Der Mensch als Geist- und Seelenwesen
GA 71b
29 Mai 1918, Wien
14. Das geschichtliche Leben der Menschheit im Lichte übersinnlicher Wirklichkeitsforschung
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Vorgestern habe ich mir erlaubt, hier über die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise, wie sie hineinführen soll in die wahre Wirklichkeit, zu sprechen. Auf der Grundlage dieser Auseinandersetzungen möchte ich heute einige Anwendungen dieser geisteswissenschaftlichen Wirklichkeitsbetrachtung geben, einige Anwendungen auf dem Gebiete des menschlichen Lebens, welche, wie mir scheint, gerade in unserer Zeit, und in der Zukunft gewiss noch viel mehr, für die Lebenspraxis von großer Bedeutung sind, nicht so sehr, weil ich glaube, dass es nötig ist, in einem größeren Kreise über die geschichtliche Vorstellungsart zu sprechen, sondern weil ich meine, dass es wichtig ist, solche Geschichtsbetrachtungen für die Lebenspraxis vorzuführen.
[ 2 ] Der große Dichter und Schriftsteller Goethe meinte über den Wert der geschichtlichen Betrachtung, wie sie ihm in seiner Zeit besonders entgegentreten konnte, urteilen zu können auf eine Weise, die er in folgende Worte kleidete: «Das Beste an der Geschichte ist der Enthusiasmus, den sie in uns erregt.» Man könnte glauben, dass Goethe damit hat abweisen wollen alle Möglichkeiten, die sonst die Menschen in der geschichtlichen Betrachtung sehen, wenn sie aus der Betrachtung des menschlichen Lebens sich die immer wiederkehrende Frage zu beantworten suchen, wozu man anwesend ist im Leben und was man aus der Geschichte und dem Verhalten der Menschen für die Lebenspraxis lernen könne.
[ 3 ] Nun muss man allerdings sagen: Je mehr man sich einlebt in die geschichtliche Vorstellungsart, desto mehr kommt man darauf, dass sie in der Tat, wie es vielleicht auch dieser Goethe’sche Ausspruch meint, eine Zusammenfassung sein kann einer reichen Lebenserfahrung, einer reichen Lebensweisheit. Insbesondere in unserer Zeit wird man sehr häufig zu einem merkwürdigen Eindruck gebracht durch die Frage: Was kann man aus der Geschichte für das Leben gewinnen? — Unsere katastrophale Gegenwart muss es uns da immer wieder nahelegen, zu erkennen, dass bedeutende Kräfte des menschlichen Lebens über die ganze Erde greifend wirken, dass Erlebnisse da sind, von denen man in Bezug auf die Gegenwart für die Lebenspraxis selbst ungeheuer viel lernen kann. Und man muss auch sagen: Manches kommt heute vor, das einem Bedenken machen könnte in Bezug auf diese Fragen.
[ 4 ] Ich möchte von den Hunderten von Fällen, die nach dieser Richtung angeführt werden können, nur einen hervorheben, der gerade mit Bezug auf die leidensvolle Gegenwart eine gewisse Bedeutung hat. Man konnte im August, September und Oktober des Jahres 1914 sehr häufig von Leuten, die durchaus scharfsinnig sind, die durchaus in dem Sinne, wie man es heute haben kann, ein gesundes Urteil haben — ich wiederhole: in dem Sinne, wie man es heute haben kann und wie man es sich aus der geschichtlichen und praktisch-geschichtlichen Betrachtung gebildet hat —, man konnte also damals von diesen Leuten hören, dieser Krieg werde ganz gewiss nach den Vorbedingungen, die da sind, nicht länger als vier, höchstens sechs Monate dauern können.
[ 5 ] Man muss sagen, damals hatte man keinen Grund, darüber zu lächeln oder sich ironisch zu verhalten zu solch einem Ausspruch. Gerade die Leute, die die neuesten geschichtlichen Ereignisse auf irgendeinem Gebiete, auf volkswirtschaftlichem, sozialpolitischem oder sonstigem scharfsinnig verfolgt haben, taten solche Aussprüche, und diese waren nach den Ergebnissen der geschichtlichen Betrachtungsweise durchaus nicht unbegründet. Aber heute drängt sich uns die bange Frage vor die Seele: Was haben wir an der Wirklichkeit selbst gegenüber einer solchen auch geschichtlich begründeten Ansicht erleben müssen? Und die weitere Frage kann sich anschließen: Was könnte noch die Wirklichkeit mit Bezug auf unser Leben bringen? — Man kommt eben zu der Frage: Gibt es eine Möglichkeit, unserer gewohnten Art nach geschichtliche Erkenntnis so zu betrachten, dass aus der unmittelbaren Lebenspraxis auf die Gegenwart geschlossen werden kann?
[ 6 ] Aus einer lange vergangenen Zeit möchte ich da ein Beispiel anführen, das Beispiel eines Mannes, dessen Name dafür bürgt, dass er nicht aus Leichtsinn und Unvernunft ein Urteil gefällt hat, das Urteil eines Mannes, dessen Bedeutung Sie sofort erkennen werden, wenn ich nachher seinen Namen nennen werde, der im Jahre 1789 seine Geschichtsprofessur an einer deutschen Universität antreten und dabei auseinandersetzen wollte, was sich ihm als Schluss ergeben hatte, den er ziehen musste aus der geschichtlichen Betrachtung, die er nun zu vertreten hatte vor seinen Schülern. Da sagte er: «Die verschiedenen europäischen Staaten haben sich vielleicht doch schon so weit durchgearbeitet, dass sie sich ausnehmen wie die Glieder einer großen Familie, die sich zwar in der Zukunft vielfach noch befehden können, die sich aber niemals mehr werden zerfleischen können.»
[ 7 ] Dieses Urteil eines Geistes, das er in seiner Professurantrittsrede aus den Tiefen seiner Geschichtsforschung aussprach am Vorabend der Französischen Revolution, enthält ganz gewiss eine Erkenntnis, von der man sagen kann, dass die Wirklichkeit etwas ganz anderes sei, als selbst der tiefsinnige Geschichtsforscher vermuten konnte. Denn wenn man das betrachtet, was in Europa gefolgt ist, dann kann man nicht sagen, die Glieder der europäischen Familie können sich wohl befehden, nicht aber zerfleischen. Und doch, der dieses Urteil gefällt hat, war Friedrich Schiller beim Antritt seiner Geschichtsprofessur in Jena.
[ 8 ] Wir sehen, dass man nicht ein kurzsichtiger Mensch zu sein braucht, um zu irren, wenn es sich darum handelt, die geschichtliche Vorstellungsart auf die Praxis des Lebens anzuwenden. Denn wie die Frage aufgefasst wird und wie man bisher genötigt war, die geschichtliche Betrachtungsweise und die geschichtliche Vorstellungsart anzuwenden, was zu diesem oder jenem Ergebnis geführt hat — das war wohl nicht geeignet, in die Wirklichkeit mit dem richtigen Urteil hineinzugreifen, sodass sich diese Wirklichkeit so meistern lässt, dass man auch zu einer sachgemäßen Anwendung seines Willens in Bezug auf die Wirklichkeit aus der geschichtlichen Betrachtung herauskäme.
[ 9 ] Heute darf wahrlich nicht gesagt werden, dass diese Frage nicht außerordentlich wichtig ist, denn wir können heute, wenn es sich um das menschliche Leben in menschlicher Gemeinschaft handelt, nicht mehr bloß einen kleinen Gesichtskreis umfassen. Wir stehen inmitten katastrophaler Dinge, welche nach und nach die ganze Erde ergriffen haben, und die Forderung tritt an den Menschen heran, auch mit seinen Betrachtungen, die nach einer solchen Richtung hingehen, nicht innerhalb der engen Grenzen stehen zu bleiben, sondern den Versuch zu machen, aus der geschichtlichen Betrachtung einen Impuls zu bekommen, der sich über die ganze Erde wenigstens in einer gewissen Richtung erstrecken könnte. Man hat das Gefühl, zumindest in gewissen Kreisen, dass die alte — ich will nur eine herausgreifen, zum Beispiel die Ranke’sche — Geschichtsbetrachtung nicht mehr genügen würde den Anforderungen des neuen Lebens.
[ 10 ] Interessant wird dasjenige, was in dieser Beziehung hervorgetreten ist, wenn man den Gesichtskreis erweitert, und gerade dann, wenn der Geschichtsbetrachter Einkehr hält und sich frägt: Was tritt hervor im ganzen Menschenleben, wenn man hinsieht auf die Art, wie die Menschengeschichte betrachtet wird? Da will ich ein charakteristisches Beispiel auswählen, das uns manches für heute veranschaulichen kann. Ich will zunächst davon absehen, dass der deutsche Geschichtsforscher Karl Lamprecht das Gefühl hat, wie ungenügend die Ranke’sche Vorstellungsart ist, und dass er den Versuch gemacht hat, mehr in der innerlichen Art die historischen Ereignisse zu motivieren und anstelle der Leute die Impulse zu setzen und so historisch mehr zu betrachten und zu prüfen, wie aus den Impulsen im Laufe der Zeit die Ereignisse entstanden sind.
[ 11 ] Unter dem vielen, was bei Lamprecht betrachtet werden könnte, ist eine Zusammenfassung ins Auge zu fassen, die er gegeben hat, als er zu Beginn dieses Jahrhunderts an einigen Orten Amerikas Vorlesungen gehalten hat über seine Art, die Geschichte seines Volkes aufzufassen. Ich weiß sehr wohl, dass es heute zahlreiche Widersacher gibt, welche Lamprechts Art vielleicht für verfehlt, vielleicht sogar für schwärmerisch halten. Aber Sie müssen mir zugeben, dass Lamprecht ganz richtig vorgehen will, indem er versucht, die innern Motive und Kräfte im menschlichen Leben auf den Plan der geschichtlichen Vorstellungsart zu führen. In welcher Absicht er das tut, kann man entnehmen aus dem Vortrage, den er gehalten hat und in dem er darstellen wollte, wie er sich nach seiner Vorstellungsweise den Verlauf der deutschen Geschichte denkt.
[ 12 ] Lamprecht hat auch eine besondere Art, den geschichtlichen Verlauf eines Volkes darzulegen. Ich will nur ganz kurz auf dasjenige hinweisen, wozu Karl Lamprecht im Verlaufe seines langen Lebens gekommen ist. Er sagt: Wenn man zurückblickt auf die erste Zeit der deutschen geschichtlichen Entwicklung bis in das dritte Jahrhundert nach Christus, dann findet man, dass alle Seelenkräfte, aus denen das geschichtliche Leben und die geschichtlichen Zusammenhänge der Menschen hervorgehen, sich gründen auf eine bestimmte Seelenverfassung unserer Vorfahren in jenen alten Zeiten. — Diese Seelenverfassung charakterisiert Karl Lamprecht als die symbolisierende. Aus dieser Seelenverfassung ist dann jene soziale Struktur entstanden, durch welche das Leben selbst den Charakter eines Sinnbildes annimmt, und zwar nicht allein, dass das Leben zu einer symbolischen Darstellung wird, sondern auch, wenn eine führende Persönlichkeit auftritt, tritt sie mit einer solchen Seelenverfassung auf, dass man sagen könne, diese Persönlichkeit ist ein Symbol für den ganzen Volksstamm.
[ 13 ] Das finder also Karl Lamprecht vom dritten Jahrhundert bis zum zehnten Jahrhundert; dann aber ist es eine ganz andere Seelenverfassung, die auftritt und die Geschichte macht. Es ist das jetzt die subjektiv-typische Art, in welcher nicht mehr das Sinnbild dargestellt wird, nicht mehr die Persönlichkeit im Sinnbilde, sondern der Typus, der Repräsentant des Volksstammes und der Stammesart wird. Gewohnheitsrechte bürgern sich jetzt ein, die Menschen wirken untereinander so, dass sie das Typische dieser Verhältnisse erkennen lassen und dieses in eine gewisse soziale Struktur hinein formen.
[ 14 ] Vom elften bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts tritt dann in der Geschichte der Menschheit nach der Darstellungsweise Karl Lamprechts dasjenige auf, was er das konventionelle Zeitalter nennt. Nicht mehr etwas, was aus der Seele tritt und zu einem Symbol oder Typus führt, tritt hervor, sondern es setzen einzelne Menschen aus Tradition oder Vernunft der führenden Personen oder führenden Kreise dasjenige fest, was regeln soll den ganzen gegenseitigen Zusammenhang. Das führt nun zu gewissen Konventionen und zu gewissen Urteilen. Es ist das die Ritterzeit, die Zeit, in welcher sich die soziale Struktur herausbildet, durch welche die Konventionen besonders Platz greifen können.
[ 15 ] Nun ist es sehr merkwürdig, dass Karl Lamprecht in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts den bedeutsamsten Zeitpunkt der Geschichte verlegt, denn es beginnt mit dem fünfzehnten Jahrhundert der geschichtliche Impuls. Lamprecht sagt: In der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts tritt ein die Entwicklung der deutschen Geschichte —, und er glaubt, dass ein solcher Verlauf auf die geschichtliche Entwicklung des ganzen Volksstammes sich anwenden lässt, dass die Menschen jetzt nicht mehr als Typus oder konventionell auftreten, sondern dass der Mensch nunmehr eine Individualität ist und als solche sich hineinstellt in den geschichtlichen Verlauf und in die soziale Ordnung. Dieses [individuelle] Zeitalter dauert nach Ansicht des Karl Lamprecht bis zum achtzehnten Jahrhundert, und dann beginnt jenes Zeitalter, in dem wir stehen, das [subjektive] Zeitalter, wo immer mehr in das geschichtliche Leben das eingeführt wird, was der Mensch erlebt und was ihn nicht von außen bestimmt, sondern was ihn in seinem Innern berührt. Damit treten mehr verständliche Elemente in den Lauf der geschichtlichen Erkenntnis ein, das gebildete Publikum beginnt eine Rolle zu spielen, während man es früher im symbolischen und konventionellen Zeitalter mehr zu tun hatte mit elementaren Kräften, die, instinktiv aus dem Innern des Menschen kommend, das Wollen und die soziale Struktur beeinflusst haben.
[ 16 ] Man sieht aus dem Ganzen, wonach Karl Lamprecht trachtet; er trachtet, in die Geschichte der Menschen das zu bringen, was in der menschlichen Seele den Verlauf und die Entwicklung der Ereignisse bedingt, er sucht tief hineinzugehen in das Bild der menschlichen Gesellschaft und meint, die intensive Geschichtsforschung soll nur eine Vorbereitung sein für dasjenige, um was es sich handelt. Sie soll sich aber bemühen, hineinzudringen in die menschliche Seele, um zu zeigen, wie aus der menschlichen Seele heraus Geschichte wird.
[ 17 ] Sieht man sich diese Versuche an, auf eine gewisse strengere Art die geschichtlichen Entwicklungen zu betrachten, so wird man finden, wenn man den einzelnen Arten nachgeht, dass sie einen in vieler Beziehung höchst unbefriedigt lassen, insbesondere, wenn man die einzelnen Epochen, wie Karl Lamprecht sie schildert, durchnimmt. Man findet, dass immer dieselben Begriffe auftauchen, und während er meint, dass die Epochen verschieden sind, kann er nicht dasjenige erfassen, was er erfassen will, denn er ist nicht imstande, in die Wirklichkeit selbst unterzutauchen. Dennoch interessiert dieser Versuch, weil Karl Lamprecht uns zeigt, dass ein Weg gesucht werden muss zu einer innerlichen Betrachtung der Geschichte, zu einer Vergeistigung der geschichtlichen Forschung. Und es ist, von diesem Gesichtspunkt betrachtet, sehr interessant, zu vergleichen, was hier ein anderer Mann auf der Grundlage des ernsten geschichtlichen Strebens dargeboten hat, der die Geschichte seines eigenen Volkes zu vergleichen sucht mit der Geschichte eines anderen und dies mit einer andern Art der Geschichtsforschung. Man wird daraus sehen können, wie zwei Persönlichkeiten, der eine einem bestimmten Gebiete des menschlichen Lebens angehörig und der zweite einem ganz andern, sich zu geschichtlicher Lebensbetrachtung verhalten.
[ 18 ] Diese andere Persönlichkeit ist Woodrow Wilson, der gerade zu jener Zeit, als Karl Lamprecht über die Geschichte seines Volkes sogar zu den Amerikanern gesprochen hat, den Versuch machte, der in einer ganz andern Betrachtungsweise zu dem Ergebnis geführt hat, wie er die Geschichte seines amerikanischen Volkes betrachtet. Da tritt nun etwas sehr Eigentümliches hervor. Diese uns sehr fern stehende Persönlichkeit auf demselben Gebiete zu betrachten wie Karl Lamprecht, ist für jeden von besonderem Interesse. Aber bei Wilson tritt uns eine große Eigentümlichkeit entgegen. Er betrachtet die Geschichte seines amerikanischen Volkes, die doch ziemlich leicht zu übersehen ist. Aber bei diesem kurzen Zeitlaufe der amerikanischen Geschichte stehen Wilson und Lamprecht — man muss das sagen — in einem merkwürdigen Gegensatz, wobei man fühlt, worauf es bei beiden ankommt.
[ 19 ] Wilson will das auffassen, was er darstellen soll und was charakteristisch ist für die Entwicklung des amerikanischen Volkes, und man sieht, wie er durch Fortführung von einem Punkte zum andern in der Tat ungemein einleuchtend die ganze Darstellung der Geschichte seines Volkes herausbekommt. Er weist nach, wie alle diejenigen unrecht tun, welche eine geschichtliche Vorstellungsart auf Amerika anwenden nach dem Muster der Vorstellung, die aus England herüberkommt und die sie anwenden wollen auf das amerikanische Leben, ohne einzusehen, dass Amerika unter besonderen Vorbedingungen sein Leben gestaltet hat. Wilson will in seiner Weise das reine Amerikanertum schaffen; er macht aufmerksam, dass es eine prägnante Erscheinung gerade in Amerika ist, dass die Kultur in Amerika allmählich vom Osten gegen den Westen zog, der erst in späteren Zeiten vollständig ausgebaut war. Von Osten nach Westen sind die Menschen gezogen, überwindend die Wildnis, und er stellt dar, wie in diesem Kampfe gegen die Wildnis die amerikanische Geschichtsentwicklung liegt, wie alles dasjenige, was der Amerikaner im Leben gemacht hat, dadurch entstanden ist, dass von Osten her der Westen erobert werden musste. Nicht Politiker, nicht Diplomaten haben die amerikanische Geschichte gemacht, sondern der Jäger, der die Bäume fällte, der Ackerbauer, der in die Wildnis zog und das Feld bestellte, und das waren auch die wichtigsten Fragen, die für die Amerikaner in Betracht kamen, die Fragen der Landwirtschaft und des Ackerbaues. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet Wilson die amerikanische Geschichte, und er kommt zur [einleuchtenden] Lösung dieser Fragen dadurch, dass er zeigt, wie diese Fragen entstanden sind und wodurch es entstanden ist, dass dieses Vordringen notwendig geworden ist von Osten nach Westen.
[ 20 ] Man muss sagen, man kommt dabei zu dem Eindruck, dass Wilson auf seine Weise ganz richtig die Geschichte des amerikanischen Volkes schildert, er weiß, in welchem Verhältnis die Dinge zueinanderstehen, die er schildert und darstellt. Man fühlt, wie er etwas ganz Merkwürdiges hineinlegt, indem er sucht, die prägnanten Punkte in der Geschichte der Amerikaner zu finden; und wenn er dann sagt, dass es ein Charakteristisches des Amerikaners sei, sein bewegliches Auge, seine Leidenschaft, Abenteuer zu suchen, gegebene Situationen rasch zu überblicken und rasch etwas auszuführen, auf seine Art für seine Heimat Arbeit zu leisten, dass alle diese Pläne rasch aufgefasst und ausgeführt werden sollen, so fühlt man bei allem, was darinnen steht: Er weiß, wo die augenfälligen Punkte zu finden sind.
[ 21 ] Woodrow Wilson hat sich auch über [die Methode], die Vorstellungsart seiner geschichtlichen Betrachtung in einem recht interessanten Vortrage ausgesprochen; und ich muss sagen, ich finde gerade in diesem Vortrage etwas außerordentlich Charakteristisches. Ich darf bei dieser Gelegenheit auch sagen, dass, wenn ich Ihnen auch jetzt gesagt habe, auf welche Weise Wilson die Geschichte seines Volkes schildert, Woodrow Wilson doch keine Persönlichkeit ist, die man irgendwie sympathisch nennen könnte, und zwar nicht aus subjektiven Gründen heraus, sondern weil ich glaube, dass eine solche Betrachtungsweise, wie sie Wilson anwendet, nicht fruchtbar sein kann in unseren Gegenden, trotzdem ich sie so beschreiben muss, wie ich das heute getan habe. Wir werden darauf noch später zu sprechen kommen. Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand, der mich schon öfter gehört hat, den Vorwurf gegen mich erheben kann, dass ich aus irgendwelchen chauvinistischen Gründen mir mein Urteil über Wilson gebildet habe als dem ähnlich, das man hierzulande über ihn hat. Ich habe mir das Urteil über Wilson aus der «Literatur» und aus seinem Eintreten für die Freiheit der Amerikaner schon lange gebildet und in einem Vortrage in Helsingfors dieses Urteil auch ausgesprochen in dem gleichen Sinne, wie ich es auch heute getan habe. Daran hat der Krieg also gar nichts geändert. Das ist dokumentarisch nachzuweisen, und daher darf ich wohl über seine Persönlichkeit sprechen, so wie ich es heute ausgeführt habe.
[ 22 ] Was mir merkwürdig war in Bezug auf die geschichtliche Auffassungsweise Wilsons, tritt mir entgegen, wenn ich vergleiche, was er über diese geschichtliche Vorstellungsart selbst gesagt hat, mit manchen mir sehr lieben und sympathischen Darlegungen einer Persönlichkeit, die nur auf einem speziellen Gebiete der geschichtlichen Betrachtungsweise tätig war, für mich aber infolge der besonderen Impulse, die von ihr ausgehen konnten, unendlich sympathisch ist. Das ist der große Meister Herman Grimm, der schon längst sein Urteil darüber abgegeben hat, wie man Geschichte betrachten soll. Es tritt einem hier die Eigentümlichkeit entgegen, dass man einzelne Sätze nehmen kann von Grimm und sie hinüberführen kann in die Darstellungsweise Wilsons, ohne den Gedankengang zu unterbrechen. Und dass man wieder Sätze von Wilson in die heimischen Aufsätze Grimms verlegen kann; und man sieht dann, dass sie mit dem übereinstimmen, was Wilson gesagt hat.
[ 23 ] Dieses Experiment kann man machen, und das halte ich für ungeheuer bedeutungsvoll für das Denken einer gewissen Art der Weltauffassung und für die Denkungsart der Gegenwart. Sie [nennt sich eine Praktische], glaubt, überall in alle praktischen Wirklichkeiten und in alle Begriffe untertauchen zu können und ist stolz darauf, wie weit sie es gebracht hat in Bezug auf die praktische Lebensauffassung. Und dennoch ist die Gegenwart durchaus theoretisch und mit Verstandesbegriffen vollgepfropft. Wenn heute jemand eine Auseinandersetzung von irgendeiner Seite vernimmt, so gibt er nur auf den Inhalt acht, er folgt nur dem reinen Wortlaute nach; das tritt gerade in der Gegenwart grell zutage und ist mit Bezug auf das Gesagte sehr wichtig, denn jeder muss einsehen, dass zwei Menschen dem Wortlaute nach dasselbe sagen können, was aber dem Sinne nach ganz anders ist. Die Theorie macht für das Leben noch nicht alles aus, und der bloß verstandesmäßige Inhalt macht es auch nicht aus. Es liegt aber in der Art, wie eine Persönlichkeit sich hineinstellt in das gesellschaftliche Leben, etwas, was mehr ist als der Inhalt ihrer Sätze, die Theorie; das ist, wie die betreffende Persönlichkeit spricht, die Art und Weise, wie sie aus dem Leben herauskommt, und wie es herauskommt, was die betreffende Persönlichkeit zu sagen hat.
[ 24 ] Und da tritt gerade in diesem Beispiele etwas ganz Merkwürdiges hervor. Wenn ich Lamprechts Art und Weise betrachte, und ich spreche nicht vom nationalen Standpunkte, sondern nur vom Standpunkte der objektiven Wissenschaft — wenn ich also Lamprechts Geschichtsbetrachtung ansehe, so sehe ich trotz aller Fehler, wie die Menschen schwer ringen, wie sie sich schwer erkämpfen das, zu dem sie vordringen wollen. Es sind vielleicht weniger Begriffe als bei Wilson, aber er kämpft, und man merkt es ihm an an der Art, wie gesprochen wird, dass von Satz zu Satz die kämpfende Seele sich das erwirbt, was sie vielleicht als falsche Ansicht hinstellt, was sie aber erlebend sich errungen hat. Und insbesondere ist das bei der glänzenden Art Herman Grimms [auf dem Gebiete der Kunst] der Fall. Und ich sage mir trotz allem objektiven Aussehen: Die Aussprüche, die mir lieb und wert sind und die ich bei Lamprecht wie bei Grimm finde, sie machen bei Wilson einen ganz anderen Eindruck. Ich frage mich, und ich wage es zu beantworten: Alles, was bei Wilson hervortritt, ist, wie wenn er instinktiv zum Richtigen hingetrieben werden würde, aber es macht nie den Eindruck, dass es sein Erleben ist, sein Erstreben und Erwerben, es macht nur den Eindruck, dass es — trotzdem es auf die praktische Wirklichkeit gerichtet ist — doch nicht aus der Tiefe der Seele auftaucht, sondern wie wenn dasjenige, was Wilson ausspricht, eine Selbstsuggestion wäre, eine Art des Unterbewusstseins. Ich glaube, ich habe gestern hier das Recht erworben, diesen Ausdruck zu gebrauchen. Wilson nimmt sich nicht so aus [in seiner Geschichtsbetrachtung], wie wenn er Stück für Stück der Seele ergründen würde, sondern es macht den Eindruck, als ob er aus dem Untergrunde der Seele das geoffenbart bekäme, wie wenn er von seinen Lehren besessen wäre, als ob sein Inneres ihm das suggerieren würde.
[ 25 ] Es ist sehr merkwürdig, zwei Persönlichkeiten im geschichtlichen Leben sich gegenüberstehend zu sehen, die gerade in dieser Weise so verschieden sind, wie Lamprecht und Grimm einerseits und Wilson andererseits. Weiter ist es auch interessant, andere Betrachtungsweisen anzusehen. Man kann sie nicht eigentlich historisch nennen, aber man kann sie unter die geschichtlichen Betrachtungen zusammenfassen.
[ 26 ] Man könnte da auch andere, auch asiatische Betrachter des Lebens anführen; ich will nur den Rabindranath Tagore nennen, der unter anderem, was er über den Geist Asiens gesprochen hat, eine solche zusammenfassende Darstellung geliefert hat. Er hat auch gesprochen über den Geist Japans, aber aus seiner Darstellung geht noch etwas ganz anderes hervor. Es geht hervor, dass dieser Mann, der, ebenso wie Lamprecht und Grimm im deutschen und Wilson im amerikanischen Leben, im asiatischen steht, als gebildeter Vertreter der asiatischen Kultur angesehen werden muss. Wer diesen Mann in seinem Leben betrachtet, der bekommt den Eindruck, er möchte den Inhalt, die ursprüngliche Quelle des indischen und japanischen Lebens erforschen, indem er weniger Wert legt auf das, was Japan und Indien in der neueren Zeit erlebt haben, sondern dem nachforscht, was die eigentlichen Quellen sind. Er hat eine eigentümliche Art, die menschliche Kultur zu bewundern; Rabindranath Tagore sagt, es soll für sein Volk eigentlich keine Geschichte geben, es soll die menschliche Seele unberührt bleiben in ihrem inneren Leben von demjenigen, was in der unmittelbaren Gegenwart die Menschen bewegt. Es geht seine Darstellungsart über die ganze Erde, und diejenigen, die tiefer blicken, wissen, dass unsere schwere Katastrophe, mehr als man glaubt, nicht von den Dingen abhängt, von denen sie heute so viel abhängig geglaubt wird, sondern von den seelischen Impulsen der über die ganze Erde wohnenden Völker.
[ 27 ] Das zeigt sich symptomatisch in solcher Darstellungsart, die sich herausheben will aus der Allgemeinheit und die darstellen will, was im Leben der Allgemeinheit gelten muss. Und betrachtet man dasjenige, was uns am nächsten liegt, die geschichtliche Vorstellungsart des Karl Lamprecht, dann findet man fast jedes Kapitel in gleicher Weise und in gleichen Begriffen charakterisiert, man findet nämlich, die Begriffe [sind ausgedacht, sie] tauchen nicht unter in die Wirklichkeit. Worin liegt das aber? Die Beantwortung dieser Frage ist außerordentlich wichtig. Lamprecht will die menschliche Seele betrachten und will erforschen, wie aus den Impulsen der menschlichen Seele heraus die Geschichte gemacht wird, er braucht dazu die Erkenntnis der Gesetze der menschlichen Seele, die uns zeigen, wie die menschliche Seele sich im sozialen Leben auswirkt. Und da schildert er die Handlungen in einer Weise, dass es unmöglich ist, wenn man sie anwenden will auf andere Betrachtungsgebiete, die unmittelbar mit dem Leben zusammenhängen, zu einem richtigen Ende zu kommen, mit einem Worte, man findet: Man taucht nicht unter!
[ 28 ] Und da darf wohl die Frage aufgeworfen werden: Wie würde es sein, wenn jene Wirklichkeitsforscher, von denen vorgestern die Rede war, deren Erkenntnis auf eine ganz andere Art aufgebaut ist wie die Naturforschung und Mystik, die erst von der Seele erworben werden muss, wenn die Seele sich in einem solchen Bewusstseinszustand befindet, der dem gewöhnlichen Bewusstseinszustand so entgegengesetzt ist wie das Tagesbewusstsein dem Traumbewusstsein — wenn jene Wirklichkeitsforscher aus ihren Erkenntnissen heraus Geschichte betrachten? Ich kann in dieser kurzen Zeit nur die Ergebnisse angeben, aber sie werden gefunden durch die Art, die ich vorgestern hier geschildert habe; und da ist zunächst Folgendes zu sagen: Das menschliche Leben verläuft für den oberflächlichen Betrachter in zwei Zuständen, im Schlafen und im Wachen, und durch das Studium der beiden Zustände, des Schlafens und Wachens, sucht man den gesamten Verlauf des menschlichen Lebens zu verstehen.
[ 29 ] Aber so einfach liegen die Dinge nicht, und viel Schaden ist der gegenwärtigen Weltanschauung dadurch entstanden, dadurch, dass man die Meinung hat, die Dinge liegen viel einfacher, als es in Wirklichkeit der Fall ist. In der Wirklichkeit liegen die Dinge ganz anders, und selbst das, was wir den Schlafzustand nennen, in dem unser Bewusstsein abgedämpft ist, ist ganz anders. Denn ganz verschwunden ist dieses Schlafbewusstsein während des Tageslebens nicht; es ist nicht nur vorhanden vom Einschlafen bis zum Aufwachen, sondern es zeigt sich für den ernsten Seelenforscher auch im wirklichen Tageslichte, denn wir sind nur für einen Teil des Seelenlebens wach. Wir sind wach für unser Wahrnehmungsleben und für unser Vorstellungsleben, wir sind aber nicht wach für unser Gefühlsleben und für unser Willensleben. Derjenige, der den wichtigsten Zustand wirklich und ernst studiert, den vom Aufwachen bis zum Einschlafen, der wird finden, dass jene Helle des Bewusstseins, jene Stärke des Bewusstseins, die in Bezug auf das Vorstellungsleben vorhanden ist, nicht vorhanden ist in Bezug auf das Gefühlsleben und namentlich nicht vorhanden ist in Bezug auf das Willensleben.
[ 30 ] Es ist das so, wie ich es hier meine, auch von andern Geistesforschern und von vielen andern Denkern, die mit der Wirklichkeit gerungen haben, bemerkt worden. So hat zum Beispiel der schwäbische Forscher Friedrich Theodor Vischer darauf aufmerksam gemacht, wie verwandt sind alle Leidenschaften, das Gefühlsleben, alle Affekte des Lebens im Wachbewusstsein mit dem Traumleben, und wir dürfen sagen: Unsere Gefühle sind während des Wachlebens nicht in der Helligkeit im Bewusstsein vorhanden, wie die Wahrnehmungen oder Gedanken, sondern die sind, als Gefühle, nur so vorhanden wie das Bild des Traumes im schlafenden Bewusstsein; und beim Schlafbewusstsein geschieht es, dass wir uns an die Bilder desselben erinnern, wenn wir wach sind. Dann liegt das Traumbild im Wachbewusstsein.
[ 31 ] Auch vom Gefühlsleben des Traumes dringt nichts klar zu uns, sondern wir haben nur die Vorstellung davon in uns, aber das, was in Wirklichkeit in uns gedrungen ist, ist nicht das Gefühl, welches wir geträumt haben; denn dadurch entsteht in uns die Täuschung, als ob wir das Gefühl im Seelenbewusstsein hätten, wir haben es aber nicht, sondern es ragt aus der Dämmerung in die Helle hinein und ruft die Vorstellung hervor, sodass wir dann oft verwechseln dasjenige, was wir erlebt haben, mit demjenigen, was wir erträumt haben. Wir glauben auch, dass es beim Willensleben ebenso sei, es ist aber in Wirklichkeit so: Was vonseiten der eigentlichen Willensvorgänge in unsere Vorstellungswelt hineinragt, ist, dass wir uns Begriffe und Gedanken bilden können über das, was wir tun, aber das, was eigentlich verbunden ist mit unserer Organisation und unserem Seelenleben, entzieht sich dem Bewusstsein. Der eigentliche Inhalt des Wollens, die Art, wie solches sich vollzieht, ist vom Anfang bis zur Bewirkung, [zur Bewegung der Hand, zur Ergreifung eines Gegenstandes], ein durch und durch unbewusster Vorgang, ebenso wie es die unbewussten Vorgänge im Schlafe sind. Daher müssen wir sagen: Unser Wachleben ist nicht ein bloßes Wachleben, sondern auch ein Zustand des Unterbewusstseins, eine Art Traumleben, das hineinragt in dieses gewöhnliche Wachbewusstsein.
[ 32 ] Was ich jetzt auseinandergesetzt habe, ergibt sich bei wirklich gewissenhafter und ernster Seelenbeobachtung, wenigstens bis zu einem gewissen Grade schon bei der gewöhnlichen Seelenkunde, von der ich vorgestern hier gesprochen habe. Wenn es der Seele gelingt, in ein anderes Bewusstsein zu dringen, das hineinschaut in ein anderes Leben, dann gelingt es diesem Bewusstsein, zu einer andern Seelenbeobachtung zu kommen. Dann wird in der Tiefe der Seele in Form von Imaginationen, [die aber jetzt nicht unsere abstrakten Vorstellungen und Gedanken sind, sondern die eindringen in das Leben], das lebend werdende Gefühl wach, dann weiß man, dass das, was man da aufhellt, im gewöhnlichen Bewusstsein nicht, sondern nur im Schlafbewusstsein in voller Wirklichkeit vorhanden ist. Man muss in intensiver Erstarkung des Gefühles hineinschauen durch diese Erkenntnisart, wenn man dieses Gefühl und das Unterbewusstsein der Seele vor das gewöhnliche Bewusstsein bringen will, und man muss noch größere Anstrengungen vollbringen, den Willensakt als solchen hinaufzubringen.
[ 33 ] Daraus folgt, dass dasjenige, was wir im Alltagsleben fühlen und wollen, was die Impulse für uns und den Seeleninhalt aller einzelnen Menschen bildet, im Zusammenhange steht und im Leben, das zwischen der Geburt und dem Tode abläuft, hervorquillt [aus dem Unterbewussten], und dass es Impulse sind, die uns durch das Leben tragen, [die uns von Mensch zu Mensch tragen] und die wir im Traume oder im Schlafe erleben. Das sind aber auch die geschichtlichen Impulse, und es wird eine bedeutungsvolle Einsicht für den Geschichtsforscher der Zukunft sein, wenn man erkennen wird den Charakter dieser im Volke lebenden Kräfte, wenn man nicht mehr glauben wird, dass dasjenige, was in der Geschichte eintritt, so aufzufassen sein wird wie das gewöhnliche Leben — denn es verläuft wie im Traum, wie im Unterbewusstsein, sodass es dem Menschen nicht zum vollen und klaren Bewusstsein kommt; er weiß es eben im gewöhnlichen Leben nicht.
[ 34 ] Diese Ansicht, die wird aus der geisteswissenschaftlichen Forschung in die geschichtliche Betrachtung dringen müssen, und dann erst wird die geschichtliche Betrachtung untrüglich sein, dann erst wird sie wirksam und der Wirklichkeit gemäß sein. Denn derjenige, der die Geschichte heute erforschen will, der denkt nicht darüber nach, dass die Geschichte nicht auf die frühere Art erforscht werden kann. Die Geschichtswissenschaft ist entstanden erst seit einem Jahrhundert, in dem sich ausgebildet haben die Grundlagen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und in dem sich ausgebildet hat die Methode, die die Naturwissenschaft zu so glänzenden Resultaten geführt hat, indem es die Menschheit auch in Bezug auf die äußere Lebenspraxis so weit gebracht hat — so, dass auch die geschichtliche Betrachtung erfasst wurde und sich ausgebildet hat nach dem Vorbilde, das in der Naturwissenschaft üblich und richtig und gerechtfertigt ist. Man betrachtet sie als eine Art idealer Naturwissenschaft und versucht, diese Betrachtungsart auch auf die Geschichte auszudehnen. Lamprecht hat an so etwas im Hintergrunde gedacht; er hat gesagt, dass für die Geschichte maßgebend ist eine Vorstellungsart, die nicht für sie bestimmt ist, sondern sich erst aus der naturwissenschaftlichen Betrachtungsart herausgebilder hat.
[ 35 ] Derjenige, der diese Erkenntnis hat, die ich entwickelt habe, der erkannt hat, dass sich diese Erkenntnis verhält zum Tagesbewusstsein wie das Tagesbewusstsein zum Schlafbewusstsein, derjenige, der von diesem Standpunkte betrachtet den Lauf des geschichtlichen Wirkens und der eindringt in den Lauf der geschichtlichen Weisheit, dem wird es klar, dass dieses Verhalten unserer Seele ganz gerechtfertigt ist gegenüber der Natur, gegenüber dem Gedanken, mit dem wir uns die Kenntnis der Natur verschaffen, dass aber diese alte Betrachtungsweise nicht geeignet ist für die Beurteilung des Verlaufes des menschlichen Lebens als Geschichte. Damit ist aber auch gekennzeichnet diese ganze Betrachtungsweise des neunzehnten Jahrhunderts für den Lauf der geschichtlichen Ereignisse: Man weiß nicht, dass die Impulse begründet sind im unbewussten Verlaufe des Lebens und dass sie nicht mit dem gewöhnlichen Verstande erfasst werden können. Wenn man das ins Auge fasst, dann kommt man dazu, sich zu fragen: Was muss anstelle dessen treten, was heute ist?
[ 36 ] Herman Grimm hat dazu einige ganz richtige Bemerkungen gemacht und er hat manches ganz richtig aufgefasst in Bezug auf die Geschichte der Menschheit und hat ganz klar gefühlt, wie der Geist der Wissenschaft wieder zutage treten kann. Er hat gemeint — und er hat selbst mit mir diesen Gegenstand sehr gründlich besprochen —, dass sein Ideal wäre, die Menschheitsgeschichte so zu betrachten, wie die Impulse sich darstellen als weltwirkende Phantasie. Das ist zwar nicht richtig, dass sich die Impulse so darstellen, aber trotzdem ist Grimm instinktiv auf eine sehr merkwürdige Tatsache gekommen. Er fragt sich vorerst: Was ist zum Beispiel Gibbons Art, geschichtliche Darstellung? Gibbon hat die Geschichte des Verfalls des Römischen Reiches geschrieben, und seine Betrachtung ist geeignet, verglichen zu werden mit der [naturwissenschaftlichen] Erkenntnisart der Gegenwart, [sie ist die Anwendung der Naturerkenntnis für die Geschichte]. Gibbon schildert also den Verfall des Römischen Reiches und alle Kräfte, die darangegangen sind, das Römische Reich zugrunde zu richten, und er kommt nicht darauf, dasjenige, was damals ein aufsteigender Impuls war, richtig zu erfassen, weil er eben nicht erfassen kann, was aufsteigende Impulse sind, mit dem Verstande und der naturwissenschaftlichen Anschauungsart. So kann er erfassen nur dasjenige, was nicht das geschichtliche Leben macht, sondern nur, was entstanden ist, wenn irgendwelche geschichtlichen Impulse schon abgelaufen sind.
[ 37 ] So wird aber Geschichte nicht geschrieben, so wird das geschichtliche Leben zu einem Leichnam gewandelt, denn erst die Impulse, die ihm zugrunde liegen, müssen erweckt und entdeckt werden. Wenn die Geschichte als etwas Lebendes aufgefasst werden soll, dann ist sie nicht naturgeschichtlich zu erfassen, aber Gibbon ist es niemals gelungen, so etwas richtig zu erfassen wie die aufsteigenden Kräfte des Christentums, die als lebende Kräfte hineinragen in die Geschichte der damaligen Zeit. Darum müssen wir uns darüber klar sein, wie man wirkliche geschichtliche Kräfte zu erfassen vermag, und wir sehen, dass man auf dasjenige zurückgehen muss, was dem menschlichen Leben unterbewusst ist, was in das Gemüt und den Willen hineinspielt auf die Art, wie ich das dargestellt habe. Daher kann man niemals mit gewöhnlicher naturwissenschaftlicher Methode das, [was in der Geschichte fruchtbar ist], erfassen, also auch nicht diejenigen Kräfte, die zur Lebenspraxis führen, mit denen man sich dem Leben gegenüberstellen kann und mit denen man beurteilen kann: Das und das hat uns das Leben gelehrt.
[ 38 ] Erst das schauende Bewusstsein, in das die neue Erkenntnisart untertaucht, das ist dasjenige, was wir nennen die einzige wirkliche Geschichtsbetrachtung, die nicht mehr sagen wird, dass verschiedene neue Staaten sich gründen werden, die sich zwar befehden, aber nicht mehr zerfleischen können. Das ist auch als Voraussetzung gegeben, damit die Geschichte eine wirkliche Grundlage für das Leben abgibt. Das muss so werden, denn nur so fließt die Geschichte in unser Leben hinein, es fließt die geschichtliche Anschauung in uns hinein. Wir sehen dasjenige, was wirklich war, durch eine wirkliche geschichtliche Betrachtungsweise, wenn sie auch zunächst so mangelhaft ist, wie ich es geschildert habe. Man kann nur so den Geist erfassen, indem man in seine Tiefen untertaucht, wenn man dasjenige, was sonst im Unterbewusstsein bleibt, im hellen Lichte ergreift, sonst trifft man nichts mit der Theorie, wie sie der naturgeschichtlichen Betrachtungsweise nachgeahmt ist; mit der Theorie dringt man nicht hinein in das wirkliche Leben.
[ 39 ] Man kann auf die Richtigkeit dieser Behauptung ohne Weiteres die Probe machen; man versuche es nur einmal: Man stelle einen reinen Theoretiker, einen scharfsinnigen Menschen, der recht gut über die Natur und über den Verlauf der menschlichen Erkenntnis denken kann, der ein guter Nationalökonom und Sozialtheoretiker ist, man stelle ihn in das Leben hinein, und es ist dies die beste Methode, dasjenige, was gut ist, zugrunde zu richten. Man könnte das machen mit einem Theoretiker im sozialen Leben und im ethischen Leben und man wird sehen: Als Zerstörungskräfte wirken solche theoretischen Geister; sie sind fähig, das Leben zu überschauen, aber niemals, fruchtbar zu arbeiten, weil ihrer Anschauungsart keine richtige Geschichtsbetrachtung zugrunde liegt. Und auch Lamprechts Geschichtsbetrachtung bestätigt diese Auffassung.
[ 40 ] Aber wie die hier gemeinte Erkenntnisart untertaucht in den wirklichen Impulsen, möchte ich zeigen an einem Beispiel. Ich weiß, dass es außerordentlich paradox klingt, wenn ich das ausspreche, aber ich habe schon einmal gesagt: Als Paradoxa und Lächerlichkeiten wurde auch das angesehen, was Kopernikus in seiner Weltanschauung aufgestellt hat. Die Weltanschauung greift hinein in diejenigen Impulse, die sonst unbewusst bleiben. Durch Jahre hindurch habe ich diese Idee in Vorträgen verfolgt und gesagt, man würde dann zu einer fruchtbaren praktischen Geschichtsauffassung kommen. Aber ich will nur prinzipiell etwas andeuten an zwei Beispielen, die etwas weiterführen sollen und die auch hineingreifen in das alltägliche Leben.
[ 41 ] Demjenigen, der die Geschichte betrachtet, dem bietet sich die Geschichtsepoche, die allerdings bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts reicht, aber bereits mit dem siebten oder achten Jahrhundert vor Christus beginnt. Es ist merkwürdig, dass eine Ähnlichkeit besteht in Bezug auf die Art, wie sich die menschliche Seele bildet, wie die menschliche Seele sozial wird durch seelische Kräfte, die sich dem Wesen nach gleichbleiben, vom siebten Jahrhundert vor Christus bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts nach Christus. Erst dann kommt eine rasche Wandlung, man bemerkt sie nur nicht heute, weil unsere Aufmerksamkeit nicht darauf gerichtet ist und weil manche Leute sich nach dem Sprichwort halten: So wie die Natur macht auch das Leben keine Sprünge. Das ist aber nicht wahr, überall macht die Natur und macht auch das Leben Sprünge, man merkt nur nicht, wie ungeheuer die sind, und man lenkt nicht die Aufmerksamkeit auf die großen Wendepunkte des Lebens.
[ 42 ] Wenn man nicht hineindringt in die große Umwandlung, wenn man sie nicht ins Auge fassen kann, die in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts eingetreten ist, dann sieht man auch nicht das Wichtigste, man schaut nicht den Unterschied dieser zwei Zeitalter, von denen das eine jenes ist, in welchem wir voll darinstehen und das vielleicht noch hundert Jahre dauern wird. Das ganze menschliche Leben zwischen dem siebten und achten Jahrhundert vor Christus und dem fünfzehnten Jahrhundert nach Christi Geburt verläuft so, dass die Seelen anders werden als in den späteren Zeiten. Ich möchte sagen: In jenem älteren Zeitalter wird der Verstand des Menschen viel instinktiver entwickelt, er wirkt darum richtiger, wie ein Rückblick auf jene Zeit beweist, und darauf, wie alles damals ausgebildet wurde, zum Beispiel das römische Recht, welches heute noch eine große Bedeutung hat.
[ 43 ] Nur wenn man weiß, welche einzelnen Vorstellungen aus dem römischen Rechte hervorgegangen sind, aus dem eigenartig instinktiven Verstande, dann wird man auch begreifen, dass damals der Verstand eben so wirkte in der Seele [wie ein Sinn]. Auch die soziale Struktur ist hoch entwickelt im römischen Leben mit allen ihren Charakteren, und auch beim Niedergang des Römischen Reiches wirkte instinktiver Verstand.
[ 44 ] Erst in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts beginnt der Verstand in anderem Sinne, beginnt das Verstandesbewusstsein in eigener Weise zu wirken. Dieses Zeitalter beginnt nicht nur, eine neue seelische Organisation in sich zu tragen, sondern es bildet sie auch weiter aus, und die Gedanken werden mit vollem Bewusstsein an die Dinge gesetzt.
[ 45 ] Man versteht nichts mehr von den inneren Impulsen desjenigen, was damals geschah, weil man nicht ins Auge fasst, wie die damaligen Gesetze, die Staatseinrichtungen und die Staatenbildungen entstanden sind. Man nimmt deshalb an, dass die gebildete Menschheit, welche für die Kulturentwicklung in Betracht kommt, zu diesen Einrichtungen nicht mehr durch das instinktive Wirken des Verstandes gekommen ist. Aber gerade wenn man so ins Auge fasst dieses Bild, dann zeigt sich die Tiefe, aus der das menschliche Wirken erfolgt, und wenn wir die geschichtlichen Dokumente verfolgen, um das menschliche Werden der Völker zu studieren und die Gesetze, die sie geschaffen haben, dann können wir die Folgerung für uns anwenden.
[ 46 ] Ich will noch ein anderes Beispiel anführen, welches einen noch größeren Zeitraum umfasst. Es wird zwar auch paradox erscheinen — insbesondere, wenn ich die betreffenden Einzelheiten anführen könnte. Die Zeit reicht aber nicht hin, darauf hinzuweisen, was sich ergeben würde aus der geisteswissenschaftlichen Forschung, und ich kann nur die Ergebnisse im Allgemeinen kurz anführen. An dasjenige Zeitalter, welches ich jetzt geschildert habe und welches noch in der Zeitgeschichte verläuft, daran schließt sich nach vorne, vom siebten und achten Jahrhundert zurück, wieder viele Jahrhunderte weiter, ein anderes an, in dem eine ganz andere Seelenverfassung war, welches aber, zufolge Erforschung durch die geisteswissenschaftlichen Methoden, einen viel größeren Zeitraum umfasst, als durch unsere Dokumente belegt werden kann. Da kommen wir zu einer anderen Epoche, als jene ist, die ich eben charakterisiert habe und die beginnt mit dem siebten und achten Jahrhundert vor Christus und schließt mit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Betrachtet man geisteswissenschaftlich die Ereignisse dieser früheren Epoche, soweit man heute zurückverfolgen kann die Zeit mit unsern Blicken und mit schauendem Bewusstsein, dann kommt man zu einer Zeit zurück, die in vieler Beziehung sehr bedeutungsvoll war.
[ 47 ] Man forscht heute im Sinne der alten Methode der Entwicklungslehre nach der geschichtlichen Anwendung, was sich darin äußert, dass man trachtet, ein Analogon sich zu bilden. Man betrachtet den Fortgang der geschichtlichen Entwicklung, den Fortgang der Menschheit [wie einen Organismus], man vergleicht das, was sich in der vorgeschichtlichen Zeit abgespielt hat, mit dem Kindheitsalter, die spätere Zeit mit der Jugendzeit, und dann kommt man darauf, wenn man die Anwendung von der früheren Zeit auf die jetzige Zeit macht, zu sagen, wie wir es «so herrlich weit gebracht» haben und wie wir unsern Verstand ausgebildet haben gegenüber unsern Vorfahren. Aber all diese Analogien zerstieben gegenüber der Wirklichkeit, wenn wir diese mit der geisteswissenschaftlichen Betrachtungsweise ansehen. Denn da ergibt es sich, dass der Mensch in den älteren Zeiten der menschlichen Entwicklung in ganz anderer Weise im Leben stand als heute.
[ 48 ] Die naturwissenschaftliche Theorie hat vielfach Irrtümer mit sich gebracht und vor allem mit Bezug auf die geschichtliche Entwicklung der Menschheit ein gewisses Vorurteil hervorgerufen. Und es wird nicht darauf hingesehen, wie sich die menschliche Seele im Laufe der Zeiten verändert hat, wie sie im Laufe der Jahrhunderte immer eine andere Verfassung angenommen hat. Man betrachtet dasjenige, was in früheren Zeiten die Menschen gehabt haben, wie wenn das alles aus solchen Seelenimpulsen gekommen wäre, die stets gleich sind, und man weiß nicht, wenn man das glaubt, wie sich die menschliche Seele verändert hat, die damals in ganz anderer Weise mit dem menschlichen Leben verbunden war. Wir kennen heute eine solche Verbindung nur im Jugend- und Kindheitsalter des Menschen, wir wissen, wie die Seele eng verbunden ist mit der Lebensentwicklung und wie vom geschichtlichen Laufe des Lebens oft abhängt dasjenige, was sich geistige Entwicklung nennt. Aber mit dem zwanzigsten Jahre hört das auf für den Menschen, es hört auf die enge Verbindung, die man naturwissenschaftlich verfolgen kann, [des Geistig-Seelischen mit der Entwicklung des Leiblich-Körperhaften], und es beginnt sich der Geist zu entwickeln, und diese Periode geht dann mit dem zwanzigsten Jahre zu Ende.
[ 49 ] Ganz anders war es in den ältern Zeiten der Menschheit. Es gab Zeiten in der Geschichte der Menschheit, von denen ich schon gesprochen habe, in welchen die Menschenseelen mit dem Leibe geistig verbunden blieben, ganz anders als heute, und es ist ein Ergebnis der geistigen Forschung, dass der Mensch abhängig blieb im Leben von dem Leibesbewusstsein bis auf die Art, wie er miterleben konnte die Leibesvorgänge, und man kommt heute hinter gewisse Ereignisse der Menschheitsgeschichte, aus denen man auch heute noch ersehen muss, dass gewisse Vorstellungen, die heute literaturhistorisch nicht untersucht sind, die aber nachklingen in manchen alten Weisen, ihre alte Originalität bewahrt haben.
[ 50 ] Dann kommt das zweite Zeitalter, das verglichen werden kann mit dem Alter des Menschen bis zum vierzigsten Jahre, das ist aber schon das Zeitalter, welches durchaus schon eine bestimmte Kultur angenommen hat und von dem wir wissen, dass die Menschen dazumal schon von vielen Lebensbedingungen abhängig waren, die als Vorstellungen hineindringen in ihr Leben. Und da kommen wir in das menschliche Zeitalter, das mit dem siebten bis achten Jahrhundert vor Christus beginnt; die Menschen erleben die Kräfte des Leibes bis zum vierzigsten Jahre, die unsere Individualität jetzt schon mit 35 Jahren abwärts gehen lassen. Wenn diese [griechisch-römische] Zeit [wirklich nicht] nur rein äußerlich angeschen, [sondern tief innerlich studiert] wird, dann finden wir, dass sie darauf beruht, dass der Mensch mit seinem Bewusstsein das Leben miterlebt, ob dies nun im geschichtlichen Ablauf erfolgt oder im Einzelleben, bis zum vierzigsten Jahre des Menschen, wo die äußern Umstände Einfluss haben auf das geistige Leben. Wohl erreichen wir das heute nicht mehr, wir kommen heute mit dem vollen Miterleben nur bis zum 27. oder 28. Lebensjahr.
[ 51 ] So zeigt uns die Geschichte, wenn wir das geschichtliche Leben verfolgen, mit, man könnte sagen, ein paar Worten, dass die Menschheit als solche immer jünger wird. Das aber bedeutet sehr viel für die richtige Erfassung des Lebens der Menschheit. Diese wurde zuerst so alt, dass sie, als Völker, in der Gemeinsamkeit das erlebte, was im menschlichen Leben sich bis zum dreißigsten Lebensjahr ereignet, und erst dann kam das jüngere Alter. Die Menschheit führt heute durch das ganze Leben hindurch ein viel jüngeres Lebensalter als früher, und darin liegt die wirkliche Kraft, die unbegreiflich erscheint, und auch die Vorgänge der Menschheitsgeschichte, die uns unbegreiflich scheinen wollen, wie zum Beispiel das römische Recht oder die griechische Weltanschauung, die Kunst und das damalige soziale Leben, die einem viel höheren Alter entsprechen.
[ 52 ] Wir finden es aber begreiflich, wenn wir wissen, dass das Erleben des Menschen in seiner Seele damals ganz anders war und dass der Mensch heute das Gleiche nicht mehr erleben kann. Der Mensch ist heute angewiesen darauf, das, was ihm das Leben nicht mehr gibt, mit seiner Seele zu erfassen, und es tritt seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Notwendigkeit an den Menschen heran, mit dem Verstandesbewusstsein das zu erfassen, was das Leben dem Menschen nicht mehr gibt und was durch die innern Impulse der Seele nicht gefunden werden kann. Darum verstehen wir auch jetzt erst, wie wir heute in die Wirklichkeit des seelischen Lebens hineingreifen müssen, um die Zusammenhänge zu begreifen.
[ 53 ] Ich habe dabei nur die großen Gesichtspunkte im Allgemeinen charakterisiert; man kann eben auch nur die Alltagsereignisse herausgreifen und sieht dann die einzelnen Ereignisse in diesem Lichte. Es zeigt sich aber auch das Bild dessen, was sich um uns herum ausbreitet und was ich charakterisiert habe, in einer ganz merkwürdigen Weise. Wir blicken nach dem asiatischen Osten, zu Rabindranath Tagore hinüber, wie er den Geist auffasst und wie er die Geschichte der Inder und des japanischen Volkes betrachtet. Er will, dass bleiben sollen die alten Wurzeln, es soll nicht eintreten der fremde Geist, der sich von dem alten Geist unterscheidet und der eintritt nach dem Zeitraum, der schließt mit dem Zeitalter vom siebten bis achten Jahrhundert. Trotzdem er ein feingeistiger Mensch des Orientes ist, trotzdem er alles aufgenommen hat, was der Gegenstand selbst bieten kann, mit allen Sympathien und Impulsen, steht er in seiner Auffassung der Tradition auf einem eigenen Standpunkte.
[ 54 ] Blicken wir näher hin, dann müssen wir sehen, dass das Leben heute ein gemeinsames Band über die ganze Erde geschlossen hat, trotz der verschiedenen Weltanschauungen, die sich oft gegenseitig befehden und auch stören. Wir sehen auch Geister wie Lamprecht und Grimm, wie sie ringen mit dem, was sich seit dem fünfzehnten Jahrhundert als Individuum entwickelt und von Jahr zu Jahr lebendiger wirkt. Das sind die treibenden Impulse für unsere seelische und sittliche Betrachtungsweise. Der Geisteswissenschafter braucht nicht neue Begriffe aufzustellen, er findet die Begriffe, die verwendbar sind für jenes Zeitalter, in dem wir leben. Er sucht auch keine neuen Ideale, keine Phantasien, er sucht nur das zu erfassen, worin er in Wahrheit unterzutauchen vermag, und er weiß, dass sich das menschliche Zusammensein ausbilden muss. Wir sagen uns aber im Hinblick auf den Orient: Da [wirkt] etwas, das wir nicht mitmachen dürfen, denn wir würden uns schlecht verstehen, wenn wir glaubten, dass wir das in Mitteleuropa nachmachen könnten. Dasjenige, was im Orient und in unsern Gegenden auftritt, ist ganz verschieden, und man versteht es nur dann, wenn man es in der geschilderten Weise auffassen kann. Dann muss man aber sagen: Es ist so, wie wenn jemand vom Kindesalter sich entwickelt bis zum dreißigsten Lebensjahre. Und nur von diesem Gesichtspunkte aus kann man es verstehen, wenn man diese Wirklichkeiten ins Auge fassen will.
[ 55 ] Was uns aber in Amerika entgegentritt, ist eine Art der Vorausnahme eines Zustandes, wie wenn ein Kind greisenhaft wäre, also ein Zustand, der für das spätere Lebensalter ganz gut ist, aber nicht in der Jugend, in der es ein ungesunder Zustand ist; und daher wird dasjenige, was im Sinne dieser Betrachtungsweise wirkt, nur in seinem Kopfe bewusst sein, mit welchem das Leben eigentlich nicht verbunden ist. Man kann da vergleichen Wilsons unruhiges Auge mit dem ruhigen Blick Herman Grimms, in welchem sich ausdrückt die Ruhe der Seele, die von innen heraustritt, von Erlebnis zu Erlebnis schreitet und alles mit einem eigenen Hauch verbindet. [Wenn der Mensch besessen ist von seinem Inneren, dann wird das Auge nicht ruhig, dann wird alles, was er sagt, treffend, schlagkräftig. Es wird aus dem Leiblichen heraus entwickelt, was aus dem Geist heraus entwickelt werden soll.] Auf diesen Unterschied müssen wir achten, darauf müssen wir sehen, wenn wir unser seelisches und ethisches und geschichtliches Wirken verstehen wollen, insbesondere in der heutigen schweren Zeit, in der wir durch unmittelbare Erlebnisse anderer Seeleneindrücke auf dem geschichtlichen Boden gestalten und soziale Zusammenhänge schaffen. Wir können wohl nicht annehmen, was asiatisch ist, und auch nicht, was amerikanisch ist, trotzdem es verstanden werden muss.
[ 56 ] Es ließen sich auch die europäischen Völker charakterisieren, aber man muss untertauchen unter die Oberfläche, und dann nur kann man dasjenige herausholen, was geschichtliche Impulse sind, aus jenen Kräften, welche sonst unbewusst wirken. Wenn man aber das erkennt, dann wird man auch wirkliche geschichtliche Betrachtungen haben, die den Menschen für das Leben die Reife geben. Und wenn die eintritt, dann wird man nicht mehr solche Auseinandersetzungen für paradox halten, und man wird von der Geschichte wirklich etwas haben, was in der Lebenspraxis wirken kann. Man wird, hineingestellt in das Leben, sagen, dass man gewachsen ist den Anforderungen seines Postens, indem man überschauen kann das Leben aus der wahren und vollen Wirklichkeit und nicht nur von der Oberfläche.
[ 57 ] Es ist merkwürdig, dass gerade Goethe das Wort geprägt hat von dem Wert der Geschichte, indem sie Enthusiasmus weckt. Er hat aber damit nur den Begriff umschreiben wollen, denn die Seelenbegriffe werden nicht aus der Geschichte gegeben, sondern sie werden hervorgeholt aus der unbewussten Tiefe, aber da sie instinktiv sind, treten sie in das Gefühlsleben ein, um wieder hinunterzusinken in die Gefühle und Impulse; und aus demjenigen, was geschaut worden ist durch eine wahre geschichtliche Betrachtungsmethode, wird wieder Enthusiasmus entstehen können, und dann werden wir durch empfindenden Enthusiasmus und durch wahrhafte Geschichtsbetrachtungsweise erst dem Leben gegenüberstehen. Ich weiß, dass heute für viele diese Art der Geschichtsbetrachtung höchst paradox klingt, und dass die meisten nicht einverstanden sind mit der Schlussfolgerung, dass das richtige soziale Denken und ethische Wirken aus einer solchen Betrachtung hervorgehen kann, welcher die geschichtliche Betrachtungsweise des schauenden Bewusstseins zugrunde liegt. Ich weiß, dass wir heute als Phantasten angesehen werden, deren Denkweise noch nicht leicht begriffen werden kann.
[ 58 ] Aber ich möchte da eine Frage stellen, ich möchte fragen: Wie viel Menschen hat es gegeben, die vor dem vierzehnten Jahrhundert aus den damaligen Begriffen sich vorstellen konnten, dass unserer Erde eine solche Bewegung zukommt, wie wir es heute wissen? Niemand hat es gewusst, der in der damaligen Zeit gelebt hat. Man sieht jetzt vieles anders an, seitdem man es richtig überschauen kann, und man wird in der nächsten Zukunft noch viel mehr überschauen können. Das wird im menschlichen Leben noch oftmals vorkommen, und es wird sich die Anschauung vermehren. Wir werden mit den alten Sympathien und Antipathien rechnen müssen und wir werden sehen, dass alles, was über die Menschheit hereingebrochen ist, sich wieder ausgleicht, wenn man das versteht, was die Menschheit will, und dass sich das nicht knüpfen lässt an die Vorstellungsart, die wir bisher gehabt haben.
[ 59 ] Es ist wichtig, dass die Menschen das lernen, damit die Menschheit sich vorwärts entwickeln kann. Die Menschen müssen lernen neue Vorstellungen, Ideen und Begriffe, vor allem neues Denken, das sich ausgleicht mit den früheren Begriffen und Ideen. Das Erstere mag heute schon für manchen das einzig Maßgebende sein, das Letztere aber wird das Wichtige sein, denn es wird in die Zukunft hineingreifen und für das Leben begründend sein und es wird unser Leben für die Zukunft begründen. Daher glaube ich, dass gegenüber solchen Betrachtungen Handlungen hervorgehen werden und dass mancher noch zu Ideen und Empfindungen kommen könnte, die heute noch als paradox, vielleicht als komisch gelten, welche aber später, wenn auch widerstrebend, doch anerkannt werden. Es werden die Menschen die Folgerung ziehen, dass wir von heute auf morgen neu lernen müssen und uns einleben müssen in ein neues Denken, Empfinden und Wollen für die folgende Zukunft, um uns in diese Zeit einleben zu können.
