The Human Being as a
Spirit and Soul Being
GA 71b
25 April 1918, Nuremberg
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Der Mensch als Geist- und Seelenwesen
9. Die Rätsel des geschichtlichen Lebens der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
9. Die Rätsel des geschichtlichen Lebens der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Aus einem tiefen Gefühle heraus, das gegründet war auf Menschen- und Menschheitsbeobachtung, hat Goethe ein kurzes, zusammenfassendes, bedeutsames Urteil gefällt in den Worten: Das Wertvollste an der Geschichte ist der Enthusiasmus, den sie erregt.
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Aus einem tiefen Gefühle heraus, das gegründet war auf Menschen- und Menschheitsbeobachtung, hat Goethe ein kurzes, zusammenfassendes, bedeutsames Urteil gefällt in den Worten: Das Wertvollste an der Geschichte ist der Enthusiasmus, den sie erregt.
[ 2 ] Man darf sagen: Das Urteil einer Persönlichkeit, die so tief wie Goethe hineingeschaut hat in das menschliche Leben, über das geschichtliche Erkennen — denn darauf ist es ja zunächst gerichtet —, dies kann recht bedenklich stimmen. Denn scheint es doch, als ob Goethe meinte, nicht dasjenige, was man an Erkenntnissen über das Werden der menschlichen Geschichte erwerben kann, sei das Wertvolle, das Bedeutungsvolle in der Geschichte, sondern die Gefühlsmotive, der Enthusiasmus — wie er sich ausdrückt —, den die Geschichte erregt.
[ 2 ] Man darf sagen: Das Urteil einer Persönlichkeit, die so tief wie Goethe hineingeschaut hat in das menschliche Leben, über das geschichtliche Erkennen — denn darauf ist es ja zunächst gerichtet —, dies kann recht bedenklich stimmen. Denn scheint es doch, als ob Goethe meinte, nicht dasjenige, was man an Erkenntnissen über das Werden der menschlichen Geschichte erwerben kann, sei das Wertvolle, das Bedeutungsvolle in der Geschichte, sondern die Gefühlsmotive, der Enthusiasmus — wie er sich ausdrückt —, den die Geschichte erregt.
[ 3 ] Und in der Tat, mancherlei, auf das man sich gedrängt fühlt, näher einzugehen gegenüber dem, was man so geschichtliche Erkenntnis nennt, es führt gar sehr zu einer merkwürdigen Erhärtung des Goethe’sehen Urteils. Man braucht sich nur zu erinnern, als dieses katastrophale Ereignis, in das die Menschheit der Erde gegenwärtig hineingestellt ist, begann, da haben eine Reihe von Leuten — es waren ihrer gar nicht wenige —, sie haben geglaubt, aus guten geschichtlichen Unterlagen heraus zu urteilen, die geglaubt haben, insbesondere aus dem Bilde der wirtschaftlichen und sonstigen, auch materiellen Motive der Weltgeschichte sich ein Urteil, das begründet ist, erlauben zu können; sie haben damals die Ansicht gewonnen, dieser Krieg könne höchstens vier bis sechs Monate dauern. Und man darf wohl sagen: Das Urteil, das so gefällt worden ist, es ist nicht eigentlich töricht. Man kann nicht einmal sagen, dass es kurzsichtig war in Gemäßheit der geschichtlichen Motive, die die Menschheit gewohnt ist anzuwenden, wenn sie ihre eigene Geschichte im Erdenwerden betrachtet. Und dennoch — der Wirklichkeit gegenüber, den Ereignissen gegenüber, was war dieses gut begründete Geschichtsurteil?
[ 3 ] Und in der Tat, mancherlei, auf das man sich gedrängt fühlt, näher einzugehen gegenüber dem, was man so geschichtliche Erkenntnis nennt, es führt gar sehr zu einer merkwürdigen Erhärtung des Goethe’sehen Urteils. Man braucht sich nur zu erinnern, als dieses katastrophale Ereignis, in das die Menschheit der Erde gegenwärtig hineingestellt ist, begann, da haben eine Reihe von Leuten — es waren ihrer gar nicht wenige —, sie haben geglaubt, aus guten geschichtlichen Unterlagen heraus zu urteilen, die geglaubt haben, insbesondere aus dem Bilde der wirtschaftlichen und sonstigen, auch materiellen Motive der Weltgeschichte sich ein Urteil, das begründet ist, erlauben zu können; sie haben damals die Ansicht gewonnen, dieser Krieg könne höchstens vier bis sechs Monate dauern. Und man darf wohl sagen: Das Urteil, das so gefällt worden ist, es ist nicht eigentlich töricht. Man kann nicht einmal sagen, dass es kurzsichtig war in Gemäßheit der geschichtlichen Motive, die die Menschheit gewohnt ist anzuwenden, wenn sie ihre eigene Geschichte im Erdenwerden betrachtet. Und dennoch — der Wirklichkeit gegenüber, den Ereignissen gegenüber, was war dieses gut begründete Geschichtsurteil?
[ 4 ] Oder nehmen wir einen anderen Fall, der bei einer wahrhaftig nicht unbedeutenden Persönlichkeit eintrat. Es ist zwar jetzt schon lange her, aber die Sache kann noch immer erwähnt werden. Der Fall trat ein bei einer Persönlichkeit, die Geschichtsprofessor an einer Universität war. Diese Persönlichkeit hielt eine geistvolle Antrittsrede. In dieser Antrittsrede sagte die betreffende Persönlichkeit, dass sich ihr ergeben habe aus der Betrachtung des historischen Werdeganges der Menschheit, dass die Völker der europäischen Staaten in der Zukunft eine große, mehr oder weniger geeinte Familie bilden werden, in welcher es noch allerlei Zwistigkeiten geben könne, innerhalb welcher es aber unmöglich sein werde, dass sich ihre Völker, diese Mitglieder einer großen Familie, jemals wieder zerfleischen werden.
[ 4 ] Oder nehmen wir einen anderen Fall, der bei einer wahrhaftig nicht unbedeutenden Persönlichkeit eintrat. Es ist zwar jetzt schon lange her, aber die Sache kann noch immer erwähnt werden. Der Fall trat ein bei einer Persönlichkeit, die Geschichtsprofessor an einer Universität war. Diese Persönlichkeit hielt eine geistvolle Antrittsrede. In dieser Antrittsrede sagte die betreffende Persönlichkeit, dass sich ihr ergeben habe aus der Betrachtung des historischen Werdeganges der Menschheit, dass die Völker der europäischen Staaten in der Zukunft eine große, mehr oder weniger geeinte Familie bilden werden, in welcher es noch allerlei Zwistigkeiten geben könne, innerhalb welcher es aber unmöglich sein werde, dass sich ihre Völker, diese Mitglieder einer großen Familie, jemals wieder zerfleischen werden.
[ 5 ] Dieses Urteil eines Menschen, über dessen Realität wohl kaum ein Zweifel bestehen kann, wurde 1789 gefällt aus historischen Anschauungen heraus, und es wurde gefällt von Friedrich Schiller, als er seine Geschichtsprofessur an der Universität in Jena antrat. Man denke, dass Schiller glaubte, aus der geschichtlichen Betrachtung heraus ein Urteil gewinnen zu können, das sich in einer gewissen Weise bis zur Prophetie aufschwingen könne. Unmittelbar nachdem Schiller dieses Urteil abgegeben hat, folgten die Ereignisse der Französischen Revolution, folgte alles das, was damit verbunden war. Und nehmen wir dasjenige, was bis zum heutigen Tage geschehen ist, so finden wir, dass selbst, was diese geniale Persönlichkeit aus der Geschichtsbetrachtung hat gewinnen wollen, durch die Tatsachen der Wirklichkeit in furchtbarer Art widerlegt worden ist.
[ 5 ] Dieses Urteil eines Menschen, über dessen Realität wohl kaum ein Zweifel bestehen kann, wurde 1789 gefällt aus historischen Anschauungen heraus, und es wurde gefällt von Friedrich Schiller, als er seine Geschichtsprofessur an der Universität in Jena antrat. Man denke, dass Schiller glaubte, aus der geschichtlichen Betrachtung heraus ein Urteil gewinnen zu können, das sich in einer gewissen Weise bis zur Prophetie aufschwingen könne. Unmittelbar nachdem Schiller dieses Urteil abgegeben hat, folgten die Ereignisse der Französischen Revolution, folgte alles das, was damit verbunden war. Und nehmen wir dasjenige, was bis zum heutigen Tage geschehen ist, so finden wir, dass selbst, was diese geniale Persönlichkeit aus der Geschichtsbetrachtung hat gewinnen wollen, durch die Tatsachen der Wirklichkeit in furchtbarer Art widerlegt worden ist.
[ 6 ] Und das, was jetzt gesagt worden ist, es könnte vermehrt werden, meine sehr verehrten Anwesenden, durch Hunderte und Hunderte von anderen Fällen. Es macht schon einmal notwendig, zu betrachten, wie es eigentlich ist mit dem, was man gewöhnlich Geschichte nennt; inwiefern die Geschichte uns wirklich die Möglichkeit gibt, ein Urteil zu gewinnen über dasjenige, was um uns herum vorgeht. In einer solchen Zeit, wie die heutige ist, muss das ganz besonders naheliegen. Und erkennen lehren soll uns ja die Geschichte dasjenige, was der Tag bringt, in das wir hineingestellt sind. Und wir sind heute wahrhaftig in nicht Weniges hineingestellt. Über die ganze Erde hinüber regen sich katastrophale Ereignisse, die uns auffordern, ein Urteil zu gewinnen; ein Urteil zu gewinnen über den amerikanischen Westen und dasjenige, was eigentlich aus ihm werden kann, für die Menschheit werden kann für die Zukunft; ein Urteil zu gewinnen über den asiatischen Osten. Wie soll man es gewinnen, wenn die Geschichte sich in einer solchen Art erweist, wie es nur annähernd eben skizziert worden ist?
[ 6 ] Und das, was jetzt gesagt worden ist, es könnte vermehrt werden, meine sehr verehrten Anwesenden, durch Hunderte und Hunderte von anderen Fällen. Es macht schon einmal notwendig, zu betrachten, wie es eigentlich ist mit dem, was man gewöhnlich Geschichte nennt; inwiefern die Geschichte uns wirklich die Möglichkeit gibt, ein Urteil zu gewinnen über dasjenige, was um uns herum vorgeht. In einer solchen Zeit, wie die heutige ist, muss das ganz besonders naheliegen. Und erkennen lehren soll uns ja die Geschichte dasjenige, was der Tag bringt, in das wir hineingestellt sind. Und wir sind heute wahrhaftig in nicht Weniges hineingestellt. Über die ganze Erde hinüber regen sich katastrophale Ereignisse, die uns auffordern, ein Urteil zu gewinnen; ein Urteil zu gewinnen über den amerikanischen Westen und dasjenige, was eigentlich aus ihm werden kann, für die Menschheit werden kann für die Zukunft; ein Urteil zu gewinnen über den asiatischen Osten. Wie soll man es gewinnen, wenn die Geschichte sich in einer solchen Art erweist, wie es nur annähernd eben skizziert worden ist?
[ 7 ] Sehen wir uns einmal einleitend an, wie aus den mannigfaltigen menschlichen Verhältnissen — ich kann nur Beispiele anführen einleitend — Geschichte betrachtet wird. Ich möchte einiges charakterisieren aus ganz verschiedenen Voraussetzungen heraus, die sich aber sozusagen nahestehend darbieten.
[ 7 ] Sehen wir uns einmal einleitend an, wie aus den mannigfaltigen menschlichen Verhältnissen — ich kann nur Beispiele anführen einleitend — Geschichte betrachtet wird. Ich möchte einiges charakterisieren aus ganz verschiedenen Voraussetzungen heraus, die sich aber sozusagen nahestehend darbieten.
[ 8 ] Im Beginn unseres Jahrhunderts, als sich die Ereignisse, in denen wir heute stehen, erst vorbereiteten, da traf es sich durch das, was man so im äußeren Leben einen merkwürdigen Zufall nennt, dass zwei Menschen über ihr Volk ein geschichtlich-zusammenfassendes Urteil abgaben. Es ist interessant, diese zwei Menschen, die gar nicht weit örtlich voneinander entfernt sind, aber völkisch sehr weit voneinander entfernt sind, die über ihre Völker ein Urteil abgegeben haben, diese zwei Menschen in Bezug auf die Eigenart gerade ihrer geschichtlichen Betrachtungsweise einmal ins Auge zu fassen. Das ist der deutsche Historiker, der Geschichtsforscher, der vielfach angefochten wurde — aber das tut nichts —, Karl Lamprecht, der 1904 auf Einladung der Columbia-Universität in Amerika seinen amerikanischen Zuhörern ein zusammenfassendes Urteil über die Geschichte seines deutschen Volkes abgegeben hat. Ein Deutscher sprach in einem Vortrag über den Geist der deutschen Geschichte.
[ 8 ] Im Beginn unseres Jahrhunderts, als sich die Ereignisse, in denen wir heute stehen, erst vorbereiteten, da traf es sich durch das, was man so im äußeren Leben einen merkwürdigen Zufall nennt, dass zwei Menschen über ihr Volk ein geschichtlich-zusammenfassendes Urteil abgaben. Es ist interessant, diese zwei Menschen, die gar nicht weit örtlich voneinander entfernt sind, aber völkisch sehr weit voneinander entfernt sind, die über ihre Völker ein Urteil abgegeben haben, diese zwei Menschen in Bezug auf die Eigenart gerade ihrer geschichtlichen Betrachtungsweise einmal ins Auge zu fassen. Das ist der deutsche Historiker, der Geschichtsforscher, der vielfach angefochten wurde — aber das tut nichts —, Karl Lamprecht, der 1904 auf Einladung der Columbia-Universität in Amerika seinen amerikanischen Zuhörern ein zusammenfassendes Urteil über die Geschichte seines deutschen Volkes abgegeben hat. Ein Deutscher sprach in einem Vortrag über den Geist der deutschen Geschichte.
[ 9 ] Es war ungefähr in derselben Zeit, nur etwas später, dass Wilson über sein amerikanisches Volk ein zusammenfassendes Urteil in einem Vortrag abgab. Es ist interessant, zwei solche Tatsachen miteinander zu vergleichen. Wertvoll wäre es auch noch, einen Dritten heranzuziehen, aber die Zeit ist nicht ausreichend, zum Beispiel eine sehr schöne Äußerung, mit der ich empfehlen kann, dasjenige, was ich heute sagen werde, zu vergleichen, — Rabindranath Tagore hat eine sehr schöne ÄuRerung über den Geist Japans getan. Könnte man, wenn die Zeit ausreichend wäre, alle drei Dinge miteinander vergleichen, man würde ein wunderbares Tableau bekommen literarisch-geschichtlicher Betrachtung.
[ 9 ] Es war ungefähr in derselben Zeit, nur etwas später, dass Wilson über sein amerikanisches Volk ein zusammenfassendes Urteil in einem Vortrag abgab. Es ist interessant, zwei solche Tatsachen miteinander zu vergleichen. Wertvoll wäre es auch noch, einen Dritten heranzuziehen, aber die Zeit ist nicht ausreichend, zum Beispiel eine sehr schöne Äußerung, mit der ich empfehlen kann, dasjenige, was ich heute sagen werde, zu vergleichen, — Rabindranath Tagore hat eine sehr schöne ÄuRerung über den Geist Japans getan. Könnte man, wenn die Zeit ausreichend wäre, alle drei Dinge miteinander vergleichen, man würde ein wunderbares Tableau bekommen literarisch-geschichtlicher Betrachtung.
[ 10 ] Ich gehe aus von den eigentümlichen Ansichten, die Karl Lamprecht, der deutsche Forscher, über sein deutsches Volk gewonnen hat. Er ist hinaus über die bloße aktenmäßige geschichtliche Betrachtung Rankes und so weiter; er will bereits den inneren Gang der Menschheitsentwicklung studieren. Er will hineinschauen in die Triebkräfte und wendet dieses Hineinschauen eben auf das Beispiel des eigenen Volkes an.
[ 10 ] Ich gehe aus von den eigentümlichen Ansichten, die Karl Lamprecht, der deutsche Forscher, über sein deutsches Volk gewonnen hat. Er ist hinaus über die bloße aktenmäßige geschichtliche Betrachtung Rankes und so weiter; er will bereits den inneren Gang der Menschheitsentwicklung studieren. Er will hineinschauen in die Triebkräfte und wendet dieses Hineinschauen eben auf das Beispiel des eigenen Volkes an.
[ 11 ] Nun kann ich nur in ganz flüchtigen Strichen charakterisieren, zu welchen Anschauungen Karl Lamprecht gekommen ist, die er dann in diesen Vorträgen an der Columbia-Universität vorgetragen hat. Er sagte dazumal: Sieht man sich die deutsche Geschichte an, so zerfällt sie nach dem inneren Charakter der menschlichen Taten, der menschlichen Seelenverfassung, des menschlichen Wirkens in deutlich voneinander geschiedene Epochen. Wir können zurückgehen in eine gewisse Urzeit, die etwa im 3. nachchristlichen Jahrhundert endet. Geht man in diese Zeit zurück, dann findet man, dass in dieser Urzeit alles dasjenige, was geschieht innerhalb des deutschen Volkes, aus einer gewissen Phantasietätigkeit heraus geschieht. Die Phantasietätigkeit fühlt sich angeregt, in Symbolen, in Sinnbildern zu denken. Selbst die verehrten Gestalten, verehrte Persönlichkeiten werden in Sinnbildern oft vor das Volk hingestellt, werden in Sinnbildern verehrt.
[ 11 ] Nun kann ich nur in ganz flüchtigen Strichen charakterisieren, zu welchen Anschauungen Karl Lamprecht gekommen ist, die er dann in diesen Vorträgen an der Columbia-Universität vorgetragen hat. Er sagte dazumal: Sieht man sich die deutsche Geschichte an, so zerfällt sie nach dem inneren Charakter der menschlichen Taten, der menschlichen Seelenverfassung, des menschlichen Wirkens in deutlich voneinander geschiedene Epochen. Wir können zurückgehen in eine gewisse Urzeit, die etwa im 3. nachchristlichen Jahrhundert endet. Geht man in diese Zeit zurück, dann findet man, dass in dieser Urzeit alles dasjenige, was geschieht innerhalb des deutschen Volkes, aus einer gewissen Phantasietätigkeit heraus geschieht. Die Phantasietätigkeit fühlt sich angeregt, in Symbolen, in Sinnbildern zu denken. Selbst die verehrten Gestalten, verehrte Persönlichkeiten werden in Sinnbildern oft vor das Volk hingestellt, werden in Sinnbildern verehrt.
[ 12 ] Dann kommt eine Zeit, die sich deutlich von der vorhergehenden Zeit unterscheidet. Während in der vorhergehenden Zeit ersichtlich ist, dass die sinnbildliche, phantasievolle Auffassung des Lebens, die der Geschichte zugrunde liegen soll nach den Anschauungen Lamprechts, dazu führt, dass sich die Lebenszusammenhänge, das gesellschaftliche Zusammenleben kameradschaftlich-militärisch gestaltet, sieht man, dass vom vierten, fünften Jahrhundert ab bis in das elfte Jahrhundert herein eine ganz andere Denkweise Platz greift, ganz andere seelische Motive Platz greifen. An die Stelle des bloß nahen kameradschaftlichen Lebens tritt ein solches, das man mehr als genossenschaftliches Leben bezeichnen kann. An die Stelle des Lebens in phantasievollen Sinnbildern, das überall Sinnbilder sieht für das, was geschieht, tritt die Anschauung des Typischen, meint Lamprecht. Auch die einzelne hervorragende Persönlichkeit wird als ein Typus der Zeit aufgefasst, und so verehrt, so dargestellt und charakterisiert von allen Seiten, auch von der primitiven vorhandenen Kunst.
[ 12 ] Dann kommt eine Zeit, die sich deutlich von der vorhergehenden Zeit unterscheidet. Während in der vorhergehenden Zeit ersichtlich ist, dass die sinnbildliche, phantasievolle Auffassung des Lebens, die der Geschichte zugrunde liegen soll nach den Anschauungen Lamprechts, dazu führt, dass sich die Lebenszusammenhänge, das gesellschaftliche Zusammenleben kameradschaftlich-militärisch gestaltet, sieht man, dass vom vierten, fünften Jahrhundert ab bis in das elfte Jahrhundert herein eine ganz andere Denkweise Platz greift, ganz andere seelische Motive Platz greifen. An die Stelle des bloß nahen kameradschaftlichen Lebens tritt ein solches, das man mehr als genossenschaftliches Leben bezeichnen kann. An die Stelle des Lebens in phantasievollen Sinnbildern, das überall Sinnbilder sieht für das, was geschieht, tritt die Anschauung des Typischen, meint Lamprecht. Auch die einzelne hervorragende Persönlichkeit wird als ein Typus der Zeit aufgefasst, und so verehrt, so dargestellt und charakterisiert von allen Seiten, auch von der primitiven vorhandenen Kunst.
[ 13 ] Dann kommt ein verhältnismäßig kürzeres Zeitalter vom zwölften Jahrhundert bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Das charakterisiert Lamprecht aus all den Impulsen, die da drinnen tätig sind, aus der Gestaltung, wie dazumal Grundherrschaft und Hörigkeit sich aus dem alten Grundbesitz und seinen Verhältnissen herausentwickelte, wiederum, wie die Seelenverfassung gewirkt hat in der Kunst, in der Verehrung von Menschen, in der Tätigkeit von Menschen, wie sich das Rittertum, das Städtewesen auf der anderen Seite herausgebildet hat. Lamprecht charakterisiert das als die Zeit, die er nennt — jetzt nicht die symbolisierende, nicht die typisierende, die vergangen war —, sondern die Zeit der konventionellen Lebensauffassung. Auf Konvention, auf Abmachung, auf Festgestelltem beruhten damals die historischen Verhältnisse.
[ 13 ] Dann kommt ein verhältnismäßig kürzeres Zeitalter vom zwölften Jahrhundert bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Das charakterisiert Lamprecht aus all den Impulsen, die da drinnen tätig sind, aus der Gestaltung, wie dazumal Grundherrschaft und Hörigkeit sich aus dem alten Grundbesitz und seinen Verhältnissen herausentwickelte, wiederum, wie die Seelenverfassung gewirkt hat in der Kunst, in der Verehrung von Menschen, in der Tätigkeit von Menschen, wie sich das Rittertum, das Städtewesen auf der anderen Seite herausgebildet hat. Lamprecht charakterisiert das als die Zeit, die er nennt — jetzt nicht die symbolisierende, nicht die typisierende, die vergangen war —, sondern die Zeit der konventionellen Lebensauffassung. Auf Konvention, auf Abmachung, auf Festgestelltem beruhten damals die historischen Verhältnisse.
[ 14 ] Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts sieht Lamprecht hereinbrechen in die Geschichte einen bedeutungsvollen Abschnitt im menschheitlichen Werden des deutschen Volkes. Da beginnt nach seiner Anschauung erst die einzelne, persönliche Individualität einzugreifen. Da sind nicht die konventionellen Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch allein maßgebend, die über das Individuelle hinausgehen. Da greift das Individuum in das geschichtliche Werden ein. Nicht unberechtigt charakterisiert Lamprecht, wie von dieser Zeit an etwas sehr Wichtiges beginnt. Während bis zu jener Zeit mehr ein Leben, ein Ausleben des Menschendaseins in Taten geherrscht hat, welches auf dunkeln Willensimpulsen beruhte, auf Willensimpulsen, die aus tiefen Untergründen der Seele heraufdrangen, wird von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts an der Intellekt, der Verstand, der aus der einzelnen Persönlichkeit, aus der Individualität herauskommt, besonders maßgebend. Das dauert so bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts.
[ 14 ] Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts sieht Lamprecht hereinbrechen in die Geschichte einen bedeutungsvollen Abschnitt im menschheitlichen Werden des deutschen Volkes. Da beginnt nach seiner Anschauung erst die einzelne, persönliche Individualität einzugreifen. Da sind nicht die konventionellen Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch allein maßgebend, die über das Individuelle hinausgehen. Da greift das Individuum in das geschichtliche Werden ein. Nicht unberechtigt charakterisiert Lamprecht, wie von dieser Zeit an etwas sehr Wichtiges beginnt. Während bis zu jener Zeit mehr ein Leben, ein Ausleben des Menschendaseins in Taten geherrscht hat, welches auf dunkeln Willensimpulsen beruhte, auf Willensimpulsen, die aus tiefen Untergründen der Seele heraufdrangen, wird von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts an der Intellekt, der Verstand, der aus der einzelnen Persönlichkeit, aus der Individualität herauskommt, besonders maßgebend. Das dauert so bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts.
[ 15 ] Dann beginnt — wir würden es nennen bloß eine höhere Stufe des Individualismus; Lamprecht unterscheidet es von dem vorhergehenden Zeitraum; er sagt: Dann beginnt das Zeitalter des Subjektivismus, des menschlichen Innern, und der erhöhte Verstand gewinnt noch ganz besondere Bedeutung im menschlichen Werden. Einzelne Tatsachen dieses geschichtlichen Werdens charakterisiert Lamprecht ganz gut von diesem Gesichtspunkte aus. Er zeigt zum Beispiel, wie die ganz anders gearteten, mehr elementaren Impulse der früheren Jahrhunderte in den Verhältnissen der Völker zueinander übergehen in die rein verstandesmäßige, intellektualisierte Diplomatie. Und so zeigt er solche Dinge auf vielen Gebieten. Im Zeitalter des Subjektivismus sind wir noch drinnen.
[ 15 ] Dann beginnt — wir würden es nennen bloß eine höhere Stufe des Individualismus; Lamprecht unterscheidet es von dem vorhergehenden Zeitraum; er sagt: Dann beginnt das Zeitalter des Subjektivismus, des menschlichen Innern, und der erhöhte Verstand gewinnt noch ganz besondere Bedeutung im menschlichen Werden. Einzelne Tatsachen dieses geschichtlichen Werdens charakterisiert Lamprecht ganz gut von diesem Gesichtspunkte aus. Er zeigt zum Beispiel, wie die ganz anders gearteten, mehr elementaren Impulse der früheren Jahrhunderte in den Verhältnissen der Völker zueinander übergehen in die rein verstandesmäßige, intellektualisierte Diplomatie. Und so zeigt er solche Dinge auf vielen Gebieten. Im Zeitalter des Subjektivismus sind wir noch drinnen.
[ 16 ] Sie sehen aus dieser skizzenhaften Darstellung, die ich gegeben habe, dass ein Historiker einmal auftritt, der versucht, aus der Menschennatur und ihrem Werden heraus dasjenige zu charakterisieren, was geschichtlich sich vollzieht. Es hängt innig zusammen, wie wir gleich nachher sehen werden, mit dem tiefsten Wesen eigentlich der deutschen Art der Betrachtung der Dinge, was da Lamprecht angestellt hat. Man sieht, es ist der Versuch, mit all den Mitteln, mit denen man heute beikommen kann der Wirklichkeit, wenn in diese Wirklichkeit seelisch-geistige Faktoren hereinspielen, in die geschichtliche Wirklichkeit einzudringen.
[ 16 ] Sie sehen aus dieser skizzenhaften Darstellung, die ich gegeben habe, dass ein Historiker einmal auftritt, der versucht, aus der Menschennatur und ihrem Werden heraus dasjenige zu charakterisieren, was geschichtlich sich vollzieht. Es hängt innig zusammen, wie wir gleich nachher sehen werden, mit dem tiefsten Wesen eigentlich der deutschen Art der Betrachtung der Dinge, was da Lamprecht angestellt hat. Man sieht, es ist der Versuch, mit all den Mitteln, mit denen man heute beikommen kann der Wirklichkeit, wenn in diese Wirklichkeit seelisch-geistige Faktoren hereinspielen, in die geschichtliche Wirklichkeit einzudringen.
[ 17 ] Geht man aber dann durch, wie Lamprecht diese Ideen, die er so in großen Zügen in diesen seinen Vorträgen durchgeführt hat, geht man durch, wie Lamprecht diese Ideen angewendet hat in seiner groß angelegten Geschichte, so findet man sich außerordentlich schmerzlich berührt, schmerzlich berührt aus dem Grunde, weil nirgends eigentlich die Überzeugung Platz greifen kann in Lamprechts Geschichtsbetrachtung, dass diese Bemühungen durch gewisse Betrachtungen innerer Kräfte der menschlichen Seele schon zu einem überzeugenden Resultat geführt haben. Es ist ein Ringen nach einer neuen Geschichtsauffassung, aber nirgends etwas, wobei man halten kann, sodass man sagen könnte: Da sprießt etwas hervor, was uns wirklich sagt, wie sich zum Beispiel dieses deutsche Volk aus inneren Gründen heraus gerade zu dem entwickelt hat, was geworden ist. Und diese Frage sitzt einem doch immer wiederum auf der Seele, wenn man gerade die Lamprecht’sehen kulturgeschichtlichen Betrachtungen durchgeht.
[ 17 ] Geht man aber dann durch, wie Lamprecht diese Ideen, die er so in großen Zügen in diesen seinen Vorträgen durchgeführt hat, geht man durch, wie Lamprecht diese Ideen angewendet hat in seiner groß angelegten Geschichte, so findet man sich außerordentlich schmerzlich berührt, schmerzlich berührt aus dem Grunde, weil nirgends eigentlich die Überzeugung Platz greifen kann in Lamprechts Geschichtsbetrachtung, dass diese Bemühungen durch gewisse Betrachtungen innerer Kräfte der menschlichen Seele schon zu einem überzeugenden Resultat geführt haben. Es ist ein Ringen nach einer neuen Geschichtsauffassung, aber nirgends etwas, wobei man halten kann, sodass man sagen könnte: Da sprießt etwas hervor, was uns wirklich sagt, wie sich zum Beispiel dieses deutsche Volk aus inneren Gründen heraus gerade zu dem entwickelt hat, was geworden ist. Und diese Frage sitzt einem doch immer wiederum auf der Seele, wenn man gerade die Lamprecht’sehen kulturgeschichtlichen Betrachtungen durchgeht.
[ 18 ] Ich vergleiche damit, meine sehr verehrten Anwesenden, wie Wilson sein amerikanisches Volk betrachtet hat. Es ist etwas sehr, sehr Merkwürdiges, und ich darf, um nicht missverstanden zu werden, wohl voraussetzen, dass ich wahrhaftig alles cher bin als ein Verehrer von Woodrow Wilson. Nun, wie es sich damit verhält, das wird uns auch noch aus weiteren Vorträgen ersichtlich werden. Aber ich will nur erwähnen, dass die Stellung, die ich zu Wilson einnehme, keineswegs ein Ergebnis der letzten sechs Jahre ist. Nein, in der Zeit — das ist dokumentarisch nachzuweisen —, in der Zeit, bevor der Krieg begonnen hat, habe ich mein entschieden ablehnendes Urteil gegen die ganze Geistesart Wilsons bereits in einem Vortragszyklus in Helsingfors niedergelegt; in einer Zeit, in der auch hierzulande es noch viele Menschen gegeben hat, die dem Urteil Wilsons fernstanden, als sein Buch «Nur Literatur» ins Deutsche übersetzt wurde und seine Abhandlungen über die Freiheit, als auch hierzulande viele Menschen sich täuschen ließen und selbstverständlich Wilson für einen großen Mann hielten, aus Gründen, die ich hier nicht erörtern will. Es ist weder ein Chauvinismus, der durch die letzten Jahre großgezogen, worden ist, noch etwas anderes als eine objektive Betrachtung der Geistesart Wilsons, die mir das eingibt, was ich über ihn zu sagen habe.
[ 18 ] Ich vergleiche damit, meine sehr verehrten Anwesenden, wie Wilson sein amerikanisches Volk betrachtet hat. Es ist etwas sehr, sehr Merkwürdiges, und ich darf, um nicht missverstanden zu werden, wohl voraussetzen, dass ich wahrhaftig alles cher bin als ein Verehrer von Woodrow Wilson. Nun, wie es sich damit verhält, das wird uns auch noch aus weiteren Vorträgen ersichtlich werden. Aber ich will nur erwähnen, dass die Stellung, die ich zu Wilson einnehme, keineswegs ein Ergebnis der letzten sechs Jahre ist. Nein, in der Zeit — das ist dokumentarisch nachzuweisen —, in der Zeit, bevor der Krieg begonnen hat, habe ich mein entschieden ablehnendes Urteil gegen die ganze Geistesart Wilsons bereits in einem Vortragszyklus in Helsingfors niedergelegt; in einer Zeit, in der auch hierzulande es noch viele Menschen gegeben hat, die dem Urteil Wilsons fernstanden, als sein Buch «Nur Literatur» ins Deutsche übersetzt wurde und seine Abhandlungen über die Freiheit, als auch hierzulande viele Menschen sich täuschen ließen und selbstverständlich Wilson für einen großen Mann hielten, aus Gründen, die ich hier nicht erörtern will. Es ist weder ein Chauvinismus, der durch die letzten Jahre großgezogen, worden ist, noch etwas anderes als eine objektive Betrachtung der Geistesart Wilsons, die mir das eingibt, was ich über ihn zu sagen habe.
[ 19 ] Interessiert hat mich nun besonders diese Parallelerscheinung: Wilson, wie er spricht über seine Amerikaner, über das amerikanische Volk. Diese Parallelerscheinung in seinen Vorträgen, sie ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus außerordentlich bedeutend, weil Wilson wie den Nagel auf den Kopf trifft dasjenige, worauf es ankommt, wenn man eine beschränkte Erscheinung weltgeschichtlichen Werdens ins Auge fasst und wenn man, was dazugehört, ein gewisses Verständnis dafür hat. Wilson charakterisiert in diesem Vortrag, dass das amerikanische Volk weder richtig betrachtet wird geschichtlich von denjenigen, die er die Neuengländer nennt, die im Osten sitzen ... [Lücke]. Und er charakterisiert auch, welch ganz falschen Standpunkt einnehmen die Bewohner des Südens. Denn er leitet das Wesen des Amerikaners und sein geschichtliches Werden ab von jenen Ereignissen, die sich in der Mitte zwischen West und Ost der nordamerikanischen Staaten im neunzehnten Jahrhundert abgespielt haben, als Völker über Völker sich untereinander mischten und aus der Lebensweise erst dasjenige hervorging, was Wilson die amerikanische Nation nennt. Interessant ist es, wie es ihm gelingt, zu zeigen, dass erst diese amerikanische Geschichte damit beginnt, dass die Menschen des amerikanischen Ostens hinüberschauen nach dem Westen; dass sie anfangen, den Westen zu kolonisieren; dass da zusammenkommen Holländer, Deutsche, Engländer, Franzosen und so weiter, und dass sich da etwas bildet, nicht durch den Geist von Staatsmännern, sondern durch die Landbebauer, durch diejenigen, die in den Wäldern mit Axt und Büchse arbeiten. Da bildet sich etwas, was da erst wird.
[ 19 ] Interessiert hat mich nun besonders diese Parallelerscheinung: Wilson, wie er spricht über seine Amerikaner, über das amerikanische Volk. Diese Parallelerscheinung in seinen Vorträgen, sie ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus außerordentlich bedeutend, weil Wilson wie den Nagel auf den Kopf trifft dasjenige, worauf es ankommt, wenn man eine beschränkte Erscheinung weltgeschichtlichen Werdens ins Auge fasst und wenn man, was dazugehört, ein gewisses Verständnis dafür hat. Wilson charakterisiert in diesem Vortrag, dass das amerikanische Volk weder richtig betrachtet wird geschichtlich von denjenigen, die er die Neuengländer nennt, die im Osten sitzen ... [Lücke]. Und er charakterisiert auch, welch ganz falschen Standpunkt einnehmen die Bewohner des Südens. Denn er leitet das Wesen des Amerikaners und sein geschichtliches Werden ab von jenen Ereignissen, die sich in der Mitte zwischen West und Ost der nordamerikanischen Staaten im neunzehnten Jahrhundert abgespielt haben, als Völker über Völker sich untereinander mischten und aus der Lebensweise erst dasjenige hervorging, was Wilson die amerikanische Nation nennt. Interessant ist es, wie es ihm gelingt, zu zeigen, dass erst diese amerikanische Geschichte damit beginnt, dass die Menschen des amerikanischen Ostens hinüberschauen nach dem Westen; dass sie anfangen, den Westen zu kolonisieren; dass da zusammenkommen Holländer, Deutsche, Engländer, Franzosen und so weiter, und dass sich da etwas bildet, nicht durch den Geist von Staatsmännern, sondern durch die Landbebauer, durch diejenigen, die in den Wäldern mit Axt und Büchse arbeiten. Da bildet sich etwas, was da erst wird.
[ 20 ] Und nun charakterisiert er umfassend, wie unter dem Einflüsse dieser Kulturarbeit die drei wichtigsten politischen Fragen Amerikas ihre Erledigung finden. Ich kann auf Einzelheiten nicht eingehen, möchte aber doch auf das hinweisen, worauf es mir ankommt, die wichtigsten Fragen: die Frage der staatlichen Orientierung der Ländereien, die Frage des Tarifwesens und die Sklavereifrage. Alles das ist entstanden unter dem Einfluss dieser Verhältnisse. Es ist eine Geschichtsbetrachtung, die für jene Verhältnisse den Nagel auf den Kopf trifft. Und angegliedert an diese Vorträge sind andere Vorträge Wilsons, in denen er sich überhaupt über Geschichtsbetrachtung ausspricht, in denen er sagt, wie er sich vorstellt, dass man Geschichtswissenschaft treiben solle. Da passiert dem, der die Dinge im Zusammenhang betrachtet, etwas sehr Merkwürdiges. Ich muss sagen, ich habe es ja schon angedeutet, mir ist Woodrow Wilson eine außerordentlich unsympathische Persönlichkeit als Denker, als Forscher und so weiter. Mir ist eine außerordentlich sympathische Persönlichkeit dagegen derjenige Mann, der vielleicht viel zu wenig gewürdigt wird innerhalb unseres Geisteslebens, das ist Herman Grimm, der seine historische Art der Betrachtung vorzugsweise auf die Kunst angewendet hat, in dem aber die geschichtliche Ideen lebten. Ich weiß es aus seinem eigenen Munde, da er sie mir wiederholt auseinandergeserzt hat. Sie lebten in ihm in einer wunderbar umfassenden Art. Ich lese in dem Buche «Nur Literatur» manches, was Wilson niedergelegt hat. Ich lese dann manches, was Herman Grimm ausgesprochen hat, wie Geschichte betrachtet werden soll, wie er sich die Entwicklung der Menschheit im Lichte der Geschichte denkt. Und das Merkwürdige stellt sich heraus, wenn man so liest bei Wilson und bei Grimm: Ein Satz von Grimm könnte oftmals wörtlich zu Wilson hinübergenommen werden und umgekehrt. Manchmal sind ganze kurze Abschnitte so, dass man sagen könnte, rein äußerlich betrachtet, man könnte sie ebenso gut bei dem einen wie bei dem anderen finden. Man versuche nur einmal, sich die Kenntnisse zu verschaffen, die leicht auf diesem Gebiete zu verschaffen sind, und man wird sehen, dass sich das bewahrheitet, was ich sage!
[ 20 ] Und nun charakterisiert er umfassend, wie unter dem Einflüsse dieser Kulturarbeit die drei wichtigsten politischen Fragen Amerikas ihre Erledigung finden. Ich kann auf Einzelheiten nicht eingehen, möchte aber doch auf das hinweisen, worauf es mir ankommt, die wichtigsten Fragen: die Frage der staatlichen Orientierung der Ländereien, die Frage des Tarifwesens und die Sklavereifrage. Alles das ist entstanden unter dem Einfluss dieser Verhältnisse. Es ist eine Geschichtsbetrachtung, die für jene Verhältnisse den Nagel auf den Kopf trifft. Und angegliedert an diese Vorträge sind andere Vorträge Wilsons, in denen er sich überhaupt über Geschichtsbetrachtung ausspricht, in denen er sagt, wie er sich vorstellt, dass man Geschichtswissenschaft treiben solle. Da passiert dem, der die Dinge im Zusammenhang betrachtet, etwas sehr Merkwürdiges. Ich muss sagen, ich habe es ja schon angedeutet, mir ist Woodrow Wilson eine außerordentlich unsympathische Persönlichkeit als Denker, als Forscher und so weiter. Mir ist eine außerordentlich sympathische Persönlichkeit dagegen derjenige Mann, der vielleicht viel zu wenig gewürdigt wird innerhalb unseres Geisteslebens, das ist Herman Grimm, der seine historische Art der Betrachtung vorzugsweise auf die Kunst angewendet hat, in dem aber die geschichtliche Ideen lebten. Ich weiß es aus seinem eigenen Munde, da er sie mir wiederholt auseinandergeserzt hat. Sie lebten in ihm in einer wunderbar umfassenden Art. Ich lese in dem Buche «Nur Literatur» manches, was Wilson niedergelegt hat. Ich lese dann manches, was Herman Grimm ausgesprochen hat, wie Geschichte betrachtet werden soll, wie er sich die Entwicklung der Menschheit im Lichte der Geschichte denkt. Und das Merkwürdige stellt sich heraus, wenn man so liest bei Wilson und bei Grimm: Ein Satz von Grimm könnte oftmals wörtlich zu Wilson hinübergenommen werden und umgekehrt. Manchmal sind ganze kurze Abschnitte so, dass man sagen könnte, rein äußerlich betrachtet, man könnte sie ebenso gut bei dem einen wie bei dem anderen finden. Man versuche nur einmal, sich die Kenntnisse zu verschaffen, die leicht auf diesem Gebiete zu verschaffen sind, und man wird sehen, dass sich das bewahrheitet, was ich sage!
[ 21 ] Aber was liegt denn da eigentlich vor? Es ist doch ein ungeheuer bedeutsamer Unterschied zwischen diesen zwei Persönlichkeiten und ihrer Geschichtsbetrachtung? — Nirgends kann man mehr als an einem solchen Beispiel lernen, was in der Gegenwart so sehr gelernt werden sollte: dass der Inhalt, der wörtliche Inhalt irgendeiner Sache noch nicht die ganze Sache ist! Dass es darauf ankommt, aus welchem Geiste heraus eine Sache gesprochen ist! Das ist etwas, meine sehr verehrten Anwesenden, was unser Zeitalter wird lernen müssen, was aber unser Zeitalter so schwer lernen kann. Denn unser Zeitalter, so viel es sich auch einbildet, in der Wirklichkeit zu leben, unser Zeitalter liebt das Abstrakte, das Theoretische. Unser Zeitalter ist geneigt, wenn es ein paar Sätze dem Inhalte nach bei irgendeiner Persönlichkeit findet und bei einer anderen Persönlichkeit die gleichen finder, zu sagen: Das ist ja dasselbe! — Der Inhalt einer Sache steht der Wirklichkeit manchmal sehr ferne, der rein wörtliche Inhalt. So sonderbar das klingt, an diesem Beispiel zeigt es sich. Denn was liegt da eigentlich vor?
[ 21 ] Aber was liegt denn da eigentlich vor? Es ist doch ein ungeheuer bedeutsamer Unterschied zwischen diesen zwei Persönlichkeiten und ihrer Geschichtsbetrachtung? — Nirgends kann man mehr als an einem solchen Beispiel lernen, was in der Gegenwart so sehr gelernt werden sollte: dass der Inhalt, der wörtliche Inhalt irgendeiner Sache noch nicht die ganze Sache ist! Dass es darauf ankommt, aus welchem Geiste heraus eine Sache gesprochen ist! Das ist etwas, meine sehr verehrten Anwesenden, was unser Zeitalter wird lernen müssen, was aber unser Zeitalter so schwer lernen kann. Denn unser Zeitalter, so viel es sich auch einbildet, in der Wirklichkeit zu leben, unser Zeitalter liebt das Abstrakte, das Theoretische. Unser Zeitalter ist geneigt, wenn es ein paar Sätze dem Inhalte nach bei irgendeiner Persönlichkeit findet und bei einer anderen Persönlichkeit die gleichen finder, zu sagen: Das ist ja dasselbe! — Der Inhalt einer Sache steht der Wirklichkeit manchmal sehr ferne, der rein wörtliche Inhalt. So sonderbar das klingt, an diesem Beispiel zeigt es sich. Denn was liegt da eigentlich vor?
[ 22 ] Im Grunde kann nur die Ihnen gestern charakterisierte Geisteswissenschaft darauf kommen, was da eigentlich vorliegt. Und nur die gestern hier charakterisierte Geisteswissenschaft kann auch den Unterschied finden zwischen der amerikanischen Geschichtsbetrachtung des Woodrow Wilson und der Geschichtsbetrachtung des Karl Lamprecht. Was Woodrow Wilson sagt — die Abstraktlinge unserer Zeit, sie fallen darauf herein. Jetzt nicht mehr, aber vor dem Kriege sind sie darauf hereingefallen. Denn sie sehen nicht, worauf es ankommt. Wilson sagt manches Treffliche. Aber man vergleiche es mit dem, was Herman Grimm sagt, was Karl Lamprecht sagt, die vielleicht irren, vielleicht furchtbar irren: Was Grimm, was Lamprecht sagen, selbst wenn es gleich klingt mit dem, was Wilson sagt, es ist errungen im inneren seelischen Kampf mit der Sache, es trägt überall das Gepräge, dass es unmittelbar von der Persönlichkeit durchlebt ist. Was Wilson sagt, es trägt den Charakter für denjenigen, der so etwas durchschaut — allerdings muss man dann von dem Inhalt Einzelheiten in den ganzen Geist hineinrücken, von dem es getragen ist —, es trägt den Charakter, dass diese Persönlichkeit, ich scheue mich nicht, dieses verpönte Wort zu gebrauchen, von ihren Ansichten besessen ist; dass aus unterbewussten Untergründen der Seele heraufkommen die Dinge, die nicht unmittelbar persönlich von der Seele erarbeitet sind, aber heraufstoßen, heraufkommen. Besessen ist diese Persönlichkeit von dem, was unter dem Bewusstsein lebt.
[ 22 ] Im Grunde kann nur die Ihnen gestern charakterisierte Geisteswissenschaft darauf kommen, was da eigentlich vorliegt. Und nur die gestern hier charakterisierte Geisteswissenschaft kann auch den Unterschied finden zwischen der amerikanischen Geschichtsbetrachtung des Woodrow Wilson und der Geschichtsbetrachtung des Karl Lamprecht. Was Woodrow Wilson sagt — die Abstraktlinge unserer Zeit, sie fallen darauf herein. Jetzt nicht mehr, aber vor dem Kriege sind sie darauf hereingefallen. Denn sie sehen nicht, worauf es ankommt. Wilson sagt manches Treffliche. Aber man vergleiche es mit dem, was Herman Grimm sagt, was Karl Lamprecht sagt, die vielleicht irren, vielleicht furchtbar irren: Was Grimm, was Lamprecht sagen, selbst wenn es gleich klingt mit dem, was Wilson sagt, es ist errungen im inneren seelischen Kampf mit der Sache, es trägt überall das Gepräge, dass es unmittelbar von der Persönlichkeit durchlebt ist. Was Wilson sagt, es trägt den Charakter für denjenigen, der so etwas durchschaut — allerdings muss man dann von dem Inhalt Einzelheiten in den ganzen Geist hineinrücken, von dem es getragen ist —, es trägt den Charakter, dass diese Persönlichkeit, ich scheue mich nicht, dieses verpönte Wort zu gebrauchen, von ihren Ansichten besessen ist; dass aus unterbewussten Untergründen der Seele heraufkommen die Dinge, die nicht unmittelbar persönlich von der Seele erarbeitet sind, aber heraufstoßen, heraufkommen. Besessen ist diese Persönlichkeit von dem, was unter dem Bewusstsein lebt.
[ 23 ] Ich spreche dieses Urteil wahrhaftig nicht leichtsinnig heraus, denn ich bin mir bewusst, dass es weittragend ist. Aber ich bin mir auch bewusst, dass es objektiv gewonnen ist, meine sehr verehrten Anwesenden. Da ist der große Unterschied: auf der einen Seite persönliches Ringen mit der Wahrheit; auf der anderen Seite ein Aussprechen von etwas, von dem man eigentlich nur innerlich besessen ist, für das man mehr oder weniger als für etwas Unbestimmtes das äußere Medium ist. Von diesem Gesichtspunkte aus findet Wilson sogar eine so treffsichere Charakteristik seines Volkes, dass man kaum etwas Treffenderes finden könnte. Aber aus seinem eigenen Geschichtsurteil spricht dieses Urteil, das er über die Amerikaner fällt, heraus. Ich muss sagen, solche Sätze schlagen einen, wie die, die da Wilson über die Amerikaner spricht. Er sagt: Indem diese Amerikaner eigentlich entstanden sind aus der Arbeit des Landbebauers, des Waldjägers, haben sie sich ausgebildet dasjenige, was sie heute charakterisiert: die Beweglichkeit des Auges, die Geneigtheit, schnell auf kühne und abenteuerliche Gedanken einzugehen, und die Geneigtheit, ohne viel Heimatsgefühl Pläne auszuhecken, die überall verwirklicht werden können.
[ 23 ] Ich spreche dieses Urteil wahrhaftig nicht leichtsinnig heraus, denn ich bin mir bewusst, dass es weittragend ist. Aber ich bin mir auch bewusst, dass es objektiv gewonnen ist, meine sehr verehrten Anwesenden. Da ist der große Unterschied: auf der einen Seite persönliches Ringen mit der Wahrheit; auf der anderen Seite ein Aussprechen von etwas, von dem man eigentlich nur innerlich besessen ist, für das man mehr oder weniger als für etwas Unbestimmtes das äußere Medium ist. Von diesem Gesichtspunkte aus findet Wilson sogar eine so treffsichere Charakteristik seines Volkes, dass man kaum etwas Treffenderes finden könnte. Aber aus seinem eigenen Geschichtsurteil spricht dieses Urteil, das er über die Amerikaner fällt, heraus. Ich muss sagen, solche Sätze schlagen einen, wie die, die da Wilson über die Amerikaner spricht. Er sagt: Indem diese Amerikaner eigentlich entstanden sind aus der Arbeit des Landbebauers, des Waldjägers, haben sie sich ausgebildet dasjenige, was sie heute charakterisiert: die Beweglichkeit des Auges, die Geneigtheit, schnell auf kühne und abenteuerliche Gedanken einzugehen, und die Geneigtheit, ohne viel Heimatsgefühl Pläne auszuhecken, die überall verwirklicht werden können.
[ 24 ] Beweglichkeit des Auges, Hingeneigtsein zu kühnen, abenteuerlichen Plänen, das ist ja die Charakterart, meine sehr verehrten Anwesenden, die sich ausdrückt bei dem, bei dem nicht ein unmittelbar persönliches Ringen, ein bewusstes Ringen mit den Dingen vor sich geht, sondern wo etwas Unterbewusstes hereinarbeitet, wo der Mensch mehr oder weniger nur Durchgangspunkt ist für das, was sich herausarbeitet. Durch nichts könnte Wilson mehr befestigen das, was er so selbst an Erkenntnis seiner Amerikaner darstellt, als durch dasjenige, wie er selbst Geschichte geschrieben hat.
[ 24 ] Beweglichkeit des Auges, Hingeneigtsein zu kühnen, abenteuerlichen Plänen, das ist ja die Charakterart, meine sehr verehrten Anwesenden, die sich ausdrückt bei dem, bei dem nicht ein unmittelbar persönliches Ringen, ein bewusstes Ringen mit den Dingen vor sich geht, sondern wo etwas Unterbewusstes hereinarbeitet, wo der Mensch mehr oder weniger nur Durchgangspunkt ist für das, was sich herausarbeitet. Durch nichts könnte Wilson mehr befestigen das, was er so selbst an Erkenntnis seiner Amerikaner darstellt, als durch dasjenige, wie er selbst Geschichte geschrieben hat.
[ 25 ] Ich wollte durch diese Einleitung, meine sehr verehrten Anwesenden, nur darstellen, wie abhängig dasjenige ist, was Geschichtsbetrachtung genannt werden kann, von der Art und Weise, wie die Menschen selber geartet sind, und wie wenig unabhängig von dieser Menschenartung die geschichtliche Betrachtungsweise bis heute geworden ist. Ich wollte zeigen, dass an der Geschichtsbetrachtung selber erst studiert werden soll, was da eigentlich zugrunde liegt.
[ 25 ] Ich wollte durch diese Einleitung, meine sehr verehrten Anwesenden, nur darstellen, wie abhängig dasjenige ist, was Geschichtsbetrachtung genannt werden kann, von der Art und Weise, wie die Menschen selber geartet sind, und wie wenig unabhängig von dieser Menschenartung die geschichtliche Betrachtungsweise bis heute geworden ist. Ich wollte zeigen, dass an der Geschichtsbetrachtung selber erst studiert werden soll, was da eigentlich zugrunde liegt.
[ 26 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, was will zum Beispiel gerade Karl Lamprecht, der wahrhaftig von seinen Ideen nicht besessen ist, sondern im persönlichen Kampfe mit diesen seinen Geschichtsideen ringt? Was will er? Er will Seelenkunde in die Geschichte hereintragen. Er will aus den seelischen Impulsen heraus begreifen, wie das geschichtliche Werden der Menschheit sich abgespielt hat. Er sucht die Seelenkunde seiner Zeit. Was findet er? Er sucht sie bei den sogenannten Psychologen, bei den Seelenforschern. Er hat sich ehrlich bemüht, bei den Seelenforschern etwas zu finden, bei den Psychologen etwas zu finden, was ihre Menschenseelen im Innern erleben, was er dann anwenden könnte auf die geschichtliche Betrachtungsweise. Aber gerade das gab ihm eine Unsicherheit; das brachte ihn dazu, dass man an seiner Geschichtsbetrachtung nirgends etwas hat, was in wahrhaft überzeugender Weise einen befriedigen könnte. Warum? Weil dasjenige, was heute offiziell als Seelenkunde betrieben wird, eben sehr wenig eindringt in das wirkliche Selbst des Menschen, in das wirkliche innere Seelenwesen des Menschen.
[ 26 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, was will zum Beispiel gerade Karl Lamprecht, der wahrhaftig von seinen Ideen nicht besessen ist, sondern im persönlichen Kampfe mit diesen seinen Geschichtsideen ringt? Was will er? Er will Seelenkunde in die Geschichte hereintragen. Er will aus den seelischen Impulsen heraus begreifen, wie das geschichtliche Werden der Menschheit sich abgespielt hat. Er sucht die Seelenkunde seiner Zeit. Was findet er? Er sucht sie bei den sogenannten Psychologen, bei den Seelenforschern. Er hat sich ehrlich bemüht, bei den Seelenforschern etwas zu finden, bei den Psychologen etwas zu finden, was ihre Menschenseelen im Innern erleben, was er dann anwenden könnte auf die geschichtliche Betrachtungsweise. Aber gerade das gab ihm eine Unsicherheit; das brachte ihn dazu, dass man an seiner Geschichtsbetrachtung nirgends etwas hat, was in wahrhaft überzeugender Weise einen befriedigen könnte. Warum? Weil dasjenige, was heute offiziell als Seelenkunde betrieben wird, eben sehr wenig eindringt in das wirkliche Selbst des Menschen, in das wirkliche innere Seelenwesen des Menschen.
[ 27 ] Nun kommt das innere Seelenleben des Menschen in einer ganz besonderen Art zur Darstellung, wenn der Mensch dem Menschen gegenübersteht, und im Gegenüberstehen mit ihm zusammen handelt. Aus alledem geht ja das geschichtliche Werden der Menschheit gerade hervor. Was da vorgeht, meine sehr verehrten Anwesenden, das kann man nicht so betrachten, wie die Geschichtswissenschaft der Gegenwart es betrachtet. Was hat sich diese Geschichtswissenschaft der Gegenwart angewöhnt? Was hat Karl Lamprecht für diese Geschichtswissenschaft gefunden bei den Seelenforschern der Gegenwart? Dasjenige hat er gefunden, was nach dem Muster naturwissenschaftlicher Betrachtung ausgebildet ist. Und immer mehr und mehr ist im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Geschichtsbetrachtung eingezogen in eine Sphäre, wo das geschichtliche Leben betrachtet wird wie das Naturleben. Dieselbe Art von Erkenntnisweise, von Erkenntnis, dieselbe Art des Urteils, die man anwendet, um draußen die Naturerscheinungen zu beobachten und zu begreifen, die wandte man auch an auf das geschichtliche Werden der Menschheit. Karl Lamprecht sieht gerade darin ein Bedeutsames, dass er dasjenige, was in der Naturwissenschaft zu so sicheren Resultaten geführt hat, nun auf die geschichtliche Betrachtungsweise anwendet.
[ 27 ] Nun kommt das innere Seelenleben des Menschen in einer ganz besonderen Art zur Darstellung, wenn der Mensch dem Menschen gegenübersteht, und im Gegenüberstehen mit ihm zusammen handelt. Aus alledem geht ja das geschichtliche Werden der Menschheit gerade hervor. Was da vorgeht, meine sehr verehrten Anwesenden, das kann man nicht so betrachten, wie die Geschichtswissenschaft der Gegenwart es betrachtet. Was hat sich diese Geschichtswissenschaft der Gegenwart angewöhnt? Was hat Karl Lamprecht für diese Geschichtswissenschaft gefunden bei den Seelenforschern der Gegenwart? Dasjenige hat er gefunden, was nach dem Muster naturwissenschaftlicher Betrachtung ausgebildet ist. Und immer mehr und mehr ist im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Geschichtsbetrachtung eingezogen in eine Sphäre, wo das geschichtliche Leben betrachtet wird wie das Naturleben. Dieselbe Art von Erkenntnisweise, von Erkenntnis, dieselbe Art des Urteils, die man anwendet, um draußen die Naturerscheinungen zu beobachten und zu begreifen, die wandte man auch an auf das geschichtliche Werden der Menschheit. Karl Lamprecht sieht gerade darin ein Bedeutsames, dass er dasjenige, was in der Naturwissenschaft zu so sicheren Resultaten geführt hat, nun auf die geschichtliche Betrachtungsweise anwendet.
[ 28 ] Auch in dieser Beziehung hat, man kann sagen, aus einem historischen Instinkt heraus Herman Grimm ein schönes Urteil gefällt, ein schönes Urteil über den berühmten Historiker Gibbon. Gibbon, welcher den Untergang des Römischen Reiches geschichtlich beschrieben hat, er ist tatsächlich ein Geschichtsschreiber, welcher in mustergültiger Weise das durchführt, die äußere, rein der Natur hingegebene Betrachtungsweise auch auf die Geschichte anzuwenden. Was ist da eigentlich geschehen? Nun, Herman Grimm hat das richtig bemerkt. Gibbon ist scharfsinniger als solcher naturwissenschaftlicher Betrachter der Geschichte; aber er schildert alle die Kräfte, die er so vortrefflich schildert für die ersten Jahrhunderte des Christentums, alle die Kräfte schildert er nur, welche Verfallskräfte sind, welche zum Untergang des Römischen Reiches führen, welche die Entwicklung, die eine Zeit lang gegangen ist, auslöschen. Und Herman Grimm wirft Gibbon mit Recht vor, dass doch in diesen Jahrhunderten, in denen das Römische Reich seinem Verfall entgegengeht, etwas wesentlich anderes noch geschieht, etwas Positives: Da greifen die Kräfte in das geschichtliche Werden ein, die sich anschließen an die Entstehung des Christentums. Das sind die Kräfte der fortschreitenden Entwicklung, die Kräfte, die sich in positiver Weise neben die Verfallskräfte, die negativen Kräfte hinstellen. Die fallen aus der Gibbon’sehen Betrachtung einfach heraus. Aus seinen historischen Instinkten heraus hat Herman Grimm diese bedeutsame Bemerkung gemacht. Er wusste nicht, worauf diese Tatsache beruht; denn auf all diese Dinge ist erst Geisteswissenschaft berufen zu kommen, Geisteswissenschaft, deren Methode ich gestern hier dargestellt habe, die da arbeitet mit den Kräften, die sonst in der Seele schlummern, die entwickelt werden, Geisteswissenschaft, die den Menschen dazu bringt, in das Geistige wirklich hineinzuschauen. Diese Geisteswissenschaft, sie kommt darauf, dass man die fortschreitenden, die zukunfttragenden Kräfte des geschichtlichen Werdens überhaupt nicht erfasst, wenn man auf das geschichtliche Werden nur die Erkenntnisart anwendet, die für die Naturwissenschaft ausgezeichnet ist.
[ 28 ] Auch in dieser Beziehung hat, man kann sagen, aus einem historischen Instinkt heraus Herman Grimm ein schönes Urteil gefällt, ein schönes Urteil über den berühmten Historiker Gibbon. Gibbon, welcher den Untergang des Römischen Reiches geschichtlich beschrieben hat, er ist tatsächlich ein Geschichtsschreiber, welcher in mustergültiger Weise das durchführt, die äußere, rein der Natur hingegebene Betrachtungsweise auch auf die Geschichte anzuwenden. Was ist da eigentlich geschehen? Nun, Herman Grimm hat das richtig bemerkt. Gibbon ist scharfsinniger als solcher naturwissenschaftlicher Betrachter der Geschichte; aber er schildert alle die Kräfte, die er so vortrefflich schildert für die ersten Jahrhunderte des Christentums, alle die Kräfte schildert er nur, welche Verfallskräfte sind, welche zum Untergang des Römischen Reiches führen, welche die Entwicklung, die eine Zeit lang gegangen ist, auslöschen. Und Herman Grimm wirft Gibbon mit Recht vor, dass doch in diesen Jahrhunderten, in denen das Römische Reich seinem Verfall entgegengeht, etwas wesentlich anderes noch geschieht, etwas Positives: Da greifen die Kräfte in das geschichtliche Werden ein, die sich anschließen an die Entstehung des Christentums. Das sind die Kräfte der fortschreitenden Entwicklung, die Kräfte, die sich in positiver Weise neben die Verfallskräfte, die negativen Kräfte hinstellen. Die fallen aus der Gibbon’sehen Betrachtung einfach heraus. Aus seinen historischen Instinkten heraus hat Herman Grimm diese bedeutsame Bemerkung gemacht. Er wusste nicht, worauf diese Tatsache beruht; denn auf all diese Dinge ist erst Geisteswissenschaft berufen zu kommen, Geisteswissenschaft, deren Methode ich gestern hier dargestellt habe, die da arbeitet mit den Kräften, die sonst in der Seele schlummern, die entwickelt werden, Geisteswissenschaft, die den Menschen dazu bringt, in das Geistige wirklich hineinzuschauen. Diese Geisteswissenschaft, sie kommt darauf, dass man die fortschreitenden, die zukunfttragenden Kräfte des geschichtlichen Werdens überhaupt nicht erfasst, wenn man auf das geschichtliche Werden nur die Erkenntnisart anwendet, die für die Naturwissenschaft ausgezeichnet ist.
[ 29 ] Was findet man, wenn man diese Betrachtungsweise anwendet für das geschichtliche Werden, die für die Naturwissenschaft die Richtige ist? Man findet die Verfallskräfte. Man findet dasjenige, was Leichnam wird im geschichtlichen Werden, im sozialen Leben der Menschheit. Wenn man nur dasjenige anwendet, was der Verstand, das gewöhnliche Bewusstsein einsehen kann, kommt man nur dazu, die Verfallsimpulse studieren zu können. Die wachsenden, sprossenden, die werdenden Impulse, die in positiver Weise das historische Werden tragen, die entziehen sich dieser Betrachtungsweise. Sie entziehen sich auch dann dieser Betrachtungsweise, wenn man dem wirklichen Leben gegenübersteht, wenn man in das Leben eingreifen will mit dieser Betrachtungsweise.
[ 29 ] Was findet man, wenn man diese Betrachtungsweise anwendet für das geschichtliche Werden, die für die Naturwissenschaft die Richtige ist? Man findet die Verfallskräfte. Man findet dasjenige, was Leichnam wird im geschichtlichen Werden, im sozialen Leben der Menschheit. Wenn man nur dasjenige anwendet, was der Verstand, das gewöhnliche Bewusstsein einsehen kann, kommt man nur dazu, die Verfallsimpulse studieren zu können. Die wachsenden, sprossenden, die werdenden Impulse, die in positiver Weise das historische Werden tragen, die entziehen sich dieser Betrachtungsweise. Sie entziehen sich auch dann dieser Betrachtungsweise, wenn man dem wirklichen Leben gegenübersteht, wenn man in das Leben eingreifen will mit dieser Betrachtungsweise.
[ 30 ] Es ist unerhört, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man solche Dinge sagen muss, aber die Gegenwart muss Wirklichkeiten begreifen lernen. Man versuche es nur ernstlich, aber man beobachte zugleich dasjenige, was sich ergibt, gehe nicht schlafend durch die Wirklichkeit; man versuche einmal, Parlamente oder so etwas zusammenzustellen, wo lauter Leute, die intellektuell nach naturwissenschaftlichem Muster gebildet sind, bestimmen sollen über dasjenige, was geschehen soll im sozialen oder im sonstigen Leben; man schaffe ein Parlament von Leuten, die ihre Intellektualität herausgebildet haben an der naturwissenschaftlichen Methode, und lasse keinen Menschen hinein anders als diejenigen, die gerade auf diesen Gebieten vollkommen sind. Sie können ganz sicher sein, diese Leute werden nichts anderes beschließen, als was sehr rasch die Gesellschaft, die Gemeinschaft, auf die sie ihre Beschlüsse loslassen, in den Untergang hineinführt, auf allen möglichen Gebieten. Denn diese Denkweise bezieht sich eben auf dasjenige, was Untergangskräfte sind! Sie kann nur Untergangskräfte im menschlichen Werden beobachten. Dasjenige, was werdende, sprossende Mächte sind, das liegt nämlich nicht so, dass es mit den Kräften des gewöhnlichen Bewusstseins erfasst werden kann. Und ich muss da auf etwas zurückkommen, was ich vor einigen Monaten hier gelegentlich der Betrachtung über die Offenbarung des Unbewussten schon angedeutet habe.
[ 30 ] Es ist unerhört, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man solche Dinge sagen muss, aber die Gegenwart muss Wirklichkeiten begreifen lernen. Man versuche es nur ernstlich, aber man beobachte zugleich dasjenige, was sich ergibt, gehe nicht schlafend durch die Wirklichkeit; man versuche einmal, Parlamente oder so etwas zusammenzustellen, wo lauter Leute, die intellektuell nach naturwissenschaftlichem Muster gebildet sind, bestimmen sollen über dasjenige, was geschehen soll im sozialen oder im sonstigen Leben; man schaffe ein Parlament von Leuten, die ihre Intellektualität herausgebildet haben an der naturwissenschaftlichen Methode, und lasse keinen Menschen hinein anders als diejenigen, die gerade auf diesen Gebieten vollkommen sind. Sie können ganz sicher sein, diese Leute werden nichts anderes beschließen, als was sehr rasch die Gesellschaft, die Gemeinschaft, auf die sie ihre Beschlüsse loslassen, in den Untergang hineinführt, auf allen möglichen Gebieten. Denn diese Denkweise bezieht sich eben auf dasjenige, was Untergangskräfte sind! Sie kann nur Untergangskräfte im menschlichen Werden beobachten. Dasjenige, was werdende, sprossende Mächte sind, das liegt nämlich nicht so, dass es mit den Kräften des gewöhnlichen Bewusstseins erfasst werden kann. Und ich muss da auf etwas zurückkommen, was ich vor einigen Monaten hier gelegentlich der Betrachtung über die Offenbarung des Unbewussten schon angedeutet habe.
[ 31 ] Dieses menschliche Seelenleben, dieses menschliche Leben überhaupt, oberflächlich betrachtet verläuft es so, dass es wechselt zwischen Wachen und Schlafen. Wir wachen, und selbstverständlich, weil wir alle fleißig sind zwei Drittel unseres Lebens, wir schlafen ein Drittel unseres Lebens. Dieser Zustand wechselt ab. Aber das ist nicht absolut richtig, meine sehr verehrten Anwesenden, sondern dasjenige, was wir Schlafen und Träumen nennen, das erstreckt sich im Wesentlichen auch in das wache Leben herein. Das wache Leben ist nur zum Teil vollständig wach. Unter der Oberfläche des wachen Lebens liegt ein solches, in dem der Mensch schläft, selbst wenn er wach ist.
[ 31 ] Dieses menschliche Seelenleben, dieses menschliche Leben überhaupt, oberflächlich betrachtet verläuft es so, dass es wechselt zwischen Wachen und Schlafen. Wir wachen, und selbstverständlich, weil wir alle fleißig sind zwei Drittel unseres Lebens, wir schlafen ein Drittel unseres Lebens. Dieser Zustand wechselt ab. Aber das ist nicht absolut richtig, meine sehr verehrten Anwesenden, sondern dasjenige, was wir Schlafen und Träumen nennen, das erstreckt sich im Wesentlichen auch in das wache Leben herein. Das wache Leben ist nur zum Teil vollständig wach. Unter der Oberfläche des wachen Lebens liegt ein solches, in dem der Mensch schläft, selbst wenn er wach ist.
[ 32 ] Etwas von dem, obwohl nur instinktiv sozusagen, hat schon der tiefbedeutsame Schwaben-Vischer, der sogenannte V-Vischer eingesehen, indem er darauf hingewiesen hat, wie verwandt das Gefühlsleben, das Leidenschaftsleben ist mit dem Traumleben. Wer untersuchen kann, wer auf diesem Gebiet wirklich beobachten kann, dem ergibt sich, [dass] dasjenige, was in unseren Gefühlen sitzt, was wir als Gefühle erleben, in anderer Weise bewusst ist, als was wir als Wahrnehmungen und Vorstellungen erleben. Denn nur für die Wahrnehmungen und Vorstellungen sind wir wirklich wach. Die Gefühle, sie leuchten herauf aus den unterbewussten Seelensphären, so wie die Träume. Nicht mehr sind wir uns unserer Gefühle bewusst als der Träume; wir kennen sie nicht in ihrer wahren Gestalt, nur ihr Heraufglänzen in die Sphäre des Bewussten kennen wir. Indem wir die Gefühle vorstellen, heben wir sie in den Wachzustand hinauf. Wir träumen den ganzen Tag, indem wir unsere Seele von Gefühlen durchziehen lassen. Und wir schlafen, indem wir Willensimpulse hegen, indem wir durch die Welt mit Willensimpulsen gehen. Von den Willensimpulsen kennen Sie das Motiv; Sie kennen dasjenige, was Sie als Wahrnehmung veranlasst zum Willen. Wie sich das, was Sie wollen, nun abspielt im Menschen, wie Ihre Vorstellungen nun übergehen in Ihre Glieder und Ihre Hand bewegen, das ist tief unterbewusst vorgegangen, so unterbewusst wie alles das, was im Schlafzustand vor sich geht. Wir schlafen und träumen unter der Oberfläche unseres gewöhnlichen Bewusstseins.
[ 32 ] Etwas von dem, obwohl nur instinktiv sozusagen, hat schon der tiefbedeutsame Schwaben-Vischer, der sogenannte V-Vischer eingesehen, indem er darauf hingewiesen hat, wie verwandt das Gefühlsleben, das Leidenschaftsleben ist mit dem Traumleben. Wer untersuchen kann, wer auf diesem Gebiet wirklich beobachten kann, dem ergibt sich, [dass] dasjenige, was in unseren Gefühlen sitzt, was wir als Gefühle erleben, in anderer Weise bewusst ist, als was wir als Wahrnehmungen und Vorstellungen erleben. Denn nur für die Wahrnehmungen und Vorstellungen sind wir wirklich wach. Die Gefühle, sie leuchten herauf aus den unterbewussten Seelensphären, so wie die Träume. Nicht mehr sind wir uns unserer Gefühle bewusst als der Träume; wir kennen sie nicht in ihrer wahren Gestalt, nur ihr Heraufglänzen in die Sphäre des Bewussten kennen wir. Indem wir die Gefühle vorstellen, heben wir sie in den Wachzustand hinauf. Wir träumen den ganzen Tag, indem wir unsere Seele von Gefühlen durchziehen lassen. Und wir schlafen, indem wir Willensimpulse hegen, indem wir durch die Welt mit Willensimpulsen gehen. Von den Willensimpulsen kennen Sie das Motiv; Sie kennen dasjenige, was Sie als Wahrnehmung veranlasst zum Willen. Wie sich das, was Sie wollen, nun abspielt im Menschen, wie Ihre Vorstellungen nun übergehen in Ihre Glieder und Ihre Hand bewegen, das ist tief unterbewusst vorgegangen, so unterbewusst wie alles das, was im Schlafzustand vor sich geht. Wir schlafen und träumen unter der Oberfläche unseres gewöhnlichen Bewusstseins.
[ 33 ] Lernt man, nachdem man den Menschen so betrachten gelernt hat, lernt man nun das geschichtliche Leben seiner Realität nach ansehen, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann stellen sich alle diejenigen Taten, Handlungen, Impulse im geschichtlichen Werden der Menschheit dar, welche forttragend sind, welche nicht Verfallskräfte sind, sie stellen sich dar als etwas, was die ganze Menschheit in ihrem Zusammenleben träumt und schläft. So sonderbar, so paradox das klingt, es wird doch wieder wichtigste Wahrheit werden können, ohne welche es in der Geschichtsbetrachtung kein Heil geben wird, dass dasjenige, was im geschichtlichen Werden die Menschheit vorwärtsträgt, nicht aus dem gewöhnlichen Kräften, die wir auch in der Naturwissenschaft anwenden, hervorgeht, dass überhaupt diese Geschichtsimpulse nicht hervorgehen aus dem gewöhnlichen hellen Bewusstsein, sondern dass sie hervorgehen aus Träumen und Schlafen. Man muss die Sache nur nicht als Vergleich, nicht als Bild nehmen, sondern man muss sie betrachten als etwas, was im tiefsten, im bedeutsamsten Sinne Wirklichkeit ist.
[ 33 ] Lernt man, nachdem man den Menschen so betrachten gelernt hat, lernt man nun das geschichtliche Leben seiner Realität nach ansehen, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann stellen sich alle diejenigen Taten, Handlungen, Impulse im geschichtlichen Werden der Menschheit dar, welche forttragend sind, welche nicht Verfallskräfte sind, sie stellen sich dar als etwas, was die ganze Menschheit in ihrem Zusammenleben träumt und schläft. So sonderbar, so paradox das klingt, es wird doch wieder wichtigste Wahrheit werden können, ohne welche es in der Geschichtsbetrachtung kein Heil geben wird, dass dasjenige, was im geschichtlichen Werden die Menschheit vorwärtsträgt, nicht aus dem gewöhnlichen Kräften, die wir auch in der Naturwissenschaft anwenden, hervorgeht, dass überhaupt diese Geschichtsimpulse nicht hervorgehen aus dem gewöhnlichen hellen Bewusstsein, sondern dass sie hervorgehen aus Träumen und Schlafen. Man muss die Sache nur nicht als Vergleich, nicht als Bild nehmen, sondern man muss sie betrachten als etwas, was im tiefsten, im bedeutsamsten Sinne Wirklichkeit ist.
[ 34 ] Daher kommt es, meine sehr verehrten Anwesenden, dass in früheren Zeiten — ich habe auf diesen Umstand in früheren Vorträgen schon hingewiesen —, als die Menschen noch zusammenhingen in ihrem Seelenleben, wenn auch in unterbewusster Art, mit dem geistigen Leben, dass in früheren Zeiten diese Menschen durch etwas anderes, als was wir heute geschichtliche Betrachtung nennen, über das soziale Leben, über das geschichtliche Werden sich Aufschluss zu geben versuchten. Sie versuchten sich Aufschluss zu geben durch den Mythos, durch die Sagen, durch das Bild. Da wussten sie mehr über dasjenige, was in den Impulsen ihres Volkes lebte, als man heute durch den bloßen Verstand wissen kann, der an das gewöhnliche Bewusstsein gebunden ist und der in der Naturwissenschaft so großartige, so bedeutungsvolle Errungenschaften zeitigte. Aber da gehört er hin.
[ 34 ] Daher kommt es, meine sehr verehrten Anwesenden, dass in früheren Zeiten — ich habe auf diesen Umstand in früheren Vorträgen schon hingewiesen —, als die Menschen noch zusammenhingen in ihrem Seelenleben, wenn auch in unterbewusster Art, mit dem geistigen Leben, dass in früheren Zeiten diese Menschen durch etwas anderes, als was wir heute geschichtliche Betrachtung nennen, über das soziale Leben, über das geschichtliche Werden sich Aufschluss zu geben versuchten. Sie versuchten sich Aufschluss zu geben durch den Mythos, durch die Sagen, durch das Bild. Da wussten sie mehr über dasjenige, was in den Impulsen ihres Volkes lebte, als man heute durch den bloßen Verstand wissen kann, der an das gewöhnliche Bewusstsein gebunden ist und der in der Naturwissenschaft so großartige, so bedeutungsvolle Errungenschaften zeitigte. Aber da gehört er hin.
[ 35 ] Nun hat Karl Lamprecht ganz richtig gesehen, dass man in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in ein neues Zeitalter hereingetreten ist. Aber er hat diese Wahrheit nicht ausnützen können. Er sagte: Der einzelne Mensch wird bedeutungsvoll, er wird Intellektualist. Geschichte entsteht erst mit diesem Zeitalter. Sie wird zunächst so betrieben, dass man sie nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Anschauungsweise begreifen wird. Selbstverständlich können wir nicht mehr zum alten Modus zurückgehen. Aber dasjenige, was als Impulse dem geschichtlichen Werden zugrunde liegt, ist unterbewusst. Wenn ein Mensch besessen ist von einem Unterbewussten, das sich in seiner Seele abspielt, dann kommt aus dem Unterbewussten, wie bei Wilson, etwas Schlagkräftiges, etwas, was den Nagel auf den Kopf trifft, hervor.
[ 35 ] Nun hat Karl Lamprecht ganz richtig gesehen, dass man in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in ein neues Zeitalter hereingetreten ist. Aber er hat diese Wahrheit nicht ausnützen können. Er sagte: Der einzelne Mensch wird bedeutungsvoll, er wird Intellektualist. Geschichte entsteht erst mit diesem Zeitalter. Sie wird zunächst so betrieben, dass man sie nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Anschauungsweise begreifen wird. Selbstverständlich können wir nicht mehr zum alten Modus zurückgehen. Aber dasjenige, was als Impulse dem geschichtlichen Werden zugrunde liegt, ist unterbewusst. Wenn ein Mensch besessen ist von einem Unterbewussten, das sich in seiner Seele abspielt, dann kommt aus dem Unterbewussten, wie bei Wilson, etwas Schlagkräftiges, etwas, was den Nagel auf den Kopf trifft, hervor.
[ 36 ] Aber umso schwieriger wird es für den, der berufen ist, als Individualität, als individuelle Seele zu kämpfen mit der Wahrheit. Da ist es notwendig, dass gerade in diesem intellektuellen Zeitalter, um das soziale, das geschichtliche, auch um das sittliche Leben zu begreifen, etwas anderes heraufkommt: dass etwas heraufkommt, was hineinschauen kann in dasjenige Glied der Menschennatur, das man nicht mit dem gewöhnlichen Bewusstsein erfassen kann, was hineinschauen kann in das, wo dieses gewöhnliche Bewusstsein im Menschen nicht tätig ist, wo er das gewöhnliche Leben verträumt und verschläft.
[ 36 ] Aber umso schwieriger wird es für den, der berufen ist, als Individualität, als individuelle Seele zu kämpfen mit der Wahrheit. Da ist es notwendig, dass gerade in diesem intellektuellen Zeitalter, um das soziale, das geschichtliche, auch um das sittliche Leben zu begreifen, etwas anderes heraufkommt: dass etwas heraufkommt, was hineinschauen kann in dasjenige Glied der Menschennatur, das man nicht mit dem gewöhnlichen Bewusstsein erfassen kann, was hineinschauen kann in das, wo dieses gewöhnliche Bewusstsein im Menschen nicht tätig ist, wo er das gewöhnliche Leben verträumt und verschläft.
[ 37 ] In diese Region hinein schaut aber dasjenige, was ich gestern geschildert habe als imaginative Erkenntnis, als inspirierte Erkenntnis, als intuitive Erkenntnis; als dasjenige, was in die geistige Welt hereinschaut, was unter die Schwelle des Bewusstseins hinabschaut, was ins Unterbewusste wirklich eindringt; aber in jenes Unterbewusste, wo wirklicher, wesenhafter Geist wirkt. Heraufholen dasjenige, was sonst im gewöhnlichen Leben geschichtlich von der Menschheit geträumt wird, geschlafen wird, heraufholen kann man das nur, wenn man die Geschichte durch Imagination, durch Inspiration betrachtet. Mit anderen Worten: Angewendet werden muss, weil das geschichtliche Leben etwas ist, was im Unterbewussten verläuft, was sich dem gewöhnlichen Bewusstsein nicht ergibt, angewendet werden muss dasjenige, was hinter dieses gewöhnliche Bewusstsein dringt; angewendet werden muss auf die Geschichte, auch auf das soziale Leben, auf das ethische Leben, auf das juristische Leben der Menschheit, wenn man seine ursprünglichen Faktoren erkennen will, dasjenige, was als geisteswissenschaftliche Methode ausgebildet wird, was ich gestern als Imagination, Inspiration, Intuition geschildert habe. Aus den Tiefen des geschichtlichen Werdens müssen heraufgeholt werden diejenigen Wirklichkeiten, die zunächst in Bildern, in Imaginationen vor die Seele hintreten. Diese Imaginationen müssen einen dann inspirieren. Da wird man kommen auf dasjenige, was im geschichtlichen Werden wirklich tätig ist. Dasjenige, was einem in der bisherigen Geschichte entgegentritt, auch das, was Karl Lamprecht versucht hat, es kann zuweilen aus einem Instinkt hervorgehen. Wirkliche, geisterhellte Erkenntnis würde es erst werden, wenn Geschichte durch Geisteswissenschaft vertieft ist. Nun möchte ich nicht zurückscheuen davor, demjenigen, was man heute Geschichte nennt, entgegenzuhalten einige geisteswissenschaftliche geschichtliche Ergebnisse. Ausgehen möchte ich davon, dass Karl Lamprecht instinktiv etwas geahnt hat, was ich schon erwähnt habe: dass sich um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts aus einem älteren Zeitalter ein neues Zeitalter heraushebt.
[ 37 ] In diese Region hinein schaut aber dasjenige, was ich gestern geschildert habe als imaginative Erkenntnis, als inspirierte Erkenntnis, als intuitive Erkenntnis; als dasjenige, was in die geistige Welt hereinschaut, was unter die Schwelle des Bewusstseins hinabschaut, was ins Unterbewusste wirklich eindringt; aber in jenes Unterbewusste, wo wirklicher, wesenhafter Geist wirkt. Heraufholen dasjenige, was sonst im gewöhnlichen Leben geschichtlich von der Menschheit geträumt wird, geschlafen wird, heraufholen kann man das nur, wenn man die Geschichte durch Imagination, durch Inspiration betrachtet. Mit anderen Worten: Angewendet werden muss, weil das geschichtliche Leben etwas ist, was im Unterbewussten verläuft, was sich dem gewöhnlichen Bewusstsein nicht ergibt, angewendet werden muss dasjenige, was hinter dieses gewöhnliche Bewusstsein dringt; angewendet werden muss auf die Geschichte, auch auf das soziale Leben, auf das ethische Leben, auf das juristische Leben der Menschheit, wenn man seine ursprünglichen Faktoren erkennen will, dasjenige, was als geisteswissenschaftliche Methode ausgebildet wird, was ich gestern als Imagination, Inspiration, Intuition geschildert habe. Aus den Tiefen des geschichtlichen Werdens müssen heraufgeholt werden diejenigen Wirklichkeiten, die zunächst in Bildern, in Imaginationen vor die Seele hintreten. Diese Imaginationen müssen einen dann inspirieren. Da wird man kommen auf dasjenige, was im geschichtlichen Werden wirklich tätig ist. Dasjenige, was einem in der bisherigen Geschichte entgegentritt, auch das, was Karl Lamprecht versucht hat, es kann zuweilen aus einem Instinkt hervorgehen. Wirkliche, geisterhellte Erkenntnis würde es erst werden, wenn Geschichte durch Geisteswissenschaft vertieft ist. Nun möchte ich nicht zurückscheuen davor, demjenigen, was man heute Geschichte nennt, entgegenzuhalten einige geisteswissenschaftliche geschichtliche Ergebnisse. Ausgehen möchte ich davon, dass Karl Lamprecht instinktiv etwas geahnt hat, was ich schon erwähnt habe: dass sich um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts aus einem älteren Zeitalter ein neues Zeitalter heraushebt.
[ 38 ] Wenn man mit dem hellsichtigen Blick — damit ist das gemeint, was ich gestern auseinandergesetzt habe —, wenn man mit dem hellsichtigen Blick, mit dem schauenden Bewusstsein in das geschichtliche Leben hineinblickt, so sieht man in der Tat einen bedeutsamen Wendepunkt, der ungefähr eintritt um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts. Alles, was über Subjektivismus, über Typismus Karl Lamprecht angibt, ist von untergeordneter Bedeutung. Um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts tritt etwas ein — man würdigt das nur nicht genügend —, was höchst bedeutsam ist als ein Umschwung im ganzen menschlichen Leben und was sich insbesondere im mitteleuropäischen menschlichen Leben ganz typisch zum Ausdruck bringt.
[ 38 ] Wenn man mit dem hellsichtigen Blick — damit ist das gemeint, was ich gestern auseinandergesetzt habe —, wenn man mit dem hellsichtigen Blick, mit dem schauenden Bewusstsein in das geschichtliche Leben hineinblickt, so sieht man in der Tat einen bedeutsamen Wendepunkt, der ungefähr eintritt um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts. Alles, was über Subjektivismus, über Typismus Karl Lamprecht angibt, ist von untergeordneter Bedeutung. Um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts tritt etwas ein — man würdigt das nur nicht genügend —, was höchst bedeutsam ist als ein Umschwung im ganzen menschlichen Leben und was sich insbesondere im mitteleuropäischen menschlichen Leben ganz typisch zum Ausdruck bringt.
[ 39 ] Wenn man zurückgeht vor dieses Zeitalter, so hat man in der Konfiguration, in der ganzen Ausgestaltung des menschlichen Wesens und der menschlichen Handlungen etwas, was man bezeichnen kann so, dass man sagt: In jenem Zeitalter wirkt der Verstand noch instinktiv. In der Geisteswissenschaft unterscheiden wir daher die instinktiv wirkende Verstandesseele, wo man aus Instinkt heraus gescheit ist. Das wird abgelöst um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts — und zwar nicht nach dem bequemen Ausspruch, dass die Natur keine Sprünge macht, sondern durch entschiedene Sprünge — das wird abgelöst von einer ganz anderen Konfiguration der Menschenseele. Dasjenige, was wir in der Geisteswissenschaft die Bewusstseinsseele nennen, die alles aus dem Bewusstsein heraus erfasst, die nicht instinktiv wirkt, die wird typisch für die Menschheit. Und man begreift dasjenige, was seither geschieht, nur dann, wenn man weiß, dass ein ganzer Zeitraum, der lange dauert, nur erfasst werden kann, wenn man ins Auge fasst, wie dieser instinktive Verstand, diese als Verstandesseele wirkende Menschenwesenheit ungefähr in derselben Weise zu wirken begann im siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert; wie dieser Verstand die griechische Geschichte schafft, die römische Geschichte, das römische Recht, die römische Politik schafft; wie alle Ereignisse nur zu begreifen sind, wenn man sie in der Nuance des instinktiven Verstandes begreift.
[ 39 ] Wenn man zurückgeht vor dieses Zeitalter, so hat man in der Konfiguration, in der ganzen Ausgestaltung des menschlichen Wesens und der menschlichen Handlungen etwas, was man bezeichnen kann so, dass man sagt: In jenem Zeitalter wirkt der Verstand noch instinktiv. In der Geisteswissenschaft unterscheiden wir daher die instinktiv wirkende Verstandesseele, wo man aus Instinkt heraus gescheit ist. Das wird abgelöst um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts — und zwar nicht nach dem bequemen Ausspruch, dass die Natur keine Sprünge macht, sondern durch entschiedene Sprünge — das wird abgelöst von einer ganz anderen Konfiguration der Menschenseele. Dasjenige, was wir in der Geisteswissenschaft die Bewusstseinsseele nennen, die alles aus dem Bewusstsein heraus erfasst, die nicht instinktiv wirkt, die wird typisch für die Menschheit. Und man begreift dasjenige, was seither geschieht, nur dann, wenn man weiß, dass ein ganzer Zeitraum, der lange dauert, nur erfasst werden kann, wenn man ins Auge fasst, wie dieser instinktive Verstand, diese als Verstandesseele wirkende Menschenwesenheit ungefähr in derselben Weise zu wirken begann im siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert; wie dieser Verstand die griechische Geschichte schafft, die römische Geschichte, das römische Recht, die römische Politik schafft; wie alle Ereignisse nur zu begreifen sind, wenn man sie in der Nuance des instinktiven Verstandes begreift.
[ 40 ] Und man begreift nur, was da heraufzieht um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, was da in den Ereignissen auf einmal anders wird, wenn man weiß: Da tritt die Bewusstseinsseele ein, die in ganz anderer Weise sich zu der äußeren Wirklichkeit stellt, die nicht instinktiv aus dem Innern herauswirkt, sondern so, dass der Mensch überlegen muss, dass er nicht mehr vergleicht nur die Dinge, sondern Schlüsse zieht, intellektualistisch vorgeht. In diesem Zeitalter leben wir drinnen. Und dasjenige, was da auf dem Grund der Seele ist durch diese Bewusstseinsseele, das ist das, was studiert werden muss und studiert werden kann in allen Einzelheiten.
[ 40 ] Und man begreift nur, was da heraufzieht um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, was da in den Ereignissen auf einmal anders wird, wenn man weiß: Da tritt die Bewusstseinsseele ein, die in ganz anderer Weise sich zu der äußeren Wirklichkeit stellt, die nicht instinktiv aus dem Innern herauswirkt, sondern so, dass der Mensch überlegen muss, dass er nicht mehr vergleicht nur die Dinge, sondern Schlüsse zieht, intellektualistisch vorgeht. In diesem Zeitalter leben wir drinnen. Und dasjenige, was da auf dem Grund der Seele ist durch diese Bewusstseinsseele, das ist das, was studiert werden muss und studiert werden kann in allen Einzelheiten.
[ 41 ] Denn in anderer Art lebt sich das aus bei solchen Völkern, die, wie das italienische oder spanische Volk, noch viel von alter Erbschaft hereingetragen haben; anders bei solchen Völkern, wie das britische Volk ist, das, ganz besonders durch seine verschiedenen geografischen Verhältnisse hingewiesen auf das Materielle, die Bewusstseinsseele auszubilden hat durch die unmittelbare Konfiguration.
[ 41 ] Denn in anderer Art lebt sich das aus bei solchen Völkern, die, wie das italienische oder spanische Volk, noch viel von alter Erbschaft hereingetragen haben; anders bei solchen Völkern, wie das britische Volk ist, das, ganz besonders durch seine verschiedenen geografischen Verhältnisse hingewiesen auf das Materielle, die Bewusstseinsseele auszubilden hat durch die unmittelbare Konfiguration.
[ 42 ] Anders ist das im europäischen Osten, wo keine Anlage ist für diese Bewusstseinsseele; wo diese Bewusstseinsseelenentwicklung vorläufig verschlafen wird und erst ein nächster Zeitraum, der diesen Zeitraum der Bewusstseinsseele ablösen wird, das Volk bereit finden wird, das vor kurzer Zeit noch das russische Volk war, das seine eigentliche Seelenart, die heute noch in den Menschen, die da im Osten wohnen, gar nicht beobachtet werden kann mit äußeren Sinnen, entwickeln wird.
[ 42 ] Anders ist das im europäischen Osten, wo keine Anlage ist für diese Bewusstseinsseele; wo diese Bewusstseinsseelenentwicklung vorläufig verschlafen wird und erst ein nächster Zeitraum, der diesen Zeitraum der Bewusstseinsseele ablösen wird, das Volk bereit finden wird, das vor kurzer Zeit noch das russische Volk war, das seine eigentliche Seelenart, die heute noch in den Menschen, die da im Osten wohnen, gar nicht beobachtet werden kann mit äußeren Sinnen, entwickeln wird.
[ 43 ] Und heute ist es notwendig, meine sehr verehrten Anwesenden, tieferes Verständnis für dasjenige zu bekommen, was über die Erde hinüber geschieht; tieferes Verständnis auch für dasjenige zu bekommen, was im einzelnen Menschen vorgeht, insofern er Angehöriger ist des großen Geschichtstraumes, den man nur versteht, wenn man aus der träumenden Menschenseele so etwas hervorholt wie das, an das man mit der gewöhnlichen Beobachtung nicht herankann: dass sich vom siebten, achten [vorchristlichen] Jahrhundert bis in das vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert herein instinktives Wollen, instinktiver Verstand entwickelt, wie da der Umschwung eintritt, unter dessen Einfluss wir heute stehen. Das ist ein Beispiel.
[ 43 ] Und heute ist es notwendig, meine sehr verehrten Anwesenden, tieferes Verständnis für dasjenige zu bekommen, was über die Erde hinüber geschieht; tieferes Verständnis auch für dasjenige zu bekommen, was im einzelnen Menschen vorgeht, insofern er Angehöriger ist des großen Geschichtstraumes, den man nur versteht, wenn man aus der träumenden Menschenseele so etwas hervorholt wie das, an das man mit der gewöhnlichen Beobachtung nicht herankann: dass sich vom siebten, achten [vorchristlichen] Jahrhundert bis in das vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert herein instinktives Wollen, instinktiver Verstand entwickelt, wie da der Umschwung eintritt, unter dessen Einfluss wir heute stehen. Das ist ein Beispiel.
[ 44 ] Und ein anderes Beispiel will ich anführen. Hier, wo ich so viele Jahre schon gesprochen habe, will ich nicht zurückschrecken, Ergebnisse der Geisteswissenschaft in ihrer Konkretheit anzuführen, aus dem einfachen Grunde, weil man ja nicht weiterkommen würde auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft, wenn man nicht allmählich übergehen würde zur Schilderung der konkreten Ergebnisse.
[ 44 ] Und ein anderes Beispiel will ich anführen. Hier, wo ich so viele Jahre schon gesprochen habe, will ich nicht zurückschrecken, Ergebnisse der Geisteswissenschaft in ihrer Konkretheit anzuführen, aus dem einfachen Grunde, weil man ja nicht weiterkommen würde auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft, wenn man nicht allmählich übergehen würde zur Schilderung der konkreten Ergebnisse.
[ 45 ] Die gewöhnliche Geschichte schöpft ja nur aus der äußeren Beobachtung, und für die älteren Zeiten nur aus äußeren Dokumenten. Sie haben gestern gesehen, dass dasjenige, was geisteswissenschaftliche Methode ist, geholt wird aus einer besonderen Entwicklung der in der Menschenseele schlummernden Kräfte. Sie haben gesehen, wie die Seele dazu geführt wird, hineinzuschauen in dasjenige, was in dieser Menschenseele sonst gar nicht im gewöhnlichen Leben zum Vorschein kommt. Sie haben gesehen, wie diese Menschenseele sich befreien kann vom Leibe, wie sie leibfrei dann erkennen kann. Ja, da beginnt die Menschenseele zu arbeiten mit Kräften, die im gewöhnlichen Leben allerdings vorhanden sind, die aber im Unterbewussten, im Unbewussten schlummernd bleiben. Und mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften kann man gar nicht das wirkliche Leben, das der Mensch darlebt, erfassen.
[ 45 ] Die gewöhnliche Geschichte schöpft ja nur aus der äußeren Beobachtung, und für die älteren Zeiten nur aus äußeren Dokumenten. Sie haben gestern gesehen, dass dasjenige, was geisteswissenschaftliche Methode ist, geholt wird aus einer besonderen Entwicklung der in der Menschenseele schlummernden Kräfte. Sie haben gesehen, wie die Seele dazu geführt wird, hineinzuschauen in dasjenige, was in dieser Menschenseele sonst gar nicht im gewöhnlichen Leben zum Vorschein kommt. Sie haben gesehen, wie diese Menschenseele sich befreien kann vom Leibe, wie sie leibfrei dann erkennen kann. Ja, da beginnt die Menschenseele zu arbeiten mit Kräften, die im gewöhnlichen Leben allerdings vorhanden sind, die aber im Unterbewussten, im Unbewussten schlummernd bleiben. Und mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften kann man gar nicht das wirkliche Leben, das der Mensch darlebt, erfassen.
[ 46 ] Nehmen Sie eine gewöhnliche Erscheinung, aber eine Erscheinung, die tiefer hineinführt in die menschlichen Lebensgeheimnisse sogar des Alltags. Nehmen Sie die Erscheinung: Man lernt etwas auswendig, das man sich merken will. Man studiert auf diese Weise, wie es sich mit dem menschlichen Gedächtnis verhält. Nun, die Menschen glauben da gewöhnlich, man bemächtige sich der Vorstellung von dem, was man aufnimmt; dann hat man es im Bewusstsein. Nach einiger Zeit kommt das wiederum herauf aus dem Bewusstsein. In zahlreichen «Psychologien», in der offiziellen Seelenkunde wird dieser Aberglaube gelehrt. Er soll Wissenschaft sein, dieser Aberglaube, dass die Vorstellungen, die man aufnimmt, da hinunterwandern in irgendein unbestimmtes Gebiet; da gehen sie spazieren im Unterbewussten der Seele; und wenn man sie braucht, wandern sie wiederum herauf als Erinnerungsvorstellung.
[ 46 ] Nehmen Sie eine gewöhnliche Erscheinung, aber eine Erscheinung, die tiefer hineinführt in die menschlichen Lebensgeheimnisse sogar des Alltags. Nehmen Sie die Erscheinung: Man lernt etwas auswendig, das man sich merken will. Man studiert auf diese Weise, wie es sich mit dem menschlichen Gedächtnis verhält. Nun, die Menschen glauben da gewöhnlich, man bemächtige sich der Vorstellung von dem, was man aufnimmt; dann hat man es im Bewusstsein. Nach einiger Zeit kommt das wiederum herauf aus dem Bewusstsein. In zahlreichen «Psychologien», in der offiziellen Seelenkunde wird dieser Aberglaube gelehrt. Er soll Wissenschaft sein, dieser Aberglaube, dass die Vorstellungen, die man aufnimmt, da hinunterwandern in irgendein unbestimmtes Gebiet; da gehen sie spazieren im Unterbewussten der Seele; und wenn man sie braucht, wandern sie wiederum herauf als Erinnerungsvorstellung.
[ 47 ] Solch eine Anschauung beruht nur darauf, dass man das wirkliche Seelenleben niemals beobachten gelernt hat in Wahrheit. Die Sache geht ganz anders vor sich. Während man sich etwas aneignet als Vorstellung, liegt im Bewusstsein nur die Tatsache dieses Aneignens der Vorstellung. Parallel geht mit dieser Tätigkeit eine andere, die unbewusst bleibt, die ganz anderer Art ist und die sich einschleicht in die menschliche Organisation und die da macht, dass in dieser menschlichen Organisation etwas ganz anderes vor sich geht, als dass die Vorstellung gebildet ist. Das alles, was da parallel geht mit der Vorstellungsbildung, ist aber unbewusst. Das Gedächtnis wird unbewusst entwickelt. Nun haben wir Vorstellungen in uns aufgenommen. Diese Paralleltätigkeit hat gewirkt. Grob — man kann die Sache belegen, aber dazu ist jetzt nicht Zeit —, grob können Sie schon beobachten, wenn Sie sich nur einmal erinnern, wie es Ihnen selbst gegangen ist. Wenn Sie Gedichte auswendig gelernt haben, oder wenn Sie etwas memorieren sollten für ein Examen, wenn man einmal so recht ochsen muss, was macht man da alles noch nebenbei, neben dem, dass man die Vorstellung aufnimmt, damit die Geschichte haften bleibt! Da versucht man das, was unbewusst geschieht, mit dem Bewusstsein zu unterstützen. Es geht wirklich parallel eine Tätigkeit, und wie die Leute sich an die Stirne packen, wenn sie sich einpauken, was sie sich merken sollen, es ist eine Unterstützung dieser unterbewussten Tätigkeit.
[ 47 ] Solch eine Anschauung beruht nur darauf, dass man das wirkliche Seelenleben niemals beobachten gelernt hat in Wahrheit. Die Sache geht ganz anders vor sich. Während man sich etwas aneignet als Vorstellung, liegt im Bewusstsein nur die Tatsache dieses Aneignens der Vorstellung. Parallel geht mit dieser Tätigkeit eine andere, die unbewusst bleibt, die ganz anderer Art ist und die sich einschleicht in die menschliche Organisation und die da macht, dass in dieser menschlichen Organisation etwas ganz anderes vor sich geht, als dass die Vorstellung gebildet ist. Das alles, was da parallel geht mit der Vorstellungsbildung, ist aber unbewusst. Das Gedächtnis wird unbewusst entwickelt. Nun haben wir Vorstellungen in uns aufgenommen. Diese Paralleltätigkeit hat gewirkt. Grob — man kann die Sache belegen, aber dazu ist jetzt nicht Zeit —, grob können Sie schon beobachten, wenn Sie sich nur einmal erinnern, wie es Ihnen selbst gegangen ist. Wenn Sie Gedichte auswendig gelernt haben, oder wenn Sie etwas memorieren sollten für ein Examen, wenn man einmal so recht ochsen muss, was macht man da alles noch nebenbei, neben dem, dass man die Vorstellung aufnimmt, damit die Geschichte haften bleibt! Da versucht man das, was unbewusst geschieht, mit dem Bewusstsein zu unterstützen. Es geht wirklich parallel eine Tätigkeit, und wie die Leute sich an die Stirne packen, wenn sie sich einpauken, was sie sich merken sollen, es ist eine Unterstützung dieser unterbewussten Tätigkeit.
[ 48 ] Dasjenige, was wir uns aneignen als Vorstellung, das bleibt nicht, das ist vorübergehend. Dasjenige, was da unten ist, was da unten in der Organisation konfiguriert wird, zubereitet wird, das ist etwas, was man innerlich ebenso wahrnimmt, wie man äußere Dinge wahrnimmt; da bildet man die Vorstellung neu; das ist etwas anderes als Vorstellung. Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, ist die Vorstellung nach der inneren Abzeichnung neu zu bilden. Das ist der wahre Tatbestand.
[ 48 ] Dasjenige, was wir uns aneignen als Vorstellung, das bleibt nicht, das ist vorübergehend. Dasjenige, was da unten ist, was da unten in der Organisation konfiguriert wird, zubereitet wird, das ist etwas, was man innerlich ebenso wahrnimmt, wie man äußere Dinge wahrnimmt; da bildet man die Vorstellung neu; das ist etwas anderes als Vorstellung. Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, ist die Vorstellung nach der inneren Abzeichnung neu zu bilden. Das ist der wahre Tatbestand.
[ 49 ] Aber die Tätigkeit, die dem Gedächtnis zugrunde liegt, die bleibt unbewusst. Wird sie in das Bewusstsein so heraufgeholt, dass man in ihr wirkt, dass man bewusst dasjenige tut, was sonst der vorstellungsbildenden Tätigkeit parallelgeht, was man unterbewusst tut, was ist das? Das ist dieselbe Kraft, die man anwendet, [wenn] man imaginative Erkenntnis anwendet. Im Gedächtnis wendet man die imaginative Erkenntnis fortwährend an. Sie bildet den Organismus. Man dringt unter die Schwelle des Bewusstseins; man dringt in etwas ein, was man im Leben immer übt, was aber unbewusst bleibt. Und man kann immer tiefer eindringen. Dann erweitert sich das Gedächtnis. Dann bekommt man die Möglichkeit, auch den Geist in sich wirklich zu erfassen. Man bekommt die Möglichkeit — ich muss jetzt einen verhältnismäßig großen Sprung machen, weil ich Ergebnisse anzuführen habe —, man bekommt die Möglichkeit, das geschichtliche Werden zu verfolgen von rein geistigen Gesichtspunkten aus und Einblick zu gewinnen in den Sinn, in die tragenden Kräfte der Menschheitsentwicklung über die Erde hin. Mancherlei Gesetze zeigen sich da auf, die weit über das hinausgehen, was die äußere Betrachtung geben kann, die aber dasjenige, was der Mensch sonst im geschichtlichen Werden verträumt und verschläft, erst ins Bewusstsein hinaufheben. Dafür sei ein Beispiel angeführt.
[ 49 ] Aber die Tätigkeit, die dem Gedächtnis zugrunde liegt, die bleibt unbewusst. Wird sie in das Bewusstsein so heraufgeholt, dass man in ihr wirkt, dass man bewusst dasjenige tut, was sonst der vorstellungsbildenden Tätigkeit parallelgeht, was man unterbewusst tut, was ist das? Das ist dieselbe Kraft, die man anwendet, [wenn] man imaginative Erkenntnis anwendet. Im Gedächtnis wendet man die imaginative Erkenntnis fortwährend an. Sie bildet den Organismus. Man dringt unter die Schwelle des Bewusstseins; man dringt in etwas ein, was man im Leben immer übt, was aber unbewusst bleibt. Und man kann immer tiefer eindringen. Dann erweitert sich das Gedächtnis. Dann bekommt man die Möglichkeit, auch den Geist in sich wirklich zu erfassen. Man bekommt die Möglichkeit — ich muss jetzt einen verhältnismäßig großen Sprung machen, weil ich Ergebnisse anzuführen habe —, man bekommt die Möglichkeit, das geschichtliche Werden zu verfolgen von rein geistigen Gesichtspunkten aus und Einblick zu gewinnen in den Sinn, in die tragenden Kräfte der Menschheitsentwicklung über die Erde hin. Mancherlei Gesetze zeigen sich da auf, die weit über das hinausgehen, was die äußere Betrachtung geben kann, die aber dasjenige, was der Mensch sonst im geschichtlichen Werden verträumt und verschläft, erst ins Bewusstsein hinaufheben. Dafür sei ein Beispiel angeführt.
[ 50 ] Diese Geisteswissenschaft, die ich meine, die mit Imagination, mit Inspiration, mit Intuition arbeitet, die kann weiter zurückgehen, viel weiter, indem dasjenige, was als Gedächtnis erfasst wird, sich erweitert zum Gedächtnis der Menschheit und man wirklich schauen kann, was die Menschheit erlebt hat, indem man das Gedächtnis in sich erfasst und dann es fortsetzt. Es ist das allerdings eine Arbeit, schwerer als jede andere wissenschaftliche Arbeit, namentlich deshalb schwierig, weil man selbst hineinverwoben ist. Da kommt man zurück in noch ältere Epochen der Menschheitsentwicklung, als die ist, auf die ich hingedeutet habe. Ich habe auf die Epoche hingedeutet, die im siebten, achten Jahrhundert [vor Christus] begonnen hat und die ungefähr im fünfzehnten Jahrhundert aufgehört hat. Aber man kommt in ältere Zeiten zurück. In eine ganz alte Zeit kommt man zurück, die etwa gefolgt ist auf dasjenige, was die Geologie die Eiszeit nennt, was die verschiedenen Geologen die [Sintflut] nennen, was aber weiter zurückversetzt werden muss, als es gewöhnlich geschieht. Man kommt in alte Jahrtausende zurück. Da kommt man aber nicht zurück auf eine affenartige Menschheit. Das ist ein naturwissenschaftlicher Aberglaube. Sondern man kommt zurück auf eine Menschheit, die seelisch ganz anders geartet war.
[ 50 ] Diese Geisteswissenschaft, die ich meine, die mit Imagination, mit Inspiration, mit Intuition arbeitet, die kann weiter zurückgehen, viel weiter, indem dasjenige, was als Gedächtnis erfasst wird, sich erweitert zum Gedächtnis der Menschheit und man wirklich schauen kann, was die Menschheit erlebt hat, indem man das Gedächtnis in sich erfasst und dann es fortsetzt. Es ist das allerdings eine Arbeit, schwerer als jede andere wissenschaftliche Arbeit, namentlich deshalb schwierig, weil man selbst hineinverwoben ist. Da kommt man zurück in noch ältere Epochen der Menschheitsentwicklung, als die ist, auf die ich hingedeutet habe. Ich habe auf die Epoche hingedeutet, die im siebten, achten Jahrhundert [vor Christus] begonnen hat und die ungefähr im fünfzehnten Jahrhundert aufgehört hat. Aber man kommt in ältere Zeiten zurück. In eine ganz alte Zeit kommt man zurück, die etwa gefolgt ist auf dasjenige, was die Geologie die Eiszeit nennt, was die verschiedenen Geologen die [Sintflut] nennen, was aber weiter zurückversetzt werden muss, als es gewöhnlich geschieht. Man kommt in alte Jahrtausende zurück. Da kommt man aber nicht zurück auf eine affenartige Menschheit. Das ist ein naturwissenschaftlicher Aberglaube. Sondern man kommt zurück auf eine Menschheit, die seelisch ganz anders geartet war.
[ 51 ] Man kommt zurück in eine uralte Epoche der Erdentwicklung — gestatten Sie, dass ich ein heute so gewagtes Ergebnis der Geisteswissenschaft öffentlich ausspreche, aber man muss der Geisteswissenschaft gegenüber vorurteilslos sein, wenn man ihre Ergebnisse nicht als bloße Phantasterei ansehen will —, man kommt in eine alte Epoche zurück, von der kann Folgendes gesagt werden: Wenn wir jetzt einen Menschen in seiner Entwicklung anschauen, so bemerken wir dasjenige, was aus seiner körperlichen Entwicklung kommt. Das entwickelt sich in den ersten Kinderjahren, auch noch in den späteren Kinderjahren bis zur Geschlechtsreife, noch weiter hinauf. Und wenn man weitere Beobachtungsgabe hat, bemerkt man noch bis in die Zwanzigerjahre hinein, dass dasjenige, was in uns sich seelisch entwickelt, mitgeht mit der leiblichen, der körperhaften Entwicklung. Dann aber hört sie auf für uns. Dann sind wir nicht mehr so, dass wir so teilnehmen mit unserer seelischen Entwicklung, wie etwa das Kind am Zahnwechsel teilnimmt, am Wachstum teilnimmt, am Größerwerden, an der Geschlechtsreife. Dann geht der Körper und dann geht die Seele ihre eigenen Wege. Das charakterisiert gerade unsere Entwicklung vom 25. bis 30. Jahre an bis in das späteste Alter, dass wir nicht mehr teilnehmen mit der Seele an demjenigen, was der Leib entwickelt.
[ 51 ] Man kommt zurück in eine uralte Epoche der Erdentwicklung — gestatten Sie, dass ich ein heute so gewagtes Ergebnis der Geisteswissenschaft öffentlich ausspreche, aber man muss der Geisteswissenschaft gegenüber vorurteilslos sein, wenn man ihre Ergebnisse nicht als bloße Phantasterei ansehen will —, man kommt in eine alte Epoche zurück, von der kann Folgendes gesagt werden: Wenn wir jetzt einen Menschen in seiner Entwicklung anschauen, so bemerken wir dasjenige, was aus seiner körperlichen Entwicklung kommt. Das entwickelt sich in den ersten Kinderjahren, auch noch in den späteren Kinderjahren bis zur Geschlechtsreife, noch weiter hinauf. Und wenn man weitere Beobachtungsgabe hat, bemerkt man noch bis in die Zwanzigerjahre hinein, dass dasjenige, was in uns sich seelisch entwickelt, mitgeht mit der leiblichen, der körperhaften Entwicklung. Dann aber hört sie auf für uns. Dann sind wir nicht mehr so, dass wir so teilnehmen mit unserer seelischen Entwicklung, wie etwa das Kind am Zahnwechsel teilnimmt, am Wachstum teilnimmt, am Größerwerden, an der Geschlechtsreife. Dann geht der Körper und dann geht die Seele ihre eigenen Wege. Das charakterisiert gerade unsere Entwicklung vom 25. bis 30. Jahre an bis in das späteste Alter, dass wir nicht mehr teilnehmen mit der Seele an demjenigen, was der Leib entwickelt.
[ 52 ] Das war in dem ersten Zeitraum, den ich jetzt schildern will, der in alte Jahrtausende zurückgeht, anders. Da blieben die Seelen verbunden in ihrer Entwicklung bis in das höhere Alter hinauf mit der Leibesentwicklung. Da nahmen die Seelen teil bis in die Fünfzigerjahre des Menschen geradeso an dem, was im Leibe sich entwickelte, auch im Verfall des Leibes, wie heute nur beim Kinde, im Jünglings- und Jungfrauen-Alter das seelische Leben am leiblichen Leben teilnimmt. Dadurch erlebte der Mensch etwas, was man jetzt nicht mehr seelisch erleben kann. Wir erleben ja nicht mehr seelisch ohne Weiteres das Abnehmen, das Absinken unserer Leibesorganisation. Da sind wir schon herausgehoben aus dem Leibe. Da verläuft das Seelische in dem, was die Kultur darstellt. Da ist das Seelische nicht mehr abhängig von der Leibesorganisation. Fern in Asien, in Indien, da entwickelte sich in alten Zeiten die Menschheit, die so war, dass das seelisch-geistige Leben bis in die Fünfzigerjahre abhängig blieb von dem physisch-leiblichen Leben. Ein ganz andersartiges Erleben war das.
[ 52 ] Das war in dem ersten Zeitraum, den ich jetzt schildern will, der in alte Jahrtausende zurückgeht, anders. Da blieben die Seelen verbunden in ihrer Entwicklung bis in das höhere Alter hinauf mit der Leibesentwicklung. Da nahmen die Seelen teil bis in die Fünfzigerjahre des Menschen geradeso an dem, was im Leibe sich entwickelte, auch im Verfall des Leibes, wie heute nur beim Kinde, im Jünglings- und Jungfrauen-Alter das seelische Leben am leiblichen Leben teilnimmt. Dadurch erlebte der Mensch etwas, was man jetzt nicht mehr seelisch erleben kann. Wir erleben ja nicht mehr seelisch ohne Weiteres das Abnehmen, das Absinken unserer Leibesorganisation. Da sind wir schon herausgehoben aus dem Leibe. Da verläuft das Seelische in dem, was die Kultur darstellt. Da ist das Seelische nicht mehr abhängig von der Leibesorganisation. Fern in Asien, in Indien, da entwickelte sich in alten Zeiten die Menschheit, die so war, dass das seelisch-geistige Leben bis in die Fünfzigerjahre abhängig blieb von dem physisch-leiblichen Leben. Ein ganz andersartiges Erleben war das.
[ 53 ] Dann kam eine nächste Epoche der Erdenentwicklung, eine nächste historische Epoche. Da ging die Sache weiter zurück. Da waren die Menschen nur bis in die Vierzigerjahre hinein mit ihrem seelischen Leben Teilnehmer an ihrem leiblichen Leben. Dann kam eine weitere Epoche. Da waren die Menschen nur von der Mitte der DreiRigerjahre ab Teilnehmer an ihrem leiblichen Leben. Da war etwas ganz besonderes. Die älteren Ägypter, die älteren Chaldäer erlebten noch das. Und dieses besondere war, weil ja der Mensch nach dem 35. Lebensjahr absinkt, weil es da abwärtsgeht mit dem leiblichen Leben, da erlebte man noch seelisch dieses Abwärtsgehen mit. Dann ging der Zeitraum zu Ende.
[ 53 ] Dann kam eine nächste Epoche der Erdenentwicklung, eine nächste historische Epoche. Da ging die Sache weiter zurück. Da waren die Menschen nur bis in die Vierzigerjahre hinein mit ihrem seelischen Leben Teilnehmer an ihrem leiblichen Leben. Dann kam eine weitere Epoche. Da waren die Menschen nur von der Mitte der DreiRigerjahre ab Teilnehmer an ihrem leiblichen Leben. Da war etwas ganz besonderes. Die älteren Ägypter, die älteren Chaldäer erlebten noch das. Und dieses besondere war, weil ja der Mensch nach dem 35. Lebensjahr absinkt, weil es da abwärtsgeht mit dem leiblichen Leben, da erlebte man noch seelisch dieses Abwärtsgehen mit. Dann ging der Zeitraum zu Ende.
[ 54 ] Und dann kam der Zeitraum, von dem ich schon gesprochen habe: der Zeitraum, in dem sich das Griechentum, das Römertum entwickelte, dessen Nachwirkung bis in das fünfzehnte Jahrhundert hinein dauerte. Und in diesem Zeitraum blieben die Menschen mehr oder weniger Teilnehmer — man glaubt das heute nicht, weil man nicht mehr sinnvoll, mit innerem Anteil, mit einem schauenden Bewusstsein auf das eingeht, was sich in der Menschheitsentwicklung ergeben hat —, da waren die Menschen Teilnehmer im Seelisch-Geistigen ihres Leiblichen wenigstens bis in die Dreißigerjahre hinein. Damals begann, seit dem fünfzehnten — dem vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert, die Zeit, in der die Menschen nur mit ihrer leiblichen Organisation in dem geistig-seelischen Leben gehen bis zum Ende der Zwanzigerjahre. Da erlebt man nicht mehr dasjenige, was sinkendes Menschenleben ist. In der griechischen, der lateinischen Zeit erlebte man den Anfang der Dreißigerjahre, erlebte ihn im instinktiven Verstand. Jetzt schließt man das Miterleben des Leiblichen ab mit dem Erreichen der letzten Zwanzigerjahre.
[ 54 ] Und dann kam der Zeitraum, von dem ich schon gesprochen habe: der Zeitraum, in dem sich das Griechentum, das Römertum entwickelte, dessen Nachwirkung bis in das fünfzehnte Jahrhundert hinein dauerte. Und in diesem Zeitraum blieben die Menschen mehr oder weniger Teilnehmer — man glaubt das heute nicht, weil man nicht mehr sinnvoll, mit innerem Anteil, mit einem schauenden Bewusstsein auf das eingeht, was sich in der Menschheitsentwicklung ergeben hat —, da waren die Menschen Teilnehmer im Seelisch-Geistigen ihres Leiblichen wenigstens bis in die Dreißigerjahre hinein. Damals begann, seit dem fünfzehnten — dem vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert, die Zeit, in der die Menschen nur mit ihrer leiblichen Organisation in dem geistig-seelischen Leben gehen bis zum Ende der Zwanzigerjahre. Da erlebt man nicht mehr dasjenige, was sinkendes Menschenleben ist. In der griechischen, der lateinischen Zeit erlebte man den Anfang der Dreißigerjahre, erlebte ihn im instinktiven Verstand. Jetzt schließt man das Miterleben des Leiblichen ab mit dem Erreichen der letzten Zwanzigerjahre.
[ 55 ] Sie sehen, ein merkwürdiges historisches Gesetz! Die Menschheit geht zurück in Bezug auf ihr seelisches Erleben des Alters. Sie erlebt seelisch immer jüngere Leiblichkeiten als abschließend. Das ist eines der umfassendsten, der bedeutsamsten Gesetze des menschlichen Werdens. Während der einzelne Mensch immer älter wird, wird die Menschheit, wenn Sie das durchdenken, was ich gesagt habe, in Bezug auf ihr leibliches Leben immer jünger. Das heißt: Sie spürt nicht im seelischen Reflex das Altwerden; spürt es nur in der Wirkung; aber das, was in der Seele sich eigentlich auslebt, das war etwas ganz anderes früher. Das war etwas, was unmittelbar in die geistige Welt durch instinktive Erkenntnis hineinschauen ließ. Das aber muss nun wiederum in bewusster Weise von der Menschheit errungen werden. Man muss hineinschauen lernen in dasjenige, in das man nicht hineinschauen kann, weil die Menschheit heute nur das miterleben kann, was der Leib hergibt bis zum 27. Jahr.
[ 55 ] Sie sehen, ein merkwürdiges historisches Gesetz! Die Menschheit geht zurück in Bezug auf ihr seelisches Erleben des Alters. Sie erlebt seelisch immer jüngere Leiblichkeiten als abschließend. Das ist eines der umfassendsten, der bedeutsamsten Gesetze des menschlichen Werdens. Während der einzelne Mensch immer älter wird, wird die Menschheit, wenn Sie das durchdenken, was ich gesagt habe, in Bezug auf ihr leibliches Leben immer jünger. Das heißt: Sie spürt nicht im seelischen Reflex das Altwerden; spürt es nur in der Wirkung; aber das, was in der Seele sich eigentlich auslebt, das war etwas ganz anderes früher. Das war etwas, was unmittelbar in die geistige Welt durch instinktive Erkenntnis hineinschauen ließ. Das aber muss nun wiederum in bewusster Weise von der Menschheit errungen werden. Man muss hineinschauen lernen in dasjenige, in das man nicht hineinschauen kann, weil die Menschheit heute nur das miterleben kann, was der Leib hergibt bis zum 27. Jahr.
[ 56 ] Ich weiß, es ist ein gewagtes Ergebnis, das ich da ausspreche, von diesem Jüngerwerden der Menschheit, von diesem Nicht-Anteilnehmen des Seelisch-Geistigen in unmittelbarer Weise an dem Leiblichen. Aber es ist etwas, was den Anfang bildet einer wirklichen Geschichtserkenntnis. Denn diese wirkliche Geschichtserkenntnis, die wird auf dasjenige gehen, was sonst verschlafen wird. Man wird dasjenige, was im Laufe des geschichtlichen Werdens geschieht, erst in der richtigen Art einsehen, wenn man solche großen, umfassenden Gesetze zu würdigen vermag.
[ 56 ] Ich weiß, es ist ein gewagtes Ergebnis, das ich da ausspreche, von diesem Jüngerwerden der Menschheit, von diesem Nicht-Anteilnehmen des Seelisch-Geistigen in unmittelbarer Weise an dem Leiblichen. Aber es ist etwas, was den Anfang bildet einer wirklichen Geschichtserkenntnis. Denn diese wirkliche Geschichtserkenntnis, die wird auf dasjenige gehen, was sonst verschlafen wird. Man wird dasjenige, was im Laufe des geschichtlichen Werdens geschieht, erst in der richtigen Art einsehen, wenn man solche großen, umfassenden Gesetze zu würdigen vermag.
[ 57 ] Da darf ich wohl ein persönliches Erlebnis anführen. Die verehrten Zuhörer, die mir öfter zugehört haben, wissen, dass ich nur dann, wenn eine besondere Veranlassung da ist, von persönlichen Erlebnissen spreche. Dasjenige, was ich Ihnen jetzt angeführt habe von dem Jüngerwerden der Menschheit, von dem Einfluss, der auf die Menschheit dadurch ausgeübt wird, dass das GeistigSeelische nur das Leibliche in jüngeren Jahren miterlebt, von diesem Einflusse wusste ich dadurch, dass ich einmal eben die geisteswissenschaftliche Forschung auf diese Dinge lenkte. So ergab sich mir dieses Jüngerwerden der Menschheit. Und ich bin überzeugt, ich weiß es ganz bestimmt, derjenige, der eine geisteswissenschaftliche Methode anwendet, findet auf diese Weise ein historisches Gesetz, nicht ein solches, das so charakterisiert werden muss wie im Anfange des Vortrages. Da stellte sich mir heraus: Wie alt war dann eigentlich die Menschheit mit dem Miterleben des Leibes in der griechischen Zeit? Da ging das Miterleben bis in den Anfang der Dreißigerjahre. Da war ein mächtiger Umschwung. Denn da fängt der Mensch ja an, die absteigende Entwicklung zu haben. In alten Zeiten gab ihm das Bemerken dieses körperlichen Abstieges, dieser Rückentwicklung des Leiblichen, eine besondere Form der Geistigkeit. Diese Geistigkeit studieren wir, wenn wir die uralte Weisheit, die uralten Wissenschaften studieren.
[ 57 ] Da darf ich wohl ein persönliches Erlebnis anführen. Die verehrten Zuhörer, die mir öfter zugehört haben, wissen, dass ich nur dann, wenn eine besondere Veranlassung da ist, von persönlichen Erlebnissen spreche. Dasjenige, was ich Ihnen jetzt angeführt habe von dem Jüngerwerden der Menschheit, von dem Einfluss, der auf die Menschheit dadurch ausgeübt wird, dass das GeistigSeelische nur das Leibliche in jüngeren Jahren miterlebt, von diesem Einflusse wusste ich dadurch, dass ich einmal eben die geisteswissenschaftliche Forschung auf diese Dinge lenkte. So ergab sich mir dieses Jüngerwerden der Menschheit. Und ich bin überzeugt, ich weiß es ganz bestimmt, derjenige, der eine geisteswissenschaftliche Methode anwendet, findet auf diese Weise ein historisches Gesetz, nicht ein solches, das so charakterisiert werden muss wie im Anfange des Vortrages. Da stellte sich mir heraus: Wie alt war dann eigentlich die Menschheit mit dem Miterleben des Leibes in der griechischen Zeit? Da ging das Miterleben bis in den Anfang der Dreißigerjahre. Da war ein mächtiger Umschwung. Denn da fängt der Mensch ja an, die absteigende Entwicklung zu haben. In alten Zeiten gab ihm das Bemerken dieses körperlichen Abstieges, dieser Rückentwicklung des Leiblichen, eine besondere Form der Geistigkeit. Diese Geistigkeit studieren wir, wenn wir die uralte Weisheit, die uralten Wissenschaften studieren.
[ 58 ] Denken, habe ich gesagt, hängt mit Rückentwicklung zusammen. Als die Menschenseele die Rückentwicklung des Leibes noch in so hohem Grade mitmachte, entwickelte sie eine besondere Weisheit. Diese Weisheit ging verloren in dem Zeitraum, der mit dem siebten vorchristlichen Jahrhundert begann und im fünfzehnten Jahrhundert aufhörte. In diesem Zeitraum stand die Menschheit gewissermaßen, soweit sie uns jetzt interessiert, insofern wir selber drinnen stehen, in der Mitte der Entwicklung. Da drohte ihr, wenn nicht ein neuer Impuls in sie hereinschlug, dass ihr die geistigen Zusammenhänge mit dem Weltenall verloren gehen. Da trat ein Impuls ein.
[ 58 ] Denken, habe ich gesagt, hängt mit Rückentwicklung zusammen. Als die Menschenseele die Rückentwicklung des Leibes noch in so hohem Grade mitmachte, entwickelte sie eine besondere Weisheit. Diese Weisheit ging verloren in dem Zeitraum, der mit dem siebten vorchristlichen Jahrhundert begann und im fünfzehnten Jahrhundert aufhörte. In diesem Zeitraum stand die Menschheit gewissermaßen, soweit sie uns jetzt interessiert, insofern wir selber drinnen stehen, in der Mitte der Entwicklung. Da drohte ihr, wenn nicht ein neuer Impuls in sie hereinschlug, dass ihr die geistigen Zusammenhänge mit dem Weltenall verloren gehen. Da trat ein Impuls ein.
[ 59 ] Ich habe wahrhaftig, als ich dieses Jüngerwerden der Menschheit ins Auge fasste, zunächst nicht an diesen Impuls gedacht. Das ist erst später gekommen. Und so etwas gehört zu den erschütterndsten Ergebnissen geisteswissenschaftlicher Forschungen. Ich sagte mir: Der allgemeine Gang des menschlichen Werdens ergibt das, dass die Menschheit an eine Krisis angekommen war, wo ihr drohte, den Zusammenhang mit dem Geistigen zu verlieren. Was geschah in dieser Krisis? Ich kam erst darauf, nachdem ich die Erkenntnis hatte von dem Hergang. Das ist wichtig; und das muss ich hervorheben als persönliches Erlebnis. Da zeigte sich mir die Bedeutung des Mysteriums von Golgatha, das gerade in diesen Zeitraum hineinfällt; der neue Impuls, der der Menschheit einen neuen Anstoß gab. In wunderbarer Weise wird hineingestellt dieses Mysterium von Golgatha in die Geschichtsentwicklung der Menschheit.
[ 59 ] Ich habe wahrhaftig, als ich dieses Jüngerwerden der Menschheit ins Auge fasste, zunächst nicht an diesen Impuls gedacht. Das ist erst später gekommen. Und so etwas gehört zu den erschütterndsten Ergebnissen geisteswissenschaftlicher Forschungen. Ich sagte mir: Der allgemeine Gang des menschlichen Werdens ergibt das, dass die Menschheit an eine Krisis angekommen war, wo ihr drohte, den Zusammenhang mit dem Geistigen zu verlieren. Was geschah in dieser Krisis? Ich kam erst darauf, nachdem ich die Erkenntnis hatte von dem Hergang. Das ist wichtig; und das muss ich hervorheben als persönliches Erlebnis. Da zeigte sich mir die Bedeutung des Mysteriums von Golgatha, das gerade in diesen Zeitraum hineinfällt; der neue Impuls, der der Menschheit einen neuen Anstoß gab. In wunderbarer Weise wird hineingestellt dieses Mysterium von Golgatha in die Geschichtsentwicklung der Menschheit.
[ 60 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, nur bei besonderen Anlässen durchbreche ich dasjenige, was ja auch in dem Gebot ausgedrückt wird, dass man den Namen des Gottes nicht eitel zu nennen habe (2 Mos 20,7). Geisteswissenschaft führt zu den großen, religiösen Impulsen schon hin. Aber ich betrachte es als eine Verpflichtung, die religiösen Impulse pflegen zu lassen von denen, die dazu bestellt sind. Ich weiß, dass das, was durch Geisteswissenschaft errungen wird, auch die religiösen Impulse der Menschenseele vertieft. Dasjenige, was christliche Weltanschauung ist, es wird im höchsten Sinne gerade aus den geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen heraus gefunden. Aber man kann es den Leuten nicht recht machen. Würden sie finden, dass man immer wiederum in einer Weise, wie es ihnen nicht gefällt, auf die großen religiösen Inhalte des Werdens zu sprechen kommt, sie würden einem das zum Vorwurf machen. Finden sie, dass man das nicht tut, weil man es ihnen überlässt, weil man es vollbewusst nicht tut, weil man weiß, dass die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft sicher zur Vertiefung des religiösen Lebens führt, dann machen sie einem das auch zum Vorwurf. Dann sagen sie: Geisteswissenschaft redet ja nicht vom Christentum. Das sind die Missverständnisse — ich will es nur so nennen —, die man gerne gegen Geisteswissenschaft ins Feld führt. Redet man von irgendetwas, so bekommt man den Vorwurf für das, was man sagt. Redet man nicht davon, will man die anderen dazu für berufen halten, wird es so missverstanden, dass gesagt wird, Geisteswissenschaft habe kein Christentum, oder dergleichen.
[ 60 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, nur bei besonderen Anlässen durchbreche ich dasjenige, was ja auch in dem Gebot ausgedrückt wird, dass man den Namen des Gottes nicht eitel zu nennen habe (2 Mos 20,7). Geisteswissenschaft führt zu den großen, religiösen Impulsen schon hin. Aber ich betrachte es als eine Verpflichtung, die religiösen Impulse pflegen zu lassen von denen, die dazu bestellt sind. Ich weiß, dass das, was durch Geisteswissenschaft errungen wird, auch die religiösen Impulse der Menschenseele vertieft. Dasjenige, was christliche Weltanschauung ist, es wird im höchsten Sinne gerade aus den geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen heraus gefunden. Aber man kann es den Leuten nicht recht machen. Würden sie finden, dass man immer wiederum in einer Weise, wie es ihnen nicht gefällt, auf die großen religiösen Inhalte des Werdens zu sprechen kommt, sie würden einem das zum Vorwurf machen. Finden sie, dass man das nicht tut, weil man es ihnen überlässt, weil man es vollbewusst nicht tut, weil man weiß, dass die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft sicher zur Vertiefung des religiösen Lebens führt, dann machen sie einem das auch zum Vorwurf. Dann sagen sie: Geisteswissenschaft redet ja nicht vom Christentum. Das sind die Missverständnisse — ich will es nur so nennen —, die man gerne gegen Geisteswissenschaft ins Feld führt. Redet man von irgendetwas, so bekommt man den Vorwurf für das, was man sagt. Redet man nicht davon, will man die anderen dazu für berufen halten, wird es so missverstanden, dass gesagt wird, Geisteswissenschaft habe kein Christentum, oder dergleichen.
[ 61 ] Dasjenige, was ich soeben angeführt habe, dass gerade an einem wichtigen Punkte der Menschheitsentwicklung hingestellt wird dieses Ereignis von den ganzen kosmischen Weltenzusammenhängen, das gehört tatsächlich zu dem Erschütterndsten, wenn man es so erlebt, wie ich es erlebt habe, — lassen Sie mich dieses Persönliche anführen — ganz ungesucht erlebt habe. Ich wollte nur, meine sehr verehrten Anwesenden, sozusagen den Anfang einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung des Weltenwerdens Ihnen anführen.
[ 61 ] Dasjenige, was ich soeben angeführt habe, dass gerade an einem wichtigen Punkte der Menschheitsentwicklung hingestellt wird dieses Ereignis von den ganzen kosmischen Weltenzusammenhängen, das gehört tatsächlich zu dem Erschütterndsten, wenn man es so erlebt, wie ich es erlebt habe, — lassen Sie mich dieses Persönliche anführen — ganz ungesucht erlebt habe. Ich wollte nur, meine sehr verehrten Anwesenden, sozusagen den Anfang einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung des Weltenwerdens Ihnen anführen.
[ 62 ] Instinktiv, aus einem gewissen Ahnen heraus, ist gerade in unserer mitteleuropäischen Entwicklung das zutage getreten, was tiefer in das Geschichtliche hineinwill. Da braucht man sich nur zu fragen: Wie nimmt denn die einzelne Menschenseele an diesem ausgespannten geschichtlichen Werden teil? Ich habe es gestern erwähnt, wie man, wenn man das Denken auf der einen Seite betrachtet, das Wollen auf der anderen Seite betrachtet, mit dem, was sich in der Überentwicklung der menschlichen Sexualorganisation zum Ausdruck bringt, wie das hinführt die geisteswissenschaftliche Betrachtung zu dem Ewigen in der Seele, zu dem, was vor der Geburt oder Empfängnis in der geistigen Welt lebt, zu dem, was durch die Pforte des Todes tritt.
[ 62 ] Instinktiv, aus einem gewissen Ahnen heraus, ist gerade in unserer mitteleuropäischen Entwicklung das zutage getreten, was tiefer in das Geschichtliche hineinwill. Da braucht man sich nur zu fragen: Wie nimmt denn die einzelne Menschenseele an diesem ausgespannten geschichtlichen Werden teil? Ich habe es gestern erwähnt, wie man, wenn man das Denken auf der einen Seite betrachtet, das Wollen auf der anderen Seite betrachtet, mit dem, was sich in der Überentwicklung der menschlichen Sexualorganisation zum Ausdruck bringt, wie das hinführt die geisteswissenschaftliche Betrachtung zu dem Ewigen in der Seele, zu dem, was vor der Geburt oder Empfängnis in der geistigen Welt lebt, zu dem, was durch die Pforte des Todes tritt.
[ 63 ] Es ergibt sich dadurch noch ein anderes. Dasjenige, was sich verbindet mit unserer physischen Organisation, dasjenige, was aus der geistigen Welt herunterkommt, indem wir empfangen, indem wir geboren werden, das ist ja innig verwandt — ich habe es heute schon ausgesprochen mit dem, was durch unseren ganzen Lebenslauf hindurchwirkt und uns zum einheitlichen, lebendigen Menschen erst macht, innig mit dem verwandt, was aus den Tiefen unserer Seele als Gedächtnis wirkt. Vertieft man sich nun nicht nur in die Tatsache, die ich gestern erwähnte, dass das Denken als Inspiration erfasst wird, sondern in das, was sich da verbindet mit unserer Leibesorganisation, was aus dieser Inspiration erfließend mit unserem Gedächtnis und mit unserem Wachstum zusammengeht, dann findet man nicht nur, dass man hinüberkommt aus einem geistig-seelischen Erleben, bevor man das leibliche Erleben angetreten hat, mit dem, was wir im Leben entwickeln, sondern dass in dem, was durch die Pforte des Todes geht, liegt die Begierde, ein Menschenleben wieder zu beginnen, nachdem die Seele durch ein rein geistiges Leben gegangen ist, und eben in dem, was nicht nur inspirierend in uns wirkt, sondern bildend auf uns wirkt, was nicht nur aus einem geistig-seelischen Erleben vor der Geburt herkommt, sondern was aus früheren Erdenleben herauskommt. Wirkliche Anschauung früherer Erdenleben, berechtigter Ausblick auf zukünftige Erdenleben geht aus Imagination, Inspiration, Intuition hervor.
[ 63 ] Es ergibt sich dadurch noch ein anderes. Dasjenige, was sich verbindet mit unserer physischen Organisation, dasjenige, was aus der geistigen Welt herunterkommt, indem wir empfangen, indem wir geboren werden, das ist ja innig verwandt — ich habe es heute schon ausgesprochen mit dem, was durch unseren ganzen Lebenslauf hindurchwirkt und uns zum einheitlichen, lebendigen Menschen erst macht, innig mit dem verwandt, was aus den Tiefen unserer Seele als Gedächtnis wirkt. Vertieft man sich nun nicht nur in die Tatsache, die ich gestern erwähnte, dass das Denken als Inspiration erfasst wird, sondern in das, was sich da verbindet mit unserer Leibesorganisation, was aus dieser Inspiration erfließend mit unserem Gedächtnis und mit unserem Wachstum zusammengeht, dann findet man nicht nur, dass man hinüberkommt aus einem geistig-seelischen Erleben, bevor man das leibliche Erleben angetreten hat, mit dem, was wir im Leben entwickeln, sondern dass in dem, was durch die Pforte des Todes geht, liegt die Begierde, ein Menschenleben wieder zu beginnen, nachdem die Seele durch ein rein geistiges Leben gegangen ist, und eben in dem, was nicht nur inspirierend in uns wirkt, sondern bildend auf uns wirkt, was nicht nur aus einem geistig-seelischen Erleben vor der Geburt herkommt, sondern was aus früheren Erdenleben herauskommt. Wirkliche Anschauung früherer Erdenleben, berechtigter Ausblick auf zukünftige Erdenleben geht aus Imagination, Inspiration, Intuition hervor.
[ 64 ] Ich kann das nur andeuten; die Zeit reicht nicht aus zu einer genaueren Charakterisierung. Aber wenn man hineinschaut in dieses individuelle Menschenleben, wie es durch wiederholte Erdendaseine hindurchgeht, dann findet man ein Konkretes im geschichtlichen Werden noch ganz besonders ausgedrückt. Der Mensch nimmt ja teil an diesen verschiedenen Ausgestaltungen, die ich geschildert habe. Er geht wiederholt durch die Kulturen der Erde hindurch. Er trägt selbst als Seele aus der einen Epoche in die andere hinüber dasjenige, was sich dort ausgebildet hat. Unbewusst trägt der Mensch in dieser jetzigen Epoche, wo sich neu ausbildet die Bewusstseinsseele, aus der früheren Epoche, wo die instinktive Seele instinktiv durch den Verstand gewirkt hat und wo die Seelen, die jetzt leben, schon einmal da waren, unbewusst trägt der Mensch das hinüber und gestaltet es jetzt aus. Man begreift jetzt ganz, worin der Geschichtstraum besteht, wie mitwirken diese Menschenseelen, die von Epoche zu Epoche sich hinüberleben, die immer wiederkehren.
[ 64 ] Ich kann das nur andeuten; die Zeit reicht nicht aus zu einer genaueren Charakterisierung. Aber wenn man hineinschaut in dieses individuelle Menschenleben, wie es durch wiederholte Erdendaseine hindurchgeht, dann findet man ein Konkretes im geschichtlichen Werden noch ganz besonders ausgedrückt. Der Mensch nimmt ja teil an diesen verschiedenen Ausgestaltungen, die ich geschildert habe. Er geht wiederholt durch die Kulturen der Erde hindurch. Er trägt selbst als Seele aus der einen Epoche in die andere hinüber dasjenige, was sich dort ausgebildet hat. Unbewusst trägt der Mensch in dieser jetzigen Epoche, wo sich neu ausbildet die Bewusstseinsseele, aus der früheren Epoche, wo die instinktive Seele instinktiv durch den Verstand gewirkt hat und wo die Seelen, die jetzt leben, schon einmal da waren, unbewusst trägt der Mensch das hinüber und gestaltet es jetzt aus. Man begreift jetzt ganz, worin der Geschichtstraum besteht, wie mitwirken diese Menschenseelen, die von Epoche zu Epoche sich hinüberleben, die immer wiederkehren.
[ 65 ] Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben ist instinktiv dieser Gedanke aufgetaucht. Noch ist er nicht ausgebildet. Geisteswissenschaft ist dazu berufen, ihn auszubilden. Die Pedanten oder die «sehr gescheiten Leute» — unter Anführungszeichen sage ich das —, die sagen: Nun, der Lessing hat ja manches Großartige geleistet; dann ist er alt geworden, dann hat er so etwas geschrieben wie seine «Erziehung des Menschengeschlechts», in der er diesen Traum von den wiederholten Erdenleben anführt. Es ist leicht, schulmeisterlich gescheiter zu sein als ein so tief in die menschlichen Geheimnisse eindringender Mensch, wie Lessing es war, wenn man dazu die nötige Gesinnung, die nötige schofle Gesinnung hat. Lessing hat damals etwas Großes, Gewaltiges getan. Er hat, wenn auch laienhaft und dilettantisch, schon hingewiesen darauf, wie innere Kräfte das Menschenwerden lenken, das Menschheitswerden lenken. Er sagt: Einmal war eine Zeit, wo die Menschheit erzogen wurde in einer bestimmten Weise. Dann kam eine Zeit, wo die Menschheit anders erzogen wurde. Jetzt ist die Zeit, wo die Selbsterziehung beginnt. — Er ahnte etwas von den aufeinanderfolgenden Epochen, wie es auch Karl Lamprecht ahnte. Lessing ahnte mehr, indem er darauf hinwies, dass die Kräfte der einen Epoche in die folgenden Epochen hinübergetragen werden durch die sich immer wieder verkörpernden Menschenseelen. Gewiss, der Einwand ist leicht zu machen, warum die Menschenseelen sich dann nicht an die früheren Epochen erinnern. Das ist dasselbe, wie wenn man sagen würde: Da ist ein vierjähriges Kind, es kann nicht rechnen; also kann der Mensch nicht rechnen. Die Erinnerung der früheren Erdenleben ist etwas, was erst durch Erkenntnisse angeeignet wird, wie ich sie gestern angeführt habe. Aber ohne diese Erkenntnisse dringt man nicht hinein in dasjenige, was als Geschichte geträumt wird. Das ist das, was die Menschheit durchschauen muss, was innig zusammenhängt mit der Gegenwartsentwicklung der Menschheit.
[ 65 ] Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben ist instinktiv dieser Gedanke aufgetaucht. Noch ist er nicht ausgebildet. Geisteswissenschaft ist dazu berufen, ihn auszubilden. Die Pedanten oder die «sehr gescheiten Leute» — unter Anführungszeichen sage ich das —, die sagen: Nun, der Lessing hat ja manches Großartige geleistet; dann ist er alt geworden, dann hat er so etwas geschrieben wie seine «Erziehung des Menschengeschlechts», in der er diesen Traum von den wiederholten Erdenleben anführt. Es ist leicht, schulmeisterlich gescheiter zu sein als ein so tief in die menschlichen Geheimnisse eindringender Mensch, wie Lessing es war, wenn man dazu die nötige Gesinnung, die nötige schofle Gesinnung hat. Lessing hat damals etwas Großes, Gewaltiges getan. Er hat, wenn auch laienhaft und dilettantisch, schon hingewiesen darauf, wie innere Kräfte das Menschenwerden lenken, das Menschheitswerden lenken. Er sagt: Einmal war eine Zeit, wo die Menschheit erzogen wurde in einer bestimmten Weise. Dann kam eine Zeit, wo die Menschheit anders erzogen wurde. Jetzt ist die Zeit, wo die Selbsterziehung beginnt. — Er ahnte etwas von den aufeinanderfolgenden Epochen, wie es auch Karl Lamprecht ahnte. Lessing ahnte mehr, indem er darauf hinwies, dass die Kräfte der einen Epoche in die folgenden Epochen hinübergetragen werden durch die sich immer wieder verkörpernden Menschenseelen. Gewiss, der Einwand ist leicht zu machen, warum die Menschenseelen sich dann nicht an die früheren Epochen erinnern. Das ist dasselbe, wie wenn man sagen würde: Da ist ein vierjähriges Kind, es kann nicht rechnen; also kann der Mensch nicht rechnen. Die Erinnerung der früheren Erdenleben ist etwas, was erst durch Erkenntnisse angeeignet wird, wie ich sie gestern angeführt habe. Aber ohne diese Erkenntnisse dringt man nicht hinein in dasjenige, was als Geschichte geträumt wird. Das ist das, was die Menschheit durchschauen muss, was innig zusammenhängt mit der Gegenwartsentwicklung der Menschheit.
[ 66 ] Große Fragen treten heute vor unsere Seele. Die Frage: Wie ist die Konfiguration der Menschenseelen im Osten? Wie ist sie in unserer Mitte? Wie im Westen? Eine Geschichtswissenschaft haben wir nur vor uns, welche so irrt, wie ich es im Anfang dargestellt habe. Eine Geschichtswissenschaft brauchen wir, welche in die tieferen Kräfte des menschlichen Seelenwesens hineindringt, welche das heraufholt ins Bewusstsein, was sonst verträumt, verschlafen wird. Wenn Imagination und Inspiration hinuntertauchen werden in das sonst schlafende Geschichtserleben, dann wird man erkennen, was von Mensch zu Mensch im sozialen Dasein wirkt. Dann wird etwas anderes heraufkommen als dasjenige, was die letzten Jahrhunderte an sozialen Gesetzen oder dergleichen heraufgebracht haben. Dann wird dasjenige heraufkommen, was dem Leben, der Wirklichkeit gewachsen ist. Heute, heute erleben die Menschen in merkwürdiger Weise Geschichte. Nun ja, zum Schlusse — es dauert nur einige Minuten — möchte ich ein paar Beispiele dafür noch anführen.
[ 66 ] Große Fragen treten heute vor unsere Seele. Die Frage: Wie ist die Konfiguration der Menschenseelen im Osten? Wie ist sie in unserer Mitte? Wie im Westen? Eine Geschichtswissenschaft haben wir nur vor uns, welche so irrt, wie ich es im Anfang dargestellt habe. Eine Geschichtswissenschaft brauchen wir, welche in die tieferen Kräfte des menschlichen Seelenwesens hineindringt, welche das heraufholt ins Bewusstsein, was sonst verträumt, verschlafen wird. Wenn Imagination und Inspiration hinuntertauchen werden in das sonst schlafende Geschichtserleben, dann wird man erkennen, was von Mensch zu Mensch im sozialen Dasein wirkt. Dann wird etwas anderes heraufkommen als dasjenige, was die letzten Jahrhunderte an sozialen Gesetzen oder dergleichen heraufgebracht haben. Dann wird dasjenige heraufkommen, was dem Leben, der Wirklichkeit gewachsen ist. Heute, heute erleben die Menschen in merkwürdiger Weise Geschichte. Nun ja, zum Schlusse — es dauert nur einige Minuten — möchte ich ein paar Beispiele dafür noch anführen.
[ 67 ] Ein Mensch, Johann Heinrich Lambert, er ist in einer süddeutschen Stadt geboren im achtzehnten Jahrhundert. Im neunzehnten Jahrhundert, ungefähr in den Vierzigerjahren, hat man diesem Manne in dieser süddeutschen Stadt ein Denkmal gesetzt. Auf dem Denkmal ist die Himmelskugel, zum Zeichen dafür, dass dieser Mann eingedrungen ist in die Gesetze des Himmels, so wie man im achtzehnten Jahrhundert eindringen konnte. Es ist wenig davon bekannt geworden. Er ist tiefer eingedrungen, als die Kant-Laplace’sche Theorie das ergibt. In den Vierzigerjahren hat die süddeutsche Geburtsstadt diesem Manne ein Denkmal gesetzt. Hundert Jahre früher hat der Vater, nachdem einige Menschen ihn darauf aufmerksam gemacht haben, dass der 14-jährige Sohn ein sehr begabter Junge ist, der unterstützt werden sollte, eine Unterstützung beantragt. Da hat die erhabene Stadt 40 Franken gegeben! 40 Franken, aber unter der Bedingung, dass er sich trollt und nicht wiederkommt! Hundert Jahre danach, nach dieser Tat — so ist es im geschichtlichen Werden — wurde das Denkmal gesetzt.
[ 67 ] Ein Mensch, Johann Heinrich Lambert, er ist in einer süddeutschen Stadt geboren im achtzehnten Jahrhundert. Im neunzehnten Jahrhundert, ungefähr in den Vierzigerjahren, hat man diesem Manne in dieser süddeutschen Stadt ein Denkmal gesetzt. Auf dem Denkmal ist die Himmelskugel, zum Zeichen dafür, dass dieser Mann eingedrungen ist in die Gesetze des Himmels, so wie man im achtzehnten Jahrhundert eindringen konnte. Es ist wenig davon bekannt geworden. Er ist tiefer eingedrungen, als die Kant-Laplace’sche Theorie das ergibt. In den Vierzigerjahren hat die süddeutsche Geburtsstadt diesem Manne ein Denkmal gesetzt. Hundert Jahre früher hat der Vater, nachdem einige Menschen ihn darauf aufmerksam gemacht haben, dass der 14-jährige Sohn ein sehr begabter Junge ist, der unterstützt werden sollte, eine Unterstützung beantragt. Da hat die erhabene Stadt 40 Franken gegeben! 40 Franken, aber unter der Bedingung, dass er sich trollt und nicht wiederkommt! Hundert Jahre danach, nach dieser Tat — so ist es im geschichtlichen Werden — wurde das Denkmal gesetzt.
[ 68 ] Solche Dinge, meine sehr verehrten Anwesenden, leben sich ja in der Menschheitsentwicklung immer wieder und wiederum aus. Sie erinnern sich, dass ich aus bestimmten Gründen am Beginn dieses Weltkrieges gerade hier in dieser Stadt öfter aufmerksam gemacht habe auf einen tief-bedeutsamen Denker, der hier gelebt hat, auf Karl Christian Planck. Ich habe dazumal auf ihn hingewiesen, und in meinen Büchern schon viel früher. Jetzt erlebt man es, dass auf ihn hingewiesen wird. Aber so war mein damaliges Hinweisen nicht gemeint. Planck würde, wenn er heute lebte, unter den Verhältnissen, die nun anders sind, auch dasjenige, was er in den Achtzigerjahren ausgesprochen hat, wieder anders aussprechen. Im brennenden Miterleben mit der Wirklichkeit drückt sich allein dasjenige aus, was man in der Menschheit braucht, nicht bloß in der rückschauenden Betrachtung. Weil da manche Leute glauben, man brauche neue Einschläge, so glauben sie, dass ein Mensch, der als genialer, tiefsinniger Mensch in den Achtzigerjahren etwas ausgesprochen hat, das heute noch ebenso aussprechen würde. Man ehrt das Andenken solcher Menschen, wenn man in ihrem Geiste fortwirkt, wenn man sich fragt: Wie würden sie heute sprechen aus dem großen Geiste heraus, aus dem sie dazumal gesprochen haben?
[ 68 ] Solche Dinge, meine sehr verehrten Anwesenden, leben sich ja in der Menschheitsentwicklung immer wieder und wiederum aus. Sie erinnern sich, dass ich aus bestimmten Gründen am Beginn dieses Weltkrieges gerade hier in dieser Stadt öfter aufmerksam gemacht habe auf einen tief-bedeutsamen Denker, der hier gelebt hat, auf Karl Christian Planck. Ich habe dazumal auf ihn hingewiesen, und in meinen Büchern schon viel früher. Jetzt erlebt man es, dass auf ihn hingewiesen wird. Aber so war mein damaliges Hinweisen nicht gemeint. Planck würde, wenn er heute lebte, unter den Verhältnissen, die nun anders sind, auch dasjenige, was er in den Achtzigerjahren ausgesprochen hat, wieder anders aussprechen. Im brennenden Miterleben mit der Wirklichkeit drückt sich allein dasjenige aus, was man in der Menschheit braucht, nicht bloß in der rückschauenden Betrachtung. Weil da manche Leute glauben, man brauche neue Einschläge, so glauben sie, dass ein Mensch, der als genialer, tiefsinniger Mensch in den Achtzigerjahren etwas ausgesprochen hat, das heute noch ebenso aussprechen würde. Man ehrt das Andenken solcher Menschen, wenn man in ihrem Geiste fortwirkt, wenn man sich fragt: Wie würden sie heute sprechen aus dem großen Geiste heraus, aus dem sie dazumal gesprochen haben?
[ 69 ] Heute fordert die Zeit, dass man in die tiefen Unterlagen des menschheitlichen Werdens hineinsieht gerade auf geschichtlichem Gebiete. Dann werden nicht mehr Urteile herauskommen, wie ich sie am Beginn des Vortrages angeführt habe. Dann werden auch nicht vage Prophetien ausgesprochen werden. Aber das geschichtliche Leben wird so ausgesprochen werden, dass wir mit unserem Gefühl, das sonst in Träumen verfließt, wenn wir es brauchen, der Wirklichkeit gegenüberstehen; dass wir gerade mit den tieferen Kräften, nicht mit den intellektuellen Kräften, uns der Wirklichkeit gegenüberstellen; dass wir gewachsen sind dem, was als Anforderung an uns herantritt. Und groß und gewaltig sind die Anforderungen der Gegenwart. Kennen müssen wir, was vom Osten bis zum Westen in der Menschheit pulsiert, was sich heute auslebt. Gewachsen müssen wir werden dieser Wirklichkeit, die so furchtbar an unsere Türen pocht. Aufnehmen müssen wir geschichtliche Gesetze, die nicht enthalten sind in den Gesetzen heute, solche Gesetze, die tiefer hinunterdringen als bloß intellektuell, als bloß in das Verständnis, das in der Naturwissenschaft so große Errungenschaften hervorgebracht hat, aber nicht das soziale, das politische, das geschichtliche, das menschlich-sittliche Leben erfassen kann.
[ 69 ] Heute fordert die Zeit, dass man in die tiefen Unterlagen des menschheitlichen Werdens hineinsieht gerade auf geschichtlichem Gebiete. Dann werden nicht mehr Urteile herauskommen, wie ich sie am Beginn des Vortrages angeführt habe. Dann werden auch nicht vage Prophetien ausgesprochen werden. Aber das geschichtliche Leben wird so ausgesprochen werden, dass wir mit unserem Gefühl, das sonst in Träumen verfließt, wenn wir es brauchen, der Wirklichkeit gegenüberstehen; dass wir gerade mit den tieferen Kräften, nicht mit den intellektuellen Kräften, uns der Wirklichkeit gegenüberstellen; dass wir gewachsen sind dem, was als Anforderung an uns herantritt. Und groß und gewaltig sind die Anforderungen der Gegenwart. Kennen müssen wir, was vom Osten bis zum Westen in der Menschheit pulsiert, was sich heute auslebt. Gewachsen müssen wir werden dieser Wirklichkeit, die so furchtbar an unsere Türen pocht. Aufnehmen müssen wir geschichtliche Gesetze, die nicht enthalten sind in den Gesetzen heute, solche Gesetze, die tiefer hinunterdringen als bloß intellektuell, als bloß in das Verständnis, das in der Naturwissenschaft so große Errungenschaften hervorgebracht hat, aber nicht das soziale, das politische, das geschichtliche, das menschlich-sittliche Leben erfassen kann.
[ 70 ] Das hat Goethe gefühlt. Er hat nicht nur ausgesprochen einen Eindruck, den die geschichtliche Erkenntnis auf ihn machte damals, sondern er hat auch ausgesprochen ein Sollen, etwas, was sein soll. Auf ihn hat die Geschichte den Eindruck gemacht, dass ihr Bestes nicht die abstrakten Gesetze sind, sondern die Impulse, die in unser Gefühl, in unseren Enthusiasmus hineindringen. Dasjenige, was die Menschen verträumen, es wird sich durch Imagination, Inspiration, Intuition heraufheben lassen. Die werden sich wieder real senken in unsere Gefühle, in unseren Enthusiasmus. Wir werden, nicht prophetisch, nicht mystisch vage, aber so, dass, wenn die Wirklichkeit an uns herantritt, wir innerlich durchdrungen von diesen Impulsen an diese Wirklichkeit herandringen können, wir werden Geschichte so betrachten können in Zukunft, dass sie geistige Gesetze schafft, nicht solche, die sie schon hat; Gesetze, die eindringen in die menschliche Seele bis zum Enthusiasmus, der aber der Wirklichkeit gewachsen ist.
[ 70 ] Das hat Goethe gefühlt. Er hat nicht nur ausgesprochen einen Eindruck, den die geschichtliche Erkenntnis auf ihn machte damals, sondern er hat auch ausgesprochen ein Sollen, etwas, was sein soll. Auf ihn hat die Geschichte den Eindruck gemacht, dass ihr Bestes nicht die abstrakten Gesetze sind, sondern die Impulse, die in unser Gefühl, in unseren Enthusiasmus hineindringen. Dasjenige, was die Menschen verträumen, es wird sich durch Imagination, Inspiration, Intuition heraufheben lassen. Die werden sich wieder real senken in unsere Gefühle, in unseren Enthusiasmus. Wir werden, nicht prophetisch, nicht mystisch vage, aber so, dass, wenn die Wirklichkeit an uns herantritt, wir innerlich durchdrungen von diesen Impulsen an diese Wirklichkeit herandringen können, wir werden Geschichte so betrachten können in Zukunft, dass sie geistige Gesetze schafft, nicht solche, die sie schon hat; Gesetze, die eindringen in die menschliche Seele bis zum Enthusiasmus, der aber der Wirklichkeit gewachsen ist.
[ 71 ] Nicht nur, was Goethe dazumal sagte, ist wahr; wahr ist noch, was heute ausgesprochen werden kann. Denn heute gilt es: Geschichte muss werden dasjenige, was als Bestes für das Leben der menschlichen Seele erzeugt den Enthusiasmus für das rechte, das wahrhaftige, volle Ergreifen der Wirklichkeit. Das Wertvollste an der Zukunftsgeschichte wird sein der Enthusiasmus, den sie in der Menschenseele erzeugt.
[ 71 ] Nicht nur, was Goethe dazumal sagte, ist wahr; wahr ist noch, was heute ausgesprochen werden kann. Denn heute gilt es: Geschichte muss werden dasjenige, was als Bestes für das Leben der menschlichen Seele erzeugt den Enthusiasmus für das rechte, das wahrhaftige, volle Ergreifen der Wirklichkeit. Das Wertvollste an der Zukunftsgeschichte wird sein der Enthusiasmus, den sie in der Menschenseele erzeugt.
