The Human Being as a
Spirit and Soul Being
GA 71b
3 May 1918, Munich
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Der Mensch als Geist- und Seelenwesen
11. Der Mensch und das Geschichtliche und Moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
11. Der Mensch und das Geschichtliche und Moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Mit Bezug auf das geschichtliche Leben der Menschheit und die Erkenntnis dieses geschichtlichen Lebens, wie sie angestrebt worden ist zu seiner Zeit und wohl auch noch in derselben Art in unserer Zeit vielfach angestrebt wird, hat Goethe einen bedeutungsvollen Ausspruch getan, der einen wohl zum Nachdenken zwingen kann. Er sagte, das Beste an der Geschichte sei der Enthusiasmus, den sie erregt. Wenn man gewöhnt ist, bei Goethe in seinen Aussprüchen immer das Ergebnis seiner tiefen Lebenserfahrung, Lebensweisheit zu suchen, dann kann eben dieser Ausspruch allerdings sehr, gar sehr zum Nachsinnen Veranlassung bieten, und wenn man mit gewissen Erfahrungen, die man machen kann gegenüber dem, was man geschichtliche Erkenntnis nennt, wenn man mit gewissen Erfahrungen zurate geht, dann kommt man allerdings auf eine Anschauung, welche hinführen kann zu demjenigen, was Goethe eigentlich gemeint haben könnte.
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Mit Bezug auf das geschichtliche Leben der Menschheit und die Erkenntnis dieses geschichtlichen Lebens, wie sie angestrebt worden ist zu seiner Zeit und wohl auch noch in derselben Art in unserer Zeit vielfach angestrebt wird, hat Goethe einen bedeutungsvollen Ausspruch getan, der einen wohl zum Nachdenken zwingen kann. Er sagte, das Beste an der Geschichte sei der Enthusiasmus, den sie erregt. Wenn man gewöhnt ist, bei Goethe in seinen Aussprüchen immer das Ergebnis seiner tiefen Lebenserfahrung, Lebensweisheit zu suchen, dann kann eben dieser Ausspruch allerdings sehr, gar sehr zum Nachsinnen Veranlassung bieten, und wenn man mit gewissen Erfahrungen, die man machen kann gegenüber dem, was man geschichtliche Erkenntnis nennt, wenn man mit gewissen Erfahrungen zurate geht, dann kommt man allerdings auf eine Anschauung, welche hinführen kann zu demjenigen, was Goethe eigentlich gemeint haben könnte.
[ 2 ] Geschichtliche Erkenntnis — man darf sagen, namentlich im Laufe des letzten Jahrhunderts ist auf sie großer menschlicher Scharfsinn, große gelehrte Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit verwendet worden. Und es ist nicht eine leichtfertige Kritik über das geschichtliche Urteil, das sich Menschen angeeignet haben, wenn ich darauf hinweise, wie wenig gerade in verfänglichen Fällen dasjenige, was man bis heute Geschichte nennt, dann seine Dienste leistet, wenn es sich darum handelt, aus der Geschichte heraus ein Urteil zu gewinnen, wie ein solches das wirkliche, das wahre Leben von uns fordert. In unserer katastrophalen Zeit steht ja wohl jeder denkende Mensch oftmals Betrachtungen gegenüber, die ihm nahelegen, die Frage aufzuwerfen: Was sagt gegenüber den wahrhaft tief in die Menschheitsentwicklung einschneidenden Ereignissen dieses oder jenes Tages, die sich ja so häufen, was sagt die geschichtliche Erkenntnis?
[ 2 ] Geschichtliche Erkenntnis — man darf sagen, namentlich im Laufe des letzten Jahrhunderts ist auf sie großer menschlicher Scharfsinn, große gelehrte Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit verwendet worden. Und es ist nicht eine leichtfertige Kritik über das geschichtliche Urteil, das sich Menschen angeeignet haben, wenn ich darauf hinweise, wie wenig gerade in verfänglichen Fällen dasjenige, was man bis heute Geschichte nennt, dann seine Dienste leistet, wenn es sich darum handelt, aus der Geschichte heraus ein Urteil zu gewinnen, wie ein solches das wirkliche, das wahre Leben von uns fordert. In unserer katastrophalen Zeit steht ja wohl jeder denkende Mensch oftmals Betrachtungen gegenüber, die ihm nahelegen, die Frage aufzuwerfen: Was sagt gegenüber den wahrhaft tief in die Menschheitsentwicklung einschneidenden Ereignissen dieses oder jenes Tages, die sich ja so häufen, was sagt die geschichtliche Erkenntnis?
[ 3 ] Ich möchte nur beispielsweise, einleitungsweise anführen, wie wahrhaftig nicht leicht zu nehmende und auch nicht bloß als Theoretiker zu betrachtende, sondern ganz ernste Personen, die da glaubten, sich ein wirkliches gesundes Urteil aus der Betrachtung der Geschichte bilden zu können, im Beginn dieser kriegerischen Katastrophe eben zu dem Urteil gekommen sind, dieser Weltzusammenstoß könne nicht länger dauern, nach den allgemeinen Verhältnissen, die im sozialen, im moralischen Zusammenleben der Menschheit sich herausgebildet haben, deren Erkenntnis durch die Geschichtsbetrachtung sich ergibt, dieser katastrophale Zusammenstoß der Menschheit könne nicht länger dauern als vier bis sechs Monate. Das haben die Menschen, die schon ein in gewissem Sinne heute berechtigtes Urteil aus der Geschichte heraus sich gebildet haben und die auch durchaus der Lebenspraxis nicht ferne stehen, im August, September und so weiter des Jahres 1914 gedacht. Und was hat die Wirklichkeit, was hat das Leben zu diesem Urteil gesagt? Das kann sehr wohl bedenklich stimmen, das kann sehr wohl darauf aufmerksam machen, ob geschichtliche Betrachtungsweise, so, wie man sie gewöhnt ist, in der Tat geeignet ist, sich ein Urteil zu bilden, wie die Wirklichkeit solche Urteile im Ernst herausfordert.
[ 3 ] Ich möchte nur beispielsweise, einleitungsweise anführen, wie wahrhaftig nicht leicht zu nehmende und auch nicht bloß als Theoretiker zu betrachtende, sondern ganz ernste Personen, die da glaubten, sich ein wirkliches gesundes Urteil aus der Betrachtung der Geschichte bilden zu können, im Beginn dieser kriegerischen Katastrophe eben zu dem Urteil gekommen sind, dieser Weltzusammenstoß könne nicht länger dauern, nach den allgemeinen Verhältnissen, die im sozialen, im moralischen Zusammenleben der Menschheit sich herausgebildet haben, deren Erkenntnis durch die Geschichtsbetrachtung sich ergibt, dieser katastrophale Zusammenstoß der Menschheit könne nicht länger dauern als vier bis sechs Monate. Das haben die Menschen, die schon ein in gewissem Sinne heute berechtigtes Urteil aus der Geschichte heraus sich gebildet haben und die auch durchaus der Lebenspraxis nicht ferne stehen, im August, September und so weiter des Jahres 1914 gedacht. Und was hat die Wirklichkeit, was hat das Leben zu diesem Urteil gesagt? Das kann sehr wohl bedenklich stimmen, das kann sehr wohl darauf aufmerksam machen, ob geschichtliche Betrachtungsweise, so, wie man sie gewöhnt ist, in der Tat geeignet ist, sich ein Urteil zu bilden, wie die Wirklichkeit solche Urteile im Ernst herausfordert.
[ 4 ] Ja, sehr verehrte Anwesende, noch ein anderes, ähnliches möchte ich anführen — es könnten Hunderte und Tausende von Beispielen in dieser Richtung gegeben werden —, noch ein anderes will ich anführen, das abgegeben hat eine Persönlichkeit, an deren Genialität ja jedenfalls niemand zweifeln kann; eine Persönlichkeit, die sich dazu berufen fühlte, Fragen sich zu stellen: Was sagt Geschichte über das menschliche Leben der neueren Zeit aus? Diese Frage sich vorzulegen beim Antritt seiner Universitätsprofessur, und diese Persönlichkeit, die dieses Urteil abgegeben hat, sie ist keine geringere als Friedrich Schiller. Und welches Urteil gab Friedrich Schiller ab da, als er sich gedrängt fühlte, die Wirkung des historischen Studiums auf seine Seele bei seiner Antrittsvorlesung instinktiv zum Ausdruck zu bringen? Schiller sagte dazumal, 1789: Die Geschichte lehrt, dass die Völker der europäischen Menschheit als eine große Familie endlich sich herausgebildet habe, innerhalb welcher es wohl noch diese oder jene Differenzen geben könne, innerhalb welcher aber niemals wieder eintreten könne, dass sie sich gegenseitig zerfleischen.
[ 4 ] Ja, sehr verehrte Anwesende, noch ein anderes, ähnliches möchte ich anführen — es könnten Hunderte und Tausende von Beispielen in dieser Richtung gegeben werden —, noch ein anderes will ich anführen, das abgegeben hat eine Persönlichkeit, an deren Genialität ja jedenfalls niemand zweifeln kann; eine Persönlichkeit, die sich dazu berufen fühlte, Fragen sich zu stellen: Was sagt Geschichte über das menschliche Leben der neueren Zeit aus? Diese Frage sich vorzulegen beim Antritt seiner Universitätsprofessur, und diese Persönlichkeit, die dieses Urteil abgegeben hat, sie ist keine geringere als Friedrich Schiller. Und welches Urteil gab Friedrich Schiller ab da, als er sich gedrängt fühlte, die Wirkung des historischen Studiums auf seine Seele bei seiner Antrittsvorlesung instinktiv zum Ausdruck zu bringen? Schiller sagte dazumal, 1789: Die Geschichte lehrt, dass die Völker der europäischen Menschheit als eine große Familie endlich sich herausgebildet habe, innerhalb welcher es wohl noch diese oder jene Differenzen geben könne, innerhalb welcher aber niemals wieder eintreten könne, dass sie sich gegenseitig zerfleischen.
[ 5 ] Dieses Urteil wurde abgegeben eben von keinem geringeren als Friedrich Schiller, unmittelbar vor dem Ausbruch der Französischen Revolution, der großen Zusammenstöße Europas, die nachher folgten. Und wenn man dazunimmt dasjenige, was bis zum heutigen Tag geschehen ist, dann zeigt sich auch dieses Urteil Friedrich Schillers in einem eigentümlichen Licht. Man kann sich sagen: Weil vielleicht Goethe doch in seiner Lebensweisheit tiefer in menschliches Leben und Dasein hineinsah, so suchte er gar nicht dasjenige, was Geschichte, wie sie ihm gegenübertrat, bieten kann, in einem Urteil, das gelernt werden könne, sondern Goethe suchte die Frucht der Geschichte vielleicht aus guten Gründen in einem Impuls, der sich tiefer als in den Verstand, tiefer als in den äußeren Intellekt hineinbegibt beim Menschen, er suchte die Frucht der Geschichte in der Ergreifung der ganzen Seele mit dem Enthusiasmus.
[ 5 ] Dieses Urteil wurde abgegeben eben von keinem geringeren als Friedrich Schiller, unmittelbar vor dem Ausbruch der Französischen Revolution, der großen Zusammenstöße Europas, die nachher folgten. Und wenn man dazunimmt dasjenige, was bis zum heutigen Tag geschehen ist, dann zeigt sich auch dieses Urteil Friedrich Schillers in einem eigentümlichen Licht. Man kann sich sagen: Weil vielleicht Goethe doch in seiner Lebensweisheit tiefer in menschliches Leben und Dasein hineinsah, so suchte er gar nicht dasjenige, was Geschichte, wie sie ihm gegenübertrat, bieten kann, in einem Urteil, das gelernt werden könne, sondern Goethe suchte die Frucht der Geschichte vielleicht aus guten Gründen in einem Impuls, der sich tiefer als in den Verstand, tiefer als in den äußeren Intellekt hineinbegibt beim Menschen, er suchte die Frucht der Geschichte in der Ergreifung der ganzen Seele mit dem Enthusiasmus.
[ 6 ] Und vielleicht können gerade die heutigen Betrachtungen geeignet sein, dieses Urteil Goethes auszubilden, zu erweitern und in seiner ganzen Wirklichkeitsbedeutung zu zeigen. Denn die Frage möchte ich zugrunde legen den heutigen Betrachtungen: Was bietet das Wissenschaftliche, das man bisher gewohnt worden ist, als Geschichte zu betrachten, gegenüber dem, was die Wirklichkeit von uns fordert? Man kann sagen: Gerade dann, wenn man das Leben in seinen verschiedenen Gestaltungen betrachtet, so zeigt dieses Leben in seinen verschiedenen Gestaltungen vielleicht bedeutsam an dem, was als Geschichtsurteil selbst aufgetreten ist, etwas in tieferem Sinne außerordentlich Lehrreiches.
[ 6 ] Und vielleicht können gerade die heutigen Betrachtungen geeignet sein, dieses Urteil Goethes auszubilden, zu erweitern und in seiner ganzen Wirklichkeitsbedeutung zu zeigen. Denn die Frage möchte ich zugrunde legen den heutigen Betrachtungen: Was bietet das Wissenschaftliche, das man bisher gewohnt worden ist, als Geschichte zu betrachten, gegenüber dem, was die Wirklichkeit von uns fordert? Man kann sagen: Gerade dann, wenn man das Leben in seinen verschiedenen Gestaltungen betrachtet, so zeigt dieses Leben in seinen verschiedenen Gestaltungen vielleicht bedeutsam an dem, was als Geschichtsurteil selbst aufgetreten ist, etwas in tieferem Sinne außerordentlich Lehrreiches.
[ 7 ] Deshalb will ich ausgehen von der Betrachtungsweise, von der Vorstellungsart zweier Geschichtsschreiber, Geschichtsbetrachter, die in ihrer seelischen Eigentümlichkeit denkbar weitest auseinanderliegen; aber die Gegenwart fordert schon wirklich heute eine Betrachtungsweise, die anders geartet ist als eine solche, die sich nur ergehen will über dasjenige, was man im Umkreis gerade noch so weit erfasst, dass man den Kirchturm des Ortes sehen kann. Die Ereignisse des heutigen Tages, der unmittelbaren Gegenwart fordern allerdings von uns, dass wir den Horizont unserer Betrachtung erweitern über die ganze Erde hin, und so möchte ich denn dasjenige, was in einem bestimmten Fall auf einem bestimmten Gebier über Geschichte denken mussten zwei sehr voneinander verschiedene Persönlichkeiten, das möchte ich meiner heutigen Betrachtung voranstellen.
[ 7 ] Deshalb will ich ausgehen von der Betrachtungsweise, von der Vorstellungsart zweier Geschichtsschreiber, Geschichtsbetrachter, die in ihrer seelischen Eigentümlichkeit denkbar weitest auseinanderliegen; aber die Gegenwart fordert schon wirklich heute eine Betrachtungsweise, die anders geartet ist als eine solche, die sich nur ergehen will über dasjenige, was man im Umkreis gerade noch so weit erfasst, dass man den Kirchturm des Ortes sehen kann. Die Ereignisse des heutigen Tages, der unmittelbaren Gegenwart fordern allerdings von uns, dass wir den Horizont unserer Betrachtung erweitern über die ganze Erde hin, und so möchte ich denn dasjenige, was in einem bestimmten Fall auf einem bestimmten Gebier über Geschichte denken mussten zwei sehr voneinander verschiedene Persönlichkeiten, das möchte ich meiner heutigen Betrachtung voranstellen.
[ 8 ] Die eine Persönlichkeit ist der verstorbene Leipziger Universitätsprofessor der Geschichte Karl Lamprecht. Er hat wie zusammengefasst in einem kurzen Extrakt — deshalb ist das so lehrreich gerade — dasjenige ausgeführt, was er zu sagen hatte nach einem Forscherleben, das in Gewissenhaftigkeit der Geschichte des deutschen Volkes gewidmet war, er hatte zusammengefasst dasjenige, was er über die Entwicklungskräfte dieses seines Volkes zu sagen hatte, hatte es zusammengefasst so, wie er glaubt, es zusammenfassen zu müssen gerade für eine fremde Bevölkerung für ein fremdes Publikum; denn ich lege dieser Betrachtung den Vortrag zugrunde, den er 1904 gehalten hat einerseits auf der Weltausstellung in St. Louis, andererseits auf Einladung der Columbia [University] New York. Da sprach Karl Lamprecht über die Triebkräfte der Entwicklung des deutschen Volkes von den Anfängen, zu denen der Historiker vordringen kann, den ersten christlichen Jahrhunderten, bis in die Gegenwart herein.
[ 8 ] Die eine Persönlichkeit ist der verstorbene Leipziger Universitätsprofessor der Geschichte Karl Lamprecht. Er hat wie zusammengefasst in einem kurzen Extrakt — deshalb ist das so lehrreich gerade — dasjenige ausgeführt, was er zu sagen hatte nach einem Forscherleben, das in Gewissenhaftigkeit der Geschichte des deutschen Volkes gewidmet war, er hatte zusammengefasst dasjenige, was er über die Entwicklungskräfte dieses seines Volkes zu sagen hatte, hatte es zusammengefasst so, wie er glaubt, es zusammenfassen zu müssen gerade für eine fremde Bevölkerung für ein fremdes Publikum; denn ich lege dieser Betrachtung den Vortrag zugrunde, den er 1904 gehalten hat einerseits auf der Weltausstellung in St. Louis, andererseits auf Einladung der Columbia [University] New York. Da sprach Karl Lamprecht über die Triebkräfte der Entwicklung des deutschen Volkes von den Anfängen, zu denen der Historiker vordringen kann, den ersten christlichen Jahrhunderten, bis in die Gegenwart herein.
[ 9 ] Und ich möchte parallelisieren mit dieser Form die Darstellungsart, die ein Geist gegeben hat, der so recht herausgewachsen ist aus mitteleuropäischem Volkstum und demjenigen, was als seine Geschichte dieses mitteleuropäische Volkstum erlebt, ich möchte dieses parallelisieren mit der eigentümlichen Vorstellungsart eines anderen Mannes, der auch in gewissem Sinn Historiker ist, mit der Vorstellungsart Woodrow Wilsons, welcher fast zu derselben Zeit über dasselbe Thema, aber mit Bezug auf sein amerikanisches Volk gesprochen hat. Ich kann mir für denjenigen, der Einblick gewinnen will in die Art, wie man heute über die Erde hin Geschichte sucht, nichts Charakteristischeres denken als das, was sich ergibt durch den Vergleich der Geschichtsbetrachtung gerade ihres eigenen Volkes bei diesen beiden Persönlichkeiten.
[ 9 ] Und ich möchte parallelisieren mit dieser Form die Darstellungsart, die ein Geist gegeben hat, der so recht herausgewachsen ist aus mitteleuropäischem Volkstum und demjenigen, was als seine Geschichte dieses mitteleuropäische Volkstum erlebt, ich möchte dieses parallelisieren mit der eigentümlichen Vorstellungsart eines anderen Mannes, der auch in gewissem Sinn Historiker ist, mit der Vorstellungsart Woodrow Wilsons, welcher fast zu derselben Zeit über dasselbe Thema, aber mit Bezug auf sein amerikanisches Volk gesprochen hat. Ich kann mir für denjenigen, der Einblick gewinnen will in die Art, wie man heute über die Erde hin Geschichte sucht, nichts Charakteristischeres denken als das, was sich ergibt durch den Vergleich der Geschichtsbetrachtung gerade ihres eigenen Volkes bei diesen beiden Persönlichkeiten.
[ 10 ] Karl Lamprecht versucht hinauszukommen über die alte Ranke’sche und englische Geschichtsbetrachtung, die sich nur an äußere Dokumente hält. Er versucht, den Blick zu wenden auf die inneren Triebkräfte des historischen Werdens, auf dasjenige, was nicht in den äußeren Urkunden bloß zu suchen ist, sondern was gefunden werden kann, wenn man in das Seelenleben des Volkes eindringen will, die tieferen Kräfte sucht, die den historischen Werdegang bedingen. Da kommt ja Karl Lamprecht zu mancherlei recht Interessantem. Er kommt dazu, zu sagen: Wenn man zurückblickt auf die älteste Entwicklung des deutschen Volkes, so findet man bis ins dritte nachchristliche Jahrhundert in der Seele dieses Volkes entwickelt eine eigentümliche Art der Gemütskräfte und ihrer Wirkungen; untersucht man die verschiedenen Gebiete, auf denen sich diese Kräfte darlebten, in dieser alten Zeit, darlebten auf moralischem, kriegerischem, auf staatlichem, auf sozialem Gebiet, auf künstlerischem Gebiet, primitiv, wie es damals war, so muss man sagen: Die Menschen des deutschen Volkes lebten dazumal so, dass sie ihr soziales Zusammensein und ihr soziales Wirken gestalteten aus einer gewissen symbolistischen sinnbilderbildenden Gemütsart heraus. Nicht nur, dass man versuchte, in den primitiven Kunsterzeugnissen die Weltgeschehnisse in Sinnbildern darzustellen, man lebte sozusagen von Mensch zu Mensch auch so, dass die sinnbildlerische Gemütsart diese Erlebnisse gestaltete. Man stellte zum Beispiel sich zu den Führern des Volkes, dass man in diesen Führern des Volkes sah Sinnbilder des ganzen Volkstums, und das bedingt, meint Karl Lamprecht, dass dazumal auftauchte im moralischen, im sozialen Zusammensein dasjenige, was man als militärisch-kameradschaftliches Prinzip bezeichnen kann.
[ 10 ] Karl Lamprecht versucht hinauszukommen über die alte Ranke’sche und englische Geschichtsbetrachtung, die sich nur an äußere Dokumente hält. Er versucht, den Blick zu wenden auf die inneren Triebkräfte des historischen Werdens, auf dasjenige, was nicht in den äußeren Urkunden bloß zu suchen ist, sondern was gefunden werden kann, wenn man in das Seelenleben des Volkes eindringen will, die tieferen Kräfte sucht, die den historischen Werdegang bedingen. Da kommt ja Karl Lamprecht zu mancherlei recht Interessantem. Er kommt dazu, zu sagen: Wenn man zurückblickt auf die älteste Entwicklung des deutschen Volkes, so findet man bis ins dritte nachchristliche Jahrhundert in der Seele dieses Volkes entwickelt eine eigentümliche Art der Gemütskräfte und ihrer Wirkungen; untersucht man die verschiedenen Gebiete, auf denen sich diese Kräfte darlebten, in dieser alten Zeit, darlebten auf moralischem, kriegerischem, auf staatlichem, auf sozialem Gebiet, auf künstlerischem Gebiet, primitiv, wie es damals war, so muss man sagen: Die Menschen des deutschen Volkes lebten dazumal so, dass sie ihr soziales Zusammensein und ihr soziales Wirken gestalteten aus einer gewissen symbolistischen sinnbilderbildenden Gemütsart heraus. Nicht nur, dass man versuchte, in den primitiven Kunsterzeugnissen die Weltgeschehnisse in Sinnbildern darzustellen, man lebte sozusagen von Mensch zu Mensch auch so, dass die sinnbildlerische Gemütsart diese Erlebnisse gestaltete. Man stellte zum Beispiel sich zu den Führern des Volkes, dass man in diesen Führern des Volkes sah Sinnbilder des ganzen Volkstums, und das bedingt, meint Karl Lamprecht, dass dazumal auftauchte im moralischen, im sozialen Zusammensein dasjenige, was man als militärisch-kameradschaftliches Prinzip bezeichnen kann.
[ 11 ] Dann wird abgelöst, meinte Karl Lamprecht, dasjenige, was als innerer Impuls in dem geschichtlichen Werden lebt, durch eine andere Form der Gemütskräfte, die dann wirken in der Konfiguration der deutschen Entwicklung bis ins elfte Jahrhundert hinein. Abgelöst wird dieses Symbolistische, die Sinnbilder bildende Gemütsart von der typisierenden. Es wirkt nunmehr weniger die Phantasie, es wirkt die Vernunft. Die versucht, in den einzelnen Erscheinungen Typen zu geben, Repräsentanten eines Ganzen, nicht Sinnbilder, sondern Typen; auch in der einzelnen Persönlichkeit, die führend ist, sieht man den Typus für die übrigen Menschen. Das militärisch-kameradschaftliche Leben geht über, indessen diese Gemütsrichtung sich ändert, in das mehr genossenschaftliche Zusammenleben, wo also schon mehr in das Phantasievolle das Verständige, das Vernünftige hineinwirkt, auch in der sozialen, der moralischen Struktur des menschlichen Zusammenlebens. Aber die Impulse sind noch elementar, primitiv, aus dem Willen hervorgehend in dieser Zeit.
[ 11 ] Dann wird abgelöst, meinte Karl Lamprecht, dasjenige, was als innerer Impuls in dem geschichtlichen Werden lebt, durch eine andere Form der Gemütskräfte, die dann wirken in der Konfiguration der deutschen Entwicklung bis ins elfte Jahrhundert hinein. Abgelöst wird dieses Symbolistische, die Sinnbilder bildende Gemütsart von der typisierenden. Es wirkt nunmehr weniger die Phantasie, es wirkt die Vernunft. Die versucht, in den einzelnen Erscheinungen Typen zu geben, Repräsentanten eines Ganzen, nicht Sinnbilder, sondern Typen; auch in der einzelnen Persönlichkeit, die führend ist, sieht man den Typus für die übrigen Menschen. Das militärisch-kameradschaftliche Leben geht über, indessen diese Gemütsrichtung sich ändert, in das mehr genossenschaftliche Zusammenleben, wo also schon mehr in das Phantasievolle das Verständige, das Vernünftige hineinwirkt, auch in der sozialen, der moralischen Struktur des menschlichen Zusammenlebens. Aber die Impulse sind noch elementar, primitiv, aus dem Willen hervorgehend in dieser Zeit.
[ 12 ] Dann kann man, meint Karl Lamprecht, sehr deutlich sich abhebend sehen ein Zeitalter, in dem ganz andere Impulse in den Seelenkräften herrschen. Es setzt im zehnten, elften Jahrhundert ein, geht in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, und ich bitte sehr, im Auge zu behalten, dass Karl Lamprecht aus einem gewissen historischen Instinkt heraus die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts festsetzt für das Ende dessen, was er im elften Jahrhundert etwa beginnen lässt und das konventionelle Zeitalter nennt. Während früher aus gewissen Notwendigkeiten heraus sich die moralische und soziale Struktur der Menschen gestaltete, meint er, tritt jetzt die Überlegung schon, obwohl das Alte etwas bleibt, es tritt jetzt die Überlegung in die Struktur hinein: Konventionen. Vertragsmäßig bildet sich zwischen Mensch und Mensch, Gesellschaft und Gesellschaft das genossenschaftliche Leben, das noch weniger die Menschen differenziert, schafft durch dieses Konventionelle mächtige Unterschiede, gliedert die Menschen in Stände; Rittertum und Städtertum, Rittertum und Bürgertum entwickeln sich unter dem Einfluss der konventionellen Impulse. Grundherrlichkeit, Hörigkeit bildet sich heraus als sozial-moralische Struktur gegenüber der Grundherrschaft und dem Pachtverhältnis, die schon früher da waren. Aber im Sozial-Moralischen gliedert sich über diese rein äußerliche notwendige Konfiguration in den Besitzverhältnissen die soziale Konfiguration des Herrschaftsverhältnisses und des Hörigkeitsverhältnisses.
[ 12 ] Dann kann man, meint Karl Lamprecht, sehr deutlich sich abhebend sehen ein Zeitalter, in dem ganz andere Impulse in den Seelenkräften herrschen. Es setzt im zehnten, elften Jahrhundert ein, geht in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, und ich bitte sehr, im Auge zu behalten, dass Karl Lamprecht aus einem gewissen historischen Instinkt heraus die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts festsetzt für das Ende dessen, was er im elften Jahrhundert etwa beginnen lässt und das konventionelle Zeitalter nennt. Während früher aus gewissen Notwendigkeiten heraus sich die moralische und soziale Struktur der Menschen gestaltete, meint er, tritt jetzt die Überlegung schon, obwohl das Alte etwas bleibt, es tritt jetzt die Überlegung in die Struktur hinein: Konventionen. Vertragsmäßig bildet sich zwischen Mensch und Mensch, Gesellschaft und Gesellschaft das genossenschaftliche Leben, das noch weniger die Menschen differenziert, schafft durch dieses Konventionelle mächtige Unterschiede, gliedert die Menschen in Stände; Rittertum und Städtertum, Rittertum und Bürgertum entwickeln sich unter dem Einfluss der konventionellen Impulse. Grundherrlichkeit, Hörigkeit bildet sich heraus als sozial-moralische Struktur gegenüber der Grundherrschaft und dem Pachtverhältnis, die schon früher da waren. Aber im Sozial-Moralischen gliedert sich über diese rein äußerliche notwendige Konfiguration in den Besitzverhältnissen die soziale Konfiguration des Herrschaftsverhältnisses und des Hörigkeitsverhältnisses.
[ 13 ] Dann finder Karl Lamprecht, indem er immer auch verfolgt, wie die verschiedenen künstlerischen Leistungen aus denselben Impulsen hervorgehen, dass in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts einsetzt dasjenige, was er nun nennt das individualistische Zeitalter. Jetzt tritt — so sagt er — ein die Geltendmachung erst des einzelnen Menschen. Vorher wirkt der einzelne Mensch mehr aus dem Ganzen heraus, aus dem Ganzen, das in Konventionen [ge]fasst wird, zum Beispiel im letzten [Zeit]alter. Jetzt macht sich das Individuum geltend und im Individuum allmählich namentlich das verständige, das intellektuelle Element. Und ganz — bis zu einem gewissen Grad — interessant ist, wie Karl Lamprecht zeigt für einzelne Lebensgebiete, wie dieses Verständige mit dem Intellektuellen von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts heraufkommt. Ganz interessant ist es, wenn Karl Lamprecht in Besonderheiten auf dieses Gebiet eingeht. Wenn er zum Beispiel zeigt, wie die diplomatisch-politischen Gestaltungen zwischen den verschiedenen Menschen in früheren Zeitaltern aus elementaren Willens- und Gemütsimpulsen hervorgegangen sind, während jetzt das Diplomatisch-Politische untertaucht in den Intellektualismus, vom Verstande bestimmt zu werden beginnt. Dieses Zeitalter lässt dann Karl Lamprecht dauern bis ungefähr in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts.
[ 13 ] Dann finder Karl Lamprecht, indem er immer auch verfolgt, wie die verschiedenen künstlerischen Leistungen aus denselben Impulsen hervorgehen, dass in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts einsetzt dasjenige, was er nun nennt das individualistische Zeitalter. Jetzt tritt — so sagt er — ein die Geltendmachung erst des einzelnen Menschen. Vorher wirkt der einzelne Mensch mehr aus dem Ganzen heraus, aus dem Ganzen, das in Konventionen [ge]fasst wird, zum Beispiel im letzten [Zeit]alter. Jetzt macht sich das Individuum geltend und im Individuum allmählich namentlich das verständige, das intellektuelle Element. Und ganz — bis zu einem gewissen Grad — interessant ist, wie Karl Lamprecht zeigt für einzelne Lebensgebiete, wie dieses Verständige mit dem Intellektuellen von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts heraufkommt. Ganz interessant ist es, wenn Karl Lamprecht in Besonderheiten auf dieses Gebiet eingeht. Wenn er zum Beispiel zeigt, wie die diplomatisch-politischen Gestaltungen zwischen den verschiedenen Menschen in früheren Zeitaltern aus elementaren Willens- und Gemütsimpulsen hervorgegangen sind, während jetzt das Diplomatisch-Politische untertaucht in den Intellektualismus, vom Verstande bestimmt zu werden beginnt. Dieses Zeitalter lässt dann Karl Lamprecht dauern bis ungefähr in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts.
[ 14 ] Dann lässt er dasjenige Zeitalter beginnen, das nach seiner Ansicht noch bis in die Gegenwart hereindauert und in dem wir selber darinnen stehen: das subjektive Zeitalter, das individualistische Zeitalter. Vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert bleibt das menschliche Individuum auf dem Plan; aber dieses Individuum wirkt noch nicht durch seine verinnerlichten Kräfte. Die Subjektivität, das Innerliche tritt erst ein um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts und macht dann das eigentlich Ausschlaggebende aus in den impulsierenden Kräften der Entwicklung des deutschen Volkes. Dieser Subjektivismus prägt sich insbesondere in den großen, klassischen Leistungen aus und so weiter, und so weiter.
[ 14 ] Dann lässt er dasjenige Zeitalter beginnen, das nach seiner Ansicht noch bis in die Gegenwart hereindauert und in dem wir selber darinnen stehen: das subjektive Zeitalter, das individualistische Zeitalter. Vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert bleibt das menschliche Individuum auf dem Plan; aber dieses Individuum wirkt noch nicht durch seine verinnerlichten Kräfte. Die Subjektivität, das Innerliche tritt erst ein um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts und macht dann das eigentlich Ausschlaggebende aus in den impulsierenden Kräften der Entwicklung des deutschen Volkes. Dieser Subjektivismus prägt sich insbesondere in den großen, klassischen Leistungen aus und so weiter, und so weiter.
[ 15 ] Ich kann auf die Einzelheiten nicht eingehen. Ich wollte nur darauf hinweisen, wie in der Gegenwart immerhin aus der alten Geschichtsbetrachtung des Ranke und Ähnlicher heraus das Bestreben entstand, innerlich zu erfassen, was im Laufe des geschichtlichen Werdens lebt. Man muss sagen: Man ist in vieler, vieler Beziehung höchst unbefriedigt, wenn man diese Art der Anschauung Karl Lamprechts auf sich wirken lässt. Sie macht vielfach den Eindruck einer chaotischen, verworrenen Darstellung; aber man sieht ihr an das unmittelbare persönliche innerlichste Ringen mit gewissen Kräften, die gesucht werden, die sich ausleben sollen in demjenigen, was dann äußerlich als geschichtliches Werden sich offenbart. Man hat das Gefühl: Da sucht einer; er ist nur nach den gegebenen Zeitbedingungen noch nicht imstande, eigentlich dasjenige zu finden, was er sucht.
[ 15 ] Ich kann auf die Einzelheiten nicht eingehen. Ich wollte nur darauf hinweisen, wie in der Gegenwart immerhin aus der alten Geschichtsbetrachtung des Ranke und Ähnlicher heraus das Bestreben entstand, innerlich zu erfassen, was im Laufe des geschichtlichen Werdens lebt. Man muss sagen: Man ist in vieler, vieler Beziehung höchst unbefriedigt, wenn man diese Art der Anschauung Karl Lamprechts auf sich wirken lässt. Sie macht vielfach den Eindruck einer chaotischen, verworrenen Darstellung; aber man sieht ihr an das unmittelbare persönliche innerlichste Ringen mit gewissen Kräften, die gesucht werden, die sich ausleben sollen in demjenigen, was dann äußerlich als geschichtliches Werden sich offenbart. Man hat das Gefühl: Da sucht einer; er ist nur nach den gegebenen Zeitbedingungen noch nicht imstande, eigentlich dasjenige zu finden, was er sucht.
[ 16 ] Wenn man nun vergleicht diese Art des persönlichen Suchens des deutschen Forschers mit der Art Woodrow Wilsons, so kommt etwas außerordentlich Interessantes heraus. Ich möchte nicht missverstanden werden weder nach der einen noch nach der anderen Richtung hin. Weder möchte ich, dass dasjenige, was ich sage, in einseitig chauvinistischer Weise gedeutet wird, noch möchte ich einen Zweifel darüber aufkommen lassen, wie ich eigentlich mit Bezug auf dasjenige, was ich zu sagen habe, zu der Persönlichkeit des Woodrow Wilson stehe. Ich habe, sehr verehrte Anwesende, die ganze Art Woodrow Wilsons schon charakterisiert, als es noch nicht so nahe lag, sie gegnerisch zu charakterisieren wie heute, nämlich lange vor den Ereignissen, die hereingebrochen sind mit dem Juli 1914. In einem Vortragszyklus, den ich in Helsingfors vor dem Krieg gehalten habe, habe ich bereits darauf hingewiesen in einer Zeit, als auch bei uns noch alles voll war von Bewunderung für diese neue, großartige Weltanschauung Wilsons. Was bewundert man in der heutigen Zeit nicht, wenn man nicht durch irgendwelche Verhältnisse abgedrängt ist äußerlich von der Bewunderung! Als man noch die Großartigkeit und Neuheit der Weltanschauung Wilsons bewunderte, habe ich darauf hingewiesen, wie beschränkt, wie engherzig, wie nirgends in die wahren Wirklichkeitsimpulse eindringend die Vorstellungsart gerade dieser Persönlichkeit ist und wie unendlich zu bedauern es ist, dass die Zeitimpulse eine Geistesart von solcher Beschränktheit wahrhaftig nicht zum Heil der Menschheit auf einen allerwichtigsten Posten der neueren Zeit gestellt haben. Ich glaube daher nicht, dass ich missverstanden werde, wenn ich in objektiver Weise dasjenige zu charakterisieren versuche, was nun in seiner Art kennzeichnen soll dasjenige, was, wie Karl Lamprecht für sein Volk, Wilson für seine Amerikaner gesagt hat.
[ 16 ] Wenn man nun vergleicht diese Art des persönlichen Suchens des deutschen Forschers mit der Art Woodrow Wilsons, so kommt etwas außerordentlich Interessantes heraus. Ich möchte nicht missverstanden werden weder nach der einen noch nach der anderen Richtung hin. Weder möchte ich, dass dasjenige, was ich sage, in einseitig chauvinistischer Weise gedeutet wird, noch möchte ich einen Zweifel darüber aufkommen lassen, wie ich eigentlich mit Bezug auf dasjenige, was ich zu sagen habe, zu der Persönlichkeit des Woodrow Wilson stehe. Ich habe, sehr verehrte Anwesende, die ganze Art Woodrow Wilsons schon charakterisiert, als es noch nicht so nahe lag, sie gegnerisch zu charakterisieren wie heute, nämlich lange vor den Ereignissen, die hereingebrochen sind mit dem Juli 1914. In einem Vortragszyklus, den ich in Helsingfors vor dem Krieg gehalten habe, habe ich bereits darauf hingewiesen in einer Zeit, als auch bei uns noch alles voll war von Bewunderung für diese neue, großartige Weltanschauung Wilsons. Was bewundert man in der heutigen Zeit nicht, wenn man nicht durch irgendwelche Verhältnisse abgedrängt ist äußerlich von der Bewunderung! Als man noch die Großartigkeit und Neuheit der Weltanschauung Wilsons bewunderte, habe ich darauf hingewiesen, wie beschränkt, wie engherzig, wie nirgends in die wahren Wirklichkeitsimpulse eindringend die Vorstellungsart gerade dieser Persönlichkeit ist und wie unendlich zu bedauern es ist, dass die Zeitimpulse eine Geistesart von solcher Beschränktheit wahrhaftig nicht zum Heil der Menschheit auf einen allerwichtigsten Posten der neueren Zeit gestellt haben. Ich glaube daher nicht, dass ich missverstanden werde, wenn ich in objektiver Weise dasjenige zu charakterisieren versuche, was nun in seiner Art kennzeichnen soll dasjenige, was, wie Karl Lamprecht für sein Volk, Wilson für seine Amerikaner gesagt hat.
[ 17 ] Da muss zunächst bemerkt werden: Es liefert gerade dieser Vortrag, den Wilson über die Entwicklung des amerikanischen Volkes gegeben hat, es liefert gerade dieser ein merkwürdiges Stück einer schlagkräftigen Einsicht in die Art, wie sich die Amerikaner geschichtlich entwickelt haben. Kurioserweise zeigt Wilson, wie der Blick, den er sich angeeignet hat für die Entwicklung seines Volkes, ihn hinführt zu den prägnanten Punkten, wo sich ihm zeigt, wie der Amerikaner Amerikaner geschichtlich geworden ist. Also lassen Sie mich auch das kurz charakterisieren.
[ 17 ] Da muss zunächst bemerkt werden: Es liefert gerade dieser Vortrag, den Wilson über die Entwicklung des amerikanischen Volkes gegeben hat, es liefert gerade dieser ein merkwürdiges Stück einer schlagkräftigen Einsicht in die Art, wie sich die Amerikaner geschichtlich entwickelt haben. Kurioserweise zeigt Wilson, wie der Blick, den er sich angeeignet hat für die Entwicklung seines Volkes, ihn hinführt zu den prägnanten Punkten, wo sich ihm zeigt, wie der Amerikaner Amerikaner geschichtlich geworden ist. Also lassen Sie mich auch das kurz charakterisieren.
[ 18 ] Wilson weist darauf hin, dass diejenigen ganz falsche Ansichten haben über die Entwicklung der Amerikaner, die ausgehen davon, wie die Engländer, die sich in Amerikas Osten angesiedelt haben, diese Entwicklung des amerikanischen Volkswesens betrachten. Diese englische Art der Betrachtung weist Wilson ab; er weist auch diejenige ab, die mehr von den südlichen Staaten kommt; er weist darauf hin, dass dasjenige, was den Amerikaner zum Amerikaner gemacht hat, was den Nerv der Geschichte des amerikanischen Volkes bildet, in demjenigen liegt, was aufgekommen ist, was aufgetaucht ist, als der amerikanische Osten gegen den Westen vorgerückt ist, als dieses Völkergemisch, das sich da gebildet hat aus Skandinaviern, Engländern, Deutschen, Russen, lateinischen Völkern und so weiter, als dieses Völkergemisch sich von dem Osten nach dem amerikanischen Westen bewegte, dasjenige, was noch nicht urbar war, urbar machte, überwand die alte Wildnis. Nicht das, meinte er, was mitgebracht worden ist aus Europa, sondern was im Kampfe mit der Wildnis von einem Völkergemisch angeeignet worden ist, das bildet den Ausgangspunkt, das machte den Amerikaner, den er, wie man fühlen kann, treffsicher schildert, mit seinen beweglichen Augen, mit der abenteuerlichen Lust für alles das, was an abenteuerlichen Plänen schnell auftaucht und schnell ergriffen wird, mit der Heimatlosigkeit, die Pläne erweckt, die nicht an eine Heimat gebunden sind, sondern überall ausgeführt werden können, und so weiter, und so weiter. Der Viehtreiber, sagt er, nicht der Staatsmann, der Waldausreuter, der Jäger, nicht der Staatsmann habe dasjenige hervorgebracht, was aus dem Völkergemisch im Vorrücken von dem Osten nach dem Westen den Amerikaner im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts erst gebildet habe.
[ 18 ] Wilson weist darauf hin, dass diejenigen ganz falsche Ansichten haben über die Entwicklung der Amerikaner, die ausgehen davon, wie die Engländer, die sich in Amerikas Osten angesiedelt haben, diese Entwicklung des amerikanischen Volkswesens betrachten. Diese englische Art der Betrachtung weist Wilson ab; er weist auch diejenige ab, die mehr von den südlichen Staaten kommt; er weist darauf hin, dass dasjenige, was den Amerikaner zum Amerikaner gemacht hat, was den Nerv der Geschichte des amerikanischen Volkes bildet, in demjenigen liegt, was aufgekommen ist, was aufgetaucht ist, als der amerikanische Osten gegen den Westen vorgerückt ist, als dieses Völkergemisch, das sich da gebildet hat aus Skandinaviern, Engländern, Deutschen, Russen, lateinischen Völkern und so weiter, als dieses Völkergemisch sich von dem Osten nach dem amerikanischen Westen bewegte, dasjenige, was noch nicht urbar war, urbar machte, überwand die alte Wildnis. Nicht das, meinte er, was mitgebracht worden ist aus Europa, sondern was im Kampfe mit der Wildnis von einem Völkergemisch angeeignet worden ist, das bildet den Ausgangspunkt, das machte den Amerikaner, den er, wie man fühlen kann, treffsicher schildert, mit seinen beweglichen Augen, mit der abenteuerlichen Lust für alles das, was an abenteuerlichen Plänen schnell auftaucht und schnell ergriffen wird, mit der Heimatlosigkeit, die Pläne erweckt, die nicht an eine Heimat gebunden sind, sondern überall ausgeführt werden können, und so weiter, und so weiter. Der Viehtreiber, sagt er, nicht der Staatsmann, der Waldausreuter, der Jäger, nicht der Staatsmann habe dasjenige hervorgebracht, was aus dem Völkergemisch im Vorrücken von dem Osten nach dem Westen den Amerikaner im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts erst gebildet habe.
[ 19 ] Und seine Darstellung ist, man muss sagen, treffsicher für dieses amerikanische Volk. Alle Einzelheiten, die sonst gewöhnlich anders betrachtet werden und die den Inhalt der sozialen, der moralischen Geschichte Amerikas, der Vereinigten Staaten also, bilden, er stellt sie in das Licht dieser Betrachtungsweise. Die Tariffrage, die Länderverteilungsfrage, ja sogar die Sklavenfrage, von allen drei Fragen, von diesen drei wichtigsten Fragen zeigt er, dass sie ihre besondere Gestalt, ihre soziale und moralische Struktur erhalten haben durch dasjenige, was er so die Eroberung des Westens vom Osten her nennt.
[ 19 ] Und seine Darstellung ist, man muss sagen, treffsicher für dieses amerikanische Volk. Alle Einzelheiten, die sonst gewöhnlich anders betrachtet werden und die den Inhalt der sozialen, der moralischen Geschichte Amerikas, der Vereinigten Staaten also, bilden, er stellt sie in das Licht dieser Betrachtungsweise. Die Tariffrage, die Länderverteilungsfrage, ja sogar die Sklavenfrage, von allen drei Fragen, von diesen drei wichtigsten Fragen zeigt er, dass sie ihre besondere Gestalt, ihre soziale und moralische Struktur erhalten haben durch dasjenige, was er so die Eroberung des Westens vom Osten her nennt.
[ 20 ] Man kann sagen: Schlagkräftiges Urteil! Aber gerade dieses Urteil ist ganz merkwürdig lehrreich, und Sie haben ja aus den Worten, die ich vorher angedeutet habe, gesehen, dass für meine Betrachtungsart mir Wilson nicht eine gerade sympathische Persönlichkeit ist; aber dennoch, es bot sich mir, indem ich immer näher und näher einging auf das, was eigentlich seiner Denkweise zugrunde liegt, etwas höchst Eigenartiges. Ich musste mich fragen: Wie steht es mit der eigenartigen Schlagkraft des geschichtlichen Urteils bei Woodrow Wilson? Ich versuchte mich zu erinnern, zu vergleichen mit dem geschichtlichen Urteil einer Persönlichkeit, die ich ganz besonders schätze und die so recht gerade aus der neuesten Phase des deutschen Geisteslebens herausgewachsen ist, ich versuchte, Wilson mit der eigentümlichen Art seiner Satzformierung und so weiter zu vergleichen mit Hermann Grimm, der ja nur Geschichte betrachtet hat mit Bezug auf Kunsterscheinungen. Er hat mir aber selbst einmal, als ich persönlich mit ihm gesprochen habe, auseinandergesetzt, wie er eigentlich im Sinne hatte eine umfassende Geschichtsbetrachtung, die wirklich, soweit es ihm möglich war, auf eine Art geistige Erfassung, geistige Betrachtung der Tatsachenwelt eingehen wollte. Ich musste vergleichen — das forderte die Sache selbst heraus — manches bei Wilson mit manchem gerade bei Hermann Grimm.
[ 20 ] Man kann sagen: Schlagkräftiges Urteil! Aber gerade dieses Urteil ist ganz merkwürdig lehrreich, und Sie haben ja aus den Worten, die ich vorher angedeutet habe, gesehen, dass für meine Betrachtungsart mir Wilson nicht eine gerade sympathische Persönlichkeit ist; aber dennoch, es bot sich mir, indem ich immer näher und näher einging auf das, was eigentlich seiner Denkweise zugrunde liegt, etwas höchst Eigenartiges. Ich musste mich fragen: Wie steht es mit der eigenartigen Schlagkraft des geschichtlichen Urteils bei Woodrow Wilson? Ich versuchte mich zu erinnern, zu vergleichen mit dem geschichtlichen Urteil einer Persönlichkeit, die ich ganz besonders schätze und die so recht gerade aus der neuesten Phase des deutschen Geisteslebens herausgewachsen ist, ich versuchte, Wilson mit der eigentümlichen Art seiner Satzformierung und so weiter zu vergleichen mit Hermann Grimm, der ja nur Geschichte betrachtet hat mit Bezug auf Kunsterscheinungen. Er hat mir aber selbst einmal, als ich persönlich mit ihm gesprochen habe, auseinandergesetzt, wie er eigentlich im Sinne hatte eine umfassende Geschichtsbetrachtung, die wirklich, soweit es ihm möglich war, auf eine Art geistige Erfassung, geistige Betrachtung der Tatsachenwelt eingehen wollte. Ich musste vergleichen — das forderte die Sache selbst heraus — manches bei Wilson mit manchem gerade bei Hermann Grimm.
[ 21 ] Das Sonderbare stellte sich mir da heraus, worüber ich höchst überrascht war: Manche Sätze konnte man nehmen, wie sie bei Wilson stehen, kann sie nehmen und übersetzen, und herübersetzen in Werke von Hermann Grimm. Ihrem Wortlaut nach passen sie gut. Und umgekehrt kann man Sätze nehmen, wie sie bei Hermann Grimm stehen, und übersetzen und setzen in Abhandlungen von Wilson. Sie passen hinein. Die Sätze sind vertauschbar. Diese sonderbare Tatsache bot sich mir dar, stellte sich heraus. Umso mehr musste man gerade auf die seelischen Untergründe eingehen, um die es sich da handelt. Bei Hermann Grimm — auch schon bei Karl Lamprecht kann man es sehen — ist ein persönliches Ringen um das historische Urteil. Alles dasjenige, was solche Persönlichkeiten sagen, ist individuell, persönlich erlebt und erkämpft, ist im inneren Ringen mit dem Sinn der Tatsachen unmittelbares persönliches Erlebnis. Dieses Gefühl bekommt man, gerade wenn man recht objektiv die Dinge anschaut. Wie ist es bei Wilson? Gerade da, wo er so recht treffsicher urteilt, da liegt die Sache ganz anders. Ich scheue mich nicht, da ich glaube, dass nach meinem vorgestrigen Vortrag ich mit solchen Bemerkungen in Bezug auf die Terminologie nicht missverstanden werden kann. Ich scheue mich nicht, einen Ausdruck zu gebrauchen, der sehr häufig in abergläubischem Sinn gedeutet wird, von mir aber gewiss nicht, sondern in streng wissenschaftlichem Sinn, wie ich das vorgestern gezeigt habe. Bei Wilson gerade, wenn man eindringt in das Gefüge seiner Sätze, in den Wortlaut seiner Sätze, hat man die Einsicht: Dasjenige, was er sagt, sagt er nicht im unmittelbaren Ringen der individuellen Persönlichkeit mit der Sache, mit dem Objekt, sondern sagt es heraus so, als ob er von dieser Ansicht wie von einer unbekannten Macht besessen wäre, wie besessen von etwas, womit die Seele nur wie entfernt verbunden ist, was aus besonderen Untergründen, die irrationell sind, heraufdämmert in die Seele, wobei man nicht ganz dabei ist, wovon man besessen ist. Und ich muss sagen: Wenn man das treffsichere Urteil nimmt, das Wilson gerade über den amerikanischen Volkscharakter aus dieser Entwicklung seiner Geschichtsbetrachtung heraus gibt, so fühlt man dem Exterieur, möchte ich sagen, des Amerikaners, das er da angibt, etwas an von diesem Besessensein von dem Urteil. Die «rasche Beweglichkeit des Auges», man vergleiche damit, wenn man es so [sagen] darf, die ungemeine Ruhe des Auges eines solchen Menschheitsbetrachters wie Herman Grimm oder anderer mitteleuropäischer Menschheitsbetrachter, die zwar mit ihrer ganzen Seele Kämpfer sind um ihr Urteil, die aber die Ruhe im Auge spiegeln, die nichts haben von jener Beweglichkeit des Auges, durch die dasjenige nach außen dringt, wovon die Seele besessen ist, und ebenso die anderen Charakteristiken, die Woodrow Wilson meint.
[ 21 ] Das Sonderbare stellte sich mir da heraus, worüber ich höchst überrascht war: Manche Sätze konnte man nehmen, wie sie bei Wilson stehen, kann sie nehmen und übersetzen, und herübersetzen in Werke von Hermann Grimm. Ihrem Wortlaut nach passen sie gut. Und umgekehrt kann man Sätze nehmen, wie sie bei Hermann Grimm stehen, und übersetzen und setzen in Abhandlungen von Wilson. Sie passen hinein. Die Sätze sind vertauschbar. Diese sonderbare Tatsache bot sich mir dar, stellte sich heraus. Umso mehr musste man gerade auf die seelischen Untergründe eingehen, um die es sich da handelt. Bei Hermann Grimm — auch schon bei Karl Lamprecht kann man es sehen — ist ein persönliches Ringen um das historische Urteil. Alles dasjenige, was solche Persönlichkeiten sagen, ist individuell, persönlich erlebt und erkämpft, ist im inneren Ringen mit dem Sinn der Tatsachen unmittelbares persönliches Erlebnis. Dieses Gefühl bekommt man, gerade wenn man recht objektiv die Dinge anschaut. Wie ist es bei Wilson? Gerade da, wo er so recht treffsicher urteilt, da liegt die Sache ganz anders. Ich scheue mich nicht, da ich glaube, dass nach meinem vorgestrigen Vortrag ich mit solchen Bemerkungen in Bezug auf die Terminologie nicht missverstanden werden kann. Ich scheue mich nicht, einen Ausdruck zu gebrauchen, der sehr häufig in abergläubischem Sinn gedeutet wird, von mir aber gewiss nicht, sondern in streng wissenschaftlichem Sinn, wie ich das vorgestern gezeigt habe. Bei Wilson gerade, wenn man eindringt in das Gefüge seiner Sätze, in den Wortlaut seiner Sätze, hat man die Einsicht: Dasjenige, was er sagt, sagt er nicht im unmittelbaren Ringen der individuellen Persönlichkeit mit der Sache, mit dem Objekt, sondern sagt es heraus so, als ob er von dieser Ansicht wie von einer unbekannten Macht besessen wäre, wie besessen von etwas, womit die Seele nur wie entfernt verbunden ist, was aus besonderen Untergründen, die irrationell sind, heraufdämmert in die Seele, wobei man nicht ganz dabei ist, wovon man besessen ist. Und ich muss sagen: Wenn man das treffsichere Urteil nimmt, das Wilson gerade über den amerikanischen Volkscharakter aus dieser Entwicklung seiner Geschichtsbetrachtung heraus gibt, so fühlt man dem Exterieur, möchte ich sagen, des Amerikaners, das er da angibt, etwas an von diesem Besessensein von dem Urteil. Die «rasche Beweglichkeit des Auges», man vergleiche damit, wenn man es so [sagen] darf, die ungemeine Ruhe des Auges eines solchen Menschheitsbetrachters wie Herman Grimm oder anderer mitteleuropäischer Menschheitsbetrachter, die zwar mit ihrer ganzen Seele Kämpfer sind um ihr Urteil, die aber die Ruhe im Auge spiegeln, die nichts haben von jener Beweglichkeit des Auges, durch die dasjenige nach außen dringt, wovon die Seele besessen ist, und ebenso die anderen Charakteristiken, die Woodrow Wilson meint.
[ 22 ] Gerade an einem solchen Beispiel, sehr verehrte Anwesende, kann man etwas außerordentlich Wichtiges für die Gegenwart lernen. Unsere Gegenwart hält sich ja für so außerordentlich praktisch, hält sich in ihrem Urteil der Wirklichkeit verwandt und realistisch; aber gerade unsere Gegenwart ist in Wahrheit theoretisch bis zum Exzess in einer gewissen Beziehung; denn sie ist sich zumeist klar darüber: Wenn zwei Menschen etwas sagen, was denselben Wortlaut hat, so sagen sie dasselbe. Dennoch, so verschieden kann man sein wie nur möglich, indem man Dinge sagt, die denselben Wortlaut haben. Nur dann geht man auf die Wirklichkeit der Menschen ein, wenn man hinter der Sache, die ich eben erwähnt habe, die richtige Wirklichkeit zu sehen vermag.
[ 22 ] Gerade an einem solchen Beispiel, sehr verehrte Anwesende, kann man etwas außerordentlich Wichtiges für die Gegenwart lernen. Unsere Gegenwart hält sich ja für so außerordentlich praktisch, hält sich in ihrem Urteil der Wirklichkeit verwandt und realistisch; aber gerade unsere Gegenwart ist in Wahrheit theoretisch bis zum Exzess in einer gewissen Beziehung; denn sie ist sich zumeist klar darüber: Wenn zwei Menschen etwas sagen, was denselben Wortlaut hat, so sagen sie dasselbe. Dennoch, so verschieden kann man sein wie nur möglich, indem man Dinge sagt, die denselben Wortlaut haben. Nur dann geht man auf die Wirklichkeit der Menschen ein, wenn man hinter der Sache, die ich eben erwähnt habe, die richtige Wirklichkeit zu sehen vermag.
[ 23 ] Wer heute eine Bekennerschaft oder Gegnerschaft nur nach Wortlauten einrichtet, der trifft nicht mehr die Wirklichkeit. Man muss heute, wenn man mit den Impulsen, die die Zeit von uns fordert, mitgehen will, man muss heute ein Tieferes in der Seele entwickeln als das bloße verstandes- und vernunftgemäße Aufnehmen, das intellektuelle Aufnehmen eines Wortlautes. Wortlaute bilden heute nicht mehr den Inhalt von Weltanschauungen, denn ein solcher Wortlaut kann erkämpft sein in jeder einzelnen Vorstellung von der individuellen Seele. Dann muss man durch die Art, wie es gesagt wird, Teilnehmer werden können an demjenigen, was in der Seele vorgeht. Oder aber ein solcher Wortlaut kann die Seele von sich besessen machen; dann muss man wiederum tiefer hineinschauen können in manches, was leer und öde ist, selbst wenn es so, wie es frappierend bei Woodrow Wilson und Hermann Grimm ist, die Sätze austauschfähig miteinander sind. Und vielleicht auf keinem Gebiet als da, wo die Gegenwart historisch betrachtet wird, kann man solche Erfahrungen machen.
[ 23 ] Wer heute eine Bekennerschaft oder Gegnerschaft nur nach Wortlauten einrichtet, der trifft nicht mehr die Wirklichkeit. Man muss heute, wenn man mit den Impulsen, die die Zeit von uns fordert, mitgehen will, man muss heute ein Tieferes in der Seele entwickeln als das bloße verstandes- und vernunftgemäße Aufnehmen, das intellektuelle Aufnehmen eines Wortlautes. Wortlaute bilden heute nicht mehr den Inhalt von Weltanschauungen, denn ein solcher Wortlaut kann erkämpft sein in jeder einzelnen Vorstellung von der individuellen Seele. Dann muss man durch die Art, wie es gesagt wird, Teilnehmer werden können an demjenigen, was in der Seele vorgeht. Oder aber ein solcher Wortlaut kann die Seele von sich besessen machen; dann muss man wiederum tiefer hineinschauen können in manches, was leer und öde ist, selbst wenn es so, wie es frappierend bei Woodrow Wilson und Hermann Grimm ist, die Sätze austauschfähig miteinander sind. Und vielleicht auf keinem Gebiet als da, wo die Gegenwart historisch betrachtet wird, kann man solche Erfahrungen machen.
[ 24 ] Interessant ist es, dass der deutsche Forscher Karl Lamprecht gerade aus einem gewissen Instinkt heraus dazu gedrängt wird, seelische Kräfte der geschichtlichen Betrachtung zugrunde zu legen; aber er lässt unbefriedigt. Warum? Er lässt unbefriedigt, weil er sich an die Seelenbetrachtung, die offizielle Seelenbetrachtung wendet, von der er eben in der Gegenwart umgeben ist. An die Seelenforscher, die heute aus der Reihe der offiziellen Philosophie hervorgegangen sind, wendet er sich. Er fragt bei ihnen an: Was geht in der Seele des einzelnen Menschen vor sich? Das ist schon das Neuartige. Aber er geht von einem großen Irrtum aus. Selbst wenn man annähme, was natürlich der Geistesforscher durchaus nicht annehmen kann, selbst wenn man annähme, die offizielle Psychologie oder Seelenkunde, die heute getrieben wird, sei gegenüber der wirklichen Einsicht in das Seelenleben mehr als ein bloßer Dilettantismus, so würde noch immer das nicht gemacht werden können, was Karl Lamprecht aus einem schätzenswerten Instinkt heraus versucht, mit dem er aber doch scheitern muss. Er versucht, sich klarzumachen: Was sagt der Seelenforscher über die Entwicklung des einzelnen Menschen in Bezug auf seine Seele? Und dann wendet er das, was für die Seelenentwicklung des einzelnen Menschen in der heutigen offiziellen Psychologie zutage tritt, das wendet er auf sein ganzes deutsches Volk an.
[ 24 ] Interessant ist es, dass der deutsche Forscher Karl Lamprecht gerade aus einem gewissen Instinkt heraus dazu gedrängt wird, seelische Kräfte der geschichtlichen Betrachtung zugrunde zu legen; aber er lässt unbefriedigt. Warum? Er lässt unbefriedigt, weil er sich an die Seelenbetrachtung, die offizielle Seelenbetrachtung wendet, von der er eben in der Gegenwart umgeben ist. An die Seelenforscher, die heute aus der Reihe der offiziellen Philosophie hervorgegangen sind, wendet er sich. Er fragt bei ihnen an: Was geht in der Seele des einzelnen Menschen vor sich? Das ist schon das Neuartige. Aber er geht von einem großen Irrtum aus. Selbst wenn man annähme, was natürlich der Geistesforscher durchaus nicht annehmen kann, selbst wenn man annähme, die offizielle Psychologie oder Seelenkunde, die heute getrieben wird, sei gegenüber der wirklichen Einsicht in das Seelenleben mehr als ein bloßer Dilettantismus, so würde noch immer das nicht gemacht werden können, was Karl Lamprecht aus einem schätzenswerten Instinkt heraus versucht, mit dem er aber doch scheitern muss. Er versucht, sich klarzumachen: Was sagt der Seelenforscher über die Entwicklung des einzelnen Menschen in Bezug auf seine Seele? Und dann wendet er das, was für die Seelenentwicklung des einzelnen Menschen in der heutigen offiziellen Psychologie zutage tritt, das wendet er auf sein ganzes deutsches Volk an.
[ 25 ] Eine merkwürdig schillernde, die verschiedenen Zeitalter zwar unterscheidende, aber in unendlichen Wiederholungen sich ergehende Charakteristik kam da heraus. Wenn man erkennen will, was da eigentlich zugrunde liegt, so muss man auf etwas hinweisen, was gewiss heute als paradox, vielleicht als phantastisch, vielleicht als Träumerei nur angeschaut werden kann in weitesten Kreisen, das aber eindringen muss in die geschichtliche Betrachtungsart der Menschheit, wenn Geschichte wirklich für das Leben dasjenige werden soll, was man glaubt, dass sie für die Lebenspraxis sein soll. Wenn man den einzelnen Menschen in seiner Seelenentwicklung betrachtet mit demjenigen, was in sein gewöhnliches Bewusstsein hereintritt, so steht man gar nicht auf dem Gebiete, das im geschichtlichen Werden die treibenden Kräfte enthält. Denn warum? Dasjenige, was im moralischen, im geschichtlichen, im sozialen Zusammensein von Mensch zu Mensch wirkt und lebt, das lebt nicht in dem gewöhnlichen Bewusstsein des Menschen.
[ 25 ] Eine merkwürdig schillernde, die verschiedenen Zeitalter zwar unterscheidende, aber in unendlichen Wiederholungen sich ergehende Charakteristik kam da heraus. Wenn man erkennen will, was da eigentlich zugrunde liegt, so muss man auf etwas hinweisen, was gewiss heute als paradox, vielleicht als phantastisch, vielleicht als Träumerei nur angeschaut werden kann in weitesten Kreisen, das aber eindringen muss in die geschichtliche Betrachtungsart der Menschheit, wenn Geschichte wirklich für das Leben dasjenige werden soll, was man glaubt, dass sie für die Lebenspraxis sein soll. Wenn man den einzelnen Menschen in seiner Seelenentwicklung betrachtet mit demjenigen, was in sein gewöhnliches Bewusstsein hereintritt, so steht man gar nicht auf dem Gebiete, das im geschichtlichen Werden die treibenden Kräfte enthält. Denn warum? Dasjenige, was im moralischen, im geschichtlichen, im sozialen Zusammensein von Mensch zu Mensch wirkt und lebt, das lebt nicht in dem gewöhnlichen Bewusstsein des Menschen.
[ 26 ] Man kommt nur zurecht mit demjenigen, um was es sich hier handelt, wenn man einen Gedanken, den ich schon öfters angeführt habe, sich recht vor die Seele führt. In der gewöhnlichen, trivialen Betrachtung des Lebens ist man der Meinung: Der menschliche Bewusstseinszustand wechselt zwischen den beiden großen Phasen des täglichen Wachlebens und des nächtlichen dumpfen Schlaflebens, wo das Bewusstsein in möglichst dumpfer Dämmerung zurückgedrängt ist. Aber das ist nur eine oberflächliche Betrachtungsweise. In Wahrheit, wer tiefer eingeht auf die Verhältnisse des inneren menschlichen Lebens und seiner Offenbarungen, der entdeckt mit den Mitteln, die ich vorgestern hier als Imagination, Inspiration, kurz als Mittel des schauenden Eindringens in die geistige Welt auseinandergesetzt habe, der entdeckt, dass dasjenige, was wir Traumleben nennen, was wir Schlafleben nennen, nicht bloß vom Einschlafen bis zum Aufwachen die menschlichen Sinne in Anspruch nimmt, sondern sich hereinerstreckt in das Tagesleben.
[ 26 ] Man kommt nur zurecht mit demjenigen, um was es sich hier handelt, wenn man einen Gedanken, den ich schon öfters angeführt habe, sich recht vor die Seele führt. In der gewöhnlichen, trivialen Betrachtung des Lebens ist man der Meinung: Der menschliche Bewusstseinszustand wechselt zwischen den beiden großen Phasen des täglichen Wachlebens und des nächtlichen dumpfen Schlaflebens, wo das Bewusstsein in möglichst dumpfer Dämmerung zurückgedrängt ist. Aber das ist nur eine oberflächliche Betrachtungsweise. In Wahrheit, wer tiefer eingeht auf die Verhältnisse des inneren menschlichen Lebens und seiner Offenbarungen, der entdeckt mit den Mitteln, die ich vorgestern hier als Imagination, Inspiration, kurz als Mittel des schauenden Eindringens in die geistige Welt auseinandergesetzt habe, der entdeckt, dass dasjenige, was wir Traumleben nennen, was wir Schlafleben nennen, nicht bloß vom Einschlafen bis zum Aufwachen die menschlichen Sinne in Anspruch nimmt, sondern sich hereinerstreckt in das Tagesleben.
[ 27 ] Auch wenn wir wachen, wachen wir nur, sehr verehrte Anwesende, mit Bezug auf unsere Wahrnehmungen, auf unser Vorstellungs- oder Denkleben. Wir wachen nicht vollständig mit Bezug auf unsere Gefühlsimpulse. Diese Gefühlsimpulse sind drunten in den Untergründen des Seelenlebens. Was wir von den Gefühlen wachend erleben, was wir in das gewöhnliche Bewusstsein hereinbringen, das sind nur Vorstellungen von den Gefühlen, das verhält sich zu den Gefühlen wie die Erinnerung an Träume, die wir beim Aufwachen haben, zu den Träumen. Die Gefühle sind nicht heller, sind nicht offenbarer in unserer Seele wie die Träume selber. Indem wir ein Gefühlsleben führen, führen wir es in dem Elemente des Träumens. Und nur indem wir unser Gefühlsleben vorstellen, schlagen herauf die Wogen dieses Gefühlslebens vom Unterbewussten in das Bewusste herein.
[ 27 ] Auch wenn wir wachen, wachen wir nur, sehr verehrte Anwesende, mit Bezug auf unsere Wahrnehmungen, auf unser Vorstellungs- oder Denkleben. Wir wachen nicht vollständig mit Bezug auf unsere Gefühlsimpulse. Diese Gefühlsimpulse sind drunten in den Untergründen des Seelenlebens. Was wir von den Gefühlen wachend erleben, was wir in das gewöhnliche Bewusstsein hereinbringen, das sind nur Vorstellungen von den Gefühlen, das verhält sich zu den Gefühlen wie die Erinnerung an Träume, die wir beim Aufwachen haben, zu den Träumen. Die Gefühle sind nicht heller, sind nicht offenbarer in unserer Seele wie die Träume selber. Indem wir ein Gefühlsleben führen, führen wir es in dem Elemente des Träumens. Und nur indem wir unser Gefühlsleben vorstellen, schlagen herauf die Wogen dieses Gefühlslebens vom Unterbewussten in das Bewusste herein.
[ 28 ] Und gar in den Willensimpulsen! Erinnern Sie sich, wie ich von einem anderen Gesichtspunkt aus das vorgestern auseinandergesetzt habe, gar in den Willensimpulsen, da muss man sagen: Da träumt der Mensch nicht bloß, sondern da setzt sich das Schlafleben in seiner ganzen Dumpfheit in dem eigentlichen Element der Willensimpulse in das Tagesbewusstsein herein fort. Was weiß der Mensch, indem er die Vorstellung hat von demjenigen, was er tun wird, wie diese Vorstellung sich auslebt nur in seiner Handbewegung! Was weiß er von dem Mechanismus dieser Handbewegung, von dem Übergang der Vorstellung des Willens in die Handbewegung! Das wird in den Tiefen des Bewusstseins verschlafen. So setzt sich Traum- und Schlafleben in seinen Impulsen in das Wachleben herein fort, und es kommt insbesondere zum Ausdruck jetzt nicht im individuellen Menschenleben; denn mit seinem Individuellen in sich hat es der Mensch so zu tun, dass sein Vorstellungs-, sein Wahrnehmungsleben für ihn, für seine Entwicklung, für dasjenige, was klar vor seiner Seele steht, in Betracht kommt; wenn aber Mensch zu Mensch wirkt, wenn Mensch den Menschen kennen und lieben lernt, wenn Mensch für den Menschen handelt, dann wirken nicht die Impulse des Wahrnehmens und denkenden Erkennens allein, dann wirkt dasjenige, was aus dem traumhaften Fühlen, aus dem schlafenden Wollen von Mensch zu Mensch überspringt. Im sozialen, im moralischen Leben wirkt ein Element über die ganze Menschheit hin, insbesondere über eine zusammengehörige Menschheit, welches verträumt, welches verschlafen wird, ein unbewusstes Element.
[ 28 ] Und gar in den Willensimpulsen! Erinnern Sie sich, wie ich von einem anderen Gesichtspunkt aus das vorgestern auseinandergesetzt habe, gar in den Willensimpulsen, da muss man sagen: Da träumt der Mensch nicht bloß, sondern da setzt sich das Schlafleben in seiner ganzen Dumpfheit in dem eigentlichen Element der Willensimpulse in das Tagesbewusstsein herein fort. Was weiß der Mensch, indem er die Vorstellung hat von demjenigen, was er tun wird, wie diese Vorstellung sich auslebt nur in seiner Handbewegung! Was weiß er von dem Mechanismus dieser Handbewegung, von dem Übergang der Vorstellung des Willens in die Handbewegung! Das wird in den Tiefen des Bewusstseins verschlafen. So setzt sich Traum- und Schlafleben in seinen Impulsen in das Wachleben herein fort, und es kommt insbesondere zum Ausdruck jetzt nicht im individuellen Menschenleben; denn mit seinem Individuellen in sich hat es der Mensch so zu tun, dass sein Vorstellungs-, sein Wahrnehmungsleben für ihn, für seine Entwicklung, für dasjenige, was klar vor seiner Seele steht, in Betracht kommt; wenn aber Mensch zu Mensch wirkt, wenn Mensch den Menschen kennen und lieben lernt, wenn Mensch für den Menschen handelt, dann wirken nicht die Impulse des Wahrnehmens und denkenden Erkennens allein, dann wirkt dasjenige, was aus dem traumhaften Fühlen, aus dem schlafenden Wollen von Mensch zu Mensch überspringt. Im sozialen, im moralischen Leben wirkt ein Element über die ganze Menschheit hin, insbesondere über eine zusammengehörige Menschheit, welches verträumt, welches verschlafen wird, ein unbewusstes Element.
[ 29 ] Sehr verehrte Anwesende, eine solche Wahrheit in abstracto auszusprechen, wie ich es jetzt getan habe, ist natürlich verhältnismäßig leicht. Wird sie eingeführt in die wahrhaftige Betrachtung des Lebens, so erfordert sie eine streng wissenschaftliche Durchführung. Aber diese streng wissenschaftliche Durchführung führt zu etwas ganz, ganz anderem als die geschichtliche Betrachtung, wie wir sie bisher schulmäßig gewöhnt sind, die, wie ich Ihnen in den einleitenden Worten gezeigt habe, gerade in den wichtigsten Fällen der Lebensbeurteilung so im Stiche lässt. Man braucht nur einmal erkannt zu haben im ganzen Umfang seiner Bedeutung, dass dasjenige, was als geschichtliches, als moralisches und soziales Leben in der Menschheit pulsiert, so betrachtet werden muss, wie es unmittelbar wirkt, wie das Träumen, wie das Schlafen, und man wird sich klar werden: Geschichte muss etwas anderes werden, als man bisher darunter verstanden hat und als selbst Karl Lamprecht [darunter verstanden hat], denn er will die Seele des einzelnen Menschen betrachten und nun dasjenige, was also im wachenden Bewusstsein lebt, auf die geschichtliche Betrachtung anwenden. Da kommt keine Geschichte heraus, weil man damit nicht herandringt an die verträumten und verschlafenen Impulse des Geschehens. Und am wenigsten kommt man heran, wenn man das tut, was im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts immer mehr und mehr getan worden ist, wenn man das, was für die Naturwissenschaft zu so großen, so gewaltigen, so auch von der Geisteswissenschaft gewiss restlos gewürdigten Ergebnissen geführt hat, wenn man die naturwissenschaftliche Denkungsart auf die Geschichte anwenden will, diese naturwissenschaftliche Denkungsart, die ja so recht ein Ergebnis des Intellektualismus der neueren Zeit ist.
[ 29 ] Sehr verehrte Anwesende, eine solche Wahrheit in abstracto auszusprechen, wie ich es jetzt getan habe, ist natürlich verhältnismäßig leicht. Wird sie eingeführt in die wahrhaftige Betrachtung des Lebens, so erfordert sie eine streng wissenschaftliche Durchführung. Aber diese streng wissenschaftliche Durchführung führt zu etwas ganz, ganz anderem als die geschichtliche Betrachtung, wie wir sie bisher schulmäßig gewöhnt sind, die, wie ich Ihnen in den einleitenden Worten gezeigt habe, gerade in den wichtigsten Fällen der Lebensbeurteilung so im Stiche lässt. Man braucht nur einmal erkannt zu haben im ganzen Umfang seiner Bedeutung, dass dasjenige, was als geschichtliches, als moralisches und soziales Leben in der Menschheit pulsiert, so betrachtet werden muss, wie es unmittelbar wirkt, wie das Träumen, wie das Schlafen, und man wird sich klar werden: Geschichte muss etwas anderes werden, als man bisher darunter verstanden hat und als selbst Karl Lamprecht [darunter verstanden hat], denn er will die Seele des einzelnen Menschen betrachten und nun dasjenige, was also im wachenden Bewusstsein lebt, auf die geschichtliche Betrachtung anwenden. Da kommt keine Geschichte heraus, weil man damit nicht herandringt an die verträumten und verschlafenen Impulse des Geschehens. Und am wenigsten kommt man heran, wenn man das tut, was im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts immer mehr und mehr getan worden ist, wenn man das, was für die Naturwissenschaft zu so großen, so gewaltigen, so auch von der Geisteswissenschaft gewiss restlos gewürdigten Ergebnissen geführt hat, wenn man die naturwissenschaftliche Denkungsart auf die Geschichte anwenden will, diese naturwissenschaftliche Denkungsart, die ja so recht ein Ergebnis des Intellektualismus der neueren Zeit ist.
[ 30 ] Man hat gerade die Größe der neueren Geschichtsbetrachtung darin gesehen, dass man angefangen hat, naturwissenschaftlich alles zu betrachten, dass man angefangen hat, das geschichtliche Werden in dasselbe Licht zu stellen, in dem die Naturereignisse uns entgegentreten und in dem die Naturereignisse mit Recht betrachtet werden. Auch da hat Hermann Grimm eine sehr bedeutungsvolle Bemerkung gemacht aus einem tiefen Instinkt heraus, obwohl er die Tragweite [nicht erkannte], da er nicht Geisteswissenschafter war, auch die Geisteswissenschaft ablehnte, eine Bemerkung über die Geschichtsbetrachtung. Er wies hin auf einen solchen typischen Geschichtsbetrachter des neunzehnten Jahrhunderts, wie es Gibbon mit seiner Geschichte des Verfalls des Römischen Reiches ist. Und er sagte, es sei ein Merkwürdiges, dass dieser Gibbon, der ganz. im Sinne der naturwissenschaftlichen Weise will die Ereignisse des geschichtlichen Lebens nach Ursache und Wirkung zusammenketten, dass der für die ersten Jahrhunderte der christlichen Entwicklung des Abendlandes in der römischen Welt eigentlich nur die Verfallskräfte findet, während er das aufgehende, sprießende, sprossende Leben, das im werdenden Christentum, in den werdenden Impulsen des Mysteriums von Golgatha über die Welt kommt, einfach zwischen den Zeilen fallen lässt, gar nicht darauf kommt.
[ 30 ] Man hat gerade die Größe der neueren Geschichtsbetrachtung darin gesehen, dass man angefangen hat, naturwissenschaftlich alles zu betrachten, dass man angefangen hat, das geschichtliche Werden in dasselbe Licht zu stellen, in dem die Naturereignisse uns entgegentreten und in dem die Naturereignisse mit Recht betrachtet werden. Auch da hat Hermann Grimm eine sehr bedeutungsvolle Bemerkung gemacht aus einem tiefen Instinkt heraus, obwohl er die Tragweite [nicht erkannte], da er nicht Geisteswissenschafter war, auch die Geisteswissenschaft ablehnte, eine Bemerkung über die Geschichtsbetrachtung. Er wies hin auf einen solchen typischen Geschichtsbetrachter des neunzehnten Jahrhunderts, wie es Gibbon mit seiner Geschichte des Verfalls des Römischen Reiches ist. Und er sagte, es sei ein Merkwürdiges, dass dieser Gibbon, der ganz. im Sinne der naturwissenschaftlichen Weise will die Ereignisse des geschichtlichen Lebens nach Ursache und Wirkung zusammenketten, dass der für die ersten Jahrhunderte der christlichen Entwicklung des Abendlandes in der römischen Welt eigentlich nur die Verfallskräfte findet, während er das aufgehende, sprießende, sprossende Leben, das im werdenden Christentum, in den werdenden Impulsen des Mysteriums von Golgatha über die Welt kommt, einfach zwischen den Zeilen fallen lässt, gar nicht darauf kommt.
[ 31 ] Herman Grimm wusste nicht, dass da eine tiefe Notwendigkeit zugrunde lag. Man versuche nur einmal, dasjenige, was hier für die Betrachtung des einzelnen, individuellen menschlichen Lebens richtig ist, was auch gut ist zur Dirigierung des einzelnen Lebens, nicht [wahr], die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, das Sichhalten an die durch den Intellekt zu erfassenden Tatsachen, auf das geschichtliche Werden anzuwenden. Und man wird sehen gerade bei eingehender guter sachgemäßer Betrachtung des geschichtlichen Lebens, dass man damit nur dasjenige in der Geschichte findet, was in der Geschichte zur abwärtsgehenden Entwicklung jeweils zum Verfalle führt, und dass man niemals durch dasjenige, was die Naturwissenschaft groß macht als Vorstellungsart, etwas anderes finden kann als die Verfallsprodukte der Geschichte, dass man niemals dadurch finden kann die sprießenden, sprossenden Kräfte, weil die für das gewöhnliche Bewusstsein unter der Schwelle des Bewusstseins bleiben und sie erst heraufgeholt werden müssen aus dem Träumenden und Schlafenden durch die Kräfte der Imagination, Inspiration und so weiter, wie sie vorgestern hier als die Methode der Geisteswissenschaft geschildert worden sind.
[ 31 ] Herman Grimm wusste nicht, dass da eine tiefe Notwendigkeit zugrunde lag. Man versuche nur einmal, dasjenige, was hier für die Betrachtung des einzelnen, individuellen menschlichen Lebens richtig ist, was auch gut ist zur Dirigierung des einzelnen Lebens, nicht [wahr], die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, das Sichhalten an die durch den Intellekt zu erfassenden Tatsachen, auf das geschichtliche Werden anzuwenden. Und man wird sehen gerade bei eingehender guter sachgemäßer Betrachtung des geschichtlichen Lebens, dass man damit nur dasjenige in der Geschichte findet, was in der Geschichte zur abwärtsgehenden Entwicklung jeweils zum Verfalle führt, und dass man niemals durch dasjenige, was die Naturwissenschaft groß macht als Vorstellungsart, etwas anderes finden kann als die Verfallsprodukte der Geschichte, dass man niemals dadurch finden kann die sprießenden, sprossenden Kräfte, weil die für das gewöhnliche Bewusstsein unter der Schwelle des Bewusstseins bleiben und sie erst heraufgeholt werden müssen aus dem Träumenden und Schlafenden durch die Kräfte der Imagination, Inspiration und so weiter, wie sie vorgestern hier als die Methode der Geisteswissenschaft geschildert worden sind.
[ 32 ] Wenn Naturwissenschaft besonders beleuchtet wird durch dasjenige, was von der Geisteswissenschaft kommen kann — Geschichte wird überhaupt erst erbaut werden können, wird erst ihrem Wesen nach gefunden werden können, wenn man sich entschließen wird, die geisteswissenschaftliche Methode anzuwenden. Dasjenige, was Karl Lamprecht instinktiv wollte, was er aus einem recht tief mitteleuropäischen geistigen Bedürfnis heraus empfand, Wirklichkeit wird es erst werden, wenn man in der eben charakterisierten Art von der gewöhnlichen Erkenntnis des gewöhnlichen Bewusstseins zur Geist-Erkenntnis des geschichtlichen Werdens übergehen wird.
[ 32 ] Wenn Naturwissenschaft besonders beleuchtet wird durch dasjenige, was von der Geisteswissenschaft kommen kann — Geschichte wird überhaupt erst erbaut werden können, wird erst ihrem Wesen nach gefunden werden können, wenn man sich entschließen wird, die geisteswissenschaftliche Methode anzuwenden. Dasjenige, was Karl Lamprecht instinktiv wollte, was er aus einem recht tief mitteleuropäischen geistigen Bedürfnis heraus empfand, Wirklichkeit wird es erst werden, wenn man in der eben charakterisierten Art von der gewöhnlichen Erkenntnis des gewöhnlichen Bewusstseins zur Geist-Erkenntnis des geschichtlichen Werdens übergehen wird.
[ 33 ] Sehr verehrte Anwesende, derjenige, der das Leben kennenlernt, der sich gerade aus der Geisteswissenschaft heraus die Möglichkeit, das Leben zu verstehen, aneignet, der weiß, wie ein Hineinschauen in die werdenden Kräfte des Lebens, in dasjenige, was im Leben zukunftsicher und zukunfttragend ist, niemals aus der bloßen verstandesgemäßen, theoretisierenden, für die Naturwissenschaft glänzenden Vorstellungsweise der Gegenwart stammen kann. Es ist etwas radikal gesprochen, aber man kann es durchaus verantworten: Der Mensch steht darinnen in der Wirklichkeit, muss aus seinem Handeln heraus die Wirklichkeit gestalten; stellt er sich mit dem, was ihm Verstand und Intellekt geben und was ihn in der Naturwissenschaft so groß machen kann, in das soziale, in das moralische Wirken hinein. Will er das regeln, will er dem eine Struktur geben, sei es selbst nur auf äußerlich kommerziellem oder Bankgebiet, so muss er versagen. Versuche man es einmal, ein Parlament, irgendeine Gesellschaft, die berufen ist, soziale Struktur der Menschheit zu geben, zusammenzustellen aus glänzenden, genialen Vertretern des wissenschaftlichen Intellektualismus, der für die Naturwissenschaften so gut ist; solche Parlamente von solchen Gelehrten werden ganz gewiss die soziale Ordnung in Grund und Boden hinein ruinieren, denn sie werden nur diejenigen Impulse geben können, die zum Absterben, zum Verfall dienen können.
[ 33 ] Sehr verehrte Anwesende, derjenige, der das Leben kennenlernt, der sich gerade aus der Geisteswissenschaft heraus die Möglichkeit, das Leben zu verstehen, aneignet, der weiß, wie ein Hineinschauen in die werdenden Kräfte des Lebens, in dasjenige, was im Leben zukunftsicher und zukunfttragend ist, niemals aus der bloßen verstandesgemäßen, theoretisierenden, für die Naturwissenschaft glänzenden Vorstellungsweise der Gegenwart stammen kann. Es ist etwas radikal gesprochen, aber man kann es durchaus verantworten: Der Mensch steht darinnen in der Wirklichkeit, muss aus seinem Handeln heraus die Wirklichkeit gestalten; stellt er sich mit dem, was ihm Verstand und Intellekt geben und was ihn in der Naturwissenschaft so groß machen kann, in das soziale, in das moralische Wirken hinein. Will er das regeln, will er dem eine Struktur geben, sei es selbst nur auf äußerlich kommerziellem oder Bankgebiet, so muss er versagen. Versuche man es einmal, ein Parlament, irgendeine Gesellschaft, die berufen ist, soziale Struktur der Menschheit zu geben, zusammenzustellen aus glänzenden, genialen Vertretern des wissenschaftlichen Intellektualismus, der für die Naturwissenschaften so gut ist; solche Parlamente von solchen Gelehrten werden ganz gewiss die soziale Ordnung in Grund und Boden hinein ruinieren, denn sie werden nur diejenigen Impulse geben können, die zum Absterben, zum Verfall dienen können.
[ 34 ] Hinter mancherlei Geheimnisse des Lebens würde man kommen, wenn man das Leben also lebensvoll betrachten würde. Manche unbequeme Wahrheiten kämen dabei heraus; aber die Wirklichkeit ist so ernst, dass sie auch ernst angesehen werden muss, dass man wissen muss, welche Tragkraft für die Wirklichkeit die einen oder anderen Geisteskräfte haben. Würde man das einsehen, so würde manches von dem, was man heute Dilettantismus und was man heute Phantasterei, Träumerei nennt, von dem würde gerade erkannt werden, wie wirklichkeitsgetränkt, wie wirklichkeitsverwandt es ist und wie es berufen ist, in die Wirklichkeit da einzugreifen, wo der Theoretiker von heute, der naturwissenschaftlich Denkende von der Art des Wilsons nur die banalen, der Wirklichkeit ganz fremden, sogenannten Völkerideale, sogenannten interstaatlichen Vertragsprinzipien und so weiter, und so weiter, wie all das theoretische, unpraktische, sich selbst aufhebende Zeug nur heißt; wo solch eine rein theoretische Persönlichkeit etwas Unwirkliches hinsetzt, da muss gerade Wirklichkeitserkenntnis, muss wahre Lebenspraxis eintreten in einer Zeit, die solchen Ernst von uns fordert wie die heutige.
[ 34 ] Hinter mancherlei Geheimnisse des Lebens würde man kommen, wenn man das Leben also lebensvoll betrachten würde. Manche unbequeme Wahrheiten kämen dabei heraus; aber die Wirklichkeit ist so ernst, dass sie auch ernst angesehen werden muss, dass man wissen muss, welche Tragkraft für die Wirklichkeit die einen oder anderen Geisteskräfte haben. Würde man das einsehen, so würde manches von dem, was man heute Dilettantismus und was man heute Phantasterei, Träumerei nennt, von dem würde gerade erkannt werden, wie wirklichkeitsgetränkt, wie wirklichkeitsverwandt es ist und wie es berufen ist, in die Wirklichkeit da einzugreifen, wo der Theoretiker von heute, der naturwissenschaftlich Denkende von der Art des Wilsons nur die banalen, der Wirklichkeit ganz fremden, sogenannten Völkerideale, sogenannten interstaatlichen Vertragsprinzipien und so weiter, und so weiter, wie all das theoretische, unpraktische, sich selbst aufhebende Zeug nur heißt; wo solch eine rein theoretische Persönlichkeit etwas Unwirkliches hinsetzt, da muss gerade Wirklichkeitserkenntnis, muss wahre Lebenspraxis eintreten in einer Zeit, die solchen Ernst von uns fordert wie die heutige.
[ 35 ] Sehr verehrte Anwesende! Ich werde nun nicht davor zurückscheuen, wenigstens in einzelnen Punkten vor Ihnen hier auszuführen, wie nun dasjenige, was ich gestern als schauendes Bewusstsein hier entwickelt habe, das wirklich untertauchen kann in die Wirklichkeit, wie das zu einer Geschichtsbetrachtung kommt. Ich werde nur Anfängliches, nur ganz Elementares selbstverständlich heute entwickeln können, da ich nicht bis Mitternacht und darüber hinaus reden kann; aber Sie werden daraus ersehen, wie allerdings in einzelnen Geistern wie Karl Lamprecht ein instinktives Wollen nach einer solchen Geschichtsbetrachtung da ist, wie aber kein Bewusstsein davon da ist, dass man gerade auf dem Felde der Geschichtsberrachtung übergehen müsse zu einer wirklichen geisteswissenschaftlichen Anschauungsart. Ich habe darauf hingewiesen, dass aus einem richtigen Instinkt heraus Karl Lamprecht die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts als eine bedeutsame Grenzscheide in der neueren Entwicklung des deutschen Volkes annimmt. Und da in der Tat das deutsche Volk in der neueren Zeit hineingestellt ist als repräsentatives Volk aus objektiver Erkenntnis heraus — nicht aus Chauvinismus sage ich das —, so kann man besonders an dem deutschen Volke die Anforderungen der Impulse der neueren Zeit studieren.
[ 35 ] Sehr verehrte Anwesende! Ich werde nun nicht davor zurückscheuen, wenigstens in einzelnen Punkten vor Ihnen hier auszuführen, wie nun dasjenige, was ich gestern als schauendes Bewusstsein hier entwickelt habe, das wirklich untertauchen kann in die Wirklichkeit, wie das zu einer Geschichtsbetrachtung kommt. Ich werde nur Anfängliches, nur ganz Elementares selbstverständlich heute entwickeln können, da ich nicht bis Mitternacht und darüber hinaus reden kann; aber Sie werden daraus ersehen, wie allerdings in einzelnen Geistern wie Karl Lamprecht ein instinktives Wollen nach einer solchen Geschichtsbetrachtung da ist, wie aber kein Bewusstsein davon da ist, dass man gerade auf dem Felde der Geschichtsberrachtung übergehen müsse zu einer wirklichen geisteswissenschaftlichen Anschauungsart. Ich habe darauf hingewiesen, dass aus einem richtigen Instinkt heraus Karl Lamprecht die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts als eine bedeutsame Grenzscheide in der neueren Entwicklung des deutschen Volkes annimmt. Und da in der Tat das deutsche Volk in der neueren Zeit hineingestellt ist als repräsentatives Volk aus objektiver Erkenntnis heraus — nicht aus Chauvinismus sage ich das —, so kann man besonders an dem deutschen Volke die Anforderungen der Impulse der neueren Zeit studieren.
[ 36 ] Aber Karl Lamprecht kommt nicht zu mehr als zu einer instinktiven Bemerkung, er würde sonst nicht diesen tiefgehenden Punkt, diesen Einschnitt in das geschichtliche Werden in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts gleichgestellt haben mit Einschnitten in die Welt im elften Jahrhundert oder gar mit einem Einschnitt im achtzehnten Jahrhundert. Derjenige, der tiefer als Karl Lamprecht eindringt in das geschichtliche Werden, der bemerkt allerdings, dass — in den äußeren Ereignissen spiegelt sich das ja nur immer —, dass aber in den Tiefen des Lebens ein mächtiger Sprung, eine mächtige Änderung in der Entwicklungsströmung eintritt mit dieser Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Und der Beginn dieser selben europäischen Strömung, die um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts schließt und gewissen Impulsen Platz macht, in denen wir noch darinnen stehen, in deren Anfängen wir eigentlich darinnen stehen, der Anfang dieser Strömung, die mit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts schließt, liegt etwa im siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert.
[ 36 ] Aber Karl Lamprecht kommt nicht zu mehr als zu einer instinktiven Bemerkung, er würde sonst nicht diesen tiefgehenden Punkt, diesen Einschnitt in das geschichtliche Werden in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts gleichgestellt haben mit Einschnitten in die Welt im elften Jahrhundert oder gar mit einem Einschnitt im achtzehnten Jahrhundert. Derjenige, der tiefer als Karl Lamprecht eindringt in das geschichtliche Werden, der bemerkt allerdings, dass — in den äußeren Ereignissen spiegelt sich das ja nur immer —, dass aber in den Tiefen des Lebens ein mächtiger Sprung, eine mächtige Änderung in der Entwicklungsströmung eintritt mit dieser Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Und der Beginn dieser selben europäischen Strömung, die um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts schließt und gewissen Impulsen Platz macht, in denen wir noch darinnen stehen, in deren Anfängen wir eigentlich darinnen stehen, der Anfang dieser Strömung, die mit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts schließt, liegt etwa im siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert.
[ 37 ] Von dem siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert bis zu der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts hat man im europäischen Leben eine einheitliche moralisch-politische, soziale Konfiguration. Alle Tatsachen, alle Impulse wirken heraus aus einer inneren geistigen Tatsache, die ich, weil ich sie hier kurz bezeichnen muss, damit bezeichnen möchte, dass ich sage: Sie wirkt so, wie sie wirkt von Mensch zu Mensch im geschichtlichen Werden, weil in dieser Zeit die Menschen noch beherrscht sind von einer gewissen instinktiven Art der Verstandeswirksamkeit. Das Seelenleben der Menschen war bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, von dem siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert angefangen, in gewisser Weise homogen, in einheitlicher Weise gestaltet, aber so, dass der Verstand, der heute individuell erfasst und erlebt wird, wie ein Instinkt wirkte; und alle Ereignisse, alles dasjenige, was die Menschen wollten, alle Kulturoffenbarungen, man begreift sie in dieser Zeit nur, wenn man auf diese besondere Art der Seelenwirksamkeit eingehen kann, wo der Verstand instinktiv wirkt, wo noch nicht die Überlegung eine große Rolle spielt, wo elementar aus der Menschenbrust heraus Ereignisse geschehen, die jetzt nur geschehen können, wenn der Mensch lange Überlegungen hinter sich hat.
[ 37 ] Von dem siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert bis zu der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts hat man im europäischen Leben eine einheitliche moralisch-politische, soziale Konfiguration. Alle Tatsachen, alle Impulse wirken heraus aus einer inneren geistigen Tatsache, die ich, weil ich sie hier kurz bezeichnen muss, damit bezeichnen möchte, dass ich sage: Sie wirkt so, wie sie wirkt von Mensch zu Mensch im geschichtlichen Werden, weil in dieser Zeit die Menschen noch beherrscht sind von einer gewissen instinktiven Art der Verstandeswirksamkeit. Das Seelenleben der Menschen war bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, von dem siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert angefangen, in gewisser Weise homogen, in einheitlicher Weise gestaltet, aber so, dass der Verstand, der heute individuell erfasst und erlebt wird, wie ein Instinkt wirkte; und alle Ereignisse, alles dasjenige, was die Menschen wollten, alle Kulturoffenbarungen, man begreift sie in dieser Zeit nur, wenn man auf diese besondere Art der Seelenwirksamkeit eingehen kann, wo der Verstand instinktiv wirkt, wo noch nicht die Überlegung eine große Rolle spielt, wo elementar aus der Menschenbrust heraus Ereignisse geschehen, die jetzt nur geschehen können, wenn der Mensch lange Überlegungen hinter sich hat.
[ 38 ] Und mit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts tritt dasjenige ein, dass an die Stelle dieser instinktiven Verstandesseele — in der Geisteswissenschaft kann man sie auch Gemütsseele nennen —, dass an die Stelle dieser instinktiven Verstandesseele tritt dasjenige, was man nennen kann die Bewusstseinsseele, wo alles durch das individuelle Bewusstsein gehen muss, wo der Mensch überall den Begriff, den Gedanken hinstellen muss, wo das Instinktive nicht mehr so elementar in seiner Seele wirkt. Alles, was seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts geschehen ist— ich kann das hier nur in groben Konturen andeuten —, das ist nur zu verstehen, wenn man die erste Grundlage hat, wenn man diesen Umschwung, den ich angedeutet habe, wirklich hat. Da haben Sie einen Gesichtspunkt — ich kann nur Richtlinien angeben —, einen anderen Gesichtspunkt will ich angeben, der allerdings von den Menschen der Gegenwart noch phantastischer angesehen wird, dass er tief in einer wahrhaftigen, nicht dilettantischen, sondern schwer zu erringenden Wissenschaftlichkeit, von deren Existenz die meisten noch keine Ahnung haben, gewonnen ist. Das wird man schon im Laufe der Zeit erkennen, wie man erkannt hat, dass nicht die alte Weltanschauung der vorkopernikanischen Zeit, sondern die kopernikanische Weltanschauung für die neuere Zeit die geeignete ist.
[ 38 ] Und mit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts tritt dasjenige ein, dass an die Stelle dieser instinktiven Verstandesseele — in der Geisteswissenschaft kann man sie auch Gemütsseele nennen —, dass an die Stelle dieser instinktiven Verstandesseele tritt dasjenige, was man nennen kann die Bewusstseinsseele, wo alles durch das individuelle Bewusstsein gehen muss, wo der Mensch überall den Begriff, den Gedanken hinstellen muss, wo das Instinktive nicht mehr so elementar in seiner Seele wirkt. Alles, was seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts geschehen ist— ich kann das hier nur in groben Konturen andeuten —, das ist nur zu verstehen, wenn man die erste Grundlage hat, wenn man diesen Umschwung, den ich angedeutet habe, wirklich hat. Da haben Sie einen Gesichtspunkt — ich kann nur Richtlinien angeben —, einen anderen Gesichtspunkt will ich angeben, der allerdings von den Menschen der Gegenwart noch phantastischer angesehen wird, dass er tief in einer wahrhaftigen, nicht dilettantischen, sondern schwer zu erringenden Wissenschaftlichkeit, von deren Existenz die meisten noch keine Ahnung haben, gewonnen ist. Das wird man schon im Laufe der Zeit erkennen, wie man erkannt hat, dass nicht die alte Weltanschauung der vorkopernikanischen Zeit, sondern die kopernikanische Weltanschauung für die neuere Zeit die geeignete ist.
[ 39 ] Die gewöhnliche historische Dokumentenforschung, sie führt zurück heute ja schon ziemlich weit gegenüber früheren Zeiten; aber wirklich zu einen Verständnis, das aus Vergleichung der verschiedenen irdischen Entwicklungsepochen hervorgehen kann für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, kommt man erst dann, wenn man viel weiter gehen kann durch schauendes Bewusstsein, durch den Einblick des schauenden Bewusstseins in die Menschheitsentwicklung, als es historische Dokumente geben können. Man wird [das] selbstverständlich gerade natürlich als Phantasterei verschreien — das mag sein —, aber wahr ist es doch, dass dasjenige, was ich vorgestern hier geschildert habe als die drei Grundlagen des wahren, nicht phantastischen, nicht abergläubischen hellsehenden Bewusstseins in Imagination, Inspiration und Intuition, dass das dazu kommt, von innen schauend die Entwicklung der Menschheit auf der Erde zu verfolgen. Da kommt man dann, jetzt nicht an der Hand äußerer Dokumente, sondern das Seelenleben prüfend, durch inneres geistiges Anschauen noch weiter zurück als in eine solche Zeit, die im siebten, achten Jahrhundert vor Christus liegt, kommt man zurück zu einer Zeit, die wiederum ein paar Jahrtausende vorher Platz gegriffen hat, man kommt zurück zu denjenigen Zeiträumen, die sich anschließen an jene bedeutsame Katastrophe im Erdengeschehen, von denen die Geologie berichtet als der Eiszeit, von denen die verschiedenen Volkstraditionen berichten als der Sintflut, die natürlich viel weiter zurückgelegt werden muss, als die Tradition sagt; man kommt in uralte Zeiten zurück, in die kein äußeres Dokument, kein literarisches Denkmal mehr reicht, aber in die geistiges Schauen reicht — ich kann heute nur die Ergebnisse andeuten —, man kommt in eine uralte Vergangenheit zurück, wo eine Kultur gelebt hat, aus der dann später dasjenige hervorgegangen ist, aber in viel späterer Zeit, was als Kultur des alten Indiens bestanden hat. Darüber berichtet die Sanskritliteratur, was aber ein späteres Produkt ist als das, was ich hier eigentlich meine in der Menschheitsentwicklung. Man kommt zurück in ein Zeitalter, in dem die menschliche Seele unter ganz anderen Verhältnissen gewirkt hat.
[ 39 ] Die gewöhnliche historische Dokumentenforschung, sie führt zurück heute ja schon ziemlich weit gegenüber früheren Zeiten; aber wirklich zu einen Verständnis, das aus Vergleichung der verschiedenen irdischen Entwicklungsepochen hervorgehen kann für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, kommt man erst dann, wenn man viel weiter gehen kann durch schauendes Bewusstsein, durch den Einblick des schauenden Bewusstseins in die Menschheitsentwicklung, als es historische Dokumente geben können. Man wird [das] selbstverständlich gerade natürlich als Phantasterei verschreien — das mag sein —, aber wahr ist es doch, dass dasjenige, was ich vorgestern hier geschildert habe als die drei Grundlagen des wahren, nicht phantastischen, nicht abergläubischen hellsehenden Bewusstseins in Imagination, Inspiration und Intuition, dass das dazu kommt, von innen schauend die Entwicklung der Menschheit auf der Erde zu verfolgen. Da kommt man dann, jetzt nicht an der Hand äußerer Dokumente, sondern das Seelenleben prüfend, durch inneres geistiges Anschauen noch weiter zurück als in eine solche Zeit, die im siebten, achten Jahrhundert vor Christus liegt, kommt man zurück zu einer Zeit, die wiederum ein paar Jahrtausende vorher Platz gegriffen hat, man kommt zurück zu denjenigen Zeiträumen, die sich anschließen an jene bedeutsame Katastrophe im Erdengeschehen, von denen die Geologie berichtet als der Eiszeit, von denen die verschiedenen Volkstraditionen berichten als der Sintflut, die natürlich viel weiter zurückgelegt werden muss, als die Tradition sagt; man kommt in uralte Zeiten zurück, in die kein äußeres Dokument, kein literarisches Denkmal mehr reicht, aber in die geistiges Schauen reicht — ich kann heute nur die Ergebnisse andeuten —, man kommt in eine uralte Vergangenheit zurück, wo eine Kultur gelebt hat, aus der dann später dasjenige hervorgegangen ist, aber in viel späterer Zeit, was als Kultur des alten Indiens bestanden hat. Darüber berichtet die Sanskritliteratur, was aber ein späteres Produkt ist als das, was ich hier eigentlich meine in der Menschheitsentwicklung. Man kommt zurück in ein Zeitalter, in dem die menschliche Seele unter ganz anderen Verhältnissen gewirkt hat.
[ 40 ] Es ist heute ein Vorurteil, dass die menschliche Seele seit der Zeit, seit der man sie verfolgen kann, sich nicht verändert habe. Oh, sie hat sich gar sehr verändert. Geht man zurück mit geisteswissenschaftlicher Anschauung in den ersten Zeitraum nach der großen eiszeitlichen Epoche der irdischen Entwicklung, der insbesondere in der altindischen Kultur seine Höhe erreicht hat, so trifft man auf eine ganz andere Art des Menschentums, aus der Impulse hervorgehen mussten, die ganz anders sind als die späteren; man trifft auf eine Menschenart, die so entwicklungsfähig blieb bis in ein hohes Alter, wie wir nur entwicklungsfähig sind in den ersten Kindheitsjahren. Wir sind da entwicklungsfähig, sodass wir miterleben — wir erleben es noch in Dumpfheit mit —, was im Zahnwechsel eintritt zum Beispiel, wir erleben das Leiblich-Körperliche im Seelischen mit. Wie lebt der Mensch in der Jugend die Geschlechtsreife mit, das Leiblich-Körperhafte im Geistig-Seelischen! Aber das hört für unsere Zeit auf in den Zwanzigerjahren. Gewisse frühreife Kinder — das darf man nur heute gar nicht sagen — glauben sogar, dass es noch eher aufhört, diese Abhängigkeit des Geistig-Seelischen von dem Leiblich-Physischen. Zum Schreiben «unter dem Strich» glaubt man sich ja noch früher reif als mit zwanzig Jahren. Bis daher dauert auch die Abhängigkeit von dem Leiblich-Körperhaften. Dann aber hört das auf. Ich meine nicht die äußerliche Abhängigkeit, die in der Ermüdung des Leibes auftritt, in der Ergrauung der Haare, in den Runzeln des Gesichtes — das ist äußerliche Abhängigkeit.
[ 40 ] Es ist heute ein Vorurteil, dass die menschliche Seele seit der Zeit, seit der man sie verfolgen kann, sich nicht verändert habe. Oh, sie hat sich gar sehr verändert. Geht man zurück mit geisteswissenschaftlicher Anschauung in den ersten Zeitraum nach der großen eiszeitlichen Epoche der irdischen Entwicklung, der insbesondere in der altindischen Kultur seine Höhe erreicht hat, so trifft man auf eine ganz andere Art des Menschentums, aus der Impulse hervorgehen mussten, die ganz anders sind als die späteren; man trifft auf eine Menschenart, die so entwicklungsfähig blieb bis in ein hohes Alter, wie wir nur entwicklungsfähig sind in den ersten Kindheitsjahren. Wir sind da entwicklungsfähig, sodass wir miterleben — wir erleben es noch in Dumpfheit mit —, was im Zahnwechsel eintritt zum Beispiel, wir erleben das Leiblich-Körperliche im Seelischen mit. Wie lebt der Mensch in der Jugend die Geschlechtsreife mit, das Leiblich-Körperhafte im Geistig-Seelischen! Aber das hört für unsere Zeit auf in den Zwanzigerjahren. Gewisse frühreife Kinder — das darf man nur heute gar nicht sagen — glauben sogar, dass es noch eher aufhört, diese Abhängigkeit des Geistig-Seelischen von dem Leiblich-Physischen. Zum Schreiben «unter dem Strich» glaubt man sich ja noch früher reif als mit zwanzig Jahren. Bis daher dauert auch die Abhängigkeit von dem Leiblich-Körperhaften. Dann aber hört das auf. Ich meine nicht die äußerliche Abhängigkeit, die in der Ermüdung des Leibes auftritt, in der Ergrauung der Haare, in den Runzeln des Gesichtes — das ist äußerliche Abhängigkeit.
[ 41 ] Aber in jener uralten Epoche, von der ich jetzt spreche, da erlebte der Mensch eine solche Abhängigkeit bis in die Fünfzigerjahre, wie man sie heute nur in der Kindheit erlebt. Da wusste jeder, der als junger Mensch da war: Man erlebt Neues, wenn man alt wird. Das war etwas sehr Bedeutsames, denn vom 35. Jahre ab ungefähr wird der Mensch ja so in seiner Entwicklung, dass diese Entwicklung abwärts geht, dass die leiblich-körperhafte Entwicklung in den Verfall gerät.
[ 41 ] Aber in jener uralten Epoche, von der ich jetzt spreche, da erlebte der Mensch eine solche Abhängigkeit bis in die Fünfzigerjahre, wie man sie heute nur in der Kindheit erlebt. Da wusste jeder, der als junger Mensch da war: Man erlebt Neues, wenn man alt wird. Das war etwas sehr Bedeutsames, denn vom 35. Jahre ab ungefähr wird der Mensch ja so in seiner Entwicklung, dass diese Entwicklung abwärts geht, dass die leiblich-körperhafte Entwicklung in den Verfall gerät.
[ 42 ] Nun ist gerade das Miterleben des Verfalls des Körperlichen nicht so, wie wir es heute erleben, sondern das innerliche Miterleben so, wie man die Geschlechtsreife miterlebt, das ist eine besondere innere Entwicklung in Bezug auf das Spirituelle, in Bezug auf das Geistige. Das gibt gerade das Geistige, dieses Miterleben des körperlichen Abstiegs. Und indem man in dieser ältesten Epoche miterlebt das Körperlich-Leibliche, war dieses Körperliche in jener älteren Epoche insbesondere dazu geeignet, in der Seele zu entwickeln unmittelbar, elementar, naturgemäß, wie wir heute nur die verschiedenen Etappen unserer Kindheit und Jugend erinnern, so war in dieser ältesten Zeit der Mensch geeignet dazu, innerlich zu erleben besondere geistig-seelische Erlebnisse, deren Nachklang in der späteren altindischen Literatur und Kultur deutlich wahrzunehmen ist.
[ 42 ] Nun ist gerade das Miterleben des Verfalls des Körperlichen nicht so, wie wir es heute erleben, sondern das innerliche Miterleben so, wie man die Geschlechtsreife miterlebt, das ist eine besondere innere Entwicklung in Bezug auf das Spirituelle, in Bezug auf das Geistige. Das gibt gerade das Geistige, dieses Miterleben des körperlichen Abstiegs. Und indem man in dieser ältesten Epoche miterlebt das Körperlich-Leibliche, war dieses Körperliche in jener älteren Epoche insbesondere dazu geeignet, in der Seele zu entwickeln unmittelbar, elementar, naturgemäß, wie wir heute nur die verschiedenen Etappen unserer Kindheit und Jugend erinnern, so war in dieser ältesten Zeit der Mensch geeignet dazu, innerlich zu erleben besondere geistig-seelische Erlebnisse, deren Nachklang in der späteren altindischen Literatur und Kultur deutlich wahrzunehmen ist.
[ 43 ] Dann kam ein weiteres Zeitalter. Da ging das schon zurück. Da war der Mensch nur in dieser Weise mit seinem Geistig-Seelischen in Zusammenhang mit dem Körperhaft-Leiblichen, nur bis in die letzten Vierzigerjahre hinein. Dann kam das dritte Zeitalter nach der großen Eisperiode. Da war der Mensch nur bis in die letzten Dreißigerjahre hinein entwicklungsfähig in der Weise, wie ich es angedeutet habe. Und dann kam das Zeitalter, das im siebten und achten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung begann, von dem ich gesagt habe, dass der Verstand noch instinktiv wirkt, in dem deshalb der Verstand noch instinktiv wirkte, weil in das ganze Menschenleben hereindämmerte die Entwicklungsfähigkeit bis hinein in die Mitte der Dreißigerjahre. In dieser griechischrömischen Zeit blieb da der Mensch entwicklungsfähig.
[ 43 ] Dann kam ein weiteres Zeitalter. Da ging das schon zurück. Da war der Mensch nur in dieser Weise mit seinem Geistig-Seelischen in Zusammenhang mit dem Körperhaft-Leiblichen, nur bis in die letzten Vierzigerjahre hinein. Dann kam das dritte Zeitalter nach der großen Eisperiode. Da war der Mensch nur bis in die letzten Dreißigerjahre hinein entwicklungsfähig in der Weise, wie ich es angedeutet habe. Und dann kam das Zeitalter, das im siebten und achten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung begann, von dem ich gesagt habe, dass der Verstand noch instinktiv wirkt, in dem deshalb der Verstand noch instinktiv wirkte, weil in das ganze Menschenleben hereindämmerte die Entwicklungsfähigkeit bis hinein in die Mitte der Dreißigerjahre. In dieser griechischrömischen Zeit blieb da der Mensch entwicklungsfähig.
[ 44 ] Dann ging die Sache zurück und für unsere Zeit — man kann solche Sachen schon ausrechnen, ich kann aber hier nur die Ergebnisse anführen — ist ungefähr das 27. Jahr die Grenze, bis zu dem die letzten Reste dieses Mitgehens des Seelisch-Geistigen mit dem Leiblich-Körperhaften gehen. Ich nenne das, was ich jetzt ausgeführt habe, in der Geisteswissenschaft das Immer-jünger-Werden der Menschheit. Die Menschheit bleibt gewissermaßen jugendlich frisch, wachsend, gedeihend in älteren Zeiten bis ins hohe Alter; sie behielt ihre Entwicklungskräfte bis in ein hohes Alter hinauf. Das Jüngerwerden der Menschheit nenne ich das.
[ 44 ] Dann ging die Sache zurück und für unsere Zeit — man kann solche Sachen schon ausrechnen, ich kann aber hier nur die Ergebnisse anführen — ist ungefähr das 27. Jahr die Grenze, bis zu dem die letzten Reste dieses Mitgehens des Seelisch-Geistigen mit dem Leiblich-Körperhaften gehen. Ich nenne das, was ich jetzt ausgeführt habe, in der Geisteswissenschaft das Immer-jünger-Werden der Menschheit. Die Menschheit bleibt gewissermaßen jugendlich frisch, wachsend, gedeihend in älteren Zeiten bis ins hohe Alter; sie behielt ihre Entwicklungskräfte bis in ein hohes Alter hinauf. Das Jüngerwerden der Menschheit nenne ich das.
[ 45 ] Sie sehen daraus: Geht man auf die wirklichen Gesetze des geschichtlichen Werdens im Großen der Menschheitsentwicklung ein, so kann man ja nicht in Betracht ziehen die Psychologie, die Seelenkunde des einzelnen Menschenindividuums, wie es Karl Lamprecht tut; denn das Seelische in der Menschheitsentwicklung, man hat es in den Zeiten, wo man das tat, was Karl Lamprecht will, man hat es so getan, dass man sagt: Nun, in alten Zeiten ist die Menschheit in der Kindheit; dann kommt sie in die Jugend, und dann ins reifere Alter; dann wird sie alt. Gerade das Umgekehrte ist wahr für die Wirklichkeitsforschung. Die Menschheit bleibt jung in der ersten Zeit bis ins höchste Alter, das heißt sie erreicht in Jugendfrische ein hohes Alter und wird immer jünger und jünger mit ihren maßgebenden Kräften, das heißt kommt immer mehr und mehr zur Entwicklung, die auf die Jugend angewiesen ist, der das Alter nichts mehr gibt.
[ 45 ] Sie sehen daraus: Geht man auf die wirklichen Gesetze des geschichtlichen Werdens im Großen der Menschheitsentwicklung ein, so kann man ja nicht in Betracht ziehen die Psychologie, die Seelenkunde des einzelnen Menschenindividuums, wie es Karl Lamprecht tut; denn das Seelische in der Menschheitsentwicklung, man hat es in den Zeiten, wo man das tat, was Karl Lamprecht will, man hat es so getan, dass man sagt: Nun, in alten Zeiten ist die Menschheit in der Kindheit; dann kommt sie in die Jugend, und dann ins reifere Alter; dann wird sie alt. Gerade das Umgekehrte ist wahr für die Wirklichkeitsforschung. Die Menschheit bleibt jung in der ersten Zeit bis ins höchste Alter, das heißt sie erreicht in Jugendfrische ein hohes Alter und wird immer jünger und jünger mit ihren maßgebenden Kräften, das heißt kommt immer mehr und mehr zur Entwicklung, die auf die Jugend angewiesen ist, der das Alter nichts mehr gibt.
[ 46 ] Man muss also eine ganz andere Art und Psychologie von Seelenbetrachtung anwenden, wenn man heraufheben will dasjenige, was sonst im Traumhaften, selbst im schlafenden Zustand von den Menschen geschichtlich und moralisch im Werdegang seiner Entwicklung erlebt wird. Und erst wenn man so dasjenige, was da unten in der Menschenseele pulsiert, was nur heraufgehoben werden kann, wenn man die treibenden Kräfte in der Entwicklung wirklich kennenlernt, erst wenn man die Menschheitsentwicklung so betrachten lernen wird und [in] dasjenige eintauchen wird, auch in die einzelnen konkreten Tatsachen, dann wird man zu einer lebensvollen, wirklichkeitsgemäßen Betrachtung des geschichtlichen Lebens gelangen.
[ 46 ] Man muss also eine ganz andere Art und Psychologie von Seelenbetrachtung anwenden, wenn man heraufheben will dasjenige, was sonst im Traumhaften, selbst im schlafenden Zustand von den Menschen geschichtlich und moralisch im Werdegang seiner Entwicklung erlebt wird. Und erst wenn man so dasjenige, was da unten in der Menschenseele pulsiert, was nur heraufgehoben werden kann, wenn man die treibenden Kräfte in der Entwicklung wirklich kennenlernt, erst wenn man die Menschheitsentwicklung so betrachten lernen wird und [in] dasjenige eintauchen wird, auch in die einzelnen konkreten Tatsachen, dann wird man zu einer lebensvollen, wirklichkeitsgemäßen Betrachtung des geschichtlichen Lebens gelangen.
[ 47 ] Ich möchte nur ein Ereignis anführen. Diejenigen der Zuhörer, die seit Jahren — es sind ja über 14, 15 Jahre in jedem Winter hier meine Vorträge gehört haben, die wissen, wie wenig ich geneigt bin, auf Persönliches in diesen Vorträgen einzugehen; aber hier ist das Persönliche oft auch sachgemäß. Wenn ich etwas Persönliches anführen darf, so mag es das Folgende sein: Ich versuchte selbst mit Bezug auf die größten geschichtlichen Ereignisse des Erdenwerdens objektiv zu bleiben, so objektiv zu bleiben, wie es nur irgend möglich ist. Ich ging da von keinem Vorurteil aus. Und als ich nach jahrzehntelanger Forschung fand das Gesetz dieses geschichtlichen Werdens der Erdenmenschheit, wie ich es dargestellt habe, dieses Gesetz vom Jüngerwerden der Menschheit, nach dem man sich sagen muss: Es gab ein Zeitalter, da war die Menschheit entwicklungsfähig bis in die Fünfzigerjahre hinein, bis in die Vierzigerjahre, dann in die Dreißigerjahre hinein und so weiter und in der griechischen Zeit war sie ungefähr entwicklungsfähig bis zum 35. Jahre. Im siebten und achten Jahrhundert dann bis zum 34., 33. Jahre dann zurück bis zum 28. Jahre. Da sind wir ungefähr in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Da endet das instinktive Verstandeswissen in der menschlichen Seele.
[ 47 ] Ich möchte nur ein Ereignis anführen. Diejenigen der Zuhörer, die seit Jahren — es sind ja über 14, 15 Jahre in jedem Winter hier meine Vorträge gehört haben, die wissen, wie wenig ich geneigt bin, auf Persönliches in diesen Vorträgen einzugehen; aber hier ist das Persönliche oft auch sachgemäß. Wenn ich etwas Persönliches anführen darf, so mag es das Folgende sein: Ich versuchte selbst mit Bezug auf die größten geschichtlichen Ereignisse des Erdenwerdens objektiv zu bleiben, so objektiv zu bleiben, wie es nur irgend möglich ist. Ich ging da von keinem Vorurteil aus. Und als ich nach jahrzehntelanger Forschung fand das Gesetz dieses geschichtlichen Werdens der Erdenmenschheit, wie ich es dargestellt habe, dieses Gesetz vom Jüngerwerden der Menschheit, nach dem man sich sagen muss: Es gab ein Zeitalter, da war die Menschheit entwicklungsfähig bis in die Fünfzigerjahre hinein, bis in die Vierzigerjahre, dann in die Dreißigerjahre hinein und so weiter und in der griechischen Zeit war sie ungefähr entwicklungsfähig bis zum 35. Jahre. Im siebten und achten Jahrhundert dann bis zum 34., 33. Jahre dann zurück bis zum 28. Jahre. Da sind wir ungefähr in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Da endet das instinktive Verstandeswissen in der menschlichen Seele.
[ 48 ] Nun sagte ich mir: Da tritt ein Zeitpunkt ein, wo die Menschheit in der Mitte ihrer Entwicklung steht, wo die Menschheitsentwicklung in einem besonderen Punkte steht. Einmal war in diesem griechisch-römischen Zeitalter die Menschheit von dem Älter- und immer Jüngerwerden 33 Jahre alt; da musste ein neuer Impuls kommen, wenn die Menschheit nicht verlieren sollte den Zusammenschluss mit der geistigen Welt. Denn dieses Geistige geht dem Menschen vorzugsweise dann auf, wenn er in sich selber sieht im Erleben geistig-seelisch den leiblich-körperhaften Verfall, wie es in alten Zeiten war. Dieser geistige Impuls kam. Er soll vertieft werden durch die neuere Geisteswissenschaft. Denn dasjenige, was der Mensch nicht mehr holen kann aus seinem Körperhaften heraus, das muss der Geist dem Menschen durch geisteswissenschaftliche Erkenntnis geben als Geistiges, [um] bis in das höchste Alter hinauf ihn entwicklungsfähig erhalten. Aber dazu musste ein besonderer Impuls in einem besonders wichtigen Augenblick der Geschichte kommen, als die Menschheit, von oben heruntergehend, das 33. Jahr erreicht hatte. Und merkwürdig steht wie das größte Symbolum in der Menschheitsentwicklung da der neue Impuls von Golgatha, der Christusimpuls. Von dem 33-jährigen Christus Jesus geht im dreiunddreißigsten Lebensjahr der Menschheit der größte Impuls, der über die Erdenentwicklung gegangen ist, aus. Ich bin nicht darauf ausgegangen, sehr verehrte Anwesende, den Christusimpuls als Erstes anzusehen und ihn künstlich hineinzustellen. Ich wusste nichts von diesem Hineingestelltsein in dieser Weise. Mir ergab sich zuerst dieses Gesetz, wie ich es vorhin auseinandergesetzt habe, und dann musste ich im Lichte dieses Gesetzes den Christusimpuls schauen.
[ 48 ] Nun sagte ich mir: Da tritt ein Zeitpunkt ein, wo die Menschheit in der Mitte ihrer Entwicklung steht, wo die Menschheitsentwicklung in einem besonderen Punkte steht. Einmal war in diesem griechisch-römischen Zeitalter die Menschheit von dem Älter- und immer Jüngerwerden 33 Jahre alt; da musste ein neuer Impuls kommen, wenn die Menschheit nicht verlieren sollte den Zusammenschluss mit der geistigen Welt. Denn dieses Geistige geht dem Menschen vorzugsweise dann auf, wenn er in sich selber sieht im Erleben geistig-seelisch den leiblich-körperhaften Verfall, wie es in alten Zeiten war. Dieser geistige Impuls kam. Er soll vertieft werden durch die neuere Geisteswissenschaft. Denn dasjenige, was der Mensch nicht mehr holen kann aus seinem Körperhaften heraus, das muss der Geist dem Menschen durch geisteswissenschaftliche Erkenntnis geben als Geistiges, [um] bis in das höchste Alter hinauf ihn entwicklungsfähig erhalten. Aber dazu musste ein besonderer Impuls in einem besonders wichtigen Augenblick der Geschichte kommen, als die Menschheit, von oben heruntergehend, das 33. Jahr erreicht hatte. Und merkwürdig steht wie das größte Symbolum in der Menschheitsentwicklung da der neue Impuls von Golgatha, der Christusimpuls. Von dem 33-jährigen Christus Jesus geht im dreiunddreißigsten Lebensjahr der Menschheit der größte Impuls, der über die Erdenentwicklung gegangen ist, aus. Ich bin nicht darauf ausgegangen, sehr verehrte Anwesende, den Christusimpuls als Erstes anzusehen und ihn künstlich hineinzustellen. Ich wusste nichts von diesem Hineingestelltsein in dieser Weise. Mir ergab sich zuerst dieses Gesetz, wie ich es vorhin auseinandergesetzt habe, und dann musste ich im Lichte dieses Gesetzes den Christusimpuls schauen.
[ 49 ] Sieht man die Sache so an, dann erkennt man erst, wie Geisteswissenschaft nicht zur Veroberflächlichung, zur Verflachung des religiösen Lebens führt, sondern wahrhaftig zur Vertiefung des religiösen Lebens, zu jener Vertiefung, welche dieses religiöse Leben so recht tief in die menschliche Wirklichkeitsentwicklung hineinversenkt. Das wollte ich nur angeben dafür, dass einem so häufig entgegentritt: Die Leute tadeln einen, nun, ob man vom religiösen Leben spricht in geisteswissenschaftlichen Vorträgen oder ob man nicht [davon] spricht. Was tadeln sie nicht alles! Spricht man nicht, so sagt man, die Geisteswissenschaft habe keine Religion, kein Christentum; vielleicht geht das nur daraus hervor, weil diese Geisteswissenschaft in tieferem Sinn zu beobachten versteht ein gewisses Gebot, das auch besteht:
[ 49 ] Sieht man die Sache so an, dann erkennt man erst, wie Geisteswissenschaft nicht zur Veroberflächlichung, zur Verflachung des religiösen Lebens führt, sondern wahrhaftig zur Vertiefung des religiösen Lebens, zu jener Vertiefung, welche dieses religiöse Leben so recht tief in die menschliche Wirklichkeitsentwicklung hineinversenkt. Das wollte ich nur angeben dafür, dass einem so häufig entgegentritt: Die Leute tadeln einen, nun, ob man vom religiösen Leben spricht in geisteswissenschaftlichen Vorträgen oder ob man nicht [davon] spricht. Was tadeln sie nicht alles! Spricht man nicht, so sagt man, die Geisteswissenschaft habe keine Religion, kein Christentum; vielleicht geht das nur daraus hervor, weil diese Geisteswissenschaft in tieferem Sinn zu beobachten versteht ein gewisses Gebot, das auch besteht:
Du sollst den Namen des göttlichen Wesens nicht eitel aussprechen! (2 Mos 20,7)
Du sollst den Namen des göttlichen Wesens nicht eitel aussprechen! (2 Mos 20,7)
[ 50 ] Spricht man nicht aus den Namen Christus oder Gott in jedem Satz, so wird gesagt, Geisteswissenschaft führe ab vom religiösen Leben. Spricht man die Dinge aus, so betrachten es die Menschen wie eine Attacke, weil sie sich alle berufen fühlen, über religiöses Leben zu sprechen. Man kann es den Leuten nicht recht machen. Aber darum handelt es sich nicht. Der in den eigentlichen Nerv der Geisteswissenschaft hineindringt, der kann wissen, wie diese Geisteswissenschaft auf allen Gebieten, auch auf dem Gebiet des religiösen Lebens, nur zu einer Vertiefung führen kann. Und wie wird das moralische, das soziale, das geschichtliche Leben erfasst, das ja verläuft so, dass seine Impulse gar nicht in das Bewusstsein heraufdringen; aber wir leben in einem Zeitalter, wo Bewusstheit eintreten muss, wo das, was in früheren Zeiten im Unbewussten leben bleiben konnte, ins Bewusstsein herauftreten muss. Wir können zurückschauen in jene alten Zeiten der Menschheitsentwicklung, wo man in einer anderen Art das Traumhafte, das Schlafende in den Menschheitsimpulsen erlebte. Da lebte man das geschichtliche Leben für das Bewusstsein in der Mythe, in der Sage, im Märchen aus.
[ 50 ] Spricht man nicht aus den Namen Christus oder Gott in jedem Satz, so wird gesagt, Geisteswissenschaft führe ab vom religiösen Leben. Spricht man die Dinge aus, so betrachten es die Menschen wie eine Attacke, weil sie sich alle berufen fühlen, über religiöses Leben zu sprechen. Man kann es den Leuten nicht recht machen. Aber darum handelt es sich nicht. Der in den eigentlichen Nerv der Geisteswissenschaft hineindringt, der kann wissen, wie diese Geisteswissenschaft auf allen Gebieten, auch auf dem Gebiet des religiösen Lebens, nur zu einer Vertiefung führen kann. Und wie wird das moralische, das soziale, das geschichtliche Leben erfasst, das ja verläuft so, dass seine Impulse gar nicht in das Bewusstsein heraufdringen; aber wir leben in einem Zeitalter, wo Bewusstheit eintreten muss, wo das, was in früheren Zeiten im Unbewussten leben bleiben konnte, ins Bewusstsein herauftreten muss. Wir können zurückschauen in jene alten Zeiten der Menschheitsentwicklung, wo man in einer anderen Art das Traumhafte, das Schlafende in den Menschheitsimpulsen erlebte. Da lebte man das geschichtliche Leben für das Bewusstsein in der Mythe, in der Sage, im Märchen aus.
[ 51 ] Derjenige, der solches zu würdigen versteht, der weiß ja — denn das ist eine banale Wahrheit selbstverständlich, dass Märchen, Mythen im Äußeren, so wie man heute Geschichte betrachtet, keine Wahrheit enthalten; aber in einem tieferen Sinn enthalten sie gerade die sonst von den Menschen verträumten und verschlafenen geschichtlichen Impulse. Indem der Mensch seine Mythen, seine Sagen, seine Märchen entwickelte, stellte er sich in den moralischen, sozialen, geschichtlichen Zusammenhang seiner Mitmenschen hinein, brachte er sich auf seine Art bildhaft zum Bewusstsein, was gerade im geschichtlichen, im sozialen, im moralischen Leben wirkt.
[ 51 ] Derjenige, der solches zu würdigen versteht, der weiß ja — denn das ist eine banale Wahrheit selbstverständlich, dass Märchen, Mythen im Äußeren, so wie man heute Geschichte betrachtet, keine Wahrheit enthalten; aber in einem tieferen Sinn enthalten sie gerade die sonst von den Menschen verträumten und verschlafenen geschichtlichen Impulse. Indem der Mensch seine Mythen, seine Sagen, seine Märchen entwickelte, stellte er sich in den moralischen, sozialen, geschichtlichen Zusammenhang seiner Mitmenschen hinein, brachte er sich auf seine Art bildhaft zum Bewusstsein, was gerade im geschichtlichen, im sozialen, im moralischen Leben wirkt.
[ 52 ] Heute können wir nicht, selbstverständlich, Mythen und Märchen dichten; aber wir müssen durch geisteswissenschaftliche Imaginationen, durch geisteswissenschaftliche Inspirationen dasjenige, was sonst unterbewusst bleibt, heraufholen aus den Tiefen des menschlichen Seelenlebens, müssen erkennen, dass, wenn der Mensch dem Menschen moralisch gegenübersteht, so ist in dieser Gegenüberstellung eine Art unterbewusstes Hellsehen. Und dasjenige, was der Geistesforscher erzählt, ist nur ein Heraufheben des Unterbewussten, Traumhaften, aber in menschlichen Handlungen zur Offenbarung kommenden, in das Bewusstsein.
[ 52 ] Heute können wir nicht, selbstverständlich, Mythen und Märchen dichten; aber wir müssen durch geisteswissenschaftliche Imaginationen, durch geisteswissenschaftliche Inspirationen dasjenige, was sonst unterbewusst bleibt, heraufholen aus den Tiefen des menschlichen Seelenlebens, müssen erkennen, dass, wenn der Mensch dem Menschen moralisch gegenübersteht, so ist in dieser Gegenüberstellung eine Art unterbewusstes Hellsehen. Und dasjenige, was der Geistesforscher erzählt, ist nur ein Heraufheben des Unterbewussten, Traumhaften, aber in menschlichen Handlungen zur Offenbarung kommenden, in das Bewusstsein.
[ 53 ] So hat Geisteswissenschaft mitzuwirken an Wirklichkeitsforschung, an Wirklichkeitsvertiefung. Und diese Geisteswissenschaft, sie entspricht im Grunde genommen demjenigen, wozu gerade innerhalb unseres Geisteslebens das instinktive Bewusstsein drängte. Man erinnere sich nur an einen solchen Geist wie Lessing und seine «Erziehung des Menschengeschlechts», an solche großen bedeutsamen Impulse für eine Geschichtsbetrachtung, wie sie Herder gegeben hat. Vieles davon ist vergessen. Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» darauf hingewiesen, hingewiesen auch auf eine vergessene Strömung des deutschen Geisteslebens. Aber diese vergessene Strömung des deutschen Geisteslebens wird wieder auftauchen; denn in ihr liegen die Keime zu einer geistgemäßen Wirklichkeitsbetrachtung.
[ 53 ] So hat Geisteswissenschaft mitzuwirken an Wirklichkeitsforschung, an Wirklichkeitsvertiefung. Und diese Geisteswissenschaft, sie entspricht im Grunde genommen demjenigen, wozu gerade innerhalb unseres Geisteslebens das instinktive Bewusstsein drängte. Man erinnere sich nur an einen solchen Geist wie Lessing und seine «Erziehung des Menschengeschlechts», an solche großen bedeutsamen Impulse für eine Geschichtsbetrachtung, wie sie Herder gegeben hat. Vieles davon ist vergessen. Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» darauf hingewiesen, hingewiesen auch auf eine vergessene Strömung des deutschen Geisteslebens. Aber diese vergessene Strömung des deutschen Geisteslebens wird wieder auftauchen; denn in ihr liegen die Keime zu einer geistgemäßen Wirklichkeitsbetrachtung.
[ 54 ] Solche geistgemäße Wirklichkeitsbetrachtung braucht man insbesondere in der Geschichte. Dann werden die wirklichen Impulse, die kein Intellektualismus, keine naturwissenschaftliche Betrachtung, kein Wilsonianismus in die Menschheitsbetrachtung hineinstellen kann, die werden in die Menschheitsbetrachtung hineintreten. Man wird begreifen, dass dasjenige, was in der Geschichte sich darlebt, durch den Menschen sich darlebt, tiefer an die Seele herangeht als dasjenige, was bloß den Kopf, was bloß den Intellekt ergreift und was mit Recht so glorreiche Triumphe in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis feiert. Aber damit kann man nicht die Wirklichkeit meistern. Man wird verstehen, warum eine am naturwissenschaftlichen Muster gebildete Geschichte solche Fehler machen musste, wie selbst Schiller gemacht hat, wie die Menschen unserer Zeit in Bezug auf die große Weltkatastrophe gemacht haben.
[ 54 ] Solche geistgemäße Wirklichkeitsbetrachtung braucht man insbesondere in der Geschichte. Dann werden die wirklichen Impulse, die kein Intellektualismus, keine naturwissenschaftliche Betrachtung, kein Wilsonianismus in die Menschheitsbetrachtung hineinstellen kann, die werden in die Menschheitsbetrachtung hineintreten. Man wird begreifen, dass dasjenige, was in der Geschichte sich darlebt, durch den Menschen sich darlebt, tiefer an die Seele herangeht als dasjenige, was bloß den Kopf, was bloß den Intellekt ergreift und was mit Recht so glorreiche Triumphe in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis feiert. Aber damit kann man nicht die Wirklichkeit meistern. Man wird verstehen, warum eine am naturwissenschaftlichen Muster gebildete Geschichte solche Fehler machen musste, wie selbst Schiller gemacht hat, wie die Menschen unserer Zeit in Bezug auf die große Weltkatastrophe gemacht haben.
[ 55 ] In unserer Zeit sind wir aufgerufen, über die Erdenentwicklung hin unsere Urteile zu fällen. Da dürfen wir nicht zurückschrecken vor der Vertiefung dieser Urteile, da müssen wir erfassen, was Goethe meint, was Goethes Worten zugrunde lag, als er aussprach, dass man Geschichte nicht verstandesgemäß lernen könne, sondern dass Geschichte, wenn man sich in sie so vertieft, dass man das Unterbewusste in das Bewusstsein heraufholt und es hineinstellt so in den Menschenzusammenhang, dass wir Ideale ausbilden, durch die wir den augenblicklichen Situationen gewachsen sind. Nicht falsche Prophezeiungen, falsche Prophetie wird heraufkommen in unser Bewusstsein, aber heraufkommen wird die Kraft, wo man auch hingestellt sein wird im Leben; wir werden den Zusammenhang der Tatsachen zu erfassen wissen und werden aus Naturnotwendigkeit zu handeln vermögen. Dann wird eindringen nicht in eine falsche Prophetie, nicht in allerlei Weissagungen und dergleichen, sondern in ein wirkliches prophetisches, das heißt zukunftssicheres, zukunftsträchtiges Handeln dasjenige, was wir durch die Wirklichkeitsbetrachtung von der Geschichte kennenlernen.
[ 55 ] In unserer Zeit sind wir aufgerufen, über die Erdenentwicklung hin unsere Urteile zu fällen. Da dürfen wir nicht zurückschrecken vor der Vertiefung dieser Urteile, da müssen wir erfassen, was Goethe meint, was Goethes Worten zugrunde lag, als er aussprach, dass man Geschichte nicht verstandesgemäß lernen könne, sondern dass Geschichte, wenn man sich in sie so vertieft, dass man das Unterbewusste in das Bewusstsein heraufholt und es hineinstellt so in den Menschenzusammenhang, dass wir Ideale ausbilden, durch die wir den augenblicklichen Situationen gewachsen sind. Nicht falsche Prophezeiungen, falsche Prophetie wird heraufkommen in unser Bewusstsein, aber heraufkommen wird die Kraft, wo man auch hingestellt sein wird im Leben; wir werden den Zusammenhang der Tatsachen zu erfassen wissen und werden aus Naturnotwendigkeit zu handeln vermögen. Dann wird eindringen nicht in eine falsche Prophetie, nicht in allerlei Weissagungen und dergleichen, sondern in ein wirkliches prophetisches, das heißt zukunftssicheres, zukunftsträchtiges Handeln dasjenige, was wir durch die Wirklichkeitsbetrachtung von der Geschichte kennenlernen.
[ 56 ] Geschichte muss erst entstehen und wird erst entstehen, wenn man sich durchringt zu einer geistgemäßen Betrachtung der Wirklichkeit. Dann wird Geschichte auch die wahre moralische Wissenschaft ausbilden, dann wird Geschichte dasjenige sein, was dem Menschen überhaupt ein Bestes geben kann, nämlich den rechten, verständnisvollen, in die Wirklichkeit eindringenden Enthusiasmus für das Leben, der an rechter Stelle das Rechte trifft. Und solches fordert das Leben der unmittelbaren Gegenwart. Das Leben der unmittelbaren Gegenwart lehrt vieles, es lehrt auch, dass wir der Forderung nach einer wahren Geschichtsbetrachtung entsprechen müssen.
[ 56 ] Geschichte muss erst entstehen und wird erst entstehen, wenn man sich durchringt zu einer geistgemäßen Betrachtung der Wirklichkeit. Dann wird Geschichte auch die wahre moralische Wissenschaft ausbilden, dann wird Geschichte dasjenige sein, was dem Menschen überhaupt ein Bestes geben kann, nämlich den rechten, verständnisvollen, in die Wirklichkeit eindringenden Enthusiasmus für das Leben, der an rechter Stelle das Rechte trifft. Und solches fordert das Leben der unmittelbaren Gegenwart. Das Leben der unmittelbaren Gegenwart lehrt vieles, es lehrt auch, dass wir der Forderung nach einer wahren Geschichtsbetrachtung entsprechen müssen.
