Ways to a Knowledge of the
Eternal Forces of the Human Soul
GA 70b
29 February 1916, Hanover
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Ways to a Knowledge of the Eternal Forces of the Human Soul, tr. SOL
12. Zur Deutschen Gedankenentwicklung. Ein vergessenes Streben nach Geisteswissenschaft Innerhalb Derselben
12. On the Development of German Thought: A Forgotten Quest for the Science of the Spirit Within It
Sehr verehrte Anwesende!
Ladies and gentlemen!
[ 1 ] Die großen, gewaltigen Ereignisse, innerhalb welcher das deutsche Volk steht, sie rechtfertigen es wohl, dass ich, der ich ja über Gegenstände der Geisteswissenschaft durch eine lange Reihe von Jahren, wie in anderen deutschen Städten, so auch in dieser Stadt hier sprechen durfte, in diesem Jahre, gleich wie im vorigen, nicht über ein engeres Thema der Geisteswissenschaft selbst Ausführungen mache, sondern über etwas, was innig zusammenhängt mit dem Geistesleben des deutschen Volkes, mit demjenigen, was geeignet ist einiges zu offenbaren über die Stellung des deutschen Volkes innerhalb der Gesamtentwicklung der Menschheit.
[ 1 ] The great and momentous events in which the German people find themselves certainly justify the fact that I—who, after all, have been speaking on topics of the science of the spirit for many years, just as I have in other German cities, as well as in this city here, may not, this year—just as in the previous one—deliver a lecture on a narrower topic within the science of the spirit itself, but rather on something that is intimately connected with the spiritual life of the German people—something that is capable of revealing a great deal about the German people’s place within the overall development of humanity.
[ 2 ] Wenn ich dies tue, so geschieht es ja wahrhaftig nicht, um bloßen gefühlsmäßigen Anschauungen, die insbesondere der Seele naheliegen in dieser schweren, aber auch in gewissem Sinne hoffnungsreichen Zeit, um solchen Anschauungen Ausdruck zu geben, sondern weil es eben nicht aus dunklen Gefühlen und Empfindungen, sondern — wie ich glaube — auf wirkliche Tatsachen, Erkenntnistatsachen begründete Art, begründete Überzeugung ist, dass dasjenige, was hier immer als Geisteswissenschaft charakterisiert worden ist, dass das im Innigsten wurzelt gerade in denjenigen Äußerungen des deutschen Geisteslebens, die wir rechnen können zu den Gipfeln dieses Geisteslebens.
[ 2 ] When I do this, it is certainly not to give expression to mere emotional views—which are particularly close to the soul in this difficult, yet in a certain sense hopeful, time—but because it is based not on obscure feelings and sensations, but—as I believe—on real facts, facts of knowledge—that what has always been characterized here as spiritual science is rooted most deeply precisely in those expressions of German spiritual life that we can count among the pinnacles of that spiritual life.
[ 3 ] Wir haben nicht nötig, sehr verehrte Anwesende, als Deutsche in der Gegenwart dadurch unseren Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu geben, dass wir vor allen Dingen — wie es auch von den allerhervorragendsten Persönlichkeiten in den Reihen unserer Feinde gemacht wird — dasjenige, was außerhalb des deutschen Lebens ist — wie es eben von der anderen Seite in Bezug auf das deutsche Wesen geschieht —, anzuschwärzen, ja, verleumderisch zu entstellen, sondern wir können uns stellen auf eine rein tatsächliche Betrachtung desjenigen, was im deutschen Volkswesen begründet ist.
[ 3 ] We, as Germans living in the present, have no need, esteemed audience, to express our feelings and thoughts by, above all else—as is also done by the most distinguished figures among our enemies—denigrating that which lies outside German life—as is currently being done by the other side with regard to the German character— or even to distort it slanderously; rather, we can adopt a purely factual perspective on that which is rooted in the German national character.
[ 4 ] Nur kurz sei einleitungsweise erwähnt, dass die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ja auf dem Boden steht, dass es möglich ist, aus der menschlichen Seele heraus — durch Vorgänge des seelischen Lebens, die hier schon öfter in dieser Stadt geschildert worden sind, und die man auch in unserer Literatur geschildert finden kann —, dass es möglich ist, in der menschlichen Seele solche Kräfte zu entwickeln, die den Menschen hinführen zu einer Erkenntnis desjenigen, was sich nicht erschöpft in der Zeit zwischen Geburt und Tod, sondern was durch die Geburten und Tode geht und das ewige, das unsterbliche Wesen des Menschen darstellt. Dass eine solche Vertiefung des seelischen Lebens möglich ist, und eine solche Erkraftung der Kräfte des seelischen Lebens, dass der Mensch gewahr wird in sich innerhalb seiner Leiblichkeit dasjenige, was diese Leiblichkeit aus der geistigen Welt heraus gestaltet hat, und was, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, wiederum in die geistige Welt zurückkehrt, dass eine solche Erkenntnis möglich ist, und dass eine solche Erkenntnis in unserer Zeit allmählich dem Geistesleben der Menschheit einverleibt werden müsse, das ist geisteswissenschaftliche Überzeugung, wie sie hier gemeint ist.
[ 4 ] Let me just briefly mention by way of introduction that spiritual science, as it is understood here, is indeed based on the premise that it is possible, from within the human soul—through processes of soul life that have already been described here in this city on numerous occasions, and which can also be found described in our literature—to develop within the human soul such forces that lead the human being to a realization of that which is not confined to the period between birth and death, but which transcends births and deaths and represents the eternal, immortal essence of the human being. That such a deepening of the spiritual life is possible, and such a strengthening of the powers of the spiritual life, that a person becomes aware within themselves, within their physicality, of that which has shaped this physicality from the spiritual world, and which, when a person passes through the gate of death, returns once more to the spiritual world—that such an insight is possible, and that such knowledge must gradually be incorporated into the spiritual life of humanity in our time—this is the conviction of spiritual science as it is meant here.
[ 5 ] Und diese geisteswissenschaftliche Überzeugung, die — wie ich glaube — wahre Geisteswissenschaft, sie ist enthalten gerade in dem schönsten, in dem bedeutungsvollsten Streben des deutschen Volkstums.
[ 5 ] And this conviction of the humanities—which, I believe, is true humanities—is embodied precisely in the most beautiful and most meaningful aspirations of the German people.
[ 6 ] Nun könnte ja gerade ein Einwand erhoben werden: Um Geisteswissenschaft soll es sich handeln, um dasjenige, was für den Geist eine ähnliche Erkenntnis gibt wie die Naturwissenschaft für die äußere Natur, um eine Wissenschaft soll es sich also handeln. Da werden Menschen, die auf einem gewissen Standpunkt der Oberflächlichkeit stehen, sogleich einzuwenden haben: Ja, Wissenschaft ist etwas ganz Internationales!
[ 6 ] Now, one might raise the following objection: This is supposed to be about the humanities—that which provides the mind with a form of knowledge similar to what the natural sciences provide for external nature—so it is supposed to be a science. People who take a certain superficial viewpoint will immediately object: “Yes, science is something entirely international!”
[ 7 ] Dieser Einwand ist deshalb so überwältigend für viele, weil er so unendlich oberflächlich ist, man könnte sagen: oberflächlich bis zur Selbstverständlichkeit; denn gemeinsam, international für alle Völker ist auch der Mond zum Beispiel. Aber dasjenige, was die einzelnen Völker zu sagen haben über den Mond, was aus ihren Seelen sich losringt, um den Mond zu charakterisieren, das ist von Volk zu Volk verschieden. Und könnte man auch sagen, das beschränke sich auf die Poesie, so weiß derjenige, welcher in der Wissenschaft nicht bloß sieht dasjenige, was in alleräußerlichster Weise eine Beschreibung der äußerlichen Dinge ist, wie dasjenige, was man über die Dinge wissen kann, hervorgeht aus den Grundlagen, aus den Grundkräften und Grundtrieben des Menschen, und individuell ist, wie die Menschenseelen selber individuell sind, das heißt: deshalb auch so verschieden gestaltet sind, je nachdem die einzelnen Völker zur Erkenntnis der Welt in verschiedener Weise veranlagt sind. Aber diese Anlagen, diese inneren Impulse des einzelnen Volkes, die sind dasjenige, was die Menschheit vorwärtsträgt — nicht dasjenige, was man «international» in einem bis zur Selbstverständlichkeit oberflächlichen Sinne bezeichnen kann.
[ 7 ] This objection is so overwhelming to many precisely because it is so infinitely superficial—one might say, superficial to the point of being self-evident; for the moon, for example, is also something shared by all peoples across the globe. But what individual peoples have to say about the moon—what wells up from their souls to characterize it—differs from one people to another. And while one might say that this is limited to poetry, anyone who, in science, sees more than just the most external description of external things—that is, what can be known about things—knows that this arises from the foundations, from the fundamental forces and instincts of human beings, and is individual, just as human souls themselves are individual—that is to say, shaped so differently depending on how individual peoples are predisposed in various ways to the knowledge of the world. But these predispositions, these inner impulses of the individual people, are what propel humanity forward—not what one might call “international” in a sense so superficial as to be taken for granted.
[ 8 ] Was einem ja sogleich entgegentritt, wenn man das deutsche Streben nach Erkenntnis kennzeichnen will, das sind drei Gestalten, drei große Gestalten, die allerdings nur einleitungsweise für unsere heutige Betrachtung erwähnt werden sollen. Aber auf dem Grund und Boden desjenigen, was sie geschaffen haben, ruht deutsche Gedankenentwicklung. Drei Gestalten, die vielleicht wenig heute im allgemeinen deutschen Volkstum genannt werden. Aber darauf kommt es nicht an. Vielmehr kommt es darauf an, dass diese drei Gestalten in dem, was sie geschaffen haben, schwierig zu verstehen sind, dass diese drei Gestalten trotzdem eine immer größere und größere Rolle spielen werden in der Entwicklung des deutschen Geisteslebens der Zukunft. Und diese drei Gestalten sind: Fichte, Schelling, Hegel — die drei Gestalten, die als Weltanschauungsbild bildeten einen gewaltigen Hintergrund, [die] aus der Tiefe des deutschen Volkstums heraus dasjenige hinstellten, aus dem dann auch die großen Schöpfungen des deutschen Geisteslebens erflossen sind, die uns in Goethe, Herder, Lessing, Schiller entgegentreten, und welche nach der griechischen Kultur eine größte Kulturblüte in der Entwicklung der Menschheit bedeuteten.
[ 8 ] What immediately comes to mind when one seeks to characterize the German quest for knowledge are three figures—three great figures—who, however, are to be mentioned here only by way of introduction to our discussion today. Yet the development of German thought rests upon the foundation of what they created. Three figures who are perhaps rarely mentioned today in general German culture. But that is not the point. Rather, the point is that these three figures, in what they have created, are difficult to understand, and that these three figures will nevertheless play an ever-greater role in the development of German intellectual life in the future. And these three figures are: Fichte, Schelling, Hegel—the three figures who, as creators of a worldview, formed a powerful backdrop, [who] drew from the depths of German folklore that which then gave rise to the great creations of German intellectual life, which we encounter in Goethe, Herder, Lessing, and Schiller, and which, after Greek culture, represented the greatest cultural flowering in the development of humanity.
[ 9 ] Fichte, Johann Gottlieb Fichte, wie steht er vor uns? Er, der nur scheinbar ein schwer verständlicher Philosoph [ist], der von sich vielmehr die Empfindung hatte, dass dasjenige, was er als sogenannte Philosophie zu geben hatte, wirklich im höchsten Sinne ist wie das Ergebnis eines Zwiegespräches, das er mit dem deutschen Volksgeist selber gehalten hat. Und gerade wenn wir an Fichte herantreten, was zeigt er uns?
[ 9 ] Fichte, Johann Gottlieb Fichte—how do we perceive him? He, who is only seemingly a difficult philosopher to understand—who, on the contrary, felt that what he had to offer as so-called philosophy is, in the highest sense, truly the result of a dialogue he held with the German national spirit itself. And precisely when we approach Fichte, what does he show us?
[ 10 ] Er zeigt uns, wie eine im Wesen der Deutschheit wurzelnde Persönlichkeit gerade mit ihrem Erkenntnisstreben ausgeht davon, in der menschlichen Seele selber etwas zu suchen, wodurch diese menschliche Seele in ihrem eigenen inneren Erleben dasjenige erfassen, innerlich schauen kann, was als Geistig-Göttliches die Welt durchlebt und durchwebt.
[ 10 ] He shows us how a personality rooted in the essence of Germanness, precisely through its quest for knowledge, sets out to seek within the human soul itself that which enables this human soul, in its own inner experience, to grasp and intuitively perceive what, as the spiritual-divine, permeates and interweaves the world.
[ 11 ] In Bezug auf die Kraft, in der dies in Fichtes Seele zum Ausdruck gekommen ist, steht Fichte — man möchte sagen — fast ganz vereinzelt da in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Wie versuchte Fichte in die eigene Seele hereinzubekommen dasjenige, was die Welt durchpulst und durchlebt und durchwebt. Er war sich darüber klar, dass man nicht durch äußeres Anschauen, [nicht] durch die Sinne, auch nicht durch denjenigen Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, sondern durch das Aufrufen tiefer, verborgener Kräfte der Seele so weit kommen könne, [dass in dem eigenen Erleben miterlebt wird], dasjenige, was die Welt als Grundwesen durchtränkt, göttlich-geistig durchtränkt. Und darin zeigt er eine Grundanlage des deutschen Wesens: Dieses Zusammenwachsen im Innersten der Seele mit den Weltgeheimnissen, dieses Nicht-zufrieden-sein-Können anders als dadurch, dass man im Innersten der Seele miterlebt, was sich im großen, weiten All als Verborgenstes, als Geheimnisvollstes ausbreitet.
[ 11 ] In terms of the power with which this was expressed in Fichte’s soul, Fichte stands—one might say—almost entirely alone in the history of human development. How did Fichte attempt to bring into his own soul that which pulses through, lives through, and weaves through the world? He was clear that one could not achieve this through external observation, [not] through the senses, nor even through the intellect bound to the brain, but rather by summoning the soul’s deeper, hidden powers—to the point where [one experiences firsthand] that which permeates the world as its fundamental essence, permeating it with the divine and spiritual. And in this he reveals a fundamental trait of the German character: this growing together in the innermost depths of the soul with the mysteries of the world, this inability to be satisfied except by experiencing in the innermost depths of the soul what unfolds in the vast, wide universe as the most hidden, the most mysterious.
[ 12 ] Man braucht nur kleine Züge — die ich erwähnen will, weil sie so charakteristisch sind gerade für eine solche Gestalt wie Fichte —, kleine Züge von diesem Johann Gottlieb Fichte einmal vor die Seele hinstellen, und man wird sehen, wie wir in ihm gerade eine Persönlichkeit zu verehren haben, die durch ihre innerste Anlage darauf ausgehen muss, sich ganz hinzugeben mit der Seele an dasjenige, was sie Erleben des Weltengeheimnisses nennen kann. Fichte, der Sohn ganz einfacher Leute, aus einem einfachen sächsischen Dorf, ist sieben Jahre alt; er war schon in der Schule, war ein guter Schulknabe. Zur Belohnung erhielt er von seinem Vater nach seinem siebenten Jahre zu Weihnachten ein Buch geschenkt, den «Gehörnten Siegfried». Nach einiger Zeit zeigt sich, dass er, der vorher ganz eifrig im Lernen war, lässig wird im Lernen. [Darauf] wird er aufmerksam gemacht. Eines Tages trifft ihn der Vater, stehend an dem Bache, der vor dem einfachen Häuschen vorbeifließt: im Bache schwimmt «Der gehörnte Siegfried», den der Knabe hineingeworfen hat.
[ 12 ] One need only consider a few small traits—which I wish to mention because they are so characteristic of a figure like Fichte— to bring these small traits of Johann Gottlieb Fichte to mind, and one will see how we have in him precisely a personality to revere—one who, by his innermost nature, must strive to devote himself entirely, with his soul, to what he can call the experience of the mystery of the world. Fichte, the son of very simple people from a humble Saxon village, is seven years old; he was already in school and was a good student. As a reward, his father gave him a book for Christmas after his seventh birthday: *The Horned Siegfried*. After some time, it becomes apparent that he, who had previously been very eager to learn, is becoming careless in his studies. [As a result], this is brought to his attention. One day, his father finds him standing by the stream that flows past their humble little cottage: floating in the stream is *The Horned Siegfried*, which the boy had thrown into it.
[ 13 ] Ein ungemein charakteristischer Zug für den siebenjährigen Johann Gottlieb Fichte. Was war da durch seine Seele gegangen? Durch seine Seele war das gegangen, dass er sich sagte: Ich habe dadurch, dass ich ein schier unbezwingliches Interesse gefasst habe für diesen großen, gewaltigen Stoff des Siegfried, meine Pflicht versäumt; die Pflicht aber ist dasjenige, was mir über alles gehen muss. Daher wird das Buch ins Wasser geworfen! Um seiner Pflichterfüllung zu leben.
[ 13 ] An exceptionally characteristic trait of the seven-year-old Johann Gottlieb Fichte. What had gone through his soul? What had gone through his soul was that he told himself: By developing an almost insatiable interest in this grand, monumental subject matter of *Siegfried*, I have neglected my duty; yet duty is what must take precedence over everything else. Therefore, the book is thrown into the water! So that he might live to fulfill his duty.
[ 14 ] Und ein anderer Zug: Neun Jahre ist unser Johann Gottlieb Fichte alt; der Gutsnachbar kommt eines Sonntags in das einfache Dorf herüber, will die Predigt des Pfarrers sich anhören. Er kommt zu spät. Es ist ihm sehr leid, dem Gutsnachbarn, dass er die Predigt des Dorfpfarrers nicht hören konnte. Da denkt man nach und kommt darauf, dass ja da ein neunjähriger Knabe ist, der sich gut merkt, was der Pfarrer in der Predigt gesagt hat. Man ruft den neunjährigen Johann Gottlieb Fichte; er tritt auf, linkisch, in seinem blauen Bauernkittel; bald aber kommt er hinein in die Wiedergabe, sodass er die ganze Predigt mit innigem Anteil vor dem Gutsnachbar wiederholt — nicht aus einem toten Gedächtnis heraus, sondern er wiederholt so, weil seine Seele zusammengewachsen ist mit demjenigen, was er hörte und was dann sein Ohr an seine Seele getönt hat.
[ 14 ] And here’s another story: Our Johann Gottlieb Fichte is nine years old; one Sunday, the neighbor from the estate comes over to the simple village to listen to the pastor’s sermon. He arrives too late. The neighbor is very sorry that he was unable to hear the village pastor’s sermon. Then he thinks it over and realizes that there is a nine-year-old boy who remembers well what the pastor said in the sermon. They call for the nine-year-old Johann Gottlieb Fichte; he steps forward, awkwardly, in his blue peasant smock; but he soon gets into the swing of things, so that he repeats the entire sermon with heartfelt devotion before the neighbor—not from a dead memory, but because his soul has become one with what he heard and what his ear then resonated with his soul.
[ 15 ] Das schon ist das Charakteristische für dieses Zusammenwachsen der eigenen Seele Fichtes mit demjenigen, was erlebt wird. Und so bildet sich das immer mehr heran in Fichte, sodass ihm zuletzt das ganze Weltenall durchpulst wird von Wille. Der Weltenwille, der göttliche Weltenwille, er webt und lebt durch alle Räume und durch alle Zeiten, er sendet herein seine Ströme in das eigene Seelenweben des Menschen.
[ 15 ] This, indeed, is the defining characteristic of this merging of Fichte’s own soul with that which is experienced. And so this develops more and more within Fichte, until, in the end, the entire universe is permeated by will. The Will of the World, the divine Will of the World, weaves and lives through all spaces and all times; it sends its currents into the very fabric of the human soul.
[ 16 ] Und wenn sich dieses Seelenweben ganz hingegeben hat, dann erlebt die Seele einen Strom des unendlichen Weltwillens in sich. Da ist man zusammen mit dem, was die Welt als Göttlich-Geistiges durchpulst. Da ist man getragen von dem, was wie auf den Wellen des Willens hinfließt als die Weltenpflicht, die in unsere Seele hereinscheint, und die das Höchste ist, was Fichte zu erfassen sucht. So wird aus dem innersten Wesen seines persönlichen Charakters heraus seine Weltanschauung. Das ist so das Urdeutsche, dieses Persönlichste und Allerobjektivste zusammenzusuchen. Nicht irgendein Seelenwesen sucht Fichte, das man beweisen können soll, sondern ein Seelenwesen, das fortwährend an der göttlich-geistigen Schöpferkraft der Welt teilnimmt; sodass es sich in jedem Augenblicke selber zu schaffen vermag. Und in diesem inneren Schöpferischen, das ruht in dem Göttlich-Schöpferischen, liegt für Fichte die Gewähr des Ewigen, das durch Geburten und Tode geht und das da lebt in der geistigen Welt, auch wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist.
[ 16 ] And when this weaving of the soul has given itself over completely, the soul experiences within itself a flow of the infinite World Will. There, one is united with that which pulses through the world as the divine-spiritual. There, one is carried by that which flows, as if on the waves of the Will, as the duty of the world, which shines into our soul and is the highest thing Fichte seeks to grasp. Thus, his worldview emerges from the innermost essence of his personal character. This is the quintessentially German way: to seek out what is most personal and most objective at the same time. Fichte does not seek just any spiritual being that one is supposed to be able to prove, but a spiritual being that continually participates in the divine-spiritual creative power of the world—so that it is capable of creating itself at every moment. And in this inner creativity, which rests in the divine-creative, lies for Fichte the guarantee of the eternal—that which passes through births and deaths and lives on in the spiritual world, even after a person has passed through the gate of death.
[ 17 ] Von dem, was aus dem die Welt Durchpulsenden, [von dem, was] von der [, von der] ewigen Pflicht durchsetzten göttlichen Kraft in die Seele des Menschen hereinfließt, von dem sagt Fichte in seinen schönen Reden im Jahr 1806 in Berlin, die er ja nennt «Anweisung zu einem seligen Leben» — von dem sagt Fichte ja: Da reden die Menschen davon, dass das unsterbliche Wesen des Menschen nach dem Tode sich erst geltend mache. Derjenige, der die Seele wirklich kennenlernt, der weiß, dass Unsterblichkeit unmittelbar im Leben innerhalb dieses Leibes zu ergreifen ist; und der ist daher unmittelbar gewiss, dass — wenn auch dieser Leib in seine Elemente zerfällt —, dasjenige, was innerhalb seiner durch eine wirkliche Erkenntnis ergriffen wird, durch des Todes Pforte in die geistige Welt hineingeht.
[ 17 ] Regarding that which flows into the human soul from the divine power that pulses through the world—[that which] is permeated by eternal duty—Fichte speaks of this in his beautiful lectures delivered in Berlin in 1806, which he calls “Instructions for a Blessed Life”—Fichte says of this: People speak of how the immortal essence of man only asserts itself after death. Whoever truly comes to know the soul knows that immortality is to be grasped directly in life within this body; and such a person is therefore immediately certain that—even if this body decays into its elements—that which is grasped within it through true knowledge passes through the gate of death into the spiritual world.
[ 18 ] Aber davon ist Fichte auch überzeugt, dass das ewige Geistige im intimsten Inneren selbst ergriffen werden muss zugleich. Daher ist er als Lehrer an der damals so berühmten Jenaer Universität — da sie die Trägerin größter deutscher Männer war —, so berühmten Jenaer Universität, daher ist er auch als Lehrer im Grunde etwas ganz anderes als ein anderer Lehrer. Er lehrt nicht, um einen gewissen Inhalt, um eine gewisse Summe von Sätzen an seine Schüler heranzubringen, sondern er bereitet sich so vor, dass das, was er zu lehren hat in seiner Seele selber erst inneres Leben ist, sodass er erlebt, was er in die Seelen der Zuhörer hineinfließen lassen will.
[ 18 ] But Fichte is also convinced that the eternal spiritual must be grasped simultaneously within one’s innermost self. That is why, as a teacher at the University of Jena—which was so famous at the time because it was the cradle of Germany’s greatest men—that is why, as a teacher, he is fundamentally something quite different from any other teacher. He does not teach in order to convey a certain content, a certain set of propositions, to his students; rather, he prepares himself in such a way that what he has to teach is first and foremost an inner life within his own soul, so that he experiences what he wishes to allow to flow into the souls of his listeners.
[ 19 ] Ein Zuhörer, der ihn wohl verstand, der sagte einmal schön: Fichtes Rede rauscht daher wie ein Gewitter. Dasjenige, was er in Worten zu sagen hatte, entwand sich ihm wie in einem rauschenden Gewitter. Man sieht: Er will nicht bloß gute Menschen erzichen, er will große Seelen erziehen. Daher war sein Bestreben, nicht den Leuten etwas mitzuteilen bloß, sondern etwas in sie übergehen zu lassen, wodurch diese Seelen [geradezu] etwas anderes wurden, wenn sie weggingen, als sie waren, [bevor] sie in den Hörsaal [hereingegangen waren]. Und immer mehr sie verweisend auf die eigene Seelenkraft, auf die Stärke, die im Menschen selber ruht, das zeigt uns so schön der folgende Satz. Es war bei seinem Vortrag immer ein Streben nach unmittelbarem Zusammenleben des eigenen Seelenlebens mit dem Seelenleben der Zuhörer, das suchte er zum Beispiel durch solche schönen Dinge zu erzielen, wie dieses eine zum Beispiel ist. Ein Zuhörer — der Naturforscher Steffens — beschrieb es so. Fichte forderte im Verlaufe seines Vortrages die Zuhörer auf: «Denken Sie an die Wand!» Nun dachten sie an die Wand. Das ließ er eine Weile geschehen — so sagte der Mann, der Steffens. «Und nun denken Sie an den, der die Wand gedacht hat!», [war die nächste Aufforderung Fichtes].
[ 19 ] A listener who understood him well once put it beautifully: Fichte’s speech roars forth like a thunderstorm. What he had to say in words poured out of him as if in a roaring thunderstorm. It is clear: He does not merely want to educate good people; he wants to educate great souls. Hence, his aim was not merely to convey something to people, but to allow something to pass into them, so that these souls would [truly] become something different when they left than they were [before] they entered the lecture hall. And the following sentence so beautifully illustrates how he continually directed them toward the power of their own souls—toward the strength that resides within human beings themselves. In his lectures, there was always a striving for an immediate communion between his own inner life and that of his listeners; he sought to achieve this, for example, through such beautiful moments as this one. One listener—the naturalist Steffens—described it this way. During his lecture, Fichte urged the audience: “Think of the wall!” So they thought of the wall. He let that go on for a while—so said the man, Steffens. “And now think of the one who conceived the wall!” [was Fichte’s next prompt].
[ 20 ] Da war der Mensch auf sich selbst verwiesen. Da stutzten zunächst eben die Zuhörer; sie brachten es nicht gleich zusammen. Aber es war der Weg, den Menschen zu verweisen auf seine eigene Seele, wie auf die Kraft, die daraus hervorgehen kann, um zusammenzuleben mit den göttlich-geistigen Kräften der Welt.
[ 20 ] There, human beings were left to their own devices. At first, the listeners were taken aback; they couldn’t quite make sense of it right away. But this was the way to direct people toward their own souls—and toward the strength that can arise from them—so that they might live in harmony with the divine-spiritual forces of the world.
[ 21 ] Und so steht er da, dieser Johann Gottlieb Fichte, wirklich so, dass begeisterte Zuhörer von ihm sagen konnten: Er lebt im Reich der Begriffe wie in einer übersinnlichen Welt; aber so, dass er nicht nur in dieser übersinnlichen Welt wohnt, sondern diese übersinnliche Welt auch beherrscht. Und bewusst wurde sich Fichte: Das, was so in seiner Seele lebte, das war in innigem Zwiegespräch mit dem Geiste des deutschen Volkes selber ergangen.
[ 21 ] And so there he stands, this Johann Gottlieb Fichte—truly such that enthusiastic listeners could say of him: He lives in the realm of concepts as if in a supernatural world; but in such a way that he not only dwells in this supernatural world, but also masters it. And Fichte realized: What lived within his soul had unfolded in an intimate dialogue with the spirit of the German people itself.
[ 22 ] Damit charakterisiere ich nicht etwas aus einer nationalen Engherzigkeit heraus, sondern etwas, was Fichte unmittelbar als seine Empfindung erlebt hat, und wodurch er gerade so groß, so bedeutsam in einer der schwersten Zeiten des deutschen Volkes auf dieses deutsche Volk so tragend wirken konnte.
[ 22 ] I am not describing this out of some kind of national narrow-mindedness, but rather as something that Fichte experienced firsthand as his own feeling—and through which he was able to exert such a profound and supportive influence on the German people during one of their most difficult periods.
[ 23 ] Man braucht nur einmal zu vergleichen, was es bedeutet, dass aus einem Volkstum eine solche Weltanschauung hervorgehen konnte wie die Fichtes, mit dem, was als Höhepunkt der romanischen Weltanschauung da ist, einer Weltanschauung, die ganz wiederum aus dem Wesen des französischen Volksgeistes hervorgegangen ist. Da haben wir im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts den französischen Philosophen — einen der größten und gerade einen derjenigen, der am markantesten kennzeichnet französisches Volkstum: Descartes oder Cartesius.
[ 23 ] One need only compare what it means that a worldview such as Fichte’s could emerge from a particular national character with what stands as the pinnacle of the Romance worldview—a worldview that, in turn, arose entirely from the essence of the French national spirit. There, at the beginning of the seventeenth century, we find the French philosopher—one of the greatest and, indeed, one who most strikingly characterizes the French national spirit: Descartes or Cartesius.
[ 24 ] Auch er ging aus von dem, was in der Menschenseele lebt. Man kann ihn daher gut mit Fichte vergleichen. Sein «Ich denke, also bin ich», das «Cogito ergo sum», ist berühmt geworden. Aber worin besteht das, was er sagt: «Ich denke, also bin ich. — Cogito ergo sum»? — Dadurch, dass der Gedanke in mir lebt, dadurch kann ich erweisen, dass ich ich bleibe. Dasjenige, was in der Seele lebt, wird erschlossen, wird durch einen logischen Schluss bewiesen. Fichte will es im unmittelbaren Leben ergreifen, das ist das Unterscheidende. Das geht bis in die Breiten der Weltanschauung hinein. Aus einer Einzelheit kann man das ersehen.
[ 24 ] He, too, took as his starting point what lives in the human soul. He can therefore be readily compared to Fichte. His “I think, therefore I am,” the “Cogito ergo sum,” has become famous. But what does he mean when he says, “I think, therefore I am. — Cogito ergo sum”? — It is because thought lives within me that I can demonstrate that I remain myself. That which lives in the soul is deduced and proven through logical reasoning. Fichte seeks to grasp it in immediate experience; that is what sets him apart. This extends all the way into the realm of worldview. One can see this from a single detail.
[ 25 ] Sehr verehrte Anwesende, sehen Sie, Descartes, der aus dem französischen Volkstum heraus Schaffende, er kommt dazu, sich über die Welt eine Anschauung zu bilden. Welches ist diese Anschauung? Ja, diese Anschauung ist diese, dass — ich muss ein Beispiel herausgreifen, weil wir ja nicht so viel Zeit haben, alles im Einzelnen zu charakterisieren —, dass er zum Beispiel dazu kommt, nicht nur die äußere Natur als eine — man möchte sagen seelenlose aufzufassen, sondern dass er auch die Tiere als seelenlose Welt auffasst. Seele hat nur der Mensch, weil er sie innerlich in sich erleben kann. So meint Descartes: Die Tiere sind nur bewegte Maschinen.
[ 25 ] Ladies and gentlemen, you see, Descartes, who drew on French folklore in his work, comes to form a view of the world. What is this view? Yes, this view is that—I must single out an example, since we do not have enough time to characterize everything in detail—that he, for example, comes to regard not only external nature as—one might say—soulless, but also animals as a soulless world. Only humans have a soul, because they can experience it within themselves. As Descartes puts it: Animals are merely moving machines.
[ 26 ] Das hat dann fortgewirkt in der französischen Weltanschauung bis in das achtzehnte Jahrhundert herein, wo man auch den Menschen zur Maschine gemacht hat. Als diese Weltanschauung dann Goethe entgegentrat, da sagte Goethe aus seinem deutschen Bewusstsein heraus: Ja, da bieten sie uns eine Weltanschauung, wo die ganze Welt eine Maschine ist, lauter sich stoßende Atome und Moleküle. Und wenn sie einem wenigstens erklären könnten, wie die schöne, herrliche Welt hervorgeht aus dieser maschinellen Stoßerei, dann würde man noch Interesse haben können für solch ein Vorhaben. Aber sie stellen einfach die Weltenmaschine hin, ohne irgendetwas darüber zu erklären. Das war Goethes Einspruch gegen dasjenige, was vom französischen Westen her als mechanistische Weltanschauung kommt.
[ 26 ] This continued to influence the French worldview well into the eighteenth century, when human beings, too, were reduced to machines. When Goethe encountered this worldview, he said, speaking from his German consciousness: “Yes, they are offering us a worldview in which the entire world is a machine, nothing but atoms and molecules colliding with one another. And if they could at least explain to us how this beautiful, magnificent world arises from this mechanical jostling, then one might still take an interest in such a project.” But they simply present the world-machine without explaining anything about it. That was Goethe’s objection to what came from the French West as a mechanistic worldview.
[ 27 ] Damit kann man allerdings Fichtes Anschauung vergleichen, die lichtvoll in jedes einzelne Geschöpf und Wesen sich hineinvertiefen will, mit allem mitleben will, um den Willen, den göttlichem Willen in allem zu erkennen. Dieses Untertauchen in die Weltenwesen, das ist deutsch.
[ 27 ] This, however, allows us to compare Fichte’s conception, which seeks to delve deeply and with clarity into every single creature and being, to experience everything fully, in order to recognize the will—the divine will—in all things. This immersion in the beings of the world—that is German.
[ 28 ] Dieses Sich-gegenüber-Stellen, nur in sich selber Seele zu sehen, alles zur Maschine zu machen — [das ist nicht aus nationaler Engherzigkeit] heraus gesprochen —, das ist französisches Wesen zum Beispiel.
[ 28 ] This tendency to set oneself against others, to see the soul only within oneself, to reduce everything to a machine—[and I say this not out of national narrow-mindedness]—is, for example, the French character.
[ 29 ] Nun sehen wir von einer anderen Seite her Fichtes Weltanschauung an. Für ihn ist dasjenige, was sich den Sinnen nur zeigt, etwas, was er nannte: ein stoffliches Feld für die Pflichterfüllung. Alles dasjenige, was nicht göttlich-geistiger Wille ist, der durch alle Wesen webt und lebt, das, was sich nur den Sinnen darbietet, das ist, wie Fichte sagt, stoffliches Material [dafür], dass die Pflicht einen Gegenstand hat, an dem sie sich betätigen kann. Das ist also das Große, das Fichte erleben will — das Geistige in der eigenen Seele —, und der an die Welt heranträgt dieses Geistige in der eigenen Seele auch aus den anderen Dingen erlebend.
[ 29 ] Now let us examine Fichte’s worldview from another perspective. For him, that which is revealed only to the senses is what he called a “material field for the fulfillment of duty.” Everything that is not the divine-spiritual will, which weaves through and animates all beings—that which presents itself only to the senses—is, as Fichte says, the material substance [for] duty to have an object upon which it can act. This, then, is the Great Thing that Fichte seeks to experience—the spiritual in one’s own soul—and he brings this spiritual in his own soul to the world, experiencing it also through other things.
[ 30 ] Vergleichen wir das mit demjenigen, was zum Beispiel innerhalb des englischen Weltenbildes hervortritt, insofern dieses englische Weltbild ganz aus dem englischen Volkstum hervorgegangen ist. Selbstverständlich ist da nicht der Einzelne gemeint, der Einzelne kann sich immer über sein Volk erheben; aber dasjenige, was mit dem Volkstum zusammenhängt, das ist gemeint. Da sehen wir, wie nicht nur in älteren Zeiten die Weltanschauung des Bacon von Verulam bloß auf das Nützliche geht, bloß auf dasjenige, was äußerlich sich den Sinnen darbietet, wofür der Geist, der in sich selber erlebt, nur dasteht wie Bänder, die sich zusammenbinden, damit der Geist sich zurechtfinden kann. Da ist der Geist nur das Mittel, um das äußerlich Sinnliche in ein System zu bringen. Da ist kein Miterleben mit dem, was als Geistiges in allem Sinnlichen lebt. Und das hat sich bis in die heutige Zeit herein erhalten. Wir sehen dort den Pragmatismus tätig. Denn Pragmatismus ist ein Wort für etwas, was, neben die Fichte’sche Weltanschauung gestellt, wirklich sich ausnimmt wie die Finsternis neben dem Licht.
[ 30 ] Let us compare this with what, for example, stands out within the English worldview, insofar as this English worldview has emerged entirely from English folk culture. Of course, this does not refer to the individual—the individual can always rise above his or her people—but rather to that which is connected with the national character. There we see how, not only in earlier times, the worldview of Bacon of Verulam focuses solely on the useful, solely on that which presents itself externally to the senses, for which the spirit, which experiences itself within itself, stands merely as ties that bind things together so that the spirit can find its way. Here, the spirit is merely the means of organizing the external sensory world into a system. There is no shared experience of what lives as the spiritual within all that is sensory. And this has persisted right up to the present day. We see pragmatism at work there. For pragmatism is a word for something that, when placed alongside Fichte’s worldview, truly stands out like darkness beside the light.
[ 31 ] Was ist dieser Pragmatismus? Für diesen Pragmatismus gibt es nicht eine Wahrheit um ihrer selbst willen — Wahrheit, die angestrebt wird, sodass man sie in der Seele als Wahrheit erlebt —, sondern die Wahrheit: Nun, das ist etwas, was der Mensch als Begriff, als Idee bildet, damit er sich in der Außenwelt zurechtfindet. So bildet sich der Mensch den Begriff der «einheitlichen Seele»; aber nicht dasjenige will er in seiner Seele, was etwas wie Seeleneinheit ist, sondern [er prägt einen Begriff,] weil der Mensch verschiedene Äußerungen seines Wesens zeigt, dieses tut und jenes tut. Und man findet sich zurecht, wenn man annimmt einen Begriff wie «einheitliche Seele». Es ist nützlich, um die äußeren sinnlichen Dinge zusammenzuhalten, so etwas zu erfinden wie Wahrheit. Wahrheit ist nur da, weil man dadurch sich orientieren kann in den Sinnesdingen. Und in dem, was überhaupt erlebt werden kann, da hat die Wahrheit keine selbstständige Bedeutung.
[ 31 ] What is this pragmatism? For this pragmatism, there is not a truth for its own sake—truth that is sought so that one experiences it in the soul as truth—but rather truth: Well, this is something that human beings form as a concept, as an idea, so that they can find their way in the external world. Thus, a person forms the concept of the “unified soul”; but it is not something like the unity of the soul that one desires within one’s soul, but rather [one forms a concept] because a person exhibits various manifestations of their nature, doing this and that. And one finds one’s bearings by adopting a concept such as “unified soul.” It is useful, in order to hold together the external sensory things, to invent something like truth. Truth exists only because it allows one to orient oneself within sensory things. And in what can be experienced at all, truth has no independent meaning.
[ 32 ] Das genau entgegengesetzte ist in Fichtes Weltanschauungsstreben vorhanden. Da ist dasjenige, was äußerlichsinnlich ist, wahrhaftig nicht unterschätzt; nicht mit einer falschen, weltenfremden Erkenntnis haben wir es zu tun. Aber zu tun haben wir es mit einem Wollen des Zusammenwachsens der Seele mit dem Weltengeiste und mit einem Geltendmachen der Wahrheit, die im Geiste erlebt wird als dem Ursprünglichsten, das in der Welt lebt und webt. Die Dinge sind für Fichte da, um die Welt zu offenbaren, nicht wie sie da sind für die Pragmatiker als dasjenige, was das einzig Wirkliche ist; während dem das, was man Wahrheit nennt, nur da ist, um solche Binden und Klammern zu haben, mit denen man die äußerlich zusammenfallende Sinneswelt so zusammenfasst, damit der Geist es bequem hat, sie zu überschauen.
[ 32 ] The exact opposite is present in Fichte’s quest for a worldview. There, that which is external and sensuous is certainly not underestimated; we are not dealing with a false, otherworldly understanding. Rather, we are dealing with a will for the soul to grow together with the world spirit and with an assertion of the truth, which is experienced in the spirit as the most primordial thing that lives and weaves within the world. For Fichte, things exist to reveal the world, not—as they do for pragmatists—as the only reality; whereas what is called truth exists only to provide the bonds and links with which to synthesize the outwardly coherent sensory world, so that the spirit may comfortably survey it.
[ 33 ] Ich übertreibe nicht, sondern die Dinge sind so! Und so steht Fichte dann, indem er diese Anschauung immer mehr und mehr entwickelt, so steht er dann 1811, 1813, vor seinen Berliner Studenten und sagt ihnen, dass derjenige, der in die Welt eindringen will, auf den Geist zu sehen habe. Er spricht von einem neuen geistigen Sinn — Fichte — und meint damit, dass dieser Sinn entwickelt werden kann, dass es wirklich, wenn man von den Erfahrungen, von den Erlebnissen dieses Sinnes spricht, so ist gegenüber den Menschen, die das nicht zugeben wollen, wie wenn ein einziger Sehender unter lauter Blinden sprechen würde! Aber Fichte ist bestrebt, in dem Menschen dasjenige zu erreichen, was die Seele unmittelbar verbindet mit der geistigen Welt. Und daraus wird ihm auch die Kraft, die dann in seinen «Reden an die deutsche Nation» so tiefgehend eingeflossen ist in einem der schwersten Zeitabschnitte des deutschen Volkes, durch das er tragende Kräfte in die Zukunft des deutschen Volkes hineinergießen, in die Seelen hineingießen wollte.
[ 33 ] I am not exaggerating; this is simply how things are! And so, as Fichte continues to develop this perspective more and more, he stands before his Berlin students in 1811 and 1813 and tells them that whoever wishes to penetrate the world must look to the Spirit. He speaks of a new spiritual sense—Fichte—and by this he means that this sense can be developed; that, when one speaks of the experiences and perceptions of this sense, it is—in the eyes of those who refuse to acknowledge it—as if a single sighted person were speaking among a crowd of blind people! But Fichte strives to attain within the human being that which directly connects the soul to the spiritual world. And from this he also draws the strength that then flowed so profoundly into his “Addresses to the German Nation”—during one of the most difficult periods in the history of the German people—through which he sought to pour sustaining forces into the future of the German people, into their souls.
[ 34 ] Man kann nur — wegen der Kürze der Zeit — in diesen wenigen Worten diese außerordentliche Persönlichkeit charakterisieren! Wie sein Folger steht dann der noch weniger bekannte Joseph Wilhelm Schelling da. Gerade daran zeigt sich aber die unendliche Vielseitigkeit des deutschen Wesens, dass nun Schelling zu einem Weltenbilde auch durch Zusammenleben der Seele mit den Weltengeheimnissen kommen will, aber — ich möchte sagen — ganz anderer Seelenkräfte. Während Fichte der kraftvolle Mann ist, der den Willen in sich erleben will und in seinem eigenen Willen den Weltenwillen, den ewigen Weltenwillen, schafft Schelling aus dem Gemüte heraus. Und durch dieses Aus-dem-Gemüt-heraus-Schaffen entsteht für ihn ein Weltenbild, durch das wunderbar Natur und Geistesleben ineinanderwachsen. Wenn das auch heute scheinbar schwer zu lesen ist, was Schelling geschaffen hat — es kommt auch gar nicht darauf an, dass man den Inhalt hinnimmt, sondern das Streben —, wenn es auch schwer zu lesen ist: Man braucht es ja nicht wie eine Lehre hinzunehmen, gegenüber welcher man Anhänger oder Gegner werden müsse. Die Menschen sehe man an, die so gestrebt haben — aus dem Innersten des deutschen Volkswesens heraus gestrebt haben. Überall war dieses Bestreben bei Schelling, unterzutauchen in jedes einzelne Wesen; zu erleben das, was innerhalb des Wesens als geistiges Sein wirkt. Dadurch wurde ihm die Natur wie ein physiognomischer Ausdruck des Geistes. Und der Geist war dasjenige, was sich auf dem Boden der Natur aufbaute. So, wie sich die gegenwärtige menschliche Seele aufbaut auf Grundlage ihrer Erinnerungen, so fühlte sich im Sinne Schellings der Mensch mit seinem Geist der Natur gegenüber, wie wenn er gelebt hätte durch alle Zeiten hindurch, aber die Natur zurückgelassen hat. Und indem er sie jetzt anschaut, so bietet sie ihm die Erinnerung desjenigen, was er vorher in Unbewusstheit geschaffen hat, damit der Boden für seine Bewusstheit dann da sein könne. So wachsen Seele und Natur zusammen bei Schelling.
[ 34 ] Given the limited time, one can only characterize this extraordinary figure in these few words! Standing next to him is the even lesser-known Joseph Wilhelm Schelling. Yet it is precisely this that reveals the infinite versatility of the German spirit: Schelling, too, seeks to arrive at a worldview through the soul’s communion with the mysteries of the world, but—I would say—through entirely different spiritual powers. While Fichte is the powerful man who seeks to experience the will within himself and, in his own will, creates the will of the world—the eternal will of the world—Schelling creates from the depths of his soul. And through this creation from the depths of the soul, a worldview emerges for him in which nature and spiritual life wonderfully intertwine. Even if what Schelling created seems difficult to read today—it doesn’t really matter whether one accepts the content, but rather the striving itself—even if it is difficult to read: one need not accept it as a doctrine in the face of which one must become either a follower or an opponent. Look at the people who have striven in this way—who have striven from the very core of the German national character. Throughout Schelling’s work was this endeavor to immerse himself in every single being; to experience what acts within the being as spiritual existence. Through this, nature became for him like a physiognomic expression of the spirit. And the spirit was that which built itself up on the foundation of nature. Just as the present human soul builds itself up on the basis of its memories, so, in Schelling’s view, the human being, with his spirit, felt toward nature as if he had lived through all ages but had left nature behind. And as he now looks upon it, nature offers him the memory of what he had previously created in a state of unconsciousness, so that the foundation for his consciousness might then be in place. Thus, in Schelling’s view, soul and nature grow together.
[ 35 ] Während Fichte charakterisiert werden musste von seinen Zeitgenossen als der, der vor allen Dingen in deutscher Kraft vor ihnen stand, charakterisierten diejenigen, die Schelling zugehört haben, und die ihn zu würdigen wissen, ihn als einen Seher, wie eine Persönlichkeit, die, indem sie sprach, umflossen war von dem, was unmittelbar zeigte, dass er Worte prägte, während sein Geist hinschaute in eine ganz andere Welt.
[ 35 ] While Fichte had to be characterized by his contemporaries as the one who stood above them above all in German vigor, those who listened to Schelling and knew how to appreciate him characterized him as a seer—a personality who, as he spoke, was enveloped by what immediately revealed that he was shaping words while his spirit gazed into an entirely different world.
[ 36 ] Ich darf vielleicht ein solches Wort eines Schülers und Freundes Schellings vorlesen, weil man dadurch mehr als durch irgendetwas anderes sehen kann, wie ihn — Schelling — diejenigen anschauten, die ihn kannten. Schon als Jüngling in Jena wirkte Schelling so, dass die Jünglinge, die ihn umgaben, unmittelbar überzeugt waren, er habe ihnen nicht nur etwas zu sagen, was unmittelbar seine Seele entflammt, sondern, während er sprach, lebte sein Geist in der Geistwelt, und er sprach aus dieser heraus. Deshalb sagt Gotthilf Heinrich Schubert, ein Mann, der selber versuchte in die geistigen Tiefen der menschlichen Seele hinabzusteigen, Folgendes. Er charakterisiert Schelling so:
[ 36 ] Perhaps I may read aloud a passage written by one of Schelling’s students and friends, because it reveals—more than anything else—how those who knew him viewed him—Schelling. Even as a young man in Jena, Schelling made such an impression that the young men around him were immediately convinced that he not only had something to say to them that directly set their souls ablaze, but that, while he spoke, his spirit lived in the spiritual world, and he spoke from within it. That is why Gotthilf Heinrich Schubert, a man who himself sought to descend into the spiritual depths of the human soul, says the following. He characterizes Schelling as follows:
«Was war es, das Jünglinge wie gereifte Männer von ferne und nahe so mächtig zu Schellings Vorlesungen hinzog? War es nur die Persönlichkeit des Mannes oder der eigentümliche Reiz seines mündlichen Vortrages, darin diese anziehende Macht lag?»
“What was it that drew young men and mature men alike, from near and far, so powerfully to Schelling’s lectures? Was it merely the man’s personality, or the unique charm of his oral presentation, that held this power of attraction?”
[ 37 ] Nein, meint Schubert, das war es nicht allein:
[ 37 ] No, says Schubert, that wasn't the only reason:
«In seinem lebendigen Worte lag eine hinnehmende Kraft, welcher, wo sie nur einige Empfänglichkeit traf, keine der jungen Seelen sich erwehren konnte. Es möchte schwer sein, einem Leser unserer Zeit»,
“There was an all-encompassing power in his lively words; wherever it met even a modicum of receptivity, none of the young souls could resist it. It would be difficult for a reader of our time,”
[ 38 ] — Schubert schreibt 1854 nieder, was er in den Neunzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts mit Schelling erlebt hatte —
[ 38 ] — In 1854, Schubert wrote down what he had experienced with Schelling in the 1790s —
«der nicht, wie ich, jugendlich teilnehmender Hörer war, es begreiflich zu machen, wie es mir, wenn Schelling zu uns sprach, öfters so zu Mute wurde, als ob ich Dante, den Seher einer nur dem geweihten Auge geöffneten Jenseitswelt, läse und hörte. Der mächtige Inhalt, der in seiner, wie mit mathematischer Schärfe im Lapidarstile abgemessenen Rede lag, erschien mir wie ein gebundener Prometheus, dessen Bande zu lösen und aus dessen Hand das unverlöschende Feuer zu empfangen, die Aufgabe des verstehenden Geistes ist.»
“who was not, like me, a youthful and engaged listener—to make it understandable how, when Schelling spoke to us, I often felt as though I were reading and hearing Dante, the seer of an otherworldly realm open only to the consecrated eye.” The powerful content contained in his speech—measured out with mathematical precision in a lapidary style—seemed to me like a bound Prometheus, whose bonds must be loosened and from whose hand the unquenchable fire must be received—a task for the discerning mind.”
[ 39 ] So hat man einmal, sehr verehrte Anwesende, zum deutschen Volke sprechen können, dass es diesen Eindruck machte, von der geistigen Welt, dass es diesen Eindruck machen konnte!
[ 39 ] Thus, ladies and gentlemen, it was once possible to speak to the German people in such a way that it made this impression of the spiritual world—that it was able to make this impression!
[ 40 ] Von Schelling erzählen diejenigen — und ich habe selbst noch solche gekannt, die ihn auch im Alter noch gehört haben —, dass dasjenige, was er mitzuteilen hatte, schon durch den Blick seiner im Alter noch flammenden Augen wirkte; sodass man sah: Es ist die Persönlichkeit selbst, die mit der Welt zusammenwachsen will, indem sie eine Weltanschauung gibt.
[ 40 ] Those who speak of Schelling—and I myself have known people who heard him speak even in his old age—say that what he had to convey was already evident in the gaze of his eyes, which still burned with intensity in his old age; so that one could see: It is the personality itself that seeks to merge with the world by offering a worldview.
[ 41 ] Und der Dritte von denjenigen, die also aus dem tiefsten deutschen Volkstum heraus zu einer Weltanschauung dringen wollten, das ist Hegel. Hegel, vor dem diejenigen, die gar keine Mühe sich geben wollen, wenn sie etwas in sich aufnehmen sollen, gleich bei den ersten Sätzen fliehen — Hegel, was wollte er?
[ 41 ] And the third among those who sought to arrive at a worldview rooted in the deepest German folk tradition is Hegel. Hegel—from whom those who are unwilling to make any effort when they are asked to take something in flee at the very first sentences—Hegel, what did he want?
[ 42 ] Durch das deutsche Gemüt versuchte Schelling ein Weltbild zu schaffen. In den Geist und die geistigen Welten einzudringen — durch den Willen: Fichte. Durch dasjenige, was Gedanke ist, durch den reinen Gedanken, der in der Seele lebt, wenn diese Seele nicht ihr Auge auf die äußere Sinneswelt richtet, nicht mit dem bloßen Verstande sich der äußeren Sinnenwelt hingeben will, durch dasjenige, was als reiner, kristallklarer Gedanke in der Seele lebt, versuchte Hegel zusammenzuwachsen in der eigenen Seele mit dem, was in der Welt wirkt. Sodass er sagt: Denke ich den Gedanken rein, gebe ich mich dem Gedankenleben, dem sinnlichkeitsfreien Gedankenleben in der eigenen Seele hin, so leben in den Gedanken, die da in der Seele leben, nicht mehr die eigenen Willkürgedanken, sondern es sind die Gedanken, die die Göttlichkeit selber in ihrer Seele sind. Da entzündet dasjenige, was da als Licht ist und die ganze Welt durchleuchtet ein Flämmchen in der eigenen Seele, und an diesem Flämmchen wächst gedanklich die Seele mit dem Weltengeiste zusammen. Ein Ruhen der Seele in dem Weltgedanken. Da wird auf deutsche Art angestrebt dasjenige, was man mystisch nennen kann, aber nicht eine Mystik, die in dunklen verworrenen Gefühlen schwelgt und schwelgen will, sondern eine Mystik, die gefühlsmäßig zwar anstrebt, was alle Mystik anstrebt — ein Zusammenleben der eigenen Seele mit den Weltengeheimnissen —, aber dies anstrebt auf dem Boden des kristallklaren Denkens.
[ 42 ] Schelling sought to create a worldview through the German spirit. To penetrate the spirit and the spiritual worlds—through the will: Fichte. Through that which is thought, through the pure thought that lives in the soul when that soul does not turn its gaze toward the external sensory world, does not wish to surrender itself to the external sensory world with mere reason alone—through that which lives in the soul as pure, crystal-clear thought—Hegel sought to merge within his own soul with that which is at work in the world. So he says: If I think the thought purely, if I devote myself to the life of thought—the life of thought free from sensibility—within my own soul, then the thoughts that live there are no longer my own arbitrary thoughts, but rather the thoughts that are the divinity itself within my soul. Then that which is there as light—and illuminates the entire world—kindles a small flame within one’s own soul, and through this flame the soul grows together in thought with the World Spirit. A resting of the soul in the world-thought. Here, in the German way, one strives for that which may be called mysticism—but not a mysticism that revels in, or seeks to revel in, dark and confused feelings, but rather a mysticism that, while striving emotionally for what all mysticism strives for—a coexistence of one’s own soul with the mysteries of the world— but it strives for this on the foundation of crystal-clear thinking.
[ 43 ] Und das ist wiederum etwas Charakteristisches für das deutsche Wesen, dass das Höchste angestrebt wird in allgeistiger Klarheit, nicht in verworrenen chaotischen Gefühlen. Das ist das Weltanschauungsbild, wie es im Hintergrunde steht, und aus dem auch das herausgewachsen ist — aus demselben Mutterboden —, aus dem Goethes «Faust» und die anderen großen Kunst- und Literaturwerke jener Zeit [herausgewachsen sind], auch die sind gleichsam aus diesem selben Boden herausgewachsen. Und Goethe steht im Grunde genommen auf diesem selben Boden.
[ 43 ] And this, in turn, is characteristic of the German spirit: that the highest is sought with complete spiritual clarity, not through confused, chaotic emotions. This is the worldview that lies in the background, and from which everything else has also sprung—from the same fertile soil—from which Goethe’s *Faust* and the other great works of art and literature of that time [have sprung]; they, too, have, as it were, sprung from this same soil. And Goethe, fundamentally speaking, stands on this same soil.
[ 44 ] Und Goethe spricht — im Gegensatz zu Kant — in einem kleinen, schönen Aufsatze über die «Anschauende Urteilskraft» es aus, wie er strebt nach einer Erkenntnis, die im Innern der Seele zwar erklungen, die aber unmittelbar Offenbarung ist desjenigen, was in der Welt sich aus ihr entwickeln soll. Die Seele beschränkt sich nicht darauf, bloß die äußere Sinnenwelt anzuschauen und über sie zu urteilen; sondern wenn die Seele sich in sich selber zurückzieht, dann soll in dieser Seele etwas aufwachen, sodass die urteilende Kraft selber zu einer Anschauung wird — sodass man geistig schauen lernt.
[ 44 ] And Goethe—in contrast to Kant—expresses this in a short, beautiful essay on the “contemplative faculty of judgment”: how he strives for a form of knowledge that, while arising from within the soul, is nevertheless a direct revelation of that which is to develop in the world from it. The soul does not limit itself to merely observing the external sensory world and judging it; rather, when the soul withdraws into itself, something is to awaken within that soul, so that the power of judgment itself becomes a form of intuition—so that one learns to see spiritually.
[ 45 ] Goethe spricht von Geistesaugen und Geistesohren, die unmittelbar — so wie die leiblichen Augen und Ohren unmittelbar in die physische Welt, so unmittelbar — ins Geistige hineinschauen. Das durchdringt die GoerheSeele.
[ 45 ] Goethe speaks of the eyes and ears of the spirit, which look directly into the spiritual realm—just as the physical eyes and ears look directly into the physical world.
[ 46 ] Und Fichte konnte mit Recht sagen, als er seine, scheinbar ganz abstrakten Gedankengänge 1794 veröffentlichte, er konnte Goethe schreiben:
[ 46 ] And Fichte was right to say, when he published his seemingly entirely abstract trains of thought in 1794, that he could write to Goethe:
[«So lange hat die Philosophie Ihr Ziel noch nicht erreicht, als die Resultate der reflektierenden Abstraktion sich noch nicht an die reinste Geistigkeit des Gefühls anschmiegen. Ich betrachte Sie, und habe Sie immer betrachtet, als den Repräsentanten der letztern auf der gegenwärtig errungnen Stufe der Humanität. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie. [hr Gefühl ist derselben Probierstein.»]
[“Philosophy has not yet attained its goal as long as the results of reflective abstraction have not yet harmonized with the purest spirituality of feeling. I regard you—and have always regarded you—as the representative of the latter at the stage of humanity we have now attained. Philosophy rightly turns to you. [Your feeling is its touchstone.”]
[ 47 ] Ein inniger Einklang zwischen dem, was als Größtes, auch dichterisch, aus dem deutschen Geistesleben hervorgegangen ist, und dem, was als Weltanschauungsbild im Hintergrunde lebt, ein inniger Einklang ist vorhanden. Mag in der Folgezeit, einfach aus dem Grunde, weil die Höhe der Anschauung einfach verblüfft hat, auch innerhalb der deutschen Gedankenentwicklung etwas anderes an die Oberfläche getreten sein als eine reine Fortsetzung der kraftvollen Gedanken Fichtes, Schellings und Hegels — diese Gedanken sind doch dasjenige, was in den Tiefen des deutschen Wesens ruht, was sich fortentwickeln wird, sich auch fortentwickelt hat, wie wir gleich sehen werden, und was zu den schönsten Blüten und Früchten des deutschen Wesens führen muss.
[ 47 ] There is a profound harmony between what has emerged as the greatest—including in poetry—from German intellectual life and what lives in the background as a worldview. Although in the period that followed—simply because the loftiness of this worldview was so astonishing—something else may have come to the surface within the development of German thought rather than a pure continuation of the powerful ideas of Fichte, Schelling’s, and Hegel’s—these ideas are nonetheless what lies at the very core of the German spirit, what will continue to develop—and indeed has continued to develop, as we shall see shortly—and what must lead to the most beautiful blossoms and fruits of the German spirit.
[ 48 ] Wenn man solche Geister wie Fichte, Schelling und Hegel vor seine Seele stellt, dann merkt man: Von drei verschiedenen Seiten her offenbaren sie dasjenige, was wie in einer anderen Art von Zwiegespräch mit dem deutschen Volksgeist zu gewinnen ist. Aber hinter ihnen wirkt, wie unsichtbar, eben dieser deutsche Volksgeist selber. Und man spricht mehr aus, als ein bloßes Bild, wenn man sagt: Wie eine Schattierung des deutschen Volksgeistes selber ist jeweilen das, wie eine Schattierung desjenigen, was der deutsche Volksgeist selber spricht, ist jeweilen dasjenige, was durch Fichte, Schelling und Hegel an die Oberfläche tritt — wie eine Schattierung. Und dahinter ahnt man dasjenige, was als eine noch gewaltigere Welle durch die Ströme des deutschen Gedankenlebens geht.
[ 48 ] When one places thinkers such as Fichte, Schelling, and Hegel before one’s soul, one realizes: From three different perspectives, they reveal that which can be gained as if through a different kind of dialogue with the German national spirit. But behind them, as if invisibly, the German national spirit itself is at work. And one is expressing more than a mere image when one says: Just as what emerges through Fichte, Schelling, and Hegel is, in each case, a nuance of the German national spirit itself—just as what the German national spirit itself speaks is, in each case, a nuance—so too is that which comes to the surface through Fichte, Schelling, and Hegel—as a nuance. And behind this, one senses that which sweeps through the currents of German intellectual life as an even more powerful wave.
[ 49 ] Daher kann die eigentümliche Erscheinung auftreten, dass auf die großen Geister vom Ende des achtzehnten und vom Beginne des neunzehnten Jahrhunderts kleinere Geister folgten, die weniger begabt waren, und die in einer gewissen Weise dasjenige, was durch jene als ein Strebensziel durch die deutsche Gedankenentwicklung gegangen ist, in noch schönerem, in noch hellerem Lichte darzustellen [suchten].
[ 49 ] Consequently, the peculiar phenomenon may arise in which the great minds of the late eighteenth and early nineteenth centuries were followed by lesser minds, who were less gifted and who, in a certain sense, [sought] to present what those great minds had established as a goal throughout the development of German thought in an even more beautiful, even brighter light.
[ 50 ] Es ist ja eine merkwürdige Erscheinung, nicht wahr, dass Geister, die weniger begabt waren als diese Größten, mehr Möglichkeiten in der späteren Zeit hatten, weil eben auch hinter den Großen der deutsche Volksgeist stand, der dann durch die Folgenden, die schon die Anregungen hatten der Vorangehenden, weiterwirken konnte. Da sehen wir einen solchen in dem Sohn des großen Johann Gottlieb Fichte: Hermann Immanuel Fichte.
[ 50 ] It is indeed a curious phenomenon, isn’t it, that minds less gifted than these greatest ones had greater opportunities in later times, precisely because the German national spirit stood behind the great ones as well, and could then continue to exert its influence through those who followed—who had already been inspired by their predecessors. We see one such example in the son of the great Johann Gottlieb Fichte: Hermann Immanuel Fichte.
[ 51 ] Immanuel Hermann Fichte spricht es geradezu aus: Dasjenige, was die Sinne sehen können vom Menschen, was der Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, vom Menschen erkennen kann, aber durch Wissenschaft erkennen kann, das ist bloß die Außenseite des Menschen; das enthält bloß die Kräfte, welche mehr für Irdisches den Menschen zusammenhalten. Aber in diesem physischen Menschen lebt nach Immanuel Hermann Fichtes Anschauung ein ätherischer Mensch, der diesen physischen Menschen durchzieht, und der in seinen Kräften ebenso zusammenhängt mit den ewigen Weltenkräften, wie die Kräfte, die im physischen Menschen leben, mit den eigentlich vergänglichen Kräften der Erde zusammenhängen.
[ 51 ] Immanuel Hermann Fichte puts it quite plainly: What the senses can perceive of the human being, what the intellect—which is bound to the brain—can recognize about the human being, and what science can discern, is merely the outer aspect of the human being; it comprises only those forces that hold the human being together in the earthly realm. But according to Immanuel Hermann Fichte’s view, within this physical human being lives an etheric human being who permeates this physical human being and whose powers are just as connected to the eternal forces of the universe as the powers that live within the physical human being are connected to the inherently transitory forces of the earth.
[ 52 ] Auf dasjenige, was auch hier in diesen Vorträgen durch Jahre hindurch als der geistige Hintergrund des Menschen, als der ätherische Mensch, geschildert worden ist — worüber die landläufige, aber wenn sie auch innerhalb Deutschlands aufgetreten ist, doch undeutsche Wissenschaft lacht, weil sie von fremden Ländern beeinflusst ist —, auf diesen ätherischen Menschen ist auch hier in dieser Stadt in den Vorträgen durch Jahre hindurch hingewiesen worden, immer wieder und wiederum hingedeutet worden.
[ 52 ] That which has been described here in these lectures over the years as the spiritual background of the human being—as the etheric human being—and which is the subject of derision by conventional science, even when it has arisen within Germany, non-German scholarship—because it is influenced by foreign countries—this etheric human has also been referred to here in this city in the lectures over the years, pointed out again and again.
[ 53 ] Aber noch höher, noch großartiger als Immanuel Hermann Fichte sehen wir die Hindeutung auf dasjenige, was Fichte in der Menschenseele als nur kommende Kraft sah, was aber herausgeholt werden kann, sodass diese ewigen Kräfte immer mehr weben und leben. Noch deutlicher, noch größer sehen wir das bei einem Geist, bei einem fast ganz vergessenen Geist hervortreten, bei Troxler: Ignaz Paul Vital Troxler. Wer kennt ihn noch? Doch steht er auf den Schultern Fichtes, Schellings, Hegels! Und er findet noch tiefer sich hinein in die geistigen Hintergründe der Welt als seine Vorgänger, die weitaus größer waren in Bezug auf geistige Anlagen als er. Er konnte eben von ihnen die Anregung empfangen.
[ 53 ] But even higher, even more magnificent than Immanuel Hermann Fichte, we see the hint of that which Fichte viewed in the human soul as a power yet to come—a power that can, however, be brought forth so that these eternal forces may weave and live ever more fully. We see this emerge even more clearly, on an even grander scale, in one thinker—a thinker who has been almost entirely forgotten: Troxler—Ignaz Paul Vital Troxler. Who still knows him? Yet he stands on the shoulders of Fichte, Schelling, and Hegel! And he delves even deeper into the spiritual foundations of the world than his predecessors, who were far greater than he in terms of spiritual endowments. He was simply able to draw inspiration from them.
[ 54 ] Was sehen wir bei diesem Ignaz Paul Vital Troxler? Wir sehen bei diesem Troxler, wie er durchaus darauf hinweist, wenn der Mensch seine Seele entwickelt, wenn der Mensch dasjenige, was für das äußere Sinnenleben nicht da sein kann, wenn er das aus seiner Seele hervorholt, dann findet sich in der Menschenseele Geist, dasjenige, was Troxler nennt auf der einen Seite den «übersinnlichen Geist». Und damit meint er, dass, wenn der Mensch nun das, was in seiner Seele schlummert, entwickele, dass er dann in der Lage ist, nichts in seinem Seelenleben zu haben, wenn er die Sinne abkehrt von der äußeren Welt, sondern, dass erwachen kann ein Anschauen, das über die Sinne hinausgeht — ein übersinnlicher Geist, ein Geist, der so geistige Vorgänge in der Welt schaut wie die Sinne sinnliche Vorgänge und Wesen schauen: ein übersinnlicher Geist. Das werden selbst diejenigen zugeben, welche als Idealisten, als abstrakte Idealisten durch Ideen und Begriffe die Welt erfassen wollen.
[ 54 ] What do we see in Ignaz Paul Vital Troxler? In Troxler, we see that he clearly points out: when a person develops their soul—when they bring forth from their soul that which cannot exist in the external sensory life—then the human soul contains Spirit, that which Troxler calls, on the one hand, the “supersensory Spirit.” And by this he means that when a person develops what lies dormant in their soul, they are then able—when they turn their senses away from the external world—to experience not just the ordinary life of the soul, but rather a form of perception that transcends the senses can awaken—a supersensible spirit, a spirit that perceives spiritual processes in the world just as the senses perceive sensory processes and beings: a supersensible spirit. Even those who, as idealists—as abstract idealists—seek to grasp the world through ideas and concepts will admit this.
[ 55 ] Troxler geht aber weiter. Er spricht nicht nur vom übersinnlichen Geist, sondern er spricht auch noch vom «übergeistigen Sinn». Was ist übergeistiger Sinn?
[ 55 ] Troxler goes even further, however. He speaks not only of the extrasensory mind, but also of the “supermental sense.” What is the supermental sense?
[ 56 ] Wenn dieser Geist, der die Welt anschaut, dazu kommt, nicht bloß von Begriffen, nicht bloß von Ideen zu sprechen, sondern wenn er schildern kann wirklich konkrete Wesenheiten, die er so beschreiben kann, wie man ein einzelnes Tier beschreibt, sodass man heraufsteigt zu einer Welt höherer Wesen, die man nicht sehen kann mit den gewöhnlichen Sinnen, die aber der «übergeistige Sinn» sehen kann — etwas, worüber wiederum die landläufige Wissenschaft leicht lachen kann, das aber als ein energisches Streben in diesem verklungenen, vergessenen Tone, von dem ich Ihnen jetzt sprechen will, innerhalb der deutschen Gedankenentwicklung uns in einer so wunderbaren Weise entgegentritt.
[ 56 ] When this spirit, which contemplates the world, comes to speak not merely of concepts, not merely of ideas, but when it can depict truly concrete entities—which it can describe just as one would describe a single animal—so that one ascends to a world of higher beings that cannot be seen with the ordinary senses, but which the “super-spiritual sense” can perceive — something that conventional science, in turn, can easily laugh at, but which, as a vigorous striving in that faded, forgotten tone of which I now wish to speak to you, confronts us in such a wondrous way within the development of German thought.
[ 57 ] Noch wunderbarer wird uns das, wenn wir bei Troxler das Folgende sehen. Troxler sagt: Wenn der Mensch das Schönste, was in seiner Seele leben kann, soweit diese Seele in dem Leibe drinnen lebt, wenn er das Schönste aus seiner Seele hervorkehrt, das Schönste der Seele, das an den Leib gebunden ist — wenn die Seele kosmisch wird und als kosmische Seele der Welt gegenübergestellt ist, dann entwickelt sie sich in Glaube, in Liebe, in Hoffnung. Aber Glaube, Liebe, Hoffnung, sie sind für Troxler dasjenige, was äußerlich trotzdem zwar als die Blüte des Erdenlebens, aber doch nur für dieses Erdenleben sich offenbart. Hinter dem Glauben, hinter der Glaubenskraft, die der Seele insofern angehört, als die Seele irgendwie lebt, hinter dieser Glaubenskraft lebt in der Seele eine höhere Kraft; das übersinnliche Gehör — sagt Troxler. Und der Glaube ist nur die äußere Offenbarung eines übersinnlichen Gehörs, durch das man hören kann, wie das sinnliche Ohr die sinnlichen Töne hört, das geistige Tönen der geistigen Welt, die geistige Sprache der geistigen Welt, gewissermaßen die Seele in ihrer Welt, weil statthat ein solches geistiges Gehör, und weil [die Seele] zwischen Geburt und Tod im Leibe lebt, nimmt dieses Geistgehör in der leiblichen Verkörperung die Glaubensform an. Dieser Glaube ist die äußere Offenbarung für das Geistgehör.
[ 57 ] This becomes even more wonderful to us when we consider the following from Troxler. Troxler says: When a person brings forth the most beautiful thing that can live in his soul—insofar as that soul lives within the body—when he draws forth from his soul the most beautiful thing, the most beautiful aspect of the soul that is bound to the body—when the soul becomes cosmic and is set before the world as a cosmic soul, then it develops into faith, love, and hope. But faith, love, and hope are, for Troxler, that which outwardly manifests itself—albeit as the blossom of earthly life—yet only for this earthly life. Behind faith, behind the power of faith that belongs to the soul insofar as the soul lives in any way, behind this power of faith there lives in the soul a higher power: the supersensible hearing—says Troxler. And faith is merely the outward manifestation of a supersensible hearing, through which one can hear—just as the physical ear hears physical sounds—the spiritual sounds of the spiritual world, the spiritual language of the spiritual world, the soul in its world, so to speak; for in place of such spiritual hearing, and because [the soul] lives in the body between birth and death, this spiritual hearing takes the form of faith in its physical embodiment. This faith is the outward manifestation of spiritual hearing.
[ 58 ] Die Liebe, diese schönste, diese herrlichste Blüte des Seelenlebens innerhalb des Leibes, sie ist die äußere Offenbarung für Troxler desjenigen, was er das geistige Tasten, das geistige Fühlen, das geistige Fühlen nennt. So wie man physisch die Hand ausstreckt, um die sinnlichen Dinge zu berühren, so liegt hinter der Kraft der Liebe eine andere Kraft, die rein seelische Kraft, durch die die Seele die seelischen Fühler ausstrecken kann, um anzufühlen das, was als konkretes Geistwesen [in] der geistigen Welt lebt.
[ 58 ] Love—this most beautiful, this most magnificent blossom of the soul’s life within the body—is, for Troxler, the outward manifestation of what he calls “spiritual touch,” “spiritual feeling,” and “spiritual sensation.” Just as one physically reaches out with one’s hand to touch physical objects, so too does the power of love conceal another power—a purely spiritual power—through which the soul can extend its spiritual feelers to sense that which lives as a concrete spiritual being [in] the spiritual world.
[ 59 ] 1835 sind die schönen Vorlesungen erschienen, in denen Troxler so von dem geistig-seelischen Menschen spricht, der hinter dem glaubenden, liebenden, hoffenden Menschen steht. Und hinter dem, was Hoffenskraft ist, Zuversichtskraft, liegt seelisch dasjenige, was nun Troxler nennt: das geistige Sehen, das geistige Schauen.
[ 59 ] In 1835, those beautiful lectures were published in which Troxler speaks so eloquently of the spiritual-soul human being who stands behind the believing, loving, and hopeful human being. And behind what is the power of hope, the power of confidence, lies, on a soul level, what Troxler calls “spiritual vision,” “spiritual perception.”
[ 60 ] Die Seele, indem sie in den Leib hineinkommt, wandelt um das Geistgehör in Glaube, das geistige Fühlen in Liebeskraft, das geistige Schauen in Hoffenskraft.
[ 60 ] As the soul enters the body, it transforms spiritual hearing into faith, spiritual feeling into the power of love, and spiritual vision into the power of hope.
[ 61 ] Und wenn die Seele durch den Tod schreitet, dann verwandelt sich dasjenige, was in ihrer Glaubenskraft im Leibe war zwischen Geburt und Tod, verwandelt sich in Geistesohren; was in ihr Lichtkraft war, verwandelt sich in geistige Berührung; was in ihr Hoffnungskraft war, verwandelt sich in geistiges Sehen, Schauen, in Sehen der geistigen Welt.
[ 61 ] And when the soul passes through death, that which was the power of faith within the body between birth and death is transformed into spiritual hearing; that which was the power of light is transformed into spiritual touch; that which was the power of hope is transformed into spiritual seeing, into beholding, into seeing the spiritual world.
[ 62 ] So spricht Troxler von «sensiblen Gedanken» — wo die Gedanken nicht gewöhnlich urteilen über die äußere Welt, sondern wo die Gedanken innerlich so ergriffen werden, so lebendig ergriffen werden, dass man durch die Gedanken die geistige Welt unmittelbar ergreift. Und er spricht von «intelligenten Gefühlen», wo nicht die Gedanken wie Schelling sich einmal ausgesprochen hat — das ist stark natürlich, aber große Menschen haben die Fehler ihrer Tugenden —, wo nicht die Seele durch die Geisteskraft der bloßen Verstandeswissenschaft urteilt, sondern wo die Seele wirklich so urteilt, dass sie mit den Gedanken sich zusammenlebt mit der äußeren Welt, wie sie sonst nur durch das Fühlen sich zusammenlebt, aber doch in Klarheit; von «intelligentem Fühlen» spricht Troxler. Wahrhaftig, wunderschön ist dieser vergessene Ton der deutschen Weltanschauung, der deutschen Gedankenentwicklung. Man braucht nicht sich daran zu stoßen, dass dieser wunderbare, verklungene Ton nicht weitergelebt hat äußerlich sichtbar; das macht nichts, sehr verehrte Anwesende: Das Wichtige ist, dass er da ist und dass er, trotzdem er äußerlich sichtbar nicht geworden ist, fortlebt doch in dem, was das Deutschtum erstrebt und erhofft in der Welt, und dass er wieder aufleben wird mitten heraus auch aus dieser materialistischen Wissenschaft; und dass gerade in geistiger Beziehung des deutschen Volkes Weltstellung ist: den Menschen und seine Seele an den Geist so heranzuführen, wie es im Sinne dieses verklungenen, vergessenen Tones — nur äußerlich vergessenen Tones — der deutschen Gedankenentwicklung liegt.
[ 62 ] Thus Troxler speaks of “sensitive thoughts”—where thoughts do not ordinarily judge the external world, but where thoughts are so deeply moved internally, so vividly moved, that one grasps the spiritual world directly through these thoughts. And he speaks of “intelligent feelings,” where—as Schelling once put it—thoughts do not merely pass judgment—which is, of course, quite natural, but great people have the flaws of their virtues—where the soul does not judge through the intellectual power of mere rational science, but where the soul truly judges in such a way that, through thought, it unites with the external world as it otherwise unites with it only through feeling, yet with clarity; Troxler speaks of “intelligent feeling.” Truly, this forgotten tone of the German worldview, of German intellectual development, is beautiful. One need not take offense at the fact that this wonderful, faded tone has not lived on in outwardly visible form; that does not matter, esteemed audience: What matters is that it exists and that, even though it has not become outwardly visible, it lives on in what German culture strives for and hopes for in the world, and that it will be revived once again right from the heart of this materialistic science; and that the German people’s place in the world, particularly in spiritual terms, is to lead humanity and its soul toward the Spirit in the manner inherent in this faded, forgotten tone—a tone forgotten only outwardly—of German intellectual development.
[ 63 ] Ein schöner Satz sei vorgelesen aus Troxlers Buch, in dem er sagt, wie er sich nun den ätherischen Menschen, den Menschen, der an die ewigen Kräfte gebunden ist, im Menschen drinnen, im physischen Menschen, denkt, der an die zeitliche Kraft gebunden ist. Da sagt Troxler:
[ 63 ] Let us read a beautiful passage from Troxler’s book, in which he describes how he now conceives of the ethereal human being—the human being bound to the eternal forces—within the physical human being, who is bound to temporal forces. Troxler says:
«Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelleib unterschieden von dem gröberen Körper ... eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere höhere Mensch war ... In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geistersehers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen inwendigen seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswendigen an seinem Geistesleib trage; Lavater dichtet und denkt ebenso; und selbst wenn Jean Paul humoristisch über das Bonnert’sche Unterziehröckchen und das Platner’sche Seelenschnürleibchen scherzt, die im gröberen Körperüberrock und Marterkittel stecken sollen, so hören wir ihn doch auch wieder fragen, «wozu und woher wurden diese außerordentlichen Anlagen und Wünsche in uns gelegt, die bloß wie verschluckte Diamanten unsere erdige Hülle langsam verschneiden? ... In den steinernen Gliedern»
“Even in the past, philosophers distinguished a subtle, noble spiritual body from the coarser physical body … a soul that possessed an image of the body within itself, which they called a ‘schema,’ and which represented to them the inner, higher human being … In more recent times, even Kant, in the dreams of a spirit-seer, seriously—or in jest—imagines an entire inner, spiritual human being who bears all the limbs of the outer body on his spiritual body; Lavater writes and thinks in the same way; and even when Jean Paul humorously jokes about Bonnert’s little underskirt and Platner’s soul corset—which are supposed to be tucked inside the coarser physical overcoat and torture smock—we still hear him ask once more, “For what purpose and from where were these extraordinary inclinations and desires placed within us, which, like swallowed diamonds, are slowly cutting through our earthly shell? ... In the stony limbs”
[ 64 ] des Menschen
[ 64 ] human beings
«wachsen und reifen seine lebendigen nach einer uns unbekannten Lebensweise». «Wir könnten»
“grow and mature in a way that is unknown to us.” “We could”
[ 65 ] sagt Troxler weiter
[ 65 ] Troxler goes on to say
«noch eine Unzahl ähnlicher Denk- und Dichtweisen anführen, welche am Ende nur verschiedene Anschauungen und Vorstellungen sind, in welchen ... die wahre, einzige Lehre von der Individualität und Unsterblichkeit des Menschen enthalten»
“I could cite countless other similar ways of thinking and writing, which are ultimately just different perspectives and ideas that … contain the true, sole doctrine of human individuality and immortality”
[ 66 ] ist. — Das ist ein verklungener, aber deshalb doch fortwirkender Ton der deutschen Gedankenentwicklung, und ein großer, gewaltiger Ton! Hat heute das deutsche Volk die Aufgabe, durch äußere Kräfte seine Weltenstellung sich zu sichern, so ist dasjenige, was heute durch die Waffen erkämpft werden muss, nur die andere Seite desselben, in den Tiefen der deutschen Seele verborgenen Wesens, das durch seine Vielseitigkeit bis zu diesen Gipfeln des Gedankenlebens hinaufsteigen konnte. — Und Troxler sagt an einer anderen Stelle schön weiter:
[ 66 ] is. — This is a tone from the history of German thought that has faded but continues to resonate nonetheless—and what a grand, powerful tone it is! If the German people today face the task of securing their place in the world through external forces, then what must be won by force of arms today is merely the other side of the same essence—hidden in the depths of the German soul—which, through its versatility, has been able to ascend to these heights of intellectual life. — And Troxler beautifully continues in another passage:
«Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche ... in jeder Anthroposophie ... sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann, und die wahrhafte ... Individualität des Menschen weder mit dem, was sie als subjektiven Geist oder endliches Ich aufstellt, noch mit dem, was sie als absoluten Geist oder absolute Persönlichkeit diesem gegenüberstellt, verwechselt werden darf.»
“While it is indeed most gratifying that the newest philosophy—which … must reveal itself in every form of anthroposophy …—is gaining momentum, it cannot be overlooked that this idea cannot be the fruit of speculation, and that the true … individuality of the human being must not be confused either with what it posits as subjective spirit or finite ego, nor with what it sets against this as absolute spirit or absolute personality.”
[ 67 ] Das ist sich Troxler klar, dass der Mensch einen höheren Menschen in sich hat. Und wenn dieser innere Mensch zu wirken anfängt, so kommt zunächst nicht Anthroposophie — Anthropologie, Menschenwissenschaft, kommt zunächst, wenn der äußere Verstand den Menschen beobachtet, Anthropologie kommt zunächst, meint Troxler. Wenn der innere Mensch sich gegenüberstellt, und sich mit den höheren Kräften, mit den geistigen Kräften, mit Geistesfühlen, kennenlernt, kommt Anthroposophie. Man hat daher wohl ein Recht, eine Wissenschaft, welche im echten Sinne hervorgewachsen ist aus dem innigsten Bestreben eines deutschen Volkswesens, als Anthroposophie auch zu bezeichnen.
[ 67 ] Troxler is well aware that human beings have a higher being within them. And when this inner being begins to act, it is not anthroposophy that emerges first—it is anthropology, the study of humankind, that comes first, when the outer intellect observes human beings; anthropology comes first, according to Troxler. When the inner human being confronts itself and becomes acquainted with the higher forces—the spiritual forces and spiritual feelings—that is when anthroposophy emerges. One is therefore justified in referring to a science that has, in the truest sense, grown out of the deepest aspirations of the German people as anthroposophy.
[ 68 ] Und es muss das schon, sehr verehrte Anwesende, auch einmal hingestellt werden, weil es nicht bloß ein vergessener und verklungener Ton bleiben muss, sondern sich wieder einleben muss in das deutsche Volkstum. Und man wird sehen — vielleicht die offizielle Wissenschaft wird die Dinge nicht annehmen, aber es ist nur ein Vorurteil, dass diese Dinge zu schwer verständlich sind —, es wird schon eine Zeit kommen, wo man einsehen wird, dass der einfachste Mensch — gerade die einfachen Seelen zeigen das, wenn sie in der rechten Weise herankommen — einsehen wird, dass diese Dinge werden können eingekleidet einer jeden Kindererziehung schon! Dann wird diese Kindererziehung auch aus dem Tiefsten des deutschen Volkstums heraus schaffen.
[ 68 ] And, ladies and gentlemen, this must indeed be brought to light at some point, because it must not remain merely a forgotten and faded sound, but must find its way back into German folklore. And you will see—perhaps official academia will not accept these ideas, but it is merely a prejudice that they are too difficult to understand—there will come a time when people will realize that even the simplest person—it is precisely the simple souls who demonstrate this when they approach it in the right way—will come to see that these ideas can already be woven into every child’s upbringing! Then this child-rearing will also spring from the very depths of German folk culture.
[ 69 ] Es muss dieses erwähnt werden, weil man wahrhaftig nicht nationale Engherzigkeit braucht, um die Weltstellung des Deutschen und seine Aufgabe in der Gesamtentwicklung der Menschheit zu charakterisieren, weil man nicht braucht in einen Ton zu verfallen, wie solche Franzosen, wie zum Beispiel tonangebende Weltanschauungsmenschen wie Boutroux und Bergson — ja, er heißt noch immer Bergson, obwohl es nicht sehr französisch klingt — wie Boutroux und Bergson, die jetzt noch immer ihren Franzosen ein solches Zeug vorreden. Man würde es gar nicht glauben! Zum Beispiel dieses Streben des Deutschen, zusammenzuwachsen mit dem, was draußen in den Dingen lebt, was die Seele in sich selber ergreifen will. Boutroux, der vor dem Krieg herumgereist ist hier in Deutschland, auch an deutschen Universitäten lehren durfte, predigen durfte, der von der Verbrüderung des deutschen und des lateinischen, romanischen Wesens redete, jetzt spricht er zum Beispiel davon, dass er sagt: Die Franzosen haben keinen Ausdruck für «Schadenfreude». Die Deutschen sind gerade dadurch charakteristisch, dass sie das Wort «Schadenfreude» haben, solch ein Wort haben; sie haben also Schadenfreude. Dagegen haben sie kein Wort für «Generosität», das haben nur die Franzosen. Das haben die Deutschen also nicht, Generosität, das haben nur die Franzosen. Auch andere Dinge redet er seinen Franzosen vor. So zum Beispiel sind die Franzosen sehr leicht geneigt, alles mit einem gewissen Witz zu behandeln.
[ 69 ] This must be mentioned because one truly does not need national narrow-mindedness to characterize the German’s place in the world and his role in the overall development of humanity; because one does not need to fall into the same tone as certain Frenchmen—such as, for example, influential thinkers like Boutroux and Bergson—yes, his name is still Bergson, even though it doesn’t sound very French—like Boutroux and Bergson, who are still spouting such nonsense to their fellow Frenchmen. One would hardly believe it! Take, for example, this German striving to merge with what lives out there in the world, with what the soul seeks to grasp within itself. Boutroux, who traveled around here in Germany before the war, was even allowed to teach and lecture at German universities, and who spoke of the fraternization of the German and the Latin, Romance natures—now, for example, he says: “The French have no word for ‘Schadenfreude.’” The Germans are characterized precisely by the fact that they have the word “Schadenfreude,” such a word; they therefore have Schadenfreude. On the other hand, they have no word for “generosity”—only the French do. So the Germans do not have that—generosity—only the French do. He also attributes other traits to the French. For example, the French are very prone to treating everything with a certain sense of humor.
[ 70 ] In dieser Beziehung ist es vielleicht nicht unnötig, das Urteil über französisches Wesen vorzulesen. Man könnte ja trotzdem noch immer ein kleines Fünkchen eines Glaubens haben, dass ich hier auch wollte aus engherziger Nationalität heraus sprechen. Daher will ich ein anderes Urteil geben — ein Urteil über französisches Wesen, französisches Geistesstreben:
[ 70 ] In this regard, it may not be unnecessary to read aloud the judgment on the French character. One might still harbor a tiny spark of belief that I, too, intended to speak here out of narrow-minded nationalism. Therefore, I wish to offer a different judgment—a judgment on the French character, on the French pursuit of knowledge:
«Durst nach Wahrheit»
“Thirst for Truth”
[ 71 ] heißt es in diesem Urteil
[ 71 ] the ruling states
«ist keine französische Leidenschaft. Mehr als das Wesen gilt. der Schein, die Schale mehr als der Kern, die Form mehr als der Stoff, Glänzendes mehr als Fruchtbares, die öffentliche Meinung mehr als das Gewissen. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt des Franzosen nicht in ihm selbst liegt, sondern in den anderen, in der großen Menge. Individuen sind Nullen; die Ziffer, die sie zur Zahl gestaltet, kommt von außen dazu: Das ist der Souverän, der Schriftsteller des Tages, die gelesenste Zeitung, mit einem Worte der augenblickliche Herr der Mode. All das lässt sich aus einer übertriebenen Geselligkeit ableiten, sie erstickt in der Seele den Mut, Widerstand zu leisten, die Urteilsfähigkeit, die persönliche Überzeugung, den Kultus des Ideals.»
“is not a French passion. What matters more than the essence is the appearance—the shell more than the core, the form more than the substance, the glittering more than the fruitful, public opinion more than conscience. This means that the Frenchman’s focus does not lie within himself, but in others, in the masses. Individuals are zeros; the digit that makes them a number comes from outside: that is the sovereign, the writer of the day, the most widely read newspaper—in a word, the current master of fashion. All of this can be traced to an excessive sociability, which stifles in the soul the courage to resist, the capacity for judgment, personal conviction, and the cult of the ideal.”
[ 72 ] Überall gerade das Gegenteil von dem, was wir heute gesehen haben. ... alles erstickt sie!
[ 72 ] Everywhere, it's exactly the opposite of what we saw today. ... it's suffocating everything!
[ 73 ] Also das spreche nicht ich; das spricht nicht einmal irgendein Deutscher, sondern das spricht Henri Frederic Amiel, der französische Schweizer Amiel, der als französischer Schweizer diese Worte am 22. Januar 1875 niedergeschrieben hat. Ich habe gerade die Worte dieses Mannes gewählt, dieses geistreichen, das Leben zu verstehen suchenden Mannes, Henri Frederic Amiel, weil er französischer Schweizer ist eigentlich, und nur das deutsche Leben eben kennengelernt hat, daher es auch vergleichen kann mit demjenigen, was er innerhalb des französischen Wesens kennt. Das kann der Franzose nicht leicht verstehen, dieses Zusammenwachsen-Wollen mit dem innerlichsten Wesen, das in dem äußerlichsten Sinnesding lebt und webt!
[ 73 ] So these are not my words; they are not even the words of any German, but rather those of Henri Frédéric Amiel, the French-Swiss Amiel, who, as a French-Swiss, wrote these words on January 22, 1875. I have chosen the words of this man—this witty man who sought to understand life, Henri Frédéric Amiel—precisely because he is, in fact, a French-Swiss, and has come to know only German life, and can therefore compare it with what he knows of the French spirit. This is something the Frenchman cannot easily understand—this desire to grow together with the innermost essence that lives and weaves within the outermost sensory realm!
[ 74 ] Daher hält Boutroux eine Rede, in der es sich darum handelt, dass er den Deutschen verspottet, der alles aus dem Innern heraus erfassen wolle: Der Franzose — sagt er — der ein Kamel kennenlernen will, geht in die Menagerie, lernt da das Kamel kennen. Der Engländer macht eine Reise und sucht das Kamel in seiner Umgebung auf, ja, er reist bis in ferne Länder der Erde, um das Kamel kennenzulernen da, wo es lebt. Der Deutsche zieht sich in seine Studierstube zurück, geht weder in die Menagerie, noch macht er eine Reise in ferne Länder, sondern er befasst sich mit dem Kamel an sich, wie er es aus seiner eigenen Seele erkennen kann.
[ 74 ] That is why Boutroux gives a speech in which he mocks the German who wants to grasp everything from within: The Frenchman—he says—who wants to get to know a camel goes to the menagerie and gets to know the camel there. The Englishman goes on a journey and seeks out the camel in its natural habitat; indeed, he travels to distant lands to get to know the camel where it lives. The German retreats to his study; he neither goes to the menagerie nor travels to distant lands, but instead engages with the camel in and of itself, as he can perceive it from within his own soul.
[ 75 ] Daraus zieht Boutroux nun den Schluss — ja, man kann das heute seinen Franzosen vorlegen, seinen Parisern vorlegen —, daraus zieht also Boutroux den Schluss: Die Deutschen machen sich überhaupt das Wahngebilde vor, das, was sie in ihrer eigenen Seele erleben, das sei die ganze Welt. Das ist dasjenige, worauf es eigentlich ankommt. Und daher, sagt Boutroux zu seinen Franzosen, stellen die Deutschen sich auch vor, dass sie etwas sind in der Welt. Und weiter betrachten sie dann die Welt auch nicht; sondern: Was sie sich vorstellen, dass sie sind, das ist unmittelbar Göttlich-Geistiges. Und um das zu erklären, machte er dann diesen Witz.
[ 75 ] From this, Boutroux now draws the conclusion—yes, one can present this to the French today, to the Parisians—so from this, Boutroux draws the conclusion: The Germans delude themselves into believing that what they experience in their own souls is the entire world. That is what really matters. And that is why, Boutroux tells his French audience, the Germans also imagine that they are something in the world. And they do not look any further than that; rather, what they imagine themselves to be is immediately divine and spiritual. And to explain that, he then made this joke.
[ 76 ] Witzig sind ja, wie man weiß, die Franzosen; dieser Witz aber, den da Boutroux gemacht hat, aber ist gerade — von Heinrich Heine! Und ist also nicht einmal als Witz. auf französischem Boden, auf französischem Geistesboden gewachsen.
[ 76 ] As we know, the French are a witty people; but this joke that Boutroux made—well, it’s actually by Heinrich Heine! And so it didn’t even grow out of French soil—or the French intellectual tradition.
[ 77 ] Innerhalb des deutschen Geisteslebens ist das, was ich einen vergessenen Ton genannt habe, aber durchaus nicht etwas, was vielleicht nur auf den Höhen des philosophischen Strebens sich darstellt, sondern das lebt, lebt wirklich. Ist es nicht zum Beispiel wunderbar, wirklich wunderbar: 1856 erschien ein Buch, ein kleines Schriftchen, von einem einfachen Pfarrer in Waldeck, auf dem Lande, in Sachsenberg, im Fürstentum Waldeck, Rocholl heißt der Mann, und ist ein einfacher Pfarrer gewesen; das kleine Schriftchen heißt «Beiträge zu einer Geschichte der deutschen Theosophie», das — ich möchte sagen — zeigt, wie sein Verfasser ganz und gar drinnen steht in einer Anschauung der Welt, wie sie sich als Geist dem Geiste offenbart. Mag auch manches heute in diesem Büchelchen [nicht] so einfach als wahr, [sondern] nur phantastisch erscheinen, aber es kommt nicht darauf an, dass man Anhänger oder Gegner wird, sondern darauf kommt es an, dass man sieht, wie dasjenige, was das Streben des Menschen zum Geiste der Welt hin ist, wirklich sich überall offenbaren kann, gerade innerhalb des deutschen Geisteslebens.
[ 77 ] Within German intellectual life, what I have called a “forgotten tone” is by no means something that perhaps manifests itself only at the heights of philosophical endeavor; rather, it is alive—truly alive. Isn’t it wonderful, truly wonderful, for example: in 1856 a book was published—a small treatise—by a simple pastor in Waldeck, in the countryside, in Sachsenberg, in the Principality of Waldeck; the man’s name was Rocholl, and he was a simple pastor; this little treatise is titled *Contributions to a History of German Theosophy*, which—I would say—shows how its author is completely immersed in a worldview that reveals itself as spirit to the spirit. Even if some things in this little book may [not] seem so simply true today, [but] merely fanciful, what matters is not whether one becomes a supporter or an opponent, but rather that one sees how the human striving toward the spirit of the world can truly reveal itself everywhere, precisely within German spiritual life.
[ 78 ] So könnte ich Ihnen, wenn ich Zeit dazu hätte, Hunderte und Hunderte von Beispielen anführen, die zeigen würden, wie ja allerdings in unserer Zeit — aber das ist noch gar nicht so lange her, das ist ein Jahrzehnt her durch fremdes Wesen, das auch das deutsche Geistesleben überwuchert hat, [wie] durch fremdes Wesen in einer unglaublichen Weise zunächst nur vergessen worden ist dasjenige, was innerhalb des deutschen Geisteslebens leben kann; denn durch das wird das deutsche Volk gerade seine große Stellung in der Ewigkeit der Zeitenentwicklung einzunehmen haben.
[ 78 ] If I had the time, I could cite hundreds and hundreds of examples that would show how, indeed, in our time—but this was not so long ago, just a decade ago—through a foreign influence that has also taken over German intellectual life, [just as] through this foreign influence, in an unbelievable way, that which can live within German intellectual life has—at first—simply been forgotten; for it is precisely through this that the German people will have to take their great place in the eternity of historical development.
[ 79 ] Und das ist das, was sich jetzt auf dem kleinen, im Verhältnis zur ganzen Erde kleinen Boden Mitteleuropas zu wehren hat gegen unendliche Übermacht. Denn wie wird die Geschichte einmal sprechen gegenüber dem, was in der Gegenwart geschieht? Man kann mit einfachen Worten sagen, wie die Geschichte sprechen wird: 777 Millionen Menschen gegen 150 Millionen Menschen höchstens in Mitteleuropa! Das wird die Geschichte einmal zu verzeichnen haben, dass 777 Millionen Menschen einkreisen 150 Millionen Menschen, und schmähen und verleumden dasjenige, was das geistige Leben auch ist dieser eingeschlossenen Menschen.
[ 79 ] And that is what must now hold its ground on the small—relatively speaking, tiny—territory of Central Europe against overwhelming odds. For how will history one day judge what is happening in the present? One can put it simply: 777 million people against at most 150 million people in Central Europe! History will one day record that 777 million people have encircled 150 million people, and are reviling and slandering the very spiritual life of these besieged people.
[ 80 ] Neidisch brauchen sie ja auch nicht auf die Größe des Erdbodens zu sein, diese 777 Millionen Menschen! Denn 68 Millionen Quadratkilometer haben sie, die 777 Millionen Menschen, gegenüber 6 Millionen Quadratkilometer, die die mitteleuropäischen Mächte haben — 6 Millionen Quadratkilometer, die eingekreist sind! Das wird nun einmal die Geschichte zu verzeichnen haben. Und dazu sagen wird sie, dass diese 777 Million Menschen bei den 68 Millionen Quadratkilometern nicht allein durch Waffentapferkeit, sondern durch Aushungern die 150 Millionen Menschen auf den 6 Millionen Quadratkilometern besiegen wollen.
[ 80 ] These 777 million people certainly have no reason to be envious of the size of the land! For they—the 777 million people—have 68 million square kilometers, compared to the 6 million square kilometers possessed by the Central European powers—6 million square kilometers that are surrounded! That is what history will have to record. And it will add that these 777 million people, with their 68 million square kilometers, intend to defeat the 150 million people on the 6 million square kilometers not only through military prowess, but by starving them out.
[ 81 ] Der Deutsche darf fühlen dasjenige, was gerade in seiner Volksseele lebt, und welche Bedeutung dieses hat im Gesamtentwicklungsgange der Menschheit. Der Deutsche darf mit Ruhe und Zuversicht der Zukunft entgegenleben, gerade dadurch, dass er die Kräfte gewahr wird, welche in den Tiefen seiner Volksseele leben. Fortgelebt haben sie immer; denn darauf kommt es nicht an, ob sie berühmt geworden sind, sondern darauf kommt es an, dass dasjenige, was äußerlich nicht gewusst wird, innerlich sich doch als das Bedeutende, Große offenbart.
[ 81 ] The German may sense what is currently alive in the soul of his people, and what significance this has in the overall course of human development. The German may look toward the future with calm and confidence, precisely because he becomes aware of the forces that dwell in the depths of his national soul. They have always endured; for what matters is not whether they have become famous, but rather that what is unknown on the outside nevertheless reveals itself inwardly as something significant and great.
[ 82 ] Schwer ist es oftmals, zur Geltung zu bringen dasjenige, was eigentlich deutscher Geist ist gegenüber fremdländischem Geist. So zum Beispiel — ich darf das erwähnen, weil ich selber in Bezug auf dieses in einem jetzt mehr als dreißig Jahre langen Kampfe drinnen stand: Goethe hat, was heute noch ganz und gar nicht eingesehen wird, aus seinem deutschen Wissenschaftsbewusstsein heraus sich gewandt gegen Newtons mechanistische Optik. Aber die Physik ist so überschwemmt mit dem Mechanismus des Westens, dass heute jeder Physiker noch einen Unsinn sehen muss in Goethes Optik. Und seit dreiunddreißig Jahren bemühe ich mich, geltend zu machen dasjenige, was man nennen kann: Das Recht Goethes gegenüber Newton. Es wird noch einige Zeit verfließen müssen, bis man einsieht, wie es sich mit dem Kapitel «Goethe im Recht gegen Newton» verhält.
[ 82 ] It is often difficult to bring to the fore what is truly the German spirit as opposed to a foreign spirit. For example—and I may mention this because I myself have been embroiled in a struggle over this issue for more than thirty years now—Goethe, drawing on his German scientific consciousness, turned against Newton’s mechanistic optics, a fact that is still not fully recognized today. But physics is so inundated with Western mechanistic thought that today every physicist still regards Goethe’s optics as nonsense. And for thirty-three years I have been striving to assert what might be called: Goethe’s right against Newton. It will take some time yet before people come to understand the nature of the chapter “Goethe in the Right Against Newton.”
[ 83 ] Es waren immer einzelne deutsche Geister da, die wussten — trotz allem überwältigend Selbstverständlichen, was die Physik gegenüber Goethe dargestellt hat —, die wussten, wessen das Recht auf diesem Gebiete ist! Von Grävell herunter, der das schöne Buch geschrieben hat «Goethe im Recht gegen Newton», bis zu dem — ich darf wohl in diesem Falle davon sprechen, denn es ist ja unbekannt genug geblieben , bis zu dem, was ich selber über Goethes physikalisch-optische Studien, über seine Farbenstudien geschrieben habe, hat man es zu tun mit etwas, das durchaus in Bezug auf das wahre Eingehen auf das deutsche Geistesleben noch der Zukunft vorbehalten ist. Aber diese Zukunft wird kommen.
[ 83 ] There have always been individual German minds who knew—despite everything that physics presented to Goethe as overwhelmingly self-evident—who knew who was right in this field! Starting with von Grävell, who wrote the beautiful book *Goethe im Recht gegen Newton* (Goethe Is Right Against Newton), to—and I think I may speak of this in this case, since it has remained sufficiently unknown—to what I myself have written about Goethe’s studies in physics and optics, and about his studies of color, we are dealing with something that, in terms of a true engagement with German spiritual life, is still reserved for the future. But that future will come.
[ 84 ] In den 1850er-Jahren schon ging aus demselben Strömen des verklungenen, vergessenen Tones des deutschen Geisteslebens ein Mann hervor, Planck, Christian Karl Planck. Schöne Schriften hat er geschrieben, überall die Natur schauen wollend als selbst geistdurchdrungen, den Unterboden bildend für den Geist, schöne Schriften: «Wahrheit und Flachheit des Darwinismus», «Grundlinien zu einer Wissenschaft der Natur», «Geist und Natur» — wunderbare Schriften, ganz hervorgegangen aus dem — wie er sich bewusst war, selber bewusst war —, aus der allertiefsten Kraft deutschen Denkens, deutschen Empfindens, deutscher Wissenschaftsgesinnung, bezeichnet er das deutsche Wesen. Ich kann nur eines hervorheben zum Beispiel, wenn heute von der Erde gesprochen wird, wie spricht man in der äußeren Naturwissenschaft von der Erde, wie spricht der Geologe von der Erde? Die Erde ist so eine materielle Kugel, und es wird nur nebenbei erwähnt, dass auch der Mensch darauf herumwandelt. Das ist sie für Planck nicht. Für Planck ist die Erde dasjenige, wozu alle lebenden Wesen gehören. Christian Karl Planck sucht eine Vorstellung über die Erde zu entwickeln, die etwa derjenige bekommt, der die Erde von außen anschaut, mit alledem, was sie geistig an sich trägt. Nicht nur ein Organismus, sondern ein geistiges Lebewesen ist sie eigentlich, und der Mensch gehört zu der Erde so dazu. Und die Erde bloß so vorzustellen, wie die rein physische Geologie, das würde für Plancks Betrachtung so sein, wie wenn man den Baum nur in Bezug auf den Stamm betrachten würde, auf einen verholzten Stamm, und nicht sieht, dass das mit dem innersten Wesen des Baumes zusammenhängt, was Blüten und Früchte sind. So wie diese zum Baum gehören, Blüten und Früchte, seiner Wesenheit nach, so kann man, wenn man die Erde vor sich hat, nicht zufrieden sein mit einer bloßen geologischen Betrachtung. Und so ist alles bei Planck.
[ 84 ] As early as the 1850s, a man emerged from the very same currents of the faded, forgotten tone of German intellectual life: Planck, Christian Karl Planck. He wrote beautiful works, seeking to view nature everywhere as itself imbued with spirit, forming the foundation for the spirit—beautiful works: “Truth and Superficiality of Darwinism,” “Outlines of a Science of Nature,” “Spirit and Nature”—wonderful works, arising entirely from—as he was well aware, fully aware—the very deepest power of German thought, German sensibility, and the German scientific spirit; this is what he called the German essence. I can highlight just one example: when people speak of the Earth today, how do they speak of it in the natural sciences, and how does the geologist speak of it? The Earth is merely a material sphere, and it is mentioned only in passing that human beings also walk upon it. For Planck, that is not what the Earth is. For Planck, the Earth is that to which all living beings belong. Christian Karl Planck seeks to develop a conception of the Earth that is roughly what one would have if viewing it from the outside, with all that it embodies spiritually. It is not merely an organism, but actually a spiritual being, and human beings are an integral part of the Earth in this sense. And to conceive of the Earth solely in terms of purely physical geology would, in Planck’s view, be like considering a tree only in terms of its trunk—a woody trunk—without seeing that what constitutes the tree’s innermost essence—its blossoms and fruits—is connected to it. Just as flowers and fruits belong to the tree by their very nature, so too, when one considers the Earth, one cannot be satisfied with a mere geological perspective. And this is how everything is with Planck.
[ 85 ] Und so drängt sich in Plancks Anschauungsweise etwas hinein, wodurch er auf seine Zeitgenossen mächtig wirken wollte, aber nicht gekonnt hat, weil sie noch nicht reif waren, diese Anschauungsweise so unmittelbar aufzunehmen. Er wollte sagen: Indem man mit der Natur lebt, lebt man nicht nur mit der äußeren Natur, sondern mit dem Geist der Natur zusammen. Das wollte er, dass aufgenommen wird in das sittliche, in das Rechtsbewusstsein das religiöse Bewusstsein der Menschheit. Die Zeit, in der Christian Karl Planck gelebt hat, sie hat noch nicht die Möglichkeit gehabt, die Dinge zu übersehen. Sie hat ihn zuletzt zu einem «übernervösen Menschen» gestempelt. Ein solcher Denker kann oftmals einsam stehen, nicht nur im Leben. Sodass sein zuletzt geschriebenes Werk nach seinem Tode herausgegeben worden ist von seinem lieben Freund Köstlin, unter dem Titel «Testament eines Deutschen».
[ 85 ] And so something finds its way into Planck’s worldview—something through which he wanted to make a powerful impact on his contemporaries, but was unable to do so because they were not yet ready to accept this worldview so directly. He wanted to say: By living with nature, one lives not only with external nature, but also with the spirit of nature. He wanted this—the religious consciousness of humanity—to be incorporated into moral consciousness and into the sense of justice. The era in which Christian Karl Planck lived had not yet had the opportunity to take a broader view of things. Ultimately, it branded him as an “overly nervous man.” Such a thinker can often stand alone, not only in life. Consequently, his last written work was published posthumously by his dear friend Köstlin under the title *Testament of a German*.
[ 86 ] Das alles, das ich genannt habe, hat Planck dazu geführt, dass man von ihm als übernervösen Menschen sprach; sodass derjenige, der die Dinge heute nur dumpf ahnt, wie von einem größenwahnsinnigen Menschen sprechen könnte. Aber es ist ein Mensch, der tief und bewusst drinnen lebt innerhalb des vergessenen Tones des deutschen Geisteslebens — so bewusst, dass 1864 dieser Karl Christian Planck schreiben konnte über dasjenige, was er als deutsche Wissenschaft suchen wollte, schreiben konnte:
[ 86 ] All of this—which I have mentioned—led people to describe Planck as an overly nervous person; so much so that anyone who today has only a vague inkling of these things might speak of him as a megalomaniac. But he is a man who lives deeply and consciously within the forgotten tone of German intellectual life—so consciously, in fact, that in 1864 this Karl Christian Planck was able to write about what he sought as German science:
«Welche Macht tiefgewurzelter Vorurteile von der bisherigen Anschauung aus seiner»
“The power of deep-rooted prejudices, as seen from the prevailing view of his”
[ 87 ] des Verfassers
[ 87 ] by the author
«Schrift entgegensteht, dessen ist er sich vollkommen bewusst; allein wie schon die Arbeit selbst, trotz aller Ungunst der Umstände, die zufolge der ganzen Lage und Berufsstellung des Verfassers einem Werke dieser Art sich entgegenstellte, doch ihre Durchführung und ihren Weg in die Öffentlichkeit sich erkämpft hat, so ist er auch gewiss, dass das, was sich jetzt erst seine Anerkennung erkämpfen muss, einst als die einfachste und selbstverständlichste Wahrheit erscheinen wird, und dass darin nicht bloß seine Sache, sondern die wahrhaft deutsche Anschauung der Dinge über alle noch unwürdig äußerliche und undeutsche Auffassung der Natur und des Geistes siegen wird.»
“He is fully aware that the text is controversial; yet, just as the work itself—despite all the adverse circumstances that, given the author’s overall situation and professional standing, stood in the way of a work of this kind— it has nevertheless fought its way to completion and into the public eye, so he is also certain that what must now first fight for recognition will one day appear as the simplest and most self-evident truth, and that in this, not only his cause but the truly German view of things will triumph over all still unworthy, superficial, and un-German conceptions of nature and the spirit.”
[ 88 ] Jetzt schreibt er weiter:
[ 88 ] He goes on to write:
«Was in unbewusster tiefsinniger Ahnung schon unsere mittelalterliche Dichtung vorgebildet hat, das wird endlich in der Reife der Zeiten an unserer Nation sich erfüllen. Die unpraktische, mit Schaden und Spott heimgesuchte Innerlichkeit deutschen Geistes (wie Wolfram sie in seinem Parsifal schildert)»
“What our medieval poetry had already foreshadowed in a deep, unconscious intuition will finally be fulfilled in our nation as the times come of age. The impractical inwardness of the German spirit, plagued by harm and ridicule (as Wolfram depicts it in his *Parsifal*)”
[ 89 ] schon 1864, vor Wagners Parsifal geschrieben!
[ 89 ] written as early as 1864, before Wagner's *Parsifal*!
«erringt endlich in der Kraft ihres unablässigen Strebens das Höchste; sie schaut den letzten einfachen Gesetzen der Dinge und des menschlichen Daseins selbst auf den Grund; und was die Dichtung phantastisch mittelalterlich in den Wundern des Grals versinnbildlicht hat, dessen Herrschaft ihr Held erringt, das erhält umgekehrt seine rein natürliche Erfüllung und Wirklichkeit in der bleibenden Erkenntnis der Natur und des Geistes selbst.»
“finally attains the highest through the power of her ceaseless striving; it delves to the very depths of the ultimate, simple laws of things and of human existence itself; and what poetry symbolized in a fantastical, medieval manner through the wonders of the Grail—whose dominion its hero attains—finds, conversely, its purely natural fulfillment and reality in the enduring understanding of nature and the spirit itself.”
[ 90 ] So 1864 Planck, mit dem Bewusstsein, aus den deutschen Anlagen heraus eine Geistes-Welten-Wissenschaft zustande bringen zu können!
[ 90 ] Thus, in 1864, Planck, fully aware that he could develop a science of the mind and the universe based on German traditions!
[ 91 ] Nun werden sich ja viele Menschen finden, nicht wahr, die sagen: Nun, so ein armer Philosoph, der da im Geiste träumt, der weiß ja doch nichts, was eigentlich in der Wirklichkeit lebt! Dazu müssen die praktischen Menschen kommen, die das praktische Leben in der rechten Weise zu handhaben wissen und zu beurteilen verstehen. Kommen solche Philosophen mit ihren Idealen: Aber was wissen die von der Wirklichkeit? — Ja, da möchte Ich Ihnen doch gerade von diesem Christian Karl Planck ein Beispielchen geben. 1880 ist der Mann gestorben; 1881 schon ist sein «Testament eines Deutschen» erschienen — 1881, zehn Jahre, nachdem der DeutschFranzösische Krieg in einigem die deutschen Verhältnisse verändert hatte. Halten wir diesen Zeitpunkt fest. Wie viele Deutsche haben seit jener Zeit verschiedenes über die europäischen Angelegenheiten geglaubt, haben sich vorgestellt, was da kommen werde, Staatsmänner und Nichtstaatsmänner, Diplomaten und Nichtdiplomaten, was haben sie sich alles vorgestellt die «praktischen» Leute, die wissen, wie draußen der Hase läuft! Was haben sie sich alles vorgestellt! Was haben sie auch gelächelt über die Idealisten, die sich so aus ihrer erträumten Ideenwelt eine Vorstellung machen über dasjenige, wie die Strömungen in der Welt sind! Nun, der «unpraktische Idealist» Christian Karl Planck schrieb also 1880 spätestens — denn 1881 ist er gestorben —, er schrieb in seinem «Testament eines Deutschen»: Ein großer europäischer Krieg werde kommen!
[ 91 ] Now, there will certainly be many people, won’t there, who say: “Well, such a poor philosopher, lost in his dreams, doesn’t really know anything about what actually goes on in the real world!” Then there are the practical people, who know how to handle practical life in the right way and understand how to judge it. When such philosophers come along with their ideals: “But what do they know about reality?”—Well, I’d like to give you a little example from this very Christian Karl Planck. The man died in 1880; his *Testament of a German* was published as early as 1881—1881, ten years after the Franco-Prussian War had, in some respects, changed conditions in Germany. Let’s mark this point in time. How many Germans have, since then, held various beliefs about European affairs, have imagined what was to come—statesmen and non-statesmen, diplomats and non-diplomats—what have all these “practical” people, who know how things really work out there, imagined! What have they imagined! And how they must have smiled at the idealists, who, from their dreamy world of ideas, form such notions about the currents of the world! Well, the “impractical idealist” Christian Karl Planck wrote in 1880 at the latest—since he died in 1881—in his *Testament of a German*: A great European war is coming!
«Keine politische Klugheit, keine Friedensliebe vonseiten Deutschlands vermag innerhalb der jetzigen bloß nationalen Ordnung diesen feindlichen Zusammenstoß zu verhindern. Denn mächtiger als alle Klugheit ist die Natur der Verhältnisse; und schon jetzt tritt ungeachtet der befreundeten Haltung Deutschlands und Österreichs die feindliche Stimmung des russischen Ostens nur umso deutlicher hervor, deshalb, weil man ihm nicht in allem die freie Hand lassen konnte, sondern notwendig ein bestimmtes Ziel setzen musste. Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses doch nicht an unserer Seite finden, sondern wie im Osten, so werden wir zugleich auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen; nach allen Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.»
“No political wisdom, no love of peace on Germany’s part can prevent this hostile clash within the current, purely national order. For the nature of the circumstances is more powerful than all prudence; and even now, despite the friendly stance of Germany and Austria, the hostile sentiment of the Russian East is becoming all the more evident, precisely because it could not be given a free hand in everything, but a specific goal had to be set. And if a conflict should eventually arise, then—no matter how much we must fight it for the good of Europe—Europe will not stand by our side; rather, just as in the East, we will simultaneously have to defend ourselves in the West and the South; on all sides, hostile national jealousy will rise up against the new empire placed in their midst.”
[ 92 ] Und jetzt bitte ich sie, diese Worte genau anzuhören:
[ 92 ] And now I ask you to listen carefully to these words:
«Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses doch nicht an unserer Seite finden, sondern wie im Osten, so werden wir zugleich auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen; nach allen Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.»
“And if a battle should one day break out, even though we must fight it for the good of Europe, we will not find Europe on our side; rather, just as in the East, we will have to defend ourselves simultaneously in the West and the South; on all sides, hostile national jealousy will rise up against the new empire established in their midst.”
[ 93 ] Das ist der «träumende Philosoph» von 1881, der den Leuten sagt: Ihr werdet machen können, was ihr wollt, ich glaube heute es schon nicht mehr — er konnte es damals noch nicht sagen, aber es liegt in seinen Worten dasjenige, was gescheite Leute noch 1913, 1914 [glaubten], dasjenige —, dass zum Beispiel Italien an der Seite der Mittelmächte werde zu finden sein. Der «unpraktische Mann», der «unpraktische Philosoph» Christian Karl Planck hat es schon 1880 nicht mehr geglaubt! Man muss nur kennenlernen jene wahre Lebenssituation, wie sie heute ist, jene wahre Lebenssituation, die in den Tiefen des geistigen Wesens ruht, die ganze Situation, wie sie heute ist, ist von einem Philosophen, von einem deutschen Philosophen 1880 niedergeschrieben worden. Es kann von jedem gelesen werden! 1912 ist in zweiter Auflage dieses «Testament eines Deutschen» erschienen, in einem Verlage, der ja allerdings in seiner Druckarbeit in der damaligen Zeit viel mehr zu tun gehabt hat, als sich mit dem «Testament eines Deutschen» zu befassen, der sich lieber darauf verlegt hat dazumal, die ja auch zahlreichen, übersetzten Werke des französisch Philosophen Bergson in Deutschland, wie man sagt, populär zu machen, jenen Bergson — ich habe in meinen «Rätseln der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt», zugleich der neuen Ausgabe des Werkes «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» auch auf Bergson hingewiesen. Aber wie es schwer gelungen ist oder eigentlich noch nicht gelungen ist, trotzdem ich schon 1900 in meinen «Welt- und Lebens-Anschauungen im neunzehnten Jahrhundert» — ergänzt durch eine Vorgeschichte über abendländische Philosophie und bis zur Gegenwart fortgesetzt —, auf die ganze Bedeutung Christian Karl Plancks hingewiesen habe, wie es nicht gelungen ist, dem Deutschen auch nur zum Bewusstsein zu bringen, was im deutschen Volkstum lebt dadurch, dass ein deutscher Philosoph so sprechen kann, so wirkte es ja auch nicht, dass ich dazumal — schon vor dem Krieg niedergeschrieben — aufmerksam machen konnte auf dasjenige, was zum Beispiel als eine besonders bedeutsame Idee von Nichtswissern bei Bergson entgegengenommen wird, wie zum Beispiel den berühmten Satz: «Die Dauer dauert.», den konnte man ja als nichts anderes ansehen, als wenn einer sagt «Die Dauer dauert.», zu sagen: «Das Herz herzt.», aber was dann als etwas anderes angesehen werden konnte, das war bei Bergson das Nächste, was der Mensch zu betrachten hat in Bezug auf eine Weltanschauung, [...] dass er vom Menschen ausgeht und den Menschen an die Spitze stellt, und die anderen Wesen wie gleichsam abfallen aus der Menschenentwicklung — dass zuerst der Mensch da ist, dann entstehe aus dem Reich der Mineralien, der Pflanzen der Tiere etwas, was manche für Wahnsinn anschauen werden, was aber doch die tatsächliche wirkliche Weltanschauung ist —, man hat das bewundert und [darauf] hingewiesen. Man — man darf das vielleicht in diesem Fall sagen, denn volle Mannigfaltigkeit ist auch nicht da bei denjenigen, die sich der Bergson’schen Philosophie so begeistert zugewandt haben und mancherlei wiederkäuen —, wurde etwas betrübt darüber, als Bergson seine Rede schloss damit, dass während des Krieges die Deutschen so heruntergekommen sind gerade — und was ich schon im vorigen Jahre hier angeführt habe dieses Durchmerken-Lassen, dass die Deutschen so heruntergekommen sind von ihrer Höhe, wie sie einst noch in Schelling, Schopenhauer, Hegel gehabt, [wie sie es] in einem Goethe gehabt haben —, [dass die Deutschen] aber jetzt so heruntergekommen sind, dass alles mechanistisch ist bei ihnen, [dass sie] alles in Maschinen und Industriellem wollen aufgehen lassen. Der gute Bergson hat wahrscheinlich geglaubt, dass die Deutschen ihnen einen Novalis, einen Goethe oder Schiller entgegendeklamieren werden.
[ 93 ] This is the “dreaming philosopher” of 1881, who tells people: You will be able to do whatever you want; I no longer believe that today—he could not say it back then, but his words contain what sensible people still [believed] in 1913, 1914 [still believed]—namely, that Italy, for example, would be found fighting alongside the Central Powers. The “impractical man,” the “impractical philosopher” Christian Karl Planck had already stopped believing it as early as 1880! One need only become acquainted with that true reality as it is today, that true reality that lies in the depths of the spiritual being; the entire reality as it is today was written down by a philosopher—a German philosopher—in 1880. Anyone can read it! In 1912, the second edition of this “Testament of a German” was published by a publishing house that, admittedly, had far more on its plate at the time than dealing with the “Testament of a German”—a house that, as they say, preferred to focus on popularizing the numerous translated works of the French philosopher Bergson in Germany, —and I have also referred to Bergson in my *Outline of the Riddles of Philosophy in Its History*, as well as in the new edition of the work *Worldviews and Lifestyles in the Nineteenth Century*. But how difficult it has been—or, in fact, has not yet been—to convey the full significance of Christian Karl Planck, even though as early as 1900 in my *Worldviews and Philosophies of Life in the Nineteenth Century* —supplemented by a prehistory of Western philosophy and continued up to the present—I had already pointed out the full significance of Christian Karl Planck; just as it has not been possible to make Germans even aware of what lives in German folklore through the fact that a German philosopher can speak in this way, so too did it have no effect that I, back then, — having written it down even before the war — was able to draw attention to what, for example, is regarded by the uninformed as a particularly significant idea in Bergson, such as the famous sentence: “Duration lasts,” which could indeed be seen as nothing other than someone saying “Duration lasts,” saying, “The heart hearts,” but what could then be regarded as something else was, in Bergson’s view, the next thing a person must consider in relation to a worldview, [...] that he takes human beings as his starting point and places them at the forefront, while other beings, as it were, stem from human evolution—that human beings come first, and then, from the realms of minerals, plants, and animals, something arises that some will regard as madness, but which is, in fact, the true worldview—this has been admired and pointed out. One—perhaps one may say this in this case, for there is no full diversity even among those who have turned so enthusiastically to Bergson’s philosophy and regurgitate all sorts of things— felt somewhat disheartened when Bergson concluded his speech by saying that during the war the Germans had fallen so low—and what I already mentioned here last year, this acknowledgment that the Germans had fallen so far from their former heights, as they once stood in Schelling, Schopenhauer, and Hegel—[as they] had in a Goethe—but [that the Germans] have now fallen so low that everything about them is mechanistic, [that they] want to reduce everything to machines and industry. Good old Bergson probably believed that the Germans would counter by reciting a Novalis, a Goethe, or a Schiller.
[ 94 ] Aber ich konnte Ihnen dazumal zeigen — das ist vor dem Kriege geschehen —, dass dasjenige, was als ein schwächerer Gedanke so bewundert worden ist bei Bergson, dass das bei dem Deutschen Wilhelm Heinrich Preuss — aber in den Werken, die schon in den 1870erJahren erschienen sind, besonders 1882 —, [dass das] bei dem Deutschen Preuss in viel kraftvollerer Weise aufgetreten und vertreten worden ist!
[ 94 ] But I was able to show you back then—this happened before the war—that what was so admired in Bergson as a more subtle idea had, in the work of the German Wilhelm Heinrich Preuss—specifically in works published as early as the 1870s, particularly in 1882— [that] had appeared and been presented in a much more powerful way in the work of the German Preuss!
[ 95 ] Da sehen wir, wie Wilhelm Heinrich Preuss in seiner Schrift «Geist und Stoff» 1882 anführt dieses ganze verklungene und vergessene Streben und Strömen deutschen Geisteslebens zum Beispiel, und der sehr energisch darauf hinweist, dass auszugehen ist vom Menschen. Und nur eine Naturanschauung, welche sich gar nicht bewusst ist des wirklichen Zusammenhanges des Menschengeistes mit dem Geistigen, die kann von den niederen Wesen ausgehen und alles hinaufentwickeln bis zum Menschen, während dem das, was sonst vorhanden ist als Absplittern sich anschaut. Preuss sagt:
[ 95 ] Here we see how Wilhelm Heinrich Preuss, in his 1882 work *Geist und Stoff* (*Spirit and Matter*), cites as an example this entire faded and forgotten striving and flow of German intellectual life, and how he very emphatically points out that one must start from the human being. And only a view of nature that is completely unaware of the true connection between the human spirit and the spiritual realm can proceed from the lower beings and develop everything upward to the human being, while everything else appears as a fragmentation. Preuss says:
«Es dürfte [deshalb] an der Zeit sein, eine [andere] Lehre von der Entstehung der organischen Arten aufzustellen, welche sich nicht allein auf einseitig aufgestellte Sätze aus der beschreibenden Naturwissenschaft gründet, sondern auch mit den übrigen Naturgesetzen, welche zugleich auch Gesetze des menschlichen Denkens sind, in voller Übereinstimmung ist. Eine Lehre zugleich, die alles Hypothetisierens bar ist, und nur auf strengen Schlüssen aus naturwissenschaftlichen Beobachtungen im weitesten Sinne beruht; eine Lehre, die den Artbegriff nach tatsächlicher Möglichkeit rettet, aber zugleich den von Darwin aufgestellten Begriff der Entwicklung hinübernimmt auf ihr Gebiet und fruchtbar zu machen sucht.
Der Mittelpunkt dieser neuen Lehre nun ist der Mensch, die nur einmal auf unserem Planeten wiederkehrende Spezies: Homo sapiens. Merkwürdig, dass die älteren Beobachter bei den Naturgegenständen anfingen und sich dann dermaßen verirrten, dass sie den Weg zum Menschen nicht fanden, was ja auch Darwin nur in kümmerlichster und durchaus unbefriedigender Weise gelang, indem er den Stammvater des Herrn der Schöpfung unter den Tieren suchte — während der Naturforscher bei sich als Menschen anfangen müsste, um so fortschreitend durch das ganze Gebiet des Seins und Denkens zur Menschheit zurückzukehren. ...
Es war nicht Zufall, dass die menschliche Natur aus der Entwicklung alles Irdischen hervorging, sondern Notwendigkeit. Der Mensch ist das Ziel der tellurischen Vorgänge und jede andere neben ihm auftauchende Form hat aus der seinigen ihre Züge entlehnt. Der Mensch ist das erstgeborene Wesen des ganzen Kosmos ...
Als seine Keime entstanden waren, hatte der gebliebene organische Rückstand nicht die nötige Kraft mehr, um weitere menschliche Keime zu erzeugen. Was noch entstand, wurde Tier oder Pflanze ...»
“It is [therefore] likely time to formulate a [different] theory of the origin of organic species, one that is not based solely on one-sided propositions derived from descriptive natural science, but is also in full accord with the other laws of nature, which are at the same time laws of human thought. A theory, at the same time, that is free of all hypothetizing and rests solely on rigorous conclusions drawn from scientific observations in the broadest sense; a theory that preserves the concept of species as far as is actually possible, but at the same time incorporates Darwin’s concept of evolution into its domain and seeks to make it fruitful.
The focal point of this new theory is the human being, the species that appears only once on our planet: Homo sapiens. It is strange that the earlier observers began with natural objects and then strayed so far off course that they failed to find the path to humankind—a feat that even Darwin achieved only in the most meager and thoroughly unsatisfactory manner, by seeking the progenitor of the Lord of Creation among the animals — whereas the naturalist would have to begin with himself as a human being, in order to return progressively to humanity through the entire realm of being and thought. ...
It was not by chance that human nature emerged from the evolution of all earthly things, but by necessity. Man is the goal of telluric processes, and every other form that has appeared alongside him has borrowed its characteristics from him. Man is the first-born being of the entire cosmos ...
Once his embryos had formed, the remaining organic residue no longer had the necessary power to produce further human embryos. Whatever else came into being became an animal or a plant ...»
[ 96 ] Man weiß nicht, hat Bergson den Preuss, Wilhelm Heinrich Preuss eigentlich nicht gekannt? Was ein ebenso großer Fehler wäre, wie wenn er ihn gekannt hat und dasjenige, was Preuss’ Eigentum ist, einfach so hingeschrieben hat, ohne darauf aufmerksam zu machen, dass es von Wilhelm Heinrich Preuss ist.
[ 96 ] We do not know whether Bergson actually knew Wilhelm Heinrich Preuss. That would be just as big a mistake as if he had known him and simply written down what belongs to Preuss without pointing out that it is by Wilhelm Heinrich Preuss.
[ 97 ] Zuzutrauen wäre es ihm ja — auch das Letztere; denn es ist ja schon hinlänglich jetzt bekannt geworden, dass Bergson — der den Deutschen mechanische Weltanschauung vorwirft, um damit zu beweisen, wie sie jetzt in der Gegenwart heruntergekommen seien —, und dabei selber einen sehr merkwürdigen Weg eingeschlagen hat. Es ist hinlänglich bekannt, dass Bergson ganze Seiten seiner Bücher — der Bergson’schen Bücher! — einfach abgeschrieben hat aus Schelling, Schopenhauer und aus anderen deutschen Philosophen, einfach abgeschrieben hat — eine nicht mechanische Art, seine Bücher zu schreiben! Und von denjenigen Persönlichkeiten eines Volkes seitenlang abzuschreiben, eines Volkes, das man in einer solchen Weise schmäht und verleumdet! Da schreibt man einfach ab, und gewinnt dadurch großen Ruhm und Lob.
[ 97 ] One could certainly imagine him doing that—even the latter; for it has now become sufficiently well known that Bergson—who accuses the Germans of having a mechanical worldview in order to prove how far they have fallen in the present—has himself taken a very peculiar path. It is well known that Bergson simply copied entire pages of his books—Bergson’s books!—from Schelling, Schopenhauer, and other German philosophers; he simply copied them—a non-mechanical way of writing his books! And to copy page after page from the works of the leading figures of a people—a people whom one reviles and slanders in such a manner! One simply copies, and thereby gains great fame and praise.
[ 98 ] Das sind Dinge, die so leicht vergessen werden in der Gegenwart. Manche sehen es ja jetzt schon, wie sich die Dinge verhalten! Da sagt zum Beispiel Henry Frederic Amiel einmal:
[ 98 ] These are things that are so easily forgotten in the present. Some people can already see how things are turning out! Henry Frederic Amiel, for example, once said:
«Vielleicht ist nur dem germanischen Geist das Bedürfnis eigen, aus sich selbst heraus zu denken, nach dem Urgrund der Dinge zu forschen. Die Slawen und Romanen stehen stärker unter der Herrschaft der Konvention, der Überlieferung, der Sitte, des Vorurteils, der Mode; und wenn sie sie durchbrechen, so geschieht es als Aufruhr und Empörung, ohne deshalb aus sich selbst heraus das den Dingen immanente Gesetz zu erkennen, ihren wahren Maßstab, nicht den geschriebenen, willkürlichen, hineinverlegten. Der Deutsche will bis zur Natur vordringen; der Franzose, der Spanier, der Russe bleibt bei der Konvention stehen. Die Wurzel des Problems liegt in der Frage nach dem Zusammenhange von Gott und Welt: Immanent oder transzendent — es entscheidet von Stufe zu Stufe über die Bedeutung alles Übrigen. Wenn der Geist außerhalb der Dinge ist, so braucht er sich ihnen nicht anzupassen. Wenn es dem Geist an Wahrheit mangelt, so muss sie ihm von den Propheten werden. Dann verachtet der Gedanke die Natur und ist der Kirche untertan, das ist die lateinische Welt.»
“Perhaps it is unique to the Germanic spirit to think independently, to search for the very source of things. The Slavs and Romans are more strongly subject to the rule of convention, tradition, custom, prejudice, and fashion; and when they break free from these, it happens as an uprising and rebellion, without thereby recognizing from within themselves the law inherent in things—their true standard, not the written, arbitrary, imposed one. The German seeks to penetrate to the very essence of nature; the French, the Spaniard, and the Russian stop at convention. The root of the problem lies in the question of the relationship between God and the world: immanent or transcendent—this determines, step by step, the significance of everything else. If the spirit is outside of things, it need not adapt to them. If the spirit lacks truth, it must be supplied to it by the prophets. Then thought despises nature and is subject to the Church; that is the Latin world.”
[ 99 ] So Henri Frederic Amiel, der französische Schweizer, der sich diese Worte über den germanischen Geist und die Franzosen, Spanier und Russen im Jahre 1877 aufgeschrieben hat, als er in Ems weilte.
[ 99 ] So wrote Henri Frédéric Amiel, the French Swiss, who jotted down these words about the Germanic spirit and the French, Spanish, and Russians in 1877 while staying in Ems.
[ 100 ] Durch solche Dinge lernt man kennen, sehr verehrte Anwesende, was eigentlich lebt auf den sechs Millionen Quadratkilometern, die jetzt nicht nur eingeschlossen werden, sondern verleumdet und geschmäht werden von den hervorragenden Persönlichkeiten derer, die auf den 68 Millionen Quadratkilometern wohnen und leben.
[ 100 ] It is through such things, distinguished guests, that one comes to understand what actually lives on the six million square kilometers that are now not only being enclosed, but also slandered and reviled by the distinguished figures among those who inhabit and live on the 68 million square kilometers.
[ 101 ] Aber wenn man so versucht, das Wesentliche, das Bedeutsamste der einzelnen Völkergeister, wie sie jetzt miteinander im Kampfe liegen müssen, herauszuholen, ja, man kann wirklich sagen: Sieht man hin auf die italienische Volksseele — sicher sitzen hier viele Zuhörer, die wissen, dass ich seit langer Zeit, viele Jahre schon vor dem Kriege geltend gemacht habe, nicht nur vor Deutschen, sondern auch vor andern europäischen Nationen, sodass sie nicht etwa bloß durch die Stimmung dieses Krieges hervorgerufen sind, diese Worte, sondern auf objektiver Erkenntnis der Sachlage beruhen —, sieht man hin auf die italienische Volksseele, so kann man ein einfaches Wort finden, durch das man sie charakterisieren kann. Der Italiener wendet sich der Welt zu — selbstverständlich ist nicht der Einzelne gemeint, sondern insofern er seinem Volke angehört —, der Italiener wendet sich der Welt zu; aber er sagt: Diese Welt muss so sein, dass sie mir gefällt! Ganz nur aus diesem Gesichtspunkte heraus — Volkstum ist das.
[ 101 ] But when one tries in this way to bring out the essence, the most significant aspects of the individual national spirits—as they are now forced to struggle against one another—well, one can truly say: If one looks at the Italian national soul—surely there are many listeners here who know that I have, for a long time, many years even before the war—not only to Germans but also to other European nations—so that these words are not merely a reaction to the mood of this war, but are based on an objective understanding of the situation—if one looks at the Italian national soul, one can find a simple word to characterize it. The Italian turns toward the world—of course, this does not refer to the individual, but rather insofar as he belongs to his people—the Italian turns toward the world; but he says: This world must be such that it pleases me! Entirely from this point of view—that is what national character is.
[ 102 ] Der Franzose wendet sich auch der Welt zu. Aber er sagt: Diese Welt darf nichts anderes denken, als ich will, als was ich mir in meinen französischen Begriffen als die Welt vorstelle. Und trifft er irgendwo anderes Denken an, dann ist dies unterzuordnen. Wehe, wenn etwas existiert, das der Franzose aus seinem Franzosentum heraus nicht verstehen kann.
[ 102 ] The Frenchman also turns his attention to the world. But he says: This world must think nothing other than what I want, than what I conceive of as the world in my French terms. And if he encounters a different way of thinking anywhere, then it must be subordinated. Woe betide anything that exists which the Frenchman, by virtue of his Frenchness, cannot understand.
[ 103 ] Der Engländer, der Brite, er denkt: Ja, gut ist schon auch die Welt; die Welt, recht, recht gut; aber sie muss so gemacht werden, dass die dem Briten dient, dass der Brite vor allen Dingen sein Ich auf dieser Welt geltend machen kann, und sie im Übrigen so eingerichtet ist, dass sie diesem dient. Man kann schon im Einzelnen gerade bei denjenigen nachlesen, die da glaubten aus den Tiefen des englischen Volksseelentums heraus zu schaffen — Geschichtsschreiber, Philosophen —, wo man hinsehen will, überall kann man es nachweisen.
[ 103 ] The Englishman, the Briton, thinks: Yes, the world is certainly good; the world is quite, quite good; but it must be shaped in such a way that it serves the Briton, that the Briton can, above all else, assert his individuality in this world, and that, for the rest, it is organized to serve him. One can read about this in detail, particularly in the works of those who believed they were drawing from the depths of the English national spirit—historians, philosophers—and wherever one looks, one can find evidence of it.
[ 104 ] Der Deutsche in seiner Gedankenentwicklung, er denkt: Die Welt ist da, und indem ich als Mensch der Welt gegenüberstehe, will ich meine Menschenseele so entwickeln, dass sie das dreifache Abbild der großen Welt werde. Das ist der Nerv des deutschen Denkens und Fühlens.
[ 104 ] The German, in the development of his thought, reasons as follows: The world exists, and as I, a human being, face the world, I wish to develop my human soul in such a way that it becomes the threefold reflection of the great world. This is the essence of German thought and feeling.
[ 105 ] Der Russe, der denkt: Die Welt, wie sie da ist, ist überhaupt nichts wert; sie muss durch eine andere ersetzt werden. Und es handelt sich darum, jene Welt an die Stelle dieser Welt zu setzen, in der der russische Mensch gedeihen kann. Das ist russische Volksstimmung.
[ 105 ] The Russian who thinks: The world as it is is worth absolutely nothing; it must be replaced by another. And the point is to put that world in place of this one, a world in which the Russian people can flourish. That is the Russian national sentiment.
[ 106 ] Henri Frederic Amiel, der Schweizer Franzose entwirft einmal ein merkwürdiges Bild, wie es sein würde, wenn russisches Volkswesen überschwemmen, beherrschen würde Europa — wie es will, und wie es eigentlich die ganze russische Volksströmung im neunzehnten Jahrhundert und auch im zwanzigsten Jahrhundert aus ihren eigenen [Impulsen] dargestellt hat. Henri Frederic Amiel sagt:
[ 106 ] Henri Frédéric Amiel, the Swiss Frenchman, once painted a curious picture of what it would be like if Russian culture were to flood and dominate Europe—as it pleases, and as the entire Russian cultural movement of the nineteenth and twentieth centuries has, in fact, portrayed it based on its own [impulses]. Henri Frédéric Amiel says:
«Welch fürchterliche Herren wären die Russen, wenn sie die Macht ihrer Herrschaft jemals über die Länder des Südens ausbreiten würden» —
“What terrible masters the Russians would be if they ever extended their rule over the countries of the South”—
[ 107 ] er nennt Russland, das Land des Nordens, und er rechnet zu den Ländern des Südens auch Frankreich und Deutschland —
[ 107 ] He refers to Russia as the country of the North, and he also counts France and Germany among the countries of the South —
«Was sie uns brächten, wäre polarer Despotismus, eine Tyrannei, wie die Welt sie noch nicht gekannt hat, lautlos wie der Nebel, schneidend wie Eis, starr wie Eisen, dazu die Lieblichkeit des fallenden Schnees und sein kalter Glanz; Sklaverei ohne Gegenleistung und Linderung. Aber wahrscheinlich werden sie allmählich die Tugenden und Fehler ihrer Halbbarbarei einbüßen. Die Jahrhunderte werden diese Söhne des Nordens reifen, und sie werden anders denn als Drohung oder Misston in den Einklang der Völker eingreifen ...»
“What they would bring us would be polar despotism, a tyranny the likes of which the world has never known—silent as fog, biting as ice, rigid as iron, yet with the loveliness of falling snow and its cold brilliance; slavery without compensation or relief. But they will likely gradually lose the virtues and flaws of their semi-barbarism. The centuries will mature these sons of the North, and they will enter the harmony of nations as something other than a threat or a discordant note ...”
[ 108 ] In Bezug auf Deutschland und Österreich, die mit ihnen verbündeten Völker, ist, wie wir ja wissen, diese Zeit noch nicht gekommen. Aber wie auch gerade der Osten, der russische Osten, im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts allmählich denken lernt über den europäischen Westen — was für ihn europäischer Westen ist, wozu also nicht nur Mitteleuropa, sondern im neunzehnten Jahrhundert vielfach auch Westeuropa gehört hat, Frankreich und England gehört hat —, dasjenige, was im russischen Volke liegt, aufgestachelt durch unverstandenes Empfangen der westlichen Geisteskultur, namentlich auch der deutschen Geisteskultur, hat sich erhitzt bis zum Größenwahn, der wahrhaftig nicht nur entgegengetreten ist in dem «Testament Peters des Großen», in dem gefälschten oder nicht gefälschten «Testament Peters des Großen», sondern der entgegengetreten ist in dem ganzen Entwicklungsprinzip von tonangebenden Persönlichkeiten im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert in Russland.
[ 108 ] As we know, this time has not yet come for Germany and Austria, the nations allied with them. But just as the East—the Russian East—gradually came to understand the European West over the course of the nineteenth century—that is, what the European West meant to it, which included not only Central Europe but, in the nineteenth century, often Western Europe as well, including France and England—that which lies within the Russian people, incited by a misunderstanding of Western intellectual culture, particularly German intellectual culture, has flared up into a delusion of grandeur that truly manifested itself not only in the “Will of Peter the Great,” in the “Will of Peter the Great”—whether forged or not—but was also countered by the entire developmental principle of leading figures in nineteenth- and twentieth-century Russia.
[ 109 ] Das Genauere können Sie in meinem Büchlein «Gedanken während der Zeit des Krieges. Für Deutsche und diejenigen, die nicht glauben sie hassen zu müssen» nachlesen; es ist momentan vergriffen, wird aber bald in zweiter Auflage erscheinen; cs ist also gegenwärtig nicht zu haben, weil vergriffen.
[ 109 ] You can read more details in my little book *Thoughts During Wartime: For Germans and Those Who Do Not Believe They Must Hate Them*; it is currently out of print but will soon be published in a second edition; it is therefore not available at the moment because it is out of print.
[ 110 ] Merkwürdig ist es gegangen; immer mehr und mehr sieht man aus dem russischen Schrifttum, aus der Beschreibung der russischen Weltanschauungsmenschen eine Gedankenentwicklung hervorgehen, welche sagt: Alles dasjenige, was da im Westen lebt, namentlich das deutsche Geistesleben, diese Gedanken, die aus Fichte, Schelling, Hegel und den anderen hervorgekommen sind, das sind abstrakte Gedanken, die die Tiefen des Geschehens nicht ergreifen. Das ist alles greisenhaft; das ist eine Welt, die weggeschafft werden muss. Und an die Stelle muss die russische Welt treten, die Welt, die der russische Mensch erschaffen wird. Kirejewskij ist einer derjenigen, die angefangen haben mit dieser Denkweise. 1829 schon ein Ton, der tonangebend geworden ist, dann Politik geworden ist, und als die russische Dampfwalze jetzt über Europa geschickt werden sollte. Dieser Kirejewskij, der schreibt:
[ 110 ] It has been a curious development; more and more, one sees emerging from Russian literature—from the writings of Russian thinkers—a line of thought that states: Everything that exists in the West—namely, German intellectual life, these ideas that have emerged from Fichte, Schelling, Hegel, and the others—are abstract ideas that fail to grasp the depths of reality. It is all antiquated; it is a world that must be done away with. And in its place must come the Russian world—the world that the Russian people will create. Kireyevsky is one of those who pioneered this way of thinking. As early as 1829, this tone set the standard, then became a political movement, and now that the Russian steamroller was to be sent across Europe. This Kireyevsky writes:
«Das Schicksal jedes europäischen Staates hängt von der Vereinigung aller übrigen ab; — das Schicksal Russlands hängt von Russland allein ab. Aber das Schicksal Russlands ist in seiner Bildung beschlossen: Diese ist die Bedingung und Quelle aller Güter. Sobald alle diese Güter unser sein werden, — werden wir uns dieselben mit dem übrigen Europa teilen, und unsere ganze Schuld werden wir ihnen hundertfach heimzahlen.»
“The fate of every European state depends on the union of all the others; — the fate of Russia depends on Russia alone. But Russia’s fate is determined by its education: this is the condition and source of all good things. As soon as all these good things are ours, — we will share them with the rest of Europe, and we will repay our entire debt to them a hundredfold.”
[ 111 ] ... 1829! Also: Alle europäischen Güter, sobald Russland über ganz Europa ausgedehnt sein wird. Das ist nicht nur das politische, das ist auch das literarische Programm, das ist das künstlerisch-ästhetische Programm, ganz Europa zu besitzen, und dann aus Gutmütigkeit teilen, soweit man das für gut befindet — so Kirejewskij.
[ 111 ] ... 1829! In other words: all of Europe’s wealth, as soon as Russia has expanded across the whole of Europe. This is not only the political program, but also the literary program—it is the artistic and aesthetic program—to possess all of Europe and then, out of goodwill, to share it as one sees fit—according to Kireyevsky.
[ 112 ] Aber nicht gleich ging das russische Gedankenleben auf den Westen. Noch 1885 finden wir ein Buch, welches Jushakow zum Verfasser hat, und welcher träumt davon, wie das tief im Russentum lebt, zunächst nach Asien hinüber wirken zu müssen — eine Art Panasiatismus. Eine merkwürdige Theorie konstruiert Jushakow: Er sagt, da drüben in Asien leben Völker, welche eine wunderbare geistige und wirtschaftliche Kultur seinerzeit gehabt haben. Sie selber — diese asiatischen Völker — haben in einer wunderbaren, aber die Wirklichkeit treffenden Sage von Ormuzd und Ahriman dasjenige, was innerhalb ihres Lebens entstanden ist und sich entwickelt hat. Ormuzd nennen sie den guten Gott; Ahriman war der böse Gott, immer. Aber die iranischen Völker, zu denen auch die Inder, die Perser gehören, sie haben sich in den Dienst des Ormuzd begeben. Sie haben dem bösen Ahriman dasjenige, was sich ihnen entgegenstellte, abgenommen, sozusagen dasjenige, was Ahriman ihnen gelassen hat, der böse Ahriman ihnen gelassen, ihm abgenommen. Und 1885 sieht Jushakow insbesondere auf den Westen hin, auf die westlichen Völker Europas, insbesondere auf ein westliches europäisches Volk hin: die Engländer. Wie sind sie ihrer Gaben des guten Ormuzd beraubt worden durch diese Engländer, diese Asiaten! Diese Engländer haben die asiatischen Völker so behandelt, haben eingegriffen mit dem, was kommen konnte aus ihrer Weltanschauung heraus. Aber was haben sie diesen asiatischen Völkern gebracht? — sagt Jushakow in seinem Buche «Der englisch-russische Konflikt», 1885. Da kamen diese Engländer zu den asiatischen Völkern, und meinten, dass diese nur da wären, damit sie sich in englische Gewebe kleiden, untereinander mit englischen Waffen bekämpfen, mit englischen Werkzeugen arbeiten, aus englischen Gefäßen essen und mit englischem Flitter spielen.
[ 112 ] But Russian intellectual life did not immediately turn toward the West. As late as 1885, we find a book authored by Yushakov, in which he dreams of how the spirit deeply rooted in Russian culture must first exert its influence toward Asia—a kind of Pan-Asianism. Yushakov constructs a curious theory: He says that over in Asia there live peoples who once possessed a marvelous spiritual and economic culture. These Asian peoples themselves—in a marvelous yet realistic legend of Ormuzd and Ahriman—have captured what arose and developed within their own lives. They call Ormuzd the good god; Ahriman was always the evil god. But the Iranian peoples—which include the Indians and the Persians—have placed themselves in the service of Ormuzd. They have taken from the evil Ahriman that which stood in their way—so to speak, that which Ahriman left them, which the evil Ahriman left them—they have taken it from him. And in 1885, Yushakov looks specifically toward the West, toward the Western peoples of Europe, and in particular toward one Western European people: the English. How have they been robbed of their gifts from the good Ormuzd by these Englishmen, these Asians! These Englishmen have treated the Asian peoples in this way; they have intervened with whatever stemmed from their worldview. But what have they brought to these Asian peoples? — says Yushakov in his book *The Anglo-Russian Conflict*, 1885. Then these Englishmen came to the Asian peoples and assumed that the latter existed solely so that they might clothe themselves in English fabrics, fight one another with English weapons, work with English tools, eat from English vessels, and play with English trinkets.
[ 113 ] Dann geht er dazu über und sagt: Da müssen nun die Russen die Kultursegnungen in die Hand nehmen. Die werden den Asiaten nicht wegnehmen, was ihnen Ormuzd gegeben hat, sondern die werden sich verbünden mit den armen, von Ahriman geknechteten Menschen und werden teilen mit ihnen ihren Ormuzd, um sich mit ihnen emporzuarbeiten und Ormuzds Güter von Neuem in Asien drüben zu sammeln. Im Herzen, mit den Herzen der asiatischen Völker werden sie sein — nicht ich sage dies, sondern Jushakow. So wird es sein, dass sie hinübergehen werden von Russland, diejenigen aus Russland, die die eigentlichen Zukunftstypen der Menschheit sind von Russland, der Bauer und der Kosak, die größten Träger der moralischen Weltordnung, die größten Träger der selbstlosen Menschlichkeit. Aus dem Bunde des Bauern und des Kosaken wird hervorgehen dasjenige, was Asien wieder glücklich machen wird.
[ 113 ] Then he moves on to say: Now the Russians must take the cultural blessings into their own hands. They will not take away from the Asians what Ormuzd has given them, but rather they will ally themselves with the poor people enslaved by Ahriman and will share their Ormuzd with them, so that they may work their way up together and gather Ormuzd’s gifts anew over in Asia. In their hearts, they will be with the hearts of the Asian peoples—it is not I who say this, but Yushakov. And so it will be that they will cross over from Russia—those from Russia who are the very archetypes of humanity’s future: the peasant and the Cossack, the greatest upholders of the moral world order, the greatest upholders of selfless humanity. From the alliance of the peasant and the Cossack will emerge that which will make Asia happy once more.
[ 114 ] Und dann geht er dazu über, Jushakow, zu sagen, indem er noch einmal auf England deutet — 1885:
[ 114 ] And then he goes on to say, Yushakov, pointing once again to England—1885:
«England beutet Millionen von Hindus aus, seine ganze Existenz aber hängt von dem Gehorsam der verschiedenen Völker ab, von denen die reiche Halbinsel bewohnt wird.»
“England exploits millions of Hindus, yet its very existence depends on the obedience of the various peoples who inhabit the rich peninsula.”
[ 115 ] Englands Existenz also. Und dann sagt er weiter:
[ 115 ] England's very existence, then. And then he goes on to say:
«Ich wünsche meinem Vaterlande»
“I Wish for My Fatherland”
[ 116 ] meinem russischen Vaterland
[ 116 ] my Russian homeland
«nichts Ähnliches — ich kann mich nur freuen, dass es von diesem so glänzenden wie traurigen Zustand hinlänglich weit entfernt ist.»
“Nothing of the sort—I can only be glad that it is sufficiently far removed from this state, which is as brilliant as it is sad.”
[ 117 ] und nichts mit diesem schrecklichen England zu tun hat. Dies von einem Russen 1885 über England, der herbeisehnt einen Zustand und dankbar ist dafür, dass Russland hinlänglich weit entfernt ist von dem, was England über die Welt bringt.
[ 117 ] and has nothing to do with this dreadful England. This was said in 1885 by a Russian about England, who longs for a different state of affairs and is grateful that Russia is sufficiently far removed from what England brings to the world.
[ 118 ] In solchen Dingen liegen wohl die Gründe, nicht die logischen, aber die nicht logischen vielleicht, die dann an der Welt experimentieren werden, die dann an die Stelle treten, auf der der russische Mensch Beziehungen zu den Asiaten, die nach der Ansicht dieser Leute behandelt worden sind, und die man von Ahriman wieder befreien müsste, dass die Russen sich zunächst nicht verbunden haben mit den Asiaten, um den bösen Ahriman zu bekämpfen, um mit ihnen den bösen Ahriman zu vernichten, sondern dass die Russen zunächst sich mit den bösen westlichen Völkern, mit den bösen Engländern sich verbunden haben, um Europa zu zerstampfen. Wir brauchen nicht in den [Ton] zu verfallen, in den heute so viel verfallen wurde auf der Seite der Gegner des Deutschtums [...], die aus kriegerischen Gründen auch Gegner des deutschen Wesens und Volkstums geworden sind. Mit dem vorhin charakterisierten Christian Karl Planck können wir sagen:
[ 118 ] It is in such matters that the reasons likely lie—not the logical ones, but perhaps the non-logical ones—which will then experiment on the world, which will then take the place where the Russian people have had relations with the Asians, who, in the view of these people, have been mistreated, and from whom they would have to be freed from Ahriman—that the Russians did not initially ally themselves with the Asians to fight the evil Ahriman, to destroy the evil Ahriman together with them, but that the Russians initially allied themselves with the evil Western peoples, with the evil English, to trample Europe underfoot. We need not fall into the [tone] into which so many have fallen today on the side of the opponents of Germanness [...], who, for warlike reasons, have also become opponents of the German essence and national character. With Christian Karl Planck, whom we characterized earlier, we can say:
«[Doch] nicht umsonst hat der deutsche Geist seine tiefste und innerste Kraft daran gesetzt, [nicht umsonst selbst seine Dichtung zum Abbild dieses unauslöschlichen Dranges gemacht, sich selbst und die Wirklichkeit zu begreifen. Jener unbefangene rein gegenständliche und universelle Sinn, durch den es dem Deutschen allein möglich geworden ist, auch fremde Bildung und Nationalität vollständig zu würdigen, und der in religiöser, in sittlicher und künstlerischer Hinsicht ihm die echt menschliche Weihe gibt, er schließt auch die Erkenntnis des allgemeinen natürlichen Gesetzes der Dinge in sich, sobald nur in der Vollendung der Zeit] der Geist dafür reif geworden ist.»
“[Yet] it is not for nothing that the German spirit has devoted its deepest and most intimate strength to this; [it is not for nothing that it has even made its poetry a reflection of this indelible urge to comprehend itself and reality. That unbiased, purely objective, and universal sensibility—which alone has made it possible for Germans to fully appreciate even foreign cultures and nationalities, and which, in religious, moral, and artistic terms, bestows upon them a truly human consecration—also encompasses the recognition of the general natural law of things, as soon as, in the fullness of time, the spirit has become ripe for it.”
[ 119 ] Deshalb schauen wir lieber hin auf dasjenige, was weltgeschichtlich betrachtet, in der reinen Tatsächlichkeit betrachtet, der deutsche Geist mit seinem Streben sein muss. Da sehen wir hin auf etwas, das lange bevor der Christus auf der Erde erschienen ist, an geistigem Streben gerade in Asien drüben vorhanden war. Da hat man versucht, auch sich zu einigen, um eine Kultur zu erlangen — denn anders ist keine Kultur zu erringen —, sich zu einigen mit dem Geiste, der die Welt, die ganze Welt durchwebt und durchlebt. Aber wie hat man es zu erringen versucht in Asien! Durch Herablähmen, Herbdämpfen des Ich, dadurch, dass man das Ich möglichst ausgelöscht hat!
[ 119 ] That is why we prefer to look at what, from the perspective of world history and in terms of pure reality, the German spirit, with its aspirations, must be. There we look to something that existed as a spiritual aspiration—precisely over in Asia—long before Christ appeared on earth. There, people sought to unite in order to attain a culture—for no culture can be attained otherwise—to unite with the spirit that interweaves and permeates the world, the entire world. But how did they attempt to attain it in Asia! By lulling the ego to sleep, by dampening it, by extinguishing the ego as much as possible!
[ 120 ] Diese Weltanschauung, sie muss der Vergangenheit angehören, nachdem der Christus-Impuls, der größte Impuls, der auf die Erde ausgeübt worden ist, in das Erdenleben hereingetreten ist, dem Erdenleben eigentlich erst Geist und Bedeutung gibt, da kann diese Weltanschauung des Orients nicht mehr eine wirkliche GeistesAnschauung begründen. Da muss das Ich nicht sich auslöschen, sondern sich erkraften, sich erhöhen und durch die Erhöhung hineinwachsen gerade als Ich in das geistige Universum, in das geistige Weltenall.
[ 120 ] This worldview must be a thing of the past now that the Christ impulse—the greatest impulse ever exerted upon the Earth—has entered earthly life, actually giving it spirit and meaning for the first time; thus, this Eastern worldview can no longer serve as the foundation for a true spiritual worldview. The “I” must not extinguish itself, but rather strengthen itself, elevate itself, and—through this elevation—grow into the spiritual universe, into the spiritual cosmos, precisely as the “I.”
[ 121 ] So hat der Panasiatismus einmal gezeigt diesen Hinduismus, dessen Höhe erreicht worden war durch Auslöschung des Ich. So hat die neuere Zeit nach der Einwirkung des Christus-Impulses das Aufgehen im Weltenall durch Erkenntnis dadurch zu erreichen versucht, dass das Ich nun nicht herabgedämpft wird, sondern dass das Ich gerade sich erfasst, sich erlebt, sodass es in seinem Erleben Welt-Erleben hat. Solches empfängt der Deutsche als seine Aufgabe; solche Aufgabe war in der Tiefe des deutschen Volkserkenntnisstrebens immer vorhanden. Und einig waren diejenigen, die in Mitteleuropa als Deutsche lebten, in solchem Streben.
[ 121 ] Thus, Pan-Asianism once presented this form of Hinduism, which had reached its pinnacle through the eradication of the “I.” Thus, in more recent times, under the influence of the Christ impulse, humanity has sought to attain absorption into the universe through knowledge—not by subduing the “I,” but by the “I” grasping and experiencing itself, so that its experience becomes an experience of the world. The German people regard this as their task; such a task has always been present in the depths of the German people’s quest for knowledge. And those who lived as Germans in Central Europe were united in this striving.
[ 122 ] Und ich darf zum Schluss erwähnen einige Worte eines Österreich-Deutschen, des österreichischen Deutschen, der von Österreich sagt «Österreich ist mein Vaterland; Deutschland aber ist mein Mutterland», um auszudrücken in den 1860er-Jahren schon — es ist 1862 geschrieben, das Wort —, um auszudrücken, wie ein gemeinsamer Geist zusammenschließt dasjenige, was später — es ist ja erst nach dem Tode Robert Hamerlings geschehen —, was später durch die äußeren Bande so fest zusammengeschweißt worden ist, wie jetzt erst Mitteleuropa dasteht. Das hat Robert Hamerling, der österreichische Deutsche, Österreichs größter Dichter in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, in die Worte zusammengefasst: «Österreich ist mein Vaterland; Deutschland aber ist mein Mutterland.»
[ 122 ] And in closing, I would like to quote a few words from an Austrian German—an Austrian who says of Austria, “Austria is my fatherland; but Germany is my motherland,” to express—as early as the 1860s—the words were written in 1862—to express how a shared spirit unites what later—for this only happened after Robert Hamerling’s death—what later became so firmly welded together by external bonds that Central Europe now stands as it does. Robert Hamerling, the Austrian German and Austria’s greatest poet of the second half of the nineteenth century, summed this up in the following words: “Austria is my fatherland; but Germany is my motherland.”
[ 123 ] Ich, als engerer Landsmann Hamerlings, ich, der selber dreißig Jahre fast meines Lebens in Österreich unter österreichischen Deutschen gelebt hat und mit gekämpft hat mit ihnen, ich darf gerade auf diese Ernstheit des deutschen Wesens innerhalb des Deutsch-Österreichischen hinweisen. Wunderschön drückt gerade diesen Zug, diesen weltgeschichtlichen Zug Robert Hamerling aus in seinem «Germanenzug» — wie gesagt, 1862 schon geschrieben —, wo er wie einen Traum darstellt, wie die alten Germanen von Asien nach Europa herüberziehen — und in ihnen enthaltend wie im Keime die späteren Deutschen —, wie sie sich die neue europäische Heimat aufsuchen. Das wird wunderschön geschildert: Der Mond zieht herauf; es ist Abendstimmung. Die Germanen lagern sich hin, schlafen, diese nach Europa ziehenden künftigen Teutonen; nur einer wacht: der blonde Teut. Der Genius Teutoniens, der Genius des späteren, des künftigen Deutschlands, spricht zu Teut. Er spricht von der Geistigkeit, die im Streben ruhen müsse, das deutsches Streben ist. Da sagt Hamerling, das heißt, er lässt es durch den Geist des deutschen Volkes zu dem blonden Teut sagen:
[ 123 ] I, as a close compatriot of Hamerling’s, I, who myself have lived nearly thirty years of my life in Austria among Austrian Germans and have fought alongside them, am particularly qualified to point out this seriousness of the German character within the German-Austrian context. Robert Hamerling beautifully expresses precisely this trait—this trait of world history—in his *Germanenzug*—written, as I said, as early as 1862—where he depicts, as if in a dream, how the ancient Germanic tribes migrated from Asia to Europe—carrying within them, as if in a seed, the future Germans—and how they sought out their new European homeland. This is beautifully depicted: The moon rises; it is evening. The Germanic tribes settle down to sleep—these future Teutons migrating to Europe—but only one remains awake: the blond Teut. The genius of Teutonia, the genius of the later, the future Germany, speaks to Teut. He speaks of the spirituality that must rest in striving—that is, German striving. Then Hamerling says—that is, he has the spirit of the German people say this to the fair-haired Teut:
«Wem bricht dereinst das Wort aus Seelentiefen
Wie deinem Volk, so reich, so zart, so mächtig?
Wer haucht so weihevoll in Saitenklänge
Sein Innerstes? Wem zich’n den Sinn so prächtig
Ins Himmelsblau granit'ne Hieroglyphen
Des Seelenaufschwungs aus des Lebens Enge?
Wer knüpft zuletzt die Stränge
Des forschenden Gedankens an die Sterne
So kühn und strebt und kämpft auf allen Bahnen?
Wen führt so hoch, so tief sein Drang, sein Ahnen?
Wer fasst so treu das Nahe wie das Ferne?
Wo spiegelt jede Erd- und Himmelszone
Sich wie in deinem Denken, O Teutone?»
“To whom will words one day burst forth from the depths of the soul
As they do to your people—so rich, so tender, so powerful?
Who breathes so solemnly into the sounds of the strings
His innermost being? Who carves his thoughts so magnificently
Into the sky-blue, granite hieroglyphs
Of the soul’s ascent from life’s confines?
Who, in the end, ties the strands
Of the inquiring mind to the stars
So boldly, striving and fighting on every path?
Whom does his urge, his intuition, lead so high, so deep?
Who grasps the near and the far so faithfully?
Where does every zone of earth and sky
reflect itself as it does in your thoughts, O Teuton?”
[ 124 ] Das ist wirklich tiefstes Wissen aus dem Ton der heute angeführten, teilweise vergessenen Töne aus der deutschen Gedankenentwicklung heraus. Ein Ton, der niemals ein antireligiöser sein kann, der Ton, der auch alle Erkenntnis so fassen wird im Menschen, dass diese Erkenntnis dargebracht wird wie auf dem Altar gegenüber dem Weltengeist, gegenüber der geistigen, wirklichen Welt, jener Ton, von dem Jakob Böhme, der «Philosophus teutonicus» — wie man ihn auch genannt hat — das schöne Wort ausgesprochen hat, andeutend das eigentlich Volkstümliche des deutschen Erkennens:
[ 124 ] This is truly the deepest knowledge derived from the tone of the—now cited, partly forgotten—tones emerging from the development of German thought. A tone that can never be anti-religious—the tone that will also encompass all knowledge within the human being in such a way that this knowledge is offered up, as it were, on an altar before the world spirit, before the spiritual, real world—that tone of which Jakob Böhme, the “Philosophus teutonicus” — as he was also called — spoke these beautiful words, hinting at the truly folk-like nature of German cognition:
Wenn du, O Mensch, die Tiefe
If you, O man, the depth
[ 125 ] er meint die Himmelstiefe, die blaue
[ 125 ] he means the depth of the sky, the blue
und die Sterne und die Erde siehest,
so wandelst du in Gott,
so strebst du in Gott,
so stirbst du in Gott,
und so wirst du in Gott begraben werden.
and when you see the stars and the earth,
then you walk in God,
then you strive in God,
then you die in God,
and then you will be buried in God.
[ 126 ] Das sind tiefe, deutsche Worte.
[ 126 ] These are profound, German words.
[ 127 ] Und Robert Hamerling, Österreichs großer Deutscher, der mitzufühlen wusste selbst im Kleinsten mit allem deutschen Wesen — nur nebenbei erwähne ich, als 1884 errichtet wurde in Paris eine Straßburg-Statue und verbrannt wurde die deutsche Fahne vor der Statue, da ging das Hamerling, Robert Hamerling, so zu Herzen, dass er die Worte schrieb:
[ 127 ] And Robert Hamerling, Austria’s great German, who knew how to empathize with every aspect of German identity, no matter how small—just as an aside, when a statue of Strasbourg was erected in Paris in 1884 and the German flag was burned in front of it, this touched Robert Hamerling so deeply that he wrote the following words:
«Mögt ihr an die Rache glauben,
Und an künft’ger Sieger Kranz
“Do you believe in vengeance,
And in the victor’s wreath to come?
[ 128 ] an die Franzosen schrieb er das
[ 128 ] He wrote this to the French
Hoffet nicht zurückzurauben<
Straßburg nimmermehr!»
Eine Scholle deutschen Lands!
Mögt ihr schwärmen auch wie Raben
Um ein Elsass-Standbild her,
Straßburg werdet ihr nicht haben,
Do not hope to take it back<
Strasbourg never again!”
A patch of German soil!
Though you may swarm like ravens
Around a statue in Alsace,
You will not have Strasbourg,
[ 129 ] So tönte es dazumal aus Österreich gerade zu den Franzosen hinüber, als sie um die Straßburg-Statue tanzten und die deutsche Fahne verbrannten.
[ 129 ] That was the sentiment coming out of Austria at the time, directed squarely at the French, as they danced around the statue in Strasbourg and burned the German flag.
[ 130 ] Aber Hamerling wusste auch zu erinnern an dasjenige, wie der deutsche Geist ist die Fortsetzung des Größten, was im Weltengeist einstmals im alten Orient aufgetreten ist, aus dem ja hervorgekommen sind die alten Ahnen der Germanen; er wusste hinzudeuten darauf, wie da, nur eben in einer vorchristlichen Weise durch Herabstimmen des Ichs der Mensch aufgehen wollte im Weltenall, wie das aber noch lebt, lebt auf eine höhere Höhe gehoben, lebt im deutschen Wesen, das das Größte, was die Welt einstmals im Orient geschaffen hat, in neuer Gestalt, wie es der christlichen Entwicklung angemessen ist, dieser Welt zu bringen hat.
[ 130 ] But Hamerling also knew how to remind us that the German spirit is the continuation of the greatest thing that once emerged in the world spirit in the ancient Orient—from which, after all, the ancient ancestors of the Germanic peoples originated; he was able to point out how, albeit in a pre-Christian manner through the attunement of the “I,” humanity sought to merge with the universe—and how this still lives on, elevated to a higher plane, within the Germanic essence, which is to bring to this world, in a new form appropriate to Christian development, the greatest thing the world once created in the Orient.
[ 131 ] Dieser Zusammenhang mit der ganzen Menschheitsentwicklung, er tritt vor die Seele Robert Hamerlings — auch in seinem «Germanenzug» —, dieser Grundzug, dass alles, was der Deutsche erkannte, sein tiefstes Wesen ergreifen, eins werden soll mit seiner ganzen Persönlichkeit; aber dass das zugleich etwas ist, was eine weltgeschichtliche Sendung ist, und anknüpft an das einstmals höchste Streben der Menschheit. Deshalb lässt wiederum den Geist des deutschen Volkes Robert Hamerling sprechen:
[ 131 ] This connection with the entire development of humanity—it comes to the forefront of Robert Hamerling’s mind—even in his *Germanenzug* —this fundamental principle: that everything the German comes to recognize must grasp his deepest essence and become one with his entire personality; yet at the same time, this is a mission in world history that ties in with humanity’s once-supreme aspiration. That is why the spirit of the German people once again speaks through Robert Hamerling:
«Doch wie auch stolz du aufstrebst, and’re Schwärme
Hoch überschwebend, stets noch eine Lohe
Wirst du bewahren, uralt heil’gen Brandes:
Fortleben wird in dir die traumesfrohe
Gotttrunkenheit, die seel’ge Herzenswärme
Des alten asia’schen Heimatlandes.
Geruhigen Bestandes
Wird dieser heil’ge Strahl, ein Tempelfeuer
Der Menschheit, frei von Rauch, mit reiner Flamme
Fortglüh’n in deiner Brust und Seelenamme
Dir bleiben und Pilote deinem Steuer!
Du strebst nur, weil du liebst: dein kühnstes Denken
Wird Andacht sein, die sich in Gott will senken.»
“Yet no matter how proudly you soar, among the swarms
hovering high above, you will always preserve a flame
of that ancient, sacred fire:
Within you will live on the dream-filled
divine ecstasy, the soulful warmth of the heart
Of the ancient Asian homeland.
In tranquil permanence
This sacred ray, a temple fire
Of humanity, free from smoke, with a pure flame
Will continue to glow in your breast and soul
Remaining with you and guiding your course!
You strive only because you love: your boldest thought
Will be devotion that seeks to sink into God.”
[ 132 ] Wir dürfen und müssen uns eigentlich heute versenken in dasjenige, was uns zum Bewusstsein bringen kann, wie wirklich leben die Wurzeln eines hohen geistigen Strebens, das in die Zukunft hineinwirken muss zum Heile der Menschheit. In den schönsten Äußerungen des deutschen Geisteslebens auf den 6 Millionen QuadratKilometern, die heute bedroht sind von Menschen, die auf 68 Millionen Quadrat-Kilometern leben, lebt diese Geistigkeit.
[ 132 ] Today, we can and indeed must immerse ourselves in that which can make us aware of how deeply rooted a lofty spiritual aspiration truly is—one that must continue to influence the future for the benefit of humanity. This spirituality lives on in the finest expressions of German spiritual life across the 6 million square kilometers that are today threatened by people living across 68 million square kilometers.
[ 133 ] Und man braucht nicht aus nationaler Regung, sondern aus objektiver Erkenntnis heraus zu reden, wenn man dasjenige von dem Weltberuf des deutschen Volkes redet, der nicht überwunden werden darf von denjenigen, die heute — ihn nicht verstehend — nicht nur schmähen, sondern verleumden.
[ 133 ] And one must speak not out of national sentiment, but out of objective insight, when discussing the global mission of the German people—a mission that must not be undermined by those who today—failing to understand it—not only revile it but also slander it.
[ 134 ] Wir Deutschen dürfen zurücken auf dasjenige, und haben es heute getan, was in Deutschlands größter geistiger Zeit sich einverleibt hat der deutschen Gedankenentwicklung, und was in ihr lebt und wieder aufblühen wird. Und wir dürfen zu dem, was sich uns dargeboten hat, blicken so, dass wir zu ihm blicken wie zu den Wurzeln und Keimen. Und indem wir die Wurzelkraft und Keimkraft erkennen desjenigen, was vergangen ist, haben wir den Glauben an das Fortwirken dieser Vergangenheit. Und in diesem Glauben zu dem, was wir treu zu hegen und zu pflegen haben nicht allein um des deutschen Volkes willen, sondern um der Menschheit willen, dürfen wir Liebe haben zu diesen Wurzeln des deutschen Volkstums, und die Hoffnung und die Zuversicht hegen, dass dasjenige, was man erkannt als Keime und als Wurzeln, Blüten und Früchte erst noch in der Zukunft tragen wird! Trotz allem und allem, das heute gegen es auferstanden ist, uns durchdringend von der Kraft, die sich auf der einen Seite äußert im deutschen Geistesleben und die heute solche Proben in Bezug auf das äußere tägliche Leben zu leisten hat, blicken wir in die Zukunft und vertrauen dieser Kraft, die tragen muss das deutsche Wesen in der Zukunft, wie sie es getragen hat in der Vergangenheit.
[ 134 ] We Germans may look back to that which—and have done so today—became an integral part of the development of German thought during Germany’s greatest intellectual era, and which lives on within it and will flourish once more. And we may look upon what has been presented to us in such a way that we regard it as roots and sprouts. And by recognizing the root power and sprouting power of that which has passed, we have faith in the continuing influence of this past. And in this faith in what we must faithfully cherish and nurture—not only for the sake of the German people, but for the sake of humanity—we may love these roots of German culture and cherish the hope and confidence that what we have recognized as sprouts and roots will yet bear blossoms and fruit in the future! Despite everything and all that has risen up against it today, permeated as we are by the force that manifests itself, on the one hand, in German intellectual life—and which today must endure such trials in relation to external daily life—we look to the future and place our trust in this force, which must carry the German essence into the future, just as it has carried it in the past.
[ 135 ] Aus diesem heraus darf kurz zusammengefasst werden, empfindungsgemäß, dasjenige, was gemeint war mit diesen Auseinandersetzungen. Wiederum mit den Worten Robert Hamerlings sei es gesagt, hinblickend auf dasjenige, was gerade uns gegenüber, dem Deutschen und gegen seinen Namen, heute vorgebracht wird, hinblickend auf dasjenige, was das deutsche Wesen sein muss der Menschheitsentwicklung, darf dasjenige, was aus wahrem erkennendem Empfinden ich heute aussprechen wollte, zusammengefasst werden in vier kurze Zeilen Robert Hamerlings, eben eines österreichischen Deutschen, der gefühlt hat, wie stark zusammengehört dasjenige, was heute durch das gleiche, durch so große und so leidvolle und so proben- und prüfungsreiche Zeitverhältnisse zusammengeschweißt ist in Mitteleuropa. Er, Robert Hamerling, der dies gefühlt hat, er hat die schönen Worte geprägt, mit denen wir diese Betrachtung abschließen wollen
[ 135 ] Based on this, we can briefly summarize, intuitively, what was meant by these debates. Once again, in the words of Robert Hamerling, considering what is being advanced today against us—the Germans—and against our very name, and considering what the German essence must be in the development of humanity, what I wished to express today out of true, discerning feeling can be summarized in four short lines by Robert Hamerling, namely those of an Austrian German who sensed how deeply interconnected are the forces that have been forged together in Central Europe today by the same circumstances—circumstances so vast, so painful, and so full of trials and tests. He, Robert Hamerling, who sensed this, coined the beautiful words with which we wish to conclude this reflection:
«Und wenn je dem deutschen Namen
Feindlich sich der Tag erweist,
Finden wird von Meer zu Meere
Seine Bahn der deutsche Geist.»
“And if ever the day proves hostile
to the German name,
the German spirit will find
its path from sea to sea.”
