The Human Being as a
Spirit and Soul Being
GA 71b
29 May 1918, Vienna
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The Human Being as a Spirit and Soul Being, tr. SOL
14. Das geschichtliche Leben der Menschheit im Lichte übersinnlicher Wirklichkeitsforschung
14. The Historical Life of Humanity in the Light of Super-Sensory Research into Reality
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Vorgestern habe ich mir erlaubt, hier über die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise, wie sie hineinführen soll in die wahre Wirklichkeit, zu sprechen. Auf der Grundlage dieser Auseinandersetzungen möchte ich heute einige Anwendungen dieser geisteswissenschaftlichen Wirklichkeitsbetrachtung geben, einige Anwendungen auf dem Gebiete des menschlichen Lebens, welche, wie mir scheint, gerade in unserer Zeit, und in der Zukunft gewiss noch viel mehr, für die Lebenspraxis von großer Bedeutung sind, nicht so sehr, weil ich glaube, dass es nötig ist, in einem größeren Kreise über die geschichtliche Vorstellungsart zu sprechen, sondern weil ich meine, dass es wichtig ist, solche Geschichtsbetrachtungen für die Lebenspraxis vorzuführen.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! The day before yesterday, I took the liberty of speaking here about the spiritual-scientific approach to reality and how it is intended to lead us into true reality. Building on those discussions, I would like today to present some practical applications of this spiritual-scientific view of reality, some applications in the realm of human life which, it seems to me, are of great significance for practical living—especially in our time, and certainly even more so in the future—not so much because I believe it is necessary to speak to a wider audience about the historical way of thinking, but because I believe it is important to demonstrate such historical perspectives for practical living.
[ 2 ] Der große Dichter und Schriftsteller Goethe meinte über den Wert der geschichtlichen Betrachtung, wie sie ihm in seiner Zeit besonders entgegentreten konnte, urteilen zu können auf eine Weise, die er in folgende Worte kleidete: «Das Beste an der Geschichte ist der Enthusiasmus, den sie in uns erregt.» Man könnte glauben, dass Goethe damit hat abweisen wollen alle Möglichkeiten, die sonst die Menschen in der geschichtlichen Betrachtung sehen, wenn sie aus der Betrachtung des menschlichen Lebens sich die immer wiederkehrende Frage zu beantworten suchen, wozu man anwesend ist im Leben und was man aus der Geschichte und dem Verhalten der Menschen für die Lebenspraxis lernen könne.
[ 2 ] The great poet and writer Goethe believed he could judge the value of historical reflection—as it presented itself to him in his time—in a way he expressed in the following words: “The best thing about history is the enthusiasm it stirs within us.” One might think that Goethe intended thereby to dismiss all the possibilities that people otherwise see in the study of history when, in contemplating human life, they seek to answer the recurring question of why we are here in life and what we can learn from history and human behavior for our practical lives.
[ 3 ] Nun muss man allerdings sagen: Je mehr man sich einlebt in die geschichtliche Vorstellungsart, desto mehr kommt man darauf, dass sie in der Tat, wie es vielleicht auch dieser Goethe’sche Ausspruch meint, eine Zusammenfassung sein kann einer reichen Lebenserfahrung, einer reichen Lebensweisheit. Insbesondere in unserer Zeit wird man sehr häufig zu einem merkwürdigen Eindruck gebracht durch die Frage: Was kann man aus der Geschichte für das Leben gewinnen? — Unsere katastrophale Gegenwart muss es uns da immer wieder nahelegen, zu erkennen, dass bedeutende Kräfte des menschlichen Lebens über die ganze Erde greifend wirken, dass Erlebnisse da sind, von denen man in Bezug auf die Gegenwart für die Lebenspraxis selbst ungeheuer viel lernen kann. Und man muss auch sagen: Manches kommt heute vor, das einem Bedenken machen könnte in Bezug auf diese Fragen.
[ 3 ] It must be said, however, that the more one immerses oneself in this historical way of thinking, the more one comes to realize that it can indeed—as this saying by Goethe may also imply—be a distillation of a rich life experience, a rich wisdom of life. Especially in our time, one is very often led to a curious impression by the question: What can we gain from history for our lives? — Our catastrophic present must repeatedly prompt us to recognize that significant forces of human life are at work across the entire earth, that there are experiences from which we can learn an immense amount for the practical application of life in relation to the present. And it must also be said: Some things are happening today that might give one cause for concern regarding these questions.
[ 4 ] Ich möchte von den Hunderten von Fällen, die nach dieser Richtung angeführt werden können, nur einen hervorheben, der gerade mit Bezug auf die leidensvolle Gegenwart eine gewisse Bedeutung hat. Man konnte im August, September und Oktober des Jahres 1914 sehr häufig von Leuten, die durchaus scharfsinnig sind, die durchaus in dem Sinne, wie man es heute haben kann, ein gesundes Urteil haben — ich wiederhole: in dem Sinne, wie man es heute haben kann und wie man es sich aus der geschichtlichen und praktisch-geschichtlichen Betrachtung gebildet hat —, man konnte also damals von diesen Leuten hören, dieser Krieg werde ganz gewiss nach den Vorbedingungen, die da sind, nicht länger als vier, höchstens sechs Monate dauern können.
[ 4 ] Of the hundreds of cases that could be cited in this regard, I would like to highlight just one that is particularly significant in light of our current suffering. In August, September, and October of 1914, one very often heard from people who were thoroughly astute, who possessed sound judgment in the sense that one can have it today—I repeat: in the sense that one can have it today and as it has been formed through historical and practical-historical observation— one could hear from these people at that time that, given the existing preconditions, this war would certainly not last longer than four, at most six months.
[ 5 ] Man muss sagen, damals hatte man keinen Grund, darüber zu lächeln oder sich ironisch zu verhalten zu solch einem Ausspruch. Gerade die Leute, die die neuesten geschichtlichen Ereignisse auf irgendeinem Gebiete, auf volkswirtschaftlichem, sozialpolitischem oder sonstigem scharfsinnig verfolgt haben, taten solche Aussprüche, und diese waren nach den Ergebnissen der geschichtlichen Betrachtungsweise durchaus nicht unbegründet. Aber heute drängt sich uns die bange Frage vor die Seele: Was haben wir an der Wirklichkeit selbst gegenüber einer solchen auch geschichtlich begründeten Ansicht erleben müssen? Und die weitere Frage kann sich anschließen: Was könnte noch die Wirklichkeit mit Bezug auf unser Leben bringen? — Man kommt eben zu der Frage: Gibt es eine Möglichkeit, unserer gewohnten Art nach geschichtliche Erkenntnis so zu betrachten, dass aus der unmittelbaren Lebenspraxis auf die Gegenwart geschlossen werden kann?
[ 5 ] It must be said that, back then, there was no reason to smile at or react ironically to such a statement. It was precisely those people who had keenly followed the latest historical events in any field—whether economic, sociopolitical, or otherwise—who made such statements, and these were by no means unfounded in light of historical analysis. But today, an anxious question presses upon our souls: What have we actually experienced in reality that contradicts such a view, even one historically grounded? And a further question may follow: What else might reality bring with regard to our lives? — One inevitably arrives at the question: Is there a way to view historical knowledge in our customary manner so that conclusions about the present can be drawn from the immediate experience of life?
[ 6 ] Aus einer lange vergangenen Zeit möchte ich da ein Beispiel anführen, das Beispiel eines Mannes, dessen Name dafür bürgt, dass er nicht aus Leichtsinn und Unvernunft ein Urteil gefällt hat, das Urteil eines Mannes, dessen Bedeutung Sie sofort erkennen werden, wenn ich nachher seinen Namen nennen werde, der im Jahre 1789 seine Geschichtsprofessur an einer deutschen Universität antreten und dabei auseinandersetzen wollte, was sich ihm als Schluss ergeben hatte, den er ziehen musste aus der geschichtlichen Betrachtung, die er nun zu vertreten hatte vor seinen Schülern. Da sagte er: «Die verschiedenen europäischen Staaten haben sich vielleicht doch schon so weit durchgearbeitet, dass sie sich ausnehmen wie die Glieder einer großen Familie, die sich zwar in der Zukunft vielfach noch befehden können, die sich aber niemals mehr werden zerfleischen können.»
[ 6 ] From a time long past, I would like to cite an example—the example of a man whose name guarantees that he did not pass judgment out of recklessness or irrationality, the judgment of a man whose significance you will immediately recognize when I mention his name later—a man who, in 1789, took up a professorship in history at a German university and sought to explore the conclusion he had reached from the historical analysis he was now to present to his students. He said: “The various European states may, after all, have come so far in their development that they resemble the members of a large family—one that may still be at odds with one another many times in the future, but one that will never again be able to tear itself apart.”
[ 7 ] Dieses Urteil eines Geistes, das er in seiner Professurantrittsrede aus den Tiefen seiner Geschichtsforschung aussprach am Vorabend der Französischen Revolution, enthält ganz gewiss eine Erkenntnis, von der man sagen kann, dass die Wirklichkeit etwas ganz anderes sei, als selbst der tiefsinnige Geschichtsforscher vermuten konnte. Denn wenn man das betrachtet, was in Europa gefolgt ist, dann kann man nicht sagen, die Glieder der europäischen Familie können sich wohl befehden, nicht aber zerfleischen. Und doch, der dieses Urteil gefällt hat, war Friedrich Schiller beim Antritt seiner Geschichtsprofessur in Jena.
[ 7 ] This judgment, which he expressed in his inaugural lecture—drawn from the depths of his historical research—on the eve of the French Revolution, certainly contains an insight that leads one to conclude that reality was something entirely different from what even the most profound historian could have surmised. For when one considers what followed in Europe, one cannot say that the members of the European family may well quarrel, but not tear one another apart. And yet, the man who made this judgment was Friedrich Schiller upon assuming his professorship of history in Jena.
[ 8 ] Wir sehen, dass man nicht ein kurzsichtiger Mensch zu sein braucht, um zu irren, wenn es sich darum handelt, die geschichtliche Vorstellungsart auf die Praxis des Lebens anzuwenden. Denn wie die Frage aufgefasst wird und wie man bisher genötigt war, die geschichtliche Betrachtungsweise und die geschichtliche Vorstellungsart anzuwenden, was zu diesem oder jenem Ergebnis geführt hat — das war wohl nicht geeignet, in die Wirklichkeit mit dem richtigen Urteil hineinzugreifen, sodass sich diese Wirklichkeit so meistern lässt, dass man auch zu einer sachgemäßen Anwendung seines Willens in Bezug auf die Wirklichkeit aus der geschichtlichen Betrachtung herauskäme.
[ 8 ] We see that one need not be short-sighted to err when it comes to applying the historical mode of thought to the practice of life. For the way the question is framed, and the way in which one has hitherto been compelled to apply the historical perspective and the historical mode of thought—which has led to this or that result — was likely not suited to intervening in reality with the correct judgment, so that this reality could be mastered in such a way that one might also arrive at an appropriate application of one’s will in relation to reality based on historical observation.
[ 9 ] Heute darf wahrlich nicht gesagt werden, dass diese Frage nicht außerordentlich wichtig ist, denn wir können heute, wenn es sich um das menschliche Leben in menschlicher Gemeinschaft handelt, nicht mehr bloß einen kleinen Gesichtskreis umfassen. Wir stehen inmitten katastrophaler Dinge, welche nach und nach die ganze Erde ergriffen haben, und die Forderung tritt an den Menschen heran, auch mit seinen Betrachtungen, die nach einer solchen Richtung hingehen, nicht innerhalb der engen Grenzen stehen zu bleiben, sondern den Versuch zu machen, aus der geschichtlichen Betrachtung einen Impuls zu bekommen, der sich über die ganze Erde wenigstens in einer gewissen Richtung erstrecken könnte. Man hat das Gefühl, zumindest in gewissen Kreisen, dass die alte — ich will nur eine herausgreifen, zum Beispiel die Ranke’sche — Geschichtsbetrachtung nicht mehr genügen würde den Anforderungen des neuen Lebens.
[ 9 ] Today, it truly cannot be said that this question is not of extraordinary importance, for when it comes to human life in human society, we can no longer limit our perspective to a narrow scope. We are in the midst of catastrophic events that have gradually engulfed the entire earth, and the demand is being made of humanity not to remain confined within narrow boundaries—even in its reflections that point in this direction—but to attempt to draw from historical reflection an impulse that could extend across the entire earth, at least in a certain direction. One has the feeling, at least in certain circles, that the old—I’ll just single out one, for example, Ranke’s—approach to history would no longer suffice to meet the demands of the new life.
[ 10 ] Interessant wird dasjenige, was in dieser Beziehung hervorgetreten ist, wenn man den Gesichtskreis erweitert, und gerade dann, wenn der Geschichtsbetrachter Einkehr hält und sich frägt: Was tritt hervor im ganzen Menschenleben, wenn man hinsieht auf die Art, wie die Menschengeschichte betrachtet wird? Da will ich ein charakteristisches Beispiel auswählen, das uns manches für heute veranschaulichen kann. Ich will zunächst davon absehen, dass der deutsche Geschichtsforscher Karl Lamprecht das Gefühl hat, wie ungenügend die Ranke’sche Vorstellungsart ist, und dass er den Versuch gemacht hat, mehr in der innerlichen Art die historischen Ereignisse zu motivieren und anstelle der Leute die Impulse zu setzen und so historisch mehr zu betrachten und zu prüfen, wie aus den Impulsen im Laufe der Zeit die Ereignisse entstanden sind.
[ 10 ] What has emerged in this regard becomes interesting when one broadens one’s perspective—and especially when the observer of history pauses to reflect and asks: What stands out in the whole of human life when one looks at the way human history is viewed? I would like to select a characteristic example that can illustrate a number of things for us today. I will first set aside the fact that the German historian Karl Lamprecht feels that Ranke’s approach is inadequate, and that he attempted to explain historical events more from an internal perspective, focusing on the driving forces rather than the people themselves, and thus to examine history more closely by analyzing how events arose from these driving forces over the course of time.
[ 11 ] Unter dem vielen, was bei Lamprecht betrachtet werden könnte, ist eine Zusammenfassung ins Auge zu fassen, die er gegeben hat, als er zu Beginn dieses Jahrhunderts an einigen Orten Amerikas Vorlesungen gehalten hat über seine Art, die Geschichte seines Volkes aufzufassen. Ich weiß sehr wohl, dass es heute zahlreiche Widersacher gibt, welche Lamprechts Art vielleicht für verfehlt, vielleicht sogar für schwärmerisch halten. Aber Sie müssen mir zugeben, dass Lamprecht ganz richtig vorgehen will, indem er versucht, die innern Motive und Kräfte im menschlichen Leben auf den Plan der geschichtlichen Vorstellungsart zu führen. In welcher Absicht er das tut, kann man entnehmen aus dem Vortrage, den er gehalten hat und in dem er darstellen wollte, wie er sich nach seiner Vorstellungsweise den Verlauf der deutschen Geschichte denkt.
[ 11 ] Among the many things that could be considered regarding Lamprecht, we should take note of a summary he provided when he gave lectures at various locations in America at the beginning of this century on his approach to understanding the history of his people. I am well aware that there are numerous critics today who may consider Lamprecht’s approach misguided, or perhaps even fanciful. But you must admit that Lamprecht is quite right in his approach, as he attempts to bring the inner motives and forces of human life into the framework of historical interpretation. The intention behind this can be gleaned from the lecture he gave, in which he sought to illustrate how, according to his conception, he envisions the course of German history.
[ 12 ] Lamprecht hat auch eine besondere Art, den geschichtlichen Verlauf eines Volkes darzulegen. Ich will nur ganz kurz auf dasjenige hinweisen, wozu Karl Lamprecht im Verlaufe seines langen Lebens gekommen ist. Er sagt: Wenn man zurückblickt auf die erste Zeit der deutschen geschichtlichen Entwicklung bis in das dritte Jahrhundert nach Christus, dann findet man, dass alle Seelenkräfte, aus denen das geschichtliche Leben und die geschichtlichen Zusammenhänge der Menschen hervorgehen, sich gründen auf eine bestimmte Seelenverfassung unserer Vorfahren in jenen alten Zeiten. — Diese Seelenverfassung charakterisiert Karl Lamprecht als die symbolisierende. Aus dieser Seelenverfassung ist dann jene soziale Struktur entstanden, durch welche das Leben selbst den Charakter eines Sinnbildes annimmt, und zwar nicht allein, dass das Leben zu einer symbolischen Darstellung wird, sondern auch, wenn eine führende Persönlichkeit auftritt, tritt sie mit einer solchen Seelenverfassung auf, dass man sagen könne, diese Persönlichkeit ist ein Symbol für den ganzen Volksstamm.
[ 12 ] Lamprecht also has a unique way of presenting the historical development of a people. I would like to briefly touch on the conclusions Karl Lamprecht reached over the course of his long life. He says: When one looks back at the earliest period of German historical development up to the third century A.D., one finds that all the spiritual forces from which human historical life and historical contexts arise are grounded in a specific spiritual disposition of our ancestors in those ancient times. — Karl Lamprecht characterizes this spiritual disposition as the “symbolizing” one. From this state of mind arose the social structure through which life itself takes on the character of a symbol—not only in the sense that life becomes a symbolic representation, but also in that when a leading figure emerges, they do so with such a state of mind that one could say this figure is a symbol for the entire tribe.
[ 13 ] Das finder also Karl Lamprecht vom dritten Jahrhundert bis zum zehnten Jahrhundert; dann aber ist es eine ganz andere Seelenverfassung, die auftritt und die Geschichte macht. Es ist das jetzt die subjektiv-typische Art, in welcher nicht mehr das Sinnbild dargestellt wird, nicht mehr die Persönlichkeit im Sinnbilde, sondern der Typus, der Repräsentant des Volksstammes und der Stammesart wird. Gewohnheitsrechte bürgern sich jetzt ein, die Menschen wirken untereinander so, dass sie das Typische dieser Verhältnisse erkennen lassen und dieses in eine gewisse soziale Struktur hinein formen.
[ 13 ] This, then, is what Karl Lamprecht observes from the third century to the tenth century; but after that, a completely different state of mind emerges and shapes history. This is now the subjective-typical mode, in which it is no longer the symbol that is depicted, nor the personality within the symbol, but rather the type, which becomes the representative of the people and the tribal kind. Customary laws now take root; people interact with one another in such a way that they reveal the typical nature of these relationships and shape it into a certain social structure.
[ 14 ] Vom elften bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts tritt dann in der Geschichte der Menschheit nach der Darstellungsweise Karl Lamprechts dasjenige auf, was er das konventionelle Zeitalter nennt. Nicht mehr etwas, was aus der Seele tritt und zu einem Symbol oder Typus führt, tritt hervor, sondern es setzen einzelne Menschen aus Tradition oder Vernunft der führenden Personen oder führenden Kreise dasjenige fest, was regeln soll den ganzen gegenseitigen Zusammenhang. Das führt nun zu gewissen Konventionen und zu gewissen Urteilen. Es ist das die Ritterzeit, die Zeit, in welcher sich die soziale Struktur herausbildet, durch welche die Konventionen besonders Platz greifen können.
[ 14 ] From the eleventh to the middle of the fifteenth century, according to Karl Lamprecht’s account, what he calls the “conventional age” emerges in human history. It is no longer something that springs from the soul and gives rise to a symbol or archetype that comes to the fore, but rather individual people, guided by tradition or the reason of leading figures or leading circles, establish what is to govern the entire interrelationship. This then leads to certain conventions and certain judgments. This is the Age of Chivalry, the era in which the social structure takes shape, allowing conventions to take particular hold.
[ 15 ] Nun ist es sehr merkwürdig, dass Karl Lamprecht in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts den bedeutsamsten Zeitpunkt der Geschichte verlegt, denn es beginnt mit dem fünfzehnten Jahrhundert der geschichtliche Impuls. Lamprecht sagt: In der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts tritt ein die Entwicklung der deutschen Geschichte —, und er glaubt, dass ein solcher Verlauf auf die geschichtliche Entwicklung des ganzen Volksstammes sich anwenden lässt, dass die Menschen jetzt nicht mehr als Typus oder konventionell auftreten, sondern dass der Mensch nunmehr eine Individualität ist und als solche sich hineinstellt in den geschichtlichen Verlauf und in die soziale Ordnung. Dieses [individuelle] Zeitalter dauert nach Ansicht des Karl Lamprecht bis zum achtzehnten Jahrhundert, und dann beginnt jenes Zeitalter, in dem wir stehen, das [subjektive] Zeitalter, wo immer mehr in das geschichtliche Leben das eingeführt wird, was der Mensch erlebt und was ihn nicht von außen bestimmt, sondern was ihn in seinem Innern berührt. Damit treten mehr verständliche Elemente in den Lauf der geschichtlichen Erkenntnis ein, das gebildete Publikum beginnt eine Rolle zu spielen, während man es früher im symbolischen und konventionellen Zeitalter mehr zu tun hatte mit elementaren Kräften, die, instinktiv aus dem Innern des Menschen kommend, das Wollen und die soziale Struktur beeinflusst haben.
[ 15 ] It is very strange, however, that Karl Lamprecht places the most significant turning point in history in the middle of the fifteenth century, for it is with the fifteenth century that the historical impulse begins. Lamprecht says: “In the middle of the fifteenth century, a new phase in the development of German history begins”—and he believes that such a course can be applied to the historical development of the entire nation, that people no longer appear as types or in conventional ways, but that the individual is now an individuality and, as such, inserts himself into the course of history and the social order. According to Karl Lamprecht, this [individual] age lasted until the eighteenth century, and then began the age in which we now find ourselves—the [subjective] age—in which historical life increasingly incorporates what the individual experiences and what does not determine him from the outside, but rather touches him from within. Consequently, more comprehensible elements enter the course of historical understanding; the educated public begins to play a role, whereas in the symbolic and conventional age one was more concerned with elemental forces that, arising instinctively from within the human being, influenced volition and social structure.
[ 16 ] Man sieht aus dem Ganzen, wonach Karl Lamprecht trachtet; er trachtet, in die Geschichte der Menschen das zu bringen, was in der menschlichen Seele den Verlauf und die Entwicklung der Ereignisse bedingt, er sucht tief hineinzugehen in das Bild der menschlichen Gesellschaft und meint, die intensive Geschichtsforschung soll nur eine Vorbereitung sein für dasjenige, um was es sich handelt. Sie soll sich aber bemühen, hineinzudringen in die menschliche Seele, um zu zeigen, wie aus der menschlichen Seele heraus Geschichte wird.
[ 16 ] From this overall picture, one can see what Karl Lamprecht is striving for; he seeks to bring into the history of humankind that which, within the human soul, determines the course and development of events; he seeks to delve deeply into the picture of human society and believes that intensive historical research should be merely a preparation for what really matters. It should, however, strive to penetrate the human soul in order to show how history emerges from within the human soul.
[ 17 ] Sieht man sich diese Versuche an, auf eine gewisse strengere Art die geschichtlichen Entwicklungen zu betrachten, so wird man finden, wenn man den einzelnen Arten nachgeht, dass sie einen in vieler Beziehung höchst unbefriedigt lassen, insbesondere, wenn man die einzelnen Epochen, wie Karl Lamprecht sie schildert, durchnimmt. Man findet, dass immer dieselben Begriffe auftauchen, und während er meint, dass die Epochen verschieden sind, kann er nicht dasjenige erfassen, was er erfassen will, denn er ist nicht imstande, in die Wirklichkeit selbst unterzutauchen. Dennoch interessiert dieser Versuch, weil Karl Lamprecht uns zeigt, dass ein Weg gesucht werden muss zu einer innerlichen Betrachtung der Geschichte, zu einer Vergeistigung der geschichtlichen Forschung. Und es ist, von diesem Gesichtspunkt betrachtet, sehr interessant, zu vergleichen, was hier ein anderer Mann auf der Grundlage des ernsten geschichtlichen Strebens dargeboten hat, der die Geschichte seines eigenen Volkes zu vergleichen sucht mit der Geschichte eines anderen und dies mit einer andern Art der Geschichtsforschung. Man wird daraus sehen können, wie zwei Persönlichkeiten, der eine einem bestimmten Gebiete des menschlichen Lebens angehörig und der zweite einem ganz andern, sich zu geschichtlicher Lebensbetrachtung verhalten.
[ 17 ] If one examines these attempts to view historical developments in a somewhat more rigorous manner, one will find, upon examining the individual approaches, that they leave one highly unsatisfied in many respects, especially when reviewing the individual epochs as described by Karl Lamprecht. One finds that the same concepts keep cropping up, and while he believes the epochs to be distinct, he is unable to grasp what he seeks to grasp, for he is incapable of delving into reality itself. Nevertheless, this attempt is of interest because Karl Lamprecht shows us that a path must be sought toward an inner contemplation of history, toward a spiritualization of historical research. And from this perspective, it is very interesting to compare what another man has presented here on the basis of a serious historical endeavor—a man who seeks to compare the history of his own people with that of another, using a different method of historical research. From this, one will be able to see how two personalities—one belonging to a specific sphere of human life and the other to an entirely different one—relate to the historical contemplation of life.
[ 18 ] Diese andere Persönlichkeit ist Woodrow Wilson, der gerade zu jener Zeit, als Karl Lamprecht über die Geschichte seines Volkes sogar zu den Amerikanern gesprochen hat, den Versuch machte, der in einer ganz andern Betrachtungsweise zu dem Ergebnis geführt hat, wie er die Geschichte seines amerikanischen Volkes betrachtet. Da tritt nun etwas sehr Eigentümliches hervor. Diese uns sehr fern stehende Persönlichkeit auf demselben Gebiete zu betrachten wie Karl Lamprecht, ist für jeden von besonderem Interesse. Aber bei Wilson tritt uns eine große Eigentümlichkeit entgegen. Er betrachtet die Geschichte seines amerikanischen Volkes, die doch ziemlich leicht zu übersehen ist. Aber bei diesem kurzen Zeitlaufe der amerikanischen Geschichte stehen Wilson und Lamprecht — man muss das sagen — in einem merkwürdigen Gegensatz, wobei man fühlt, worauf es bei beiden ankommt.
[ 18 ] This other figure is Woodrow Wilson, who, just as Karl Lamprecht was speaking to the Americans about the history of his people, undertook an endeavor that—from a completely different perspective—led to the conclusion of how he viewed the history of his own American people. Here, something very peculiar comes to light. It is of particular interest to everyone to examine this figure—who is very distant from us—in the same context as Karl Lamprecht. But with Wilson, we encounter a major peculiarity. He views the history of his American people—a history that is, after all, quite easy to overlook. Yet, when it comes to this brief span of American history, Wilson and Lamprecht—it must be said—stand in a striking contrast, which makes one sense what is truly important to both of them.
[ 19 ] Wilson will das auffassen, was er darstellen soll und was charakteristisch ist für die Entwicklung des amerikanischen Volkes, und man sieht, wie er durch Fortführung von einem Punkte zum andern in der Tat ungemein einleuchtend die ganze Darstellung der Geschichte seines Volkes herausbekommt. Er weist nach, wie alle diejenigen unrecht tun, welche eine geschichtliche Vorstellungsart auf Amerika anwenden nach dem Muster der Vorstellung, die aus England herüberkommt und die sie anwenden wollen auf das amerikanische Leben, ohne einzusehen, dass Amerika unter besonderen Vorbedingungen sein Leben gestaltet hat. Wilson will in seiner Weise das reine Amerikanertum schaffen; er macht aufmerksam, dass es eine prägnante Erscheinung gerade in Amerika ist, dass die Kultur in Amerika allmählich vom Osten gegen den Westen zog, der erst in späteren Zeiten vollständig ausgebaut war. Von Osten nach Westen sind die Menschen gezogen, überwindend die Wildnis, und er stellt dar, wie in diesem Kampfe gegen die Wildnis die amerikanische Geschichtsentwicklung liegt, wie alles dasjenige, was der Amerikaner im Leben gemacht hat, dadurch entstanden ist, dass von Osten her der Westen erobert werden musste. Nicht Politiker, nicht Diplomaten haben die amerikanische Geschichte gemacht, sondern der Jäger, der die Bäume fällte, der Ackerbauer, der in die Wildnis zog und das Feld bestellte, und das waren auch die wichtigsten Fragen, die für die Amerikaner in Betracht kamen, die Fragen der Landwirtschaft und des Ackerbaues. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet Wilson die amerikanische Geschichte, und er kommt zur [einleuchtenden] Lösung dieser Fragen dadurch, dass er zeigt, wie diese Fragen entstanden sind und wodurch es entstanden ist, dass dieses Vordringen notwendig geworden ist von Osten nach Westen.
[ 19 ] Wilson seeks to capture what he is meant to portray—that which is characteristic of the development of the American people—and one can see how, by moving from one point to the next, he in fact brings out the entire narrative of his people’s history with remarkable clarity. He demonstrates how all those are mistaken who apply a historical perspective to America based on the model imported from England—a perspective they seek to impose on American life without realizing that America has shaped its way of life under unique circumstances. Wilson seeks, in his own way, to create a pure American identity; he points out that it is a distinctive feature of America that its culture gradually moved from east to west, with the west not fully developed until later times. People moved from east to west, conquering the wilderness, and he illustrates how American historical development lies in this struggle against the wilderness—how everything Americans have accomplished in life arose from the necessity of conquering the West from the East. It was not politicians or diplomats who made American history, but the hunter who felled the trees, the farmer who ventured into the wilderness and cultivated the land—and these were also the most important issues for Americans: the issues of agriculture and farming. Wilson views American history from this perspective, and he arrives at a [plausible] solution to these questions by showing how they arose and what led to the necessity of this westward expansion.
[ 20 ] Man muss sagen, man kommt dabei zu dem Eindruck, dass Wilson auf seine Weise ganz richtig die Geschichte des amerikanischen Volkes schildert, er weiß, in welchem Verhältnis die Dinge zueinanderstehen, die er schildert und darstellt. Man fühlt, wie er etwas ganz Merkwürdiges hineinlegt, indem er sucht, die prägnanten Punkte in der Geschichte der Amerikaner zu finden; und wenn er dann sagt, dass es ein Charakteristisches des Amerikaners sei, sein bewegliches Auge, seine Leidenschaft, Abenteuer zu suchen, gegebene Situationen rasch zu überblicken und rasch etwas auszuführen, auf seine Art für seine Heimat Arbeit zu leisten, dass alle diese Pläne rasch aufgefasst und ausgeführt werden sollen, so fühlt man bei allem, was darinnen steht: Er weiß, wo die augenfälligen Punkte zu finden sind.
[ 20 ] It must be said that one gets the impression that Wilson, in his own way, accurately depicts the history of the American people; he understands the relationships between the things he describes and portrays. One senses that he brings something quite remarkable to the table by seeking to identify the defining moments in American history; and when he then says that a characteristic of the American is his keen eye, his passion for seeking adventure, his ability to quickly assess a given situation and act swiftly, and his way of working for his homeland—that all these plans should be quickly conceived and carried out—one senses, in everything he writes: He knows where to find the salient points.
[ 21 ] Woodrow Wilson hat sich auch über [die Methode], die Vorstellungsart seiner geschichtlichen Betrachtung in einem recht interessanten Vortrage ausgesprochen; und ich muss sagen, ich finde gerade in diesem Vortrage etwas außerordentlich Charakteristisches. Ich darf bei dieser Gelegenheit auch sagen, dass, wenn ich Ihnen auch jetzt gesagt habe, auf welche Weise Wilson die Geschichte seines Volkes schildert, Woodrow Wilson doch keine Persönlichkeit ist, die man irgendwie sympathisch nennen könnte, und zwar nicht aus subjektiven Gründen heraus, sondern weil ich glaube, dass eine solche Betrachtungsweise, wie sie Wilson anwendet, nicht fruchtbar sein kann in unseren Gegenden, trotzdem ich sie so beschreiben muss, wie ich das heute getan habe. Wir werden darauf noch später zu sprechen kommen. Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand, der mich schon öfter gehört hat, den Vorwurf gegen mich erheben kann, dass ich aus irgendwelchen chauvinistischen Gründen mir mein Urteil über Wilson gebildet habe als dem ähnlich, das man hierzulande über ihn hat. Ich habe mir das Urteil über Wilson aus der «Literatur» und aus seinem Eintreten für die Freiheit der Amerikaner schon lange gebildet und in einem Vortrage in Helsingfors dieses Urteil auch ausgesprochen in dem gleichen Sinne, wie ich es auch heute getan habe. Daran hat der Krieg also gar nichts geändert. Das ist dokumentarisch nachzuweisen, und daher darf ich wohl über seine Persönlichkeit sprechen, so wie ich es heute ausgeführt habe.
[ 21 ] Woodrow Wilson also spoke about [the method], the approach he takes in his historical analysis, in a rather interesting lecture; and I must say that I find something exceptionally characteristic in this very lecture. I would also like to take this opportunity to say that, even though I have just described to you the way in which Wilson portrays the history of his people, Woodrow Wilson is not a figure whom one could in any way call likable—not for subjective reasons, but because I believe that the kind of perspective Wilson employs cannot be fruitful in our part of the world, even though I must describe it as I have done today. We will return to this later. But I do not believe that anyone who has heard me speak on several occasions can accuse me of having formed my judgment of Wilson—which is similar to the one held here in this country—for any chauvinistic reasons. I formed my opinion of Wilson long ago based on his “literature” and his advocacy for the freedom of Americans, and I expressed this opinion in a lecture in Helsinki in the same spirit as I have today. The war has therefore changed nothing in this regard. This can be documented, and I am therefore entitled to speak about his character as I have done today.
[ 22 ] Was mir merkwürdig war in Bezug auf die geschichtliche Auffassungsweise Wilsons, tritt mir entgegen, wenn ich vergleiche, was er über diese geschichtliche Vorstellungsart selbst gesagt hat, mit manchen mir sehr lieben und sympathischen Darlegungen einer Persönlichkeit, die nur auf einem speziellen Gebiete der geschichtlichen Betrachtungsweise tätig war, für mich aber infolge der besonderen Impulse, die von ihr ausgehen konnten, unendlich sympathisch ist. Das ist der große Meister Herman Grimm, der schon längst sein Urteil darüber abgegeben hat, wie man Geschichte betrachten soll. Es tritt einem hier die Eigentümlichkeit entgegen, dass man einzelne Sätze nehmen kann von Grimm und sie hinüberführen kann in die Darstellungsweise Wilsons, ohne den Gedankengang zu unterbrechen. Und dass man wieder Sätze von Wilson in die heimischen Aufsätze Grimms verlegen kann; und man sieht dann, dass sie mit dem übereinstimmen, was Wilson gesagt hat.
[ 22 ] What struck me as peculiar about Wilson’s approach to history becomes apparent when I compare what he himself said about this way of conceiving history with certain explanations—which are very dear to me and to which I am very sympathetic—offered by a figure who was active only in a specific field of historical analysis, but who is infinitely appealing to me because of the special inspiration he was able to provide. This is the great master Herman Grimm, who long ago offered his judgment on how history should be viewed. What is striking here is that one can take individual sentences from Grimm and transfer them into Wilson’s mode of presentation without interrupting the train of thought. And that one can, in turn, transpose sentences from Wilson into Grimm’s own essays; and one then sees that they correspond with what Wilson has said.
[ 23 ] Dieses Experiment kann man machen, und das halte ich für ungeheuer bedeutungsvoll für das Denken einer gewissen Art der Weltauffassung und für die Denkungsart der Gegenwart. Sie [nennt sich eine Praktische], glaubt, überall in alle praktischen Wirklichkeiten und in alle Begriffe untertauchen zu können und ist stolz darauf, wie weit sie es gebracht hat in Bezug auf die praktische Lebensauffassung. Und dennoch ist die Gegenwart durchaus theoretisch und mit Verstandesbegriffen vollgepfropft. Wenn heute jemand eine Auseinandersetzung von irgendeiner Seite vernimmt, so gibt er nur auf den Inhalt acht, er folgt nur dem reinen Wortlaute nach; das tritt gerade in der Gegenwart grell zutage und ist mit Bezug auf das Gesagte sehr wichtig, denn jeder muss einsehen, dass zwei Menschen dem Wortlaute nach dasselbe sagen können, was aber dem Sinne nach ganz anders ist. Die Theorie macht für das Leben noch nicht alles aus, und der bloß verstandesmäßige Inhalt macht es auch nicht aus. Es liegt aber in der Art, wie eine Persönlichkeit sich hineinstellt in das gesellschaftliche Leben, etwas, was mehr ist als der Inhalt ihrer Sätze, die Theorie; das ist, wie die betreffende Persönlichkeit spricht, die Art und Weise, wie sie aus dem Leben herauskommt, und wie es herauskommt, was die betreffende Persönlichkeit zu sagen hat.
[ 23 ] This experiment can be carried out, and I consider it immensely significant for a certain way of conceiving the world and for the contemporary mindset. It [calls itself “practical”] believes it can immerse itself in all practical realities and in all concepts, and takes pride in how far it has come in terms of its practical outlook on life. And yet the present is thoroughly theoretical and crammed full of intellectual concepts. When someone today hears a debate from any side, they pay attention only to the content; they follow only the literal wording. This is particularly glaringly evident in the present and is very important in relation to what is said, for everyone must realize that two people can say the same thing in terms of the wording, yet what they mean can be entirely different. Theory alone does not account for everything in life, nor does purely intellectual content. However, there is something in the way a person engages with social life that goes beyond the content of their statements—beyond theory; it is how that person speaks, the manner in which they draw from life, and how what that person has to say comes across.
[ 24 ] Und da tritt gerade in diesem Beispiele etwas ganz Merkwürdiges hervor. Wenn ich Lamprechts Art und Weise betrachte, und ich spreche nicht vom nationalen Standpunkte, sondern nur vom Standpunkte der objektiven Wissenschaft — wenn ich also Lamprechts Geschichtsbetrachtung ansehe, so sehe ich trotz aller Fehler, wie die Menschen schwer ringen, wie sie sich schwer erkämpfen das, zu dem sie vordringen wollen. Es sind vielleicht weniger Begriffe als bei Wilson, aber er kämpft, und man merkt es ihm an an der Art, wie gesprochen wird, dass von Satz zu Satz die kämpfende Seele sich das erwirbt, was sie vielleicht als falsche Ansicht hinstellt, was sie aber erlebend sich errungen hat. Und insbesondere ist das bei der glänzenden Art Herman Grimms [auf dem Gebiete der Kunst] der Fall. Und ich sage mir trotz allem objektiven Aussehen: Die Aussprüche, die mir lieb und wert sind und die ich bei Lamprecht wie bei Grimm finde, sie machen bei Wilson einen ganz anderen Eindruck. Ich frage mich, und ich wage es zu beantworten: Alles, was bei Wilson hervortritt, ist, wie wenn er instinktiv zum Richtigen hingetrieben werden würde, aber es macht nie den Eindruck, dass es sein Erleben ist, sein Erstreben und Erwerben, es macht nur den Eindruck, dass es — trotzdem es auf die praktische Wirklichkeit gerichtet ist — doch nicht aus der Tiefe der Seele auftaucht, sondern wie wenn dasjenige, was Wilson ausspricht, eine Selbstsuggestion wäre, eine Art des Unterbewusstseins. Ich glaube, ich habe gestern hier das Recht erworben, diesen Ausdruck zu gebrauchen. Wilson nimmt sich nicht so aus [in seiner Geschichtsbetrachtung], wie wenn er Stück für Stück der Seele ergründen würde, sondern es macht den Eindruck, als ob er aus dem Untergrunde der Seele das geoffenbart bekäme, wie wenn er von seinen Lehren besessen wäre, als ob sein Inneres ihm das suggerieren würde.
[ 24 ] And it is precisely in this example that something quite remarkable comes to light. When I consider Lamprecht’s approach—and I am not speaking from a national standpoint, but solely from the standpoint of objective science—when I examine Lamprecht’s view of history, I see, despite all its flaws, how people struggle hard, how they fight hard to achieve what they are striving for. There may be fewer concepts than in Wilson’s work, but he struggles, and you can tell from the way he speaks that, sentence by sentence, his struggling soul acquires what it may present as a false view, but which it has actually achieved through lived experience. And this is particularly the case with Herman Grimm’s brilliant style [in the field of art]. And I tell myself, despite all appearances of objectivity: the statements that are dear and valuable to me—and which I find in both Lamprecht and Grimm—make a completely different impression in Wilson’s work. I ask myself, and I dare to answer: Everything that stands out in Wilson’s work is as if he were instinctively driven toward the truth, but it never gives the impression that it is his own experience, his own striving and achievement; it merely gives the impression that—even though it is directed toward practical reality—it does not spring from the depths of the soul, but rather as if what Wilson expresses were a form of self-suggestion, a manifestation of the subconscious. I believe I earned the right here yesterday to use this expression. Wilson does not come across [in his historical analysis] as if he were fathoming the soul piece by piece, but rather it gives the impression that he is receiving revelations from the depths of the soul, as if he were possessed by his own teachings, as if his inner self were suggesting them to him.
[ 25 ] Es ist sehr merkwürdig, zwei Persönlichkeiten im geschichtlichen Leben sich gegenüberstehend zu sehen, die gerade in dieser Weise so verschieden sind, wie Lamprecht und Grimm einerseits und Wilson andererseits. Weiter ist es auch interessant, andere Betrachtungsweisen anzusehen. Man kann sie nicht eigentlich historisch nennen, aber man kann sie unter die geschichtlichen Betrachtungen zusammenfassen.
[ 25 ] It is very curious to see two figures in history standing in such stark contrast to one another—figures as different as Lamprecht and Grimm on the one hand, and Wilson on the other. It is also interesting to consider other perspectives. One cannot strictly call them historical, but they can be grouped under historical perspectives.
[ 26 ] Man könnte da auch andere, auch asiatische Betrachter des Lebens anführen; ich will nur den Rabindranath Tagore nennen, der unter anderem, was er über den Geist Asiens gesprochen hat, eine solche zusammenfassende Darstellung geliefert hat. Er hat auch gesprochen über den Geist Japans, aber aus seiner Darstellung geht noch etwas ganz anderes hervor. Es geht hervor, dass dieser Mann, der, ebenso wie Lamprecht und Grimm im deutschen und Wilson im amerikanischen Leben, im asiatischen steht, als gebildeter Vertreter der asiatischen Kultur angesehen werden muss. Wer diesen Mann in seinem Leben betrachtet, der bekommt den Eindruck, er möchte den Inhalt, die ursprüngliche Quelle des indischen und japanischen Lebens erforschen, indem er weniger Wert legt auf das, was Japan und Indien in der neueren Zeit erlebt haben, sondern dem nachforscht, was die eigentlichen Quellen sind. Er hat eine eigentümliche Art, die menschliche Kultur zu bewundern; Rabindranath Tagore sagt, es soll für sein Volk eigentlich keine Geschichte geben, es soll die menschliche Seele unberührt bleiben in ihrem inneren Leben von demjenigen, was in der unmittelbaren Gegenwart die Menschen bewegt. Es geht seine Darstellungsart über die ganze Erde, und diejenigen, die tiefer blicken, wissen, dass unsere schwere Katastrophe, mehr als man glaubt, nicht von den Dingen abhängt, von denen sie heute so viel abhängig geglaubt wird, sondern von den seelischen Impulsen der über die ganze Erde wohnenden Völker.
[ 26 ] One could also cite other observers of life, including Asian ones; I will mention only Rabindranath Tagore, who—among other things he has said about the spirit of Asia—has provided such a comprehensive account. He has also spoken about the spirit of Japan, but something quite different emerges from his account. It becomes clear that this man—who, just as Lamprecht and Grimm represent German life and Wilson represents American life, stands within Asian life—must be regarded as a cultured representative of Asian culture. Anyone who observes this man’s life gains the impression that he wishes to explore the essence, the original source of Indian and Japanese life, by placing less emphasis on what Japan and India have experienced in more recent times and instead investigating what the actual sources are. He has a unique way of admiring human culture; Rabindranath Tagore says that, for his people, there should really be no history—the human soul should remain untouched in its inner life by what moves people in the immediate present. His way of presenting things spans the entire globe, and those who look more deeply know that our grave catastrophe, more than is generally believed, does not depend on the things on which it is thought to depend so much today, but rather on the spiritual impulses of the peoples dwelling throughout the world.
[ 27 ] Das zeigt sich symptomatisch in solcher Darstellungsart, die sich herausheben will aus der Allgemeinheit und die darstellen will, was im Leben der Allgemeinheit gelten muss. Und betrachtet man dasjenige, was uns am nächsten liegt, die geschichtliche Vorstellungsart des Karl Lamprecht, dann findet man fast jedes Kapitel in gleicher Weise und in gleichen Begriffen charakterisiert, man findet nämlich, die Begriffe [sind ausgedacht, sie] tauchen nicht unter in die Wirklichkeit. Worin liegt das aber? Die Beantwortung dieser Frage ist außerordentlich wichtig. Lamprecht will die menschliche Seele betrachten und will erforschen, wie aus den Impulsen der menschlichen Seele heraus die Geschichte gemacht wird, er braucht dazu die Erkenntnis der Gesetze der menschlichen Seele, die uns zeigen, wie die menschliche Seele sich im sozialen Leben auswirkt. Und da schildert er die Handlungen in einer Weise, dass es unmöglich ist, wenn man sie anwenden will auf andere Betrachtungsgebiete, die unmittelbar mit dem Leben zusammenhängen, zu einem richtigen Ende zu kommen, mit einem Worte, man findet: Man taucht nicht unter!
[ 27 ] This is symptomatic of a mode of representation that seeks to distinguish itself from the general public and to portray what must hold true in the life of the general public. And if one considers what is closest to us—Karl Lamprecht’s historical conception—one finds that almost every chapter is characterized in the same way and with the same concepts; namely, one finds that the concepts [are contrived; they] do not become submerged in reality. But why is that? The answer to this question is extraordinarily important. Lamprecht seeks to examine the human soul and to investigate how history is shaped by the impulses of the human soul; to do so, he requires an understanding of the laws of the human soul, which show us how the human soul manifests itself in social life. And there he describes actions in such a way that it is impossible, if one wishes to apply them to other areas of inquiry directly related to life, to arrive at a correct conclusion; in a word, one finds: One does not delve deep enough!
[ 28 ] Und da darf wohl die Frage aufgeworfen werden: Wie würde es sein, wenn jene Wirklichkeitsforscher, von denen vorgestern die Rede war, deren Erkenntnis auf eine ganz andere Art aufgebaut ist wie die Naturforschung und Mystik, die erst von der Seele erworben werden muss, wenn die Seele sich in einem solchen Bewusstseinszustand befindet, der dem gewöhnlichen Bewusstseinszustand so entgegengesetzt ist wie das Tagesbewusstsein dem Traumbewusstsein — wenn jene Wirklichkeitsforscher aus ihren Erkenntnissen heraus Geschichte betrachten? Ich kann in dieser kurzen Zeit nur die Ergebnisse angeben, aber sie werden gefunden durch die Art, die ich vorgestern hier geschildert habe; und da ist zunächst Folgendes zu sagen: Das menschliche Leben verläuft für den oberflächlichen Betrachter in zwei Zuständen, im Schlafen und im Wachen, und durch das Studium der beiden Zustände, des Schlafens und Wachens, sucht man den gesamten Verlauf des menschlichen Lebens zu verstehen.
[ 28 ] And this certainly raises the question: What would it be like if those researchers of reality—whom we spoke of the day before yesterday—whose knowledge is structured in a completely different way than that of natural science and mysticism, knowledge that must first be acquired by the soul when the soul is in a state of consciousness so opposite to the ordinary state of consciousness as waking consciousness is to dream consciousness — what if those researchers of reality were to view history through the lens of their insights? In this short time, I can only present the results, but they are arrived at through the method I described here the day before yesterday; and the following must be said first of all: To the superficial observer, human life unfolds in two states—sleep and wakefulness—and by studying these two states, sleep and wakefulness, one seeks to understand the entire course of human life.
[ 29 ] Aber so einfach liegen die Dinge nicht, und viel Schaden ist der gegenwärtigen Weltanschauung dadurch entstanden, dadurch, dass man die Meinung hat, die Dinge liegen viel einfacher, als es in Wirklichkeit der Fall ist. In der Wirklichkeit liegen die Dinge ganz anders, und selbst das, was wir den Schlafzustand nennen, in dem unser Bewusstsein abgedämpft ist, ist ganz anders. Denn ganz verschwunden ist dieses Schlafbewusstsein während des Tageslebens nicht; es ist nicht nur vorhanden vom Einschlafen bis zum Aufwachen, sondern es zeigt sich für den ernsten Seelenforscher auch im wirklichen Tageslichte, denn wir sind nur für einen Teil des Seelenlebens wach. Wir sind wach für unser Wahrnehmungsleben und für unser Vorstellungsleben, wir sind aber nicht wach für unser Gefühlsleben und für unser Willensleben. Derjenige, der den wichtigsten Zustand wirklich und ernst studiert, den vom Aufwachen bis zum Einschlafen, der wird finden, dass jene Helle des Bewusstseins, jene Stärke des Bewusstseins, die in Bezug auf das Vorstellungsleben vorhanden ist, nicht vorhanden ist in Bezug auf das Gefühlsleben und namentlich nicht vorhanden ist in Bezug auf das Willensleben.
[ 29 ] But things are not that simple, and much harm has been done to our current worldview by the belief that things are much simpler than they actually are. In reality, things are quite different, and even what we call the state of sleep—in which our consciousness is subdued—is quite different. For this sleep consciousness does not disappear entirely during waking life; it is not only present from the moment we fall asleep until we wake up, but it also reveals itself to the serious student of the soul in the light of day, for we are awake only to a part of our soul life. We are awake to our life of perception and to our life of imagination, but we are not awake to our life of feeling and to our life of will. Anyone who truly and earnestly studies the most important state—that from waking to falling asleep—will find that the clarity of consciousness, the strength of consciousness, which is present in relation to the life of imagination, is not present in relation to the life of feeling and, in particular, is not present in relation to the life of will.
[ 30 ] Es ist das so, wie ich es hier meine, auch von andern Geistesforschern und von vielen andern Denkern, die mit der Wirklichkeit gerungen haben, bemerkt worden. So hat zum Beispiel der schwäbische Forscher Friedrich Theodor Vischer darauf aufmerksam gemacht, wie verwandt sind alle Leidenschaften, das Gefühlsleben, alle Affekte des Lebens im Wachbewusstsein mit dem Traumleben, und wir dürfen sagen: Unsere Gefühle sind während des Wachlebens nicht in der Helligkeit im Bewusstsein vorhanden, wie die Wahrnehmungen oder Gedanken, sondern die sind, als Gefühle, nur so vorhanden wie das Bild des Traumes im schlafenden Bewusstsein; und beim Schlafbewusstsein geschieht es, dass wir uns an die Bilder desselben erinnern, wenn wir wach sind. Dann liegt das Traumbild im Wachbewusstsein.
[ 30 ] What I mean here has also been noted by other researchers of the mind and by many other thinkers who have grappled with reality. For example, the Swabian scholar Friedrich Theodor Vischer drew attention to how closely related all passions, the emotional life, and all the affections of waking consciousness are to the life of dreams, and we may say: During waking life, our feelings are not present in consciousness with the same clarity as perceptions or thoughts; rather, as feelings, they exist only in the same way as the image of a dream does in the sleeping consciousness; and in the sleeping consciousness, it happens that we recall the images of those dreams when we are awake. Then the dream image resides in waking consciousness.
[ 31 ] Auch vom Gefühlsleben des Traumes dringt nichts klar zu uns, sondern wir haben nur die Vorstellung davon in uns, aber das, was in Wirklichkeit in uns gedrungen ist, ist nicht das Gefühl, welches wir geträumt haben; denn dadurch entsteht in uns die Täuschung, als ob wir das Gefühl im Seelenbewusstsein hätten, wir haben es aber nicht, sondern es ragt aus der Dämmerung in die Helle hinein und ruft die Vorstellung hervor, sodass wir dann oft verwechseln dasjenige, was wir erlebt haben, mit demjenigen, was wir erträumt haben. Wir glauben auch, dass es beim Willensleben ebenso sei, es ist aber in Wirklichkeit so: Was vonseiten der eigentlichen Willensvorgänge in unsere Vorstellungswelt hineinragt, ist, dass wir uns Begriffe und Gedanken bilden können über das, was wir tun, aber das, was eigentlich verbunden ist mit unserer Organisation und unserem Seelenleben, entzieht sich dem Bewusstsein. Der eigentliche Inhalt des Wollens, die Art, wie solches sich vollzieht, ist vom Anfang bis zur Bewirkung, [zur Bewegung der Hand, zur Ergreifung eines Gegenstandes], ein durch und durch unbewusster Vorgang, ebenso wie es die unbewussten Vorgänge im Schlafe sind. Daher müssen wir sagen: Unser Wachleben ist nicht ein bloßes Wachleben, sondern auch ein Zustand des Unterbewusstseins, eine Art Traumleben, das hineinragt in dieses gewöhnliche Wachbewusstsein.
[ 31 ] Nor does anything clear about the emotional life of the dream reach us; rather, we have only an idea of it within us. But what has actually penetrated us is not the emotion we dreamed; for this gives rise to the illusion that we have that emotion in our conscious mind, but we do not; rather, it emerges from the twilight into the light and evokes the idea, so that we then often confuse what we have experienced with what we have dreamed. We also believe that the same is true of the life of the will, but in reality it is this: what extends from the actual processes of the will into our world of imagination is our ability to form concepts and thoughts about what we do; but that which is actually connected to our constitution and our inner life eludes consciousness. The actual content of volition—the way in which it takes place—is, from its inception to its execution [the movement of the hand, the grasping of an object], a thoroughly unconscious process, just as the unconscious processes during sleep are. Therefore, we must say: Our waking life is not merely a waking life, but also a state of the subconscious, a kind of dream life that extends into this ordinary waking consciousness.
[ 32 ] Was ich jetzt auseinandergesetzt habe, ergibt sich bei wirklich gewissenhafter und ernster Seelenbeobachtung, wenigstens bis zu einem gewissen Grade schon bei der gewöhnlichen Seelenkunde, von der ich vorgestern hier gesprochen habe. Wenn es der Seele gelingt, in ein anderes Bewusstsein zu dringen, das hineinschaut in ein anderes Leben, dann gelingt es diesem Bewusstsein, zu einer andern Seelenbeobachtung zu kommen. Dann wird in der Tiefe der Seele in Form von Imaginationen, [die aber jetzt nicht unsere abstrakten Vorstellungen und Gedanken sind, sondern die eindringen in das Leben], das lebend werdende Gefühl wach, dann weiß man, dass das, was man da aufhellt, im gewöhnlichen Bewusstsein nicht, sondern nur im Schlafbewusstsein in voller Wirklichkeit vorhanden ist. Man muss in intensiver Erstarkung des Gefühles hineinschauen durch diese Erkenntnisart, wenn man dieses Gefühl und das Unterbewusstsein der Seele vor das gewöhnliche Bewusstsein bringen will, und man muss noch größere Anstrengungen vollbringen, den Willensakt als solchen hinaufzubringen.
[ 32 ] What I have just discussed becomes apparent through truly conscientious and serious observation of the soul—and, at least to a certain extent, even through the ordinary study of the soul that I spoke about here the day before yesterday. When the soul succeeds in penetrating into another consciousness that looks into another life, then this consciousness succeeds in arriving at a different kind of soul observation. Then, in the depths of the soul, in the form of imaginations—[which are not, however, our abstract ideas and thoughts, but rather penetrate into life]—the feeling that comes to life awakens; then one knows that what is being illuminated there exists not in ordinary consciousness but only in the consciousness of sleep in its full reality. One must look into this through this kind of insight with an intensely strengthened feeling if one wishes to bring this feeling and the subconscious of the soul into ordinary consciousness, and one must make even greater efforts to raise the act of will as such.
[ 33 ] Daraus folgt, dass dasjenige, was wir im Alltagsleben fühlen und wollen, was die Impulse für uns und den Seeleninhalt aller einzelnen Menschen bildet, im Zusammenhange steht und im Leben, das zwischen der Geburt und dem Tode abläuft, hervorquillt [aus dem Unterbewussten], und dass es Impulse sind, die uns durch das Leben tragen, [die uns von Mensch zu Mensch tragen] und die wir im Traume oder im Schlafe erleben. Das sind aber auch die geschichtlichen Impulse, und es wird eine bedeutungsvolle Einsicht für den Geschichtsforscher der Zukunft sein, wenn man erkennen wird den Charakter dieser im Volke lebenden Kräfte, wenn man nicht mehr glauben wird, dass dasjenige, was in der Geschichte eintritt, so aufzufassen sein wird wie das gewöhnliche Leben — denn es verläuft wie im Traum, wie im Unterbewusstsein, sodass es dem Menschen nicht zum vollen und klaren Bewusstsein kommt; er weiß es eben im gewöhnlichen Leben nicht.
[ 33 ] It follows that what we feel and desire in everyday life—what forms the impulses for us and the inner life of every individual—is interconnected and wells up [from the subconscious] in the course of life between birth and death, and that these are impulses that carry us through life, [that carry us from person to person], and that we experience in dreams or in sleep. But these are also the historical impulses, and it will be a significant insight for the historian of the future when the nature of these forces living within the people is recognized, when it is no longer believed that what occurs in history should be understood in the same way as ordinary life—for it unfolds as in a dream, as in the subconscious, so that it does not come to full and clear consciousness in the human being; one simply does not know it in ordinary life.
[ 34 ] Diese Ansicht, die wird aus der geisteswissenschaftlichen Forschung in die geschichtliche Betrachtung dringen müssen, und dann erst wird die geschichtliche Betrachtung untrüglich sein, dann erst wird sie wirksam und der Wirklichkeit gemäß sein. Denn derjenige, der die Geschichte heute erforschen will, der denkt nicht darüber nach, dass die Geschichte nicht auf die frühere Art erforscht werden kann. Die Geschichtswissenschaft ist entstanden erst seit einem Jahrhundert, in dem sich ausgebildet haben die Grundlagen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und in dem sich ausgebildet hat die Methode, die die Naturwissenschaft zu so glänzenden Resultaten geführt hat, indem es die Menschheit auch in Bezug auf die äußere Lebenspraxis so weit gebracht hat — so, dass auch die geschichtliche Betrachtung erfasst wurde und sich ausgebildet hat nach dem Vorbilde, das in der Naturwissenschaft üblich und richtig und gerechtfertigt ist. Man betrachtet sie als eine Art idealer Naturwissenschaft und versucht, diese Betrachtungsart auch auf die Geschichte auszudehnen. Lamprecht hat an so etwas im Hintergrunde gedacht; er hat gesagt, dass für die Geschichte maßgebend ist eine Vorstellungsart, die nicht für sie bestimmt ist, sondern sich erst aus der naturwissenschaftlichen Betrachtungsart herausgebilder hat.
[ 34 ] This perspective—which must find its way from research in the humanities into historical analysis—will only then make historical analysis infallible; only then will it be effective and true to reality. For anyone who wishes to study history today does not consider that history cannot be studied in the old way. The discipline of history has only emerged in the past century, during which the foundations of scientific knowledge were established and the method that led the natural sciences to such brilliant results was developed—a method that has advanced humanity so far, even in terms of practical life, — to the point where historical analysis has also been encompassed and has developed according to the model that is customary, correct, and justified in the natural sciences. It is regarded as a kind of ideal natural science, and attempts are made to extend this mode of analysis to history as well. Lamprecht had something like this in mind; he said that history is governed by a mode of thought that is not intended for it, but rather has only now emerged from the natural scientific mode of analysis.
[ 35 ] Derjenige, der diese Erkenntnis hat, die ich entwickelt habe, der erkannt hat, dass sich diese Erkenntnis verhält zum Tagesbewusstsein wie das Tagesbewusstsein zum Schlafbewusstsein, derjenige, der von diesem Standpunkte betrachtet den Lauf des geschichtlichen Wirkens und der eindringt in den Lauf der geschichtlichen Weisheit, dem wird es klar, dass dieses Verhalten unserer Seele ganz gerechtfertigt ist gegenüber der Natur, gegenüber dem Gedanken, mit dem wir uns die Kenntnis der Natur verschaffen, dass aber diese alte Betrachtungsweise nicht geeignet ist für die Beurteilung des Verlaufes des menschlichen Lebens als Geschichte. Damit ist aber auch gekennzeichnet diese ganze Betrachtungsweise des neunzehnten Jahrhunderts für den Lauf der geschichtlichen Ereignisse: Man weiß nicht, dass die Impulse begründet sind im unbewussten Verlaufe des Lebens und dass sie nicht mit dem gewöhnlichen Verstande erfasst werden können. Wenn man das ins Auge fasst, dann kommt man dazu, sich zu fragen: Was muss anstelle dessen treten, was heute ist?
[ 35 ] Whoever possesses this insight that I have developed—whoever has recognized that this insight relates to waking consciousness as waking consciousness relates to the consciousness of sleep—whoever, viewed from this standpoint, observes the course of historical activity and penetrates the course of historical wisdom—to that person it becomes clear that this attitude of our soul is entirely justified in relation to nature, toward the thought through which we acquire knowledge of nature—but that this old way of looking at things is not suitable for assessing the course of human life as history. This, however, also characterizes the entire nineteenth-century perspective on the course of historical events: one does not realize that these impulses are rooted in the unconscious course of life and that they cannot be grasped by ordinary reason. When one considers this, one is led to ask: What must take the place of what exists today?
[ 36 ] Herman Grimm hat dazu einige ganz richtige Bemerkungen gemacht und er hat manches ganz richtig aufgefasst in Bezug auf die Geschichte der Menschheit und hat ganz klar gefühlt, wie der Geist der Wissenschaft wieder zutage treten kann. Er hat gemeint — und er hat selbst mit mir diesen Gegenstand sehr gründlich besprochen —, dass sein Ideal wäre, die Menschheitsgeschichte so zu betrachten, wie die Impulse sich darstellen als weltwirkende Phantasie. Das ist zwar nicht richtig, dass sich die Impulse so darstellen, aber trotzdem ist Grimm instinktiv auf eine sehr merkwürdige Tatsache gekommen. Er fragt sich vorerst: Was ist zum Beispiel Gibbons Art, geschichtliche Darstellung? Gibbon hat die Geschichte des Verfalls des Römischen Reiches geschrieben, und seine Betrachtung ist geeignet, verglichen zu werden mit der [naturwissenschaftlichen] Erkenntnisart der Gegenwart, [sie ist die Anwendung der Naturerkenntnis für die Geschichte]. Gibbon schildert also den Verfall des Römischen Reiches und alle Kräfte, die darangegangen sind, das Römische Reich zugrunde zu richten, und er kommt nicht darauf, dasjenige, was damals ein aufsteigender Impuls war, richtig zu erfassen, weil er eben nicht erfassen kann, was aufsteigende Impulse sind, mit dem Verstande und der naturwissenschaftlichen Anschauungsart. So kann er erfassen nur dasjenige, was nicht das geschichtliche Leben macht, sondern nur, was entstanden ist, wenn irgendwelche geschichtlichen Impulse schon abgelaufen sind.
[ 36 ] Herman Grimm made some very accurate observations on this subject; he understood many things quite correctly with regard to the history of humanity and had a very clear sense of how the spirit of science can reemerge. He believed—and he discussed this subject very thoroughly with me himself—that his ideal would be to view human history in such a way that the impulses present themselves as imagination acting upon the world. It is not actually correct that the impulses present themselves in this way, but nevertheless, Grimm instinctively arrived at a very remarkable insight. He first asks himself: What, for example, is Gibbon’s approach to historical narration? Gibbon wrote the history of the decline of the Roman Empire, and his perspective lends itself to comparison with the contemporary [scientific] method of inquiry [it is the application of scientific knowledge to history]. Gibbon thus describes the decline of the Roman Empire and all the forces that set out to bring about its downfall, yet he fails to correctly grasp what was then an ascending impulse, precisely because he cannot comprehend what ascending impulses are using reason and the scientific method. Thus, he can grasp only that which does not constitute historical life, but only what has arisen after certain historical impulses have already run their course.
[ 37 ] So wird aber Geschichte nicht geschrieben, so wird das geschichtliche Leben zu einem Leichnam gewandelt, denn erst die Impulse, die ihm zugrunde liegen, müssen erweckt und entdeckt werden. Wenn die Geschichte als etwas Lebendes aufgefasst werden soll, dann ist sie nicht naturgeschichtlich zu erfassen, aber Gibbon ist es niemals gelungen, so etwas richtig zu erfassen wie die aufsteigenden Kräfte des Christentums, die als lebende Kräfte hineinragen in die Geschichte der damaligen Zeit. Darum müssen wir uns darüber klar sein, wie man wirkliche geschichtliche Kräfte zu erfassen vermag, und wir sehen, dass man auf dasjenige zurückgehen muss, was dem menschlichen Leben unterbewusst ist, was in das Gemüt und den Willen hineinspielt auf die Art, wie ich das dargestellt habe. Daher kann man niemals mit gewöhnlicher naturwissenschaftlicher Methode das, [was in der Geschichte fruchtbar ist], erfassen, also auch nicht diejenigen Kräfte, die zur Lebenspraxis führen, mit denen man sich dem Leben gegenüberstellen kann und mit denen man beurteilen kann: Das und das hat uns das Leben gelehrt.
[ 37 ] But that is not how history is written; in that way, historical life is transformed into a corpse, for first the underlying impulses must be awakened and discovered. If history is to be understood as something living, then it cannot be grasped through the lens of natural history; yet Gibbon never succeeded in truly grasping such things as the rising forces of Christianity, which, as living forces, permeate the history of that era. That is why we must be clear about how to grasp true historical forces, and we see that we must go back to what lies in the subconscious of human life—what plays into the mind and the will in the way I have described. Consequently, one can never grasp [what is fruitful in history] using ordinary scientific methods—nor, therefore, those forces that lead to a practical way of life, with which one can face life and by which one can judge: “This and that is what life has taught us.”
[ 38 ] Erst das schauende Bewusstsein, in das die neue Erkenntnisart untertaucht, das ist dasjenige, was wir nennen die einzige wirkliche Geschichtsbetrachtung, die nicht mehr sagen wird, dass verschiedene neue Staaten sich gründen werden, die sich zwar befehden, aber nicht mehr zerfleischen können. Das ist auch als Voraussetzung gegeben, damit die Geschichte eine wirkliche Grundlage für das Leben abgibt. Das muss so werden, denn nur so fließt die Geschichte in unser Leben hinein, es fließt die geschichtliche Anschauung in uns hinein. Wir sehen dasjenige, was wirklich war, durch eine wirkliche geschichtliche Betrachtungsweise, wenn sie auch zunächst so mangelhaft ist, wie ich es geschildert habe. Man kann nur so den Geist erfassen, indem man in seine Tiefen untertaucht, wenn man dasjenige, was sonst im Unterbewusstsein bleibt, im hellen Lichte ergreift, sonst trifft man nichts mit der Theorie, wie sie der naturgeschichtlichen Betrachtungsweise nachgeahmt ist; mit der Theorie dringt man nicht hinein in das wirkliche Leben.
[ 38 ] Only the contemplative consciousness into which this new mode of knowledge is immersed—that is what we call the only true view of history, one that will no longer say that various new states will be founded, states that, while they may be at odds with one another, can no longer tear each other apart. This is also a prerequisite for history to provide a true foundation for life. It must be so, for only in this way does history flow into our lives; the historical perspective flows into us. We see what truly was through a genuine historical perspective, even if it is initially as flawed as I have described. One can grasp the spirit only in this way—by diving into its depths, by bringing into the bright light that which otherwise remains in the subconscious; otherwise, one achieves nothing with theory, as it is modeled after the natural-historical approach; with theory alone, one does not penetrate into real life.
[ 39 ] Man kann auf die Richtigkeit dieser Behauptung ohne Weiteres die Probe machen; man versuche es nur einmal: Man stelle einen reinen Theoretiker, einen scharfsinnigen Menschen, der recht gut über die Natur und über den Verlauf der menschlichen Erkenntnis denken kann, der ein guter Nationalökonom und Sozialtheoretiker ist, man stelle ihn in das Leben hinein, und es ist dies die beste Methode, dasjenige, was gut ist, zugrunde zu richten. Man könnte das machen mit einem Theoretiker im sozialen Leben und im ethischen Leben und man wird sehen: Als Zerstörungskräfte wirken solche theoretischen Geister; sie sind fähig, das Leben zu überschauen, aber niemals, fruchtbar zu arbeiten, weil ihrer Anschauungsart keine richtige Geschichtsbetrachtung zugrunde liegt. Und auch Lamprechts Geschichtsbetrachtung bestätigt diese Auffassung.
[ 39 ] One can easily test the validity of this claim; just try it once: Take a pure theorist—a sharp-minded person who is quite capable of reflecting on nature and the course of human knowledge, who is a skilled economist and social theorist—and place him in the midst of real life; this is the surest way to destroy what is good. One could do this with a theorist in social and ethical life, and one will see: such theoretical minds act as destructive forces; they are capable of surveying life, but never of working fruitfully, because their way of viewing things is not based on a proper understanding of history. And Lamprecht’s view of history also confirms this perspective.
[ 40 ] Aber wie die hier gemeinte Erkenntnisart untertaucht in den wirklichen Impulsen, möchte ich zeigen an einem Beispiel. Ich weiß, dass es außerordentlich paradox klingt, wenn ich das ausspreche, aber ich habe schon einmal gesagt: Als Paradoxa und Lächerlichkeiten wurde auch das angesehen, was Kopernikus in seiner Weltanschauung aufgestellt hat. Die Weltanschauung greift hinein in diejenigen Impulse, die sonst unbewusst bleiben. Durch Jahre hindurch habe ich diese Idee in Vorträgen verfolgt und gesagt, man würde dann zu einer fruchtbaren praktischen Geschichtsauffassung kommen. Aber ich will nur prinzipiell etwas andeuten an zwei Beispielen, die etwas weiterführen sollen und die auch hineingreifen in das alltägliche Leben.
[ 40 ] But I would like to illustrate with an example how the type of knowledge referred to here is embedded in real impulses. I know it sounds extraordinarily paradoxical when I say this, but I have said before: What Copernicus set forth in his worldview was also regarded as paradoxical and ridiculous. A worldview intervenes in those impulses that would otherwise remain unconscious. Over the years, I have explored this idea in lectures and argued that it would lead to a fruitful, practical understanding of history. But I simply want to hint at the principle behind it using two examples that are meant to take the discussion a step further and that also touch on everyday life.
[ 41 ] Demjenigen, der die Geschichte betrachtet, dem bietet sich die Geschichtsepoche, die allerdings bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts reicht, aber bereits mit dem siebten oder achten Jahrhundert vor Christus beginnt. Es ist merkwürdig, dass eine Ähnlichkeit besteht in Bezug auf die Art, wie sich die menschliche Seele bildet, wie die menschliche Seele sozial wird durch seelische Kräfte, die sich dem Wesen nach gleichbleiben, vom siebten Jahrhundert vor Christus bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts nach Christus. Erst dann kommt eine rasche Wandlung, man bemerkt sie nur nicht heute, weil unsere Aufmerksamkeit nicht darauf gerichtet ist und weil manche Leute sich nach dem Sprichwort halten: So wie die Natur macht auch das Leben keine Sprünge. Das ist aber nicht wahr, überall macht die Natur und macht auch das Leben Sprünge, man merkt nur nicht, wie ungeheuer die sind, und man lenkt nicht die Aufmerksamkeit auf die großen Wendepunkte des Lebens.
[ 41 ] To the observer of history, the historical epoch unfolds—one that, while extending to the middle of the fifteenth century, actually begins as early as the seventh or eighth century B.C. It is remarkable that there is a similarity in the way the human soul develops—how the human soul becomes social through spiritual forces that remain essentially the same—from the seventh century B.C. to the mid-fifteenth century A.D. Only then does a rapid transformation occur; we simply do not notice it today because our attention is not focused on it and because some people adhere to the proverb: “Just as in nature, life takes no leaps.” But that is not true; everywhere, nature—and life as well—takes leaps; we just do not realize how immense they are, and we do not direct our attention to the great turning points of life.
[ 42 ] Wenn man nicht hineindringt in die große Umwandlung, wenn man sie nicht ins Auge fassen kann, die in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts eingetreten ist, dann sieht man auch nicht das Wichtigste, man schaut nicht den Unterschied dieser zwei Zeitalter, von denen das eine jenes ist, in welchem wir voll darinstehen und das vielleicht noch hundert Jahre dauern wird. Das ganze menschliche Leben zwischen dem siebten und achten Jahrhundert vor Christus und dem fünfzehnten Jahrhundert nach Christi Geburt verläuft so, dass die Seelen anders werden als in den späteren Zeiten. Ich möchte sagen: In jenem älteren Zeitalter wird der Verstand des Menschen viel instinktiver entwickelt, er wirkt darum richtiger, wie ein Rückblick auf jene Zeit beweist, und darauf, wie alles damals ausgebildet wurde, zum Beispiel das römische Recht, welches heute noch eine große Bedeutung hat.
[ 42 ] If one does not delve into the great transformation—if one cannot grasp the transformation that took place in the middle of the fifteenth century—then one fails to see what is most important; one fails to see the difference between these two eras, one of which is the one in which we are fully immersed and which may yet last another hundred years. Human life as a whole, from the seventh and eighth centuries B.C. to the fifteenth century A.D., unfolds in such a way that souls develop differently than in later times. I would say: In that earlier age, human reason developed in a much more instinctive way; it therefore functioned more correctly, as a look back at that time proves, and as evidenced by how everything was shaped back then—for example, Roman law, which is still of great significance today.
[ 43 ] Nur wenn man weiß, welche einzelnen Vorstellungen aus dem römischen Rechte hervorgegangen sind, aus dem eigenartig instinktiven Verstande, dann wird man auch begreifen, dass damals der Verstand eben so wirkte in der Seele [wie ein Sinn]. Auch die soziale Struktur ist hoch entwickelt im römischen Leben mit allen ihren Charakteren, und auch beim Niedergang des Römischen Reiches wirkte instinktiver Verstand.
[ 43 ] Only when one knows which specific concepts emerged from Roman law—from that peculiar, instinctive intellect—will one also understand that, at that time, the intellect functioned in the soul [just like a sense]. Social structure, too, was highly developed in Roman life, with all its distinctive characteristics, and even during the decline of the Roman Empire, instinctive reason was at work.
[ 44 ] Erst in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts beginnt der Verstand in anderem Sinne, beginnt das Verstandesbewusstsein in eigener Weise zu wirken. Dieses Zeitalter beginnt nicht nur, eine neue seelische Organisation in sich zu tragen, sondern es bildet sie auch weiter aus, und die Gedanken werden mit vollem Bewusstsein an die Dinge gesetzt.
[ 44 ] It was not until the middle of the fifteenth century that the intellect, in a different sense, and intellectual consciousness began to function in their own way. This era not only began to embody a new spiritual organization, but also continued to develop it, and thoughts were applied to things with full consciousness.
[ 45 ] Man versteht nichts mehr von den inneren Impulsen desjenigen, was damals geschah, weil man nicht ins Auge fasst, wie die damaligen Gesetze, die Staatseinrichtungen und die Staatenbildungen entstanden sind. Man nimmt deshalb an, dass die gebildete Menschheit, welche für die Kulturentwicklung in Betracht kommt, zu diesen Einrichtungen nicht mehr durch das instinktive Wirken des Verstandes gekommen ist. Aber gerade wenn man so ins Auge fasst dieses Bild, dann zeigt sich die Tiefe, aus der das menschliche Wirken erfolgt, und wenn wir die geschichtlichen Dokumente verfolgen, um das menschliche Werden der Völker zu studieren und die Gesetze, die sie geschaffen haben, dann können wir die Folgerung für uns anwenden.
[ 45 ] We no longer understand the inner impulses behind what happened back then, because we fail to consider how the laws, state institutions, and political structures of that time came into being. One therefore assumes that educated humanity—which is relevant to cultural development—no longer arrived at these institutions through the instinctive workings of the intellect. But it is precisely when we view this picture in this way that the depth from which human activity springs becomes apparent, and when we examine the historical documents to study the human development of the peoples and the laws they created, we can apply this conclusion to ourselves.
[ 46 ] Ich will noch ein anderes Beispiel anführen, welches einen noch größeren Zeitraum umfasst. Es wird zwar auch paradox erscheinen — insbesondere, wenn ich die betreffenden Einzelheiten anführen könnte. Die Zeit reicht aber nicht hin, darauf hinzuweisen, was sich ergeben würde aus der geisteswissenschaftlichen Forschung, und ich kann nur die Ergebnisse im Allgemeinen kurz anführen. An dasjenige Zeitalter, welches ich jetzt geschildert habe und welches noch in der Zeitgeschichte verläuft, daran schließt sich nach vorne, vom siebten und achten Jahrhundert zurück, wieder viele Jahrhunderte weiter, ein anderes an, in dem eine ganz andere Seelenverfassung war, welches aber, zufolge Erforschung durch die geisteswissenschaftlichen Methoden, einen viel größeren Zeitraum umfasst, als durch unsere Dokumente belegt werden kann. Da kommen wir zu einer anderen Epoche, als jene ist, die ich eben charakterisiert habe und die beginnt mit dem siebten und achten Jahrhundert vor Christus und schließt mit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Betrachtet man geisteswissenschaftlich die Ereignisse dieser früheren Epoche, soweit man heute zurückverfolgen kann die Zeit mit unsern Blicken und mit schauendem Bewusstsein, dann kommt man zu einer Zeit zurück, die in vieler Beziehung sehr bedeutungsvoll war.
[ 46 ] I would like to cite yet another example that spans an even longer period of time. It will certainly seem paradoxical—especially if I were able to provide the relevant details. However, there is not enough time to point out what would emerge from research in the humanities, and I can only briefly summarize the results in general terms. Following the era I have just described—which is still part of contemporary history—there is another era, stretching back many centuries from the seventh and eighth centuries, in which the state of the soul was entirely different; yet, according to research using spiritual scientific methods, this era spans a much longer period than can be documented by our historical records. This brings us to an era different from the one I have just characterized, one that begins with the seventh and eighth centuries B.C. and ends in the middle of the fifteenth century. If one examines the events of this earlier epoch from a spiritual-scientific perspective—as far back as we can trace that time with our gaze and with a perceptive consciousness—one arrives at a period that was, in many respects, highly significant.
[ 47 ] Man forscht heute im Sinne der alten Methode der Entwicklungslehre nach der geschichtlichen Anwendung, was sich darin äußert, dass man trachtet, ein Analogon sich zu bilden. Man betrachtet den Fortgang der geschichtlichen Entwicklung, den Fortgang der Menschheit [wie einen Organismus], man vergleicht das, was sich in der vorgeschichtlichen Zeit abgespielt hat, mit dem Kindheitsalter, die spätere Zeit mit der Jugendzeit, und dann kommt man darauf, wenn man die Anwendung von der früheren Zeit auf die jetzige Zeit macht, zu sagen, wie wir es «so herrlich weit gebracht» haben und wie wir unsern Verstand ausgebildet haben gegenüber unsern Vorfahren. Aber all diese Analogien zerstieben gegenüber der Wirklichkeit, wenn wir diese mit der geisteswissenschaftlichen Betrachtungsweise ansehen. Denn da ergibt es sich, dass der Mensch in den älteren Zeiten der menschlichen Entwicklung in ganz anderer Weise im Leben stand als heute.
[ 47 ] Today, research is conducted in the spirit of the old method of developmental theory with regard to its historical application, which manifests itself in the effort to form an analogy. One views the course of historical development, the progress of humanity [as an organism], comparing what took place in prehistoric times to childhood, and later times to adolescence; and then, when applying this perspective from the past to the present, one is led to say how “wonderfully far” we have come and how we have developed our intellect compared to our ancestors. But all these analogies fall apart in the face of reality when we view it from the perspective of spiritual science. For it becomes apparent that in the earlier stages of human development, people lived their lives in a completely different way than they do today.
[ 48 ] Die naturwissenschaftliche Theorie hat vielfach Irrtümer mit sich gebracht und vor allem mit Bezug auf die geschichtliche Entwicklung der Menschheit ein gewisses Vorurteil hervorgerufen. Und es wird nicht darauf hingesehen, wie sich die menschliche Seele im Laufe der Zeiten verändert hat, wie sie im Laufe der Jahrhunderte immer eine andere Verfassung angenommen hat. Man betrachtet dasjenige, was in früheren Zeiten die Menschen gehabt haben, wie wenn das alles aus solchen Seelenimpulsen gekommen wäre, die stets gleich sind, und man weiß nicht, wenn man das glaubt, wie sich die menschliche Seele verändert hat, die damals in ganz anderer Weise mit dem menschlichen Leben verbunden war. Wir kennen heute eine solche Verbindung nur im Jugend- und Kindheitsalter des Menschen, wir wissen, wie die Seele eng verbunden ist mit der Lebensentwicklung und wie vom geschichtlichen Laufe des Lebens oft abhängt dasjenige, was sich geistige Entwicklung nennt. Aber mit dem zwanzigsten Jahre hört das auf für den Menschen, es hört auf die enge Verbindung, die man naturwissenschaftlich verfolgen kann, [des Geistig-Seelischen mit der Entwicklung des Leiblich-Körperhaften], und es beginnt sich der Geist zu entwickeln, und diese Periode geht dann mit dem zwanzigsten Jahre zu Ende.
[ 48 ] Scientific theory has often led to errors and, above all, has given rise to a certain prejudice regarding the historical development of humanity. And no attention is paid to how the human soul has changed over the course of time, how it has taken on an ever-changing form throughout the centuries. People regard what people possessed in earlier times as if it all had arisen from soul impulses that are always the same, and if one believes this, one does not realize how the human soul has changed—a soul that was connected to human life in a completely different way back then. Today we recognize such a connection only in a person’s youth and childhood; we know how closely the soul is linked to the development of life and how what is called spiritual development often depends on the historical course of life. But this comes to an end for a person at the age of twenty; the close connection—which can be traced through the natural sciences—[between the spiritual-soul aspect and the development of the physical-bodily aspect] ceases, and the spirit begins to develop, and this period then comes to an end at the age of twenty.
[ 49 ] Ganz anders war es in den ältern Zeiten der Menschheit. Es gab Zeiten in der Geschichte der Menschheit, von denen ich schon gesprochen habe, in welchen die Menschenseelen mit dem Leibe geistig verbunden blieben, ganz anders als heute, und es ist ein Ergebnis der geistigen Forschung, dass der Mensch abhängig blieb im Leben von dem Leibesbewusstsein bis auf die Art, wie er miterleben konnte die Leibesvorgänge, und man kommt heute hinter gewisse Ereignisse der Menschheitsgeschichte, aus denen man auch heute noch ersehen muss, dass gewisse Vorstellungen, die heute literaturhistorisch nicht untersucht sind, die aber nachklingen in manchen alten Weisen, ihre alte Originalität bewahrt haben.
[ 49 ] Things were quite different in the earlier times of humanity. There were periods in human history—which I have already spoken of—during which human souls remained spiritually connected to the body, quite unlike today, and it is a finding of spiritual research that human beings remained dependent in life on bodily consciousness to the extent that they could experience bodily processes firsthand; and today we are uncovering certain events in human history from which we must still recognize that certain ideas—which have not been examined in the history of literature but which resonate in some ancient traditions—have retained their original character.
[ 50 ] Dann kommt das zweite Zeitalter, das verglichen werden kann mit dem Alter des Menschen bis zum vierzigsten Jahre, das ist aber schon das Zeitalter, welches durchaus schon eine bestimmte Kultur angenommen hat und von dem wir wissen, dass die Menschen dazumal schon von vielen Lebensbedingungen abhängig waren, die als Vorstellungen hineindringen in ihr Leben. Und da kommen wir in das menschliche Zeitalter, das mit dem siebten bis achten Jahrhundert vor Christus beginnt; die Menschen erleben die Kräfte des Leibes bis zum vierzigsten Jahre, die unsere Individualität jetzt schon mit 35 Jahren abwärts gehen lassen. Wenn diese [griechisch-römische] Zeit [wirklich nicht] nur rein äußerlich angeschen, [sondern tief innerlich studiert] wird, dann finden wir, dass sie darauf beruht, dass der Mensch mit seinem Bewusstsein das Leben miterlebt, ob dies nun im geschichtlichen Ablauf erfolgt oder im Einzelleben, bis zum vierzigsten Jahre des Menschen, wo die äußern Umstände Einfluss haben auf das geistige Leben. Wohl erreichen wir das heute nicht mehr, wir kommen heute mit dem vollen Miterleben nur bis zum 27. oder 28. Lebensjahr.
[ 50 ] Then comes the second age, which can be compared to a person’s life up to the age of forty; yet this is already the age that has certainly adopted a certain culture, and we know that people at that time were already dependent on many conditions of life that permeate their existence as ideas. And there we enter the human epoch that begins with the seventh to eighth centuries B.C.; people experience the physical forces up to the age of forty, forces that cause our individuality to begin declining as early as age 35. When this [Greco-Roman] period is [truly not] merely viewed from the outside, [but deeply studied from within], then we find that it is based on the fact that human beings experience life with their consciousness—whether this takes place in the course of history or in individual lives—up to the age of forty, when external circumstances begin to influence spiritual life. Admittedly, we no longer achieve this today; today, our full participation in life extends only up to the age of 27 or 28.
[ 51 ] So zeigt uns die Geschichte, wenn wir das geschichtliche Leben verfolgen, mit, man könnte sagen, ein paar Worten, dass die Menschheit als solche immer jünger wird. Das aber bedeutet sehr viel für die richtige Erfassung des Lebens der Menschheit. Diese wurde zuerst so alt, dass sie, als Völker, in der Gemeinsamkeit das erlebte, was im menschlichen Leben sich bis zum dreißigsten Lebensjahr ereignet, und erst dann kam das jüngere Alter. Die Menschheit führt heute durch das ganze Leben hindurch ein viel jüngeres Lebensalter als früher, und darin liegt die wirkliche Kraft, die unbegreiflich erscheint, und auch die Vorgänge der Menschheitsgeschichte, die uns unbegreiflich scheinen wollen, wie zum Beispiel das römische Recht oder die griechische Weltanschauung, die Kunst und das damalige soziale Leben, die einem viel höheren Alter entsprechen.
[ 51 ] Thus, when we trace the course of history, history itself shows us—in just a few words, so to speak—that humanity as such is becoming ever younger. But this has profound implications for a proper understanding of human life. Humanity first grew so old that, as peoples, it collectively experienced what occurs in human life up to the age of thirty, and only then did youth begin. Today, throughout its entire existence, humanity leads a much younger existence than in the past, and therein lies the true power that seems incomprehensible, as well as the events of human history that seem designed to elude our understanding—such as Roman law, the Greek worldview, art, and the social life of that era—which correspond to a much greater age.
[ 52 ] Wir finden es aber begreiflich, wenn wir wissen, dass das Erleben des Menschen in seiner Seele damals ganz anders war und dass der Mensch heute das Gleiche nicht mehr erleben kann. Der Mensch ist heute angewiesen darauf, das, was ihm das Leben nicht mehr gibt, mit seiner Seele zu erfassen, und es tritt seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts die Notwendigkeit an den Menschen heran, mit dem Verstandesbewusstsein das zu erfassen, was das Leben dem Menschen nicht mehr gibt und was durch die innern Impulse der Seele nicht gefunden werden kann. Darum verstehen wir auch jetzt erst, wie wir heute in die Wirklichkeit des seelischen Lebens hineingreifen müssen, um die Zusammenhänge zu begreifen.
[ 52 ] However, we find this understandable when we realize that people’s inner experiences were quite different back then and that people today can no longer experience the same things. Today, human beings are compelled to grasp with their souls what life no longer provides them, and since the mid-fifteenth century, the need has arisen for people to use their intellectual consciousness to grasp what life no longer provides and what cannot be found through the soul’s inner impulses. That is why we are only now beginning to understand how we must engage with the reality of soul life in order to grasp these connections.
[ 53 ] Ich habe dabei nur die großen Gesichtspunkte im Allgemeinen charakterisiert; man kann eben auch nur die Alltagsereignisse herausgreifen und sieht dann die einzelnen Ereignisse in diesem Lichte. Es zeigt sich aber auch das Bild dessen, was sich um uns herum ausbreitet und was ich charakterisiert habe, in einer ganz merkwürdigen Weise. Wir blicken nach dem asiatischen Osten, zu Rabindranath Tagore hinüber, wie er den Geist auffasst und wie er die Geschichte der Inder und des japanischen Volkes betrachtet. Er will, dass bleiben sollen die alten Wurzeln, es soll nicht eintreten der fremde Geist, der sich von dem alten Geist unterscheidet und der eintritt nach dem Zeitraum, der schließt mit dem Zeitalter vom siebten bis achten Jahrhundert. Trotzdem er ein feingeistiger Mensch des Orientes ist, trotzdem er alles aufgenommen hat, was der Gegenstand selbst bieten kann, mit allen Sympathien und Impulsen, steht er in seiner Auffassung der Tradition auf einem eigenen Standpunkte.
[ 53 ] I have merely outlined the broad perspectives in general terms; one can, of course, also focus on everyday events and then view individual occurrences in this light. However, the picture of what unfolds around us—and what I have described—also emerges in a most remarkable way. We look toward the Asian East, toward Rabindranath Tagore, at how he conceives of the spirit and how he views the history of the Indian and Japanese peoples. He wants the ancient roots to remain; he does not want the foreign spirit—which differs from the ancient spirit and which emerged after the period ending with the seventh to eighth centuries—to take hold. Although he is a refined man of the East, and although he has absorbed everything the subject itself has to offer, with all its sympathies and impulses, he takes a unique stance in his understanding of tradition.
[ 54 ] Blicken wir näher hin, dann müssen wir sehen, dass das Leben heute ein gemeinsames Band über die ganze Erde geschlossen hat, trotz der verschiedenen Weltanschauungen, die sich oft gegenseitig befehden und auch stören. Wir sehen auch Geister wie Lamprecht und Grimm, wie sie ringen mit dem, was sich seit dem fünfzehnten Jahrhundert als Individuum entwickelt und von Jahr zu Jahr lebendiger wirkt. Das sind die treibenden Impulse für unsere seelische und sittliche Betrachtungsweise. Der Geisteswissenschafter braucht nicht neue Begriffe aufzustellen, er findet die Begriffe, die verwendbar sind für jenes Zeitalter, in dem wir leben. Er sucht auch keine neuen Ideale, keine Phantasien, er sucht nur das zu erfassen, worin er in Wahrheit unterzutauchen vermag, und er weiß, dass sich das menschliche Zusammensein ausbilden muss. Wir sagen uns aber im Hinblick auf den Orient: Da [wirkt] etwas, das wir nicht mitmachen dürfen, denn wir würden uns schlecht verstehen, wenn wir glaubten, dass wir das in Mitteleuropa nachmachen könnten. Dasjenige, was im Orient und in unsern Gegenden auftritt, ist ganz verschieden, und man versteht es nur dann, wenn man es in der geschilderten Weise auffassen kann. Dann muss man aber sagen: Es ist so, wie wenn jemand vom Kindesalter sich entwickelt bis zum dreißigsten Lebensjahre. Und nur von diesem Gesichtspunkte aus kann man es verstehen, wenn man diese Wirklichkeiten ins Auge fassen will.
[ 54 ] If we take a closer look, we must recognize that life today has forged a common bond across the entire Earth, despite the various worldviews that often conflict with one another and even disrupt each other. We also see thinkers like Lamprecht and Grimm grappling with what has been developing as the individual since the fifteenth century and appears to grow more alive with each passing year. These are the driving forces behind our spiritual and moral perspective. The scholar of the spiritual sciences need not invent new concepts; he finds the concepts that are suitable for the age in which we live. Nor does he seek new ideals or fantasies; he seeks only to grasp that in which he can truly immerse himself, and he knows that human coexistence must take shape. But with regard to the East, we say to ourselves: There is something at work there that we must not imitate, for we would misunderstand ourselves if we believed we could replicate it in Central Europe. What occurs in the East and in our regions is entirely different, and one can understand it only if one can grasp it in the manner described. But then one must say: It is as if someone were developing from childhood up to the age of thirty. And only from this perspective can one understand it if one wishes to take these realities into account.
[ 55 ] Was uns aber in Amerika entgegentritt, ist eine Art der Vorausnahme eines Zustandes, wie wenn ein Kind greisenhaft wäre, also ein Zustand, der für das spätere Lebensalter ganz gut ist, aber nicht in der Jugend, in der es ein ungesunder Zustand ist; und daher wird dasjenige, was im Sinne dieser Betrachtungsweise wirkt, nur in seinem Kopfe bewusst sein, mit welchem das Leben eigentlich nicht verbunden ist. Man kann da vergleichen Wilsons unruhiges Auge mit dem ruhigen Blick Herman Grimms, in welchem sich ausdrückt die Ruhe der Seele, die von innen heraustritt, von Erlebnis zu Erlebnis schreitet und alles mit einem eigenen Hauch verbindet. [Wenn der Mensch besessen ist von seinem Inneren, dann wird das Auge nicht ruhig, dann wird alles, was er sagt, treffend, schlagkräftig. Es wird aus dem Leiblichen heraus entwickelt, was aus dem Geist heraus entwickelt werden soll.] Auf diesen Unterschied müssen wir achten, darauf müssen wir sehen, wenn wir unser seelisches und ethisches und geschichtliches Wirken verstehen wollen, insbesondere in der heutigen schweren Zeit, in der wir durch unmittelbare Erlebnisse anderer Seeleneindrücke auf dem geschichtlichen Boden gestalten und soziale Zusammenhänge schaffen. Wir können wohl nicht annehmen, was asiatisch ist, und auch nicht, was amerikanisch ist, trotzdem es verstanden werden muss.
[ 55 ] What we encounter in America, however, is a kind of anticipatory state—as if a child were senile—that is, a state that is quite suitable for later life but not for youth, in which it is an unhealthy condition; and therefore, what operates in accordance with this perspective will be conscious only in his mind, to which life is not actually connected. One can compare Wilson’s restless eye with the calm gaze of Herman Grimm, in which is expressed the tranquility of the soul that emerges from within, moving from experience to experience and connecting everything with its own breath. [When a person is absorbed in their inner world, their gaze does not become calm; then everything they say becomes precise and powerful. What should be developed from the spirit is instead developed from the physical.] We must pay attention to this difference; we must observe it if we wish to understand our spiritual, ethical, and historical actions—especially in these difficult times, in which we shape the historical landscape and create social connections through the immediate experiences of others’ spiritual impressions. We cannot simply adopt what is Asian, nor what is American, even though it must be understood.
[ 56 ] Es ließen sich auch die europäischen Völker charakterisieren, aber man muss untertauchen unter die Oberfläche, und dann nur kann man dasjenige herausholen, was geschichtliche Impulse sind, aus jenen Kräften, welche sonst unbewusst wirken. Wenn man aber das erkennt, dann wird man auch wirkliche geschichtliche Betrachtungen haben, die den Menschen für das Leben die Reife geben. Und wenn die eintritt, dann wird man nicht mehr solche Auseinandersetzungen für paradox halten, und man wird von der Geschichte wirklich etwas haben, was in der Lebenspraxis wirken kann. Man wird, hineingestellt in das Leben, sagen, dass man gewachsen ist den Anforderungen seines Postens, indem man überschauen kann das Leben aus der wahren und vollen Wirklichkeit und nicht nur von der Oberfläche.
[ 56 ] The European peoples could also be characterized, but one must delve beneath the surface; only then can one draw out the historical impulses from those forces that otherwise operate unconsciously. But once one recognizes this, one will also have genuine historical insights that give people the maturity they need for life. And when that maturity is attained, one will no longer regard such conflicts as paradoxical, and one will truly gain from history something that can have an impact in practical life. Placed within life itself, one will say that one has grown to meet the demands of one’s position by being able to view life from its true and full reality, and not merely from the surface.
[ 57 ] Es ist merkwürdig, dass gerade Goethe das Wort geprägt hat von dem Wert der Geschichte, indem sie Enthusiasmus weckt. Er hat aber damit nur den Begriff umschreiben wollen, denn die Seelenbegriffe werden nicht aus der Geschichte gegeben, sondern sie werden hervorgeholt aus der unbewussten Tiefe, aber da sie instinktiv sind, treten sie in das Gefühlsleben ein, um wieder hinunterzusinken in die Gefühle und Impulse; und aus demjenigen, was geschaut worden ist durch eine wahre geschichtliche Betrachtungsmethode, wird wieder Enthusiasmus entstehen können, und dann werden wir durch empfindenden Enthusiasmus und durch wahrhafte Geschichtsbetrachtungsweise erst dem Leben gegenüberstehen. Ich weiß, dass heute für viele diese Art der Geschichtsbetrachtung höchst paradox klingt, und dass die meisten nicht einverstanden sind mit der Schlussfolgerung, dass das richtige soziale Denken und ethische Wirken aus einer solchen Betrachtung hervorgehen kann, welcher die geschichtliche Betrachtungsweise des schauenden Bewusstseins zugrunde liegt. Ich weiß, dass wir heute als Phantasten angesehen werden, deren Denkweise noch nicht leicht begriffen werden kann.
[ 57 ] It is curious that Goethe, of all people, coined the phrase about the value of history in that it arouses enthusiasm. However, he merely sought to paraphrase the concept, for the concepts of the soul are not derived from history; rather, they are drawn from the depths of the unconscious. But since they are instinctive, they enter the emotional life only to sink back down into feelings and impulses; and from what has been perceived through a true method of historical observation, enthusiasm will be able to arise once more, and only then, through felt enthusiasm and a genuine approach to history, will we truly face life. I know that today, for many, this way of viewing history sounds highly paradoxical, and that most do not agree with the conclusion that proper social thinking and ethical action can arise from such a view, which is based on the historical perspective of the perceiving consciousness. I know that today we are regarded as dreamers whose way of thinking is not yet easily understood.
[ 58 ] Aber ich möchte da eine Frage stellen, ich möchte fragen: Wie viel Menschen hat es gegeben, die vor dem vierzehnten Jahrhundert aus den damaligen Begriffen sich vorstellen konnten, dass unserer Erde eine solche Bewegung zukommt, wie wir es heute wissen? Niemand hat es gewusst, der in der damaligen Zeit gelebt hat. Man sieht jetzt vieles anders an, seitdem man es richtig überschauen kann, und man wird in der nächsten Zukunft noch viel mehr überschauen können. Das wird im menschlichen Leben noch oftmals vorkommen, und es wird sich die Anschauung vermehren. Wir werden mit den alten Sympathien und Antipathien rechnen müssen und wir werden sehen, dass alles, was über die Menschheit hereingebrochen ist, sich wieder ausgleicht, wenn man das versteht, was die Menschheit will, und dass sich das nicht knüpfen lässt an die Vorstellungsart, die wir bisher gehabt haben.
[ 58 ] But I’d like to ask a question here: How many people, using the concepts of that time, could have imagined before the fourteenth century that our Earth undergoes the kind of motion we know about today? No one who lived back then knew this. We now see many things differently, now that we can grasp the full picture, and in the near future we will be able to grasp even more. This will happen many times in human life, and our understanding will continue to grow. We will have to reckon with the old sympathies and antipathies, and we will see that everything that has befallen humanity will balance itself out again once we understand what humanity truly wants—and that this cannot be tied to the way of thinking we have held until now.
[ 59 ] Es ist wichtig, dass die Menschen das lernen, damit die Menschheit sich vorwärts entwickeln kann. Die Menschen müssen lernen neue Vorstellungen, Ideen und Begriffe, vor allem neues Denken, das sich ausgleicht mit den früheren Begriffen und Ideen. Das Erstere mag heute schon für manchen das einzig Maßgebende sein, das Letztere aber wird das Wichtige sein, denn es wird in die Zukunft hineingreifen und für das Leben begründend sein und es wird unser Leben für die Zukunft begründen. Daher glaube ich, dass gegenüber solchen Betrachtungen Handlungen hervorgehen werden und dass mancher noch zu Ideen und Empfindungen kommen könnte, die heute noch als paradox, vielleicht als komisch gelten, welche aber später, wenn auch widerstrebend, doch anerkannt werden. Es werden die Menschen die Folgerung ziehen, dass wir von heute auf morgen neu lernen müssen und uns einleben müssen in ein neues Denken, Empfinden und Wollen für die folgende Zukunft, um uns in diese Zeit einleben zu können.
[ 59 ] It is important for people to learn this so that humanity can move forward. People must learn new concepts, ideas, and terms—above all, a new way of thinking that harmonizes with earlier concepts and ideas. The former may already be the only decisive factor for some today, but the latter will be what matters, for it will reach into the future and serve as the foundation for life, and it will lay the groundwork for our future lives. Therefore, I believe that such reflections will give rise to actions, and that some may yet arrive at ideas and feelings that are still considered paradoxical—perhaps even strange—today, but which will later be acknowledged, albeit reluctantly. People will draw the conclusion that, from one day to the next, we must learn anew and adapt to a new way of thinking, feeling, and willing for the future that lies ahead, in order to be able to adapt to this era.
