Ways to a Knowledge of the
Eternal Forces of the Human Soul
GA 70b
21 February 1916, Kassel
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Ways to a Knowledge of the Eternal Forces of the Human Soul, tr. SOL
11. Zur Deutschen Gedankenentwicklung. Ein vergessenes Streben nach Geisteswissenschaft Innerhalb Derselben
11. On the Development of German Thought: A Forgotten Quest for the Spiritual Sciences Within It
Sehr verehrte Anwesende!
Ladies and gentlemen!
[ 1 ] Schon im vorigen Jahre erlaubte ich mir, nicht wie in früheren Jahren, in denen ich hier in dieser Stadt über Gegenstände der Geisteswissenschaft sprechen durfte, im engeren Sinne über einen solchen geisteswissenschaftlichen Gegenstand eine Betrachtung anzustellen, sondern vielmehr über etwas, das zusammenhängt mit der geistigen Entwicklung des deutschen Volkes, das ja gegenwärtig in einer seiner allerallerbedeutsamsten Ereignisse in der Weltgeschichte gestellt ist vor weltgeschichtliche Tatsachen, die in der ganzen Entwicklungsgeschichte der neueren Zeit nicht ihresgleichen haben. Und so möge denn auch die Betrachtung dieses Abends, sehr verehrte Anwesende, einem solchen Gegenstand gewidmet sein, der Betrachtung einer gewissen Strömung deutschen Geisteslebens, von der ich aber nicht aus einem dunklen Gefühl heraus, sondern aus wirklicher geisteswissenschaftlicher Überzeugung heraus mir klar zu sein glaube, dass sie als im eigentlichsten, im ureigentlichsten Sinne deutsche Geistesentfaltung enthält, die Keime zu jener Geisteswissenschaft, wie sie immer gemeint war, wenn ich in früheren Jahren hier über sie sprechen durfte.
[ 1 ] Already last year, I took the liberty—unlike in previous years, when I was permitted to speak here in this city on topics in the humanities— to offer a reflection on such a subject in the humanities in the narrower sense, but rather on something connected with the spiritual development of the German people, who are currently facing, in one of the most momentous events in world history, historical realities that have no parallel in the entire history of modern times. And so, ladies and gentlemen, may this evening’s reflection be dedicated to such a subject: the examination of a certain current in German intellectual life—about which I believe, not out of some vague feeling but out of genuine spiritual-scientific conviction, that it embodies, in the truest and most authentic sense, the development of the German spirit and contains the seeds of that spiritual science as it was always intended, whenever I was permitted to speak about it here in years past.
[ 2 ] Diese Geisteswissenschaft will ja im besten Sinne des Wortes solch eine wirkliche Wissenschaft, eine wirkliche, echte Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, wie sie seit drei bis vier Jahrhunderten in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit angebrochen ist. Sie will als Geisteswissenschaft eindringen in das geistige Gebiet der Welt, so wie die Naturwissenschaft durch äußere Sinne und durch den an die äußeren Sinne gebundenen Verstand, an die äußere Leiblichkeit des Menschen gebundenen Verstand und ihre Beobachtungen, methodisch eindringen.
[ 2 ] This spiritual science aims, in the best sense of the word, to be such a true science—a genuine, authentic continuation of the scientific worldview that has been emerging in the history of human development for the past three to four centuries. As a spiritual science, it seeks to penetrate the spiritual realm of the world, just as the natural sciences methodically penetrate it through the external senses and through the intellect bound to the external senses—the intellect bound to the human body—and through their observations.
[ 3 ] Geisteswissenschaft braucht allerdings zu ihrer Forschung eine gewisse Entwicklung der menschlichen Seele. Es ist notwendig zu dieser Forschung, dass dasjenige, was zu ihr führen kann, erst aus der menschlichen Seele heraus entwickelt werde. Gewissermaßen müssen — um die oft gebrauchten Goethe’schen Worte auch heute wieder anzuwenden — die geistigen Augen, die geistigen Ohren, die im Menschen selbst schlummern, erst aus der Menschenseele heraus erweckt werden, damit sie hineinschauen, hineinhören könne in die geistige Welt.
[ 3 ] However, spiritual science requires a certain development of the human soul for its research. It is necessary for this research that what can lead to it first be developed from within the human soul. In a sense—to apply Goethe’s oft-quoted words once again today—the spiritual eyes and ears that lie dormant within human beings must first be awakened from within the human soul so that they may look into and listen to the spiritual world.
[ 4 ] Nun könnte es aber allerdings von vorneherein scheinen, sehr verehrte Anwesende, als ob, wenn man von Wissenschaft spricht — und das ist ja die Meinung von manchem; mancher meint, dass man gar nicht das Recht habe, von etwas anderem als einem solchen zu sprechen, das allen Völkern gemeinschaftlich angehört. Es ist in gewissen Kreisen die Anschauung, dass man schon unwissenschaftlich denke, wenn man sich der Meinung hingibt, dass auch dasjenige, was wissenschaftliche Betrachtung der Welt ist, urständet in dem Wesen des Volkstums. Allein, so — ich möchte sagen — oberflächlich selbstverständlich diese Meinung ist, so ist sie eben doch nur oberflächlich, wenn es sich um tiefere Gegenstände der geistigen Wissenschaft handelt.
[ 4 ] Now, however, it might seem from the outset, distinguished audience, as if, when one speaks of science—and this is, after all, the opinion of some; some believe that one has no right at all to speak of anything other than that which belongs in common to all peoples. In certain circles, there is a view that one is already thinking unscientifically if one accepts the idea that even the scientific contemplation of the world has its origin in the essence of folk culture. However, as—I would say—superficially self-evident as this view may be, it is nonetheless only superficial when it comes to the deeper subjects of the spiritual sciences.
[ 5 ] Gemeinschaftlich ist allen Völkern der Erde auch der Mond, aber wie unterscheiden sich die Gedanken, die Empfindungen, welche die einzelnen Völker an die Erlebnisse des Mondes geknüpft haben. Man könnte allerdings sagen: Das mag sich auf Dichtung beziehen. Allein, wenn es darauf ankommt, in die tieferen Geheimnisse der Welt einzudringen, dann sprechen mit die verschiedenen Anlagen, die bei den einzelnen Völkern in verschiedener Weise vorhanden sind. Und nach diesen verschiedenen Anlagen dringen die Menschen mehr oder weniger tief in die Geheimnisse des Daseins ein.
[ 5 ] The moon is also a common feature shared by all the peoples of the earth, but how different are the thoughts and feelings that individual peoples have associated with their experiences of the moon. One might say, of course, that this pertains to poetry. Yet when it comes to penetrating the deeper mysteries of the world, it is the various dispositions—present in different ways among individual peoples—that come into play. And depending on these different dispositions, people penetrate the mysteries of existence to a greater or lesser degree.
[ 6 ] Der Deutsche hat nicht nötig, in den Ton zu verfallen, wenn er von der Bedeutung und dem Wert des deutschen Volkswesens für die Welt- und Menschheitsentwicklung spricht, wie das die Gegner Mitteleuropas gegenwärtig tun, indem sie unsere schicksaltragende Zeit dazu verwenden, nicht nur in möglichst hasserfüllter Weise deutsches Wesen zu verunglimpfen, sondern es geradezu zu verleumden. Der Deutsche kann ganz sachgemäß in dasjenige eindringen, das sich im Verlaufe seiner Geistesentwicklung ergeben hat. Und es wird sich zeigen, dass diese sachgemäße Betrachtung gerade dazu führt, nicht durch selbstsichere Überhebung, sondern durch Sprechenlassen der Tatsachen, deutsches Wesen, deutsches Geistesleben an den richtigen Platz in der Weltentwicklung der Menschheit zu stellen.
[ 6 ] Germans have no need to resort to hyperbole when speaking of the significance and value of the German national character for the development of the world and of humanity, as the opponents of Central Europe are currently doing by using this fateful time not only to denigrate the German character in the most hateful manner possible, but to outright slander it. Germans can objectively examine what has emerged in the course of their intellectual development. And it will become clear that this objective examination leads precisely to placing the German spirit and German intellectual life in their rightful place in the course of humanity’s development—not through self-assured arrogance, but by letting the facts speak for themselves.
[ 7 ] Wenn man die Ereignisse, die uns alle heute tief berühren, die so viele, so viele Opfer von der Menschheit fordern, die uns mit vielen bestimmten Hoffnungen und Zuversichten erfüllen, wenn man diese Ereignisse betrachtet, dann braucht es eigentlich nur zunächst — um eine Saite anzuschlagen, die immer wieder und wiederum klingen wird in der zukünftigen Geschichte der Menschheit —, dann braucht es eigentlich nur eine einzige Zahlen-Tatsache anzuführen: Es stehen heute um Mitteleuropa herum, in einer Reihe geschlossen, 777 Millionen Menschen, feindlich, gegen 150 Millionen. Die 777 Millionen Menschen haben wahrhaft keine Veranlassung, die Größe des Bodens, auf dem die anderen 150 Millionen wohnen in Mitteleuropa, ihnen zu neiden; denn 68 Millionen Quadratkilometer bewohnen die Menschen der sogenannten Entente, und nur 6 Millionen Quadratkilometer der Erde bewohnen die Menschen Mitteleuropas!
[ 7 ] When one considers the events that deeply move us all today—events that have claimed so many, so many victims among humanity, and that fill us with many specific hopes and expectations—when one considers these events, then all that is really needed at first—to strike a chord that will resonate again and again in the future history of humanity—is to cite a single statistical fact: Today, surrounding Central Europe, standing united in a single ranks, are 777 million people, hostile toward 150 million. The 777 million people truly have no reason to envy the size of the territory in Central Europe inhabited by the other 150 million; for the peoples of the so-called Entente inhabit 68 million square kilometers, while the peoples of Central Europe inhabit only 6 million square kilometers of the Earth!
[ 8 ] Aber gerade tonangebende Persönlichkeiten haben es immer wieder und wiederum zuwege gebracht, aus der Mitte der 777 Millionen heraus, auch die besten, die höchsten geistigen Erzeugnis der 150 Millionen zu schmähen und zu beleidigen.
[ 8 ] But it is precisely these influential figures who have time and again managed, even from among the 777 million, to denigrate and insult even the best and most outstanding intellectual achievements of the 150 million.
[ 9 ] Da ist es gerade besonders angemessen, dass sich der Deutsche auf sein Geistesleben so besinnt, dass ihm erscheinen kann wie dieses Geistesleben wurzelt in der eigentlichen Keimkraft des Volkstums.
[ 9 ] It is particularly fitting at this time for Germans to reflect on their spiritual life in such a way that they may come to see how this spiritual life is rooted in the very vital force of their national character.
[ 10 ] Und da, sehr verehrte Anwesende, werden wir immer wieder und wiederum, obwohl dies heute nur einleitungsweise erwähnt werden soll, immer wieder und wiederum auf die drei großen Gestalten gewiesen innerhalb der deutschen Weltanschauungsentwicklung, die heute leider — man darf sagen: leider — nicht mehr in der rechten, tiefen Weise betrachtet werden, deren Wesen aber dennoch fortlebt bis zum heutigen Tage, und deren Wesen wieder aufstehen will, [deren Wesen] zu den besten Einschlagskräften der deutschen Geisteskultur in der Zukunft gehören müssen. Auf drei Gestalten wird man gewiesen: Johann Gottlieb Fichte, Schelling, Hegel, jene Persönlichkeiten der deutschen Weltanschauungsentwicklung, welche versuchten, das deutsche Volk in der Zeit auf den Schauplatz der Gedankenentwicklung, der höchsten, reinsten Ausgestaltung der Gedankenentwicklung zu heben, in der Zeit, in der aus der Tiefe dieses Volkslebens heraus Geister wie Lessing, Herder, Goethe, Schiller und die andern alle, die zu ihnen gehören, so gewirkt haben, dass dasjenige, was von ihnen gekommen ist nach der griechischen Geistesblüte der Menschheit, eine Zeit höchster geistiger Blütezeit der Menschheit für jeden Unbefangenen bedeutet.
[ 10 ] And there, ladies and gentlemen, we will be drawn time and again—though this is only to be mentioned in passing today—to the three great figures in the development of the German worldview, who today, unfortunately—one might say: unfortunately—are no longer regarded in the proper, profound way, yet whose essence nevertheless lives on to this very day, and whose essence seeks to rise again, [an essence] that must be among the most powerful forces shaping German intellectual culture in the future. We are directed to three figures: Johann Gottlieb Fichte, Schelling, and Hegel—those personalities in the development of the German worldview who sought to elevate the German people, at that time, to the arena of intellectual development, to the highest and purest form of intellectual development, at a time when, from the depths of this national life, minds such as Lessing, Herder, Goethe, Schiller, and all the others who belong to their circle had such an impact that what came from them—following the Greek flowering of humanity’s spirit—represents, for any impartial observer, a time of humanity’s highest spiritual flowering.
[ 11 ] Und wie steht zunächst vor dem Geistesauge des Menschen Johann Gottlieb Fichte? Dasjenige, was in seiner Seele lebte als Empfinden, ließ ihm, den man einen der deutschesten Männer nennen kann, ließ ihm seine Weltanschauung als etwas erscheinen, das er dadurch erlangt habe, dass er unmittelbar in einsamem Seelenleben etwas gehabt habe wie eine Art Zwiegespräch mit dem deutschen Volksgeist selber.
[ 11 ] And how does Johann Gottlieb Fichte first appear before the mind’s eye? That which lived in his soul as a feeling—he whom one might call one of the most German of men—made his worldview appear to him as something he had attained by having, in the solitude of his inner life, a kind of dialogue with the German national spirit itself.
[ 12 ] Diese Stimmung der Seele kam ja zum Vorschein, als er seine gewaltigen «Reden an die deutsche Nation» hielt, welche alle Kraft und alle Entwicklungsmöglichkeiten des deutschen Volkstums offenbaren wollten, um einen Einschlag zu geben der weiteren Entwicklung der «Deutschheit», wie Fichte selber sich ausdrückte.
[ 12 ] This state of mind was evident when he delivered his powerful “Addresses to the German Nation,” which were intended to reveal all the strength and all the potential for development inherent in the German national character, in order to give impetus to the further development of “Germanness,” as Fichte himself put it.
[ 13 ] Aber was ist das Wesen dieses Strebens Johann Gottlieb Fichtes? Man darf sagen: Alles dasjenige, was schon seit Jahrhunderten im besten Sinne aus dem Mittelpunkt der deutschen Seele erstrebt worden ist — in einer kraftvollsten Weise tritt es wiederum bei Fichte auf. So tritt es auf, dass Fichte ein durchleuchtetes Weltbild, ein energisches Verständnis der Welt dadurch gewinnen wollte. Dasjenige, was Fichte erstrebte, war, in die menschliche Seele unterzutauchen, ihre tiefsten Kräfte innerlich zu erleben, so zu erleben, dass in diesem Erleben zugleich dasjenige von der einzelnen Menschenseele miterlebt wird, was die Welt im Ganzen durchlebt und durchwirkt als geistige, weltenschöpferische Wesenheit. [Dasjenige, was Fichte erstrebte, war,] die geistige, weltenschöpferische Wesenheit in der eigenen Seele so zu erleben, dass der Mensch, indem er die eigenen Seelenkräfte entfaltet, miterlebt, was im Innersten der Welt wirkt und lebt und west. Das war es, was Fichte wollte: Den Geist der Welt, [ihn] in der eigenen Seele anwesend sein lassend, mitzuerleben.
[ 13 ] But what is the essence of Johann Gottlieb Fichte’s striving? One might say: Everything that has been sought for centuries—in the best sense of the word—from the very heart of the German soul—reappears in Fichte in the most powerful way. Thus, Fichte sought to gain a thoroughly illuminated worldview, an energetic understanding of the world. What Fichte strove for was to immerse himself in the human soul, to experience its deepest powers inwardly—to experience them in such a way that, within this experience, the individual human soul simultaneously shares in what the world as a whole experiences and works through as a spiritual, world-creating entity. [What Fichte strove for was] to experience the spiritual, world-creating entity within his own soul in such a way that, by unfolding his own soul forces, a person would participate in what acts, lives, and exists in the innermost core of the world. That was what Fichte wanted: to participate in the spirit of the world by allowing [it] to be present in his own soul.
[ 14 ] Das war ihm der wahre Sinn des Wortes «Erkenntnis». Das war ihm auch der Inhalt aller für den Menschen erstrebenswerten Wahrheit — der Wahrheit, die für ihn war der unmittelbare Ausdruck der göttlichen Geistigkeit, die die Welt durchlebt, dass die Erkenntnis eben als Wahrheit durchflutet die menschliche Seele, sodass diese menschliche Seele sie ergreifen kann im innerlichen, kraftvollen Erleben. Dadurch aber fühlte Fichte so etwas, wie wenn die ganze Welt durchpulst und durchlebt und durchwebt wäre von dem Willen der Welt, von dem göttlichen Willen der Welt.
[ 14 ] For him, that was the true meaning of the word “knowledge.” For him, this was also the essence of all truth worth striving for—the truth that, for him, was the immediate expression of the divine spirit that permeates the world, such that knowledge, as truth, floods the human soul, enabling that human soul to grasp it through an inner, powerful experience. Through this, however, Fichte felt something as if the whole world were pulsating, lived through, and interwoven by the will of the world, by the divine will of the world.
[ 15 ] Und indem der Mensch sich in seinem Innersten erfasst, indem er im eigentlichsten Sinne ein Ich-bewusstes Wesen wird, ersteht innerhalb dieses Ichs ein Abdruck, eine Offenbarung des die Welt durchpulsenden Weltenwillens, der ganz und gar durchtränkt ist von dem, was Fichte die «Pflichten» nennt; jene Pflichten, die sich niemals für einen offenbaren könnten aus einer bloß stofflichen Welt, die hereindringen aus der Welt des Geistigen in die Menschenseele, [die] den Menschheitswillen erfassen; sodass die äußere sinnliche, die stoffliche Welt für Fichte wird dasjenige, was wie das Stofflich-Physische sich ausbreitet vor uns, um den pflichtgetragenen Willen und die willensdurchtränkte Pflicht an irgendetwas ausleben zu können.
[ 15 ] And as the human being comes to understand his innermost self—as he becomes, in the truest sense, a self-conscious being—an imprint arises within this self, a revelation of the World-Will pulsing through the world, which is entirely imbued with what Fichte calls “duties”; those duties that could never reveal themselves to anyone from a merely material world, but which penetrate from the world of the spiritual into the human soul, [which] encompass the will of humanity; so that, for Fichte, the external sensory, material world becomes that which, like the material-physical, spreads out before us in order to enable us to live out the duty-driven will and the duty imbued with will in relation to anything.
[ 16 ] Nicht dass Fichte seine Betrachtungsweise abgelenkt hätte von der äußeren Sinneswelt, nicht als ob er in eine einseitige sinnesfreie Welt hätte flüchten wollen! So ist es nicht; aber so ist es, dass alles dasjenige, was die Augen äußerlich sehen, die Hände greifen können, für Fichte wurde das Werkzeug, das Mittel des Geistes, damit der Geist sich darstellen könne, [damit] der Pflicht-durchwirkte Geist, die Pflicht, die der Mensch in der Seele erfassen kann, sich darstellen könne an einer äußeren Stofflichkeit: eine Weltanschauung, welche im ureigensten Sinne von Fichte selber als eine Weltanschauung angesehen wird.
[ 16 ] It is not that Fichte’s approach diverted him from the external sensory world, nor is it as if he had wanted to take refuge in a one-sided, senseless world! That is not the case; but the fact is that everything which the eyes see externally and the hands can grasp became, for Fichte, the instrument, the means of the spirit, so that the spirit might manifest itself—[so that] the spirit interwoven with duty, the duty that human beings can grasp in their souls, might manifest itself in external materiality: a worldview that Fichte himself regarded, in the truest sense of the word, as a worldview.
[ 17 ] Man darf ja sagen, sehr verehrte Anwesende, indem man dabei ganz sachlich bleibt: Nichts steht so einem andern, könnte man bemerken, gegenüber, wie dieses Fichte’sche Weltbild etwa, sagen wir, gegenübersteht dem aus französisch-romanischem Geist heraus geborenen Weltenbild, wie es etwa einer der größten französischen Philosophen, Cartesius oder Descartes, im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts wie eine Verkörperung des französischen Geistes selbst — eine philosophische Verkörperung — hingezeichnet hat. Descartes, der Franzose, der Franzose, der so recht — wie Fichte aus deutschem so — aus französischem Volkstum herausschöpft und schafft, Descartes geht aus davon, wie der Mensch sich fremd fühlt der äußeren Welt gegenüber, wie der Mensch ausgehen müsse in seiner Seele von dem Zweifel. Zweifel in dem Sinne, wie Descartes es meint, kann es für Fichte nicht geben; denn sein Erkennen ist ein unmittelbares Miterleben desjenigen, was durch die Welt webt und west. Fichte stellt sich nicht außerhalb des Geistes der Welt, indem er erkennt, sondern innerlich sucht er sich mit dem Geist zu einen.
[ 17 ] One may certainly say, distinguished guests, while remaining entirely objective: Nothing stands in such stark contrast, one might observe, as Fichte’s worldview, for example, does to the worldview born of the French-Romance spirit—as one of the greatest French philosophers, Cartesius or Descartes, sketched it out at the beginning of the seventeenth century as an embodiment of the French spirit itself—a philosophical embodiment. Descartes, the Frenchman—the Frenchman who, just as Fichte draws from and creates out of German folklore, draws so truly from French folklore—Descartes proceeds from the premise that human beings feel alienated from the external world, that human beings must begin in their souls with doubt. Doubt, in the sense that Descartes means it, cannot exist for Fichte; for his cognition is an immediate participation in that which weaves and flows through the world. Fichte does not place himself outside the spirit of the world when he cognizes, but rather seeks inwardly to unite himself with that spirit.
[ 18 ] Als bloße Beobachtung, als äußerlich beobachtend, steht Descartes gegenüber der Welt. Was für ein Weltenbild geht daraus hervor? Man braucht nur eines zu nennen, was wie eine Folge des französischen Descartes’schen Weltenbildes dasteht. Wie gesagt, man braucht wirklich nicht nationale Einseitigkeiten zu entwickeln, sondern man kann sachlich bleiben, wenn man dies sagt. Was geht aus dem Descartes’schen Weltbild hervor als eine Folge? Nun, man braucht eben nur das eine zu nennen, dass Descartes durch sein Streben, das ausgeht auch von dem Selbstbewusstsein, aber von dem bloß verständigen, verstandesgemäßen Selbstbewusstsein, nicht von dem lebendigen Innenleben, wie Fichtes Selbstbewusstsein — dieses Descartes’sche Weltenbild stellt sich die Welt so vor wie eine große Maschine, wie einen mächtigen Mechanismus. Und die Tiere selbst sind für Descartes bewegte Maschinen, unbeseelte, bewegte Maschinen.
[ 18 ] Descartes stands in relation to the world as a mere observer, as one who observes from the outside. What kind of worldview emerges from this? One need only mention one thing that stands out as a consequence of the French Cartesian worldview. As I said, there is really no need to develop national biases; rather, one can remain objective when stating this. What emerges from the Cartesian worldview as a consequence? Well, one need only mention this one thing: that through his striving—which also stems from self-consciousness, but from a purely rational, intellectual self-consciousness, not from the living inner life, as in Fichte’s self-consciousness—this Cartesian worldview conceives of the world as a great machine, as a powerful mechanism. And for Descartes, animals themselves are moving machines—soulless, moving machines.
[ 19 ] Alles dasjenige, was sich als Mechanismus in der späteren Zeit entwickelt, als mechanistisches Weltenbild, was auch andere Völker von Frankreich aus ergriffen hat, das führt im Grunde genommen auf diesen Descartes’schen Ausgangspunkt zurück.
[ 19 ] Everything that later developed as a mechanism—as a mechanistic worldview—and that spread from France to other nations can, in essence, be traced back to this Cartesian starting point.
[ 20 ] Man braucht nur den Gegensatz sich vor das geistige Auge zu halten: Dort der romanische Philosoph, der die Welt zur Maschine macht; da Johann Gottlieb Fichte, der aus dem deutschen Volkstum heraus die Seele selber ausgießen will über die ganze Welt, damit diese Seele miterleben kann alles Seelische, alles vom Willen durchpulste der Welt — und man hat etwas Wichtiges ausgedrückt über das Verhältnis des deutschen Volksgeistes zu seinem westlichen Nachbar.
[ 20 ] One need only hold this contrast before one’s mind’s eye: On the one hand, the Romanic philosopher, who turns the world into a machine; on the other, Johann Gottlieb Fichte, who, drawing from German folklore, seeks to pour out the soul itself over the entire world, so that this soul may experience everything spiritual, everything in the world pulsed by the will—and one has expressed something important about the relationship between the German national spirit and its Western neighbor.
[ 21 ] Diese Descartes’sche Weltanschauung hat ja dann — ich möchte sagen — materialistische Blüten nach materialistischen Blüten getrieben. Wir sehen, wie am Ende des achtzehnten Jahrhunderts entsteht das Weltenbild, das Goethe von Frankreich her entgegengetreten ist, und von dem Goethe aus seinem deutschen Bewusstsein heraus sagte: Ach, wie trostlos, wie öde! Da macht uns der Philosoph vor, wie sich Atome hinüberbewegen, stoßen, gegenseitig drängen — ein Mechanismus! Und das alles soll die reiche Fülle der Welt erklären, in der wir leben?
[ 21 ] This Cartesian worldview then—I would say—gave rise to one materialistic offshoot after another. We see how, at the end of the eighteenth century, the worldview emerged that Goethe encountered from France, and of which Goethe, speaking from his German consciousness, said: Oh, how bleak, how desolate! There the philosopher shows us how atoms move about, collide, and jostle one another—a mechanism! And all of that is supposed to explain the rich abundance of the world in which we live?
[ 22 ] Man darf schon sagen — wiederum ganz sachlich: Aus der Fülle und Lebendigkeit des deutschen Geistes wendete sich Goethe von diesem bloß mechanistischen Weltbild ab, das ja dann in de La Mettries «Der Mensch eine Maschine» am Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine Blüte getrieben hat, die geradezu das Entzücken sein kann aller derjenigen, die eine Weltanschauung sich aufbauen wollen nach oberflächlicher Nichtigkeit, nach jener Nichtigkeit, die im Grunde genommen ganz zufrieden wäre, wenn es keine menschliche Seele gäbe, sondern wenn wie ein Phonograf der menschliche mechanische Denkapparat abschnurrte dasjenige, was der Mensch über die Welt zu sagen hat. Und bis ins neunzehnte Jahrhundert herein hat sich dieses Weltenbild dann weiter entfaltet.
[ 22 ] It is fair to say—again, purely objectively: Drawing on the richness and vitality of the German spirit, Goethe turned away from this purely mechanistic worldview, which had reached its peak in de La Mettrie’s *Man a Machine* at the end of the eighteenth century—a peak that can be a source of sheer delight to all those who wish to construct a worldview based on superficial nothingness, based on that very nothingness which, deep down, would be quite content if there were no human soul, but rather if—like a phonograph—the human mechanical thinking apparatus simply spouted out whatever a person has to say about the world. And this worldview continued to unfold well into the nineteenth century.
[ 23 ] Wir sehen es in [Lücke in der Mitschrift], wir sehen es aber auch in einem solchen Geiste, wie — ja, er heißt heute noch immer nicht französisch, sondern er heißt immer noch Bergson — wie in Bergson, der das Schmählichste gefunden hat, immer wieder und wiederum dasjenige, was aus deutscher Seele quillt als ein Weltenbild, zu schmähen und zu verleumden. Man möchte sagen: Weil er nichts anderes sehen kann in einem Weltenbild, das lebendig ist, das von innerem Leben erfüllt ist, glaube er es schmähen zu dürfen, schmäht dieses deutsche Weltbild als ein solches, das zeige — so erzählt er in seinen Papieren immer wiederum — wie der Deutsche von seiner Höhe am Ende des achtzehnten und am Beginne des neunzehnten Jahrhunderts herabgestiegen und ganz und gar ausgeartet ist in ein mechanistisches Weltengetriebe.
[ 23 ] We see it in [gap in the transcript], but we also see it in a spirit such as—yes, he is still not called by a French name today, but is still called Bergson—as in Bergson, who has found it most shameful, time and again, to revile and slander that which wells up from the German soul as a worldview. One might say: Because he can see nothing else in a worldview that is alive, that is filled with inner life, he believes he is entitled to denigrate it; he denigrates this German worldview as one that demonstrates—as he recounts time and again in his writings—how the German, from his lofty heights at the end of the eighteenth and the beginning of the nineteenth century, has descended and completely degenerated into a mechanistic world machine.
[ 24 ] Nur schade, dass dieser in Frankreich so viel gefeierte Bergson nicht nur ein Weltenbild gezeichnet hat — ich habe es ausführlich ausgeführt nicht nur in meinem schon vor dem Kriege geschriebenen Buch «Die Rätsel der Philosophie» —, nicht nur ein Weltenbild gezeichnet hat, das viel kraftvoller, viel, eindringlicher von einem allerdings wenig genannten und wenig bekannt gewordenen deutschen Geist, Preuss, dem deutschen Denker, zum Beispiel in seinem Buche «Geist und Stoff» 1882 [dargestellt worden ist] — wovon Bergson entweder nichts weiß, was ein ebenso großer Fehler ist, oder nichts wissen will —, aber nicht nur dies, sondern es hat sich auch herausgestellt, dass ganze Seiten in den so gerühmten Schriften von Bergson einfach abgeschrieben sind von Schelling oder von Schopenhauer! — Auch eine Art, sich zum Geistesleben Mitteleuropas zu stellen!
[ 24 ] It’s just a shame that Bergson, who is so highly celebrated in France, did not merely sketch out a worldview—as I have explained in detail not only in my book *The Riddles of Philosophy*, written before the war —but also a worldview that was depicted much more powerfully and much more forcefully by a German thinker who has, admittedly, been little mentioned and has become little known—Preuss—for example, in his 1882 book *Spirit and Matter* [—of which Bergson either knows nothing, which is an equally grave error, or chooses to know nothing—]—but not only that; it has also come to light that entire passages in Bergson’s much-praised writings are simply copied from Schelling or Schopenhauer! —What a way to approach the intellectual life of Central Europe!
[ 25 ] Diesem Geistesleben steht dasjenige Fichtes gegenüber, ein Geistesleben, welches nicht will die Welt als eine tote begreifen, sondern welches will die Welt begreifen als ein Geist-Lebendiges, bis in die kleinsten Teile hinein, und für welche Erkenntnis nichts anderes ist als: Erleben dieser geistigen Lebendigkeit der Weltsecle. Ebenso wie dem französischen Weltenbilde, steht Fichte mit seinem energischen Ergreifen des menschlichen Ichs, in dem er die Welt miterleben will, dem im eigentlichen Sinne englischen Weltenbild gegenüber, jenem englischen Weltenbild, das seinen Ausgangspunkt genommen hat von Baco von Verulam, und welches, man könnte sagen, seine abstoßenden Seiten, seine abstoßenden Einseitigkeiten gefunden hat gerade in dem neuesten Weltenbilde, das das englische Geistesleben hervorgebracht hat in dem sogenannten Pragmatismus — bei Baco von Verulam. Wie zum Beispiel Goethe sehr tiefsinnig bemerkt, sieht man überall, wie [Baco von Verulam] das Geistesleben eigentlich so betrachtet, dass dasjenige, was in dem menschlichen Geist sonst als Wahrheit [lebt], eigentlich nur dazu da sei, die Mannigfaltigkeit der äußeren Stoffe und Kräfte der Welt, die mit Augen gesehen, mit Händen ergriffen werden können, zusammenzufassen und zu bilden, wiederum auseinanderzulegen und dergleichen. Ein Mittel, um die äußere physische Welt zu beherrschen, ist der Philosophie, die auf Baco von Verulam begründet ist, alles im Grunde genommen, was man als Philosophie bezeichnen könnte. Und bis herauf in unsere Tage hat sich dieser Sinn erhalten.
[ 25 ] This spiritual life stands in contrast to that of Fichte—a spiritual life that does not seek to understand the world as a lifeless entity, but rather seeks to understand the world as a living spirit, down to its smallest parts, and for which knowledge is nothing other than the experience of this spiritual vitality of the world. Just as the French worldview stands in contrast to Fichte’s vigorous embrace of the human “I”—through which he seeks to experience the world—so too does it stand in contrast to the truly English worldview, that English worldview which took its starting point from Bacon of Verulam, and which, one might say, has found its repulsive aspects, its repulsive one-sidedness, precisely in the most recent worldview that English intellectual life has produced—in so-called pragmatism—as seen in Bacon of Verulam. As Goethe, for example, very profoundly observes, one sees everywhere how [Bacon of Verulam] actually regards spiritual life in such a way that what otherwise [exists] in the human spirit as truth is really only there to summarize and shape the diversity of the world’s external materials and forces—those that can be seen with the eyes and grasped with the hands—and then to break them down again, and so on. A means of mastering the external physical world is, in the philosophy based on Bacon of Verulam, essentially everything that could be called philosophy. And this understanding has persisted right up to the present day.
[ 26 ] Was tritt denn eigentlich als Pragmatismus auf? Als Pragmatismus tritt innerhalb des englischen Geisteslebens etwas höchst Eigentümliches auf — Schiller, James und andere Vertreter dieses Pragmatismus — für diese Vertreter des Pragmatismus, für diese Pragmatisten ist Wahrheit nicht etwas, das der Mensch innerlich erlebt wie ein Götter- oder Geisterabbild, etwas, was — wie im Fichte’schen Sinne hereinfällt in die Menschenseele aus dem die Welt durchpulsenden, durchlebenden, durchwebenden Geist —, sondern die Wahrheit ist im Sinne dieses Pragmatismus eigentlich nur etwas, das der Mensch sich ausdenkt, um in der Mannigfaltigkeit der äußeren Erscheinungen eine Richtung zu haben.
[ 26 ] What, exactly, constitutes pragmatism? Within English intellectual life, something highly peculiar appears under the guise of pragmatism—Schiller, James, and other proponents of this pragmatism—for these proponents of pragmatism, for these pragmatists, truth is not something that a person experiences inwardly as an image of a god or spirit, something that — as in Fichte’s sense, flows into the human soul from the Spirit that pulses through, lives through, and weaves through the world — but rather, in the sense of this pragmatism, truth is actually nothing more than something that humans conceive in order to have a sense of direction amid the diversity of external phenomena.
[ 27 ] Seele zum Beispiel — dieser Begriff «Seele», dieser Einheitsbegriff Seele — man kann die Seele ja nicht sehen: Was ist er denn dem Pragmatismus eigentlich? Der Einheitsbegriff Seele, der Einheitsbegriff des Ichs, des Selbstbewusstseins — dem Pragmatismus ist er nichts anderes als ein Mittel, um die Mannigfaltigkeiten des Seelenlebens und seiner Äußerungen im Leibe zusammenzuhalten, dass sie einem in der Betrachtung nicht auseinanderfallen; damit man gleichsam Klammern und Binden hat. Für das äußere Stoffliche macht man sich Begriffe. Wie weit steht das ab von der aus der Tiefe der Seele heraus geschöpften Fichte’schen Weltanschauung, für die der Geist das allerursprünglichste der Welt und Wirklichkeit ist, der Geist, der hereinflutet in das einzelne menschliche Seelenleben. Und indem der Mensch verspürt dieses Hereinfluten, weiß er sich eins selber mit dem Geist der Welt. Und dann wird ihm das Äußere zu einem — wie Fichte sich ausgedrückt hat — Felde, damit der Geist sich auf diesem Felde entfalten kann. Genau das Entgegengesetzte!
[ 27 ] The soul, for example—this concept of “soul,” this unifying concept of the soul—after all, one cannot see the soul: What does it actually mean to pragmatism? The unifying concept of the soul, the unifying concept of the “I,” of self-consciousness—for pragmatism, it is nothing more than a means of holding together the manifold aspects of the life of the soul and its manifestations in the body, so that they do not fall apart when one contemplates them; so that one has, as it were, brackets and ties. One constructs concepts for the external, material world. How far removed is this from Fichte’s worldview, drawn from the depths of the soul, for which the spirit is the most primordial element of the world and reality—the spirit that flows into the individual human inner life. And as the human being senses this influx, he knows himself to be one with the Spirit of the world. And then the external world becomes for him—as Fichte put it—a field, so that the Spirit may unfold within this field. Exactly the opposite!
[ 28 ] Hier bei Fichte: Der Geist das Oberste, das eigentlich Wirkliche, das höchste Lebendige, um dessentwillen die äußere Sinneswelt da ist, damit der Geist sein Ausdrucksmittel in ihr finden kann. Dort: Der Geist zu nichts anderem fähig, als Bindemittel und Klammern in seinen Begriffen und Ideen zu schaffen, damit er — was die Hauptsache ist — diese Begriffe in den Nutzen der äußerlich stofflichen Wirklichkeit stellen könne, und sich zuletzt finden könne in der äußeren stofflichen Wirklichkeit.
[ 28 ] Here, according to Fichte: The spirit is the supreme, the truly real, the highest form of life, for the sake of which the external sensory world exists, so that the spirit may find its means of expression in it. There: The spirit is capable of nothing other than creating connecting elements and links within its concepts and ideas, so that—and this is the main point—it may apply these concepts to the benefit of external material reality and ultimately find itself within that external material reality.
[ 29 ] Es ist schon nötig, sehr verehrte Anwesende, die Zusammenhänge gerade in diesem Lichte zu betrachten. Nur dadurch kommt der Deutsche zu einer wirklichen, lichtvollen Erkenntnis desjenigen, was in der Tiefe seines Volkstums sich eigentlich abspielt.
[ 29 ] It is indeed necessary, ladies and gentlemen, to view these connections precisely in this light. Only in this way can Germans arrive at a true, enlightened understanding of what is actually taking place in the depths of their national character.
[ 30 ] Dann hat Fichte in einer der schwersten Zeiten der deutschen Entwicklung versucht, dasjenige, was sich ihm als Bewusstseinskraft ergab aus dieser ihm im innerlichen Willensleben zusammenhängenden Seelenkraft, das hat er — um anzuspornen, um zu erkraften, um zu erkräftigen sein Volk — als seine «Reden an die deutsche Nation» ausgesprochen, dass der wahre Weltanschauungsmensch nicht bloß in weltfremden Betrachtungen lebt, sondern dass diese Betrachtungen unmittelbar eingreifen können in dasjenige, was die Zeit fordert und was die Menschheit — ich möchte sagen — [in der Tat] braucht, um in der Seele erkraftet und erstarkt zu werden.
[ 30 ] Then, during one of the most difficult periods in German history, Fichte attempted to express—in order to inspire, to strengthen, and to fortify his people—that which emerged to him as a power of consciousness from this spiritual force, which was interconnected with his inner life of will — as his “Addresses to the German Nation,” stating that the true man of worldview does not merely live in otherworldly reflections, but that these reflections can directly intervene in what the times demand and what humanity—I would say—[in fact] needs in order to be strengthened and invigorated in the soul.
[ 31 ] Und eine zweite Persönlichkeit tritt [uns] im geeigneten Augenblick neben Fichte entgegen — die zweite Persönlichkeit, welche nicht minder versuchte, das Innerste der Welt mit der eigenen Seele zu ergreifen. Mit Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit suchten diese Geister dieses Ergreifen des ganzen, großen Weltengeistes mit der eigenen Seele.
[ 31 ] And a second figure appears before [us] alongside Fichte at just the right moment—a figure who was no less determined to grasp the very essence of the world with his own soul. Committing their entire being to the cause, these minds sought to grasp the entire, great world spirit with their own souls.
[ 32 ] Bei Fichte brauchte ich Ihnen wohl nur ein paar Züge aus seinem Leben zu erzählen, damit Sie sehen können, wie wirklich dasjenige, was er erlebte — ich möchte sagen — auf den eisigen Höhen der Gedanken, die aber bei ihm von rein menschlicher Wärme durchströmt waren, wie das mit seiner Persönlichkeit, mit seinem unmittelbaren menschlichen Wesen zusammenhing. Ein Bild von dem ganz jungen Fichte: Er lernt gut, als sechs-, siebenjähriger Knabe schon unterworfen in der Schule seinen Pflichten. Der Vater belohnt den jungen Knaben dadurch, dass er ihm zu Weihnachten in seinem siebenten Jahre das Buch vom «Gehörnten Siegfried» schenkt. Fichte, der junge Fichte, der Knabe, ist ganz ergriffen von demjenigen, was sich auslebt durch die menschliche Persönlichkeit, die in einer solchen Seele steckt wie dem «Gehörnten Siegfried»! Und da stellt es sich heraus, dass er jetzt ermahnt werden muss, weil er nicht mehr so fleißig ist in der Schule wie bisher. Eines Tages sehen wir den Knaben in seinem blauen Bauernkittel; am Bache steht er, der vor seines Vaters Hause vorbeifließt: Plötzlich wirft er den «Gehörnten Siegfried», den er in seiner Hand hielt, ins Wasser hinein, und weinend steht er dabei und sieht, wie das Buch in den Wellen wegschwimmt. Der Vater kommt dazu, ist zunächst unwillig darüber, dass sein kleiner Bub das ihm geschenkte Buch ins Wasser geworfen hatte. Dann muss er erfahren, dass in diesem Falle dasjenige, was Fichte später zum eigentlichen Kernpunkte seines philosophischen Wirkens gemacht hat — den pflichtgetragenen Willen —, dass dieser pflichtgetragene Wille schon in dem Knaben Fichte so lebte, dass er es nicht ertragen konnte, durch die abgelenkte Aufmerksamkeit auf den «Gehörnten Siegfried» seine Pflicht nicht mehr als Lernender zu erfüllen! Und alles, was er erlebte, ist wohl bei dem Knaben schon [verbunden] mit dem innersten Weben und Wesen seiner Seele.
[ 32 ] When it comes to Fichte, I need only recount a few details from his life for you to see how closely what he experienced—I might say—on the icy heights of thought, which in his case were nevertheless permeated with purely human warmth, was connected to his personality and his immediate human nature. A picture of the very young Fichte: He was a good student, already diligently fulfilling his school duties as a six- or seven-year-old boy. His father rewarded the young boy by giving him the book *The Horned Siegfried* as a Christmas gift when he was seven years old. Fichte—the young Fichte, the boy—is completely captivated by what comes to life through the human personality embodied in a soul like that of *The Horned Siegfried*! And then it turns out that he now needs to be reprimanded because he is no longer as diligent in school as he had been. One day we see the boy in his blue peasant smock; standing by the stream that flows past his father’s house: Suddenly he throws *The Horned Siegfried*, which he was holding in his hand, into the water, and standing there in tears, he watches as the book floats away on the waves. His father comes over, at first displeased that his little boy had thrown the book he’d given him into the water. Then he learns that in this instance, what Fichte later made the very core of his philosophical work—the duty-driven will—was already alive in the young Fichte to such an extent that he could not bear to fail in his duty as a student because his attention was diverted by *The Horned Siegfried*! And everything he experienced was likely already [intertwined] with the innermost fabric and essence of the boy’s soul.
[ 33 ] Und einmal, als Fichte neun Jahre alt war, da kam der Gutsnachbar vom Nachbarorte herüber nach dem Wohnort Fichtes. Er wollte die Predigt hören; aber er kam zu spät. Er konnte den Pfarrer nicht mehr predigen hören; es hatte schon aus der Kirche geläutet. Da kam man darauf, dass der neunjährige Knabe es sein könnte, der den Inhalt der Predigt dem Gutsnachbarn wiedergeben könnte. Und man schickte zu ihm. Der junge Fichte kam herein in seinem blauen Bauernkittel; und nachdem er sich zuerst etwas linkisch benommen hatte, trat er vor die öffentliche Persönlichkeit hin und entwickelte die Gedanken, die er aus der Predigt aufgenommen hatte mit einer solchen Innerlichkeit, dass man sah: Er hatte nicht nur äußerlich etwas ins Gedächtnis aufgenommen, sondern mit seiner ganzen Seele hatte sich vereinigt dasjenige, was er sich angehört hatte.
[ 33 ] And once, when Fichte was nine years old, the neighbor from the neighboring village came over to Fichte’s home. He wanted to hear the sermon, but he arrived too late. He could no longer hear the pastor preaching; the church bells had already rung. Then it occurred to them that the nine-year-old boy might be the one to recount the content of the sermon to the neighbor. And they sent for him. Young Fichte entered wearing his blue peasant smock; and after initially behaving somewhat awkwardly, he stepped before the audience and expounded on the ideas he had taken from the sermon with such sincerity that it was clear: he had not merely committed something to memory outwardly, but what he had heard had become one with his entire soul.
[ 34 ] So war diese Persönlichkeit — man möchte sagen —, dass — wenn ich das triviale Wort gebrauchen dürfte — sie aus einem eigenen Genius heraus alles, was auf sie wirkte, immer mit dem ganzen Menschen aufnahm, so wirkend, dass alles, was von diesem Menschen kam auf der einen Seite den tiefsten menschlichen Charakter trug, auf der anderen Seite sich erhob wiederum zu den höchsten Höhen der weltgeschichtlichen Betrachtung.
[ 34 ] Such was this personality—one might say—that—if I may use the trivial word—out of her own genius, she always absorbed everything that influenced her with her whole being, in such a way that everything that came from this person, on the one hand, bore the deepest human character, and on the other hand, rose again to the highest heights of world-historical contemplation.
[ 35 ] Da muss immer wieder und wiederum ein schöner Zug hervorgehoben werden bei diesem einen der deutschesten der deutschen Denker, Johann Gottlieb Fichte: Wenn Fichte später als Professor zu seinen Zuhörern sprach, da wollte er nicht sprechen wie ein Anderer, der einfach den Inhalt dessen, was er sich erobert hatte, gedanklich an seine Zuhörer heranbrachte. Einer, der Fichte gut kannte, ihn oft gehört hatte, sagte von ihm, dass seine Worte wie ein Gewitter daherrauschten, das sich in einzelnen Funken entlädt; [und er sagte], dass er nicht allein gute, sondern dass er große Menschen heranziehen wollte.
[ 35 ] There is one admirable trait that must be emphasized time and again in this thinker—one of the most German of German thinkers—Johann Gottlieb Fichte: When Fichte later addressed his audience as a professor, he did not wish to speak like someone else who simply conveyed the content of what he had grasped to his listeners in an intellectual manner. Someone who knew Fichte well and had often heard him speak said of him that his words rushed forth like a thunderstorm discharging in individual sparks; [and he said] that he sought to attract not merely good people, but great ones.
[ 36 ] Und in einer solchen Weise war auch die Arbeit- man kann nicht sagen — eingerichtet, die Arbeit dieses Deutschen, denn in den Gedanken dieses deutschen Denkers lebte etwas in diesem Vortrag, was viel mehr als vorgetragen war: Er wollte, indem er den Katheder bestieg, etwas hinauftragen auf diesen Katheder, was als lebendige Wesenheit von ihm in die Zuhörer hinüberfloss, sodass die Zuhörer, wenn sie aufmerksam zuhörten und den Hörsaal verließen, nicht nur einen Inhalt, nicht nur eine Lehre mitnahmen, sondern etwas mitnahmen, was in ihrer Seele mehr war als wie sie hineingebracht hatten in den Hörsaal, was ihre ganze Menschlichkeit ergriff, durchdrang, durchseelte! Und wirklich, Fichte wusste in dieses unmittelbar im Mittelpunkt der menschlichen Seele Gehende so zu wirken, so zu dringen, dass er in unmittelbarem Verkehr mit seinen Zuhörern seine Zuhörer, diese Zuhörer dahin bringen wollte, das in sich zu beleben, was sie wirklich verband — man möchte sagen —, gleich auf der Stelle verband mit dem, was die Seele erleben konnte von dem die Welt durchflutenden und durchwebenden Geistigen.
[ 36 ] And in just such a way was the work—one cannot quite say—structured, the work of this German; for in the mind of this German thinker, there lived within this lecture something that was much more than what was being presented: When he stepped up to the lectern, he wanted to bring something up onto that lectern—a living essence that flowed from him into the audience—so that when the listeners, having listened attentively, left the lecture hall, they would take with them not merely content, not merely a lesson, but something that was more in their souls than what they had brought with them into the lecture hall—something that seized, permeated, and animated their entire humanity! And indeed, Fichte knew how to work upon and penetrate this very core of the human soul in such a way that, in direct communion with his listeners, he sought to lead them—these very listeners—to enliven within themselves that which truly united them—one might say—and immediately connected them with what the soul could experience of the spiritual force that permeates and interweaves the world.
[ 37 ] So sagte er zum Beispiel einmal zu seinen Zuhörern: Denken Sie sich die Wand. — Da wendeten die Zuhörer die Augen zur Wand hin und dachten: Das ginge leicht. — Nachdem er sie eine Zeit lang die Wand hatte denken lassen, da sagte er: So, und jetzt denken Sie den, der die Wand gedacht hat! — Da waren sie zunächst verblüfft. Nun, aber es war ein Mittel gewonnen, Herz und Sinn der Zuhörer unmittelbar für die Erkenntnis der Weltengeheimnisse, wie sie sich in der menschlichen Seele abspielen können, zu gewinnen.
[ 37 ] For example, he once said to his audience: “Imagine the wall.” — The audience turned their eyes toward the wall and thought: “That’s easy.” — After letting them imagine the wall for a while, he said: “All right, and now imagine the one who imagined the wall!” — At first, they were taken aback. Yet this was a means of directly engaging the listeners’ hearts and minds in the understanding of the world’s mysteries, as they can unfold within the human soul.
[ 38 ] Und so, mit seiner ganzen Persönlichkeit im Erkenntnisleben unmittelbar drinnen stehend, war auch Johann Wilhelm Schelling, von dem diejenigen, die ihn gesehen haben — und ich kannte wohl noch solche Leute! —, die ihn gesehen haben und gehört haben — nicht nur seine Bücher gelesen haben und wussten, was in seinen Büchern steht —, also die sagten, dass aus seinen funkelnden Augen etwas hervorging, was wie der Blick der Erkenntnis selber war!
[ 38 ] And so, with his entire personality directly immersed in the life of insight, was Johann Wilhelm Schelling as well; those who had seen him—and I certainly knew such people! —those who had seen and heard him—not merely read his books and knew what was written in them—said that something emanated from his sparkling eyes that was like the very gaze of knowledge itself!
[ 39 ] Auch dieser Schelling, dasjenige, was in der Natur als Geist lebt, er wollte es unmittelbar miterleben in der eigenen Seele. Seele war für ihn überhaupt nur etwas, wie das äußere Gesicht eines die Welt durchlebenden und durchwebenden Geistes. Und indem die Menschenseele an die Natur herantritt, erkennt sie in der Natur dasjenige, was sie selbst als Geist und Seele ist.
[ 39 ] This Schelling, too—that which lives in nature as spirit—wanted to experience it directly within his own soul. For him, the soul was, in essence, nothing more than the outward aspect of a spirit that lives through and permeates the world. And as the human soul approaches nature, it recognizes in nature that which it itself is as spirit and soul.
[ 40 ] Geist durchflutet die Welt. Er bildet sich einen äußeren Abdruck, indem er die Natur um sich herauskristallisiert. Dadurch schafft er den Boden, dass er zuletzt in der menschlichen Seele in seiner Gestalt selber auf diesem Boden erscheinen könne. Daher wuchs Naturgeist und Seelengeist für Schelling in eine Einheit zusammen. Und zu wunderbaren Möglichkeiten wusste er sich zu erheben mit einer solchen Betrachtung. Er durchdrang sie nur in scheinbar trockenen Begriffen — übrigens in Begriffen und Vorstellungen, die sich zuweilen zur ungeheuersten, wachester, intuierender Glut erhoben. Nur in scheinbar trockenen Begriffen sprach er über die Natur, und [darüber], wie [man sich] mit der Natur im Einklang, [mit] der geistigen Welt [in Einklang wissen kann], und [wie die Begriffe] aus der Natur hervorgehen und [man] sich im Erkennen im Einklang wissen kann.
[ 40 ] Spirit permeates the world. It forms an external imprint by crystallizing nature around itself. In this way, it creates the ground upon which it can ultimately appear in its own form within the human soul. Thus, for Schelling, the spirit of nature and the spirit of the soul grew together into a unity. And with such a perspective, he knew how to rise to marvelous heights. He penetrated them only in seemingly dry concepts—incidentally, in concepts and ideas that at times rose to the most immense, vivid, and intuitive fervor. He spoke of nature only in seemingly dry terms, and [of] how [one can] know oneself to be in harmony with nature, [in harmony] with the spiritual world, and [how the concepts] emerge from nature and [one] can know oneself to be in harmony through cognition.
[ 41 ] Einmal sagte er das Wort, das gewiss einseitige Wort: Die Natur erkennen, heißt, die Natur schaffen. — Gewiss, ein einseitiges Wort; man kann die Natur im Erkennen nur nachschaffen. Aber so verwandt fühlte Schelling dasjenige, was sich in der Menschensecle abspielt, mit demjenigen, was in der Natur sich abspielt, dass er wie im Schaffen der Naturkraft selber zu leben vermeinen konnte, wenn er die rechten Erkenntnistriebkräfte in der Seele losgelöst glaubte. Und so erscheint Schelling die menschliche Gestalt auf der einen Seite als der höchste natürliche Ausdruck der geistseelischen Naturkräfte, und auf der andern Seite die Kunst[, die] dasjenige entgegenträgt seiner eigenen Gestalt, was der menschliche Ausdruck des Geiststrebens ist.
[ 41 ] Once he uttered that phrase—a phrase that is certainly one-sided: “To know nature is to create nature.” — Certainly, a one-sided statement; one can only recreate nature through cognition. But Schelling felt that what unfolds in human life was so closely related to what unfolds in nature that he could imagine himself living as if within the creative force of nature itself when he believed he had unleashed the proper cognitive impulses within the soul. And so, to Schelling, the human form appears, on the one hand, as the highest natural expression of the spiritual-soul forces of nature, and, on the other hand, as art, which embodies in its own form that which is the human expression of the striving of the spirit.
[ 42 ] Man möchte sagen: Wie zwei einander erst ergänzende Hälften, so fühlt Schelling das Höchste: Was der Künstler in der Kunst zu schaffen vermag, auf der einen Seite; die menschliche Gestalt, auf der anderen Seite als die Krone und Blüte der Natur. Und so sehen wir, wie in Schelling ein Weltbild entstand, das ganz und gar herausgeboren ist — ja, selber erscheint wie eine Wiedergeburt — aus der Wiedergeburt des menschlichen Gemütes. Das deutsche Gemüt ist selber zum Sehorgan in Schelling geworden, um in Natur und Geistesleben zu schauen dasjenige, was zum menschlichen Gemüt so spricht, wie die äußeren Sinnesdinge zu den menschlichen Augen und Ohren sprechen.
[ 42 ] One might say: Just as two halves that complement each other, so Schelling perceives the Supreme: what the artist is capable of creating in art, on the one hand; the human form, on the other, as the crown and flower of nature. And so we see how a worldview emerged in Schelling that is entirely born—indeed, appears itself to be a rebirth—from the rebirth of the human mind. The German spirit itself has become an organ of vision in Schelling, enabling him to perceive in nature and spiritual life that which speaks to the human spirit just as external sensory objects speak to the human eyes and ears.
[ 43 ] Dadurch aber ist Schelling derjenige geworden für die deutsche Geistesentwicklung, der auf eine ungeheure Höhe erheben konnte dasjenige, was aus dem romanischen Weltenbild heraus als eine Geistwelt zum Beispiel Giordano Bruno zwar anregen, aber nur anregen konnte. Wie aus der [italienischen] Weltempfindung heraus leidenschaftlich geboren erscheint das Weltbild des Giordano Bruno, vergleicht man es mit dem Weltbild — mit dem ruhigen, aus dem deutschen Gemüte heraus wiedergeborenen Weltenbilde — des Schelling.
[ 43 ] As a result, however, Schelling became the figure in German intellectual development who was able to elevate to immense heights that which, emerging from the Romanic worldview as a spiritual realm, could—as in the case of Giordano Bruno—inspire, but could do no more than inspire. Giordano Bruno’s worldview appears to have been passionately born out of the [Italian] perception of the world when compared to Schelling’s worldview—that calm worldview reborn from the German spirit.
[ 44 ] Und der dritte ist Hegel. Hegel, der dritte, der — ich möchte sagen — mit der Goethe’schen Weltanschauung im innigsten Bunde lebende Philosoph der Deutschen, Hegel, der — ich möchte sagen — auf dem dritten der Wege, die möglich waren aus dem deutschen Volkstum heraus, auf dem dritten der Wege suchte die Seele hinzuführen da, wo sie unmittelbar ergreifen kann das geistige Wirken und Weben und Wesen der Welt.
[ 44 ] And the third is Hegel. Hegel, the third—I would say—the German philosopher most intimately connected with Goethe’s worldview; Hegel, who—I would say—sought, on the third of the paths that were possible from the German national character, to lead the soul to the place where it can directly grasp the spiritual workings, interplay, and essence of the world.
[ 45 ] Wirkt bei Johann Gottlieb Fichte der Wille, der die Seele durchpulst und in der Pflicht sich den Ausdruck schafft; wirkt auf Schelling das Gemüt, das Innerlichste des Seelenwesens, während [es] ein Naturwille erfasst und wiedergebiert; so wirkt bei Hegel das Gedankenleben — das Gedankenleben, das von Hegel so empfunden wird, dass, indem die Gedanken, die er durch seine Seele ziehen lässt, von dieser Seele bewegt und erlebt werden, unmittelbar erscheinen wie Gedanken des göttlich-geistigen Weltenlebens selber, das alle Räume und alle Zeiten durchsetzt. Sodass der Mensch — indem er sinnlichkeitsfrei, ohne von der Außenwelt beeinflusst zu sein, seine Gedanken in sich leben lässt — in diesem Gedankenerleben zu gleicher Zeit miterlebend hat in ihm sich auslebend und offenbarend das göttlich-geistige Denken der Welt. Allerdings ist dadurch Hegel ein Geist geworden, welcher ein Weltenbild geschaffen hat, als ob die ganze Welt nur aus Logik gebaut wäre — was eine Einseitigkeit ist. Aber er hat hinzuzufügen zu dem andern, was Fichte und Schelling geboten haben, den dritten Ton aus dem deutschen Volkstum heraus.
[ 45 ] In Johann Gottlieb Fichte, it is the will that pulses through the soul and finds expression in duty; in Schelling, it is the mind—the innermost essence of the soul—that grasps a natural will and gives it new life; so, in Hegel, it is the life of thought that is at work—the life of thought that Hegel perceives in such a way that, as the thoughts he allows to pass through his soul are moved and experienced by that soul, they appear directly as thoughts of the divine-spiritual life of the world itself, which permeates all spaces and all times. Thus, when a person—free from sensuality, uninfluenced by the external world—allows his thoughts to live within himself, he experiences in this very act of thinking the divine-spiritual thought of the world unfolding and revealing itself within him. However, this has made Hegel a thinker who created a worldview as if the entire world were constructed solely of logic—which is a one-sided view. But he has added to what Fichte and Schelling offered a third voice drawn from German folk culture.
[ 46 ] Man kann sagen: Dasjenige, was Hegel besonders als einen deutschen Geist erscheinen lässt, das ist das, dass er nicht so wie etwa Descartes — Rosenkranz, der treue Schüler Hegels, hat das schöne Buch geschrieben: «Hegel als deutscher Nationalphilosoph» —, [dasjenige,] was Hegel als besonders deutschen Geist erscheinen lässt, das ist das, dass er nicht, wie Descartes, der auch alles auf das Denken aufbaut, der aber nur zu einem mechanistischen Weltbild kommt, dass er nicht so das Denken erlebt, als ob das Denken etwas wäre, das da in der Seele aufsteigt und dem Dasein fremd wäre, sondern: Der Geist, der Weltgeist selber denkt sich im Menschen. Der Weltengeist selber schaut sich durch das Denken im Menschen. Verwoben fühlt sich Hegel in seinem Denken mit den Gedanken des Weltengeistes.
[ 46 ] One could say: What makes Hegel appear to be a particularly German spirit is that he does not, like Descartes, for example—Rosenkranz, Hegel’s faithful student, wrote the fine book *Hegel as a German National Philosopher* —, [that which] makes Hegel appear to embody a distinctly German spirit is that he does not, like Descartes—who also builds everything upon thought but arrives only at a mechanistic worldview—experience thought as if it were something that rises up within the soul and is alien to existence; rather, the Spirit, the World Spirit itself, thinks itself within human beings. The World Spirit itself beholds itself through thought in human beings. In his thinking, Hegel feels interwoven with the thoughts of the World Spirit.
[ 47 ] Man kann wiederum sagen: Das einseitige, nackte Weltenbild des Descartes erhält Leben — wenn auch nur Gedankenleben — in Hegels Weltbild.
[ 47 ] One could say, in turn, that Descartes’ one-sided, bare worldview is brought to life—albeit only in thought—in Hegel’s worldview.
[ 48 ] Man braucht heute nicht, sehr verehrte Anwesende, sich irgendwie dogmatisch auf den Standpunkt der genannten drei zu stellen. Darüber kann man heute hinaus sein; ein Bekenner oder ein Gegner zu sein, kann vielleicht inhaltlich alles dasjenige als einseitig betrachten, was diese Geister ausgesprochen haben. Man braucht sich nicht dogmatisch dazuzustellen; man kann sie betrachten als Ausläufer für dasjenige, was im deutschen Volkstum webt und lebt. Also etwas, was wie ein Blütenstrom deutschen Geisteslebens herausgekommen ist, was sich im Laufe der Zeiten, indem es weiter blüht und weiter fruchtet, gewiss vielfach verändern wird, was aber die tiefsten, die bedeutsamsten Anregungen demjenigen geben kann, der nach einer geistigen Welterkenntnis strebt, weil eine geistige Weltenerkenntnis aus solchem Keim innerhalb des deutschen Geisteslebens hervorgehen muss, wie sie angestrebt wurde von Fichte, Schelling, Hegel, im Grunde gerade aus Goethe’schem Geiste heraus [erwachsen] ist.
[ 48 ] Today, distinguished guests, there is no need to take a dogmatic stance in favor of the views of the three mentioned. We can move beyond that today; whether one is a supporter or an opponent, one may well regard everything these thinkers have expressed as one-sided. One need not take a dogmatic stance on this; one can regard them as offshoots of what weaves and lives within German folklore. In other words, something that has emerged like a stream of blossoms from German spiritual life, which, over the course of time, as it continues to bloom and bear fruit, will certainly change in many ways, but which can provide the deepest, most significant inspiration to those who strive for a spiritual understanding of the world—because a spiritual understanding of the world must spring from such a seed within German intellectual life, just as it was sought by Fichte, Schelling, and Hegel, and has, in essence, grown directly out of the spirit of Goethe.
[ 49 ] Das ist das Eigentümliche bei diesen drei Persönlichkeiten, dass sie im Grunde genommen drei Seiten, drei verschiedene Tönungen von etwas zum Ausdruck bringen, was, was wie ein Unsichtbares über ihnen schwebt, was der gemeinsame Ausdruck einer höchsten Gipfelentfaltung des deutschen Geisteslebens am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war, und eben in Goethe und in anderen die großen Früchte hervortreten so, dass man immer darauf ausgeht nicht eine Welterkenntnis so zu suchen, dass man einfach den Menschen, so wie er dasteht, anwendet in seinen Kräften, sondern dass man erst die menschlichen Erkenntniskräfte, die tief im Seeleninnern schlummern, herauszuerwecken versucht, und mit dem eröffneten Geistesauge und Geistesohr — wie gesagt, das sind Goethe’sche Worte —, mit dem eröffneten Geistesauge und Geistesohr dann hinausschauen will in Welt und Leben.
[ 49 ] What is peculiar about these three figures is that they essentially express, in three different shades, three different shades of something that hovers invisibly above them—something that was the collective expression of the highest flowering of German intellectual life at the end of the eighteenth and the beginning of the nineteenth centuries—and it is precisely in Goethe and others that the great fruits of this emerge in such a way that one is always led to avoid seeking an understanding of the world by simply applying one’s faculties to human beings as he stands, with his faculties, but rather to first attempt to awaken the human powers of cognition that slumber deep within the soul, and then, with the opened eye and ear of the spirit—as I said, these are Goethe’s words—with the opened eye and ear of the spirit, to look out into the world and life.
[ 50 ] So hat es Goethe gemacht. Daher spricht Goethe in Anknüpfung an Kant, von einer anschauenden Urteilskraft, die er sich zuschrieb. Und wahrhaftig, aus dieser anschauenden Urteilskraft gingen die Blüten der Goethe’schen Leistungen hervor. «Anschauende Urteilskraft» — was meint Goethe? Die gewöhnliche Urteilskraft, sie lebt in den Begriffen des Menschen. Mit dieser Urteilskraft steht der Mensch den Dingen gegenüber, steht er der Natur gegenüber; das schaut er mit den Sinnen an; mit dem Verstande urteilt er über das sinnlich Angeschaute. Goethe sagt sich: Wenn man durch die Urteilskraft selber anschauen kann das Geistige, so wie die Augen das Sinnliche anschauen, dann lebt man und webt man im Geistigen. — Und so wollte Goethe Pflanze und Tier, so wollte er das Menschenleben betrachten. Und so hat er es betrachtet! Und so wollte er sich sogar auf dem Gebiet der Physik betätigen.
[ 50 ] This is how Goethe did it. That is why Goethe, following Kant, speaks of a “contemplative faculty of judgment,” which he attributed to himself. And indeed, the fruits of Goethe’s achievements sprang from this contemplative faculty of judgment. “Intuitive power of judgment”—what does Goethe mean? The ordinary power of judgment lives in human concepts. With this power of judgment, human beings confront things; they confront nature; they perceive it with their senses; and with their intellect, they judge what they have perceived through the senses. Goethe tells himself: If one can perceive the spiritual through the power of judgment itself, just as the eyes perceive the sensory, then one lives and weaves within the spiritual. — And this is how Goethe wanted to view plants and animals; this is how he wanted to view human life. And this is how he viewed it! And this is even how he wanted to engage in the field of physics.
[ 51 ] Da kommt man auf ein Kapitel, in dem sich so recht zeigt, wie deutsches Volkstum etwas anderes aus sich selber über die äußeren Tatsachen des physischen Lebens äußern muss als zum Beispiel englisches Volkswesen. Nur ist heute noch nicht die Zeit gekommen, die reif ist, um die Zusammenhänge auf diesem Gebiete zu sehen.
[ 51 ] This brings us to a chapter that clearly shows how German folk culture must express something different from within itself—based on the external realities of physical life—than, for example, English folk culture. However, the time has not yet come when we are ready to see the connections in this area.
[ 52 ] Seit nun mehr als dreißig Jahren bemühe ich mich selber — ich darf das ohne Unbescheidenheit sagen, weil es einfach eine Tatsache ist — zu zeigen, was Goethe eigentlich wollte, aus einer geistgemäßen Naturanschauung, aus anschauender Urteilskraft heraus, als [er seine] Farbenlehre, als er seine Farbenbetrachtung der Newton’schen Farbenbetrachtung, die auf Atomistisches und Mechanistisches gebaut ist, wie eine Lebenslehre entgegensetzte.
[ 52 ] For more than thirty years now, I have been striving myself—and I may say this without immodesty, because it is simply a fact—to show what Goethe actually intended, based on a spiritual view of nature and on intuitive judgment, as [he presented his] Theory of Colors, when he contrasted his view of color—as a philosophy of life—with Newton’s view of color, which is based on atomistic and mechanistic principles.
[ 53 ] Heute kann das die Physik noch nicht verstehen. Aber wenn einmal das Deutschtum auf geistigem Gebiet sich so recht auf sich selbst besinnen wird, so wird man einsehen, wie der deutsche Geist in Goethe auch auf dem Gebiet der Farbenlehre sich auflehnen musste gegen das, was bloß mechanische naturwissenschaftliche Betrachtung in Newton war.
[ 53 ] Today, physics cannot yet understand this. But once German culture truly comes to its senses in the intellectual realm, people will come to realize how the German spirit, as embodied in Goethe, had to rebel—even in the field of color theory—against what was merely Newton’s mechanical, scientific approach.
[ 54 ] Und das Kapitel «Goethe im Recht gegen Newton» — damit ist deutsche Wissenschaft im Recht gegen die mechanische utilitaristische englische Wissenschaft. Dieses Kapitel wird wiederauftauchen. Und vielleicht wird sich gerade an einem solchen Kapitel zeigen, welches das Verhältnis der deutschen Seele in ihrer Tiefe und in ihrer tieferen Erkenntnisbetrachtung zu den anderen Erkenntnisstrebens-Urteilen Europas ist.
[ 54 ] And the chapter “Goethe Is Right Against Newton”—this means that German science is right against mechanical, utilitarian English science. This chapter will resurface. And perhaps it is precisely in a chapter such as this that the relationship of the German soul—in its depth and in its deeper contemplation of knowledge—to the other judgments regarding the pursuit of knowledge in Europe will become apparent.
[ 55 ] Und welcher Platz der deutschen Volksseele zukommt innerhalb der Gesamtentwicklung des deutschen Geisteslebens, das ist nur ein Einzelnes, Besonderes; aber dieses Besondere, dieses Einzelne, Besondere, ist der Ausdruck des Allgemeinen, das da lebte in der Goethe-Zeit, und das fortlebt bis in unsere Tage herein, wenn auch — ich möchte sagen — unter dem Strome des Bewusstseins, aber deutlich trotzdem in allem tieferen Erkennen des Geistigen im Deutschen lebt: zu suchen das geistige Erkenntnisorgan.
[ 55 ] And the place that the German national soul occupies within the overall development of German intellectual life is merely a single, particular aspect; but this particular aspect, this specific, distinctive element, is the expression of the universal that was alive in Goethe’s time and that lives on to this day—albeit, I might say, beneath the surface of consciousness—yet clearly present nonetheless in every deeper understanding of the spiritual in German culture: the search for the spiritual organ of knowledge.
[ 56 ] Fichte nannte es einen «höheren geistigen Sinn», indem er 1811 bis 1813 zu seinen Berliner Studenten damals sprach. Schelling nannte es die «[intellektuelle] Anschauung», zu einem höheren Geisterkenntnis-Organ zu kommen — was ja unbequem ist, und was eine Philosophie, die bloß auf Nützlichkeit oder Mechanismus begründet ist, wie die romanische oder britannische Philosophie, nicht erreichen kann, ein Erkenntnisorgan zu schaffen, das aus dem Geiste gebaut ist und daher in den Geist hineinschauen kann; [das] aber den Geist nicht sieht in abstrakten, in trockenen, in leeren theoretischen Begriffen, sondern ihn so voll lebendig erfasst, wie die äußeren Sinne die Sinneswelt erfassen.
[ 56 ] Fichte called it a “higher spiritual sense” when he spoke to his Berlin students between 1811 and 1813. Schelling called it “[intellectual] intuition”—the attainment of a higher organ of spiritual cognition—which is, of course, a difficult task, and one that a philosophy based solely on utility or mechanism, such as Roman or British philosophy, cannot achieve: to create an organ of cognition that is built from the spirit and can therefore look into the spirit; [which] does not, however, perceive the spirit in abstract, dry, or empty theoretical concepts, but grasps it as fully alive as the external senses grasp the sensory world.
[ 57 ] Und weil ein solches Streben so kraftvoll in der deutschen Geistesentwicklung lebte, so konnte es sein, dass auch geringere Geister, die auf die Goethezeit folgten, ergriffen, durchdrungen wurden von dem, was keimhaft in der eben besprochenen großen Zeit des deutschen Lebens sprießte und sprosste, und dass diese geringeren Geister sogar etwas schaffen konnten, was den Wegen, die ja eigentlich die wirklichen Wege sind, um lebendig als Menschengeist das Weltengeistige zu erfassen, um etwas zu bekommen, was diesem wirklichen Wege sogar ähnlicher ist als dasjenige, was bei Schelling, Fichte und Hegel auftrat. Weil so unendlich Fruchtbares in dieser Fichte-Schelling-Hegel’schen Weltanschauung ist, konnte es so befruchtend wirken auch auf geringere Geister, die — sagen wir — wie Fichtes Sohn, Immanuel Hermann Fichte, dazu kommen, anzuerkennen wie in dem, was äußerlich sinnlich dem Menschen als menschenähnliche Gestalt entgegentritt — auch als sinnliche Tiergestalt, aber da hat es nicht dieselbe Bedeutung —, was als sinnliche Menschengestalt dem Menschen entgegentritt, wie in dem etwas lebt, was wie in einer feineren Leibesorganisation in einer gröberen Leibesorganisation ist, wie wir in der Geisteswissenschaft sagen: ein ätherischer Leib neben dem groben physischen Leib; und wie in diesem ätherischen Leib [wirken] die großen Weltenkräfte, die den Menschen aus dem Ewigen heraus gebären, so wie ihn die physischen Kräfte physisch aus dem Physische heraus gebären. Das heißt: Hermann Immanuel Fichte sucht bereits einen Weg unmittelbar zu dem äußeren Physischen, nicht allein durch Gedanken, nicht allein durch Abstraktionen, sondern im unmittelbar höherem, geistig-sinnlichem Ergreifen ein über Geburt und Tod im Menschen hinaus Liegendes zu erkennen.
[ 57 ] And because such a striving was so powerfully alive in the development of the German spirit, it was possible that even lesser minds who followed the Goethe era were seized and permeated by what was sprouting and taking root in embryonic form during the great era of German life just discussed, and that these lesser minds were even able to create something that resembles the paths—which are, in fact, the true paths—for the human spirit to grasp the spiritual essence of the world in a living way, to attain something that is even more akin to these true paths than what emerged in the works of Schelling, Fichte, and Hegel. Because there is so much that is infinitely fruitful in this Fichte-Schelling-Hegelian worldview, it was able to have such a fertilizing effect even on lesser minds who—let us say—like Fichte’s son, Immanuel Hermann Fichte, come to recognize how in what outwardly and sensually confronts the human being as a human-like form—even as a sensory animal form, though there it does not have the same significance—what appears to human beings as a human form, just as something lives in what is, as it were, a coarser physical organization alongside a finer physical organization, as we say in spiritual science: an etheric body alongside the coarse physical body; and just as the great world forces that give birth to the human being out of the Eternal [act] within this etheric body, so do the physical forces give birth to the human being physically out of the physical. That is to say: Hermann Immanuel Fichte is already seeking a path directly to the external physical world—not solely through thought, not solely through abstractions—but through a directly higher, spiritual-sensory apprehension, in order to recognize that which lies beyond birth and death in the human being.
[ 58 ] Und dann sehen wir einen merkwürdigen Geist, wenig ist er bekannt geworden, der auch auf diesem Wege wandelt, zweifellos nicht so genial und so großartig angelegt, wie etwa Schelling und Fichte, aber auf dem eigentlichen geisteswissenschaftlichen Wege weiterkommend als diese, weil er nach ihnen leben durfte. Obwohl er 1811 sein wunderbares Buch geschrieben hat: «Blicke in das Wesen des Menschen», so können wir doch sagen, dass Troxler — denn er ist gemeint — einer derjenigen ist, die so recht drinnen stehen in einem vergessenen Kapitel des deutschen Geisteslebens. So ist Troxler, weil er später gelebt hat, dazugekommen, wahre Wege schon in die geistige Welt hinein zu finden, als sogar seine größeren — größer als er —, seine größeren Vorgänger.
[ 58 ] And then we see a remarkable thinker, little known to the public, who also walks this path—undoubtedly not as brilliant or as magnificently gifted as, say, Schelling and Fichte, but who has made greater progress on the true path of the humanities than they did, because he was able to live after them. Although he wrote his wonderful book in 1811—*Insights into the Nature of Man*—we can still say that Troxler—for it is he who is meant—is one of those who are truly immersed in a forgotten chapter of German intellectual life. Thus, because he lived later, Troxler was able to find true paths into the spiritual world even before his greater—greater than himself—predecessors.
[ 59 ] Merkwürdig, dieser Troxler, als er 1835 seine «[Vorlesungen] über Philosophie» vortrug, da sprach er davon, dass der Mensch in seiner Seele entwickeln könne, wenn er nur wolle, etwas, was sich verhält zu der rein verstandesmäßigen Auffassung der Welt, die in theoretischen Begriffen arbeitet, die sozusagen nur einzelne Begriffe aus dem Beobachten sammelt, wie sich in der menschlichen Seele etwas entwickeln könnte, was er nennt, Ignaz Paul Vital Troxler, einen «übergeistigen Sinn». «Übergeistiger Sinn» — das ist eine Seelenkraft, auf die Troxler verweist als [eine solche, die] erst entwickelt werden kann im Menschen, und die nicht so — ich möchte sagen — bloß begrifflich, nicht so abstrakt die Dinge auffasst wie das gewöhnliche abstrakte Erkennen, sondern die die Dinge so vollsaftig auffasst, dass sie bildhaft, wie der Geist selber, vor den Menschen hintreten; dass der Mensch eine geistige Welt dadurch erschaut, die eben nicht sich in Begriffen erschöpft, wie selbst die Hegel’schen noch, sondern die schaut die geistige Realität, wie die Sinne die sinnliche Realität schauen, sodass die Welt wirklich bereichert wird um ein neues Glied ihres Wesens, um das Geistige. Das Geistige aber [bestehend] aus konkret vollsaftigen Wesenheiten, die so nebeneinander stehen und miteinander wirken, wie die sinnlichen Wesen erfasst werden können.
[ 59 ] It is curious that Troxler, when he delivered his “[Lectures] on Philosophy” in 1835, he spoke of how a person could develop within their soul—if they so desired—something that stands in contrast to the purely intellectual conception of the world, which operates in theoretical concepts that, so to speak, merely gather individual concepts from observation; he spoke of how something could develop within the human soul that Ignaz Paul Vital Troxler calls a “super-spiritual sense.” “ “Super-spiritual sense”—this is a power of the soul to which Troxler refers as [one that] can only be developed in human beings, and which does not—I would say—grasp things merely conceptually, not as abstractly as ordinary abstract cognition, but rather grasps things so richly that they appear before human beings in a pictorial way, just like the spirit itself; so that human beings thereby perceive a spiritual world that is not exhausted in concepts—as even Hegel’s still are—but rather perceives spiritual reality just as the senses perceive sensory reality, so that the world is truly enriched by a new element of its essence: the spiritual. The spiritual, however, [consists] of concrete, full-bodied entities that coexist and interact with one another in the same way that sensible entities can be apprehended.
[ 60 ] «Übergeistiger Sinn» ist die eine Seelenkraft. Von der anderen spricht Troxler als von dem «übersinnlichen Geist». Sodass man darinnen sehen muss dasjenige, was in der menschlichen Seele als besondere Kraft entwickelt werden kann, sodass die Seele dazu kommt, über das gewöhnlich Sinnliche hinauszukommen, und trotzdem nicht der geistigen Leerheit zu verfallen, wie zum Beispiel die mechanische Naturwissenschaft, sondern [dass man kommt zu einem] Erfülltsein vom Geiste.
[ 60 ] “Super-spiritual sense” is one power of the soul. Troxler refers to the other as the “supersensible spirit.” Thus, one must see in this that which can be developed in the human soul as a special power, so that the soul is able to transcend the ordinary sensory realm without, however, falling into spiritual emptiness—as, for example, mechanical natural science does—but rather [that one arrives at] a state of being filled with the spirit.
[ 61 ] «Übersinnlicher Geist», «übergeistiger Sinn» — das sind zwei Anlagen in der menschlichen Seele für Troxler. Davon spricht er 1835; und eine ungeheuer bedeutsame Anregung kann man empfangen für dasjenige, was man Erkenntnis des Geistes nennen kann, aus diesen Troxler’schen Vorträgen, die bewusst aus der Tiefe des deutschen Volkstums herausgekommen sind. Denn dieses deutsche Volkstum ist es, das anregt, nicht die Welt bloß äußerlich zu betrachten, sondern wirklich immer wieder und wieder, in dem, was die Seele innerlichst erleben kann, zugleich zu erfühlen das Durchfluten des seelisch-geistigen Wesens des Menschen und der ganzen Welt selber. Dadurch ist dieses deutsche Volkstum dazu berufen, etwas auszubilden, was sonst im Laufe der Zeitenentwicklung nicht innerhalb eines Volkstums hat auftreten können.
[ 61 ] “Supersensible spirit,” “superspiritual sense”—these are two faculties of the human soul, according to Troxler. He spoke of these in 1835; and one can draw an immensely significant inspiration for what might be called “knowledge of the spirit” from these lectures by Troxler, which consciously sprang from the depths of German folklore. For it is this German folk culture that inspires us not merely to observe the world from the outside, but truly, again and again, in what the soul can experience most intimately, to simultaneously sense the permeation of the soul-spiritual essence of the human being and of the entire world itself. Through this, German folklore is called upon to develop something that otherwise could not have emerged within any folk tradition in the course of historical development.
[ 62 ] Sehen wir nun, wie merkwürdig — schon, wenn man ganz einseitig charakterisiert dasjenige, was so recht im Sinne dieses Volkstums [ist] — zum Ausdruck kommen kann, und was an diesen charakterisierten Geistern erwiesen werden kann, sehen wir an, was es ist. Da müssen wir sagen: Wir sehen innerhalb anderer Geistesentwicklung, innerhalb der Geistesentwicklung Frankreichs und Englands, gewiss auch Mystik; aber diese Mystik stellt sich hin neben die andere Wissenschaftlichkeit. Entweder ist sie dadurch verurteilt, neben der anderen Wissenschaftlichkeit ein sektiererisches Dasein zu führen oder sich abzuschließen als eine besondere Geistesströmung.
[ 62 ] Let us now see how strangely—even when one characterizes, in a very one-sided way, that which is truly in the spirit of this folk tradition—it can find expression, and what can be demonstrated about these characterized spirits; let us examine what it is. Here we must say: We certainly see mysticism within other spiritual developments—within the spiritual development of France and England—but this mysticism stands alongside other forms of scholarship. It is thereby condemned either to lead a sectarian existence alongside that other scholarship or to isolate itself as a distinct spiritual current.
[ 63 ] Das deutsche Geistesleben, es zeigt, indem es sich erhob zu so etwas, wie es Schelling, wie es Hegel, wie es Fichte, wie es Troxler, wie es Immanuel Hermann Fichte geleistet haben, dieses deutsche Geistesleben zeigt, dass man in vollstem Sinne des Wortes bei wissenschaftlicher Gesinnung bleiben kann und gerade aus wissenschaftlicher Gesinnung heraus arbeiten kann, und sich dasjenige, was etwa durch eine Mystik erreicht werden soll, nicht neben diese wissenschaftliche Strömung hinstellt, sondern unmittelbar, organisch mit ihr verbunden sein und aus ihr herausgehen kann.
[ 63 ] German intellectual life—as demonstrated by its rise to the level achieved by Schelling, Hegel, Fichte, Troxler, and Immanuel Hermann Fichte—shows that one can remain, in the fullest sense of the word, committed to a scientific mindset and work precisely from that scientific mindset, and that what might otherwise be attained through mysticism is not placed alongside this scientific current, but can be directly and organically connected to it and emerge from it.
[ 64 ] Daher sehen wir, wie zum Beispiel entsteht bei Hegel etwas, was in der reinsten Klarheit der Gedanken lebt — wenn das auch viele bestreiten, es ist doch so —, in der reinsten Klarheit der Gedanken lebt aber nichts, was etwa nur eine nebulöse Gefühlsmystik wäre oder was gar ein in Mystik schwelgendes Schwatzen über allerlei Dinge wäre, sondern welches bei kristallklaren Gedanken zu gleicher Zeit im eigenen Denken das Weltendenken mystisch erfassen will: gedankenhafte Mystik — wenn das Wort gebraucht werden darf — finden wir bei Hegel. Und vergeistigt finden wir dann diese gedankenhafte Mystik — weil das Gedankenleben durch den übersinnlichen Geist, durch den übergeistigen Sinn innerlich beleuchtet [wird] — bei solchen Persönlichkeiten wie zum Beispiel bei Ignaz Paul Vital Troxler.
[ 64 ] Thus we see, for example, how in Hegel something emerges that lives in the purest clarity of thought—even if many dispute this, it is nevertheless so—but nothing exists in the purest clarity of thought that is merely a nebulous mysticism of feeling, or even a rambling discourse on all sorts of things that revels in mysticism; rather, it is something that, through crystal-clear thought, seeks at the same time to mystically grasp the concept of the world within one’s own thinking: we find a “thoughtful mysticism”—if the term may be used—in Hegel. And we then find this “thoughtful mysticism” spiritualized—because the life of thought is inwardly illuminated by the supersensible spirit, by the super-spiritual sense—in such figures as, for example, Ignaz Paul Vital Troxler.
[ 65 ] Interessant ist es zu sehen, wie Troxler bestrebt ist, dasjenige, was zu einem Weltenbilde aus den Seelenkräften heraufführen soll, wie das aus dem, was der Mensch kennt, sich offenbart, wie es aber hinter dem eigentlich steht, was der Mensch im gewöhnlichen Alltagsleben zur Aufrechterhaltung, zur Orientierung seines Lebens hat. Da hat der Mensch nach der Anschauung Troxlers den Glauben — den Glauben, der auf dem Gebiet der religiösen Anschauung die höchsten Geistesstützen der Menschheit trägt, der aber auch im übrigen Menschenleben eine große Rolle spielt: den Glauben. Diesen Glauben hat der Mensch — ich spreche jetzt nicht bloß Worte Troxlers nach, sondern ich spreche so, wie man etwa denken muss, wenn man das, was Troxler gesprochen hat, in sich aufnimmt, es ein wenig weiterwebt —, diesen Glauben hat der Mensch in seinem Seelenleben. Diese Glaubenskraft ist etwas, was das äußere Leibliche haben muss, etwas, was so, wie es unmittelbar in der Seele auftritt, von der Seele erfasst werden kann, auch ohne dass höhere Erkenntniskräfte entwickelt werden. Aber hinter diesem Glauben lebt, verborgen in der Seele, [ein höheres Erkenntnisorgan, sodass der Glaube gleichsam für das gewöhnliche Tagesleben ist das Ausleben dieses höheren Erkenntnisorgans. Was hinter dem Glauben lebt, nennt Troxler]: das seelische Hören, das übersinnliche, das seelische Hören. Sodass man sich in Troxlers Sinn den Glauben gleichsam vorzustellen hat als das Schöne, das hereinflutet aus einem unbewusst oder unterbewusst Geistigen der Seele, das den Glauben an die Oberfläche treibe. Wenn es aber selber entwickelt wird, so wird es zu einem Geistesohr, das in der geistigen Welt zum Hören würde. Geistig Hören heißt, so wahrnehmen, wie das sinnliche Ohr die äußeren, in der Luft lebenden Töne wahrnimmt.
[ 65 ] It is interesting to see how Troxler strives to describe that which is meant to lead to a worldview based on the powers of the soul—how this is revealed through what human beings know, yet lies behind what people actually rely on in ordinary everyday life to sustain and orient their lives. According to Troxler’s view, human beings have faith—the faith that, in the realm of religious belief, sustains humanity’s highest spiritual pillars, but which also plays a major role in the rest of human life: faith. Human beings possess this faith—I am not merely repeating Troxler’s words here, but speaking in the way one must think when one takes in what Troxler has said and weaves it out a little further—this faith is present in human beings’ inner life. This power of faith is something that the outer physical body must possess, something that, as it arises directly in the soul, can be grasped by the soul even without the development of higher powers of cognition. But behind this faith, hidden in the soul, lies [a higher organ of cognition, so that faith is, as it were, the living out of this higher organ of cognition in ordinary daily life. What lies behind faith, Troxler calls]: soul-hearing, the supersensible, the soul-hearing. Thus, in Troxler’s sense, one must, as it were, imagine faith as the beauty that floods in from an unconscious or subconscious spiritual aspect of the soul, bringing faith to the surface. But when it is developed on its own, it becomes a spiritual ear capable of hearing in the spiritual world. Spiritual hearing means perceiving in the same way that the physical ear perceives external sounds traveling through the air.
[ 66 ] Die Liebe, eine Seelenkraft, die wir wiederum wie herausgeboren finden aus dem Seelisch-Geistigen, die schönste Kraft des äußeren Menschenlebens, die Liebe — hinter ihr steht für Troxler — ich möchte sagen: für Troxlers frommen Sinn — eine geistige, eine seelische Erkenntniskraft. Er nennt sie das «seelische Tasten», das «seelische Fühlen».
[ 66 ] Love, a power of the soul that we, in turn, find as if born from the soul-spiritual realm—the most beautiful power of outer human life—love—behind it, for Troxler—I would say: for Troxler’s devout sensibility—lies a spiritual, a soulful power of cognition. He calls it “soulful groping,” “soulful feeling.”
[ 67 ] So ist der Glaube gleichsam der äußere Ausdruck, das äußere Bild dessen, was in der vollen Seele lebt als Hören. So ist die Liebe die äußere Frucht desjenigen, was im Innern der Seele als geistiges Tasten, als geistige Fühlen lebt.
[ 67 ] Thus, faith is, as it were, the outward expression, the outward image of what lives within the full soul as hearing. Thus, love is the outward fruit of that which lives within the soul as spiritual groping, as spiritual feeling.
[ 68 ] Die Hoffnung, sie ist für Troxler der äußere Ausdruck desjenigen, was als eine höhere Seelenkraft, als ein höherer Seelensinn, ein übergeistiger Sinn in der Seele lebt als inneres geistiges Auge.
[ 68 ] For Troxler, hope is the outward expression of that which lives within the soul as a higher spiritual force, a higher spiritual sense, a super-spiritual sense—the inner spiritual eye.
[ 69 ] Es ist ein wunderbares Bild, aber ein Bild, das nicht allein aus der Phantasie heraus geboren ist, sondern das auf wirklichen Tatsachen des Seelenlebens, die jeder in sich entwickeln kann, beruht. Ein wunderbares Bild. Da steht der Mensch innerhalb der physischen und der geistigen Welt. Da entwickelt er gegenüber dem, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchflutet, und gegenüber dem, was aus Menschen und anderen Wesen ihm entgegenflutet: Glaube, Hoffnung, Liebe. Er entwickelt sie, weil er, wenn er dasjenige, was leibfrei der Geisteswelt sich gegenüberstellen kann, weil er das in sich trägt, was geistig hört und geistig fühlt und geistig sehen kann. Und weil der Mensch, dasjenige, was er seelisch ist, umhüllt hat für die Zeit zwischen dem Tod — oder sagen wir bis zu der Geburt mit der leiblichen Hülle —, so drückt sich aus dasjenige, was ihn verbindet durch das Geistgehör mit der Weltenton-Harmonie, mit der geistigen Tonharmonie der Welt, was ihn verbindet mit der Welt, die durch Gnade sich zu ihm aus dem Geistigen neigt, durch das geistig Tasten, was sich verbindet mit ihm durch das geistige Schauen, das sich hüllt für ihn in Glaube, Liebe Hoffnung. [Und so sind die Seelenkräfte, die im alltäglichen Leben und in der gewöhnlichen Seelenerziehung uns entgegentreten, für Troxler Ausdruck eines seelisch-geistigen Lebens,] das da unten in der Seele schlummert, das webt und west, und das, wenn es entwickelt wird, eine unmittelbare Verbindung eingehen kann mit dem uns umflutenden Geistig-Seelischen der ganzen Welt. Da fühlt sich dieser Troxler so darinnen in diesem, man kann sagen, vorläufig vergessenen Glied der deutschen Gedanken- und Geistesentwicklung.
[ 69 ] It is a wonderful image, but one that is not born solely of the imagination; rather, it is based on real facts of the inner life that everyone can develop within themselves. A wonderful image. There stands the human being, situated within the physical and spiritual worlds. There, in relation to what, as the divine-spiritual, permeates the world, and in relation to what flows toward him from human beings and other beings, he develops faith, hope, and love. He develops them because he carries within himself that which can stand opposite the spiritual world without a physical body—that which can hear, feel, and see spiritually. And because human beings have enveloped that which they are in their soul—for the time between death—or, let us say, until birth—with a physical shell— that is how what connects him—through spiritual hearing—to the world’s tonal harmony, to the spiritual tonal harmony of the world, what connects him to the world that, through grace, inclines toward him from the spiritual realm, is expressed through spiritual feeling; and what connects him through spiritual seeing, which is clothed for him in faith, love, and hope. [And so the soul forces that we encounter in everyday life and in ordinary soul education are, for Troxler, an expression of a soul-spiritual life,] which slumbers down there in the soul, which weaves and flows, and which, when developed, can enter into a direct connection with the spiritual-soul life of the entire world that surrounds us. There, Troxler feels himself deeply immersed in this—one might say—temporarily forgotten link in the development of German thought and spirit.
[ 70 ] Schön, wunderbar schön spricht er dieses sein Sich-drinnen-Fühlen aus, indem er sich ausdrückt über diesen Zusammenhang mit anderen Geistern, die ein Ähnliches erstrebt haben. Da sagt er:
[ 70 ] He expresses this sense of belonging so beautifully—wonderfully beautifully—by speaking of his connection with other spirits who have sought something similar. There he says:
«Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelleib unterschieden von dem gröberen Körper [oder in diesem eine Art von Hülle des Geistes angenommen), eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere, höhere Mensch war. [Dieser Ansicht, mag sie auch nur eine Erklärung sein, huldigten auch die meisten der ersten großen Kirchenväter, wie Origines, Irenäus, Lactantius, Tertullian, Augustinus.] In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geistersehers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen, inwendigen, seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswendigen an seinem Geistesleib trage. Lavater dichtet und denkt ebenso; und selbst, wenn Jean Paul humoristisch über das Bonner’'sche Unterziehröckchen und das Platner’sche Seelenschnürleibchen scherzt, die im gröberen Körperüberrock und Marterkittel stecken sollen, so hören wir ihn doch auch wieder fragen «wozu und woher wurden diese außerordentlichen Anlagen und Wünsche in uns gelegt, die bloß wie verschluckte Diamanten unsere erdige Hülle langsam verschneiden? [Warum wurde ich auf dem schmutzigen Erdenkloß ein Geschöpf mit unnützen Lichtflügeln geklebt, wenn es in die Geburtsscholle zurückfaulen sollte, ohne sich je mit ätherischen Flügeln loszuwinden.» «Der innere Mensch», sagt er sogar an einem andern Orte, dieser «verhüllte Gott in der Natur, ist nicht selber von Stein, wie diese.] In den steinernen Gliedern»
“Even in the past, philosophers distinguished a subtle, noble spiritual body from the coarser body [or posited within it a kind of shell of the spirit]—a soul that possessed an image of the body in itself, which they called a ‘schema,’ and which represented to them the inner, higher human being. [Most of the early great Church Fathers—such as Origen, Irenaeus, Lactantius, Tertullian, and Augustine—also adhered to this view, even if it is merely an explanation.] Even in more recent times, Kant, in the “Dreams of a Spirit-Seer,” seriously yet playfully envisions a complete, inner, spiritual human being who bears all the limbs of the outer body upon his spiritual body. Lavater writes and thinks in the same vein; and even when Jean Paul humorously jokes about Bonner’s “little underskirt” and Platner’s “soul corset”—which are supposed to be tucked inside the coarser outer body coat and martyr’s smock—we still hear him ask once again, “Why and from where were these extraordinary inclinations and desires placed within us, which, like swallowed diamonds, are slowly cutting through our earthly shell? [Why was I glued onto this filthy lump of earth as a creature with useless wings of light, if I was to rot back into the soil of my birth without ever fluttering free with ethereal wings?] “The inner man,” he even says elsewhere, “this ‘veiled God in nature,’ is not himself made of stone, like these.” In the “stone limbs”
[ 71 ] des Menschen
[ 71 ] of human beings
«wachsen und reifen seine lebendigen nach einer uns unbekannten Lebensweise. Wir könnten»
“grow and mature in a way that is unknown to us. We could”
[ 72 ] sagt Troxler weiter
[ 72 ] Troxler goes on to say
«noch eine Unzahl ähnlicher Denk- und Dichtweisen anführen, welche am Ende nur verschiedene Anschauungen und Vorstellungen sind, in welchen [sich die eine evangelisch-apostolische Idee offenbart, die Paulus an die Korinther aussprach, indem er sagte: «Ein Leib, den die Seele belebte, wird hingesenket, und ein Leib, den der Geist belebt, stehet auf, denn es gibt einen beseelten Leib, so gibt es auch einen vergeistigten Leib.» Und darin ist] die wahre, einzige Lehre von der Individualität und Unsterblichkeit des Menschen enthalten.»
“I could cite countless other similar ways of thinking and writing, which are ultimately just different perspectives and concepts in which [the one Evangelical-Apostolic idea is revealed—the one Paul expressed to the Corinthians when he said: ‘A body animated by the soul is laid to rest, and a body animated by the Spirit rises again; for just as there is a body animated by the soul, so there is also a body animated by the Spirit.’ And therein lies] the true, sole doctrine of the individuality and immortality of man.”
[ 73 ] Eine Wissenschaft wollte Troxler, die aus allen Kräften der menschlichen Natur, nicht bloß aus dem Verstand und den gewöhnlichen, sogenannten Erkenntniskräften heraus sich der Welt nähert, sondern —, sondern eine Wissenschaft, eine Erkenntnis, die die ganze Persönlichkeit entgegenträgt dem Weltendasein, damit auch wiederum die ganze menschliche Persönlichkeit, der ganze Mensch die Welt in sich nachschaffen oder nacherleben könne. Nicht nur in der Poesie, meint Troxler, ist das so, sondern auch in der wirklichen Erkenntnis muss das so werden. Deshalb sagt Troxler 1835 die schönen Worte:
[ 73 ] Troxler sought a science that approaches the world drawing on all the powers of human nature—not merely on reason and the ordinary, so-called cognitive faculties—but rather a science, a form of knowledge, that brings the whole personality into contact with the existence of the world, so that, in turn, the whole human personality, the whole human being, might recreate or relive the world within themselves. This is true not only in poetry, Troxler argues, but must also be the case in genuine knowledge. That is why Troxler spoke these beautiful words in 1835:
«Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche [wir längst als diejenige anerkannt haben, die alle lebendige Religion begründet und] in jeder Anthroposophief, also in Poesie, wie in Historie] sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann, und die wahrhafte Persönlichkeit oder Individualität des Menschen weder mit dem, was sie als subjektiven Geist oder endliches Ich aufstellt, noch mit dem, was sie als absoluten Geist oder absolute Persönlichkeit diesem gegenüberstellt, verwechselt werden darf.»
“While it is indeed most gratifying that the newest philosophy—which [we have long recognized as the one that underlies all living religion and] must manifest itself in every form of anthroposophy, that is, in poetry as well as in history—is now gaining momentum, it cannot be overlooked that this idea cannot be the fruit of speculation, and that the true personality or individuality of the human being must not be confused either with what it posits as subjective spirit or finite “I,” nor with what it sets against this as absolute spirit or absolute personality.”
[ 74 ] So steht vor Troxler der Gedanke einer Anthroposophie, wie er es nennt, einer Anthroposophie, welche nicht wie die Anthropologie dasjenige, was am Menschen äußerlich mit den Sinnen betrachtet werden kann, und mit dem Verstand, aus dem diese Sinne wie herausgeschöpft werden, sondern eine höhere Art der Anthropologie steht vor Troxlers Augen, vor Troxlers geistigem Auge, die da will im Menschen ein Organ entwickeln, das im Grunde nur der höhere Mensch im Menschen ist, der dann dasjenige, was auch höher ist als alle Natur — um diesen Goethe’schen Ausdruck zu gebrauchen: die höhere Natur in der Natur unmittelbar erkennend mitzuerleben.
[ 74 ] Thus, Troxler is confronted with the idea of an “anthroposophy,” as he calls it—an anthroposophy that, unlike anthropology, does not focus on what can be observed externally in human beings through the senses, and by the intellect from which these senses are, as it were, drawn; rather, a higher form of anthropology stands before Troxler’s eyes—before his spiritual eye—one that seeks to develop within the human being an organ that is, in essence, nothing other than the higher human being within the human being, who can then directly experience and perceive that which is also higher than all of nature—to use this expression of Goethe’s: the higher nature within nature.
[ 75 ] Dann, wenn sich die ganze Persönlichkeit selber wie ein Erkenntnisorgan, wie ein übergeistiges Sinnesorgan, wie ein übersinnliches Geistesorgan — wie ein «übergeistiger Sinn, wie ein «übersinnlicher Geist», [wie ein] Geistesorgan sich der Welt darbietet, sodass die Welt in der ganzen Persönlichkeit auflebt, dann wird nach Troxlers Ansicht «Anthroposophie»!
[ 75 ] Then, when the whole personality presents itself to the world as an organ of cognition, as a super-spiritual sense organ, as a supersensory spiritual organ—as a “super-spiritual sense,” as a “supersensory spirit,” [as a] spiritual organ—so that the world comes to life within the whole personality, then, according to Troxler, “anthroposophy” comes into being!
[ 76 ] So lebt wie in einem vergessenen Streben der deutschen Geistesentwicklung Anthroposophie im Keime. Ihre Blüten und Früchte werden, wenn man das deutsche Geistesleben richtig auffasst, aus diesem deutschen Geistesleben hervorsprießen. Und dass sie innig verbunden sind mit diesem deutschen Geistesleben — ich möcht sagen: jedes Seiende, jeder Zug dieses deutschen Geisteslebens zeigt es uns. Es ist schon einmal so in der Welt, sehr verehrte Anwesende, dass Einzelnes, das aufblüht in der Entwicklung der Menschheit, eine Zeit lang — ich möchte sagen — wie unter dem Strom fortleben muss; der übrige Strom zeigt etwas anderes, etwas Oberflächliches; unter dem Strom lebt aber fort das Tiefere. Und so ist es mit dem, was jetzt als ein verklungener Ton aus dem deutschen Geistesleben herauf uns klingen kann.
[ 76 ] Thus, anthroposophy exists in its embryonic form as a forgotten aspiration within the development of the German spirit. Its blossoms and fruits will spring forth from this German spiritual life, provided one understands it correctly. And that it is intimately connected with this German spiritual life—I would say: every aspect, every trait of this German spiritual life reveals this to us. It is often the case in the world, esteemed audience, that individual elements that blossom in the course of human development must, for a time—I would say—continue to live on as it were beneath the surface; while the rest of the current reveals something else, something superficial; yet beneath the surface, the deeper reality continues to live on. And so it is with what now resounds to us as a fading note from German spiritual life.
[ 77 ] Oder ist es nicht wunderbar, geradezu wunderbar, wenn wir sehen, wie aus diesem Geisteleben heraus — 1858 war es, als ein Pfarrer, ein einfacher Pfarrer in Sachsenberg im Fürstentum Waldeck war es — Pfarrer Rocholl, ein Büchelchen erscheinen lässt — ja, ein geradezu wunderbares Büchlein —, ein Büchelchen erscheinen lässt, worin er darlegen will, wie der Menschengeist sich in sich selber erhöhen, erkraften müsse, um sich angliedern zu können an dasjenige, was als Weltengeist die Welt durchflutet und durchzieht. Dieses wunderbare, auch vergessene Büchelchen, das im eminentesten Sinne — ich möchte sagen — ein Dokument für den eben genannten verklungenen Ton des deutschen Geisteslebens ist, es nennt sich: «Beiträge zur deutschen Theosophie». 1856 erschienen von einem einfachen Pfarrer, bei dem seine theosophischen Betrachtungen aus seiner Frömmigkeit sprießen. Aber es ist ein Büchelchen, von dem man sagen muss, dass es zu einer wirklich wunderbaren Höhe geistiger Erkenntnis und geistigen Erfühlens der Welt sich erhebt, wenn es auch mit Bezug auf dasjenige, was heute Geisteswissenschaft zu sagen hat, vielfach phantastisch erscheinen mag.
[ 77 ] Or isn’t it wonderful—downright wonderful—when we see how, out of this spiritual life—it was in 1858, when a pastor, a simple pastor in Sachsenberg in the Principality of Waldeck—Pastor Rocholl—published a little book—yes, a truly marvelous little book—in which he seeks to explain how the human spirit must elevate and strengthen itself from within in order to be able to join itself to that which, as the world spirit, floods and permeates the world. This wonderful, though now forgotten, little book, which in the most eminent sense—I might say—is a document of the now-faded tone of German spiritual life, is titled *Contributions to German Theosophy*. Published in 1856 by a humble pastor, whose theosophical reflections sprang from his piety. But it is a little book about which one must say that it rises to a truly marvelous height of spiritual insight and spiritual perception of the world, even if it may seem fantastical in many respects in light of what spiritual science has to say today.
[ 78 ] Man braucht von diesen Dingen weder Anhänger noch Gegner zu sein, sondern man kann diesen Dingen einfach so gegenüberstehen, dass man sich sagt: Sie sind ein Ausdruck für dasjenige, was im deutschen Volkstum lebt. Und so könnte ich vieles, vieles anführen, gerade Einzelnstes aus dem deutschen Geistesleben — überall würde man bestätigt finden, dass dieses Streben nach Geisteswissenschaft vorhanden ist im deutschen Geistesleben, das sich wie ein halb Vergessenes heute hinstellen muss — vergessen! Und vergessen so, dass es eben erkannt werden muss im Laufe der Zeit. Es schadet ja nichts, dass so etwas vergessen wird. Warum schadet es nichts?
[ 78 ] One need not be either a supporter or an opponent of these things; rather, one can simply approach them by telling oneself: They are an expression of what lives on in German folklore. And so I could cite many, many examples, particularly specific ones from German intellectual life—everywhere one would find confirmation that this striving for spiritual science exists in German intellectual life, which today must stand as if half-forgotten—forgotten! And forgotten in such a way that it must be recognized in the course of time. After all, there is no harm in something like this being forgotten. Why is there no harm in it?
[ 79 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, die Weltengeheimnisse, die in der Natur sind, sie drängen sich ja auch nicht so auf, dass sie nicht erst erforscht werden müssten! Warum sollten wir denn glauben, dass in der Geistesgeschichte der Menschheit nicht auch solche Geheimnisse drinnen leben, die erst erforscht werden müssen? Warum sollten wir glauben, dass nur dasjenige, was — ich will sagen durch die Gunst des Schicksals der Zeit zum Vorschein gekommen ist, dass nur das das Wesentliche zum Fortschritt der Menschheit ist? In den Untergründen der Menschheitsentwicklung lebt dasjenige, was nur durch die, die hinterherkommen, gefunden werden kann; aber so ist es in der Geistesgeschichte; so ist es auch in der Geschichte der Natur.
[ 79 ] Well, ladies and gentlemen, the mysteries of the universe that exist in nature do not simply present themselves in such a way that they do not first need to be explored! Why should we believe that the spiritual history of humanity does not also contain such mysteries that must first be explored? Why should we believe that only that which—I mean, that which has come to light through the favor of the times—is essential to the progress of humanity? In the depths of human development lies that which can only be discovered by those who come after; but this is true of the history of the human spirit, and it is also true of the history of nature.
[ 80 ] Aber im Grunde genommen haben alle diese Geister mehr oder weniger ein Bewusstsein davon gehabt, dass — ich habe das Bild schon in Bezug auf Fichte gebraucht —, dass dasjenige, was da in ihnen lebte, und was sie führen sollte in ihren Seelen zu den Geistgeheimnissen der Welt, dass das sozusagen wie eine Zwiesprache mit dem deutschen Volksgeiste selber sei.
[ 80 ] But fundamentally, all these thinkers were more or less aware—I have already used this image in reference to Fichte—that what lived within them, and what was to guide them in their souls toward the spiritual mysteries of the world, was, so to speak, a dialogue with the German national spirit itself.
[ 81 ] Und nun lassen Sie mich noch eines der Beispiele anführen. Der merkwürdige Karl Christian Planck sei noch erwähnt, aus dessen nachgelassenen Schriften das «Testament eines Deutschen» sogar vor nicht allzu langer Zeit erschienen ist. Karl Christian Planck, der aus einer wahrhaft geistgemäßen Anschauung den Menschen hineinzustellen versuchte in das ganze Weltendasein. Es wird einmal die Zeit kommen, wo solche Geister werden anerkannt werden, die aus der Tiefe der deutschen Anschauung heraus geschöpft haben, wenn man sich voll bewusst dessen sein wird, dass ausgemerzt wird werden müssen — damit das Deutsche sich voll entwickeln kann — auch auf dem Gebiete der Erkenntnis alles Fremdländische, das zuweilen — wie die Newton’sche Farbenlehre — der oberflächlichen menschlichen Seele leichter einleuchtet als das Deutsche, zu dessen Verständnis man sich erst vorbereiten muss.
[ 81 ] And now let me cite one more example. I should also mention the remarkable Karl Christian Planck, from whose posthumous writings *The Testament of a German* was published not too long ago. Karl Christian Planck, who, from a truly spiritual perspective, sought to place humanity within the context of the entire existence of the world. The time will come when such spirits—who drew from the depths of the German worldview—will be recognized, when people become fully aware that everything foreign must be eradicated — so that the German spirit can fully develop — even in the realm of knowledge, everything foreign that at times—such as Newton’s theory of colors—is more readily understood by the superficial human soul than the German, for which one must first prepare oneself.
[ 82 ] Wie steht vor einem heutigen Geiste, der ganz vom Romanisch-Britannisch-Mechanistischen in der wissenschaftlichen Auffassung angekränkelt ist, von jener Weltanschauung, die ganz von dem Verstand geboren ist, die Schelling 1803 eine Geisteskraft sogar genannt hat, wie steht vor einer solchen Anschauung die Erde zum Beispiel? Nun die Erde steht so da, wie sie die äußere mechanische Geologie gibt: mineralisch-mechanisch.
[ 82 ] How does the Earth, for example, appear to a modern mind that is entirely afflicted by the Romanic-British-mechanistic approach to scientific thought—that worldview born entirely of reason, which Schelling in 1803 even called a “spiritual power”? How does the Earth appear to such a worldview? Well, the Earth appears just as external mechanical geology presents it: mineral-mechanical.
[ 83 ] Vor Plancks Seele, dieses einsamen Denkers in Deutschland, der seine ersten Bücher in den Sechzigerjahren in Ulm hat erscheinen lassen, aus echtestem deutschem Wesen heraus sprechend, Geistiges heraus sprechend, aber eben nur bei den besseren Geistern zur Anerkennung kommend, wie steht vor seinem Geiste, vor diesem bewusst deutschen Geiste die Erde da? Wie ein gewaltiger Organismus! Ja, nicht bloß wie ein Organismus, wie ein beseelter, wie ein durchgeistigter Organismus, der aus seinem eigenen Geistig-Seelischen herausgestaltet seine Blüte: den Menschen selber! Für Planck gehört der Mensch mit allem, was in ihm lebt und webt, zur Erde dazu. Die Erde betrachtet man nicht vollständig, wenn man nicht den Menschen als die Blüte der Erde betrachtet. Für Planck wäre das — wenn man die Erde so betrachtet wie der bloße Geologe —, ebenso, wie wenn man die Pflanze nur gelten lassen wollte in ihrer Wurzel und nicht zu ihrer Blüte gehen wollte. Die Erde muss so betrachtet werden, dass in der Erde selber die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen lebt; dass die Erde etwas in sich trägt, was aus ihren Kräften, aus ihrem Sein heraus den Menschen fordert als ihre Blüte!
[ 83 ] Before Planck’s soul—this solitary thinker in Germany who published his first books in Ulm in the 1860s, speaking from the truest German essence, expressing the spiritual, yet finding recognition only among the finer minds—how does the earth appear before his spirit, before this consciously German spirit? Like a mighty organism! Yes, not merely as an organism, but as an animated, spirit-filled organism that, shaped by its own spiritual and soulful nature, brings forth its blossom: humanity itself! For Planck, humanity—with everything that lives and stirs within it—is an integral part of the Earth. One cannot fully comprehend the Earth unless one regards humanity as the Earth’s blossom. For Planck, viewing the Earth as a mere geologist would be akin to regarding a plant solely by its roots and refusing to consider its blossom. The Earth must be viewed in such a way that the potential for human development lives within the Earth itself; that the Earth carries within itself something that, out of its own powers and out of its very being, calls forth the human being as its blossom!
[ 84 ] So geht Plancks Weltanschauung aus ihrem Geiste heraus ins Große. Und wie spricht er selber? 1864, in seinen «Grundlinien zu einer Wissenschaft der Natur» schreibt er über die Erde wunderbare Worte nieder:
[ 84 ] Thus Planck’s worldview extends from his own mind out into the vastness of the universe. And what does he himself say? In 1864, in his “Grundlinien zu einer Wissenschaft der Natur” (Fundamentals of a Science of Nature), he wrote these wonderful words about the Earth:
«Welche Macht tiefgewurzelter Vorurteile von der bisherigen Anschauung aus seiner»
“The power of deep-rooted prejudices, as seen from the perspective of his previous views”
[ 85 ] des Verfassers
[ 85 ] by the author
«Schrift entgegensteht, dessen ist er sich vollkommen bewusst; allein wie schon die Arbeit selbst, trotz aller Ungunst der Umstände, die zufolge der ganzen Lage und Berufsstellung des Verfassers einem Werke dieser Art sich entgegenstellte, doch ihre Durchführung und ihren Weg in die Öffentlichkeit sich erkämpft hat, so ist er auch gewiss, dass das, was sich jetzt erst seine Anerkennung erkämpfen muss, einst als die einfachste und selbstverständlichste Wahrheit erscheinen wird, und dass darin nicht bloß seine Sache, sondern die wahrhaft deutsche Anschauung der Dinge über alle noch unwürdig äußerliche und undeutsche Auffassung der Natur und des Geistes siegen wird.
Was in unbewusster tiefsinniger Ahnung schon unsere mittelalterliche Dichtung vorgebildet hat, das wird endlich in der Reife der Zeiten an unserer Nation sich erfüllen. Die unpraktische, mit Schaden und Spott heimgesuchte Innerlichkeit deutschen Geistes (wie Wolfram sie in seinem Parsifal schildert)»
“He is fully aware that the text is controversial; yet just as the work itself—despite all the adverse circumstances that, given the author’s overall situation and professional standing, stood in the way of a work of this kind— it has nevertheless fought its way to completion and into the public eye, so he is also certain that what must now first fight for recognition will one day appear as the simplest and most self-evident truth, and that in this, not merely his cause, but the truly German view of things will triumph over all still unworthy, superficial, and un-German conceptions of nature and the spirit.
What our medieval poetry had already foreshadowed in a deep, unconscious intuition will finally be fulfilled in our nation as the times come of age. The impractical inwardness of the German spirit, plagued by harm and ridicule (as Wolfram depicts it in his *Parsifal*)»
[ 86 ] schon 1864, vor Wagners Parsifal geschrieben!
[ 86 ] written as early as 1864, before Wagner's *Parsifal*!
«erringt endlich in der Kraft ihres unablässigen Strebens das Höchste; sie schaut den letzten einfachen Gesetzen der Dinge und des menschlichen Daseins selbst auf den Grund; und was die Dichtung phantastisch mittelalterlich in den Wundern des Grals versinnbildlicht hat, dessen Herrschaft ihr Held erringt, das erhält umgekehrt seine rein natürliche Erfüllung und Wirklichkeit in der bleibenden Erkenntnis der Natur und des Geistes selbst.»
“finally attains the highest through the power of her ceaseless striving; it delves to the very depths of the ultimate, simple laws of things and of human existence itself; and what poetry, in a fantastical, medieval manner, symbolized in the wonders of the Grail—whose dominion its hero attains—finds, conversely, its purely natural fulfillment and reality in the enduring understanding of nature and the spirit itself.”
[ 87 ] Man muss schon wissen, dass innerhalb des deutschen Geisteslebens solche Geister wurzeln. Man erlangt ja nicht viel, wenn man auch immer wieder und wiederum auf sie hinweist; aber unbewusst leben sie in den besten Köpfen des deutschen Geisteslebens.
[ 87 ] One must be aware that such minds are deeply rooted in German intellectual life. After all, one does not gain much by pointing them out again and again; yet they live on, unconsciously, in the finest minds of German intellectual life.
[ 88 ] Karl Christian Planck — ich habe schon 1900 in der ersten Ausgabe meiner «Rätsel der Philosophie», die damals hieß: «Über Welt- und Lebensanschauungen» — auf diesen Planck hingewiesen; jetzt wiederum in der Neuauflage der «Rätsel der Philosophie», um zu zeigen, was er innerhalb der ganzen Entwicklung des deutschen Geisteslebens bedeutet. Man kann sagen, sehr verehrte Anwesende, in solchen Geistern kann man erfassen, wie der deutsche Geist gerade diese besondere Erkenntnisanlage hat, in sich das Seelisch-Geistige erleben, hereinfluten zu lassen dasjenige, was in den Weltengeheimnissen — ich möchte sagen — im Innersten der Natur und des Geistes webt und lebt.
[ 88 ] Karl Christian Planck—I had already referred to him in 1900 in the first edition of my *Rätsel der Philosophie* (The Riddles of Philosophy), which was then titled: “On Worldviews and Views of Life”—I had already drawn attention to this Planck; and now, once again, in the new edition of “The Riddles of Philosophy,” to demonstrate what he signifies within the entire development of German intellectual life. One can say, esteemed audience, that in such minds one can grasp how the German spirit possesses precisely this special capacity for insight: to experience the soul-spiritual within itself, to allow that which weaves and lives in the mysteries of the world—I would say—in the very core of nature and the spirit, to flow into it.
[ 89 ] Dies anzuerkennen, ist ja jahrelang selbst — ich möchte sagen — in äußerlichen Umrissen denjenigen nicht gegeben, die jetzt wie in einem feindlichen Ring diejenigen umgeben, [die jetzt] auf 6 Millionen Quadratkilometern gegen 68 Millionen Quadratkilometer [leben], innerhalb derer sich das entwickelt, was eigentlich deutsches, deutsches Volkstum ist. Wie billig sind oftmals die Scherze, die hassgetränkt und wirklich verleumderisch von überallher gehört werden können, gegenüber dem deutschen Geistesleben, das gehasst und verleumdet wird, dem gegenüber man sich nicht bewusst ist, welche Stellung es in der Welt einnehmen muss vermöge seiner ureigenen Kraft. Man braucht nur an solche zu erinnern, wie Emile Boutroux nicht lange vor dem Krieg noch in Deutschland herumzog und Vorträge hielt über die Schönheit des deutschen Geisteslebens, über die Verbrüderung des deutschen mit dem lateinischen Geistesleben — und jetzt bringt er immer wieder und wiederum seinen Franzosen vor, sodass sie immer wieder und wieder hören können, dass dieser deutsche Geist abgeneigt wäre, auf die Dinge der Welt hinzuschauen; dieser deutsche Geist bildet sich ein, alles in seinem eigenen Inneren zu tragen, und die ganze Welt aus seinem eigenen Innern heraus gebären zu können.
[ 89 ] For years, even—I might say—in its outward contours, this has not been recognized by those who now surround, as if in a hostile ring, those [who now] live on 6 million square kilometers as opposed to 68 million square kilometers, within which that which is truly German—German national character—is developing. How cheap are the taunts—steeped in hatred and truly slanderous—that can be heard from all sides, directed against German intellectual life, which is hated and slandered, and toward which people remain unaware of the position it must occupy in the world by virtue of its own inherent strength. One need only recall figures such as Emile Boutroux, who, not long before the war, was still traveling around Germany giving lectures on the beauty of German intellectual life and on the fraternization of the German and Latin intellectual traditions—and now he repeatedly brings this up with his fellow Frenchmen, so that they can hear time and again that this German spirit is averse to looking at the things of the world; this German spirit imagines that it carries everything within itself and is capable of bringing forth the entire world from its own inner being.
[ 90 ] Und bei einer seiner jüngsten Reden hat Emile Boutroux es nicht verschmäht, folgenden hasserfüllten Scherz in seinen Mund zu nehmen — und er hat auch offenbar Zuhörer gefunden —, über das deutsche Geistesleben und seine Wesensart folgenden Scherz zu machen. Er hat gesagt: Der Franzose, wenn er Tiere schildern will, geht er in eine Menagerie, um sich die Tiere anzuschauen und die dann zu beschreiben; der Engländer, wenn er Tiere schildern will, macht eine Reise um die Welt, und schildert dasjenige, was er da beobachten kann; der Deutsche setzt sich in sein Studierzimmer — weder durchreist er die Welt wie der Engländer, noch geht er in die Menagerie wie der Franzose —, sondern er sitzt in seinem Studierzimmer und schöpft aus seinem eigenen Inneren heraus, aus dem, was er in sich erleben kann, das Bild des Löwen und des Elefanten und so weiter.
[ 90 ] And in one of his most recent speeches, Emile Boutroux did not hesitate to make the following hateful joke—and he apparently found an audience for it—about German intellectual life and its nature. He said: When the Frenchman wants to describe animals, he goes to a menagerie to look at them and then describe them; when the Englishman wants to describe animals, he travels around the world and describes what he can observe there; the German sits down in his study—neither does he travel the world like the Englishman, nor does he go to the menagerie like the Frenchman—but he sits in his study and draws from within himself, from what he can experience within himself, the image of the lion and the elephant, and so on.
[ 91 ] Nur schade — man ist ja gewöhnt, nicht wahr, dass das französische Volk ein witziges Volk ist —, es ist aber nur schade, dass dieser Witz — für denjenigen, der ein wenig die Geistesgeschichte kennt, ist das ja bekannt —, dass dieser Witz zuerst von Heinrich Heine gemacht worden ist, dass selbst dieser Witz, mit dem der Franzose das deutsche Geistesleben treffen will, auf deutschem Boden gewachsen ist!
[ 91 ] It’s just a shame—we’re used to thinking, aren’t we, that the French are a witty people— but it’s just a shame that this joke—as anyone familiar with the history of ideas knows—was first made by Heinrich Heine, that even this joke, with which the French seek to take aim at German intellectual life, actually originated on German soil!
[ 92 ] Und wollte man auf den Witz eingehen: Der Deutsche ginge nicht in die Menagerie oder nicht in die Wüste, beobachte nicht die Tiere draußen, sondern schaffe sie aus seinem eigenen Inneren heraus. Brehm, man halte das Buch von Brehm mit seinen Affenbeobachtungen einmal einem solchen Nichtswisser, einem solchen frivolen Spötter entgegen, der verleumdet das deutsche Volk, dass es nicht durch die Weltreise, sondern aus seinem Inneren heraus schaffe. [Dem halte man entgegen, dass das größte Weltreisewerk — was von jedem Unbefangenen anerkannt werden muss als dasjenige, durch das Amerika wissenschaftlich erst entdeckt worden ist —, dass das von Humboldt herrührt]: dem deutschen Alexander Freiherr von Humboldt!
[ 92 ] And if one were to take the joke seriously: The German would not go to the menagerie or into the desert, nor would he observe animals in the wild, but would create them from within himself. Brehm—just hold up Brehm’s book, with its observations of monkeys, to such an ignorant person, such a frivolous mocker who slanders the German people by claiming that they create not through world travel but from within themselves. [One should counter this by pointing out that the greatest work on world travel—which any impartial observer must acknowledge as the work through which America was first scientifically discovered—stems from Humboldt]: the German Alexander Freiherr von Humboldt!
[ 93 ] Da, wo es darauf ankommt, mit der Natur zu leben und Natur zu beobachten, da braucht der Deutsche wahrhaftig nicht erst den romanischen Hinweis. Und dasjenige, was dieser merkwürdige Franzose Boutroux, der durch einige gelungene Sätze ein berühmter Mann in Frankreich geworden ist, was der zu sagen hat über deutsche Innerlichkeit, das ist nun wahrhaftig recht weit entfernt von dem, was sich als diese deutsche Innerlichkeit herausstellt, wenn man sie in einigen ihrem Kern betrachtet, wie wir das heute mit einigen Worten zu tun versuchten.
[ 93 ] When it comes to living in harmony with nature and observing it, Germans truly have no need for a Romanic prompt. And what that curious Frenchman Boutroux—who has become a famous man in France thanks to a few well-crafted sentences—has to say about German inwardness is, in truth, quite far removed from what this German inwardness actually turns out to be when one examines it at its core, as we have attempted to do today in a few words.
[ 94 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, wenn man nun versucht, andere Stimmen zu hören, zum Beispiel östliche Stimmen, da wird die Sache erst recht deutlich. Da muss man sagen: Im Osten Europas, auf russischem Boden — nicht nur trotz des großen Philosophen Solowjow, sondern gerade wegen der eigentümlichen Art des großen Philosophen Solowjow kann man das sagen —, im Osten Europas kann heute noch gar nicht ein Verständnis sein für dieses eigentümliche Verhältnis der Menschenseele zu dem die Welt durchdringenden Geistigen und wesenhaften Lebendigen; sondern da drüben ist alles so, dass kein Verständnis noch vorhanden ist für das Erleben des die Welt durchpulsenden und durchwebenden Geistes im eigenen inneren Seelenwesen, dass man alles entgegengetragen haben will, dass alles entgegenkommen soll, dass alles nur eine Offenbarung, allerdings eine Geistoffenbarung von außen sein soll. So stellten sich selbst die größten russischen Philosophen des neunzehnten und des Beginnes des zwanzigsten Jahrhunderts ganz ablchnend gegenüber dem eigentlichen Wesen Mitteleuropas, übrigens auch sogar Westeuropas.
[ 94 ] Well, ladies and gentlemen, when one tries to listen to other voices—for example, voices from the East—the matter becomes all the more clear. One must say: In Eastern Europe, on Russian soil—not only in spite of the great philosopher Soloviev, but precisely because of the unique nature of the great philosopher Soloviev—in Eastern Europe today there can still be no understanding whatsoever of this unique relationship between the human soul and the spiritual and essential life force that permeates the world; but over there, everything is such that there is still no understanding of the experience of the Spirit pulsing through and interweaving the world within one’s own inner soul; that one wants everything to be brought to oneself, that everything should come to meet one, that everything should be merely a revelation—albeit a spiritual revelation—from the outside. Thus, even the greatest Russian philosophers of the nineteenth and early twentieth centuries took a completely dismissive stance toward the very essence of Central Europe—and, incidentally, even of Western Europe.
[ 95 ] Das, was sie immer wieder zu sagen haben, bedeutende Geister der russischen Geisteskultur — der Deutsche merkte das nur nicht, weil er einfach nahm — ich möchte sagen — die außerordentlich lebendige Schilderung eines Tolstoi, eines Dostojewski — der Deutsche merkte das gar nicht! Innerhalb des russischen Geisteslebens ist im Grunde genommen nur die Anschauung vorhanden, dieses ganze Leben, wie es sich in Fichte, Schelling, Hegel, in den anderen westeuropäischen Geistern zum Ausdruck gebracht habe, ist grauenhaft, ist abstoßend im Grunde genommen, ist ein abstraktes Gedankenleben, etwas, was nicht herandringe an Herz und Sinn des wirklichen Menschen. Das müsse alles ersetzt werden durch dasjenige, was im russischen Menschen lebt. Dasjenige, was man im Politischen ordnet, ob Fähigkeit oder nicht Fähigkeit, darauf komme es nicht an. Das «Testament Peters des Großen» enthält die ganze geistige Philosophie Russlands; im neunzehnten Jahrhundert zeigen die Philosophen denselben Grundton, den Grundton, der darauf hinausläuft, West- und Mitteleuropa nur als etwas Grauenhaftes und Abgelebtes zu betrachten.
[ 95 ] What the great minds of Russian intellectual culture have to say time and again—the Germans simply did not notice this because they merely accepted—I would say—the extraordinarily vivid depictions of Tolstoy and Dostoevsky—the Germans did not notice this at all! Within Russian intellectual life, the prevailing view is essentially that this entire way of life—as expressed in Fichte, Schelling, Hegel, and the other Western European thinkers—is appalling, is fundamentally repulsive, is an abstract intellectual life, something that does not speak to the heart and mind of the real human being. All of that must be replaced by what lives within the Russian people. Whatever is classified as political—whether ability or lack thereof—is irrelevant. The “Testament of Peter the Great” contains the entire spiritual philosophy of Russia; in the nineteenth century, philosophers strike the same fundamental note—a note that amounts to viewing Western and Central Europe merely as something appalling and obsolete.
[ 96 ] Großmannssucht ist dann die unmittelbare Folge einer solch sich reif dünkenden, aber nur aus der Unreife heraus reif dünkenden Weltanschauung. Und so kann man dann zum Beispiel allerdings Folgendes erleben. Zunächst wendet — lassen Sie mich das zum Schlusse noch ausführen — ein hervorragender russischer Geist des neunzehnten Jahrhunderts, Jushakow, 1885 seinen Blick nach Asien hinüber, denn das sei unmittelbar bevorstehend, dass im Osten aus demselben Volkstum etwas herauswachsen müsse unmittelbar wie eine große, welthistorische Sendung. Nimmermehr könne das aber aus dem west- oder mitteleuropäischen Volkstum herauswachsen, heraus erfolgen. Und so schreibt Jushakow 1885 ein merkwürdiges Buch, dessen Blick allerdings zunächst nach Asien hinübergerichtet ist — ein merkwürdiges Buch!
[ 96 ] Megalomania is then the direct consequence of such a worldview that considers itself mature, but which is in fact based solely on immaturity. And so, for example, one can indeed observe the following. First of all—let me elaborate on this in closing—an outstanding Russian thinker of the nineteenth century, Yushakov, turned his gaze toward Asia in 1885, for he believed it was imminent that something would emerge from the same folk culture in the East—immediately, as a great, world-historical mission. But he maintained that this could never emerge from or arise out of the folk culture of Western or Central Europe. And so, in 1885, Yushakov wrote a remarkable book, the focus of which is initially directed toward Asia—a remarkable book!
[ 97 ] In diesem Buche wird etwa das Folgende ausgedrückt: Wenn wir da hinüberschauen nach Asien, so finden wir in Asien eine alte, wunderbare Weltenkultur vorhanden, sich ausbreiten, die nur eben alt geworden ist. Diese Weltenkultur, sie hat sich selber verstehen wollen dadurch, dass sie einander gegenübergestellt hat zwei geistige Wesenheiten: Ahriman und Ormuzd. Ormuzd wird von diesen Asiaten, namentlich von den iranischen Asiaten, zu denen zum Beispiel auch die Inder, die Perser gehören, Ormuzd wird als derjenige Geist verehrt, welcher der Erde die Früchte abgewinnt; welcher aber auch in die Menschenseele hinein das geistige Streben bringt, der sie erhebt, der sie erleben lässt das Geistige.
[ 97 ] This book expresses, in essence, the following: When we look over toward Asia, we find there an ancient, wondrous world culture that is spreading and has only just come into its own. This world culture has sought to understand itself by setting two spiritual entities in opposition to one another: Ahriman and Ormuzd. Ormuzd is revered by these Asians—namely the Iranian peoples, which include, for example, the Indians and the Persians—as the spirit who brings forth the fruits of the earth; but who also instills spiritual aspiration into the human soul, elevates it, and enables it to experience the spiritual.
[ 98 ] Dem gegenüber steht Ahriman, der verbunden ist mit dem Geist der Iranier, der Turanier, der die Asiaten so durch das Böse führte, dass die gesegneten Verhältnisse des Ormuzd von ihm durchkreuzt wurden. Und da sehen wir denn wirklich — meint Jushakow — in Asien drüben Ormuzd und Ahriman ihren Kampf ausfechten und den Menschen hineingestellt in diesen Kampf.
[ 98 ] Opposing him is Ahriman, who is connected to the spirit of the Iranians and the Turanians, and who led the Asians through evil in such a way that the blessed conditions of Ormuzd were thwarted by him. And there, as Yushakov observes, we truly see Ormuzd and Ahriman fighting their battle over in Asia, with humanity caught in the midst of it.
[ 99 ] 1885, meine sehr verehrten Anwesenden, merken Sie wohl, schreibt dies Jushakow! Und er sagt: O, diese armen Asiaten! Was haben die egoistischen, die greisenhaften Europäer aus ihnen gemacht? Was haben sie aus ihnen werden lassen!
[ 99 ] 1885—dear friends here present, take note—this is what Yushakov writes! And he says: Oh, these poor Asians! What have those selfish, senile Europeans done to them? What have they turned them into!
[ 100 ] So stellt Jushakow die Sache dar, als ob die Europäer aus ihrer Selbstsucht heraus, aus ihrer Greisenhaftigkeit, dasjenige, was Ormuzd den Asiaten als Segen gebracht hat, ihnen genommen hätten. Die Russen aber müssen aus ihrer Weltanschauung heraus — die in alle Greisenhaftigkeit wiederum hineintragen muss die Belebung, ein belebendes Element —, die Russen müssen kommen und den Asiaten helfen, [die Russen] müssen den Asiaten sich verbinden. So sagt Jushakow. — Wie gesagt, nach Asien hinüber ist der Blick gerichtet.
[ 100 ] Thus, Yushakov presents the matter as if the Europeans, out of selfishness and senility, had taken away from the Asians what Ormuzd had brought them as a blessing. But the Russians, based on their worldview—which, in turn, must bring vitality, a revitalizing element, into all that senility—the Russians must come and help the Asians; [the Russians] must unite with the Asians. So says Yushakov. — As mentioned, the gaze is directed toward Asia.
[ 101 ] Nicht ich sage das, Jushakow sagt das 1885. Und Jushakow sagt das Merkwürdige: Hinüberdringen wird nach Asien der wunderbare, gesegnete Bund der Bauern — der russischen Bauern — und der Kosaken und werde sich mit den armen Asiaten verbinden gegen Ahriman, um die Segnungen des Ormuzd aufrechterhalten zu können.
[ 101 ] It is not I who say this; Yushakov said it in 1885. And Yushakov says something remarkable: The wonderful, blessed alliance of the peasants—the Russian peasants—and the Cossacks will spread across to Asia and unite with the poor Asians against Ahriman in order to preserve the blessings of Ormuzd.
[ 102 ] Und gegen wen hauptsächlich wendet sich Jushakow? 1885 — ich muss das immer wieder betonen —, da sagt er: O, diese Asiaten, sie haben furchtbar gelitten durch das grauenhafte Europäertum, das sich nur in furchtbarstem Egoismus aneignen wollte dasjenige, was das Asiatentum unter Ormuzds Frucht- und Segen-Bringendem für die Menschheit geschaffen hat. Wie haben die Europäer die Asiaten betrachtet? Und welche Europäer hat Jushakow im Sinn? Jushakow, er hat, 1885, die Engländer im Sinn; merkwürdigerweise. Hören wir, was er sagt: Diese asiatischen Völker, sie werden von den Engländern betrachtet nur so, als ob sie dazu da wären, um sich in englische Gewänder zu kleiden, in englische Gewebe zu kleiden, mit englischen Waffen untereinander zu kämpfen, mit englischem Werkzeug zu arbeiten, aus englischen Gefäßen zu essen und mit englischem Flitter zu spielen. Dann sagt er weiter — 1885:
[ 102 ] And who is Yushakov mainly targeting? In 1885—I must emphasize this again and again—he says: “Oh, these Asians—they have suffered terribly at the hands of that appalling Europeanism, which, in its most dreadful selfishness, sought to appropriate for itself what Asian civilization, under Ormuzd’s fruit- and blessing-bestowing influence, had created for humanity.” How did the Europeans view the Asians? And which Europeans does Yushakov have in mind? Yushakov, in 1885, has the English in mind; curiously enough. Let us hear what he says: “These Asian peoples are regarded by the English as if their sole purpose were to dress in English garments, to wear English fabrics, to fight one another with English weapons, to work with English tools, to eat from English vessels, and to play with English trinkets.” Then he continues—in 1885:
«England beutet Millionen von Hindus aus, seine ganze Existenz aber hängt von dem Gehorsam der verschiedenen Völker ab, welche die reiche Halbinsel bewohnen. Ich wünsche»
“England exploits millions of Hindus, yet its very existence depends on the obedience of the various peoples who inhabit the rich peninsula. I wish”
[ 103 ] sagt Jushakow — meinem russischen
[ 103 ] says Yushakov — my Russian
«Vaterland nichts Ähnliches — ich kann mich nur freuen, dass es von diesem so glänzenden wie traurigen Zustand»,
“There is nothing like my homeland—I can only rejoice that it has emerged from this state, which is as glorious as it is sad,”
[ 104 ] den England geschaffen hat,
[ 104 ] which England created,
«hinlänglich weit entfernt ist»
“is sufficiently far away”
[ 105 ] und nichts mit diesem schrecklichen England zu tun hat. So Jushakow 1885; so blickt ein Russe 1885 nach Asien hinüber.
[ 105 ] and has nothing to do with that dreadful England. So wrote Yushakov in 1885; this is how a Russian looked toward Asia in 1885.
[ 106 ] Es wird wohl darinnen wahrscheinlich der Grund liegen, dass dann der Russe sich verbündet hat kurz darauf mit England, um zunächst allerdings nicht den Asiaten gegen Ahriman zu helfen, sondern um dasjenige zu zerstören, was aus so tiefen Wurzeln heraus ein solches Geistesleben auch — neben allen anderen deutschen Eigenschaften — darstellen kann, wie es geschildert werden durfte.
[ 106 ] The reason for this likely lies in the fact that the Russians then allied themselves with England shortly thereafter—not, however, initially to help the Asians against Ahriman, but to destroy that which, stemming from such deep roots, can give rise to a spiritual life—alongside all other German characteristics—as has been described here.
[ 107 ] Und so muss noch von dem Orte aus, auf dem 150 Millionen Menschen gegen 777 Millionen Menschen sich halten müssen, das Bewusstsein kraftvoll erwachen, was deutsches Wesen im Entwicklungsgang der Menschheit im Grunde zu bedeuten hat.
[ 107 ] And so, from this place where 150 million people must hold their ground against 777 million, there must be a powerful awakening of the awareness of what the German spirit fundamentally means in the course of human development.
[ 108 ] Bei denjenigen Deutschen, deren Blick gewendet war auf deutsches Wesen, war immer ein Bewusstsein davon vorhanden — ein Bewusstsein diesseits und jenseits der Erzberge, in der Steiermark ebenso wie am Rhein und im äußersten Osten Deutschlands. Und wie dasjenige, was heute durch die großen Ereignisse zusammengeschmiedet [wird] in Mitteleuropa — im Grunde genommen bei denjenigen, die etwas davon verstanden, sich immer zusammenschmieden wollte —, das mag uns ein schönes Wort eines österreichischen Deutschen zeigen, ein Wort, das 1862 noch geschrieben ist, des Österreich-Deutschen Robert Hamerling.
[ 108 ] Among those Germans whose gaze was turned toward the German spirit, there was always an awareness of it—an awareness on both sides of the Ore Mountains, in Styria as well as along the Rhine and in the far east of Germany. And just as that which is now being forged together in Central Europe by the great events—which, in essence, has always sought to unite those who understood it—is illustrated by a beautiful phrase from an Austrian German, a phrase written as early as 1862 by the Austrian German Robert Hamerling.
[ 109 ] Ich darf wohl gerade auf diese Verhältnisse jenseits der Erzberge hinweisen, aus dem Grunde, weil ich ja selbst nahezu dreißig Jahre meines Lebens unter dem deutschen Österreich als selber ein deutscher Österreicher verlebt habe, teilgenommen habe an denjenigen Berätigungen und auch Kämpfen, welche die Deutschen innerhalb Österreichs zu führen haben.
[ 109 ] I feel justified in pointing out precisely these conditions beyond the Ore Mountains, for the simple reason that I myself, as a German Austrian, have spent nearly thirty years of my life in German-speaking Austria and have taken part in the deliberations and struggles that the Germans within Austria have had to endure.
[ 110 ] Es ist derselbe Hamerling, der seine Gesinnung gegenüber Österreich und Deutschland in dem schönen Wort aussprach: Österreich ist mein Vaterland, Deutschland aber ist mein Mutterland — ein Wort, das jedem Österreichisch-Deutschen, der über die äußeren Verhältnisse hinausblicken kann, im Unbestimmbaren lebt. Ich brauche nichts zu sagen über die anderen geistigen Leistungen Robert Hamerlings, möchte nur aufmerksam machen, dass 1884 Robert Hamerling es war, der von Graz aus herzhafte Worte nach Deutschland herüberrief, wie man erfuhr, dass in Paris aufgestellt wurde eine Statue der Göttin Straßburg, und dass die deutsche Fahne verbrannt wurde bei einem Feste, das der Göttin Straßburg gefeiert wurde. Damals war es Robert Hamerling, der die Worte von Graz herübertönen ließ nach Deutschland:
[ 110 ] It is this same Hamerling who expressed his attitude toward Austria and Germany in these beautiful words: “Austria is my fatherland, but Germany is my motherland”—words that live on in the hearts of every Austro-German who is able to look beyond external circumstances. I need say nothing about Robert Hamerling’s other intellectual achievements; I would only like to point out that in 1884 it was Robert Hamerling who, from Graz, called out heartfelt words to Germany upon learning that a statue of the goddess Strasbourg had been erected in Paris and that the German flag had been burned during a festival celebrating the goddess Strasbourg. At that time, it was Robert Hamerling who let his words resound from Graz across to Germany:
Mögt ihr an die Rache glauben,
Und an künft’ger Sieger Kranz:
Hoffet nicht, zurückzurauben
Eine Scholle deutschen Lands!
Mögt ihr schwärmen auch wie Raben
Um ein Elsass-Standbild her,
Straßburg werdet ihr nicht haben,
Straßburg nimmermehr.
If you believe in vengeance,
And in the victor’s future wreath:
Do not hope to reclaim
A single patch of German soil!
Even if you swarm like ravens
Around a statue in Alsace,
You will not have Strasbourg,
Strasbourg never again.
[ 111 ] Dieser selbe Robert Hamerling hat 1862 in einer seiner früheren Dichtungen, im «Germanenzug», vor seinem geistigen Blicke vorbeizichen lassen die alten Germanen, die Vorfahren der Deutschen, wie sie von Asien herüberziehen. Er lässt sie noch in Asien drüben, an der Grenze von Europa, lagern. Wunderschön schildert er das Bild des Abends, das Abendbild, wie die untergehende Sonne über ihnen ist, wie der Mond heraufkommt; dann schildert er, wie alles in Schlaf verfällt von den wandernden Germanen, wie nur einer wacht, mit blonden Locken, mit strahlenden Augen, von der Begeisterung des Wesens seines Volkes: Teut. Der Genius spricht zu Teut, der von der künftigen Wesenheit der Deutschheit sprechen will. Da spricht er zum Beispiel, der Genius des deutschen Volkes, zu Teut die Worte zu dem blonden, repräsentativen Jüngling der Germanen:
[ 111 ] In 1862, in one of his earlier poems, *Germanenzug*, this same Robert Hamerling let the ancient Germanic peoples—the ancestors of the Germans—pass before his mind’s eye as they migrated from Asia. He has them encamped over in Asia, on the border of Europe. He beautifully depicts the evening scene—the setting sun overhead, the moon rising; then he describes how all the migrating Germanic tribes fall asleep, while only one remains awake, with blond curls and radiant eyes, filled with enthusiasm for the essence of his people: Teut. The Genius speaks to Teut, who wishes to speak of the future essence of German identity. Then, for example, the Genius of the German people addresses Teut with these words regarding the blond, representative youth of the Germanic peoples:
«Wem bricht dereinst das Wort aus Seelentiefen
Wie deinem Volk, so reich, so zart, so mächtig?
Wer haucht so weihevoll in Saitenklänge
Sein Innerstes? Wem zich’n den Sinn so prächtig
Ins Himmelsblau granit'ne Hieroglyphen
Des Seelenaufschwungs aus des Lebens Enge?
Wer knüpft zuletzt die Stränge
Des forschenden Gedankens an die Sterne
So kühn und strebt und kämpft auf allen Bahnen?
Wen führt so hoch, so tief sein Drang, sein Ahnen?
Wer fasst so treu das Nahe wie das Ferne?
Wo spiegelt jede Erd- und Himmelszone
Sich wie in deinem Denken, O Teutone?»
“To whom will words one day burst forth from the depths of the soul
As they did to your people—so rich, so tender, so powerful?
Who breathes so solemnly into the sounds of the strings
His innermost being? To whom does the mind so magnificently
Carve granite hieroglyphs into the azure sky
Of the soul’s ascent from life’s confines?
Who, in the end, ties the strands
Of the inquiring mind to the stars
So boldly, striving and fighting on every path?
Whom does his urge, his intuition, lead so high, so deep?
Who grasps the near and the far so faithfully?
Where does every zone of earth and sky
reflect itself as in your thoughts, O Teuton?”
[ 112 ] Dann fährt Hamerling fort, indem er darauf hinweist, wie in einer späteren Gestalt wiederum auftreten muss dasjenige, was der Asiate suchte, was auch die Vorfahren der Germanen drüben in Asien suchten, als sie auslöschten die menschliche Wesenheit, das Ich abdämpften, um sich zum Geist der Welt zu erheben. Diese asiatische Art, auch wie sie heute im Indertum auftritt, sie kann nicht mehr der heutige gegenwärtige Weg sein. Dadurch, dass der Christusimpuls in die Welt hereingedrungen ist, muss in einer anderen Weise die Angliederung des menschlichen Ich an die Weltengeistigkeit gesucht werden. Das Ich muss erhöht, erkraftet werden, wie wir das sehen bei den drei — Fichte, Hegel, Schelling — und anderen; das Ich muss erkraftet werden; aber so, wie es sein muss, nachdem der größte Impuls in die Menschheitsentwicklung hereingetreten ist, wie die Erde geschaut hat den Christus-Impuls, wie es sein muss, wie auf einer höheren Stufe das asiatische Streben erscheinen muss, so erschien es aus der tiefsten Wurzel des Volkswesens heraus. Und das will Robert Hamerling ausdrücken, indem er auch den Genius sprechen lässt zu dem blonden Teut, zu dem blonden Repräsentanten des Deutschtums.
[ 112 ] Hamerling then goes on to point out that what the Asian sought—and what the ancestors of the Germanic peoples sought over in Asia when they eradicated human individuality and suppressed the “I” in order to rise to the Spirit of the World—must reappear in a later form. This Asian way—even as it appears today in Indian culture—can no longer be the path for our present time. Because the Christ impulse has entered the world, the connection of the human “I” to the world spirit must be sought in a different way. The “I” must be elevated and strengthened, as we see in the three—Fichte, Hegel, Schelling—and others; the “I” must be strengthened; but in the way it must be, now that the greatest impulse has entered human development, now that the Earth has beheld the Christ impulse, in the way it must be—as the Asian striving must appear on a higher level—so it emerged from the deepest roots of the national being. And this is what Robert Hamerling seeks to express by also letting the Genius speak to the fair-haired Teuton, to the fair-haired representative of Germanness.
«Doch wie auch stolz du aufstrebst, and’re Schwärme
Hoch überschwebend, stets noch eine Lohe
Wirst du bewahren, uralt heil’gen Brandes:
Fortleben wird in dir die traumesfrohe
Gotttrunkenheit, die seel’ge Herzenswärme
Des alten asiat’schen Heimatlandes. Geruhigen Bestandes
Wird dieser heil’ge Strahl, ein Tempelfeuer
Der Menschheit, frei von Rauch, mit reiner Flamme
Fortglüh’n in deiner Brust und Seelenamme
Dir bleiben und Pilote deinem Steuer!
Du strebst nur, weil du liebst: dein kühnstes Denken
Wird Andacht sein, die sich in Gott will senken.»
“Yet no matter how proudly you soar, above the other swarms
Hovering high, you will still preserve a flame
Of that ancient, sacred fire:
Within you will live on the dream-filled
Divine ecstasy, the soulful warmth of the heart
Of the ancient Asian homeland. A tranquil legacy
This sacred ray, a temple fire
Of humanity, free from smoke, with a pure flame
Will continue to glow in your breast and the depths of your soul
Remaining with you and guiding your course!
You strive only because you love: your boldest thought
Will be devotion that seeks to sink into God.”
[ 113 ] Und das ist ja gerade dasjenige, was aus aller Wissenschaft, aus allem Erkennen, das der Deutsche anstrebt, sich erhebt: dieses Hintragen auch desjenigen, was man wissen kann, wie zum Altar einer vergöttlichten Weltanschauung selber. Nicht Religion will Geisteswissenschaft sein, nicht ersetzen will sie diese; sie will sich als wahre Wissenschaft neben Religion hinstellen — sie will die Religion nicht im Mindesten beeinträchtigen, will sie gelten lassen —, wie eine Strömung, die sich hinstellt als wahre Wissenschaft, die auch die Religion nur stützen, nicht irgendwie ersetzen will. Aber dasjenige, was Geisteswissenschaft leisten kann, es wird zu gleicher Zeit dargebracht — um den Böhme’schen Ausdruck zu gebrauchen —, um Gotttrunkenheit, das heißt: das Erleben des Geistigen der Welt im eigenen Seelensein, zu erfahren.
[ 113 ] And that is precisely what emerges from all science, from all knowledge to which the German aspires: this act of offering even that which can be known as a sacrifice to the altar of a deified worldview itself. Spiritual science does not seek to be religion, nor does it seek to replace it; it seeks to stand alongside religion as a true science—it does not wish to impair religion in the least, but rather to allow it to stand on its own—like a current that presents itself as a true science, one that seeks only to support religion, not to replace it in any way. But what spiritual science can accomplish is at the same time offered—to use Böhme’s expression—in order to experience “divine intoxication,” that is, the experience of the spiritual aspect of the world within one’s own soul.
[ 114 ] Das ist es, was von dem deutschen Philosophen, dem deutschen Mystiker Jakob Böhme so empfunden wurde, und was erscheinen kann wie ein Motto, ein Leitwort des deutschen Wesens selber, wenn Jakob Böhme sagt: Wenn du zu den tiefen Erscheinungen der Welt dich hinwendest, und die Sterne und die Erde anschaust, so siehest du deinen Gott, und in demselben lebst und strebst und wandelst du, und wirst in diesem Gott begraben.
[ 114 ] This is what the German philosopher and mystic Jakob Böhme felt so deeply, and what may appear as a motto, a guiding principle of the German spirit itself, when Jakob Böhme says: “When you turn your attention to the profound phenomena of the world and gaze upon the stars and the earth, you see your God, and in Him you live, strive, and walk, and will be buried in this God.”
[ 115 ] Das ist aus deutscher Erkenntnis heraus beschlossene Weltanschauung, geistige Weltanschauung.
[ 115 ] This is a worldview—a spiritual worldview—based on German insight.
[ 116 ] Und wie begegnet man ihr? Lassen Sie uns gerade noch einen ganz kurzen Blick zum Schlusse werfen, sagen wir, auf Russland. Russland — es braucht heute einen neuen Wahn: den Wahn von der «Greisenhaftigkeit» Europas. Es braucht diesen neuen Wahn von der Greisenhaftigkeit Europas, um zu beweisen, dass dies europäische Geistesleben, und namentlich das mitteleuropäische Geistesleben veraltet ist; einen neuen Wahn, wie Russland immer einen Wahn brauchte.
[ 116 ] And how does one confront it? Let us take one last, very brief look—let us say, at Russia. Russia—it needs a new delusion today: the delusion of Europe’s “senility.” It needs this new delusion about Europe’s senility to prove that this European intellectual life—and specifically Central European intellectual life—is outdated; a new delusion, just as Russia has always needed a delusion.
[ 117 ] Frankreich — ja, man möchte ganz objektiv bleiben, nicht unrecht tun irgendjemandem. Der Deutsche hat nicht nötig, in jene Töne einzustimmen, in denen sich heute seine Feinde ergehen. So darf man vielleicht auf einen französischen Dichter selber hinhören, der ja gar nicht lange vor dem Kriege ein Bild seines Volkes geschaffen hat in einer dramatischen Darstellung, die recht interessant ist: Die Franzosen haben sich gewöhnt durch Jahrhunderte hindurch, dass alles auf sie hört. Sie haben sich angewöhnt zuletzt, sich als diejenigen zu betrachten, die in aller äußeren Kultur tonangebend sind. Und daher meint Rostand selber, der Franzose meint es selber in dieser seiner dichterischen Darstellung. Der Franzose sei wie ein Hahn, wenn er am Morgen krähe, da gehe die Sonne auf. Und so komme er allmählich zu der Meinung: Weil ich krähe, geht die Sonne auf. Und er könne sich nicht vorstellen, dass die Sonne auch aufgehe, wenn er nicht krähe.
[ 117 ] France—yes, one would like to remain entirely objective, to do no one an injustice. The German has no need to join in the chorus of which his enemies are now making a spectacle. So perhaps we should listen to a French poet himself, who, not long before the war, created a portrait of his people in a dramatic work that is quite interesting: Over the centuries, the French have grown accustomed to everyone heeding them. They have come to regard themselves as the ones who set the tone in all aspects of external culture. And that is why Rostand himself—and the Frenchman himself—says this in his poetic portrayal. The Frenchman is like a rooster: when he crows in the morning, the sun rises. And so he gradually comes to believe: “Because I crow, the sun rises.” And he cannot imagine that the sun would rise even if he did not crow.
[ 118 ] Der Franzose braucht eine neue Einbildung; er muss glauben können, dass nichts geschehen kann in der Welt, wenn er nicht kräht. Er braucht eine neue Einbildung über sein eigenes Wesen. Und im Grunde genommen — man braucht nur die geschichtlichen Vorgänge wirklich auf seine Seele wirken zu lassen seit dem Jahre 1870, und man wird sehen, wie sich diese neue Einbildung allmählich herausgestaltet hat, und wie sie nicht verlassen hat den französischen Volksgeist. — Sie können es auch nachlesen, was darüber gesagt worden ist in meinem Büchelchen: «Gedanken während der Zeit des Krieges. Für Deutsche und diejenigen, die nicht glauben sie hassen zu müssen».
[ 118 ] The Frenchman needs a new delusion; he must be able to believe that nothing can happen in the world unless he crows. He needs a new delusion about his own nature. And when all is said and done—one need only truly let the historical events since 1870 take their toll on one’s soul, and one will see how this new delusion has gradually taken shape, and how it has never left the French national spirit. — You can also read what has been said about this in my little book: “Thoughts During the Time of War. For Germans and those who do not believe they must hate them.”
[ 119 ] Der Engländer, man möchte den Engländern wirklich auch nicht unrecht tun. Aber wenn man so hört, wie einer der tonangebenden gegenwärtigen englischen Politiker zu den Deutschen es hinübertönen lässt, herüber über den Kanal, dass bei ihnen «Macht vor Recht» gehe, und dass das ein deutscher Grundsatz wäre — dann muss man denn doch betonen: Der Grundsatz «Macht geht vor Recht» als ein wirklich berechtigter findet [sich] bei dem englischen Schriftsteller Thomas Hobbes, [dort] wird das zuerst angeführt. Es ist ein spezifisch englisches Produkt, der Satz «Macht geht vor Recht», und alles Recht wurzelt in der Macht. Und so könnte man viele Sachen finden; man möchte, wie gesagt, nicht unrecht tun, aber ich muss den Satz aussprechen: All diese Völker, sie brauchen etwas, um sich selber zu betäuben darüber, was sie eigentlich vor der Weltgeschichte tun, um das zu betäuben, wie sie handeln, sie brauchen etwas wie einen Nebel, der sich darüber hüllt über die Wahrheit. England braucht eine neue Lüge — das kann, ohne irgendwie unsachlich zu werden, aus den Tatsachen selber heraus gesagt werden. Und Italien? Ja, ein nicht unbedeutender Politiker Italiens hat mich vor dem Kriege — denn es gab Gemüter, die nicht so naiv waren, dass sie vor dem Krieg geglaubt hätten, dass sich Italien jemals für die mitteleuropäischen Mächte einsetzen werde, und so fiel es mir nicht besonders auf —, als ein nicht unbedeutender italienischer Politiker mir sagte: Wir müssen in Italien einen Krieg haben, denn unser Volk ist impotent und faul und lässig geworden; da kann höchstens wiederum Kraft hineinkommen, wenn es Krieg führen kann. Wir brauchen den Krieg also eine neue Sensation, ein neues Leidenschaftserzittern der Volksseele, daher wird Europa beunruhigt.
[ 119 ] The English—one really doesn’t want to do the English an injustice, either. But when one hears how one of the leading contemporary English politicians lets it be known to the Germans, across the Channel, that “power takes precedence over law” in their country, and that this is a German principle—then one must emphasize: The principle “power before law” is found as a truly legitimate one in the English writer Thomas Hobbes; that is where it is first cited. The phrase “power before law” is a specifically English product, and all law is rooted in power. And one could find many such examples; as I said, one does not wish to be unfair, but I must state the following: All these nations need something to numb themselves regarding what they are actually doing in the context of world history; to numb themselves to the way they act, they need something like a fog that shrouds the truth. England needs a new lie—this can be stated based on the facts themselves, without becoming in any way biased. And Italy? Yes, a not insignificant Italian politician told me before the war—for there were minds that were not so naive as to believe before the war that Italy would ever side with the Central European powers, and so it did not strike me as particularly remarkable—when a not insignificant Italian politician said to me: “We must have a war in Italy, for our people have become impotent, lazy, and complacent; strength can only return if they are able to wage war. We therefore need war—a new sensation, a new tremor of passion in the national soul—and that is why Europe is alarmed.”
[ 120 ] Wie gesagt, es ist das der Ausspruch eines italienischen Politikers. Daher kann man sagen: Es wird begreiflich erscheinen, dass Italien, um seinerseits sich zu betäuben über die eigentliche Wahrheit der Verhältnisse, dass Italien ernennen müsste einen neuen Heiligen: den sacro egoismo, den heiligen Egoismus — ein neuer Heiliger, ein sonderbarer Heiliger allerdings. Und noch sonderbarer ist sein Hierophant, der Hohepriester Gabriel d’Annunzio.
[ 120 ] As I said, this is a statement by an Italian politician. Therefore, one might say: It will seem understandable that Italy, in order to numb itself to the actual truth of the situation, would have to appoint a new saint: “sacro egoismo,” or holy egoism—a new saint, albeit a peculiar one. And even more peculiar is its hierophant, the high priest Gabriel d’Annunzio.
[ 121 ] Wie auch vergessen wird das Bild, das von diesen Verhältnissen in der Weltgeschichte der Menschheit fortleben wird, der Deutsche kann auch auf diese Dinge mit ruhiger Zuversicht blicken, wie es — noch einmal sei es gesagt — diesseits und jenseits des Erzgebirges immer getan hat mein lieber Lehrer und Freund Karl Julius Schröer hat 1859 in Österreich folgende Worte gesprochen:
[ 121 ] However, the image that will live on in the history of humanity—a reflection of these circumstances—will be forgotten; the German can look upon these matters with calm confidence, just as—let it be said once again—he has always done on both sides of the Ore Mountains. My dear teacher and friend Karl Julius Schröer spoke the following words in Austria in 1859:
Lasst Russland, England, klüglich sich beraten,
Es auch vielleicht nicht unwillkommen finden,
Wenn wir ein wenig hier in Kampf geraten,
Wenn man uns will das gute Recht entwinden
[Ihr, deutsche Brüder, werdet hier nicht — raten,
Des Feindes Angriff wird uns nur verbinden
Und unter uns wird jeder Ehrgeiz schwinden
Vor dem: Ein Volk zu sein in Wort und Taten.Und hat der Eine unter uns gefehler,
War eine Zwietracht wo in deutschen Herzen,
Nur Eines ist es, was uns jetzt beseelet:
Was uns gemeinsam ist an Lust und Schmerzen!
So sei denn auch gemeinsam uns beschieden:]
Ein deutscher Krieg, wenn nicht ein deutscher Frieden.
Let Russia and England consult wisely,
Perhaps they won’t find it unwelcome,
If we get into a little skirmish here,
If they seek to wrest our rightful claim from us
[You, German brothers, will not—advise us here,
The enemy’s attack will only unite us
And among us, all ambition will fade
Before this: to be one people in word and deed.And if one among us has erred,
If there was discord in German hearts,
There is but one thing that now inspires us:
What we share in joy and sorrow!
So let it also be our common lot:]
A German war, if not a German peace.
[ 122 ] 1859 — in Österreich gesprochen von einem, der sich eins wusste in seiner Seele mit dem, was im deutschen Volkstum lebt und webt. Und dann hat er noch gesagt, derselbe, dass
[ 122 ] 1859 — spoken in Austria by someone who felt, deep in his soul, a kinship with what lives and thrives in German folklore. And then he, the same man, went on to say that
Ein Geist ersteht, ein Riese anzuschauen
[Der lang sich nicht in ganzer Kraft ermannt
Der deutsche Geist steht auf von Mut entbrannt
Wohin Du blickst in allen deutschen Gauen.Man hat in manchem Meister ihn genannt,
In Kunst und Wissen, im Systeme bauen,
Ist er im Ganzen erst einmal zu schauen,
dann wird er von der Welt] erst recht erkannt.
A spirit arises, a giant to behold
[The one who has long failed to muster his full strength
The German spirit rises, ablaze with courage
Wherever you look, throughout all German lands.It has been called the spirit of many a master,
in art and knowledge, in the construction of systems,
once it is seen in its entirety,
then it is recognized by the world] all the more.
[ 123 ] Ich lese diese Sätze nur vor, damit man sieht, wie nicht bloß heute entstanden dasjenige, was eben der Deutsche fühlen kann über die Quelle und Wurzel des deutschen Volkslebens wie ja auch hinlänglich genug unter den verehrten Zuhörern hier sitzen, die wissen, dass so über das deutsche Wesen gesprochen wurde von mir Jahre und Jahre vor dem Kriege, und auch über das Verhältnis zu anderen Völkern. Nicht braucht der Deutsche zu verfallen in den Ton, den er jetzt hören kann von denjenigen, die ihn wie in einem Ring eingeschlossen halten, wie in einer großen Festung. Er darf ruhig hinschauen auf dasjenige, was er aus einer sachlichen Betrachtung heraus über das Wesen seines Volkstums gewinnen kann. Denn dasjenige, was er so gewinnt, das erweist sich ihm selbst da, wo es sich [schon] ausnimmt wie ein reiner Ton in der Fortentwicklung des deutschen Geisteslebens, [so, dass es] erst sich einmal als Keim, als Wurzel darstellt [und noch] Blüten und Früchte tragen wird. Und so wird das Beste, was im deutschen Geistesleben, was, wie wir gesehen haben, noch nicht Blüte und Frucht, sondern erst Wurzel und Keim ist, in der Zukunft Blüten und Früchte tragen.
[ 123 ] I am reading these sentences aloud only so that you may see how what the German is capable of feeling about the source and roots of German national life did not arise merely today—as is amply evident among the esteemed listeners seated here, who know that I spoke in this way about the German character years and years before the war, and also about the relationship to other peoples. Germans need not succumb to the tone they now hear from those who regard them as encircled, as if in a great fortress. They may calmly look to what they can gain from an objective examination of the essence of their national character. For what he gains in this way reveals itself to him even where it [already] appears as a pure note in the ongoing development of German intellectual life, [such that it] first presents itself as a seed, as a root, [and will yet] bear blossoms and fruit. And so the best of what exists in German intellectual life—which, as we have seen, is not yet in bloom or bearing fruit, but is still only a root and a seed—will bear blossoms and fruit in the future.
[ 124 ] Und mit der Seele wendet sich der Deutsche hin in der heutigen schweren Prüfungszeit, die uns alle mit sicheren Hoffnungen und Zuversichten erfüllt, er wendet sich mit diesen sicheren Hoffnungen und Zuversichten, die ihn erfüllen, in die Zukunft hin, in seinem ganzen Herzen vereint mit dem Blicke in diese Zukunft, nach dem, was sich entwickeln wird als Blüte und als Früchte des deutschen Volkswesens, des deutschen Lebens und der deutschen Kraft überhaupt, trotz allem, was heute gegen dieses deutsche Wesen hasserfüllt und verleumderisch gesagt wird — was sich entwickeln wird, was die Erkenntnis ansprechen darf als dasjenige, was sich entwickeln wird, weil es sich entwickeln muss!
[ 124 ] And with all his soul, the German turns toward the present time of severe trials, which fills us all with certain hopes and confidence; he turns toward the future with these certain hopes and confidence that fill him, his whole heart united in his gaze toward that future, toward what will unfold as the blossoming and the fruits of the German national character, of German life, and of German strength in general—despite everything that is said today with hatred and slander against this German essence—what will unfold, what reason may recognize as that which will unfold, because it must unfold!
