Ways to a Knowledge of the
Eternal Forces of the Human Soul
GA 70b
17 March 1916, Munich
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Ways to a Knowledge of the Eternal Forces of the Human Soul, tr. SOL
16. Zur Deutschen Gedankenentwicklung. Ein vergessenes Streben nach Geisteswissenschaft Innerhalb Derselben
16. On the Development of German Thought: A Forgotten Quest for Spiritual Science Within It
Sehr verehrte Anwesende!
Ladies and gentlemen!
[ 1 ] Wie bei meinen unmittelbar vorangehenden Anwesenheiten hier in München möchte ich mir gestatten, auch diesmal an einem der beiden Vortragstage zu sprechen über einen Gegenstand, der nicht ganz im engeren Sinne dem Gebiet der Geisteswissenschaft angehörig ist, sondern der berührt das allgemeine deutsche Geistesleben. In unserer schicksaltragenden Zeit wird das ja als ganz besonders angemessen erachtet werden können.
[ 1 ] As on my previous visits here in Munich, I would like to take the liberty, on one of the two days of lectures, to speak on a topic that does not strictly belong to the field of the humanities, but rather touches upon German intellectual life in general. In these fateful times, this will surely be considered particularly appropriate.
[ 2 ] Und übermorgen — am Sonntag — wird es sich dann wiederum handeln um eine Betrachtung aus dem engeren Gebiete der Geisteswissenschaft, wie ich sie hier seit Jahren vertreten durfte, selbst.
[ 2 ] And the day after tomorrow—on Sunday—the topic will once again be a reflection from the narrower field of spiritual science, as I myself have had the privilege of presenting here for years.
[ 3 ] Nun ist es aber nicht bloß aus — ich möchte sagen unmittelbar gegenwärtigen, durch die bedeutsamen, tief einschneidenden Zeitereignisse gegebenen Empfindungen, dass ich über den Gegenstand des heutigen Themas sprechen möchte, sondern weil ich in der Tat nicht aus rein nationalen Gefühlen heraus, sondern — wie ich glaube — aus einer auf die Tatsachen gegründeten Überzeugung heraus annehmen darf, dass gerade dasjenige, was hier als geisteswissenschaftliche Weltanschauung vertreten wird, im innigsten Zusammenhange steht gerade mit ganz bestimmten Strömungen und Strebungen des deutschen Geisteslebens.
[ 3 ] However, it is not merely out of—I would say—immediate, present-day feelings brought on by the significant, profoundly transformative events of our time that I wish to speak on the subject of today’s topic, but because I do not, in fact, base my views on purely national sentiments, but — as I believe — from a conviction grounded in the facts that precisely what is represented here as a spiritual-scientific worldview is most intimately connected with very specific currents and aspirations of German intellectual life.
[ 4 ] Nicht, sehr verehrte Anwesende, um in den Ton zu verfallen, in den jetzt Deutschlands Gegner — die Gegner des deutschen Volkstums — verfallen, indem sie nicht nur anklagen, sondern verleumden dasjenige, was deutsches Geistesleben hervorgebracht hat, nicht um in diesen Ton zu verfallen — das ist, glaube ich, nicht nötig innerhalb des deutschen Geisteslebens —, sondern deshalb möchte ich diese Betrachtung anstellen, weil unsere Zeit eine Art Selbstbesinnung auf dasjenige, was das eigentliche Wesen in dem sich fortentwickelnden deutschen Volksgeiste auch in Bezug auf das Erringen einer geistigen Weltanschauung ist, weil sich die Selbstbesinnung auf diese Angelegenheit des deutschen Geisteslebens wie eine Art Grundbedürfnis der gegenwärtig innerhalb dieses Geisteslebens stehenden Seele ergeben muss.
[ 4 ] Not, esteemed audience, to resort to the tone into which Germany’s opponents—the opponents of German national character—are now sinking, by not only accusing but also slandering that which German intellectual life has produced; not to resort to this tone—which, I believe, is unnecessary within German intellectual life— but rather I wish to offer this reflection because our time calls for a kind of self-reflection on what constitutes the very essence of the ever-evolving German national spirit, including with regard to the attainment of an intellectual worldview; because self-reflection on this aspect of German intellectual life must emerge as a kind of fundamental need for the soul currently immersed in this intellectual life.
[ 5 ] Wenn man aber eine solche Betrachtung anstellt, so fällt zunächst der geistige Blick wie selbstverständlich auf die drei großen Gestalten, von denen ich schon bei meiner letzten Anwesenheit hier zu sprechen hatte. Und ich möchte einleitungsweise — allerdings nur einleitungsweise — wiederum einiges über diese drei großen deutschen Denker- und Weltanschauungs-Persönlichkeiten vorbringen, über die ich schon das letzte Mal hier sprechen durfte, selbst auf die Gefahr hin, in Kleinigkeiten einiges wieder sagen zu müssen, was dazumal schon gebracht worden ist.
[ 5 ] But when one undertakes such a consideration, one’s mind naturally turns first to the three great figures I spoke of during my last visit here. And by way of introduction—though only by way of introduction—I would like to say a few words once again about these three great German thinkers and philosophical figures, whom I had the opportunity to discuss the last time I was here, even at the risk of having to repeat some minor details that were already mentioned then.
[ 6 ] Zunächst muss der geistige Blick fallen auf jene, so ganz aus dem deutschen Geistesleben herausgewachsene Persönlichkeit, die ja auch in einer der schwersten Zeiten deutschen Lebens Töne gefunden hat, die geeignet waren, das ganze Volk mitzureißen zu einer weltgeschichtlich notwendigen Begeisterung: der geistige Blick muss fallen auf Johann Gottlieb Fichte.
[ 6 ] First, our spiritual gaze must turn to that figure who grew so entirely out of German intellectual life—a figure who, even in one of the most difficult periods of German history, found the words capable of inspiring the entire nation to a enthusiasm that was necessary for the course of world history: our spiritual gaze must turn to Johann Gottlieb Fichte.
[ 7 ] Fichte — ich glaube, man muss von ihm sagen: Einer genaueren, eingehenden Betrachtung seines Wesens muss es auffallen, wie tief wahr das ist, was er wie seine eigene Empfindung in den verschiedensten Formen ausgesprochen hat, dass das Beste, was er zu sagen hat auf seinem Weltanschauungsgebiete, in seiner Seele wie entstanden ist aus einem intimen Gespräche, das er geistig immer wieder und wiederum geführt hat mit dem deutschen Volksgeiste selbst.
[ 7 ] Fichte—I believe one must say of him: Upon closer, more thorough examination of his nature, one cannot help but notice how profoundly true it is—as he himself expressed in various ways—that the best he has to say in the realm of his worldview arose in his soul from an intimate dialogue that he repeatedly and continuously conducted in his mind with the German national spirit itself.
[ 8 ] Nicht wie eine Beurteilung von außen möchte ich das anbringen, sondern eben wie etwas, was Fichte selbst in seinem tiefsten Inneren empfunden hat. Und als was kann gerade dieser innerste Weg des Fichte’schen Strebens denn bezeichnet werden? Als begründete Überzeugung, denke ich, kann es bezeichnet werden: Das Innerste der menschlichen Seele, den Mittelpunkt des menschlichen Geistes-Seelen-Wesens so zu erkraften, so innerlich zu beleben, dass in diesem erhöhten Erleben des innersten Seelenlebens mitklingt dasjenige, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchwebt und durchlebt, dass man in der Wesen Tiefstes nach dieser Überzeugung dadurch hineinkommt, dass man in sich das innerste Leben selber am stärksten zu machen versucht, sodass zusammenwächst das, was man in der eigenen Seele — nicht im Alltag, sondern in Feieraugenblicken des Lebens innerlich durchmachen kann, dass das zusammenwächst mit dem geistig-göttlichen Strömen selber, das aber nun nicht bloß in unserem Inneren, sondern das als die ganze Welt durchpulsend in der ganzen Natur und in allem geistigen, äußerem geistigen Leben auch zu finden ist.
[ 8 ] I do not wish to present this as an external judgment, but rather as something that Fichte himself felt in his innermost being. And how, then, can this innermost path of Fichte’s striving be described? I believe it can be described as a well-founded conviction: to strengthen the innermost core of the human soul—the center of the human spirit-soul-being— to animate it so deeply that, in this elevated experience of the innermost life of the soul, there resounds that which, as the divine-spiritual, interweaves and permeates the world—that one enters into the deepest essence of being through this conviction by striving to make one’s own innermost life as strong as possible, so that what one —not in everyday life, but in the solemn moments of life—can be experienced inwardly, so that it merges with the divine-spiritual current itself, which, however, is not merely within us, but can also be found pulsating throughout the entire world, in all of nature, and in all spiritual and outwardly manifest spiritual life.
[ 9 ] Nun ist es bei Fichte so, als ob von einer besonderen Seelenseite aus sich etwas zeigt, das in ihm Wurzel gefasst hätte von einer Seelenkraft aus, die bei ihm besonders stark entwickelt war, von jener Seelenkraft aus, die vielleicht sich so bezeichnen lässt, dass man sagt: Er empfand von den drei Kräften der Menschenseele — vom Denken, Fühlen und Wollen — vor allen Dingen das Wollen. Und er empfand selber das Ich so, dass das Wesentlichste des Ich-Erlebnisses das ist, dass der Mensch doch darauf kommen kann, sich zu sagen: Das Ich besteht eigentlich darinnen, dass man es wollen kann, und immer von Neuem wollen kann; und ihm seine Ewigkeit dadurch verbürgt wird, dass man fühlt in sich die Berechtigung, es immer von Neuem zu wollen; und dass in dieses Wollen eindringt dasjenige, was man im allertiefsten Sinne als Lebens- und Weltenverpflichtung fühlt; dass man in der Lebens- und Weltenverpflichtung zugleich etwas erfühlen kann, was hereinschlägt aus göttlich-geistigen Weiten in das eigene Wesen. Sodass man sagen kann: Das Höchste, das man erleben kann, ist die für die eigene Seele sich an dem Weltenganzen offenbarende Pflicht, die hereinschlägt in das eigene Wesen, und die einem die Gewissheit gibt, weil man einverwoben hat in das, was als pflichttragender Wille durch die Welt geht, als ewig pflichttragender Wille, man selber als ewiges Wesen in dieser Welt drinnensteht.
[ 9 ] With Fichte, it is as if something were revealing itself from a particular aspect of the soul—something that had taken root within him through a spiritual force that was particularly strongly developed in him, that spiritual force which might perhaps be described as follows: Of the three powers of the human soul—thinking, feeling, and willing—he perceived, above all else, the power of willing. And he himself perceived the “I” in such a way that the most essential aspect of the experience of the “I” is that a person can indeed come to say to himself: The “I” actually consists in the fact that one can will it, and can will it anew again and again; and its eternity is guaranteed by the fact that one feels within oneself the justification for willing it anew again and again; and that what one feels, in the deepest sense, as a duty to life and the world penetrates this willing; that in this duty to life and the world one can simultaneously sense something that strikes into one’s own being from divine-spiritual expanses. So that one can say: The highest thing one can experience is the duty revealed to one’s own soul in the totality of the world, which strikes into one’s own being and gives one the certainty—because one has woven oneself into what passes through the world as a duty-bearing will, as an eternally duty-bearing will—that one stands within this world as an eternal being.
[ 10 ] Aus einem solchen Erleben, aus dem Erleben eines solchen Verhältnisses zur Welt, ging im Grunde genommen Fichtes ganze — man kann nicht einmal sagen «Weltanschauung», sondern ganze — Art, über die Welt zu denken und zu empfinden und über die Welt zu sprechen, hervor.
[ 10 ] From such an experience—from the experience of such a relationship to the world—arose, in essence, Fichte’s entire—one cannot even say “worldview,” but rather his entire—way of thinking about, feeling, and speaking about the world.
[ 11 ] Aber es ging das nicht aus seinem Wesen hervor, dass man von einer Theorie, von einer theoretischen Seite aus über das sprechen könnte. Es ging so aus seinem Wesen hervor — und das empfand er gerade immer als das Deutsche an seiner Art, über die Welt zu denken —, das ging so aus seinem Wesen hervor, dass nachgerade dasjenige, was wie ein allgemeines Weltenempfinden, Weltenanschauen war, unmittelbarste, persönliche Kraft seines Wesens war. So war es unmittelbarste Kraft seines Wesens, dass es im Grunde genommen schon hervortrat, als Fichte ganz jung, ein Knabe war.
[ 11 ] But it did not follow from his very nature that one could speak of this from a theoretical standpoint, from a theoretical perspective. It emerged from his very nature—and this was precisely what he always perceived as the German aspect of his way of thinking about the world—it emerged from his very nature in such a way that precisely what was like a general sense of the world, a worldview, was the most immediate, personal force of his being. Thus, it was the most immediate force of his being that, in essence, had already emerged when Fichte was very young, still a boy.
[ 12 ] Und deshalb gestatten Sie mir, dass ich einzelne Züge, die gerade dieses persönliche Verhältnis zur Welt charakterisieren, schildere: Da sehen wir Johann Gottlieb Fichte, den Sohn armer Leute, mit sieben Jahren — er war bereits ein Schulknabe —, da sehen wir ihn eines Tages an dem Bach stehen, der an seines Vaters kleinem Weberhäuschen vorbeifloss, und in den Bach hineingeworfen hat er ein Buch. Weinend steht er da; der Vater kommt dazu.
[ 12 ] And so please allow me to describe certain traits that characterize precisely this personal relationship to the world: There we see Johann Gottlieb Fichte, the son of poor people, at the age of seven—he was already a schoolboy—; there we see him one day standing by the stream that flowed past his father’s little weaver’s cottage, and he has thrown a book into the stream. He stands there crying; his father comes over.
[ 13 ] Was war eigentlich geschehen? Wie gesagt, schon ein Schulknabe war dieser Johann Gottlieb Fichte mit sieben Jahren; und da man ihn oft gelobt hatte für sein gutes Lernen, so musste man jetzt auch sehen, wie er — seit ihm der Vater dieses Buch, das er jetzt in den Bach geworfen hat, geschenkt hatte —, nun doch nicht mehr so aufmerksam und so fleißig war in der Schule wie früher; das hatte man ihm öfter jetzt zum Vorwurf gemacht. Dieses Buch war nämlich die Beschreibung der Taten des «Gehörnten Siegfried». Und als der kleine Johann Gottlieb Fichte, der schon lesen konnte, dieses Buch in die Hand bekam, da ging er auf in diesen großen Heldentaten; da wurde seine Aufmerksamkeit für die Schulgegenstände etwas geringer, und er konnte darüber getadelt werden.
[ 13 ] What had actually happened? As mentioned, Johann Gottlieb Fichte was already a schoolboy at the age of seven; and since he had often been praised for his good grades, people now noticed that—ever since his father had given him this book, which he had just thrown into the stream—he was no longer as attentive or as diligent in school as he had been before; he had been reproached for this on several occasions. This book was, in fact, an account of the exploits of “Siegfried the Horned.” And when little Johann Gottlieb Fichte, who could already read, got his hands on this book, he became absorbed in these great heroic deeds; his attention to his schoolwork waned somewhat, and he was reprimanded for it.
[ 14 ] Da aber zeigte sich sogleich in seiner Seele der tiefste Grundzug seines Wesens.
[ 14 ] But then the deepest trait of his nature immediately revealed itself in his soul.
[ 15 ] Wie auch deine Neigung sprechen möchte, wie auch deine Begeisterung sich anfachen möchte an der Gestalt des «Gehörnten Siegfried» — dachte er sich — das darf nicht sein; Pflicht ist das Höchste. Weil er die Pflicht um gar nichts vermindern will, wirft er das Buch ins Wasser — als siebenjähriger Knabe! So lebt das, was später der Grundton seines Verhältnisses zur großen Welt wurde, schon in dem Knaben: dieses Durchsetzt-Sein der menschlichen Seele mit dem pflichtgetragenen Willen, den er später so empfunden hat, dass er die Grundkraft des ganzen Weltalls ist.
[ 15 ] No matter how much your inclination might want to speak, no matter how much your enthusiasm might want to be stoked by the figure of “Siegfried with the Horn”—he thought to himself—that must not be; duty is supreme. Because he does not want to compromise his duty in the slightest, he throws the book into the water—as a seven-year-old boy! Thus, what would later become the fundamental tone of his relationship to the wider world was already alive in the boy: this interweaving of the human soul with the duty-driven will, which he later came to perceive as the fundamental force of the entire universe.
[ 16 ] Und zwei Jahre später, den neunjährigen Knaben Fichte, wir betrachten ihn zum Beispiel in Folgendem: Da hatte sich der Gutsnachbar aufgemacht — der später der Wohltäter Johann Gottlieb Fichtes geworden ist —, um die Predigt in dem Heimatort Johann Gottlieb Fichtes an einem Sonntag zu hören; aber dieser Gutsherr aus der Nachbarschaft war zu spät gekommen. Die Predigt war schon vorbei. Der Gutsnachbar war etwas traurig; er hätte die Predigt gern gehört. Und während man so sprach, verfiel man darauf, dass ein Knabe da lebte, der die Predigten so anzuhören versteht, obzwar er erst neun Jahre alt ist, dass er sie ganz treu zu wiederholen vermag. Man holt den jungen Johann Gottlieb Fichte; er trat auf in seinem blauen Bauernkittel, zuerst recht linkisch sich gebarend, dann ins Feuer kommend: die ganze Predigt wiederholend; aber nicht so sie wiederholend, dass er sie abraspelte ohne inneren Anteil, sondern so, dass man sah — und das wirkte, wie gesagt, so tief bedeutsam, dass der Gutsnachbar später der Wohltäter von Johann Gottlieb Fichte wurde —, sodass man sah: Diese ganze Knabenseele war verwoben mit jedem Worte, und mit dem, was in jedem Worte lebte, und konnte neu erweckt die ganze Predigt geben wie das eigene geistige Eigentum!
[ 16 ] And two years later, the nine-year-old boy Fichte—let us consider him, for example, in the following: The neighbor from the estate—who later became Johann Gottlieb Fichte’s benefactor—had set out to hear the sermon in Johann Gottlieb Fichte’s hometown one Sunday; but this neighboring landowner had arrived too late. The sermon was already over. The neighbor was a little sad; he would have liked to hear the sermon. And while they were talking about this, it occurred to them that there was a boy living there who knew how to listen to sermons so well—even though he was only nine years old—that he was able to repeat them faithfully. They went to fetch the young Johann Gottlieb Fichte; he stepped forward in his blue peasant smock, at first behaving rather awkwardly, then coming into his own: repeating the entire sermon; but not merely reciting it without inner feeling, but in such a way that one could see—and this, as mentioned, had such a profoundly significant effect that the neighboring landowner later became Johann Gottlieb Fichte’s benefactor—so that one could see: This entire boy’s soul was interwoven with every word, and with what lived within every word, and, reawakened, he was able to deliver the entire sermon as if it were his own spiritual creation!
[ 17 ] Dieses, die Umgebung, das Warum, das Beobachten zu verweben mit dem Innersten des eigenen Erlebens in der Seele, das ist das Charakteristische, das Johann Gottlieb Fichte immer als den Grundzug einer Bildung gerade deutscher Weltanschauung empfunden hat. Das lebte ganz fest in ihm, dass man nur dadurch, dass man dieses Innere erkraftet, dass man da das, was in tiefster Seele sitzt, erlebt; dass man nur dadurch auch erleben kann, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchlebt und durchwebt.
[ 17 ] Weaving this—the surroundings, the “why,” the act of observation—into the very core of one’s own inner experience in the soul: this is the defining characteristic that Johann Gottlieb Fichte always perceived as the fundamental trait of an education rooted in the specifically German worldview. He was deeply convinced that it is only by drawing strength from this inner self—by experiencing what lies in the deepest recesses of the soul—that one can also experience what, as the divine-spiritual, permeates and interweaves the world.
[ 18 ] So etwas lebte zum Beispiel in einem Grundzug, den uns der tiefsinnige Steffens erzählt, der ihn in Jena, als Fichte schon «Professor» war, selber mitgemacht hat. Da trat Johann Gottlieb Fichte vor seine Zuhörer und sagte: Zunächst, meine Herren Zuhörer, denken Sie die Wand! — Er wollte nicht bloß zu den Zuhörern sprechen so, dass er ihnen einen Inhalt mitteile, sondern er wollte ein lebendiges Band schaffen zwischen seiner Seele und der Seele der Zuhörer. Mittun sollten sie in einem geistigen Vorgang, den er unmittelbar sich abspielen ließ: Denken Sie an die Wand! — Nun, das konnten die Leute. Nachdem er sie eine Zeit lang an die Wand hatte denken lassen, da sagte er: So, nun denken Sie den, der die Wand gedacht hat! — Das verblüffte schon mehr; da waren sie nicht mehr so ganz drinnen in der Tätigkeit, die er von ihnen verlangte. Aber er wies unmittelbar darauf hin auf dieses In-der-Seele-Erfassen und -Ergreifen desjenigen, was in der Welt wirkt und lebt.
[ 18 ] Something like this was evident, for example, in a fundamental trait described to us by the profound Steffens, who himself experienced it in Jena when Fichte was already a “professor.” Johann Gottlieb Fichte stepped before his audience and said: “First of all, gentlemen, imagine the wall!” — He did not merely wish to speak to his audience in a way that conveyed content to them; rather, he sought to create a living bond between his soul and theirs. They were to participate in a mental process that he allowed to unfold before them: “Think of the wall!” — Well, the people could do that. After he had let them think of the wall for a while, he said: “Now, think of the one who conceived the wall!” — That was even more perplexing; they were no longer fully engaged in the activity he demanded of them. But he immediately pointed to this grasping and comprehending within the soul of that which acts and lives in the world.
[ 19 ] Daher war auch die ganze Art und Weise, wie Johann Gottlieb Fichte als Vortragender wirkte, eine ganz besondere. Leute, die ihn gehört haben, erzählen, wie seine Rede dahinfloss wie Donnerrollen, und wie sich die einzelnen Worte entluden wie Blitzesschläge. Ja, es wird uns erzählt, wie er so wirkte wie ein Mensch, der das übersinnliche Reich der Ideen nicht bloß bewohnt, sondern unmittelbar darinnen herrscht. Und dieses Wort haben seine treuen Zuhörer von ihm geprägt.
[ 19 ] That is why the entire manner in which Johann Gottlieb Fichte presented his lectures was so unique. People who heard him speak describe how his speech flowed like rolling thunder, and how individual words struck like flashes of lightning. Indeed, we are told that he came across as a person who not only inhabits the supersensible realm of ideas but also reigns directly within it. And it was his devoted listeners who coined this phrase to describe him.
[ 20 ] Es hat sich ja auch bei denen [bewahrt solch ein Wort]. Man kann verfolgen — wenn man einen Sinn dafür hat, die Geschichte auch in ihren intimeren Strömungen zu verfolgen —, man kann verfolgen, was aus Johann Gottlieb Fichtes Schülern geworden ist und wie sich bewahrt hat solch ein Wort. Da sagten Leute, die ihn verstanden: Er will nicht bloß gute Seelen erziehen, er will große Seelen erziehen!
[ 20 ] Such a saying has indeed been preserved among them as well. One can trace—if one has a knack for following history even in its more intimate currents—one can trace what became of Johann Gottlieb Fichte’s students and how such a phrase has been preserved. People who understood him said: He does not merely want to educate good souls; he wants to educate great souls!
[ 21 ] Das soll ungefähr die Tiefe des Wirkens bezeichnen, die Johann Gottlieb Fichte einschlug; denn wenn er vor seine Zuhörer hintrat, so war es ihm nicht eigentlich darum zu tun, dies oder jenes zu sagen, so war es ihm nicht bloß darum zu tun, dass die Zuhörer dieses oder jene Wort von ihm aufnahmen; er bereitete sich gar nicht vor auf den einzelnen Wortlaut, sondern er versuchte zu leben dasjenige, was er seinen Zuhörern nahebringen wollte — zu leben darinnen mit lebendigem, innerem Seelenanteil. Dann trat er vor seine Zuhörer hin. Und nicht war cs ihm, wie gesagt, darum zu tun, dass sie diese oder jene Worte aufnahmen, sondern dasjenige, was er erlebte, indem er in dem, was er sagte, vor allem das wollte: den Weltenwillen aussprechen, sodass in seinen Worten fortlebte der Weltenwille. Dass das an die Seelen der Zuhörer heranwellte und heranpulste, darum war es ihm zu tun, um diesen Willen, der so sich lebend drinnen fühlte in dem, was der Welt zugrunde liegt nach seiner Anschauung.
[ 21 ] This is meant to convey, roughly, the depth of the approach that Johann Gottlieb Fichte adopted; for when he stood before his audience, his aim was not really to say this or that, nor was it merely for the audience to take in this or that word from him; he did not prepare the exact wording at all, but rather sought to embody what he wished to convey to his audience—to live within it with a living, inner part of his soul. Then he stepped before his audience. And, as I said, his concern was not that they take in this or that word, but rather what he experienced by wanting, above all, to express the world’s will in what he said, so that the world’s will might live on in his words. His aim was for this to surge and pulse toward the souls of his listeners—to convey this Will, which, according to his view, felt so vividly alive within the very foundation of the world.
[ 22 ] Deshalb konnte er auch jene hinreißenden Töne finden für eine Charakteristik des deutschen Volkstums, die er gefunden hat in seinen «Reden an die deutsche Nation», die niemand versteht nach dem, was sie in ihrem Untergrund sind, der nicht vermag einzugehen auf die tiefen Nöte, aus denen sie hervorgequollen sind, in Bezug auf Fichtes Seele. Man kann sagen: Dasjenige, was der deutsche Geist der Welt zu sagen hatte: Durch Fichtes Persönlichkeit lebte es sich aus nach der Willensseite hin.
[ 22 ] That is why he was able to find those captivating words to characterize German national character—words he found in his “Addresses to the German Nation”—which no one can understand in their true essence unless they are able to grasp the profound hardships from which they sprang, as they relate to Fichte’s soul. One might say: What the German spirit had to say to the world—through Fichte’s personality, it found its full expression on the side of the will.
[ 23 ] Wenn wir die zweite Gestalt betrachten — die Gestalt dessen, der sich wie ein Folger an Fichte anschließt Schelling —, so erscheint uns wiederum eine ganz andere Seite des deutschen Wesens. Bei Fichte ist es so, wenn er spricht, als ob das Willenselement selber durch sein Wort rollte. So kam nicht Schelling seinen Zuhörern vor. Schon als er in Jena als ganz junger Professor vor seinen Zuhörern stand, ein Jüngling noch unter Jünglingen, spricht er — Schelling — bezaubernd, so wie vielleicht vorund nachher in dieser Art niemand gewirkt hat durch eine unmittelbar akademische Rede.
[ 23 ] When we consider the second figure—the figure of Schelling, who follows in Fichte’s footsteps—we again see a completely different side of the German character. With Fichte, it is as if the element of will itself were rolling through his words when he speaks. This was not how Schelling appeared to his listeners. Even when he stood before his audience in Jena as a very young professor—a young man among young men—he—Schelling—spoke captivatingly, in a way that perhaps no one before or since has ever achieved through a strictly academic discourse.
[ 24 ] Warum wirkt Schelling so? Kann man bei Fichte sagen, dass dasjenige, was er der Welt sagte, im Willen lebte — bei Schelling lebt alles aus dem Gemüte heraus, aus jenem Gemüte, für das ja nur die deutsche Sprache ein Wort hat, aus jenem Gemüt, das in Liebe überzeugen will, auch wenn es erkennt, das in Liebe untertauchen will in die zu erreichenden Dinge. So fließt für Schelling zusammen dasjenige, was Naturdasein ist, in das er sich mit Liebe so vertiefen will, dass ihm diese ganze Natur wird wie das äußere Antlitz seines verborgenen Geisteslebens, Geist in der Natur. So weit ging er, dass er das einseitige Wort aussprechen konnte, Schelling: «Die Natur erkennen heißt, die Natur schaffen.» Gewiss ein einseitiges, in dieser Einseitigkeit ganz unwahres Wort; aber es weist uns gerade auf das Wesentliche bei ihm, Schelling, auf dieses Schaffen und Weben des Geistes, der hinter der Natur lebt, und in dem sich der Menschengeist selber erfassen will, um sich eins zu wissen mit allem Natur- und mit allem Geist-Dasein.
[ 24 ] Why does Schelling have this effect? While one might say of Fichte that what he communicated to the world lived in the will—with Schelling, everything springs from the mind, from that mind for which only the German language has a word, from that mind that seeks to convince through love, even as it recognizes that it wishes to immerse itself in love in the things to be attained. Thus, for Schelling, what constitutes natural existence—into which he seeks to immerse himself with love—converges in such a way that all of nature becomes for him like the outward face of his hidden spiritual life: spirit in nature. He went so far as to utter this one-sided statement: “To know nature is to create nature.” Certainly a one-sided statement, and in this one-sidedness entirely untrue; but it points us precisely to what is essential in Schelling—to this creating and weaving of the spirit that lives behind nature, and in which the human spirit seeks to grasp itself in order to know itself as one with all of nature and all of spiritual existence.
[ 25 ] Weil er so wirkte, so kam er vor seinen Zuhörern wie ein seherisch Schauender, sodass, während er sprach, Schelling, die Geistigkeit, von der er sprach, die ihn umfloss, hineintragen konnte. Während Fichte den Willen übermittelt, wird es bei Schelling so, wie wenn er als Seher gesprochen hätte und unmittelbar das sagte, was er schaute, während er es sagte.
[ 25 ] Because he had such an effect, he appeared to his listeners as one who saw with clairvoyant insight, so that, while he spoke, Schelling—the spirituality of which he spoke—could flow around him and carry him away. While Fichte conveys the will, with Schelling it is as if he were speaking as a seer, directly expressing what he beheld as he spoke.
[ 26 ] Man lernt solche Dinge doch am ehesten — ich möchte sagen — aus der unmittelbaren, überlieferten Anschauung. Daher gestatten Sie mir, dass ich den Eindruck, den ein wirklich tiefer Geist, der Schellings Freund und zuerst Zuhörer war — Schubert —, von ihm hatte; denn es ist schon gut, sich also unmittelbar hineinzuversetzen in das, was in einer bestimmten Zeit deutscher geistiger Entwicklung sich zugetragen hat.
[ 26 ] One learns such things best—I would say—from direct, traditional observation. Therefore, allow me to share the impression that a truly profound mind—Schelling’s friend and first listener, Schubert—had of him; for it is indeed good to immerse oneself directly in what took place during a specific period of German intellectual development.
«Was war es»
“What was it?”
[ 27 ] sagt Gotthilf Heinrich Schubert —
[ 27 ] says Gotthilf Heinrich Schubert —
«das Jünglinge wie gereifte Männer von ferne und nahe so mächtig zu Schellings Vorlesungen hinzog? War es nur die Persönlichkeit des Mannes oder der eigentümliche Reiz seines mündlichen Vortrags, darin diese anziehende Kraft lag?»
“What was it that drew young men and mature men alike, from near and far, so powerfully to Schelling’s lectures? Was it merely the man’s personality, or the unique charm of his oral presentation, that held this power of attraction?”
[ 28 ] Das war es nicht allein.
[ 28 ] That wasn't all.
«In seinem lebendigen Worte lag»
“In his lively words lay”
[ 29 ] allerdings
[ 29 ] however
«eine hinnehmende Kraft, welcher, wo sie nur einige Empfänglichkeit traf, keine der jungen Seelen sich erwehren konnte. Es möchte schwer sein, einem Leser unserer Zeit»
“a compelling force that, wherever it encountered even a modicum of receptivity, none of the young souls could resist. It would be difficult for a reader of our time”
[ 30 ] Schubert schreibt 1854 nieder, was er in den Neunzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts mit Schelling erlebt hatte
[ 30 ] In 1854, Schubert wrote down his experiences with Schelling in the 1790s
«der nicht wie ich jugendlich teilnehmender Hörer war, es begreiflich zu machen, wie es mir, wenn Schelling zu uns sprach, öfters so zu Mute wurde, als ob ich Dante, den Seher einer nur dem geweihten Auge geöffneten Jenseitswelt, läse oder hörte. Der mächtige Inhalt, der in seiner, wie mit mathematischer Schärfe im Lapidarstile abgemessenen Rede lag, erschien mir wie ein gebundener Prometheus, dessen Bande zu lösen und aus dessen Hand das unverlöschende Feuer zu empfangen, die Aufgabe des verstehenden Geistes ist.»
“who, unlike me—a young, enthusiastic listener—could not grasp how, whenever Schelling spoke to us, I often felt as though I were reading or hearing Dante, the seer of an otherworldly realm open only to the consecrated eye.” The powerful content contained in his speech—measured out with mathematical precision in a lapidary style—seemed to me like a bound Prometheus, whose bonds it is the task of the understanding mind to loosen and from whose hand to receive the inextinguishable fire.”
[ 31 ] Das muss alles zauberhaft gewesen sein. Ich selbst habe noch Leute gekannt, Menschen kennengelernt, die Schelling zugehört haben, als er schon ein alter Mann war [...] da er das, was er wie ein Scher der geistigen Welten aussprach, heranbrachte an seine Zuhörer so, sodass es — wie die Leute sagen, die ihn dazumal gesehen und gekannt haben —, dass er nicht nur zu ihnen sprach, sondern dass seine Worte, wie er sie mitteilen wollte, wie aus seinen Augen zu ihnen fluteten. Das war noch im Alter der Fall; wie musste der Jüngling gewesen sein! — Dann sagt Schubert:
[ 31 ] It must all have been enchanting. I myself knew people—I met people—who had listened to Schelling when he was already an old man [...] because he conveyed to his listeners what he expressed—like a gleam from the spiritual worlds—in such a way that — as the people who saw and knew him back then say — it was not merely that he spoke to them, but that his words, just as he intended to convey them, seemed to pour out of his eyes toward them. That was still the case in his old age; just imagine what he must have been like as a young man! — Then Schubert says:
«Aber weder die Persönlichkeit noch die belebende Kraft der mündlichen Mitteilung konnten es allein sein, welche für die Schelling’sche Philosophie alsbald nach ihrem öffentlichen Kundwerden durch Schriften eine Teilnahme und eine Aufregung für oder wider ihre Richtung hervorriefen, wie dies vor und nachher in langer Zeit keine andere literarische Erscheinung ähnlicher Art vermocht hat. ... Man wird es da, wo sich’s um sinnlich wahrnehmbare Dinge oder natürliche Erscheinungen handelt, einem Lehrer oder Schriftsteller sogleich anmerken, ob er aus eigener Anschauung und Erfahrung»
“But neither the personality nor the inspiring power of oral communication alone could have been what, shortly after Schelling’s philosophy became publicly known through his writings, aroused such interest and excitement—both in favor of and against its direction—as no other literary phenomenon of a similar kind has been able to do before or since over a long period of time. ... When it comes to things perceptible to the senses or natural phenomena, one can immediately tell whether a teacher or writer draws upon his own observation and experience”
[ 32 ] aus der geistigen Welt heraus
[ 32 ] from the spiritual world
«spricht oder bloß von dem redet, was er von andern gehört, ja nach eigener selbstgemachter Vorstellung sich aus gedacht hat ...»
“speaks or merely talks about what he has heard from others, or even what he has imagined based on his own self-made ideas ...”
[ 33 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, man darf heute wohl sagen schon, dass es eine kindliche Weltauffassung wäre, zu glauben, wenn man solche Geister schilderte, so wollte man verlangen, zu Anhängern oder zu Gegnern zu sprechen. Auf Anhängerschaft und Gegnerschaft kommt es bei solchen Dingen nicht an. Man braucht kein einziges Wort, das Fichte oder Schelling geschrieben oder gesprochen haben, zu unterschreiben, oder man braucht keines einzigen Wortes Gegner zu sein. Auf den Inhalt kommt es dabei weniger an. Der Inhalt der Weltanschauungen ist in lebendiger Entwicklung.
[ 33 ] Well, ladies and gentlemen, I think we can safely say today that it would be a childish view of the world to believe that, when describing such minds, one would expect to be addressing either supporters or opponents. Supporters and opponents are irrelevant in such matters. One need not endorse a single word that Fichte or Schelling wrote or spoke, nor does one need to oppose a single word. The content is of lesser importance here. The content of worldviews is in a state of living development.
[ 34 ] Wir werden insbesondere von seiner lebendigen Entwicklung, und was es mit diesen Inhalten für eine Bewandtnis hat, übermorgen einiges zu besprechen haben. Nicht um das oder jenes, was Fichte oder Schelling vertreten haben, etwa hier auch zu vertreten, ist es zu tun, sondern um das Leben der Persönlichkeiten anzuschauen — anzuschauen, wie sie drinnen standen im ganzen deutschen Geistesleben.
[ 34 ] In particular, the day after tomorrow we will have some discussion about its dynamic development and what these concepts are all about. The point is not to advocate here for this or that idea that Fichte or Schelling held, but rather to examine the lives of these figures—to see how they were situated within the broader context of German intellectual life.
[ 35 ] Es ist etwas ungeheuer Bedeutsames, wenn solche Geister versuchen zu erkennen das, was Natur ist, und was auch geschichtliches Leben ist; sodass sie — wie Fichte das selber ganz bewusst war —, sodass sie das, was um sie ist, lebendig erfassen, mit ihrem eigenen Erkennen untertauchen in die Dinge. Und das war es, wonach diese Geister strebten.
[ 35 ] It is something of immense significance when such minds attempt to discern what nature is and what historical life is; so that—as Fichte himself was fully aware—they grasp what surrounds them in a living way, immersing themselves in things through their own understanding. And that was what these minds were striving for.
[ 36 ] Dadurch aber — und man braucht da wirklich nicht aus engherzigem nationalem Empfinden heraus zu sprechen, sondern man kann ganz aus dem Tatsächlichen heraus sprechen; wie gesagt — brauchen wir nicht in den Ton zu verfallen, in den unsere Feinde heute verfallen! Darinnen zeigt sich, wie es auch Fichte betont hat, das Leben in der deutschen Weltanschauung gegenüber — sagen wir zum Beispiel — der westeuropäischen, der französischen oder der britischen Weltanschauung.
[ 36 ] But because of this—and there is really no need to speak from a narrow-minded sense of nationalism here; rather, one can speak entirely on the basis of facts; as I said—we need not resort to the tone that our enemies resort to today! This illustrates, as Fichte also emphasized, the vitality of the German worldview in contrast to—let us say, for example—the Western European, French, or British worldview.
[ 37 ] Ich habe das letzte Mal hingewiesen darauf, welch ein gewaltiger Unterschied herrscht zwischen dieser Art Fichtes und Schellings und — man mag sie noch so sehr bekämpfen ihrem Inhalte nach —, [welch ein gewaltiger Unterschied herrscht] zwischen dieser Art Fichtes und Schellings, einzudringen in die Untergründe der Dinge, da, wo die ganze Außenwelt lebt, und in der Erkenntnis selber Leben gewinnt, zu dem, was Fichte die tote Weltanschauung, die Weltanschauung des Unlebendigen bei den westeuropäischen Geistern [nennt; wo die Welt] des Unlebendigen ihren Anfang nimmt, sagen wir, innerhalb des französischen Volkstums im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts bei Descartes oder Cartesius. Dann aber entwickelt sie sich weiter, und man findet sie ganz besonders bedeutsam ausgeprägt kurze Zeit, vor Fichte und Schelling also, wie es geschildert worden ist, vor ihr deutsches Volk hintraten, man findet sie drüben in Frankreich diese Weltanschauung des Toten, des bloß auf das Materielle und auf das Mechanische hin Gerichteten; man findet sie zum Beispiel bei de La Mettrie ausgedrückt.
[ 37 ] Last time, I pointed out what an enormous difference there is between this approach of Fichte’s and Schelling’s and—no matter how much one may oppose their content—[what an enormous difference there is] between this approach of Fichte’s and Schelling’s in penetrating to the depths of things, where the entire external world lives, and where knowledge itself gains life—to what Fichte calls the “dead worldview,” the worldview of the inanimate among Western European thinkers [; where the world] of the inanimate takes its beginning, let us say, within French culture at the beginning of the seventeenth century with Descartes or Cartesius. But then it develops further, and one finds it expressed in a particularly significant way for a short time—before Fichte and Schelling, as has been described, before the German people stepped forward—one finds it over there in France, this worldview of the dead, oriented solely toward the material and the mechanical; one finds it expressed, for example, in de La Mettrie.
[ 38 ] Es soll damit nicht diese Weltanschauung, wie sie sich zum Beispiel bei de La Mettrie findet — bei diesem Vater des Materialismus, des neueren Materialismus —, sie soll nicht bekämpft werden; es soll nur hingewiesen werden, wie gerade das französische Volkstum im Gegensatz zu deutschem Volkstum, in das Tote, Mechanistische, geht. Wir sehen das bei Descartes, bei Cartesius, schon darinnen, dass für ihn nicht nur die Mineralien, die Pflanzen, sondern auch die Tiere bloß bewegte Maschinen sind. Für de La Mettrie wird endlich die Welt das, was er niederlegen konnte in seinem Buch: «Der Mensch eine Maschine».
[ 38 ] The intention here is not to oppose this worldview, as found, for example, in de La Mettrie—this “father of materialism,” of modern materialism—; the aim is merely to point out how French folk culture, in contrast to German folk culture, tends toward the lifeless and the mechanistic. We see this in Descartes, in Cartesius, already in the fact that for him not only minerals and plants, but also animals are merely moving machines. For de La Mettrie, the world ultimately becomes what he was able to set forth in his book: “Man a Machine.”
[ 39 ] Nun, selbstverständlich, sehr verehrte Anwesend, ist leicht bei jedem Volke Materialistisches und Spiritualistisches zu finden und so weiter. Aber ich bin mir klar darüber, dass ich nicht diesem bequemen Ausdrucksmittel folge, sondern, dass ich gerade das Charakteristische, das mit dem Volkstum zusammenhängt, heraushebe, und dass für das deutsche Volkstum Fichte und Schelling in ihrem Streben — wenn auch vielleicht nicht in ihrem Sinnen, wie wir gleich nachher sehen werden — so charakteristisch, so bedeutsam sind wie de La Mettrie — das ließe sich im Einzelnen beweisen — für das französische Volkstum.
[ 39 ] Well, of course, ladies and gentlemen, it is easy to find materialistic and spiritualistic elements in every people, and so on. But I am well aware that I am not resorting to this convenient form of expression, but rather that I am highlighting precisely those characteristics that are connected to the national character, and that for German national character, Fichte and Schelling, in their aspirations—though perhaps not in their intentions, as we shall see shortly—are just as characteristic and significant as de La Mettrie—which could be proven in detail—is for French national character.
[ 40 ] Da wird alles so erklärt — es ist ja berechtigt, weil selbstverständlich —, da wird alles so erklärt, dass man sieht, wie der Mensch abhängig ist von dem auch, was materiell in ihm wirkt.
[ 40 ] Everything is explained in such a way—and rightly so, since it goes without saying—that one can see how human beings are dependent even on the material forces at work within them.
[ 41 ] Zu sonderbaren Behauptungen kommt ja de La Mettrie, wenn er beweisen will, wie alles dasjenige, was ist, abhängig ist von dem, was durch das Essen aufgenommen wird. Vielleicht ist es doch nicht ganz unnötig, auf eine Stelle in dem Buche von de La Mettrie — «Der Mensch eine Maschine» — aufmerksam zu machen, auf diese Stelle im Buche des Franzosen de La Mettrie gerade in unserer Gegenwart hinzuweisen. Wir brauchen ja diese Stelle selbstverständlich nicht in der Art, wie sie hier angeführt wird, zu unterschreiben. Wir wollen nicht so Furchtbares denken von einer Nation, die jetzt auch mit uns in Kriegsfeindschaft lebt, wie dazumal der Franzose de La Mettrie gedacht hat. Aber interessant ist es doch vielleicht, anzuführen, was er sagt, um zu beweisen, wie eine ganze Nation dadurch, dass sie ihr Essen in einer bestimmten Weise hält, zu ganz bestimmten, auch seelisch-geistigen Eigenschaften kommt, und dadurch ableiten will die Abhängigkeit der Seele, des Geistes einer ganzen Nation von dem, was materiell durch Essen und Trinken aufgenommen wird. Da sagt also de La Mettrie in dem Buche «Der Mensch eine Maschine»:
[ 41 ] De La Mettrie does indeed make some strange claims when he attempts to prove that everything that exists depends on what is ingested through food. Perhaps it is not entirely unnecessary, after all, to draw attention to a passage in de La Mettrie’s book— *Man a Machine*—and to highlight this passage from the Frenchman de La Mettrie’s book, especially in our current context. Of course, we do not need to endorse this passage in the manner in which it is cited here. We do not wish to think such terrible things about a nation that is currently at war with us, as the Frenchman de La Mettrie did back then. But it may nevertheless be interesting to quote what he says in order to demonstrate how an entire nation, by consuming its food in a certain way, acquires very specific qualities—including psychological and spiritual ones—and through this, he seeks to deduce the dependence of the soul and spirit of an entire nation on what is taken in materially through eating and drinking. So de La Mettrie says in his book *Man a Machine*:
«Das rohe Fleisch macht die Tiere wild; die Menschen würden es durch gleiche Nahrung werden. Wie wahr das ist, sieht man darin, dass die englische Nation, die das Fleisch weniger kocht wie wir, es ganz roh und blutig isst, eine größere Wildheit zeigt, die zum Teil durch jene Nahrungsmittel hervorgebracht wird, zum Teil freilich auch durch andere Ursachen, welche nur die Erziehung unterdrücken kann. Diese Wildheit bringt in der Seele Hochmut, Hass, Verachtung anderer Nationen, Unlenksamkeit und andere Gefühle hervor, die den Charakter verderben, wie die groben Nahrungsmittel einen schwerfälligen und plumpen Geist bei einem Volke erzeugen, dessen Haupteigenschaften Faulheit und Stumpfsinn sind.»
“Raw meat makes animals wild; humans would become so if they ate the same food. Just how true this is can be seen in the fact that the English nation, which cooks meat less than we do and eats it completely raw and bloody, exhibits greater savagery—a trait produced in part by that diet, and in part, of course, by other causes that only education can suppress. This savagery gives rise in the soul to arrogance, hatred, contempt for other nations, unruliness, and other feelings that corrupt the character, just as coarse food produces a sluggish and dull mind in a people whose main characteristics are laziness and stupidity.”
[ 42 ] Wie gesagt: Wir haben nicht nötig, dieses harte Urteil eines Franzosen über die Engländer zu unterschreiben; aber es ist vielleicht interessant, daran zu erinnern gerade in unserer Zeit, wo so vieles andere heute gehört wird, in anderen Richtungen sich bewegt von dieser Seite her gegenüber den heutigen englischen Bundesgenossen.
[ 42 ] As I said: We have no need to endorse this harsh judgment of the English made by a Frenchman; but it may be interesting to recall this, especially in our time, when so many other things are being said and trends are moving in different directions from this perspective toward our current English allies.
[ 43 ] Der Dritte, sehr verehrte Anwesende, auf den aufmerksam gemacht werden muss, weil die dritte Seite des deutschen Wesens durch ihn spricht — und des Seelenwesens überhaupt —, das ist Hegel.
[ 43 ] The third figure, esteemed audience, whom we must draw your attention to—because he embodies the third aspect of the German spirit—and of the spiritual essence in general—is Hegel.
[ 44 ] Gewiss, wenn heute von Fichte, Schelling und Hegel gesprochen wird, da wird jedem zunächst einfallen: Ja, aber man kann nun doch wirklich nicht verlangen, dass die Menschen sich mit Fichte, Schelling und Hegel befassen! Und die meisten werden ja auch gleich, wenn sie ein Buch aufschlagen, es wieder zuschlagen, weil sie es zu schwierig finden.
[ 44 ] Certainly, when people talk about Fichte, Schelling, and Hegel today, the first thing that comes to everyone’s mind is: “Yes, but you really can’t expect people to study Fichte, Schelling, and Hegel!” And most people, in fact, will close a book as soon as they open it because they find it too difficult.
[ 45 ] Aber, sehr verehrte Anwesende, wer die intimeren Seiten des geistigen Lebens kennt, der wird mir nicht ganz unrecht geben, wenn ich sage: Es wird eine Zeit kommen, wo man diese drei Geister in ihrem Streben so erfassen wird, dass man sie anschaulich darzustellen weiß in der neueren Zeit, dass das Wesentliche — was allerdings bei ihnen erst auftreten musste in einer schwer verständlichen Sprache, für jeden auch verständlich sein kann. Und dieser Schatz, der in diesen drei Geistern liegt, er wird noch einmal für jedes deutsche Kind fruchtbar werden, fruchtbar werden, wenn man nicht mehr zu lässig und zu faul sein wird, um sich in die größten Geistesschätze zu vertiefen.
[ 45 ] But, distinguished guests, anyone who is familiar with the more intimate aspects of spiritual life will not entirely disagree with me when I say: A time will come when people will grasp these three spirits in their striving to such an extent that they will be able to vividly portray them in the modern era, so that the essence—which, admittedly, had to first emerge in a language that was difficult to understand—will become comprehensible to everyone. And this treasure, which lies within these three thinkers, will once again bear fruit for every German child—bear fruit—provided that people are no longer too casual or too lazy to immerse themselves in the greatest treasures of the spirit.
[ 46 ] Der Dritte, wie gesagt, ist Hegel. Wenn bei Fichte der Wille es ist, in dem er sucht dasjenige, was durch die ganze Welt webt und west; [wenn] bei Schelling das Gemüt es war, indem gesucht wird die Liebe, die alles Äußere in Lebendigkeit erkennen kann — so ist bei Hegel vorliegend die Überzeugung, dass der Mensch, wenn er zu dem Gedanken aufsteigt, der nicht von der Sinnlichkeit durchdrungen ist, wenn er aufsteigt, der Mensch, zu dem sinnlichkeitsfreien Gedanken, und diesen sinnlichkeitsfreien Gedanken in sich wachsen und leben lässt, dass dieser Gedanke den die Seele nunmehr in sich selber erlebt, ein Strömen in der Seele ist, in dem die göttlich-geistigen Gedanken, aus denen heraus das Weltenall selber geschaffen ist, wirken und weben. In der Seele wirkt das göttliche Sein, indem die Seele sinnlichkeitsfrei denkt.
[ 46 ] The third, as mentioned, is Hegel. Whereas for Fichte it is the will in which he seeks that which weaves and flows through the entire world; [whereas] for Schelling it was the spirit, through which one seeks the love capable of recognizing all that is external as living—so for Hegel, the conviction is that when human beings rise to a thought that is not permeated by sensibility, when they rise humanity, to the thought free from sensibility, and allows this thought free from sensibility to grow and live within itself—that this thought, which the soul now experiences within itself, is a flow within the soul in which the divine-spiritual thoughts, out of which the entire universe itself is created, act and weave. Divine Being acts within the soul as the soul thinks free from sensibility.
[ 47 ] Mag das falsch sein dem Inhalte nach — und Sie können in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» das Genauere darüber nachlesen —, mag das dem Inhalte nach falsch sein: Es liegt zugrunde dem etwas Bedeutsames, das wiederum zusammenklingt mit dem innigsten Zug deutschen Geisteslebens: Mystik als Streben, aber keine Mystik, die im Dunklen, Verworrenen die Weltenrätsel zu lösen versucht, die ablehnen will alle Unklarheit, wie so häufig es die Mystik will, die dilettantische Mystik nämlich, die verworrene Mystik, von der wir übermorgen etwas sprechen wollen. Das Streben [Hegels] ist mystisch, nämlich: die Seele zu vereinen mit dem Weltenweben selber. Aber das Ziel ist, dieses mystische Erleben zu erreichen nicht in einem dunklen Gefühls-Chaos oder in einem dunklen inneren visionären Chaos; sondern in voller Klarheit der Ideenwelt, in allgeistiger Klarheit der Ideenwelt.
[ 47 ] Even if this is incorrect in terms of content—and you can read more about it in my book *The Riddles of Philosophy*—even if it is incorrect in terms of content: there is something significant underlying it, which in turn resonates with the most intimate trait of German intellectual life: Mysticism as a striving, but not a mysticism that attempts to solve the world’s riddles in darkness and confusion, that seeks to reject all ambiguity—as is so often the case with mysticism, namely dilettantish mysticism, the confused mysticism we intend to discuss the day after tomorrow. [Hegel’s] striving is mystical, namely: to unite the soul with the very fabric of the world itself. But the goal is to attain this mystical experience not in a dark chaos of feelings or in a dark, inner, visionary chaos, but in the full clarity of the world of ideas, in the wholly spiritual clarity of the world of ideas.
[ 48 ] Und dieses mystische Verbinden in Klarheit, das ist einer der tiefsten Züge des deutschen Wesens. Man schreckt fast davor zurück, solch einen Zusammenhang des deutschen Wesens als Deutscher selbst zu finden, seine Bedeutung für das deutsche Wesen hervorzuheben. Deshalb lassen Sie mich eines anderen Charakteristik des deutschen Wesens einmal vor Ihnen vorbringen, sehr verehrte Anwesende. Da sagt jemand 1877, der es sich in seinem «Tagebuch» notiert:
[ 48 ] And this mystical union in clarity—that is one of the deepest traits of the German character. As a German myself, one almost hesitates to identify such a connection within the German character or to emphasize its significance for the German character. Therefore, let me present another characteristic of the German character to you, distinguished audience. In 1877, someone wrote the following in his “Diary”:
«Vielleicht ist nur dem germanischen Geist das Bedürfnis eigen, aus sich selbst heraus zu denken, nach dem Urgrund der Dinge zu forschen. Die Slawen und Romanen stehen stärker unter der Herrschaft der Konvention, der Überlieferung, der Sitte, des Vorurteils, der Mode; und wenn sie sie durchbrechen, so geschieht es als Aufruhr und Empörung, ohne deshalb aus sich selbst heraus das den Dingen immanente Gesetz zu erkennen, ihren wahren Maßstab, nicht den geschriebenen, willkürlichen, hineinverlegten. Der Deutsche will bis zur Natur vordringen; der Franzose, der Spanier, der Russe bleibt bei der Konvention stehen.»
“Perhaps it is unique to the Germanic spirit to think independently, to search for the origin of things. The Slavs and Romance peoples are more strongly subject to convention, tradition, custom, prejudice, and fashion; and when they break free from these, it happens as an uprising and rebellion, without thereby recognizing from within themselves the law inherent in things—their true standard, not the written, arbitrary one imposed upon them. The German seeks to penetrate to the very essence of nature; the Frenchman, the Spaniard, and the Russian stop at convention.”
[ 49 ] Damit man mir nicht den Vorwurf machen kann, ich charakterisiere aus einseitig nationalem Fühlen heraus, bringe ich Ihnen diese Charakteristik, die aus schmerzdurchwühlter Seele heraus geschrieben ist, vor, und die — sehr verehrte [Anwesende] —, kein Deutscher niedergeschrieben hat, sondern der französische Schweizer Amiel, 1877! Ich denke, es ziemt uns besser nachzusehen gerade bei den anderen, die vielleicht mehr Berechtigung noch haben aus ihrem Empfinden und aus ihrem Beobachten heraus, sich über die Beziehung des deutschen Geistes zu den anderen Volksgeistern Europas auszusprechen. Und derselbe Amiel schrieb sich 1875 in sein «Tagebuch» in Genf:
[ 49 ] So that no one can accuse me of characterizing things based on a one-sided nationalist sentiment, I present to you this characterization, which was written from a soul torn by pain, and which—dear [those present]—was not written by a German, but by the French-speaking Swiss Amiel, in 1877! I think it is more fitting for us to look to others, who may have even greater justification, based on their own feelings and observations, to speak about the relationship between the German spirit and the spirits of other European nations. And this same Amiel wrote in his “Diary” in Geneva in 1875:
«Durst nach Wahrheit ist keine französische Leidenschaft. Mehr als das Wesen gilt der Schein, die Schale mehr als der Kern, die Form mehr als der Stoff, Glänzendes mehr als Fruchtbares, die öffentliche Meinung mehr als das Gewissen.»
“The thirst for truth is not a French passion. Appearance matters more than substance, the shell more than the core, form more than content, the glittering more than the fruitful, public opinion more than conscience.”
[ 50 ] So schreibt der französische Schweizer; wie gesagt, als Deutscher würde ich es nicht unmittelbar sagen.
[ 50 ] That is how a French-speaking Swiss person would write it; as I said, as a German, I wouldn't say it that way off the top of my head.
«Mehr als das Wesen gilt der Schein, die Schale mehr als der Kern, die Form mehr als der Stoff, Glänzendes mehr als Fruchtbares, die öffentliche Meinung mehr als das Gewissen. Das bedeutet, dass der Schwerpunkt des Franzosen nicht in ihm selbst liegt, sondern in den anderen, in der großen Menge. Individuen sind Nullen; die Ziffer, die sie zur Zahl gestaltet, kommt von außen dazu: Das ist der Souverän, der Schriftsteller des Tages, die gelesenste Zeitung, mit einem Worte der augenblickliche Herr der Mode. All das lässt sich aus einer übertriebenen Geselligkeit ableiten, sie erstickt in der Seele den Mut, Widerstand zu leisten, die Urreilsfähigkeit, die persönliche Überzeugung, den Kultus des Ideals.»
“Appearance matters more than substance, the shell more than the core, form more than content, the glittering more than the fruitful, public opinion more than conscience. This means that the Frenchman’s focus does not lie within himself, but in others, in the masses. Individuals are zeros; the digit that turns them into a number comes from outside: That is the sovereign, the writer of the day, the most widely read newspaper—in a word, the current master of fashion. All of this can be traced back to an exaggerated sociability, which stifles within the soul the courage to resist, the capacity for independent judgment, personal conviction, and the cult of the ideal.”
[ 51 ] So der Franzose Amiel über dasjenige, was ihm aufgefallen ist, allerdings ein Franzose, der deutsches Geistesleben kennengelernt hat. Sagt er doch selber, Amiel, schon 1862:
[ 51 ] So says the Frenchman Amiel about what struck him—though he is a Frenchman who became acquainted with German intellectual life. Indeed, Amiel himself said as early as 1862:
«Ich empfinde Gemeinsames mit einem Goethe, Hegel, Schleiermacher, Leibniz, die unter sich doch verschieden genug sind, während mich die französischen Philosophen, Schönredner oder Mathematiker trotz ihrer großen Eigenschaften kaltlassen, weil sie die Summe allgemeinen Lebens nicht in sich tragen, nicht die ganze Wirklichkeit beherrschen, mich knebeln oder misstrauisch machen. Was den Franzosen fehlt, ist unmittelbare Erkenntnis der lebendigen Einheit, Sinn für das Heilige, Gefühl für die Geheimnisse des Seins; was ihnen eignet ist die Begründung von Spezialwissenschaften, die Kunst, ein Buch zu machen, es ist Stil, Höflichkeit, Grazie, Geist der Ordnung, lehrhafte Kunst, Disziplin, Eleganz, Wahrheit im Einzelnen, Inszenierung, Bekehrungseifer, Stärke in praktischen Schlussfolgerungen. Aber für den Weg durch Inferno und Paradies bedarf man anderer Führer; sie haften auf der Erde, in der Region des Endlichen, Wechselnden, Historischen, Begrenzten. Mechanismus und Dualismus sind die Gipfelpunkte ihres Gedankenfluges. Um aus diesem Kreis heraustreten zu können, müssen sie sich Gewalt antun.»
“I feel a kinship with Goethe, Hegel, Schleiermacher, and Leibniz—who are, after all, quite different from one another—while the French philosophers, eloquent orators, or mathematicians, despite their great qualities, leave me cold, because they do not embody the sum total of general life, do not master the whole of reality, and either stifle me or make me distrustful. What the French lack is an immediate understanding of living unity, a sense of the sacred, a feeling for the mysteries of being; what they excel at is the establishment of specialized sciences, the art of writing a book, it is style, courtesy, grace, a spirit of order, didactic art, discipline, elegance, truth in the particular, staging, zeal for conversion, and strength in practical conclusions. But for the journey through Inferno and Paradise, one needs other guides; they are rooted in the earth, in the realm of the finite, the changing, the historical, the limited. Mechanism and dualism are the pinnacles of their flight of thought. To break out of this circle, they must exert force upon themselves.”
[ 52 ] In derselben Weise könnte man für andere westeuropäische Kulturen verfahren. Doch wichtiger ist es, einmal hinzusehen auf diese drei Geister, die eine deutsche Weltanschauung geschaffen haben, die wie der Hintergrund dasteht zu dem, was deutsches Geistesleben in Goethe, Schiller, Lessing, Herder und in den anderen zu ihnen Gehörigen, hervorgebracht hat als eine Blüte des geistigen Menschheitserlebens, die sich nur vergleichen lässt mit der Blüte, die im alten Griechentum vorhanden war. Wenn man aber gerade Fichte, Schelling, Hegel betrachtet, wenn man sie so im Zusammenhang betrachter, dann hat man ein besonderes Gefühl; man kann meinen, es spricht noch etwas ganz anderes, was in ihnen allen Dreien lebt, ein Höheres, als in jeder einzelnen Persönlichkeit zum Ausdruck kommt. Man spricht mehr als ein Bild aus, indem man diese Empfindung ausspricht: Wie durch diese drei Persönlichkeiten spricht sich der deutsche Volksgeist selber aus. Und das ist vielleicht die Lösung eines Rätsels, die uns auftauchen muss, wenn wir das, an diese drei Persönlichkeiten sich anschließende, allerdings vielfach verklungene und vergessene deutsche Geistesleben betrachten, auf das ich jetzt hinweisen will in einigen charakteristischen Strichen.
[ 52 ] One could proceed in the same way with other Western European cultures. But it is more important to take a closer look at these three thinkers, who created a German worldview that serves as the backdrop to what German intellectual life—in Goethe, Schiller, Lessing, Herder, and others of their ilk—has produced as a flowering of humanity’s spiritual experience, comparable only to the flowering that existed in ancient Greece. But when one considers Fichte, Schelling, and Hegel in particular—when one views them in this context—one is overcome by a special feeling; one might think that something entirely different, something higher than what is expressed in each individual personality, still speaks through all three of them. One conveys more than a mere image by expressing this feeling: how the German national spirit expresses itself through these three personalities. And this is perhaps the solution to a riddle that must present itself to us when we consider the German intellectual life associated with these three personalities—a life that has indeed largely faded away and been forgotten—to which I now wish to draw attention in a few characteristic strokes.
[ 53 ] Da erleben wir etwas ganz Besonderes. Es treten auf innerhalb einer mehr oder weniger verklungenen, vergessenen Strömung des deutschen Geisteslebens durch das ganze neunzehnte Jahrhundert herein bis in unsere Tage — nur hat man sich wenig mit diesem verklungenen Ton bis jetzt befasst —, es treten auf Geister, die in Bezug auf ihre geistige Verfassung, in Bezug auf den Umfang desjenigen, was sie wissen und können, in Bezug auf den Umfang ihres Genies, weit unter den Tonangebern Fichte, Schelling und Hegel stehen, die aber merkwürdigerweise, wenn man auf dasjenige, was heute durch Geisteswissenschaft angestrebt werden muss, sieht, die merkwürdigerweise Größeres geschaffen haben mehr der Geisteswissenschaft noch Entsprechendes geschaffen haben als die großen Anreger: Fichte, Schelling, Hegel.
[ 53 ] Here we witness something quite special. They emerge from a more or less faded, forgotten current of German intellectual life that stretched throughout the nineteenth century and continues to the present day—though little attention has been paid to this faded current until now— there emerge minds who, in terms of their intellectual disposition, in terms of the scope of their knowledge and abilities, and in terms of the scope of their genius, stand far below the leading figures Fichte, Schelling, and Hegel; yet, curiously enough, when one considers what must be strived for today through spiritual science, they have, curiously enough, created something greater—and something more in line with spiritual science—than the great inspirers: Fichte, Schelling, and Hegel.
[ 54 ] Die kleineren Geister, die hinterherkommen, sie schaffen Bedeutenderes als die Großen, die ihnen vorangegangen sind. Es ist eine auffallende Erscheinung. Gar zu sehr verwundern braucht es nicht, denn selbstverständlich: Derjenige, der nachkommt, hat es leichter; er kann als kleinerer Geist unter Umständen Größeres leisten als der, der ihm vorangegangen ist. Im Extrem kann sich ja das darinnen ausdrücken, dass jeder Schulbube den pythagoreischen Lehrsatz verstehen und durchdringen kann — und zu seinem ersten Erzielen war doch der Pythagoras selbst nötig.
[ 54 ] The lesser minds that come after achieve greater things than the great minds that preceded them. It is a striking phenomenon. It need not be all that surprising, for it goes without saying: the one who comes after has it easier; as a lesser mind, he may, under certain circumstances, achieve greater things than the one who preceded him. In the extreme, this can be expressed in the fact that any schoolboy can understand and grasp the Pythagorean theorem—yet Pythagoras himself was necessary for its initial discovery.
[ 55 ] So mussten schon die Großen kommen; die Gescheiteren sind es schon, weisend in die geistige Welt hinein. Aber dasjenige, was durch sie aus dem deutschen Volksgeist gekommen ist, das lebt nun weiter. Wenn auch noch seelisch wie vielfach eingeengt und geistig wie umkreist — man kann auch von geistiger Einkreisung sprechen —, so bildet es doch den verschwundenen, den verklungenen Ton in der Weltanschauung, von der ich jetzt sprechen möchte.
[ 55 ] Thus, the great ones had to come; they are already the wisest, pointing the way into the spiritual world. But that which emerged from the German national spirit through them lives on. Even if it is still spiritually constrained in many ways and intellectually encircled—one might even speak of spiritual encirclement—it nonetheless forms the vanished, the faded tone in the worldview of which I would now like to speak.
[ 56 ] Da finden wir gleich, sehr verehrte Anwesende, den Sohn des großen Fichte, des Johann Gottlieb Fichte: Immanuel Hermann Fichte der unter den Anregungen seines Vaters gestanden hat. Aber wir finden ihn, wie er im Grunde genommen in die Geist-Erkenntnis tiefer hineinzudringen vermag wie sein Vater, trotzdem er ein viel kleinerer Geist ist als sein Vater. Immanuel Hermann Fichte spricht schon davon, dass der Mensch auf der einen Seite diese seine physische Welt [hat]. Er, Hermann Immanuel Fichte, nennt physisch die Stoffe und Kräfte, die auch die äußere physische Erdenwelt enthält. Durch diese physische Welt ist der Mensch verbunden mit den physischen Stoffen und Kräften der Erdenwelt, ist er verbunden mit dem, was zunächst in ihm als ein Vergangenes erscheint. Aber hinter diesem physischen Leib liegt für Hermann Immanuel Fichte das, was er nennt den ätherischen Leib; und so, wie der physische Leib in sich die Stoffe und Kräfte, so enthält der ätherische Leib Stoffe und Kräfte übersinnlicher Natur, die diesen inneren Menschen, diesen übersinnlichen Geistmenschen an die große Welt des Geistes anknüpfen und hineinstellen.
[ 56 ] There, dear audience, we immediately find the son of the great Fichte, Johann Gottlieb Fichte: Immanuel Hermann Fichte, who was influenced by his father. But we find that, in essence, he is able to penetrate deeper into spiritual knowledge than his father, even though he is a much lesser spirit than his father. Immanuel Hermann Fichte already speaks of the fact that human beings, on the one hand, [have] this physical world of theirs. He, Hermann Immanuel Fichte, refers to as “physical” the substances and forces that also constitute the outer physical world of the Earth. Through this physical world, human beings are connected to the physical substances and forces of the Earth; they are connected to what initially appears within them as something of the past. But behind this physical body, for Hermann Immanuel Fichte, lies what he calls the etheric body; and just as the physical body contains within itself substances and forces, so the etheric body contains substances and forces of a supersensible nature that connect this inner human being—this supersensible spiritual human being—to the great world of the spirit and place him within it.
[ 57 ] So also schaut Immanuel Hermann Fichte hinter dem anderen Menschen den ätherischen Menschen, der für ihn eine Wirklichkeit ist, nicht etwa ein bloßes Bild. Und alles dasjenige, was Geisteswissenschaft in dem hier öfter in diesen Vorträgen angedeutetem Sinne über den ätherischen Leib zu sagen hat, über diese übersinnlichen Kräfte der Menschennatur — bei Immanuel Hermann Fichte findet es sich sehr schön.
[ 57 ] Thus, Immanuel Hermann Fichte sees behind the other human being the etheric human being, which for him is a reality, not merely an image. And everything that spiritual science has to say—in the sense often alluded to in these lectures—about the etheric body and these supersensory forces of human nature can be found very beautifully expressed in the works of Immanuel Hermann Fichte.
[ 58 ] Aber, man möchte sagen: Auch in Bezug auf den Weg, der hier öfter charakterisiert worden ist, lebt unendlich vieles schon im Keime bei einem anderen, der der großen Zeit des deutschen Idealismus in der Weltanschauung Nachfolge leisten soll: Da sehen wir zum Beispiel Troxler. Wer kennt heute Ignaz Paul Vital Troxler? Wer liest Troxler? Wer kümmert sich heute — selbst unter denen, die Geschichte der Philosophie schreiben —, um Ignaz Paul Vital Troxler mehr, als dass er fünf bis sechs Zeilen hinpfahlen kann, die nichts besagen über Troxler! Wer ist Troxler?
[ 58 ] But one might say: Even with regard to the path that has often been described here, an infinite number of ideas already exist in embryonic form in another thinker who is destined to carry on the legacy of the great era of German Idealism in terms of worldview: there we see, for example, Troxler. Who knows Ignaz Paul Vital Troxler today? Who reads Troxler? Who today—even among those who write the history of philosophy—cares about Ignaz Paul Vital Troxler any more than to jot down five or six lines that say nothing about Troxler! Who is Troxler?
[ 59 ] Ignaz Paul Vital Troxler ist in der Tat ein Geist, der — wenn er auch, die Geisteswissenschaft, für die es ja erst heute an der Zeit ist, noch nicht voll beherrscht —, Troxler ist aber eine Persönlichkeit, welche auf dem Wege ist zu dieser geisteswissenschaftlichen Forschung. Da sehen wir denn, wie Troxler merkwürdige Worte prägt, die da zeigen, dass in seiner Seele etwas lebt von dem Lebendigen der Geisteswissenschaft selber. Merkwürdige Worte prägt Troxler wie «übersinnlicher Geist», «übergeistiger Sinn».
[ 59 ] Ignaz Paul Vital Troxler is indeed a spirit who—even if he has not yet fully mastered spiritual science, for which the time has only now come—is nonetheless a personality who is on the path toward this spiritual scientific research. There we see how Troxler coins remarkable phrases that reveal that something of the vitality of spiritual science itself lives within his soul. Troxler coins remarkable phrases such as “supersensible spirit” and “superspiritual sense.”
[ 60 ] «Übersinnlicher Geist» — man kann das noch verhältnismäßig leicht verstehen; nun, «übersinnlicher Geist» ist eben dasjenige, was Goethe nennt «anschauende Urteilskraft». Denn — Goethe steht in seiner wirklichen Weltanschauung durchaus auf demselben Boden —, denn «übersinnlicher Geist» ist eben diejenige Kraft der menschlichen Seele, welche sich so entfaltet, dass ohne die Zuhilfenahme des Leibes, ohne äußere Sinne und ohne den an das Gehirn gebundenen Sinn, der Mensch unmittelbar wie eben den Geist selber [schaut], in die geistige Umwelt hineinschaut — «übersinnlicher Geist».
[ 60 ] “Supersensible spirit”—this is still relatively easy to understand; well, “supersensible spirit” is precisely what Goethe calls “contemplative power of judgment.” For—Goethe stands firmly on the same ground in his actual worldview— for “supersensible spirit” is precisely that power of the human soul which unfolds in such a way that, without the aid of the body, without the external senses, and without the sense bound to the brain, the human being [beholds] the spiritual world as directly as spirit itself— “supersensible spirit.”
[ 61 ] Aber «übergeistiger Sinn»? Damit zeigt Troxler, indem er vom «übergeistigen Sinn» spricht, dass ihm wirklich das Wesen der Geisteswissenschaft schon vor Augen steht. Ich habe es auch öfter erwähnt, wie es ja Leute gibt, idealistische Philosophen, die da sagen: Ja, gewiss, das ist ganz klar: Die physische Welt ist nicht die einzige; Geist ist hinter der physischen Welt vorhanden. Geist, Geist und immer wieder Geist — sagen sie. Und da kommt heraus jener Pantheismus, jene Weltanschauung, welche, nicht wahr, so eine allgemeine Geistes-Sauce ausbreitet — es spezialisiert sich das nicht, es ist nichts; vielleicht müsste man heute sagen statt «Sauce» «Tunke» —, [da kommt heraus jene Weltanschauung, welche] so eine allgemeine Tunke ausgebreitet denkt über alle dem, was als physischer Gegenstand und physische Tatsachen vor den Menschen tritt, nicht wahr.
[ 61 ] But “super-spiritual sense”? By speaking of the “super-spiritual sense,” Troxler shows that he truly already has the essence of spiritual science before his eyes. I have also mentioned on several occasions how there are indeed people—idealistic philosophers—who say: Yes, certainly, that’s quite clear: The physical world is not the only one; spirit exists behind the physical world. Spirit, spirit, and spirit again and again—they say. And out of that emerges that pantheism, that worldview which, you see, spreads such a general spiritual sauce—it doesn’t specialize, it’s nothing; perhaps today one would have to say “slop” instead of “sauce”—, [that results in that worldview which] is thought to spread such a general slop over everything that appears before people as physical objects and physical facts, isn’t it?
[ 62 ] Aber das war nicht so bei Troxler der Fall! Troxler würde schon gesagt haben: Diejenigen, die nur in pantheistischer Weise von Geist, Geist und wieder Geist sprechen, die kommen mir so vor, wie wenn gesagt wird: Warum sollen wir denn von Tulpen oder von Lilien sprechen, von Schneeglöckchen sprechen zum Beispiel? Natur, Natur ist alles! Und warum sollen wir denn von einzelnen Experimenten im Laboratorium sprechen? Natur, Natur ist alles. Diejenigen, die so vom Naturalismus sprechen, sollten nur gleich /Lücke in der Mitschrift]
[ 62 ] But that was not the case with Troxler! Troxler would have said: Those who speak only in a pantheistic way of spirit, spirit, and yet more spirit—they strike me as if they were saying: Why should we even speak of tulips or lilies, or snowdrops, for example? Nature, nature is everything! And why should we even talk about individual experiments in the laboratory? Nature, nature is everything. Those who speak of naturalism in this way should just as well /gap in the transcript]
[ 63 ] Aber darauf kommt es an, dass man nicht nur im Allgemeinen vom Geistigen schwätzt, sondern dass man darauf hinzuweisen vermag, dass eine geistige Welt uns umgibt, die ebenso aus einzelnen Wesenheiten, einzelnen Tatsachen besteht wie die physisch-sinnliche Welt.
[ 63 ] But what matters is not merely to talk in general terms about the spiritual, but to be able to point out that a spiritual world surrounds us, one that consists of individual beings and individual facts just as much as the physical-sensory world does.
[ 64 ] Daher spricht Troxler, weil er dies weiß, vom «übergeistigen Sinn» — was natürlich ein Bild ist, aber was bezeugt, dass man wirklich hineinschauen kann, hineinzuschauen vermag in die geistige Welt, und sie zu betrachten, zu beobachten hat in ihren Einzelheiten — nicht bloß als «allgemeine Geistestunke».
[ 64 ] Therefore, because he knows this, Troxler speaks of the “super-spiritual sense”—which is, of course, a metaphor, but one that testifies to the fact that one can truly look into the spiritual world, is capable of looking into it, and must contemplate and observe it in its details—not merely as a “general haze of the spirit.”
[ 65 ] Und noch in anderer Weise spricht Troxler — 1835 in seinen «Vorlesungen über Philosophie» spricht er sehr schön über all diese Dinge —, noch in anderer Weise spricht Troxler von einer Art geisteswissenschaftlichem Wege, den er schon eingeschlagen hat. Da sagt er: Die schönsten Seelenkräfte, die den Menschen hier, insofern er in seinem physischen Leibe lebt, beherrschen, die der Mensch sich zu eigen machen kann, insofern die Seele sich durch den physischen Leib ausdrückt, diese Kräfte sind die des Glaubens, der Liebe, der Hoffnung. Aber nun — meint Troxler: Glaube, Liebe, Hoffnung, so groß und bedeutsam sie für das Leben sind, das die Seele im physischen Leibe verbringt, sie sind — dieser Glaube, diese Liebe, diese Hoffnung —, die äußere Hülle für geistige Kräfte der Seele, die dahinterstehen und die diese Seele erleben wird, wenn sie den Leib abgelegt hat und durch die Pforte des Todes getreten ist.
[ 65 ] And in another way, Troxler—in his 1835 “Lectures on Philosophy,” he speaks very beautifully about all these things—and in another way, Troxler speaks of a kind of spiritual-scientific path that he has already embarked upon. There he says: The most beautiful powers of the soul that govern human beings here—insofar as they live in their physical bodies—and that human beings can make their own, insofar as the soul expresses itself through the physical body, these powers are those of faith, love, and hope. But now—Troxler argues—faith, love, and hope, as great and significant as they are for the life the soul spends in the physical body, are—this faith, this love, this hope—the outer shell for the soul’s spiritual powers that lie behind them and that the soul will experience once it has cast off the body and passed through the gate of death.
[ 66 ] Indem die Seele im Leibe lebt, lebt sie zunächst aus — durch die Organe des Leibes, selbstverständlich durch die feineren Organe des Leibes — die Glaubenskraft. [Aber, sagt Troxler, diese Kraft ließe sich nicht allein als Glaubenskraft, sondern — wie Troxler meint — als geistiges Hören, als Geistgehör in der Art erleben lassen, dass die Glaubenskraft die äußere, leibliche Hülle für ein Geistgehör der Seele werde; dieses Organ würde sich leibfrei erleben lassen — ein wunderbarer, großer Gedanke.]
[ 66 ] As the soul lives within the body, it first and foremost manifests—through the body’s organs, and of course through the body’s finer organs—the power of faith. [But, says Troxler, this power could be experienced not merely as the power of faith, but—as Troxler believes—as spiritual hearing, as a spiritual sense of hearing, in such a way that the power of faith becomes the outer, physical shell for the soul’s spiritual hearing; this organ could be experienced as existing independently of the body—a wonderful, grand idea.]
[ 67 ] Und die Liebe, diese Blüte des äußeren physischen Erdenlebens, diese höchste Entfaltung des äußeren physischen Erdenlebens, insofern die Seele im Erdenleben im physischen Leibe lebt: Für Troxler ist diese Liebe, diese Liebe-Kraft, könnte man sagen, die äußere Hülle wiederum für etwas, was die Seele im Inneren hat, was sich mit dieser Physis umhüllte. Und was Troxler nun anspricht als ein geistiges Tasten, geistiges Fühlen — wie man mit dem physischen heute die physischen Dinge anfühlt —, das liegt hinter der Liebe-Kraft. Wenn die Seele sich leibfrei zu machen vermag oder durch die Pforte des Todes tritt, dann entfalten sich ihre Geistorgane. Und wie sie durch das, was hinter der Glaubenskraft liegt, hört, was als Tatsachen die geistige Welt durchtönt, so vermag sie durch ihre [«tastenden»] Geistorgane, die die Seele aus sich ausstreckt, zu befühlen die geistigen Tatsachen und Wesenheiten. Während, wenn sie im physischen Leibe lebt, sich die geistigen Fühlkräfte, Tastkräfte als Liebe zur Offenbarung bringen.
[ 67 ] And love—this blossom of outer, physical earthly life, this highest unfolding of outer, physical earthly life—insofar as the soul lives in the physical body during its earthly existence: For Troxler, this love—this power of love, one might say—is, in turn, the outer shell for something the soul possesses within, something that has enveloped itself in this physical form. And what Troxler now refers to as spiritual groping, spiritual feeling—just as we perceive physical things with our physical senses today—lies behind the power of love. When the soul is able to free itself from the body or passes through the gate of death, then its spiritual organs unfold. And just as it hears, through what lies behind the power of faith, the facts that resound throughout the spiritual world, so too can it perceive spiritual facts and beings through its [“tactile”] spiritual organs, which the soul extends from within itself. Whereas, when it lives in the physical body, the spiritual powers of feeling and perception manifest themselves as love.
[ 68 ] Und in einer ähnlichen Weise liegt hinter der Kraft des Hoffens, in der Kraft einer erwartungsvollen Zuversicht von irgendetwas, hinter dem liegt geistig für Troxler dasjenige, was er «geistiges Schauen» nennt.
[ 68 ] And in a similar way, behind the power of hope—the power of an expectant confidence in something—lies, for Troxler, what he calls “spiritual vision.”
[ 69 ] So also weiß Troxler, dass in dem physischen Leib des Menschen eine mit Geist-Gehör, Geist-Getast, GeistGesicht begabte Seele wohnt, die mit diesen drei Kräften ausgestattet durch die Pforte des Todes geht, die aber auch zu erleben vermag, wenn sie sich unabhängig macht von dem Gebundensein an den Leib, die zu erleben vermag das, was geistig uns umwebt und umweht.
[ 69 ] Thus Troxler knows that within the physical body of a human being dwells a soul endowed with spiritual hearing, spiritual touch, and spiritual sight; a soul that, equipped with these three powers, passes through the gate of death, but which is also capable of experiencing—when it frees itself from its bond to the body—that which spiritually envelops and surrounds us.
[ 70 ] Und zum Beispiel spricht Troxler aus, wie er denkt — und das möchte ich Ihnen gleich zu Gehör bringen in seinen eigenen Worten —, er weist zugleich darauf hin, dass er in Bezug auf ein solches Anschauen der Welt gewisse Genossen hat. Er weist auf diese oder jene Geister hin. Eine dieser Stellen möchte ich Ihnen wörtlich vorlesen. Er sagt:
[ 70 ] And, for example, Troxler expresses his thoughts—and I would like to share them with you right away in his own words—while also pointing out that he has certain comrades who share this view of the world. He refers to this or that thinker. I would like to read one of these passages to you verbatim. He says:
«Schon früher haben die Philosophen einen feinen, hehren Seelleib unterschieden von dem gröberen Körper [oder in diesem eine Art von Hülle des Geistes angenommen), eine Seele, die ein Bild des Leibes an sich habe, das sie Schema nannten, und das ihnen der innere, höhere Mensch war. [Dieser Ansicht, mag sie auch nur eine Erklärung sein, huldigten auch die meisten der ersten großen Kirchenväter, wie Origines, Irenäus, Lactantius, Tertullian, Augustinus.] In der neuesten Zeit selbst Kant in den Träumen eines Geistersehers träumt ernsthaft im Scherze einen ganzen, inwendigen, seelischen Menschen, der alle Gliedmaßen des auswendigen an seinem Geistesleib trage. Lavater dichtet und denkt ebenso; und selbst, wenn Jean Paul humoristisch über das Bonner’'sche Unterziehröckchen und das Platner’sche Seelenschnürleibchen scherzt, die im gröberen Körperüberrock und Marterkittel stecken sollen, so hören wir ihn doch auch wieder fragen «wozu und woher wurden diese außerordentlichen Anlagen und Wünsche in uns gelegt, die bloß wie verschluckte Diamanten unsere erdige Hülle langsam verschneiden? [Warum wurde ich auf dem schmutzigen Erdenkloß ein Geschöpf mit unnützen Lichtflügeln geklebt, wenn es in die Geburtsscholle zurückfaulen sollte, ohne sich je mit ätherischen Flügeln loszuwinden». «Der innere Mensch, sagt er sogar an einem andern Orte, dieser «verhüllte Gott in der Natur, ist nicht selber von Stein, wie diese.] In den steinernen Gliedern» — des Menschen — «wachsen und reifen seine lebendigen nach einer uns unbekannten Lebensweise. Wir könnten»
“Even in the past, philosophers distinguished a subtle, noble spiritual body from the coarser body [or posited within it a kind of shell of the spirit]—a soul that possessed an image of the body in itself, which they called a ‘schema,’ and which they regarded as the inner, higher human being. [Most of the early Church Fathers—such as Origen, Irenaeus, Lactantius, Tertullian, and Augustine—also adhered to this view, even if it is merely an explanation.] Even in more recent times, Kant, in the “Dreams of a Spirit-Seer,” seriously—yet in jest—imagines an entire, inner, spiritual human being who bears all the limbs of the outer body on his spiritual body. Lavater writes and thinks in the same vein; and even when Jean Paul humorously jokes about Bonn’s “little underskirt” and Platner’s “soul corset”—which are supposed to be tucked inside the coarser physical overcoat and martyr’s smock—we still hear him ask once again, “Why and from where were these extraordinary inclinations and desires placed within us, which, like swallowed diamonds, are slowly cutting through our earthly shell?” [Why was I glued onto this filthy lump of earth as a creature with useless wings of light, if I was to rot back into the soil of my birth without ever breaking free with ethereal wings?] “The inner man,” he even says in another passage, “this ‘God veiled in nature,’ is not himself made of stone, like these.” “In the stony limbs”—of man—“his living ones grow and mature according to a way of life unknown to us. We could”
[ 71 ] sagt Troxler weiter
[ 71 ] Troxler goes on to say
«noch eine Unzahl ähnlicher Denk- und Dichtweisen anführen, welche am Ende nur verschiedene Anschauungen und Vorstellungen sind, in welchen [sich die eine evangelisch-apostolische Idee offenbart, die Paulus an die Korinther aussprach, indem er sagte: «Ein Leib, den die Seele belebte, wird hingesenket, und ein Leib, den der Geist belebt, stehet auf, denn es gibt einen beseelten Leib, so gibt es auch einen vergeistigten Leib. Und darin ist] die wahre, einzige Lehre von der Individualität und Unsterblichkeit des Menschen enthalten.»
“I could cite countless other similar ways of thinking and expressing thought, which are ultimately nothing more than different perspectives and conceptions in which [the one evangelical-apostolic idea is revealed that Paul expressed to the Corinthians when he said: ‘A body animated by the soul is laid to rest, and a body animated by the Spirit rises again; for just as there is a body animated by the soul, so there is also a body animated by the Spirit. And therein lies] the true, unique doctrine of the individuality and immortality of man.’
[ 72 ] Und nun entsteht vor Troxler ein merkwürdiger — ich möchte sagen — einschneidender Gedanke. Er denkt etwa das Folgende. Es geht ganz klar hervor, wenn man seine verschiedenen Schriften auf sich wirken lässt, insbesondere seine 1835 schon geschriebenen und gehaltenen Vorlesungen über jene Gegenstände. Folgender Gedanke steht vor Troxlers Seele: Es gibt eine Anthropologie, eine Kenntnis vom Menschen, sagt er. Wie entsteht sie — eine Kunde vom Menschen? Der Mensch lernt es dadurch kennen, wenn er betrachtet, was man vom Menschen mit den Sinnen und mit dem Verstande betrachten kann, der an das Gehirn gebunden ist — da entsteht die Anthropologie. Aber dieser Mensch, der mit den Sinnen schaut, durch den Verstand beobachtet — in diesem Menschen lebt der höhere Mensch. Und wir haben gesehen, wie deutlich sich Troxler auszusprechen weiß über diesen höheren Menschen. Dieser höhere Mensch mit seinem «übergeistigen Sinn» und mit seinem «übersinnlichen Geist», der kann nun auch dasjenige, was am anderen Menschen übergeistig und übersinnlich ist, betrachten. Dann entsteht so, wie auf einem niedereren Gebiet die Anthropologie entsteht, so entsteht eine höhere Wissenschaft: die Wissenschaft des Geistmenschen — Anthroposophie. Und darüber spricht sich Troxler in der folgenden Weise aus:
[ 72 ] And now a strange—I would say—profound thought occurs to Troxler. He thinks something like the following. This becomes quite clear when one allows his various writings to sink in, especially his lectures on these subjects, which he had already written and delivered as early as 1835. The following thought arises in Troxler’s mind: There is an anthropology, a knowledge of the human being, he says. How does it arise—this knowledge of the human being? The human being comes to know it by observing what can be perceived about the human being through the senses and through the intellect, which is bound to the brain—that is how anthropology arises. But within this human being, who perceives with the senses and observes through the intellect—within this human being lives the higher human being. And we have seen how clearly Troxler knows how to speak about this higher human being. This higher human being, with his “super-spiritual sense” and his “super-sensory spirit,” is now also able to perceive what is super-spiritual and super-sensory in another human being. Then, just as anthropology arises on a lower plane, a higher science arises: the science of the spiritual human being—anthroposophy. And Troxler expresses his views on this as follows:
«Wenn es nun höchst erfreulich ist, dass die neueste Philosophie, welche [wir längst als diejenige anerkannt haben, die alle lebendige Religion begründet und] in jeder Anthroposophiel, also in Poesie, wie in Historie] sich offenbaren muss, emporwindet, so ist doch nicht zu übersehen, dass diese Idee nicht eine Frucht der Spekulation sein kann, und die wahrhafte Persönlichkeit oder Individualität des Menschen weder mit dem, was sie als subjektiven Geist oder endliches Ich aufstellt, noch mit dem, was sie als absoluten Geist oder absolute Persönlichkeit diesem gegenüberstellt, verwechselt werden darf.»
“While it is indeed most gratifying that the latest philosophy—which [we have long recognized as the one that underlies all living religion and] must reveal itself in every form of anthroposophy, that is, in poetry as well as in history], it must nevertheless be recognized that this idea cannot be the fruit of speculation, and that the true personality or individuality of the human being must not be confused either with what it posits as subjective spirit or finite “I,” nor with what it sets against this as absolute spirit or absolute personality.”
[ 73 ] Von einer Begründung einer «Anthroposophie» im Gegensatz zur «Anthropologie» spricht Troxler!
[ 73 ] Troxler speaks of the establishment of “anthroposophy” as opposed to “anthropology”!
[ 74 ] Und man hat daher ein Recht, von den Keimen desjenigen, was jetzt aus dem Weltall heraus in die Geistentwicklung der Menschheit als Geisteswissenschaft einverleibt werden muss [zu sprechen]. Man hat ein Recht, von dem so zu sprechen, dass es bei diesen Persönlichkeiten als Keim vorhanden ist. Diese Keime aber, sehr verehrte Anwesend, liegen fest verankert im deutschen Geistesleben, ganz seiner Natur nach. Nur andeuten kann ich, wie fest verankert diese Dinge im deutschen Geistesleben sind. Und wie das deutsche Geistesleben gar nicht anders kann, durch seine innerste Wesensentfaltung, als solches hervorzubringen. Überall, wenn wir zurückschauen, finden wir, wie in diesem deutschen Geistesleben fest begründet ist dasjenige, von dem man hoffen muss, dass es sich als Geisteswissenschaft der zukünftigen Menschheitsentwicklung einverleiben kann.
[ 74 ] And one therefore has the right to speak of the seeds of that which must now be incorporated from the cosmos into the spiritual development of humanity as spiritual science. One has the right to speak of it in such a way that it exists as a seed within these personalities. These seeds, however, esteemed audience, are firmly anchored in German spiritual life, entirely by its very nature. I can only hint at how firmly anchored these things are in German spiritual life. And how German spiritual life, through its innermost unfolding of being, cannot help but bring such things forth. Everywhere, when we look back, we find how firmly rooted in this German spiritual life is that which we must hope can be incorporated into the spiritual science of humanity’s future development.
[ 75 ] Vielfach ist vergessen worden solch ein Ton; verklungen ist er. Aber, sehr verehrte Anwesende, vorhanden ist er deshalb doch! Und er konnte leben auf den verschiedensten Gebieten. Nicht nur lebt er gewissermaßen in den geistigen Höhen, sondern überall, wo es geistiges Streben eben gab, gab es auch solche Bestrebungen wie diese. Und es wird die Zeit kommen müssen, wo man wiederum Verständnis dafür gewinnt, was das tiefste Wesen des deutschen Strebens ist, und dass dieses wieder heraufgeholt werden muss.
[ 75 ] Such a tone has often been forgotten; it has faded away. But, ladies and gentlemen, it still exists nonetheless! And it has flourished in a wide variety of fields. Not only does it live, so to speak, in the spiritual realms, but wherever there was spiritual striving, there were also endeavors such as these. And the time must come when people will once again gain an understanding of what the deepest essence of German striving is, and that this must be brought back to the fore.
[ 76 ] Vieles hat gerade dieses Innerste des deutschen Wesens zugedeckt! Das sieht man, wenn man versucht, auf ganz bestimmten, speziellen konkreten Gebieten das deutsche Wesen aufzusuchen. Seit dreiunddreißig Jahren, sehr verehrte Anwesende, bemühe ich mich — verzeihen Sie, wenn ich da eine persönliche Note anschlage —, seit dreiunddreißig Jahren bin ich bemüht, zu zeigen, welche Bedeutung Goethes Farbenlehre für eine wahre, in das Wesen der Dinge eindringende Naturerkenntnis hat, und welche Bedeutung der Streit Goethes gegen den im britischem Volkstum steckenden Newton hat!
[ 76 ] Much has obscured precisely this innermost essence of the German spirit! This becomes clear when one attempts to seek out the German spirit in very specific, concrete areas. For thirty-three years, ladies and gentlemen—please forgive me for adding a personal note here— for thirty-three years I have been striving to show the significance of Goethe’s Theory of Colors for a true understanding of nature that penetrates to the essence of things, and the significance of Goethe’s dispute with Newton, who is rooted in British folklore!
[ 77 ] Aber — wie gesagt — nicht bloß das äußere politische Leben ist eingekreist, sondern tief, tief beeinflusst von der brutal zu nennenden ausländischen Wissenschaftsgesinnung ist es so weit gekommen, dass für den Physiker es heute noch eine Lächerlichkeit ist, von der Berechtigung von Goethes Farbenlehre zu sprechen! Aber es wird, wenn auf diesem Gebiete einmal tiefer erkannt wird, schon die Zeit kommen, wo das Kapitel «Goethe im Recht gegen Newton» gerade auf dem Boden einer Geistigkeit des urdeutschesten Wesens wieder aufleben wird; und in ganz anderer Weise wieder aufleben wird, als man es vielleicht heute noch sich nicht träumen lassen wird.
[ 77 ] But—as I said—it is not merely external political life that has been encircled; rather, deeply, deeply influenced by a foreign scientific mindset that can only be described as brutal, things have reached the point where it is still considered a laughingstock today for a physicist to speak of the validity of Goethe’s theory of colors! But once a deeper understanding is gained in this field, the time will come when the chapter “Goethe Was Right Against Newton” will be revived precisely on the basis of a spirituality rooted in the most authentically German essence; and it will be revived in a completely different way than one might even dare to imagine today.
[ 78 ] Man muss es dann schon ertragen können, dass man in voller Einsicht für dasjenige, was einmal kommen muss, was einmal erkannt werden muss, dass man, wenn man es vorher vertritt, wie ein Narr angesehen wird. Aber, wie gesagt, nicht bloß auf den geistigen Höhen, sondern vielfach im deutschen Wesen lebt das eben charakterisierte Streben. Hunderte und Hunderte von Fällen könnte ich Ihnen anführen dafür; einer für viele sei angeführt, weil wir ja nicht Zeit haben, vieles anzuführen. Einer für viele sei angeführt: Da möchte ich hinweisen auf ein kleines, 1856 erschienenes Büchelchen von einem einfachen Pfarrer Rocholl in Sachsenberg im Fürstentum Waldeck — ein kleines Büchelchen. 1856 ist es erschienen, und nennt sich «Beiträge zur Geschichte einer deutschen Theosophie». Man mag heute vieles phantastisch finden, was in diesem Büchelchen steht; man mag sogar in vielem recht haben, was man sagen will, wenn man das Büchelchen phantastisch nennt. Aber dieses 1856 erschienene Büchelchen zeigt den Pfarrer Rocholl drinnenstehend in einem wachen, wahren Geistesstreben, das wenigstens will in die Welterscheinungen eindringen mit «übergeistigem Sinn», mit «übersinnlichem Geist». Und in weiten Umblicken geistiger Art wird zu charakterisieren versucht, wie Naturleben und Geistesleben, sinnliches Leben eines sind, und wie göttlich-geistige Kräfte weben und wirken, und wie der Mensch die Möglichkeit hat, zu ihnen emporzudringen.
[ 78 ] One must then be able to accept that, in full awareness of what must eventually come to pass—what must eventually be recognized—one will be regarded as a fool if one advocates it in advance. But, as I said, the aspiration just described lives not only in the intellectual spheres but also, in many ways, in the German character. I could cite hundreds and hundreds of examples to support this; let me cite one to represent many, since we do not have time to cite many. Let me cite one to represent many: I would like to point to a small booklet published in 1856 by a simple pastor named Rocholl in Sachsenberg in the Principality of Waldeck—a small booklet. It was published in 1856 and is titled “Contributions to the History of a German Theosophy.” Today, one might find much of what is written in this little book fanciful; one might even be quite right in many respects in calling the little book fanciful. But this little book, published in 1856, reveals Pastor Rocholl immersed in an alert, genuine spiritual quest that seeks, at the very least, to penetrate the phenomena of the world with a “super-spiritual sense” and a “super-sensory spirit.” And through broad, spiritual perspectives, it attempts to characterize how natural life, spiritual life, and sensory life are one and the same; how divine-spiritual forces weave and work; and how human beings have the potential to rise up to them.
[ 79 ] Die Höhe der Bildung, die Tiefe des Wissens, das sind die Dinge, die in solchen Erscheinungen — die, wie gesagt, leicht verlacht werden können — zum Vorschein kommen. Aber auch auf anderen Gebieten, bei anderen Persönlichkeiten tritt uns solches entgegen. Da möchte ich vor allen Dingen, sehr verehrte Anwesende, auf einen Geist hinweisen, der leider, leider nur allzu vergessen dasteht, auf Christian Karl Planck.
[ 79 ] The height of education, the depth of knowledge—these are the qualities that come to light in such phenomena—which, as I said, can easily be ridiculed. But we encounter this in other fields as well, in other personalities. Above all, ladies and gentlemen, I would like to draw your attention to a mind who, alas, alas, has been all too forgotten: Christian Karl Planck.
[ 80 ] Nachdem der Schwaben-Vischer — der V-Vischer — in einem Aufsatz auf ihn hingewiesen hat — habe ich wieder versucht, in der neueren Zeit, schon in der ersten Auflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» auf diese urdeutsche Weltanschauungspersönlichkeit, Christian Karl Planck, wieder hinzuweisen. Allein was hilft einem das heute? Die Leute haben in der Regel anderes zu tun, als dasjenige anzuschauen, was mit deutschem Wesen, was auch mit urdeutschestem Wesen zusammenhängt.
[ 80 ] After Schwaben-Vischer—the V-Vischer—had drawn attention to him in an essay, I tried again in more recent times, as early as the first edition of my *Worldviews and Philosophies of Life in the Nineteenth Century*, to draw attention once more to this quintessentially German philosophical figure, Christian Karl Planck. But what good does that do anyone today? People generally have other things to do than to consider what is connected with the German essence—or, indeed, with the most quintessentially German essence.
[ 81 ] Ich kann nur hier in kurzer Weise charakterisieren, was Plancks urdeutsches Wesen war. Und bei ihm war es ganz gewiss aus deutschem Wesen heraus erfasst, was er darstellte. Wir werden gleich nachher sehen, wie bewusst das war, was seine Grundlage der Weltanschauung ist. Ich will es an einem Beispiel anschaulich machen.
[ 81 ] I can only briefly describe here what Planck’s quintessentially German nature was. And in his case, what he portrayed was most certainly grasped from within his German nature. We will see shortly just how consciously he understood the foundation of his worldview. I would like to illustrate this with an example.
[ 82 ] Wenn heute die Menschen die Erde betrachten als Naturwissenschafter, so sehen sie sie eben etwa an — sagen wir —, wie ein Geologe sie ansehen wird. — Da wird die Erde betrachtet so, wie sie aus den mineralischen Kräften sich auferbaut, wie man das aus der Geologie gekannt hat. Für Planck wäre eine solche Betrachtung der Erde nicht ohne höhere Weltanschauungsfragen in Betracht gekommen. Das wäre für ihn so gewesen, wie wenn einer einen Baum betrachten würde, und nur gelten lassen wollte das Holz und die Rinde, aber nicht die Blätter und die Blüten und die Früchte! Es ist für ihn klar, dass die Blätter, die Blüten und Früchte mit dem zusammenhängen, was zum Wesen des Baumes gehört, und dass derjenige nicht den vollen Baum betrachtet, der nur das Holz und die Rinde und die Wurzeln betrachten würde. Das erschien Karl Christian Planck als eine Erdenbetrachtung, die nur im Sinne der Geologie gehalten ist.
[ 82 ] When people today view the Earth as natural scientists, they see it—let’s say—much as a geologist would. — The Earth is viewed in terms of how it is built up from mineral forces, as has been understood from geology. For Planck, such a view of the Earth would not have been conceivable without considering broader philosophical questions. For him, that would have been like looking at a tree and acknowledging only the wood and the bark, but not the leaves, the flowers, and the fruits! It is clear to him that the leaves, flowers, and fruits are connected to what constitutes the essence of the tree, and that anyone who were to consider only the wood, the bark, and the roots would not be observing the tree in its entirety. To Karl Christian Planck, this appeared to be a view of the Earth that is held solely in the spirit of geology.
[ 83 ] Die volle Erdenbetrachtung ist für Planck nicht nur ein beseeltes, sondern ein geistig-seelisches Wesen. Und der Mensch, wie er als physischer Mensch auf der Erde herumwandelt, gehört zur Erde, zu dem Wesen der Erde, das man zu suchen hat, wenn man die Erde erkennen lernen will, so, wie man das Wesen der Früchte und der Blüten und Blätter mit dem Wesen des Baumes zusammen sehen muss, wenn man den Baum erkennen will in seinem Wesen; eine Weltanschauung — ich möchte sagen — echt geistgemäß und echt vom Leben durchwebt.
[ 83 ] For Planck, the complete view of the Earth is not only an animated being but also a spiritual-soul being. And human beings, as they walk the Earth as physical beings, belong to the Earth, to the essence of the Earth—which one must seek if one wishes to come to know the Earth—just as one must view the essence of the fruits, blossoms, and leaves together with the essence of the tree if one wishes to understand the tree in its essence; a worldview—I would say—that is truly in keeping with the spirit and truly interwoven with life.
[ 84 ] Viele Bücher hat Christian Karl Planck geschrieben, um sich Geltung zu verschaffen; es ist ihm nicht gelungen! 1864 zum Beispiel hat er ein Buch geschrieben, seine «Grundlinien einer Wissenschaft der Natur». Und aus diesem Buche will ich eine Stelle vorlesen, um den Beweis zu liefern, wie sehr dieser Christian Karl Planck angehört jenem vergessenen, verklungenen Ton des deutschen Geisteslebens — der deutschen Geistesentwicklung, die für manche der Persönlichkeiten bewusst war, die für ihn gewirkt haben, wie das Schaffen aus der Urkraft des deutschen Volkstums heraus ist. Da sagt Planck 1864:
[ 84 ] Christian Karl Planck wrote many books in an attempt to gain recognition; he did not succeed! In 1864, for example, he wrote a book, his *Grundlinien einer Wissenschaft der Natur* (Fundamentals of a Science of Nature). And I would like to read a passage from this book to demonstrate just how much Christian Karl Planck belongs to that forgotten, faded tone of German intellectual life—that development of the German spirit which was consciously recognized by some of the figures who influenced him, just as creative work springs from the primal force of German folk culture. In 1864, Planck wrote:
«Welche Macht tiefgewurzelter Vorurteile von der bisherigen Anschauung aus seiner»
“The power of deep-rooted prejudices, as seen from the current perspective”
[ 85 ] des Verfassers
[ 85 ] by the author
«Schrift entgegensteht, dessen ist er sich vollkommen bewusst; allein wie schon die Arbeit selbst, trotz aller Ungunst der Umstände, die zufolge der ganzen Lage und Berufsstellung des Verfassers einem Werke dieser Art sich entgegenstellte, doch ihre Durchführung und ihren Weg in die Öffentlichkeit sich erkämpft hat, so ist er auch gewiss, dass das, was sich jetzt erst seine Anerkennung erkämpfen muss, einst als die einfachste und selbstverständlichste Wahrheit erscheinen wird, und dass darin nicht bloß seine Sache, sondern die wahrhaft deutsche Anschauung der Dinge über alle noch unwürdig äußerliche und undeutsche Auffassung der Natur und des Geistes siegen wird.»
“He is fully aware that the text is controversial; yet just as the work itself—despite all the adverse circumstances that, given the author’s overall situation and professional standing, stood in the way of a work of this kind— it nevertheless fought its way to completion and into the public eye, so he is also certain that what must now first fight for recognition will one day appear as the simplest and most self-evident truth, and that in this, not only his cause but the truly German view of things will triumph over all still unworthy, superficial, and un-German conceptions of nature and the spirit.”
[ 86 ] Die Menschen, die andere Denkgewohnheiten haben, sehen es zuerst als reine Narrheit an —, dann wird es eine Selbstverständlichkeit. So ging es auch der kopernikanischen Weltanschauung; so ging es allem, was der Weltanschauungsentwicklung der Menschheit angehört. Und Planck sagt Worte, die beweisen, wie er bewusst aus deutschem Geiste heraus zu seiner geistgemäßen Weltanschauung drang. Und er sagt weiter:
[ 86 ] People who have different ways of thinking initially regard it as sheer folly—but then it becomes a matter of course. This was also the case with the Copernican worldview; this was the case with everything that is part of the development of humanity’s worldview. And Planck’s words demonstrate how he consciously arrived at his worldview, in keeping with the German spirit. And he goes on to say:
«Was in unbewusster tiefsinniger Ahnung schon unsere mittelalterliche Dichtung vorgebildet hat, das wird endlich in der Reife der Zeiten an unserer Nation sich erfüllen. Die unpraktische, mit Schaden und Spott heimgesuchte Innerlichkeit deutschen Geistes (wie Wolfram sie in seinem Par sifal schildert)»
“What our medieval poetry had already foreshadowed in a profound, unconscious intuition will finally be fulfilled in our nation as the times come of age. The impractical introspection of the German spirit, plagued by harm and ridicule (as Wolfram describes it in his *Par sifal*)”
[ 87 ] 1864, vor Wagners Parsifal geschrieben!
[ 87 ] Written in 1864, before Wagner's *Parsifal*!
«erringt endlich in der Kraft ihres unablässigen Strebens das Höchste; sie schaut den letzten einfachen Gesetzen der Dinge und des menschlichen Daseins selbst auf den Grund; und was die Dichtung phantastisch mittelalterlich in den Wundern des Grals versinnbildlicht hat, dessen Herrschaft ihr Held erringt, das erhält umgekehrt seine rein natürliche Erfüllung und Wirklichkeit in der bleibenden Erkenntnis der Natur und des Geistes selbst.»
“finally attains the highest through the power of her ceaseless striving; it delves to the very depths of the ultimate, simple laws of things and of human existence itself; and what poetry symbolized in a fantastical, medieval manner through the wonders of the Grail—the dominion over which its hero triumphs—finds, conversely, its purely natural fulfillment and reality in the enduring understanding of nature and the spirit itself.”
[ 88 ] 1864 schrieb das Karl Christian Planck; 1880 ist er gestorben. In den letzten Jahren hatte er sein «Testament eines Deutschen» geschrieben, worinnen er alle einzelnen Linien seiner Weltanschauung zusammengefasst hat. 1912 ist es in zweiter Auflage erschienen, dieses «Testament»; man hat sich nicht viel darum gekümmert, nicht viel damit befasst. Man hatte ja mit anderen Werken, die in demselben Verlag erschienen waren dazumal, zu tun! Man hatte sich zum Beispiel zu beschäftigen mit einer Weltanschauung, die wahrhaftig keine aus deutschem Wesen irgendwie hervorgegangene oder gar mit ihm verwandte ist! Das Genauere können Sie nachlesen in meinen «Rätsel der Philosophie». Die betreffende Stelle ist aber nicht etwa durch den Einfluss des Krieges geschrieben, sondern sie ist vor dem Kriege längst geschrieben gewesen. Die Leute hatten dazumal, 1912, zu sehr damit zu tun, Henri Bergson — ja, er heißt heute noch immer Bergson, Henri Bergson heißt er noch immer —, sich mit diesem Henri Bergson zu befassen, der, wie ich schon das vorige Mal angeführt habe, alles Mögliche an verleumderischem Zeug an hervorragender Stelle des geistigen Wirkens seinen Parisern erzählt! Nächstens wird er es auch in Schweden tun.
[ 88 ] Karl Christian Planck wrote this in 1864; he died in 1880. In his final years, he had written his *Testament eines Deutschen* (*A German’s Testament*), in which he summarized all the individual aspects of his worldview. In 1912, the second edition of this “Testament” was published; people did not pay it much attention or give it much thought. After all, they were preoccupied with other works that had been published by the same publisher at the time! For example, they had to grapple with a worldview that truly did not stem in any way from the German spirit or even bear any relation to it! You can read more details in my *The Riddles of Philosophy*. The passage in question, however, was not written under the influence of the war; rather, it had long been written before the war. People back then, in 1912, were too preoccupied with Henri Bergson—yes, he is still called Bergson today—he is still called Henri Bergson—to concern themselves with this Henri Bergson, who, as I already mentioned last time, tells his Parisians all sorts of slanderous nonsense from a prominent position in intellectual life! Next, he will do the same in Sweden.
[ 89 ] Wenn man diesen Bergson betrachtet: Einen Zug seiner Philosophie lassen Sie uns nur hervorheben, einen Zug, der an ein richtig heute zu Erkennendes allerdings anklingt; das ist der Zug, wo er sagt — ich könnte natürlich vieles hervorheben unter anderem auch —, den schönen Satz, der so viel durch ganz Europa bewundert worden ist: dass man das Seelische nur erkennen kann, wenn man es in seiner Dauer begreift und namentlich den Satz begriffe in Bezug auf das Seelenwesen «Die Dauer dauert». — Ich habe unendlich viel darüber lesen müssen über diesen unendlich geistreichen Satz von Henri Bergson: «Die Dauer dauert». Ich habe es nie anders finden können, als wenn man sagt «Das Holz holzt» oder «Das Geld geldet». Aber sehen wir davon ab.
[ 89 ] If we consider Bergson: Let us highlight just one aspect of his philosophy—one that does, however, resonate with something we can truly recognize today; namely the aspect where he says—though I could, of course, highlight many other things as well—that beautiful sentence which has been so widely admired throughout Europe: that one can only understand the spiritual if one grasps it in its duration, and specifically the statement regarding the nature of the soul: “Duration endures.” — I have had to read an infinite amount about this infinitely witty sentence by Henri Bergson: “Duration endures.” I have never been able to see it any differently than if one were to say “Wood is wood” or “Money is money.” But let us set that aside.
[ 90 ] Mit einer Weltanschauung, die immerhin fruchtbar ist, würde man nur zurechtkommen, wenn man nicht in abstrakter Weise, so wie mancher, der absieht davon, tatsächlich bei den unvollkommensten Wesen anzufangen und bis herauf zum Vollkommensten zu gehen, und glaubt, eine vollkommene Herleitung zu haben, sondern wenn man vom Vollkommensten, vom Menschen ausgehe und den Menschen an den Ursprung stelle, und dann die andern Reiche — Tiere, Pflanzen, Mineralien — betrachte und so betrachte, dass sie wie Abfälle aus der Gesamtströmung entstanden seien.
[ 90 ] One could only come to terms with a worldview that is, after all, fruitful, not by proceeding in an abstract manner—as do some who refrain from actually starting with the most imperfect beings and working their way up to the most perfect, believing they have arrived at a perfect derivation—but rather by starting with the most perfect, with human beings, and placing human beings at the origin, and then consider the other kingdoms—animals, plants, minerals—and view them as if they had arisen like byproducts from the overall flow.
[ 91 ] Gewiss, ein guter Gedanke. Aber er wird in einer leicht geschürzten Weise hingestellt von Henri Bergson. Und was das Wesentliche ist: Lange, bevor Bergson es ausgesprochen hat — ich weise darauf hin im zweiten Band meiner «Rätsel der Philosophie» — ist dieser Gedanke ausgesprochen worden — 1882 schon — von dem deutschen Geiste Wilhelm Heinrich Preuss, zuletzt in seinem Buch «Geist und Stoff», aber auch schon in früheren Büchern! Da finden wir diesen Gedanken kräftig aus jener Grundlage heraus ausgesprochen, die ich eben charakterisiert habe als gerade die Grundlage des deutschen Wesens.
[ 91 ] Certainly, a good idea. But Henri Bergson presents it in a somewhat simplistic manner. And what is essential is this: Long before Bergson articulated it—as I point out in the second volume of my *Riddles of Philosophy*—this idea had already been expressed—as early as 1882—by the German thinker Wilhelm Heinrich Preuss, most recently in his book *Spirit and Matter*, but also in earlier works! There we find this idea forcefully articulated from the very foundation that I have just characterized as the very foundation of the German spirit.
[ 92 ] Man kann nun zweierlei annehmen: Bergson, der diesen Gedanken später ausgesprochen hat, der Heinrich Preuss vielleicht nicht gekannt hat — was bei einem Philosophen ebenso unverzeihlich ist, wie wenn er ihn gekannt hätte und nicht erwähnt, dass er diesen Gedanken von dieser Quelle her hat —, das letztere könnte man schon glauben, nachdem es nun herausgekommen ist, dass ganze Seiten der Bergson’schen Bücher von Schelling oder Schopenhauer abgeschrieben sind! Allerdings — ein Grundzug der Zeit, nicht wahr, sich zu stellen zu der deutschen Kultur, die einem «mechanistisch» erscheint, von der er sagt, dass sie von ihrer großen Höhe heruntergekommen ist und nur noch Mechanistisches bildet.
[ 92 ] One can now assume two things: Bergson, who later expressed this idea—and who may not have known Heinrich Preuss—which is just as unforgivable for a philosopher as if he had known him and failed to mention that he derived this idea from that source—one might well believe the latter, now that it has come to light that entire pages of Bergson’s books were copied from Schelling or Schopenhauer! However—it’s a defining trait of the times, isn’t it, to take a stand against German culture, which seems “mechanistic” to him, and which he says has fallen from its great heights and now produces nothing but mechanistic works.
[ 93 ] Ich sagte es schon einmal: Er wollte wohl erwarten, dass, wenn die Franzosen mit Flinten und Kanonen schießen, dass dann die Deutschen kommen und Novalis und Goethe zitieren! Das wird er doch wohl kaum vorausgesetzt haben, nicht wahr? Aber er spricht von der «mechanistischen Kultur». Ich möchte wissen: Ist das das Gegenbild des «Mechanischen», wenn man ganze Seiten abschreibt von deutschen Philosophen und diese hinterher verleumdet!
[ 93 ] I’ve said it before: He must have expected that when the French were firing shotguns and cannons, the Germans would come running and quote Novalis and Goethe! Surely he couldn’t have assumed that, could he? But he speaks of “mechanistic culture.” I’d like to know: Is that the antithesis of the “mechanical”—when one copies entire pages from German philosophers and then slanders them afterward!
[ 94 ] Doch wir erfahren ja so manches auf diesem Gebiet, und man muss sich schon mit diesen Dingen zurechtfinden. Aber gerade dadurch kann man sich nur zurechtfinden, sehr verehrte Anwesende, dass man versucht, als in Mitteleuropa lebender Mensch heute sich zu vertiefen in dasjenige, was von einer gewissen Seite her dieses mitteleuropäische und vor allem das deutsche Wesen zu entfalten vermag die Kraft, die heute in äußerer Weise in der physischen Welt da sein muss, damit in unserer schicksaltragenden Zeit das Deutsche sich erwehrt gegenüber allen anstürmenden Feinden. Diese selbe Kraft lebt, indem sie sich nur in einer anderen Weise äußert, in dem deutschen Geisteswesen. Beides gehört innig zusammen. Beides ist nicht völlig da zu trennen. Darauf wird doch die Geschichte zu sprechen kommen müssen in fernen Zeiten, wenn man beurteilen wird gerade die heutige, schicksaltragende Lage gerade des mitteleuropäischen deutschen Volkes innerhalb dieser schicksaltragenden Zeit.
[ 94 ] Yet we do learn quite a bit in this area, and one really has to come to terms with these things. But it is precisely through this process that one can come to terms with them, dear friends, by striving—as people living in Central Europe today—to delve deeply into that which, from a certain perspective, is capable of unfolding the Central European and, above all, the German essence: the force that must be present today in an outward form in the physical world so that, in our fateful time, the German spirit may hold its ground against all the enemies closing in. This very same force lives on—albeit expressed in a different way—in the German spiritual essence. The two are intimately connected. They cannot be completely separated. History will surely have to address this in times to come, when one will assess precisely the present, fateful situation of the Central European German people within this fateful era.
[ 95 ] Man braucht ja nur einzelne Zahlen, sehr verehrte Anwesende, ins Auge zu fassen, Zahlen aber, welche in die fernsten Zeiten sprechen werden, Zahlen, die uns etwa einfallen müssen, wenn man folgende Fragen stellt: Was steht denn da gegenüber eigentlich dem, was in Mitteleuropa sich mit dem eben charakterisierten Geistesinhalt zu entfalten hat? Kleinere Völker gar nicht mitgerechnet: 741 Millionen Menschen umkreisen 150 Millionen Menschen in Mitteleuropa! Und haben diese 741 Millionen Menschen, die den 150 Millionen Menschen gegenüberstehen, Anlass, ihnen den Boden zu neiden, auf dem diese 150 Millionen Menschen stehen?
[ 95 ] One need only consider a few figures, ladies and gentlemen—figures, however, that will speak to the most distant ages, figures that must come to mind when we ask the following questions: What, in fact, stands in contrast to what is unfolding in Central Europe with the spiritual content just described? Not even counting smaller nations: 741 million people surround the 150 million people in Central Europe! And do these 741 million people, who stand opposite the 150 million, have any reason to envy the ground on which these 150 million stand?
[ 96 ] Da braucht man sich nur zu erinnern, dass diese, Mitteleuropa einkreisende Menschheit 69 Millionen Quadratkilometer von der Erde besitzt — gegenüber 5 bis 6 Millionen Quadratkilometer der mitteleuropäischen Bevölkerung! 69 Millionen Quadratkilometer gegenüber 6 Millionen Quadratkilometer in Mitteleuropa! 9,5 Prozent der Erdenbevölkerung stehen 47 Prozent der Erdenbevölkerung gegenüber! Also: Die halbe Welt ist gegen Mitteleuropa aufgerufen. Das wird einmal also in einfachen Zahlen vor der Geschichte dastehen!
[ 96 ] One need only recall that this population, which surrounds Central Europe, occupies 69 million square kilometers of the Earth’s surface—compared to the 5 to 6 million square kilometers occupied by the population of Central Europe! 69 million square kilometers compared to 6 million square kilometers in Central Europe! 9.5 percent of the Earth’s population stands against 47 percent of the Earth’s population! In short: Half the world is arrayed against Central Europe. This will one day be recorded in simple numbers in the annals of history!
[ 97 ] Und wie betrachtet diese umkreisende Bevölkerung, die nicht einmal auf unmittelbaren Kampf baut, sondern auf Aushungern baut, wie betrachtet diese umliegende Bevölkerung gerade in geistigen Vertretern diese Bevölkerung, diese mitteleuropäische Kultur, von der man — das Gelindeste, was man hören kann — sagt: Der Geist — dieser Geist, der ringsherum ist — kämpfe gegen die rohe Materie in der Mitte!
[ 97 ] And how does this surrounding population—which does not even rely on direct combat, but rather on starvation—how does this surrounding population view, particularly through its intellectual representatives, this population, this Central European culture, of which it is said—to put it as mildly as possible—: “The spirit—this spirit that surrounds us—is fighting against the raw matter at the center!”
[ 98 ] Und diese Anschauung, wir finden sie in einer gewissen Abänderung auch, wenn wir hinüberblicken nach dem Osten. Und da finden wir, wie sich durch das ganze neunzehnte Jahrhundert entwickelt, man kann sagen aus dem einfachen russischen Volke heraus, das zu ganz anderem veranlagt ist — Sie können das Genauere in meinem Büchelchen «Gedanken während der Zeit des Krieges» nachlesen, das bald wiederum zu haben sein wird, augenblicklich ist es vergriffen — da finden wir, wie sich aus diesem russischen Volke heraus entwickelt eine russische Intelligenz — aber man könnte auch die Entwicklung auf anderen Gebieten verfolgen —, die hinaufwächst zu ganz, ganz merkwürdigen Anschauungen. Man müsste vieles von dem wiederholen, was in meinem Büchelchen «Gedanken während der Zeit des Krieges» steht — und man müsste vieles zu dem hinzufügen, wenn man nur einigermaßen charakterisieren wollte jenen Zug, der durch das russische Geistesleben, das Geistesleben der Intelligenz geht, der aus dem Glauben schöpft, dass Mitteleuropa namentlich, aber auch Westeuropa, im Grunde genommen eine altgewordene, greisenhafte Kultur habe, und dass diese ersetzt werden müsse durch die Kultur des Ostens, dass diese Kultur des Ostens jung und frisch ist und hereingetragen werden müsse nach Europa, weil innerhalb Europas alles greisenhaft geworden sei.
[ 98 ] And we find this perspective, albeit in a somewhat modified form, when we look eastward. There we see how, throughout the nineteenth century—one might say emerging from the simple Russian people, who are predisposed to something quite different— — you can read the details in my little book *Thoughts During the War*, which will soon be available again; it is currently out of print — there we find how, from among this Russian people, a Russian intelligentsia developed—though one could also trace the development in other areas—which rose to very, very peculiar views. One would have to repeat much of what is written in my little book *Thoughts During the War*—and one would have to add much more to it if one were to even begin to characterize that trait that runs through Russian intellectual life, the intellectual life of the intelligentsia, which draws on the belief that Central Europe in particular, but also Western Europe, essentially possesses a culture that has grown old and senile, and that this must be replaced by the culture of the East—that this culture of the East is young and fresh and must be brought into Europe, because everything within Europe has become senile.
[ 99 ] Da finden wir zum Beispiel — nur um einiges anzuführen, ich könnte natürlich ganze Stunden lang über diese Sache reden —, da finden wir zum Beispiel wie schon 1827 Kirejewskij einen Ton angibt, den man dann aber immer wieder und wiederum findet. Nur, man hat Verschiedenes getan, damit namentlich die guten Deutschen nicht aufmerksam werden sollen auf diesen Ton; man hat da manchmal merkwürdige Wege gesucht, damit die Deutschen nicht aufmerksam werden sollen auf diesen Ton. Einer dieser Wege ist der: Nach dem Vortrage, den ich an verschiedenen Orten gehalten habe über Tolstoi, wird mir niemand zuschreiben, dass ich Tolstoi nicht gerade für einen Geist allerersten Ranges schätze; aber gerade bei Geistern allerersten Ranges, die man nicht als Geister zu bekämpfen braucht, kann man die charakteristischen Eigentümlichkeiten finden, die sich aus ihrem Volkstume heraus in ihnen ausbilden. Nun findet man selbst bei belletristischen Werken Tolstois auch diesen Ton, dieses von der Abgelebtheit und Greisenhaftigkeit des mittel- und westeuropäischen Geisteslebens. Aber, Sie werden sagen: Man hat doch Tolstois Werke gelesen, man kann sich gar nicht besinnen darauf, dass man das darin gefunden hat!
[ 99 ] There, for example—just to mention a few things; I could, of course, talk about this subject for hours on end—there, for example, we find that as early as 1827, Kireyevsky set a tone that one then encounters again and again. However, various measures have been taken to ensure that the good Germans, in particular, do not take notice of this tone; sometimes strange methods have been sought to prevent the Germans from taking notice of this tone. One of these methods is this: Based on the lectures I have given in various places on Tolstoy, no one will accuse me of not regarding Tolstoy as a mind of the very highest order; but it is precisely in minds of the very highest order—which one need not combat as such—that one can find the characteristic peculiarities that develop within them out of their folk traditions. Now, even in Tolstoy’s works of fiction, one finds this very tone—this air of lifelessness and senility characteristic of Central and Western European intellectual life. But, you will say: We have read Tolstoy’s works; we cannot possibly recall having found that in them!
[ 100 ] Da liegt nämlich etwas Eigentümliches vor. Bis Raphael Löwenfeld am Ende der 1890er-Jahre seine Gesamtausgabe — die getreu ist —, seine Gesamtausgabe der Werke Tolstois herausgegeben hat, sind in allen früheren Übersetzungen diejenigen Stellen, die sich gegen das Deutschtum richteten, gestrichen in den Werken der Übersetzung! Alle die Werke, die vor der Gesamtausgabe von Löwenfeld übersetzt sind — und wer hat gerade die Gesamtausgabe von Löwenfeld in der Hand gehabt? —, alle die Werke Tolstois, die von anderen vorher übersetzt sind, sind in dieser Weise dem deutschen Volke vorgeführt worden!
[ 100 ] There is, in fact, something peculiar about this. Until Raphael Löwenfeld published his complete edition—which is faithful—of Tolstoy’s works in the late 1890s, all earlier translations had omitted those passages in the translated works that were critical of German culture! All the works translated before Löwenfeld’s complete edition—and who actually had Löwenfeld’s complete edition in hand?—all of Tolstoy’s works previously translated by others were presented to the German people in this manner!
[ 101 ] 1829 sagte Kirejewskij:
[ 101 ] In 1829, Kireyevsky said:
«Das Schicksal jedes europäischen Staates hängt von der Vereinigung aller übrigen ab; — das Schicksal Russlands hängt von Russland allein ab. Aber das Schicksal Russlands ist in seiner Bildung beschlossen: Diese ist die Bedingung und Quelle aller Güter. Sobald alle diese Güter unser sein werden, — werden wir uns dieselben mit dem übrigen Europa teilen, und unsere ganze Schuld werden wir ihnen hundertfach heimzahlen.»
“The fate of every European state depends on the union of all the others; — the fate of Russia depends on Russia alone. But Russia’s fate is determined by its education: this is the condition and source of all good things. As soon as all these good things are ours, — we will share them with the rest of Europe, and we will repay our entire debt to them a hundredfold.”
[ 102 ] Sie sehen, was hier für ein Hintergrund vorliegt — Europa russisch zu machen und dann großmütig dem Einzelnen das zuweisen, was man ihm zuweisen will. Und im Ernste: Dieser Ton geht durch das ganze russische Geistesleben. Und in einer merkwürdigen Weise tritt er ja dann an verschiedenen Stellen in der neueren Zeit auf. So zum Beispiel gibt es in [Michajlovskij] einen russischen Geist, der dieses — wie er meint — merkwürdig greisenhafte, verkrüppelte, verrohte Geistesprodukt Mitteleuropas, den Goethe’schen «Faust», einmal hernimmt und sagt: Was ist denn dieser Goethe’sche «Faust» eigentlich als so eine Persönlichkeit? Nun ja, so wie man in Mitteleuropa nach einer Metaphysik strebt, so strebt ja der Faust metaphysisch. — Er braucht ja den Ausdruck, dieser Michajlovskij: Ein Metaphysiker sei überhaupt ein Mensch, der vor Fett toll geworden ist! Ich weiß nicht, wie viele Metaphysiker man gerade mit dieser Eigenschaft kennengelernt hat?! Aber den Goethe’schen Faust betrachtet er als einen solchen Metaphysiker, der allem menschlichen Leben fremd geworden ist.
[ 102 ] You can see what the underlying motive is here—to make Europe Russian and then magnanimously assign to the individual whatever one wishes to assign to him. And in all seriousness: This tone pervades the entire Russian intellectual life. And in a curious way, it does indeed appear in various places in more recent times. For example, in [Mikhailovsky] there is a Russian thinker who takes this—as he sees it—strangely senile, crippled, and brutalized intellectual product of Central Europe, Goethe’s *Faust*, and says: What, exactly, is this Goethean *Faust* as a personality? Well, just as people in Central Europe strive for metaphysics, so does Faust strive metaphysically. — This Mikhailovsky certainly has a way with words: a metaphysician, he claims, is simply a person who has gone mad from eating too much fat! I don’t know how many metaphysicians one has actually encountered with precisely this characteristic?! But he regards Goethe’s Faust as just such a metaphysician, one who has become alienated from all human life.
[ 103 ] Aber gehen wir an das Ende des neunzehnten Jahrhunderts; da finden wir einen solchen Geist wie Sergius Jushakow; er hat ein Buch geschrieben, 1885; es gibt vieles von dem wieder, was gerade in diesem genannten russischen Geistesleben liegt: Er verachtet Westeuropa als etwas Greisenhaftes! Da sagt er, Jushakow: Schauen wir hinüber nach Asien, da finden wir drüben die Früchte der europäischen Kultur, die durch Russland ausgemerzt werden muss und durch etwas anderes ersetzt werden muss. Schauen wir hinüber nach Asien, da finden wir diese west- und mitteleuropäischen Früchte der Kultur. Da finden wir diese asiatischen Völker, und es erinnert Jushakow an eine asiatische Legende, die wahr ausdrückt dasjenige, was in der Entwicklung der asiatischen Völker liegt. Er sagt: Diese asiatischen Völker haben selber ihr Schicksal ausgedrückt, indem sie von Ormuzd und Ahriman gesprochen haben. Da sind die iranischen Völker, zu denen auch die Perser, die Hindus gehören; sie haben zu kämpfen gehabt gegen die turanischen Völker, die unter der Führung des Ahriman stehen. Und als Ormuzds Leute haben die Iranier, zu denen die Perser und Hindus stehen, dasjenige was Ahriman an der Spitze der Turanier ihnen entreißen wollte, weil er sie zu Not und Elend zwingen wollte —, was sie sich materiell und geistig erobert haben durch ihre Kultur, das haben sie sich erobert durch die Güte des guten Geistes Ormuzd gegen den bösen Ahriman.
[ 103 ] But let us turn to the end of the nineteenth century; there we find a figure like Sergius Yushakov; he wrote a book in 1885; it reflects much of what is at the heart of this Russian intellectual life: He despises Western Europe as something senile! Yushakov says: Let us look over to Asia; there we find the fruits of European culture, which must be eradicated by Russia and replaced by something else. Let us look across to Asia; there we find these Western and Central European fruits of culture. There we find these Asian peoples, and this reminds Yushakov of an Asian legend that truly expresses what lies at the heart of the development of the Asian peoples. He says: These Asian peoples have themselves expressed their destiny by speaking of Ormuzd and Ahriman. There are the Iranian peoples, which include the Persians and the Hindus; they have had to struggle against the Turanian peoples, who are under the leadership of Ahriman. And as Ormuzd’s people, the Iranians—including the Persians and Hindus—have secured what Ahriman, at the head of the Turanians, sought to wrest from them—because he wanted to force them into hardship and misery—what they have attained materially and spiritually through their culture, they have attained through the goodness of the good spirit Ormuzd against the evil Ahriman.
[ 104 ] Dann aber sind, nach Jushakows Meinung, die bösen Europäer gekommen und haben nicht geholfen den Asiaten, ihre Ormuzd-Kultur fortzusetzen, sondern sind gekommen, um ihnen wegzunehmen dasjenige, was sie unter Ormuzd bekommen haben, und sie zu überliefern aller Knechtschaft und Gefahren der Ahriman-Kultur. Da hat Russland einzutreten gegen diese unfriedliche, Unliebe-erfüllte westeuropäische Kultur. Da hat Russland sich hinüberzuneigen, sagt Jushakow, nach Asien, und sich zu verbinden mit den unter Ahriman schmachtenden, asiatischen Völkern, um sie zu retten vor dem Parasitentum der westeuropäischen Kultur.
[ 104 ] But then, according to Yushakov, the evil Europeans came, and instead of helping the Asians to continue their Ormuzd culture, they came to take away from them what they had received under Ormuzd and to subject them to all the bondage and dangers of the Ahriman culture. That is why Russia must stand up against this unrested, unloving Western European culture. That is why Russia must turn, says Yushakov, toward Asia and unite with the Asian peoples languishing under Ahriman, in order to save them from the parasitism of Western European culture.
[ 105 ] Zwei Mächte, sagt Jushakow, werden es sein, die sich verbinden werden, zwei Mächte, welche ausdrücken die größten, die bedeutsamsten, die stärksten Kulturkräfte der Zukunft. Zwei Mächte werden es sein, die nach Asien von Russland hinüberblicken werden — nicht ich sage es, Jushakow sagt es; wenn es also befremdend klingt, so werden Sie Jushakow lesen! —, zwei Mächte sind es: Das einfache russische Bauerntum wird sich verbinden mit dem größten Träger, mit dem adligsten Träger des Geisttums, mit dem Kosakentum! Bauern und Kosaken werden aus den Klauen der Westeuropäer die asiatische Bevölkerung retten und die alte asiatische Kultur. Das wird die Welt einstmals Russland und seiner Mission verdanken, die zusammengesetzt wird aus den Taten der Bauern und der adeligen Kosaken.
[ 105 ] Two powers, says Yushakov, will unite—two powers that embody the greatest, most significant, and strongest cultural forces of the future. It will be two powers that will look out from Russia toward Asia—I am not saying this; Yushakov says it; so if it sounds strange, read Yushakov!—these two powers are: the simple Russian peasantry will unite with the greatest bearer, with the noblest bearer of spirituality, with the Cossacks! Peasants and Cossacks will rescue the Asian population and the ancient Asian culture from the clutches of the Western Europeans. The world will one day owe this to Russia and its mission, which is composed of the deeds of the peasants and the noble Cossacks.
[ 106 ] Das Buch, das Sergius Jushakow schreibt, 1885, heißt: «Der» — ja, es heißt «Der englisch-russische Konflikt». Und er charakterisiert die asiatischen Völker in dem, was sie erlitten haben vom Westeuropäischen aus. Er sagt da zum Beispiel: Diese asiatischen Völker werden von den Westeuropäern betrachtet, — er konnte ja nicht die Deutschen nehmen; also er nahm nicht die Deutschen —, diese asiatischen Völker werden von den Westeuropäern so betrachtet, sagt er, als ob sie nur bloß dazu da wären,
[ 106 ] The book written by Sergius Yushakov in 1885 is titled: “The”—yes, it is titled “The Anglo-Russian Conflict.” And he characterizes the Asian peoples in terms of what they have suffered at the hands of Western Europeans. For example, he says: These Asian peoples are viewed by Western Europeans—he couldn’t very well single out the Germans; so he didn’t single out the Germans—these Asian peoples are viewed by Western Europeans, he says, as if they were there solely to,
«sich in englische Gewebe zu kleiden, untereinander mit englischen Waffen zu kämpfen, mit englischen Werkzeugen zu arbeiten, aus englischen Gefäßen zu essen und mit englischem Flitter zu spielen.»
“to dress in English fabrics, to fight one another with English weapons, to work with English tools, to eat from English vessels, and to play with English tinsel.”
[ 107 ] Und dann sagt Jushakow weiter, zusammenfassend das, was ihm als ein großes, panasiatisches Ideal erscheint, also das zusammenfassend, sagt er:
[ 107 ] And then Yushakov goes on to summarize what he sees as a grand, pan-Asian ideal; in summary, he says:
«England beuter Millionen von Hindus aus, seine ganze Existenz aber hängt von dem Gehorsam der verschiedenen Völker ab, von denen die reiche Halbinsel bewohnt wird; ich wünsche meinem Vaterlande nichts Ähnliches — ich kann mich nur freuen, dass es von diesem so glänzenden wie traurigen Zustand hinlänglich weit entfernt ist.»
“England exploits millions of Hindus, yet its very existence depends on the obedience of the various peoples who inhabit the rich peninsula; I wish nothing of the sort for my homeland—I can only be glad that it is sufficiently far removed from this state of affairs, which is as splendid as it is sad.”
[ 108 ] Ich wünsche meinem Vaterland nichts Ähnliches, so sagt er 1885, Jushakow, ein tonangebender Russe — über England! Man wird wohl auf diesem Wege jene sonderbare weltgeschichtliche Konsequenz — das Schmieden des Bündnisses zwischen Russland und England — zu suchen haben! Denn zunächst wurde ja wenig bemerkt von der Strömung, von der Mission nach Asien hinüber, die unter dem Einfluss der Bauern und Kosaken hätte zustande kommen sollen. Zunächst ist ja nur zu bemerken, dass sich Russland mit England und Frankreich, welch letztere damit die europäische Kultur in Wirklichkeit verraten haben, verbunden hat! Verbunden hat, nun, um das abgelebte, greisenhafte Europäertum mit Stumpf und Stiel auszurotten, wenigstens sagte man es so.
[ 108 ] “I would not wish anything like that upon my homeland,” said Yushakov, a leading Russian figure, in 1885—speaking about England! One will probably have to look in this direction for that strange consequence of world history—the forging of the alliance between Russia and England! For at first, little attention was paid to the movement, the mission toward Asia, which was supposed to have come about under the influence of the peasants and Cossacks. For now, it suffices to note that Russia has allied itself with England and France—the latter of which have, in effect, betrayed European culture! It has allied itself, well, to eradicate that outdated, senile Europeanism root and branch—at least, that is what was said.
[ 109 ] Sehr verehrte Anwesende, es ist schon nötig, dass man — wie gesagt, ohne in den Ton zu verfallen, der angeschlagen wird um uns herum, und derjenige, der diesen Ton ein bisschen kennt, der weiß, dass der heute angeschlagene Ton nicht in den Ton der Engländer, Franzosen, Russen verfallen ist, ohne in diesen Ton, der rings um uns herum angeschlagen wird, heute zu verfallen — rein bei den Tatsachen stehen bleibend, aufmerksam machen kann auf dasjenige, was innerhalb des deutschen Geisteslebens steckt zur Selbstbesinnung. Da ist es ja doch [so, dass das — was in Geistern wie Troxler, Planck, Preuss und so weiter lebte und in den anderen —, was Keim war, auch als Blüte und als Frucht aufgehen wird]!
[ 109 ] Ladies and gentlemen, it is indeed necessary—as I said, without succumbing to the tone that is being set all around us—and anyone who is even slightly familiar with that tone knows that the tone being set today is not the same as that adopted by the English, the French, or the Russians—without succumbing to that tone being struck all around us today—and, by sticking strictly to the facts, draw attention to what lies within German intellectual life for the sake of self-reflection. After all, it is indeed [the case that what lived in minds such as Troxler, Planck, Preuss, and so on—and in the others—what was a seed will also blossom and bear fruit]!
[ 110 ] Allerdings durch diesen heute noch verklungenen Ton des deutschen Geisteslebens, sehr verehrte Anwesende, wird einem eines heraufkommen müssen: Das ist, ein Verständnis dafür, wie geistige Betrachter der Welt nicht jenes Unpraktische sind, als das man sie bei den ganz gescheiten Leuten — und namentlich bei den ganz praktischen Leuten — sehr häufig hinstellt. Denn das ist ja nun doch, nicht wahr, der allgemeine Ton, dass man denkt: Nun ja, solche Leute, wie Planck, wie Troxler oder wie Preuss und so weiter, mögen ganz nette Gedanken haben — aber vom praktischen Leben haben sie doch keine Spur. Da müssen die praktischen Leute hin, jene praktischen Leute, welche nach ihrer eigenen Meinung wie mit dem Löffel gegessen haben dasjenige, was praktischer Einblick in das praktische Leben ist. Denn das andere das sind jene unpraktischen Idealisten!
[ 110 ] However, dear audience, this tone of German intellectual life—which still resonates today—must bring one thing to mind: Namely, an understanding of how intellectual observers of the world are not the impractical types that very clever people—and especially very practical people—so often portray them to be. For that is, after all, isn’t it, the general sentiment: Well, people like Planck, Troxler, or Preuss, and so on, may have quite nice ideas—but they have absolutely no grasp of practical life. That’s where the practical people come in—those practical people who, in their own opinion, have absorbed practical insight into practical life as easily as eating with a spoon. For the others—they are those impractical idealists!
[ 111 ] Nun ja, aber ich könnte Ihnen auch in Bezug auf die Widerlegung dieses Satzes wahrhaftig Hunderte und Hunderte von Beispielen anführen. Es sei nur Karl Christian Planck — dieser einer der deutschesten der Deutschen —, Karl Christian Planck selber angegeben: 1880 ist er gestorben in Bitternis. Und die Stumpflinge werden gewiss sagen: Aus dem Letzten, was er geschrieben hat, spricht manchmal etwas wie Größenwahnsinn heraus — nachdem ihn die Zeit selber zu einer gewissen Nervosität getrieben hatte, weil er mit dem, wovon ihm das Herz voll war, so gar nicht bei seinen Zeitgenossen ankommen konnte. Die Stumpflinge werden sagen sogar: Größenwahnsinnig ist er geworden. Aber: 1880 ist er gestorben, 1881 war schon sein «Testament eines Deutschen» gedruckt. Darinnen standen Worte, die ich Ihnen jetzt vorlesen will. 1880 waren sie also schon geschrieben. Planck — über den ganz gewiss recht praktische Diplomaten, Politiker und solche Leute, die alles vom praktischen Leben wissen, gering urteilen werden —, Christian Karl Planck sprach von dem gegenwärtigen Kriege, von diesem Krieg, in dem wir jetzt stehen. Die folgenden Worte sprach er — 1880 waren sie schon geschrieben, diese Worte des «unpraktischen Idealisten», der aber ein sehr praktischer Denker war, und den man wohl hätte hinstellen sollen gerade auf einen praktischen Posten, weil jene Kraft, die im Geistesleben webt, auch das praktische Leben richtig zu beurteilen weiß. Dieser «unpraktische» Planck, der schrieb 1880 über den gegenwärtigen Krieg, von dem er wusste, dass er kommen werde, die Worte nieder:
[ 111 ] Well, yes, but I could truly cite hundreds and hundreds of examples to refute this statement. Take Karl Christian Planck—one of the most German of Germans—Karl Christian Planck himself: he died in 1880, filled with bitterness. And the narrow-minded will certainly say: In the last things he wrote, there is sometimes a hint of megalomania—after time itself had driven him to a certain nervousness, because he could not at all get through to his contemporaries with what filled his heart. The narrow-minded will even say: He became megalomaniacal. But: he died in 1880, and his *Testament of a German* was already in print by 1881. It contained words that I now wish to read to you. So they had already been written by 1880. Planck—about whom quite certainly very practical diplomats, politicians, and those who know everything about practical life will speak poorly—Christian Karl Planck spoke of the current war, of this war in which we now find ourselves. He spoke the following words—they had already been written in 1880, these words of the “impractical idealist,” who was, however, a very practical thinker, and whom one should probably have placed in a practical position, precisely because that force which weaves through intellectual life also knows how to judge practical life correctly. This “impractical” Planck wrote the following words in 1880 about the present war, which he knew was coming:
«Keine politische Klugheit, keine Friedensliebe vonseiten Deutschlands vermag innerhalb der jetzigen bloß nationalen Ordnung diesen feindlichen Zusammenstoß zu verhindern. Denn mächtiger als alle Klugheit ist die Natur der Verhältnisse; und schon jetzt tritt ungeachtet der befreundeten Haltung Deutschlands und Österreichs die feindliche Stimmung des russischen Ostens nur umso deutlicher hervor, deshalb, weil man ihm nicht in allem die freie Hand lassen konnte, sondern notwendig ein bestimmtes Ziel setzen musste. Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses doch nicht an unserer Seite finden, sondern wie im Osten, so werden wir zugleich auch im Westen und im Süden uns verteidigen müssen; nach allen Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.»
“No political wisdom, no love of peace on Germany’s part can prevent this hostile clash within the current, purely national order. For the nature of the circumstances is more powerful than all prudence; and even now, despite the friendly stance of Germany and Austria, the hostile sentiment of the Russian East is becoming all the more evident, precisely because it was not possible to give it a free hand in everything, but it was necessary to set a specific goal. And should battle eventually break out, even though we must fight it for the good of Europe, Europe will not stand by our side; rather, just as in the East, we will have to defend ourselves simultaneously in the West and in the South; on all sides, hostile national jealousy will rise up against the new empire placed in their midst.”
[ 112 ] Ich frage Sie, wie viele Diplomaten haben — man kann da wie mit Fingern auf sie zeigen — viel später, ja, recht viel später geglaubt, Italien werde sich vielleicht noch abhalten lassen, sich am Kriege zu beteiligen. Ich will nur auf den einen Punkt hinweisen. — Das sind aber die «praktischen» Leute, die haben die Praxis mit den Löffeln gegessen. Aber der unpraktische Christian Karl Planck, der charakterisiert 1880 dasjenige, was 1914, 1915 und so weiter geschicht, so, dass dasjenige, was er ausspricht dazumal, ganz genau wieder erschienen ist in den wirklichen, realen Tatsachen!
[ 112 ] I ask you, how many diplomats—you can point them out one by one—believed much later, indeed quite a long time later, that Italy might still be dissuaded from participating in the war. I just want to point out this one thing. — But those are the “practical” people; they’ve had a hand in the business from the very beginning. Yet the impractical Christian Karl Planck, in 1880, characterized what would happen in 1914, 1915, and so on, in such a way that what he said back then reappeared exactly as it was in the actual, real facts!
[ 113 ] Oh, man sollte hinhören, was so ein, aus der wirklichen Tiefe des deutschen Wesens heraus schaffender Geistesmensch zu schaffen in der Lage wäre, wenn sich dieses deutsche Wesen einmal voll bewusst auf seine eigenen Füße — sinnbildlich gesprochen — stellen wird.
[ 113 ] Oh, one should listen to what such a man of the spirit—creating from the very depths of the German essence—would be capable of creating once this German essence stands fully and consciously on its own two feet—figuratively speaking.
[ 114 ] Dazu aber muss der gegenwärtig wichtige, weltgeschichtliche Augenblick das Merkzeichen liefern. Denn auch das wird einstmals das deutsche Wesen für die Welt lösen, dass aus diesem deutschen Wesen heraus eingesehen werden muss, was es bedeutet, dass so vielfach in der Welt die Macht — die so viel berechtigtes Streben niederdrückende Macht der Unfähigen — eigentlich das Herrschende ist! Gerade auf diesem Gebiete wird deutsches Wesen gesundend wirken müssen. Das darf man schon — ohne in irgendeiner Weise national schmeicheln zu wollen — in der der heutigen, schicksaltragenden Zeit hervorheben aus den Tatsachen selber heraus.
[ 114 ] But for this to happen, the current moment—which is of great importance in world history—must provide the sign. For this, too, will one day reveal the German essence to the world: that it is from this German essence that one must understand what it means that, in so many parts of the world, power—the power of the incompetent, which suppresses so many justified aspirations—is in fact the ruling force! It is precisely in this area that the German spirit will have to exert a healing influence. One may well—without wishing to flatter nationalism in any way—emphasize this in the present, fateful times based on the facts themselves.
[ 115 ] Zum Schlusse lassen Sie uns, sehr verehrte Anwesende, darauf hinweisen, wie diejenigen, die darinnenstanden in diesem deutschen Wesen, die es mit ihrer ganzen Seele, mit ihrem ganzen Herzen zu erfassen wissen, wie die immer erlebten das, was sich jetzt vollzogen hat. Ich darf, da ich fast dreißig Jahre meines Lebens in Österreich verbracht habe und die letzten Zeiten gerade damals am Ende dieser dreißig Jahre innerhalb der Kämpfe, die dort gerade das Deutschtum zu führen hatte, mitzuführen hatte, [da ich in diesen letzten Zeiten] mitten darinnen stand in diesen Schwierigkeiten des deutschen Wesens, ich darf darauf aufmerksam machen, wie naturgemäß es lebte in einem solche Geiste wie Robert Hamerling, einem der deutschesten Geister Österreichs, einem der besten Geister Mitteleuropas überhaupt, wie er aussprach das, was in ihm lebte, so schön: «Österreich ist mein Vaterland; Deutschland ist mein Mutterland!» In diesen Worten liegt die lebendige Empfindung für dasjenige Geistige, was aus Notwendigkeiten dieses Mitteleuropa — Deutschland und Österreich — in der jetzigen schweren Zeit zusammengeschmiedet hat. Aber solche Geister, wie gerade Robert Hamerling, sie wussten eine solche Sache in ihrer Tiefe, in ihrer ganzen Tiefe nicht nur zu fassen, sondern zu erleben, sehr verehrte Anwesende. Das tritt einem so ganz besonders hervor, wenn man Robert Hamerling anschaut — nicht selbstverständlich in dem Gedicht, das verteilt worden ist, und auf das so viele hereingefallen sind, sogar recht gescheite Leute sind hereingefallen, es ist selbstverständlich eine Fälschung, das Gedicht, das prophetische, das jetzt so vielfach durch die Zeitungen gegangen ist — also ich meine selbstverständlich nicht so etwas! Wer Robert Hamerling nur ein klein wenig kennt, der merkt gleich an den ersten Zeilen, dass es sich um eine Fälschung handelt. Aber man hat ja bei Robert Hamerling genügend Anhaltspunkte, zu sehen, wie in ihm lebte dieses Mitteleuropa! 1862 schrieb er seinen «Germanenzug». Heben wir den «Germanenzug» heraus aus vielem. 1862 schrieb er in seinem «Germanenzug», wie die Vorfahren der Deutschen unter den Germanen herüberzogen von Asien — das wird uns in einer wunderbaren Stimmung geschildert, wie sie da lagern — Abendstimmung ist es —, wie sie da lagern noch in Asien drüben; es ist eine wunderschöne Abendstimmung: untergehende Sonne, aufgehender Mond, das herüberziehende Volk der Teutonen schläft. Es wacht nur einer: Der blonde Teut. Und über ihm erscheint der Genius der künftigen Deutschen und spricht mit ihm. Und dasjenige, was man so recht als einen Grundzug des deutschen Erkenntnisstrebens anführen muss — der Genius spricht mit ihm, mit dem blonden Teut von dieser deutschen Zukunft —, lässt Robert Hamerling aussprechen durch den Genius des Deutschtums an den blonden Teut. Ich möchte sagen: So schön tritt ja das, was ein deutscher Grundzug ist, ja schon bei dem «Philosophus teutonicus», bei Jakob Böhme hervor, wo dieser Jakob Böhme alle Erkenntnis so ansieht, dass diese Erkenntnis, insofern sie aus dem deutschen Gemüt als Erkenntnis kommt, zu gleicher Zeit eine Art von Gottesdienst ist. Da sagt Jakob Böhme so schön:
[ 115 ] In conclusion, let us point out, esteemed audience, how those who were immersed in this German spirit—who know how to grasp it with their whole soul and their whole heart—how they have always experienced what has now come to pass. Since I have spent nearly thirty years of my life in Austria and, precisely at the end of those thirty years, was caught up in the struggles that German identity was then forced to wage there—[since, during those final years,] I stood right in the midst of these difficulties of the German spirit— I may point out how naturally this lived in a spirit such as Robert Hamerling’s—one of Austria’s most German spirits, one of the finest spirits in all of Central Europe—and how beautifully he expressed what lived within him: “Austria is my fatherland; Germany is my motherland!” In these words lies the living sense of that spiritual essence which, out of the necessities of this Central Europe—Germany and Austria—has forged them together in these difficult times. But minds such as Robert Hamerling’s knew not only how to grasp such a matter in its depth, in its very depths, but also how to experience it, esteemed audience. This becomes particularly evident when one looks at Robert Hamerling—not, of course, in the poem that has been circulated, and which so many have fallen for—even quite intelligent people have fallen for it; it is, of course, a forgery, that prophetic poem that has now been so widely published in the newspapers—so, of course, I am not referring to something like that! Anyone who knows Robert Hamerling even a little bit can tell right from the first lines that it’s a forgery. But with Robert Hamerling, there are plenty of clues to see how this “Central Europe” lived within him! In 1862, he wrote his “Germanenzug.” Let’s single out the “Germanenzug” from among his many works. In 1862, he wrote in his “Germanenzug” about how the ancestors of the Germans migrated from Asia among the Germanic peoples—this is described to us in a wonderful atmosphere, how they are encamped there—it is evening—how they are encamped there, still over in Asia; it is a beautiful evening scene: the setting sun, the rising moon, the migrating Teutonic people are asleep. Only one is awake: the blond Teuton. And above him appears the genius of the future Germans and speaks to him. And that which must truly be cited as a fundamental trait of the German quest for knowledge—the genius speaks to him, to the blond Teuton, of this German future—Robert Hamerling has the genius of Germanhood express to the blond Teuton. I would like to say: This fundamental German trait already emerges so beautifully in the “Philosophus teutonicus,” in Jakob Böhme, where Jakob Böhme regards all knowledge in such a way that this knowledge, insofar as it arises from the German spirit as knowledge, is at the same time a kind of worship. There Jakob Böhme says so beautifully:
«Wenn du die Tiefe»
“If You Feel the Depth”
[ 116 ] er meint die Tiefe des blauen Himmels
[ 116 ] he is referring to the depth of the blue sky
«des Himmels und die Sterne und die Erde ansiehest, so siehest du deinen Gott, und in demselben lebest und bist du auch. Und derselbige Gott regiert durch dich und regiert auch dich.» «Du bist aus diesem Gott geschaffen und lebest in demselben. Auch stehet alle deine Wissenschaft in diesem Gott, und wenn du stirbest, so wirst du in diesem Gott begraben.»
“When you look at the heavens, the stars, and the earth, you see your God, and you live in Him, and you are Him as well. And that same God reigns through you and also reigns over you.” “You are created from this God and live within Him. All your knowledge also resides in this God, and when you die, you will be buried in this God.”
[ 117 ] Diese Stimmung, sie lebte auch in Robert Hamerling, als er den Genius des deutschen Wesens zu dem blonden Teut damals sprechen ließ:
[ 117 ] This sentiment was also alive in Robert Hamerling when he had the Genius of the German Spirit speak to the blond Teut at that time:
«Wem bricht dereinst das Wort aus Seelentiefen
Wie deinem Volk, so reich, so zart, so mächtig?
Wer haucht so weihevoll in Saitenklänge
Sein Innerstes? Wem zich’n den Sinn so prächtig
Ins Himmelsblau granit'ne Hieroglyphen
Des Seelenaufschwungs aus des Lebens Enge?
Wer knüpft zuletzt die Stränge
Des forschenden Gedankens an die Sterne
So kühn und strebt und kämpft auf allen Bahnen?
Wen führt so hoch, so tief sein Drang, sein Ahnen?
Wer fasst so treu das Nahe wie das Ferne?
Wo spiegelt jede Erd- und Himmelszone
Sich wie in deinem Denken, O Teutone?»
“To whom will words one day burst forth from the depths of the soul
As they did to your people—so rich, so tender, so powerful?
Who breathes so solemnly into the sounds of the strings
His innermost being? To whom does the mind so magnificently
Carve granite hieroglyphs into the blue of the heavens
Of the soul’s ascent from life’s confines?
Who, in the end, ties the strands
Of the inquiring mind to the stars
So boldly striving and fighting on every path?
Whom does his urge, his intuition, lead so high, so deep?
Who grasps the near and the far so faithfully?
Where does every zone of earth and sky
Reflect itself as in your thoughts, O Teuton?”
[ 118 ] Dieses deutschen Wesens Sendung — vor Robert Hamerling stand sie schon gerade damals, als er seinen «Germanenzug» schrieb.
[ 118 ] This mission of the German spirit—it was already before Robert Hamerling at the very time he was writing his *Germanenzug*.
[ 119 ] Um so recht die ganze weltgeschichtliche, die umfassend weltgeschichtliche Bedeutung dieses deutschen Wesens einzusehen — man kann wirklich in anderer Weise, als es Jushakow getan hat, hinüberblicken nach Asien: Da sieht man diese asiatischen Völker, wie sie einstmals in Urzeiten hinaufgestrebt haben zu den geistigen Welten. Aus Indien holten sie es; sie haben es getan, indem sie alles dasjenige, was das Ich des Menschen begründet, den Mittelpunkt des Menschen ausmacht, in eine Art von Traumleben versenkt, herabgedämpft. Und indem sie das Ich hinuntergedämmt haben, haben sie etwas wie in einem Traumleben aufgehend gemacht in sich, das sie einführte in das die ganze Welt durchwebende und durchlebende Geistige. Diese Welt kann und darf nicht mehr auferstehen, so wie sie geblieben ist, als ein Zeuge desjenigen, was aus alten Zeiten geblieben ist, drüben in Asien; denn nachdem der größte Impuls, den die Erdenmenschheit erleben konnte, der Christus-Impuls, hereingebrochen ist in die Entwicklung der Erdenmenschheit, musste ein anderes eintreten, als diese einstmalige Erhebung zur Geisteswelt.
[ 119 ] To truly grasp the full, all-encompassing significance of this German essence in the context of world history—one can indeed look toward Asia in a different way than Yushakov did: There one sees these Asian peoples, how they once, in primeval times, aspired upward toward the spiritual worlds. They drew it from India; they did so by immersing and subduing everything that constitutes the human “I”—the very center of the human being—into a kind of dream life. And by subduing the “I,” they allowed something to arise within themselves, as if in a dream life, which introduced them to the spiritual realm that interweaves and permeates the entire world. This world can no longer and must no longer rise again as it has remained, as a witness to what has survived from ancient times over in Asia; for after the greatest impulse that earthly humanity could experience—the Christ impulse—had burst into the development of earthly humanity, something other than this former ascent into the spiritual world had to take its place.
[ 120 ] Und dieses Andere — mit derselben Innerlichkeit, tiefen Innerlichkeit, mit der einstmals im alten Morgenlande der Geist erlebt werden sollte, mit derselben Innerlichkeit soll er wieder erlebt werden durch dieses Andere; aber dieses Andere soll in der genau entgegengesetzten Weise sich entwickeln: Das Ich soll nicht herabgelähmt, es soll erstarkt, es soll erkraftet werden — gerade dadurch, dass es sich erhebt, dass es sich so voll auslebt, wollen Fichte, Schelling und Hegel, wollen die anderen Geister, die gerade in der Tiefe des deutschen Geisteslebens wurzeln, in die geistige Welt hinaufdringen: Und so soll dieses deutsche Wesen eben dasjenige, was der Orient einmal an tiefer Innerlichkeit in vorchristlichen Zeiten gegeben hat, in neuer Weise soll es das deutsche Wesen geben, wie es in der nachchristlichen Zeit gegeben werden muss.
[ 120 ] And this Other—with the same inwardness, that deep inwardness with which the spirit was once to be experienced in the ancient Orient—with that same inwardness it is to be experienced again through this Other; but this Other is to develop in exactly the opposite way: The “I” is not to be weakened; it is to be strengthened, it is to be empowered—precisely by rising up, by living itself out so fully—this is what Fichte, Schelling, and Hegel desire, what the other minds rooted in the very depths of German spiritual life seek to ascend into the spiritual world: And so this German essence is to be precisely that which the East once provided in terms of profound inner life in pre-Christian times; in a new way, the German essence is to provide what must be provided in the post-Christian era.
[ 121 ] Das auch stand schon vor Robert Hamerling, als er den Genius der Deutschen zu dem blonden Teut, dem Führenden der Germanen, in seinem «Germanenzug» sprechen ließ. Da macht Robert Hamerling aufmerksam ja, wie wirklich alles Erkennen sein soll bei dem Deutschen eine Art von Gottesdienst, wie der Deutsche mit seinem Wesen sich so erkennen will, dass er sich weiß geboren aus den göttlich-geistigen Mächten, lebend in den göttlich-geistigen Mächten, wieder begraben werdend mit den göttlich-geistigen Mächten.
[ 121 ] This was already evident before Robert Hamerling, when he had the German spirit speak through the blond Teut, the leader of the Germanic peoples, in his *Germanenzug*. Here Robert Hamerling points out how, indeed, all knowledge for the German should be a kind of worship, how the German, through his very nature, seeks to know himself in such a way that he knows he is born of the divine-spiritual powers, lives within the divine-spiritual powers, and will be buried once more with the divine-spiritual powers.
[ 122 ] Deshalb lässt Robert Hamerling den Genius des Deutschtums zu dem blonden Teut auch diese schönen Worte sprechen:
[ 122 ] That is why Robert Hamerling has the “Genius of Germanness” speak these beautiful words to the blond Teut:
«Doch wie auch stolz du aufstrebst, and’re Schwärme
Hoch überschwebend, stets noch eine Lohe
Wirst du bewahren, uralt heil’gen Brandes:
Fortleben wird in dir die traumesfrohe
Gotttrunkenheit, die seel’ge Herzenswärme
Des alten asia’schen Heimatlandes.
Geruhigen Bestandes
Wird dieser heil’ge Strahl, ein Tempelfeuer
Der Menschheit, frei von Rauch, mit reiner Flamme
Fortglüh’n in deiner Brust und Seelenamme
Dir bleiben und Pilote deinem Steuer!
Du strebst nur, weil du liebst: dein kühnstes Denken
Wird Andacht sein, die sich in Gott will senken.»
“Yet no matter how proudly you soar, among the swarms
Hovering high above, you will always preserve a flame
Of that ancient, sacred fire:
Within you will live on the dream-filled
Divine ecstasy, the soulful warmth of the heart
Of the ancient Asian homeland.
In tranquil permanence
This sacred ray, a temple fire
Of humanity, free from smoke, with a pure flame
Will continue to glow in your breast and in the depths of your soul
Remain with you and guide your course!
You strive only because you love: your boldest thought
Will be devotion, seeking to sink into God.»
[ 123 ] So der, der sich als mitteleuropäischer Deutscher in dem Geistesleben Mitteleuropas drinnen fühlt, das ich versucht habe heute zu charakterisieren auch in einem seiner verklungenen Töne, in einer seiner vergessenen Geistesströmungen, aber gerade in der Geistesströmung, die zeigt, welche Keime, welche Wurzeln eines Strebens nach dem realen, nach dem wirklichen Geiste im deutschen Geistesleben verankert ist.
[ 123 ] Thus, the person who, as a Central European German, feels at home in the intellectual life of Central Europe—which I have attempted to characterize today—even in one of its faded tones, in one of its forgotten intellectual currents, but precisely in the intellectual current that reveals which seeds, which roots of a striving for the real, for the true spirit, are anchored in German intellectual life.
[ 124 ] Die Einsicht, dass es so ist, sie wird dem, der deutsches Wesen in sich erkennt und erfühlt, immerdar die berechtigte Überzeugung geben: Was auch aufsteht von den 68 Millionen Quadratkilometern rings herum gegen das, was auf den 6 Millionen Quadratkilometern lebt, was solche Wurzeln, solche Keime hat, das wird gegen alle Feinde seine Blüten in der Weise tragen, und seine Früchte, wie sie in ihm veranlagt sind! Diese Hoffnung, diese Zuversicht und auch diese Liebe zum deutschen Wesen, die hat gerade der Erkennende dieses deutschen Wesens.
[ 124 ] The realization that this is so will always give those who recognize and feel the German spirit within themselves the well-founded conviction that: Whatever may arise from the 68 million square kilometers all around, in opposition to that which lives on the 6 million square kilometers—whatever has such roots, such seeds—will, in the face of all enemies, bear its blossoms and its fruits in the manner inherent in it! This hope, this confidence, and also this love for the German essence—these are possessed precisely by the one who recognizes this German essence.
[ 125 ] Damit lassen Sie mich zusammenfassen in vier einfache Zeilen wiederum Robert Hamerlings, nachdem ich Ihnen zu charakterisieren versucht habe einen solchen mitteleuropäischen Geist, zusammenfassen dasjenige, was gerade aus einer objektiven Betrachtung des deutschen Wesens und Versenkung in dieses deutsche Wesen heute gegenüber unseren schweren, schicksaltragenden Ereignissen in der Seele aufgehen kann.
[ 125 ] Let me now summarize—in four simple lines, once again from Robert Hamerling—after I have attempted to characterize for you this Central European spirit; let me summarize what can arise in the soul today from an objective contemplation of the German essence and immersion in that German essence, in the face of our grave, fateful events.
[ 126 ] Ich glaube, diese vier einfachen Zeilen, mit denen ich die heutige Betrachtung abschließen will, diese vier einfachen Zeilen Robert Hamerlings, die besagen, dass das wahr ist, dass nicht bloß aus nationaler Überhitzung heraus, sondern aus objektiver Erkenntnis heraus gesagt werden darf:
[ 126 ] I believe that these four simple lines, with which I would like to conclude today’s reflection—these four simple lines by Robert Hamerling, which state that it is true, that one may say this not merely out of national fervor, but out of objective insight:
«Und wenn je dem deutschen Namen
Feindlich sich der Tag erweist,
Finden wird von Meer zu Meere
Seine Bahn der deutsche Geist.»
“And if ever the day proves hostile
To the German name,
From sea to sea
The German spirit will find its path.”
