Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Human Being as a
Spirit and Soul Being
GA 71b

11 May 1918, Leipzig

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

The Human Being as a Spirit and Soul Being, tr. SOL
  1. Der Mensch als Geist- und Seelenwesen

12. Der Übersinnliche Mensch und die Fragen der Willensfreiheit und Seelenunsterblichkeit

12. The Supersensible Human Being and the Questions of Free Will and the Immortality of the Soul

[ 1 ] [Sehr verehrte Anwesende!] Es ist unzweifelhaft, dass ein unmittelbares Gefühl in der menschlichen Seele zugibt, dass der Mensch sich zwei Fragen als besonders bedeutungsvoll vorlegen kann: nach der Freiheit des Willens und [nach] der Seelenunsterblichkeit.

[ 1 ] [Ladies and gentlemen!] There is no doubt that an immediate feeling within the human soul acknowledges that there are two questions of particular significance that a person may ask: the question of free will and [the question of] the immortality of the soul.

[ 2 ] Zwischen beiden Fragen besteht ein inniger Zusammenhang, es ist keine zufällige Zusammenkoppelung, wenn wir sie heute nebeneinander betrachten wollen. Gewissermaßen ebenso lange, als es ein menschliches Erkenntnisstreben gibt, solange es ein Weltanschauungsstreben gibt, ist auch eine besondere Mühe vorhanden, diesen beiden Fragen nahezukommen. Sie sind auch die Angelpunkte des philosophischen Strebens. Aber wie viel Widerspruch gibt es auf diesem Gebiete!

[ 2 ] There is a deep connection between these two questions; it is no mere coincidence that we wish to consider them side by side today. In a sense, for as long as there has been a human quest for knowledge—for as long as there has been a quest for a worldview—there has also been a special effort to come to terms with these two questions. They are also the cornerstones of philosophical inquiry. But how much contradiction there is in this field!

[ 3 ] Wer vom Standpunkte der Geisteswissenschaft diese beiden Fragen ins Auge fasst, wird bemerken, warum das denkerische Streben, das gewöhnliche, trotz allen aufgebotenen Scharfsinnes nicht zu einer befriedigenden Lösung kommt. In unserer naturwissenschaftlichen Zeit will man auch für diese Fragen eine Anschauung gewinnen durch das naturwissenschaftliche Erkennen. Doch trotz aller Bewunderung, die man für die Erfolge der Naturwissenschaften haben muss — diesen beiden Fragen kommen sie nicht nahe.

[ 3 ] Anyone who considers these two questions from the perspective of spiritual science will realize why ordinary intellectual inquiry, despite all the ingenuity it can muster, fails to arrive at a satisfactory solution. In our age of natural science, people seek to gain insight into these questions through scientific knowledge as well. Yet despite all the admiration one must have for the achievements of the natural sciences—they do not come close to answering these two questions.

[ 4 ] Diese beiden Fragen gehen aus auf eine tiefere Selbsterkenntnis. Dabei zeigen sich alle Schwierigkeiten einer Selbsterkenntnis. Trotzdem ist das, um was es sich dabei handelt, eine Zeitfrage — und doch versagt die naturwissenschaftliche Anschauung, zum Beispiel bei der Frage: Was ist es, was im Menschen als wahres Selbst dies Leben führt?

[ 4 ] These two questions point toward a deeper self-knowledge. In this process, all the difficulties of self-knowledge become apparent. Nevertheless, what is at stake here is a question of time—and yet the scientific worldview fails, for example, when it comes to the question: What is it within a human being that, as the true self, leads this life?

[ 5 ] Auf Selbsterkenntnis geht auch die Frage des naturwissenschaftlich denkenden Gelehrten, die Frage, die er sich vorlegen muss: Was geht vor im Denken, Fühlen, Vorstellen? Waldstein setzt dies in seinem Buche vom unterbewussten Ich auseinander. Er erzählt, wie er vor einem Buchladen steht und die Auslagen ansieht. Er ist selbst Naturwissenschafter. Da fällt sein Blick zufällig auf ein naturwissenschaftliches Buch «Über die Mollusken» — so hieß der Titel — und entdeckt zu seinem Erstaunen, dass er dabei lächeln muss. Er fragt sich: Warum lächle ich eigentlich? Was wogt in meinem Selbst? Er schließt die Augen und gibt acht auf alles, was sich um ihn her vollzieht. Da gewahrt er in weiter Ferne die Töne einer Drehorgel, die eine Tanzmusik spielt, die er bisher überhörte, und die ihm erst jetzt zum Bewusstsein kommt, da er die Augen schließt. Als er jene Musik zum ersten Male hörte, war er noch jung, und machte nach ihrer Melodie seine Tanzschritte. Jetzt beim Betrachten der Buchtitel mischt sich ihm unbewusst diese Melodie hinein und ihre Erinnerung in das wogende Seelengetriebe. Er war es erst gewahr geworden, als er die Augen schloss — und hatte doch unbewusst lächeln müssen!

[ 5 ] Self-knowledge is also at the heart of the question posed by the scientist, the question he must ask himself: What goes on in thinking, feeling, and imagining? Waldstein explores this in his book The Subconscious Self. He recounts standing in front of a bookstore and looking at the displays. He is a natural scientist himself. Then his gaze happens to fall on a scientific book titled On Mollusks—that was the title—and, to his astonishment, he finds himself smiling. He asks himself: Why am I smiling, anyway? What is stirring within me? He closes his eyes and pays attention to everything happening around him. Then, in the distance, he hears the sounds of a barrel organ playing dance music that he had previously overlooked, and which only now comes to his awareness because he has closed his eyes. When he first heard that music, he was still young, and he used to dance to its melody. Now, as he looks at the book titles, this melody unconsciously mingles with his thoughts, and the memory of it blends into the surging currents of his soul. He had only become aware of it when he closed his eyes—and yet he couldn’t help but smile unconsciously!

[ 6 ] Daraus sieht man, dass viel, viel in den Tiefen des Seelenwesens ruht, von dem man sonst nichts zu wissen braucht. Vieles kraftet herauf, was wir Gedächtnis und so weiter nennen, was wir nicht überschauen, was zum Unterbewusstsein gehört. Wenn man das alles bedenkt, so muss man eigentlich daran verzweifeln, [das], was im menschlichen Selbst eigentlich ist, wirklich kennenzulernen. Andere Beispiele [finden sich] in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Diese Beispiele zeigen einem, wie vorsichtig man sein muss, wenn man an die Fragen der menschlichen Selbsterkenntnis herantritt. In diesem Bewusstsein arbeiten Seelenwogen, von denen man nichts ahnen kann. Wie unzulänglich ist die Naturwissenschaft zu ihrer Erforschung — sie kommt nicht weiter als zu unbestimmten Gedächtnisfaktoren, deren Tragweite wir gar nicht ermessen können.

[ 6 ] This shows that much, much lies in the depths of the soul—things we otherwise need not know about. Much surges up—what we call memory and so on—that we cannot fully grasp, that belongs to the subconscious. When one considers all this, one must actually despair of ever truly coming to know what the human self really is. Other examples [can be found] in “How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?” These examples show how cautious one must be when approaching the questions of human self-knowledge. Within this consciousness, waves of the soul are at work of which one can have no inkling. How inadequate is natural science for investigating them—it gets no further than vague factors of memory, the scope of which we cannot even fathom.

[ 7 ] Ein ganz anderer Weg als die gewöhnliche Betrachtungsweise ist nötig, um diese Erkenntnis zu gewinnen. Man muss eine andere Erkenntnis suchen, die im Menschen schlummert. Das ist vorläufig noch schwer, anderen klarzumachen. Es ist sogar noch schwerer, als jene Klarheit der kopernikanischen Weltanschauung einzuführen war, die doch auch ein voll ständiges Umdenken verlangte.

[ 7 ] A completely different approach—one that goes beyond the usual way of thinking—is needed to gain this insight. One must seek a different kind of insight that lies dormant within human beings. For the time being, it is still difficult to make this clear to others. It is even more difficult than it was to introduce the clarity of the Copernican worldview, which, after all, also required a complete rethinking.

[ 8 ] Das erste Erfordernis wird sein, dass in die geisteswissenschaftliche Erkenntnis etwas hineinkommt wie jene Töne der Drehorgel. Die Folge ist: das Trachten nach einer Erkenntnis, die einer solchen Täuschung nicht zugängig ist.

[ 8 ] The first requirement will be that something like the sounds of a barrel organ find their way into knowledge in the humanities. The consequence is: the pursuit of knowledge that is not susceptible to such deception.

[ 9 ] Die Geisteswissenschaft erstrebt eine Erkenntnis, die mit dem gewöhnlichen Gedächtnis nichts zu tun hat. Sie muss beim Erkennen ausschließen nicht nur die äußere Wahrnehmung vom Bewusstsein, sondern solche Erinnerungskraft selbst. Sie muss zeigen, dass man zurückgehen kann in tiefere Schichten, die noch hinter dem Gedächtnis liegen — in Untergründen der Seele schürfen, die tiefer liegen als die gewöhnliche Erinnerung. Die menschliche Seele erlangt solche Erkenntnis. — Das Erste, was angestrebt werden muss, um in die geistige Welt hineinzukommen, ist die imaginative Erkenntnis.

[ 9 ] Spiritual science strives for a kind of knowledge that has nothing to do with ordinary memory. In the process of cognition, it must exclude not only external perception from consciousness, but also the faculty of memory itself. It must show that one can go back to deeper layers that lie even beyond memory—to delve into the depths of the soul that lie deeper than ordinary memory. The human soul attains such knowledge. — The first thing one must strive for in order to enter the spiritual world is imaginative knowledge.

[ 10 ] Warum ist Selbsterkenntnis nur auf diesem Wege zu erreichen? Wenn wir mit unserem Auge in die Außenwelt sehen, so sehen wir alles um uns herum. Das Auge sieht nicht sich selbst, und gerade darum hat es die Möglichkeit, das andere wahrzunehmen. Ähnlich ist es auch mit dem menschlichen Selbst. Es kann die Dinge der Umwelt sehen, aber sich selbst zunächst nicht. Ein anderer kann wohl das Auge sehen. Es gibt keine Möglichkeit, dass das menschliche Selbst durch andere untersucht wird. Das menschliche Selbst muss aus sich heraustreten, neben sich hin. Das ist notwendig zur Selbsterkenntnis. Es muss die Leiblichkeit verlassen, in der es gewöhnlich lebt. Das menschliche Auge kann sich wohl selbst sehen — im Spiegel nämlich. — Aber was ist dann?

[ 10 ] Why can self-knowledge be attained only in this way? When we look out into the external world with our eyes, we see everything around us. The eye does not see itself, and that is precisely why it is able to perceive other things. The same is true of the human self. It can see the things in its environment, but not itself at first. Another person can, of course, see the eye. There is no way for the human self to be examined by others. The human self must step outside of itself, to the side of itself. This is necessary for self-knowledge. It must leave the physicality in which it usually lives. The human eye can, of course, see itself—namely, in a mirror.—But what then?

[ 11 ] Es fehlt das, was es mit Leben durchsetzt — das Wesentliche. Es ist ein bloßes Bild vom Auge. Etwas Ähnliches erstrebt die imaginative Selbsterkenntnis. Sie fordert ein Heraustreten aus der Persönlichkeit. Was dann angeschaut wird, verhält sich zu dem lebensvollen durchgeistigten Menschen wie ein Auge im Spiegel. Darum die Bezeichnung imaginative, das heißt Bild-Erkenntnis.

[ 11 ] What is missing is what imbues it with life—the essential. It is merely an image seen by the eye. Imaginative self-knowledge strives for something similar. It requires stepping outside of one’s personality. What is then perceived relates to the living, spirit-filled human being like an eye in a mirror. Hence the term “imaginative,” meaning insight through images.

[ 12 ] Wir können nicht plötzlich hineingehen in die geistige Welt. Ein ernstes Streben ist dazu notwendig, und über das Bild hinweg geht es erst hinein in die geistige Welt. Vorangehen müssen die üblichen Seelenverrichtungen, um erst das ganze Seelenleben zu erkraften, intensiver zu machen, als es im Alltagsleben ist.

[ 12 ] We cannot suddenly enter the spiritual world. A serious striving is necessary for this, and it is only by going beyond the image that we enter the spiritual world. This must be preceded by the usual activities of the soul, in order first to strengthen the entire life of the soul and make it more intense than it is in everyday life.

[ 13 ] Zu den Übungen wählt man darum möglichst überschaubare Vorstellungen, und zwar möglichst solche, die keine Reminiszenzen an Gedächtnis oder Erlebtes sind. Es soll ja nicht ein «Sich-Versenken» in Erinnerungen oder dergleichen sein — kein «Antönen der Drehorgel».

[ 13 ] For the exercises, one should therefore choose mental images that are as straightforward as possible—specifically, ones that do not evoke memories or past experiences. After all, the goal is not to “lose oneself” in memories or the like—not to “strum the barrel organ.”

[ 14 ] Daher ist es richtig, mit vollem Bewusstsein die Meditation zu überschauen; zu wissen, wie man die Vorstellung bildet. Weil es auf die angewandte Seelenkraft ankommt, daher ist es gut, solche Meditationen zu nehmen, die ein Sinnbild sind. Das Bewusstsein soll man dabei ruhen lassen.

[ 14 ] Therefore, it is right to observe meditation with full awareness; to know how to form the mental image. Because it depends on the mental energy applied, it is good to choose meditations that are symbolic. One should allow the consciousness to rest during this process.

[ 15 ] Es hat immer solche Schulen gegeben, die dergleichen Vorstellungen vermitteln. Man hat aber dieses tiefe Geheimnis bewahrt — aus dem einfachen Grunde, weil man diese Vorstellungen eben nicht überall hören und lesen sollte, sie nicht als Erinnerung in der Seele tragen durfte, sondern zum ersten Male sollte man diese Bilder eben in der Meditation vor die Seele stellen. In solchen Vorstellungen lebt die Imagination. Man muss sie jahrelang machen. — Man meint oft, die Naturwissenschaften seien schwierig, die Geisteswissenschaft dagegen leicht. So ist es aber nicht. Wer beide kennt, weiß, wie schwer die geisteswissenschaftlichen Übungen sind, besonders wenn sie zu einschneidenderen Ergebnissen führen sollten, viel schwerer und ernster als die naturwissenschaftlichen. Mit all diesen Dingen soll man sich nicht täuschen lassen.

[ 15 ] There have always been schools that teach such ideas. But this profound mystery has been preserved—for the simple reason that these ideas should not be heard or read everywhere; they were not to be carried as memories in the soul, but rather, one should first bring these images before the soul in meditation. The imagination lives in such ideas. One must practice them for years. — People often think that the natural sciences are difficult, while the spiritual sciences are easy. But that is not the case. Anyone familiar with both knows how difficult the exercises of the spiritual sciences are—especially when they are intended to lead to more far-reaching results—much more difficult and serious than those of the natural sciences. One must not be misled by any of these things.

[ 16 ] Schließlich erlangt man durch fortgesetzte Übungen eine wirkliche Kraft in bildlichen Vorstellungen. Die Seele lernt in einer Bildwelt leben, die ebenso intensiv ist wie die äußeren sinnlichen Eindrücke. Man muss dies aber streng unterscheiden von allem Visionären und [von] Halluzinationen, die, wenn auch geheimnisvoll, doch Ausflüsse der Leibes-Organisation sind.

[ 16 ] Ultimately, through continued practice, one attains a genuine power of visual imagery. The soul learns to live in a world of images that is just as intense as external sensory impressions. However, this must be strictly distinguished from all forms of visionary experience and [from] hallucinations, which, though mysterious, are nevertheless manifestations of the physical constitution.

[ 17 ] Die Geisteswissenschaft aber hat es zu tun mit einer inneren Tätigkeit, die unabhängig von aller Leibesorganisation ist. Man kommt immer mehr in ein Seelenleben hinein, wo der Körper nicht mitsprechen kann. In der Phantasie spielten noch Erinnerungsvorstellungen mit.

[ 17 ] The humanities, however, deal with an inner activity that is independent of any physical organization. One enters more and more into a life of the soul where the body has no say. In the imagination, however, memories still played a role.

[ 18 ] Doch dann kommt noch das Allerschwierigste! Ist man nach jahrelangen Übungen endlich zu dieser imaginativen oder Bilderkenntnis vorgedrungen, so hat man damit doch noch nichts weiter erreicht als eine gewisse Selbsterziehung. Denn diese Bilderwelt — das wäre ein ganz gewaltiger Irrtum — hat nicht das Geringste zu tun mit der objektiven geistigen Welt. Man muss wissen, dass man jetzt eben nur eine Erkraftung des menschlichen Selbst erreicht hat. Ein Seelenauge , das man sich eingegliedert hat, mit dem man aber noch nicht sehen kann! Man fühlt sich mit seinem Ich in einer Art geistigem Erleben, aber ohne die Hilfe des Leibes wie früher.

[ 18 ] But then comes the most difficult part of all! Once one has finally arrived at this imaginative or pictorial insight after years of practice, one has still achieved nothing more than a certain degree of self-education. For this world of images—and this would be a colossal mistake—has not the slightest connection to the objective spiritual world. One must realize that one has now merely achieved a strengthening of the human self. A soul’s eye that one has integrated into oneself, but with which one cannot yet see! One feels oneself, with one’s “I,” in a kind of spiritual experience, but without the aid of the body as before.

[ 19 ] Die nächste Aufgabe ist nun, dass man diese Bilderwelt, die nun von selber kommt, durchsichtig macht. Die erste Aufgabe war, diese Bilderwelt zu schaffen, die zweite Aufgabe ist, sie wiederum wegzuschaffen, sie durchsichtig zu machen, sodass man nichts hat als das andere Erleben des Selbstes. Aber man trägt den Durchgang durch die imaginative Welt in sich, das dadurch Errungene. Um den Menschen herum offenbart sich nun eine neue Welt. Diese zeigt einige Eigenschaften die beweisen, dass ein besonderes Erleben sich einstellt.

[ 19 ] The next task is to make this world of images—which now arises of its own accord—transparent. The first task was to create this world of images; the second task is, in turn, to remove it—to make it transparent—so that one is left with nothing but a different experience of the self. But one carries within oneself the passage through the imaginative world and what was gained through it. A new world now reveals itself around the person. This world exhibits certain characteristics that prove a special experience is taking place.

[ 20 ] Das alltägliche Bewusstsein führt zu Erinnerungen. Was man in der geistigen Welt lernt, muss man erst umsetzen in die gewöhnlichen Vorstellungen, wenn man es mitteilen oder sich daran erinnern will. [An] das Geschehene selbst kann man sich nicht erinnern. Will man dasselbe in der geistigen Welt noch einmal erleben, so muss man dieselben geistigen Anstrengungen machen, genau denselben Weg gehen wie das erste Mal, um dasselbe neuerdings wahrzunehmen. Das enttäuscht manchen Anfänger. Er hat wohl bald übersinnliche Erfahrungen. Aber sie werden ihm nicht so bald auch zu einem Lebensquell, weil sie so leicht vergessen werden und neue Anstrengungen nötig sind, um dasselbe zu erleben.

[ 20 ] Everyday consciousness gives rise to memories. What one learns in the spiritual world must first be translated into ordinary concepts if one wishes to communicate it or recall it. One cannot remember the event itself. If one wishes to experience the same thing again in the spiritual world, one must make the same spiritual efforts and follow exactly the same path as the first time in order to perceive it anew. This disappoints many beginners. They may well have extrasensory experiences soon. But these experiences do not immediately become a source of life for them, because they are so easily forgotten and new efforts are required to relive them.

[ 21 ] Wenn ich dazu wieder ein persönliches Beispiel anführen darf: Die meisten Menschen glauben immer, wenn ich einen Vortrag öfter gehalten habe, so müsste er mir mit der Zeit immer leichter werden, weil er sich meinem Gedächtnis fast wörtlich eingeprägt hätte. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil. Immer von Neuem muss der Inhalt aus den geistigen Gebieten herausgeholt werden.

[ 21 ] If I may cite another personal example: Most people always assume that if I’ve given a lecture many times, it should become easier and easier for me over time, because it would have become almost literally ingrained in my memory. But that is by no means the case. On the contrary. The content must be retrieved from the realms of the mind anew each time.

[ 22 ] Dabei ist noch etwas anderes, was hier in Betracht kommt: Wenn wir uns in die gewöhnliche Welt einleben, so üben wir manches durch Wiederholen, und dadurch wird es uns mit der Zeit immer leichter. In der geistigen Welt ist das gerade umgekehrt. Hat man ein Wesen, eine Tatsache gesehen, so ist es die nächsten Male schwerer, dasselbe zu sehen. Das Wesen, die Tatsache flieht einen, weil man es schon einmal sah und erlebt hat. Man muss das nächste Mal schon stärkere Anstrengungen machen, um es wieder zu erleben. Und drittens ist die Geistesgegenwart dazu nötig: Will man die Erfahrungen, die man in der geistigen Welt macht, festhalten, so braucht man Geistesgegenwart — denn sie treten auf und sind sofort wieder verschwunden. Wer vor jeder Entschließung alles unentschieden nach allen Seiten kehrt, bereitet sich schlecht vor. Rasch muss man eine Situation überschauen und rasch danach handeln. Und wenn man einmal gehandelt hat, ohne Reue darauf zurückblicken, auch wenn die Sache mal nicht gelungen ist. Dieser Zustand führt zur Geistesgegenwart, und den haben die nötig, die in die geistige Welt hineinwollen. Dann tritt sie einem entgegen als Inspiration — und erst mit der Inspiration steht man der geistigen Welt gegenüber.

[ 22 ] There is something else to consider here: When we adapt to the ordinary world, we practice many things through repetition, and as a result, they become easier and easier for us over time. In the spiritual world, it is exactly the opposite. Once you have seen a being or a phenomenon, it becomes more difficult to see the same thing the next time. The being or phenomenon eludes you because you have already seen and experienced it once. The next time, one must make a greater effort to experience it again. And thirdly, presence of mind is necessary: If one wants to retain the experiences one has in the spiritual world, one needs presence of mind—for they appear and vanish again immediately. Anyone who, before every decision, hesitates and weighs all sides indecisively is ill-prepared. You must quickly assess a situation and act on it promptly. And once you have acted, look back on it without regret, even if the matter did not turn out successfully. This state of mind leads to presence of mind, and those who wish to enter the spiritual world need it. Then it comes to meet you as inspiration—and only with inspiration do you stand face to face with the spiritual world.

[ 23 ] Die dritte Stufe ist die Intuition. Da kommt der Mensch nicht nur zur Offenbarung der geistigen Welt, sondern wie man im physischen Leib lebt, so ist man, wenn man jene erste und zweite Stufe überschritten hat, auf der dritten Stufe vereint mit dem Geistigen. Man muss ganz darin untertauchen, sich selbst ganz vergessen. Nämlich das alltägliche Bewusstsein muss man vergessen — und davor eben haben ja die meisten Menschen eine so heillose, unbewusste Angst. Erst wenn man aus der Intuition auftaucht, dann hat man auch im gewöhnlichen Leben ein volles Bewusstsein von dem Erlebten. Man muss mit Mut durch diese Selbstvergessenheit hindurch-, durch das Absterben hindurchgehen. Erst wenn man auf solche Weise in die geistige Welt eingeht, kann man an solche Fragen herantreten, wie wir sie heute behandeln wollen, denn das sind Fragen des übersinnlichen Menschenwesens.

[ 23 ] The third stage is intuition. Here, a person not only gains insight into the spiritual world, but—just as one lives in the physical body—once one has passed through the first and second stages, one is united with the spiritual on the third stage. One must immerse oneself completely in it, forgetting oneself entirely. Namely, one must forget one’s everyday consciousness—and it is precisely this that most people have such a hopeless, unconscious fear of. Only when one emerges from intuition does one have full awareness of what has been experienced, even in ordinary life. One must pass through this self-forgetfulness—through this dying off—with courage. Only when one enters the spiritual world in this way can one approach questions such as those we wish to address today, for these are questions concerning the supersensible human being.

[ 24 ] Vor einem Vierteljahrhundert habe ich in ungewohnter Weise — [in der] «Philosophie der Freiheit» — diese beiden Fragen philosophisch angefasst. Ich versuchte, sie auch solchen annehmbar zu machen, die von der Theosophie nichts wissen wollen.

[ 24 ] A quarter of a century ago, I addressed these two questions philosophically in an unusual way—[in] The Philosophy of Freedom. I tried to make them acceptable even to those who want nothing to do with theosophy.

[ 25 ] Der erste Angelpunkt, der anknüpft an die Natur, ist das menschliche Denken, das ein wunderbares Rätsel ist. Sie merken nicht viel davon, sonst wären Sie schon auf dem Wege zum Übersinnlichen.

[ 25 ] The first pivotal point, which connects to nature, is human thought, which is a wondrous mystery. You don’t notice much of it; otherwise, you would already be on the path to the supernatural.

[ 26 ] Im freien Spiel der Vorstellungen lebt immer — was beachtet werden muss — der eine Angelpunkt des menschlichen Seelenlebens: Wir müssen uns sagen, aus unserer Organisation heraus verstehen wir das Spiel der Vorstellungen, Assoziationen und so weiter, aber wir können nicht das Hereinspielen mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen begreifen, das Denken, das logische Unterscheiden von «richtig» und «falsch» des Denkens. Freie Handlungen können nur solche sein, die mit wahr oder unwahr herantreten, die nicht aus dem menschlichen Denken hervorgehen — intuitiv moralische Intuitionen, die an das Denken herantreten, wie der Impuls, ob der Gedanke falsch oder wahr ist.

[ 26 ] In the free play of ideas—and this must be noted—there always lies a pivotal point of human spiritual life: We must tell ourselves that, from the perspective of our own organization, we understand the interplay of ideas, associations, and so on, but we cannot grasp the interplay with scientific concepts—that is, the thinking and the logical distinction between “right” and “wrong” in thought. Free actions can only be those that approach us as true or false, those that do not arise from human thought—intuitive moral intuitions that approach thought like an impulse, asking whether the thought is false or true.

[ 27 ] Der zweite Angelpunkt: Handlungen aus Trieben sind nicht frei. Die verborgenen Gründe dazu liegen in der menschlichen Organisation. Es gliedern sich aus manchen Handlungen noch andere Gründe heraus. Diese Handlungsform muss man begreifen. Was geht vor, wenn wir einen Menschen lieben? Gewöhnlich sagt man: Liebe macht blind. Nein — ich sage: Liebe macht sehend. Sie entdeckt tiefer liegende Eigenschaften, die den anderen Menschen entgehen, wenn sie sich selbstvergessen und ohne Egoismus in den andern versenkt. Mit dieser Liebe ist verbunden, dass man gar nicht dazu kommen kann, wozu die egoistische Liebe so leicht kommt: dass man den geliebten Menschen reformieren will, dass man ihn kritisiert, ihn ummodeln möchte. Die wirkliche Liebe erfasst das Geliebte intuitiv, sie will es gar nicht ändern, sondern es lassen, wie es ist. Sie will nur selbst sich hinüberleben in das andere Wesen — sie will es nicht umformen nach ihrem eigenen Wesen.

[ 27 ] The second key point: Actions driven by instincts are not free. The hidden reasons for this lie in human nature. Other reasons can be discerned from certain actions. We must understand this form of action. What happens when we love someone? People usually say: Love is blind. No—I say: Love opens our eyes. It discovers deeper qualities that escape others when it immerses itself in the other person, self-forgetful and without selfishness. Connected to this kind of love is the fact that one cannot even begin to do what selfish love so easily does: wanting to reform the beloved, criticizing them, or trying to reshape them. True love intuitively grasps the beloved; it does not seek to change them at all, but rather to leave them as they are. It seeks only to pour itself into the other being—it does not seek to reshape them in its own image.

[ 28 ] Dasselbe kann auch eintreten einer Handlung gegenüber. Wenn in mir die reinste Liebe zu einer Handlung ist, ohne Egoismus, dann tue ich diese Handlung aus dem Impuls der Liebe heraus — das ist eine freie Handlung. Wer auf diesem Wege geht, die Handlungen um ihrer selbst willen zu tun, der ist auf dem Wege zur Freiheit.

[ 28 ] The same can also apply to an action. If I feel the purest love for an action, without selfishness, then I perform that action out of the impulse of love—that is a free action. Whoever follows this path of performing actions for their own sake is on the path to freedom.

[ 29 ] Man kann an diese zwei Angelpunkte des menschlichen Lebens mit der Geist-Erkenntnis herantreten. Was ragt da in die Seele hinein? — Erlangt man die Möglichkeit, sich mit der Intuition diesem Denken gegenüberzustellen, so macht man die [erschütternde] Entdeckung: Was uns da anregt, als «wahr» angenommen oder abgestoßen wird, [kommt] nicht aus unserem Leibe, sondern [ist] in unbewusster Inspiration einimpulsiert. Es ist unbewusste Inspiration, die in ihn hereinspielt. Was ist das? Was inspiriert sich da in uns? Was sich da in uns inspiriert, das ist, was die Seele erlebt hat vor der Geburt, vor der Empfängnis durch die Eltern, das liefert Kräfte, die eine unbewusste inspiratorische Richtkraft werden.

[ 29 ] One can approach these two pivotal points of human life through spiritual insight. What is it that penetrates the soul? — If one gains the ability to confront this thinking with intuition, one makes the [startling] discovery: What stirs us—what we accept as “true” or reject—does not come from our physical body, but is instilled in us through unconscious inspiration. It is unconscious inspiration that flows into us. What is this? What is it that inspires us? What inspires us is what the soul experienced before birth, before conception by the parents; this provides forces that become an unconscious, guiding force of inspiration.

[ 30 ] Die Geisteswissenschaft muss manche Vorstellung vertiefen und erkraften. Die bisherige Unsterblichkeitsforschung setzt einfach das diesseitige Leben fort. Die Geistesforschung fragt anders: Ist das diesseitige Leben nicht die Fortsetzung eines geistigen Lebens vorher? Alles Seelische kommt aus einer geistigen Welt. Unter der Schwelle des Bewusstseins liegt die Quelle geistiger Richtkraft. Dies Leben macht notwendig den Unsterblichkeitsgedanken — es muss die Fortsetzung sein eines früheren geistigen Lebens. Unsterbliche Kräfte verbergen sich hinter den geistigen Kräften. Darum soll und braucht man nicht gegen die naturwissenschaftlichen Tatsachen zu Feld zu ziehen. Man sollte nur tiefer eindringen. Der Naturforscher forscht in materiellen Vorgängen. Die Geisteswissenschaft will die Brücke schlagen von diesen zu den dahinter stehenden geistigen Tatsachen. Biologisch fragt man sich: Was geht im Gehirn vor, während wir seelische Vorstellungen haben? Mit Geisteswissenschaft kann man dieser Frage beikommen. Man entdeckt, was an Geistigem auch in den Sinnesapparaten zugrunde liegt. Während wir vorstellen, geht im Gehirn vor — partiell im Gehirn und in dem Nervensystem — ein Prozess des Hungerns. Wenn der Hauptorganismus partiell hungert, erleben wir seelisch eine unbewusste Inspiration.

[ 30 ] Spiritual science must deepen and strengthen certain concepts. Research on immortality to date has simply viewed it as a continuation of this earthly life. Spiritual research asks a different question: Is this earthly life not the continuation of a previous spiritual life? Everything spiritual originates from a spiritual world. Beneath the threshold of consciousness lies the source of spiritual guiding power. This life necessarily gives rise to the idea of immortality—it must be the continuation of an earlier spiritual life. Immortal forces lie hidden behind spiritual forces. That is why one should not—and need not—go against the facts of natural science. One should simply delve deeper. The natural scientist investigates material processes. Spiritual science seeks to build a bridge from these material phenomena to the spiritual realities that underlie them. From a biological perspective, one asks: What is happening in the brain while we have mental images? Spiritual science can address this question. One discovers what spiritual elements also underlie the sensory organs. While we are imagining, a process of starvation takes place in the brain—partially in the brain and in the nervous system. When the main organism is partially starving, we experience an unconscious inspiration on a psychological level.

[ 31 ] Die Augen mancher Tiere zeigen einen Schwertfortsatz. Darauf beruht ein anderes Bewusstsein. Beim Menschen ist dies zurückgebildet, ist dies viel einfacher; so manches erstirbt, wenn die Entwicklung fortschreitet, manches wird zurückgebilder.

[ 31 ] The eyes of some animals have a sword-like projection. This gives rise to a different kind of consciousness. In humans, this feature has regressed; it is much simpler. Some things die out as development progresses, while others regress.

[ 32 ] Sobald das Haupt in sein Höchstes — das Denken hineinkommt, muss das Sprossende weichen, muss dem Seelischen Platz machen. Auf seiner höchsten Stufe baut es ab, fällt ab, muss dem Geistig-Seelischen Platz machen. Das Haupt ist in Rückentwicklung begriffen, daher das Einwirken des Vorgeburtlichen — im fünfzigsten Jahr wirkt dies hinein.

[ 32 ] As soon as the head enters its highest stage—that of thinking—the sprouting must give way; it must make room for the soul. At its highest stage, it begins to decline, falls away, and must make room for the spiritual-soul. The head is in a state of regression; hence the influence of the prenatal period—this exerts its effect in the fiftieth year.

[ 33 ] Bei einem anderen Glied unseres Körpers ist dies umgekehrt: bei den Extremitäten. Während das Haupt in Rückbildung begriffen ist, sind die Extremitäten ein Organismus, der in seiner Entwicklung über sich hinausgeht. Seine Fortsetzung findet er nach innen, auch hierher erstreckt sich die Überbildung. Dass Extremitäten und die Sexualorgane zusammengehören, zeigt sich bei der Frau an der Überentwicklung der Arme, den Beinen, der Brust; in diesen liegt etwas Schöpferisches, leiblich über sich Hinausgehendes.

[ 33 ] With another part of our body, the opposite is true: the extremities. While the head is in the process of regression, the extremities are an organism that transcends itself in its development. It finds its continuation inward; here, too, the overdevelopment extends. That the extremities and the sexual organs belong together is evident in women in the overdevelopment of the arms, legs, and breasts; in these lies something creative, something that physically transcends itself.

[ 34 ] Nach den Inspirationen stellen sich neue Imaginationen ein. Die äußeren Extremitäten sind ein Symbolum für das Eintreten des Menschen in die äußere Welt durch seine moralischen oder unmoralischen Einwirkungen. Diese wirken im Menschen schon vor dem Tode unbewusst; sie treten in einem Falle auf, wenn der Mensch so handelt, dass seine Taten intuitive moralische Handlungen sind, und wenn andererseits die unbewussten intuitiven Intuitionen ... [des vorgeburtlichen Lebens und die Imagination des nachtodlichen Lebens zusammenkommen], so setzt sich der Mensch handelnd in Beziehung zur äußeren Welt.

[ 34 ] After the inspirations, new imaginations arise. The external extremities are a symbol of the human being’s entry into the external world through his moral or immoral actions. These influences operate unconsciously within a person even before death; they occur, on the one hand, when a person acts in such a way that his deeds are intuitive moral actions, and, on the other hand, when the unconscious intuitive intuitions ... [of prenatal life and the imagination of life after death converge], the person establishes a relationship with the external world through his actions.

[ 35 ] Das inspirative vorgeburtliche Leben und das intuitive nachgeburtliche Leben zusammen ergibt die «moralische Phantasie» oder die freie Handlung des Menschen. Sie besteht aus Intuition und Liebe.

[ 35 ] The inspirational prenatal life and the intuitive postnatal life together constitute the “moral imagination” or human free will. It consists of intuition and love.

[ 36 ] Was kann im Menschen frei werden? Die übersinnliche Persönlichkeit. Die unsterbliche Seele ist dasselbe herbeiführend in der echten Liebe die freie Tat. Was ist im Menschen frei? Die unsterbliche Seele. Was gibt das Wissen von der Seelen-Unsterblichkeit dem Leben mit? Freiheit.

[ 36 ] What can become free within a human being? The supersensible personality. The immortal soul is what brings about the free act in true love. What is free within a human being? The immortal soul. What does the knowledge of the soul’s immortality bring to life? Freedom.

[ 37 ] So sind Seelenunsterblichkeit und Freiheit eine Notwendigkeit, sie sind nicht ein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Die Erwerbung der Freiheit aber muss die freie Tat des Menschen sein!

[ 37 ] Thus, the immortality of the soul and freedom are necessities; they are not an “either-or,” but a “both-and.” The attainment of freedom, however, must be the free act of the individual!