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Ways to a Knowledge of the
Eternal Forces of the Human Soul
GA 70b

10 January 1916, Zurich

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Ways to a Knowledge of the Eternal Forces of the Human Soul, tr. SOL
  1. Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele

6. Über die Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele

6. On the Paths to Understanding the Eternal Powers of the Human Soul

Sehr verehrte Anwesende!

Ladies and gentlemen!

[ 1 ] Mit demjenigen, was ich heute vor Ihnen zu der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, werde vorzubringen haben, kann selbstverständlich nichts gegeben werden, was irgendwie von vornherein überzeugend wirken könnte. Nur Anregungen sollen gegeben werden, mehr oder weniger ein Aufmerksam-Machen auf dasjenige, was mit dieser Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, gewollt ist.

[ 1 ] What I have to present to you today regarding spiritual science, as it is understood here, certainly cannot offer anything that might be convincing from the outset. The aim is simply to offer some food for thought—more or less to draw attention to what is intended by this spiritual science, as it is understood here.

[ 2 ] Gerade derjenige, der auf dem Boden dieser Geistesforschung steht, weiß ja, dass viele Voraussetzungen notwendig sind, um in diejenigen Wege geistiger Anschauung und geistiger Betätigung hineinzukommen, die es möglich machen, dasjenige, was Grundnerv dieser Geistesforschung ist — ich möchte sagen — nicht mehr als eine eitle Phantasterei, als eine Träumerei anzusehen. Und fast selbstverständlich ist es, dass solche Anschauungen zunächst Platz greifen, wenn man die ersten Anregungen gerade von dieser wissenschaftlichen Richtung vernimmt.

[ 2 ] It is precisely those who stand on the ground of this spiritual research who know that many prerequisites are necessary to enter into those paths of spiritual insight and spiritual activity that make it possible to regard what is the very essence of this spiritual research—I would say—as no longer merely a vain fantasy or a daydream. And it goes almost without saying that such insights take hold first and foremost when one receives the initial impulses precisely from this scientific direction.

[ 3 ] Den Ausgangspunkt, sehr verehrte Anwesende, nimmt diese Geistesforschung davon her, dass sie die Meinung hegen muss, über das Gebiet des seelischen Lebens seien durch die in der Menschheitsentwicklung liegenden Impulse von unserer Zeit ab ähnliche Verhältnisse gegeben, wie sie seit drei bis vier Jahrhunderten, seit der Morgenröte der neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung für die Natur und ihre Erscheinungen gegeben waren und sind.

[ 3 ] The starting point, ladies and gentlemen, for this spiritual research is that it must hold the view that, in the realm of spiritual life, the impulses inherent in human development have, as of our time, created conditions similar to those that have existed for the past three to four centuries—since the dawn of the modern scientific worldview—with regard to nature and its phenomena.

[ 4 ] In Wahrheit will diese Geistesforschung nichts anderes sein als eine echte Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Denkungsweise. Und sie will von denselben Wahrheitsbegriffen — ja, ich möchte sagen, vielleicht besser sagen —, aus derselben Wahrheitsgesinnung, aus [derselben] Erkenntnisgesinnung heraus Ergebnisse über seelisch-geistige Tatsachen gewinnen, wie die Naturwissenschaft sie gewinnt über natürliche Dinge und ihre Zusammenhänge. Dazu ist aber zugleich das Verständnis für etwas notwendig, für das man sich eben geistiges Verständnis erwerben muss.

[ 4 ] In truth, this spiritual research aims to be nothing other than a genuine continuation of the scientific way of thinking. And it seeks to arrive at findings regarding psychological and spiritual facts—based on the same concepts of truth—indeed, I would say, or perhaps better put—based on the same attitude toward truth, the same attitude toward knowledge—just as the natural sciences arrive at findings regarding natural phenomena and their interrelationships. However, this also requires an understanding of something for which one must first acquire a spiritual understanding.

[ 5 ] Derjenige, der der — und ich sage ausdrücklich — berechtigten Meinung ist, dass die naturwissenschaftlichen Methoden, die naturanschaulichen Grundanschauungen in Bezug auf Handhabung der Wissenschaft etwas Mustergültiges nach und nach geworden sind, der wird nur allzu leicht sich dem Glauben hingeben können, dass alle Erforschung, schlechterdings alle Erforschung der Realität, also auch die Erforschung des geistig-seelischen Lebens, genau ebenso vor sich gehen müsse, wie — wie die Forschung über die Natur und ihre Ergebnisse gesucht werden. Wenn gerade aus diesem Grunde Geistesforschung andere Wege einschlagen muss als die äußere Naturwissenschaft, so ist das gewiss etwas, das ja nicht von vornherein unmittelbar zugegeben werden kann.

[ 5 ] Anyone who holds the—and I say this explicitly—justified view that the methods of the natural sciences and the basic, intuitive conceptions of nature have gradually become something of a model for the practice of science will all too easily succumb to the belief that all research, absolutely all research into reality—including research into mental and spiritual life—must proceed in exactly the same way as research into nature and the pursuit of its results. If, for this very reason, spiritual research must take a different path than the external natural sciences, this is certainly something that cannot be readily acknowledged from the outset.

[ 6 ] Ich will nun, nach diesen einleitenden Worten, sehr verehrte Anwesende, nicht weiter im Abstrakten herumreden, sondern möchte gleich auf das Wesentliche der Sache eingehen.

[ 6 ] Now, after these introductory remarks, distinguished guests, I do not wish to dwell any longer on abstract matters, but would like to get straight to the heart of the matter.

[ 7 ] Das Erste, um das es sich handelt, ist, dass allerdings Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, auf Beobachtung, auf Beobachtung von Tatsachen beruht; ja, in gewisser Weise so, dass man sagen kann: auf der Herstellung von Experimenten sogar, nur aber so, dass alle Beobachtung, alles Experimentieren, im intimsten Seelenleben selber erfolgt. Nicht so, wie man im Laboratorium Experimente anstellt, nicht so, wie man bei zoologischen, bei botanischen und so weiter Beobachtungen mit den äußeren Sinnen und mit dem Verstand [forscht], der an das Gehirn gebunden ist, kann es für die Geisteswissenschaft sein. Dasjenige, was den Geistesforscher führt zu den Erkenntnissen geistig-seelischen Lebens, sind reine, innere Erlebnisse. Und da ist es wiederum schwierig, einzusehen, dass rein innere Erkenntnisse ganz abstreifen können den Charakter alles Subjektiven, alles Individuellen, und wirklich objektiv werden können, das heißt, so werden können, dass sie Aufschlüsse geben können über Tatsachen.

[ 7 ] The first point to be made is that spiritual research, as understood here, is indeed based on observation—on the observation of facts; indeed, in a certain sense, one could even say it is based on the conduct of experiments—but only in such a way that all observation and all experimentation take place within the innermost life of the soul itself. It cannot be for spiritual science the way experiments are conducted in a laboratory, nor the way observations are made in zoology, botany, and so on—using the external senses and the intellect, which is bound to the brain. What guides the spiritual researcher to insights into spiritual-soul life are pure, inner experiences. And here, too, it is difficult to understand that purely inner insights can completely shed the character of all that is subjective and individual and become truly objective—that is, become such that they can provide insights into facts.

[ 8 ] Der Schauplatz, auf dem man forscht, ist also nichts, das mit den äußeren Sinnen verfolgt werden kann; nichts auch, das mit dem Verstand, der in der gewöhnlichen Wissenschaft angewendet wird, irgendwie begriffen werden kann — oder ergriffen werden kann, besser gesagt. Sondern es handelt sich darum, dass Geistesforschung die Kräfte, die Fähigkeiten in der menschlichen Seele erst hervorbringen muss, [die] in ähnlicher Weise zum Verfolgen, zum Beobachten der geistigen Tatsachen führen, wie die äußeren Sinne und wie die bewaffneten äußeren Sinne zu der Beobachtung der Tatsachen führen und zu äußeren Experimenten führen.

[ 8 ] The field of research, then, is not something that can be perceived by the external senses; nor is it something that can be understood in any way—or, to put it better, grasped—by the intellect as it is employed in ordinary science. Rather, spiritual research must first bring forth the powers and abilities within the human soul that lead to the observation of spiritual facts in much the same way that the external senses—and the external senses equipped with instruments—lead to the observation of facts and to external experiments.

[ 9 ] Nun handelt es sich darum, dass das erste, das entwickelt werden muss, eine innere Fähigkeit der Seele ist, die sowohl im gewöhnlichen Alltagsleben wie auch in der gewöhnlichen Wissenschaftsmethode latent ist, schlummert, könnte man sagen. In allem gewöhnlichen Leben und in allem Wissenschaftsleben wird diese erste Fähigkeit [gleichwohl] eigentlich nicht angewendet. Und man kann sie äußerlich zunächst so charakterisieren, dass man sagt: Alles dasjenige, was man an äußerer Handhabung, an äußerer Beobachtung, am Denken über die äußere Beobachtung vollführt im Alltagsleben, in der gewöhnlichen Wissenschaft, das führt zu einem gewissen Resultate. Es führt dazu, dass man sich vergegenwärtigt durch Begriff oder Idee — oder wie man es nennen will — dasjenige, was man als Gesetze der Natur zu erkennen glaubt. Und dann, wenn man dahin gelangt ist, durch die Anstrengung der Seele in der Handhabung der Beobachtung des Experimentes, des Nachdenkens, zu Ergebnissen zu kommen, dann hat man mit Bezug auf das äußere Leben, mit Bezug auf die gewöhnliche Wissenschaft einen gewissen Abschluss, gewissermaßen ein Ende erreicht.

[ 9 ] The point is that the first thing that must be developed is an inner capacity of the soul that lies latent—dormant, one might say—in both ordinary everyday life and the ordinary scientific method. In all ordinary life and in all scientific life, this first capacity is [nevertheless] not actually applied. And one can initially characterize it externally by saying: Everything one does in terms of external handling, external observation, and thinking about external observation in everyday life and in ordinary science leads to a certain result. It leads to one’s forming a mental image—through a concept or idea, or whatever one wishes to call it—of what one believes one has recognized as the laws of nature. And then, once one has reached this point—by exerting the soul in the process of observation, experimentation, and reflection—and arrived at results, one has reached a certain conclusion, a kind of end, with regard to external life and ordinary science.

[ 10 ] Das, was da als Ende erreicht ist, was da abgeschlossen ist in Bezug auf die äußere Entwicklung und das äußere Leben, das, sehr verehrte Anwesende, ist für die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, im Grunde genommen erst der Anfang. Von da aus muss erst alles Weiterentwickeln von inneren Seelenkräften gehen. Das heißt, diejenigen Methoden, die man in der gewöhnlichen Wissenschaft anwendet, die Resultate auch, die man gewinnt, die eigentümlichen Denkerlebnisse, zu denen man gelangt, die sind Vorbereiter, die präparieren erst die menschlichen Seelenkräfte zu dem, was sie werden müssen, wenn man in die geistige Welt hineinschauen will. Sodass man beim Ende der gewöhnlichen Wissenschaftlichkeit anfangen muss für die geistige Forschungsentwicklung.

[ 10 ] What is regarded there as an end, what is considered complete in terms of external development and external life—that, esteemed audience, is, in essence, only the beginning for spiritual science as it is understood here. It is from this point that all further development of the inner powers of the soul must begin. This means that the methods used in conventional science, the results obtained, and the unique experiences of thought to which one arrives—these serve as preparatory steps, preparing the human powers of the soul for what they must become if one wishes to look into the spiritual world. Thus, one must begin the development of spiritual research at the point where conventional scientific inquiry ends.

[ 11 ] Nun habe ich schon in früheren Vorträgen, die ich in dieser Stadt halten durfte, mancherlei über das Prinzipielle gesagt, wie die Seele innerlich sich üben muss, um zu dem Punkte zu gelangen, auf dem sie die geistige Welt beobachten kann. Da aber heute sehr viele verehrte Zuhörer da sind, die bei früheren Vorträgen nicht anwesend waren, so muss ich, wenigstens ganz kurz, im Prinzipiellen einiges erwähnen von dem, was die Seele zu tun hat, um zur eigentlichen Geistesforschung zu kommen.

[ 11 ] In earlier lectures I have had the privilege of delivering in this city, I have already spoken at some length about the fundamental principles of how the soul must train itself internally in order to reach the point where it can observe the spiritual world. However, since there are many esteemed listeners here today who were not present at previous lectures, I must—at least very briefly—mention some fundamental points regarding what the soul must do to arrive at true spiritual research.

[ 12 ] Ich kann selbstverständlich, sehr verehrte Anwesende, da nur das Allerprinzipiellste erwähnen; alles Weitere finden Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder auch im zweiten Teil meiner sogenannten «Geheimwissenschaft». Dort ist im Einzelnen auseinandergesetzt, was die Seele für innerliche Handhabungen, rein geistig-seelische Handhabungen vornehmen muss, um das zu erreichen, was ich nur prinzipiell jetzt auseinandersetzen will.

[ 12 ] Of course, ladies and gentlemen, I can mention here only the most fundamental principles; you will find everything else in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* or in the second part of my so-called *Secret Science*. There, it is explained in detail what inner processes—purely spiritual and soul-related processes—the soul must undertake in order to achieve what I now wish to discuss only in principle.

[ 13 ] In erster Linie handelt es sich um eine ganz bestimmte Entwicklung der Denkfähigkeit des Menschen. Ich sage nicht «des Denkens», sondern «der Denkfähigkeit» des Menschen. Und im Wesentlichen kann man sagen: Um eine solche Entwicklung der Denkfähigkeit des Menschen [geht es], dass dieses Denken innerlich verstärkt, innerlich erkraftet wird, und so nicht nur an Intensität wächst dem gewöhnlichen Denken gegenüber, sondern dadurch, dass es allmählich erkraftet wird, auch in gewissem Sinne von anderer Qualität, von anderer Wissenschaftlichkeit wird, zu einer ganz anderen Fähigkeit wird.

[ 13 ] First and foremost, this concerns a very specific development of human thinking capacity. I am not saying “thinking,” but rather “thinking capacity.” And essentially, one can say: What is at stake is such a development of human thinking ability—that this thinking is internally strengthened and empowered, and thus not only grows in intensity compared to ordinary thinking, but also, as it gradually becomes empowered, takes on a different quality in a certain sense, becomes more scientific, and develops into an entirely different ability.

[ 14 ] Technisch nennt man dasjenige, was da die Seele mit sich vorzunehmen hat, Konzentration, Meditation. Aber ich bitte, darauf zu achten, dass sich diese Worte in der Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, nicht vollständig decken mit demjenigen, was sonst unter diesen Worten verstanden wird, [ich bitte also darauf zu achten,] dass hier nur dasjenige gemeint wird mit diesen Worten, was in Kürze jetzt ausgesprochen werden soll.

[ 14 ] Technically, what the soul is to undertake here is called concentration or meditation. But I ask you to note that in spiritual research, as understood here, these terms do not entirely correspond to what is usually meant by them; [I therefore ask you to note] that here these terms refer only to what is about to be briefly explained.

[ 15 ] Es handelt sich darum, dass — während im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft die geistigen Fähigkeiten des Menschen sich ausbreiten über ein gewisses Feld, von einem zum andern gehen, auch im Laufe der Zeit von einem zum andern übergehen —, es handelt sich darum, dass man sich, um sich für die Geistesforschung vorzubereiten, konzentrieren muss auf einen einzigen Vorstellungspunkt, möchte ich zunächst sagen. Das Gesamtvorstellungs-, das Gesamtanschauungsleben muss gewissermaßen durch ständige Anwendung von innerer Willkür, zu der man sich erst schulen muss — ich habe ja gezeigt in den genannten Büchern, wie sie anzuwenden ist —, es muss eingeübt werden und dadurch erkrafter werden.

[ 15 ] The point is that—while in ordinary life and in ordinary science a person’s mental faculties extend across a certain field, moving from one thing to another, and over time shifting from one to another—the point is that, in order to prepare oneself for spiritual research, one must concentrate on a single point of perception, I would like to say first of all. One’s entire life of imagination and perception must, so to speak, be strengthened through the constant exercise of inner willpower—which one must first train oneself to use—as I have shown in the books mentioned; it must be practiced and thereby strengthened.

[ 16 ] Ich will zunächst nur eines der Prinzipien angeben, durch die das geschehen kann. Man stelle — wie gesagt rein technisch jetzt gemeint — eine bestimmte Vorstellung in den Mittelpunkt seines Vorstellungslebens, in — wie man sagen könnte — sein Gesamtbewusstsein.

[ 16 ] I will begin by mentioning just one of the principles through which this can happen. Let us—as I said, in a purely technical sense—place a certain idea at the center of one’s imaginative life, in—as one might say—one’s overall consciousness.

[ 17 ] Es ist nicht notwendig, ja, es ist sogar besser, wenn nicht genommen wird eine Vorstellung, die einen äußeren Wahrheitsinhalt hat. Es kommt gar nicht darauf an, dass die Vorstellung, die man nimmt, irgendetwas bedeutet in der äußeren Welt, dass sie etwas abbilde, etwas ausdrücke. Denn: Auf die Betätigung des Denkens kommt es an, nicht auf das Wissen von irgendetwas zunächst. Daher kann man am besten verwenden — sagen wir — sinnbildliche, symbolische Vorstellungen. Welchen Wahrheitswert sie haben, darauf kommt es nicht an. Auf die Kräfte, die man in innerer Aufwendung der Denkkraft entwickelt, darauf kommt es an. Ich will ein Beispiel sagen.

[ 17 ] It is not necessary—indeed, it is even better—not to take a concept that has an external truth content. It does not matter at all whether the concept one takes means anything in the external world, whether it represents something or expresses something. For what matters is the exercise of thinking, not—at first—the knowledge of anything. Therefore, it is best to use—let us say—allegorical, symbolic ideas. Their truth value is irrelevant. What matters are the powers one develops through the inner exertion of one’s thinking. Let me give an example.

[ 18 ] Sagen wir, jemand stelle sich vor: Flutendes Licht, und im flutenden Licht Weisheit. Gewiss, keine Vorstellung, von der man zunächst sagen kann, sie bedeute irgendetwas für eine äußere Wahrheit, für eine äußere Wahrheit, an die man gewöhnt ist. Aber darauf kommt es wirklich nicht an; sondern es kommt darauf an, dass man nun alle Denkkraft, alle Vorstellungskraft konzentriert, auf diese eine Vorstellung verwendet, und in diesem zu verharren, das heißt: die ganze Seele nach dieser einen Richtung hinsenden lernt.

[ 18 ] Let’s say someone imagines: a flood of light, and within that flood of light, wisdom. Certainly, this is not an image that one can initially say signifies anything in terms of an external truth—an external truth to which one is accustomed. But that is not really what matters; what matters is that one now concentrates all one’s powers of thought, all one’s imagination, on this one idea, and learns to persevere in it—that is, to direct one’s entire soul in this one direction.

[ 19 ] Warum es nicht auf den Wahrheits-Charakter ankommt, das ergibt sich aus dem Folgenden. Ich will durch einen Vergleich, sehr verehrte Anwesende, anschaulich machen, auf was es eigentlich ankommt. Nehmen wir einmal an, wir vollbringen eine äußere Verrichtung, irgendeine Handhabung, eine Handhabung, die zu unserem Gewerbe, zu unserem Geschäft gehört, durch die wir uns in der Welt fortbringen wollen. Da vollbringen wir — jetzt, morgen, übermorgen — oftmals dieselbe Verrichtung. Jeder Mensch weiß nun, dass nicht nur dasjenige hier dann geschieht, was wir durch unsere Handhabung hervorbringen, sondern dass unsere Geschicklichkeit wächst, dass wir immer besser und besser die Sache können, dass sich unsere Tätigkeit, unsere Befähigung steigert. Das ist eine Begleiterscheinung. Für die Äußerungen des gewöhnlichen Lebens weiß man ganz gut, dass dies eine Begleiterscheinung ist.

[ 19 ] The reason why the truthfulness of a statement is irrelevant becomes clear from what follows. I would like to use an analogy, distinguished audience, to illustrate what really matters. Let us suppose that we perform an external task—some kind of activity—an activity that is part of our trade, our business, through which we seek to make our way in the world. We perform this task—today, tomorrow, the day after tomorrow—often the very same task. Everyone knows, however, that what happens here is not merely the result of our action, but that our skill grows, that we become better and better at the task, and that our activity and our ability increase. This is a side effect. When it comes to the manifestations of ordinary life, we know quite well that this is a side effect.

[ 20 ] Auf diese Begleiterscheinung im Denken kommt es an. Man kann vollständig absehen von dem, was man denkt in der Vorbereitung. Für die Geistesforschung kommt es darauf an, dass man lernt, allmählich sein Augenmerk zu richten auf diesen inneren Verstand, auf diese innere Entwicklung der Denkfähigkeit.

[ 20 ] This accompanying aspect of thinking is what matters. One can completely disregard what one thinks during the preparation. For spiritual research, it is essential to learn to gradually focus one’s attention on this inner intellect, on this inner development of the power of thought.

[ 21 ] Also ich sage ausdrücklich: Nicht auf das Gedankenhafte, auch nicht auf das Scharfsinnige der gewöhnlichen Logik kommt es an; den [Scharfsinn hat] man wie von vornherein, wenn man dazu veranlagt ist. Darauf kommt es an, dass man diese Steigerung der inneren Denkkraft gewahr wird, dass man sie als etwas Reales im Wirken erfassen lernt.

[ 21 ] So I say explicitly: What matters is not the intellectual aspect, nor the acumen of ordinary logic; one [possesses] that acumen from the outset if one is predisposed to it. What matters is that one becomes aware of this intensification of inner thinking power, that one learns to grasp it as something real at work.

[ 22 ] Solche Übungen, sehr verehrte Anwesende, sie sind keineswegs wirksam, wenn man sie nur vorübergehend macht. Gewiss mancher glaubt, wenn er einige Zeit darauf verwendet hat, solche Übungen zu machen, dann müsse er ein Resultat erzielen. Es dauert auch bei den verschiedenen Menschen verschieden lange, bis sie ein Resultat erzielen: für manche monatelang, für manche jahrelang.

[ 22 ] Such exercises, ladies and gentlemen, are by no means effective if they are done only temporarily. Certainly, some people believe that if they have spent some time doing such exercises, they must achieve a result. It also takes different amounts of time for different people to achieve a result: for some, months; for others, years.

[ 23 ] Man braucht nicht viel Zeit im Einzelnen darauf zu verwenden. Wir werden gleich nachher sehen, warum man es nicht braucht. Viel Zeit, möchte ich sagen, täglich auf solche Übungen zu verwenden, ist sogar nicht immer von Vorteil. Aber es handelt sich namentlich darum, dass solche Übungen immer wieder und wieder wiederholt werden, sogar so, dass derselbe Meditationsinhalt immer wieder und wiederum in der Seele auftritt, sodass der Meditationsinhalt nach und nach ganz gleichgültig wird und die Betätigung zur Verstärkung zur inneren Erkraftung des Denkens ganz besonders hervortritt.

[ 23 ] There is no need to spend much time on the details. We will see shortly why this is not necessary. In fact, I would say that spending a lot of time each day on such exercises is not always beneficial. But the point is specifically that such exercises are repeated over and over again—to the extent that the same meditative content arises again and again in the soul—so that, little by little, the meditative content itself becomes quite irrelevant, and the activity itself, aimed at strengthening and invigorating the mind, comes to the fore in a very special way.

[ 24 ] Man wird nun, sehr verehrte Anwesende, wenn man eine Zeit lang solche Übungen vorgenommen, täglich ernstlich vorgenommen hat und man jene Energie — von der man sich schon überzeugen wird, dass sie notwendig ist, wenn man solche Übungen vornimmt —, aufgebracht hat, wird man nach einiger Zeit dahin kommen, zu bemerken, dass tatsächlich das Denken etwas ganz anderes wird. Vor allen Dingen die Kraft, die im Denken wirkt, wird wie etwas innerlich viel Realeres erlebt, als dasjenige, was in der gewöhnlichen physischen [Welt] oder im gewöhnlichen äußeren Forschen lebt.

[ 24 ] Ladies and gentlemen, once you have undertaken such exercises for a while—practicing them earnestly every day and mustering that energy—which you will soon come to realize is necessary when performing such exercises—you will, after some time, come to notice that thinking actually becomes something entirely different. Above all, the force at work in thinking is experienced as something much more real inwardly than what exists in the ordinary physical [world] or in ordinary external research.

[ 25 ] Allerdings, man hat zunächst merkwürdige Erlebnisse; Erlebnisse, die entmutigen können. Und ein innerer Mut ist ja notwendig, um in entsprechender Weise weiter fortzuschreiten. Diese Entmutigung besteht zum Beispiel darinnen, dass, gerade, indem man solche Übungen macht, man merkt, wie man nach und nach immer mehr und mehr — man kann schon sagen — ein Sklave wird derjenigen Gedanken, die man gefasst hat einmal. Reminiszenzen des Seelenlebens, Erinnerungen des Seelenlebens, sie treten nach und nach immer mehr herauf. Und man fühlt auch, dass dadurch, dass man diese anblickt, solche Reminiszenzen des Seelenlebens, man mit seiner Seele inmitten eines Heeres von Gedanken von lauter Reminiszenzen lebt. Es handelt sich darum, dass man trotzdem fortsetzt; denn man gelangt dann allmählich auf einen bestimmten Punkt — nur die Erfahrung kann über diese Dinge eigentlich die entsprechende Aufklärung geben —, man gelangt an einen ganz bestimmten Punkt. Man gelangt immer mehr und mehr dazu, wie in einem Gesamtüberblick das Leben — das man durchlebt hat, seit man begonnen hat mit dem bewussten Denken — vor sich zu haben. Wirklich, unendliche Einzelheiten treten hervor. Einzelheiten, von denen man früher gar keine Notiz genommen hat! Man lernt da etwas ganz Merkwürdiges: Man lernt, wie viel man eigentlich im Leben durchmacht, ohne dass das Bewusstsein so intensiv ergriffen wird, dass man Aufmerksamkeit darauf verwendet. Vieles, was unbewusst und unterbewusst geblieben ist, das tritt jetzt hervor; aber man erkennt es nicht als solches.

[ 25 ] However, at first one has strange experiences—experiences that can be discouraging. And inner courage is, after all, necessary to continue progressing in the appropriate way. This discouragement consists, for example, in the fact that, precisely by doing such exercises, one notices how, little by little, one becomes more and more—one might even say—a slave to those thoughts one once formed. Reminiscences of the soul’s life, memories of the soul’s life—they gradually come to the surface more and more. And one also feels that by contemplating these—such reminiscences of the soul’s life—one lives with one’s soul in the midst of an army of thoughts consisting entirely of reminiscences. The point is that one continues nonetheless; for one then gradually reaches a certain point—only experience can truly shed light on these matters—one reaches a very specific point. One comes to have, more and more, a comprehensive overview of the life—the life one has lived since one began to think consciously—before one’s eyes. Truly, endless details emerge—details one had never even noticed before! One learns something quite remarkable: one learns just how much one actually goes through in life without one’s consciousness being so intensely engaged that one pays attention to it. Much of what has remained unconscious and subconscious now comes to the fore; but one does not recognize it as such.

[ 26 ] Sich auf Einzelheiten einzulassen, würde zu weit führen. Aber das Erlebnis ist, dass man nicht nur erkennen lernt sein bewusstes Seelenleben, das man durchgemacht hat, sondern wirklich auch vieles, und zuletzt eben wie in einem Ausblick alles, was in einem unterbewussten Seelenleben waltet. Man lernt sich gewissermaßen durchschauen. Aber man macht die Entdeckung, dass namentlich nach einer Richtung hin die ganze Denkkraft, die Denkkraft sich ändert, und dass man für diejenige Betätigung, die jetzt wie eine Neugeburt einer gewissen Innenkraft aus dem Denken heraustritt, dass man für diese Dinge ganz und gar dasjenige verliert — oder eigentlich, dass es nie dabei war —, was man für das gewöhnliche Denken und für das gewöhnliche wissenschaftliche Denken auch das Gedächtnis nennt.

[ 26 ] Going into details would take us too far afield. But the experience is that one not only learns to recognize one’s conscious inner life—which one has lived through—but also, in fact, many other things, and ultimately, as in a glimpse, everything that is at work in one’s subconscious inner life. One learns, so to speak, to see through oneself. But one discovers that, particularly in one direction, the entire power of thought—the power of thought itself—changes, and that for that activity—which now emerges from thinking like a rebirth of a certain inner power—one completely loses—or rather, never actually possessed—what is called “memory” in ordinary thinking and in ordinary scientific thinking.

[ 27 ] Das ist eine Erfahrung, die man machen muss. Es laufen die Erlebnisse, die sich so herandrängen, dann vor der Seele ab; aber man weiß: Sie laufen ab wie etwa flüchtige Erlebnisse, die gerade den Charakter haben, dass sie sich nicht in derselben Weise, wie die durch die Sinne oder das gewöhnliche Vorstellen gemachten Erlebnisse einprägen dem Gedächtnisse. Sie fluten vorbei, und man würde sie nicht ein zweites Mal haben können, wenn nicht etwas anderes aufträte. Und ich bitte, das wohl zu beachten.

[ 27 ] This is an experience one must have. The experiences that press themselves upon us then pass before the soul; but one knows: they pass by like fleeting experiences, which are characterized precisely by the fact that they do not imprint themselves on the memory in the same way as experiences gained through the senses or ordinary imagination. They flood past, and one could not have them a second time unless something else were to occur. And I ask that you bear this in mind.

[ 28 ] Dasjenige, was auftritt, das ist etwas, was man vorher gar nicht gekannt hat. Man kennt das Gedächtnis, weiß, dieses Gedächtnis behält Gedanken — ich will jetzt den inneren Prozess des Gedächtnisses nicht auseinandersetzen —, das Gedächtnis behält Gedanken. Und etwas, was früher als Gedankenerlebnis da war, tritt in einer späteren Zeit wiederum — ich möchte sagen — aus dem tiefen Untergrund des Seelenlebens über die Schwelle herauf ins Bewusstsein herein.

[ 28 ] What occurs is something one did not know at all beforehand. We are familiar with memory; we know that memory retains thoughts—I do not wish to go into the inner workings of memory here—but memory does retain thoughts. And something that was once an experience of thought reemerges at a later time—I would say—from the depths of the soul’s life, crossing the threshold and entering consciousness.

[ 29 ] So ist es nun nicht bei diesen Erlebnissen, die man auf diese Art haben kann; sondern da ist es etwas anders, da ist es so, dass dasjenige was man erlebt — das Vorstellungserlebnis —, dass das ganz und gar nicht wieder hervorgerufen werden kann; wohl aber die Tätigkeit, die innere Seelentätigkeit, die man verrichtet hat, als das Erlebnis da war. Auf seine eigene Tätigkeit nur kann man wiederum zurückkommen. Man kann das wieder erleben, was man innerlich in der Seele getan hat, als man das Erlebnis hatte. Und man weiß dies ganz genau. Und darauf kommt es an, dass man, statt des Gedächtnisses, von dem man jetzt erkennt, dass es eine Fähigkeit für das äußere physische Leben ist, dass man statt dieses Gedächtnisses eine ganz andere Fähigkeit bekommt: die Fähigkeit einer inneren Tendenz, Verrichtungen wiederum hervorzurufen; und: dass durch das Hervorrufen dieser inneren Verrichtungen das Erlebnis sich wiederum vor die Seele hinstellt — jetzt nicht eben wie eine sonstige Erinnerung, sondern wie etwas, das wiederum an uns neu herantritt. Man möchte aus dem gewöhnlichen Seelenleben vielleicht hineingeführt werden in dieses ganz andersartige Seelenleben, sehr verehrte Anwesende.

[ 29 ] This is not the case with these experiences that one can have in this way; rather, it is somewhat different: what one experiences—the imaginative experience—cannot be evoked again at all; but the activity, the inner soul activity, that one performed while the experience was taking place can be. One can return only to one’s own activity. One can relive what one did inwardly in the soul while having the experience. And one knows this quite precisely. And what matters is that, instead of memory—which one now recognizes as a faculty for external physical life—one acquires a completely different faculty: the faculty of an inner tendency to evoke these inner activities once more; and: that through the evocation of these inner activities, the experience once again presents itself to the soul—not merely as an ordinary memory, but as something that approaches us anew. Perhaps you would like to be led from ordinary soul life into this entirely different kind of soul life, esteemed audience.

[ 30 ] Und da lassen Sie mich — eigentlich nur vergleichsweise, nicht um irgendetwas zu beweisen, sondern nur, um etwas zu erläutern —, lassen Sie mich etwas anführen, was noch nicht etwa das ist, was hier gemeint ist, was aber gewissermaßen veranlasst hat das, was hier gemeint ist.

[ 30 ] And let me—really just by way of comparison, not to prove anything, but simply to explain—let me cite something that is not exactly what is meant here, but which, in a sense, gave rise to what is meant here.

[ 31 ] Der Dichter Grillparzer hatte die Idee und auch die Einzelheiten derselben zu seiner Dichtung «Das goldene Vlies» schon ausgearbeitet; er hatte das in seiner Seele vollständig sitzen; aber er hatte es vergessen. — Es ist dies eine bekannte Erscheinung; eine Erscheinung, die bekannt ist demjenigen, der die Biografie Grillparzers genau kennt. Er hatte das vergessen, und er konnte sich wirklich nicht mehr erinnern an dasjenige, was er da ausgedacht hatte als seine poetische Behandlung des «Goldenen Vlieses». — Und siehe da, als er einmal einige Klavierstücke wieder spielte — die er damals gespielt hatte, wie sich dann herausstellte, als er die Konzeptionen zu diesem «Goldenen Vlies» fasste —, da trat neuerdings der Inhalt des «Goldenen Vlieses» vor seine Seele. Das heißt: Als er dieselbe Tätigkeit verrichtete, die sich auf seiner Seele in der Zeit abgespielt hatte, da er das «Goldene Vlies» konzipierte, da trat dasjenige, was dazumal in seiner Seele war, wiederum auf. Die Tätigkeit war es also, die eigentlich wiederum in seinem Innern hervorgetreten ist.

[ 31 ] The poet Grillparzer had already developed the idea—and even the details—for his poem “The Golden Fleece”; it was fully formed in his mind; but he had forgotten it. — This is a well-known phenomenon; one familiar to anyone who is thoroughly acquainted with Grillparzer’s biography. He had forgotten it, and he truly could no longer recall what he had conceived as his poetic treatment of “The Golden Fleece.” — And lo and behold, when he once again played some piano pieces—which, as it turned out, he had played back when he was conceiving *The Golden Fleece*—the content of *The Golden Fleece* once again came to the forefront of his mind. That is to say: When he engaged in the same activity that had taken place in his soul during the time he was conceiving the “Golden Fleece,” what had been in his soul back then resurfaced. It was, therefore, the activity itself that actually emerged once more within him.

[ 32 ] Und so ist es in einem erhöhten Sinne bei dem, was hier gemeint ist. Also nicht mit einer Erinnerung hat man es zu tun, sondern mit einem Wiederhervorrufen der Tätigkeit und mit einem neuen Erleben.

[ 32 ] And this is essentially what is meant here, in a broader sense. So we are not dealing with a memory, but with a rekindling of the activity and a new experience.

[ 33 ] Das ist die eine Veränderung der inneren Seelenkräfte, wenn solche Übungen vorgenommen werden.

[ 33 ] This is the change that occurs in the inner powers of the soul when such exercises are performed.

[ 34 ] Ein Zweites, was gerade über diesen Punkt zu sagen ist, sehr verehrte Anwesende, ist dieses, dass man nun erlebt, wie dasjenige, was im Gedankenleben sonst vorgeht, überhaupt etwas anderes wird. Man lernt jetzt wirklich ein Seelenerleben kennen, das man vorher nicht kannte. Wenn man seinem Gedankenleben sonst gegenübersteht, so hat man ja das Bewusstsein: Diese Gedanken müssen etwas sein, was bloß Bildnatur hat. Würden die Gedanken, die wir uns über die Außenwelt machen, nicht Bildnatur haben, ja, dann würden sie uns ja eigentlich nicht helfen; denn wir wollen durch sie ja nicht irgendetwas bekommen, was zu der äußeren Welt hinzukommt — wenn auch im erkenntnistheoretischen Sinne, aber davon ist jetzt nicht die Rede, davon will ich jetzt nicht sprechen —, sondern, was diese äußere Welt eben nur getreu nachbildet. So wenig als irgend möglich müssen die Gedanken irgendetwas Neues sein gegenüber der äußeren Welt.

[ 34 ] A second point to be made specifically regarding this matter, ladies and gentlemen, is that one now experiences how what normally takes place in one’s thought life becomes something entirely different. One now truly comes to know a soul experience that one did not know before. When one normally faces one’s thought life, one has the awareness that these thoughts must be something that is merely of an imaginal nature. If the thoughts we form about the external world were not of an imaginal nature, well, then they would not actually help us; for we do not want to gain through them anything that is added to the external world—even if in an epistemological sense, but that is not the issue here, and I do not wish to speak of it now—but rather something that merely faithfully reproduces this external world. As little as possible must these thoughts be anything new in relation to the external world.

[ 35 ] Das ist doch der Sinn der neueren Wahrheitsforschung, dass man die Gedanken kritisch so behandelt, dass sie nicht irgendetwas hinzutragen zu der äußeren Wirklichkeit. Sodass man das Gefühl hat: In seinem Gedankenleben wie in einem Passiven die äußere Welt eben als Bild zu haben.

[ 35 ] That is, after all, the point of recent research into truth: to treat thoughts critically so that they do not contribute anything to external reality. So that one has the feeling that, in one’s inner life, one simply has the external world as an image, as if it were something passive.

[ 36 ] Das aber hört auf, sobald die Kräfte erlebt werden, die — wie gesagt — durch eine Art Bewusstsein aus dem Gedankenleben hervortreten, auf die Weise, wie es hier gemeint ist. Das muss gesagt werden: Man lebt sich, indem man diese neuen inneren Seelenfähigkeiten erlebt, hinein in eine Welt, die sich gerade dadurch vom Gedankenleben unterscheidet, dass man sie als eine Realität erlebt, als eine flutende, lebendige Realität.

[ 36 ] But this comes to an end as soon as one experiences the forces that—as mentioned—emerge from the life of thought through a kind of consciousness, in the sense intended here. It must be said: By experiencing these new inner soul capacities, one enters a world that differs from the life of thought precisely in that it is experienced as a reality—a surging, living reality.

[ 37 ] Und das ist auch — ich möchte sagen — das Erschütternde, das das Seelenleben durchmachen muss. Es sieht wirklich aus, wenn man die Dinge schildert, wie wenn man eine bloße Phantasterei schildern würde. Allein, wer eben genötigt ist, sonst unbekannte Tatsachen zu schildern, der muss sich nicht zurückschrecken lassen von der Schilderung, was unglaublich erscheint. Wenn man sich vorstellen würde, dass die Gedanken, die man sonst als passiv im Bewusstsein anwesend hat, dass die anfangen innerlich zu leben, ein Leben zu haben, dann hat man ungefähr dasjenige, wozu der Geistesforscher auf den Punkt kommt, der jetzt angedeutet worden ist.

[ 37 ] And that is also—I would say—the harrowing experience that the soul must endure. When one describes these things, it really does look as if one were describing mere fantasy. Yet anyone who is compelled to describe facts otherwise unknown must not be deterred by the description of what seems unbelievable. If one were to imagine that the thoughts that are otherwise passively present in consciousness begin to live inwardly, to have a life of their own, then one has roughly what the spiritual researcher, who has just been mentioned, is getting at.

[ 38 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ich habe Ihnen geschildert — ich möchte sagen — mit einfachen Worten etwas, was durchzumachen in der Seele außerordentlich bedeutungsvoll ist, weil es von Schritt zu Schritt wirklich mit inneren Erschütterungen, mit inneren Erlebnissen verbunden ist, die einem immer wieder und wiederum Neues und Überraschendes bringen.

[ 38 ] Well, ladies and gentlemen, I have described to you—I would say—in simple terms something that is extraordinarily significant to experience in the soul, because it is truly connected, step by step, with inner upheavals and inner experiences that bring something new and surprising time and again.

[ 39 ] Wissen kann man, dass man bis zu einem gewissen Abschlusse gerade in der Richtung gekommen ist, die bisher geschildert worden ist: Wenn man ein ganz bestimmtes Erlebnis hat, ein Erlebnis, das eigentlich seit Jahrtausenden mit einem gewissen Wort belegt wird, mit einem Worte, das in vollem Sinne erst derjenige versteht, der von diesem Erlebnisse etwas weiß.

[ 39 ] One can know that, to a certain extent, one has proceeded precisely in the direction described so far: when one has a very specific experience—an experience that has, in fact, been described by a certain word for millennia, a word whose full meaning is understood only by those who know something of this experience.

[ 40 ] Sehen Sie, Geisteswissenschaft, so wie sie hier gemeint ist, sie ist allerdings so, dass sie jetzt erst auftreten kann; wie eben auch einmal, sagen wir, die Galilei’sche Naturanschauung, die kopernikanische Anschauung zuerst aufgetreten ist, aber aus anderen Seelenkräften heraus in die Menschheitsepoche, wo die Seelen anders wirken mussten. Es ist immer etwas, was gewisse Menschen, die sich dazu vorbereiteten, dazu führte, in die geistige Welt hineinzuschauen. Und solche Menschen, von denen man nur in der äußeren Wissenschaft, in der äußeren Geschichte wenig weiß, solche Menschen wussten schon zu bezeichnen den Punkt, bis zudem man kommt, wenn man auf dem hier bedeuteten Wege fortschreitet. Und sie bezeichnen diesen Punkt mit dem Wort: Der Mensch komme an — aber ich betone hier ausdrücklich: nur mit dem inneren Seelenleben kommt er zunächst da an —, der Mensch kommt an an der Pforte des Todes.

[ 40 ] You see, spiritual science, as it is meant here, is indeed such that it can only emerge now; just as, for example, Galileo’s view of nature and the Copernican view first emerged, but out of different spiritual forces into the epoch of humanity where the souls had to act differently. There is always something that led certain people, who had prepared themselves for it, to look into the spiritual world. And such people—about whom little is known in external science or external history—already knew how to designate the point one reaches when proceeding along the path meant here. And they describe this point with the words: “Man arrives”—but I emphasize here expressly: he arrives there initially only through his inner soul life—“man arrives at the gate of death.”

[ 41 ] Und dies Erleben, das man bezeichnet mit dem «Ankommen an der Pforte des Todes», das ist ein erschütterndes Erlebnis, denn man lernt jetzt eben als inneres Erleben das kennen. Und man weiß durch innere Erfahrung von der Zeit an, da man an diesen Punkt gekommen ist, man weiß durch innere Erfahrung, was es heißt, eine Tätigkeit auszuüben, die nunmehr nicht ausgeübt wird durch das Instrument, durch das Werkzeug des physischen Leibes, man weiß von diesem Moment ab, dass man weben und leben kann mit geistseelischen Erlebnissen in etwas, das sich von dem physischen Leib getrennt hat, das im Grunde genommen sich losgelöst erweist von dem physischen Leib des Menschen.

[ 41 ] And this experience, which is referred to as “arriving at the gate of death,” is a deeply moving one, for one now comes to know it precisely as an inner experience. And from the moment one reaches this point, one knows through inner experience—one knows through inner experience—what it means to engage in an activity that is no longer carried out through the instrument, through the tool of the physical body; one knows from that moment on that one can weave and live through spiritual-soul experiences in something that has separated from the physical body, something that, in essence, proves to be detached from the human physical body.

[ 42 ] Wie man es nun nennt — da Namen gewöhnlich den meisten Widerspruch hervorrufen, so wollen wir davon ganz absehen —, wie man es nennt, das ist gleichgültig. Aber wahrnimmt man von einem bestimmten Moment ab, dass in dem Menschen, der der äußeren Wissenschaft gegeben ist, das heißt, der äußeren sinnlichen Beobachtung [...], dass in diesem physischen Menschen ein anderer, feinerer Menschenleib drinnensteckt — «Leib» ist vielleicht etwas uneigentlich gebraucht; man kann «Leib» nur auf das Physische anwenden —, dass eine feinere Organisation darinnensteckt, und dass also die Maßnahmen, die man jetzt getroffen hat im Seelenleben, dazu geführt haben, dass man losgelöst hat diese innere Organisation von der gröberen, physischen Organisation. Allerdings, man steht jetzt so gegenüber dem äußeren physischen Leib wie man sonst gegenübersteht einem äußeren Gegenstand oder einem äußeren Vorkommnis, das man mit den Sinnen beobachtet, und dem gegenüber man selbst der ist, der es in seiner Hand hat. Jetzt steht man der eigenen physischen Organisation gegenüber. Jetzt weiß man: Das bist Du, der Du heraus bist aus Deiner physischen Leiblichkeit und Deine physische Leiblichkeit überschaust. In der läuft alles dasjenige ab, was früher abgelaufen ist. — Wir werden gleich nachher sehen, dass das sehr wichtig ist. Und weil man mit demjenigen, das ein selbstständiges inneres Leben führt gegenüber der äußeren Leiblichkeit, diese äußere Leiblichkeit wie ein Außending neben sich hat, so erlebt man das als ein Herankommen an die Pforte des Todes — obwohl das theoretisch wie ein Erleben gemeint ist —, [man] weiß, was es heißt: außer dem Leibe leben. Man lernt erkennen das Phänomen des Sterbens. Man lernt erkennen, dass im Menschen etwas lebt, wenn dieser physische Leib dem Element der Erde übergeben ist, in innerem Erleben, in innerer Erfahrung.

[ 42 ] Whatever one calls it—since names usually give rise to the most controversy, let us set that aside entirely—whatever one calls it, it does not matter. But if, from a certain point onward, one perceives that within the human being who is subject to external science—that is, to external sensory observation [...], that within this physical human being there is another, finer human body—“body” is perhaps used somewhat improperly; one can apply “body” only to the physical—that a finer organization is contained within it, and that thus the measures now taken in the life of the soul have led to the detachment of this inner organization from the coarser, physical organization. However, one now stands before the outer physical body just as one would otherwise stand before an external object or an external event observed with the senses, and in relation to which one is the one who holds it in one’s hand. Now one stands before one’s own physical organization. Now one knows: It is you who have stepped out of your physical body and are surveying your physical body. Everything that took place before now unfolds within it. — We will see shortly that this is very important. And because, as one who leads an independent inner life in relation to the outer physical body, one has this outer physical body beside oneself as an external thing, one experiences this as approaching the gate of death—although this is meant theoretically as an experience— [one] knows what it means to live outside the body. One learns to recognize the phenomenon of dying. One learns to recognize that something lives within the human being, even when this physical body has been surrendered to the element of earth, in inner experience, in inner perception.

[ 43 ] Aber zunächst würde sich, wenn die Übungen, die charakterisiert worden sind, zu nichts anderem führen würden, als zu dem, was ich ausgeführt habe, zunächst würde sich ein bedeutungsvoller innerer Missstand, ja eine Gefahr, nicht in leiblicher Art, aber eine Gefahr in Bezug auf Irrtum und Wahrheit ergeben, wenn parallel mit dem, was ich geschildert habe, nicht etwas anderes in der Seele verlaufen würde. Aber wenn man gerade die Übungen so macht, wie sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert worden sind, dann wird durch die Art und Weise, wie diese Übungen vorgenommen werden, verhütet, dass man in dieser einseitigen Weise, wie ich es geschildert habe, [ankommt] bei dem, was mit einem schwergewichtigen Wort genannt wird: Ankommen an der Pforte des Todes. Denn da würde eintreten, wenn eben wirklich die Übungen gerade diesen Punkt nur so erreichen würden, wie ich es angedeutet habe, wenn nicht etwas anderes parallel gehen würde, es würde das eintreten, dass man sich nun nicht aufrechterhalten kann in diesem inneren Erleben. Es würde von vornherein wie ein Verzehren sein; man würde eben fühlen, wie es einem entschlüpfen, entfallen würde. Gerade das würde man fühlen, solange man in seinem physischen Leib lebt: [Da ist dieser physische Leib immerfort gewillt, immer in der Lage, an sich zu ziehen das Leben, und doch kann er es nicht aufkommen lassen.] Kurz: Es wären die Versuche, zum Erleben der geistigen Welt zu kommen, fortwährend missglückende Versuche.

[ 43 ] But first of all, if the exercises that have been described were to lead to nothing other than what I have explained, a significant inner imbalance—indeed, a danger, not of a physical nature, but a danger concerning error and truth—would arise if, parallel to what I have described, something else were not taking place within the soul. But if one performs the exercises exactly as they are described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, then the very manner in which these exercises are carried out prevents one from [arriving] in this one-sided way—as I have described—at what is referred to with a weighty term: arriving at the gate of death. For if the exercises were to reach precisely this point in the manner I have indicated—and if nothing else were happening in parallel—one would find oneself unable to sustain this inner experience. From the very beginning, it would feel like being consumed; one would simply feel it slipping away, falling away. That is precisely what one would feel as long as one lives in one’s physical body: [This physical body is constantly willing, always capable of drawing life to itself, and yet it cannot bring it forth.] In short: The attempts to experience the spiritual world would be continually unsuccessful attempts.

[ 44 ] Es darf eben nicht einseitig, sehr verehrte Anwesende, die Meditation, die Konzentration nur führen zu einer Verstärkung, zu einer Erkraftung des Denkens, sondern es muss dem parallel gehen auch eine Verstärkung der Willens- und Gefühlskraft, der Gemütskraft der Seele. Auch das, was im Willen lebt, muss sich im Laufe der Übungen ändern. Und wenn eben die Übungen, die angegeben sind in dem genannten Buche, richtig gemacht werden, so geschieht das schon.

[ 44 ] Meditation and concentration, my dear friends, must not lead solely to a strengthening and invigoration of thought; rather, this must go hand in hand with a strengthening of the power of the will and of feeling—the emotional strength of the soul. That which resides in the will must also change in the course of the exercises. And if the exercises described in the aforementioned book are performed correctly, this will indeed happen.

[ 45 ] Ich möchte wiederum angeben, wie sich die Willensverfassung, die Willensstimmung der Seele ändern muss. So, wie wir den Willen erleben im gewöhnlichen Leben, so, möchte ich sagen — der Ausdruck ist ungenau, aber das tut in diesem Falle für unsere Betrachtung nichts —, so, möchte ich sagen, entschlüpft uns der Wille für die Anschauung immer in die Tätigkeit hinein, wenn wir Willen aufwenden, um unsere Hände zu bewegen, um zu gehen, um irgendeine äußere Hantierung zu vollbringen.

[ 45 ] I would like to point out once again how the soul’s volitional disposition, its volitional mood, must change. Just as we experience the will in everyday life—I would say—though the expression is imprecise, but that does not matter for our consideration in this case—I would say that, for our perception, the will always slips away into activity when we exert our will to move our hands, to walk, or to perform some external action.

[ 46 ] Die Philosophen wissen dies ganz genau, sonst würden sie nicht so viel diskutieren über den Willen. Es entschlüpft die Anschauung des Willens immer in die Tätigkeit hinein. Man stellt vor dasjenige, was der Wille vollbringt. Aber man kann den Willen nicht eigentlich verfolgen, wie er in die Tätigkeit hineinläuft. Das ist, wie gesagt, nur kurz ausgedrückt, ein sehr wichtiger, ein sehr bedeutsamer Tatbestand des inneren Seelenlebens, der philosophisch in aller Breite auseinandergesetzt werden könnte, wenn die Zeit dazu nicht zu kurz wäre, wenn die Zeit dazu genügend wäre, wie ich gesagt habe.

[ 46 ] Philosophers know this very well; otherwise, they would not discuss the will so much. The concept of the will always slips into action. One places it before what the will accomplishes. But one cannot actually trace the will as it flows into action. As I said, to put it briefly, this is a very important, a very significant aspect of inner spiritual life, which could be discussed philosophically in great depth if there were enough time—if there were sufficient time, as I have said.

[ 47 ] Nun handelt es sich darum, dass man diesen einem sonst im Leben immer entschlüpfenden Willen, fortwährend entschlüpfenden Willen, wirklich in die Seelenanschauung hereinbekommt, dass man den Willen wirklich lernt anzuschauen, wirklich lernt, vor sich zu haben — seelisch gemeint: vor sich zu haben.

[ 47 ] The point now is to truly bring this will—which otherwise always slips away in life, this will that is constantly slipping away—into the contemplation of the soul; to truly learn to contemplate the will, to truly learn to have it before oneself—in a spiritual sense: to have it before oneself.

[ 48 ] Das kann auf die Weise erreicht werden, dass nun auch Übungen vorgenommen werden, sehr verehrte Anwesende, wodurch die inneren Vorgänge des Seelenlebens von uns so angeschaut werden, wie sonst Naturvorgänge angeschaut werden. [Bedenken Sie nur einmal zum Beispiel, wie verschieden dasjenige ist, was man Selbstschau der Natur nennen könnte — die wir ja üben —, von der gewöhnlichen äußeren Naturanschauung.] Wir sehen die Natur in ihren Vorgängen; denn wir sind ja immer geneigt, abzusondern von der Beobachtung der Naturvorgänge alles dasjenige, was uns nur subjektiv bewegt. Da sind wir immer geneigt, genötigt durch die Objektivität, selber zu einer gewissen Art von Objektivität zu kommen. Wenn man das nun übt, nicht nur die Naturvorgänge in Objektivität zu beobachten, sondern — es ist sonderbar, dass das gerade notwendig ist, aber es ist notwendig —, sondern dasjenige, was man sonst theoretisch, kalt nennen möchte in der Naturbeobachtung, [dass man das nun] mit innigem Anteil, mit tief innerlichen Anteil, bis zu inniger Liebe zu den Naturvorgängen steigert [...]; sodass [man nun], obwohl man objektiv sich in die Naturgesetze versenkt — ebenso in die Gesetze des mineralischen Geschehens, des Pflanzenwachstums, des tierischen Geschehens —, indem man sich da hineinversenkt, auch entwickelt ein inneres Miterleben, ein Gehen von Schritt zu Schritt mit dem, was als gesetzmäßiger Gang sich abspielt, so wie man es sonst nur gegenüber einem Weltwesen macht. Wenn man mit innerstem Anteil lernt, das Naturgeschehen zu beobachten, ohne dass man sich trüben lässt die Objektivität, wenn man so objektiv bleibt, wie nur der äußerliche Naturforscher bleiben kann, und dennoch begleiten kann diese nüchterne Naturforschung mit einem inneren Erleben, ich möchte sagen: mit einem inneren Hineinschlüpfen in das, was man erforscht, dann erlangt man die Fähigkeit, zum Willen auch eine ganz andere Stellung einzunehmen als im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft.

[ 48 ] This can be achieved, distinguished audience, by now also engaging in exercises through which we observe the inner processes of soul life in the same way that we otherwise observe natural phenomena. [Just consider, for example, how different what might be called “self-observation of nature”—which we do, after all—is from the ordinary, external observation of nature.] We observe nature in its processes; for we are always inclined to separate from the observation of natural processes everything that moves us merely subjectively. Here we are always inclined—compelled by objectivity—to arrive at a certain kind of objectivity ourselves. If one now practices not only observing natural processes objectively, but—it is strange that this is precisely what is necessary, yet it is necessary—but elevating what one might otherwise call the theoretical, cold aspect of nature observation [so that one now] does so with heartfelt interest, with deep inner interest, to the point of heartfelt love for natural processes [...]; so that [one now], even while objectively immersing oneself in the laws of nature—including the laws governing mineral processes, plant growth, and animal processes—by immersing oneself in them, one also develops an inner shared experience, a step-by-step accompaniment of what unfolds as a lawful process, just as one would otherwise do only in relation to a being of the world. When one learns to observe natural phenomena with the deepest engagement, without allowing one’s objectivity to be clouded—when one remains as objective as only the external natural scientist can be, and yet is able to accompany this sober study of nature with an inner experience, I would say: by slipping inwardly into what one is investigating—then one attains the ability to adopt a completely different attitude toward the will than in ordinary life and in ordinary science.

[ 49 ] Das ist aber, wie gesagt, ein langsames Üben. Man muss heranzüchten im innersten Seelenleben dasjenige, was eigentlich hier gemeint ist. Und da heraus kann man auf diese Weise eine ganz bestimmte Fähigkeit erlangen. Bei einer bestimmten Stufe, an einem Punkt, den man da erlangt, merkt man nämlich das Folgende.

[ 49 ] But as I said, this is a slow process. One must cultivate within the innermost life of the soul what is actually meant here. And from that, one can acquire a very specific ability in this way. At a certain stage, at a point one reaches there, one notices the following.

[ 50 ] Ich muss ausgehen von einer Erscheinung des alltäglichen Lebens, um zu veranschaulichen, was man in sich bemerkt. Nicht wahr, im alltäglichen Leben ist es so: Wir schlafen ein; wir wachen auf. In diesem Rhythmus verläuft ja unser alltägliches Leben. Indem wir einschlafen — ich brauche nicht zu zeigen die einzelnen Erscheinungen des Einschlafens, die einzelnen Erscheinungen des Aufwachens, aber jeder Mensch weiß, was da in seinem Leben vorgeht beim Übergang des bewussten Tageslebens zum unter- oder unbewussten Schlafesleben —, was da in ihm vorgeht, das geschieht ohne seine Willkür, zunächst wenigstens. Nur in sehr geringem Grade hat im alltäglichen Leben die Willkür [an diesem Rhythmus] Anteil.

[ 50 ] I must start with an aspect of everyday life to illustrate what one notices within oneself. Isn’t it true that in everyday life, this is how it goes: We fall asleep; we wake up. Our everyday life unfolds in this rhythm. As we fall asleep—I need not describe the individual phenomena of falling asleep or waking up, but everyone knows what happens in their own life during the transition from conscious waking life to subconscious or unconscious sleep—what happens within them occurs without their volition, at least initially. Volition plays only a very minor role in this rhythm in everyday life.

[ 51 ] Wenn auf diese Weise, wie ich es beschrieben habe, geübt wird, dann gelangt man dazu, jenen Übergang, der sonst immer unwillkürlich eintritt, zwischen dem Schlafleben und dem Wachleben, Wach- und Schlafleben, diesen Übergang willkürlich herbeizuführen. Das heißt: Sich selber befehlen zu können, jenen Stillstand aller Sinnesverrichtungen, aller Äußerungen während des Tageslaufs vor sich gehender Verstandes-, Vorstellungs-Empfindungen [herbeizuführen]; den Verrichtungen, die sonst eben da sind, Stillstand zu befehlen, und dennoch jetzt nicht überzugehen in einen Zustand der Unbewusstheit, wie es im Schlafe ist, sondern völlig bewusst jetzt wiederum herauszugehen aus seinem physischen Leib, einzutreten in einen solchen Zustand, der da wäre — wiederum ist es sonderbar, wenn man es schildert, aber es muss eben dieses Sonderbare geschildert werden, weil es eine Realität ist —, man erlangt einen Zustand, der da wäre, wenn man voll bewusst [aufwachen würde], aber nicht aufwacht dadurch, dass man wiederum in seinem Leib ist, und durch die Augen, durch die Ohren die äußere Wirklichkeit sieht und hört, sondern dass man seinen Leib außer sich halten würde und in dem bliebe, worinnen man ist — man bemerkt nämlich jetzt, dass man während des Schlafes in einem Wesentlichen herausgegangen ist —, außer dem Leib aufwacht in dem, worinnen man ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, aber bewusst darinnen ist.

[ 51 ] If one practices in this way, as I have described, one will be able to bring about at will that transition—which otherwise always occurs involuntarily—between the state of sleep and the state of wakefulness, between wakefulness and sleep. That is to say: to be able to command oneself to bring about that cessation of all sensory activities, of all manifestations of the mental, imaginative, and sensory processes that take place during the course of the day; to command a cessation of the activities that are otherwise simply there, and yet not to slip into a state of unconsciousness, as occurs in sleep, but rather to step out of one’s physical body once again in full consciousness, to enter a state that would be—again, it is strange to describe it, but this strangeness must be described precisely because it is a reality— one attains a state that would exist if one were to [wake up] fully conscious, but does not wake up by returning to one’s body and seeing and hearing external reality through the eyes and ears, but rather by holding one’s body outside of oneself and remaining in that in which one is—for one now realizes that during sleep one has essentially stepped out of oneself—, one wakes up outside the body, in that state one is in between falling asleep and waking up, but is consciously present within it.

[ 52 ] Man hat durch diese Willkür die Möglichkeit erlangt, den Willen so zu erkraften, dass man bewusst in seiner Wesenheit ist, in dem man sonst unbewusst ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, dadurch, dass man diese parallelgehende Führung der Seelenkräfte erlangt durch die Meditation, die Konzentration. Es bildet sich die erste Fähigkeit, die man erlangt hat, [indem man ein Neues aus der Denkkraft und ein Neues aus dem Willen herausbekommen hat.] Und jetzt erst lebt man außer dem Leib, mit der Fähigkeit, die geistige Welt um sich herum wirklich wahrzunehmen, die immer da ist, die für jeden da ist, zu deren Anschauen man sich nur erst erziehen, innerlich erziehen muss, heranüben muss.

[ 52 ] Through this act of will, one has gained the ability to strengthen the will in such a way that one is consciously present in one’s true nature—a state in which one is otherwise unconscious, between falling asleep and waking up—by attaining this parallel guidance of the soul forces through meditation and concentration. The first ability one has acquired takes shape [by deriving something new from the power of thought and something new from the will]. And only now does one live outside the body, with the ability to truly perceive the spiritual world around oneself—a world that is always there, that is there for everyone, and to perceive which one must first train oneself, train oneself inwardly, and practice oneself.

[ 53 ] Wiederum ist es ein erschütternd subjektives Erlebnis, das den Übergang bildet im inneren Erleben zu dieser Kultur des Willens. Hat man zunächst — ich möchte sagen — in der Theorie, aber in einer erlebten Theorie, entwickeln gelernt, was Sterben heißen muss, so lernt man jetzt etwas kennen, indem der Wille übergeht zu einem Außer-dem-Leibe-sich-innerlich-Erleben. Man lernt jetzt dasjenige erkennen, was auf der Grundlage alles Seins und alles Werdens Schmerz und Leid sind. Man wird in einer unerwarteten, in einer erschütternden Weise mit dem Schmerz, der durch alles Dasein geht, bekannt. Man lernt erkennen, wie unweise es ist, zu fragen, warum alles Dasein auf dem Schmerze beruht.

[ 53 ] Once again, it is a profoundly subjective experience that marks the transition in one’s inner life toward this culture of the will. Once one has first—I would say—in theory, but in a theory experienced firsthand, learned to grasp what dying must mean, one now comes to know something as the will transitions to an inner experience outside the body. One now learns to recognize that which, at the foundation of all being and all becoming, is pain and suffering. One becomes acquainted, in an unexpected and shattering way, with the pain that pervades all existence. One learns to recognize how unwise it is to ask why all existence is based on pain.

[ 54 ] Das Dasein — wenn man es beobachtet und ein Herz und einen Sinn hat für das Dasein —, sehr verehrte Anwesende, es ist schön und groß und erhaben da und dort, und es hieße nicht in vollem Umfang des Wortes «Mensch» zu sein, wenn man für die Größe und Schönheit des Daseins keinen Sinn hätte. Aber wie die Blume aus der Wurzel hervorgeht bei der Pflanze, so muss sich erheben alles dasjenige, was schön und groß im Leben ist, aus der Grundlage des Schmerzes und des Leidens. Und wie aus dem Mutterboden von Schmerzen und Leiden sich gerade das Schönste erheben muss, das lernt man kennen. Man erlebt einen inneren Weltenprozess konsequent mit. Man lernt auch erkennen, dass derjenige, der etwa kritisch tadeln wollte, dass eine weise Vorsehung es nicht so gut machte, wie er in seiner [eigenen] Weisheit es meint, auch ohne die Grundlage des Schmerzes das Entsprechende [hervorrufen zu können], man lernt erkennen, dass diese Forderung ungefähr so ist, wie wenn jemand von dem Mathematiker fordern [wollte], er solle eintreten, [er solle] darauf hinwirken, dass man im Dreieck nicht 180 Grad zu suchen habe in seinen drei Winkeln. Das hängt mit einem Gesetz zusammen, mit inneren Gesetzen. Aber diese Gesetze lernt man jetzt kennen. Und indem man also — ich möchte sagen — aus den Vorstellungen über Schmerz und Tod eine neue Forschung des inneren Seelenlebens erlangt, hat man diejenigen Wesenheiten der Seele aus dem Denken und aus dem Willen herausgeholt, welche, indem man jetzt drinnen lebt, einem zeigen, wie man in der geistigen Welt ist, was jenseits von Geburt — oder sagen wir Empfängnis — und vom Tod im Menschen ist.

[ 54 ] Existence—if one observes it and has a heart and a sense for existence—esteemed attendees, it is beautiful and grand and sublime here and there, and one would not be “human” in the fullest sense of the word if one had no sense of the grandeur and beauty of existence. But just as the flower springs from the root in a plant, so must everything that is beautiful and grand in life arise from the foundation of pain and suffering. And one comes to realize that it is precisely the most beautiful things that must rise from this soil of pain and suffering. One consistently experiences an inner cosmic process. One also comes to recognize that anyone who might wish to criticize—claiming that wise providence did not arrange things as well as he believes in his [own] wisdom—cannot, even without the foundation of pain, bring about the corresponding result, one comes to realize that this demand is roughly equivalent to someone demanding of a mathematician that he intervene to ensure that the sum of the three angles in a triangle does not equal 180 degrees. This is connected to a law—to inner laws. But one now comes to know these laws. And thus, by—as I would say—gaining a new understanding of inner soul life from the concepts of pain and death, one has drawn out of thought and will those entities of the soul which, as one now lives within them, show one what one is like in the spiritual world, what lies beyond birth—or let us say conception—and beyond death in the human being.

[ 55 ] Jetzt hört auf die Vorstellung, dass wir etwas waren, bevor es zu unserer Geburt — oder sagen wir Empfängnis — gekommen ist, ein Theoretisches zu sein. Ebenso gut hört auf, die Vorstellung eine theoretische zu sein, dass wir noch etwas sein werden, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sein werden.

[ 55 ] Now the idea that we were something before we were born—or, let’s say, conceived—ceases to be merely theoretical. Likewise, the idea that we will still be something once we have passed through the gates of death ceases to be merely theoretical.

[ 56 ] Und ebenso wird eine andere Vorstellung von ganz konkretem Inhalte erfüllt werden. Nichts Spekulatives ist mehr in diesen Vorstellungen, sondern die Seele hat in sich Kräfte entwickelt, um lebendig dasjenige, was man nennen könnte ihre Unsterblichkeit, zu erfahren — zu erleben dasjenige an Kräften, an Wesenheiten in sich selber, was durch Geburt und Tod geht.

[ 56 ] And in the same way, another conception with very concrete content will be fulfilled. There is nothing speculative left in these concepts; rather, the soul has developed powers within itself to experience vividly what one might call its immortality—to experience within itself those powers and beings that pass through birth and death.

[ 57 ] Aber noch etwas anderes wird erlebt. Das wird erlebt, sehr verehrte Anwesende, dass man weiß, indem man den Willen beobachten lernt — in intimer Weise lernt man im Willen etwas erkennen —, ja, was man da erkennen lernt, wenn man so charakterisiert, so sieht es aus, als ob man ein Bild, eine Summe, irgendetwas Erdichtetes bloß auseinandersetzen würde; so ist es aber nicht. Wenn man nun wirklich es dahin bringt, den Willen so in sich zu haben, wie angedeutet worden ist, dann merkt man: In diesem Willen lebt ein Wesenskern des Menschen; ein zweiter Mensch lebt darinnen, aber ein bewusster zweiter Mensch, ein Mensch mit einem ganz anderen Bewusstsein noch, den wir in uns tragen. Wie gesagt, das ist kein Bild; das ist [aber auch] keine Realität, die wir so in uns haben, wie wir in uns physisch das Herz haben; so wahr aber, wie es sich abspielt, ist in unserem inneren Willen rege ein innerer Mensch, der bewusst ist, den wir jetzt heraussetzen, einen äußerlichen Beobachter, einen Zuschauer; aber einen solchen Zuschauer, von dem wir erkennen, dass wir sein Bewusstsein nur mit unserem Bewusstsein vereinen können, wenn wir jene Denkkraft kennenlernen, die auf die erst charakterisierte Weise kennengelernt wird.

[ 57 ] But something else is also experienced. What is experienced, dear friends, is that one comes to know—by learning to observe the will—that in an intimate way one learns to recognize something within the will—yes, what one comes to recognize there, when characterized in this way, appears as if one were merely breaking down an image, a sum, or something imagined; but that is not the case. When one truly succeeds in having the will within oneself as has been indicated, then one realizes: Within this will lives the essential core of the human being; a second human being lives within it—but a conscious second human being, a human being with an entirely different consciousness still, whom we carry within us. As I said, this is not a mental image; nor is it a reality that we possess within us in the same way that we physically possess a heart; yet as true as it is in its unfolding, there is an active inner human being in our inner will who is conscious—one whom we now set aside as an external observer, a spectator; but such a spectator that we recognize we can unite his consciousness with our own only when we come to know that power of thought which is learned in the manner just described.

[ 58 ] So lernt man in dem, was man im Willen findet, einen zweiten Menschen kennen; aber einen Menschen — das Anschauen ergibt es, die Erfahrung, das innere Erleben ergibt es —, einen Menschen lernt man kennen, der im Menschen geist-seelisch lebt, so wie physisch der Pflanzenkeim in der Pflanze und Blüte, wie dieser in der Pflanze als Keim lebt, und man weiß: in diesem Pflanzenkeim steckt etwas, was, je nachdem, wie die äußeren Bedingungen vorhanden sind, eine neue Pflanze werden kann. In der Natur des Keimes liegt das! So, sehr verehrte Anwesende, weiß man durch die unmittelbare Erfahrung des Innenbeobachtens, dass dieser Zuschauer, den man als eine Realität in sich gefunden hat, dass er dasjenige ist, was die einzelnen Menschenwesenheiten herantragen durch die Pforte des Todes, was durch die geistige Welt hindurchtragen wird, und wiederum zu einem neuen irdischen Leben tragen muss. Denn dies ist darinnen so geformt, wie im Pflanzenkeim die neue Pflanze geformt ist. Und während der Pflanzenkeim durch äußere Verhältnisse zugrunde gehen kann, weiß man, hat man diesen Kern gefunden: In der geistigen Welt gibt es keine solchen äußeren Hindernisse; der Mensch kehrt wieder zurück, wird in der äußeren Welt leben. Und man lernt auch erkennen, dass dieses Leben, das man jetzt hier erforscht, die Folge von früheren Erdenleben ist. Dasjenige, was Lessing, was andere geniale Leute empfunden haben als notwendig sich ergebend aus dem Vorstellen des neueren Geisteslebens, das wird zu einer streng innerlich erforschbaren, inneren Tatsache: die wiederholten Erdenleben!

[ 58 ] Thus, in what one finds in the will, one comes to know a second human being; but a human being—as observation reveals, as experience and inner feeling reveal—one comes to know a human being who lives spiritually and soulfully within the human being, just as the plant seed lives physically within the plant and flower, just as it lives in the plant as a seed, and one knows: within this plant seed lies something that, depending on the prevailing external conditions, can become a new plant. That is inherent in the nature of the seed! Thus, dear friends, one knows through the direct experience of inner observation that this observer, whom one has found as a reality within oneself, is that which the individual human beings carry through the gate of death, that which is carried through the spiritual world, and which must in turn be carried into a new earthly life. For this is formed within just as the new plant is formed within the plant seed. And while the plant seed can perish due to external circumstances—as we know once we have found this core—in the spiritual world there are no such external obstacles; the human being returns and will live in the outer world. And one also comes to recognize that this life, which one is now exploring here, is the consequence of earlier earthly lives. What Lessing and other brilliant minds perceived as necessarily arising from the conception of modern spiritual life becomes a fact that can be rigorously explored from within: repeated earthly lives!

[ 59 ] Nur muss man sich bekannt machen, dann, wenn man so in die geistige Welt sich hineinlebt, dass man dann auf andere Weise wahrnimmt, als man wahrnimmt in der äußeren Welt. In der äußeren Welt nimmt man dadurch wahr, dass die Dinge vor einem dastehen, und man den Dingen selber gegenübersteht und man sie anschaut. Diejenigen, die sich zunächst aus den trivialen Begriffen des alltäglichen Lebens eine Vorstellung machen wollen über dasjenige, was dieses Neue ist, von dem heute hier gesprochen worden ist, die denken, dass die geistige Welt nur eine feinere ätherische Wiederholung ist der gewöhnlichen Sinnenwelt, und sie denken sich, dass so aus Nebel oder feineren Dingen die Wesen in der geistigen Welt einem entgegentreten. Nein, es ist nicht so, sehr verehrte Anwesende; sondern alles dasjenige, was einem entgegentritt, wenn es in richtiger Weise erforscht wird, tritt einem so entgegen, dass man in der Forschung wie plötzlich sich bewegt in der geistigen Welt unter lauter Geistwesen. Es zeigt der entwickelte Wille Geistwesen, die die Welt erfüllen — wie ganze Füllen von Geistwesen die Welt erfüllen. So kann es sich also hier darum handeln, eine Fülle konkreter geistiger Wesen in der geistigen Welt wahrzunehmen — Sie nehmen wahr! Nehmen wir an, eine Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, lebt in der geistigen Welt. Man nimmt diese zunächst so wahr, dass man wirklich weiß: Sie tritt jetzt gewissermaßen in die eigene Willenssphäre; sie vereint sich mit dem Bewusstsein, das man im Eigenbewusstsein entdeckt; und man erlebt, dass das eigene Bewusstsein zusammenschmilzt mit dem Bewusstsein des andern Wesens. Durch das Bewusstsein gelangt man, durch dieses durch die Willenssphäre entdeckte neue Bewusstsein gelangt man in die Welt der geistigen Wesenheiten hinein.

[ 59 ] One simply has to familiarize oneself with it—that is, when one immerses oneself in the spiritual world to such an extent that one then perceives things differently than one does in the outer world. In the outer world, one perceives things because they stand before one, and one stands face-to-face with them and looks at them. Those who initially wish to form a conception, based on the trivial concepts of everyday life, of what this “new” thing is—the subject discussed here today—think that the spiritual world is merely a finer, ethereal repetition of the ordinary sensory world, and they imagine that beings in the spiritual world appear to them out of mist or finer substances. No, it is not so, esteemed audience; rather, everything that comes before you—when properly investigated—appears in such a way that, in the course of your investigation, you suddenly find yourself moving through the spiritual world among countless spiritual beings. The developed will reveals spiritual beings that fill the world—how whole multitudes of spiritual beings fill the world. So what is at stake here is perceiving a multitude of concrete spiritual beings in the spiritual world—you perceive them! Let us suppose that a soul who has passed through the gate of death lives in the spiritual world. At first, one perceives this soul in such a way that one truly knows: it is now, as it were, entering one’s own sphere of will; it unites with the consciousness one discovers within one’s own self-awareness; and one experiences one’s own consciousness merging with the consciousness of the other being. Through consciousness—through this new consciousness discovered through the sphere of the will—one enters the world of spiritual beings.

[ 60 ] Obwohl, möchte ich sagen, das schon exzentrisch genug ist, was ich schon angeführt habe, möchte ich doch nicht zurückschrecken davor, auch noch — ich möchte sagen — weiter Kompromittierendes auf diesem Gebiete vorzubringen. Da muss man selbstverständlich dann auf das Erlebte kommen. Und es geschieht weder aus Unbescheidenheit noch aus irgendeinem anderen Grunde, wenn ein äußerliches Erlebnis angeführt wird. Es handelt sich zum Beispiel darum, dass ich wirklich aus der weiten Summe der Erlebnisse, die da angeführt werden können, nur ein ganz einfaches anführen möchte.

[ 60 ] Although, I would say, what I have already mentioned is eccentric enough, I do not wish to shy away from presenting—I would say—even more compromising material in this area. Of course, one must then turn to personal experience. And citing an external experience is done neither out of immodesty nor for any other reason. For example, it is simply that, out of the vast array of experiences that could be cited here, I would like to mention just one very simple one.

[ 61 ] Es handelte sich darum, dass ich zu tun hatte mit gewissen künstlerischen Verrichtungen, zu denen notwendig war, etwas zu erfinden, möchte ich sagen. Nun handelt es sich darum, dass vor langen Jahren eine Persönlichkeit gestorben ist, deren Seele gerade voll war von Intentionen, von Tendenzen nach einer solchen künstlerischen Verrichtung. Sie war durch die Pforte des Todes gegangen. Geradeso, sehr verehrte Anwesende, wie man unterscheiden lernt im gewöhnlichen physischen Leben, unterscheiden kann, dass die Blume, die man außer sich sieht, nicht von einem selbst, nicht von dem eigenen Auge geschaffen ist, so lernt man nun auf diesem geistigen Felde unterscheiden, was objektiv ist von dem bloß subjektiven Schaffen. Und so wusste ich, dass ich gewisse künstlerische Dinge — und zu denen notwendig war etwas, wie eine Inspiration — zu verrichten hatte, dass sich in mein Bewusstsein hereinlebte dasjenige, was von dieser verstorbenen Seele kam.

[ 61 ] The point is that I was engaged in certain artistic endeavors that required, I might say, a degree of inventiveness. Now, the fact is that many years ago, a person died whose soul was precisely filled with intentions and inclinations toward such an artistic endeavor. She had passed through the gate of death. Just as, dear friends, one learns to distinguish in ordinary physical life—and can distinguish—that the flower one sees outside oneself is not created by oneself, not by one’s own eye, so too does one learn in this spiritual realm to distinguish what is objective from what is merely subjective creation. And so I knew that I had to accomplish certain artistic tasks—for which something like inspiration was necessary—and that what came from this departed soul was taking root in my consciousness.

[ 62 ] Das heißt: Das Zusammenleben mit diesen verstorbenen Seelen, man kann es so beobachten, wie man beobachten kann das Zusammensein mit äußeren Wesenheiten. Selbstverständlich wäre es der Eitelkeit in diesem Falle sogar schmackhafter, zu sagen, das rührt alles von der eigenen Erfindungsgabe her! Aber man kommt eben zu ganz anderen Anschauungen über die geistige Welt, wenn diese geistige Welt allmählich durch Übungen der Seelenkräfte zu durchschauen ist.

[ 62 ] In other words: Living together with these departed souls can be observed in the same way that one can observe interaction with external beings. Of course, in this case it would be even more appealing to one’s vanity to say that it all stems from one’s own imagination! But one arrives at entirely different views of the spiritual world when this spiritual world can gradually be understood through exercises of the soul’s powers.

[ 63 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, gerade mit Rücksicht auf die Missverständnisse, die dieser Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, entgegengebracht werden, muss einiges erwähnt werden.

[ 63 ] Well, ladies and gentlemen, precisely because of the misunderstandings surrounding this kind of spiritual research—as we mean it here—there are a few things that need to be mentioned.

[ 64 ] Derjenige, der als Geistesforscher mit naturwissenschaftlicher Weltanschauung an diese Geistesforschung herantritt, der wird selbstverständlich unendlich vieles vorzubringen wissen dafür, dass alles dasjenige, was ich Ihnen bisher geschildert habe, im Grunde genommen nichts anderes sei als eine Summe von Illusionen, von Halluzinationen und so weiter. Wenn der naturwissenschaftlich Denkende nun glaubt, dass derjenige, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, kommt und ihm sagt: Du hast unrecht! — und nun anfängt, mit ihm zu streiten, da irrt sich der Naturwissenschafter vollständig! Der Geistesforscher ist im Grunde genommen voller Anerkennung gegenüber demjenigen, was der Naturforscher zu sagen hat, bis hinein in die Erforschung der Grenzgebiete zwischen dem Seelen- und dem rein äußerlichen Naturreich. Nicht einmal braucht der Geistesforscher im Geringsten etwas abzulehnen von dem, was auf dem Boden einer experimentellen Psychologie zum Beispiel errungen ist. Aber ich will mich darauf jetzt nicht weiter einlassen.

[ 64 ] Anyone who approaches spiritual research as a spiritual researcher with a scientific worldview will, of course, be able to present an infinite number of arguments to show that everything I have described to you so far is, in essence, nothing more than a collection of illusions, hallucinations, and so on. If the person with a scientific mindset now believes that someone grounded in spiritual science will come and say to him, “You are wrong!”—and then begins to argue with him—the scientist is completely mistaken! The spiritual researcher is, in essence, full of appreciation for what the natural scientist has to say, right down to the exploration of the borderlands between the realm of the soul and the purely external natural realm. The spiritual researcher does not even need to reject in the slightest anything that has been achieved on the basis of experimental psychology, for example. But I do not wish to go into that further now.

[ 65 ] Derjenige aber, der von der naturwissenschaftlichen Weltanschauung aus nun zunächst von vornherein einwendet — ich weise jetzt zunächst auf die allergewöhnlichsten Einwände hin —: Ja, sieh einmal, man glaubt von gewisser Seite aus das unsterbliche Leben der Seele beweisen zu können; man wendet sich dann an die gegenwärtige Art, wie das Denken, Fühlen und Wollen vor sich geht; man glaubt, durch die gewöhnliche Logik etwas ergründen zu können; man glaubt vielleicht durch irgendetwas Mystisches etwas erreichen zu können, was auf eine Unsterblichkeit der Seele hinweist. Nun aber zeigt die Naturforschung — und wie gesagt, der Geistesforscher steht hier vollständig auf dem Boden der Naturforschung, sogar mehr als der Naturforscher selber —, zeigt die Naturforschung, dass der Mensch von Kindheit auf sich entwickelt. Wie die äußeren Organe und Organsysteme nach und nach sich entwickeln, so wachsen auch die geistigen Verrichtungen. Und wiederum, wenn die äußeren Organe im Alter sich ablähmen, gehen die geist-seelischen Verrichtungen zurück. Ja, man kann zeigen, wie irgendein Teil des seelischen Systems, des Zentralnervensystems abgelähmt ist, wie ganz bestimmte geistig-seelische Verrichtungen leiden. Siehst Du da nicht — könnte der Naturforscher fragen den Geistesforscher —, siehst Du da nicht, wie eng gebunden das geistig-seelische Leben an die organischen Verrichtungen und an die organischen Werkzeuge ist?

[ 65 ] But anyone who, based on a scientific worldview, objects from the outset—I will now point out the most common objections—: “Well, look here: some people believe they can prove the immortality of the soul; they then turn to the present-day nature of how thinking, feeling, and willing take place; they believe they can fathom something through ordinary logic; they perhaps believe they can achieve something through some form of mysticism that points to the immortality of the soul.” But now, scientific research—and as I said, the researcher of the spirit stands here entirely on the ground of scientific research, even more so than the natural scientist himself—shows that human beings develop from childhood onward. Just as the external organs and organ systems develop gradually, so too do the mental functions grow. And conversely, when the external organs begin to deteriorate with age, the mental and soul functions also decline. Indeed, one can demonstrate how, when any part of the psychic system—the central nervous system—is impaired, very specific mental and psychic functions suffer. “Don’t you see,” the natural scientist might ask the spiritual scientist, “don’t you see how closely the mental and psychic life is bound to organic functions and to the body’s physical instruments?”

[ 66 ] Gewiss, diese Dinge sind alle überzeugend. Aber gerade wenn der Geistesforscher an dem Punkt angekommen ist, den ich geschildert habe, als ich angab die Kultur des Gedankenlebens, die innere Erziehung des Gedankenlebens, die innere Übung des Gedankenlebens, dann schildert er, wie alles im gewöhnlichen Leben ablaufende Denken, Fühlen und Wollen gebunden ist an die leiblichen Organe; das, was als Denken, Fühlen und Wollen auftritt in der physischen Welt zwischen Geburt und Tod, das kann allerdings nicht auftreten, ohne die leiblichen Organe. Das gerade zeigt Geistesforschung. [Und sie steht auf dem Boden, dass man durch eine spekulative Theorie oder Mystik nicht etwas gewinnen kann über das unsterbliche Seelenwesen.] Gerade der Fortschritt auf dem Gebiet der Naturforschung wird zeigen, dass dasjenige, was als Denken, Fühlen und Wollen im gewöhnlichen Leben da ist, eine Umsetzung von Leistungen ist, die nur zwischen Geburt und Tod eine Bedeutung haben, weil sie in ihrem Erscheinen, so wie sie im Bewusstsein auftreten, an die äußeren Organe gebunden sind. Aber innerhalb des Denkens, Fühlens und Wollens entdeckt der Geistesforscher etwas, was nicht an die Organe gebunden ist, was er eben erst entdecken kann so, dass er weiß: Es ist dies in jedem Menschen vorhanden — nur muss man erst zum Bewusstsein davon kommen, was da noch an die Organe gebunden ist —, als wäre es etwas anderes, etwas, was eintritt durch die Pforte des Todes, etwas, was damit verbunden ist. Das, was nicht an die Organe gebunden ist, das muss erst aufgesucht werden!

[ 66 ] Certainly, all these things are convincing. But precisely when the researcher of the spirit has reached the point I described—when I spoke of the culture of the life of thought, the inner education of the life of thought, and the inner practice of the life of thought—he describes how all thinking, feeling, and willing that takes place in ordinary life is bound to the physical organs; that which appears as thinking, feeling, and willing in the physical world between birth and death cannot, of course, occur without the physical organs. This is precisely what spiritual research demonstrates. [And it is based on the premise that one cannot gain any insight into the immortal soul through speculative theory or mysticism.] Progress in the field of natural science, in particular, will show that what appears as thinking, feeling, and willing in ordinary life is a manifestation of processes that have meaning only between birth and death, because in their appearance—as they arise in consciousness—they are bound to the external organs. But within thinking, feeling, and willing, the researcher of the spirit discovers something that is not bound to the organs—something he can only discover in such a way that he knows: This is present in every human being—one must first become aware of what is still bound to the organs—as if it were something else, something that enters through the gate of death, something connected to it. That which is not bound to the organs must first be sought out!

[ 67 ] Daher gibt der Geistesforscher dem Naturforscher vollständig recht — und es ist ein Grundirrtum, wenn man immer wieder irgendeinen Widerspruch konstatiert zwischen der Natur- und der wahren Geistes-Forschung. Die wahre Geistesforschung steht gerade in Bezug auf die Ausdeutung des gewöhnlichen Denkens, Fühlens und Wollens auf dem Boden der gewöhnlichen Naturforschung. Wenn auch dasjenige, was dieser Naturforschung zugrunde liegt, noch vielfach ein Ideal ist, es ist etwas vorhanden; und der Naturforscher kann heute aus seiner Weltanschauung heraus gewisse abnorme Verfassungen im menschlichen Leben angeben.

[ 67 ] Therefore, the researcher of the spirit fully agrees with the natural scientist—and it is a fundamental error to repeatedly assert that there is some kind of contradiction between natural science and true spiritual research. True spiritual research is grounded precisely in ordinary natural science when it comes to interpreting ordinary thinking, feeling, and willing. Even if what underlies this natural science is still largely an ideal, it does exist; and the natural scientist can today, based on his worldview, identify certain abnormal conditions in human life.

[ 68 ] Ein sehr bedeutender Seelen- und Naturforscher hat gewisse Zustände, die auftreten, ja sogar schon dem Traumleben zugrunde liegen, die insbesondere dem Hypnotismus, aller möglichen Hellseherei und so weiter zugrunde liegen, er hat dies «starre Zustände des Bewusstseins» genannt.

[ 68 ] A very prominent psychologist and natural scientist has identified certain states that occur—and indeed underlie even the realm of dreams—which are particularly fundamental to hypnotism, all forms of clairvoyance, and so on; he has called these “rigid states of consciousness.”

[ 69 ] Man soll nur ja nicht glauben, dass der Geistesforscher dasjenige, worauf er abzielt, irgendwie verwechseln kann mit demjenigen, was von dieser Seite her als krankhafte Seelenentwicklungszustände geschildert wird! Das ist gerade das Bedeutsame, dass bei der wahren Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, dasjenige Seelenleben, welches sich als ein anderes, als ein außerleibliches Seelenleben, wie es geschildert worden ist, entwickelt, dass dieses Seelenleben so verläuft, dass es nicht etwa eine Umschaffung ist des gewöhnlichen Seelenlebens, sondern dass es sich neben das gewöhnliche Seelenleben hinstellt. Und umso gesünder ist dieses Hellscherische, wie es heute gemeint worden ist, anzuschauen, umso gesünder ist es, wenn derjenige, der sich zu ihm entwickelt, dieses Sehertum so entwickelt, dass daneben alles andere — Denken, Fühlen und Wollen, alles andere sogenannte soziale Seelenleben — weitergeht! Nur, dass er in dem Momente, wo er eben im Schauen ist, dies normal überblickt.

[ 69 ] One must certainly not believe that the spiritual researcher could in any way confuse what he is aiming for with what is described from this perspective as pathological states of soul development! This is precisely the significant point: in true spiritual research, as understood here, the soul life that develops—as a different, extracorporeal soul life, as has been described— —that this soul life unfolds not as a transformation of ordinary soul life, but rather as something that exists alongside it. And the healthier it is to view this Hellschian approach—as it has been described today—the healthier it is for the one who develops toward it to cultivate this visionary faculty in such a way that everything else—thinking, feeling, and willing, all of so-called social soul life—continues alongside it! Except that, in the very moment when he is engaged in vision, he maintains a normal overview of it.

[ 70 ] Nehmen Sie irgendwelche Zustände, die bei krankhaftem Seelenleben auftreten: Wie treten sie auf? So treten sie auf, dass das sogenannte normale Seelenleben aufhört, und wenn auch nur für kurze Zeit übergeht in das krankhafte Seelenleben. Der mit irgendeiner Krankheit des Seelenlebens Behaftete — wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, der natürlich selbst ungenau ist —, der mit irgendeiner Krankheit Behaftete ist gerade dadurch charakterisiert, dass er in der Krankheit nicht auf sein gesundes Seelenleben schauen kann, sonst würde er nicht krank sein!

[ 70 ] Consider any states that occur in a pathological mental life: How do they manifest? They manifest in such a way that the so-called normal mental life ceases and, even if only for a short time, gives way to the pathological mental life. The person afflicted with some illness of the psyche—if I may use this expression, which is of course imprecise in itself—the person afflicted with some illness is characterized precisely by the fact that, in the midst of the illness, he cannot look upon his healthy psyche; otherwise, he would not be ill!

[ 71 ] Das ist nun das Wesentliche, dass derjenige, der zum wirklichen Geistesforscher wird, nicht gewissermaßen, wie es scheinen könnte, aus dem gesunden Seelenleben in ein anderes Seelenleben hineingeht, sondern dass sich die beiden Seelenleben klar, mit vollem Bewusstsein nebeneinanderstellen. Der Geistesforscher geht durch die Geistwelt, indem er mit entwickeltem Schauen diese Welt anschaut. Und für das gewöhnliche Leben, für alle Aufgaben des gewöhnlichen Lebens denkt und fühlt und handelt er so, wie eben andere vernünftige Menschen handeln. Dieses Überschauen, das ist das Wesentliche.

[ 71 ] The essential point here is that the person who becomes a true spiritual researcher does not, as it might seem, move from a healthy spiritual life into another spiritual life, but rather that the two spiritual lives stand side by side, clearly and with full consciousness. The spiritual researcher moves through the spiritual world by observing it with developed insight. And in ordinary life, in all the tasks of ordinary life, he thinks, feels, and acts just as other rational people do. This ability to see through—that is the essential point.

[ 72 ] Daher ist es für Anfänger der Geistesforschung, sehr verehrte Anwesende, gar nicht besonders gut, wie das aus gewissen Bequemlichkeiten des Lebens heraus — man möchte sagen —, auch aus gewissen Enthusiasmen des Lebens heraus [geschieht], wenn sie mit allem möglichen Schwärmen in irgendeine geisteswissenschaftliche Welt sich einlassen, und so etwa, wie man sich von einer Religion zur anderen bekehrt, sie in ein ganz anderes Seelenleben hineinkommen und das erste einfach vergessen. Im Gegenteil, es befördert für Anfänger die richtige Seelenverfassung ganz besonders, wenn alles dasjenige, was der Mensch vorher war, wie er vorher gedacht und gelebt hat, möglichst fortgesetzt wird, und wenn das Andere sich so daneben hinstellt, dass er das Erste gerade vollständig überschaut.

[ 72 ] Therefore, dear friends, it is not particularly beneficial for beginners in spiritual research—as it were—to enter into the world of spiritual science with all manner of enthusiasm, driven by certain comforts of life or, one might say, certain passions of life, and thus, much like converting from one religion to another, they enter into an entirely different inner life and simply forget the first one. On the contrary, it particularly fosters the right inner disposition for beginners when everything that the person was before—how they previously thought and lived—is continued as much as possible, and when the new is placed alongside it in such a way that they can fully survey the first.

[ 73 ] Besondere Einrichtungen, die etwa gepflogen werden, sehr verehrte Anwesende, um Geistesforschung zu züchten, die man aus dem gewöhnlichen sozialen Leben heraus in allerlei Kollegien nimmt, damit sie möglichst mit ihr das Leben bereichern, das führt eigentlich im Grunde genommen zunächst zum Unfug. [Wenigstens wird etwas, die Gesundheit des Geisteslebens für den Geist-Erforschenden ganz besonders Förderndes, außer Acht gelassen!] Gewiss man könnte ja daran denken, eine gewisse Anzahl von Leuten für die Geistesforschung zu präparieren und sie sozusagen in Kollegien zu bringen, wo sie ihr äußeres Leben, das sie bisher geführt haben, besonders verschlafen können; da müssten aber die betreffenden in einem gewissen Sinne so unfrei werden, dass sie das, was sie bisher gepflogen haben, nun in Abhängigkeit versetzt zu einem neuen Leben, das für das Äußere nicht eingerichtet ist. Das hat schon seine Gefahren. Das Allerbeste ist, wenn der Mensch so vernünftig bleibt für das gewöhnliche Leben, wie er vorher war, und die Geistesforschung nur dazukommt, sich danebenstellt sozusagen.

[ 73 ] Special institutions—such as those, dear attendees, that are established to cultivate spiritual research, which is taken from ordinary social life into all sorts of colleges so that it may enrich life as much as possible—actually lead, at the very least, to nonsense. [At the very least, something that is particularly conducive to the health of spiritual life for those engaged in spiritual research is being overlooked!] Certainly, one might consider preparing a certain number of people for spiritual research and, so to speak, placing them in colleges where they can, as it were, put the external life they have led up to now on the back burner; but then those concerned would, in a certain sense, have to become so unfree that what they have been accustomed to would now be subordinated to a new life that is not adapted to the outer world. That already has its dangers. The very best thing is for a person to remain as sensible in ordinary life as they were before, with spiritual research simply coming alongside it, so to speak.

[ 74 ] Das ist aber auch der prinzipielle Unterschied von allem krankhaften Seelenleben. Und wenn derjenige, der mit einer ordentlichen naturwissenschaftlichen Gesinnung ausgestattet ist, nur mit vollem Verständnisse überschauen würde dasjenige, was zum Beispiel für die Übungen der Seelenkräfte nach der Richtung hin, die angegeben worden ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», steht, so würde er sehen, dass gerade derjenige, der sich mit wahrer Geistesforschung und den geistesforscherischen Methoden befassen will, aufmerksam gemacht wird und aufmerksam ist auf dasjenige, was nach der einen oder anderen Seite hin nicht nur in das Krankhafte, sondern sogar in nebulöse Seelenverirrungen hineinführen könnte.

[ 74 ] But this is also the fundamental difference from all pathological mental states. And if someone endowed with a sound scientific mindset were to fully comprehend, for example, the exercises for developing the soul’s powers in the direction indicated in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*, he would see that it is precisely the person who wishes to engage in true spiritual research and its methods who is made aware of—and remains attentive to—those elements that, in one direction or another, could lead not only into pathological states but even into nebulous spiritual aberrations.

[ 75 ] Allerdings entstehen viele Missverständnisse gegen die Geisteswissenschaft. Nicht bloß, dass sie theoretische Missverständnisse sind vonseiten derjenigen, die etwa auf naturwissenschaftlichem Boden stehen, auf dem Boden einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung stehen; sondern sie erstehen — ich möchte sagen praktisch, indem die Leute auf eine viel andere Weise, eine viel bequemere Weise, als geschildert worden ist, in die geistige Welt eintreten wollen, und dann in der Tat, statt eine Wissenschaft von dem Übersinnlichen, die auf dem Wege, wie ich es geschildert habe, zu erreichen wäre, eine Wissenschaft von dem Untersinnlichen erreichen, das heißt, irgendetwas von dem erreichen, was im gewöhnlichen Sinne so oft als Hellseherei oder dergleichen bezeichnet wird. Diese Hellseherei, dasjenige, was man gewöhnlich so nennt, das ist gerade eigentlich diametral entgegengesetzt der Geistesforschung. Das ist etwas, das dadurch entsteht, dass gerade der Mensch enger noch an seine Persönlichkeit gebunden wird, als er gebunden ist schon im gewöhnlichen sozialen Menschenleben. Ich brauche nur — obwohl das natürlich nur vergleichsweise, zur Erläuterung gesagt wird — darauf aufmerksam zu machen: Wenn wir irgendeinen Eingriff uns beibringen, so spüren wir die Stelle mit unserem Bewusstsein, besonders dann, wenn im Magen krankhaft etwas in uns organisiert ist, innerlich. Wenn wir auf diese Weise innerlich etwas im Nervensystem oder irgendwo organisiert haben, dann wendet sich das Bewusstsein in einer krankhaften, in einer abnormen Weise dem zu. Dann kann aber auch dadurch allerlei «geschaut» werden. Es kann eben dasjenige entstehen, was man mit einem gewissen Recht vom Standpunkte der Naturwissenschaft aus Halluzinationen, Illusionen und so weiter nennt. Das entsteht eben gerade dadurch, dass das Gegenteil von dem eintritt, was eintritt für die wahre Geistesforschung, die heute geschildert worden ist. Es ist ein starkes Gebundensein an den Leib. Und bei dem, was man im trivialen Leben oder auch in schwindelhafter Weise als «Hellsehen» bezeichnet, sehr verehrte Anwesende, da hat man eben etwas vor sich, was viel weniger Ewigkeitswert oder geistigen Wert hat als dasjenige, was man im normalen Seelenleben verfolgen kann, wo man das Seelische mit seiner ganzen Leiblichkeit zusammen hat, während man in dem krankhaften Hellsehen oder im krankhaften Hypnotischen oder im Suggestionszustand oder dergleichen eben nur mit einem Teil zusammenhängt. Da kommt man zum Ergreifen des Untersinnlichen, desjenigen, was weniger Wirklichkeitswert hat als das, was man im gewöhnlichen Leben sieht. Während das wirkliche, das wahre Hellsehen darin besteht, dass man gerade unabhängig wird von allem Leiblichen und zurückschaut auf die Leiblichkeit, und beobachtet, wie sie normal geblieben ist in Bezug auf die äußere physische Welt und hinausschreitet über die Leiblichkeit, [dass man] zum Übersinnlichen, nicht zum Untersinnlichen kommt.

[ 75 ] However, many misunderstandings arise regarding the humanities. Not only are these theoretical misunderstandings on the part of those who, for example, stand on the ground of the natural sciences, on the ground of a natural-scientific worldview; but they arise—I would say practically—because people want to enter the spiritual world in a very different way, a much more convenient way than has been described, and then, in fact, instead of attaining a science of the supersensible—which could be achieved in the way I have described—they attain a science of the subsensible, that is, they attain something of what is so often referred to in the ordinary sense as clairvoyance or the like. This clairvoyance, what is commonly called by that name, is in fact diametrically opposed to spiritual research. It is something that arises precisely because the human being becomes even more closely bound to his or her personality than is already the case in ordinary social life. I need only—though this is, of course, said only comparatively, for the sake of explanation—point out the following: When we teach ourselves to perform any kind of intervention, we sense the affected area with our consciousness, especially when something pathological has organized itself within us, particularly in the stomach. If we have developed something in this way within our nervous system or elsewhere, then our consciousness turns toward it in a pathological, abnormal manner. But through this, all sorts of things can also be “seen.” What arises is precisely what, from the standpoint of natural science, is rightly called hallucinations, illusions, and so on. This arises precisely because the opposite of what occurs in true spiritual research—as described today—takes place. It is a strong attachment to the body. And in what is referred to in everyday life, or even in a delusional manner, as “clairvoyance,” dear friends, one is dealing with something that has far less eternal or spiritual value than what one can experience in normal soul life, where the soul is united with the body in its entirety, whereas in pathological clairvoyance, pathological hypnotic states, states of suggestion, or the like, one is connected only to a part of the whole. There one comes to grasp the sub-sensory—that which has less reality than what one sees in ordinary life. Whereas true clairvoyance consists in becoming independent of all physicality, looking back at physicality, observing how it has remained normal in relation to the external physical world, and stepping beyond physicality—so that one arrives at the supersensible, not the subsensible.

[ 76 ] Wenn einmal, sehr verehrte Anwesende, dieser Unterschied des Übersinnlichen [vom] Untersinnlichen erfasst sein wird, wenn einmal erkannt sein wird, dass dasjenige, was der krankhafte Hellseher macht, etwas ist, was viel weniger Bedeutung für den Menschen hat als dasjenige, was — sagen wir — von der Geburt bis zum Tode lebt, und was man mit den normalen Sinnenleben umfassen kann, und dass erst ein entwickeltes Seelenleben, das losgekommen ist von der Leiblichkeit, in die übersinnliche Welt hineinführen wird, dann werden die Missverständnisse, die von gegnerischer Seite aus entgegengebracht werden der Geistesforschung, schon verschwinden!

[ 76 ] Once, dear friends, this distinction between the supersensible and the subsensible is grasped; once it is recognized that what the pathological clairvoyant does is of far less significance for human beings than that which—let us say—lives from birth to death and can be encompassed by the normal sensory life, and that only a developed soul life, freed from physicality, will lead into the supersensible world—then the misunderstandings raised against spiritual research by its opponents will disappear!

[ 77 ] Und ein anderes Gebiet dieser Missverständnisse, das ist ja dasjenige, das vonseiten der Religionsbekenner, der verschiedensten Religionsbekenntnisse der Geistesforschung entgegengebracht wird. Da muss gesagt werden, dass wir es da mit einem Gebiet zu tun haben, sehr verehrte Anwesende, wo unterschieden werden muss für eine gesunde Betrachtung das religiöse Element von dem wissenschaftlichen Element. Geisteswissenschaft wird — wissenschaftlich ausgebildet — das Geistig-Seelische bis zur Unsterblichkeit der Seele, bis zum Wahrnehmen geistig-übersinnlicher Welten zu erforschen haben. Aber sie wird der Religion ebenso wenig ins Gehege kommen, wenn man sie nur richtig versteht, wie die äußere Naturwissenschaft der Religion ins Gehege gekommen ist. Ich muss sagen, immerzu steht vor mir in schöner Weise ein Satz, den ein Priester gebraucht hat, als er einmal das Rektorat an der Universität in den 1890er-Jahren angetreten hat. Er hielt eine Rede über Galilei — der Theologe über Galilei —, und er sagte dazumal: Gewiss, in der Zeit, als Galilei gelebt hat, hat die Kirche Galilei verfolgt; aber jetzt ist die Zeit gekommen, wo man wissen kann, dass durch dasjenige, was Galilei von dem Bau der Welten gesagt hat, nur zu größerer Herrlichkeit des von der Religion verehrten und angebeteten Göttlichen hintreibt. Wie man nur aus Missverständnis heraus in der Zeit, als die neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung gekommen ist, einen Widerspruch mit dem religiösen Leben hat finden wollen, und auch ins äußere praktische Leben eingeführt hat, so beruht es auf einem Missverständnis, wenn man glaubt, dass die Geistesforschung — die für die heutige Zeit etwas Ähnliches sein muss, [wie die Naturforschung Galileis, Keplers und so weiter für ihre Zeit war] —, dass diese dem religiösen Leben irgendwie Eintrag tun könnte. Wirklich ist diese Geisteswissenschaft, und will sie sein, sehr verehrte Anwesende, eine Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Denkungsweise für das geistige Gebiet.

[ 77 ] And another area of these misunderstandings is, of course, that which is directed at spiritual science by adherents of various religious denominations. It must be said, ladies and gentlemen, that we are dealing here with an area where, for a sound understanding, a distinction must be made between the religious element and the scientific element. Spiritual science—when conducted scientifically—will have to investigate the spiritual and soul-related realms, extending as far as the immortality of the soul and the perception of spiritual-super-sensory worlds. But if it is understood correctly, it will interfere with religion just as little as external natural science has interfered with religion. I must say that a sentence spoken by a priest when he once assumed the rectorship at the university in the 1890s has always remained vividly in my mind. He gave a speech on Galileo—the theologian speaking on Galileo—and he said at the time: Certainly, in the era when Galileo lived, the Church persecuted him; but now the time has come when we can know that what Galileo said about the structure of the worlds leads only to the greater glory of the Divine, who is revered and worshiped by religion. Just as, out of a misunderstanding, people sought to find a contradiction with religious life—and even introduced it into practical, everyday life—at the time when the newer scientific worldview emerged, so too is it based on a misunderstanding to believe that spiritual research—which must be something similar for our time, [to what the natural sciences of Galileo, Kepler, and so on were for their time]—could in any way detract from religious life. In truth, this spiritual science, and this is what it aims to be, esteemed audience, is a continuation of the scientific way of thinking applied to the spiritual realm.

[ 78 ] Aber begreiflich ist es. Gerade wenn man die Wissenschaftsgeschichte gut begreift, ist es begreiflich, dass heute noch wenig Menschen sich finden, welche einen Sinn haben für dasjenige, was der Nerv dieser Geistesforschung ist. Allein derjenige, welcher den Gang der Wahrheit durch die Menschheitsentwicklung mit liebevoller Seele hat zu erforschen versucht, der weiß, dass die Wahrheit durch die dünnsten Spalten auch der härtesten Felsen, die die menschlichen Vorurteile auftürmen, ihren Weg durch die Menschheitsentwicklung durchmachen wird.

[ 78 ] But it is understandable. Precisely when one has a good grasp of the history of science, it is understandable that even today there are still few people who have a sense of what lies at the heart of this spiritual research. Only those who have sought to explore the course of truth through human evolution with a loving soul know that truth will make its way through human evolution, even through the narrowest cracks in the hardest rocks that human prejudices have piled up.

[ 79 ] Und nicht um Propaganda zu machen, wahrhaftig nicht, sondern nur um zu erwähnen, dass doch schon in der Gegenwart wenigstens ein kleiner Kreis vorhanden ist von Freunden der geisteswissenschaftlichen Richtung, wie sie hier gemeint ist, möchte ich hinweisen auf den Bau, der durch die Opferwilligkeit einer Reihe von Bekennern unserer Geisteswissenschaft — ich möchte sagen —, von Schülern unserer Geisteswissenschaft als eine Art von Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach, in der Nähe von Basel, errichtet worden ist.

[ 79 ] And not to engage in propaganda—truly not—but merely to mention that even in the present there is at least a small circle of friends of the spiritual science movement, as it is understood here, I would like to point out the building that was erected through the self-sacrificing efforts of a number of adherents of our spiritual science—I would say— by students of our spiritual science—has been erected as a kind of college for spiritual science in Dornach, near Basel.

[ 80 ] Diesem Bau aber bringt man ebensolche Missverständnisse entgegen. Nur mit wenigen Worten sei zum Schlusse darauf aufmerksam gemacht, wie man der Geisteswissenschaft selber in der verschiedensten Weise Missverständnisse entgegenbringt, so auch diesem Bau. Es gibt sogar Leute, die da sagen, dieser Bau habe etwas Phantastisches, wenn man in diesen Bau hineintrete, so sehe man allerlei Symbole, allerlei magische Zeichen; sogar eine Folge von sieben Säulen zum Beispiel ist da drinnen.

[ 80 ] But this building, too, is met with similar misunderstandings. In closing, let me briefly point out how spiritual science itself is met with misunderstandings in a wide variety of ways, just as this building is. There are even people who say that this building has something fantastical about it; that when one enters it, one sees all kinds of symbols and magical signs—there is even a row of seven columns inside, for example.

[ 81 ] Nun, derjenige, der den ganzen Bau versucht innerlich zu verstehen, sehr verehrte Anwesende, der kann glauben, dass diejenigen, die das gesehen haben, was in Dornach gebaut wird, und dann so sprechen, dass die kaum hingesehen haben können, sondern nur eben glauben, dass, wenn auf irgendeinem Gebiet, das sie noch nicht kennen, irgendetwas entsteht, so muss es irgendetwas Zauberisches, irgendetwas Magisches, Zauberhaftes sein; aus diesem Glauben heraus charakterisieren sie.

[ 81 ] Well, anyone who attempts to understand the entire building from within, my esteemed audience, may believe that those who have seen what is being built in Dornach—and then speak in such a way that they can hardly have looked at it at all, but merely believe that whenever something is created in any field they are not yet familiar with, it must be something enchanting, something magical, something wondrous— and it is from this belief that they make their characterizations.

[ 82 ] Sehen Sie, sehr verehrte Anwesende, nehmen wir gleich etwas, was — ich möchte sagen — versucht ist in den Säulen-Folgen links und rechts im Bau. Da denken die Leute: Das sind abergläubische Menschen, die haben aus der Siebenzahl heraus eine Säulenordnung konstruiert, weil sie just da sieben Säulen darinnen haben auf jeder Seite! — Ja, solch eine Rede ist genau ebenso, wie wenn jemand irgendetwas Symbolisches oder Zauberhaftes glaubt vermuten zu können bei der Tatsache, dass auf einer Violine just die e-Saite, die a-Saite und so weiter sind. Die innere Natur der Sache hat das gefordert! Wie das Licht in sieben Farben geteilt ist, in sieben Farben des Regenbogens erscheint, geradeso wie die Töne sich in der Siebengliedrigkeit der Skala eröffnen und die Oktave die Wiederholung des Grundtones ist, so musste dadurch, dass einmal gebrochen wurde mit den üblichen Baustilen —, aus unserer künstlerischen Überzeugung heraus musste eine Gesamtheit der Kunst sich ergeben, wirklich nur, weil gebrochen worden ist mit dem, dass ein Kapitel ist wie das andere, wenn man Säulen hat. Sondern wenn man eine Säule hat und ein Kapitel, so ist das nächste anders, das dritte wieder anders. Aber damit ergab sich aus dem rein künstlerischen Prinzip heraus, dass mit dem siebten ein Abschluss da war — wie bei der Ton-Skala auch mit dem siebten Ton, der Septime, ein Abschluss da ist, und wie in der Oktave eine Wiederholung des Grundtones da ist —; es ergab sich ganz von selbst, mit derselben Notwendigkeit, wie die sieben Farben im Regenbogen sich mit Notwendigkeit ergeben. Und so ist alles in diesem Bau. Nichts ist da versucht von irgendwelcher Ausbildung von Symbolen. Alles sollte im Künstlerischen ins Bildhauerische, ins Architektonische, ins Malerische rein künstlerisch ausgegossen sein. Daher wird man auch niemals eine Kunst, die im Sinne der Geisteswissenschaft ist, erreichen können dadurch, dass man etwa, was man mit Geisteswissenschaft erkannt hat, malt oder bildhauert. Das wurde bei unserm Bau in Dornach auch gar nicht versucht. Nur, im Menschen sind viele Anlagen, die im gewöhnlichen Leben verborgen bleiben, und alle Anlagen der Menschheit sind noch nicht etwa herausgekommen im Verlauf der verflossenen Epochen der Menschheitsentwicklung. Geisteswissenschaft ist aber, weil sie ins lebendige Erfassen der lebendigen Welt hineinführt, eine Anregerin, nicht einer Idee — nicht dasjenige, was sie findet als Wissenschaft, soll irgendwie also symbolisch künstlerisch verkörpert werden — das wäre eine unkünstlerische Art und Weise —, sondern anregen muss sie künstlerische Fähigkeit. Und dadurch wird, weil sie selbst hineinstellt als etwas Neues in die Menschheit die Geisteswissenschaft, auch eine neue Kunstform, ein neues Kunstprinzip geschaffen. Das wirkt natürlich ebenso überraschend und missverständlich, wie eben das Neue an der Geisteswissenschaft selber missverständlich und überraschend wirkt.

[ 82 ] Look, ladies and gentlemen, let’s take, for example, something that—I would say—is evident in the sequences of columns on the left and right sides of the building. People think: These are superstitious people who have constructed a column arrangement based on the number seven, because they happen to have seven columns on each side! — Yes, such talk is exactly the same as if someone thought they could infer something symbolic or magical from the fact that on a violin there happen to be the E string, the A string, and so on. The inner nature of the matter demanded it! Just as light is divided into seven colors, appearing in the seven colors of the rainbow, and just as the tones unfold in the seven-part structure of the scale and the octave is the repetition of the fundamental tone, so it was that, by breaking with the customary architectural styles— out of our artistic conviction, a totality of art had to emerge—truly only because we broke with the notion that one capital is like the next when one has columns. Rather, if one has a column and a capital, the next one is different, and the third one is different again. But from this, it followed from the purely artistic principle that the seventh marked a conclusion—just as in the musical scale the seventh note, the seventh, marks a conclusion, and just as the octave is a repetition of the fundamental tone—; it arose quite of its own accord, with the same necessity as the seven colors of the rainbow arise by necessity. And so it is with everything in this building. There is no attempt at any kind of symbolic representation. Everything was to be poured out purely artistically into sculpture, architecture, and painting. Therefore, one will never be able to achieve an art that is in the spirit of spiritual science simply by, for example, painting or sculpting what one has come to know through spiritual science. This was not even attempted in our building in Dornach. However, there are many innate capacities within human beings that remain hidden in ordinary life, and not all of humanity’s innate capacities have yet emerged in the course of past epochs of human development. But because spiritual science leads to a living grasp of the living world, it is a source of inspiration—not of an idea—not something that, as a science, finds its way into symbolic artistic embodiment—that would be an inartistic approach—but rather, it must inspire artistic ability. And through this—because spiritual science itself introduces something new into humanity—a new art form, a new artistic principle, is also created. This, of course, seems just as surprising and confusing as the very novelty of spiritual science itself appears confusing and surprising.

[ 83 ] Es ist zum Beispiel im eminentesten Sinne versucht worden, in der Architekturform etwas wiederzugeben, das in der Umrahmung, in der Innenhülle eines Raumes zeigt, was in dem Raume vorgeht, was der Raum birgt. Aber nicht symbolisch, sondern indem versucht wurde, das innere Leben zu erfassen. Versucht wurde zum Beispiel, es fortzusetzen in der Formung, in der plastischen Formung der Wände [...]. [Die Wände sind in der alten Architektur zum Beispiel — ich will diese Einzelheit besonders hervorheben — wenn man sie künstlerisch erfasst so, dass sie abschließen durch dasjenige, was sie in ihren Formen sind.] Unsere Wände in Dornach sind so, dass sie nicht abschließen, sondern in der Gemäßheit ihrer Formen die Empfindung hervorrufen, sie seien durchlässig. Und indem man sie anschaut, bekommt man solche künstlerischen Anschauungen, dass man eigentlich das Sehen üben muss, es in ein Unendliches des Weltendaseins hineinschweifen zu lassen. Das ist eben ein Unterschied gegenüber einer früheren künstlerischen Auffassung. Aber Unterschiede mussten sich auch ergeben, als von der alten Kunst, von der Antike zu der Gotik vorgeschritten worden ist und so weiter.

[ 83 ] For example, attempts have been made—in the truest sense of the word—to convey, through architectural form, something that reveals, in the framing, in the inner shell of a space, what is happening within that space, what the space contains. But not symbolically; rather, by attempting to capture its inner life. For example, attempts were made to carry this forward in the shaping—in the sculptural shaping—of the walls [...]. [In ancient architecture, for example—and I want to emphasize this detail in particular—if one perceives the walls artistically, they appear to enclose through the very nature of their forms.] Our walls in Dornach are such that they do not enclose, but rather, through the moderation of their forms, evoke the sensation that they are permeable. And as one looks at them, one gains such artistic insights that one must actually train one’s vision to let it wander into the infinity of worldly existence. This is precisely what distinguishes it from an earlier artistic conception. But differences were bound to arise as well when the progression was made from ancient art, from antiquity to the Gothic period, and so on.

[ 84 ] Ich müsste selbstverständlich viel sagen, wenn ich gerade anknüpfend an die Missverständnisse, die — ich möchte sagen — in diesem noch ganz. Ungreifbaren des Dornacher Baues entstehen, wenn ich dann über diese Missverständnisse ausführlich sprechen wollte. Allein das möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass insbesondere ich selber, sehr verehrte Anwesende, mich keiner Illusion darüber hingebe, dass mit dem Dornacher Bau etwas anderes gemacht ist als ein allererster Anfang, ein ganz unvollkommener Anfang. Aber es lebt doch vielleicht in diesen primitiven Anfangsformen, die vielleicht in mancher Beziehung noch ganz verfehlt sind, etwas von einer neuen künstlerischen Gestaltungskraft. Und das sollte eben sein. Denn, wenn Geisteswissenschaft etwas sein soll, was lebendig in das Menschenleben eingreifen kann, dass sie in alle Zweige des Menschenlebens eingreifen kann — und nur die äußeren Umstände haben es, möchte ich sagen, gemacht, dass sie zunächst auf diese Art in das künstlerische Schaffen eingedrungen ist —, so muss sie die besonderen Begabungen der Menschheit, die mit dieser Geisteswissenschaft heute verbunden sind, entwickeln.

[ 84 ] Of course, I would have a great deal to say if I were to address the misunderstandings that—I would say—arise from the still entirely elusive nature of the Dornach building, and if I were to discuss these misunderstandings at length. Yet I do not wish to leave unmentioned that I, in particular, esteemed audience, harbor no illusion that the Dornach building is anything other than a very first beginning, a completely imperfect beginning. But perhaps there lives within these primitive, initial forms—which may still be entirely misguided in some respects—a glimmer of a new artistic creative power. And that is precisely what it should be. For if spiritual science is to be something that can intervene vividly in human life—that can intervene in all branches of human life—and it is only external circumstances, I would say, that have caused it to penetrate artistic creation in this way at first—then it must develop the special gifts of humanity that are connected with this spiritual science today.

[ 85 ] Wie gesagt, nicht Propaganda machen möchte ich für das, was jetzt erwähnt worden ist, sondern nur darauf aufmerksam machen, wie Geisteswissenschaft sich auch da künstlerisch auslebt.

[ 85 ] As I said, I do not wish to promote what has just been mentioned, but only to draw attention to how the spiritual sciences also find artistic expression in this context.

[ 86 ] Das aber, sehr verehrte Anwesende, möchte ich noch sagen, dass ebenso wenig, wie man ein Chemiker zu sein braucht, um aus der heutigen Zeit dasjenige, was in unsere Weltauffassung hineinkommt durch die chemischen Ergebnisse, aufzunehmen, ebenso wenig, wie man Astronom oder Physiker zu sein braucht, um die Ergebnisse der Astronomie und der Physik aufzunehmen, ebenso wenig braucht man selbst Geistesforscher zu sein — obwohl, wie Ihnen das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zeigt, heute bis zu einem gewissen Grade jeder Mensch ein Geistesforscher werden kann, jeder Mensch kann die Fähigkeiten seiner Natur entwickeln, aber man braucht es nicht selbst zu sein. Geisteswissenschaft kann ebenso mit ihren Ergebnissen vor die Menschheit hintreten, und weil sie auf Wahrheit und nicht auf Irrtum angelegt ist, kann sie überzeugen. Wenn man die Erkenntnisse in der richtigen Weise auffasst, wird man zur Überzeugung geführt, zum Aufnehmen der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse in die Wahrheitsempfindung der Seele, in dasjenige, was sich zuletzt zu einer Gesamtüberzeugung über Welt und Seele und Welt und Geist zusammenschließt. Aber dass dieser Geistesforschung noch Missverständnisse entgegengebracht werden: Man kann es verstehen, sehr verehrte Anwesende.

[ 86 ] But, ladies and gentlemen, I would like to add that just as one need not be a chemist to grasp what chemical discoveries contribute to our worldview today, and just as one need not be an astronomer or a physicist to grasp the findings of astronomy and physics, so too does one not need to be a spiritual researcher oneself — although, as the book *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?* shows you, today every human being can, to a certain degree, become a spiritual scientist; every human being can develop the capacities inherent in their nature—but one need not be one oneself. Spiritual science can likewise present its findings to humanity, and because it is grounded in truth rather than error, it can be convincing. If one grasps these insights in the right way, one is led to conviction—to incorporating the findings of spiritual science into the soul’s sense of truth, into that which ultimately coalesces into a comprehensive conviction about the world and the soul, and the world and the spirit. But the fact that this spiritual research still faces misunderstandings: one can understand that, esteemed audience.

[ 87 ] Man braucht sich nur zum Beispiel zu erinnern, als vor die Menschheit hingebracht werden musste das neuere Weltbild, die neuere Naturwissenschaft: Musste nicht da eine Ansicht, möchte ich sagen, vor die Menschheit gebracht werden, die entgegengesetzt war dem, was bis dahin die Menschen gedacht haben? Eine Ansicht, die sogar widersprach demjenigen, was die Sinne sahen? — Man hat das ganze Mittelalter hindurch in gewissen Kreisen der Menschheit geglaubt: Da oben ist das blaue Firmament, und die Sterne kreisen um die Erde. Das wurde anders! Die Erde, die still gestanden hat für das Bewusstsein, man musste sie vorstellen als durch den Weltraum eilend; und das blaue Firmament — von dem musste man erkennen: Das ist gar nicht da oben, das machst Du selber aus Deiner Anschauung heraus. Und nur deshalb stelltest Du Dir dieses blaue Firmament vor, weil Du es bis dahin gemeint hast! — Das war der große Umschwung, auf den zum Beispiel Giordano Bruno hinwies, dass man in diesem blauen Firmament nichts anderes zu sehen habe als das, was aus der menschlichen Anschauungsweise selbst gemacht wird; dass in die weiten Weltenunendlichkeiten hinaus sich erstreckt dasjenige, was räumliches Weltenall ist.

[ 87 ] One need only recall, for example, when the new worldview—the new natural science—had to be presented to humanity: Wasn’t it necessary, I would say, to present to humanity a view that was the opposite of what people had believed until then? A view that even contradicted what the senses perceived? — Throughout the entire Middle Ages, certain circles of humanity believed: Up there is the blue firmament, and the stars revolve around the Earth. That changed! The Earth, which had stood still in people’s consciousness, now had to be imagined as hurtling through space; and the blue firmament—one had to realize: It isn’t really up there at all; you create it yourself from your own perception. And the only reason you imagined this blue firmament was because that’s what you had believed until then! — That was the great turning point to which Giordano Bruno, for example, pointed: that in this blue firmament one sees nothing other than what is created by the human mode of perception itself; that what extends out into the vast infinities of the universe is the spatial cosmos itself.

[ 88 ] Was dazumal geschehen ist, man kann sagen, muss wieder geschehen: Ein anderes Firmament ist es, zu dem heute die Menschheit hinschaut; aber nur durch die eigene Vorstellungsart. Sieht der Mensch hin auf der einen Seite bis zur Geburt, auf der anderen Seite bis zum Tode — oder sagen wir: auf der einen Seite bis zur Empfängnis, auf der anderen Seite bis zum Tode —, es ist wie mit dem Firmament: Es ist keine Grenze da. Wenn [nun] der Blick sich hinausarbeitet, kann eintreten dasjenige für das geistige Leben, was damals für das äußere Naturforscherische eingetreten ist: dass die Grenze zwischen Geburt und Tod — oder Empfängnis und Tod — von dem menschlichen Seelenleben selbst gemacht ist. Dann wird man hinausblicken in die Zeitlichkeit und Ewigkeit, in die eingebettet sind unsere wiederholten Erdenleben und diejenigen Leben, die wir zwischen Tod und Geburt in einer rein geistigen Welt zubringen. Und eröffnen wird sich die geistige Welt für die Menschen so gewiss, wie sich die räumliche Welt jenseits des gar nicht vorhandenen Firmaments hinauf eröffnete.

[ 88 ] What happened back then, one might say, must happen again: It is a different firmament that humanity gazes upon today; but only through its own way of conceiving things. If a person looks, on the one hand, as far back as birth, and on the other hand, as far ahead as death—or let us say: on the one hand, as far back as conception, and on the other hand, as far ahead as death—it is like the firmament: there is no boundary. When the gaze [now] extends outward, what occurred back then in the realm of external natural science may occur for spiritual life: that the boundary between birth and death—or conception and death—is created by human soul life itself. Then one will look out into time and eternity, in which are embedded our repeated earthly lives and those lives we spend between death and birth in a purely spiritual world. And the spiritual world will open up to human beings just as surely as the spatial world opened up beyond the non-existent firmament.

[ 89 ] Derjenige, der gerade auf diesem Punkte der Geisteswissenschaft steht, der wird durchaus sich nicht verwundern, wenn heute noch als Phantasterei, Träumerei vielleicht sogar dasjenige angesehen ist, was er gesagt hat. Allein, wer bekannt ist mit dem Gang, den die Wahrheit durch die Menschheitsentwicklung, durch die Menschheitsgeschichte macht — und mit dem muss sich ja der Geistesforscher bekannt machen in unserer Zeit —, der weiß, was ich schon sagte: dass die Wahrheit ihren Weg findet durch die feinsten Ritzen hindurch, die sich wie Ritzen in Felsen eben hineinerstrecken in die Vorurteilsfelsen, und welche die Menschheitsentwicklung — ich sage es nicht kritisch, ich sage es nicht tadelnd — [nicht nur] aufnehmen kann, sondern eben aufnehmen muss. Denn das Leben braucht ebenso — wie es seine Urteile, wie eben gelebt werden könne, hat — seine Vorgänge, die sich aufhäufen müssen für eine bestimmte Zeit. Das Leben muss im Rhythmus im Weltgange ablaufen, und es musste eine Zeit lang die naturwissenschaftliche Vorstellung alles übertönen. Jetzt erst kann die andere Welle, gleichsam der andere Pol, kommen, der jenen Denk- und Wahrheitssinn nun auch in die geistige Welt hineintreibt.

[ 89 ] Anyone who has reached this very point in spiritual science will not be at all surprised if what he has said is still regarded today as fantasy, or perhaps even as a daydream. However, anyone familiar with the path that truth takes through human development and human history—and the spiritual researcher must certainly familiarize himself with this in our time—knows what I have already said: that truth finds its way through the finest cracks, which, like cracks in rock, extend into the rock of prejudice, and which human development—I say this neither critically nor reproachfully—[not only] can accommodate, but indeed must accommodate. For just as life has its judgments about how it can be lived, it also needs its processes, which must accumulate over a certain period of time. Life must unfold rhythmically within the course of the world, and for a time the scientific conception had to drown out everything else. Only now can the other wave—the other pole, as it were—arrive, driving that same sense of thought and truth into the spiritual world as well.

[ 90 ] Zum Schlusse möchte ich wie in einer großen Empfindung zusammenfassen dasjenige, was ich versuchte, wie etwas, was nicht von vornherein Überzeugung hervorrufen kann, sondern nur neue Anregungen geben kann, wie in einer Empfindung zusammenfassen:

[ 90 ] In conclusion, I would like to summarize—as if in a profound feeling—what I have attempted to convey, not as something that can inspire conviction from the outset, but rather as something that can merely offer new insights:

[ 91 ] Derjenige, der versucht, sich einzuleben in diesen Nerv der Geisteswissenschaft, der weiß, dass sie ebenso wenig wird unterdrückt, aus der Welt geschafft werden können wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung, die in der Morgenröte der neueren Zeit vor drei bis vier Jahrhunderten aufgetreten ist, aus der Welt gedrängt werden konnte durch alle entgegengesetzten Vorstellungen. Denn er weiß: Man kann die Wahrheit hassen; derjenige, der sich so in ihren Charakter eingelebt hat aber, er weiß auch, dass derjenige, der die Wahrheit hasst, diese Wahrheit nicht so leicht verdrängen kann.

[ 91 ] Anyone who tries to immerse themselves in this essence of spiritual science knows that it cannot be suppressed or eradicated any more than the scientific worldview—which emerged at the dawn of the modern era three to four centuries ago—could be driven out of the world by all opposing ideas. For they know: One can hate the truth; but those who have become so attuned to its nature also know that those who hate the truth cannot so easily suppress it.

[ 92 ] Und sollte es auch sein, sehr verehrte Anwesende, dass jetzt noch nicht die Zeit gekommen ist, wo in weitere Kreise eindringen kann diese Art, die geistige Welt anzusehen, von der hier heute gesprochen worden ist, diese Zeit wird schon kommen.

[ 92 ] And even if, esteemed audience, the time has not yet come for this way of viewing the spiritual world—which has been discussed here today—to reach a wider audience, that time will surely come.

[ 93 ] Dadurch, dass die Wahrheit eine Zeit lang gehasst wird — das ist eine menschlich begreifliche Erscheinung —, aber dadurch kann es nimmermehr verhindert werden, dass diese Wahrheit immer wieder und wiederum auftritt, wie es auch mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung gegangen ist. Geschmäht auch werden kann die Wahrheit; aber die Schmähworte, sie fallen zuletzt doch wiederum auf jene zurück, die sie aussprechen. Und [diejenigen, die] das Wesen, das man — ich möchte sagen — wie verkörpert in der Wahrheit schauen kann, kennen, die wissen, es hat so viel Eigenbewusstsein, dass es wissen kann, wie es wirksam ist in der Welt auch gegen alle Schmähungen. Man kann die Wahrheit auch unterdrücken wollen, aber man kann sie nimmermehr vertilgen wollen!

[ 93 ] The fact that the truth is hated for a time—which is a phenomenon that is humanly understandable—can never prevent this truth from emerging again and again, just as has been the case with the scientific worldview. The truth may also be reviled; but in the end, the words of revilement fall back upon those who utter them. And [those who] know the essence that—I would say—can be seen as embodied in the truth, know that it possesses such self-awareness that it knows how it is effective in the world, even in the face of all revilement. One may wish to suppress the truth, but one can never wish to destroy it!

[ 94 ] Das sind die Empfindungen, die durchseelen denjenigen, der heute aus der Natur der Geistesforschung heraus ein gewisses Verhältnis zu dieser Geistesforschung erlangt hat. Und über die Wahrheit muss er denken, dass gerade, weil sie im innersten Wesen der Menschenseele begründet ist, dass man nur in diese Menschenseele sich entsprechend zu vertiefen braucht, dass man ehrlich den entwickelten Gedanken auf diese Seele selbst anwendet und sich sagt: Das, was man als Wollen, Denken und Fühlen im gewöhnlichen Leben hat, kann weiterentwickelt werden; dann führt dasjenige, was Wahrheit war für die endliche Welt, auch zu einer Wahrheitskraft für die unendliche Welt, für die urewige Kraft, für die ewigen Kräfte der Menschheit, die durch Geburten und Tode hindurchgehen.

[ 94 ] These are the feelings that permeate the soul of anyone who, based on the nature of spiritual research, has today developed a certain relationship to this field of study. And regarding truth, one must realize that precisely because it is rooted in the innermost essence of the human soul, one need only delve into that human soul accordingly, honestly apply one’s developed thoughts to the soul itself, and say to oneself: What we experience as willing, thinking, and feeling in ordinary life can be further developed; then what was truth for the finite world also leads to a power of truth for the infinite world, for the primeval power, for the eternal powers of humanity that pass through births and deaths.

[ 95 ] Diese Wahrheit, sie wird zur Anerkennung es bringen. Wie ein Glaube, wie eine Überzeugung spricht das aus derjenige, der den inneren Charakter, die innere Eigenschaft der Geisteswissenschaft voll kennengelernt hat; er glaubt gegenüber der Wahrheit, die er zu erkennen vermeint, dass sie so tief in der menschlichen Seele begründet ist, wie die Liebe tief begründet ist von einer Schwester zur andern Schwester, wenn ein richtiges Verhältnis vorhanden ist. Ja, die menschliche Seele und die Wahrheit, sie sind Schwestern! Und was sich auch auftürmen könnte jemals an Missverständnissen zwischen den beiden, zuletzt muss doch das volle Einvernehmen zwischen der einen und der andern Schwester sein: zwischen der Menschenseele und der Wahrheit; sie müssen sich erinnern eines gemeinsamen Ursprungs, der da ist in dem durch alle Erscheinungen hindurch waltenden Weltengeist, der immer und immer hinter den bloß sinnlichen Erscheinungen waltet und webt, als innerer Grund, als ihre schaffende Macht sie durchwaltende und durchwebende Geistigkeit, und was gerade durch die übersinnliche Forschung gefunden werden kann.

[ 95 ] This truth will lead them to acknowledge it. Like a faith, like a conviction, this is what is expressed by the one who has fully come to know the inner character, the inner nature of spiritual science; he believes, with regard to the truth he thinks he has recognized, that it is rooted as deeply in the human soul as the love that is deeply rooted between one sister and another, when a true relationship exists. Yes, the human soul and the truth are sisters! And no matter how many misunderstandings might ever arise between the two, in the end there must be complete harmony between one sister and the other: between the human soul and the truth; they must remember a common origin, which lies in the World Spirit that reigns through all phenomena, that always and ever reigns and weaves behind mere sensory appearances—as the inner foundation, as the creative power, the spirituality that permeates and interweaves them—and what can be discovered through supersensory research.