The Human Being as a
Spirit and Soul Being
GA 71b
25 April 1918, Nuremberg
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The Human Being as a Spirit and Soul Being, tr. SOL
9. Die Rätsel des geschichtlichen Lebens der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
9. The Mysteries of Humanity’s Historical Life According to the Findings of the Spiritual Sciences
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Aus einem tiefen Gefühle heraus, das gegründet war auf Menschen- und Menschheitsbeobachtung, hat Goethe ein kurzes, zusammenfassendes, bedeutsames Urteil gefällt in den Worten: Das Wertvollste an der Geschichte ist der Enthusiasmus, den sie erregt.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! Drawing on a deep insight rooted in his observation of people and humanity, Goethe offered a brief, succinct, and significant assessment in the following words: “The most valuable thing about history is the enthusiasm it inspires.”
[ 2 ] Man darf sagen: Das Urteil einer Persönlichkeit, die so tief wie Goethe hineingeschaut hat in das menschliche Leben, über das geschichtliche Erkennen — denn darauf ist es ja zunächst gerichtet —, dies kann recht bedenklich stimmen. Denn scheint es doch, als ob Goethe meinte, nicht dasjenige, was man an Erkenntnissen über das Werden der menschlichen Geschichte erwerben kann, sei das Wertvolle, das Bedeutungsvolle in der Geschichte, sondern die Gefühlsmotive, der Enthusiasmus — wie er sich ausdrückt —, den die Geschichte erregt.
[ 2 ] It is fair to say that the judgment of a figure who, like Goethe, has looked so deeply into human life—regarding historical understanding, for that is what it is primarily directed at—can give one cause for serious concern. For it does seem as though Goethe believed that what is valuable and significant in history is not the knowledge one can acquire about the development of human history, but rather the emotional impulses, the enthusiasm—as he puts it—that history arouses.
[ 3 ] Und in der Tat, mancherlei, auf das man sich gedrängt fühlt, näher einzugehen gegenüber dem, was man so geschichtliche Erkenntnis nennt, es führt gar sehr zu einer merkwürdigen Erhärtung des Goethe’sehen Urteils. Man braucht sich nur zu erinnern, als dieses katastrophale Ereignis, in das die Menschheit der Erde gegenwärtig hineingestellt ist, begann, da haben eine Reihe von Leuten — es waren ihrer gar nicht wenige —, sie haben geglaubt, aus guten geschichtlichen Unterlagen heraus zu urteilen, die geglaubt haben, insbesondere aus dem Bilde der wirtschaftlichen und sonstigen, auch materiellen Motive der Weltgeschichte sich ein Urteil, das begründet ist, erlauben zu können; sie haben damals die Ansicht gewonnen, dieser Krieg könne höchstens vier bis sechs Monate dauern. Und man darf wohl sagen: Das Urteil, das so gefällt worden ist, es ist nicht eigentlich töricht. Man kann nicht einmal sagen, dass es kurzsichtig war in Gemäßheit der geschichtlichen Motive, die die Menschheit gewohnt ist anzuwenden, wenn sie ihre eigene Geschichte im Erdenwerden betrachtet. Und dennoch — der Wirklichkeit gegenüber, den Ereignissen gegenüber, was war dieses gut begründete Geschichtsurteil?
[ 3 ] And indeed, certain matters that one feels compelled to examine more closely in light of what is commonly referred to as historical knowledge actually serve to reinforce Goethe’s judgment in a remarkable way. One need only recall that when this catastrophic event—in which humanity is currently embroiled—began, a number of people—and there were quite a few of them— believed they were judging on the basis of sound historical evidence; they believed, in particular, that they could form a well-founded judgment based on the picture of the economic and other, including material, motives of world history; at that time, they came to the conclusion that this war could last no more than four to six months. And one may well say: The judgment that was thus made is not actually foolish. One cannot even say that it was short-sighted in light of the historical motives that humanity is accustomed to applying when considering its own history on Earth. And yet—in the face of reality, in the face of events—what was this well-founded historical judgment?
[ 4 ] Oder nehmen wir einen anderen Fall, der bei einer wahrhaftig nicht unbedeutenden Persönlichkeit eintrat. Es ist zwar jetzt schon lange her, aber die Sache kann noch immer erwähnt werden. Der Fall trat ein bei einer Persönlichkeit, die Geschichtsprofessor an einer Universität war. Diese Persönlichkeit hielt eine geistvolle Antrittsrede. In dieser Antrittsrede sagte die betreffende Persönlichkeit, dass sich ihr ergeben habe aus der Betrachtung des historischen Werdeganges der Menschheit, dass die Völker der europäischen Staaten in der Zukunft eine große, mehr oder weniger geeinte Familie bilden werden, in welcher es noch allerlei Zwistigkeiten geben könne, innerhalb welcher es aber unmöglich sein werde, dass sich ihre Völker, diese Mitglieder einer großen Familie, jemals wieder zerfleischen werden.
[ 4 ] Or let’s consider another case that occurred involving a truly significant figure. Although it happened a long time ago, the matter is still worth mentioning. The case involved a figure who was a history professor at a university. This figure delivered a witty inaugural address. In this inaugural address, the individual in question stated that, based on his examination of the historical development of humanity, it had become clear to him that the peoples of the European nations would in the future form a large, more or less united family—a family in which all sorts of disputes might still arise, but within which it would be impossible for its peoples, these members of a great family, to ever tear one another apart again.
[ 5 ] Dieses Urteil eines Menschen, über dessen Realität wohl kaum ein Zweifel bestehen kann, wurde 1789 gefällt aus historischen Anschauungen heraus, und es wurde gefällt von Friedrich Schiller, als er seine Geschichtsprofessur an der Universität in Jena antrat. Man denke, dass Schiller glaubte, aus der geschichtlichen Betrachtung heraus ein Urteil gewinnen zu können, das sich in einer gewissen Weise bis zur Prophetie aufschwingen könne. Unmittelbar nachdem Schiller dieses Urteil abgegeben hat, folgten die Ereignisse der Französischen Revolution, folgte alles das, was damit verbunden war. Und nehmen wir dasjenige, was bis zum heutigen Tage geschehen ist, so finden wir, dass selbst, was diese geniale Persönlichkeit aus der Geschichtsbetrachtung hat gewinnen wollen, durch die Tatsachen der Wirklichkeit in furchtbarer Art widerlegt worden ist.
[ 5 ] This judgment—the truth of which can hardly be doubted—was made in 1789 based on historical perspectives, and it was made by Friedrich Schiller when he assumed his professorship of history at the University of Jena. Consider that Schiller believed he could arrive at a judgment based on historical observation that, in a certain sense, could rise to the level of prophecy. Immediately after Schiller made this judgment, the events of the French Revolution unfolded, along with everything associated with it. And if we consider what has happened up to the present day, we find that even what this brilliant mind sought to glean from his historical analysis has been horrifically refuted by the facts of reality.
[ 6 ] Und das, was jetzt gesagt worden ist, es könnte vermehrt werden, meine sehr verehrten Anwesenden, durch Hunderte und Hunderte von anderen Fällen. Es macht schon einmal notwendig, zu betrachten, wie es eigentlich ist mit dem, was man gewöhnlich Geschichte nennt; inwiefern die Geschichte uns wirklich die Möglichkeit gibt, ein Urteil zu gewinnen über dasjenige, was um uns herum vorgeht. In einer solchen Zeit, wie die heutige ist, muss das ganz besonders naheliegen. Und erkennen lehren soll uns ja die Geschichte dasjenige, was der Tag bringt, in das wir hineingestellt sind. Und wir sind heute wahrhaftig in nicht Weniges hineingestellt. Über die ganze Erde hinüber regen sich katastrophale Ereignisse, die uns auffordern, ein Urteil zu gewinnen; ein Urteil zu gewinnen über den amerikanischen Westen und dasjenige, was eigentlich aus ihm werden kann, für die Menschheit werden kann für die Zukunft; ein Urteil zu gewinnen über den asiatischen Osten. Wie soll man es gewinnen, wenn die Geschichte sich in einer solchen Art erweist, wie es nur annähernd eben skizziert worden ist?
[ 6 ] And what has just been said, my esteemed audience, could be expanded upon with hundreds and hundreds of other examples. This makes it necessary to consider what is actually the case with what is commonly called history; to what extent history truly gives us the opportunity to form a judgment about what is happening around us. In a time such as ours, this must be particularly evident. And history is meant to teach us to recognize what the day brings, the day in which we are placed. And today we are truly placed in the midst of no small number of events. Catastrophic events are unfolding across the entire earth, demanding that we form a judgment—a judgment about the American West and what it might actually become for humanity in the future; a judgment about East Asia. How are we to form such a judgment when history presents itself in the manner that has just been roughly sketched?
[ 7 ] Sehen wir uns einmal einleitend an, wie aus den mannigfaltigen menschlichen Verhältnissen — ich kann nur Beispiele anführen einleitend — Geschichte betrachtet wird. Ich möchte einiges charakterisieren aus ganz verschiedenen Voraussetzungen heraus, die sich aber sozusagen nahestehend darbieten.
[ 7 ] Let us begin by examining how history is viewed from the perspective of the manifold human conditions—I can only cite a few examples here by way of introduction. I would like to characterize a few aspects based on very different premises, which, however, present themselves as closely related, so to speak.
[ 8 ] Im Beginn unseres Jahrhunderts, als sich die Ereignisse, in denen wir heute stehen, erst vorbereiteten, da traf es sich durch das, was man so im äußeren Leben einen merkwürdigen Zufall nennt, dass zwei Menschen über ihr Volk ein geschichtlich-zusammenfassendes Urteil abgaben. Es ist interessant, diese zwei Menschen, die gar nicht weit örtlich voneinander entfernt sind, aber völkisch sehr weit voneinander entfernt sind, die über ihre Völker ein Urteil abgegeben haben, diese zwei Menschen in Bezug auf die Eigenart gerade ihrer geschichtlichen Betrachtungsweise einmal ins Auge zu fassen. Das ist der deutsche Historiker, der Geschichtsforscher, der vielfach angefochten wurde — aber das tut nichts —, Karl Lamprecht, der 1904 auf Einladung der Columbia-Universität in Amerika seinen amerikanischen Zuhörern ein zusammenfassendes Urteil über die Geschichte seines deutschen Volkes abgegeben hat. Ein Deutscher sprach in einem Vortrag über den Geist der deutschen Geschichte.
[ 8 ] At the beginning of our century, when the events we are facing today were just beginning to take shape, it so happened—through what is commonly called a strange coincidence in everyday life—that two people offered a comprehensive historical assessment of their respective peoples. It is interesting to take a closer look at these two individuals—who are not at all far apart geographically but are very far apart in terms of their national identities—and who offered a judgment on their respective peoples, specifically with regard to the distinctive nature of their historical perspectives. One is the German historian and scholar of history, Karl Lamprecht—who has been widely contested, though that is beside the point—who, in 1904, at the invitation of Columbia University in America, delivered to his American audience a comprehensive assessment of the history of his German people. A German spoke in a lecture about the spirit of German history.
[ 9 ] Es war ungefähr in derselben Zeit, nur etwas später, dass Wilson über sein amerikanisches Volk ein zusammenfassendes Urteil in einem Vortrag abgab. Es ist interessant, zwei solche Tatsachen miteinander zu vergleichen. Wertvoll wäre es auch noch, einen Dritten heranzuziehen, aber die Zeit ist nicht ausreichend, zum Beispiel eine sehr schöne Äußerung, mit der ich empfehlen kann, dasjenige, was ich heute sagen werde, zu vergleichen, — Rabindranath Tagore hat eine sehr schöne ÄuRerung über den Geist Japans getan. Könnte man, wenn die Zeit ausreichend wäre, alle drei Dinge miteinander vergleichen, man würde ein wunderbares Tableau bekommen literarisch-geschichtlicher Betrachtung.
[ 9 ] It was around the same time, though a little later, that Wilson offered a summary assessment of the American people in a lecture. It is interesting to compare these two facts. It would also be valuable to bring in a third example, but there isn’t enough time—for instance, a very beautiful statement that I can recommend comparing with what I am going to say today: Rabindranath Tagore made a very beautiful statement about the spirit of Japan. If there were enough time to compare all three of these things, one would obtain a wonderful tableau of literary-historical reflection.
[ 10 ] Ich gehe aus von den eigentümlichen Ansichten, die Karl Lamprecht, der deutsche Forscher, über sein deutsches Volk gewonnen hat. Er ist hinaus über die bloße aktenmäßige geschichtliche Betrachtung Rankes und so weiter; er will bereits den inneren Gang der Menschheitsentwicklung studieren. Er will hineinschauen in die Triebkräfte und wendet dieses Hineinschauen eben auf das Beispiel des eigenen Volkes an.
[ 10 ] I take as my starting point the unique views that Karl Lamprecht, the German scholar, has formed about his own German people. He goes beyond the mere documentary, historical analysis of Ranke and others; he seeks to study the inner course of human development. He seeks to examine the driving forces and applies this examination specifically to the example of his own people.
[ 11 ] Nun kann ich nur in ganz flüchtigen Strichen charakterisieren, zu welchen Anschauungen Karl Lamprecht gekommen ist, die er dann in diesen Vorträgen an der Columbia-Universität vorgetragen hat. Er sagte dazumal: Sieht man sich die deutsche Geschichte an, so zerfällt sie nach dem inneren Charakter der menschlichen Taten, der menschlichen Seelenverfassung, des menschlichen Wirkens in deutlich voneinander geschiedene Epochen. Wir können zurückgehen in eine gewisse Urzeit, die etwa im 3. nachchristlichen Jahrhundert endet. Geht man in diese Zeit zurück, dann findet man, dass in dieser Urzeit alles dasjenige, was geschieht innerhalb des deutschen Volkes, aus einer gewissen Phantasietätigkeit heraus geschieht. Die Phantasietätigkeit fühlt sich angeregt, in Symbolen, in Sinnbildern zu denken. Selbst die verehrten Gestalten, verehrte Persönlichkeiten werden in Sinnbildern oft vor das Volk hingestellt, werden in Sinnbildern verehrt.
[ 11 ] Now I can only briefly outline the views Karl Lamprecht arrived at, which he then presented in these lectures at Columbia University. He said at the time: If one looks at German history, it can be divided into clearly distinct epochs based on the inner character of human actions, the human state of mind, and human activity. We can go back to a certain prehistoric period that ends around the 3rd century A.D. If one goes back to this period, one finds that in this primordial era, everything that happens within the German people arises from a certain imaginative activity. This imaginative activity is inspired to think in symbols and allegories. Even revered figures and personalities are often presented to the people in allegorical form and are venerated through such symbols.
[ 12 ] Dann kommt eine Zeit, die sich deutlich von der vorhergehenden Zeit unterscheidet. Während in der vorhergehenden Zeit ersichtlich ist, dass die sinnbildliche, phantasievolle Auffassung des Lebens, die der Geschichte zugrunde liegen soll nach den Anschauungen Lamprechts, dazu führt, dass sich die Lebenszusammenhänge, das gesellschaftliche Zusammenleben kameradschaftlich-militärisch gestaltet, sieht man, dass vom vierten, fünften Jahrhundert ab bis in das elfte Jahrhundert herein eine ganz andere Denkweise Platz greift, ganz andere seelische Motive Platz greifen. An die Stelle des bloß nahen kameradschaftlichen Lebens tritt ein solches, das man mehr als genossenschaftliches Leben bezeichnen kann. An die Stelle des Lebens in phantasievollen Sinnbildern, das überall Sinnbilder sieht für das, was geschieht, tritt die Anschauung des Typischen, meint Lamprecht. Auch die einzelne hervorragende Persönlichkeit wird als ein Typus der Zeit aufgefasst, und so verehrt, so dargestellt und charakterisiert von allen Seiten, auch von der primitiven vorhandenen Kunst.
[ 12 ] Then comes a period that differs markedly from the preceding one. While in the preceding period it is evident that the symbolic, imaginative conception of life—which, according to Lamprecht’s views, is supposed to underlie history— led to social relationships and communal life taking on a comradely-military character, it becomes apparent that from the fourth and fifth centuries onward, extending into the eleventh century, an entirely different way of thinking takes hold, and entirely different psychological motives come to the fore. In place of a life based solely on close comradely bonds comes one that can be described more as a cooperative way of life. In place of a life lived through imaginative symbols—one that sees symbols everywhere for what is happening—comes the concept of the “typical,” according to Lamprecht. Even the individual outstanding personality is understood as a type of the era and is thus revered, portrayed, and characterized from all sides, including in the primitive art of the time.
[ 13 ] Dann kommt ein verhältnismäßig kürzeres Zeitalter vom zwölften Jahrhundert bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Das charakterisiert Lamprecht aus all den Impulsen, die da drinnen tätig sind, aus der Gestaltung, wie dazumal Grundherrschaft und Hörigkeit sich aus dem alten Grundbesitz und seinen Verhältnissen herausentwickelte, wiederum, wie die Seelenverfassung gewirkt hat in der Kunst, in der Verehrung von Menschen, in der Tätigkeit von Menschen, wie sich das Rittertum, das Städtewesen auf der anderen Seite herausgebildet hat. Lamprecht charakterisiert das als die Zeit, die er nennt — jetzt nicht die symbolisierende, nicht die typisierende, die vergangen war —, sondern die Zeit der konventionellen Lebensauffassung. Auf Konvention, auf Abmachung, auf Festgestelltem beruhten damals die historischen Verhältnisse.
[ 13 ] This is followed by a relatively shorter period, from the twelfth century to the middle of the fifteenth century. Lamprecht characterizes this period based on all the forces at work within it—the way in which manorialism and serfdom developed from the old landownership system and its conditions, and, in turn, how the state of mind influenced art, the veneration of people, and human activity, as well as how chivalry and urban life took shape on the other hand. Lamprecht characterizes this as the era he calls—not the one that was symbolic or typified, which had passed—but rather the era of the conventional view of life. Historical conditions at that time were based on convention, on agreement, and on established norms.
[ 14 ] Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts sieht Lamprecht hereinbrechen in die Geschichte einen bedeutungsvollen Abschnitt im menschheitlichen Werden des deutschen Volkes. Da beginnt nach seiner Anschauung erst die einzelne, persönliche Individualität einzugreifen. Da sind nicht die konventionellen Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch allein maßgebend, die über das Individuelle hinausgehen. Da greift das Individuum in das geschichtliche Werden ein. Nicht unberechtigt charakterisiert Lamprecht, wie von dieser Zeit an etwas sehr Wichtiges beginnt. Während bis zu jener Zeit mehr ein Leben, ein Ausleben des Menschendaseins in Taten geherrscht hat, welches auf dunkeln Willensimpulsen beruhte, auf Willensimpulsen, die aus tiefen Untergründen der Seele heraufdrangen, wird von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts an der Intellekt, der Verstand, der aus der einzelnen Persönlichkeit, aus der Individualität herauskommt, besonders maßgebend. Das dauert so bis in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts.
[ 14 ] Lamprecht sees the mid-fifteenth century as the beginning of a significant phase in the historical development of the German people. In his view, it is only then that individual, personal identity begins to take hold. It is no longer merely the conventional relationships between people—which transcend the individual—that are decisive. It is then that the individual begins to shape the course of history. Lamprecht is not wrong in characterizing this period as the beginning of something very important. Whereas up until that time, life—the living out of human existence through actions—had been governed more by dark impulses of the will, impulses that welled up from the deep recesses of the soul, from the mid-fifteenth century onward, the intellect, the reason emerging from the individual personality and individuality, became particularly decisive. This continues until the middle of the eighteenth century.
[ 15 ] Dann beginnt — wir würden es nennen bloß eine höhere Stufe des Individualismus; Lamprecht unterscheidet es von dem vorhergehenden Zeitraum; er sagt: Dann beginnt das Zeitalter des Subjektivismus, des menschlichen Innern, und der erhöhte Verstand gewinnt noch ganz besondere Bedeutung im menschlichen Werden. Einzelne Tatsachen dieses geschichtlichen Werdens charakterisiert Lamprecht ganz gut von diesem Gesichtspunkte aus. Er zeigt zum Beispiel, wie die ganz anders gearteten, mehr elementaren Impulse der früheren Jahrhunderte in den Verhältnissen der Völker zueinander übergehen in die rein verstandesmäßige, intellektualisierte Diplomatie. Und so zeigt er solche Dinge auf vielen Gebieten. Im Zeitalter des Subjektivismus sind wir noch drinnen.
[ 15 ] Then begins—what we would call merely a higher stage of individualism; Lamprecht distinguishes it from the preceding period; he says: Then begins the age of subjectivism, of the human inner life, and the elevated intellect takes on even greater significance in human development. Lamprecht characterizes individual aspects of this historical development quite well from this perspective. He shows, for example, how the very different, more elemental impulses of earlier centuries in the relations between peoples give way to purely rational, intellectualized diplomacy. And so he illustrates such things in many areas. We are still in the age of subjectivism.
[ 16 ] Sie sehen aus dieser skizzenhaften Darstellung, die ich gegeben habe, dass ein Historiker einmal auftritt, der versucht, aus der Menschennatur und ihrem Werden heraus dasjenige zu charakterisieren, was geschichtlich sich vollzieht. Es hängt innig zusammen, wie wir gleich nachher sehen werden, mit dem tiefsten Wesen eigentlich der deutschen Art der Betrachtung der Dinge, was da Lamprecht angestellt hat. Man sieht, es ist der Versuch, mit all den Mitteln, mit denen man heute beikommen kann der Wirklichkeit, wenn in diese Wirklichkeit seelisch-geistige Faktoren hereinspielen, in die geschichtliche Wirklichkeit einzudringen.
[ 16 ] From this brief outline I have provided, you can see that a historian appears who attempts to characterize what unfolds historically based on human nature and its development. As we shall see shortly, what Lamprecht has undertaken is intimately connected with the very essence of the German way of viewing things. It is evident that this is an attempt to penetrate historical reality—using all the means available today to grasp reality—when psychological and spiritual factors come into play within that reality.
[ 17 ] Geht man aber dann durch, wie Lamprecht diese Ideen, die er so in großen Zügen in diesen seinen Vorträgen durchgeführt hat, geht man durch, wie Lamprecht diese Ideen angewendet hat in seiner groß angelegten Geschichte, so findet man sich außerordentlich schmerzlich berührt, schmerzlich berührt aus dem Grunde, weil nirgends eigentlich die Überzeugung Platz greifen kann in Lamprechts Geschichtsbetrachtung, dass diese Bemühungen durch gewisse Betrachtungen innerer Kräfte der menschlichen Seele schon zu einem überzeugenden Resultat geführt haben. Es ist ein Ringen nach einer neuen Geschichtsauffassung, aber nirgends etwas, wobei man halten kann, sodass man sagen könnte: Da sprießt etwas hervor, was uns wirklich sagt, wie sich zum Beispiel dieses deutsche Volk aus inneren Gründen heraus gerade zu dem entwickelt hat, was geworden ist. Und diese Frage sitzt einem doch immer wiederum auf der Seele, wenn man gerade die Lamprecht’sehen kulturgeschichtlichen Betrachtungen durchgeht.
[ 17 ] But when one examines how Lamprecht applied these ideas—which he developed in broad strokes in his lectures—when one examines how Lamprecht applied these ideas in his sweeping historical account, one finds oneself deeply moved—deeply moved because nowhere in Lamprecht’s historical analysis can the conviction truly take hold that these efforts, through certain considerations of the inner forces of the human soul, have already led to a convincing result. It is a struggle for a new conception of history, but nowhere is there anything one can hold onto that would allow one to say: Here something is emerging that truly tells us, for example, how this German people, for internal reasons, has developed precisely into what it has become. And this question keeps weighing on one’s mind again and again when one goes through Lamprecht’s cultural-historical reflections.
[ 18 ] Ich vergleiche damit, meine sehr verehrten Anwesenden, wie Wilson sein amerikanisches Volk betrachtet hat. Es ist etwas sehr, sehr Merkwürdiges, und ich darf, um nicht missverstanden zu werden, wohl voraussetzen, dass ich wahrhaftig alles cher bin als ein Verehrer von Woodrow Wilson. Nun, wie es sich damit verhält, das wird uns auch noch aus weiteren Vorträgen ersichtlich werden. Aber ich will nur erwähnen, dass die Stellung, die ich zu Wilson einnehme, keineswegs ein Ergebnis der letzten sechs Jahre ist. Nein, in der Zeit — das ist dokumentarisch nachzuweisen —, in der Zeit, bevor der Krieg begonnen hat, habe ich mein entschieden ablehnendes Urteil gegen die ganze Geistesart Wilsons bereits in einem Vortragszyklus in Helsingfors niedergelegt; in einer Zeit, in der auch hierzulande es noch viele Menschen gegeben hat, die dem Urteil Wilsons fernstanden, als sein Buch «Nur Literatur» ins Deutsche übersetzt wurde und seine Abhandlungen über die Freiheit, als auch hierzulande viele Menschen sich täuschen ließen und selbstverständlich Wilson für einen großen Mann hielten, aus Gründen, die ich hier nicht erörtern will. Es ist weder ein Chauvinismus, der durch die letzten Jahre großgezogen, worden ist, noch etwas anderes als eine objektive Betrachtung der Geistesart Wilsons, die mir das eingibt, was ich über ihn zu sagen habe.
[ 18 ] I am drawing a comparison here, ladies and gentlemen, with how Wilson viewed the American people. It is something very, very peculiar, and—so as not to be misunderstood—I may safely assume that I am truly anything but an admirer of Woodrow Wilson. Well, how this actually stands will become clear to us in further lectures. But I just want to mention that the position I take toward Wilson is by no means a result of the last six years. No, at that time—and this can be documented—before the war began, I had already set forth my decidedly negative judgment of Wilson’s entire mindset in a series of lectures in Helsinki; at a time when even in this country there were still many people who were far removed from Wilson’s views, when his book Merely Literature was translated into German and his treatises on freedom were published—a time when many people here, too, were misled and naturally regarded Wilson as a great man, for reasons I do not wish to discuss here. It is neither a chauvinism fostered in recent years nor anything other than an objective examination of Wilson’s mindset that prompts me to say what I have to say about him.
[ 19 ] Interessiert hat mich nun besonders diese Parallelerscheinung: Wilson, wie er spricht über seine Amerikaner, über das amerikanische Volk. Diese Parallelerscheinung in seinen Vorträgen, sie ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus außerordentlich bedeutend, weil Wilson wie den Nagel auf den Kopf trifft dasjenige, worauf es ankommt, wenn man eine beschränkte Erscheinung weltgeschichtlichen Werdens ins Auge fasst und wenn man, was dazugehört, ein gewisses Verständnis dafür hat. Wilson charakterisiert in diesem Vortrag, dass das amerikanische Volk weder richtig betrachtet wird geschichtlich von denjenigen, die er die Neuengländer nennt, die im Osten sitzen ... [Lücke]. Und er charakterisiert auch, welch ganz falschen Standpunkt einnehmen die Bewohner des Südens. Denn er leitet das Wesen des Amerikaners und sein geschichtliches Werden ab von jenen Ereignissen, die sich in der Mitte zwischen West und Ost der nordamerikanischen Staaten im neunzehnten Jahrhundert abgespielt haben, als Völker über Völker sich untereinander mischten und aus der Lebensweise erst dasjenige hervorging, was Wilson die amerikanische Nation nennt. Interessant ist es, wie es ihm gelingt, zu zeigen, dass erst diese amerikanische Geschichte damit beginnt, dass die Menschen des amerikanischen Ostens hinüberschauen nach dem Westen; dass sie anfangen, den Westen zu kolonisieren; dass da zusammenkommen Holländer, Deutsche, Engländer, Franzosen und so weiter, und dass sich da etwas bildet, nicht durch den Geist von Staatsmännern, sondern durch die Landbebauer, durch diejenigen, die in den Wäldern mit Axt und Büchse arbeiten. Da bildet sich etwas, was da erst wird.
[ 19 ] I was particularly interested in this parallel phenomenon: Wilson, as he speaks about his fellow Americans, about the American people. This parallel phenomenon in his lectures is, from a certain point of view, extraordinarily significant, because Wilson hits the nail on the head regarding what matters when one considers a limited aspect of world-historical development and, as part of that, has a certain understanding of it. In this lecture, Wilson points out that the American people are not properly viewed historically by those he calls the New Englanders, who are based in the East... [gap]. And he also points out the entirely mistaken perspective held by the inhabitants of the South. For he derives the essence of the American and his historical development from those events that took place in the middle between the West and the East of the North American states in the nineteenth century, when peoples intermingled with one another, and from that way of life emerged what Wilson calls the American nation. It is interesting how he succeeds in showing that this American history begins only when the people of the American East look westward; that they begin to colonize the West; that Dutch, Germans, English, French, and so on, and that something takes shape there—not through the vision of statesmen, but through the farmers, through those who work in the forests with axes and rifles. Something takes shape there that is only just coming into being.
[ 20 ] Und nun charakterisiert er umfassend, wie unter dem Einflüsse dieser Kulturarbeit die drei wichtigsten politischen Fragen Amerikas ihre Erledigung finden. Ich kann auf Einzelheiten nicht eingehen, möchte aber doch auf das hinweisen, worauf es mir ankommt, die wichtigsten Fragen: die Frage der staatlichen Orientierung der Ländereien, die Frage des Tarifwesens und die Sklavereifrage. Alles das ist entstanden unter dem Einfluss dieser Verhältnisse. Es ist eine Geschichtsbetrachtung, die für jene Verhältnisse den Nagel auf den Kopf trifft. Und angegliedert an diese Vorträge sind andere Vorträge Wilsons, in denen er sich überhaupt über Geschichtsbetrachtung ausspricht, in denen er sagt, wie er sich vorstellt, dass man Geschichtswissenschaft treiben solle. Da passiert dem, der die Dinge im Zusammenhang betrachtet, etwas sehr Merkwürdiges. Ich muss sagen, ich habe es ja schon angedeutet, mir ist Woodrow Wilson eine außerordentlich unsympathische Persönlichkeit als Denker, als Forscher und so weiter. Mir ist eine außerordentlich sympathische Persönlichkeit dagegen derjenige Mann, der vielleicht viel zu wenig gewürdigt wird innerhalb unseres Geisteslebens, das ist Herman Grimm, der seine historische Art der Betrachtung vorzugsweise auf die Kunst angewendet hat, in dem aber die geschichtliche Ideen lebten. Ich weiß es aus seinem eigenen Munde, da er sie mir wiederholt auseinandergeserzt hat. Sie lebten in ihm in einer wunderbar umfassenden Art. Ich lese in dem Buche «Nur Literatur» manches, was Wilson niedergelegt hat. Ich lese dann manches, was Herman Grimm ausgesprochen hat, wie Geschichte betrachtet werden soll, wie er sich die Entwicklung der Menschheit im Lichte der Geschichte denkt. Und das Merkwürdige stellt sich heraus, wenn man so liest bei Wilson und bei Grimm: Ein Satz von Grimm könnte oftmals wörtlich zu Wilson hinübergenommen werden und umgekehrt. Manchmal sind ganze kurze Abschnitte so, dass man sagen könnte, rein äußerlich betrachtet, man könnte sie ebenso gut bei dem einen wie bei dem anderen finden. Man versuche nur einmal, sich die Kenntnisse zu verschaffen, die leicht auf diesem Gebiete zu verschaffen sind, und man wird sehen, dass sich das bewahrheitet, was ich sage!
[ 20 ] And now he provides a comprehensive description of how, under the influence of this cultural work, America’s three most important political issues are being resolved. I cannot go into details, but I would like to point out what is most important to me: the most crucial issues—the question of the government’s stance on land, the question of tariffs, and the question of slavery. All of this arose under the influence of these circumstances. It is a historical analysis that hits the nail on the head regarding those circumstances. And linked to these lectures are other lectures by Wilson in which he speaks generally about historical analysis, in which he explains how he envisions the study of history should be conducted. Something very curious happens to anyone who considers these things in context. I must say—as I’ve already hinted—that I find Woodrow Wilson an extraordinarily unsympathetic figure as a thinker, a scholar, and so on. By contrast, I find the man who is perhaps far too underappreciated within our intellectual life to be an exceptionally likable figure—that is, Herman Grimm, who applied his historical mode of observation primarily to art, yet in whose work historical ideas were very much alive. I know this from his own words, as he has repeatedly expounded them to me. They lived within him in a wonderfully comprehensive way. When I read the book Nur Literatur, I come across many things that Wilson has written. Then I read many things that Herman Grimm has said about how history should be viewed, and how he conceives of the development of humanity in the light of history. And something remarkable becomes apparent when one reads Wilson and Grimm in this way: a sentence by Grimm could often be taken verbatim and applied to Wilson, and vice versa. Sometimes entire short passages are such that, viewed purely from the outside, one could say they might just as well be found in one as in the other. Just try to acquire the knowledge that is easily obtained in this field, and you will see that what I say is true!
[ 21 ] Aber was liegt denn da eigentlich vor? Es ist doch ein ungeheuer bedeutsamer Unterschied zwischen diesen zwei Persönlichkeiten und ihrer Geschichtsbetrachtung? — Nirgends kann man mehr als an einem solchen Beispiel lernen, was in der Gegenwart so sehr gelernt werden sollte: dass der Inhalt, der wörtliche Inhalt irgendeiner Sache noch nicht die ganze Sache ist! Dass es darauf ankommt, aus welchem Geiste heraus eine Sache gesprochen ist! Das ist etwas, meine sehr verehrten Anwesenden, was unser Zeitalter wird lernen müssen, was aber unser Zeitalter so schwer lernen kann. Denn unser Zeitalter, so viel es sich auch einbildet, in der Wirklichkeit zu leben, unser Zeitalter liebt das Abstrakte, das Theoretische. Unser Zeitalter ist geneigt, wenn es ein paar Sätze dem Inhalte nach bei irgendeiner Persönlichkeit findet und bei einer anderen Persönlichkeit die gleichen finder, zu sagen: Das ist ja dasselbe! — Der Inhalt einer Sache steht der Wirklichkeit manchmal sehr ferne, der rein wörtliche Inhalt. So sonderbar das klingt, an diesem Beispiel zeigt es sich. Denn was liegt da eigentlich vor?
[ 21 ] But what exactly are we dealing with here? Surely there is an immensely significant difference between these two figures and their perspectives on history? — Nowhere can one learn more than from such an example what we so desperately need to learn in the present: that the content—the literal content—of any matter is not yet the whole matter! What matters is the spirit in which a thing is spoken! This, my esteemed audience, is something our age will have to learn—but something our age finds so difficult to learn. For our age, as much as it imagines itself to be living in reality, loves the abstract and the theoretical. Our age is inclined, when it finds a few sentences with the same content in one person and the same in another, to say: “That’s exactly the same thing!” — The content of a thing—the purely literal content—is sometimes very far removed from reality. As strange as that sounds, this example illustrates it. For what is actually going on here?
[ 22 ] Im Grunde kann nur die Ihnen gestern charakterisierte Geisteswissenschaft darauf kommen, was da eigentlich vorliegt. Und nur die gestern hier charakterisierte Geisteswissenschaft kann auch den Unterschied finden zwischen der amerikanischen Geschichtsbetrachtung des Woodrow Wilson und der Geschichtsbetrachtung des Karl Lamprecht. Was Woodrow Wilson sagt — die Abstraktlinge unserer Zeit, sie fallen darauf herein. Jetzt nicht mehr, aber vor dem Kriege sind sie darauf hereingefallen. Denn sie sehen nicht, worauf es ankommt. Wilson sagt manches Treffliche. Aber man vergleiche es mit dem, was Herman Grimm sagt, was Karl Lamprecht sagt, die vielleicht irren, vielleicht furchtbar irren: Was Grimm, was Lamprecht sagen, selbst wenn es gleich klingt mit dem, was Wilson sagt, es ist errungen im inneren seelischen Kampf mit der Sache, es trägt überall das Gepräge, dass es unmittelbar von der Persönlichkeit durchlebt ist. Was Wilson sagt, es trägt den Charakter für denjenigen, der so etwas durchschaut — allerdings muss man dann von dem Inhalt Einzelheiten in den ganzen Geist hineinrücken, von dem es getragen ist —, es trägt den Charakter, dass diese Persönlichkeit, ich scheue mich nicht, dieses verpönte Wort zu gebrauchen, von ihren Ansichten besessen ist; dass aus unterbewussten Untergründen der Seele heraufkommen die Dinge, die nicht unmittelbar persönlich von der Seele erarbeitet sind, aber heraufstoßen, heraufkommen. Besessen ist diese Persönlichkeit von dem, was unter dem Bewusstsein lebt.
[ 22 ] Essentially, only the spiritual science I described to you yesterday can get to the heart of what is actually at stake here. And only the spiritual science described here yesterday can also discern the difference between Woodrow Wilson’s American view of history and Karl Lamprecht’s view of history. What Woodrow Wilson says—the abstract thinkers of our time fall for it. Not anymore, but before the war they fell for it. For they do not see what really matters. Wilson says many excellent things. But compare them with what Herman Grimm says, what Karl Lamprecht says—who may be mistaken, perhaps terribly mistaken: What Grimm and Lamprecht say—even if it sounds similar to what Wilson says—has been won through an inner spiritual struggle with the matter at hand; it bears the mark throughout of having been lived through directly by the personality. What Wilson says bears the character—for those who see through such things—that one must, admittedly, place the details of the content within the overall spirit that sustains it— it bears the mark that this personality—I do not shy away from using this frowned-upon word—is obsessed with his views; that from the subconscious depths of the soul emerge things that have not been directly and personally worked out by the soul, but which surge upward, rising to the surface. This personality is obsessed with what lies beneath consciousness.
[ 23 ] Ich spreche dieses Urteil wahrhaftig nicht leichtsinnig heraus, denn ich bin mir bewusst, dass es weittragend ist. Aber ich bin mir auch bewusst, dass es objektiv gewonnen ist, meine sehr verehrten Anwesenden. Da ist der große Unterschied: auf der einen Seite persönliches Ringen mit der Wahrheit; auf der anderen Seite ein Aussprechen von etwas, von dem man eigentlich nur innerlich besessen ist, für das man mehr oder weniger als für etwas Unbestimmtes das äußere Medium ist. Von diesem Gesichtspunkte aus findet Wilson sogar eine so treffsichere Charakteristik seines Volkes, dass man kaum etwas Treffenderes finden könnte. Aber aus seinem eigenen Geschichtsurteil spricht dieses Urteil, das er über die Amerikaner fällt, heraus. Ich muss sagen, solche Sätze schlagen einen, wie die, die da Wilson über die Amerikaner spricht. Er sagt: Indem diese Amerikaner eigentlich entstanden sind aus der Arbeit des Landbebauers, des Waldjägers, haben sie sich ausgebildet dasjenige, was sie heute charakterisiert: die Beweglichkeit des Auges, die Geneigtheit, schnell auf kühne und abenteuerliche Gedanken einzugehen, und die Geneigtheit, ohne viel Heimatsgefühl Pläne auszuhecken, die überall verwirklicht werden können.
[ 23 ] I truly do not make this judgment lightly, for I am aware that it has far-reaching implications. But I am also aware that it has been reached objectively, my esteemed audience. Therein lies the great difference: on the one hand, a personal struggle with the truth; on the other, the articulation of something that one is actually only inwardly obsessed with, for which one serves more or less as an external medium for something indefinite. From this perspective, Wilson even offers such an accurate characterization of his people that one could hardly find anything more apt. But this judgment he passes on the Americans stems from his own historical assessment. I must say, such statements strike one deeply, like those Wilson makes about the Americans. He says: Since these Americans actually emerged from the labor of the farmer and the woodsman, they have developed the very traits that characterize them today: the alertness of the eye, the inclination to quickly embrace bold and adventurous ideas, and the inclination to devise plans—without much attachment to their homeland—that can be realized anywhere.
[ 24 ] Beweglichkeit des Auges, Hingeneigtsein zu kühnen, abenteuerlichen Plänen, das ist ja die Charakterart, meine sehr verehrten Anwesenden, die sich ausdrückt bei dem, bei dem nicht ein unmittelbar persönliches Ringen, ein bewusstes Ringen mit den Dingen vor sich geht, sondern wo etwas Unterbewusstes hereinarbeitet, wo der Mensch mehr oder weniger nur Durchgangspunkt ist für das, was sich herausarbeitet. Durch nichts könnte Wilson mehr befestigen das, was er so selbst an Erkenntnis seiner Amerikaner darstellt, als durch dasjenige, wie er selbst Geschichte geschrieben hat.
[ 24 ] Agility of the eye, a penchant for bold, adventurous plans—that, my esteemed audience, is the character trait that manifests itself not in an immediate, personal struggle, a conscious struggle with the things at hand, but rather where something subconscious is at work, where the individual is, more or less, merely a conduit for what is taking shape. Nothing could confirm more firmly what Wilson himself presents as his insight into the American character than the very way in which he himself has written history.
[ 25 ] Ich wollte durch diese Einleitung, meine sehr verehrten Anwesenden, nur darstellen, wie abhängig dasjenige ist, was Geschichtsbetrachtung genannt werden kann, von der Art und Weise, wie die Menschen selber geartet sind, und wie wenig unabhängig von dieser Menschenartung die geschichtliche Betrachtungsweise bis heute geworden ist. Ich wollte zeigen, dass an der Geschichtsbetrachtung selber erst studiert werden soll, was da eigentlich zugrunde liegt.
[ 25 ] With this introduction, my esteemed audience, I simply wanted to illustrate how much what might be called the study of history depends on the nature of human beings themselves, and how little the historical perspective has, to this day, become independent of that human nature. I wanted to show that the very foundation of historical analysis itself is what should first be studied.
[ 26 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, was will zum Beispiel gerade Karl Lamprecht, der wahrhaftig von seinen Ideen nicht besessen ist, sondern im persönlichen Kampfe mit diesen seinen Geschichtsideen ringt? Was will er? Er will Seelenkunde in die Geschichte hereintragen. Er will aus den seelischen Impulsen heraus begreifen, wie das geschichtliche Werden der Menschheit sich abgespielt hat. Er sucht die Seelenkunde seiner Zeit. Was findet er? Er sucht sie bei den sogenannten Psychologen, bei den Seelenforschern. Er hat sich ehrlich bemüht, bei den Seelenforschern etwas zu finden, bei den Psychologen etwas zu finden, was ihre Menschenseelen im Innern erleben, was er dann anwenden könnte auf die geschichtliche Betrachtungsweise. Aber gerade das gab ihm eine Unsicherheit; das brachte ihn dazu, dass man an seiner Geschichtsbetrachtung nirgends etwas hat, was in wahrhaft überzeugender Weise einen befriedigen könnte. Warum? Weil dasjenige, was heute offiziell als Seelenkunde betrieben wird, eben sehr wenig eindringt in das wirkliche Selbst des Menschen, in das wirkliche innere Seelenwesen des Menschen.
[ 26 ] Well, my esteemed audience, what, for example, does Karl Lamprecht—who is certainly not obsessed with his ideas, but rather is engaged in a personal struggle with these historical ideas of his—actually want? What does he want? He wants to bring psychology into history. He wants to understand, based on psychological impulses, how the historical development of humanity has unfolded. He seeks the psychology of his time. What does he find? He seeks it among the so-called psychologists, among the researchers of the soul. He has made an honest effort to find something among the researchers of the soul, among the psychologists—something that human souls experience inwardly—which he could then apply to his historical perspective. But this very thing caused him uncertainty; it led him to conclude that nowhere in his historical analysis was there anything that could satisfy him in a truly convincing way. Why? Because what is officially practiced today as the study of the soul penetrates very little into the true self of the human being, into the true inner soul-being of the human being.
[ 27 ] Nun kommt das innere Seelenleben des Menschen in einer ganz besonderen Art zur Darstellung, wenn der Mensch dem Menschen gegenübersteht, und im Gegenüberstehen mit ihm zusammen handelt. Aus alledem geht ja das geschichtliche Werden der Menschheit gerade hervor. Was da vorgeht, meine sehr verehrten Anwesenden, das kann man nicht so betrachten, wie die Geschichtswissenschaft der Gegenwart es betrachtet. Was hat sich diese Geschichtswissenschaft der Gegenwart angewöhnt? Was hat Karl Lamprecht für diese Geschichtswissenschaft gefunden bei den Seelenforschern der Gegenwart? Dasjenige hat er gefunden, was nach dem Muster naturwissenschaftlicher Betrachtung ausgebildet ist. Und immer mehr und mehr ist im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Geschichtsbetrachtung eingezogen in eine Sphäre, wo das geschichtliche Leben betrachtet wird wie das Naturleben. Dieselbe Art von Erkenntnisweise, von Erkenntnis, dieselbe Art des Urteils, die man anwendet, um draußen die Naturerscheinungen zu beobachten und zu begreifen, die wandte man auch an auf das geschichtliche Werden der Menschheit. Karl Lamprecht sieht gerade darin ein Bedeutsames, dass er dasjenige, was in der Naturwissenschaft zu so sicheren Resultaten geführt hat, nun auf die geschichtliche Betrachtungsweise anwendet.
[ 27 ] Now, the inner life of the human soul is revealed in a very special way when one person stands face to face with another and interacts with them in that encounter. It is precisely from all this that the historical development of humanity emerges. What is happening here, ladies and gentlemen, cannot be viewed in the same way that contemporary historical scholarship views it. What has this contemporary historical scholarship become accustomed to? What did Karl Lamprecht find in contemporary soul researchers regarding this historical science? He found an approach shaped by the model of scientific observation. And increasingly, over the course of the nineteenth century, the study of history has moved into a sphere where historical life is viewed as natural life. The same kind of method of cognition, the same kind of judgment that is applied to observe and understand natural phenomena in the external world was also applied to the historical development of humanity. Karl Lamprecht sees significance precisely in the fact that he applies to the historical approach that which has led to such reliable results in the natural sciences.
[ 28 ] Auch in dieser Beziehung hat, man kann sagen, aus einem historischen Instinkt heraus Herman Grimm ein schönes Urteil gefällt, ein schönes Urteil über den berühmten Historiker Gibbon. Gibbon, welcher den Untergang des Römischen Reiches geschichtlich beschrieben hat, er ist tatsächlich ein Geschichtsschreiber, welcher in mustergültiger Weise das durchführt, die äußere, rein der Natur hingegebene Betrachtungsweise auch auf die Geschichte anzuwenden. Was ist da eigentlich geschehen? Nun, Herman Grimm hat das richtig bemerkt. Gibbon ist scharfsinniger als solcher naturwissenschaftlicher Betrachter der Geschichte; aber er schildert alle die Kräfte, die er so vortrefflich schildert für die ersten Jahrhunderte des Christentums, alle die Kräfte schildert er nur, welche Verfallskräfte sind, welche zum Untergang des Römischen Reiches führen, welche die Entwicklung, die eine Zeit lang gegangen ist, auslöschen. Und Herman Grimm wirft Gibbon mit Recht vor, dass doch in diesen Jahrhunderten, in denen das Römische Reich seinem Verfall entgegengeht, etwas wesentlich anderes noch geschieht, etwas Positives: Da greifen die Kräfte in das geschichtliche Werden ein, die sich anschließen an die Entstehung des Christentums. Das sind die Kräfte der fortschreitenden Entwicklung, die Kräfte, die sich in positiver Weise neben die Verfallskräfte, die negativen Kräfte hinstellen. Die fallen aus der Gibbon’sehen Betrachtung einfach heraus. Aus seinen historischen Instinkten heraus hat Herman Grimm diese bedeutsame Bemerkung gemacht. Er wusste nicht, worauf diese Tatsache beruht; denn auf all diese Dinge ist erst Geisteswissenschaft berufen zu kommen, Geisteswissenschaft, deren Methode ich gestern hier dargestellt habe, die da arbeitet mit den Kräften, die sonst in der Seele schlummern, die entwickelt werden, Geisteswissenschaft, die den Menschen dazu bringt, in das Geistige wirklich hineinzuschauen. Diese Geisteswissenschaft, sie kommt darauf, dass man die fortschreitenden, die zukunfttragenden Kräfte des geschichtlichen Werdens überhaupt nicht erfasst, wenn man auf das geschichtliche Werden nur die Erkenntnisart anwendet, die für die Naturwissenschaft ausgezeichnet ist.
[ 28 ] In this regard, too—one might say out of a sense of historical instinct—Herman Grimm offered a fine assessment, a fine assessment of the famous historian Gibbon. Gibbon, who historically described the decline of the Roman Empire, is in fact a historian who exemplarily applies an external, purely naturalistic perspective to history as well. What actually happened there? Well, Herman Grimm observed this correctly. Gibbon is more astute than the typical natural-science observer of history; but he describes all the forces—which he portrays so excellently in the early centuries of Christianity—he describes only those forces that are forces of decay, that lead to the fall of the Roman Empire, that bring to an end the development that had been underway for some time. And Herman Grimm rightly reproaches Gibbon for failing to recognize that, even in these centuries when the Roman Empire was heading toward its decline, something fundamentally different was still taking place—something positive: forces linked to the emergence of Christianity were intervening in the course of history. These are the forces of progressive development, the forces that stand alongside the forces of decay—the negative forces—in a positive way. They are simply omitted from Gibbon’s analysis. Herman Grimm made this significant observation based on his historical instincts. He did not know what this fact was based on; for it is the task of spiritual science to shed light on all these matters—a spiritual science whose method I outlined here yesterday, one that works with the forces that otherwise lie dormant in the soul and are brought to life, a spiritual science that enables people to truly look into the spiritual realm. This spiritual science concludes that one cannot grasp the progressive, future-bearing forces of historical development at all if one applies to historical development only the kind of knowledge that is characteristic of the natural sciences.
[ 29 ] Was findet man, wenn man diese Betrachtungsweise anwendet für das geschichtliche Werden, die für die Naturwissenschaft die Richtige ist? Man findet die Verfallskräfte. Man findet dasjenige, was Leichnam wird im geschichtlichen Werden, im sozialen Leben der Menschheit. Wenn man nur dasjenige anwendet, was der Verstand, das gewöhnliche Bewusstsein einsehen kann, kommt man nur dazu, die Verfallsimpulse studieren zu können. Die wachsenden, sprossenden, die werdenden Impulse, die in positiver Weise das historische Werden tragen, die entziehen sich dieser Betrachtungsweise. Sie entziehen sich auch dann dieser Betrachtungsweise, wenn man dem wirklichen Leben gegenübersteht, wenn man in das Leben eingreifen will mit dieser Betrachtungsweise.
[ 29 ] What does one find when one applies this perspective—which is the correct one for the natural sciences—to historical development? One finds the forces of decay. One finds that which becomes a corpse in historical development, in the social life of humanity. If one applies only what the intellect, ordinary consciousness, can grasp, one can only study the impulses of decay. The growing, sprouting, and developing impulses—those that positively sustain historical development—elude this approach. They elude this approach even when one confronts real life, even when one seeks to intervene in life using this approach.
[ 30 ] Es ist unerhört, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man solche Dinge sagen muss, aber die Gegenwart muss Wirklichkeiten begreifen lernen. Man versuche es nur ernstlich, aber man beobachte zugleich dasjenige, was sich ergibt, gehe nicht schlafend durch die Wirklichkeit; man versuche einmal, Parlamente oder so etwas zusammenzustellen, wo lauter Leute, die intellektuell nach naturwissenschaftlichem Muster gebildet sind, bestimmen sollen über dasjenige, was geschehen soll im sozialen oder im sonstigen Leben; man schaffe ein Parlament von Leuten, die ihre Intellektualität herausgebildet haben an der naturwissenschaftlichen Methode, und lasse keinen Menschen hinein anders als diejenigen, die gerade auf diesen Gebieten vollkommen sind. Sie können ganz sicher sein, diese Leute werden nichts anderes beschließen, als was sehr rasch die Gesellschaft, die Gemeinschaft, auf die sie ihre Beschlüsse loslassen, in den Untergang hineinführt, auf allen möglichen Gebieten. Denn diese Denkweise bezieht sich eben auf dasjenige, was Untergangskräfte sind! Sie kann nur Untergangskräfte im menschlichen Werden beobachten. Dasjenige, was werdende, sprossende Mächte sind, das liegt nämlich nicht so, dass es mit den Kräften des gewöhnlichen Bewusstseins erfasst werden kann. Und ich muss da auf etwas zurückkommen, was ich vor einigen Monaten hier gelegentlich der Betrachtung über die Offenbarung des Unbewussten schon angedeutet habe.
[ 30 ] It is outrageous, my esteemed audience, that one must say such things, but the present generation must learn to grasp reality. Let us try to do so earnestly, but at the same time let us observe what emerges; let us not go through reality as if asleep; try, for once, to assemble parliaments or the like, where people who are all educated intellectually according to the scientific model are to decide what should happen in social or other aspects of life; create a parliament of people who have developed their intellect through the scientific method, and admit no one other than those who are consummate experts in precisely these fields. You can be absolutely certain that these people will pass no resolutions other than those that will very quickly lead the society—the community—upon which they impose their decisions into ruin, in every conceivable area. For this way of thinking relates precisely to what are forces of ruin! It can observe only forces of decline in human development. For what constitutes emerging, burgeoning powers cannot be grasped by the forces of ordinary consciousness. And I must return here to something I already hinted at a few months ago in connection with my reflection on the revelation of the unconscious.
[ 31 ] Dieses menschliche Seelenleben, dieses menschliche Leben überhaupt, oberflächlich betrachtet verläuft es so, dass es wechselt zwischen Wachen und Schlafen. Wir wachen, und selbstverständlich, weil wir alle fleißig sind zwei Drittel unseres Lebens, wir schlafen ein Drittel unseres Lebens. Dieser Zustand wechselt ab. Aber das ist nicht absolut richtig, meine sehr verehrten Anwesenden, sondern dasjenige, was wir Schlafen und Träumen nennen, das erstreckt sich im Wesentlichen auch in das wache Leben herein. Das wache Leben ist nur zum Teil vollständig wach. Unter der Oberfläche des wachen Lebens liegt ein solches, in dem der Mensch schläft, selbst wenn er wach ist.
[ 31 ] This human inner life, this human life in general—viewed superficially—alternates between waking and sleeping. We are awake, and of course, since we are all diligent, for two-thirds of our lives; we sleep for one-third of our lives. These states alternate. But that is not entirely correct, my esteemed audience; rather, what we call sleeping and dreaming essentially extends into waking life as well. Waking life is only partially fully awake. Beneath the surface of waking life lies a state in which a person sleeps, even when awake.
[ 32 ] Etwas von dem, obwohl nur instinktiv sozusagen, hat schon der tiefbedeutsame Schwaben-Vischer, der sogenannte V-Vischer eingesehen, indem er darauf hingewiesen hat, wie verwandt das Gefühlsleben, das Leidenschaftsleben ist mit dem Traumleben. Wer untersuchen kann, wer auf diesem Gebiet wirklich beobachten kann, dem ergibt sich, [dass] dasjenige, was in unseren Gefühlen sitzt, was wir als Gefühle erleben, in anderer Weise bewusst ist, als was wir als Wahrnehmungen und Vorstellungen erleben. Denn nur für die Wahrnehmungen und Vorstellungen sind wir wirklich wach. Die Gefühle, sie leuchten herauf aus den unterbewussten Seelensphären, so wie die Träume. Nicht mehr sind wir uns unserer Gefühle bewusst als der Träume; wir kennen sie nicht in ihrer wahren Gestalt, nur ihr Heraufglänzen in die Sphäre des Bewussten kennen wir. Indem wir die Gefühle vorstellen, heben wir sie in den Wachzustand hinauf. Wir träumen den ganzen Tag, indem wir unsere Seele von Gefühlen durchziehen lassen. Und wir schlafen, indem wir Willensimpulse hegen, indem wir durch die Welt mit Willensimpulsen gehen. Von den Willensimpulsen kennen Sie das Motiv; Sie kennen dasjenige, was Sie als Wahrnehmung veranlasst zum Willen. Wie sich das, was Sie wollen, nun abspielt im Menschen, wie Ihre Vorstellungen nun übergehen in Ihre Glieder und Ihre Hand bewegen, das ist tief unterbewusst vorgegangen, so unterbewusst wie alles das, was im Schlafzustand vor sich geht. Wir schlafen und träumen unter der Oberfläche unseres gewöhnlichen Bewusstseins.
[ 32 ] The profoundly significant Schwaben-Vischer—the so-called V-Vischer—had already recognized something of this, albeit only instinctively, so to speak, when he pointed out how closely the emotional life—which is the life of passion—is related to the life of dreams. Anyone who is able to investigate, anyone who can truly observe in this realm, will find [that] what lies within our feelings—what we experience as feelings—is conscious in a different way than what we experience as perceptions and ideas. For it is only in the case of perceptions and ideas that we are truly awake. Feelings, like dreams, shine up from the subconscious realms of the soul. We are no more conscious of our feelings than we are of our dreams; we do not know them in their true form—we know only their gleam as they rise into the sphere of consciousness. By visualizing our feelings, we lift them up into the waking state. We dream all day long by allowing feelings to permeate our soul. And we sleep by nurturing impulses of the will, by moving through the world with these impulses. You know the motive behind these impulses of the will; you know that which, as a perception, prompts you to will. How what you want actually plays out in a person—how your thoughts translate into movement in your limbs and cause your hand to move—takes place deep in the subconscious, just as subconsciously as everything that occurs during sleep. We sleep and dream beneath the surface of our ordinary consciousness.
[ 33 ] Lernt man, nachdem man den Menschen so betrachten gelernt hat, lernt man nun das geschichtliche Leben seiner Realität nach ansehen, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann stellen sich alle diejenigen Taten, Handlungen, Impulse im geschichtlichen Werden der Menschheit dar, welche forttragend sind, welche nicht Verfallskräfte sind, sie stellen sich dar als etwas, was die ganze Menschheit in ihrem Zusammenleben träumt und schläft. So sonderbar, so paradox das klingt, es wird doch wieder wichtigste Wahrheit werden können, ohne welche es in der Geschichtsbetrachtung kein Heil geben wird, dass dasjenige, was im geschichtlichen Werden die Menschheit vorwärtsträgt, nicht aus dem gewöhnlichen Kräften, die wir auch in der Naturwissenschaft anwenden, hervorgeht, dass überhaupt diese Geschichtsimpulse nicht hervorgehen aus dem gewöhnlichen hellen Bewusstsein, sondern dass sie hervorgehen aus Träumen und Schlafen. Man muss die Sache nur nicht als Vergleich, nicht als Bild nehmen, sondern man muss sie betrachten als etwas, was im tiefsten, im bedeutsamsten Sinne Wirklichkeit ist.
[ 33 ] Once one has learned to view human beings in this way, once one has learned to view historical life in accordance with its reality, then, my esteemed audience, all those deeds, actions, and impulses in the historical development of humanity—those that are enduring, those that are not forces of decay—appear as something that all of humanity dreams and sleeps in its coexistence. As strange and paradoxical as this may sound, it can nevertheless become a most important truth, without which there will be no salvation in the study of history: that what propels humanity forward in its historical development does not arise from the ordinary forces we also apply in the natural sciences; that these historical impulses do not arise at all from ordinary, clear consciousness, but rather from dreams and sleep. One must simply not take this as a comparison or a metaphor, but must regard it as something that is reality in the deepest, most significant sense.
[ 34 ] Daher kommt es, meine sehr verehrten Anwesenden, dass in früheren Zeiten — ich habe auf diesen Umstand in früheren Vorträgen schon hingewiesen —, als die Menschen noch zusammenhingen in ihrem Seelenleben, wenn auch in unterbewusster Art, mit dem geistigen Leben, dass in früheren Zeiten diese Menschen durch etwas anderes, als was wir heute geschichtliche Betrachtung nennen, über das soziale Leben, über das geschichtliche Werden sich Aufschluss zu geben versuchten. Sie versuchten sich Aufschluss zu geben durch den Mythos, durch die Sagen, durch das Bild. Da wussten sie mehr über dasjenige, was in den Impulsen ihres Volkes lebte, als man heute durch den bloßen Verstand wissen kann, der an das gewöhnliche Bewusstsein gebunden ist und der in der Naturwissenschaft so großartige, so bedeutungsvolle Errungenschaften zeitigte. Aber da gehört er hin.
[ 34 ] That is why, ladies and gentlemen, in earlier times — as I have already pointed out in previous lectures — when human beings were still connected in their spiritual lives, albeit subconsciously, to the spiritual realm, these people sought to gain insight into social life and historical development through something other than what we today call historical analysis. They sought to gain insight through myth, through legends, through imagery. Through these, they knew more about what lived in the impulses of their people than can be known today through the intellect alone—an intellect bound to ordinary consciousness and one that has produced such magnificent, such significant achievements in the natural sciences. But that is where it belongs.
[ 35 ] Nun hat Karl Lamprecht ganz richtig gesehen, dass man in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in ein neues Zeitalter hereingetreten ist. Aber er hat diese Wahrheit nicht ausnützen können. Er sagte: Der einzelne Mensch wird bedeutungsvoll, er wird Intellektualist. Geschichte entsteht erst mit diesem Zeitalter. Sie wird zunächst so betrieben, dass man sie nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Anschauungsweise begreifen wird. Selbstverständlich können wir nicht mehr zum alten Modus zurückgehen. Aber dasjenige, was als Impulse dem geschichtlichen Werden zugrunde liegt, ist unterbewusst. Wenn ein Mensch besessen ist von einem Unterbewussten, das sich in seiner Seele abspielt, dann kommt aus dem Unterbewussten, wie bei Wilson, etwas Schlagkräftiges, etwas, was den Nagel auf den Kopf trifft, hervor.
[ 35 ] Karl Lamprecht correctly observed that the mid-fifteenth century marked the beginning of a new era. But he was unable to capitalize on this truth. He said: The individual becomes significant; he becomes an intellectual. History only emerges with this era. It is initially pursued in such a way that it will be understood according to the model of the scientific worldview. Of course, we can no longer return to the old way. But the impulses that underlie historical development are subconscious. When a person is possessed by a subconscious force at work within their soul, then—as in Wilson’s case—something powerful emerges from the subconscious, something that hits the nail on the head.
[ 36 ] Aber umso schwieriger wird es für den, der berufen ist, als Individualität, als individuelle Seele zu kämpfen mit der Wahrheit. Da ist es notwendig, dass gerade in diesem intellektuellen Zeitalter, um das soziale, das geschichtliche, auch um das sittliche Leben zu begreifen, etwas anderes heraufkommt: dass etwas heraufkommt, was hineinschauen kann in dasjenige Glied der Menschennatur, das man nicht mit dem gewöhnlichen Bewusstsein erfassen kann, was hineinschauen kann in das, wo dieses gewöhnliche Bewusstsein im Menschen nicht tätig ist, wo er das gewöhnliche Leben verträumt und verschläft.
[ 36 ] But this makes it all the more difficult for those who are called to struggle with the truth as individuals, as individual souls. It is therefore necessary, especially in this intellectual age, in order to understand social, historical, and even moral life, something else must emerge: something that can look into that aspect of human nature which cannot be grasped by ordinary consciousness, something that can look into the places where this ordinary consciousness is not active in the human being, where he dreams away and sleeps through ordinary life.
[ 37 ] In diese Region hinein schaut aber dasjenige, was ich gestern geschildert habe als imaginative Erkenntnis, als inspirierte Erkenntnis, als intuitive Erkenntnis; als dasjenige, was in die geistige Welt hereinschaut, was unter die Schwelle des Bewusstseins hinabschaut, was ins Unterbewusste wirklich eindringt; aber in jenes Unterbewusste, wo wirklicher, wesenhafter Geist wirkt. Heraufholen dasjenige, was sonst im gewöhnlichen Leben geschichtlich von der Menschheit geträumt wird, geschlafen wird, heraufholen kann man das nur, wenn man die Geschichte durch Imagination, durch Inspiration betrachtet. Mit anderen Worten: Angewendet werden muss, weil das geschichtliche Leben etwas ist, was im Unterbewussten verläuft, was sich dem gewöhnlichen Bewusstsein nicht ergibt, angewendet werden muss dasjenige, was hinter dieses gewöhnliche Bewusstsein dringt; angewendet werden muss auf die Geschichte, auch auf das soziale Leben, auf das ethische Leben, auf das juristische Leben der Menschheit, wenn man seine ursprünglichen Faktoren erkennen will, dasjenige, was als geisteswissenschaftliche Methode ausgebildet wird, was ich gestern als Imagination, Inspiration, Intuition geschildert habe. Aus den Tiefen des geschichtlichen Werdens müssen heraufgeholt werden diejenigen Wirklichkeiten, die zunächst in Bildern, in Imaginationen vor die Seele hintreten. Diese Imaginationen müssen einen dann inspirieren. Da wird man kommen auf dasjenige, was im geschichtlichen Werden wirklich tätig ist. Dasjenige, was einem in der bisherigen Geschichte entgegentritt, auch das, was Karl Lamprecht versucht hat, es kann zuweilen aus einem Instinkt hervorgehen. Wirkliche, geisterhellte Erkenntnis würde es erst werden, wenn Geschichte durch Geisteswissenschaft vertieft ist. Nun möchte ich nicht zurückscheuen davor, demjenigen, was man heute Geschichte nennt, entgegenzuhalten einige geisteswissenschaftliche geschichtliche Ergebnisse. Ausgehen möchte ich davon, dass Karl Lamprecht instinktiv etwas geahnt hat, was ich schon erwähnt habe: dass sich um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts aus einem älteren Zeitalter ein neues Zeitalter heraushebt.
[ 37 ] But what I described yesterday as imaginative insight, as inspired insight, as intuitive insight—that which looks into the spiritual world, that which looks down beneath the threshold of consciousness, that which truly penetrates the subconscious— but into that subconscious where true, essential spirit is at work. One can bring to the surface what is otherwise, in ordinary life, historically dreamed of and slept through by humanity—one can bring this to the surface only by viewing history through imagination and inspiration. In other words: Since historical life is something that unfolds in the subconscious—something that does not reveal itself to ordinary consciousness—one must apply that which penetrates beyond this ordinary consciousness; it must be applied to history, as well as to social life, ethical life, and the legal life of humanity, if one wishes to recognize its original factors—that which is developed as a spiritual-scientific method, which I described yesterday as imagination, inspiration, and intuition. From the depths of historical development, one must bring to the surface those realities that first appear before the soul in images and imaginings. These imaginings must then inspire one. In this way, one will arrive at what is truly active in the historical process. What one encounters in history thus far—including what Karl Lamprecht attempted—can sometimes arise from instinct. It would only become true, spiritually illuminated knowledge once history is deepened through spiritual science. Now, I do not wish to shy away from setting against what is called history today certain historical findings derived from spiritual science. I would like to begin with the premise that Karl Lamprecht instinctively sensed something I have already mentioned: that around the middle of the fifteenth century, a new age emerged from an older one.
[ 38 ] Wenn man mit dem hellsichtigen Blick — damit ist das gemeint, was ich gestern auseinandergesetzt habe —, wenn man mit dem hellsichtigen Blick, mit dem schauenden Bewusstsein in das geschichtliche Leben hineinblickt, so sieht man in der Tat einen bedeutsamen Wendepunkt, der ungefähr eintritt um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts. Alles, was über Subjektivismus, über Typismus Karl Lamprecht angibt, ist von untergeordneter Bedeutung. Um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts tritt etwas ein — man würdigt das nur nicht genügend —, was höchst bedeutsam ist als ein Umschwung im ganzen menschlichen Leben und was sich insbesondere im mitteleuropäischen menschlichen Leben ganz typisch zum Ausdruck bringt.
[ 38 ] If one looks into historical life with a clairvoyant gaze—that is what I explained yesterday—if one looks into historical life with a clairvoyant gaze and a discerning consciousness, one indeed sees a significant turning point that occurs around the turn of the fifteenth century. Everything Karl Lamprecht states about subjectivism and typism is of secondary importance. At the turn of the fifteenth century, something occurs—though it is not sufficiently recognized—that is of the utmost significance as a radical shift in all of human life and that finds its most typical expression, in particular, in Central European human life.
[ 39 ] Wenn man zurückgeht vor dieses Zeitalter, so hat man in der Konfiguration, in der ganzen Ausgestaltung des menschlichen Wesens und der menschlichen Handlungen etwas, was man bezeichnen kann so, dass man sagt: In jenem Zeitalter wirkt der Verstand noch instinktiv. In der Geisteswissenschaft unterscheiden wir daher die instinktiv wirkende Verstandesseele, wo man aus Instinkt heraus gescheit ist. Das wird abgelöst um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts — und zwar nicht nach dem bequemen Ausspruch, dass die Natur keine Sprünge macht, sondern durch entschiedene Sprünge — das wird abgelöst von einer ganz anderen Konfiguration der Menschenseele. Dasjenige, was wir in der Geisteswissenschaft die Bewusstseinsseele nennen, die alles aus dem Bewusstsein heraus erfasst, die nicht instinktiv wirkt, die wird typisch für die Menschheit. Und man begreift dasjenige, was seither geschieht, nur dann, wenn man weiß, dass ein ganzer Zeitraum, der lange dauert, nur erfasst werden kann, wenn man ins Auge fasst, wie dieser instinktive Verstand, diese als Verstandesseele wirkende Menschenwesenheit ungefähr in derselben Weise zu wirken begann im siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert; wie dieser Verstand die griechische Geschichte schafft, die römische Geschichte, das römische Recht, die römische Politik schafft; wie alle Ereignisse nur zu begreifen sind, wenn man sie in der Nuance des instinktiven Verstandes begreift.
[ 39 ] If one goes back to the time before this era, one finds in the configuration—in the entire structure of the human being and human actions—something that can be described as follows: In that era, the intellect still operates instinctively. In spiritual science, we therefore distinguish the instinctively acting intellectual soul, in which one is intelligent by instinct. This is replaced around the middle of the fifteenth century—not, as the convenient saying goes, because “nature takes no leaps,” but through decisive leaps—and is replaced by an entirely different configuration of the human soul. What we in spiritual science call the conscious soul—which grasps everything through consciousness and does not function instinctively—becomes characteristic of humanity. And one can understand what has been happening since then only if one knows that an entire, long-lasting period can be grasped only by considering how this instinctive intellect—this human being acting as the intellectual soul—began to function in roughly the same way in the seventh or eighth century B.C.; how this intellect shaped Greek history, Roman history, Roman law, and Roman politics; how all these events can only be understood when viewed through the lens of the instinctive intellect.
[ 40 ] Und man begreift nur, was da heraufzieht um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, was da in den Ereignissen auf einmal anders wird, wenn man weiß: Da tritt die Bewusstseinsseele ein, die in ganz anderer Weise sich zu der äußeren Wirklichkeit stellt, die nicht instinktiv aus dem Innern herauswirkt, sondern so, dass der Mensch überlegen muss, dass er nicht mehr vergleicht nur die Dinge, sondern Schlüsse zieht, intellektualistisch vorgeht. In diesem Zeitalter leben wir drinnen. Und dasjenige, was da auf dem Grund der Seele ist durch diese Bewusstseinsseele, das ist das, was studiert werden muss und studiert werden kann in allen Einzelheiten.
[ 40 ] And one can only understand what was emerging around the middle of the fifteenth century—what suddenly changed in the course of events—if one knows: That is when the consciousness soul enters the picture—a soul that relates to external reality in an entirely different way, one that does not act instinctively from within, but rather in such a way that the human being must think things through; that he no longer merely compares things, but draws conclusions and proceeds intellectually. We are living in the midst of this age. And what lies at the very core of the soul through this soul of consciousness—that is what must be studied and can be studied in every detail.
[ 41 ] Denn in anderer Art lebt sich das aus bei solchen Völkern, die, wie das italienische oder spanische Volk, noch viel von alter Erbschaft hereingetragen haben; anders bei solchen Völkern, wie das britische Volk ist, das, ganz besonders durch seine verschiedenen geografischen Verhältnisse hingewiesen auf das Materielle, die Bewusstseinsseele auszubilden hat durch die unmittelbare Konfiguration.
[ 41 ] For this manifests itself differently among peoples who, like the Italian or Spanish people, have retained much of their ancient heritage; unlike among peoples such as the British, who—due in particular to their diverse geographical conditions, which direct their attention toward the material world—must develop the conscious soul through direct configuration.
[ 42 ] Anders ist das im europäischen Osten, wo keine Anlage ist für diese Bewusstseinsseele; wo diese Bewusstseinsseelenentwicklung vorläufig verschlafen wird und erst ein nächster Zeitraum, der diesen Zeitraum der Bewusstseinsseele ablösen wird, das Volk bereit finden wird, das vor kurzer Zeit noch das russische Volk war, das seine eigentliche Seelenart, die heute noch in den Menschen, die da im Osten wohnen, gar nicht beobachtet werden kann mit äußeren Sinnen, entwickeln wird.
[ 42 ] The situation is different in Eastern Europe, where there is no foundation for this soul of consciousness; where the development of the soul of consciousness is currently being overlooked, and only a subsequent era—which will succeed this era of the soul of consciousness—will find the people ready; people who, until recently, were the Russian people, and who will develop their true soul nature, which today cannot yet be perceived with the external senses in the people living there in the East.
[ 43 ] Und heute ist es notwendig, meine sehr verehrten Anwesenden, tieferes Verständnis für dasjenige zu bekommen, was über die Erde hinüber geschieht; tieferes Verständnis auch für dasjenige zu bekommen, was im einzelnen Menschen vorgeht, insofern er Angehöriger ist des großen Geschichtstraumes, den man nur versteht, wenn man aus der träumenden Menschenseele so etwas hervorholt wie das, an das man mit der gewöhnlichen Beobachtung nicht herankann: dass sich vom siebten, achten [vorchristlichen] Jahrhundert bis in das vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert herein instinktives Wollen, instinktiver Verstand entwickelt, wie da der Umschwung eintritt, unter dessen Einfluss wir heute stehen. Das ist ein Beispiel.
[ 43 ] And today, my esteemed audience, it is necessary to gain a deeper understanding of what is happening across the Earth; to gain a deeper understanding, too, of what is taking place within the individual human being, insofar as he is a participant in the great historical dream—a dream that can only be understood by drawing from the dreaming human soul something that cannot be grasped through ordinary observation: that from the seventh and eighth [pre-Christian] centuries right up into the fourteenth and fifteenth centuries, instinctive will and instinctive intellect developed, just as the turning point occurred under whose influence we stand today. That is one example.
[ 44 ] Und ein anderes Beispiel will ich anführen. Hier, wo ich so viele Jahre schon gesprochen habe, will ich nicht zurückschrecken, Ergebnisse der Geisteswissenschaft in ihrer Konkretheit anzuführen, aus dem einfachen Grunde, weil man ja nicht weiterkommen würde auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft, wenn man nicht allmählich übergehen würde zur Schilderung der konkreten Ergebnisse.
[ 44 ] And I would like to cite another example. Here, where I have been speaking for so many years now, I do not wish to shy away from citing the concrete findings of spiritual science, for the simple reason that one would not make any progress in this field of spiritual science unless one gradually moved on to describing these concrete findings.
[ 45 ] Die gewöhnliche Geschichte schöpft ja nur aus der äußeren Beobachtung, und für die älteren Zeiten nur aus äußeren Dokumenten. Sie haben gestern gesehen, dass dasjenige, was geisteswissenschaftliche Methode ist, geholt wird aus einer besonderen Entwicklung der in der Menschenseele schlummernden Kräfte. Sie haben gesehen, wie die Seele dazu geführt wird, hineinzuschauen in dasjenige, was in dieser Menschenseele sonst gar nicht im gewöhnlichen Leben zum Vorschein kommt. Sie haben gesehen, wie diese Menschenseele sich befreien kann vom Leibe, wie sie leibfrei dann erkennen kann. Ja, da beginnt die Menschenseele zu arbeiten mit Kräften, die im gewöhnlichen Leben allerdings vorhanden sind, die aber im Unterbewussten, im Unbewussten schlummernd bleiben. Und mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften kann man gar nicht das wirkliche Leben, das der Mensch darlebt, erfassen.
[ 45 ] Conventional history, after all, draws only on external observation, and for earlier times, only on external documents. You saw yesterday that the method of spiritual science is derived from a special development of the forces lying dormant in the human soul. You have seen how the soul is led to look into that which otherwise never comes to light in ordinary life within this human soul. You have seen how this human soul can free itself from the body, how it can then perceive without the body. Yes, this is where the human soul begins to work with forces that are indeed present in ordinary life but remain dormant in the subconscious and the unconscious. And with the ordinary powers of cognition, one cannot grasp the real life that a human being lives.
[ 46 ] Nehmen Sie eine gewöhnliche Erscheinung, aber eine Erscheinung, die tiefer hineinführt in die menschlichen Lebensgeheimnisse sogar des Alltags. Nehmen Sie die Erscheinung: Man lernt etwas auswendig, das man sich merken will. Man studiert auf diese Weise, wie es sich mit dem menschlichen Gedächtnis verhält. Nun, die Menschen glauben da gewöhnlich, man bemächtige sich der Vorstellung von dem, was man aufnimmt; dann hat man es im Bewusstsein. Nach einiger Zeit kommt das wiederum herauf aus dem Bewusstsein. In zahlreichen «Psychologien», in der offiziellen Seelenkunde wird dieser Aberglaube gelehrt. Er soll Wissenschaft sein, dieser Aberglaube, dass die Vorstellungen, die man aufnimmt, da hinunterwandern in irgendein unbestimmtes Gebiet; da gehen sie spazieren im Unterbewussten der Seele; und wenn man sie braucht, wandern sie wiederum herauf als Erinnerungsvorstellung.
[ 46 ] Take an ordinary phenomenon—but one that leads deeper into the mysteries of human life, even in everyday life. Take this example: You memorize something you want to remember. In this way, you study how human memory works. Well, people usually believe that you take possession of the idea of what you are taking in; then you have it in your consciousness. After some time, it resurfaces from your consciousness. In numerous “psychologies,” in official psychology, this superstition is taught. It is supposed to be science—this superstition that the ideas one takes in wander down into some indeterminate realm; there they wander about in the subconscious of the soul; and when one needs them, they wander back up again as memories.
[ 47 ] Solch eine Anschauung beruht nur darauf, dass man das wirkliche Seelenleben niemals beobachten gelernt hat in Wahrheit. Die Sache geht ganz anders vor sich. Während man sich etwas aneignet als Vorstellung, liegt im Bewusstsein nur die Tatsache dieses Aneignens der Vorstellung. Parallel geht mit dieser Tätigkeit eine andere, die unbewusst bleibt, die ganz anderer Art ist und die sich einschleicht in die menschliche Organisation und die da macht, dass in dieser menschlichen Organisation etwas ganz anderes vor sich geht, als dass die Vorstellung gebildet ist. Das alles, was da parallel geht mit der Vorstellungsbildung, ist aber unbewusst. Das Gedächtnis wird unbewusst entwickelt. Nun haben wir Vorstellungen in uns aufgenommen. Diese Paralleltätigkeit hat gewirkt. Grob — man kann die Sache belegen, aber dazu ist jetzt nicht Zeit —, grob können Sie schon beobachten, wenn Sie sich nur einmal erinnern, wie es Ihnen selbst gegangen ist. Wenn Sie Gedichte auswendig gelernt haben, oder wenn Sie etwas memorieren sollten für ein Examen, wenn man einmal so recht ochsen muss, was macht man da alles noch nebenbei, neben dem, dass man die Vorstellung aufnimmt, damit die Geschichte haften bleibt! Da versucht man das, was unbewusst geschieht, mit dem Bewusstsein zu unterstützen. Es geht wirklich parallel eine Tätigkeit, und wie die Leute sich an die Stirne packen, wenn sie sich einpauken, was sie sich merken sollen, es ist eine Unterstützung dieser unterbewussten Tätigkeit.
[ 47 ] Such a view is based solely on the fact that one has never truly learned to observe the actual life of the soul. The reality is quite different. While one takes in an idea, what remains in consciousness is only the fact of having taken in that idea. Parallel to this activity is another that remains unconscious, that is of an entirely different nature, and that creeps into the human organism, causing something quite different to take place within that organism than the mere formation of the concept. Everything that occurs in parallel with the formation of the concept, however, is unconscious. Memory develops unconsciously. Now we have taken ideas into ourselves. This parallel activity has taken effect. Roughly speaking—one can substantiate this, but there isn’t time for that now—roughly speaking, you can already observe this if you just recall how it was for you personally. When you’ve memorized poems, or when you’ve had to memorize something for an exam—when you really have to cram—what else are you doing on the side, besides taking in the mental image so that the information sticks? You’re trying to support what’s happening unconsciously with your conscious mind. There really is a parallel process at work, and the way people touch their foreheads when they’re cramming what they need to remember is a way of supporting this subconscious activity.
[ 48 ] Dasjenige, was wir uns aneignen als Vorstellung, das bleibt nicht, das ist vorübergehend. Dasjenige, was da unten ist, was da unten in der Organisation konfiguriert wird, zubereitet wird, das ist etwas, was man innerlich ebenso wahrnimmt, wie man äußere Dinge wahrnimmt; da bildet man die Vorstellung neu; das ist etwas anderes als Vorstellung. Jedes Mal, wenn wir uns erinnern, ist die Vorstellung nach der inneren Abzeichnung neu zu bilden. Das ist der wahre Tatbestand.
[ 48 ] What we take on as a concept does not last; it is temporary. What is down there—what is being configured and prepared down there within the organization—is something we perceive internally just as we perceive external things; there, we reform the mental image; this is something different from a mental image. Every time we remember, the mental image must be reformed according to the internal imprint. That is the true state of affairs.
[ 49 ] Aber die Tätigkeit, die dem Gedächtnis zugrunde liegt, die bleibt unbewusst. Wird sie in das Bewusstsein so heraufgeholt, dass man in ihr wirkt, dass man bewusst dasjenige tut, was sonst der vorstellungsbildenden Tätigkeit parallelgeht, was man unterbewusst tut, was ist das? Das ist dieselbe Kraft, die man anwendet, [wenn] man imaginative Erkenntnis anwendet. Im Gedächtnis wendet man die imaginative Erkenntnis fortwährend an. Sie bildet den Organismus. Man dringt unter die Schwelle des Bewusstseins; man dringt in etwas ein, was man im Leben immer übt, was aber unbewusst bleibt. Und man kann immer tiefer eindringen. Dann erweitert sich das Gedächtnis. Dann bekommt man die Möglichkeit, auch den Geist in sich wirklich zu erfassen. Man bekommt die Möglichkeit — ich muss jetzt einen verhältnismäßig großen Sprung machen, weil ich Ergebnisse anzuführen habe —, man bekommt die Möglichkeit, das geschichtliche Werden zu verfolgen von rein geistigen Gesichtspunkten aus und Einblick zu gewinnen in den Sinn, in die tragenden Kräfte der Menschheitsentwicklung über die Erde hin. Mancherlei Gesetze zeigen sich da auf, die weit über das hinausgehen, was die äußere Betrachtung geben kann, die aber dasjenige, was der Mensch sonst im geschichtlichen Werden verträumt und verschläft, erst ins Bewusstsein hinaufheben. Dafür sei ein Beispiel angeführt.
[ 49 ] But the activity underlying memory remains unconscious. If it is brought into consciousness in such a way that one acts upon it—that is, consciously does what otherwise runs parallel to the activity of forming mental images, what one does subconsciously—what is that? It is the same power one employs [when] one applies imaginative insight. In memory, one continually applies imaginative insight. It shapes the organism. One penetrates beneath the threshold of consciousness; one penetrates into something one constantly practices in life, yet which remains unconscious. And one can penetrate ever deeper. Then memory expands. Then one gains the opportunity to truly grasp the spirit within oneself. One gains the opportunity—I must now take a relatively large leap, because I have to cite results—one gains the opportunity to trace historical development from purely spiritual perspectives and to gain insight into the meaning and the driving forces of human development across the Earth. Various laws reveal themselves there that go far beyond what external observation can provide, but which lift into consciousness precisely that which human beings otherwise daydream away and sleep through in the course of historical development. Let me give an example of this.
[ 50 ] Diese Geisteswissenschaft, die ich meine, die mit Imagination, mit Inspiration, mit Intuition arbeitet, die kann weiter zurückgehen, viel weiter, indem dasjenige, was als Gedächtnis erfasst wird, sich erweitert zum Gedächtnis der Menschheit und man wirklich schauen kann, was die Menschheit erlebt hat, indem man das Gedächtnis in sich erfasst und dann es fortsetzt. Es ist das allerdings eine Arbeit, schwerer als jede andere wissenschaftliche Arbeit, namentlich deshalb schwierig, weil man selbst hineinverwoben ist. Da kommt man zurück in noch ältere Epochen der Menschheitsentwicklung, als die ist, auf die ich hingedeutet habe. Ich habe auf die Epoche hingedeutet, die im siebten, achten Jahrhundert [vor Christus] begonnen hat und die ungefähr im fünfzehnten Jahrhundert aufgehört hat. Aber man kommt in ältere Zeiten zurück. In eine ganz alte Zeit kommt man zurück, die etwa gefolgt ist auf dasjenige, was die Geologie die Eiszeit nennt, was die verschiedenen Geologen die [Sintflut] nennen, was aber weiter zurückversetzt werden muss, als es gewöhnlich geschieht. Man kommt in alte Jahrtausende zurück. Da kommt man aber nicht zurück auf eine affenartige Menschheit. Das ist ein naturwissenschaftlicher Aberglaube. Sondern man kommt zurück auf eine Menschheit, die seelisch ganz anders geartet war.
[ 50 ] This spiritual science that I am referring to—which works with imagination, inspiration, and intuition—can go back further, much further, in that what is grasped as memory expands into the memory of humanity, and one can truly see what humanity has experienced by grasping that memory within oneself and then continuing it. This is, however, a task more difficult than any other scientific work, difficult precisely because one is oneself interwoven into it. There one goes back to even older epochs of human development than the one to which I have referred. I have referred to the epoch that began in the seventh and eighth centuries [B.C.] and ended approximately in the fifteenth century. But one goes back to even older times. One goes back to a very ancient time that roughly followed what geology calls the Ice Age—what various geologists call the [Great Flood]—but which must be placed further back in time than is usually assumed. We go back to ancient millennia. But we do not go back to an ape-like humanity. That is a scientific superstition. Rather, we go back to a humanity that was of a completely different spiritual nature.
[ 51 ] Man kommt zurück in eine uralte Epoche der Erdentwicklung — gestatten Sie, dass ich ein heute so gewagtes Ergebnis der Geisteswissenschaft öffentlich ausspreche, aber man muss der Geisteswissenschaft gegenüber vorurteilslos sein, wenn man ihre Ergebnisse nicht als bloße Phantasterei ansehen will —, man kommt in eine alte Epoche zurück, von der kann Folgendes gesagt werden: Wenn wir jetzt einen Menschen in seiner Entwicklung anschauen, so bemerken wir dasjenige, was aus seiner körperlichen Entwicklung kommt. Das entwickelt sich in den ersten Kinderjahren, auch noch in den späteren Kinderjahren bis zur Geschlechtsreife, noch weiter hinauf. Und wenn man weitere Beobachtungsgabe hat, bemerkt man noch bis in die Zwanzigerjahre hinein, dass dasjenige, was in uns sich seelisch entwickelt, mitgeht mit der leiblichen, der körperhaften Entwicklung. Dann aber hört sie auf für uns. Dann sind wir nicht mehr so, dass wir so teilnehmen mit unserer seelischen Entwicklung, wie etwa das Kind am Zahnwechsel teilnimmt, am Wachstum teilnimmt, am Größerwerden, an der Geschlechtsreife. Dann geht der Körper und dann geht die Seele ihre eigenen Wege. Das charakterisiert gerade unsere Entwicklung vom 25. bis 30. Jahre an bis in das späteste Alter, dass wir nicht mehr teilnehmen mit der Seele an demjenigen, was der Leib entwickelt.
[ 51 ] We are returning to an ancient epoch in the Earth’s development—allow me to publicly state a conclusion of spiritual science that is considered so daring today, but one must approach spiritual science without prejudice if one does not wish to regard its findings as mere fantasy— we go back to an ancient epoch about which the following can be said: When we now observe a human being in the course of their development, we notice what arises from their physical development. This develops during the early years of childhood, continuing into the later years of childhood up to sexual maturity, and even beyond. And if one possesses a keen power of observation, one notices, even well into one’s twenties, that what develops within us on the soul level goes hand in hand with physical development. But then it comes to an end for us. Then we are no longer in a position to participate in our soul’s development in the same way that a child participates in the changing of teeth, in growth, in becoming taller, or in reaching sexual maturity. Then the body goes its own way, and the soul goes its own way. This is precisely what characterizes our development from the ages of 25 to 30 onward, right into old age: we no longer participate with our soul in what the body develops.
[ 52 ] Das war in dem ersten Zeitraum, den ich jetzt schildern will, der in alte Jahrtausende zurückgeht, anders. Da blieben die Seelen verbunden in ihrer Entwicklung bis in das höhere Alter hinauf mit der Leibesentwicklung. Da nahmen die Seelen teil bis in die Fünfzigerjahre des Menschen geradeso an dem, was im Leibe sich entwickelte, auch im Verfall des Leibes, wie heute nur beim Kinde, im Jünglings- und Jungfrauen-Alter das seelische Leben am leiblichen Leben teilnimmt. Dadurch erlebte der Mensch etwas, was man jetzt nicht mehr seelisch erleben kann. Wir erleben ja nicht mehr seelisch ohne Weiteres das Abnehmen, das Absinken unserer Leibesorganisation. Da sind wir schon herausgehoben aus dem Leibe. Da verläuft das Seelische in dem, was die Kultur darstellt. Da ist das Seelische nicht mehr abhängig von der Leibesorganisation. Fern in Asien, in Indien, da entwickelte sich in alten Zeiten die Menschheit, die so war, dass das seelisch-geistige Leben bis in die Fünfzigerjahre abhängig blieb von dem physisch-leiblichen Leben. Ein ganz andersartiges Erleben war das.
[ 52 ] This was different during the first period I am now about to describe, which dates back to ancient millennia. At that time, souls remained connected in their development—all the way into old age—with the development of the physical body. Back then, souls participated in what was developing within the body—including the body’s decline—right up into a person’s fifties, just as today the soul’s life participates in physical life only in children and in the ages of youth and maidenhood. Through this, human beings experienced something that can no longer be experienced on a soul level. After all, we no longer automatically experience on a soul level the decline and deterioration of our physical constitution. We have already been lifted out of the body. There, the soul life unfolds within what culture represents. There, the soul life is no longer dependent on the physical constitution. Far away in Asia, in India, humanity developed in ancient times in such a way that spiritual-soul life remained dependent on physical-bodily life well into one’s fifties. That was a completely different kind of experience.
[ 53 ] Dann kam eine nächste Epoche der Erdenentwicklung, eine nächste historische Epoche. Da ging die Sache weiter zurück. Da waren die Menschen nur bis in die Vierzigerjahre hinein mit ihrem seelischen Leben Teilnehmer an ihrem leiblichen Leben. Dann kam eine weitere Epoche. Da waren die Menschen nur von der Mitte der DreiRigerjahre ab Teilnehmer an ihrem leiblichen Leben. Da war etwas ganz besonderes. Die älteren Ägypter, die älteren Chaldäer erlebten noch das. Und dieses besondere war, weil ja der Mensch nach dem 35. Lebensjahr absinkt, weil es da abwärtsgeht mit dem leiblichen Leben, da erlebte man noch seelisch dieses Abwärtsgehen mit. Dann ging der Zeitraum zu Ende.
[ 53 ] Then came the next epoch in Earth’s development, the next historical epoch. Things went back even further. At that time, people were participants in their physical lives with their soul life only until their early forties. Then another epoch began. In that epoch, people were participants in their physical lives only from the mid-thirties onward. There was something very special about that. The ancient Egyptians and the ancient Chaldeans still experienced this. And what was special about it was that—since human beings begin to decline after the age of 35, as physical life starts to wane—they still experienced this decline on a soul level as well. Then that period came to an end.
[ 54 ] Und dann kam der Zeitraum, von dem ich schon gesprochen habe: der Zeitraum, in dem sich das Griechentum, das Römertum entwickelte, dessen Nachwirkung bis in das fünfzehnte Jahrhundert hinein dauerte. Und in diesem Zeitraum blieben die Menschen mehr oder weniger Teilnehmer — man glaubt das heute nicht, weil man nicht mehr sinnvoll, mit innerem Anteil, mit einem schauenden Bewusstsein auf das eingeht, was sich in der Menschheitsentwicklung ergeben hat —, da waren die Menschen Teilnehmer im Seelisch-Geistigen ihres Leiblichen wenigstens bis in die Dreißigerjahre hinein. Damals begann, seit dem fünfzehnten — dem vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert, die Zeit, in der die Menschen nur mit ihrer leiblichen Organisation in dem geistig-seelischen Leben gehen bis zum Ende der Zwanzigerjahre. Da erlebt man nicht mehr dasjenige, was sinkendes Menschenleben ist. In der griechischen, der lateinischen Zeit erlebte man den Anfang der Dreißigerjahre, erlebte ihn im instinktiven Verstand. Jetzt schließt man das Miterleben des Leiblichen ab mit dem Erreichen der letzten Zwanzigerjahre.
[ 54 ] And then came the period I have already spoken of: the period in which Greek and Roman civilization developed, the influence of which lasted well into the fifteenth century. And during this period, people remained, to a greater or lesser extent, participants—people don’t believe this today because they no longer engage meaningfully, with inner involvement and a contemplative consciousness, with what has emerged in the course of human development—but back then, people were participants in the soul-spiritual aspect of their physical being at least well into the 1930s. Back then, beginning in the fifteenth—the fourteenth and fifteenth centuries—the era began in which people move through spiritual and soul life solely through their physical organization, continuing until the end of their twenties. By then, one no longer experiences what constitutes a declining human life. In the Greek and Latin eras, people experienced the beginning of their thirties through their instinctive intellect. Now, one ceases to experience the physical aspect of life upon reaching the late twenties.
[ 55 ] Sie sehen, ein merkwürdiges historisches Gesetz! Die Menschheit geht zurück in Bezug auf ihr seelisches Erleben des Alters. Sie erlebt seelisch immer jüngere Leiblichkeiten als abschließend. Das ist eines der umfassendsten, der bedeutsamsten Gesetze des menschlichen Werdens. Während der einzelne Mensch immer älter wird, wird die Menschheit, wenn Sie das durchdenken, was ich gesagt habe, in Bezug auf ihr leibliches Leben immer jünger. Das heißt: Sie spürt nicht im seelischen Reflex das Altwerden; spürt es nur in der Wirkung; aber das, was in der Seele sich eigentlich auslebt, das war etwas ganz anderes früher. Das war etwas, was unmittelbar in die geistige Welt durch instinktive Erkenntnis hineinschauen ließ. Das aber muss nun wiederum in bewusster Weise von der Menschheit errungen werden. Man muss hineinschauen lernen in dasjenige, in das man nicht hineinschauen kann, weil die Menschheit heute nur das miterleben kann, was der Leib hergibt bis zum 27. Jahr.
[ 55 ] You see, a remarkable historical law! Humanity is regressing in terms of its spiritual experience of old age. Spiritually, it experiences ever younger physical forms as its final state. This is one of the most comprehensive and significant laws of human development. While the individual human being grows ever older, humanity—if you think through what I have said—becomes ever younger in terms of its physical life. That is to say: It does not sense aging in its spiritual reflex; it senses it only in its effects; but what actually plays out in the soul was something entirely different in the past. It was something that allowed one to look directly into the spiritual world through instinctive insight. But this, in turn, must now be consciously attained by humanity. One must learn to look into that which one cannot see, because humanity today can only experience what the body allows up to the age of 27.
[ 56 ] Ich weiß, es ist ein gewagtes Ergebnis, das ich da ausspreche, von diesem Jüngerwerden der Menschheit, von diesem Nicht-Anteilnehmen des Seelisch-Geistigen in unmittelbarer Weise an dem Leiblichen. Aber es ist etwas, was den Anfang bildet einer wirklichen Geschichtserkenntnis. Denn diese wirkliche Geschichtserkenntnis, die wird auf dasjenige gehen, was sonst verschlafen wird. Man wird dasjenige, was im Laufe des geschichtlichen Werdens geschieht, erst in der richtigen Art einsehen, wenn man solche großen, umfassenden Gesetze zu würdigen vermag.
[ 56 ] I know this is a bold conclusion I am drawing—about humanity’s process of becoming disciples, about the soul-spiritual not participating directly in the physical. But it is something that marks the beginning of a true understanding of history. For this true understanding of history will focus on what is otherwise overlooked. One will only be able to properly understand what happens in the course of historical development when one is able to appreciate such great, comprehensive laws.
[ 57 ] Da darf ich wohl ein persönliches Erlebnis anführen. Die verehrten Zuhörer, die mir öfter zugehört haben, wissen, dass ich nur dann, wenn eine besondere Veranlassung da ist, von persönlichen Erlebnissen spreche. Dasjenige, was ich Ihnen jetzt angeführt habe von dem Jüngerwerden der Menschheit, von dem Einfluss, der auf die Menschheit dadurch ausgeübt wird, dass das GeistigSeelische nur das Leibliche in jüngeren Jahren miterlebt, von diesem Einflusse wusste ich dadurch, dass ich einmal eben die geisteswissenschaftliche Forschung auf diese Dinge lenkte. So ergab sich mir dieses Jüngerwerden der Menschheit. Und ich bin überzeugt, ich weiß es ganz bestimmt, derjenige, der eine geisteswissenschaftliche Methode anwendet, findet auf diese Weise ein historisches Gesetz, nicht ein solches, das so charakterisiert werden muss wie im Anfange des Vortrages. Da stellte sich mir heraus: Wie alt war dann eigentlich die Menschheit mit dem Miterleben des Leibes in der griechischen Zeit? Da ging das Miterleben bis in den Anfang der Dreißigerjahre. Da war ein mächtiger Umschwung. Denn da fängt der Mensch ja an, die absteigende Entwicklung zu haben. In alten Zeiten gab ihm das Bemerken dieses körperlichen Abstieges, dieser Rückentwicklung des Leiblichen, eine besondere Form der Geistigkeit. Diese Geistigkeit studieren wir, wenn wir die uralte Weisheit, die uralten Wissenschaften studieren.
[ 57 ] I think I may cite a personal experience here. Those of you in the audience who have heard me speak on other occasions know that I only speak of personal experiences when there is a specific reason to do so. What I have just described to you—the process of humanity becoming a disciple, the influence exerted upon humanity by the fact that the spiritual-soul aspect only experiences the physical aspect in its younger years—I came to know this influence precisely because I once directed spiritual scientific research toward these matters. That is how this process of humanity becoming a disciple became clear to me. And I am convinced—I know this with absolute certainty—that anyone who applies a spiritual-scientific method will discover in this way a historical law, not one that must be characterized as I did at the beginning of this lecture. It then became clear to me: How old, then, was humanity when it began to experience the physical body in the Greek era? At that time, this experience extended back to the early 1930s. There was a powerful turning point there. For that is when human beings begin to undergo a downward development. In ancient times, the awareness of this physical decline—this regression of the physical—gave them a particular form of spirituality. We study this spirituality when we study the ancient wisdom and the ancient sciences.
[ 58 ] Denken, habe ich gesagt, hängt mit Rückentwicklung zusammen. Als die Menschenseele die Rückentwicklung des Leibes noch in so hohem Grade mitmachte, entwickelte sie eine besondere Weisheit. Diese Weisheit ging verloren in dem Zeitraum, der mit dem siebten vorchristlichen Jahrhundert begann und im fünfzehnten Jahrhundert aufhörte. In diesem Zeitraum stand die Menschheit gewissermaßen, soweit sie uns jetzt interessiert, insofern wir selber drinnen stehen, in der Mitte der Entwicklung. Da drohte ihr, wenn nicht ein neuer Impuls in sie hereinschlug, dass ihr die geistigen Zusammenhänge mit dem Weltenall verloren gehen. Da trat ein Impuls ein.
[ 58 ] Thinking, I have said, is connected with regression. When the human soul was still participating to such a high degree in the regression of the body, it developed a special wisdom. This wisdom was lost during the period that began in the seventh century B.C. and ended in the fifteenth century. During this period, humanity stood, so to speak—insofar as it concerns us now, since we ourselves are part of it—in the midst of its development. Unless a new impulse were to strike it, humanity was in danger of losing its spiritual connections with the universe. Then an impulse arose.
[ 59 ] Ich habe wahrhaftig, als ich dieses Jüngerwerden der Menschheit ins Auge fasste, zunächst nicht an diesen Impuls gedacht. Das ist erst später gekommen. Und so etwas gehört zu den erschütterndsten Ergebnissen geisteswissenschaftlicher Forschungen. Ich sagte mir: Der allgemeine Gang des menschlichen Werdens ergibt das, dass die Menschheit an eine Krisis angekommen war, wo ihr drohte, den Zusammenhang mit dem Geistigen zu verlieren. Was geschah in dieser Krisis? Ich kam erst darauf, nachdem ich die Erkenntnis hatte von dem Hergang. Das ist wichtig; und das muss ich hervorheben als persönliches Erlebnis. Da zeigte sich mir die Bedeutung des Mysteriums von Golgatha, das gerade in diesen Zeitraum hineinfällt; der neue Impuls, der der Menschheit einen neuen Anstoß gab. In wunderbarer Weise wird hineingestellt dieses Mysterium von Golgatha in die Geschichtsentwicklung der Menschheit.
[ 59 ] Truly, when I first considered this process of humanity becoming disciples, I did not initially think of this impulse. It came only later. And this is one of the most profound findings of spiritual scientific research. I said to myself: The general course of human development shows that humanity had reached a crisis in which it was in danger of losing its connection with the spiritual. What happened during this crisis? I only realized this after I had gained insight into the course of events. This is important; and I must emphasize it as a personal experience. Then the significance of the Mystery of Golgotha, which falls precisely within this period, became clear to me—the new impulse that gave humanity a fresh impetus. In a wondrous way, this Mystery of Golgotha is woven into the historical development of humanity.
[ 60 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, nur bei besonderen Anlässen durchbreche ich dasjenige, was ja auch in dem Gebot ausgedrückt wird, dass man den Namen des Gottes nicht eitel zu nennen habe (2 Mos 20,7). Geisteswissenschaft führt zu den großen, religiösen Impulsen schon hin. Aber ich betrachte es als eine Verpflichtung, die religiösen Impulse pflegen zu lassen von denen, die dazu bestellt sind. Ich weiß, dass das, was durch Geisteswissenschaft errungen wird, auch die religiösen Impulse der Menschenseele vertieft. Dasjenige, was christliche Weltanschauung ist, es wird im höchsten Sinne gerade aus den geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen heraus gefunden. Aber man kann es den Leuten nicht recht machen. Würden sie finden, dass man immer wiederum in einer Weise, wie es ihnen nicht gefällt, auf die großen religiösen Inhalte des Werdens zu sprechen kommt, sie würden einem das zum Vorwurf machen. Finden sie, dass man das nicht tut, weil man es ihnen überlässt, weil man es vollbewusst nicht tut, weil man weiß, dass die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft sicher zur Vertiefung des religiösen Lebens führt, dann machen sie einem das auch zum Vorwurf. Dann sagen sie: Geisteswissenschaft redet ja nicht vom Christentum. Das sind die Missverständnisse — ich will es nur so nennen —, die man gerne gegen Geisteswissenschaft ins Feld führt. Redet man von irgendetwas, so bekommt man den Vorwurf für das, was man sagt. Redet man nicht davon, will man die anderen dazu für berufen halten, wird es so missverstanden, dass gesagt wird, Geisteswissenschaft habe kein Christentum, oder dergleichen.
[ 60 ] Ladies and gentlemen, I depart from the principle—which is, after all, expressed in the commandment that one must not take the name of the Lord in vain (Exodus 20:7)—only on special occasions. Spiritual science does indeed lead to the great religious impulses. But I consider it my duty to ensure that these religious impulses are nurtured by those who are called to do so. I know that what is attained through spiritual science also deepens the religious impulses of the human soul. What constitutes a Christian worldview is, in the highest sense, discovered precisely from the premises of spiritual science. But one cannot please everyone. If people were to find that one repeatedly addresses the great religious themes of becoming in a way that does not please them, they would hold it against you. If they find that one does not do so—because one leaves it up to them, because one consciously refrains from doing so, because one knows that engaging with spiritual science certainly leads to a deepening of religious life—then they will also hold that against you. Then they say: “Spiritual science doesn’t speak of Christianity at all.” These are the misunderstandings—I’ll just call them that—that people like to bring up against spiritual science. If one speaks of anything, one is criticized for what one says. If one does not speak of it, if one considers others to be called to do so, it is misunderstood in such a way that people say spiritual science has no Christianity, or something similar.
[ 61 ] Dasjenige, was ich soeben angeführt habe, dass gerade an einem wichtigen Punkte der Menschheitsentwicklung hingestellt wird dieses Ereignis von den ganzen kosmischen Weltenzusammenhängen, das gehört tatsächlich zu dem Erschütterndsten, wenn man es so erlebt, wie ich es erlebt habe, — lassen Sie mich dieses Persönliche anführen — ganz ungesucht erlebt habe. Ich wollte nur, meine sehr verehrten Anwesenden, sozusagen den Anfang einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung des Weltenwerdens Ihnen anführen.
[ 61 ] What I have just mentioned—that this event, set against the backdrop of the entire cosmic context of the world, occurs precisely at a crucial point in human development—is indeed one of the most profound experiences, when one experiences it as I have—let me share this personal detail—entirely without seeking it out. I simply wanted, my esteemed audience, to present to you, so to speak, the beginning of a spiritual-scientific contemplation of the evolution of the world.
[ 62 ] Instinktiv, aus einem gewissen Ahnen heraus, ist gerade in unserer mitteleuropäischen Entwicklung das zutage getreten, was tiefer in das Geschichtliche hineinwill. Da braucht man sich nur zu fragen: Wie nimmt denn die einzelne Menschenseele an diesem ausgespannten geschichtlichen Werden teil? Ich habe es gestern erwähnt, wie man, wenn man das Denken auf der einen Seite betrachtet, das Wollen auf der anderen Seite betrachtet, mit dem, was sich in der Überentwicklung der menschlichen Sexualorganisation zum Ausdruck bringt, wie das hinführt die geisteswissenschaftliche Betrachtung zu dem Ewigen in der Seele, zu dem, was vor der Geburt oder Empfängnis in der geistigen Welt lebt, zu dem, was durch die Pforte des Todes tritt.
[ 62 ] Instinctively, out of a certain premonition, what seeks to delve deeper into history has come to the fore, particularly in our Central European development. One need only ask: How does the individual human soul participate in this vast historical process? I mentioned yesterday how, when one considers thinking on the one hand and willing on the other, together with what finds expression in the overdevelopment of the human sexual organization, this leads the spiritual-scientific perspective to the eternal in the soul—to that which lives in the spiritual world before birth or conception, and to that which passes through the gate of death.
[ 63 ] Es ergibt sich dadurch noch ein anderes. Dasjenige, was sich verbindet mit unserer physischen Organisation, dasjenige, was aus der geistigen Welt herunterkommt, indem wir empfangen, indem wir geboren werden, das ist ja innig verwandt — ich habe es heute schon ausgesprochen mit dem, was durch unseren ganzen Lebenslauf hindurchwirkt und uns zum einheitlichen, lebendigen Menschen erst macht, innig mit dem verwandt, was aus den Tiefen unserer Seele als Gedächtnis wirkt. Vertieft man sich nun nicht nur in die Tatsache, die ich gestern erwähnte, dass das Denken als Inspiration erfasst wird, sondern in das, was sich da verbindet mit unserer Leibesorganisation, was aus dieser Inspiration erfließend mit unserem Gedächtnis und mit unserem Wachstum zusammengeht, dann findet man nicht nur, dass man hinüberkommt aus einem geistig-seelischen Erleben, bevor man das leibliche Erleben angetreten hat, mit dem, was wir im Leben entwickeln, sondern dass in dem, was durch die Pforte des Todes geht, liegt die Begierde, ein Menschenleben wieder zu beginnen, nachdem die Seele durch ein rein geistiges Leben gegangen ist, und eben in dem, was nicht nur inspirierend in uns wirkt, sondern bildend auf uns wirkt, was nicht nur aus einem geistig-seelischen Erleben vor der Geburt herkommt, sondern was aus früheren Erdenleben herauskommt. Wirkliche Anschauung früherer Erdenleben, berechtigter Ausblick auf zukünftige Erdenleben geht aus Imagination, Inspiration, Intuition hervor.
[ 63 ] This leads to yet another point. That which is connected to our physical constitution—that which descends from the spiritual world as we are conceived and born—is, after all, intimately related—as I have already stated today—to that which works through our entire life course and makes us into unified, living human beings; it is intimately related to that which acts from the depths of our soul as memory. If we now delve not only into the fact I mentioned yesterday—that thinking is grasped as inspiration—but also into what is connected there with our physical constitution, what, flowing from this inspiration, goes hand in hand with our memory and our growth, then we find not only that we pass over from a spiritual-soul experience before we have entered into physical experience, with what we develop in life, but also that within what passes through the gate of death lies the longing to begin a human life anew after the soul has lived a purely spiritual life—and precisely in that which not only works within us as inspiration but also shapes us, which does not merely stem from a spiritual-soul experience before birth but arises from earlier earthly lives. A true insight into past earthly lives and a justified outlook on future earthly lives arise from imagination, inspiration, and intuition.
[ 64 ] Ich kann das nur andeuten; die Zeit reicht nicht aus zu einer genaueren Charakterisierung. Aber wenn man hineinschaut in dieses individuelle Menschenleben, wie es durch wiederholte Erdendaseine hindurchgeht, dann findet man ein Konkretes im geschichtlichen Werden noch ganz besonders ausgedrückt. Der Mensch nimmt ja teil an diesen verschiedenen Ausgestaltungen, die ich geschildert habe. Er geht wiederholt durch die Kulturen der Erde hindurch. Er trägt selbst als Seele aus der einen Epoche in die andere hinüber dasjenige, was sich dort ausgebildet hat. Unbewusst trägt der Mensch in dieser jetzigen Epoche, wo sich neu ausbildet die Bewusstseinsseele, aus der früheren Epoche, wo die instinktive Seele instinktiv durch den Verstand gewirkt hat und wo die Seelen, die jetzt leben, schon einmal da waren, unbewusst trägt der Mensch das hinüber und gestaltet es jetzt aus. Man begreift jetzt ganz, worin der Geschichtstraum besteht, wie mitwirken diese Menschenseelen, die von Epoche zu Epoche sich hinüberleben, die immer wiederkehren.
[ 64 ] I can only hint at this; there is not enough time for a more detailed description. But when one looks into this individual human life as it passes through repeated earthly existences, one finds something concrete expressed in a particularly distinct way within the course of history. After all, the human being participates in these various forms of development that I have described. He passes repeatedly through the cultures of the Earth. As a soul, he carries over from one epoch to the next that which has been formed there. Unconsciously, in this present epoch—where the consciousness soul is newly developing—human beings carry over from the earlier epoch, when the instinctive soul acted instinctively through the intellect and when the souls now living were already here once before; unconsciously, human beings carry this over and are now shaping it. One now fully understands what the “dream of history” consists of—how these human souls, which carry themselves over from epoch to epoch and return again and again, play their part.
[ 65 ] Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben ist instinktiv dieser Gedanke aufgetaucht. Noch ist er nicht ausgebildet. Geisteswissenschaft ist dazu berufen, ihn auszubilden. Die Pedanten oder die «sehr gescheiten Leute» — unter Anführungszeichen sage ich das —, die sagen: Nun, der Lessing hat ja manches Großartige geleistet; dann ist er alt geworden, dann hat er so etwas geschrieben wie seine «Erziehung des Menschengeschlechts», in der er diesen Traum von den wiederholten Erdenleben anführt. Es ist leicht, schulmeisterlich gescheiter zu sein als ein so tief in die menschlichen Geheimnisse eindringender Mensch, wie Lessing es war, wenn man dazu die nötige Gesinnung, die nötige schofle Gesinnung hat. Lessing hat damals etwas Großes, Gewaltiges getan. Er hat, wenn auch laienhaft und dilettantisch, schon hingewiesen darauf, wie innere Kräfte das Menschenwerden lenken, das Menschheitswerden lenken. Er sagt: Einmal war eine Zeit, wo die Menschheit erzogen wurde in einer bestimmten Weise. Dann kam eine Zeit, wo die Menschheit anders erzogen wurde. Jetzt ist die Zeit, wo die Selbsterziehung beginnt. — Er ahnte etwas von den aufeinanderfolgenden Epochen, wie es auch Karl Lamprecht ahnte. Lessing ahnte mehr, indem er darauf hinwies, dass die Kräfte der einen Epoche in die folgenden Epochen hinübergetragen werden durch die sich immer wieder verkörpernden Menschenseelen. Gewiss, der Einwand ist leicht zu machen, warum die Menschenseelen sich dann nicht an die früheren Epochen erinnern. Das ist dasselbe, wie wenn man sagen würde: Da ist ein vierjähriges Kind, es kann nicht rechnen; also kann der Mensch nicht rechnen. Die Erinnerung der früheren Erdenleben ist etwas, was erst durch Erkenntnisse angeeignet wird, wie ich sie gestern angeführt habe. Aber ohne diese Erkenntnisse dringt man nicht hinein in dasjenige, was als Geschichte geträumt wird. Das ist das, was die Menschheit durchschauen muss, was innig zusammenhängt mit der Gegenwartsentwicklung der Menschheit.
[ 65 ] This idea has emerged instinctively from Central European intellectual life. It has not yet been fully developed. The science of the spirit is called upon to develop it. The pedants or the “very clever people”—I say this in quotation marks—who say: Well, Lessing certainly accomplished many great things; then he grew old, and then he wrote something like his Education of the Human Race, in which he introduces this dream of repeated earthly lives. It is easy to be pedantically “cleverer” than a man who penetrated so deeply into the mysteries of humanity, as Lessing did, if one possesses the necessary disposition—the necessary callous disposition. Lessing accomplished something great and powerful back then. He pointed out—albeit in an amateurish and dilettantish way—how inner forces guide the process of becoming human and the development of humanity. He says: There was once a time when humanity was educated in a certain way. Then came a time when humanity was educated differently. Now is the time when self-education begins. — He sensed something of the successive epochs, just as Karl Lamprecht did. Lessing sensed even more by pointing out that the forces of one epoch are carried over into the following epochs through human souls that repeatedly incarnate. Certainly, it is easy to raise the objection: why, then, do human souls not remember the earlier epochs? That is the same as saying: Here is a four-year-old child who cannot do arithmetic; therefore, human beings cannot do arithmetic. The memory of past earthly lives is something that is acquired only through insights such as those I mentioned yesterday. But without these insights, one cannot penetrate what is dreamed as history. This is what humanity must come to understand—something that is intimately connected with humanity’s present development.
[ 66 ] Große Fragen treten heute vor unsere Seele. Die Frage: Wie ist die Konfiguration der Menschenseelen im Osten? Wie ist sie in unserer Mitte? Wie im Westen? Eine Geschichtswissenschaft haben wir nur vor uns, welche so irrt, wie ich es im Anfang dargestellt habe. Eine Geschichtswissenschaft brauchen wir, welche in die tieferen Kräfte des menschlichen Seelenwesens hineindringt, welche das heraufholt ins Bewusstsein, was sonst verträumt, verschlafen wird. Wenn Imagination und Inspiration hinuntertauchen werden in das sonst schlafende Geschichtserleben, dann wird man erkennen, was von Mensch zu Mensch im sozialen Dasein wirkt. Dann wird etwas anderes heraufkommen als dasjenige, was die letzten Jahrhunderte an sozialen Gesetzen oder dergleichen heraufgebracht haben. Dann wird dasjenige heraufkommen, was dem Leben, der Wirklichkeit gewachsen ist. Heute, heute erleben die Menschen in merkwürdiger Weise Geschichte. Nun ja, zum Schlusse — es dauert nur einige Minuten — möchte ich ein paar Beispiele dafür noch anführen.
[ 66 ] Great questions confront our souls today. The question: What is the nature of human souls in the East? What is it like among us? And in the West? The only historical science we have before us is one that errs in the way I described at the beginning. We need a historical science that penetrates into the deeper forces of the human soul, one that brings into consciousness what would otherwise remain dreamlike or dormant. When imagination and inspiration delve into the otherwise dormant experience of history, then we will recognize what acts from person to person in social life. Then something other than what the past centuries have produced in the form of social laws or the like will emerge. Then what is truly commensurate with life and reality will emerge. Today, people experience history in a strange way. Well, in conclusion—it will only take a few minutes—I would like to cite a few more examples of this.
[ 67 ] Ein Mensch, Johann Heinrich Lambert, er ist in einer süddeutschen Stadt geboren im achtzehnten Jahrhundert. Im neunzehnten Jahrhundert, ungefähr in den Vierzigerjahren, hat man diesem Manne in dieser süddeutschen Stadt ein Denkmal gesetzt. Auf dem Denkmal ist die Himmelskugel, zum Zeichen dafür, dass dieser Mann eingedrungen ist in die Gesetze des Himmels, so wie man im achtzehnten Jahrhundert eindringen konnte. Es ist wenig davon bekannt geworden. Er ist tiefer eingedrungen, als die Kant-Laplace’sche Theorie das ergibt. In den Vierzigerjahren hat die süddeutsche Geburtsstadt diesem Manne ein Denkmal gesetzt. Hundert Jahre früher hat der Vater, nachdem einige Menschen ihn darauf aufmerksam gemacht haben, dass der 14-jährige Sohn ein sehr begabter Junge ist, der unterstützt werden sollte, eine Unterstützung beantragt. Da hat die erhabene Stadt 40 Franken gegeben! 40 Franken, aber unter der Bedingung, dass er sich trollt und nicht wiederkommt! Hundert Jahre danach, nach dieser Tat — so ist es im geschichtlichen Werden — wurde das Denkmal gesetzt.
[ 67 ] A man named Johann Heinrich Lambert was born in a city in southern Germany in the eighteenth century. In the nineteenth century, around the 1840s, a monument was erected in his honor in that city in southern Germany. The monument features the celestial sphere, symbolizing that this man had penetrated the laws of the heavens—as far as was possible in the eighteenth century. Little of this has become known. He penetrated deeper than the Kant-Laplace theory suggests. In the 1840s, the southern German town where he was born erected a monument to this man. A hundred years earlier, after several people had pointed out to his father that his 14-year-old son was a very gifted boy who should be supported, the father applied for financial assistance. The noble city then gave 40 francs! 40 francs—but on the condition that he get lost and never come back! A hundred years later, following this act—such is the course of history—the monument was erected.
[ 68 ] Solche Dinge, meine sehr verehrten Anwesenden, leben sich ja in der Menschheitsentwicklung immer wieder und wiederum aus. Sie erinnern sich, dass ich aus bestimmten Gründen am Beginn dieses Weltkrieges gerade hier in dieser Stadt öfter aufmerksam gemacht habe auf einen tief-bedeutsamen Denker, der hier gelebt hat, auf Karl Christian Planck. Ich habe dazumal auf ihn hingewiesen, und in meinen Büchern schon viel früher. Jetzt erlebt man es, dass auf ihn hingewiesen wird. Aber so war mein damaliges Hinweisen nicht gemeint. Planck würde, wenn er heute lebte, unter den Verhältnissen, die nun anders sind, auch dasjenige, was er in den Achtzigerjahren ausgesprochen hat, wieder anders aussprechen. Im brennenden Miterleben mit der Wirklichkeit drückt sich allein dasjenige aus, was man in der Menschheit braucht, nicht bloß in der rückschauenden Betrachtung. Weil da manche Leute glauben, man brauche neue Einschläge, so glauben sie, dass ein Mensch, der als genialer, tiefsinniger Mensch in den Achtzigerjahren etwas ausgesprochen hat, das heute noch ebenso aussprechen würde. Man ehrt das Andenken solcher Menschen, wenn man in ihrem Geiste fortwirkt, wenn man sich fragt: Wie würden sie heute sprechen aus dem großen Geiste heraus, aus dem sie dazumal gesprochen haben?
[ 68 ] Such things, my esteemed audience, recur time and again in the course of human development. You will recall that, for certain reasons, at the outset of this world war—right here in this city—I frequently drew attention to a profoundly significant thinker who lived here: Karl Christian Planck. I referred to him back then, and in my books long before that. Now we are seeing that people are referring to him. But that was not the intention behind my references at the time. If Planck were alive today, under circumstances that are now different, he would also express what he said in the 1880s in a different way. It is only through a passionate engagement with reality—not merely through retrospective reflection—that what humanity truly needs is expressed. Because some people believe we need new perspectives, they assume that a person who, as a brilliant and profound thinker, expressed certain ideas in the 1880s would say the same things today. We honor the memory of such people when we continue to work in their spirit, when we ask ourselves: How would they speak today from the same great spirit from which they spoke back then?
[ 69 ] Heute fordert die Zeit, dass man in die tiefen Unterlagen des menschheitlichen Werdens hineinsieht gerade auf geschichtlichem Gebiete. Dann werden nicht mehr Urteile herauskommen, wie ich sie am Beginn des Vortrages angeführt habe. Dann werden auch nicht vage Prophetien ausgesprochen werden. Aber das geschichtliche Leben wird so ausgesprochen werden, dass wir mit unserem Gefühl, das sonst in Träumen verfließt, wenn wir es brauchen, der Wirklichkeit gegenüberstehen; dass wir gerade mit den tieferen Kräften, nicht mit den intellektuellen Kräften, uns der Wirklichkeit gegenüberstellen; dass wir gewachsen sind dem, was als Anforderung an uns herantritt. Und groß und gewaltig sind die Anforderungen der Gegenwart. Kennen müssen wir, was vom Osten bis zum Westen in der Menschheit pulsiert, was sich heute auslebt. Gewachsen müssen wir werden dieser Wirklichkeit, die so furchtbar an unsere Türen pocht. Aufnehmen müssen wir geschichtliche Gesetze, die nicht enthalten sind in den Gesetzen heute, solche Gesetze, die tiefer hinunterdringen als bloß intellektuell, als bloß in das Verständnis, das in der Naturwissenschaft so große Errungenschaften hervorgebracht hat, aber nicht das soziale, das politische, das geschichtliche, das menschlich-sittliche Leben erfassen kann.
[ 69 ] Today, the times demand that we look into the depths of humanity’s development, particularly in the realm of history. Then judgments such as those I cited at the beginning of this lecture will no longer arise. Nor will vague prophecies be uttered. Instead, historical life will be expressed in such a way that we can face reality with our feelings—feelings that otherwise dissolve into dreams—when we need them; that we confront reality precisely with our deeper forces, not with our intellectual faculties; that we have grown to meet the demands placed upon us. And the demands of the present are great and formidable. We must know what is pulsating within humanity from East to West, what is playing out today. We must rise to meet this reality that is knocking so fiercely at our doors. We must take on board historical laws that are not contained in today’s laws—laws that penetrate deeper than the merely intellectual, than the understanding that has produced such great achievements in the natural sciences but cannot grasp social, political, historical, or human-moral life.
[ 70 ] Das hat Goethe gefühlt. Er hat nicht nur ausgesprochen einen Eindruck, den die geschichtliche Erkenntnis auf ihn machte damals, sondern er hat auch ausgesprochen ein Sollen, etwas, was sein soll. Auf ihn hat die Geschichte den Eindruck gemacht, dass ihr Bestes nicht die abstrakten Gesetze sind, sondern die Impulse, die in unser Gefühl, in unseren Enthusiasmus hineindringen. Dasjenige, was die Menschen verträumen, es wird sich durch Imagination, Inspiration, Intuition heraufheben lassen. Die werden sich wieder real senken in unsere Gefühle, in unseren Enthusiasmus. Wir werden, nicht prophetisch, nicht mystisch vage, aber so, dass, wenn die Wirklichkeit an uns herantritt, wir innerlich durchdrungen von diesen Impulsen an diese Wirklichkeit herandringen können, wir werden Geschichte so betrachten können in Zukunft, dass sie geistige Gesetze schafft, nicht solche, die sie schon hat; Gesetze, die eindringen in die menschliche Seele bis zum Enthusiasmus, der aber der Wirklichkeit gewachsen ist.
[ 70 ] Goethe felt this. He not only articulated the impression that historical insight made on him at the time, but he also articulated an ideal—something that ought to be. History made an impression on him that its greatest value lies not in abstract laws, but in the impulses that penetrate our feelings and our enthusiasm. That which people dream away can be raised up through imagination, inspiration, and intuition. These will then settle back into reality within our feelings and our enthusiasm. We will—not prophetically, not in a mystically vague way, but in such a way that, when reality approaches us, we can engage with that reality while being inwardly permeated by these impulses—we will be able to view history in the future as creating spiritual laws, not those it already possesses; laws that penetrate the human soul to the point of enthusiasm, yet an enthusiasm that is equal to reality.
[ 71 ] Nicht nur, was Goethe dazumal sagte, ist wahr; wahr ist noch, was heute ausgesprochen werden kann. Denn heute gilt es: Geschichte muss werden dasjenige, was als Bestes für das Leben der menschlichen Seele erzeugt den Enthusiasmus für das rechte, das wahrhaftige, volle Ergreifen der Wirklichkeit. Das Wertvollste an der Zukunftsgeschichte wird sein der Enthusiasmus, den sie in der Menschenseele erzeugt.
[ 71 ] Not only is what Goethe said back then true; what can be said today is also true. For today the following holds true: History must become that which, as the best thing for the life of the human soul, generates enthusiasm for the right, true, and full grasp of reality. The most valuable aspect of the history of the future will be the enthusiasm it generates in the human soul.
