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Ways to a Knowledge of the
Eternal Forces of the Human Soul
GA 70b

15 February 1916, Hamburg

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Ways to a Knowledge of the Eternal Forces of the Human Soul, tr. SOL
  1. Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele

9. Das Weltbild des Deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit

9. The Worldview of German Idealism: A Reflection in Light of Our Fateful Times

Sehr verehrte Anwesende!

Ladies and gentlemen!

[ 1 ] Jahr für Jahr durfte ich, wie in anderen deutschen Städten so auch hier in Hamburg, über Gegenstände der Geisteswissenschaft sprechen, jener Wissenschaft, welche sich bewusst ist, für die Erkenntnis des geistigen Lebens des Menschen eine wahre Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Denkweise zu sein, die sich seit drei bis vier Jahrhunderten innerhalb der Menschheit ausgebildet hat. Nun ist es eine nicht aus kurzgeschürzten Gefühlen, sondern, wie ich glaube, gerade aus der Erkenntnis dieser Geisteswissenschaft selbst heraus geschöpfte Überzeugung, dass die Kraft, geisteswissenschaftlich den Menschen zu erkennen, zu erkennen dasjenige im Menschen, das über Geburt und Tod hinausragt, dass die Kraft dazu vor allen Dingen geholt werden muss für die Menschheit aus demjenigen, was man berechtigt ist zu nennen den geistigen Idealismus des deutschen Volkes, jenes Idealismus, der sich in der tiefsten und auch in der schärfsten Weise ausgeprägt hat in des deutschen Geisteslebens größter Zeit vom Ende des achtzehnten, vom Beginne des neunzehnten Jahrhunderts, der aber hereinwirkt bis in unsere Tage. Und ich glaube — ebenso wie dieser Glaube schon der Betrachtung, die ich im vorigen Jahre hier in dieser Stadt anstellen durfte, zugrunde lag —, ich glaube, dass es den großen Tatsachen und Entwicklungsimpulsen, welchen wir in unserer Zeit gegenüberstehen, wohl angemessen ist, wenn die Angehörigen des deutschen Volkes sich gerade versenken in dasjenige, was bringen kann im tiefsten Sinne des Wortes Erkenntnis des eigenen Wesens, die dann führen kann zur Bewertung dieses eigenen Wesens gegenüber dem, was an Schmähungen, was an geradezu Verleumdungen, die ohne Beispiel dastehen — wie diese Weltenereignisse überhaupt in der ganzen Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Ich glaube, dass es angemessen ist gegenüber diesen Schmähungen und Verleumdungen zu verfolgen, wie es dem Wesen des deutschen Volkes mehr entsprechend wäre, in objektiver Weise sich klar zu werden, aus den Tatsachen heraus klar zu werden, welche Bedeutung das deutsche Volk einnehmen könnte durch seine Leistungen in der Gesamtentwicklung der Menschheit. Da muss vor allen Dingen aufmerksam gemacht werden auf ein — man könnte sagen — Vorurteil, wenn das Wort nicht gegenüber den Empfindungen in der Gegenwart recht stark sich ausnähme, da muss vor allen Dingen aufmerksam gemacht werden auf ein Vorurteil, das ja immer wieder und wiederum auch innerhalb der Kreise unseres Volkes auftaucht, das Vorurteil, dass das neuere Geistesleben gerade aus dem Grunde, weil es auf wissenschaftlichem Boden auftreten will, von vornherein einen internationalen Charakter tragen müsse. Wie oft haben wir es gehört, und wie selbstverständlich erscheint es: Die Wissenschaft muss international sein. — Gewiss, in einem Grade, in einem bestimmten beschränkten Grade ist das durchaus richtig. Aber es handelt sich darum, ob es wirklich zu den fruchtbaren Empfindungen und Gefühlen gehört, auf diesem Worte gerade immer wieder und wiederum dasjenige aufzubauen, was man über das Verhältnis der einzelnen Völker denken will. International ist gewiss auch die Sonne, international ist der Mond. Aber wie verschieden sind die Vorstellungen, die Empfindungen, die Gefühle, die die verschiedenen Völker zu äußern vermögen über Mond und Sonne. International ist gewiss die Wissenschaft; ist aber international die Art und Weise der Begabung, welche die einzelnen Völker der Wissenschaft entgegenbringen, und wodurch sich die einen vielleicht mehr oberflächlich, die anderen in die Tiefe schürfend sich dieser Wissenschaft gegenüberstellen? Und gilt es nicht gerade für die Deutschen, nachzudenken etwas über ein Wort, das einer der größten Deutschen, Goethe, ausgesprochen hat, als er ein großes Stück seiner Reise vollendet hatte nach dem Süden und sich betätigt hat in der Anschauung nicht nur der verschiedenen Kunstschätze, sondern sich betätigt hat auch in der Anschauung der verschiedensten Naturgegenstände und Naturtatsachen, da sagte er: Er möchte am liebsten eine Reise nach Indien machen, nicht um Neues zu entdecken, sondern um das Entdeckte nach seiner Art anzuschauen, das heißt dasjenige wieder zu schauen in den äußeren Erscheinungen, was ihm in der Seele lebendig sei.

[ 1 ] Year after year, here in Hamburg as in other German cities, I have had the opportunity to speak about topics in spiritual science—that branch of knowledge which is aware that, in its understanding of human spiritual life, it is a true continuation of the scientific way of thinking that has developed within humanity over the past three to four centuries. Now, it is a conviction drawn not from fleeting emotions but, as I believe, precisely from an understanding of this science of the spirit itself—that the power to understand human beings from a spiritual-scientific perspective, to recognize that which in human beings transcends birth and death—that this power must, above all else, be drawn for humanity from what one is justified in calling the spiritual idealism of the German people, that idealism which manifested itself in the deepest and most acute manner during the golden age of German spiritual life at the end of the eighteenth and the beginning of the nineteenth centuries, but which continues to exert its influence to this very day. And I believe—just as this belief already underlay the reflections I was permitted to share here in this city last year— I believe that it is indeed fitting, in light of the great realities and forces of development we face in our time, for the members of the German people to immerse themselves precisely in that which can bring, in the deepest sense of the word, an understanding of their own essence—an understanding that can then lead to an assessment of this essence in the face of the insults and outright slanders—which are without precedent— — such as these world events—are unprecedented in the entire history of human development. I believe that, in the face of these insults and slanders, it is appropriate to pursue what would be more in keeping with the nature of the German people: to gain clarity in an objective manner, based on the facts, regarding the significance the German people could hold through their achievements in the overall development of humanity. Above all, attention must be drawn to what one might call a prejudice—if the word did not seem rather strong in light of current sentiments— above all, attention must be drawn to a prejudice—if the word does not seem too strong in light of current sensibilities—that keeps cropping up time and again, even within the circles of our own people: the prejudice that modern intellectual life, precisely because it seeks to emerge on a scientific foundation, must by its very nature have an international character from the outset. How often have we heard it, and how self-evident it seems: Science must be international. — Certainly, to a certain limited extent, this is entirely true. But the question is whether it truly belongs to the fruitful sensibilities and feelings to repeatedly and consistently base one’s views on the relationship between individual peoples precisely on this word. The sun is certainly international, and so is the moon. But how different are the ideas, perceptions, and feelings that different peoples are capable of expressing about the moon and the sun. Science is certainly international; but is the nature of the talent that individual nations bring to science also international—a talent by which some may approach this science more superficially, while others delve into its depths? And does it not apply especially to Germans to reflect on a statement made by one of the greatest Germans, Goethe, when he had completed a major portion of his journey to the south and had engaged not only in the contemplation of various artistic treasures but also in the contemplation of the most diverse natural objects and phenomena? There he said: “He would most like to take a journey to India, not to discover anything new, but to view what has already been discovered in his own way—that is, to see once again in external appearances that which is alive within his soul.”

[ 2 ] Nicht dasjenige, was in abstrakter Weise international ist, wirkt als befeuerndes, als tragendes Element in den Kräften der Völker, sondern dasjenige, was die einzelnen Seelen der einzelnen Völker zu erschauen vermögen in den [Lücke in der Mitschrift]

[ 2 ] It is not that which is international in an abstract sense that serves as a driving, sustaining force within the nations, but rather that which the individual souls of the individual nations are able to perceive in the [gap in the transcript]

[ 3 ] Nun möchte ich gerade, sehr verehrte Anwesende, von dem Gesichtspunkt der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis mich zunächst nahen der Betrachtung. Und der Deutsche, das glaube ich fest, darf in dieser objektiven Weise an eine Betrachtung seines Verhältnisses zu den anderen Völkern herantreten. Geisteswissenschaft ist ja, so wie sie hier gemeint ist, sehr verehrte Anwesende, noch etwas ganz und gar Junges, wenn auch — wie wir sehen werden — diese Geisteswissenschaft sich in ganz organischer Weise herausentwickeln kann gerade aus dem Deutschen Idealismus. Aber dessen ungeachtet ist es nur zu leicht begreiflich, dass diese Geisteswissenschaft heute noch allüberall Gegner findet, und dass man dasjenige, was sie zu sagen hat — zu sagen hat aus einer ebenso gründlichen und tiefgehenden Betrachtung, wie [es für die Naturwissenschaft gilt,] heraus —, dass das zum Teil noch wie etwas Paradoxes, ja vielleicht Wahnsinniges verhöhnt, verspottet wird. Aber gerade eine solche Frage, wie diejenige nach den Seelen der verschiedenen Völker, versucht Geisteswissenschaft in einem gewissen Sinne objektiv zu erfassen.

[ 3 ] Now, distinguished guests, I would like to begin my discussion by approaching the subject from the perspective of spiritual science. And I firmly believe that the German people may approach the examination of their relationship to other peoples in this objective manner. Spiritual science, as it is understood here, ladies and gentlemen, is still something quite new, even though—as we shall see—this spiritual science can develop in a completely organic way precisely out of German idealism. Nevertheless, it is all too easy to understand that this spiritual science still encounters opponents everywhere today, and that what it has to say—which it derives from a contemplation just as thorough and profound as [that applied to the natural sciences]—is still, in part, ridiculed and mocked as something paradoxical, perhaps even insane. Yet it is precisely a question such as that concerning the souls of different peoples that the science of the spirit seeks, in a certain sense, to grasp objectively.

[ 4 ] Wenn man die Seele des Menschen betrachtet im geisteswissenschaftlichen Sinne, so erscheint sie einem von diesem Gesichtspunkte aus nicht so, wie die heutige Schul-Seelenwissenschaft oder Psychologie das vielfach glaubt, da wird alles in der Seele durcheinandergerührt — möchte ich sagen.

[ 4 ] When one considers the human soul from the perspective of spiritual science, it does not appear, from this point of view, as modern academic psychology often believes it to be; there, everything in the soul is all jumbled up—I would say.

[ 5 ] Geisteswissenschaft muss die Seele betrachten, wie die Naturwissenschaft irgendeine Erscheinung betrachtet. Wie der Naturwissenschafter suchen muss, das Wesen des Sonnenlichtes zu erkennen, indem er dessen Offenbarung in der Welt der Farben betrachtet, so muss der Seelenforscher die Seelenwesenheit in ihren Offenbarungen aufsuchen, wenn er ein Verständnis dieser Wesenheit anstreben will. Das Sonnenlicht offenbart sich in rötlicher, in grünlicher und blau-violetter Farben-Nuance. Ebenso wie der Naturwissenschafter unterscheidet auf der einen Seite im Farbenspektrum des Lichtes die rötlich-gelbe Nuance, so unterscheidet der Geisteswissenschafter in der Seele auf der einen Seite dasjenige, was Empfindungsseele genannt werden kann. Und wie der Naturwissenschafter die grünliche Mitte als Erscheinung am Sonnenlichte unterscheidet, so zeigt sich dem Geisteswissenschafter gleichsam in seiner Mitte des Seelenwesens dasjenige, was man Verstandesseele nennen kann; von einer anderen Seite betrachtet kann diese Verstandesseele als Gemütsseele erscheinen. Und als das andere Ende gleichsam des Seelen-Regenbogens erscheint dann dasjenige, was man als Bewusstseinsseele ansprechen kann.

[ 5 ] Spiritual science must observe the soul just as natural science observes any phenomenon. Just as the natural scientist must seek to recognize the essence of sunlight by observing its manifestation in the world of colors, so too must the researcher of the soul seek out the soul’s essence in its manifestations if he wishes to gain an understanding of that essence. Sunlight reveals itself in reddish, greenish, and blue-violet shades. Just as the natural scientist distinguishes, on the one hand, the reddish-yellow shade in the color spectrum of light, so the spiritual scientist distinguishes, on the one hand, that which can be called the feeling soul within the soul. And just as the natural scientist distinguishes the greenish center as a phenomenon in sunlight, so too does the spiritual scientist perceive, as it were, in the center of the soul being that which can be called the intellectual soul; viewed from another perspective, this intellectual soul may appear as the emotional soul. And at the other end, as it were, of the rainbow of the soul, there appears what can be referred to as the soul of consciousness.

[ 6 ] Wenn man die Menschenseele auf diese Weise geisteswissenschaftlich betrachtet, so kommt man dazu, dass in der Empfindungsseele lebt alles dasjenige, was mehr aus den unterbewussten Untergründen der Seele herauftaucht, was sich in Empfindungen, in Willensimpulsen mehr auf eine halb unbewusste Weise instinktmäßig auslebt. Aber zu gleicher Zeit ist dasjenige enthalten, worinnen sich zunächst in einer unbestimmten Weise auslebt innerhalb der Seele dasjenige, was der Seele Anteil ist am Geistigen, am Ewigen Leben. Die Verstandesseele ist dasjenige, durch das der Mensch begreift die umliegende Welt in einer solchen Weise, dass er überall Begriffe und Ideen hineinbringt, dass er sich gewissermaßen die Welt wie ein äußeres Gebäude von Naturgesetzen aufbaut. In der Bewusstseinsseele ist dasjenige enthalten, was am engsten zusammenhängt mit dem, was der Mensch in der physischen Welt als seine Stellung anerkennt, wodurch er sich am meisten in das Endlich-Vergängliche, in das dem Tod Verwobene hineinstellt.

[ 6 ] When one views the human soul in this way from the perspective of spiritual science, one comes to the conclusion that everything that emerges from the subconscious depths of the soul—everything that plays itself out in feelings and impulses of the will in a semi-unconscious, instinctive manner—lives within the sensory soul. But at the same time, it contains that which, at first in an indeterminate way, finds expression within the soul—namely, the soul’s share in the spiritual, in eternal life. The intellectual soul is that through which a person comprehends the surrounding world in such a way that he introduces concepts and ideas into it everywhere, so that, as it were, he constructs the world for himself as an external edifice of natural laws. The conscious soul encompasses that which is most closely connected to what human beings recognize as their place in the physical world, through which they place themselves most deeply within the finite and transitory, within that which is interwoven with death.

[ 7 ] So ist es zunächst mit den drei — ich möchte sagen Regenbogen-Nuancen der Seele. Und wie das Licht, das gemeinsame Licht, in allen Farben lebt, in den drei Farben-Nuancen lebt, so lebt das Ich, das eigentliche Selbst, das ewige Wesen des Menschen, das durch Geburten und Tode geht, in diesen drei Seelennuancen. Und so wie diese drei Seelennuancen sich finden in des Menschen Einzelseele, so zeigen sie sich in den verschiedenen Völkern. Sodass im Seelenleben der Völker — ich sage jetzt ausdrücklich: der Völker, nicht der Einzelnen innerhalb der Völker, nicht der Individuen, sondern der Völker als Ganzes —, dass in der Seele der verschiedenen Völker zum Ausdrucke kommt in der einen Volksseele besonders die Empfindungsseele, während die anderen Seiten der Seele mehr zurücktreten, bei dem anderen Volke mehr die Verstandesseele, bei einem dritten Volke mehr die Bewusstseinsseele, bei einem vierten Volke mehr dasjenige, was die einzelnen Glieder der Seele durchleuchtet und durchtränkt: das Ich, das Selbst. Und man versteht, so paradox das heute für viele noch erscheinen mag — einen Teil der europäischen Menschheit nur dann, wenn man weiß, wie auf die einzelnen Volksseelen verteilt sind diese einzelnen Seelenschattierungen.

[ 7 ] This is how it is, first of all, with the three—I would say, rainbow-like shades—of the soul. And just as light—the common light—exists in all colors, exists in these three color nuances, so too does the “I,” the true self, the eternal essence of the human being that passes through births and deaths, exist in these three nuances of the soul. And just as these three nuances of the soul are found within the individual human soul, so do they manifest themselves among the various peoples. So that in the soul life of peoples—and I am now saying explicitly: of peoples, not of individuals within peoples, not of individuals, but of peoples as a whole—in the soul of the various peoples, the feeling soul is particularly expressed in one people’s soul, while the other aspects of the soul recede into the background; in another people, the intellectual soul is more prominent, in a third nation, the soul of consciousness is more prominent; and in a fourth nation, that which illuminates and permeates the individual members of the soul: the “I,” the Self. And one can understand—as paradoxical as this may still seem to many today—a part of European humanity only if one knows how these individual shades of the soul are distributed among the individual national souls.

[ 8 ] So findet man — und zwar bemerke ich ausdrücklich, ich kann das selbstverständlich nicht, wie es durchaus möglich wäre, wenn wir stundenlang Zeit hätten, ich kann das selbstverständlich nicht im Einzelnen beweisen, aber es lässt sich beweisen —, so findet man, wenn man die italienische Volksseele ins Auge fasst, dass in dieser italienischen Volksseele vorzugsweise überwiegt die Empfindungsseele. In der französischen Volksseele überwiegt das, was man im eminentesten Sinne nennen muss die Verstandesseele. In der britischen Volksseele überwiegt das, was man nennen muss die Bewusstseinsseele. In der deutschen Volksseele — das ist nun nicht aus irgendeiner besonderen Empfindung heraus gesprochen, sondern aus der Erkenntnis heraus gesprochen — überwiegt dasjenige, was man zu nennen hat das Ich, das Selbst, dasjenige, was die verschiedenen Seelennuancen zu harmonisieren, zu vereinheitlichen sucht, was durch die verschiedenen Seelennuancen strahlt. Und alle einzelnen Erscheinungen des Lebens innerhalb der einzelnen Völker, auch die Art und Weise, wie sich die verschiedenen Völker gegenseitig nicht verstehen, all das folgt aus dieser Erkenntnis der Volksseelen. Wenn auch gerade das deutsche Volk mir dazu berufen scheint, aus der Erkenntnis der Seelennatur heraus, Verständnis zu gewinnen über dasjenige, was eigentlich waltet zwischen den Völkern, während die Einseitigkeit der anderen Völker diese hindert, ein wirkliches Verständnis für jedes Mal ein anderes Volkswesen in Wahrheit zu gewinnen. Kann man es denn nicht — ich möchte sagen, wenn ich das Bild gebrauchen darf — mit Händen greifen, sehr verehrte Anwesende, dass in der italienischen Volksseele überall die unbewussten, die instinktiven Impulse leben? Selbst wenn wir zu den Größten gehen, deren Größe wahrlich nicht herabgewürdigt werden soll deshalb, wir finden überall das Empfindungsleben walten. Vertiefen Sie sich intensiv in Geister wie Giordano Bruno, in Dante, das Empfindungsleben ist es, dasjenige, was aus dem Unbewussten heraufpulsiert und in Bilder gebracht wird, dasjenige, wofür man zunächst nicht sucht einen Gedanken, der es rechtfertigt, sondern das man einfach aus der Seele heraufholt und -ich möchte sagen — aussprühen lassen will.

[ 8 ] Thus one finds—and I expressly note that I cannot, of course, prove this in detail, as would certainly be possible if we had hours to spare; I cannot, of course, prove this in detail, but it can be proven—thus one finds, when one considers the Italian national soul, that the feeling soul predominates in this Italian national soul. In the French national soul, what must be called—in the most eminent sense—the intellectual soul predominates. In the British national soul, what must be called the conscious soul predominates. In the German national soul—and this is not spoken out of any particular feeling, but out of insight—what predominates is what must be called the “I,” the “Self,” that which seeks to harmonize and unify the various nuances of the soul, and which shines through these various nuances. And all the individual manifestations of life within the individual nations, including the way in which the various nations fail to understand one another—all of this follows from this insight into the national souls. Even if the German people in particular seem called upon to gain an understanding, based on an insight into the nature of the soul, of what actually prevails among the peoples, while the one-sidedness of the other peoples prevents them from truly gaining an understanding of what is, in truth, a different national character in each case. Is it not—if I may use this image—plain as day, esteemed audience, that the unconscious, instinctive impulses are alive everywhere in the Italian national soul? Even when we turn to the greatest figures—whose greatness should certainly not be diminished because of this—we find the life of feeling at work everywhere. Delve deeply into minds such as Giordano Bruno and Dante: it is the life of feeling—that which surges up from the unconscious and is expressed in images—that for which one does not initially seek a thought to justify it, but which one simply draws up from the soul and—I would say—wishes to let it flow forth.

[ 9 ] Und nehmen Sie die französische Volksseele — nicht den einzelnen Franzosen — nehmen Sie die Volksseele, dann müssen Sie sich sagen — und das ist etwas, was zum Beispiel jetzt in äußerlicher Beziehung, nicht aus der Erkenntnis heraus, mit der wir es hier zu tun haben, von vielen, die objektiv denken zum Beispiel in neutralen Ländern anerkannt wird —, betrachtet man die französische Volksseele, so findet man überall allerdings Witz; man findet dasjenige, was der Verstand auskristallisieren kann; man findet aber namentlich einen gewissen konstruktiven Geist, jenen verständigen Geist, welcher versucht, die Welt sich so aufzubauen, wie der Verstand eben die Welt aufbauen kann.

[ 9 ] And take the French national character—not the individual Frenchman—take the national character, and you must say to yourself—and this is something that, for example, is now recognized in an external sense, not based on the insight we are dealing with here, by many who think objectively, for instance in neutral countries—when you consider the French national character, you certainly find wit everywhere; one finds what the intellect can crystallize; but one finds, in particular, a certain constructive spirit, that rational spirit which attempts to construct the world in the way that the intellect can indeed construct it.

[ 10 ] Und durch nichts klarer, sehr verehrte Anwesende, als — ich möchte sagen — durch einen der größten Geister gerade auf dem Weltanschauungsgebiete der Franzosen merkt man, wie der Verstand in der Seele da vorzugsweise wirkt gerade. Descartes im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts — oder Cartesius —, einer der größten Franzosen, von dem heute noch alle französischen Weltanschauungsmenschen im Grunde genommen abhängig sind, Descartes, er geht aus bei seiner Weltbetrachtung, bei der Schöpfung eines Weltbildes, er geht aus davon, dass er eigentlich an allem zweifeln will. Aber schon sein Erstes, zu dem er kommt: «Ich denke, also bin ich», das berühmte: «Cogito ergo sum» — trägt es nicht den Stempel des Verstandes? Schon in dem «ergo», in dem «also» liegt, dass sich der Verstand aus seinem Denken heraus sogar über die eigene Existenz klar werden will. Und dann geht er weiter. Und eine der merkwürdigsten Folgerungen ist diese bei Cartesius — bei Descartes — eine der merkwürdigsten Folgerungen ist diese, dass er nun versucht, mit dem Verstande sich ein Weltenbild zu machen. Aber wie wird dieses Weltenbild? Nun, wir brauchen nur ein Symptom dieses Weltenbildes vor die Seele zu stellen, so wird es uns gleich klar werden. Descartes kommt dazu, zu sagen: Wenn wir verfolgen die Welt, wir finden Seelisches, richtig Seelisches, Geistiges, nur innerhalb unseres eigene Selbst. Wenn wir die Welt außen betrachten, so ist sie uns überall Mechanismus; und die Tiere, sie sind für Cartesius — für Descartes — seelenlose Automaten, bloß bewegte Maschinen. Das ist nicht irgendetwas, was ich hier — ich möchte sagen — nur radikal ausspreche, sondern das ist Cartesius’ Überzeugung. Und weil sie so seine Überzeugung war, so wurden abhängig davon spätere französische Geister dadurch, dass sie im eminentesten Sinne den Materialismus oder Mechanismus schufen — denn der ist im Grunde genommen innerhalb der Völkerentwicklung französischen Ursprungs —, jenen Mechanismus, jenen Materialismus, der Goethe zum Beispiel schon in seiner Jugend entgegentrat, und von dem Goethe dazumal sagte: Ja, da schildern sie einem die Welt so, als ob alles, alles in ihr nur bewegte Atome wären, die sich hin und her stoßen; und wenn sie uns wenigstens zeigen könnten, wie die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen aus diesen sich stoßenden Atomen wirklich hervorgehen könne. Aber sie bleiben dabei, einem die ganze Welt nur wie eine Maschine vorzuführen. — Goethe wies diese Weltanschauung, dieses Weltenbild schon — aus dem in ihm waltenden Deutschen Idealismus —, schon in seiner Jugend zurück. Aber im Grunde genommen hat sich das bis in unsere Gegenwart herein verpflanzt.

[ 10 ] And nothing illustrates this more clearly, ladies and gentlemen, than—I might say—one of the greatest minds in the very realm of French philosophy, where one can see how the intellect operates preeminently within the soul. Descartes at the beginning of the seventeenth century—or Cartesius—one of the greatest Frenchmen, on whom all French thinkers are still fundamentally dependent today; Descartes, in his view of the world, in the creation of a worldview, begins with the premise that he actually wants to doubt everything. But even his very first conclusion—“I think, therefore I am,” the famous “Cogito ergo sum”—does it not bear the stamp of reason? Already in the “ergo,” in the “therefore,” lies the fact that the intellect, through its own thinking, seeks to gain clarity even about its own existence. And then he goes further. And one of the most remarkable conclusions in Cartesius—in Descartes—is that he now attempts to construct a worldview using the intellect. But what does this worldview look like? Well, we need only hold up a single symptom of this worldview before our soul, and it will immediately become clear to us. Descartes goes so far as to say: When we examine the world, we find the soul—truly the soul, the spiritual—only within our own selves. When we look at the external world, it appears to us everywhere as mechanism; and animals, for Cartesius—for Descartes—are soulless automatons, mere moving machines. This is not something I am merely stating here—I might say—in a radical way, but rather it is Cartesius’s conviction. And because this was his conviction, later French thinkers were influenced by it to the extent that they created, in the most eminent sense, materialism or mechanism—for this is, fundamentally speaking, of French origin within the development of civilization—that mechanism, that materialism, which Goethe, for example, had already encountered in his youth, and of which Goethe said at the time: Yes, they describe the world to one as if everything, everything in it were merely moving atoms colliding back and forth; and if only they could show us how the diversity of phenomena could actually arise from these colliding atoms. But they persist in presenting the whole world to one as nothing more than a machine. — Goethe rejected this worldview, this conception of the world—based on the German Idealism that prevailed within him—as early as his youth. But, in essence, this has carried over into our present day.

[ 11 ] Die Franzosen nennen jetzt einen ihrer größten Philosophen — ja, ich weiß nicht, soll man sagen heute «Fils de montagne», «Bergson» hat er geheißen bis zum Kriege, und wie ich ihn nenne nach dem Kriege, das wollen sie uns ja nicht über die Grenzen herüberkommen lassen —, Bergson hieß er bis zum Kriege. Er ist derjenige, welcher in der unglaublichsten Weise — möchte ich sagen — sein französisches Weltenbild in das deutsche Volk hineinphantasiert, denn, ja, er scheint ja geglaubt zu haben, dass wenn die Franzosen mit Kanonen und Gewehren anrücken — die Deutschen ihnen mit Rezitationen von Novalis oder Goethe oder Schiller entgegentreten werden. Und da sie das nicht getan haben, da sie auch Kanonen haben, und zwar größere Kanonen, als die Franzosen sie haben, den Franzosen entgegengestellt haben, so spricht er davon, wie die ganze deutsche Kultur mechanisiert ist, wie alles nur wie eine große Maschine ist. Und in einer gewissen Stunde — man kann das in ausländischen Zeitungen lesen — hat er seine Zuhörer in einer französischen Akademie ja damit unterhalten, dass er ihnen gezeigt hat, wie die Deutschen in der neueren Zeit heruntergekommen sind von der Höhe, die sie eingenommen haben unter Goethe, Schiller, unter Fichte, unter Schelling, unter Hegel und Kant und Schopenhauer, wie sie alles, alles nur an Äußerlichkeiten hängen, wie sie zwar in einer heuchlerischen Weise so etwas seien wie [Lücke in der Mitschrift], wie in einer heuchlerischen Weise gerade in der Gegenwart sie sich wieder auf Fichte, Schelling, Hegel berufen, wie sie sie aber heute in einer ganz mechanischen Weise auffassen und in einer ganz mechanischen Weise mit ihrer Seele vereinigen. Allerdings, sie sind unangenehm, diese Deutschen — aber die Franzosen werden es vielleicht erst erfahren, wenn wiederum die Grenzen offen sind —, [die Deutschen] sind unangenehm, denn sie könnten nachweisen, dass sie sich allerdings in der letzten Zeit wiederum intensiver mit den genannten Geistern, die tief aus ihrem Wesen heraus ihre Weltanschauung geschöpft haben, befasst haben, und so das deutsche Wesen zu vertiefen suchten. Aber es könnte noch etwas anderes nachgewiesen werden. Sie könnten zum Beispiel nachweisen, dass Henri Bergson ganze lange Seiten fast wörtlich nachgeschrieben hat dem Schelling, Schopenhauer und so weiter, und dass im Grunde genommen seine ganze Philosophie, die ja gewiss ein Zeichen unserer Zeit ist, in großen Teilen deutsches Plagiat ist. Das ist die nicht mechanische Aneignung!

[ 11 ] The French now call one of their greatest philosophers—well, I don’t know, should one say today “Fils de montagne”—he was called “Bergson” until the war, and how I’ve been calling him since the war is something they certainly don’t want to let cross our borders—he was called Bergson until the war. He is the one who, in the most unbelievable way—I would say—has projected his French worldview onto the German people, for, yes, he seems to have believed that if the French advanced with cannons and rifles, the Germans would confront them with recitations of Novalis, Goethe, or Schiller. And since they did not do that—since they, too, have cannons, and indeed larger cannons than the French have, which they pitted against the French—he speaks of how the entire German culture has become mechanized, how everything is merely like a great machine. And at a certain point—as one can read in foreign newspapers—he actually entertained his audience at a French academy by showing them how the Germans in recent times have fallen from the heights they had reached under Goethe, Schiller, Fichte, Schelling, Hegel, Kant, and Schopenhauer, how they are fixated on mere outward appearances, how they are, in a hypocritical way, something like [gap in the transcript], how, in a hypocritical way, especially in the present, they invoke Fichte, Schelling, and Hegel once again, yet how they interpret them today in a wholly mechanical manner and unite them with their souls in a wholly mechanical manner. Admittedly, they are unpleasant, these Germans—but the French may not realize this until the borders are open again—[the Germans] are unpleasant, for they could prove that, indeed, in recent times they have once again engaged more intensely with the aforementioned thinkers, who drew their worldview from the very depths of their being, and thus sought to deepen the German spirit. But something else could also be demonstrated. They could, for example, prove that Henri Bergson copied entire long passages almost word for word from Schelling, Schopenhauer, and so on, and that, fundamentally, his entire philosophy—which is certainly a sign of our times—is, to a large extent, German plagiarism. That is the non-mechanical appropriation!

[ 12 ] Und, sehr verehrte Anwesende, wenn man, sagen wir, zum Beispiel hinübersieht nun nach der britischen Volksseele: Wie die italienische die Haupt-Nuance der Empfindungsseele in sich trägt, die französische die Verstandesseele, so trägt die britische Seele die Bewusstseinsseele für unsere heutige Zeit in sich. Der Italiener empfinder, der Franzose denkt, der Brite macht sich geltend in der physischen Welt, das heißt, er sucht vorzugsweise sein Verhältnis zur physischen Welt in irgendeiner Weise auszubilden. Das spreche ich nicht aus irgendwelchen nationalen Empfindungen heraus, sondern aus dem, was man bis in die Einzelheiten nachweisen kann. Man möchte sagen: Wie hat sich Kant bemühen müssen, diesen nur auf die physische Welt hingerichteten Blick im denkerischen Sinne etwas zu vertiefen. Kants ganzes Streben ist von einer gewissen Seite her ein Sich-Herausarbeiten aus demjenigen, was ihm geworden ist zum Beispiel durch Hume, durch Locke und andere britische Geister. Und es ziemt sich wohl, gerade diese Seite der Entwicklung neueren Geisteslebens einmal herzhaft ins Auge zu fassen. Hume — wollen wir nur diesen einen herausheben wozu brachte er es denn?

[ 12 ] And, ladies and gentlemen, if we look, for example, at the British national soul: just as the Italian soul embodies the primary nuance of the feeling soul, and the French soul that of the intellectual soul, so the British soul embodies the consciousness soul for our present time. The Italian feels, the Frenchman thinks, and the Briton asserts himself in the physical world—that is to say, he seeks above all to develop his relationship to the physical world in one way or another. I am not saying this out of any national sentiment, but based on what can be demonstrated in detail. One might say: How hard Kant had to strive to deepen, in a philosophical sense, this perspective that was directed solely toward the physical world. From a certain perspective, Kant’s entire endeavor is a process of working his way out of what had become ingrained in him through, for example, Hume, Locke, and other British thinkers. And it is certainly fitting to take a close look at precisely this aspect of the development of modern intellectual life. Hume—let us single him out—what did he actually achieve?

[ 13 ] Er brachte es dahin zu sagen: Ja, wenn wir die Welt anschauen, so finden wir eigentlich überall nicht die Wahrheit, nicht einmal Ursache und Wirkung, keine Zusammenhänge, sondern nur, dass sich die eine Erscheinung an die andere anschließt, dass sie ihr nachfolgt. Die alleräußerlichste Weltenbetrachtung!

[ 13 ] He went so far as to say: Yes, when we look at the world, we actually find nowhere—not even cause and effect, not even connections—but only that one phenomenon follows another, that it succeeds it. The most superficial view of the world!

[ 14 ] In Bezug auf alles Übrige kommt er zu dem, was man einen Skeptizismus, eine Zweifelsucht nennt. Aus dieser musste sich Kant herausarbeiten. Aber nun wiederum, wenn wir sehen, wohin hat es denn diese Weltanschauung — ich meine insoferne sie jetzt die Ausgestaltung der Volksseele ist —, wohin hat sie es denn gebracht? Wir haben ein merkwürdiges Weltenbild sehen sich entwickeln in der neueren Zeit, in der Gegenwart, das herausgekommen ist gerade aus dem britischen Volksgeiste, der dabei etwas unterstützt wurde von dem amerikanischen Volksgeiste. Wir haben gesehen, dass aus dieser Bewusstseinsseele, die vor allen Dingen das Ich geltend machen will in der Welt, in der physischen Welt, sich das herausentwickelt hat, was man Pragmatismus nennt. Wir dürfen darüber nicht sprechen objektiv, denn auch eine Anzahl von Deutschen sind ja hereingefallen — wenn ich das triviale Wort gebrauchen darf —, weil sie Philosophen sind, sind ja hereingefallen auf diesen Pragmatismus. Worin besteht dieser Pragmatismus? Ja, dieser Pragmatismus tut eigentlich nicht mehr oder nicht weniger, als dass er sagt: Ach, die Wahrheit, wie sie sich so heraus entwickeln soll als Wahrheit aus der Seele, das gibt es ja eigentlich gar nicht. Dasjenige, was man zusammenfasst in einzelnen Urteilen, in Vorstellungen, die man dann als Wahrheit anschaut, das ist von dem menschlichen Geiste nur ausgedacht, um sich als brauchbar zu erweisen draußen in der Welt. Redet ihr von der Seele: Seele, das ist nur ein pragmatischer Begriff. Wir sehen, wie es einzelne Erscheinungen des menschlichen Lebens gibt, die fallen uns auseinander, und wir können sie nicht recht zusammenhalten, wenn wir nicht eine Einheit voraussetzen. Die haben wir nur, um aufzufassen dasjenige, was äußere Erscheinung ist. Die Wahrheit muss etwas sein, ein Vorteil, das brauchbar ist in der äußeren physischen Welt. Das ist der Pragmatismus. Man darf nicht glauben, dass das nur eine philosophische Hirnspalterei ist. Es hängt tief mit dem Volksgeiste und mit dem, was aus diesem Volksgeiste heraus schafft, zusammen. [Robert Seeley], Professor für Geschichte, hat in den Achtziger-, Neunzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts die englische Geschichte betrachtet — das entsprechende Werk ist 1883 erschienen — und hat darauf hingewiesen, dass es eigentlich gewissermaßen ein Vorurteil ist — denn das ist der Sinn des Geschichtsbuches —, dass man im neunzehnten Jahrhundert im Engländertum immer den Kampf des Engländertums für Freiheit und Demokratie als die englische Geschichte durchziehend betrachtet hat. Er geht etwas weiter zurück und versucht, diese englische Geschichte zu betrachten, und bekommt heraus, dass man zusammenfassen kann dasjenige, was geschehen ist, unter dem Namen «Expansion Britanniens»; zuerst das große Britannien, dann das größere Britannien. Die Italiener haben es ihnen nur nachgesprochen, indem sie vom «größeren Italien» sprachen. Und dann sagt [Robert Seeley], Professor: Aber Geschichte ist nicht dazu da bloß, dass man aus ihr etwas lernt, dass man gleichsam eine Wahrheit, die man nun mit der Seele herumträgt, sodass man etwas weiß, aus der Geschichte gewinnt, sondern Geschichte muss geprägt werden, muss ins Leben eingeführt werden. Und wie wird sie geprägt? Sie wird dadurch geprägt, dass man sieht: Britannien hat sich im Lauf der letzten Jahrhunderte immer vergrößert. Also muss man aus ihr lernen, wie man sich weiter vergrößert. — Die Wahrheit, wie man sie brauchen kann, wie man sie in den Dienst stellen kann des äußeren physischen Lebens!

[ 14 ] With regard to everything else, he arrives at what is called skepticism, a tendency toward doubt. Kant had to work his way out of this. But now, again, when we look at where this worldview—I mean insofar as it is now the embodiment of the national spirit—has led us, where has it taken us? We have seen a peculiar worldview develop in recent times, in the present, one that has emerged precisely from the British national spirit, which was supported in this by the American national spirit. We have seen that from this “conscious soul,” which above all else seeks to assert the “I” in the world—in the physical world—what is called pragmatism has developed. We must not speak of this objectively, for a number of Germans, too—if I may use that trivial term—have, after all, fallen for this pragmatism, precisely because they are philosophers. What does this pragmatism consist of? Well, this pragmatism actually does nothing more or less than say: Oh, the truth—as it is supposed to emerge as truth from the soul—doesn’t really exist at all. What is summarized in individual judgments, in concepts that are then regarded as truth, is merely devised by the human spirit to prove useful out in the world. When you speak of the soul—the soul is merely a pragmatic concept. We see how there are individual phenomena of human life that fall apart before us, and we cannot really hold them together unless we presuppose a unity. We have this unity only in order to comprehend what constitutes external phenomena. Truth must be something—an advantage—that is useful in the external physical world. That is pragmatism. One must not believe that this is merely philosophical hair-splitting. It is deeply connected to the national spirit and to what arises from that national spirit. [Robert Seeley], a professor of history, examined English history in the 1880s and 1890s—the corresponding work was published in 1883—and pointed out that it is, in a sense, a prejudice—for that is the point of the history book—that in the nineteenth century, English identity was always viewed as the struggle of the English for freedom and democracy running through English history. He goes back a bit further and attempts to examine this English history, and concludes that what happened can be summarized under the term “British expansion”; first “Great Britain,” then “Greater Britain.” The Italians merely echoed this by speaking of “Greater Italy.” And then Professor [Robert Seeley] says: But history is not merely there so that one may learn something from it—that one may, as it were, gain from history a truth that one now carries within one’s soul, so that one knows something—but history must be shaped; it must be brought into life. And how is it shaped? It is shaped by seeing that Britain has continually expanded over the course of the last few centuries. So one must learn from it how to continue expanding. — The truth, how one can use it, how one can put it to work in the service of external, physical life!

[ 15 ] Ich glaube nicht, sehr verehrte Anwesende, dass ich Einseitigkeiten mit diesen Dingen darstelle, sondern ich glaube, dass man einseitig mit Bezug auf die Betrachtung dieser Dinge aus dem Grunde immer gewesen ist, weil man sich nicht darauf eingelassen hat, die Dinge in ihrem wirklichen Grunde zu betrachten. Dabei dürfte es ja eigentlich immer wiederum hervorgehoben werden, wie es ja uns Deutschen eigentlich ergangen ist gerade im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts auf geistigem Gebiet mit Bezug auf Herausbildung eines Weltbildes.

[ 15 ] I do not believe, distinguished audience, that I am presenting these matters in a one-sided manner; rather, I believe that people have always been one-sided in their view of these matters precisely because they have not been willing to examine them at their very root. In this regard, it should always be emphasized once again how we Germans actually fared in the intellectual sphere—particularly during the nineteenth century—with regard to the development of a worldview.

[ 16 ] Goethe — ich darf darüber sprechen, denn ich habe mein ganzes Leben hindurch, durch fünfunddreißig Jahre mich mit der Betrachtung Goethes befasst —, Goethe hat versucht aus der Betrachtung der äußeren Tatsachen ein Weltbild aufzubauen, welches die Verwandtheit der äußeren Natur im Einzelnen ins Auge fasst. Er versuchte, den Geist zu finden in der Entwicklung der Wesen. Allein er hat im Grunde genommen doch recht wenig Eindruck gemacht auf die Zeit. Dann kam Darwin. Darwin griff die Aufgabe englisch, wirklich englisch an, das heißt, er griff sie so an, dass es nicht besonders schwierig ist, sich in seine Gedankengänge zu vertiefen. Und er gab alles dasjenige, was man äußerlich in der physischen Welt verfolgen kann, was man mit Augen sehen, mit Händen greifen kann. Da machte es Eindruck. Und noch immer ist die Welt in Bezug auf Goethe in der Schuld anzuerkennen — wenn es auch natürlich schwieriger ist, sich in Goethes Entwicklungslehre hineinzufinden —, anzuerkennen, wie turmhoch Goethes Entwicklungslehre über derjenigen steht, die auf Grundlage der darwinistischen Forschungen sich ergeben hat für das neunzehnte Jahrhundert.

[ 16 ] Goethe—and I am qualified to speak on this, for I have devoted my entire life, thirty-five years, to the study of Goethe—Goethe attempted to construct a worldview based on the observation of external facts, one that takes into account the interrelatedness of the details of the external natural world. He sought to discover the spirit in the development of living beings. Yet, in the end, he made very little of an impression on his contemporaries. Then came Darwin. Darwin approached the task in an English way—truly English—that is, he approached it in such a way that it is not particularly difficult to delve into his train of thought. And he focused entirely on what can be observed externally in the physical world—what one can see with one’s eyes and grasp with one’s hands. That made an impression. And even today, the world still owes a debt to Goethe—even if it is, of course, more difficult to grasp Goethe’s theory of evolution—and must acknowledge how towering Goethe’s theory of evolution stands above that which emerged in the nineteenth century on the basis of Darwinian research.

[ 17 ] Allerdings gerade ein Franzose, ein französischer Philosoph, ja, ich möchte fast sagen, selbstverständlich ein solcher, der nicht lange vor dem Kriege in Deutschland herumgezogen ist, sogar an einer deutschen Universität über die tiefe Freundschaft des französischen und des deutschen Geistes gesprochen hat, ein Franzose, er hat die Unterschiede in den letzten Wochen einmal zwischen dem wissenschaftlichen Weltbilde, das der Deutsche sucht, und zwischen dem, das der Franzose und der Engländer suchen, hervorzuheben versucht, betrachtet. Er hat da den Franzosen vorerzählt in Paris, dass, nun ja, wenn der Franzose kennenlernen will Tiere, ein Wissen von den Tieren haben will, seine Begriffe von den Dingen in sein Weltenbild einreihen will, dann geht er in eine Menagerie und sieht sich die Tiere an. Gewiss, ein Weg. — Der Engländer — so sagte dieser französische Philosoph zu seinen Parisern —, der macht eine Reise in die Welt, sieht sich in den verschiedenen Weltteilen die Tiere an und beschreibt dann das, was er da gesehen hat. Und der Deutsche — der ginge weder in die Menagerie, noch ginge er in die verschiedenen Weltteile, sondern der ginge in seine Stube und versenke sich in sein eigenes Inneres, um das Wesen des Löwen, das Wesen der Hyäne und so weiter aus seinem eigenen Innern an die Oberfläche zu befördern. Wenn man mit einem gewissen Witz, wie er ja durchaus den Franzosen nicht abgesprochen werden soll, charakterisieren will die drei Völker, auch vielleicht charakterisieren will nach dem Anteil des Gedankens und der Idee, die in ihrem Weltenbilde vorhanden sind, so kann man ja das schon. Ja, nur, einen Haken hat diese Geschichte. Gerade der Witz, den da der französische Professor aus seiner Gründlichkeit heraus gemacht hat, ist nämlich nicht von ihm, sondern von Heinrich Heine.

[ 17 ] However, it is precisely a Frenchman—a French philosopher, indeed, I’d almost say, naturally, one who had traveled around Germany not long before the war—who had even spoken at a German university about the deep friendship between the French and German spirits—a Frenchman; in recent weeks, he has sought to highlight the differences between the scientific worldview that the German seeks and the one that the Frenchman and the Englishman seek. He had previously told his Parisian audience that, well, if a Frenchman wants to get to know animals, to gain knowledge of them, to integrate his concepts of things into his worldview, then he goes to a menagerie and looks at the animals. Certainly, one way. — The Englishman—so this French philosopher told his Parisian audience—takes a journey around the world, observes the animals in the various parts of the world, and then describes what he has seen there. And the German—he would neither go to the menagerie nor travel to the various parts of the world, but rather he would go into his living room and immerse himself in his own inner self, in order to bring to the surface the essence of the lion, the essence of the hyena, and so on, from within himself. If one wishes to characterize the three peoples with a certain wit—which, of course, should by no means be denied to the French—or perhaps to characterize them according to the proportion of thought and ideas present in their worldview, then one can certainly do so. Yes, but there’s a catch to this story. The very witticism that the French professor made out of his thoroughness is, in fact, not his own, but Heinrich Heine’s.

[ 18 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, eingesehen bis zu einem gewissen Grade hat man ja immer, wie deutsches Geistesleben versucht hat, gewissermaßen die Einseitigkeit zu vermeiden und etwas zu finden, was durch das Ganze der einzelnen Seelenschattierungen leuchten kann. Dazu musste allerdings dieses deutsche Geistesleben immer wieder und wiederum in das Innerste der menschlichen Seele eindringen. Und um — ich möchte sagen — an den Tatsachen zu zeigen, wie der Deutsche versuchte, zum Wesen der Welt zu kommen, zum Wesen dessen, woraus die Welt quillt und quellt, möchte ich heute drei deutsche Gestalten vor Augen führen. Nicht aus dem Grund, sehr verehrte Anwesende, weil ich glaube, dass man irgendwie könnte dogmatisch dasjenige hinnehmen, was diese drei Gestalten innerhalb des Deutschen Idealismus als ein Weltbild geschaffen haben, sondern weil ich glaube, dass es in der Tat drei Gestalten sind, die aus dem innersten Wesen des deutschen Volkstumes, der deutschen Volksseele hervorgegangen sind. Ich möchte sagen: Wir können heute ganz darüber hinaus sein, eine Gestalt, die in der Weltgeschichte des Geistes auftritt, so zu betrachten, dass man dasjenige, was sie als einzelne Sätze, als einzelne Idee, als einzelne Meinung ausgesprochen hat, wie ein Dogma hinnehme. Man kann die Menschen ansehen so, wie sie gestrebt haben, wie sie dastehen im Suchen nach einem Weltenbilde. Da tritt uns eine deutsche Gestalt entgegen, auf die ich schon im vorigen Winter von einem anderen Gesichtspunkte aus auch hier in dieser Stadt versuchte hinzuweisen, von der jetzt ja viel gesprochen wird. Da tritt uns zunächst diejenige Gestalt entgegen, die sich bewusst war, dass dasjenige, was sie über ein Weltbild zu sagen hatte, ganz und gar entstanden ist gewissermaßen wie durch ein Zwiegespräch mit der deutschen Volksseele selber, da tritt uns Johann Gottlieb Fichte entgegen. Ich möchte nur ein paar Züge von diesem Johann Gottlieb Fichte erzählend zunächst anführen, um zu zeigen, dass er in der Tat eine Gestalt ist, wie sie nur herauswachsen konnte aus der Ganzheit des deutschen Geisteslebens; denn herausgewachsen ist wirklich eine solche Gestalt wie Fichte aus dem deutschen Geistesleben. Wenn wir sehen, dass dieser Fichte im blauen Bauernkittel von uns angetroffen werden kann als siebenjähriger Knabe, da steht er am Ufer eines Baches, des Baches, der vor dem Hause seines Vaters vorbeifließt, wirft ein Buch hinein in den Bach, die SiegfriedSage wirft er in den Bach hinein. Der Vater kommt dazu. Der Vater ist böse darüber, denn er hat eben zum letzten Weihnachten diese Siegfried-Sage Fichte geschenkt. Aber es hat sich herausgestellt, dass Fichte, der bis dahin ein gut lernender Knabe war, ganz aufging mit seinem Geist in dieser Siegfried-Sage, und dass er nun weniger geneigt war zu lernen. Er brauchte nur aufmerksam gemacht zu werden darauf, was seine Pflicht sei, da sagte er sogleich: Der Pflicht muss alles weichen. Und der siebenjährige Knabe kann von uns gefunden werden, wie er die Siegfried-Sage, die ihn abgehalten hat von seiner Pflicht, hineinwirft in den Bach. Dasjenige, was die Seele fühlte, empfand, das fühlte, das empfand sie so, dass alles für ihn galt im tiefsten, innigsten Zusammenhang mit dieser Seele.

[ 18 ] Well, distinguished guests, to a certain extent one has always recognized how German intellectual life has sought, so to speak, to avoid one-sidedness and to find something that can shine through the totality of the individual nuances of the soul. To do so, however, this German intellectual life had to penetrate, time and again, into the very depths of the human soul. And in order—I would say—to demonstrate through facts how the Germans sought to arrive at the essence of the world, at the essence of that from which the world springs and flows, I would like to present three German figures today. Not because, ladies and gentlemen, I believe that one could somehow dogmatically accept what these three figures created as a worldview within German idealism, but because I believe that they are, in fact, three figures who emerged from the innermost essence of the German national character, the German national soul. I would like to say: Today we can go far beyond viewing a figure who appears in the intellectual history of the world in such a way that we accept what he has expressed as individual statements, as individual ideas, or as individual opinions, as dogma. One can view people in terms of how they have striven, how they stand in their search for a worldview. Here we encounter a German figure whom I already attempted to highlight last winter from a different perspective, right here in this city—a figure who is now, of course, the subject of much discussion. First and foremost, we encounter the figure who was aware that what he had to say about a worldview arose entirely, so to speak, as through a dialogue with the German national soul itself; we encounter Johann Gottlieb Fichte. I would like to begin by recounting just a few traits of this Johann Gottlieb Fichte to show that he is indeed a figure who could only have emerged from the totality of German intellectual life; for a figure such as Fichte has truly emerged from German intellectual life. When we see that this Fichte, dressed in a blue peasant smock, can be encountered by us as a seven-year-old boy—there he stands on the bank of a stream, the stream that flows past his father’s house—throwing a book into the stream: he throws the *Siegfried Saga* into the stream. His father comes over. The father is angry about this, for he had just given Fichte this *Siegfried Saga* as a Christmas present last Christmas. But it turned out that Fichte, who until then had been a diligent student, had become completely absorbed in the *Siegfried Saga*, and was now less inclined to study. He only needed to be reminded of what his duty was, and he immediately said: “Everything must give way to duty.” And we can find the seven-year-old boy throwing the *Siegfried Saga*—which had kept him from his duty—into the stream. What the soul felt and sensed, it felt and sensed in such a way that everything for him was in the deepest, most intimate connection with this soul.

[ 19 ] Aus dem Nachbarorte war ein Gutsherr an einem Sonntag herübergekommen in den einfachen Bauernort, in dem Fichte aufgewachsen war. Dazumal war er ein neunjähriger Knabe, Fichte. Der Gutsnachbar war herübergekommen, wollte die Predigt hören, aber er war zu spät gekommen. Der Gutsherr konnte die Predigt nicht mehr hören. Da rief man, weil man wusste, wie Fichte zu hören verstand schon als neunjähriger Knabe, wie er dasjenige, was er hörte, schon mit seiner Seele zu verbinden wusste, da rief man den neunjährigen Fichte. In seinem blauen Bauernkittel kam er hin und wiederholte mit einem inneren Feuer Wort für Wort die Predigt, die er eben gehört hatte, so aber, dass man sah: Jedes Wort, das er sagte, das war zusammengewachsen mit dem Innersten seiner Seele. Da wirkte nicht einseitig Empfindungsseele oder Verstandesseele oder Bewusstseinsseele, da wirkte der Seele Ganzes. In diesem Sinne ist Fichte — ich möchte sagen — einer der urdeutschen Geister, aber ein Geist, der innig zusammenhing auch mit der ganzen Sendung beziehungsweise mit dem ganzen Wesen des deutschen Volkstums.

[ 19 ] One Sunday, a landowner from the neighboring village had come over to the simple farming village where Fichte had grown up. At the time, Fichte was a nine-year-old boy. The neighboring landowner had come over to hear the sermon, but he had arrived too late. The landowner was no longer able to hear the sermon. So they called for the nine-year-old Fichte—because they knew how well he understood what he heard even as a nine-year-old boy, and how he already knew how to connect what he heard with his soul. He came over in his blue peasant smock and, with an inner fire, repeated word for word the sermon he had just heard—but in such a way that one could see: every word he spoke had become one with the very core of his soul. It was not merely the emotional soul, the intellectual soul, or the conscious soul acting one-sidedly; it was the soul in its entirety that was at work. In this sense, Fichte is—I would say—one of the quintessentially German spirits, but a spirit who was also intimately connected with the entire mission, or rather the entire essence, of German folk culture.

[ 20 ] Man muss — ich möchte sagen — den Blick schon weit schweifen lassen, wenn man dieses Wesen des deutschen Volkstums so recht mit ein paar Worten charakterisieren will.

[ 20 ] One must—I would say—let one’s gaze wander far and wide if one wants to truly characterize the essence of German folklore in just a few words.

[ 21 ] Schauen wir hinüber nach Asien, wo die Verwandten, die arischen Verwandten der Deutschen sind. Da finden wir bei diesen arischen Verwandten den Drang, das Göttlich-Geistige in der Welt ausgeflossen zu finden. Aber überall finden wir diesen Drang gepaart mit einem anderen: herabzustimmen das Ich, abzudämpfen, sodass es sich ausgelöscht fühlt, um aufzugehen in dem All. Der andere Pol ist in dem deutschen Wesen, in dem Suchen des deutschen Wesens nach einem Weltenbilde zum Ausdruck gekommen. Suchen die arischen Verwandten in Asien durch Herabdämpfen des Ichs, wie namentlich in Indien, in das All sich auszugießen und dadurch ein Weltenbild zu finden, so sucht der Deutsche dadurch, dass er dieses Ich in sich selber erhöht und erkraftet, erseeligt und ergeistet, innerhalb dieses Ichs dasjenige zu finden, wo das Göttliche in dieses Ich sich herein ergießt. Sodass nicht durch Herabdämpfen, sondern durch Erhöhen, durch erhöhtes Streben des Ich, dieses Ich hinaufgeführt wird in dasjenige, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchpulst, durchwest und durchwirkt.

[ 21 ] Let us look across to Asia, where the relatives—the Aryan relatives—of the Germans live. There, among these Aryan relatives, we find the urge to find the divine-spiritual aspect of the world already fully manifested. But everywhere we find this urge paired with another: to subdue the ego, to dampen it, so that it feels extinguished, in order to merge into the universe. The other pole is expressed in the German spirit, in the German spirit’s search for a worldview. While the Aryan kin in Asia—particularly in India—seek to pour themselves out into the universe by subduing the “I” and thereby find a worldview, the German seeks, by elevating and strengthening this “I” within himself—by spiritualizing and enlivening it—to find within this “I” that place where the Divine pours itself into it. Thus, not through subduing, but through elevating—through the heightened striving of the “I”—this “I” is led upward into that which, as the Divine-Spiritual, pulses through, permeates, and works within the world.

[ 22 ] Und so stellte sich Fichte wiederum mit seinem ganzen Wesen dem menschlichen Ich, dem menschlichen Selbst gegenüber, um in dem Selbst die Kräfte zu entdecken, welche ein Weltenbild geben. Ich möchte sagen, er tut es aber auch so, dass er nicht versuchte, durch abstrakte Theorien durch allerlei bloße abstrakte Ideen zu reden über dasjenige, was ein Weltbild ausmachen kann, sondern wiederum war es sein ganzes Wesen, die Ganzheit dieses Wesens, wodurch er hintrat, sei es vor seine Schüler, sei es sonst vor sein ganzes Volk.

[ 22 ] And so Fichte once again confronted the human “I,” the human self, with his whole being, in order to discover within the self the forces that give rise to a worldview. I would like to say, however, that he did so not by attempting to speak through abstract theories or all sorts of mere abstract ideas about what constitutes a worldview, but rather it was his entire being—the wholeness of this being—through which he presented himself, whether before his students or before his entire people.

[ 23 ] Jemand, der ihm zuhörte, der sagte einmal: Wenn Fichte öffentlich spricht oder auch vor seinen Schülern spricht, rollt seine Rede daher wie Gewitter, die sich in einzelne Feuer erschlagen. Seine Phantasie ist nicht üppig, aber energisch; seine Bilder sind nicht prächtig, aber stark und gewaltig. Und er waltet im Reich der Ideen, sodass sich zeigt, dass er in dieser unsichtbaren Welt der Ideen nicht bloß drinnen wohnen, sondern drinnen herrschen kann. — Aber in dieser Art und Weise des Sprechens lag bei Fichte etwas, wodurch er versuchte, seine ganze Seele überwirken zu lassen auf seine Zuhörer. Daher konnte von ihm ein Freund, der ihn genau kannte, sagen: Er suchte nicht bloß gute, sondern er suchte große Menschen zu erziehen. Und er suchte nicht den Zuhörern bloß etwas zu sagen, sondern er suchte, ein lebendiges Ganzes aus dem zu machen, was er und seine Zuhörer zusammen waren.

[ 23 ] Someone who listened to him once said: When Fichte speaks in public or even to his students, his speech rolls forth like a thunderstorm that breaks into individual flashes of lightning. His imagination is not lavish, but energetic; his images are not magnificent, but strong and powerful. And he reigns in the realm of ideas, demonstrating that in this invisible world of ideas he can not only dwell but also reign. — But in this manner of speaking, there was something in Fichte through which he sought to let his entire soul work upon his listeners. That is why a friend who knew him well could say of him: He sought not merely to educate good people, but to educate great people. And he sought not merely to say something to his listeners, but to create a living whole out of what he and his listeners were together.

[ 24 ] Denjenigen Menschen, die am liebsten bloß passiv zuhören mögen und das über sich ergehen lassen, was keine eigenen Gedanken fordert, während man zuhört, denen hätte Fichte, der urdeutsche Geist, allerdings nicht besonders gefallen können. So zum Beispiel machte er immer wieder das Folgende mit seinen Zuhörern. Er sagte: «Denken Sie einmal die Wand!» — Und da dachten die Zuhörer die Wand; versuchten, die Wand zu denken. Das brachten sie natürlich ganz gut zusammen. — «So», sagte er, «jetzt versuchen Sie den zu denken, der die Wand denkt!» — Da konnte man sehen, wie manche fassungslos wurden, wie manche ganz eigentümlich berührt waren. Aber durch eine solche Zumutung versuchte Fichte zurückzuweisen den Menschen auf dasjenige, was in ihm selber quillt und quellt. Denn er konnte nicht sagen wie Cartesius: «Ich denke, also bin ich», sondern er betrachtete dieses Ich in seiner fortwährenden Lebendigkeit, in seinem fortwährenden Entstehen. Und nur ein solches Ich ließ er gelten, das fortwährend sich selber erzeugt, das die Kraft hat, in jedem Augenblick, in jedem folgenden Augenblick wiederum aufs Neue zu entstehen. Der Wille, der im Ich waltende Wille, der wurde ihm die Grundkraft des Ich. Und indem das Ich sich im höchsten Sinne in seinen Grundkräften erfasst, erfasst es die höchste göttliche Kraft, die in das Ich herein webt und wellt.

[ 24 ] Fichte, the quintessentially German spirit, certainly would not have appealed particularly to those people who prefer merely to listen passively and endure whatever does not require them to think for themselves while listening. For example, he would repeatedly do the following with his listeners. He would say: “Try to think of the wall!”—And so the listeners thought of the wall; they tried to think of the wall. Of course, they managed that quite well.—“Now,” he said, “try to think of the one who is thinking of the wall!”—Then one could see how some were taken aback, how some were strangely moved. But through such an unreasonable demand, Fichte sought to direct people back to that which wells up and springs forth within themselves. For he could not say, as Descartes did, “I think, therefore I am”; rather, he regarded this “I” in its constant vitality, in its constant becoming. And he recognized only such an “I”—one that continually generates itself, that has the power to come into being anew at every moment, in every successive moment. The will—the will reigning within the “I”—became for him the fundamental power of the “I.” And as the “I” grasps itself in the highest sense through its fundamental powers, it grasps the highest divine power, which weaves and surges into the “I.”

[ 25 ] Für Descartes war das Weltenbild ein solches, dass er nicht einmal in den Tieren Seelen gelten ließ, sondern ihm das Mechanismen waren, Maschinen — die ganze Welt ein Mechanismus. Selbstverständlich sah auch Fichte, wie das Mechanische in der äußeren physischen Welt vorhanden ist; aber dieses Mechanische war nicht bei ihm abgetan, wenn man es betrachtet, sondern in dieses Mechanische konnte man sich seiner Wesenheit nach nur hineinfinden, wenn man fand den göttlich-geistigen Urgrund der Dinge, der aber nur aus der Willensnatur des Menschen zu finden war.

[ 25 ] For Descartes, the worldview was such that he did not even acknowledge the existence of souls in animals; rather, to him, they were mechanisms, machines—the entire world was a mechanism. Of course, Fichte, too, saw how the mechanical is present in the external physical world; but for him, this mechanical aspect was not to be dismissed upon consideration; rather, one could only grasp its true nature by finding the divine-spiritual source of things, which, however, could only be found in the nature of human will.

[ 26 ] Und so wurde für Fichte das Geistige, das die Welt durchwirkt und durchflutet und durchwellt, das wurde für Fichte die moralische Weltenordnung — über einer mechanischen Weltenordnung. Das Göttlich-Geistige erschien ihm in dem Auswirken der Pflicht, die hereinpulsiert in die menschliche Seele. Und die Mechanismen, die äußeren Naturprodukte, die erschienen ihm so gegenüber der ganzen Schöpfung in seinem Weltenbilde, wie wenn der Mensch, der zunächst moralisch tätig sein will, sich einzelne Maschinen macht, bei denen er dann nicht fragen kann, inwieweit sie moralisch sind, die aber doch in dem Dienst des Moralischen, der moralischen Ordnung des Menschen stehen. So war die mechanische Natur für Fichte nur, wie er sagt, der Ausdruck dafür, dass sich die Pflicht, dass sich die moralische Weltenordnung verwirklicht, dass sie versinnlichtes Material der Pflicht war. Für Fichte ist die mechanische Natur überall welt-moralische Weltenordnung, und alles, was nicht moralisch ist, ist da, damit die Pflicht Werkzeuge hat, um sich in der Welt zu verwirklichen. Das ist die Energie des Geistes, die in Johann Gottlieb Fichte waltete.

[ 26 ] And so, for Fichte, the spiritual—which permeates, floods, and ripples through the world—became the moral order of the world, taking precedence over a mechanical order of the world. The divine-spiritual appeared to him in the effect of duty, which pulses into the human soul. And the mechanisms—the external products of nature—appeared to him, in his worldview, in relation to the whole of creation, as if a person who initially wishes to act morally were to construct individual machines, about which he cannot then ask to what extent they are moral, but which nevertheless stand in the service of the moral, of humanity’s moral order. Thus, for Fichte, mechanical nature was, as he says, merely the expression of the fact that duty—that the moral world order—is realized; it was the materialized substance of duty. For Fichte, mechanical nature is everywhere a world-moral order, and everything that is not moral exists so that duty may have the tools to realize itself in the world. This is the energy of the spirit that reigned in Johann Gottlieb Fichte.

[ 27 ] Man braucht sich heute nicht auf den Fichte’schen Standpunkt zu stellen. Man braucht nicht dasjenige anzunehmen, was er als seine Meinung ausgesprochen hat. Aber darum kann es sich auch gar nicht handeln, sondern darum muss es sich handeln, was man gewinnen kann dadurch, dass man — ich möchte sagen — sich etwas anregen lässt durch die Art und Weise, wie sich solch ein Fichte zur geistigen Welt gestellt hat und eines der Weltbilder des Deutschen Idealismus aus dieser Betrachtung heraus geformt hat. Stärkung der Seele, aber auch Entwicklung der Seele, sie kann gewonnen werden dadurch, dass man sich nicht dogmatisch, sondern menschlich einlässt auf die Art des Strebens, wie sie in Johann Gottlieb Fichte auftritt.

[ 27 ] There is no need today to adopt Fichte’s point of view. One need not accept what he expressed as his opinion. But that is not the point at all; rather, the point must be what one can gain by—I would say—allowing oneself to be inspired by the way in which someone like Fichte approached the spiritual world and, from this perspective, shaped one of the worldviews of German Idealism. Strengthening of the soul, but also development of the soul, can be achieved by engaging—not dogmatically, but humanely—with the kind of striving as it appears in Johann Gottlieb Fichte.

[ 28 ] Nun sehen wir gleich zu seinem Nachfolger, dem vielverkannten Schelling. Für ihn war nun auch die äußere Natur nicht etwas Seelenloses. Er konnte nicht stehen bleiben dabei, die äußere Natur nur für ein versinnlichtes Material der moralischen Weltenordnung zu halten, aber für ihn war die äußere Natur erstarkter Geist. Und der Geist war eine beseelte Natur. Und beide stellten sich in seinem Weltenbilde zu einer Ganzheit zusammen. Und das Göttlich-Geistige, das durch die Welt waltet, war ihm der große Künstler, der da schafft, indem er aus dem Göttlichen, Gütigen heraus die Welt hinstellt, weil sie als Schönes gegenüberstehen soll dem unsichtbaren Geistigen. In inniger Weise wachsen zusammen Geistbetrachtung und Naturbetrachtung bei diesem vielverkannten Schelling. Aber es war in der Tat wiederum in seiner ganzen Persönlichkeit vorgebildet dieser Mann, der im Alter noch vor seinen Zuhörern stand mit den funkelnden Augen, aus denen wie durch den Blick des Menschen auf natürliche Weise eine tiefe Naturanschauung sprach, eine Naturanschauung, die in Schönheit erglühte. Dieser Mann war so, dass wir sagen können: Er stellte nur gewissermaßen die andere Seite des deutschen Geisteslebens, der deutschen Volksseele dar. Auch Fichte — könnte man sagen — stellte etwas dar wie die Bewusstseinsseele des Menschen, aber diese Bewusstseinsseele durchleuchtet von dem Ich. Auch Schelling stellt etwas dar wie die Verstandesseele des Menschen; aber diese Verstandesseele durchleuchtet von dem Ich, sodass sie zum menschlichen Gemüte wirkt. Wiederum ist es die Erhöhung, die Erkraftung desjenigen, was in der menschlichen Seele immer steckt, was Schelling sucht. Es kommt so weit, dass er sich einmal zu dem gewiss nicht festzuhaltenden Ausspruch versteigt: Die Natur erkennen, heißt, die Natur schaffen. — So ist dieser Ausspruch aber noch immer fruchtbar, dass man ihn allerdings nicht wie ein Dogma hinnimmt, sondern dass man weiß: Er kommt aus der Seele eines Menschen, der mit seiner ganzen Seele untertauchen will in die Natur und den Geist in der Natur suchen will.

[ 28 ] Now let us turn to his successor, the much-misunderstood Schelling. For him, too, external nature was not something soulless. He could not stop at regarding external nature merely as a materialized substance of the moral world order; rather, for him, external nature was spirit brought to life. And the spirit was an animated nature. And in his worldview, the two came together to form a whole. And the divine-spiritual, which reigns throughout the world, was for him the great artist who creates by bringing the world into being out of the divine and the good, so that it might stand as beauty in contrast to the invisible spiritual. In this much-misunderstood Schelling, contemplation of the spirit and contemplation of nature grow together in a profound way. But indeed, this man—who even in old age still stood before his listeners with sparkling eyes from which, as if through a human gaze, a deep view of nature spoke naturally—a view of nature that glowed with beauty—was embodied in his entire personality. This man was such that we can say: He represented, so to speak, the other side of German spiritual life, the German national soul. Fichte, too—one might say—represented something like the human soul of consciousness, but this soul of consciousness was illuminated by the “I.” Schelling, too, represents something like the intellectual soul of the human being; but this intellectual soul is illuminated by the “I,” so that it acts upon the human mind. Once again, it is the elevation, the strengthening of that which is always present in the human soul—that is what Schelling seeks. It goes so far that he once goes so far as to make the following statement, which certainly cannot be taken at face value: “To know nature is to create nature.”—Yet this statement remains fruitful, provided one does not accept it as a dogma, but rather recognizes that it springs from the soul of a person who wishes to immerse himself with his whole soul in nature and seek the spirit within nature.

[ 29 ] Die dritte Seite des deutschen Volkstums stellt eben — man kann wiederum sagen, und das Wort kann man wiederholen — der vielverkannte Hegel dar. Nur stellt er dieses deutsche Volkstum mit der höchsten Kraft dar. Für ihn ist dasjenige, was durch die Welt als GöttlichGeistiges waltet, überall Gedanke. Gedanken sucht der Mensch. Aber der Mensch bildet sich nicht nur den Gedanken ein, sondern er holt den Gedanken aus allen Erscheinungen heraus, weil in allem Gedanke lebt. Man mag wiederum selbstverständlich unbefangen anerkennen die Einseitigkeit. Das Göttlich-Geistige erscheint wie ein bloßer Logiker. Die Welt erkennt Hegel so, wie wenn sie nur gedacht wäre. Man wird natürlich niemals zu einem anderen Weltenverständnis kommen, als zum Verständnis der gedachten Welt. Aber darauf kommt es nicht an; sondern darauf kommt es an, dass man — ich möchte sagen — Hegel nachzudenken versteht, nachzudenken versteht, um den Gedanken in einer solch feinen Weise auszubilden, wie er ihn ausgebildet hat. Und dadurch entstand für ihn, für sein Weltbild, die Anschauung, dass man die Welt nur insoferne kennt, als man sie in allen ihren Gliedern als vernünftig anerkennen kann. Alles Wirkliche ist vernünftig, und alles Vernünftige ist wirklich. — Man kann spotten, aber der Spott ist billig. Man kann über eine solche Leidenschaft sogar spotten und sie abschreiben, wie es Bergson tut! Aber der Spott ist eben billig. Darum handelt es sich nicht, sondern worum es sich handelt, ist das, dass einmal diese Einseitigkeit gerade aus der Tiefe des deutschen Volkstumes sich herausstellen musste, weil der Mensch, indem er sich in diesen reinen, in den kristallhellen Gedanken vertieft, der durch Hegel hervorgetreten ist in der Entwicklung des Geisteswesens der Menschheit, weil der Mensch dadurch in diesem reinen Gedanken zusammenwächst mit dem, was wiederum als reiner Gedanke die Welt durchpulst und durchwebt. Nicht auf die Gedanken, die Hegel produziert hat, kommt es an, sondern auf das Gefühl, das er mit seinem Gedankenleben verbunden hat, auf dieses Gefühl: sich eins zu wissen mit dem göttlichen Denken, das die Welt durchstrahlt, und das nachgedacht wird in der einzelnen menschlichen Seele. Überall ist es die Erhöhung, die Verstärkung, die Erkraftung des Selbstes, die gesucht wird, um durch diese Erhöhung, Erkraftung, Verstärkung des Selbstes das zu finden, was sich im Innersten der Seele eröffnen kann, offenbaren kann als das Göttlichste, das im Leben der Menschen, im Leben aller Wesen, im Leben auch der ganzen Natur eben sich offenbart.

[ 29 ] The third aspect of German national character is represented—one might say once again, and the word may be repeated—by the much-misunderstood Hegel. Yet he portrays this German national character with the utmost force. For him, that which reigns throughout the world as the divine-spiritual is, everywhere, thought. Human beings seek thought. But human beings do not merely imagine thought; rather, they extract thought from all phenomena, because thought lives in everything. One may, of course, impartially acknowledge this one-sidedness. The divine-spiritual appears as a mere logician. Hegel perceives the world as if it were merely thought. Naturally, one will never arrive at any understanding of the world other than the understanding of the thought world. But that is not the point; rather, the point is that one—I would say—understands how to think along with Hegel, understands how to think in order to develop thought in such a subtle way as he has developed it. And this gave rise, for him and his worldview, to the conviction that one knows the world only insofar as one can recognize it as rational in all its parts. Everything real is rational, and everything rational is real. — One can mock this, but the mockery is cheap. One can even mock such a passion and dismiss it, as Bergson does! But the mockery is, after all, cheap. That is not the point; rather, the point is is that this one-sidedness had to emerge precisely from the depths of German folklore, because when a person immerses himself in these pure, crystal-clear thoughts—which emerged through Hegel in the development of humanity’s spiritual essence—he thereby merges, within this pure thought, with that which, in turn, as pure thought, pulses through and interweaves the world. What matters is not the ideas that Hegel produced, but the feeling he associated with his intellectual life—this feeling of knowing oneself to be one with the divine thought that radiates through the world and is reflected in the individual human soul. Everywhere, it is the elevation, the strengthening, the empowerment of the self that is sought, so that through this elevation, strengthening, and empowerment of the self, one may find what can open up in the innermost depths of the soul, what can reveal itself as the most divine—that which reveals itself in the lives of human beings, in the lives of all beings, and indeed in the life of all of nature.

[ 30 ] Diese Gedanken waren zu groß, diese Bestrebungen überhaupt waren zu umfassend, die so recht aus den drei — möchte ich sagen — gewaltigsten Weltanschauungspersönlichkeiten des deutschen Volkes hervorgegangen sind, um sogleich vollständig Boden zu fassen. Aber sie sind da. Und nicht insoferne hat man sie heute zu betrachten, als sie dies oder jenes gesagt haben, sondern insoferne, als das deutsche Wesen erkannt werden kann dadurch, dass in ihm solche Gedanken und Empfindungen und Erkenntnismöglichkeiten lagen. Nicht Hegel, Schelling, Fichte kennenzulernen, kann unsere Absicht sein, sondern das deutsche Wesen kennenzulernen in seinen Offenbarungen, insoferne sie dieses deutsche Wesen zum Ausdrucke bringen. Darauf kommt es an.

[ 30 ] These ideas were too grand, these aspirations too far-reaching—having emerged, as it were, from the three, I might say, most formidable intellectual figures of the German people—to take full root immediately. But they are here. And we must consider them today not insofar as they said this or that, but insofar as the German essence can be recognized through the fact that such thoughts, feelings, and possibilities of knowledge were inherent in it. Our intention cannot be to get to know Hegel, Schelling, and Fichte, but rather to get to know the German essence in its manifestations, insofar as they give expression to this German essence. That is what matters.

[ 31 ] Gewiss ist hinübergegangen über dieses Weltenbild, über dieses — ich möchte sagen — dreigeteilte Weltenbild des Deutschen Idealismus, ist hinübergegangen die Hochflut, die berechtigte Hochflut der naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Und nicht war man bisher imstande, beide, dieses naturwissenschaftliche Weltenbild und dieses Weltenbild des Deutschen Idealismus miteinander lebendig zu verbinden. Aber sie werden eins werden. Und es ist meine Überzeugung, dass gerade durch die Geisteswissenschaft dieses Einswerden ermöglicht werden kann.

[ 31 ] Certainly, this worldview—this, I might say, three-part worldview of German Idealism—has been swept away by the flood, the justified flood of the scientific worldview. And so far, it has not been possible to vividly unite these two—this scientific worldview and this worldview of German Idealism. But they will become one. And it is my conviction that it is precisely through the science of the spirit that this unification can be made possible.

[ 32 ] Was fragt heute der Italiener — ich meine, insoferne er aus seinem Volkstum herauswächst, nicht als Individuum —, was fragt er, wie dasjenige, was er als Weltbild sich macht, zu religiösen Empfindungen sich stellt? Was fragt gar der Franzose darnach, wenn er ein wissenschaftliches Weltenbild entfalten will? Der Engländer fragt schon mehr darnach. Aber er fragt in einer eigentümlichen Weise darnach. Wir können dies bei Darwin, aber auch bei vielen anderen studieren. Dieser Darwin sucht ein Weltenbild, rein aus den Tatsachen der physischen Welt heraus. Aber er zieht keine Folgerungen daraus. Er lässt daneben bestehen das Weltenbild, das nur auf der Konvention, auf dem äußeren Herkommen beruht. Und so finden wir, dass Darwin es nicht nötig hat, irgendwie seine Überzeugungen über Geistiges zu modifizieren dadurch, dass er ein äußeres Weltenbild über die physische Welt schafft — das allerdings gleich, indem es sich einsenkt in die deutsche Entwicklung, zu einer großen, zu einer umfassenden Frage wird. Der Deutsche kann nicht neben einem Naturbild ein bloß auf das Herkommen gestütztes Geistesbild sehen, weil ihm das vorkommen würde wie eine Lüge. Und er nimmt lieber dann den Materialismus Haeckels hin, als dass er hinnehmen würde ein britannisches Weltenbild, welches die frömmsten Empfindungen unmotiviert, ohne dass man einen Zusammenhang sucht, neben den Naturalismus hinstellen kann.

[ 32 ] What does the Italian ask today—I mean, insofar as he grows out of his national character, not as an individual—what does he ask about the relationship between the worldview he constructs for himself and his religious sentiments? What, indeed, does the Frenchman ask about this when he seeks to develop a scientific worldview? The Englishman asks more about it. But he asks in a peculiar way. We can study this in Darwin, but also in many others. Darwin seeks a worldview derived purely from the facts of the physical world. But he draws no conclusions from them. He allows the worldview based solely on convention and external tradition to coexist alongside it. And so we find that Darwin does not feel the need to modify his convictions about the spiritual in any way by creating an external worldview based on the physical world—which, however, as soon as it becomes part of German intellectual development, turns into a major, all-encompassing question. The German cannot conceive of a view of the spiritual realm based solely on tradition alongside a view of nature, because that would strike him as a lie. And he would rather accept Haeckel’s materialism than a British worldview that allows the most devout sentiments to be placed alongside naturalism without justification and without seeking any connection between them.

[ 33 ] Daher erleben wir eine solch tragische Erscheinung, eine so — ich möchte ja sagen — einem das Herz durchreißende Erscheinung, dass Ernst Haeckel, der heute aus seinem deutschen Empfinden heraus in energischer Weise sich gegen Britannien wendet, mit stärkeren Worten als mancher andere, dass der im Grunde genommen seiner ganzen Weltauffassung nach auf Huxley und Darwin fußt, veranglisiert ist ganz und gar. Wer empfinden kann, was in der menschlichen Seele leben kann von den Höhen einer Weltanschauung aus, der wird das Tragische in Haeckels Seele erschauen, das Tragische, das rein darauf beruht, dass der Deutsche — Haeckel — nicht konnte so wie Darwin nebeneinander bestehen lassen ein geistiges Weltenbild neben einem reinen natürlichen Weltenbild, weil er nach Ganzheit strebte und nicht die Kraft hatte, wie Fichte, wie Schelling, wie Hegel, in den Geist hineinzukommen, und daher sich ein Weltenbild konstruiert, das [Lücke in der Mitschrift] auf Darwinismus, auf die Betrachtung der äußeren Natur gerichtet war.

[ 33 ] That is why we are witnessing such a tragic phenomenon—a phenomenon that, I would say, is truly heart-wrenching—namely, that Ernst Haeckel, who today, out of his German sensibility, is vigorously turning against Britain with stronger words than many others, is, in fact, thoroughly anglicized in his entire worldview, which is fundamentally based on Huxley and Darwin. Anyone capable of sensing what can live in the human soul from the heights of a worldview will perceive the tragedy in Haeckel’s soul—a tragedy that stems purely from the fact that the German—Haeckel — could not, like Darwin, allow a spiritual worldview to coexist alongside a purely natural one, because he strove for wholeness and lacked the strength, as Fichte, Schelling, and Hegel did, to penetrate the spirit, and therefore constructed a worldview that [gap in the transcript] was oriented toward Darwinism, toward the observation of external nature.

[ 34 ] Man sollte aber nur nicht glauben, dass dasjenige, was jetzt, wo die Geisteswissenschaft beginnt, sich geltend zu machen, dass das, was diese Geisteswissenschaft selber zu sagen hat, im Grunde auf etwas anderem fußen könnte als — ich möchte sagen — auf dem Weltenbilde des Deutschen Idealismus. Das ist gleichsam die Wurzel. Und Blüten und Früchte werden Geisteswissenschaft sein müssen. Wir sprechen in der Geisteswissenschaft davon, dass die Seele des Menschen in einer gewissen Weise so geformt werden kann — und diejenigen der verehrten Zuhörer, die im verflossenen Jahre mir hier zugehört haben, werden wissen, wie diese verschiedenen Methoden sind, um die Seele dahinzubringen langsam, dass sie gewissermaßen in ihrer Betrachtung vom Physischen, vom Körperlichen frei wird, dass sie gewissermaßen außerhalb des Leibes die geistige Welt betreten und wirklich die geistige Welt schauen kann. Wir wissen, dass wir wirklich die geistige Welt schauen, indem wir gewisse Übungen des Geistes in der Seele durchmachen. Der Geistesforscher kann nicht äußere Experimente machen, aber er forscht gerade so auf einem höheren, geistigen Gebiet wie der Naturforscher. Er bringt seine Seele dazu, dass diese Seele sich wirklich frei machen kann von dem Werkzeuge des Leibes, auch von dem Denkapparat, und als Seele den seelischen Erscheinungen der Welt gegenüberstehen kann. Wenn man einmal diese Dinge im tieferen Sinne betrachten wird, dann wird man finden, was wir heute Meditation, Konzentration der Gedanken nennen, wodurch die Seele die Befreiung vom physischen Dasein erlangt, durch das sie in sich die ewigen Kräfte erkennt, die durch Geburten und Tode gehen, die vorhanden bleiben, wenn der Mensch seinen physischen Leib ablegt. Erkennen wird man, dass diese Übungen ihren stärksten Anfang genommen haben dazumal, als Fichte den Willen erkraften, Schelling das Gemüt erkraften, Hegel den Gedanken erkraften wollte; denn Erkraftung des Denkens, Fühlens und Wollens ist es im Wesentlichen, wodurch wir die Seele zum Anschauen des Ewigen bringen, wodurch wir die Seele auch zu jenem Objektivismus bringen, durch den sie erkennt, dass sie in sich eine ewige Wesenheit trägt, die durch die Geburt sich mit dem physischen Leib vereinigt hat, und die in die geistige Welt wieder hineintritt zu anderen Daseinserlebnissen, wenn der äußere, physische Leib abgelegt wird.

[ 34 ] One should not, however, believe that what is now beginning to assert itself as spiritual science—that is, what this spiritual science itself has to say—could fundamentally be based on anything other than—I would say—the worldview of German Idealism. That is, as it were, the root. And its blossoms and fruits will have to be spiritual science. In spiritual science, we speak of how the human soul can, in a certain way, be shaped — and those among the esteemed audience who have listened to me here over the past year will know what these various methods are for gradually leading the soul to the point where, in its contemplation of the physical and the corporeal, it becomes free, so to speak, so that it can, as it were, step outside the body into the spiritual world and truly behold the spiritual world. We know that we truly perceive the spiritual world by undergoing certain exercises of the spirit within the soul. The spiritual researcher cannot conduct external experiments, but he conducts his research in a higher, spiritual realm just as the natural scientist does. He enables his soul to free itself truly from the instrument of the body—and also from the thinking apparatus—so that, as a soul, it can face the spiritual phenomena of the world. Once one contemplates these things in a deeper sense, one will discover what we today call meditation and concentration of thought—through which the soul attains liberation from physical existence, enabling it to recognize within itself the eternal forces that pass through births and deaths and remain present even when the human being sheds its physical body. One will recognize that these exercises took their strongest impetus back when Fichte sought to strengthen the will, Schelling the mind, and Hegel thought; for it is essentially the strengthening of thinking, feeling, and willing is essentially what leads the soul to the contemplation of the eternal, and what also leads the soul to that objectivism through which it recognizes that it bears within itself an eternal being that has united with the physical body through birth, and that re-enters the spiritual world for other experiences of existence when the outer, physical body is cast off.

[ 35 ] Noch nicht konnte zu eigentlicher Geisteswissenschaft das Weltenbild des Deutschen Idealismus kommen, wie die Wurzel noch nicht die Blüte und die Frucht ist. Aber wenn man nicht den Materialismus in seiner wirklichsten Form zur Betrachtung des Geistes verwenden will, da wo man zum Beispiel äußere Veranstaltungen, die ja nur in der sinnlich-physischen Welt da sein können, verwendet, um den Geist zu erkennen, wenn man in die physische Natur nicht gehen will, um den Geist zu erkennen, sondern wenn man den Geist durch den Geist erkennen will, dann wird man finden, dass man die beste Anleitung hat gerade in demjenigen, was versuchten Fichte, Schelling, Hegel.

[ 35 ] The worldview of German Idealism has not yet been able to develop into a true science of the spirit, just as the root is not yet the flower or the fruit. But if one does not wish to employ materialism in its truest form to contemplate the spirit, where, for example, one uses external events—which can only exist in the sensory-physical world—to recognize the spirit; where one does not wish to turn to physical nature to recognize the spirit, but rather wishes to recognize the spirit through the spirit itself—then one will find that the best guidance lies precisely in what Fichte, Schelling, and Hegel attempted.

[ 36 ] Und wenn wir heute davon sprechen, dass der Mensch, ganz allein in sich selber versenkt, suchend ist nach den Untergründen seiner Seele, indem leben muss, was wir Meditation nennen, und wenn wir jetzt wiederum den Blick wenden auf den ganzen deutschen Volksgeist, so können wir das nicht in jener träumerischen Art, wie der asiatisch geartete Geist, sondern in einer lebendigen Art. Durch Erhöhung und Erkraftung des Selbstes ist dasjenige gewesen, was Fichte, Schelling und Hegel gesucht haben; eine Meditation des ganzen deutschen Volkes, ein Streben nach Erkenntnis des wirklichen Geistes hin. Und es lebte in diesem Streben nach Erkenntnis des wirklichen Geistes hin wirklich das, was wir nennen können: Freiwerden der Seele vom Leibe. Und um Ihnen das zu beweisen, möchte ich Ihnen ein paar Worte von Schelling vorlesen, wo Schelling sagt:

[ 36 ] And when we speak today of the human being, wholly absorbed in himself, searching for the depths of his soul—in what we call meditation—and when we now turn our gaze once more to the entire German national spirit, we cannot do so in that dreamy manner characteristic of the Asian spirit, but rather in a lively manner. Through the elevation and strengthening of the self, this was what Fichte, Schelling, and Hegel sought: a meditation of the entire German people, a striving toward the knowledge of the true spirit. And in this striving toward knowledge of the true spirit, there truly lived what we might call: the liberation of the soul from the body. And to prove this to you, I would like to read a few words from Schelling, where Schelling says:

«Die Seele ist also im Menschen nicht bloß das Prinzip der Individualität, sondern das, wodurch er sich über alle Selbstheit erhebt, wodurch er der Aufopferung seiner selbst, uneigennütziger Liebe, und, was das Höchste ist, der Betrachtung und Erkenntnis des Wesens der Dinge fähig wird.»

“The soul, then, is not merely the principle of individuality in human beings, but that through which they rise above all self-centeredness, through which they become capable of self-sacrifice, selfless love, and—which is the highest—the contemplation and understanding of the essence of things.”

[ 37 ] Dieses Freiwerden der Seele vom Leiblichen, es wird angestrebt durch das Weltbild des Deutschen Idealismus; und dieses Weltbild des Deutschen Idealismus, es ist kein einseitig Wissenschaftliches, es ist nicht dasjenige, was bloß durch eine internationale Wissenschaft gewonnen werden kann, sondern es ist etwas, wodurch sich die Seele des Menschen in allen ihren Kräften, in ihrer Ganzheit geneigt macht und geeignet macht, dem Göttlich-Geistigen der Welt unmittelbar gegenüberzutreten.

[ 37 ] This liberation of the soul from the physical body is the goal of the worldview of German Idealism; and this worldview of German Idealism is not a one-sidedly scientific one; it is not something that can be attained merely through international science, but rather it is something through which the human soul, in all its powers and in its entirety, inclines itself and makes itself capable of directly encountering the divine-spiritual aspect of the world.

[ 38 ] Tiefe der Empfindung kann nicht gedacht werden aus diesem Weltenbilde heraus. Und im Grunde webt und lebt immer etwas in dem tiefsten Streben des Deutschen nach einem Weltenbilde von dem, was Jakob Böhme so schön ausdrückt:

[ 38 ] The depth of feeling cannot be conceived within this worldview. And, at its core, there is always something weaving and living within the German people’s deepest yearning for a worldview—one that Jakob Böhme so beautifully expresses:

«Wenn du die Tiefe»

“If You Feel the Depth”

[ 39 ] er meint die blaue Himmelstiefe

[ 39 ] he is referring to the deep blue of the sky

«des Himmels und die Sterne und die Erde ansiehest»

“when you look at the heavens, the stars, and the earth”

[ 40 ] sagt Jakob Böhme

[ 40 ] says Jakob Böhme

«so siehest du deinen Gott, und in demselben lebest und bist du auch. Und derselbige Gott regiert durch dich und regiert auch dich.» «Du bist aus diesem Gott geschaffen und lebest in demselben. Auch stehet alle deine Wissenschaft in diesem Gott, und wenn du stirbest, so wirst du in diesem Gott begraben.»

“Thus you see your God, and in Him you live and are. And that same God reigns through you and also reigns over you.” “You are created from this God and live in Him. All your knowledge also resides in this God, and when you die, you will be buried in this God.”

[ 41 ] Das ist die Tiefe, die unzertrennlich ist vom deutschen Gedankenschaffen, und die gesucht werden kann innerhalb des Abendlandes auf den Wegen, die in der Weiterentwicklung der Menschheit unerlässlich sind, dasjenige, was der arische Inder sucht auf Wegen, die nicht mehr die Wege der Gegenwart sein können, die verlassen werden müssen um der Gegenwart willen, was gesucht wird als Erleben des durch die Welt gehenden Göttlich-Geistigen in einem Weltenbilde, das die Sinnlichkeit nicht ausschließt, aber das auch den Geist umfasst und die Sinnlichkeit mit einschließt, ja das die Sinnlichkeit selber als ein Geistiges erkennt.

[ 41 ] This is the depth that is inseparable from German thought, and which can be sought within the Western world along the paths that are indispensable to the further development of humanity—that which the Aryan Indian seeks along paths that can no longer be the paths of the present, which must be abandoned for the sake of the present; what is sought is the experience of the Divine in a worldview that does not exclude sensibility, but which also encompasses the spirit and includes sensibility—indeed, which recognizes sensibility itself as something spiritual.

[ 42 ] So ist das Weltenbild, sehr verehrte Anwesende, so ist das Weltenbild des Deutschen Idealismus auf neuen Wegen des Lebens in dem Göttlich-Geistigen gesucht, aber nicht durch ein Herabdämpfen des Ich, des Selbst, sondern durch ein Herauferkraften, damit das Ich und dasjenige, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchpulst, eins werden können, das heißt sich ineinander erleben können. Und so stellt sich in der Tat dieses Streben nach einem Weltenbilde im Deutschen Idealismus in die ganze neuere Geschichtsentwicklung, insoferne sie geistig ist, der Menschheit hinein und weiß: Weil es sich handelt um ein erlebtes Weltenbild, darum ist der Deutsche so schwer zu verstehen. Denn man müsste sich mit seinem Erleben einen können, man müsste in seiner Ganzheit dasjenige suchen, was er als Ganzheit sucht, und was die anderen doch nur als Einseitigkeiten sehen können.

[ 42 ] Such is the worldview, esteemed audience, such is the worldview of German Idealism, which seeks new paths of life in the Divine-Spiritual, not by suppressing the “I,” the self, but by striving upward, so that the “I” and that which pulses through the world as the divine-spiritual may become one—that is, may experience one another. And so, in fact, this striving for a worldview in German Idealism places itself within the entire recent historical development of humanity—insofar as it is spiritual—and recognizes: Because it is a lived worldview, the German is so difficult to understand. For one would have to identify with his experience; one would have to seek, in its entirety, that which he seeks as a whole, and which others can see only as one-sided aspects.

[ 43 ] Und wenn wir den Blick abwenden nunmehr von dem westlichen und dem mittleren Europa und hinblicken nach dem Osten Europas, so finden wir, wie da auf weiten Gebieten ein Volk lebt, welches vor allen Dingen sich für den Geisteswissenschafter dadurch charakterisiert, dass die Seele überhaupt noch nicht herausgegangen ist, weder zur Empfindungs- noch zur Bewusstseins- noch zur Verstandesseele, dass sie auch nicht erfasst noch dasjenige, was in dem Ich erlebt werden kann, sondern dass sie noch ganz wie ein Äußeres ersehnt und erschauen will dasjenige, was die Welt als deren Wesenheit durchpulst. Es ist das russische Volk. Aber ein sehr Eigentümliches lebt in diesem russischen Volke. Es lebt in diesem russischen Volke, eben weil es nicht wie die westlichen Völker in sich heute schon findet den Quell, aus dem ein Weltenbild entspringen kann, es lebt in diesem russischen Volk die Sehnsucht, ein Weltenbild von außen zu empfangen, aber zu gleicher Zeit wiederum die Ungeneigtheit, dieses Weltenbild vom Westen zu empfangen. Daher tritt uns in der neueren russischen Literatur immer wieder und wiederum die Anschauung entgegen, dass die ganze westliche und mitteleuropäische Kultur verfault, abgestorben sei, und nur aus dem jungen russischen Geistesleben heraus dasjenige als Weltenbild entspringen könne, was die Menschheit erlösen könne. Immer wieder und wiederum tritt es uns entgegen. Ich möchte sagen: Es tritt uns entgegen so, dass man sieht die ungeheure Anmaßung, die darinnen liegt, alles Westliche als etwas Greisenhaftes anzusehen, und die Welt von vorne beginnen zu wollen, aber mit dem Bewusstsein, dass man mit etwas Besserem beginne.

[ 43 ] And when we now turn our gaze away from Western and Central Europe and look toward Eastern Europe, we find that, across vast regions, there lives a people whose defining characteristic—especially for the spiritual scientist—is that the soul has not yet emerged at all, neither as a soul of feeling, nor of consciousness, nor of intellect; that it does not yet grasp what can be experienced in the “I,” but still longs to perceive—as if it were something external—that which pulses through the world as its very essence. This is the Russian people. But something very peculiar lives within this Russian people. It lives within this Russian people precisely because—unlike the Western peoples—it does not yet find within itself the source from which a worldview can spring; within this Russian people lives the longing to receive a worldview from outside, yet at the same time a reluctance to receive this worldview from the West. Consequently, in recent Russian literature we are confronted time and again with the view that the entire Western and Central European culture is decaying, that it is dead, and that only from the young Russian intellectual life can a worldview emerge that is capable of redeeming humanity. We are confronted with this time and again. I would like to say: It confronts us in such a way that one sees the immense arrogance inherent in viewing everything Western as something senile and in wanting to start the world anew—but with the conviction that one is beginning with something better.

[ 44 ] Und so sehen wir denn in russischen Geistern, zum Beispiel in Herzen, wie bei ihm — man lese nur seine Schrift «Vom anderen Ufer» — wie bei ihm auftritt allerdings eine genaue Kenntnis — sagen wir zum Beispiel Hegels, auch der anderen deutschen Errungenschaften in Bezug auf ein idealistisches Weltenbild —, wie er aber ausdrücklich sagt: Mit dem ist alles nichts getan. Das alles steht in der Welt drinnen. Gerade das ist ihm das Unsympathische, dass Hegel findet: Das Wirkliche sei vernünftig. Er findet: Das Wirkliche sei von Grund aus unvernünftig und töricht; und der Russe müsse erst kommen, um der Welt ein Vernünftiges zu bringen. Denn das andere, was man für vernünftig hält in Europa, das sei greisenhaft und zum Absterben reif. «Vom anderen Ufer» nennt er schon sein Buch, weil er sagt, alle diese Geister: Hegel und wie sie heißen, die sind alle drinnen gestanden jenseits des Ufers in einem Treiben, das verschwinden muss, das nur noch die eine Mühe lohnt, vom anderen Ufer aus betrachtet zu werden.

[ 44 ] And so we see in Russian minds—for example, in Herzen—as is evident in his work *From the Other Shore*—that he certainly possesses a precise understanding of, say, Hegel, as well as other German achievements regarding an idealistic worldview; yet, as he explicitly states: That alone is not enough. All of that is contained within the world. It is precisely this—Hegel’s view that the real is rational—that he finds unsympathetic. He maintains that the real is fundamentally irrational and foolish; and that the Russian must first come to bring something rational to the world. For the other things considered rational in Europe, he argues, are senile and ripe for extinction. He has already titled his book *From the Other Shore*, because he says that all these thinkers—Hegel and the like—have all been standing on the other side of the shore, caught up in a frenzy that must disappear, one that is only worth the effort of being viewed from the other shore.

[ 45 ] Aber auf der anderen Seite muss man doch wiederum sagen: Eines wenigstens hat diese russische Volksseele gerade am Ende des neunzehnten Jahrhunderts begriffen, begriffen, indem sie es zugleich verbunden hat mit einer ungeheuren Anmaßung. Gleichsam hat diese russische Volksseele hingeblickt über das Weite Asiens und da gesehen, wie in dem Weiten Asiens lebt etwas, was nun auch zum Untergange reif ist, was befruchtet werden muss von dem Westen. Aber man sah in dem, was befruchten müsse, eben das russische Element. Und das kommt ganz besonders zum Ausdruck in einem Buche, das 1885 von Jushakow erschienen ist. Ein interessantes Buch, ein recht interessantes Buch. Betrachten wir zuerst den positiven Teil; denn es ist interessant, einmal das Weltenbild des Deutschen Idealismus — ich möchte sagen — rein auf sich wirken zu lassen. Wenn man es in sich fasst, so kann man sagen: Durch die Art und Weise, wie der Deutsche in diesem Idealismus sich ein Weltenbild sucht, schafft er in der neueren Zeit dasjenige, was für Urzeiten der Panasiatismus geschaffen hat, was in Asien zum Ausdruck gekommen ist, aber auf einer früheren Stufe der Menschheit.

[ 45 ] But on the other hand, one must also say: There is at least one thing that the Russian national soul grasped precisely at the end of the nineteenth century—and it grasped it while at the same time associating it with an immense presumption. As it were, this Russian national soul looked out across the vast expanse of Asia and saw there something that was now ripe for decline, something that needed to be fertilized by the West. But what was seen as the source of that fertilization was precisely the Russian element. And this is expressed most clearly in a book published by Yushakov in 1885. An interesting book, a truly interesting book. Let us first consider the positive aspect; for it is interesting to allow the worldview of German Idealism—I might say—to take effect on its own. If one takes it in, one can say: Through the way in which the German seeks a worldview within this idealism, he creates in modern times what Pan-Asianism created in ancient times—what found expression in Asia, but at an earlier stage of human development.

[ 46 ] Wie sieht der Russe Jushakow die Sache? Nun, er findet natürlich zunächst eine russische Sendung, Russizismus hineinzutragen nach ganz Asien. Da sagt er: Nun ja, in Asien hat man gesehen, wie im Laufe langer Zeiten gleichsam sich gegenübergestanden haben zwei geistige Kräfte. Und die alten Iranier — sagt er, Jushakow — haben ganz richtig gesehen diese zwei einander gegenüberstehenden geistigen Kräfte als Ahriman und Ormuzd, in den Iraniern, Persern, Indern und so weiter — Ahriman und Ormuzd. In den Iraniern habe vorzugsweise Ormuzd gewirkt, Ormuzd so gewirkt, dass versucht wurde, aus der Natur alles dasjenige herauszubringen, was zum Heil der Menschen ausschlagen könnte. Reich, reich hätte die Arbeit an der Natur den Menschen machen können, wenn nicht der frühere asiatische Geist von vornherein durch sein Herabdämpfen des Ichs dazu verurteilt gewesen wäre, eben nicht eine gewisse Höhe, sondern eine Art Traumdasein erreichen zu können. Aber glücklich, glücklich waren in einer gewissen Weise diese unter der Führung des Ormuzd stehenden Iranier. Da kam der turanische Geist unter der Führung des Ahriman, der alles verwüstete. Die Russen — so sagt Jushakow — sind dazu berufen, Gleichgewicht wieder herzustellen zwischen Ormuzd und Ahriman in Asien, in ganz Asien, denn ganz Asien muss überflutet und durchwellt werden von der Art und Weise, wie zwischen Ormuzd und Ahriman vom russischen Geistesleben aus Ordnung und Harmonie geschaffen werden kann. Denn was haben denn bisher die Europäer in Asien getan? Was haben sie getan, sodass es den Abscheu gerade der Russen erregen muss, sodass es den Russen zeigen kann, wie sie in allem anders sein müssen in Bezug auf alles dasjenige, was sie vollbringen. Was haben diese Europäer getan? Sie haben im Laufe der Jahrhunderte entdeckt, dass unter der Anregung der Ormuzd-Kraft die Asiaten viel, viel materielle Güter produzierten. Sie haben sich darauf eingelassen, den Asiaten abzujagen dasjenige, was sie unter dem heilsamen Ormuzd sich erarbeitet haben — so sagt der Russe; die Russen müssen kommen und müssen sich in Asien nun mit den Asiaten verbinden nicht aus Selbstsucht, sondern aus Liebe, und sie müssen den Asiaten helfen, Ahriman zu besiegen. Und nun führt er des Weiteren aus, wie Russland die Aufgabe habe, aus selbstloser Hingabe an die asiatischen Völker und aus selbstlosem Zusammenleben mit den asiatischen Völkern die Asiaten von Ahriman zu befreien; während die Europäer bisher nur das ihnen weggenommen haben, was sie unter dem heilbringenden Ormuzd sich erarbeitet haben.

[ 46 ] How does the Russian Yushakov view the matter? Well, naturally, his first instinct is to use a Russian program to spread Russification throughout all of Asia. So he says: Well, in Asia, people have observed how, over the course of a long period of time, two spiritual forces have, as it were, stood in opposition to one another. And the ancient Iranians—he says, Yushakov — quite correctly perceived these two opposing spiritual forces as Ahriman and Ormuzd, in the Iranians, Persians, Indians, and so on—Ahriman and Ormuzd. Ormuzd is said to have been the predominant force among the Iranians, working in such a way that they sought to draw from nature everything that might contribute to the well-being of humanity. How rich, how rich the work on nature could have been for humankind, had the earlier Asian spirit not been condemned from the outset, through its suppression of the “I,” to attain not a certain height but rather a kind of dreamlike existence. But happy, happy in a certain way were these Iranians under the guidance of Ormuzd. Then came the Turanian spirit under the leadership of Ahriman, who laid waste to everything. The Russians—so says Yushakov—are called upon to restore balance between Ormuzd and Ahriman in Asia, throughout all of Asia, for all of Asia must be flooded and permeated by the way in which order and harmony can be created between Ormuzd and Ahriman through Russian spiritual life. For what have the Europeans done in Asia so far? What have they done that is bound to arouse the revulsion of the Russians in particular, that can show the Russians how they must be different in everything they do? What have these Europeans done? Over the centuries, they have discovered that, under the influence of the Ormuzd force, the Asians produced vast quantities of material goods. They have set out to take away from the Asians what they have earned under the healing influence of Ormuzd—so says the Russian; the Russians must come and must now unite with the Asians in Asia, not out of selfishness but out of love, and they must help the Asians defeat Ahriman. And now he goes on to explain how Russia has the task, through selfless devotion to the Asian peoples and selfless coexistence with them, of liberating the Asians from Ahriman; whereas the Europeans have so far only taken away from them what they had earned under the salvific Ormuzd.

[ 47 ] Und da ist es recht charakteristisch, in welchem europäischen Volke der Russe Jushakow findet, dass dieses europäische Volk vorzugsweise den Asiaten abgejagt habe die Ormuzd-Güter, und von welchem europäischen Volke der Russe Jushakow vorzugsweise glaubt, dass es gründlich und energisch bekämpft werden müsse vom Russentum. Die Diebe an der Ormuzd-Kultur des Asiatentums nennt der Russe Jushakow — die Engländer nämlich! Es ist das, denke ich, heute ganz besonders interessant in unserer Zeit, weil wir ja einen merkwürdigen Zusammenhang in diesem Bündnis zwischen Russentum und Engländertum finden werden. 1885 — wie gesagt — schreibt Jushakow in seinem Buche «Der englisch-russische Konflikt»: Ach, diese armen asiatischen Völker, was sind sie geworden durch die Engländer! Diese Engländer haben diese armen asiatischen Völker so behandelt, als ob diese asiatischen Volker zu nichts da seien, als

[ 47 ] And it is quite telling which European people the Russian Yushakov identifies as having primarily driven the Asians from the Ormuzd estates, and which European people the Russian Yushakov primarily believes must be thoroughly and vigorously combated by Russia. The Russian Yushakov calls the thieves of the Ormuzd culture of Asian civilization—namely, the English! This, I think, is particularly interesting today, in our time, because we will indeed find a curious connection in this alliance between Russia and England. In 1885—as I said—Yushakov wrote in his book *The Anglo-Russian Conflict*: “Oh, these poor Asian peoples, what have the English done to them! These English have treated these poor Asian peoples as if they were good for nothing, as”

«sich in englische Gewebe zu kleiden, untereinander mit englischen Waffen zu kämpfen, mit englischen Werkzeugen zu arbeiten, aus englischen Gefässen zu essen und mit englischem Flitter zu spielen.»

“to dress in English fabrics, to fight one another with English weapons, to work with English tools, to eat from English dishes, and to play with English tinsel.”

[ 48 ] Und weiter sagt er:

[ 48 ] And he goes on to say:

«England beutet Millionen von Hindus aus, seine ganze Existenz aber hängt von dem Gehorsam der verschiedenen Völker ab, von denen die reiche Halbinsel bewohnt wird; ich wünsche meinem Vaterlande nichts Ähnliches- ich kann mich nur freuen, dass es von diesem so glänzenden wie traurigen Zustand hinlänglich weit entfernt ist.»

“England exploits millions of Hindus, yet its very existence depends on the obedience of the various peoples who inhabit the rich peninsula; I wish nothing of the sort for my homeland—I can only rejoice that it is sufficiently far removed from this state of affairs, which is as brilliant as it is sad.”

[ 49 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, welch merkwürdige Zustände — möchte ich sagen — in dem russischen Weltbild dadurch entstehen, dass dieses russische Weltbild noch Zukunft ist, und wirklich Unbändigkeit neben — ich möchte sagen — absoluter Passivität in sich hat. Dadurch entstehen alle die grotesken Widersprüche, die uns entgegentreten, wenn wir uns auf dieses russische Weltenbild einlassen. Und dennoch, immer wieder und wieder tritt uns im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis in das zwanzigste Jahrhundert herein, tritt uns das entgegen, dass von hervorragenden russischen Geistern dasjenige, was wir charakterisieren konnten, und was wir ja zu charakterisieren brauchten, wirklich in dem wir die Tatsachen hinstellen — und ich habe eigentlich nur Tatsachen versucht hinzustellen, um das idealistische Weltenbild des Deutschen zu charakterisieren —, dass dieses idealistische Weltenbild als etwas Greisenhaftes hingestellt wird, als etwas, was überwuchert werden müsse durch dasjenige, was von Russland ausgeht. Und gerade am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, es ist nicht allein das Testament Peters des Großen auf politischem Gebiet — wer meine Schrift in die Hand nimmt «Gedanken während der Zeit des Krieges», wird sehen, wie in den hervorragendsten russischen Geistern lebte diese Überzeugung, dass das Russentum sich ausdehnen müsse nach dem Westen hin.

[ 49 ] Well, distinguished guests, what strange circumstances—I might say—arise in the Russian worldview from the fact that this Russian worldview is still in the future, and truly embodies both unbridled energy and—I might say—absolute passivity. This gives rise to all the grotesque contradictions we encounter when we engage with this Russian worldview. And yet, time and again throughout the nineteenth century and well into the twentieth, we are confronted with the fact that, among outstanding Russian minds, what we were able to characterize, and which we indeed needed to characterize—by presenting the facts—and I have actually tried only to present facts in order to characterize the German idealistic worldview—that this idealistic worldview is portrayed as something senile, as something that must be overgrown by that which emanates from Russia. And precisely at the end of the nineteenth century—it is not merely the political legacy of Peter the Great—anyone who picks up my work *Thoughts During the Time of War* will see how, among the most outstanding Russian minds, there lived this conviction that Russian culture must expand westward.

[ 50 ] Man war bald abgekommen von dem panasiatischen Traum, und der europäische Traum entstand von dem Heil, das die greisenhafte westeuropäische und mitteleuropäische Kultur erfahren müsste, nachdem die Russen Konstantinopel erobert, Österreich vernichtet, Deutschland vernichtet und so weiter haben. Nur tief einsichtige Russen selber waren es, welche durchschauten, um was es sich dabei eigentlich handelt. Und ich kann nicht unterlassen, gerade dasjenige, was ein einsichtiger Russe, Solowjow, über diese Anmaßung des Russentuns von seinem russischen Standpunkt aus sagte, anzuführen. Solowjow will widerlegen einen solchen Geist, den Danilewski, welcher so recht hingewiesen hat darauf, wie das Europäertum ausgerottet werden müsse mit Stumpf und Stil und durch das Russische ersetzt werden. Und Solowjow erwidert darauf. Danilewski hat nämlich zutage gefördert die Redensart

[ 50 ] People soon abandoned the Pan-Asian dream, and the European dream emerged—a vision of the salvation that the senile Western and Central European cultures would need to experience after the Russians had conquered Constantinople, destroyed Austria, destroyed Germany, and so on. Only the deeply perceptive Russians themselves saw through what this was really all about. And I cannot refrain from quoting precisely what one such perceptive Russian, Soloviev, said from his Russian perspective about this presumption of Russian action. Soloviev seeks to refute a mindset like that of Danilevsky, who so rightly pointed out how Europeanism must be eradicated root and branch and replaced by Russian culture. And Soloviev responds to this. For Danilevsky brought to light the saying

«Warum liebt uns Europa nicht?»

“Why Doesn’t Europe Love Us?”

[ 51 ] Und Solowjow antwortet darauf.

[ 51 ] And Soloviev responds to this.

«Europa»,

“Europe,”

[ 52 ] so meint Danilewski,

[ 52 ] According to Danilewski,

«fürchtet uns als den neuen und höheren Kulturtypus, welcher berufen ist, die Greisenhaftigkeit der romanisch-germanischen Zivilisation zu ersetzen.»

«Dennoch»

“Fear us as the new and superior cultural type, destined to replace the senility of Roman-Germanic civilization.”

“Nevertheless”

[ 53 ] so schreibt Solowjow,

[ 53 ] as Solovyov writes,

«führen sowohl der Inhalt des Buches Danilewskis wie auch seine späteren Zugeständnisse und diejenigen seines gleichgesinnten Freundes»

“both the content of Danilewski’s book and his later admissions, as well as those of his like-minded friend”

[ 54 ] Solowjow meint Strachow —

[ 54 ] Soloviev refers to Strakhov —

«auf eine andere Antwort.»

“for a different answer.”

[ 55 ] Und jetzt gibt Solowjow seine Antwort aus dem, was er die russische Seele nennt, heraus:

[ 55 ] And now Soloviev offers his answer based on what he calls the Russian soul:

«Europa blickt gegnerisch»

“Europe Looks Hostile”

[ 56 ] sagt Solowjow

[ 56 ] says Soloviev

«und mit Befürchtung auf uns, weil im russischen Volke dunkle und unklare elementarische Gewalten leben, weil dessen geistige und Kulturkräfte ärmlich und ungenügend sind, dafür aber seine Ansprüche offenbar und scharf bestimmt zutage treten. Gewaltig tönen nach Europa hinaus die Rufe von dem, was das russische Volk als Nation wolle, dass es die Türkei und Österreich vernichten wolle, Deutschland schlagen, Konstantinopel und, wenn möglich, auch Indien an sich reißen wolle. Und wenn man uns fragt, womit wir anstelle des an uns Gerissenen und Zerstörten die Menschheit beglücken wollen, welche geistige und Kulturverjüngung wir in die Weltentwicklung bringen wollen, dann müssen wir entweder schweigen oder sinnlose Phrasen schwätzen. Und wenn das bittere Geständnis Danilewskis gerecht ist, dass Russland krank zu werden beginnt, dann müssten wir uns, statt mit der Frage «Warum liebt uns Europa nicht? vielmehr mit einer anderen beschäftigen, einer uns näher liegenden und wichtigeren Frage: «Warum und weshalb sind wir krank?»

“and with fear toward us, because dark and obscure elemental forces dwell within the Russian people, because their intellectual and cultural powers are meager and insufficient, yet their demands are clearly and sharply defined. The cries of what the Russian people want as a nation resound powerfully throughout Europe—that they want to destroy Turkey and Austria, defeat Germany, and seize Constantinople and, if possible, India as well. And when we are asked what we intend to offer humanity in place of what has been snatched from us and destroyed—what intellectual and cultural renewal we intend to bring to the development of the world—then we must either remain silent or spout meaningless platitudes. And if Danilevsky’s bitter admission—that Russia is beginning to fall ill—is true, then instead of asking, “Why doesn’t Europe love us?” we should rather concern ourselves with another question, one closer to home and more important: “Why and for what reason are we ill?”

[ 57 ] Und nun beantwortet Solowjow die Frage, warum Russland krank sei. Und aus der Antwort, die er gibt, kann man wohl erkennen, denke ich, sehr verehrte Anwesende, dass er über die Heilung dieser Krankheit anders denkt als diejenigen, die jetzt Russland gegen Europa führen, die da glauben, dass das kranke Russland dadurch gesund werden solle, dass es die zerfressene Kultur von Mitteleuropa in Grund und Boden stampft. Solowjow aber sagt:

[ 57 ] And now Soloviev answers the question of why Russia is sick. And from the answer he gives, I think it is clear, distinguished audience, that his views on curing this illness differ from those who are now leading Russia against Europe—those who believe that ailing Russia should be healed by utterly crushing the decaying culture of Central Europe. Soloviev, however, says:

«Physisch ist Russland noch ziemlich stark, wie es sich in dem letzten russischen Kriege gezeigt hat»

“Physically, Russia is still quite strong, as was evident in the last Russian war”

[ 58 ] das ist der Krieg in den Siebzigerjahren

[ 58 ] That's the war in the 1970s

«also ist unser Leiden ein sittliches. Auf uns lasten, dem Worte eines alten Schriftstellers gemäß, die im Volkscharakter verborgenen und uns nicht zum Bewusstsein kommenden Sünden — und so ist es vor allem nötig, diese in das Licht des hellen Bewusstseins heraufzubringen. Solange wir geistig gebunden und paralysiert sind, müssen uns alle unsere elementarischen Instinkte nur zum Schaden gereichen. Die wesentliche, ja die einzig wesentliche Frage für den wahren Patriotismus ist nicht die Frage über die Kraft und über die Berufung, sondern über die Sünden Russlands.»

“Thus, our suffering is a moral one. According to the words of an ancient writer, we are burdened by the sins hidden in the national character—sins of which we are not even aware—and so it is, above all, necessary to bring these into the light of clear consciousness. As long as we remain spiritually bound and paralyzed, all our elemental instincts can only serve to harm us. The essential—indeed, the only essential—question for true patriotism is not one of strength or calling, but of Russia’s sins.”

[ 59 ] Und Solowjow hat ja selber versucht, so viel — so viel als nur geht — aufzunehmen in sein Denken von der westeuropäischen, von der mitteleuropäischen Kultur namentlich. Und es zu verbinden mit dem, was das russische Volk als aus seinem orthodoxen Glauben heraus hat. Dadurch ist gerade Solowjow groß.

[ 59 ] And Soloviev himself tried to incorporate as much—as much as possible—into his thinking from Western European and, in particular, Central European culture. And to combine it with what the Russian people have derived from their Orthodox faith. That is precisely what makes Soloviev great.

[ 60 ] Aber bedeutend ist er auch noch durch etwas anderes geworden. Wir haben ja aufleben sehen — ich möchte sagen, schon als in Mitteleuropa die große Zeit des Deutschen Idealismus zunächst wie in eine Art von Traum verfiel, aber deshalb nicht weniger fortlebte —, wir haben aufleben sehen dort auch ein geistiges Slawophilentum, das heute zu einer Art geistigem Panslawismus geworden ist. Da hat man versucht, geradezu mit wissenschaftlichen Weltanschauungsgedanken zu rechtfertigen, dass russischer Geist über Europa kommen müsse. Solowjow hat sich das angeschaut, hat sich wirklich vertieft in die Werke derjenigen, welche ganz originell sein wollten, indem sie zeigten das Wesen des russischen Weltbildes, wie es über Europa kommen müsse. Und was hat Solowjow gefunden? Er hat sehr merkwürdigerweise überall nur westeuropäische Gedanken, und zwar nicht gerade die besten, gefunden, diejenigen westeuropäischen Gedanken, die als kleine Gedanken aus den großen Gedanken vom Weltenbilde des Deutschen Idealismus abgeleitet waren. Die haben sich hineinverwoben, und aus denen haben sie gerechtfertigt ihr geistiges Slawophilentum.

[ 60 ] But it has also gained significance for another reason. We have, after all, witnessed the resurgence—I would say, even as the golden age of German Idealism in Central Europe initially seemed to fade into a sort of dream, though it continued to live on nonetheless—we have witnessed the resurgence there of an intellectual Slavophilism that has today become a kind of intellectual Pan-Slavism. There, attempts were made to justify—using nothing less than scientific worldview concepts—the idea that the Russian spirit must come to Europe. Soloviev examined this; he truly immersed himself in the works of those who sought to be entirely original by revealing the essence of the Russian worldview as it was to come to Europe. And what did Soloviev find? Strangely enough, he found nothing but Western European ideas everywhere—and not exactly the best ones at that—namely, those Western European ideas that were derived as minor ideas from the grand ideas of the worldview of German Idealism. These had become interwoven into the work, and it was from them that they derived the justification for their intellectual Slavophilism.

[ 61 ] Eine sehr charakteristische Erscheinung. sehr charakteristisch dadurch, dass in der Wirklichkeit doch dasjenige geschieht, was geschehen muss, dass wirken müssen diejenigen Kräfte, die aus der welthistorischen Sendung des deutschen Volkes kommen, dass man diese braucht innerhalb der Weltbilder der anderen Völker.

[ 61 ] A very characteristic phenomenon—characteristic in that, in reality, what must happen does happen; the forces stemming from the German people’s mission in world history must come into play; and these forces are needed within the worldviews of other nations.

[ 62 ] Das versuchte ich namentlich, sehr verehrte Anwesende, heute vor ihre Seele hinzustellen, dass man dieses Weltenbild des deutschen Idealismus, das lebt innerhalb des deutschen Volkstumes und das berufen ist, noch lange in der Weltenentwicklung Größeres und Größeres für die Gesamtmenschheit aus dem deutschen Volkstum hervorzubringen, dass man dieses Weltenbild des Deutschen Idealismus nur objektiv anzuschauen braucht, und gar nicht sich so hinzustellen braucht, wie es unsere Feinde jetzt tun, um zu rechtfertigen ihr Vorgehen, ihren Hass gegenüber dem, was der Deutsche auch auf geistigem Gebiet hervorgebracht hat. Allerdings konnte ja dieser Deutsche niemals umhin, objektiv hinzuschauen auf dasjenige, wie die anderen geistigen Kräfte der anderen Völker sich doch gegenüber den deutschen ausnehmen. Der Deutsche hat ja immer mehr dasjenige, was er sein Deutschtum nennt, als eine Pflicht im Auge, während die anderen Völker wirklich eigentlich gar nicht das verstehen, was der Deutsche unter seinem nationalen Prinzip eigentlich meint.

[ 62 ] What I have specifically sought to present to your minds today, esteemed audience, is that this worldview of German idealism—which lives within the German national character and is destined, for a long time to come in the course of world history, to bring forth ever greater contributions for all of humanity from the German national character—requires only an objective examination, and there is certainly no need to adopt the stance that our enemies now take in order to justify their actions and their hatred toward what the Germans have produced, even in the spiritual realm. Admittedly, the German has never been able to avoid taking an objective look at how the spiritual forces of other nations compare to those of Germany. The German has, after all, increasingly regarded what he calls his “Germanness” as a duty, whereas other nations do not really understand at all what the German actually means by his national principle.

[ 63 ] Carneri, ein bedeutender oder vielleicht sogar der bedeutendste österreichische Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts, Carneri — der wunderbare Mann, der aus einem kranken Körper heraus auch auf Grundlage des Darwinismus Weltanschauungsgedanken zu fassen versuchte, aber reine, edle, ethische Gedanken aufbaute auf der Grundlage dieses Darwinismus, der deutsch vertiefte diesen Darwinismus —, Carneri vertieft sich nun auch in eine Betrachtung der verschiedenen Volksseelen der europäischen Völker. Und bei einem solchen Geiste, der nicht aus der Leidenschaft heraus, sondern aus der Erkenntnis heraus spricht, kann man schon sehen, dass dasjenige, was die Geisteswissenschaft aus ihrer Erkenntnis heraus schafft über die verschiedenen Volksseelen, instinktiv schon anerkannt worden ist.

[ 63 ] Carneri, a significant—or perhaps even the most significant—Austrian philosopher of the nineteenth century, Carneri—that remarkable man who, despite a frail body, sought to formulate philosophical ideas based on Darwinism, yet built pure, noble, ethical ideas upon that very Darwinism, which he explored in depth from a German perspective— Carneri now also delves into a consideration of the various national souls of the European peoples. And with such a mind, which speaks not out of passion but out of insight, one can already see that what spiritual science creates from its own insight regarding the various national souls has already been instinctively recognized.

[ 64 ] Dasjenige, was im englischen Pragmatismus als Wahrheitsbegriff herausgekommen ist, dass man die Wahrheit eigentlich nur brauchen solle, um sich in der Welt zurechtzufinden — Carneri sagt, indem er noch nicht das Wort «Pragmatismus» braucht, das ist ja erst in allerneuester Zeit geprägt worden: Die Engländer sind gewiss sehr vielfach voraus: Sie sind praktisch, praktisch. Ins Praktische hinein wissen sie alles zu führen, was sie nur erdenken können, was sie schaffen und erfinden können. Aber sie sind so praktisch, dass ihre Praxis es sogar dahin gebracht hat — Carneri sagt es, wie gesagt, aus einer tiefen Erkenntnis heraus —, dass ihnen die Einsicht, dass sie den größten Dramatiker aller Zeiten, Shakespeare, hervorgebracht haben, erst von den Deutschen beigebracht werden musste. — Das ist durchaus so. Denn derjenige, der die Geschichte der Anerkennung Shakespeares einmal schreiben muss, wird eine Geschichte, ein Kapitel der Geschichte deutschen Geisteslebens, nicht des englischen Geisteslebens zu schreiben haben. Aus der Tiefe des idealistischen deutschen Weltenbildes ist Shakespeare erst erkannt worden. Und Shakespeare ist eigentlich heimatlos in dem heutigen England.

[ 64 ] What has emerged in English pragmatism as the concept of truth—that truth should really only be used to find one’s way in the world—Carneri says, without yet using the word “pragmatism,” which, after all, was coined only very recently: The English are certainly ahead in many ways: They are practical, practical. They know how to apply practically everything they can conceive, create, and invent. But they are so practical that their practicality has even led—as Carneri says, as mentioned, out of deep insight—to the point where the realization that they produced the greatest playwright of all time, Shakespeare, had to be taught to them by the Germans. — That is certainly the case. For whoever must one day write the history of Shakespeare’s recognition will have to write a story—a chapter in the history of German intellectual life, not English intellectual life. It was only from the depths of the idealistic German worldview that Shakespeare was truly recognized. And Shakespeare is, in fact, homeless in today’s England.

[ 65 ] Wir brauchen nicht in der Art zu reden, wie etwa französische Philosophen oder wie Engländer heute über deutsches Wesen sprechen. Wir können einfach auf dasjenige, was ist, hinweisen. Aber indem wir auf das hinweisen, sind wir uns dessen bewusst, dass es die Kraft ist, die wirken muss, wirken muss, wenn sich der große Weltenkonflikt entschieden haben wird, der jetzt die Menschheit vor die größte Aufgabe stellt, die je einmal gestellt worden ist. sehr verehrte Anwesende, über dasjenige, was zunächst zu geschehen hat, entscheiden die Waffen, entscheiden andere Verhältnisse, nicht das Wort. Aber es gibt auch etwas zu entscheiden, das langsam und allmählich erst entschieden werden wird: Das ist das vollwertige Eindringen des deutschen Geistes in die Gesamtentwicklung der Menschheit. Und gewiss, mir kann es nicht obliegen in dieser Betrachtung, auf die nähere Kriegsursache oder dergleichen hinzuweisen. Aber mit dem Bewusstsein, das in uns leben muss in dieser Zeit, hängt sicherlich doch auch dasjenige zusammen — und darf zusammenhängen —, was wir nennen können: ein Versenken in die eigene Wesenheit des deutschen Volkes und das, was im deutschen Volke fortwirken muss, fortleben muss, und worauf wir vertrauen müssen.

[ 65 ] We do not need to speak in the same way that, for example, French philosophers or the English today speak about the German character. We can simply point to what is. But in pointing this out, we are aware that it is the force that must act—must act—once the great world conflict, which now confronts humanity with the greatest task it has ever faced, has been resolved. Ladies and gentlemen, what must happen first will be decided by weapons, by other circumstances—not by words. But there is also something to be decided that will only be decided slowly and gradually: namely, the full-fledged penetration of the German spirit into the overall development of humanity. And certainly, it is not my place in this reflection to point to the immediate causes of the war or the like. But what we might call an immersion in the very essence of the German people—and that which must continue to work within the German people, must live on, and in which we must place our trust—is certainly connected to the consciousness that must live within us at this time—and must be connected to it.

[ 66 ] Die äußere Lage, wie steht sie denn vor uns? Ja, eigentlich in höchst eigentümlicher Weise. Es ist wunderbar, dass man diesen Gedanken so wenig fasst — nicht bei uns, aber bei unseren Feinden. Haben denn diese Feinde wirklich nötig, deutsches Wesen so zu hassen? Nimmt ihnen denn — wenn man die Frage so auffassen darf dieses deutsche Wesen gar so viel weg von der Fläche der Welt? Zahlen antworten da auch: 68 Millionen Quadrat-Kilometer besitzen die Mächte der Entente von der Erde; 6 Millionen Quadrat-Kilometer dagegen die Mächte Mitteleuropas! 68 Millionen Quadrat-Kilometer gegen 6 Millionen Quadrat-Kilometer. 150 Millionen Einwohner haben die Mächte Mitteleuropas; 777 Millionen die Mächte der Entente! Man sollte doch auch darüber einmal außerhalb der Grenzen Mitteleuropas nachdenken, was es dieser Tatsache gegenüber heißt, dass 777 Millionen Menschen gegen 150 Millionen Menschen sich stellen und sie nicht im offenen Kampfe besiegen wollen, sondern sie rings herum einschließend sie aushungern wollen. Das ist der bessere Teil der Tapferkeit! Aber auf solche Dinge aufmerksam machen so ohne Weiteres — es ist begreiflich, dass man das nicht liebt, und dass man lieben kann dagegen die Verdächtigungen und Verleumdungen desjenigen auch, was die Deutschen geistig nicht nur geleistet haben, sondern sind, weil das Geleistete es zeigen kann jedem, der nur will es gezeigt haben.

[ 66 ] What, then, is the external situation as it stands before us? Indeed, in a most peculiar way. It is remarkable how little this idea is grasped—not by us, but by our enemies. Do these enemies really have any reason to hate the German spirit so much? Does this German essence—if one may frame the question this way—really take so much away from the world’s surface? The numbers speak for themselves: the Entente powers possess 68 million square kilometers of the Earth’s surface; the powers of Central Europe, by contrast, possess 6 million square kilometers! 68 million square kilometers versus 6 million square kilometers. The powers of Central Europe have 150 million inhabitants; the Entente powers have 777 million! One should also reflect on this once in a while from outside the borders of Central Europe: what does it mean, in light of this fact, that 777 million people are pitted against 150 million people—not seeking to defeat them in open battle, but rather to encircle them and starve them out? That is the nobler form of bravery! But to draw attention to such matters so casually—it is understandable that people do not like this, and that they may instead favor the suspicions and slanders directed even at what the Germans have not only achieved intellectually but are, because their achievements can demonstrate this to anyone who is willing to see it.

[ 67 ] Allerdings, man wird schon einmal leichter fertig, wenn man das deutsche Wesen so betrachtet, wie wiederum ein Franzose, der zum Beispiel findet — das hat er auch seinen Parisern vorgeredet —, ein Franzose, derselbe Franzose übrigens, der zuerst von der tiefen Freundschaft des deutschen Wesens und des französischen Wesens gesprochen hat hier in Deutschland, als er herumgezogen ist: Schon an manchen Erscheinungen der deutschen Sprache, so sagt er, kann man zum Beispiel sehen, wie die edlere Seite des Menschheitsideales die Deutschen in ihrem Weltenbilde gar nicht haben können, weil sie nicht Worte dafür haben. Die Deutschen haben zum Beispiel kein Wort für ‹Generosität›; also haben sie diese schöne Eigenschaft überhaupt nicht. Die Franzosen haben dafür kein Wort für ‹Schadenfreude›, wofür die Deutschen das oft gebrauchte Wort «Schadenfreude haben. Also haben die Deutschen Schadenfreude in ihren Weltempfindungen, die Franzosen Generosität!

[ 67 ] Admittedly, it is easier to come to terms with this if one views the German character as a Frenchman does—one who, for example, believes—and he has also convinced his fellow Parisians of this—a Frenchman, the very same Frenchman, incidentally, who was the first to speak of the deep friendship between the German and French characters here in Germany as he traveled around: Even in certain features of the German language, he says, one can see, for example, how the Germans cannot possibly have the nobler side of the ideal of humanity in their worldview, because they have no words for it. For example, the Germans have no word for “generosity”; therefore, they do not possess this fine quality at all. The French, on the other hand, have no word for “Schadenfreude,” for which the Germans have the frequently used term “Schadenfreude.” Thus, the Germans have Schadenfreude in their worldview, while the French have generosity!

[ 68 ] Man wird einmal erkennen, sehr verehrte Anwesende, dass man manches zu übertünchen und zu überträumen hat, weil man nicht sich so stellen kann heute zu dieser mitteleuropäischen Geisteskultur, dass man, wenn man sich stellt, wie man sich stellen sollte, noch einigermaßen als ein vor sich selbst gerechtfertigter Mensch erscheinen könnte. Man braucht auf diesem Gebiet etwas anderes als Objektivität und Wahrheit, wenn man die Deutschen heute vom Auslande her charakterisieren will. Ein weiterer Franzose, Ernest Renan, hat es ja allerdings einmal zustande gebracht — gerade sogar während des Deutsch-Französischen Krieges im Jahre 1870 zustande gebracht — zu sagen: Als er die deutsche Literatur, als er das deutsche Geistesleben in der Zeit Herders und Goethes kennenlernte, da war es ihm, wie wenn er in einen Tempel getreten wäre. Und ihm kam vor dasjenige, was er früher gekannt hat, nur wie abgebrauchte Papierschnitzel gegenüber dem inneren Goldwerte, gegenüber demjenigen, was das deutsche Geistesleben als ein Weltenbild zur Zeit seines höchsten Idealismus hervorgebracht hat. Aber derselbe Franzose, entschließt er sich nun, seine Franzosen zu mahnen in derselben Zeit, ein solches Verhältnis in Europa herzustellen, dass es dem von ihm selbst zugestandenen Wert des deutschen Wesens entspricht? Nein, da sagt er, Ernest Renan — der da sagt, dass dasjenige, was die übrige europäische Menschheit gegenüber dem deutschen Geistesleben geleistet hat, so ist wie die elementare Mathematik zum DifferentialKalkül —, der sagt:

[ 68 ] One will come to realize, distinguished audience, that there are many things one must gloss over and gloss past, because one cannot present oneself today in relation to this Central European intellectual culture in such a way that, if one were to present oneself as one ought, one could still appear, to some extent, as a person justified in one’s own eyes. In this realm, one needs something other than objectivity and truth if one wishes to characterize the Germans today from an international perspective. Another Frenchman, Ernest Renan, did indeed once manage—indeed, even during the Franco-Prussian War of 1870—to say: When he became acquainted with German literature and German intellectual life in the age of Herder and Goethe, it was as if he had entered a temple. And to him, what he had known before seemed like nothing more than worn-out scraps of paper compared to the inner golden value—to what German intellectual life had produced as a worldview during the height of its idealism. But does this same Frenchman, he now asks himself, resolve to urge his fellow Frenchmen at the same time to establish such a relationship in Europe that it corresponds to the value of the German spirit that he himself acknowledges? No, says Ernest Renan—the man who claims that what the rest of European humanity has achieved in comparison to German intellectual life is like elementary mathematics compared to differential calculus—he says:

«Die Stunde ist feierlich. Es gibt in Frankreich zwei Strömungen der Meinungen. Die einen urteilen so: «Machen wir diesem verhassten Handel so rasch wie möglich ein Ende; treten wir alles ab, Elsass, Lothringen; unterzeichnen wir den Frieden; dann aber Hass auf den Tod, Vorbereitungen ohne Rast, Alliance mit wem es sich trifft, unbegrenzte Nachgiebigkeit gegen alle russischen Anmaßungen; ein einziges Ziel, eine einzige Triebfeder für das Leben: Vertilgungskampf gegen die germanische Rassch»

“This is a solemn moment. There are two schools of thought in France. Some argue as follows: ‘Let us put an end to this hated conflict as quickly as possible; let us cede everything—Alsace, Lorraine— let us sign the peace treaty; but then—hatred to the death, tireless preparations, alliances with whoever we can, unlimited concessions against all Russian arrogance; a single goal, a single driving force in life: the struggle for annihilation against the Germanic race.”

[ 69 ] Diese Strömung in Frankreich hat gesiegt. Nichts anderes wird man sagen können, als dass diese Strömung in Frankreich gesiegt hat. Aber wenn man dabei eine Vorstellung hat von dem, was man eigentlich mitvertilgen will, wenn man der germanischen Rasse — man meint ja eigentlich nur das deutsche Volk — den Untergang schwört, dann darf man sich das nicht gestehen. Und das dürfen sich diese einzelnen Völker überhaupt nicht gestehen. Sie dürfen in der Gegenwart gar nicht daran denken, was etwa leben könnte im deutschen Volkstume als Seele dieses Volkstums aus dem Wesen heraus, aus dem zum Beispiel die Hochblüte des deutschen Weltbildes des Idealismus entstanden ist. Sie dürfen es sich nicht gestehen. Daher müssen sie es übertünchen mit etwas anderem. Und mit was? Zum Beispiel Russland muss es übertünchen mit einer Mission — selbstverständlich mit der Mission: Europa zu verjüngen. Die Franzosen — einer ihrer neueren Dichter hat ja die Franzosen, seine eigenen Franzosen, einmal charakterisiert, indem er darauf hingewiesen hat, wie der Hahn, der am Morgen kräht, wenn die Sonne aufgeht, sich bewusst wird, dass ein Zusammenhang besteht zwischen seinem Krähen und dem Aufgang der Sonne. Da bildet er sich ein: Wenn ich nicht krähe, kann die Sonne nicht aufgehen.

[ 69 ] This movement has triumphed in France. One can say nothing other than that this movement has triumphed in France. But if one has any idea of what one actually intends to destroy when one vows the downfall of the Germanic race—and by that one really means only the German people—then one must not admit it to oneself. And these individual nations must not admit this to themselves at all. In the present, they must not even think about what might still be alive in German folk culture as the soul of that culture—arising from the very essence that, for example, gave rise to the heyday of the German worldview of idealism. They must not admit it to themselves. Therefore, they must cover it up with something else. And with what? Russia, for example, must cover it up with a mission—naturally, with the mission of rejuvenating Europe. The French—one of their more recent poets once characterized the French, his own French, by pointing out how the rooster, which crows in the morning when the sun rises, becomes aware that there is a connection between its crowing and the rising of the sun. So it imagines: If I do not crow, the sun cannot rise.

[ 70 ] Selbstverständlich soll nicht im Geringsten, sehr verehrte Anwesende, auch nur irgendwie auch das Tragische des gegenwärtigen französischen Volkes dadurch herabgewürdigt werden; denn gar nicht handelt es sich um das irregeführte Volk. Denn diejenigen, die in der Tat dieses «irregeführte Volk» hineingeführt haben, die schon zu vergleichen sind mit dem krähenden Hahn, die da glauben, wenn sie nicht krähen, würde die Sonne nicht aufgehen — denn es gibt gerade führende Geister Frankreichs, die diese Anschauung haben: dass nichts in der Welt geschehen kann, wenn sie nicht dazu krähen —, dazu braucht das Franzosentum von Zeit zu Zeit immer wiederum ein neues Phantasie-Bild. Und aus solchem Phantasie-Bild sprechen diejenigen, die jetzt in so wüster Weise gerade in Paris, wie etwa Bergson oder wie Boutroux, das deutsche Wesen in dem, was seine Seele ist, so herabsetzen wollen.

[ 70 ] Of course, distinguished guests, this is not meant in the slightest to belittle the tragedy of the French people today; for this is not at all a matter of a misled people. For those who have in fact led this “misguided people” astray—who can be compared to the crowing rooster, who believe that if they do not crow, the sun will not rise—for there are indeed leading figures in France who hold this view: that nothing in the world can happen unless they crow— for this, Frenchness needs, time and again, a new figment of the imagination. And it is through such a figment of the imagination that those who now, in such a savage manner, particularly in Paris—such as Bergson or Boutroux—seek to so denigrate the German essence in what constitutes its soul.

[ 71 ] Die Engländer — ja, diese Engländer, man möchte ihnen ja nicht Unrecht tun. Brauchen die Russen eine neue Sendung, die Franzosen ein neues Phantasie-Bild ihrer eigenen Größe in der Welt —, das haben sie ja immer gebraucht, und sie haben nur immer vergessen, dass sie zurückgedrängt werden mussten, damit die anderen auch etwas Platz haben —, ja, was brauchen die Engländer? Man möchte nicht scharf werden; man möchte gerecht sein dem Feinde gegenüber. Aber wenn man so die erleuchteten Geister da drüben davon reden hört, dass die Engländer nur in den Krieg gezogen seien aus dem Grunde, weil sie mit ihrem feinen moralischen Gefühl es nicht vereinbaren konnten, dass das unglückliche belgische Volk überfallen worden ist —, weil sie enthusiasmiert davon sind, dass die kleinen Völker Freiheit und Selbstständigkeit ausleben können —, wenn man allerdings daneben hinschaut, wie eigentümlich sich diese Engländer der Freiheit dieser kleinen Völker angenommen haben, ja, und dann hört, wie eigentlich die erleuchteten Geister drüben immer wieder und wieder deklamieren: «Für Freiheit» und gegen die «Unfreiheit» habe England in den Krieg ziehen müssen, denn die Deutschen, sie sind ganz durchseelt von dem Ausspruche — ein hervorragender englischer Politiker hat das ja vor Kurzem gesagt —, die Deutschen sind ganz durchseelt von dem Ausspruche: «Macht geht vor Recht»; er hat vergessen, der arme — gescheite Mann, will ich sagen —, dass dieser Ausspruch zuerst von Thomas Hobbes, dem Engländer, getan worden ist, ja, sogar als eine ganze Philosophie vertreten worden ist, dass dieser Ausspruch im ganzen Weltenbilde des englischen Naturalismus tief verankert ist. Ja, wenn man objektiv sein will, sehr verehrte Anwesende —, man wird doch nicht anders sagen können: Die Engländer brauchen, um die Wahrheit zu verhüllen und sich vor der Welt zu rechtfertigen, eine neue Lüge. Es wird eben doch nicht anders gehen, als dass dies wenigstens in Bezug auf das Verhalten der redenden Menschen während des Krieges das Urteil der Geschichte werden muss.

[ 71 ] The English—yes, these English; one wouldn’t want to do them an injustice. Do the Russians need a new mission, the French a new fantasy image of their own greatness in the world—which they’ve always needed, though they’ve always forgotten that they had to be pushed back so that others might have some room as well—yes, what do the English need? One doesn’t want to be harsh; one wants to be fair to the enemy. But when one hears those enlightened minds over there talking about how the English went to war solely because their refined moral sensibilities could not reconcile themselves to the fact that the unfortunate Belgian people had been invaded— because they’re so enthusiastic about small nations being able to live out their freedom and independence—when, at the same time, one observes how peculiar it is that these English have taken it upon themselves to champion the freedom of these small nations, yes, and then hears how, in fact, the enlightened minds over there keep declaring, time and again: “For freedom” and against “bondage,” England had to go to war, for the Germans—they are thoroughly imbued with the maxim—as an outstanding English politician recently put it—the Germans are thoroughly imbued with the maxim: “Power takes precedence over right”; he forgot—the poor man, though I should say, a clever man—that this maxim was first coined by Thomas Hobbes, the Englishman, and was even espoused as an entire philosophy; that this maxim is deeply rooted in the entire worldview of English naturalism. Yes, if one wishes to be objective, ladies and gentlemen—one cannot help but say: The English need a new lie to conceal the truth and justify themselves before the world. There is simply no other way; this must become the judgment of history, at least with regard to the conduct of those who spoke during the war.

[ 72 ] Die Italiener — sie brauchen ja auch etwas, um zu übertünchen dasjenige, was in Wirklichkeit da ist. Sie sind das Volk der Empfindungsseele. Ein hervorragender italienischer Politiker hat mir vor dem Kriege, vor dem gesamten Weltenkriege, gestanden — denn man brauchte ja nicht vor dem Weltenkriege durchaus zu den naiven Geistern zu gehören, die glaubten, wenn der Weltkrieg kommt, wird Italien auf der Seite der Mittelmacht sein, nicht wahr —, ein hervorragender italienischer Politiker hat mir dazumal gestanden: Wenn einmal der Weltkrieg kommen wird, so wird Italien teilnehmen müssen. — Ja, aber warum? «Es muss einfach teilnehmen», meinte er, «denn das italienische Volk ist faul, das ist verkommen. Wenn man es noch längere Zeit so fortleben lässt», sagte er, «so verkommt es ganz. Es muss einmal ordentlich wieder etwas empfinden» — da haben wir die Empfindungsseele — «es muss ein Empfinden, eine Sensation haben.» — Ich will nicht sagen, dass das die einzige Kriegsursache ist. Der Russe braucht eine neue Sendung, da die panasiatische verglommen ist; der Engländer eine neue Lüge; der Franzose eine neue Phantasie; der Italiener eine neue Sensation in —, ja, in Form eines neuen Heiligen, denn er muss erst mit der Empfindungsseele erfasst werden können: der heilige Egoismus ist da erfunden worden in Italien, der heilige Egoismus. Im Namen des heiligen Egoismus — das haben wir immer wieder und wiederum gehört — sei Italien in diesen Krieg gezogen. Ein neuer Heiliger — ein neuer Heiliger, der seines großen Vertreters d’Annunzio völlig würdig ist. D’Annunzio, der Priester des heiligen Egoismus — eine Sensation, wie geschaffen für die inneren Seiten des Empfindungsseelen-Charakters!

[ 72 ] The Italians—after all, they, too, need something to whitewash what is actually there. They are a people of the emotional soul. A prominent Italian politician confessed to me before the war—before the entire world war, that is—for one certainly didn’t have to be among the naive souls who believed, before the world war, that if a world war came, Italy would be on the side of the Central Powers, did one?—a prominent Italian politician confessed to me at that time: “If a world war ever comes, Italy will have to take part.” — Yes, but why? “It simply must take part,” he said, “because the Italian people are lazy; they have become degenerate. If you let them go on living like this for much longer,” he said, “they will degenerate completely. They must feel something properly again”—there we have the soul of feeling—“they must have a feeling, a sensation.” — I’m not saying that’s the only cause of war. The Russian needs a new mission, since the Pan-Asian one has fizzled out; the Englishman needs a new lie; the Frenchman needs a new fantasy; the Italian needs a new sensation in—yes, in the form of a new saint, for he must first be grasped through the soul of feeling: holy egoism was invented there in Italy, holy egoism. In the name of holy egoism—as we have heard time and again—Italy entered this war. A new saint—a new saint entirely worthy of his great representative, d’Annunzio. D’Annunzio, the priest of holy egoism—a sensation, as if tailor-made for the inner workings of the “soul of feeling”!

[ 73 ] Wir haben es nicht nötig, glaube ich, wenn wir dasjenige durchdenken, was im Innersten des deutschen Volkes als seine Neigung zu einem Weltenbilde pulsiert, in die Fehler unserer Feinde zu verfallen. Wir brauchen nur hinzusehen auf dasjenige, was wir finden konnten als das Große, Bedeutungsvolle, Wirksame in diesem deutschen Volke, in dem Volkstume Mitteleuropas. In dieser Beziehung sind ja eins die Deutschen Österreichs und die Deutschen Deutschlands. Sie fühlen sich heute vollständig eins. Der Begriff Mitteleuropa darf nicht nur volkswirtschaftlich, er muss auch im geistigen Sinne wirklich werden. Das kann insbesondere derjenige sagen, der wie ich dreißig Jahre lang in Österreich gelebt hat.

[ 73 ] I believe that, when we reflect on what pulsates at the very core of the German people—their inclination toward a certain worldview—we have no need to fall into the errors of our enemies. We need only look at what we have found to be great, significant, and effective in this German people, in the folk culture of Central Europe. In this respect, the Germans of Austria and the Germans of Germany are, after all, one and the same. Today they feel completely united. The concept of Central Europe must not only become a reality in economic terms; it must also become a reality in a spiritual sense. This can be said in particular by someone who, like me, has lived in Austria for thirty years.

[ 74 ] Und wenn wir hinblicken, sehr verehrte Anwesende, auf dasjenige, was da uns erscheint als das innerste — ich darf sagen — spirituelle Wesen, als das geistige Wesen des deutschen Volkstums, so müssen wir sagen: Es ist dieses Wesen unmittelbar nicht etwas, was sich nur in Begriffe und Ideen fassen lässt, es ist etwas, was im Zentrum, im Mittelpunkte der deutschen Seele erlebt wird, wobei die deutsche Seele bleiben muss, was nur gedeihen kann, wenn die deutsche Seele es lebendig aus der Gegenwart in die Zukunft hinübertragen kann. Das wird die Geschichte, das wird der eigentliche Verlauf der Geschichte der Deutschen und der Deutschheit, der ganzen Menschheit der Erde zeigen können, dass in diesem deutschen Volkstum etwas ist, was erst Wurzel und Blätter geworden ist, und was in sich die Kraft trägt, Blüten und Früchte zu werden.

[ 74 ] And when we look, esteemed audience, at what appears to us as the innermost—if I may say so—spiritual essence, as the spiritual essence of the German national character, we must say: This essence is not, in and of itself, something that can be captured solely in concepts and ideas; it is something that is experienced at the very center, at the very heart of the German soul—and it must remain part of the German soul, which can only flourish if the German soul is able to carry it vividly from the present into the future. History—the very course of the history of the Germans and of German identity, indeed of all humanity on earth—will be able to show that there is something in this German national character that has only just taken root and sprouted leaves, and that carries within itself the power to blossom and bear fruit.

[ 75 ] Wir Deutschen aber können die Anmaßung anderer Völker zweifellos, ohne ungerecht werden zu wollen gegen andere Völker — wir dürfen uns gerade in der jetzigen schweren Zeit, aber auch in der großen und zukunftshoffnungsvollen Zeit zum Bewusstsein bringen, wie wir gerade dann das Deutsche erfühlen können, wenn wir uns auch mit seiner höchsten Entfaltung, mit seinem Geistesleben durchdringen, wie wir dann glauben können: Ja, dieses Geistesleben zeigt sich uns in seinen Wurzeln und in seinen Blättern so, dass wir den tiefsten Glaube, das tiefste Vertrauen haben dürfen in die zu tragenden Blüten und Früchte. Und so wollen wir denn gerade von diesem Gesichtspunkte aus, indem wir uns die Zahlen 777 Millionen Menschen gegen 150 Millionen Menschen, 68 Millionen Quadrat-Kilometer gegen 6 Millionen Quadrat-Kilometer vor Augen halten, wollen wir uns nimmermehr irgendwie das Auge abbringen lassen, in der ganzen schweren Zeit dieses Auge niemals abbringen lassen von der Tatsache, dass uns unsere deutsche Vergangenheit sich so darstellt, dass sie in sich durch eigene Kraft, gerade auch durch ihre Geisteskraft verbürgt unsere deutsche Zukunft, der wir nicht bloß aus einem bloßen Instinkte und Gefühl, sondern auch aus heller Erkenntniskraft voll entgegenleben wollen .

[ 75 ] We Germans, however, can undoubtedly recognize the arrogance of other nations—without wishing to be unfair to them—and we must remind ourselves, especially in these difficult times, but also in times of great promise and hope for the future, of how we can truly feel what it means to be German precisely when we immerse ourselves in its highest expression, in its spiritual life; how we can then believe: Yes, this spiritual life reveals itself to us in its roots and in its leaves in such a way that we may have the deepest faith, the deepest trust in the blossoms and fruits yet to come. And so, precisely from this perspective—as we keep before our eyes the figures of 777 million people versus 150 million people, 68 million square kilometers versus 6 million square kilometers— let us never, under any circumstances, allow ourselves to be diverted; let us never, throughout these difficult times, allow our gaze to be diverted from the fact that our German past presents itself to us in such a way that, through its own strength—and especially through its spiritual strength—it guarantees our German future, toward which we wish to live fully, not merely out of instinct and feeling, but also out of clear, discerning insight.