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Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele
GA 70b

10 Januar 1916, Zürich

6. Über die Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele

Sehr verehrte Anwesende!

[ 1 ] Mit demjenigen, was ich heute vor Ihnen zu der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, werde vorzubringen haben, kann selbstverständlich nichts gegeben werden, was irgendwie von vornherein überzeugend wirken könnte. Nur Anregungen sollen gegeben werden, mehr oder weniger ein Aufmerksam-Machen auf dasjenige, was mit dieser Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, gewollt ist.

[ 2 ] Gerade derjenige, der auf dem Boden dieser Geistesforschung steht, weiß ja, dass viele Voraussetzungen notwendig sind, um in diejenigen Wege geistiger Anschauung und geistiger Betätigung hineinzukommen, die es möglich machen, dasjenige, was Grundnerv dieser Geistesforschung ist — ich möchte sagen — nicht mehr als eine eitle Phantasterei, als eine Träumerei anzusehen. Und fast selbstverständlich ist es, dass solche Anschauungen zunächst Platz greifen, wenn man die ersten Anregungen gerade von dieser wissenschaftlichen Richtung vernimmt.

[ 3 ] Den Ausgangspunkt, sehr verehrte Anwesende, nimmt diese Geistesforschung davon her, dass sie die Meinung hegen muss, über das Gebiet des seelischen Lebens seien durch die in der Menschheitsentwicklung liegenden Impulse von unserer Zeit ab ähnliche Verhältnisse gegeben, wie sie seit drei bis vier Jahrhunderten, seit der Morgenröte der neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung für die Natur und ihre Erscheinungen gegeben waren und sind.

[ 4 ] In Wahrheit will diese Geistesforschung nichts anderes sein als eine echte Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Denkungsweise. Und sie will von denselben Wahrheitsbegriffen — ja, ich möchte sagen, vielleicht besser sagen —, aus derselben Wahrheitsgesinnung, aus [derselben] Erkenntnisgesinnung heraus Ergebnisse über seelisch-geistige Tatsachen gewinnen, wie die Naturwissenschaft sie gewinnt über natürliche Dinge und ihre Zusammenhänge. Dazu ist aber zugleich das Verständnis für etwas notwendig, für das man sich eben geistiges Verständnis erwerben muss.

[ 5 ] Derjenige, der der — und ich sage ausdrücklich — berechtigten Meinung ist, dass die naturwissenschaftlichen Methoden, die naturanschaulichen Grundanschauungen in Bezug auf Handhabung der Wissenschaft etwas Mustergültiges nach und nach geworden sind, der wird nur allzu leicht sich dem Glauben hingeben können, dass alle Erforschung, schlechterdings alle Erforschung der Realität, also auch die Erforschung des geistig-seelischen Lebens, genau ebenso vor sich gehen müsse, wie — wie die Forschung über die Natur und ihre Ergebnisse gesucht werden. Wenn gerade aus diesem Grunde Geistesforschung andere Wege einschlagen muss als die äußere Naturwissenschaft, so ist das gewiss etwas, das ja nicht von vornherein unmittelbar zugegeben werden kann.

[ 6 ] Ich will nun, nach diesen einleitenden Worten, sehr verehrte Anwesende, nicht weiter im Abstrakten herumreden, sondern möchte gleich auf das Wesentliche der Sache eingehen.

[ 7 ] Das Erste, um das es sich handelt, ist, dass allerdings Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, auf Beobachtung, auf Beobachtung von Tatsachen beruht; ja, in gewisser Weise so, dass man sagen kann: auf der Herstellung von Experimenten sogar, nur aber so, dass alle Beobachtung, alles Experimentieren, im intimsten Seelenleben selber erfolgt. Nicht so, wie man im Laboratorium Experimente anstellt, nicht so, wie man bei zoologischen, bei botanischen und so weiter Beobachtungen mit den äußeren Sinnen und mit dem Verstand [forscht], der an das Gehirn gebunden ist, kann es für die Geisteswissenschaft sein. Dasjenige, was den Geistesforscher führt zu den Erkenntnissen geistig-seelischen Lebens, sind reine, innere Erlebnisse. Und da ist es wiederum schwierig, einzusehen, dass rein innere Erkenntnisse ganz abstreifen können den Charakter alles Subjektiven, alles Individuellen, und wirklich objektiv werden können, das heißt, so werden können, dass sie Aufschlüsse geben können über Tatsachen.

[ 8 ] Der Schauplatz, auf dem man forscht, ist also nichts, das mit den äußeren Sinnen verfolgt werden kann; nichts auch, das mit dem Verstand, der in der gewöhnlichen Wissenschaft angewendet wird, irgendwie begriffen werden kann — oder ergriffen werden kann, besser gesagt. Sondern es handelt sich darum, dass Geistesforschung die Kräfte, die Fähigkeiten in der menschlichen Seele erst hervorbringen muss, [die] in ähnlicher Weise zum Verfolgen, zum Beobachten der geistigen Tatsachen führen, wie die äußeren Sinne und wie die bewaffneten äußeren Sinne zu der Beobachtung der Tatsachen führen und zu äußeren Experimenten führen.

[ 9 ] Nun handelt es sich darum, dass das erste, das entwickelt werden muss, eine innere Fähigkeit der Seele ist, die sowohl im gewöhnlichen Alltagsleben wie auch in der gewöhnlichen Wissenschaftsmethode latent ist, schlummert, könnte man sagen. In allem gewöhnlichen Leben und in allem Wissenschaftsleben wird diese erste Fähigkeit [gleichwohl] eigentlich nicht angewendet. Und man kann sie äußerlich zunächst so charakterisieren, dass man sagt: Alles dasjenige, was man an äußerer Handhabung, an äußerer Beobachtung, am Denken über die äußere Beobachtung vollführt im Alltagsleben, in der gewöhnlichen Wissenschaft, das führt zu einem gewissen Resultate. Es führt dazu, dass man sich vergegenwärtigt durch Begriff oder Idee — oder wie man es nennen will — dasjenige, was man als Gesetze der Natur zu erkennen glaubt. Und dann, wenn man dahin gelangt ist, durch die Anstrengung der Seele in der Handhabung der Beobachtung des Experimentes, des Nachdenkens, zu Ergebnissen zu kommen, dann hat man mit Bezug auf das äußere Leben, mit Bezug auf die gewöhnliche Wissenschaft einen gewissen Abschluss, gewissermaßen ein Ende erreicht.

[ 10 ] Das, was da als Ende erreicht ist, was da abgeschlossen ist in Bezug auf die äußere Entwicklung und das äußere Leben, das, sehr verehrte Anwesende, ist für die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, im Grunde genommen erst der Anfang. Von da aus muss erst alles Weiterentwickeln von inneren Seelenkräften gehen. Das heißt, diejenigen Methoden, die man in der gewöhnlichen Wissenschaft anwendet, die Resultate auch, die man gewinnt, die eigentümlichen Denkerlebnisse, zu denen man gelangt, die sind Vorbereiter, die präparieren erst die menschlichen Seelenkräfte zu dem, was sie werden müssen, wenn man in die geistige Welt hineinschauen will. Sodass man beim Ende der gewöhnlichen Wissenschaftlichkeit anfangen muss für die geistige Forschungsentwicklung.

[ 11 ] Nun habe ich schon in früheren Vorträgen, die ich in dieser Stadt halten durfte, mancherlei über das Prinzipielle gesagt, wie die Seele innerlich sich üben muss, um zu dem Punkte zu gelangen, auf dem sie die geistige Welt beobachten kann. Da aber heute sehr viele verehrte Zuhörer da sind, die bei früheren Vorträgen nicht anwesend waren, so muss ich, wenigstens ganz kurz, im Prinzipiellen einiges erwähnen von dem, was die Seele zu tun hat, um zur eigentlichen Geistesforschung zu kommen.

[ 12 ] Ich kann selbstverständlich, sehr verehrte Anwesende, da nur das Allerprinzipiellste erwähnen; alles Weitere finden Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder auch im zweiten Teil meiner sogenannten «Geheimwissenschaft». Dort ist im Einzelnen auseinandergesetzt, was die Seele für innerliche Handhabungen, rein geistig-seelische Handhabungen vornehmen muss, um das zu erreichen, was ich nur prinzipiell jetzt auseinandersetzen will.

[ 13 ] In erster Linie handelt es sich um eine ganz bestimmte Entwicklung der Denkfähigkeit des Menschen. Ich sage nicht «des Denkens», sondern «der Denkfähigkeit» des Menschen. Und im Wesentlichen kann man sagen: Um eine solche Entwicklung der Denkfähigkeit des Menschen [geht es], dass dieses Denken innerlich verstärkt, innerlich erkraftet wird, und so nicht nur an Intensität wächst dem gewöhnlichen Denken gegenüber, sondern dadurch, dass es allmählich erkraftet wird, auch in gewissem Sinne von anderer Qualität, von anderer Wissenschaftlichkeit wird, zu einer ganz anderen Fähigkeit wird.

[ 14 ] Technisch nennt man dasjenige, was da die Seele mit sich vorzunehmen hat, Konzentration, Meditation. Aber ich bitte, darauf zu achten, dass sich diese Worte in der Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, nicht vollständig decken mit demjenigen, was sonst unter diesen Worten verstanden wird, [ich bitte also darauf zu achten,] dass hier nur dasjenige gemeint wird mit diesen Worten, was in Kürze jetzt ausgesprochen werden soll.

[ 15 ] Es handelt sich darum, dass — während im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft die geistigen Fähigkeiten des Menschen sich ausbreiten über ein gewisses Feld, von einem zum andern gehen, auch im Laufe der Zeit von einem zum andern übergehen —, es handelt sich darum, dass man sich, um sich für die Geistesforschung vorzubereiten, konzentrieren muss auf einen einzigen Vorstellungspunkt, möchte ich zunächst sagen. Das Gesamtvorstellungs-, das Gesamtanschauungsleben muss gewissermaßen durch ständige Anwendung von innerer Willkür, zu der man sich erst schulen muss — ich habe ja gezeigt in den genannten Büchern, wie sie anzuwenden ist —, es muss eingeübt werden und dadurch erkrafter werden.

[ 16 ] Ich will zunächst nur eines der Prinzipien angeben, durch die das geschehen kann. Man stelle — wie gesagt rein technisch jetzt gemeint — eine bestimmte Vorstellung in den Mittelpunkt seines Vorstellungslebens, in — wie man sagen könnte — sein Gesamtbewusstsein.

[ 17 ] Es ist nicht notwendig, ja, es ist sogar besser, wenn nicht genommen wird eine Vorstellung, die einen äußeren Wahrheitsinhalt hat. Es kommt gar nicht darauf an, dass die Vorstellung, die man nimmt, irgendetwas bedeutet in der äußeren Welt, dass sie etwas abbilde, etwas ausdrücke. Denn: Auf die Betätigung des Denkens kommt es an, nicht auf das Wissen von irgendetwas zunächst. Daher kann man am besten verwenden — sagen wir — sinnbildliche, symbolische Vorstellungen. Welchen Wahrheitswert sie haben, darauf kommt es nicht an. Auf die Kräfte, die man in innerer Aufwendung der Denkkraft entwickelt, darauf kommt es an. Ich will ein Beispiel sagen.

[ 18 ] Sagen wir, jemand stelle sich vor: Flutendes Licht, und im flutenden Licht Weisheit. Gewiss, keine Vorstellung, von der man zunächst sagen kann, sie bedeute irgendetwas für eine äußere Wahrheit, für eine äußere Wahrheit, an die man gewöhnt ist. Aber darauf kommt es wirklich nicht an; sondern es kommt darauf an, dass man nun alle Denkkraft, alle Vorstellungskraft konzentriert, auf diese eine Vorstellung verwendet, und in diesem zu verharren, das heißt: die ganze Seele nach dieser einen Richtung hinsenden lernt.

[ 19 ] Warum es nicht auf den Wahrheits-Charakter ankommt, das ergibt sich aus dem Folgenden. Ich will durch einen Vergleich, sehr verehrte Anwesende, anschaulich machen, auf was es eigentlich ankommt. Nehmen wir einmal an, wir vollbringen eine äußere Verrichtung, irgendeine Handhabung, eine Handhabung, die zu unserem Gewerbe, zu unserem Geschäft gehört, durch die wir uns in der Welt fortbringen wollen. Da vollbringen wir — jetzt, morgen, übermorgen — oftmals dieselbe Verrichtung. Jeder Mensch weiß nun, dass nicht nur dasjenige hier dann geschieht, was wir durch unsere Handhabung hervorbringen, sondern dass unsere Geschicklichkeit wächst, dass wir immer besser und besser die Sache können, dass sich unsere Tätigkeit, unsere Befähigung steigert. Das ist eine Begleiterscheinung. Für die Äußerungen des gewöhnlichen Lebens weiß man ganz gut, dass dies eine Begleiterscheinung ist.

[ 20 ] Auf diese Begleiterscheinung im Denken kommt es an. Man kann vollständig absehen von dem, was man denkt in der Vorbereitung. Für die Geistesforschung kommt es darauf an, dass man lernt, allmählich sein Augenmerk zu richten auf diesen inneren Verstand, auf diese innere Entwicklung der Denkfähigkeit.

[ 21 ] Also ich sage ausdrücklich: Nicht auf das Gedankenhafte, auch nicht auf das Scharfsinnige der gewöhnlichen Logik kommt es an; den [Scharfsinn hat] man wie von vornherein, wenn man dazu veranlagt ist. Darauf kommt es an, dass man diese Steigerung der inneren Denkkraft gewahr wird, dass man sie als etwas Reales im Wirken erfassen lernt.

[ 22 ] Solche Übungen, sehr verehrte Anwesende, sie sind keineswegs wirksam, wenn man sie nur vorübergehend macht. Gewiss mancher glaubt, wenn er einige Zeit darauf verwendet hat, solche Übungen zu machen, dann müsse er ein Resultat erzielen. Es dauert auch bei den verschiedenen Menschen verschieden lange, bis sie ein Resultat erzielen: für manche monatelang, für manche jahrelang.

[ 23 ] Man braucht nicht viel Zeit im Einzelnen darauf zu verwenden. Wir werden gleich nachher sehen, warum man es nicht braucht. Viel Zeit, möchte ich sagen, täglich auf solche Übungen zu verwenden, ist sogar nicht immer von Vorteil. Aber es handelt sich namentlich darum, dass solche Übungen immer wieder und wieder wiederholt werden, sogar so, dass derselbe Meditationsinhalt immer wieder und wiederum in der Seele auftritt, sodass der Meditationsinhalt nach und nach ganz gleichgültig wird und die Betätigung zur Verstärkung zur inneren Erkraftung des Denkens ganz besonders hervortritt.

[ 24 ] Man wird nun, sehr verehrte Anwesende, wenn man eine Zeit lang solche Übungen vorgenommen, täglich ernstlich vorgenommen hat und man jene Energie — von der man sich schon überzeugen wird, dass sie notwendig ist, wenn man solche Übungen vornimmt —, aufgebracht hat, wird man nach einiger Zeit dahin kommen, zu bemerken, dass tatsächlich das Denken etwas ganz anderes wird. Vor allen Dingen die Kraft, die im Denken wirkt, wird wie etwas innerlich viel Realeres erlebt, als dasjenige, was in der gewöhnlichen physischen [Welt] oder im gewöhnlichen äußeren Forschen lebt.

[ 25 ] Allerdings, man hat zunächst merkwürdige Erlebnisse; Erlebnisse, die entmutigen können. Und ein innerer Mut ist ja notwendig, um in entsprechender Weise weiter fortzuschreiten. Diese Entmutigung besteht zum Beispiel darinnen, dass, gerade, indem man solche Übungen macht, man merkt, wie man nach und nach immer mehr und mehr — man kann schon sagen — ein Sklave wird derjenigen Gedanken, die man gefasst hat einmal. Reminiszenzen des Seelenlebens, Erinnerungen des Seelenlebens, sie treten nach und nach immer mehr herauf. Und man fühlt auch, dass dadurch, dass man diese anblickt, solche Reminiszenzen des Seelenlebens, man mit seiner Seele inmitten eines Heeres von Gedanken von lauter Reminiszenzen lebt. Es handelt sich darum, dass man trotzdem fortsetzt; denn man gelangt dann allmählich auf einen bestimmten Punkt — nur die Erfahrung kann über diese Dinge eigentlich die entsprechende Aufklärung geben —, man gelangt an einen ganz bestimmten Punkt. Man gelangt immer mehr und mehr dazu, wie in einem Gesamtüberblick das Leben — das man durchlebt hat, seit man begonnen hat mit dem bewussten Denken — vor sich zu haben. Wirklich, unendliche Einzelheiten treten hervor. Einzelheiten, von denen man früher gar keine Notiz genommen hat! Man lernt da etwas ganz Merkwürdiges: Man lernt, wie viel man eigentlich im Leben durchmacht, ohne dass das Bewusstsein so intensiv ergriffen wird, dass man Aufmerksamkeit darauf verwendet. Vieles, was unbewusst und unterbewusst geblieben ist, das tritt jetzt hervor; aber man erkennt es nicht als solches.

[ 26 ] Sich auf Einzelheiten einzulassen, würde zu weit führen. Aber das Erlebnis ist, dass man nicht nur erkennen lernt sein bewusstes Seelenleben, das man durchgemacht hat, sondern wirklich auch vieles, und zuletzt eben wie in einem Ausblick alles, was in einem unterbewussten Seelenleben waltet. Man lernt sich gewissermaßen durchschauen. Aber man macht die Entdeckung, dass namentlich nach einer Richtung hin die ganze Denkkraft, die Denkkraft sich ändert, und dass man für diejenige Betätigung, die jetzt wie eine Neugeburt einer gewissen Innenkraft aus dem Denken heraustritt, dass man für diese Dinge ganz und gar dasjenige verliert — oder eigentlich, dass es nie dabei war —, was man für das gewöhnliche Denken und für das gewöhnliche wissenschaftliche Denken auch das Gedächtnis nennt.

[ 27 ] Das ist eine Erfahrung, die man machen muss. Es laufen die Erlebnisse, die sich so herandrängen, dann vor der Seele ab; aber man weiß: Sie laufen ab wie etwa flüchtige Erlebnisse, die gerade den Charakter haben, dass sie sich nicht in derselben Weise, wie die durch die Sinne oder das gewöhnliche Vorstellen gemachten Erlebnisse einprägen dem Gedächtnisse. Sie fluten vorbei, und man würde sie nicht ein zweites Mal haben können, wenn nicht etwas anderes aufträte. Und ich bitte, das wohl zu beachten.

[ 28 ] Dasjenige, was auftritt, das ist etwas, was man vorher gar nicht gekannt hat. Man kennt das Gedächtnis, weiß, dieses Gedächtnis behält Gedanken — ich will jetzt den inneren Prozess des Gedächtnisses nicht auseinandersetzen —, das Gedächtnis behält Gedanken. Und etwas, was früher als Gedankenerlebnis da war, tritt in einer späteren Zeit wiederum — ich möchte sagen — aus dem tiefen Untergrund des Seelenlebens über die Schwelle herauf ins Bewusstsein herein.

[ 29 ] So ist es nun nicht bei diesen Erlebnissen, die man auf diese Art haben kann; sondern da ist es etwas anders, da ist es so, dass dasjenige was man erlebt — das Vorstellungserlebnis —, dass das ganz und gar nicht wieder hervorgerufen werden kann; wohl aber die Tätigkeit, die innere Seelentätigkeit, die man verrichtet hat, als das Erlebnis da war. Auf seine eigene Tätigkeit nur kann man wiederum zurückkommen. Man kann das wieder erleben, was man innerlich in der Seele getan hat, als man das Erlebnis hatte. Und man weiß dies ganz genau. Und darauf kommt es an, dass man, statt des Gedächtnisses, von dem man jetzt erkennt, dass es eine Fähigkeit für das äußere physische Leben ist, dass man statt dieses Gedächtnisses eine ganz andere Fähigkeit bekommt: die Fähigkeit einer inneren Tendenz, Verrichtungen wiederum hervorzurufen; und: dass durch das Hervorrufen dieser inneren Verrichtungen das Erlebnis sich wiederum vor die Seele hinstellt — jetzt nicht eben wie eine sonstige Erinnerung, sondern wie etwas, das wiederum an uns neu herantritt. Man möchte aus dem gewöhnlichen Seelenleben vielleicht hineingeführt werden in dieses ganz andersartige Seelenleben, sehr verehrte Anwesende.

[ 30 ] Und da lassen Sie mich — eigentlich nur vergleichsweise, nicht um irgendetwas zu beweisen, sondern nur, um etwas zu erläutern —, lassen Sie mich etwas anführen, was noch nicht etwa das ist, was hier gemeint ist, was aber gewissermaßen veranlasst hat das, was hier gemeint ist.

[ 31 ] Der Dichter Grillparzer hatte die Idee und auch die Einzelheiten derselben zu seiner Dichtung «Das goldene Vlies» schon ausgearbeitet; er hatte das in seiner Seele vollständig sitzen; aber er hatte es vergessen. — Es ist dies eine bekannte Erscheinung; eine Erscheinung, die bekannt ist demjenigen, der die Biografie Grillparzers genau kennt. Er hatte das vergessen, und er konnte sich wirklich nicht mehr erinnern an dasjenige, was er da ausgedacht hatte als seine poetische Behandlung des «Goldenen Vlieses». — Und siehe da, als er einmal einige Klavierstücke wieder spielte — die er damals gespielt hatte, wie sich dann herausstellte, als er die Konzeptionen zu diesem «Goldenen Vlies» fasste —, da trat neuerdings der Inhalt des «Goldenen Vlieses» vor seine Seele. Das heißt: Als er dieselbe Tätigkeit verrichtete, die sich auf seiner Seele in der Zeit abgespielt hatte, da er das «Goldene Vlies» konzipierte, da trat dasjenige, was dazumal in seiner Seele war, wiederum auf. Die Tätigkeit war es also, die eigentlich wiederum in seinem Innern hervorgetreten ist.

[ 32 ] Und so ist es in einem erhöhten Sinne bei dem, was hier gemeint ist. Also nicht mit einer Erinnerung hat man es zu tun, sondern mit einem Wiederhervorrufen der Tätigkeit und mit einem neuen Erleben.

[ 33 ] Das ist die eine Veränderung der inneren Seelenkräfte, wenn solche Übungen vorgenommen werden.

[ 34 ] Ein Zweites, was gerade über diesen Punkt zu sagen ist, sehr verehrte Anwesende, ist dieses, dass man nun erlebt, wie dasjenige, was im Gedankenleben sonst vorgeht, überhaupt etwas anderes wird. Man lernt jetzt wirklich ein Seelenerleben kennen, das man vorher nicht kannte. Wenn man seinem Gedankenleben sonst gegenübersteht, so hat man ja das Bewusstsein: Diese Gedanken müssen etwas sein, was bloß Bildnatur hat. Würden die Gedanken, die wir uns über die Außenwelt machen, nicht Bildnatur haben, ja, dann würden sie uns ja eigentlich nicht helfen; denn wir wollen durch sie ja nicht irgendetwas bekommen, was zu der äußeren Welt hinzukommt — wenn auch im erkenntnistheoretischen Sinne, aber davon ist jetzt nicht die Rede, davon will ich jetzt nicht sprechen —, sondern, was diese äußere Welt eben nur getreu nachbildet. So wenig als irgend möglich müssen die Gedanken irgendetwas Neues sein gegenüber der äußeren Welt.

[ 35 ] Das ist doch der Sinn der neueren Wahrheitsforschung, dass man die Gedanken kritisch so behandelt, dass sie nicht irgendetwas hinzutragen zu der äußeren Wirklichkeit. Sodass man das Gefühl hat: In seinem Gedankenleben wie in einem Passiven die äußere Welt eben als Bild zu haben.

[ 36 ] Das aber hört auf, sobald die Kräfte erlebt werden, die — wie gesagt — durch eine Art Bewusstsein aus dem Gedankenleben hervortreten, auf die Weise, wie es hier gemeint ist. Das muss gesagt werden: Man lebt sich, indem man diese neuen inneren Seelenfähigkeiten erlebt, hinein in eine Welt, die sich gerade dadurch vom Gedankenleben unterscheidet, dass man sie als eine Realität erlebt, als eine flutende, lebendige Realität.

[ 37 ] Und das ist auch — ich möchte sagen — das Erschütternde, das das Seelenleben durchmachen muss. Es sieht wirklich aus, wenn man die Dinge schildert, wie wenn man eine bloße Phantasterei schildern würde. Allein, wer eben genötigt ist, sonst unbekannte Tatsachen zu schildern, der muss sich nicht zurückschrecken lassen von der Schilderung, was unglaublich erscheint. Wenn man sich vorstellen würde, dass die Gedanken, die man sonst als passiv im Bewusstsein anwesend hat, dass die anfangen innerlich zu leben, ein Leben zu haben, dann hat man ungefähr dasjenige, wozu der Geistesforscher auf den Punkt kommt, der jetzt angedeutet worden ist.

[ 38 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ich habe Ihnen geschildert — ich möchte sagen — mit einfachen Worten etwas, was durchzumachen in der Seele außerordentlich bedeutungsvoll ist, weil es von Schritt zu Schritt wirklich mit inneren Erschütterungen, mit inneren Erlebnissen verbunden ist, die einem immer wieder und wiederum Neues und Überraschendes bringen.

[ 39 ] Wissen kann man, dass man bis zu einem gewissen Abschlusse gerade in der Richtung gekommen ist, die bisher geschildert worden ist: Wenn man ein ganz bestimmtes Erlebnis hat, ein Erlebnis, das eigentlich seit Jahrtausenden mit einem gewissen Wort belegt wird, mit einem Worte, das in vollem Sinne erst derjenige versteht, der von diesem Erlebnisse etwas weiß.

[ 40 ] Sehen Sie, Geisteswissenschaft, so wie sie hier gemeint ist, sie ist allerdings so, dass sie jetzt erst auftreten kann; wie eben auch einmal, sagen wir, die Galilei’sche Naturanschauung, die kopernikanische Anschauung zuerst aufgetreten ist, aber aus anderen Seelenkräften heraus in die Menschheitsepoche, wo die Seelen anders wirken mussten. Es ist immer etwas, was gewisse Menschen, die sich dazu vorbereiteten, dazu führte, in die geistige Welt hineinzuschauen. Und solche Menschen, von denen man nur in der äußeren Wissenschaft, in der äußeren Geschichte wenig weiß, solche Menschen wussten schon zu bezeichnen den Punkt, bis zudem man kommt, wenn man auf dem hier bedeuteten Wege fortschreitet. Und sie bezeichnen diesen Punkt mit dem Wort: Der Mensch komme an — aber ich betone hier ausdrücklich: nur mit dem inneren Seelenleben kommt er zunächst da an —, der Mensch kommt an an der Pforte des Todes.

[ 41 ] Und dies Erleben, das man bezeichnet mit dem «Ankommen an der Pforte des Todes», das ist ein erschütterndes Erlebnis, denn man lernt jetzt eben als inneres Erleben das kennen. Und man weiß durch innere Erfahrung von der Zeit an, da man an diesen Punkt gekommen ist, man weiß durch innere Erfahrung, was es heißt, eine Tätigkeit auszuüben, die nunmehr nicht ausgeübt wird durch das Instrument, durch das Werkzeug des physischen Leibes, man weiß von diesem Moment ab, dass man weben und leben kann mit geistseelischen Erlebnissen in etwas, das sich von dem physischen Leib getrennt hat, das im Grunde genommen sich losgelöst erweist von dem physischen Leib des Menschen.

[ 42 ] Wie man es nun nennt — da Namen gewöhnlich den meisten Widerspruch hervorrufen, so wollen wir davon ganz absehen —, wie man es nennt, das ist gleichgültig. Aber wahrnimmt man von einem bestimmten Moment ab, dass in dem Menschen, der der äußeren Wissenschaft gegeben ist, das heißt, der äußeren sinnlichen Beobachtung [...], dass in diesem physischen Menschen ein anderer, feinerer Menschenleib drinnensteckt — «Leib» ist vielleicht etwas uneigentlich gebraucht; man kann «Leib» nur auf das Physische anwenden —, dass eine feinere Organisation darinnensteckt, und dass also die Maßnahmen, die man jetzt getroffen hat im Seelenleben, dazu geführt haben, dass man losgelöst hat diese innere Organisation von der gröberen, physischen Organisation. Allerdings, man steht jetzt so gegenüber dem äußeren physischen Leib wie man sonst gegenübersteht einem äußeren Gegenstand oder einem äußeren Vorkommnis, das man mit den Sinnen beobachtet, und dem gegenüber man selbst der ist, der es in seiner Hand hat. Jetzt steht man der eigenen physischen Organisation gegenüber. Jetzt weiß man: Das bist Du, der Du heraus bist aus Deiner physischen Leiblichkeit und Deine physische Leiblichkeit überschaust. In der läuft alles dasjenige ab, was früher abgelaufen ist. — Wir werden gleich nachher sehen, dass das sehr wichtig ist. Und weil man mit demjenigen, das ein selbstständiges inneres Leben führt gegenüber der äußeren Leiblichkeit, diese äußere Leiblichkeit wie ein Außending neben sich hat, so erlebt man das als ein Herankommen an die Pforte des Todes — obwohl das theoretisch wie ein Erleben gemeint ist —, [man] weiß, was es heißt: außer dem Leibe leben. Man lernt erkennen das Phänomen des Sterbens. Man lernt erkennen, dass im Menschen etwas lebt, wenn dieser physische Leib dem Element der Erde übergeben ist, in innerem Erleben, in innerer Erfahrung.

[ 43 ] Aber zunächst würde sich, wenn die Übungen, die charakterisiert worden sind, zu nichts anderem führen würden, als zu dem, was ich ausgeführt habe, zunächst würde sich ein bedeutungsvoller innerer Missstand, ja eine Gefahr, nicht in leiblicher Art, aber eine Gefahr in Bezug auf Irrtum und Wahrheit ergeben, wenn parallel mit dem, was ich geschildert habe, nicht etwas anderes in der Seele verlaufen würde. Aber wenn man gerade die Übungen so macht, wie sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert worden sind, dann wird durch die Art und Weise, wie diese Übungen vorgenommen werden, verhütet, dass man in dieser einseitigen Weise, wie ich es geschildert habe, [ankommt] bei dem, was mit einem schwergewichtigen Wort genannt wird: Ankommen an der Pforte des Todes. Denn da würde eintreten, wenn eben wirklich die Übungen gerade diesen Punkt nur so erreichen würden, wie ich es angedeutet habe, wenn nicht etwas anderes parallel gehen würde, es würde das eintreten, dass man sich nun nicht aufrechterhalten kann in diesem inneren Erleben. Es würde von vornherein wie ein Verzehren sein; man würde eben fühlen, wie es einem entschlüpfen, entfallen würde. Gerade das würde man fühlen, solange man in seinem physischen Leib lebt: [Da ist dieser physische Leib immerfort gewillt, immer in der Lage, an sich zu ziehen das Leben, und doch kann er es nicht aufkommen lassen.] Kurz: Es wären die Versuche, zum Erleben der geistigen Welt zu kommen, fortwährend missglückende Versuche.

[ 44 ] Es darf eben nicht einseitig, sehr verehrte Anwesende, die Meditation, die Konzentration nur führen zu einer Verstärkung, zu einer Erkraftung des Denkens, sondern es muss dem parallel gehen auch eine Verstärkung der Willens- und Gefühlskraft, der Gemütskraft der Seele. Auch das, was im Willen lebt, muss sich im Laufe der Übungen ändern. Und wenn eben die Übungen, die angegeben sind in dem genannten Buche, richtig gemacht werden, so geschieht das schon.

[ 45 ] Ich möchte wiederum angeben, wie sich die Willensverfassung, die Willensstimmung der Seele ändern muss. So, wie wir den Willen erleben im gewöhnlichen Leben, so, möchte ich sagen — der Ausdruck ist ungenau, aber das tut in diesem Falle für unsere Betrachtung nichts —, so, möchte ich sagen, entschlüpft uns der Wille für die Anschauung immer in die Tätigkeit hinein, wenn wir Willen aufwenden, um unsere Hände zu bewegen, um zu gehen, um irgendeine äußere Hantierung zu vollbringen.

[ 46 ] Die Philosophen wissen dies ganz genau, sonst würden sie nicht so viel diskutieren über den Willen. Es entschlüpft die Anschauung des Willens immer in die Tätigkeit hinein. Man stellt vor dasjenige, was der Wille vollbringt. Aber man kann den Willen nicht eigentlich verfolgen, wie er in die Tätigkeit hineinläuft. Das ist, wie gesagt, nur kurz ausgedrückt, ein sehr wichtiger, ein sehr bedeutsamer Tatbestand des inneren Seelenlebens, der philosophisch in aller Breite auseinandergesetzt werden könnte, wenn die Zeit dazu nicht zu kurz wäre, wenn die Zeit dazu genügend wäre, wie ich gesagt habe.

[ 47 ] Nun handelt es sich darum, dass man diesen einem sonst im Leben immer entschlüpfenden Willen, fortwährend entschlüpfenden Willen, wirklich in die Seelenanschauung hereinbekommt, dass man den Willen wirklich lernt anzuschauen, wirklich lernt, vor sich zu haben — seelisch gemeint: vor sich zu haben.

[ 48 ] Das kann auf die Weise erreicht werden, dass nun auch Übungen vorgenommen werden, sehr verehrte Anwesende, wodurch die inneren Vorgänge des Seelenlebens von uns so angeschaut werden, wie sonst Naturvorgänge angeschaut werden. [Bedenken Sie nur einmal zum Beispiel, wie verschieden dasjenige ist, was man Selbstschau der Natur nennen könnte — die wir ja üben —, von der gewöhnlichen äußeren Naturanschauung.] Wir sehen die Natur in ihren Vorgängen; denn wir sind ja immer geneigt, abzusondern von der Beobachtung der Naturvorgänge alles dasjenige, was uns nur subjektiv bewegt. Da sind wir immer geneigt, genötigt durch die Objektivität, selber zu einer gewissen Art von Objektivität zu kommen. Wenn man das nun übt, nicht nur die Naturvorgänge in Objektivität zu beobachten, sondern — es ist sonderbar, dass das gerade notwendig ist, aber es ist notwendig —, sondern dasjenige, was man sonst theoretisch, kalt nennen möchte in der Naturbeobachtung, [dass man das nun] mit innigem Anteil, mit tief innerlichen Anteil, bis zu inniger Liebe zu den Naturvorgängen steigert [...]; sodass [man nun], obwohl man objektiv sich in die Naturgesetze versenkt — ebenso in die Gesetze des mineralischen Geschehens, des Pflanzenwachstums, des tierischen Geschehens —, indem man sich da hineinversenkt, auch entwickelt ein inneres Miterleben, ein Gehen von Schritt zu Schritt mit dem, was als gesetzmäßiger Gang sich abspielt, so wie man es sonst nur gegenüber einem Weltwesen macht. Wenn man mit innerstem Anteil lernt, das Naturgeschehen zu beobachten, ohne dass man sich trüben lässt die Objektivität, wenn man so objektiv bleibt, wie nur der äußerliche Naturforscher bleiben kann, und dennoch begleiten kann diese nüchterne Naturforschung mit einem inneren Erleben, ich möchte sagen: mit einem inneren Hineinschlüpfen in das, was man erforscht, dann erlangt man die Fähigkeit, zum Willen auch eine ganz andere Stellung einzunehmen als im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft.

[ 49 ] Das ist aber, wie gesagt, ein langsames Üben. Man muss heranzüchten im innersten Seelenleben dasjenige, was eigentlich hier gemeint ist. Und da heraus kann man auf diese Weise eine ganz bestimmte Fähigkeit erlangen. Bei einer bestimmten Stufe, an einem Punkt, den man da erlangt, merkt man nämlich das Folgende.

[ 50 ] Ich muss ausgehen von einer Erscheinung des alltäglichen Lebens, um zu veranschaulichen, was man in sich bemerkt. Nicht wahr, im alltäglichen Leben ist es so: Wir schlafen ein; wir wachen auf. In diesem Rhythmus verläuft ja unser alltägliches Leben. Indem wir einschlafen — ich brauche nicht zu zeigen die einzelnen Erscheinungen des Einschlafens, die einzelnen Erscheinungen des Aufwachens, aber jeder Mensch weiß, was da in seinem Leben vorgeht beim Übergang des bewussten Tageslebens zum unter- oder unbewussten Schlafesleben —, was da in ihm vorgeht, das geschieht ohne seine Willkür, zunächst wenigstens. Nur in sehr geringem Grade hat im alltäglichen Leben die Willkür [an diesem Rhythmus] Anteil.

[ 51 ] Wenn auf diese Weise, wie ich es beschrieben habe, geübt wird, dann gelangt man dazu, jenen Übergang, der sonst immer unwillkürlich eintritt, zwischen dem Schlafleben und dem Wachleben, Wach- und Schlafleben, diesen Übergang willkürlich herbeizuführen. Das heißt: Sich selber befehlen zu können, jenen Stillstand aller Sinnesverrichtungen, aller Äußerungen während des Tageslaufs vor sich gehender Verstandes-, Vorstellungs-Empfindungen [herbeizuführen]; den Verrichtungen, die sonst eben da sind, Stillstand zu befehlen, und dennoch jetzt nicht überzugehen in einen Zustand der Unbewusstheit, wie es im Schlafe ist, sondern völlig bewusst jetzt wiederum herauszugehen aus seinem physischen Leib, einzutreten in einen solchen Zustand, der da wäre — wiederum ist es sonderbar, wenn man es schildert, aber es muss eben dieses Sonderbare geschildert werden, weil es eine Realität ist —, man erlangt einen Zustand, der da wäre, wenn man voll bewusst [aufwachen würde], aber nicht aufwacht dadurch, dass man wiederum in seinem Leib ist, und durch die Augen, durch die Ohren die äußere Wirklichkeit sieht und hört, sondern dass man seinen Leib außer sich halten würde und in dem bliebe, worinnen man ist — man bemerkt nämlich jetzt, dass man während des Schlafes in einem Wesentlichen herausgegangen ist —, außer dem Leib aufwacht in dem, worinnen man ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, aber bewusst darinnen ist.

[ 52 ] Man hat durch diese Willkür die Möglichkeit erlangt, den Willen so zu erkraften, dass man bewusst in seiner Wesenheit ist, in dem man sonst unbewusst ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, dadurch, dass man diese parallelgehende Führung der Seelenkräfte erlangt durch die Meditation, die Konzentration. Es bildet sich die erste Fähigkeit, die man erlangt hat, [indem man ein Neues aus der Denkkraft und ein Neues aus dem Willen herausbekommen hat.] Und jetzt erst lebt man außer dem Leib, mit der Fähigkeit, die geistige Welt um sich herum wirklich wahrzunehmen, die immer da ist, die für jeden da ist, zu deren Anschauen man sich nur erst erziehen, innerlich erziehen muss, heranüben muss.

[ 53 ] Wiederum ist es ein erschütternd subjektives Erlebnis, das den Übergang bildet im inneren Erleben zu dieser Kultur des Willens. Hat man zunächst — ich möchte sagen — in der Theorie, aber in einer erlebten Theorie, entwickeln gelernt, was Sterben heißen muss, so lernt man jetzt etwas kennen, indem der Wille übergeht zu einem Außer-dem-Leibe-sich-innerlich-Erleben. Man lernt jetzt dasjenige erkennen, was auf der Grundlage alles Seins und alles Werdens Schmerz und Leid sind. Man wird in einer unerwarteten, in einer erschütternden Weise mit dem Schmerz, der durch alles Dasein geht, bekannt. Man lernt erkennen, wie unweise es ist, zu fragen, warum alles Dasein auf dem Schmerze beruht.

[ 54 ] Das Dasein — wenn man es beobachtet und ein Herz und einen Sinn hat für das Dasein —, sehr verehrte Anwesende, es ist schön und groß und erhaben da und dort, und es hieße nicht in vollem Umfang des Wortes «Mensch» zu sein, wenn man für die Größe und Schönheit des Daseins keinen Sinn hätte. Aber wie die Blume aus der Wurzel hervorgeht bei der Pflanze, so muss sich erheben alles dasjenige, was schön und groß im Leben ist, aus der Grundlage des Schmerzes und des Leidens. Und wie aus dem Mutterboden von Schmerzen und Leiden sich gerade das Schönste erheben muss, das lernt man kennen. Man erlebt einen inneren Weltenprozess konsequent mit. Man lernt auch erkennen, dass derjenige, der etwa kritisch tadeln wollte, dass eine weise Vorsehung es nicht so gut machte, wie er in seiner [eigenen] Weisheit es meint, auch ohne die Grundlage des Schmerzes das Entsprechende [hervorrufen zu können], man lernt erkennen, dass diese Forderung ungefähr so ist, wie wenn jemand von dem Mathematiker fordern [wollte], er solle eintreten, [er solle] darauf hinwirken, dass man im Dreieck nicht 180 Grad zu suchen habe in seinen drei Winkeln. Das hängt mit einem Gesetz zusammen, mit inneren Gesetzen. Aber diese Gesetze lernt man jetzt kennen. Und indem man also — ich möchte sagen — aus den Vorstellungen über Schmerz und Tod eine neue Forschung des inneren Seelenlebens erlangt, hat man diejenigen Wesenheiten der Seele aus dem Denken und aus dem Willen herausgeholt, welche, indem man jetzt drinnen lebt, einem zeigen, wie man in der geistigen Welt ist, was jenseits von Geburt — oder sagen wir Empfängnis — und vom Tod im Menschen ist.

[ 55 ] Jetzt hört auf die Vorstellung, dass wir etwas waren, bevor es zu unserer Geburt — oder sagen wir Empfängnis — gekommen ist, ein Theoretisches zu sein. Ebenso gut hört auf, die Vorstellung eine theoretische zu sein, dass wir noch etwas sein werden, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sein werden.

[ 56 ] Und ebenso wird eine andere Vorstellung von ganz konkretem Inhalte erfüllt werden. Nichts Spekulatives ist mehr in diesen Vorstellungen, sondern die Seele hat in sich Kräfte entwickelt, um lebendig dasjenige, was man nennen könnte ihre Unsterblichkeit, zu erfahren — zu erleben dasjenige an Kräften, an Wesenheiten in sich selber, was durch Geburt und Tod geht.

[ 57 ] Aber noch etwas anderes wird erlebt. Das wird erlebt, sehr verehrte Anwesende, dass man weiß, indem man den Willen beobachten lernt — in intimer Weise lernt man im Willen etwas erkennen —, ja, was man da erkennen lernt, wenn man so charakterisiert, so sieht es aus, als ob man ein Bild, eine Summe, irgendetwas Erdichtetes bloß auseinandersetzen würde; so ist es aber nicht. Wenn man nun wirklich es dahin bringt, den Willen so in sich zu haben, wie angedeutet worden ist, dann merkt man: In diesem Willen lebt ein Wesenskern des Menschen; ein zweiter Mensch lebt darinnen, aber ein bewusster zweiter Mensch, ein Mensch mit einem ganz anderen Bewusstsein noch, den wir in uns tragen. Wie gesagt, das ist kein Bild; das ist [aber auch] keine Realität, die wir so in uns haben, wie wir in uns physisch das Herz haben; so wahr aber, wie es sich abspielt, ist in unserem inneren Willen rege ein innerer Mensch, der bewusst ist, den wir jetzt heraussetzen, einen äußerlichen Beobachter, einen Zuschauer; aber einen solchen Zuschauer, von dem wir erkennen, dass wir sein Bewusstsein nur mit unserem Bewusstsein vereinen können, wenn wir jene Denkkraft kennenlernen, die auf die erst charakterisierte Weise kennengelernt wird.

[ 58 ] So lernt man in dem, was man im Willen findet, einen zweiten Menschen kennen; aber einen Menschen — das Anschauen ergibt es, die Erfahrung, das innere Erleben ergibt es —, einen Menschen lernt man kennen, der im Menschen geist-seelisch lebt, so wie physisch der Pflanzenkeim in der Pflanze und Blüte, wie dieser in der Pflanze als Keim lebt, und man weiß: in diesem Pflanzenkeim steckt etwas, was, je nachdem, wie die äußeren Bedingungen vorhanden sind, eine neue Pflanze werden kann. In der Natur des Keimes liegt das! So, sehr verehrte Anwesende, weiß man durch die unmittelbare Erfahrung des Innenbeobachtens, dass dieser Zuschauer, den man als eine Realität in sich gefunden hat, dass er dasjenige ist, was die einzelnen Menschenwesenheiten herantragen durch die Pforte des Todes, was durch die geistige Welt hindurchtragen wird, und wiederum zu einem neuen irdischen Leben tragen muss. Denn dies ist darinnen so geformt, wie im Pflanzenkeim die neue Pflanze geformt ist. Und während der Pflanzenkeim durch äußere Verhältnisse zugrunde gehen kann, weiß man, hat man diesen Kern gefunden: In der geistigen Welt gibt es keine solchen äußeren Hindernisse; der Mensch kehrt wieder zurück, wird in der äußeren Welt leben. Und man lernt auch erkennen, dass dieses Leben, das man jetzt hier erforscht, die Folge von früheren Erdenleben ist. Dasjenige, was Lessing, was andere geniale Leute empfunden haben als notwendig sich ergebend aus dem Vorstellen des neueren Geisteslebens, das wird zu einer streng innerlich erforschbaren, inneren Tatsache: die wiederholten Erdenleben!

[ 59 ] Nur muss man sich bekannt machen, dann, wenn man so in die geistige Welt sich hineinlebt, dass man dann auf andere Weise wahrnimmt, als man wahrnimmt in der äußeren Welt. In der äußeren Welt nimmt man dadurch wahr, dass die Dinge vor einem dastehen, und man den Dingen selber gegenübersteht und man sie anschaut. Diejenigen, die sich zunächst aus den trivialen Begriffen des alltäglichen Lebens eine Vorstellung machen wollen über dasjenige, was dieses Neue ist, von dem heute hier gesprochen worden ist, die denken, dass die geistige Welt nur eine feinere ätherische Wiederholung ist der gewöhnlichen Sinnenwelt, und sie denken sich, dass so aus Nebel oder feineren Dingen die Wesen in der geistigen Welt einem entgegentreten. Nein, es ist nicht so, sehr verehrte Anwesende; sondern alles dasjenige, was einem entgegentritt, wenn es in richtiger Weise erforscht wird, tritt einem so entgegen, dass man in der Forschung wie plötzlich sich bewegt in der geistigen Welt unter lauter Geistwesen. Es zeigt der entwickelte Wille Geistwesen, die die Welt erfüllen — wie ganze Füllen von Geistwesen die Welt erfüllen. So kann es sich also hier darum handeln, eine Fülle konkreter geistiger Wesen in der geistigen Welt wahrzunehmen — Sie nehmen wahr! Nehmen wir an, eine Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, lebt in der geistigen Welt. Man nimmt diese zunächst so wahr, dass man wirklich weiß: Sie tritt jetzt gewissermaßen in die eigene Willenssphäre; sie vereint sich mit dem Bewusstsein, das man im Eigenbewusstsein entdeckt; und man erlebt, dass das eigene Bewusstsein zusammenschmilzt mit dem Bewusstsein des andern Wesens. Durch das Bewusstsein gelangt man, durch dieses durch die Willenssphäre entdeckte neue Bewusstsein gelangt man in die Welt der geistigen Wesenheiten hinein.

[ 60 ] Obwohl, möchte ich sagen, das schon exzentrisch genug ist, was ich schon angeführt habe, möchte ich doch nicht zurückschrecken davor, auch noch — ich möchte sagen — weiter Kompromittierendes auf diesem Gebiete vorzubringen. Da muss man selbstverständlich dann auf das Erlebte kommen. Und es geschieht weder aus Unbescheidenheit noch aus irgendeinem anderen Grunde, wenn ein äußerliches Erlebnis angeführt wird. Es handelt sich zum Beispiel darum, dass ich wirklich aus der weiten Summe der Erlebnisse, die da angeführt werden können, nur ein ganz einfaches anführen möchte.

[ 61 ] Es handelte sich darum, dass ich zu tun hatte mit gewissen künstlerischen Verrichtungen, zu denen notwendig war, etwas zu erfinden, möchte ich sagen. Nun handelt es sich darum, dass vor langen Jahren eine Persönlichkeit gestorben ist, deren Seele gerade voll war von Intentionen, von Tendenzen nach einer solchen künstlerischen Verrichtung. Sie war durch die Pforte des Todes gegangen. Geradeso, sehr verehrte Anwesende, wie man unterscheiden lernt im gewöhnlichen physischen Leben, unterscheiden kann, dass die Blume, die man außer sich sieht, nicht von einem selbst, nicht von dem eigenen Auge geschaffen ist, so lernt man nun auf diesem geistigen Felde unterscheiden, was objektiv ist von dem bloß subjektiven Schaffen. Und so wusste ich, dass ich gewisse künstlerische Dinge — und zu denen notwendig war etwas, wie eine Inspiration — zu verrichten hatte, dass sich in mein Bewusstsein hereinlebte dasjenige, was von dieser verstorbenen Seele kam.

[ 62 ] Das heißt: Das Zusammenleben mit diesen verstorbenen Seelen, man kann es so beobachten, wie man beobachten kann das Zusammensein mit äußeren Wesenheiten. Selbstverständlich wäre es der Eitelkeit in diesem Falle sogar schmackhafter, zu sagen, das rührt alles von der eigenen Erfindungsgabe her! Aber man kommt eben zu ganz anderen Anschauungen über die geistige Welt, wenn diese geistige Welt allmählich durch Übungen der Seelenkräfte zu durchschauen ist.

[ 63 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, gerade mit Rücksicht auf die Missverständnisse, die dieser Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, entgegengebracht werden, muss einiges erwähnt werden.

[ 64 ] Derjenige, der als Geistesforscher mit naturwissenschaftlicher Weltanschauung an diese Geistesforschung herantritt, der wird selbstverständlich unendlich vieles vorzubringen wissen dafür, dass alles dasjenige, was ich Ihnen bisher geschildert habe, im Grunde genommen nichts anderes sei als eine Summe von Illusionen, von Halluzinationen und so weiter. Wenn der naturwissenschaftlich Denkende nun glaubt, dass derjenige, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, kommt und ihm sagt: Du hast unrecht! — und nun anfängt, mit ihm zu streiten, da irrt sich der Naturwissenschafter vollständig! Der Geistesforscher ist im Grunde genommen voller Anerkennung gegenüber demjenigen, was der Naturforscher zu sagen hat, bis hinein in die Erforschung der Grenzgebiete zwischen dem Seelen- und dem rein äußerlichen Naturreich. Nicht einmal braucht der Geistesforscher im Geringsten etwas abzulehnen von dem, was auf dem Boden einer experimentellen Psychologie zum Beispiel errungen ist. Aber ich will mich darauf jetzt nicht weiter einlassen.

[ 65 ] Derjenige aber, der von der naturwissenschaftlichen Weltanschauung aus nun zunächst von vornherein einwendet — ich weise jetzt zunächst auf die allergewöhnlichsten Einwände hin —: Ja, sieh einmal, man glaubt von gewisser Seite aus das unsterbliche Leben der Seele beweisen zu können; man wendet sich dann an die gegenwärtige Art, wie das Denken, Fühlen und Wollen vor sich geht; man glaubt, durch die gewöhnliche Logik etwas ergründen zu können; man glaubt vielleicht durch irgendetwas Mystisches etwas erreichen zu können, was auf eine Unsterblichkeit der Seele hinweist. Nun aber zeigt die Naturforschung — und wie gesagt, der Geistesforscher steht hier vollständig auf dem Boden der Naturforschung, sogar mehr als der Naturforscher selber —, zeigt die Naturforschung, dass der Mensch von Kindheit auf sich entwickelt. Wie die äußeren Organe und Organsysteme nach und nach sich entwickeln, so wachsen auch die geistigen Verrichtungen. Und wiederum, wenn die äußeren Organe im Alter sich ablähmen, gehen die geist-seelischen Verrichtungen zurück. Ja, man kann zeigen, wie irgendein Teil des seelischen Systems, des Zentralnervensystems abgelähmt ist, wie ganz bestimmte geistig-seelische Verrichtungen leiden. Siehst Du da nicht — könnte der Naturforscher fragen den Geistesforscher —, siehst Du da nicht, wie eng gebunden das geistig-seelische Leben an die organischen Verrichtungen und an die organischen Werkzeuge ist?

[ 66 ] Gewiss, diese Dinge sind alle überzeugend. Aber gerade wenn der Geistesforscher an dem Punkt angekommen ist, den ich geschildert habe, als ich angab die Kultur des Gedankenlebens, die innere Erziehung des Gedankenlebens, die innere Übung des Gedankenlebens, dann schildert er, wie alles im gewöhnlichen Leben ablaufende Denken, Fühlen und Wollen gebunden ist an die leiblichen Organe; das, was als Denken, Fühlen und Wollen auftritt in der physischen Welt zwischen Geburt und Tod, das kann allerdings nicht auftreten, ohne die leiblichen Organe. Das gerade zeigt Geistesforschung. [Und sie steht auf dem Boden, dass man durch eine spekulative Theorie oder Mystik nicht etwas gewinnen kann über das unsterbliche Seelenwesen.] Gerade der Fortschritt auf dem Gebiet der Naturforschung wird zeigen, dass dasjenige, was als Denken, Fühlen und Wollen im gewöhnlichen Leben da ist, eine Umsetzung von Leistungen ist, die nur zwischen Geburt und Tod eine Bedeutung haben, weil sie in ihrem Erscheinen, so wie sie im Bewusstsein auftreten, an die äußeren Organe gebunden sind. Aber innerhalb des Denkens, Fühlens und Wollens entdeckt der Geistesforscher etwas, was nicht an die Organe gebunden ist, was er eben erst entdecken kann so, dass er weiß: Es ist dies in jedem Menschen vorhanden — nur muss man erst zum Bewusstsein davon kommen, was da noch an die Organe gebunden ist —, als wäre es etwas anderes, etwas, was eintritt durch die Pforte des Todes, etwas, was damit verbunden ist. Das, was nicht an die Organe gebunden ist, das muss erst aufgesucht werden!

[ 67 ] Daher gibt der Geistesforscher dem Naturforscher vollständig recht — und es ist ein Grundirrtum, wenn man immer wieder irgendeinen Widerspruch konstatiert zwischen der Natur- und der wahren Geistes-Forschung. Die wahre Geistesforschung steht gerade in Bezug auf die Ausdeutung des gewöhnlichen Denkens, Fühlens und Wollens auf dem Boden der gewöhnlichen Naturforschung. Wenn auch dasjenige, was dieser Naturforschung zugrunde liegt, noch vielfach ein Ideal ist, es ist etwas vorhanden; und der Naturforscher kann heute aus seiner Weltanschauung heraus gewisse abnorme Verfassungen im menschlichen Leben angeben.

[ 68 ] Ein sehr bedeutender Seelen- und Naturforscher hat gewisse Zustände, die auftreten, ja sogar schon dem Traumleben zugrunde liegen, die insbesondere dem Hypnotismus, aller möglichen Hellseherei und so weiter zugrunde liegen, er hat dies «starre Zustände des Bewusstseins» genannt.

[ 69 ] Man soll nur ja nicht glauben, dass der Geistesforscher dasjenige, worauf er abzielt, irgendwie verwechseln kann mit demjenigen, was von dieser Seite her als krankhafte Seelenentwicklungszustände geschildert wird! Das ist gerade das Bedeutsame, dass bei der wahren Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, dasjenige Seelenleben, welches sich als ein anderes, als ein außerleibliches Seelenleben, wie es geschildert worden ist, entwickelt, dass dieses Seelenleben so verläuft, dass es nicht etwa eine Umschaffung ist des gewöhnlichen Seelenlebens, sondern dass es sich neben das gewöhnliche Seelenleben hinstellt. Und umso gesünder ist dieses Hellscherische, wie es heute gemeint worden ist, anzuschauen, umso gesünder ist es, wenn derjenige, der sich zu ihm entwickelt, dieses Sehertum so entwickelt, dass daneben alles andere — Denken, Fühlen und Wollen, alles andere sogenannte soziale Seelenleben — weitergeht! Nur, dass er in dem Momente, wo er eben im Schauen ist, dies normal überblickt.

[ 70 ] Nehmen Sie irgendwelche Zustände, die bei krankhaftem Seelenleben auftreten: Wie treten sie auf? So treten sie auf, dass das sogenannte normale Seelenleben aufhört, und wenn auch nur für kurze Zeit übergeht in das krankhafte Seelenleben. Der mit irgendeiner Krankheit des Seelenlebens Behaftete — wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, der natürlich selbst ungenau ist —, der mit irgendeiner Krankheit Behaftete ist gerade dadurch charakterisiert, dass er in der Krankheit nicht auf sein gesundes Seelenleben schauen kann, sonst würde er nicht krank sein!

[ 71 ] Das ist nun das Wesentliche, dass derjenige, der zum wirklichen Geistesforscher wird, nicht gewissermaßen, wie es scheinen könnte, aus dem gesunden Seelenleben in ein anderes Seelenleben hineingeht, sondern dass sich die beiden Seelenleben klar, mit vollem Bewusstsein nebeneinanderstellen. Der Geistesforscher geht durch die Geistwelt, indem er mit entwickeltem Schauen diese Welt anschaut. Und für das gewöhnliche Leben, für alle Aufgaben des gewöhnlichen Lebens denkt und fühlt und handelt er so, wie eben andere vernünftige Menschen handeln. Dieses Überschauen, das ist das Wesentliche.

[ 72 ] Daher ist es für Anfänger der Geistesforschung, sehr verehrte Anwesende, gar nicht besonders gut, wie das aus gewissen Bequemlichkeiten des Lebens heraus — man möchte sagen —, auch aus gewissen Enthusiasmen des Lebens heraus [geschieht], wenn sie mit allem möglichen Schwärmen in irgendeine geisteswissenschaftliche Welt sich einlassen, und so etwa, wie man sich von einer Religion zur anderen bekehrt, sie in ein ganz anderes Seelenleben hineinkommen und das erste einfach vergessen. Im Gegenteil, es befördert für Anfänger die richtige Seelenverfassung ganz besonders, wenn alles dasjenige, was der Mensch vorher war, wie er vorher gedacht und gelebt hat, möglichst fortgesetzt wird, und wenn das Andere sich so daneben hinstellt, dass er das Erste gerade vollständig überschaut.

[ 73 ] Besondere Einrichtungen, die etwa gepflogen werden, sehr verehrte Anwesende, um Geistesforschung zu züchten, die man aus dem gewöhnlichen sozialen Leben heraus in allerlei Kollegien nimmt, damit sie möglichst mit ihr das Leben bereichern, das führt eigentlich im Grunde genommen zunächst zum Unfug. [Wenigstens wird etwas, die Gesundheit des Geisteslebens für den Geist-Erforschenden ganz besonders Förderndes, außer Acht gelassen!] Gewiss man könnte ja daran denken, eine gewisse Anzahl von Leuten für die Geistesforschung zu präparieren und sie sozusagen in Kollegien zu bringen, wo sie ihr äußeres Leben, das sie bisher geführt haben, besonders verschlafen können; da müssten aber die betreffenden in einem gewissen Sinne so unfrei werden, dass sie das, was sie bisher gepflogen haben, nun in Abhängigkeit versetzt zu einem neuen Leben, das für das Äußere nicht eingerichtet ist. Das hat schon seine Gefahren. Das Allerbeste ist, wenn der Mensch so vernünftig bleibt für das gewöhnliche Leben, wie er vorher war, und die Geistesforschung nur dazukommt, sich danebenstellt sozusagen.

[ 74 ] Das ist aber auch der prinzipielle Unterschied von allem krankhaften Seelenleben. Und wenn derjenige, der mit einer ordentlichen naturwissenschaftlichen Gesinnung ausgestattet ist, nur mit vollem Verständnisse überschauen würde dasjenige, was zum Beispiel für die Übungen der Seelenkräfte nach der Richtung hin, die angegeben worden ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», steht, so würde er sehen, dass gerade derjenige, der sich mit wahrer Geistesforschung und den geistesforscherischen Methoden befassen will, aufmerksam gemacht wird und aufmerksam ist auf dasjenige, was nach der einen oder anderen Seite hin nicht nur in das Krankhafte, sondern sogar in nebulöse Seelenverirrungen hineinführen könnte.

[ 75 ] Allerdings entstehen viele Missverständnisse gegen die Geisteswissenschaft. Nicht bloß, dass sie theoretische Missverständnisse sind vonseiten derjenigen, die etwa auf naturwissenschaftlichem Boden stehen, auf dem Boden einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung stehen; sondern sie erstehen — ich möchte sagen praktisch, indem die Leute auf eine viel andere Weise, eine viel bequemere Weise, als geschildert worden ist, in die geistige Welt eintreten wollen, und dann in der Tat, statt eine Wissenschaft von dem Übersinnlichen, die auf dem Wege, wie ich es geschildert habe, zu erreichen wäre, eine Wissenschaft von dem Untersinnlichen erreichen, das heißt, irgendetwas von dem erreichen, was im gewöhnlichen Sinne so oft als Hellseherei oder dergleichen bezeichnet wird. Diese Hellseherei, dasjenige, was man gewöhnlich so nennt, das ist gerade eigentlich diametral entgegengesetzt der Geistesforschung. Das ist etwas, das dadurch entsteht, dass gerade der Mensch enger noch an seine Persönlichkeit gebunden wird, als er gebunden ist schon im gewöhnlichen sozialen Menschenleben. Ich brauche nur — obwohl das natürlich nur vergleichsweise, zur Erläuterung gesagt wird — darauf aufmerksam zu machen: Wenn wir irgendeinen Eingriff uns beibringen, so spüren wir die Stelle mit unserem Bewusstsein, besonders dann, wenn im Magen krankhaft etwas in uns organisiert ist, innerlich. Wenn wir auf diese Weise innerlich etwas im Nervensystem oder irgendwo organisiert haben, dann wendet sich das Bewusstsein in einer krankhaften, in einer abnormen Weise dem zu. Dann kann aber auch dadurch allerlei «geschaut» werden. Es kann eben dasjenige entstehen, was man mit einem gewissen Recht vom Standpunkte der Naturwissenschaft aus Halluzinationen, Illusionen und so weiter nennt. Das entsteht eben gerade dadurch, dass das Gegenteil von dem eintritt, was eintritt für die wahre Geistesforschung, die heute geschildert worden ist. Es ist ein starkes Gebundensein an den Leib. Und bei dem, was man im trivialen Leben oder auch in schwindelhafter Weise als «Hellsehen» bezeichnet, sehr verehrte Anwesende, da hat man eben etwas vor sich, was viel weniger Ewigkeitswert oder geistigen Wert hat als dasjenige, was man im normalen Seelenleben verfolgen kann, wo man das Seelische mit seiner ganzen Leiblichkeit zusammen hat, während man in dem krankhaften Hellsehen oder im krankhaften Hypnotischen oder im Suggestionszustand oder dergleichen eben nur mit einem Teil zusammenhängt. Da kommt man zum Ergreifen des Untersinnlichen, desjenigen, was weniger Wirklichkeitswert hat als das, was man im gewöhnlichen Leben sieht. Während das wirkliche, das wahre Hellsehen darin besteht, dass man gerade unabhängig wird von allem Leiblichen und zurückschaut auf die Leiblichkeit, und beobachtet, wie sie normal geblieben ist in Bezug auf die äußere physische Welt und hinausschreitet über die Leiblichkeit, [dass man] zum Übersinnlichen, nicht zum Untersinnlichen kommt.

[ 76 ] Wenn einmal, sehr verehrte Anwesende, dieser Unterschied des Übersinnlichen [vom] Untersinnlichen erfasst sein wird, wenn einmal erkannt sein wird, dass dasjenige, was der krankhafte Hellseher macht, etwas ist, was viel weniger Bedeutung für den Menschen hat als dasjenige, was — sagen wir — von der Geburt bis zum Tode lebt, und was man mit den normalen Sinnenleben umfassen kann, und dass erst ein entwickeltes Seelenleben, das losgekommen ist von der Leiblichkeit, in die übersinnliche Welt hineinführen wird, dann werden die Missverständnisse, die von gegnerischer Seite aus entgegengebracht werden der Geistesforschung, schon verschwinden!

[ 77 ] Und ein anderes Gebiet dieser Missverständnisse, das ist ja dasjenige, das vonseiten der Religionsbekenner, der verschiedensten Religionsbekenntnisse der Geistesforschung entgegengebracht wird. Da muss gesagt werden, dass wir es da mit einem Gebiet zu tun haben, sehr verehrte Anwesende, wo unterschieden werden muss für eine gesunde Betrachtung das religiöse Element von dem wissenschaftlichen Element. Geisteswissenschaft wird — wissenschaftlich ausgebildet — das Geistig-Seelische bis zur Unsterblichkeit der Seele, bis zum Wahrnehmen geistig-übersinnlicher Welten zu erforschen haben. Aber sie wird der Religion ebenso wenig ins Gehege kommen, wenn man sie nur richtig versteht, wie die äußere Naturwissenschaft der Religion ins Gehege gekommen ist. Ich muss sagen, immerzu steht vor mir in schöner Weise ein Satz, den ein Priester gebraucht hat, als er einmal das Rektorat an der Universität in den 1890er-Jahren angetreten hat. Er hielt eine Rede über Galilei — der Theologe über Galilei —, und er sagte dazumal: Gewiss, in der Zeit, als Galilei gelebt hat, hat die Kirche Galilei verfolgt; aber jetzt ist die Zeit gekommen, wo man wissen kann, dass durch dasjenige, was Galilei von dem Bau der Welten gesagt hat, nur zu größerer Herrlichkeit des von der Religion verehrten und angebeteten Göttlichen hintreibt. Wie man nur aus Missverständnis heraus in der Zeit, als die neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung gekommen ist, einen Widerspruch mit dem religiösen Leben hat finden wollen, und auch ins äußere praktische Leben eingeführt hat, so beruht es auf einem Missverständnis, wenn man glaubt, dass die Geistesforschung — die für die heutige Zeit etwas Ähnliches sein muss, [wie die Naturforschung Galileis, Keplers und so weiter für ihre Zeit war] —, dass diese dem religiösen Leben irgendwie Eintrag tun könnte. Wirklich ist diese Geisteswissenschaft, und will sie sein, sehr verehrte Anwesende, eine Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Denkungsweise für das geistige Gebiet.

[ 78 ] Aber begreiflich ist es. Gerade wenn man die Wissenschaftsgeschichte gut begreift, ist es begreiflich, dass heute noch wenig Menschen sich finden, welche einen Sinn haben für dasjenige, was der Nerv dieser Geistesforschung ist. Allein derjenige, welcher den Gang der Wahrheit durch die Menschheitsentwicklung mit liebevoller Seele hat zu erforschen versucht, der weiß, dass die Wahrheit durch die dünnsten Spalten auch der härtesten Felsen, die die menschlichen Vorurteile auftürmen, ihren Weg durch die Menschheitsentwicklung durchmachen wird.

[ 79 ] Und nicht um Propaganda zu machen, wahrhaftig nicht, sondern nur um zu erwähnen, dass doch schon in der Gegenwart wenigstens ein kleiner Kreis vorhanden ist von Freunden der geisteswissenschaftlichen Richtung, wie sie hier gemeint ist, möchte ich hinweisen auf den Bau, der durch die Opferwilligkeit einer Reihe von Bekennern unserer Geisteswissenschaft — ich möchte sagen —, von Schülern unserer Geisteswissenschaft als eine Art von Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach, in der Nähe von Basel, errichtet worden ist.

[ 80 ] Diesem Bau aber bringt man ebensolche Missverständnisse entgegen. Nur mit wenigen Worten sei zum Schlusse darauf aufmerksam gemacht, wie man der Geisteswissenschaft selber in der verschiedensten Weise Missverständnisse entgegenbringt, so auch diesem Bau. Es gibt sogar Leute, die da sagen, dieser Bau habe etwas Phantastisches, wenn man in diesen Bau hineintrete, so sehe man allerlei Symbole, allerlei magische Zeichen; sogar eine Folge von sieben Säulen zum Beispiel ist da drinnen.

[ 81 ] Nun, derjenige, der den ganzen Bau versucht innerlich zu verstehen, sehr verehrte Anwesende, der kann glauben, dass diejenigen, die das gesehen haben, was in Dornach gebaut wird, und dann so sprechen, dass die kaum hingesehen haben können, sondern nur eben glauben, dass, wenn auf irgendeinem Gebiet, das sie noch nicht kennen, irgendetwas entsteht, so muss es irgendetwas Zauberisches, irgendetwas Magisches, Zauberhaftes sein; aus diesem Glauben heraus charakterisieren sie.

[ 82 ] Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, nehmen wir gleich etwas, was — ich möchte sagen — versucht ist in den Säulen-Folgen links und rechts im Bau. Da denken die Leute: Das sind abergläubische Menschen, die haben aus der Siebenzahl heraus eine Säulenordnung konstruiert, weil sie just da sieben Säulen darinnen haben auf jeder Seite! — Ja, solch eine Rede ist genau ebenso, wie wenn jemand irgendetwas Symbolisches oder Zauberhaftes glaubt vermuten zu können bei der Tatsache, dass auf einer Violine just die e-Saite, die a-Saite und so weiter sind. Die innere Natur der Sache hat das gefordert! Wie das Licht in sieben Farben geteilt ist, in sieben Farben des Regenbogens erscheint, geradeso wie die Töne sich in der Siebengliedrigkeit der Skala eröffnen und die Oktave die Wiederholung des Grundtones ist, so musste dadurch, dass einmal gebrochen wurde mit den üblichen Baustilen —, aus unserer künstlerischen Überzeugung heraus musste eine Gesamtheit der Kunst sich ergeben, wirklich nur, weil gebrochen worden ist mit dem, dass ein Kapitel ist wie das andere, wenn man Säulen hat. Sondern wenn man eine Säule hat und ein Kapitel, so ist das nächste anders, das dritte wieder anders. Aber damit ergab sich aus dem rein künstlerischen Prinzip heraus, dass mit dem siebten ein Abschluss da war — wie bei der Ton-Skala auch mit dem siebten Ton, der Septime, ein Abschluss da ist, und wie in der Oktave eine Wiederholung des Grundtones da ist —; es ergab sich ganz von selbst, mit derselben Notwendigkeit, wie die sieben Farben im Regenbogen sich mit Notwendigkeit ergeben. Und so ist alles in diesem Bau. Nichts ist da versucht von irgendwelcher Ausbildung von Symbolen. Alles sollte im Künstlerischen ins Bildhauerische, ins Architektonische, ins Malerische rein künstlerisch ausgegossen sein. Daher wird man auch niemals eine Kunst, die im Sinne der Geisteswissenschaft ist, erreichen können dadurch, dass man etwa, was man mit Geisteswissenschaft erkannt hat, malt oder bildhauert. Das wurde bei unserm Bau in Dornach auch gar nicht versucht. Nur, im Menschen sind viele Anlagen, die im gewöhnlichen Leben verborgen bleiben, und alle Anlagen der Menschheit sind noch nicht etwa herausgekommen im Verlauf der verflossenen Epochen der Menschheitsentwicklung. Geisteswissenschaft ist aber, weil sie ins lebendige Erfassen der lebendigen Welt hineinführt, eine Anregerin, nicht einer Idee — nicht dasjenige, was sie findet als Wissenschaft, soll irgendwie also symbolisch künstlerisch verkörpert werden — das wäre eine unkünstlerische Art und Weise —, sondern anregen muss sie künstlerische Fähigkeit. Und dadurch wird, weil sie selbst hineinstellt als etwas Neues in die Menschheit die Geisteswissenschaft, auch eine neue Kunstform, ein neues Kunstprinzip geschaffen. Das wirkt natürlich ebenso überraschend und missverständlich, wie eben das Neue an der Geisteswissenschaft selber missverständlich und überraschend wirkt.

[ 83 ] Es ist zum Beispiel im eminentesten Sinne versucht worden, in der Architekturform etwas wiederzugeben, das in der Umrahmung, in der Innenhülle eines Raumes zeigt, was in dem Raume vorgeht, was der Raum birgt. Aber nicht symbolisch, sondern indem versucht wurde, das innere Leben zu erfassen. Versucht wurde zum Beispiel, es fortzusetzen in der Formung, in der plastischen Formung der Wände [...]. [Die Wände sind in der alten Architektur zum Beispiel — ich will diese Einzelheit besonders hervorheben — wenn man sie künstlerisch erfasst so, dass sie abschließen durch dasjenige, was sie in ihren Formen sind.] Unsere Wände in Dornach sind so, dass sie nicht abschließen, sondern in der Gemäßheit ihrer Formen die Empfindung hervorrufen, sie seien durchlässig. Und indem man sie anschaut, bekommt man solche künstlerischen Anschauungen, dass man eigentlich das Sehen üben muss, es in ein Unendliches des Weltendaseins hineinschweifen zu lassen. Das ist eben ein Unterschied gegenüber einer früheren künstlerischen Auffassung. Aber Unterschiede mussten sich auch ergeben, als von der alten Kunst, von der Antike zu der Gotik vorgeschritten worden ist und so weiter.

[ 84 ] Ich müsste selbstverständlich viel sagen, wenn ich gerade anknüpfend an die Missverständnisse, die — ich möchte sagen — in diesem noch ganz. Ungreifbaren des Dornacher Baues entstehen, wenn ich dann über diese Missverständnisse ausführlich sprechen wollte. Allein das möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass insbesondere ich selber, sehr verehrte Anwesende, mich keiner Illusion darüber hingebe, dass mit dem Dornacher Bau etwas anderes gemacht ist als ein allererster Anfang, ein ganz unvollkommener Anfang. Aber es lebt doch vielleicht in diesen primitiven Anfangsformen, die vielleicht in mancher Beziehung noch ganz verfehlt sind, etwas von einer neuen künstlerischen Gestaltungskraft. Und das sollte eben sein. Denn, wenn Geisteswissenschaft etwas sein soll, was lebendig in das Menschenleben eingreifen kann, dass sie in alle Zweige des Menschenlebens eingreifen kann — und nur die äußeren Umstände haben es, möchte ich sagen, gemacht, dass sie zunächst auf diese Art in das künstlerische Schaffen eingedrungen ist —, so muss sie die besonderen Begabungen der Menschheit, die mit dieser Geisteswissenschaft heute verbunden sind, entwickeln.

[ 85 ] Wie gesagt, nicht Propaganda machen möchte ich für das, was jetzt erwähnt worden ist, sondern nur darauf aufmerksam machen, wie Geisteswissenschaft sich auch da künstlerisch auslebt.

[ 86 ] Das aber, sehr verehrte Anwesende, möchte ich noch sagen, dass ebenso wenig, wie man ein Chemiker zu sein braucht, um aus der heutigen Zeit dasjenige, was in unsere Weltauffassung hineinkommt durch die chemischen Ergebnisse, aufzunehmen, ebenso wenig, wie man Astronom oder Physiker zu sein braucht, um die Ergebnisse der Astronomie und der Physik aufzunehmen, ebenso wenig braucht man selbst Geistesforscher zu sein — obwohl, wie Ihnen das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zeigt, heute bis zu einem gewissen Grade jeder Mensch ein Geistesforscher werden kann, jeder Mensch kann die Fähigkeiten seiner Natur entwickeln, aber man braucht es nicht selbst zu sein. Geisteswissenschaft kann ebenso mit ihren Ergebnissen vor die Menschheit hintreten, und weil sie auf Wahrheit und nicht auf Irrtum angelegt ist, kann sie überzeugen. Wenn man die Erkenntnisse in der richtigen Weise auffasst, wird man zur Überzeugung geführt, zum Aufnehmen der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse in die Wahrheitsempfindung der Seele, in dasjenige, was sich zuletzt zu einer Gesamtüberzeugung über Welt und Seele und Welt und Geist zusammenschließt. Aber dass dieser Geistesforschung noch Missverständnisse entgegengebracht werden: Man kann es verstehen, sehr verehrte Anwesende.

[ 87 ] Man braucht sich nur zum Beispiel zu erinnern, als vor die Menschheit hingebracht werden musste das neuere Weltbild, die neuere Naturwissenschaft: Musste nicht da eine Ansicht, möchte ich sagen, vor die Menschheit gebracht werden, die entgegengesetzt war dem, was bis dahin die Menschen gedacht haben? Eine Ansicht, die sogar widersprach demjenigen, was die Sinne sahen? — Man hat das ganze Mittelalter hindurch in gewissen Kreisen der Menschheit geglaubt: Da oben ist das blaue Firmament, und die Sterne kreisen um die Erde. Das wurde anders! Die Erde, die still gestanden hat für das Bewusstsein, man musste sie vorstellen als durch den Weltraum eilend; und das blaue Firmament — von dem musste man erkennen: Das ist gar nicht da oben, das machst Du selber aus Deiner Anschauung heraus. Und nur deshalb stelltest Du Dir dieses blaue Firmament vor, weil Du es bis dahin gemeint hast! — Das war der große Umschwung, auf den zum Beispiel Giordano Bruno hinwies, dass man in diesem blauen Firmament nichts anderes zu sehen habe als das, was aus der menschlichen Anschauungsweise selbst gemacht wird; dass in die weiten Weltenunendlichkeiten hinaus sich erstreckt dasjenige, was räumliches Weltenall ist.

[ 88 ] Was dazumal geschehen ist, man kann sagen, muss wieder geschehen: Ein anderes Firmament ist es, zu dem heute die Menschheit hinschaut; aber nur durch die eigene Vorstellungsart. Sieht der Mensch hin auf der einen Seite bis zur Geburt, auf der anderen Seite bis zum Tode — oder sagen wir: auf der einen Seite bis zur Empfängnis, auf der anderen Seite bis zum Tode —, es ist wie mit dem Firmament: Es ist keine Grenze da. Wenn [nun] der Blick sich hinausarbeitet, kann eintreten dasjenige für das geistige Leben, was damals für das äußere Naturforscherische eingetreten ist: dass die Grenze zwischen Geburt und Tod — oder Empfängnis und Tod — von dem menschlichen Seelenleben selbst gemacht ist. Dann wird man hinausblicken in die Zeitlichkeit und Ewigkeit, in die eingebettet sind unsere wiederholten Erdenleben und diejenigen Leben, die wir zwischen Tod und Geburt in einer rein geistigen Welt zubringen. Und eröffnen wird sich die geistige Welt für die Menschen so gewiss, wie sich die räumliche Welt jenseits des gar nicht vorhandenen Firmaments hinauf eröffnete.

[ 89 ] Derjenige, der gerade auf diesem Punkte der Geisteswissenschaft steht, der wird durchaus sich nicht verwundern, wenn heute noch als Phantasterei, Träumerei vielleicht sogar dasjenige angesehen ist, was er gesagt hat. Allein, wer bekannt ist mit dem Gang, den die Wahrheit durch die Menschheitsentwicklung, durch die Menschheitsgeschichte macht — und mit dem muss sich ja der Geistesforscher bekannt machen in unserer Zeit —, der weiß, was ich schon sagte: dass die Wahrheit ihren Weg findet durch die feinsten Ritzen hindurch, die sich wie Ritzen in Felsen eben hineinerstrecken in die Vorurteilsfelsen, und welche die Menschheitsentwicklung — ich sage es nicht kritisch, ich sage es nicht tadelnd — [nicht nur] aufnehmen kann, sondern eben aufnehmen muss. Denn das Leben braucht ebenso — wie es seine Urteile, wie eben gelebt werden könne, hat — seine Vorgänge, die sich aufhäufen müssen für eine bestimmte Zeit. Das Leben muss im Rhythmus im Weltgange ablaufen, und es musste eine Zeit lang die naturwissenschaftliche Vorstellung alles übertönen. Jetzt erst kann die andere Welle, gleichsam der andere Pol, kommen, der jenen Denk- und Wahrheitssinn nun auch in die geistige Welt hineintreibt.

[ 90 ] Zum Schlusse möchte ich wie in einer großen Empfindung zusammenfassen dasjenige, was ich versuchte, wie etwas, was nicht von vornherein Überzeugung hervorrufen kann, sondern nur neue Anregungen geben kann, wie in einer Empfindung zusammenfassen:

[ 91 ] Derjenige, der versucht, sich einzuleben in diesen Nerv der Geisteswissenschaft, der weiß, dass sie ebenso wenig wird unterdrückt, aus der Welt geschafft werden können wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung, die in der Morgenröte der neueren Zeit vor drei bis vier Jahrhunderten aufgetreten ist, aus der Welt gedrängt werden konnte durch alle entgegengesetzten Vorstellungen. Denn er weiß: Man kann die Wahrheit hassen; derjenige, der sich so in ihren Charakter eingelebt hat aber, er weiß auch, dass derjenige, der die Wahrheit hasst, diese Wahrheit nicht so leicht verdrängen kann.

[ 92 ] Und sollte es auch sein, sehr verehrte Anwesende, dass jetzt noch nicht die Zeit gekommen ist, wo in weitere Kreise eindringen kann diese Art, die geistige Welt anzusehen, von der hier heute gesprochen worden ist, diese Zeit wird schon kommen.

[ 93 ] Dadurch, dass die Wahrheit eine Zeit lang gehasst wird — das ist eine menschlich begreifliche Erscheinung —, aber dadurch kann es nimmermehr verhindert werden, dass diese Wahrheit immer wieder und wiederum auftritt, wie es auch mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung gegangen ist. Geschmäht auch werden kann die Wahrheit; aber die Schmähworte, sie fallen zuletzt doch wiederum auf jene zurück, die sie aussprechen. Und [diejenigen, die] das Wesen, das man — ich möchte sagen — wie verkörpert in der Wahrheit schauen kann, kennen, die wissen, es hat so viel Eigenbewusstsein, dass es wissen kann, wie es wirksam ist in der Welt auch gegen alle Schmähungen. Man kann die Wahrheit auch unterdrücken wollen, aber man kann sie nimmermehr vertilgen wollen!

[ 94 ] Das sind die Empfindungen, die durchseelen denjenigen, der heute aus der Natur der Geistesforschung heraus ein gewisses Verhältnis zu dieser Geistesforschung erlangt hat. Und über die Wahrheit muss er denken, dass gerade, weil sie im innersten Wesen der Menschenseele begründet ist, dass man nur in diese Menschenseele sich entsprechend zu vertiefen braucht, dass man ehrlich den entwickelten Gedanken auf diese Seele selbst anwendet und sich sagt: Das, was man als Wollen, Denken und Fühlen im gewöhnlichen Leben hat, kann weiterentwickelt werden; dann führt dasjenige, was Wahrheit war für die endliche Welt, auch zu einer Wahrheitskraft für die unendliche Welt, für die urewige Kraft, für die ewigen Kräfte der Menschheit, die durch Geburten und Tode hindurchgehen.

[ 95 ] Diese Wahrheit, sie wird zur Anerkennung es bringen. Wie ein Glaube, wie eine Überzeugung spricht das aus derjenige, der den inneren Charakter, die innere Eigenschaft der Geisteswissenschaft voll kennengelernt hat; er glaubt gegenüber der Wahrheit, die er zu erkennen vermeint, dass sie so tief in der menschlichen Seele begründet ist, wie die Liebe tief begründet ist von einer Schwester zur andern Schwester, wenn ein richtiges Verhältnis vorhanden ist. Ja, die menschliche Seele und die Wahrheit, sie sind Schwestern! Und was sich auch auftürmen könnte jemals an Missverständnissen zwischen den beiden, zuletzt muss doch das volle Einvernehmen zwischen der einen und der andern Schwester sein: zwischen der Menschenseele und der Wahrheit; sie müssen sich erinnern eines gemeinsamen Ursprungs, der da ist in dem durch alle Erscheinungen hindurch waltenden Weltengeist, der immer und immer hinter den bloß sinnlichen Erscheinungen waltet und webt, als innerer Grund, als ihre schaffende Macht sie durchwaltende und durchwebende Geistigkeit, und was gerade durch die übersinnliche Forschung gefunden werden kann.