschungen leisten, vollständig an. Geisteswissenschaft ist viel mehr im Frieden mit diesen anderen Wissenschaften, als diese anderen Wissenschaften im Frieden sein wollen mit der Geisteswissenschaft. Es gibt eine Seelenwissenschaft, welche durch allerlei Nachdenken herausfinden will — und viele glauben heute auch in denjenigen Kreisen, die die öffentliche Psychoanalyse, Seelenwissenschaft treiben, glauben in dieser Weise, dass man durch die Beobachtung des Denkens, Fühlens und Wollens, so wie es im Menschen lebt, herausfinden kann dasjenige, was das Unsterbliche ist, was die ewigen Kräfte der Menschenseele sind.

[ 78 ] Gerade Geisteswissenschaft zeigt, dass die Naturwissenschaft ihrerseits mit dem Standpunkt, den sie heute immer mehr und mehr geltend macht, im Grunde recht hat. Ja, Geisteswissenschaft steht vielleicht sogar schärfer noch auf dem Standpunkt, als die Naturwissenschaft selbst heute schon ein Recht hat, darauf zu stehen. Denjenigen, die da sagen, man könne im gewöhnlichen Denken, das der Mensch hier in der physischen Welt entwickelt, oder in seinem Wollen oder Fühlen etwas wissen, was der Unsterblichkeit entspricht, dem wendet der Naturforscher mit Recht ein: Ja, siehe hin auf den Menschen, auf sein Denken, Fühlen und Wollen: Wenn durch irgendeine Kraft ein Teil des Gehirns gelähmt wird, kann eine ganze Partie seines Seelenlebens ausfallen. Wir sehen außerdem, dass das Denken, Fühlen und Wollen, so wie der Organismus sich von der ersten Kindheit an entwickelt hat, auch sich verändert. Wir sehen es verknüpft vom Organismus aus. Sehen wir da nicht, wie dieses Denken, Fühlen und Wollen an den Organismus gebunden ist?

[ 79 ] So kann der Naturforscher vom heutigen Gesichtspunkt aus mit Recht einwenden dem, der aus dem gewöhnlichen Denken heraus, dem gewöhnlichen Fühlen und Wollen heraus Unsterblichkeit beweisen will.

[ 80 ] Aber das zeigt auch gerade die Geisteswissenschaft, dass dieses gewöhnliche Denken, Fühlen und Wollen, dieses gewöhnlich, dieses einmalig nun mit der gewöhnlichen Wissenschaft im physischen Leben sich geltend machende Denken, Fühlen und Wollen, dass das an das Instrument des Leibes gebunden ist. Und da führt die Geisteswissenschaft zu etwas anderem, [nämlich dazu, das], was in diesem Denken, Fühlen und Wollen steckt, erst zu entwickeln in der Menschenseele! Es ist immer da; aber es muss erst anschaulich gemacht werden: Und das ist der unsterbliche Wesenskern. Und es ist derjenige Wesenskern, der da war vor der Geburt, oder sagen wir, vor unserer Empfängnis und der da sein wird nach unserem Tode. Es ist ein anderer Bewusstseinszustand, es ist ein Zustand, der zurückschaut auf unser Erdenleben — nicht ein unbewusster, sondern ein [höherer Bewusstseinszustand]; denn es entwickelt sich auch der Geistesforscher durch zu einem höheren Bewusstsein, wie ich Ihnen gezeigt habe. Und dies ist dasjenige, was wir durch die Pforte des Todes tragen.

[ 81 ] Nicht darf man glauben, dass etwas Neues gemeint wird, indem der geistige Forscher sich sorgfältig hinaufarbeitet; es ist enthalten in jeder Seele, dieser ewige Wesenskern; der Geistforscher schaut ihn nur — er ist so in jeder Menschenseele, wie selbstverständlich ein Gegenstand auch da ist, wenn man ihn nicht anschaut. Nur das Anschauen, das ist dasjenige, was Geisteswissenschaft bringt. Aber die Geisteswissenschaft zeigt, dass neben dem Denken, Fühlen und Wollen, das im physischen Leibe steckt, an den Leib gebunden ist, ein anderes steht, das nicht an den Leib gebunden ist, und das man als solches erkennen kann. Dass anders die geistige Welt erkannt werden muss als die physische, das ist dasjenige, was das Wesen der Geisteswissenschaft ausmacht. Und so führt die Geisteswissenschaft zu den ewigen Kräften der Menschenseele — die, entwickelt, schon im Denken, Fühlen und Wollen, das an den Leib gebunden ist, enthalten sind —, die gefunden werden können, wenn dasjenige entfaltet wird, was als ein ewiger Wesenskern im Menschen lebt und nur nicht von dem gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen wahrgenommen werden kann für das gewöhnliche Bewusstsein. Neues, anders als die gewöhnliche Bewusstseinskraft der Menschenseele, muss diese Geisteswissenschaft für die Menschenseele enthüllen!

[ 82 ] Es ist, wie gesagt, ganz begreiflich, sehr verehrte Anwesende, dass mancherlei noch wird geschehen müssen, bevor eine größere Gruppe von Menschen auch nur etwas im Ernste zu Diskutierendes schaut in demjenigen, was als eine kleine Anregung heute angedeutet worden ist, was aber heute schon existiert als eine ausgebreitete Geisteswissenschaft, so wie eine ausgebreitete Naturwissenschaft existiert.

[ 83 ] Aber, sehr verehrte Anwesende, alles muss — ich möchte sagen — wie in einem Keimzustand in die Welt treten. Und dass dennoch ein gewisses Bedürfnis vorhanden ist in der Menschheit, das weiß derjenige ganz genau, der die — möchte ich sagen — intimeren Kräfte, die in den Menschenseelen wirken, ein wenig kennenlernen kann. In ihrem Bewusstsein sträuben sich noch so manche Menschen heute gegen die Annahme desjenigen, was hier angedeutet worden ist; aber in den unterbewussten und unbewussten Seelenkräften haben eine große Anzahl Menschen, ohne dass sie es eben heute wissen und zugeben wollen, Sehnsüchte nach einer solchen Erkenntnis des seelischen Lebens, wie sie angedeutet worden ist, und wie sie kommen muss — so wahr kommen muss, wie die neuere Naturwissenschaft gekommen ist anstelle der mittelalterlichen Naturwissenschaft.

[ 84 ] Und als ein äußeres Zeichen, dass man mit solchen Anschauungen nicht mehr ganz auf einem unrealen Boden steht, mag zum Schlusse hingewiesen werden — also wie gesagt, als ein äußeres Zeichen mag es gelten —, dass es ja auch schon möglich war, durch die ständige Opferwilligkeit eines größeren Kreises von Freunden dieser geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, gerade hier in der Schweiz, in Dornach, in der Nähe von Basel, dieser Geisteswissenschaft einen Bau aufzuführen, einen Bau als eine Hülle für diese Geisteswissenschaft. Wie gesagt, als ein äußeres Zeichen nur erwähnen will ich es; als ein äußeres Zeichen der Realität, des realen Bodens, auf dem man stehen kann, wenn man von dieser Geisteswissenschaft spricht.

[ 85 ] Es muss eben schon bei einem größeren Kreis ein gewisses Verständnis vorhanden sein, wenn Opfer gebracht werden, um dieser Geistesrichtung auch ein solches Äußeres heute schon zu schaffen.

[ 86 ] Das Hauptaugenmerk konnte ja heute auch nur bei diesem Bau auf das wesentlich Geisteswissenschaftliche gerichtet werden, gelenkt werden. Diejenigen von Ihnen, sehr verehrte Anwesende, die einmal ihre Aufmerksamkeit diesem Bau in Dornach, in der Nähe Basels zuwenden werden, werden sehen, dass auch in den äußeren Formen und in der ganzen Einrichtung dieses Baues einem etwas entgegentritt, was eben — ich möchte sagen —, zu alten Baustilen, alten Baueinrichtungen sich so verhält, wie die Geisteswissenschaft zu den alten Denkgewohnheiten der Menschen sich verhält.

[ 87 ] Es haben sich viele Irrtümer, viele Missverständnisse gerade über diesen Dornacher Bau verbreitet. Missverständnisse, Irrtümer, von denen man manchmal glauben könnte, selbst Menschen, die die Sachen gesehen haben, zeigen sich so, als wenn ihre Augen nicht das gesehen hätten, was da ist! So konnte ich hören, wie gesagt worden ist, dass man da einen Bau habe, der innerlich ganz angefüllt sei von allerlei geheimnisvollen Symbolen und von allerlei magischen Figuren. Wie gesagt: Wenn Sie einmal die Aufmerksamkeit auf diesen Bau lenken werden und werden ihn betrachten, so werden Sie kein einziges von den landläufigen magischen Symbolen und Figuren finden, nichts von alledem — nur eine neue Art des Bauens, eine solche Art des Bauens, dass der Bau gleichsam eine Umhüllung für dasjenige ist, was darinnen an Gedanken, an Ideen leben soll. Und wie frühere Baue die Umhüllung waren für Früheres, so muss dieser Bau auch andere Formen haben, weil er die Umgebung für anderes ist. Wie einstmals im alten Griechentum für griechische Gedanken die Umhüllung geschaffen worden ist aus dem Umfassenden, das den Griechen zur Verfügung stand, so wurde mit unserem Bau hier etwas geschaffen, und zwar nicht auf eine unkünstlerische Art und Weise — denn jede Allegorie und Symbolik und dergleichen ist unkünstlerisch —, nicht auf eine unkünstlerische, sondern auf eine künstlerische Art wurde versucht, einen Bau zu schaffen mit dem Stile, der dieser Geisteswissenschaft angemessen ist. Denn diese Geisteswissenschaft kann sich in Formen gießen, kann sich ausleben, ohne dass sie dadurch spekulieren will. Ohne dass dabei Symbole oder Allegorien sind, kann sie in Formen umgesetzt werden bei allem. Bei künstlerischem Empfinden, [kann man dasjenige, was in der Geisteswissenschaft lebt, in äußere Formen aller Künste — der Architektur, der Sprache, der Skulptur — umsetzen.]

[ 88 ] Und wenn solche Dinge auftreten, dass jemand zum Beispiel sagt: Ja manches gefällt mir ja an diesem Bau, aber da habt Ihr zum Beispiel sieben Säulen an einer Seite, sieben Säulen an der anderen auch wiederum; warum habt Ihr das? — Das soll kein Symbol sein. Wer die Sache näher studiert, wird wirklich bestätigen — weil abgegangen worden ist von der Säulengleichheit, weil die Kapitelle fortschreiten, ungleich gemacht worden sind —, dass das Motiv, welches zuerst angeschlagen worden ist an einem Säulenkapitell, tatsächlich sich erschöpft an der letzten Säule. Geradeso, wie sich die Töne in einer siebengliedrigen Skala eröffnen und die Oktave die Wiederholung des Grundtones ist, wie man es da nicht mit irgendeiner phantastischen Symbolik, nicht mit irgendeiner magischen Symbolik zu tun hat, so hier auch nicht. Und wenn jemand besonders spitzfindige, innere Gründe sucht, Gründe, die dann Geisteswissenschaft sein sollen, sucht, so kann man immer sagen: Suche Dir ähnliche Gründe, wie diejenigen sind, warum etwa an einer Violine vier Saiten sind, die verschieden sind, wenn einer sagt, es könnten ja auch fünf Saiten sein oder drei! Es kann eben nicht anders sein, als dass es vier Saiten sind; ebenso wenig, wie es bei uns acht oder sechs Säulen sein können, sondern eben sieben sein müssen! Es handelt sich um einen inneren, organischen Aufbau der Motive, und die Motive ergeben diese Zahl Sieben — nicht irgendein abergläubisches Hängen an einer Siebenzahl oder dergleichen.

[ 89 ] Alles sollte gerade künstlerisch gedacht sein! Ich wollte dies insbesondere noch anführen, nicht etwa, sehr verehrte Anwesende, wahrhaftig nicht, um etwa für den Dornacher Bau eine Propaganda zu machen, sondern um darauf hinzuweisen, wie Geisteswissenschaft in der Tat geeignet ist, in das menschliche Leben einzugreifen. Wie sie sich umschließt in künstlerischen Formen, so wird sie auch sich in anderen Lebensformen umschließen können, wenn auch vielleicht noch langsamer als in künstlerischen Formen. So wird sie versuchen, einzudringen in alles Leben, in alle Lebensauffassung. Und nach einer solchen Lebensauffassung, welche die Seele in einem lebendigen Zusammenhange zeigt mit der geistigen Welt, der sie angehört, lechzen heute schon viele Seelen, wenn sie es auch vielleicht nicht wissen. Deshalb darf heute schon Geisteswissenschaft dasjenige, was sie zu sagen hat, unter den Menschen sagen.

[ 90 ] Ich weiß, sehr verehrte Anwesende: Dasjenige, was — ich möchte sagen — aus den Untergründen des geistigen Daseins so hinauftritt — wie ja auch eigentlich die Erkenntnisse der Naturwissenschaft hinauftraten, hinaufgetreten sind im Laufe der Zeit, und sich dann der Menschheitsentwicklung mitteilten —, das hat oftmals einen schweren Weg. Aber derjenige, der mit der inneren Bedeutung und mit dem inneren Sinn der Sache verbunden ist, der weiß, dass die Wahrheit ihren Weg findet in der Welt; und wenn man der Wahrheit auch noch so wenig Glauben schenkt. Und sollte es durch die dünnsten Risse der Geistesfelsen gehen, die ihr entgegentreten, sie findet ihren Weg!

[ 91 ] Deshalb ist derjenige, der diese geisteswissenschaftlichen Wahrheiten zu vertreten hat — auch wenn sie von weiten Kreisen auch heute noch als Phantasterei, als Träumerei, vielleicht als noch Schlimmeres angesehen werden —, er ist durchdrungen davon, dass sie — selbst wenn sie heute noch nicht in das Bewusstsein der Menschheit eintreten könnten, wenn sie ganz und gar zurückgedrängt würden —, dass sie neu auftauchen würden, weil sie auftauchen müssen, weil sie innig in der Natur der Menschenseele begründet sind!

[ 92 ] Deshalb lassen Sie mich — ich möchte sagen — in einem Schlusswort das Bewusstsein aussprechen, das der Seele aus dieser geistigen Forschung kommt, wenn sie richtig darinnen steht. Vorher aber lassen Sie mich noch darauf aufmerksam machen, dass man keineswegs ein Geistforscher zu sein braucht, um die geisteswissenschaftlichen Wahrheiten anzuerkennen. So wie nicht jeder ein Chemiker werden kann, das heißt, nicht jeder im Laboratorium Versuche anstellen kann, nicht jeder ein Biologe werden kann, um das nachzuprüfen, und dennoch die biologischen, die chemischen, die physiologischen, die astrologischen Wahrheiten dem allgemeinen Menschheitsbewusstsein sich mitteilen, so braucht nicht jeder ein Geistforscher zu sein; obwohl man es bis zu einem gewissen Grade — wie Sie aus meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» sehen — immer werden kann, jeder wenigstens bis zu einem gewissen Grade, dass er die Wahrheit, die Begründetheit desjenigen, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, anerkennen kann; aber man braucht prinzipiell nicht selber ein Geistforscher zu werden. Dasjenige, was der Geistesforscher aus der geistigen Welt herausholt, wenn es ausgesprochen wird, wenn es in die Worte gekleidet wird, [so kann es auch dem Nicht-Geistesforscher gelingen, das, was von ihm nachgedacht werden konnte in dem, was vermittelt worden ist, anzuerkennen]; und es gibt einen gesunden Wahrheitssinn, durch den man die Wahrheit der geisteswissenschaftlichen Erlebnisse einsehen kann. Deshalb darf derjenige, der von vornherein unter der Autorität aller möglichen heutigen naturwissenschaftlichen Wahrheit steht — trotzdem er sie selber nicht erforschen kann, und sagt, dass er ein sehr gescheiter Mensch deshalb ist, weil einer an die naturwissenschaftlichen Wahrheiten glaube —, der darf nicht einwenden, dass diejenigen, welche, wenn sie auch nicht Geistesforscher sind, sondern Anhänger der Geisteswissenschaft, dass diese abergläubisch, autoritätsgläubig sind! Sie sind es in einem geringeren Grade, als gerade derjenige, der einfach sie als Autoritätsgläubige bezeichnet. Denn dasjenige, was aus der geistigen Welt geholt wird, das spricht nicht an unseren Unverstand, sondern es spricht an unser Verständnis. Und das habe ich ja gerade im Anfange gesagt, dass man eben die geistige Welt zuerst verstehen muss; man muss sie anschauen können. Und dieses Verständnis kann zuerst in der Mitteilung doch erworben werden. Es ist gewissermaßen der erste Akt zum Hineinkommen in die geistige Welt.

[ 93 ] Nicht darf man daher sagen: Ich will erst die geistige Welt in ihren einzelnen Erscheinungen anerkennen, wenn ich sie erforscht habe. Denn man muss zunächst verstehen. Auch der Geistesforscher selbst muss zuerst verstehen, wenn einem das auch paradox erscheint, geradeso, wie man übrigens auch in gewissen mathematischen Gesetzen über ihr Vorkommen etwas versteht und dann weiß, dass, wenn man das Verständnis bekommen hat, Erlebnisse, die noch gar nicht dagewesen sind, sich abspielen müssen — wie man fernere Sonnenfinsternisse vorausberechnen kann. Weil man die Natur des Ganzen zum Beispiel zuerst verstanden hat, so versteht man die geistigen Zusammenhänge zuerst; und dann mit dem, was mit diesem Verstand durch die äußere Welt wird, beleuchtet einem die äußere Welt dasjenige, was man zuerst als Begriff haben muss.

[ 94 ] Schon das ist gewiss etwas, was heute noch namentlich den Denkgewohnheiten vieler Forscher widerspricht; aber auch das wird etwas sein, was sich im Laufe der Zeit in die Menschengemüter einleben wird. Und nachdem ich dies auseinandergesetzt habe, sehr verehrte Anwesende, wie sich das Bewusstsein desjenigen stärkt, der Geisteswissenschaft in ihrem Wesen wirklich versteht — versteht, wie sie heraufkommen muss in unserer Zeit in der geistigen Entwicklung der Menschheit, so wie einstmals in der kopernikanischen Zeit die neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung heraufgekommen ist —, da denkt sich dann der Geistesforscher, wenn er dies Bewusstsein erlangt hat, das aus der Natur der Geisteswissenschaft sich ihm ergibt: Ja, man kann Gegner sein der Wahrheit es ist verständlich; man kann zum Beispiel die Wahrheit missverstehen, ganz missverstehen, wenn sie den alten Denkgewohnheiten widerspricht. Aber denjenigen, die missverstehen, die misskennen die Wahrheit, werden immer nachfolgen andere, die sie erkennen können! Denn die Wahrheit ist etwas innerlich Lebendiges. Und sie lässt sich wohl verkennen, aber sie weiß immer zu ihrer Erkenntnis selber durch eine innere Kraft und Intensität die Wege zu finden! Man kann die Wahrheit auch hassen, sehr verehrte Anwesende. Aber derjenige, der die Wahrheit hasst, der wird erfahren, dass die Wahrheit eine solche Lebenskraft hat, dass der Hass dennoch zuletzt auf ihn selber zurückfällt. Und gegenüber dem Hass steht die Wahrheit; und derjenige, der in ihr zu leben versteht, ja, indem der Eigenwert der Wahrheit erkannt wird, der weiß: Man kann die Wahrheit auch schmähen; aber noch mehr als bei dem Hass ist es der Fall, dass die Schmähworte gegenüber der Wahrheit auf den Schmähenden selbst zurückfallen.

[ 95 ] Man kann die Wahrheit auch unterdrücken; aber man kann die Wahrheit nicht vernichten. Man kann sie nicht vernichten!

[ 96 ] Dieses Bewusstsein erlangt man insbesondere aus der Geisteswissenschaft heraus. Denn — spreche ich es auch bildlich aus, es ist nicht bildlich, sondern real gemeint: Die menschliche Seele und die Wahrheit sind Schwestern. Und wenn auch die menschliche Seele da oder dort einmal mit der Wahrheit in Streit kommen kann, in Missklang kommen kann, wenn sie selbst lieblos sich erweisen kann, es muss doch immer wiederum Orte und Zeiten geben, in denen sich liebevoll die menschliche Seele mit der Wahrheit vereint. Denn sie werden innerlich gewahr — Menschenseele und ihre Schwester, die Wahrheit —, dass sie zusammengehören, dass sie in Liebe zusammengehören müssen, dass sie als zwei Schwestern des Weltendaseins einen gemeinsamen Ursprung haben in dem einigen, die ganze Welt durchleuchtenden und durchwaltenden, von der Geisteswissenschaft aufzusuchenden und zu erkennenden Weltengeist, der sich in den einzelnen Weltgeschöpfen und Weltwesenheiten auslebt und der erkannt werden kann, wenn man die Wege zu den ewigen Kräften der Menschenseele findet.