The Human Being as a
Spirit and Soul Being
GA 71b
16 February 1918, Munich
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The Human Being as a Spirit and Soul Being, tr. SOL
3. Der Mensch als Geist- und Seelenwesen. Forschungen vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft
3. Man as a Being of Spirit and Soul: Research from the Perspective of Spiritual Science
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende, die beiden Vorträge, die ich mir gestatten werde, heute und am Montag zu halten, werden in einer gewissen Beziehung zusammen ein Ganzes bilden, der eine den andern erläutern; doch will ich mich bemühen, jeden der Vorträge zu einem abgeschlossenen Ganzen zu gestalten, sodass er für sich allein gehört werden kann. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung, welche ich nun schon seit vielen Jahren auch hier in München zur Darstellung bringen darf, sie unterliegt ja, wie es hinlänglich bekannt ist vielen, die dieser Weltanschauung nahegetreten sind, den mannigfaltigsten Missverständnissen, und dennoch, man darf sagen, dass, wenn auch nicht im Bewusstsein unserer Zeitgenossen, so doch im allgemeinen Empfindungsleben, im Gefühlsleben unserer Zeitgenossen diese Weltanschauung sich als sehr stark erhofft, möchte man sagen, erweist.
[ 1 ] Ladies and gentlemen, the two lectures I shall be giving today and on Monday will, in a certain sense, form a unified whole, with one serving to elucidate the other; however, I will endeavor to structure each lecture as a self-contained whole, so that it can be heard on its own. The spiritual-scientific worldview, which I have now been privileged to present here in Munich for many years, is, as is well known to many who have come to know this worldview, subject to the most varied misunderstandings; and yet, one may say that, even if not in the consciousness of our contemporaries, this worldview is—one might say—proving to be very strong in their general emotional life, in the life of their feelings.
[ 2 ] Nur verkennt man von der einen oder anderen Seite ihren Quell und auch ihren eigentlichen Charakter. Daher ist es immer wiederum notwendig, wenn von ihr gesprochen wird, wenigstens einleitungsweise mit ein paar Worten darauf hinzuweisen, wie gerade diejenige Denkweise in unserer Zeit und in der jüngsten Vergangenheit, welche in berechtigter Weise ganz besonders sich einlebt in das Bewusstsein der Zeitgenossen, wie die naturwissenschaftliche Denkweise den Quell auch der Geisteswissenschaft bildet, von welcher heute wohl ein großer Teil unserer gebildeten Zeitgenossen der berechtigten Anschauung ist, dass sie auf einem Boden gut disziplinierter wissenschaftlicher Forschung steht. Und eben deswegen, weil man von den verschieden[st]en Seiten her der hier vertretenen Geisteswissenschaft den wissenschaftlichen Charakter abspricht, muss immer wiederum betont werden, dass diese Geisteswissenschaft nicht nur in keinem Widerspruch steht — das würde nicht viel besagen — mit der naturwissenschaftlichen Denkungsart unserer Zeit, sondern dass sie in ihr ihren Quell hat, dass sie durch diese naturwissenschaftliche Denkungsart, wenn man diese Letztere im rechten Sinn versteht, in allen ihren Aufstellungen bestätigt und getragen wird.
[ 2 ] However, both sides fail to recognize its source and its true nature. Therefore, whenever it is discussed, it is always necessary—at least by way of introduction—to point out in a few words how precisely that mode of thinking in our time and in the recent past—which, quite justifiably, has taken particularly deep root in the consciousness of our contemporaries, namely the scientific mode of thinking—constitutes the source of spiritual science as well; a spiritual science of which a large portion of our educated contemporaries today rightly hold the view that it is grounded in well-disciplined scientific research. And precisely because the spiritual science advocated here is denied its scientific character from the most diverse quarters, it must be emphasized time and again that this spiritual science is not merely free from contradiction—which would not mean much — with the scientific way of thinking of our time, but that it has its source in it, that it is confirmed and supported in all its propositions by this scientific way of thinking, if the latter is understood in the proper sense.
[ 3 ] Nun allerdings liegen zu Missverständnissen die mannigfaltigsten Gründe vor, und wenn ich eine persönlich gefärbte Bemerkung voraussenden darf, so soll es die sein, dass überall da, wo es sich darum handelt, das Verhältnis festzustellen zwischen allerlei dilettantischen Vertretungen dieser oder jener geistigen Richtung und zwischen der Naturwissenschaft, ich selbst immer auf dem Boden der Naturwissenschaft stehen werde und mit der Naturwissenschaft gegen geisteswissenschaftlichen Dilettantismus stehen werde. Aber gerade die Art und Weise, wie die Naturwissenschaft in den letzten Zeiten sich ausgebildet hat, wie diese Eingang gefunden hat in die Gemüter der Zeitgenossen, das macht notwendig, mit aller Stärke gerade die Möglichkeit einer besonderen Erforschung des geistigen Lebens zu betonen.
[ 3 ] Now, however, there are a wide variety of reasons for misunderstandings, and if I may preface this with a personally colored remark, let it be this: wherever the issue is determining the relationship between all manner of amateurish representations of this or that intellectual school and natural science, I myself will always stand on the ground of natural science and, together with natural science, oppose dilettantism in the humanities. But it is precisely the way in which natural science has developed in recent times, and the way it has found its way into the minds of our contemporaries, that makes it necessary to emphasize with all our strength the very possibility of a special investigation of spiritual life.
[ 4 ] Man kann dasjenige, was Naturwissenschaft nach dieser Richtung hin ausmacht, am besten dadurch bezeichnen, dass man sagt: Wer diese naturwissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte und insbesondere der unmittelbaren Vergangenheit kennt, der wird nur ein Bewunderer der Naturwissenschaft sein können und ein Anerkenner der Tatsache, dass diese Naturwissenschaft die bestdisziplinierten Vorstellungen herausgebildet hat, um das weite Gebiet der Naturerscheinungen mit diesen Vorstellungen, so gut es geht, kennenzulernen und zu beherrschen. Die großen Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Forschung und Denkungsart sollte gerade keine geisteswissenschaftliche Richtung ableugnen wollen; allein auf der anderen Seite liegt folgende bedeutungsvolle Tatsache vor, diejenige nämlich, dass, gerade wenn man sich bemüht, im rechten Sinn naturwissenschaftlich zu forschen und zu denken, wenn man ausbildet solche Vorstellungen und Begriffe und Ideen, welche besonders geeignet sind, die Natur in ihren äußeren sinnenfälligen Erscheinungen zu fassen, dann werden sich diese Begriffe und Ideen unzulänglich, ja überhaupt ungeeignet erweisen, um in das Geistgebiet einzudringen.
[ 4 ] The best way to describe what defines natural science in this regard is to say: Anyone familiar with the development of the natural sciences over the past few centuries—and especially in the recent past—cannot help but be an admirer of the natural sciences and acknowledge the fact that these sciences have developed the most rigorously structured concepts for understanding and mastering, as best as possible, the vast realm of natural phenomena. No school of thought within the humanities should wish to deny the great achievements of scientific research and the scientific way of thinking; yet, on the other hand, there is the following significant fact: namely, that precisely when one strives to conduct scientific research and think in the proper sense—when one develops concepts, terms, and ideas that are particularly suited to grasping nature in its outward, sensory manifestations—these concepts and ideas prove inadequate, indeed, prove entirely unsuitable for penetrating the realm of the spirit.
[ 5 ] Wer die Entwicklung des menschlichen Geisteslebens kennt, der weiß, dass es vor Jahrhunderten anders gestanden hat in dieser Beziehung. Es ist ja einer der größten Risse im menschlichen Kulturleben eingetreten, als vor drei, vier Jahrhunderten die naturwissenschaftliche Denkweise aufgekommen ist, und nur weil man nicht kennt die Art, wie man vorher über die Natur gedacht hat, verkennt man diesen ungeheuer bedeutungsvollen Umschwung in der menschlichen Geisteskultur. Wer aber kennt, was das Denken vor mehr als drei, vier Jahrhunderten durch alle Zeiten hindurch in Bezug auf Naturbetrachtung für eine Art gehabt hat, der weiß, dass man in früheren Zeiten mit den Naturbegriffen immer auch aufgenommen hat die Vorstellung, dass in den Naturprozessen, in den Naturvorgängen Geistiges waltet; man hat zu gleicher Zeit, indem man die Naturerscheinungen beobachtet hat, mitgenommen mit der Erkenntnis dieser oder jener Naturerscheinung Vorstellungen vom Geistigen, das die Natur durchsetzt.
[ 5 ] Anyone familiar with the development of human spiritual life knows that the situation was different in this regard centuries ago. Indeed, one of the greatest rifts in human cultural life occurred three or four centuries ago with the emergence of the scientific way of thinking, and it is only because people are unaware of the way nature was conceived of previously that they fail to recognize this immensely significant turning point in human intellectual culture. But anyone who understands the nature of thinking—as it existed more than three or four centuries ago and throughout the ages—with regard to the observation of nature knows that in earlier times, concepts of nature always included the idea that spiritual forces govern natural processes and phenomena; at the same time as observing natural phenomena, people gained, along with the knowledge of this or that natural phenomenon, conceptions of the spiritual that permeates nature.
[ 6 ] Mit Recht hat die naturwissenschaftliche Betrachtung ausgeschieden alles das, was sich irgendwie auf Geistiges bezieht, um die Natur rein zu bekommen in ihren Erkenntnissen. Und so ist es kein Wunder, dass sich im Laufe der drei, vier letzten Jahrhunderte solche Vorstellungen herausgebildet haben, die gerade geeignet sind, die Natur zu begreifen und die sich als ungeeignet erweisen, irgendwie an den Geist heranzukommen. Und in unserer Zeit, nachdem dieser Vorgang bestanden hat durch längere Zeit, sich eingelebt hat in die Gemüter, in die Seelen der Menschen, in unserer Zeit verlangt, wenn sie auch dieses Verlangen selbst noch nicht vollständig versteht, die menschliche Seele einen zwar ebenso strengen, wie es der naturwissenschaftliche Weg ist, Hingang zum geistigen Gebiet, aber einen Hingang zum geistigen Gebiet, der sich neben den Weg der naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung stellt, da diese selbst ja keinen Zugang zum Geiste finden kann.
[ 6 ] Scientific inquiry has rightly excluded everything that in any way relates to the spiritual, in order to ensure the purity of its findings regarding nature. And so it is no wonder that, over the course of the last three or four centuries, ideas have emerged that are particularly suited to understanding nature but prove unsuitable for approaching the spirit in any way. And in our time, after this process has persisted for a long time and taken root in people’s minds and souls, the human soul—even if it does not yet fully understand this longing itself—demands a path toward the spiritual realm that is just as rigorous as the scientific approach, toward the spiritual realm—but one that stands alongside the scientific approach to the world, since the latter itself cannot find access to the spirit.
[ 7 ] Man sieht das, was ich eben gesprochen habe, nicht nur, wenn man im Allgemeinen den Gang der wissenschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrhunderte betrachtet, sondern man sieht es auch, wenn man sich einlässt auf die besondere Art der allerhervorragendsten wissenschaftlichen Forscher der Gegenwart — und ich muss betonen, dass gerade in Bezug auf die Mustergültigkeit der naturwissenschaftlichen Denkungsart hervorragender Forscher der Gegenwart, für die ich als Geisteswissenschafter voll Anerkennung bin —, so möchte ich einleitungsweise nur hervorheben, dass ja die naturwissenschaftliche Entwicklung in den letzten Jahren zu einer besonnenen, zu einer gediegenen Stellung gekommen ist zu der viel umstrittenen Frage des Darwinismus, und auf diesem Gebiete ist wirklich Bedeutungsvolles geleistet worden.
[ 7 ] What I have just said is evident not only when one considers the general course of scientific development over the past few centuries, but also when one examines the distinctive approach of the most outstanding scientific researchers of our time—and I must emphasize that, particularly with regard to the exemplary nature of the scientific mindset of today’s outstanding researchers, for whom, as a scholar of the humanities, I have the utmost respect—I would like to begin by emphasizing that scientific development in recent years has reached a level-headed, well-founded position on the much-debated question of Darwinism, and truly significant achievements have been made in this field.
[ 8 ] Eines unter den vielen, vielen Zeugnissen dafür ist das bedeutungsvolle Buch von Oscar Hertwig «Das Werden der Organismen», eine Widerlegung der darwinistischen Zufallstheorie. Da hat einmal ein Naturwissenschafter selbst mit all dem Handwerkszeug, das die Naturwissenschaft zur Stelle schaffen kann, gezeigt, wie einseitig das letzte Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in Bezug auf wichtige Fragen verfahren ist. Wenn man [dann] sich einlässt [dar]auf, die Art, wie solche Persönlichkeiten gesinnt sind, zu erkennen, dann findet man das Eigentümliche, dass solche Persönlichkeiten sich einschränken auf ihrem Gebiet, mit Recht sich einschränken darauf, das äußerlich durch die Sinne Gegebene zu erforschen, und dass sie sagen — gerade bei Oscar Hertwig findet man das: Alles das, was hinausliegt über die Beobachtung und über die methodische Erkenntnis des Sinnenfälligen, das müsse, so sagt Hertwig, der Metaphysik, der Erkenntnistheorie und so weiter überlassen bleiben.
[ 8 ] One of the many, many examples of this is Oscar Hertwig’s seminal book The Development of Organisms, a refutation of the Darwinian theory of chance. Here, a natural scientist has himself—using all the tools that natural science can provide—demonstrated how one-sided the approach was in the last third of the nineteenth century with regard to important questions. If one [then] takes the time to recognize the mindset of such figures, one discovers the peculiar fact that they limit themselves to their own field—rightly so—to investigating what is given externally through the senses, and that they say—this is particularly evident in Oscar Hertwig: Everything that lies beyond observation and beyond the methodical understanding of what is perceptible to the senses, Hertwig says, must be left to metaphysics, epistemology, and so on.
[ 9 ] Das wäre alles ganz schön. Man könnte sagen: Solch ein Forscher verweist also selber auf die Geisteswissenschaft; aber so einfach liegt die Sache nicht. Überall, wo heute gerade bei den bedeutendsten Naturforschern solche Dinge auftreten, sind sie zugleich verbunden, ich möchte sagen, mit einer nicht ausgesprochenen, aber doch wirksamen Bekämpfung einer jeglichen Erforschung des Geisteslebens in unserer Zeit, indem immer wiederum darauf hingewiesen wird — wenn man auch sagt, Naturwissenschaft habe selber keinen Zugang zum Geistigen, das müsse sie einem anderen Zweig der Wissenschaft überlassen —, wenn man immer wiederum betont, wahre Wissenschaftlichkeit sei doch nur zu erreichen, wenn man bei der Sinnesbeobachtung und den Methoden stehen bleibe, welche die Sinnesbeobachtung etwas weiter ausführen. So wird zu gleicher Zeit die Notwendigkeit zwar betont einer besonderen Geisteswissenschaft, welche über die Sinneswelt hinausgeht, aber es wird, ich möchte sagen, unbewusst zu gleicher Zeit diese Geisteswissenschaft diskreditiert, indem man ihr ihre Wissenschaftlichkeit abstreiter.
[ 9 ] That would all be well and good. One might say: Such a researcher is thus himself pointing to the humanities; but the matter is not quite that simple. Wherever such things occur today—especially among the most prominent natural scientists—they are at the same time linked, I would say, to an unspoken yet effective opposition to any exploration of spiritual life in our time, in that it is repeatedly pointed out—even while claiming that natural science itself has no access to the spiritual, which it must leave to another branch of science—when it is repeatedly emphasized that true scientific rigor can only be achieved by sticking to sensory observation and the methods that extend sensory observation somewhat further. Thus, while the necessity of a special spiritual science that transcends the sensory world is emphasized, this spiritual science is, I would say, unconsciously discredited at the same time by denying its scientific validity.
[ 10 ] Dadurch kommt es, dass nicht nur bei denjenigen, die Wissenschafter sind in unserem heutigen Sinne, nicht nur bei denjenigen, die sich in populärer Art über die Ergebnisse der Wissenschaft unterrichten, sondern auch bei denen, die aus ihrem Zeitungsblättchen, in den Sonntagsbeilagen irgendetwas erfahren über die Erforschungsweise der Welt in der Gegenwart, dass sich da überall die Meinung festsetzt, dasjenige, was nicht nur durch die naturwissenschaftliche Denkungsweise gefunden wird, das sei eben unwissenschaftlich; man sei nur ein aufgeklärter Mensch, wenn man über den Geist überhaupt nicht mehr spreche, wenn man nicht in den veralteten Aberglauben verfalle, noch irgendwie über den Geist zu sprechen. Es ist in Fleisch und Blut unserer Zeitgenossen — wie gesagt, bis zu denen herab, die ihre Denkungsweise über die Welt aus dem Sonntagsblättchen ihrer Zeitung schöpfen —, es ist in Fleisch und Blut übergegangen, was der große Naturforscher du Bois-Reymond — heute ist es fast schon vergessen — in den Siebzigerjahren bei einer tonangebenden Naturforscher-Versammlung gesagt hat, dass Wissenschaft dann aufhöre, wenn Supernaturalismus, das heißt, wenn das Leben gegenüber dem Geiste beginnt. Dadurch hat sich dieses Vorurteil festgesetzt, dass derjenige kein Wissenschafter sein könne, der irgendwie von einer Betrachtung des geistigen Lebens spreche.
[ 10 ] As a result, it is not only among those who are scientists in our modern sense not only among those who inform themselves about scientific findings in a popular way, but also among those who learn something from their little newspapers or Sunday supplements about how the world is being explored today—that the opinion is taking hold everywhere that anything not discovered through the scientific way of thinking is simply unscientific; one is considered an enlightened person only if one no longer speaks of the spirit at all, if one does not fall into the outdated superstition of speaking of the spirit in any way. It has become second nature to our contemporaries—as I said, right down to those who derive their worldview from the Sunday supplements of their newspapers— it has become second nature—as the great naturalist du Bois-Reymond said in the 1870s at a leading gathering of naturalists (though this is almost forgotten today)—that science comes to an end when supernaturalism begins, that is, when life begins in relation to the spirit. As a result, the prejudice has taken hold that anyone who speaks in any way of the spiritual life cannot be a scientist.
[ 11 ] Weil aber die naturwissenschaftlichen Richtungen so streng sich ausgebildet haben, dass sie nur anwendbar sind auf das Sinnliche, muss neben ihnen eine ganz besonders geartete Geisteswissenschaft sich hinstellen, welche heute den Menschen zum Geiste führen kann, während er in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden durch die Naturbetrachtung selbst zum Geiste geführt worden ist.
[ 11 ] But because the natural sciences have developed so strictly that they are applicable only to the sensory realm, a very special kind of spiritual science must stand alongside them—one that can lead people to the spiritual realm today, whereas in earlier centuries and millennia, the observation of nature itself led them to the spiritual realm.
[ 12 ] Nun ist in unserer Zeit noch immer ein bedeutungsvolles Vorurteil herrschend, ein Vorurteil, welches im breiten Publikum vorhanden ist, aber auch vorhanden ist auf den Kathedern der Philosophie-Professoren, insbesondere derer, die sich mit dem Geistesleben befassen, ein Vorurteil, welches verhindert, in der richtigen Art wissenschaftlich das Menschenwesen zu betrachten, ein Vorurteil, über dessen historische Entstehung man viel erzählen könnte. Dieses Vorurteil besteht darin, dass man nicht beachten will, sobald man zu reden kommt vom rein Leiblichen her zum Wesen des Menschen, [dass] man unterscheiden müsse in dem übersinnlichen Wesen des Menschen das Seelische und das Geistige.
[ 12 ] Even today, a significant prejudice still prevails—a prejudice that is widespread among the general public but is also found among philosophy professors, particularly those who deal with spiritual life—a prejudice that prevents us from viewing the human being in a truly scientific manner, a prejudice about whose historical origins much could be said. This prejudice consists in the refusal to acknowledge—as soon as one begins to speak of the essence of the human being from a purely physical standpoint—[that] one must distinguish between the soul and the spirit within the supersensible nature of the human being.
[ 13 ] Jeder, der heute über dieses Verhältnis spricht — wie gesagt, innerhalb der weiten Grenzen, die ich angedeutet habe —, der redet davon, dass das Menschenwesen bestehe aus Leib und Seele. Aber wenn man so über das Menschenwesen redet, dann ist es unmöglich, zu einem Durchschauen dieses Menschenwesens auf wissenschaftlichem Wege vorzudringen; es ist, wenn ich mich eines Vergleiches bedienen darf, so, wie wenn jemand eine chemisch zusammengesetzte Substanz hat, die drei Bestandteile enthält, und er durchaus ableugnen wollte, dass ein dritter Bestandteil vorhanden sei, dass nur zwei da seien. Er richtet die ganze Untersuchung nur so ein, dass er nur zwei Bestandteile finden will; wenn er zerlegt in zwei Bestandteile, dann wird er immer und immer eine Konfusion entweder des Dritten mit dem Ersten oder des Zweiten mit dem Ersten oder des Dritten mit dem Zweiten haben. So ungefähr geht es auch der heutigen wissenschaftlichen Betrachtung mit dem Wesen des Menschen. Man wirft in dem Übersinnlichen des Menschen Geist und Seele zusammen. Daher habe ich einmal für die heutige Betrachtung das Thema wählen wollen: «Der Mensch als Geistwesen und Seelenwesen», um hinzuweisen darauf, was für ein Vorurteil hinweggeräumt werden muss unter manchem anderen, um zu einer entsprechenden wissenschaftlichen Betrachtung des Menschen zu kommen.
[ 13 ] Anyone who speaks today about this relationship—as I said, within the broad limits I have indicated—speaks of the human being as consisting of body and soul. But when one speaks of the human being in this way, it is impossible to gain a scientific understanding of this human being; it is—if I may use a comparison—as if someone had a chemically composed substance containing three components and wanted to deny outright that a third component exists, insisting that there are only two. He designs the entire investigation solely to find only two components; when he breaks it down into two components, he will repeatedly encounter confusion—either between the third and the first, or between the second and the first, or between the third and the second. This is roughly how today’s scientific approach to the nature of the human being operates. In the realm of the supersensible, people lump the spirit and the soul together. That is why I once chose the topic “Human Beings as Spiritual and Soul Beings” for today’s discussion—to point out what kind of prejudice, among many others, must be dispelled in order to arrive at an appropriate scientific understanding of the human being.
[ 14 ] Nun, wie verhält es sich eigentlich mit diesem Abgrenzen der menschlichen übersinnlichen Wesenheit in Seelenwesen und Geistwesen? Man kann sich eine vorläufige Vorstellung darüber bilden, wenn man darauf Rücksicht nimmt, dass der Mensch so, wie er nun einmal ist, zwischen Geburt und Tod oder, sagen wir, Empfängnis, dass der Mensch seelisch auch das Leibliche erlebt. Wir müssen uns ja klar sein darüber, dass Hunger, Durst, Atmungsbedürfnis zum Beispiel im Grunde genommen seelische Erlebnisse sind. Wir erleben innerlich empfindungs-, gefühlsmäßig Hunger und Durst, wir empfinden eine gewisse Stimmung aus diesem oder jenem Atmungsbedürfnis hervorgehend.
[ 14 ] Well, what is the situation, actually, regarding this distinction between the human supersensible being—namely, the soul being and the spirit being? One can form a preliminary idea of this by taking into account that human beings, just as they are, between birth and death—or, let’s say, from conception onward—experience the physical realm through their souls as well. We must be clear about the fact that hunger, thirst, and the need to breathe, for example, are fundamentally soul experiences. We experience hunger and thirst internally through sensation and feeling; we perceive a certain mood arising from this or that need to breathe.
[ 15 ] Will nun der Mensch erforschen die leibliche Grundlage von Hunger und Durst und Atmungsbedürfnissen, so darf er nicht bei der inneren Wahrnehmung stehen bleiben, so darf er sich nicht zum Beispiel Nahrung versagen, um starken Hunger zu bekommen, oder den Magen überladen, um zu sehen, wie es ist, wenn man übersättigt ist. Man würde niemals auf diesem Gebiet sich der Täuschung hingeben, dass man durch bloße Innenbeobachtung, durch Verfolgen, wie sich das ausnimmt, wenn man mehr oder weniger Hunger und Durst hat, dass man durch diese Beobachtung etwas erfährt über das, was im Leibe dem Hunger, Durst, und Atmungsbedürfnis entspricht.
[ 15 ] If a person wishes to investigate the physical basis of hunger, thirst, and the need to breathe, they must not stop at inner perception; for example, they must not deny themselves food in order to experience intense hunger, or overload their stomach to see what it feels like to be overeaten. One would never, in this field, succumb to the delusion that through mere inner observation—by tracking how it feels when one is more or less hungry or thirsty—one can learn anything about what in the body corresponds to hunger, thirst, and the need to breathe.
[ 16 ] Die Wissenschaft des physischen Lebens hat ihre besonderen Methoden, ihre besonderen Forschungsarten, um zu sehen, was im Leibe vorgeht, während wir Hunger haben oder wenn das behagliche Gefühl der Sättigung eingetreten ist. Ob sie recht oder unrecht hat, das soll uns nicht interessieren; aber die physische Forschung, die geht von dem, was bloß innerlich in der Seele gefühlsmäßig erlebt wird, über zu den leiblichen Vorgängen, untersucht die chemischen Veränderungen des Blutes für den Hunger und so weiter. Die physische Forschung muss, um das zu erkennen, was leiblich zugrunde liegt dieser Art von Seelenleben, das ich eben gekennzeichnet habe, von der Seele herausgehen zu dem Leiblichen hin, und man wird zugeben, dass für den Menschen, der nur im gewöhnlichen Bewusstsein lebt, im alltäglichen Bewusstsein lebt, all diese Vorgänge, die sich chemisch-physisch abspielen im Leibe, während er so etwas wie Hunger oder die allgemeine behagliche Stimmung der Lebensverfassung erfährt, dass diese Vorgänge unbewusst bleiben.
[ 16 ] The science of physical life has its own specific methods and types of research to determine what is happening in the body when we are hungry or when we experience the pleasant feeling of satiety. Whether it is right or wrong is not our concern; but physical research moves from what is merely experienced emotionally within the soul to the bodily processes, investigating the chemical changes in the blood associated with hunger and so on. In order to recognize what underlies physically this kind of soul life that I have just described, physical research must proceed from the soul toward the physical, and one must admit that for a person who lives solely in ordinary consciousness—in everyday consciousness—all these processes taking place chemically and physically in the body while they experience something like hunger or the general pleasant mood of their state of being remain unconscious.
[ 17 ] Was weiß denn der Mensch im gewöhnlichen Bewusstsein von seinem Leibe? Da gibt ihm zu dem wenigen, was er durch äußere Anschauung sich selbst mit den Sinnen beschaut, erkennt, da gibt ihm denn jene Wissenschaft, die wir die physische Wissenschaft nennen, ihren Aufschluss; aber das, was die physische Wissenschaft da gibt, das kommt nicht im gewöhnlichen Seelenleben zum Bewusstsein.
[ 17 ] What does a person in ordinary consciousness actually know about his or her own body? In addition to the little that a person perceives and recognizes through external observation with the senses, there is the knowledge provided by what we call physical science; but what physical science provides does not enter into consciousness in ordinary mental life.
[ 18 ] Geistesforschung zeigt nun ihrerseits, dass es mit dem, was der menschlichen Seele als Geist zugrunde liegt, nach der andern Seite hin sich ebenso verhält wie mit dem, was der menschlichen Seele als Leib zugrunde liegt. So wenig als man kann aus der Empfindung des Hungers, des Durstes und der Atmungsbedürfnisse ohne irgendeine wissenschaftliche Betrachtungsweise über den Leib irgendetwas ausmachen, so wenig kann man durch das bloße innere Erleben von Vorstellen, Fühlen und Wollen, wie sie sich vollziehen in dem auf- und abwogenden Seelenleben des Alltags, irgendetwas über den Geist des Menschenwesens ausmachen; denn es ist schon so, dass vom Geiste des Menschen, der von der anderen Seite her das Seelenleben bestimmt als der Leib, dass von diesem Geiste des Menschen ebenso in das alltägliche Tagesleben nur ein Stück hereinragt wie von dem Leibe.
[ 18 ] Spiritual research, for its part, shows that what underlies the human soul as spirit relates to the other side in exactly the same way as what underlies the human soul as body. Just as one cannot deduce anything about the body from the sensations of hunger, thirst, and the need to breathe without some scientific analysis of the body, so too can one not deduce anything about the spirit of the human being through the mere inner experience of thinking, feeling, and willing, as they unfold in the ebb and flow of everyday soul life; for it is indeed the case that the human spirit—which, unlike the body, determines the life of the soul from the other side—protrudes into everyday life only to a limited extent, just as the body does.
[ 19 ] Wie man den Leib durch seine Augen wahrnehmen kann, so kann man nicht etwas wissen über ihn, was nur die physische Forschung sagen kann. In die Seele ragt herein von dem Geiste die Fähigkeit, vermöge welcher wir zusammenfassen unsere seelischen Verrichtungen, die wir bezeichnen, dass wir sagen: Ich denke, ich fühle, ich will. Dieses Konzentrieren des Seelenlebens auf ein Ich, das aber sonst eine unbestimmte Vorstellung bleibt, das ist das, was in das gewöhnliche Seelenleben vom Geiste hereinragt, so wie vor den Augen das liegt, was vom Leibesleben hereinragt, ohne dass man forscht.
[ 19 ] Just as one can perceive the body through one’s eyes, so one cannot know anything about it that only physical research can reveal. The ability that extends into the soul from the spirit enables us to summarize our mental activities, which we describe by saying: I think, I feel, I will. This focusing of the life of the soul on an “I”—which otherwise remains an indeterminate concept—is what the spirit brings into ordinary soul life, just as what pertains to bodily life lies before our eyes without our having to investigate it.
[ 20 ] Aber wie man davon zur physischen Forschung übergehen muss, so muss man übergehen von dem, was im Vorstellen, Fühlen und Wollen in der Seele erlebt wird, und von dem, was hereinragt aus dem Geiste, indem man das Vorstellen, Fühlen und Wollen zusammenfasst in dem Ich, das gleichsam so zugeneigt ist dem Seelenleben, wie von der anderen Seite her die leibliche Gestalt dem Auge zugeneigt ist, ... [Lücke] man muss übergehen von all dem, was man so in der Seele erleben kann, zu einer Wissenschaft vom Geiste, zu dem, was vom Geiste aus dieses Vorstellen, Fühlen und Wollen ebenso bestimmt, wie Hunger und Durst die leiblichen Vorgänge, die nur durch physische Forschung gefunden werden können, bestimmen.
[ 20 ] But just as one must transition from this to physical research, so too must one transition from what is experienced in the soul through imagination, feeling, and will, and from what emanates from the spirit, by synthesizing imagination, feeling, and will in the “I,” which is, as it were, as inclined toward the life of the soul as, from the other side, the physical form is inclined toward the eye, ... [gap] one must move from everything that can be experienced in this way in the soul to a science of the spirit—to that which, emanating from the spirit, determines this thinking, feeling, and willing just as hunger and thirst determine the bodily processes that can only be discovered through physical research.
[ 21 ] Allerdings sind zur Erforschung des Geistes andere Forschungsmethoden notwendig als die der physischen Wissenschaft; aber betont muss gerade mit voller Schärfe werden, dass eine noch so weitgehende Vertiefung zum Beispiel des bloßen Innenlebens niemals zu wirklicher Geisteswissenschaft führen kann. Ebenso wenig wie eine Vergrößerung des Hungers oder Durstes oder des Atmungsbedürfnisses oder der Sättigung zur gewöhnlichen Wissenschaft führen kann, dazu, dass man Anatomie und Physiologie lehrt; ebenso wenig kann bloße mystische Vertiefung — und wenn sie noch so innig ist —, bloßes Hineinleben in Vorstellungen, in Fühlungen, das kann niemals zu einer Erkenntnis des Geistig-Wirklichen führen. Dazu kann im Ernste nur führen ein wirkliches Ausdehnen des Beobachtungsfeldes von dem inneren Seelenleben aus zu dem außer uns und mit uns gerade so vorhandenen Geist wie der außer uns und mit uns vorhandenen Natur; denn diese außer und mit uns vorhandene Natur organisiert uns unseren Leib, dieser außer und mit uns vorhandene Geist organisiert uns unseren eigenen Geist. Zwischen dem Leib und dem Geist entwickelt sich dann das Seelenleben durch die Wechselbeziehungen von Geist und Leib.
[ 21 ] However, the study of the spirit requires research methods different from those of the physical sciences; yet it must be emphasized with the utmost clarity that no matter how deeply one delves, for example, into mere inner life, this can never lead to true spiritual science. Just as an intensification of hunger, thirst, the need to breathe, or satiety cannot lead to ordinary science—that is, to the teaching of anatomy and physiology—so too can mere mystical immersion—no matter how profound—or merely living within ideas and feelings, never lead to a knowledge of the spiritual-real. The only way to achieve this in earnest is through a genuine expansion of the field of observation from the inner life of the soul out to the spirit that exists outside and with us just as nature exists outside and with us; for this nature, existing outside and with us, organizes our body, and this spirit, existing outside and with us, organizes our own spirit. The life of the soul then develops between the body and the spirit through the interrelationships between spirit and body.
[ 22 ] Dabei sind aber diejenigen Methoden, welche zur Erkenntnis des Geistes führen, eben durchaus im geistigen Sinn aufzufassen. Man kann niemals durch äußere Hantierungen, und wären sie noch so spiritueller Art, zum Geiste kommen; denn der Geist ist einmal nur im Übersinnlichen gegeben. Strebt man also auch nur an, durch äußere Hantierung über den Geist etwas zu erfahren, so zeigt man, dass man eigentlich kein Verständnis dafür hat, zum Geist überhaupt zu kommen. Dasjenige, um was es sich handelt, ist: Während man von dem Seelisch-Lebendigen, dem Hunger und Durste, übergehen muss zu dem Seelisch-Toten im Leibesleben behufs physischer Wissenschaft, Physiologie und Biologie, muss man übergehen durch eine Verstärkung des Seelenlebens, durch ein Hereinbringen ganz neuer Elemente des Seelenlebens zu einer Betrachtung des Geistes.
[ 22 ] However, the methods that lead to the knowledge of the spirit must be understood in a purely spiritual sense. One can never reach the spirit through external manipulations, no matter how spiritual they may be; for the spirit is found only in the supersensible realm. Thus, if one even attempts to learn something about the spirit through external manipulation, one demonstrates that one actually has no understanding of how to reach the spirit at all. The point at issue is this: While one must move from the living aspects of the soul—hunger and thirst—to the dead aspects of the soul in bodily life for the sake of physical science, physiology, and biology, one must move on to a contemplation of the spirit through a strengthening of the soul life and by introducing entirely new elements of the soul life.
[ 23 ] Nun muss ich durchaus betonen, dass das, was von mir schon öfter hier angegeben worden ist und auch heute wiederum angegeben wird in prinzipieller Weise als Forschungsweg in die geistige Welt hinein, nicht in dem Sinn erzählt wird, als ob damit jedem Menschen anempfohlen würde, sogleich diesen Weg in die geistige Welt hinein auch zu gehen. Und derjenige, der, um die Geisteswissenschaft zu diskreditieren, immer wiederum betont, dass eigentlich über die Geisteswissenschaft nur derjenige sprechen dürfte, der selber Erfahrungen in der geistigen Welt gemacht hat, der verwickelt sich in denselben Widerspruch, in den sich der verwickelt, der da sagt, über Chemie und Physik dürfe nur derjenige sprechen, der selber darinnen forscht.
[ 23 ] Now I must emphatically stress that what I have stated here on numerous occasions—and am stating again today—as a fundamental path of research into the spiritual world is not presented in the sense that it is recommended to every person to immediately set out on this path into the spiritual world. And anyone who, in order to discredit spiritual science, repeatedly insists that only those who have personally experienced the spiritual world should be allowed to speak about spiritual science, falls into the same contradiction as someone who claims that only those who conduct research in chemistry and physics themselves should be allowed to speak about those subjects.
[ 24 ] Nein, so wenig es ein unberechtigter Autoritätsglaube ist, dass man in die allgemeine Menschenbildung aufnimmt, was Chemie, Physik und so weiter erforschen, ebenso wenig ist es ein unberechtigter Autoritätsglaube, wenn man das aufnimmt in die allgemeine Menschenbildung, was Geisteswissenschaft zu erforschen in der Lage ist; aber allerdings, die geisteswissenschaftlichen Methoden müssen heute allgemein bekannt werden, und man findet über das, was ich jetzt nur prinzipiell andeuten werde, genaueren Aufschluss in allen Einzelheiten in meinen Büchern: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Theosophie» und «Geheimwissenschaft», «Vom Menschenrätsel», «Von Seelenrätseln» und so weiter. Da findet man in den Einzelheiten die Dinge dargestellt, den Weg gezeichnet, der in die geistige Welt hineinführt.
[ 24 ] No, just as it is not an unwarranted belief in authority to include in general human education what chemistry, physics, and so on investigate, neither is it an unwarranted belief in authority to include in general human education what the spiritual sciences are capable of investigating; but certainly, the methods of the spiritual sciences must become generally known today, and one can find more detailed information—covering everything I am now only hinting at in principle—in my books: How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?, Theosophy, Esoteric Science, The Riddle of Man, The Riddles of the Soul, and so on. There one will find these matters presented in detail, with the path leading into the spiritual world clearly laid out.
[ 25 ] Heute ist es allerdings aus dem Grund notwendig, über diese Sache zu sprechen, weil es wünschenswert ist nach der ganzen geistigen Konstitution unserer Zeit, dass möglichst viele Menschen den Weg gehen, der wenigstens bis zu dem Punkte führt, von dem aus man Zeugnis ablegen kann dafür, dass das geistige Leben eine Wirklichkeit ist. Und zu diesem Punkte kann im Grunde genommen jeder kommen, der die Anleitungen der genannten Bücher irgendwie berücksichtigt.
[ 25 ] Today, however, it is necessary to speak about this matter because, given the overall spiritual constitution of our time, it is desirable that as many people as possible follow the path that leads at least to the point from which one can bear witness to the fact that spiritual life is a reality. And, in essence, anyone who takes the guidance in the aforementioned books into account in some way can reach this point.
[ 26 ] Aber selbst wenn man das nicht wollte, wenn man nicht wollte den Weg in die geistige Welt hineingehen, dann würden noch immer Erkenntnisse darüber wertvoll sein, wie derjenige, welcher als Geistesforscher sich gibt, Ergebnisse darlegt aus der geistigen Welt, wie der zu diesen Forschungsergebnissen gekommen ist; denn man muss eigentlich wissen, worauf das beruht, was der Geistesforscher zu sagen hat. Man wird sich überzeugen können, wenn man eine Methode kennenlernt, dass man schon mit dem gewöhnlichen gesunden Menschenverstand gut beurteilen kann, ob der Geistesforscher etwas Absurdes, Törichtes, Dummes, Phantastisches, Träumerisches sagt oder ob er einen Weg aufzuzeigen in der Lage ist, der auf den gesunden Menschenverstand den Eindruck macht, dass man da wirklich etwas Geistiges findet.
[ 26 ] But even if one did not wish to do so—if one did not wish to embark on the path into the spiritual world—it would still be valuable to understand how someone who presents themselves as a spiritual researcher presents findings from the spiritual world and how they arrived at these research results; for one must actually know what the spiritual researcher’s claims are based on. Once one becomes familiar with a method, one will be able to see for oneself that even with ordinary common sense, one can readily judge whether the spiritual researcher is saying something absurd, foolish, silly, fanciful, or dreamy, or whether he is able to point out a path that gives common sense the impression that one is truly finding something spiritual there.
[ 27 ] Nun, wenn ich prinzipiell charakterisieren soll, welchen Weg der Geistesforscher geht, so muss ich sagen: Das gewöhnliche Fühlen, das gewöhnliche Vorstellen, die gewöhnlichen Willensimpulse, er muss sie umändern, der Geistesforscher, er muss sie in anderer Art gestalten, in solcher Art, dass er wirklich hinauskommt, bewusst hinauskommt über das bloße Denken, Fühlen und Wollen, dass er kommt zu einer wirklichen Anschauung des geistigen Lebens, so wie man kommt, indem man über das Hunger- und Durstleben hinausgeht, zu einer wirklichen Anschauung des Leibeslebens.
[ 27 ] Well, if I am to characterize, in principle, the path taken by the spiritual researcher, I must say: The spiritual researcher must transform ordinary feeling, ordinary imagination, and ordinary impulses of the will; he must shape them in a different way—in such a way that he truly transcends, consciously transcends, mere thinking, feeling, and willing, so that he arrives at a true perception of spiritual life, just as one arrives at a true perception of physical life by transcending the life of hunger and thirst.
[ 28 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, man hat sehr häufig die Vorstellung, die physische Wissenschaft sei schwer, und man müsse schon einige Selbstüberwindung haben, um zu den streng wissenschaftlichen Methoden der physischen Wissenschaft zu kommen. Das ist ein Grund, warum man sich zur physischen Wissenschaft bekennt, ein Grund neben dem andern, dass zwar die physische Wissenschaft offiziell anerkannt ist, dass man damit seinen Lebensweg machen kann und so weiter, aber man hat so die Vorstellung, dass die geistige Forschung etwas Leichtes sein müsse, sonst will man es lieber ganz sein lassen. Man hat die Vorstellung, dass man mit ein paar Umgestaltungen seiner gewöhnlichen Begriffe in den Geist hineinkommen könne.
[ 28 ] Well, ladies and gentlemen, people very often have the impression that the physical sciences are difficult, and that it takes some effort to embrace the rigorous scientific methods of the physical sciences. That is one reason why people commit themselves to the physical sciences—one reason among many—even though the physical sciences are officially recognized, and one can make a career out of them and so on; yet people have this idea that spiritual research must be something easy, otherwise they would rather leave it alone entirely. People have the idea that they can enter the spiritual realm simply by slightly adjusting their ordinary concepts.
[ 29 ] Nun muss betont werden, dass gegenüber dem, was in Wirklichkeit das ist, was ich jetzt beschreiben will, was in Wirklichkeit der geistesforscherische Weg ist, doch die Beschäftigung mit chemischen, physikalischen, biologischen Methoden eine Leichtigkeit ist und dass Fortschritte auf dem Wege der geistigen Forschung Geduld und Ausdauer, je nach den verschiedenen menschlichen Talenten, die dazu vorhanden sind, kürzere oder längere Zeit, aber immerhin, selbst wenn starke Begabung für das Erforschen des geistigen Lebens vorhanden ist, oftmals viele Jahre erfordern, um nur nach der einen oder anderen Richtung hin einige Fortschritte zu machen, auch wenn der Ernst des Erforschens des geistigen Lebens vorhanden ist, der durchaus notwendig ist. So nimmt sich das, was man als Beschreibung der geistesforscherischen Wege geben kann, verhältnismäßig einfach aus; es aber wirklich bis zur Anwendung zu bringen, erfordert Geduld und Ausdauer und vor allen Dingen eine innere starke Energie und einen gewissen Denkermut.
[ 29 ] Now it must be emphasized that, compared to what I am about to describe—what the path of spiritual research actually is—the use of chemical, physical, and biological methods is a mere trifle, and that progress on the path of spiritual research requires patience and perseverance; depending on the various human talents available for this purpose, it may take a shorter or longer time, but in any case—even when there is a strong aptitude for exploring spiritual life—often takes many years to make even a little progress in one direction or another, even when there is the seriousness of purpose required for such exploration, which is absolutely necessary. Thus, what can be given as a description of the paths of spiritual research appears relatively simple; but to actually put it into practice requires patience and perseverance and, above all, a strong inner energy and a certain courage of thought.
[ 30 ] Ich möchte von einem Vergleich ausgehen, in dem ich zeigen will, worin das eine besteht, das man sich aneignen muss, wenn man von der physischen oder seelischen Welt in die geistige Welt hineinkommen will. Jeder von Ihnen weiß: Wenn man etwas auswendig gelernt hat und man es hersagt, so ist es gut, wenn man sich nicht zu gleicher Zeit beobachtet beim Hersagen. Wenn man sich selber zuhören will beim Hersagen eines memorierten Stoffes, so stottert man, man bleibt stecken, es kann sich die geistige Tätigkeit, die sich im Hersagen eines Gedichtes entfaltet, nicht voll ausleben, wenn man zu gleicher Zeit danebenstehen will wie ein Selbstbeobachter.
[ 30 ] I would like to begin with an analogy in which I aim to show what one must acquire in order to enter the spiritual world from the physical or psychological world. Each of you knows: When you have memorized something and are reciting it, it is best not to observe yourself while reciting. If one tries to listen to oneself while reciting memorized material, one stutters, one gets stuck; the spiritual activity that unfolds in the recitation of a poem cannot fully manifest itself if one tries to stand by as a self-observer at the same time.
[ 31 ] Man weiß also, dass Selbstbeobachtung schwierig ist. Dennoch, nicht allein das, dass man sich selbst beobachtet, wie beim Hersagen eines Gedichtes, sondern das ist zum Wege in die geistige Welt hinein notwendig, dass man sich beobachtet beim eigenen Denken, eigenen Fühlen, eigenen Wollen. Es gibt Philosophen, die schildern es geradezu als ein Kennzeichen des menschlichen Seelenlebens, dass man in dieser Weise nicht sich selbst beobachten kann. Für diese Philosophen ist natürlich der geisteswissenschaftliche Weg von vornherein ein unmöglicher, weil sie dasjenige, was man eben schon kann, als eine Eigentümlichkeit der Seele auffassen, und das, was man erst lernen muss, als Unmöglichkeit betrachten. Man muss eben, wenn man Geistesforscher werden will, lernen, nicht nur sich zu beobachten, wenn man etwa ein Gedicht hersagt, gleichsam neben sich dann stehen zu können, man muss nicht nur das erreichen durch fortdauernde Übung, sondern notwendig und unerlässlich ist es, das zu erreichen, dass man den Gedanken- und Gefühlsablauf in der Seele hervorruft und zu gleicher Zeit gewissermaßen selbst dabeisteht.
[ 31 ] We know, then, that self-observation is difficult. Nevertheless, it is not merely the act of observing oneself—as when reciting a poem—but rather, in order to enter the spiritual world, it is necessary to observe oneself while thinking, feeling, and willing. There are philosophers who describe the very fact that one cannot observe oneself in this way as a hallmark of human soul life. For these philosophers, of course, the path of spiritual science is impossible from the outset, because they regard what one is already capable of as a peculiarity of the soul, and what one must first learn as an impossibility. If one wishes to become a researcher of the soul, one must learn not only to observe oneself—for example, when reciting a poem—but also to be able to stand, as it were, beside oneself; one must not only achieve this through continuous practice, but it is also necessary and indispensable to reach the point where one can evoke the flow of thoughts and feelings within the soul while, at the same time, standing by oneself, as it were.
[ 32 ] Sehen Sie, wir haben im Abendlande nicht die Möglichkeit und sollen es auch gar nicht versuchen, in der Art wie die Geister des Morgenlandes in die geistige Welt auch eindringen zu wollen — die Methoden des Abendlandes müssen andere sein als die des Morgenlandes =; aber dennoch kann man manchmal hinhören, wenn der Morgenländer, der durch seine besondere Natur auf Selbstbeobachtung viel stärker eingestellt ist als der Abendländer, wenn der etwas sagt.
[ 32 ] You see, in the West, we do not have the ability—nor should we even attempt—to penetrate the spiritual world in the same way as the spirits of the East do—the methods of the West must be different from those of the East; yet one can sometimes listen when the Easterners, who by their very nature are much more inclined toward self-observation than Westerners, have something to say.
[ 33 ] In einem ausgezeichneten Aufsatz, der vor Kurzem erschienen ist von Rabindranath Tagore, der ja bekannt [ge]worden ist, weil er den Nobelpreis bekommen hat für seine Dichtungen, findet sich eine kurze Bemerkung über die Selbstbeobachtung, welche vielsagend ist, weil sie eben aus der Seele eines Menschen herkommt, der mehr mit Selbstbeobachtung der Seele bekannt ist, als es die meisten abendländischen Denker sind. Er verweist — Tagore — auf die Notwendigkeit der Selbstbeobachtung auch in Bezug auf die öffentliche Kultur; aber er sagt: Ich weiß, wie schwer es ist, sich selbst zu beobachten, und ich weiß, dass derjenige, der betrunken ist, hartnäckig seine Betrunkenheit ableugnet; wenn er Selbstbeobachtung hätte, würde er sie kaum ableugnen können. Das ist natürlich nicht nur für den Trunksüchtigen so, das ist für den Menschen überhaupt so, dass ihm Selbstbeobachtung, Eindringen in das, was an ihm selbst ist, ungeheure Schwierigkeiten macht. Geschehen aber muss es, wenn man wirklich zur Erkenntnis der geistigen Welt kommen will.
[ 33 ] In an excellent essay recently published by Rabindranath Tagore—who, as is well known, [has] become well-known for having received the Nobel Prize for his poetry, there is a brief remark on self-observation that is highly significant, precisely because it comes from the soul of a man who is more familiar with the self-observation of the soul than most Western thinkers are. He—Tagore—points to the necessity of self-observation even in relation to public culture; but he says: I know how difficult it is to observe oneself, and I know that the one who is drunk stubbornly denies his drunkenness; if he were capable of self-observation, he could hardly deny it. Of course, this is not only true of the alcoholic; it is true of human beings in general, in that self-observation—penetrating into what is within oneself—presents them with immense difficulties. Yet it must happen if one truly wishes to attain knowledge of the spiritual world.
[ 34 ] Und so muss denn derjenige, der in die geistige Welt eindringen will, immer mehr und mehr dazu kommen, dass er gewissermaßen das, was in Vorstellungen, Gefühlen und Wollen abläuft, auch von sich absondert, in einem anderen Elemente leben lernt, indem er das, was sonst in ihm ist, hinwegstellt und beobachtet. Dadurch muss er dazu kommen, hineinzukommen aus dem gewöhnlichen Seelenleben in das Erleben des Geistigen. Man muss gleichsam ausstoßen, wie man ausstößt das Hersagen des Gedichtes, wenn man sich selbst beobachtet, man muss ausstoßen das Denken, Fühlen und Wollen, und man kommt dadurch in der Tat in die Lage — so sonderbar, so paradox das zunächst klingt —, wenn man es immer wieder und wiederum treibt mit der Energie, mit der man die chemische Methode, sonst Dinge in der äußeren Welt treibt, man kommt dazu, in vollständig gesunder Weise das zu entwickeln, was man nennen kann «Ich-Bewusstsein haben», Selbstbewusstsein haben, aber nicht in seinem Denken, Fühlen und Wollen, sondern auRerhalb desselben.
[ 34 ] And so, anyone who wishes to enter the spiritual world must, to an ever-greater extent, learn to separate from himself, as it were, the processes taking place in his thoughts, feelings, and will; he must learn to live in a different realm by setting aside and observing what is otherwise within him. Through this, they must come to move from ordinary soul life into the experience of the spiritual. One must, as it were, cast out—just as one casts out the recitation of a poem when observing oneself—one must cast out thinking, feeling, and willing; and through this one does in fact reach the point—as strange and paradoxical as it may sound at first—that if one persists in this again and again with the same energy one would otherwise apply to the chemical methods used to handle things in the external world, one comes to develop, in a completely healthy way, what one might call “having self-awareness”—not in one’s thinking, feeling, and willing, but outside of them.
[ 35 ] Und ein Reales, eine Wirklichkeit wird es, wenn man solche geisteswissenschaftlichen Methoden anwendet, eine Wirklichkeit wird es, dass der Mensch zu sich sagen kann: Ich bin außerhalb meines Leibes. — Dieses Bewusstsein, das dann eine Erfahrung ist, das dann eine Anschauung ist, dieses Bewusstsein dringt ein, dass der Mensch nicht mehr mit seinem Ich sich erfühlt in seinem Denken, Fühlen und Wollen, wie sonst immer, sondern dass er außerhalb desselben steht und dass er jetzt weiß: Ich bin noch ein Wesen, auch dann, wenn ich Denken, Fühlen und Wollen, das zunächst von meinem Leibe abhängig ist, verlassen habe!
[ 35 ] And when one applies such methods of the spiritual sciences, it becomes a reality—it becomes a reality that a person can say to themselves: “I am outside my body.” — This awareness, which is then an experience, which is then a perception, this awareness makes it clear that a person no longer feels connected to their “I” in their thinking, feeling, and willing, as is usually the case, but that they stand outside of it and now know: I am still a being, even when I have left behind thinking, feeling, and willing, which are initially dependent on my body!
[ 36 ] Dasjenige, was heute noch so vielen Leuten grotesk erscheint, was sie damit bezeichnen, dass sie sich lächerlich darüber machen, dass man seinen Leib ablegen kann und sich neben denselben stellen kann, das ist eine Tatsache für den, der in entsprechender Weise geistesforscherisch vorwärtsdringt. Es ist eine Tatsache, allerdings so, dass man nicht, ich möchte sagen, in einer Verdoppelung des physischen Leibes außerhalb desselben steht, sondern geistig. Das ist zu erreichen durch ein Leben, das nur im Geiste verfließt. Wie die Hantierungen der chemischen Methoden sind im Raum, so ist das, was der Geistesforscher vornehmen muss, etwas, was im Geiste vorgeht.
[ 36 ] What still seems grotesque to so many people today—what they describe by making fun of the idea that one can shed one’s physical body and stand beside it—is a fact for those who advance in spiritual research in the appropriate manner. It is a fact—though not, I would say, in the sense that one stands outside the physical body as a duplicate of it, but rather in a spiritual sense. This can be achieved through a life that flows solely in the spirit. Just as the procedures of chemical methods take place in space, so what the spiritual researcher must undertake is something that takes place in the spirit.
[ 37 ] Sehr verehrte Anwesende, wenn man das, was ich jetzt beschrieben habe, bis zu einer gewissen Vollkommenheit bringt, dann kommt man eigentlich erst dazu, eine gehörige Anschauung zu haben über das, was sich zusammenschließt in dem Wörtchen «Ich». Dieses Ich spricht man aus und man glaubt vielleicht sogar, dass man, indem man das Ich ausspricht, das Geistige des Menschen hat. Man hat nicht mehr von diesem Geistigen des Menschen, als man hat von den physischen, chemischen Vorgängen im Leibe, wenn man diesen Leib durch die Augen von außen anschaut. Es ist sogar merkwürdig, dass Seelenforscher, zum Beispiel der sehr hervorragende Theodor Ziehen, über das Ich sprechen.
[ 37 ] Ladies and gentlemen, if one brings what I have just described to a certain degree of perfection, only then does one actually begin to gain a proper understanding of what is encompassed by the little word “I.” One pronounces this “I” and may even believe that, by uttering the “I,” one possesses the spiritual aspect of the human being. Yet one has no more of this spiritual aspect than one has of the physical and chemical processes in the body when one looks at that body from the outside through one’s eyes. It is even curious that researchers of the soul, such as the very distinguished Theodor Ziehen, speak of the “I.”
[ 38 ] Man sieht aus der Art, wie selbst Seelenforscher über das Ich sprechen, dass ihnen dieses Ich nur seine Außenseite zuwendet. Nachdem Ziehen sehr schöne, bedeutungsvolle, vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkte aus gesehen bedeutungsvolle Vorlesungen gehalten hat über physiologische Psychologie, sagt er zu seinen Zuhörern: Meine Herren, das Ich ist keineswegs etwas sehr Einfaches, sondern, wenn Sie einmal nachdenken über dasjenige, was das Ich ist, was fällt Ihnen denn da alles ein? Da fällt Ihnen ein zunächst Ihr Leib, dann Ihre Beziehungen zur Außenwelt, dann Ihre Eigentums- und Besitzverhältnisse, dann vielleicht Ihre Namen und Titel — die Orden lässt er aus —, dann fallen Ihnen ein alle Erlebnisse Ihrer Vergangenheit und so weiter, kurz, Theodor Ziehen erwähnt alles das, was einem eigentlich über das Ich recht wenig Aufschluss geben kann. Dann sagt er noch: Allerdings die Metaphysiker sagen oftmals, dass das Ich noch etwas Besonderes sei außer dem, was einem da einfällt wie Namen, Titel und so weiter, aber das sei ja nur eine Fiktion. Wiederum ein solches Beispiel, wo ein Forscher, der sehr ernst zu nehmen ist — ich bin auch da voller Anerkennung und Bewunderung —, das naturwissenschaftlich Erforschbare mustergültig darlegt, aber darauf hinweist, dass man auf diesem Gebiete nicht das Geistige finden könne; dann aber auch dieses Geistige zugleich diskreditiert als eine Fiktion.
[ 38 ] One can see from the way even psychologists speak about the “I” that this “I” reveals only its outer aspect to them. After Ziehen had delivered some very beautiful and meaningful lectures on physiological psychology—lectures that were significant even from a purely scientific standpoint—he said to his audience: “Gentlemen, the ‘I’ is by no means a simple thing; but if you stop to think about what the ‘I’ actually is, what comes to mind?” First, your body comes to mind, then your relationships with the outside world, then your property and possessions, then perhaps your names and titles—he leaves out the medals—then all the experiences of your past come to mind, and so on; in short, Theodor Ziehen mentions all the things that can actually tell us very little about the “I.” Then he adds: “Admittedly, metaphysicians often say that the ‘I’ is something special beyond what comes to mind—such as names, titles, and so on—but that is, after all, merely a fiction.” This is yet another example where a researcher who must be taken very seriously—and for whom I have the utmost respect and admiration—exemplarily sets forth what can be investigated through the natural sciences, but points out that the spiritual cannot be found in this realm; and then, at the same time, he discredits this spiritual aspect as a fiction.
[ 39 ] Dieses Geistige, dieses Ich in ein Wort zusammenfassen, das beweist ja durchaus noch nicht, wenn man es kann zusammenfassen in ein Wort, dass man auch über das Wesen des Ich etwas weiß. Jeder Mensch weiß ja auch das Wort «Schlaf» auszusprechen; aber worin das Wesen der Seele besteht zwischen Einschlafen und Aufwachen, darauf ist nicht hingewiesen dadurch, dass man das Wort «Schlaf» ausspricht. Da spricht man sich nur aus über etwas, was sich als eine Lücke, was sich eigentlich als ein Unausgefülltes ins Leben hineinstellt.
[ 39 ] Summarizing this spiritual aspect, this “I,” in a single word does not in any way prove—even if one can summarize it in a single word—that one also knows anything about the nature of the “I.” After all, everyone knows how to say the word “sleep”; but the nature of the soul between falling asleep and waking up is not revealed simply by uttering the word “sleep.” One is merely expressing something that appears as a gap, something that actually stands as a void within life.
[ 40 ] So ist es auch, wenn man über das Ich spricht: Man weist auf etwas hin, worüber man keine Anschauung hat. Wenn man eine farbige Fläche sieht und inmitten der Fläche die Farbe aufhört, so sieht man einen schwarzen Punkt. Man sieht eigentlich nichts, das Nichts bezeichnet man. So hat man nicht irgendetwas im Sinn, wenn man vom gewöhnlichen Bewusstsein aus das Wörtchen «Ich» ausspricht, man hat fast ein Nichts, eigentlich nur einen geistigen Punkt. Erweitert man aber das Bewusstsein dadurch, dass man in der Weise, wie ich es angedeutet habe, sein eigener Zuschauer wird, dann lernt man über dieses Ich gerade etwas sehr Bedeutungsvolles erkennen, da lernt man erkennen, dass das, was das Wesen des Ich ist, im Grunde genommen vom gewöhnlichen Bewusstsein immer falsch gedeutet wird.
[ 40 ] The same is true when one speaks of the “I”: one is referring to something of which one has no perception. If one sees a colored surface and the color stops in the middle of the surface, one sees a black dot. You don’t actually see anything; it is that nothingness that you refer to. So when you utter the little word “I” from the perspective of ordinary consciousness, you don’t have anything specific in mind—you have almost nothing, really just a mental point. But if you expand your consciousness by becoming your own observer in the way I have indicated, then you come to recognize something very significant about this “I”; you come to realize that the essence of the “I” is, in fact, always misinterpreted by ordinary consciousness.
[ 41 ] Ich will mich eines Vergleiches bedienen, um anzudeuten, in welchem Sinn man dieses Ich mit all dem, was dazu gehört, im gewöhnlichen Bewusstsein falsch deutet. Denken Sie sich, jemand würde die menschliche leibliche Konstitution untersuchen und finden, dass Lunge und Luft zusammengehören, und er würde deshalb, weil in einer gewissen Weise Lunge und Luft zusammengehören, erklären, die Luft, die in der Lunge ein- und ausgeatmet wird, sei eigentlich in der Lunge zustande gekommen; die Lunge entwickle sich im Menschenleibe allmählich so, dass sie Luft erzeuge. Man kann natürlich zu diesem Irrtum nicht kommen, weil man durch physische Wissenschaft findet, dass man Luft nicht nur ausatmet, die etwa entsteht, aus der Lunge, sondern dass man sie erst einatmet, um sie ausatmen zu können. Man kann dazu nur durch Anschauung kommen.
[ 41 ] I will use an analogy to suggest in what sense this “I”—along with everything that belongs to it—is misinterpreted in ordinary consciousness. Imagine that someone were to examine the human physical constitution and find that the lungs and air belong together, and that, because in a certain sense the lungs and air belong together, he would explain that the air inhaled and exhaled in the lungs actually originated in the lungs; that the lungs gradually develop in the human body in such a way that they produce air. Of course, one cannot arrive at this error, because physical science reveals that we do not merely exhale air that is produced in the lungs, but that we must first inhale it in order to be able to exhale it. One can arrive at this understanding only through direct observation.
[ 42 ] So erobert man sich eine Anschauung darüber, wie man zu seinem Ich sich zu verhalten hat. Ebenso wenig — das ergibt sich als unmittelbare Anschauung, wenn man zu dem kommt, was ich geschildert habe —, ebenso wenig, wie die Luft sich in der Lunge entwickelt, ebenso wenig kann sich das Ich aus dem menschlichen Leib herausentwickeln. Wie man die Luft in die Lunge einzieht und wiederum entlässt, so ist das Ich im objektiven geistigen Leben vorhanden. So wenig die Lunge Luftquell ist, so wenig ist der Leib Ichquell. Das Ich wird aufgenommen in den Leib und gewissermaßen ausgeatmet aus dem Leib, indem der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Aber man muss, um dieses zu erkennen, erst eine wirkliche Anschauung von dem Ich bekommen.
[ 42 ] This is how one gains an insight into how one should relate to one’s “I.” Just as the air does not develop within the lungs—as becomes immediately apparent when one arrives at what I have described—so, too, the “I” cannot develop out of the human body. Just as one inhales air into the lungs and then exhales it, so the “I” is present in objective spiritual life. Just as the lungs are not the source of air, so the body is not the source of the “I.” The “I” is taken up into the body and, in a sense, exhaled from the body when a person passes through the gate of death. But in order to recognize this, one must first gain a true insight into the “I.”
[ 43 ] Durch die geschilderte wahre Selbstbeobachtung, nicht durch die Selbstbeobachtung, von der die Mystiker sprechen, muss man dazu kommen, das Ichbewusstsein im Geistigen außerhalb des Leiblichen zu entwickeln, dann weiß man, dass man das erfasst hat, was vom Leib zwar aufgenommen wird, was aber nicht vom Leib erzeugt wird. Hat man dieses erfasst, dann erst hat man eine Vorstellung darüber, was eigentlich der Mensch mit seinem Leib empfängt, dann erst kommt man auch zu gültigen Vorstellungen über das, was man mit dem Worte Vererbung und so weiter zusammenfassen kann, dann kann man biologisch sprechen, indem man weiß: Das, was man ererbt von seinen Vorfahren, entwickelt kein Ich, das entwickelt im Laufe des Lebens kein Ich, sondern das ist da, um ein Ich aufzunehmen, das aus der geistigen Welt heruntersteigen muss.
[ 43 ] Through the true self-observation described here—not through the self-observation of which the mystics speak—one must come to develop self-awareness in the spiritual realm outside the physical; then one knows that one has grasped that which is indeed received by the body but is not produced by it. Only when one has grasped this does one have a conception of what the human being actually receives through the body; only then does one arrive at valid conceptions of what can be summarized by the term “heredity” and so on; only then can one speak biologically, knowing that: What one inherits from one’s ancestors does not develop an “I”; it does not develop an “I” in the course of life, but rather exists to receive an “I” that must descend from the spiritual world.
[ 44 ] Das Ich muss aufgenommen werden von dem Leiblichen; wie aus dem äußeren Raume die Luft in die Lunge kommt, so kommt das Ich aus dem Geiste. Niemals kann das Ich und das, was durch das Ich vollzogen wird, irgendwie vererbt werden, wenn es auch eingesenkt und dadurch abhängig wird von dem Leiblichen. Die Luft wird ja auch in die Lunge eingesenkt und abhängig von der Verrichtung der Lunge, von der Konstitution der Lunge, durchlebt die Lunge so, wie die Lunge durchlebt sein kann. Ebenso durchlebt sich das, was wir als Gestaltungskräfte von den Eltern ererbt haben, von dem Ich; dadurch lebt sich das Ich so dar, dass es sich kleidet in seinen Verrichtungen in das, was wir von den Voreltern ererbt haben; aber zu einer Vorstellung über das, was wahres Verhältnis des Leiblichen zu dem geistigen Ich ist, kommt man nur, wenn man sich die entsprechende unmittelbare Anschauung erwirbt.
[ 44 ] The “I” must be absorbed by the physical body; just as air enters the lungs from the external space, so the “I” comes from the spirit. The “I” and what is accomplished through the “I” can never be inherited in any way, even if it is absorbed into and thereby becomes dependent on the physical body. After all, air is also drawn into the lungs and, dependent on the functioning of the lungs and their constitution, the lungs experience life in the way that they are capable of experiencing it. In the same way, what we have inherited from our parents as formative forces is lived out through the “I”; through this, the “I” manifests itself in such a way that, in its activities, it clothes itself in what we have inherited from our ancestors; but one can only arrive at a conception of what the true relationship between the physical and the spiritual “I” is by acquiring the corresponding direct insight.
[ 45 ] Geistesforschung ist ein Fortschreiten von dem gewöhnlichen Urteil zu einem solchen Urteil, das erworben wird, durch schauendes Bewusstsein erworben wird, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, obwohl er vielfach verkannt wird, Geistesforschung kann nur erreicht werden dadurch, dass man fortschreitet von dem gewöhnlichen Urteil zu dem seherischen Urteil, vor dem ausgebreitet ist in einer geistigen Außenwelt das Geistige so, wie das Physische ausgebreitet ist vor den physischen Sinnen des Menschen. Wenn man das anwendet, was ich beschrieben habe, die Selbstbeobachtung, so kommt man schon so weit, dass man durch unmittelbare Erkenntnis weiß: Dasjenige, was im Menschen lebt, kommt aus einer geistigen Welt in sein Leibliches hinein und geht durch den Tod wieder heraus. Man kommt zur Erkenntnis dessen, was im Leibe nicht Leib, sondern Geist ist, was im Zusammenhang mit dem Leiblichen das MenschlichSeelische, das Fühlen und Wollen bewirkt.
[ 45 ] Spiritual research is a progression from ordinary judgment to a judgment that is acquired—acquired through intuitive consciousness, if I may use that term, even though it is often misunderstood— Spiritual research can only be attained by progressing from ordinary judgment to visionary judgment, before which the spiritual is spread out in a spiritual outer world just as the physical is spread out before human physical senses. If one applies what I have described—self-observation—one already reaches the point where, through direct knowledge, one knows: That which lives within the human being enters the physical body from a spiritual world and leaves it again through death. One comes to the realization of that which in the body is not body but spirit, which, in connection with the physical, brings about the human-soul aspects—feeling and willing.
[ 46 ] Aber man muss weitergehen, wenn man zu einer wirklichen Erkenntnis des geistigen Lebens kommen will. Man kommt sozusagen zu einer reinlichen Sonderung zwischen dem Leiblich-Seelischen und dem Geistigen, aber man kommt nicht zu einer konkreten Anschauung des Geistigen; zum Selbstbewusstsein kommt man, zu dem, was geistiges Ich ist, aber man kommt nicht zu einer Anschauung der Welt, in der dieses geistige Ich lebt, so wie der leibliche Mensch in der physischen Umgebung lebt. Dazu muss noch eintreten das, dass nicht nur Selbstbeobachtung da ist, sondern dass auch das ganze Vorstellungsleben des Menschen nach einer anderen Richtung hin noch umgeändert wird.
[ 46 ] But one must go further if one wishes to arrive at a true understanding of spiritual life. One arrives, so to speak, at a clear distinction between the physical-psychic and the spiritual, but one does not arrive at a concrete perception of the spiritual; one arrives at self-awareness, at what the spiritual “I” is, but one does not arrive at a perception of the world in which this spiritual “I” lives, just as the physical human being lives in the physical environment. For this to happen, it is necessary not only for self-observation to be present, but also for the entire life of the human imagination to be transformed in a different direction.
[ 47 ] Im gewöhnlichen Leben verläuft ja unser Vorstellungsleben so, dass wir uns richten nach den Vorgängen, die draußen im Raume und in der Zeit vor sich gehen. Wir richten unsere Vorstellungen so ein, mit Recht, dass sie folgen dem räumlichen und zeitlichen Verlauf der Wesen und Vorgänge. Von diesem Geleitetsein durch äußere räumliche und zeitliche Vorgänge muss vor allen Dingen loskommen derjenige, der das Geistige beobachten will. Und er kann loskommen dadurch, dass er den Willen in immer stärkerem Maße einführt in das menschliche Vorstellungsleben. Man erreicht das dadurch, dass man sich losreißt von dem selbstverständlichen Vorstellungsleben des Alltags. Auch zu dem sind wiederum oft jahrelang in Geduld und Ausdauer zugebrachte Übungen der Seele notwendig, dass man sich losreißt vom gewöhnlichen Vorstellungsverlauf. Man erreicht das dadurch, dass man sich systematisch solche Vorstellungen in der Seele macht, die nur durch den eigenen Willen in die Seele hereinkommen.
[ 47 ] In everyday life, our imaginative life unfolds in such a way that we orient ourselves toward the events taking place outside in space and time. We structure our thoughts—and rightly so—so that they follow the spatial and temporal course of beings and events. Above all, anyone who wishes to observe the spiritual must free themselves from this guidance by external spatial and temporal events. And they can do so by introducing the will into human thought life to an ever-greater degree. This is achieved by breaking away from the unquestioned imaginative life of everyday existence. This, too, often requires years of patient and persistent exercises of the soul in order to break away from the ordinary course of imagination. It is achieved by systematically forming in the soul such images that enter the soul solely through one’s own will.
[ 48 ] Lassen Sie uns einen extremen Fall angeben für dieses: Im gewöhnlichen Leben sind wir gewohnt, zuerst das Frühere vorzustellen, dann das Spätere. Wenn man sich nur einmal angewöhnt, jeden Tag wenigstens eine oder zwei Minuten dazu zu verwenden, um umgekehrt vorzustellen ein Ereignis, sodass man das Ende und dann das Vorhergehende und so weiter rückwärts sich vorstellt, eine Melodie, ein Drama, und so weiter, dann muss man eine ganz andere Willensenergie aufwenden als diejenige, die man gewöhnt ist, nach Anleitung der physischen Welt anzuwenden. Kurz, man muss den energischen Willen einführen in die Vorstellungswelt. Wie man das im Einzelnen macht, ich habe es beschrieben in den vorgenannten Büchern. Man muss das ausüben, was man in wirklichem echtem Sinn meditatives Leben nennen kann, solches Vorstellungsleben, das ganz und gar durchzogen ist vom Willen, das nicht unter der Tyrannis der Außenwelt ist.
[ 48 ] Let’s give an extreme example of this: In everyday life, we are accustomed to imagining the earlier part first, then the later part. If you get into the habit, even just once, of spending at least one or two minutes each day visualizing an event in reverse—so that you imagine the end first, then what came before it, and so on backward—whether it be a melody, a drama, or something else—then you must exert a completely different kind of volitional energy than the one you are accustomed to using according to the principles of the physical world. In short, one must introduce energetic will into the world of imagination. I have described how to do this in detail in the aforementioned books. One must practice what can be called, in the true and genuine sense, a meditative life—a life of imagination that is entirely permeated by the will and is not subject to the tyranny of the external world.
[ 49 ] Nehmen Sie wiederum jenen Theodor Zichen, so sagt er: Das Seelenleben verläuft so, dass es eigentlich ganz beherrscht wird von den Vorstellungsassoziationen, von dem, was der Mensch entweder aus inneren Zusammenhängen der Vorstellungen zusammenfügt, oder dem, was er im Raume nebeneinander oder in der Zeit nacheinander in der Erinnerung zusammenstellt, und so weiter. — Dadurch beschreibt Ziehen genau das, was in der Seele nicht geistig ist. Alles, was so der Assoziation unterliegt, ist das Ungeistige. Immer dann, wenn man diese Assoziation überwindet, wenn man nicht so verfährt, dass sich die Vorstellungen von selbst vergesellschaften, wenn man dagegen anstürmt, gegen das, was sich von selbst vollzieht, dann überlässt man sich dem Geiste, dann führt man den Willen in das Vorstellungsleben ein, und dann merkt man, dass man allmählich abkommt von demjenigen, was nur in dem Vorstellungsleben mit dem Leiblichen zusammenhängt, dann merkt man, dass man abkommt davon, aber auch, dass allmählich etwas ganz Neues einzieht in das Vorstellungsleben.
[ 49 ] Take, for example, Theodor Zichen, who says: The life of the soul proceeds in such a way that it is actually entirely dominated by associations of ideas—by what a person either pieces together from the inner connections between ideas, or by what he arranges in memory, either side by side in space or one after another in time, and so on. — In this way, Zichen describes precisely what is not spiritual in the soul. Everything that is subject to association in this way is non-spiritual. Whenever one overcomes this association—whenever one does not allow ideas to group together of their own accord, but instead actively intervenes against what occurs spontaneously—one surrenders to the spirit; one introduces the will into the life of ideas, and then one notices that one is gradually moving away from that which, in the life of the imagination, is connected only to the physical; then one notices that one is moving away from it, but also that something entirely new is gradually entering the life of the imagination.
[ 50 ] Man merkt, dass man dazu kommt, nicht in eine phantastische Welt unterzutauchen, in eine Welt, die, weil sie sich von der Außenwelt losgemacht hat, Vorstellung an Vorstellung knüpft in der Willkür, sondern dazu, wirklich zu erleben, dass man durch etwas, was sich von einer ganz anderen Seite her, eben von der geistigen Seite her ergibt, ebenso mit Notwendigkeit eine Vorstellung an die andere anknüpft — nicht indem man sich einen Tisch vorstellt, wenn der Stuhl nicht dabei ist, wie man in der Sinneswelt mit Notwendigkeit verfährt unter dem Eindruck der äußeren Sinneswelt —, so wird man gewahr nach und nach, wenn man das Vorstellen durch die Einführung des Willens erst dazu gebracht har, sich frei zu machen vom leiblichen Zwang, dann wird man gewahr, dass in das Innere des Vorstellungslebens sich etwas einlebt, was als nur geistiger Impuls einen hinaushebt über die Willkür. Die Willkür ist nur der Weg. Man löst sich los, indem man den Willen in die Vorstellungswelt einführt.
[ 50 ] One realizes that one does not end up immersing oneself in a fantastical world—a world that, having detached itself from the external world, links one idea to another at random—but rather comes to truly experience that, through something that arises from a completely different perspective, —namely, from the spiritual side—links one image to the next with equal necessity—not by imagining a table when the chair is not there, as one necessarily does in the sensory world under the influence of the external sensory world— but one gradually becomes aware—once one has, through the introduction of the will, brought the process of imagination to the point of freeing itself from physical compulsion—that something takes root within the inner life of the imagination, which, as a purely spiritual impulse, lifts one above arbitrariness. Arbitrariness is merely the path. One detaches oneself by introducing the will into the world of imagination.
[ 51 ] Aber indem man diese Übung durchmacht, gelangt man von dem bloßen Ausgestalten von meditativen Vorstellungskomplexen dazu, dass sich hineinschleicht eine geistige Notwendigkeit, die ebenso eine Vorstellung an die andere gliedert, wie sonst nur die äußere räumliche Folge eine Vorstellung an die andere gliedert in der Sinneswelt. Sehr verehrte Anwesende, dann ist man daran — ich darf den Ausdruck gebrauchen, trotzdem er sehr leicht missverstanden werden kann, aber es ist nur das gemeint, was ich auseinandergesetzt habe —, nicht nur durch äußere sinnliche Wahrnehmung etwas in seine Vorstellungen hereinzubekommen, sondern durch Inspiration Geistiges in seine Vorstellungen einfließend zu erleben. Man muss diesen Ausdruck nicht abergläubisch nehmen, sondern im Sinne der inneren, geistigen Erfahrung. Dann erst steht man in der konkreten geistigen Welt darinnen; während man vorher nur Imaginationen hat, nur das, was von dem eigenen Wollen abhängen kann, fließt jetzt in das Seelenleben herein, indem das Vorstellungsleben etwas ganz anderes geworden ist, indem man von dem bloß seelischen Erleben freigekommen ist, fließt jetzt das geistige Erleben herein.
[ 51 ] But as one goes through this exercise, one moves from the mere formation of meditative mental complexes to a point where a spiritual necessity creeps in, linking one mental image to the next just as, in the sensory world, only the external spatial sequence links one mental image to the next. Ladies and gentlemen, one then finds oneself—and I may use this expression, even though it can very easily be misunderstood; however, it means only what I have explained—not merely taking in something into one’s mental images through external sensory perception, but experiencing the spiritual flowing into one’s mental images through inspiration. One need not take this expression superstitiously, but rather in the sense of inner, spiritual experience. Only then does one stand within the concrete spiritual world; whereas before one had only imaginations—only that which can depend on one’s own will—now spiritual experience flows into the life of the soul, because the life of the imagination has become something entirely different, because one has been freed from merely psychological experience, and now spiritual experience flows in.
[ 52 ] Ich weiß sehr gut, dass die Einwände gegen solch eine Sache nur auf der flachen Hand daliegen. Ich weiß sehr gut, was man alles dagegen einwenden kann; wer aber durch Jahrzehnte hindurch kennengelernt hat dieses Ausfließen der geistigen Welt in die Vorstellungswelt, der weiß auch einen realen Begriff mit dem Wort Inspiration zu verbinden, der weiß, dass das, was hier als Inspiration bezeichnet wird, sich im wahren Sinn des Wortes von der Geist-Seite her neben die äußere Wahrnehmung hinstellen darf. Vor allen Dingen kennt er eines: Man kann kommen und ihm sagen: Wenn du glaubst, dass sich in deine Vorstellungen etwas hineininspiriert, dann gibst du dich der Täuschung hin, doch nur deine bekannten Vorstellungen, die du da und dort aufgenommen hast, die kommen dir als Reminiszenz zurück, und weil du nicht weißt, wie diese Dinge in dein Vorstellungsleben eingeflossen sind, glaubst du, sie kommen dir von einer geistigen Welt her.
[ 52 ] I know very well that the objections to such a thing are obvious. I am well aware of all the arguments that can be raised against it; but anyone who, over the course of decades, has come to know this outpouring of the spiritual world into the world of the imagination also knows how to associate a real concept with the word “inspiration”—knows that what is referred to here as inspiration may, in the true sense of the word, stand alongside external perception from the spiritual side. Above all, such a person knows one thing: One might come and say to him: “If you believe that something is being inspired into your imagination, then you are succumbing to delusion; it is merely your familiar ideas—which you have absorbed here and there—that return to you as reminiscences, and because you do not know how these things have flowed into your imaginative life, you believe they come to you from a spiritual world.”
[ 53 ] Ich weiß, wie viel Gewicht ein solcher Einwand hat; aber derjenige, der kennt, was zugrunde liegt, und es durch jahrelange Erfahrung kennt, der weiß vor allen Dingen eins, der weiß, dass kein Vorurteil, keine Voreingenommenheit ihn auf diesem Gebiet mehr beschleichen kann, aus dem einfachen Grunde, weil er es zu oft erfahren hat, wenn er wirklich der Inspiration hingegeben ist, dass die Dinge, die man auf dem geistigen Gebiet kennenlernt, immer anders kommen, als das Vorurteil sie voraussetzt.
[ 53 ] I know how much weight such an objection carries; but anyone who understands the underlying reality, and knows it from years of experience—such a person knows one thing above all else: that no prejudice, no bias can ever again take hold of him in this realm, for the simple reason that, when he is truly surrendered to inspiration, he has experienced all too often that the things one comes to know in the spiritual realm always turn out differently than prejudice would have us expect.
[ 54 ] Gerade das sind die bedeutungsvollsten Erfahrungen und die wichtigsten geistigen Erfahrungen: Man nimmt seinen geistigen Weg zu irgendeiner geistigen Wesenheit oder Erscheinung hin, und siehe da, man hat sich vielleicht nach der gewöhnlichen Sinneswelt, nach dem, was man äußerlich durch die Sinne wahrnehmen kann, durch den gewöhnlichen Verstand begreifen kann, gewisse Vorstellungen gebildet, wie es aussehen sollte in der geistigen Welt; es wird immer anders kommen, es wird jedes Vorurteil zuschanden gemacht.
[ 54 ] These are precisely the most meaningful experiences and the most important spiritual experiences: One embarks on one’s spiritual path toward some spiritual being or phenomenon, and lo and behold, one may have formed certain ideas—based on the ordinary sensory world, on what one can perceive externally through the senses and comprehend with ordinary reason—about what the spiritual world should look like; it will always turn out differently, and every prejudice will be put to shame.
[ 55 ] Und wenn man das wirklich erfährt, was in die Welt der Vorstellungen vonseiten des Geistigen einfließt, dann weiß man gerade nach der Beobachtung der eklatantesten Fälle, dass man das von der Sinnesseite her gar nicht hereinbekommen kann, was man ganz unerwarteterweise von der geistigen Seite in das Vorstellungswesen hereinbekommt, dann weiß man, dass man wirklich gegenüber all dem, was man nicht nur erfahren hat, sondern was möglich war zu erfahren, dass man gegenüber dem ebenso überrascht ist, wenn man in die geistige Welt eintritt, wie man in der Sinneswelt selbst überrascht ist, wenn man ein neues Erlebnis hat, das man noch nicht erfahren hat.
[ 55 ] And when one truly experiences what flows into the world of imagination from the spiritual realm, then—precisely after observing the most striking cases—one knows that what one receives quite unexpectedly from the spiritual realm into one’s imagination cannot be grasped at all through the senses, then one knows that, with regard to everything one has not only experienced but also could have experienced, one is just as surprised when entering the spiritual world as one is in the sensory world itself when having a new experience that one has not yet encountered.
[ 56 ] So kann man, indem man geistig erfährt, diese geistigen Erfahrungen sehr wohl von allem, was zu erfahren möglich ist in der Sinneswelt, unterscheiden. Darauf kommt es an, richtig zu verstehen das, was ich meine mit dem Worte, das jeder Geistesforscher genügend kennt: Es kommt immer anders, als man es erwartet, und es kommt in unzähligen Fällen anders. So kann in die geistige Welt eingetreten werden, wenn von dieser Seite aus zu dem, was ich als Selbstbeobachtung beschrieben habe, in die geistige Welt eingetreten wird. Dann tritt man in eine konkrete Welt ein, da spricht man nicht nur von einer geistigen Welt im Allgemeinen, man weiß dann, dass das pantheistische Geistbetrachten nicht mehr wert ist, als wenn jemand es verschmähen würde, einzelne Pflanzen, Tiere und Mineralien zu betrachten und immer nur sagen würde: Natur, Natur, Natur, statt sie im Einzelnen zu studieren. Da würde man sich nicht aufgeklärt vorkommen, sondern einfach dem Betreffenden sagen: Du weißt eben nichts von einzelnen Pflanzen und Wesenheiten der verschiedenen Naturreiche. — Aber den hält man für besonders geistig vorgerückt, der nicht einzelne Geister und geistige Vorgänge unterscheidet, sondern im Allgemeinen pantheistisch von Geist und Geist und Geist redet.
[ 56 ] Thus, through spiritual experience, one can very well distinguish these spiritual experiences from everything else that can be experienced in the sensory world. This is what matters for correctly understanding what I mean by the phrase that every spiritual researcher knows well: Things always turn out differently than one expects, and they turn out differently in countless cases. Thus, one can enter the spiritual world by approaching what I have described as self-observation from this perspective. Then one enters a concrete world; one does not merely speak of a spiritual world in general, but knows that the pantheistic view of the spirit is no more valuable than if someone were to spurn the study of individual plants, animals, and minerals and were to say only: “Nature, nature, nature,” instead of studying them in detail. One would not consider oneself enlightened in such a case, but would simply say to the person in question: “You simply know nothing about individual plants and beings of the various kingdoms of nature.” — Yet one is considered to be particularly spiritually advanced if one does not distinguish between individual spirits and spiritual processes, but speaks generally and pantheistically of “spirit, spirit, spirit.”
[ 57 ] Nun trifft aber zu dem, was errungen wird durch dieses Zweite, das ich prinzipiell charakterisiert habe, nun tritt noch ein anderes zu der Errungenschaft hinzu mit Bezug auf das Ich. Durch wahre Selbstbeobachtung gelangt man dazu, das Ich als geistiges Wesen, das unterschieden ist von den leiblichen Wesen, zu erkennen. Jetzt lernt man erkennen, indem man zu der Selbstbeobachtung die wirkliche Geistesschau hinzufügt, lernt man erkennen, dass alles das, was im Ich erlebt, durch das Ich erlebt wird zwischen Geburt oder, sagen wir, Empfängnis und Tod, dass dies nicht nur beherrscht wird von solchen Kräften und Impulsen, welche innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod liegen; durch Anschauung kommt man dazu, hinauszuschauen jenseits von Geburt und Tod. Man weiß jetzt, dass ebenso, wie, wenn ein Wasser in Wellenschlag kommt, der Wind von außen darauf geschlagen hat, man weiß, dass das, was im menschlichen Gefühls- und Vorstellungsleben zwischen Geburt und Tod verläuft, dass da hereinspielen die Kräfte, mit denen die Seele verbunden war in der Zeit, bevor sie sich mit dem physischen Leibe vereinigt hat.
[ 57 ] Now, in addition to what is achieved through this second aspect, which I have characterized in principle, there is yet another achievement that pertains to the “I.” Through true self-observation, one comes to recognize the “I” as a spiritual being distinct from physical beings. Now, by adding true spiritual insight to self-observation, one comes to recognize that everything experienced by the “I”—between birth, or let us say conception, and death—is not merely governed by the forces and impulses that lie within the life span between birth and death; through insight, one comes to look beyond birth and death. One now knows that just as, when water begins to ripple, the wind has struck it from without, so too one knows that in the human life of feeling and imagination between birth and death, the forces with which the soul was connected in the time before it united with the physical body are at work.
[ 58 ] Man lernt das vorgeburtliche Leben durch unmittelbare Anschauung kennen, man lernt das Leben, das auf den Tod folgt, durch Anschauung kennen, man lernt erkennen, dass dieses Ich im Leibe zwar für die äußere Sinneswelt in den bekannten Seelenerscheinungen sich äußert, dass aber im Unterbewussten sich das weiter ausgestaltet, welches das Ewige in der Menschennatur ist, dass diese Impulse für das Ewige im physischen Leibe schon vorhanden sind, aber durch den physischen Leib zugedeckt sind, dass durch den Tod, bereichert durch die Erfahrung des physischen Erlebens, die Seele durch die Pforte des Todes hinauszieht. Denn man lernt nicht nur spekulieren über das Ewige in der Menschennatur auf diesem Wege, sondern man lernt, indem man frei wird, das erkennen, was durch Geburten und Tode tritt.
[ 58 ] One comes to know prenatal life through direct observation; one comes to know the life that follows death through observation, one comes to recognize that, while this “I” in the body expresses itself to the external sensory world through the familiar manifestations of the soul, what is eternal in human nature continues to develop in the subconscious; that these impulses toward the eternal are already present in the physical body, but are veiled by the physical body; that through death, enriched by the experience of physical life, the soul passes through the gate of death. For in this way one learns not only to speculate about the eternal in human nature, but—by becoming free—to recognize that which passes through births and deaths.
[ 59 ] So ist die Geisteswissenschaft diejenige Erforschung, welche ausbildet nicht eine Spekulation über das geistige Leben, nicht eine bloße Philosophie über das geistige Leben, sondern welche ausbildet die Geistesschau. Derjenige, der diese Geistesschau hat und dadurch Geistesforscher geworden ist, der weiß über jene geistige Welt ebenso zu sprechen — die geistige Welt, in welcher die Seele zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist —, wie man durch das physische Bewusstsein zu sprechen vermag über die Sinneswelt, in der der Mensch ist zwischen Geburt und Tod.
[ 59 ] Thus, spiritual science is the field of research that cultivates not a speculation about spiritual life, nor a mere philosophy of spiritual life, but rather the spiritual vision itself. The one who possesses this spiritual vision and has thereby become a spiritual researcher knows how to speak about that spiritual world—the spiritual world in which the soul exists between death and a new birth—just as one is able to speak through physical consciousness about the sensory world in which the human being exists between birth and death.
[ 60 ] Und diese Geistesschau, wenn sie sich auch der einzelne Mensch zunächst nicht erwirbt, sie führt aber dazu, dass der Geistesforscher die Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens so zu beschreiben vermag, dass sie verständlich werden. Und man kann gerade anknüpfend an dieses sagen, dass man nicht bloß ein Geistesforscher, ein Seher zu sein braucht, um das Ergebnis der Geistesforschung plausibel zu finden — derjenige, der eine Uhr in die Hand nimmt, wenn ihm erzählt worden ist, wie ein Uhrmacher die Uhr gemacht hat, wird in der Uhr auch das Produkt menschlicher Intelligenz, menschlicher Fähigkeit finden, auch wenn er nicht selbst im Uhrmacherladen die Zeit zugebracht hat und zugesehen hat, wie der Uhrmacher sie zustande gebracht hat —, es braucht nicht jeder Seher zu sein, um aus seinem ehrlichen Wahrheitssinn heraus die Ergebnisse des Sehertums anzuerkennen; aber man muss seherisches Bewusstsein entwickeln. So, wie man die Geschicklichkeit, eine Uhr zu machen, entwickeln muss, damit eine Uhr zustande kommt, [so] muss man die seherischen Fähigkeiten entwickeln, um über die geistige Welt das sagen zu können, was der andere dann beurteilen kann durch gesunden Menschenverstand, wenn der Seher es sagt.
[ 60 ] And this spiritual insight—even if the individual does not initially acquire it—enables the spiritual researcher to describe the phenomena of human soul life in such a way that they become understandable. And building directly on this, one can say that one need not merely be a spiritual researcher or a seer to find the results of spiritual research plausible — anyone who picks up a watch, having been told how a watchmaker made it, will also recognize in the watch the product of human intelligence and human skill, even if they have not spent time in the watchmaker’s shop watching how the watchmaker crafted it —, one does not have to be a seer to acknowledge the results of clairvoyance out of an honest sense of truth; but one must develop clairvoyant consciousness. Just as one must develop the skill to make a watch in order for a watch to come into being, [so] one must develop clairvoyant abilities in order to be able to say things about the spiritual world that others can then judge using common sense when the clairvoyant speaks.
[ 61 ] Nur muss dieser gesunde Menschenverstand nicht beeinträchtigt sein durch allerlei Vorurteile, welche da glauben, auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, aber dadurch nichts anderes gewonnen haben als das, was zu gewinnen ist dadurch, dass die Naturforschung auf ein übersinnliches Gebiet hinweist, aber dieses Gebiet auch wiederum diskreditiert, indem sie sagt: Die wahre Wissenschaft besteht in der Erforschung der physischen Welt.
[ 61 ] However, this common sense must not be clouded by all manner of prejudices that claim to stand on the solid ground of natural science, yet have gained nothing more than what can be gained when natural science points to a supernatural realm, only to discredit that realm in turn by stating: True science consists in the study of the physical world.
[ 62 ] Das, was wichtig ist zu betonen, ist das, dass Geistesforschung hineinführt in eine wirkliche Welt, die uns ebenso umgibt, wie die physische Welt uns umgibt. Vor der Geisteswissenschaft geht eine Welt so auf, wie vor dem physischen Menschenleib aufgeht, wenn er bisher blind war und er operiert wird, die physische Welt des Auges; so geht auf die geistige Welt dem geistigen Menschen. Der Mensch lernt erkennen, was sein Ewiges ist, durch Selbstbeobachtung. Er lernt erkennen durch Geistesschau, die das zweite Prinzipielle ist, wie dieses Ewige dem Ewigen in der Außenwelt gegenübersteht. Das Ewige lernt das Ewige erkennen. Dadurch zeigt sich uns, dass wir hinzufügen müssen aus der Geisteswissenschaft heraus zu dem, was der Mensch als das bloße Seelische erlebt, das Geistige, wie wir durch die physiologische Wissenschaft das Leibliche hinzufügen müssen zu dem, was der Mensch auch wiederum von der Leibesseite her seelisch erlebt. Das Seelische steht gewissermaßen zwischen dem Geistigen und Physischen, sodass es das Vergängliche, Zeitliche durchlebt nach der einen Seite, dass es das Ewige durchlebt von der andern Seite.
[ 62 ] What is important to emphasize is that spiritual research leads us into a real world that surrounds us just as much as the physical world does. Spiritual science reveals a world in the same way that the physical world of the eye is revealed to the physical human being when, having been blind until then, he undergoes an operation; in the same way, the spiritual world is revealed to the spiritual human being. Through self-observation, the human being learns to recognize what is eternal within them. Through spiritual vision—which is the second fundamental principle—they learn to see how this eternal aspect relates to the eternal in the external world. The eternal learns to recognize the eternal. This reveals to us that, drawing from spiritual science, we must add the spiritual to what the human being experiences as merely the soul, just as, through physiological science, we must add the physical to what the human being, in turn, experiences as soul from the physical side. The soul, so to speak, stands between the spiritual and the physical, so that on the one hand it experiences the transitory and temporal, and on the other hand it experiences the eternal.
[ 63 ] Allerdings, meine sehr verehrten Anwesenden, dadurch tritt das, was man das Unsterblichkeitsrätsel nennen kann, wirklich durch die Geisteswissenschaft auf ein Gebiet, das ein streng wissenschaftliches ist. Heute wird das noch von vielen Menschen als etwas Unmögliches betrachtet; allein gerade so, wie es eine Zeit gegeben hat, in der man sich geweigert hat, von der Seele aus zum Leibe, zu einem wirklichen Treiben der Anatomie vorzudringen, so weigert man sich heute noch, von der Seele aus zum Geiste vorwärtszudringen. Dasjenige, was Galilei und andere vollbracht haben, von der Seele aus zum Leibe vorzudringen, das hat die Geisteswissenschaft nach der andern Seite zu vollbringen, von der Seele aus zum Geiste vorzudringen, nicht nur in abstrakter Weise, sondern so, dass man wirklich auch erkennt, dass der Mensch, sobald er sich in seinem Vorstellen frei macht vom Leiblichen — durch Sehertum oder dadurch, dass er frei wird, indem er durch die Todespforte tritt, er in eine wirkliche Geisteswelt eintritt —, dass er dann unter konkreten Geistwesen ist und geistigen Vorgängen wie hier unter konkreten Sinneswesen und sinnlichen Vorgängen.
[ 63 ] However, ladies and gentlemen, through spiritual science, what might be called the “mystery of immortality” truly enters the realm of strict science. Today, many people still regard this as impossible; yet just as there was a time when people refused to proceed from the soul to the body—to the actual practice of anatomy—so today people still refuse to proceed from the soul to the spirit. What Galileo and others accomplished—advancing from the soul to the body—spiritual science must accomplish in the opposite direction: advancing from the soul to the spirit, not merely in an abstract sense, but in such a way that one truly recognizes that the human being, as soon as he frees himself in his imagination from the physical — through clairvoyance or by becoming free as he passes through the gate of death, he enters a real spiritual world — that he is then among concrete spiritual beings and spiritual processes, just as here he is among concrete sensory beings and sensory processes.
[ 64 ] Über Einzelheiten wird der nächste Vortrag zu handeln haben, jetzt obliegt es mir nur noch, zu sagen, dass dasjenige, was auf diesem Wege der Geistesschau erschlossen wird, sich wirklich unbehindert durch irgendwelche Ängstlichkeit neben den gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Weg, den man heute geht für die Erkenntnis der äußeren Natur, hinstellen kann. Gerade wenn man Naturwissenschaft wirklich erkennen lernt, dann findet man, dass Stück für Stück dasjenige, was die Geistesschau bietet, durch die Naturwissenschaft bestätigt wird, und man lernt erkennen die Tatsache, die so bedeutungsvoll für die Seele werden kann. Wenn man nur auf dem Boden der Naturwissenschaft steht und berückt ist von den erfolgreichen Methoden der Naturwissenschaft, dann kann man begreiflicherweise zu dem Vorurteil kommen, dass, weil ja diese Methoden so sicher geworden sind, so sicher in die Natur hineinführen, die Erforschung des Geistes unmöglich ist. Lernt man aber die Geisteswissenschaft in ihren Einzelheiten kennen und bleibt man nicht mit Scheuledern beschlagen, dann lernt man als Geistesforscher auch die Naturwissenschaft erkennen, dann lernt man etwas ganz anderes, als der Naturforscher kennenlernen kann gegenüber dem Geistesforscher.
[ 64 ] The next lecture will deal with the details; for now, it remains only for me to say that what is revealed through this path of spiritual insight can truly stand alongside the conventional scientific approach—which is followed today for the understanding of external nature—without any hindrance from anxiety. Precisely when one truly learns to understand natural science, one finds that, bit by bit, what spiritual insight offers is confirmed by natural science, and one comes to recognize the fact that can become so significant for the soul. If one stands solely on the ground of natural science and is captivated by its successful methods, one may understandably come to the prejudice that, since these methods have become so reliable—so reliable in leading us into nature—the exploration of the spirit is impossible. But if one becomes acquainted with spiritual science in its details and does not remain stuck with mere schoolbook knowledge, then as a spiritual researcher one also learns to recognize natural science; one comes to know something entirely different from what the natural scientist can come to know compared to the spiritual researcher.
[ 65 ] Der Naturforscher kommt sehr leicht zur Ablehnung der Geistesforschung, aber der Geistesforscher kommt nie zur Ablehnung der Naturforschung; er wird gerade dann die naturwissenschaftlichen Tatsachen im rechten Lichte sehen und ihnen ihre Bedeutung zuerkennen können, wenn er weiß, dass die naturwissenschaftlichen Tatsachen richtig aufgefasst sind, nur dass sie von höheren Gesichtspunkten aus als Ausflüsse des geistigen Lebens erscheinen. Wer in dieser Weise in die Geistesforschung eindringt, der wird auch frei werden von dem Vorurteil, als ob die Geistesforschung irgendeinem religiösen Bekenntnis Eintrag tun könnte.
[ 65 ] The natural scientist very easily comes to reject spiritual research, but the spiritual researcher never comes to reject natural science; he will be able to see the scientific facts in their proper light and recognize their significance precisely when he knows that these scientific facts are correctly understood—it is just that, viewed from higher perspectives, they appear as manifestations of spiritual life. Anyone who approaches spiritual science in this way will also be freed from the prejudice that spiritual science could in any way compromise a religious creed.
[ 66 ] Insbesondere von religiöser Seite wird ja sehr leicht gegen das, was als ein neues geisteswissenschaftliches Element in unser Kulturleben sich einleben will, Front gemacht. Würde man die Notwendigkeit erkennen, wie die Geisteswissenschaft sich neben Naturwissenschaft hinstellen muss, so würde man den Grundcharakter der Geistesforschung erkennen, würde man erkennen, dass der Mensch als Geistwesen angestrebt wird so, wie von der Biologie, der Physiologie die Erkenntnis des Menschen als Leibeswesen, über das bloß Seelische hinausgehend, angestrebt wird, so würde man nicht glauben, dass diese Geisteswissenschaft einem religiösen Bekenntnis Eintrag tun könnte. Man würde gerade finden, dass zwar das materialistische Glaubensbekenntnis, das in der neueren Zeit vielfach eingerissen ist, ein Ergebnis der äußeren naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise sehr leicht werden kann, wenn auch nicht muss, dass aber Geisteswissenschaft den Menschen wiederum zurückführt zum Geiste [und er] dadurch — weil er nun auch ein Wissen vom Geiste erringen kann —, dem religiösen Leben sich wiederum zuwenden wird, zu dem ja die Sehnsucht von viel mehr Menschen in der Gegenwart geht, als Menschen sich eigentlich dessen bewusst sind.
[ 66 ] Religious circles, in particular, are very quick to take a stand against what is seeking to establish itself as a new element of spiritual science in our cultural life. If one were to recognize the necessity of the humanities standing alongside the natural sciences, one would recognize the fundamental character of humanities research; one would recognize that the aim is to understand human beings as spiritual beings, just as biology physiology seeks to understand human beings as physical beings—going beyond the merely psychological—then one would not believe that this spiritual science could undermine a religious creed. One would find, in fact, that while the materialistic creed—which has become widespread in recent times—can very easily become a result of the external, natural-scientific approach, though it need not necessarily do so, spiritual science, on the other hand, leads the human being back to the spirit [and he], will turn once more toward religious life, toward which the longing of far more people today is directed than people are actually aware of.
[ 67 ] Allerdings heute erlebt man noch manches Missverständnis auf diesem Gebiet, und als Dr. Rittelmeyer neulich in der «Christlichen Welt» in einem ausgezeichneten Aufsatz darauf hingewiesen hat, auf das, was von mir als Geisteswissenschaft aufgefasst wird, wie das dem religiösen Bekenntnis gründliche Unterlagen schaffen kann, wie es einen Weg eröffnen kann selbst für diejenigen, die durch missverständliche Naturforschung abgeführt werden von dem religiösen Bekenntnis, zu demselben [zurück], da wurde allerlei eingewendet von einer Seite, die auch viel Ansehen genießt, da wurde eingewendet — ich will gar nicht erwähnen, was alles eingewendet wurde. Vor allen Dingen aber, weil das heute wichtig ist, einen Punkt möchte ich ganz kurz erwähnen; da wurde eingewendet: Ja, diese Geistesforschung verlangt, dass der Mensch willkürliche Seelenübungen mache, um durch willkürliche Entwicklung seine Seele den Weg in die geistige Welt hineinzufinden. Das sei ein falscher — das wurde sogar bemerklich gemacht —, sei ein gefährlicher, ein versucherischer Weg; denn man käme eigentlich in das geistige Leben nur hinein, unwillkürlich, wenn es sich von selbst darbiete. Ja, das wurde erwähnt, dass die Anlage, in den Geist hineinzukommen, eine so spezifische Anlage sei wie die musikalische oder mathematische Anlage.
[ 67 ] However, even today there are still many misunderstandings in this area, and as Dr. Rittelmeyer recently pointed out in an excellent essay in Christliche Welt, regarding what I understand to be spiritual science—how it can provide a solid foundation for religious faith, how it can open a path even for those who, through misleading natural science, have been led away from religious faith, back to it— all sorts of objections were raised by a party that also enjoys great prestige; objections were raised—I don’t even want to mention everything that was objected to. Above all, however—and because this is important today—I would like to mention one point very briefly; it was objected: Yes, this spiritual research requires that a person engage in arbitrary soul exercises in order to find the way into the spiritual world through arbitrary development of the soul. This, it was even pointed out, is a false—a dangerous, a tempting—path; for one actually enters spiritual life only involuntarily, when it presents itself of its own accord. Yes, it was mentioned that the predisposition to enter the spiritual realm is as specific a predisposition as a musical or mathematical one.
[ 68 ] Man sollte doch begreifen, dass der Mensch selber als Geistesforscher sich finden kann, dass es nicht ein besonderes Talent sein kann, zum Geiste zu kommen, sondern eine allgemein-menschliche Veranlagung sein muss. Wenn aber dann eingewendet wird, dass wie eine Gnade auch die Geistesforschung kommen muss, wer das sagt, der versteht gerade das Wesentliche des Geistigen nicht. Die heutigen Seelenforscher schildern, weil sie den Geist in der Seele nicht finden, das Seelenleben so, als ob sich die Vorstellungen von selbst vergesellschaften, weil der Leib uns zu dieser Vergesellschaftung zwingt. Das tun sie auch, weil man vom Leiblichen abhängig ist. Zum Geiste gelangt man, wenn man sich unabhängig macht von dem, was der Leib vollbringt. Zum Geiste gelangt man dadurch, dass man sich in Freiheit losmacht vom bloß leiblichen Leben. Wie viel man auch Mystik aufbringen kann, Redereien über das Seelische aufbringen kann: Wenn es nicht dadurch gewonnen ist, dass es durch freie Seelenübungen, durch aktives Leben der Seele erworben ist, so ist es doch nur auf leibliche oder niedrig seelische Art erfahren oder erworben.
[ 68 ] One should understand that human beings can discover themselves as spiritual researchers; that attaining the spiritual realm cannot be a special talent, but must be a universal human predisposition. But if someone then objects that spiritual research, like a grace, must come from above, that person fails to grasp the very essence of the spiritual. Because they cannot find the spirit within the soul, today’s researchers of the soul describe the life of the soul as if ideas were to organize themselves into communities simply because the body compels us toward such organization. They do this also because we are dependent on the physical. One attains the spirit by becoming independent of what the body accomplishes. One attains the spirit by freely detaching oneself from mere physical life. No matter how much mysticism one may muster, or how much one may speak about the soul: if it is not gained through free spiritual exercises and an active life of the soul, then it has been experienced or acquired only in a physical or lower spiritual way.
[ 69 ] Das wirklich Geistige beginnt da, wo man sich vom Leibe frei macht, kann auch nur erforscht werden dadurch, dass die Methode in Freiheit, in Betätigung des Willens, in derjenigen Betätigung, die aus der Freiheit entspringt, gewonnen wird. Nur dadurch, dass man vom Leibe frei wird, gelangt man zu dem Bewusstsein, das sonst beim Menschen in den Tiefen des Seelenlebens bleibt.
[ 69 ] The truly spiritual begins where one frees oneself from the body; it can only be explored by adopting a method rooted in freedom, in the exercise of the will—that is, in the activity that springs from freedom. Only by freeing oneself from the body can one attain the consciousness that otherwise remains in the depths of human soul life.
[ 70 ] Dasjenige Bewusstsein kann aber erforscht werden, das in den Tiefen des Seelenlebens im gewöhnlichen Erleben bleibt und was frei gemacht wird, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, was sonst zugedeckt ist durch die vom Leibe beherrschten Seelenerlebnisse. So kann man sagen, dass so ein Einwand gerade den Beweis liefert, wie auch eine Seite, die vielfach Anerkennung findet, gar keinen Begriff, gar keine Vorstellung hat von dem wirklich Geistigen, wie man das vom Leibe beherrschte Seelische bezeichnet als das Geistige.
[ 70 ] However, it is possible to explore that aspect of consciousness which, in the depths of soul life, remains within ordinary experience—and which is set free when a person passes through the gate of death—an aspect that is otherwise obscured by the soul experiences dominated by the body. Thus, one can say that such an objection actually proves that even a perspective that is widely accepted has absolutely no concept, no idea at all of what is truly spiritual—just as the soul life dominated by the body is mistakenly designated as the spiritual.
[ 71 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, solche Seiten sind es auch oftmals, solche Strömungen sind es oftmals, welche in vollständig missverständlicher Art Front machen gegen die Geisteswissenschaft, wie ich sie wiederum versuchte, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus zu charakterisieren. Diese Geisteswissenschaft selber kann sich nicht so zu anderen Richtungen verhalten; sie weiß, dass sie nicht anderes auszuschließen braucht, dass sie nicht gegen andere Front zu machen braucht, um sich selbst zu halten. Diese Geisteswissenschaft, welche in der Seele in der angedeuteten Weise den Geist aufsucht durch echte Wissenschaft, wie die Leibeswissenschaft die Vorgänge des Leibes zu dem seelischen Erleben hinzu erforscht, diese Geisteswissenschaft kann sagen: Lasst euch nicht beirren, geht in die Naturwissenschaft hinein, erkennt alles das, was der Naturwissenschafter zu sagen hat! Ihr werdet es nicht schlechter verstehen als er. Ihr werdet besser verstehen als er, ihr werdet ihm nun völlig gerecht werden, wenn ihr euch auf das einlasst, was er sagt.
[ 71 ] Well, my esteemed audience, it is often such aspects, such currents, that take a completely misguided stand against spiritual science, which I have once again attempted to characterize from a wide variety of perspectives. Spiritual science itself cannot adopt such an attitude toward other schools of thought; it knows that it need not exclude anything else, that it need not take a stand against others in order to maintain itself. This spiritual science, which seeks out the spirit within the soul in the manner described—through genuine science, just as physical science investigates the processes of the body in relation to soul experience—this spiritual science can say: Do not be misled; delve into the natural sciences, and understand everything the natural scientist has to say! You will not understand it any less well than he does. You will understand it better than he does; you will do him full justice when you engage with what he says.
[ 72 ] Nicht teilt die Geisteswissenschaft jene Aburteilung, die man bei den sogenannten Monisten oder sonst immer wieder finder, die sich immer stellen wollen, trotzdem ihre Stellung eine sehr wacklige ist, auf den festen Boden der Naturwissenschaft und die meiden das Geistige aus dem Grunde, weil sie des Glaubens sind, dass man sich in die Geisteswissenschaft nicht einlassen könne, weil dafür keine gültigen Begriffe vorhanden sind, oder dergleichen. Nein, naturwissenschaftliche Denkweise, die zu gleicher Zeit Weltanschauung sein will, liefert eingeengte Begriffe, welche nicht hineinführen in den Geist; Geisteswissenschaft liefert Begriffe, die nicht nur in den Geist einführen, sondern auch sogar in die Naturwissenschaft. Daher sagt sie, so viel Naturwissenschaft als möglich eigne der Mensch sich an. Geisteswissenschaft hat durch sie nichts zu fürchten, im Gegenteil, ebenso wenig wird diese Geisteswissenschaft jemandem schildern einen religiösen Weg als irgendetwas, das er vermeiden sollte.
[ 72 ] Spiritual science does not share the judgment one repeatedly finds among the so-called monists or others who, despite their position being a very shaky one, always seek to stand on the solid ground of natural science and avoid the spiritual on the grounds that they believe one cannot engage with spiritual science because there are no valid concepts for it, or something to that effect. No, the scientific way of thinking—which at the same time aspires to be a worldview—provides narrow concepts that do not lead into the spiritual realm; spiritual science provides concepts that not only lead into the spiritual realm but also into the natural sciences. Therefore, it urges people to master as much of the natural sciences as possible. Spiritual science has nothing to fear from this; on the contrary, spiritual science will no more describe a religious path to anyone as something to be avoided.
[ 73 ] Die Geisteswissenschaft wird einem jeden sagen: Bist du ausgerüstet mit den Vorstellungen über den Geist, die dir die wahre Geisteswissenschaft geben kann, dann ist deine Seele durch die Stärke, die Kraft dieser Vorstellungen auch geeignet, gerade in aller Intensität den religiösen Weg zu gehen, das, was deine Religion dir geben will, in ihren Öffenbarungen, in echtem, wahrem Sinne des Wortes aufzunehmen. Nicht das religiöse Vorurteil, das ja nicht in Wahrheit ein religiöses, sondern ein Vorurteil der Vertreter des Religiösen ist, braucht die Geisteswissenschaft anzunehmen, das abhält davon, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, das sogar den anderen Weg als versucherisch findet, sondern sagt: Geht in Kirche und Religion, sie werden euch kraft eurer Geisteswissenschaft geben können, was sie euch sonst nicht zu geben vermögen, wenn ihr Geisteswissenschaft in Wahrheit versteht. Geht ins Leben hinein. — Das, was man sich durch die Geisteswissenschaft aneignet, gibt solche Vorstellungen und Begriffe, welche auch die Vorstellungen des praktischen Lebens nicht zu solchen machen, wie sie heute vielfach vorhanden sind, wo sich die Leute für praktisch halten, während sie reine Phantasten sind.
[ 73 ] Spiritual science will tell everyone: If you are equipped with the concepts of the spirit that true spiritual science can provide, then your soul—through the strength and power of these concepts—is also capable of walking the religious path with the utmost intensity, of receiving what your religion seeks to give you in its revelations, in the genuine, true sense of the word. Spiritual science need not accept the religious prejudice—which is not truly a religious prejudice but rather a prejudice held by the representatives of religion—that deters one from engaging with something else, that even regards the other path as tempting; rather, it says: Go to church and to religion; they will be able to give you, by virtue of your spiritual science, what they would otherwise be unable to give you—if you truly understand spiritual science. Go out into life. — What one acquires through spiritual science provides concepts and ideas that do not allow the ideas of practical life to become what they often are today, where people consider themselves practical while they are, in fact, mere dreamers.
[ 74 ] Die Geisteswissenschaft wird, selbst wenn man nicht Seher ist, den Vorstellungen des praktischen Lebens Beweglichkeit, Richtung, Energie geben, sodass man praktischer wird für das gewöhnliche äußere Leben. Sie bringt einen nicht von dem äußeren Leben ab. Sie gibt einem moralische Richtung und Halt, sie gibt sogar Geschicklichkeiten für äußere Techniken. Gehet ins Leben, nicht in die Askesc! Das Leben wird die Geisteswissenschaft nicht vernichten, sondern im Gegenteil, dieses Leben wird die Geisteswissenschaft überall bestätigen, und ich könnte noch hinzufügen: Gehet meinetwegen selbst zu Johannes Müller. Ich werde nicht in die Gefahr kommen zu sagen: Der Weg des Johannes Müller ist ein gefährlicher, ein versucherischer, wie Johannes Müller neulich geschrieben hat, man solle den geisteswissenschaftlichen Weg meiden, weil er eine Versuchung darstelle. Ich werde niemandem sagen: Meidet den Weg des Johannes Müller! — Gehet zu ihm! Ihr werdet den richtigen Standpunkt gerade dann finden, wenn ihr mit der Geisteswissenschaft hingeht. Niemand wird von etwas abgehalten, der sich mit wirklichem Verständnis in die Geisteswissenschaft hineinstellt; denn Geisteswissenschaft soll so in das geistige Leben hineinführen, dass das übrige Leben, das schließlich nichts anderes ist als die Offenbarung des Geistigen, gerade dadurch stärker begriffen werden kann, einsichtsvoller durchlebt werden kann, energischer gefühlt und empfunden werden kann.
[ 74 ] Even if one is not a seer, spiritual science will give the concepts of practical life flexibility, direction, and energy, so that one becomes more practical in ordinary external life. It does not turn one away from external life. It provides moral direction and stability; it even imparts skills for external techniques. Go out into life, not into asceticism! Life will not destroy spiritual science; on the contrary, this life will confirm spiritual science everywhere, and I might even add: Go to Johannes Müller yourself, for all I care. I will not run the risk of saying: Johannes Müller’s path is a dangerous one, a tempting one—as Johannes Müller recently wrote, that one should avoid the path of spiritual science because it represents a temptation. I will not tell anyone: Avoid the path of Johannes Müller! — Go to him! You will find the correct standpoint precisely when you approach him with spiritual science. No one who approaches spiritual science with true understanding will be deterred from anything; for spiritual science is meant to lead into spiritual life in such a way that the rest of life—which is, after all, nothing other than the manifestation of the spiritual—can thereby be understood more deeply, lived with greater insight, and felt and experienced more intensely.
[ 75 ] Dasjenige, was die Geisteswissenschaft in die menschliche Gesinnung hineingießen kann und was nützlich werden muss für die Sehnsuchten der Menschheit, die man heute als die bedeutsamsten Sehnsuchten, die aber erst vielfach im Unterbewussten sind, wahrnehmen kann, wenn man wahre Menschenbeobachtung hat, diese Gesinnung, die zur Befriedigung dieser Sehnsuchten in das menschliche Herz gelegt werden kann, diese Gesinnung möchte ich noch durch das Folgende umschreiben: Ich habe gesagt: In weitesten Kreisen ist man beherrscht von dem Vorurteil, das einmal du Bois-Reymond in den Siebzigerjahren ausgesprochen hat, das aber heute noch in den Seelen spukt; dass Wissenschaft sich nur auf das Sinnliche erstrecken kann, dass sie zwar nicht das Übersinnliche erforschen kann, dass aber Wissenschaft aufhört, wo das übersinnliche Leben, das geistige Leben, das Ewige eigentlich anfängt, Geisteswissenschaft soll zeigen der Menschheit, dass die entgegengesetzte Gesinnung der wahren Einsicht in die Weltverhältnisse entspricht, dass man vielmehr sagen muss: Auch die Naturwissenschaft dringt nicht in das wahre tiefere Leben der Natur ein, wenn diese Naturwissenschaft nicht geistdurchdrungen ist.
[ 75 ] That which spiritual science can instill in the human spirit—and which must become useful for the longings of humanity, which today can be perceived as the most significant longings, though they often lie only in the subconscious—if one possesses true insight into human nature, this attitude, which can be instilled in the human heart to satisfy these longings—I would like to further describe this attitude as follows: I have said: In the broadest circles, people are dominated by the prejudice that du Bois-Reymond once expressed in the 1870s, but which still haunts people’s souls today; that science can extend only to the sensory realm, that while it cannot investigate the supersensible, science nevertheless ends where the supersensible life, the spiritual life, the eternal actually begins. Spiritual science is meant to show humanity that the opposite attitude corresponds to a true understanding of world conditions, that one must rather say: Even the natural sciences do not penetrate the true, deeper life of nature unless these natural sciences are imbued with the spirit.
[ 76 ] Erkennt man aber an der Naturwissenschaft selber die Notwendigkeit, sich vom Geiste zu durchdringen, dann wird man nicht mehr sagen, dass Wissenschaft da aufhört, wo das Übersinnliche, wo der Geist beginnt, sondern umgekehrt: Auch die Wissenschaft der Natur erstirbt, hört auf, wenn man mit seinen Begriffen aus dem Geiste herauskommt. Auch in der Naturwissenschaft selber braucht man zum wirklichen Verstehen den Geist. Man hat nur leider um der erkenntnisgemäßen Bequemlichkeit willen einen eigentümlichen Prozess in den letzten Jahrzehnten durchgemacht, man hat sich gesagt etwas, was ich vergleichen könnte damit, wenn jemand sagte: Da habe ich einen Baum vor mir, er wächst und gedeiht. Er zieht gewisse Kräfte aus der Erde heraus; aber die Kräfte, die er herauszieht, die sind mir zugedeckt von der Erde. Ich werde den Baum aus der Erde herausziehen, dass ich ihn ganz vor mir habe, dann überschaue ich ihn ganz.
[ 76 ] But if one recognizes in natural science itself the necessity of being permeated by the spirit, then one will no longer say that science ends where the supersensible—where the spirit—begins, but rather the opposite: even the science of nature dies out, comes to an end, when one steps outside the spirit with one’s concepts. Even in the natural sciences themselves, one needs the spirit for true understanding. Unfortunately, for the sake of intellectual convenience, a peculiar process has taken place in recent decades; people have told themselves something that I could compare to someone saying: “There is a tree in front of me; it is growing and thriving.” It draws certain forces from the earth; but the forces it draws are hidden from me by the earth. I will pull the tree out of the earth so that I have it fully before me, and then I will be able to grasp it completely.
[ 77 ] So haben es die naturforscherisch denkenden Menschen gemacht. Sie haben gesagt: Wenn wir die Natur überschauen, so kommen wir nicht dazu; so wurzelt sie in etwas. Wir entwurzeln sie, wir ziehen sie aus ihrem Boden, dann überschauen wir sie. — Aber jene Naturwissenschaft, die sich so entwurzelt, die ist wie ein Baum, der mit der Wurzel aus dem Boden herausgerissen ist, er wird ertötet, er erstirbt. Und ein Wissen, welches der Geist-Erkenntnis entwurzelt wird, das erstirbt. Man wird, wenn vergangen sein wird das Vorurteil, das sich anknüpft an einen solchen Ausspruch wie den des du Bois-Reymond: Wo das Übersinnliche beginnt, hört die Wissenschaft auf, man wird zu der Erkenntnis und der wahren Gesinnung gegenüber dem Geist und seinem Verhältnis zum Menschen kommen, wenn man statt des du Bois-Reymond’schen Ausspruches dann den andern setzen wird: Da, wo das Wissen den Geist verleugnen will, wo das Wissen aus dem Übersinnlichen heraustreten will und entwurzelt die Natur begreifen will, da erstirbt das Wissen. Nicht dass Wissenschaft dort aufhört, wo das Übersinnliche beginnt, sondern wo das Übersinnliche aufhört und noch ein Wissen gesucht wird, da wird dieses Wissen selbst ertötet, da erstirbt jedes Bestreben nach Wissenschaft.
[ 77 ] This is how people with a natural-scientific mindset have approached it. They have said: If we try to grasp nature as a whole, we cannot do so; it is rooted in something. We uproot it; we pull it out of its soil, and then we can grasp it. — But that natural science which uproots itself in this way is like a tree torn up by its roots from the ground; it is killed; it withers away. And knowledge that is uprooted from spiritual insight withers away. Once the prejudice linked to a statement such as that of du Bois-Reymond—‘Where the supersensible begins, science ends’—has passed, we will arrive at true understanding and a genuine attitude toward the spirit and its relationship to humanity, when we replace du Bois-Reymond’s statement with the following: “Where knowledge seeks to deny the spirit, where knowledge seeks to step outside the supernatural and comprehend nature in a rootless state—there knowledge dies.” It is not that science ends where the supernatural begins, but rather where the supernatural ends and knowledge is still sought—there this knowledge itself is killed, and every striving for science dies.
