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The Human Being as a
Spirit and Soul Being
GA 71b

14 June 1918, Prague

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The Human Being as a Spirit and Soul Being, tr. SOL
  1. Der Mensch als Geist- und Seelenwesen

15. Wie kann man das übersinnliche Leben und Wesen der menschenseele Erkennen?

15. How Can One Recognize the Supernatural Life and Nature of the Human Soul?

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Dass es sehr viele Persönlichkeiten gibt, die nach den Voraussetzungen ihrer Bildung berufen sind zum Urteile und die dasjenige, was ich mir erlauben werde, am heutigen Abend vorzubringen, nicht wissenschaftlich finden werden, ist mir gut bekannt, und auch die verschieden gearteten Gründe und Einwendungen gegen die hier gemeinte Geisteswissenschaft müssen eigentlich absolviert worden sein von demjenigen, der sie vertritt, ich möchte sagen, aus ihrem eigenen Wesen heraus. Ich kann der Kürze der Zeit wegen auf Einwendungen heute nicht eingehen, kann überhaupt, wenn ich nicht allzu ausführlich werden will — eigentlich müsste ich eine ganze Reihe, einen Zyklus von Vorträgen halten —, nicht mehr als eine kurze, flüchtige Skizze desjenigen geben, was Wesensziel der eben hier gemeinten Geisteswissenschaft ist.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! I am well aware that there are many individuals who, by virtue of their education, are qualified to pass judgment and who will not consider what I shall take the liberty of presenting this evening to be scientific; and the various reasons and objections against the spiritual science referred to here must actually have been overcome by those who advocate it—I would say, by virtue of its very nature. Due to time constraints, I cannot address these objections today; indeed, if I am not to become too detailed—I would actually need to give an entire series, a cycle of lectures—I can offer no more than a brief, cursory outline of the essential aim of the spiritual science referred to here.

[ 2 ] Nur auf das eine möchte ich von vornherein aufmerksam machen, dass wohl das Ungewohnteste, dasjenige was am meisten Veranlassung gibt, gegen das hier Vorgebrachte Einwendungen zu machen, dieses ist, dass es sich hier nicht handelt um die Erweiterung einer irgendwie gearteten wissenschaftlichen oder sonstigen Erkenntnis nach irgendeiner Richtung hin, in der Art, wie diese Erkenntnis schon ist, sondern dass es sich darum handelt, sehr verehrte Anwesende, eine ganz anders geartete Erkenntnis anstelle beziehungsweise zur Fortsetzung derjenigen auszubilden, welche nach unserem heutigen Zeitbewusstsein den Menschen gewohnt ist. Diese Geisteswissenschaft will zeigen, dass die gewöhnliche, gewohnte Erkenntnis allerdings nicht geeignet ist, einzudringen in diejenige Wirklichkeit der Welt, in welcher wurzeln die Grund- und bedeutungsvollsten Fragen über das menschliche Wesen, die Fragen nach der menschlichen Unsterblichkeit und nach der menschlichen Freiheit.

[ 2 ] There is just one point I would like to bring to your attention from the outset: that what is probably the most unusual aspect—the very thing that gives the greatest cause for raising objections to what is presented here— is that this is not a matter of expanding some kind of scientific or other form of knowledge in any particular direction—in the manner in which such knowledge already exists—but rather, esteemed audience, it is a matter of developing a completely different kind of knowledge to replace or build upon that which, according to our contemporary consciousness, is familiar to human beings. This spiritual science aims to show that ordinary, familiar knowledge is indeed unsuitable for penetrating that reality of the world in which the most fundamental and significant questions about the human being are rooted—the questions concerning human immortality and human freedom.

[ 3 ] Aber ein anderes liegt vor, das man unbedingt berücksichtigen muss, wenn man in der rechten Art hingelangen will zu dem, was man hier als Geisteswissenschaft behandelt. Es liegt dies vor, dass man, um zu einer anders gearteten Erkenntnis, die erst eindringen kann in solche Fragen wie die erwähnten, dass man, um zu dieser Erkenntnis vorzudringen, zuerst mit seiner ganzen Seele, mit seiner ganzen Erkenntnis und sonstigem menschlichem Ringen nach zwei Seiten hin Erlebnisse gehabt haben muss, nicht bloß Erlebnisse, wie man sie sonst als Erkenntniserlebnisse anerkennt, sondern die wirklich zusammenhängen mit der menschlichen Entwicklung in ihrem tiefsten, bedeutungsvollsten Sinn. Erlebnisse, die gewissermaßen den Menschen zusammenbringen mit all dem, was ihn in Erkenntniseinsamkeiten an die Grenze der Wirklichkeit führt, und so weiter, und so weiter.

[ 3 ] But there is another factor that must absolutely be taken into account if one wishes to approach in the right way what is treated here as spiritual science. This factor is that, in order to arrive at a different kind of insight—one that can truly penetrate questions such as those mentioned—in order to advance toward this insight, one must first, with one’s whole soul, with one’s entire knowledge, and with all other aspects of human striving, have had experiences in two directions—not merely experiences of the kind ordinarily recognized as experiences of knowledge, but those that are truly connected to human development in its deepest, most meaningful sense. Experiences that, in a sense, bring the human being together with all that leads him, in moments of intellectual solitude, to the limits of reality, and so on, and so on.

[ 4 ] Nach zwei Seiten hin also liegen diese Erlebnisse, sehr verehrte Anwesende. Derjenige, der geisteswissenschaftlich vordringen will, muss erstens erlebt haben, was in unserer Seele gegenüber der Erkenntnissehnsucht vorgehen kann, wenn sie gerade die in unserer Zeit zu so hoher Blüte, zu so ungeheurer Vollkommenheit gelangte Naturerkenntnis sich in der einen oder anderen Weise aneignet oder jedenfalls so, dass sie ein Erlebnis haben kann von dem, was Naturerkenntnis der Seele offenbart, was sie ihr gibt. Naturerkenntnis — ich kann sie ja auch nur anzeigen, charakterisieren. Ich bin nicht geneigt, Naturerkenntnis irgendwie herabzusetzen. Wer in die Geisteswissenschaft eindringt, wird sehen, dass sie namentlich in derjenigen Form, die der neuen Zeit entspricht, Naturwissenschaft anerkennt.

[ 4 ] These experiences, ladies and gentlemen, lie two pages ahead. Anyone who wishes to make progress in the spiritual sciences must first have experienced what can take place in our soul in response to the thirst for knowledge when it appropriates, in one way or another, the knowledge of nature—which in our time has reached such a high level of flourishing and such immense perfection—or at least in such a way that the soul can have an experience of what this knowledge of nature reveals to it, what it gives it. Knowledge of nature—I can, of course, only point it out and characterize it. I am not inclined to belittle scientific knowledge of nature in any way. Anyone who delves into spiritual science will see that it acknowledges scientific knowledge of nature, particularly in the form that corresponds to the new era.

[ 5 ] Die Naturerkenntnis ist geeignet, bis zu einem gewissen Grade hin in die Wirklichkeit einzudringen. Aber diese Naturerkenntnis kommt zu gewissen Gebieten, auf denen sie Vorstellungen entwickeln muss, und gegenüber diesen Vorstellungen versagt gewöhnlich gerade dasjenige, was die Seele in ihren tiefsten Tiefen als Erkenntnisziel hat. Solche Vorstellungen sind schon die Vorstellungen des Stoffes als Träger des materiellen Daseins, wie sie uns überliefert werden durch Beobachtung der Sinne.

[ 5 ] The study of nature is capable of penetrating reality to a certain degree. But this knowledge of nature encounters certain areas where it must develop concepts, and it is precisely what the soul, in its deepest depths, holds as the goal of knowledge that usually fails in the face of these concepts. Such concepts are already the concepts of matter as the vehicle of material existence, as they are handed down to us through sensory observation.

[ 6 ] Es wird Ihnen vielleicht bekannt sein, wie viele Denkarbeit, redliche, gewissenhafte, ernste Denkarbeit auf solche Vorstellungen verwendet worden ist, um auf ihren Sinn zu kommen wie die Vorstellung des Stoffes oder der Kraft und dergleichen. Allein derjenige, der nun nicht nur versucht zu spekulieren, zu philosophieren über solche Vorstellungen, sondern der mit seiner Seele verfolgt alles, was die Seele aufbringt, um aus der Erfahrung, dem Denken heraus sich solche Vorstellungen zu bilden, kommt dazu, sich zu sagen: Es liegt einmal in der Natur der Menschheitsorganisation, solche Vorstellungen zu bilden, solche Wechselvorstellungen im Wechsel der Welt zu bilden und dann stehen zu lassen, nicht weiter einzudringen, denn — wie gesagt, ich kann nur Ergebnisse anführen, das Weitere finden Sie in meinen Büchern —, denn der Mensch ist gezwungen, diese Vorstellungen deshalb hinzustellen, um gewissermaßen einen Rückhalt zu haben, das andere Leben, nämlich das Erkenntnisleben zu entwickeln.

[ 6 ] You may be aware of how much intellectual effort—honest, conscientious, serious intellectual effort—has been devoted to such concepts in order to grasp their meaning, such as the concept of matter or force and the like. But the person who does not merely attempt to speculate or philosophize about such concepts, but who, with his soul, pursues everything the soul brings forth in order to form such concepts out of experience and thought, comes to say to himself: It is, after all, in the nature of human organization to form such concepts—to form these changing concepts in response to the changing world—and then to leave them at that, without delving any deeper; for—as I said, I can only cite results; you will find the rest in my books—for human beings are compelled to set these concepts aside in order, so to speak, to have a foundation upon which to develop the other life, namely, the life of knowledge.

[ 7 ] Wie ist es mit solchen Vorstellungen eigentlich? So, wie mit einem Spiegel. Man steht vor einem Spiegel, sehr verehrte Anwesende, und sieht sich darin. Der Spiegel ist notwendig, damit man sich darinnen sieht. So sind gewisse Vorstellungen in unserer Organisation notwendig, damit wir zu anderen Vorstellungen kommen können. Sie sind wie ein seelischer Geistesspiegel da. Wollen wir in derselben Weise wie sonst in unsere äußere Wirklichkeit eindringen in diese Vorstellungen, so ist das so, wie wenn wir den Spiegel zerbrechen wollten, um zu ergründen, was wir darin sehen. So ist es eigentlich gegenüber allen Grenzvorstellungen der Naturerkenntnis.

[ 7 ] What are these ideas really like? They’re like a mirror. You stand in front of a mirror, ladies and gentlemen, and see yourself in it. The mirror is necessary so that you can see yourself in it. In the same way, certain concepts in our organization are necessary so that we can arrive at other concepts. They serve as a mirror for the soul and spirit. If we were to try to penetrate these concepts in the same way we usually penetrate our external reality, it would be like trying to break the mirror in order to fathom what we see in it. This is actually true of all the boundary concepts in the understanding of nature.

[ 8 ] Wollte man dieselbe Art fortsetzen, würde man in derselben Lage sein, wie wenn man einen Spiegel zerbrechen wollte, um dahinterzukommen, was dahinter ist und was bewirkt, dass man sich darin sieht. Dies ist auch das Erlebnis, das man zuletzt hat, wenn man darüber nachdenkt, was in der Philosophie als ganz sicher genommen wird. Wenn man hinter die Oberfläche der Dinge durch Philosophie und Spekulation vordringen will, ist es, wie wenn man einen Spiegel zerbrechen wollte, um zu entdecken, was man nicht hinter ihm finden wird.

[ 8 ] If one were to continue in the same vein, one would find oneself in the same situation as if one were to break a mirror in order to discover what lies behind it and what causes one to see oneself in it. This is also the experience one ultimately has when reflecting on what is taken for granted in philosophy. If one wants to penetrate beyond the surface of things through philosophy and speculation, it is like trying to break a mirror to discover what one will not find behind it.

[ 9 ] Nun entsteht für den, der so etwas im unmittelbaren Seelenerleben erschaut, die bedeutungsvolle, wichtige Frage: Womit in der menschlichen Natur hängt das eigentlich zusammen, dass wir notwendig an solche Grenzen kommen müssen, dass wir in der Tat Wesenhaftes vor uns hinstellen müssen, an dem wir eine Widerlage haben, das wir nicht zerbrechen, um mich bildlich auszudrücken, sondern einfach im alltäglichen Bewusstsein stehen lassen müssen? Woher kommt das? Da gelangt man schon, wenn man diese Frage erforscht, an ein bedeutungsvolles menschliches Seelenerlebnis, Seelengeheimnis, man gelangt dazu, zu erkennen, wie etwas im menschlichen Leben, in der ganzen menschlichen Organisation mit dieser Spiegelnatur unserer Naturerkenntnis zusammenhängt. Man kann geisteswissenschaftlich erforschte Fragen des Seelenlebens bis zu einem gewissen Grade beantworten.

[ 9 ] Now, for those who perceive such things in their immediate spiritual experience, a meaningful and important question arises: What aspect of human nature is actually responsible for the fact that we inevitably encounter such limits—that we must, in fact, set before us something essential against which we have a counterpoint, something we do not shatter, to put it figuratively, but must simply allow to remain in our everyday consciousness? Where does this come from? When one explores this question, one arrives at a profound human soul experience, a mystery of the soul; one comes to recognize how something in human life, in the entire human organism, is connected to this reflective nature of our knowledge of nature. Questions about the life of the soul that have been explored through spiritual science can be answered to a certain extent.

[ 10 ] Wie wäre das menschliche Seelenleben, wenn es nicht so wäre, wenn man nicht diesen Spiegel vor sich hätte? Man würde ein Element vermissen müssen in diesem menschlichen Seelenleben, das unbedingt notwendig ist für dieses menschliche Leben, für das menschliche Dasein zwischen der Geburt oder der Empfängnis und dem Tode. Wäre die menschliche Erkenntnis so geartet, dass sie untertauchen könnte in diese Grenzvorstellung, so würde die menschliche Seele der Liebe entbehren müssen, der Möglichkeit, aus dem Gefühls-, dem Affektleben heraus dasjenige in Liebe zu erfassen, was sie gerade nur im Spiegel sehen kann. Die Spiegelnatur, die verbunden ist mit unserer äußeren Sinnlichkeit, ist zugleich dasjenige, was in der Seele macht, dass wir nicht grob und unintim der äußeren Wirklichkeit gegenüberstehen, sondern so, dass unsere Gedanken versagen in dem Moment, wo sie trocken und nüchtern die Liebe ertöten. Wir müssen so organisiert sein, dass wir auf dem Wege der gewöhnlichen Sinneserkenntnis oder ihrer Zergliederung nicht weiter kommen, als wir können, damit wir der Liebesfähigkeit nicht entbehren.

[ 10 ] What would human spiritual life be like if it were not so, if one did not have this mirror before one? One would have to miss an element in this human spiritual life that is absolutely necessary for human life, for human existence between birth or conception and death. If human cognition were of such a nature that it could submerge itself in this concept of a boundary, the human soul would have to do without love—the possibility of grasping, through the life of feeling and emotion, that which it can currently see only in the mirror. The mirror-like nature, which is connected to our external sensibility, is at the same time what ensures within the soul that we do not face external reality in a crude and impersonal way, but rather in such a way that our thoughts fail at the very moment they dryly and soberly kill love. We must be organized in such a way that, through ordinary sensory perception or its analysis, we do not go further than we are capable of, so that we do not lose our capacity for love.

[ 11 ] Ich sage das ausdrücklich: Dadurch, dass wir nach diesen beiden Seiten begrenzt sind, sind wir liebefähig, und so kommt der Geistesforscher durch das unmittelbare Seelenerleben dazu, zu erkennen, dass in der Tat Naturerkenntnis nicht in die wahre Wirklichkeit hineinführen kann, weil eben das Hineintauchen in die gewöhnliche Erkenntnis, in diese wahre Wirklichkeit, im Menschen die Liebesfähigkeit vertrocknen lässt. Dies ist das erste Erlebnis, das man hat, wenn man auf dem Wege der Geisteswissenschaft ist.

[ 11 ] Let me state this explicitly: It is precisely because we are limited by these two aspects that we are capable of love, and thus the spiritual researcher, through direct soul experience, comes to recognize that knowledge of nature cannot, in fact, lead into true reality, because immersing oneself in ordinary knowledge—in this true reality—causes the capacity for love to wither away in human beings. This is the first experience one has when walking the path of spiritual science.

[ 12 ] Dasjenige, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, ergibt sich ausführlicher in meinem Buche «Vom Menschenrätsel». Es ergibt sich als ein unmittelbares wirkliches Erlebnis; das ist das eine. Es gibt sehr viele Menschen, welche sich nicht ganz klar oder mehr oder weniger empfindungsgemäß zu dem Bewusstsein gebracht haben, dass man durch Naturerkenntnis nicht in die Tiefen menschlichen Seelenlebens, überhaupt nicht des Geistesdaseins gelangt. Solche Menschen haben Zweifel bekommen über die Naturerkenntnis und wenden sich dann einer anderen Erkenntnis zu. Diese andere Erkenntnisart gibt das zweite Erlebnis, von dem ich zu sprechen habe, das vorbereitend sein muss für den Geistesforscher. Das Erste ist das Versagen der Naturerkenntnis, das Zweite ist das Versagen auch einer anderen Erkenntnis, die sehr viele Menschen suchen in dem Augenblick, wo sie oft nur instinktiv an der Naturerkenntnis zweifeln. Das ist die Mystik. Unter Mystik ist nur das zu verstehen, was ich selbst charakterisieren werde.

[ 12 ] What I have just told you is explained in greater detail in my book The Mystery of Man. It is presented as an immediate, real experience; that is one thing. There are very many people who have not quite clearly—or who have only more or less intuitively—come to the realization that knowledge of nature does not lead into the depths of human soul life, let alone spiritual existence. Such people have begun to doubt the value of knowledge of nature and have therefore turned to another form of knowledge. This other form of knowledge provides the second experience I wish to discuss, which must serve as a preparation for the spiritual researcher. The first is the failure of the study of nature; the second is the failure of another form of knowledge that very many people seek at the very moment when they often doubt the study of nature merely instinctively. This is mysticism. By mysticism, we are to understand only what I myself will characterize.

[ 13 ] Unter Mystik versteht man im gewöhnlichen Sinne das Sichversenken ins eigene Seelenleben mit den Mitteln, die im alltäglichen Bewusstsein vorhanden sind. Man will dabei stehen bleiben, aber man versucht, die Aufmerksamkeit abzuwenden von der sinnlichen Außenwelt, man versucht, gewissermaßen blind und taub zu werden dagegen, sich hinunterzuversenken in dasjenige, was man im eigenen Seelenleben erleben kann. Diese mystische Erkenntnis wird von vielen als sehr befriedigend bezeichnet, da der Weg des Äußeren nicht in die Geheimnisse des Daseins führt, nicht zum Kern führt. Was man Philosophie nennt, ist ein Zwitterding. Viele Glieder der philosophischen Erkenntnis neigen zu dem hin, was ich hier mystisch nenne, andere zur Naturerkenntnis. Jeder kann, wenn er den Meister Eckehart oder andere Mystiker auf sich wirken lässt, durch das Untertauchen sich eine Erkenntnis verschaffen.

[ 13 ] In the ordinary sense, mysticism is understood as immersing oneself in one’s own inner life using the means available within everyday consciousness. One seeks to remain there, but in doing so, one tries to turn one’s attention away from the sensory external world; one tries, as it were, to become blind and deaf to it, to sink down into what one can experience in one’s own inner life. Many describe this mystical insight as deeply satisfying, since the path of the external world does not lead to the mysteries of existence, nor does it lead to the core. What is called philosophy is a hybrid. Many aspects of philosophical insight tend toward what I here call the mystical, while others tend toward an understanding of nature. Anyone who allows Meister Eckhart or other mystics to take hold of them can gain insight through this immersion.

[ 14 ] Das Erlebnis erzeugt, dass man auf diesem Wege, indem man mit dem gewöhnlichen Bewusstsein, mag es nun mehr oder weniger wissenschaftlich, mystisch oder religiös gemeint sein, niedertaucht in die Tiefen des Seelenlebens, auch nicht zu befriedigenderen Resultaten kommt wie auf dem äußerlichen Wege der Naturerkenntnis. Man wird, wenn man ehrlich ist, wenn man volle Besonnenheit hat, wenn man kein Schwärmer, kein Phantast ist, man wird bei höherer Selbsterkenntnis auf dem mystischen Wege sich immer sagen können: Es mischt sich etwas herein, was man da innerlich in der Versenkung erlebt, was zusammenhängt mit dem subjektiven Erleben, was nicht hinunterdringt unter die Gründe des subjektiven menschlichen Willens, was gefärbt ist von dem, was er ausgestaltet, und sagt sich zuletzt: Auch auf diesem Wege dringt man nicht weiter als zu Bildern, zu sehr deutsamen, oft innerlich erschütternden Bildern vielleicht, die aufsteigen aus einem innigen Zusammenleben mit dem Kern der Welt, aber doch eigentlich nur zu Bildern. Man lernt erkennen den Bildcharakter als mystisches Erleben, gerade wenn man voll realer Besonnenheit mystisch vordringen will im menschlichen Erleben.

[ 14 ] This experience shows that, by following this path—in which one delves into the depths of the soul’s life with ordinary consciousness, whether that consciousness is more or less scientific, mystical, or religious in nature—one does not arrive at more satisfying results than one does through the external path of the study of nature. If one is honest, if one possesses full self-control, if one is neither a dreamer nor a fantasist, then with greater self-knowledge on the mystical path one will always be able to say to oneself: Something intermingles with what one experiences inwardly in contemplation—something connected to subjective experience, something that does not penetrate to the very foundations of the subjective human will, something colored by what the will shapes—and one ultimately concludes: Even on this path, one does not penetrate any further than to images—perhaps very meaningful, often inwardly stirring images that arise from an intimate communion with the core of the world, but which are, in truth, nothing more than images. One learns to recognize the nature of these images as mystical experience precisely when, with complete real-world prudence, one seeks to advance mystically within human experience.

[ 15 ] Und so sieht man sich auch da an eine bestimmte Grenze gestellt. Was ist es in der menschlichen Organisation, was notwendig macht, dass man auch mit der mystischen Erkenntnis an eine Grenze kommt? Was würde dem Menschen fehlen, wenn er nach dem Ideal gewisser Mystiker durch diese Versenkung in das Innere seiner Seele so untertauchen könnte, dass er zusammenstieße mit dem wesenhaften Kern des Daseins, wo auch der Kern unseres Seelenlebens liegt? So, wie wir früher der Liebesfähigkeit ermangeln mussten, so würde uns nun eine andere Seelenfähigkeit nicht eigen sein können, wenn wir durch mystische Versenkung zum Kern des eigenen Daseins und dem der Welt vordringen können; da würde eine bedeutungsvolle, unentbehrliche Seelenfähigkeit nicht da sein, das ist die Erinnerungsfähigkeit. Wir würden auf dem Weg, den wir mit all dem, was wir aus der Welt erfahren, wenn wir mit dem vordringen würden zum Kern des Daseins, wir würden nicht stoßen können in unserer Seele auf diejenige Kraft, die uns erinnerungsfähig macht als Menschenwesen. Wir müssen auseinandergehalten haben durch unsere Organisation unser Vorstellen, unser Wahrnehmen von unserem Gefühl und Willen, denn da ist mitten hinein die Erinnerungsfähigkeit gestellt. Indem wir uns in uns selber versenken, müssen wir uns erinnern können.

[ 15 ] And so one finds oneself confronted with a certain limit even there. What is it in human organization that makes it necessary to reach a limit even with mystical insight? What would be lacking in a person if, following the ideal of certain mystics, they could immerse themselves so deeply into the innermost recesses of their soul that they would come into contact with the essential core of existence—where the core of our soul life also lies? Just as we previously lacked the capacity for love, so too would we now be unable to possess another capacity of the soul if we could penetrate, through mystical contemplation, to the core of our own existence and that of the world; a significant, indispensable capacity of the soul would be missing—namely, the capacity for memory. On the path we take with all that we experience from the world—as we penetrate to the core of existence—we would not be able to encounter within our soul the very force that enables us, as human beings, to remember. Through our inner organization, we must have distinguished our imagination and our perception from our feeling and will, for the capacity for memory is situated right in the midst of them. As we immerse ourselves within ourselves, we must be able to remember.

[ 16 ] Wir sehen, zwei schon erschütternde Erlebnisse sind es, von denen vorbereitend der Geistesforscher ausgehen muss, und der Geistesforscher muss den Mut haben, sich nun zu sagen: Dies sind im Wesentlichen auch die zwei Wege, auf denen man mit dem gewöhnlichen Bewusstsein irgendwie vordringen kann. Er muss auch den Mut haben, dieses gewöhnliche Bewusstsein umzugestalten, ihm einen andern Charakter zu geben, gewissermaßen aus diesem gewöhnlichen Bewusstsein heraus ein anderes, höheres Bewusstsein zu erwecken, welches sich verhält zum gewöhnlichen Bewusstsein wie das gewöhnliche sich zum Schlafbewusstsein verhält. Wir wissen, wie ergreifend die Seele um die Kraft ringt, einen Unterschied zu machen zwischen dem, was in der Wirklichkeit ist, und dem, was im Traume ist. Es ist notwendig das Aufwachen aus dem gewöhnlichen Bewusstsein, das wir vom Morgen bis zum Abend für unser Wissen brauchen, zu einem höheren Bewusstsein, und nur darin lässt sich erleben dasjenige, was mit den eigentlichen Rätseln der menschlichen Seele zusammenhängt.

[ 16 ] We see that there are two already deeply unsettling experiences from which the spiritual researcher must begin, and the spiritual researcher must have the courage to say to himself: These are essentially also the two paths along which one can somehow make progress with ordinary consciousness. He must also have the courage to transform this ordinary consciousness, to give it a different character—in a sense, to awaken from within this ordinary consciousness a different, higher consciousness, which relates to ordinary consciousness just as ordinary consciousness relates to the consciousness of sleep. We know how poignantly the soul struggles to distinguish between what is real and what is a dream. It is necessary to awaken from ordinary consciousness—which we need for our knowledge from morning to night—to a higher consciousness, and only in this higher consciousness can one experience that which is connected with the true mysteries of the human soul.

[ 17 ] Man sehe nur auf die Unsterblichkeitsfrage hin, sehr verehrte Anwesende. Sie ist heute wirklich wiederum in die Erkenntnissehnsucht der Menschen hineingestellt, und da die Menschen heute gewöhnt geworden sind, wissenschaftliche Anforderungen an solche Fragen zu stellen, sich nicht mehr mit der traditionellen Art zufriedengeben wollen, ist es wissenschaftliche Aufgabe, solche Fragen zu erörtern wie die Unsterblichkeitsfrage. Sehr viele Menschen täuschen sich. Mancher versucht oftmals, irgendwie einen mehr oder weniger philosophisch oder mehr oder weniger dilettantisch gearteten Beweis zu führen, dass etwas in der menschlichen Wesenheit lebt, das den Tod überdauert, aber damit ist es nicht genug, sehr verehrte Anwesende.

[ 17 ] Just consider the question of immortality, distinguished guests. Today, it has once again become a central part of humanity’s quest for knowledge, and since people today have become accustomed to applying scientific standards to such questions—and are no longer content with traditional approaches—it is the task of science to address questions such as that of immortality. A great many people are mistaken. Some often attempt to present some sort of proof—more or less philosophical or more or less amateurish in nature—that something within the human being lives on beyond death, but that is not enough, ladies and gentlemen.

[ 18 ] Man muss sich klarmachen: Wer nur Beweise liefern kann, dass etwas den Tod überdauert, der hat für die Unsterblichkeitsfrage eigentlich nichts Besonderes getan. Denn dasjenige, um was es zu tun ist, was in dieser Frage liegt, ist, ob, wenn der Mensch seinen physischen Leib abgelegt [hat], mit seinem Seelenwesen weiterhin, ohne dass er physisch lebt, ein hohes Bewusstsein verbunden ist. Alles Übrige sind untergeordnete Fragen. Zum Beispiel, ob irgendein ätherisches Fluid, ein Nebelwesen als Seele weiterlebt, kann den Mensch nicht interessieren, wenn er nicht vordringen kann zur Erkenntnis, dass das Weiterleben bewusst ist, dass ein Bewusstsein möglich ist ohne Organisation des Leibes; denn das ist der Geisteswissenschaft und der Naturwissenschaft klar, dass unser gewöhnliches Bewusstsein, das alltägliche, so innig verknüpft ist mit der physischen Lebensorganisation, dass man von einem Funktionieren, einem Kraften dieses gewöhnlichen Bewusstseins nur sprechen kann, wenn dieses Bewusstsein von der Leibesorganisation getragen ist.

[ 18 ] One must realize: Anyone who can merely provide evidence that something survives death has not actually done anything particularly significant regarding the question of immortality. For what is at stake here, the crux of the matter, is whether, once a person has shed their physical body, a higher consciousness remains connected to their soul-being even though they are no longer physically alive. Everything else are secondary questions. For example, whether some kind of ethereal fluid or a nebulous entity lives on as a soul cannot be of interest to a person unless they can advance to the realization that this continued existence is conscious, that consciousness is possible without the organization of the body; for it is clear to spiritual science and natural science that our ordinary, everyday consciousness is so intimately linked to the physical life organization that one can speak of the functioning or activity of this ordinary consciousness only when it is supported by the bodily organization.

[ 19 ] Dem Geistesforscher also obliegt es, zu zeigen, dass ein Bewusstsein ohne physisches Leben möglich ist. Nun, sehr verehrte Anwesende, ich möchte gewissermaßen zur Einschaltung Sie hinweisen auf manches, was uns unterstützen kann im Verständnis des Folgenden, das ich gerade zeige, wie die Naturerkenntnis, auch wenn sie sich redlich bemüht, auch in Bezug auf die menschliche Seele zu einem gewissen Punkt nur kommt und nicht hinauskann. Ich könnte Hundert und Hunderte von Beispielen anführen, die nach derselben Richtung laufen würden. Ich will ein Beispiel aus der Literatur anführen, damit nachgeprüft werden kann, ein Beispiel das Sie verzeichnet finden unter dem Titel «Über das unterbewusste Ich» von Waldstein, das in Wiesbaden erschien. Waldstein führt ein Erlebnis an, durch das sich ihm eine Art von Grenze naturwissenschaftlicher Beobachtung enthüllt, dem Geistesforscher aber viel mehr.

[ 19 ] It is therefore up to the spiritual researcher to demonstrate that consciousness is possible without physical life. Now, ladies and gentlemen, I would like, so to speak, to draw your attention to a few things that can help us understand what I am about to demonstrate: namely, that scientific knowledge—even when it makes a sincere effort—can only go so far when it comes to the human soul and cannot go beyond that point. I could cite hundreds upon hundreds of examples that would point in the same direction. I would like to cite an example from literature so that it can be verified—an example you will find listed under the title On the Subconscious Self by Waldstein, published in Wiesbaden. Waldstein describes an experience through which a kind of limit to scientific observation was revealed to him, but which reveals much more to the researcher of the spiritual realm.

[ 20 ] Er stand einmal als Naturforscher vor dem Schaufenster eines Buchhändlers. Sein Blick fiel auf ein Buch, das den Titel zeigte «Mollusken». Der Naturforscher muss, indem er das Titelblatt ansieht, lächeln, ist sich aber keines Grundes bewusst, dass er lächeln muss, indem er den Buchtitel «Mollusken» liest. Da nimmt er folgende Zuflucht, um hinter die Sache zu kommen. Er schließt die Augen und gibt recht acht auf dasjenige, was er nun hören kann, und er hört fern einen Leierkasten, der spielt gerade kaum hörbar eine Melodie, bei welcher der Beobachter, der lächeln muss, in ganz frühen Jahren tanzen gelernt hat; ist sich bewusst, dass er damals nicht auf die Melodie achtgegeben, nur auf die Schritte, die er lernen musste, und auf das, was er mit seiner Partnerin erlebte; aber nach Jahrzehnten, wo er vor dem Molluskenbuch steht, kommt ihm die Reminiszenz aus den Tiefen der Seele. Dieser Ton, der damals nicht ganz deutlich aufgenommen wurde, kommt in der Seele herauf und verursacht ein Lächeln.

[ 20 ] Once, as a naturalist, he was standing in front of a bookstore window. His gaze fell on a book with the title “Mollusks.” As he looks at the title page, the naturalist can’t help but smile, though he is unaware of any reason why he should be smiling upon reading the book’s title, “Mollusks.” So he resorts to the following method to get to the bottom of the matter. He closes his eyes and pays close attention to what he can now hear, and in the distance he hears a barrel organ playing a barely audible melody—one to which the observer, who cannot help but smile, learned to dance in his very early years; he is aware that at the time he did not pay attention to the melody, only to the steps he had to learn and to what he experienced with his partner; but decades later, as he stands before the mollusk book, the memory surfaces from the depths of his soul. That sound, which wasn’t fully registered back then, rises up in his soul and brings a smile to his face.

[ 21 ] Solche Dinge muss der Geistesforscher ganz besonders berücksichtigen, denn sie zeigen, welche Vorsicht man haben muss. Mancher Mensch glaubt, Mystiker zu sein und gerade durch die Versenkung in die Seele dies oder jenes zu erleben. Was heraufkommt, ist oftmals nur der längst entschwundene Orgelton, den man nur für ein tief mystisches Erlebnis nimmt, weil sich solche Dinge auch umgestalten.

[ 21 ] The spiritual researcher must pay particular attention to such things, for they show just how cautious one must be. Some people believe they are mystics and that, precisely through contemplation of the soul, they experience this or that. What emerges is often merely the long-vanished organ tone, which one mistakes for a deeply mystical experience simply because such things also undergo transformation.

[ 22 ] Viele Beispiele könnte man erzählen, wo Mystiker, die sich recht tiefsinnig finden, Ihnen allerlei erzählen von inneren Erlebnissen, die sie an die Grenze der Geister führen und nichts sind als ein alter Leierkasten. Aber gerade an solchen Erlebnissen findet man, sehr verehrte Anwesende, die ganze Bedeutung desjenigen, was menschliche Erinnerung ist. Es wird Ihnen ja vielleicht bekannt sein, dass wir unser Selbstbewusstsein nicht entfalten können ohne Erinnerung. Das Selbstbewusstsein hängt sehr stark zusammen mit der kontinuierlichen Erinnerungsfähigkeit. Aber die Erinnerungsfähigkeit ist zugleich eine solche, die sehr häufig mit den unterbewussten, mit den sogenannten unbewussten Seelenkräften unseres Seelenlebens zusammenhängt. Da ist es nun besonders wichtig, darauf zu achten, dass die Geisteswissenschaft, die in die Geisteswirklichkeit eindringen will, von vornherein sich klar ist, dass alles dasjenige, was mit der gewöhnlichen Erinnerungsfähigkeit zusammenhängt, überhaupt nicht zur Erkenntnis der geistigen Welt führt. Dass wir erkennen, dass wir an eine bestimmte Grenze geführt werden, über die wir hinausmüssen, wenn wir in die Geisteswelt wollen, ergibt ganz bestimmte Schwierigkeiten, die so liegen, dass viele Menschen sagen: Was so ein Geistesforscher sagt, ist nicht zu glauben. Das wird gesagt, weil das, was er sagt, sehr weit abliegt vom gewöhnlich eingelaufenen Denken, an das die Menschen schon einmal gewöhnt sind.

[ 22 ] One could cite many examples of mystics who consider themselves quite profound, yet tell you all sorts of things about inner experiences that take them to the limits of the spirit—and which are nothing more than an old barrel organ. But it is precisely in such experiences, my esteemed audience, that one finds the full significance of what human memory is. You may well be aware that we cannot develop our self-awareness without memory. Self-awareness is very closely linked to the continuous capacity for memory. But this capacity for memory is, at the same time, one that is very often connected to the subconscious—to the so-called unconscious soul forces—of our soul life. It is therefore particularly important to ensure that spiritual science, which seeks to penetrate spiritual reality, is clear from the outset that everything connected with ordinary memory does not lead to an understanding of the spiritual world at all. The fact that we recognize we are led to a certain boundary—one we must cross if we wish to enter the spiritual world—gives rise to very specific difficulties, such that many people say: “What such a spiritual researcher says is not to be believed.” This is said because what he says lies very far removed from the conventional, well-established way of thinking to which people have already become accustomed.

[ 23 ] Die Menschen sind gewöhnt, so zu denken, dass in all ihr Denkleben hineinstrahlt dasjenige, was von der Erinnerung getragen ist. Ich sagte, der Geistesforscher muss den Mut haben, eine andere Erkenntnisart zu entwickeln. Auf zwei Wegen erreicht er sie. Dadurch dass der Mensch sich fähig macht, solch ein Seelendasein zu führen, das mit Anschluss der Erinnerung für eine Zeit — man kann nicht den ganzen Tag Geistesforscher sein — in seiner Seele solche Kraft entwickelt, die diese Seele bestimmt, sie in Bewegung versetzt, aber ohne dass in Anspruch genommen wird die Erinnerungsfähigkeit. Wodurch wird diese erlangt? Diese wird erlangt durch eine ganz bestimmte Art von meditativem Leben. Das ist schon eine Art von innerer Versenkung, aber unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Im gewöhnlichen Alltagsbewusstsein wirkt die Seelenkraft, indem wir äußere Wahrnehmungen machen und indem wir unsere Vorstellungen bilden über das, was unserer Durchsicht zukommt. Im sinnlichen Wahrnehmen und Vorstellungsleben bringt sich das zur Offenbarung, was uns mit der Wirklichkeit nach einer Seite hin verbindet.

[ 23 ] People are accustomed to thinking in such a way that what is carried by memory permeates their entire thought life. I said that the spiritual researcher must have the courage to develop a different kind of insight. He achieves this in two ways. By enabling oneself to lead a spiritual life that, while connected to memory for a time—one cannot be a spiritual researcher all day long—develops within the soul a force that shapes that soul and sets it in motion, yet without drawing upon the faculty of memory. How is this achieved? It is achieved through a very specific kind of meditative life. This is already a kind of inner contemplation, but under very specific conditions. In ordinary everyday consciousness, the soul’s power is at work as we make external perceptions and form our ideas about what comes within our field of vision. In sensory perception and the life of the imagination, that which connects us to reality on one side is revealed.

[ 24 ] Derjenige, der bestimmte seelische Übungen macht, welche geeignet sind, in einem gewissen Sinne in eines zusammenzufassen, was sonst in Wahrnehmen und Vorstellen zusammengezogen ist, zu ganz anderer Art des Vorstellens, der Erkenntnisfähigkeit gelangt er. Man muss, um diese Übungen zu machen, eben versuchen, solche Vorstellungen im Bewusstsein rege zu machen, sie in das Bewusstsein hereinzubringen, welche man möglichst überschauen kann. Dazu ist notwendig, dass man ganz sicher ist, dass diese Vorstellungen nicht herausgenommen sein können aus der gewöhnlichen, auch nicht aus der unterbewussten Erinnerung. Derjenige, der Übungen machen will, tut gut, sie sich raten zu lassen oder sonst in der Literatur der Geisteswissenschaften sie aufzusuchen. Man kann es annähernd machen, und das führt zum Ziel, aber man muss darauf sehen, dass man voll überschaut, was im Bewusstsein anwesend ist. Es müssen aber auch nicht abstrakte Gedanken sein, die sinnbildlich mit der äußeren Wirklichkeit zusammenhängen; [sie] sollen nichts Äußerliches abbilden, denn was ein äußerliches Abbild ist, ist mit der Erinnerung verknüpft. Wir müssen zum Beispiel die Vorstellung vom flutenden Licht anwesend sein lassen in unserem Bewusstsein. Und wenn man auf solche Übungen immer wieder zurückkommt, wenn man es dahin bringt, dass die ganze Kraft der Seele sich konzentrieren kann meditativ auf solche Vorstellungen, die man voll überschaut, wo man sich ganz klar ist darüber: Da wirkt nur das ins Bewusstsein hinein, wo keine Erinnerung ist, was man in der Gegenwart zusammengestellt hat —, unmittelbar wird eine Art von Denken kommen, die zugleich in sich schließt, was die Seele errichten muss gegen die äußeren Wahrnehmungen. Man wird blind und taub gegen sie, aber man verrichtet dieselbe Tätigkeit, die sonst in den äußeren Wahrnehmungen verrichtet wird.

[ 24 ] Anyone who performs certain spiritual exercises—which, in a certain sense, are designed to synthesize into a single whole what is otherwise combined in perception and imagination—attains a completely different kind of imagination and capacity for insight. To perform these exercises, one must attempt to actively engage such mental images in consciousness—to bring them into consciousness in a way that allows one to survey them as fully as possible. For this, it is necessary to be absolutely certain that these mental images cannot be derived from ordinary memory, nor from the subconscious. Anyone who wishes to do these exercises would do well to seek advice or look them up in the literature of the spiritual sciences. One can approach it in an approximate way, and that will lead to the goal, but one must ensure that one has a complete grasp of what is present in consciousness. However, these need not be abstract thoughts symbolically connected to external reality; [they] should not represent anything external, for what is an external representation is linked to memory. For example, we must allow the image of flowing light to be present in our consciousness. And if one returns to such exercises again and again, if one brings it to the point where the entire power of the soul can concentrate meditatively on such images that one fully comprehends, where one is completely clear about them: Then only that which has been assembled in the present moment—and in which there is no memory—will affect consciousness; immediately a kind of thinking will arise that simultaneously encompasses what the soul must erect against external perceptions. One becomes blind and deaf to them, yet one performs the same activity that is otherwise performed in relation to external perceptions.

[ 25 ] So gelangt man zu einem Vorstellen, das mit den Mitteln der Wahrnehmung arbeitet, zu einer Art Zusammenschluss von Wahrnehmungskraft und Denkkraft. Und wenn man das immer mehr herausbildet, merkt man: In der Seele steigt auf etwas, was früher nicht da war. Man lernt neue Seiten am Menschen kennen, die in den Tiefen der Seele geschlummert haben, lernt in der menschlichen Seelennatur das Hinweggehen der gewöhnlichen Gesinnung, aber die Erkenntnis, «die Zeit werde zum Raum», das Merkwürdige tritt auf, dass man auf das, was man erlebt hat, wie zurückschauen kann. Die gewöhnliche Erinnerung, die an das gewöhnliche Tagesbewusstsein gebunden ist, zeigt: Das Erlebnis ist vergangen, wir stellen das Erlebnis neu vor, indem wir es in der Erinnerung wieder haben, wir können nicht zurückschauen auf das Erlebnis.

[ 25 ] This leads to a way of imagining that works through the faculties of perception—a kind of union of perceptive power and thinking power. And as one develops this more and more, one notices that something arises within the soul that was not there before. One comes to know new aspects of the human being that have lain dormant in the depths of the soul; one perceives, within the nature of the human soul, the fading away of the ordinary mindset, but also the realization that “time becomes space”—and the remarkable phenomenon occurs that one can look back, as it were, on what one has experienced. Ordinary memory, which is bound to ordinary daily consciousness, shows that the experience has passed; we recreate the experience by recalling it in memory, but we cannot look back upon the experience.

[ 26 ] Wenn man solche Übungen getrieben hat, ist die Vergangenheit vorhanden, man schaut in die Zeit hinein, eine neue Seelenfähigkeit tritt auf, eine neue Wirklichkeit. Gelangt man dazu, das Geistige im Sinnlichen zu schauen, bevor man entdeckt, dass dasjenige, was nur in der Erinnerungsfähigkeit als vergangen erscheint, was geistig immer geschaut werden kann, da ist, dann, sehr verehrte Anwesende, kann auf diese Art vorgedrungen sein zu dieser neuen Art von Erkenntnisfähigkeit, dann gelangt man dazu, immer mehr zu fühlen, was als neues Selbstbewusstsein bezeichnet werden kann.

[ 26 ] When one has engaged in such exercises, the past is present; one looks into time, and a new capacity of the soul emerges—a new reality. If one succeeds in perceiving the spiritual within the sensory realm—before discovering that what appears to be past only in the capacity for memory, yet can always be perceived spiritually, is actually present—then, esteemed audience, having advanced in this way toward this new kind of cognitive capacity, one comes to feel, more and more, what can be described as a new sense of self-awareness.

[ 27 ] Dieses neue Selbstbewusstsein muss man erlebt haben, wenn man einen annähernden Begriff davon haben will. Geisteswissenschaftliche Vorträge werden von manchen mit Recht schwieriger gefunden als andere, weil unsere Worte nur für das Sinnliche geprägt sind und daher unsere Worte wenig passen für das Übersinnliche. Allein der Geistesforscher ist eben gezwungen, Worte in einem anderen als dem gewöhnlichen Sinne zu gebrauchen. Er muss Worte durch Gebärden gebrauchen, muss hindeuten auf dasjenige, was in der Seele vorgeht. Worte sind seelische Gebärden. Er muss auf Empfänglichkeit rechnen jeder Menschenseele, die in dem Unbewussten ruht. Auf die Art gelangt man zu einer neuen Art von Selbstbewusstsein. Jetzt erst bekommt man eine lebensmäßige Vorstellung davon, was es heißt, sich in seinem seelischen, geistigen Leben unabhängig von der Leibesorganisation zu erleben. Wieso? Wie man den Tisch außer sich hat, so hat man in diesem Erlebnis die eigene Leibesorganisation außer sich. Man erlebt sich ganz gewiss in einem Selbstbewusstsein, das unabhängig ist von der Leibesorganisation.

[ 27 ] One must have experienced this new self-awareness if one is to have even a rough idea of it. Some people rightly find lectures on spiritual science more difficult than others, because our words are coined only for the sensory realm and are therefore ill-suited to the supersensory. But the spiritual researcher is compelled to use words in a sense other than the ordinary one. He must use words as gestures, must point to what is taking place in the soul. Words are gestures of the soul. He must count on the receptivity of every human soul, which lies dormant in the unconscious. In this way, one arrives at a new kind of self-awareness. Only now does one gain a vivid conception of what it means to experience oneself in one’s soul and spiritual life independently of the physical body. Why? Just as one has the table outside of oneself, so in this experience one has one’s own physical body outside of oneself. One certainly experiences oneself in a self-awareness that is independent of the physical body.

[ 28 ] Nun ist allerdings eine zweite Übung notwendig. Man erlangt zunächst, wenn man solche Übungen macht, nur dieses Selbstbewusstsein, und darin fühlt man sich beengt, eingespannt in ein seelisches Dasein. Es ist so, wie wenn man wüsste, man hat Augen, sie haben aber nicht die durchsichtige Glasflüssigkeit. Man fühlt dann die Augen in sich, aber sich durch das Auge nicht verbunden mit der objektiven Welt. So erwacht zunächst das Selbstbewusstsein; man fühlt sich aber wie in einer seelischen Trübung, aber man fühlt sich nicht verbunden mit der seelischen Außenwelt. Man steht darin, das weiß man, aber das Selbstbewusstsein muss erst durchsichtig werden. Dazu gelangt man durch weitere Übungen. Man erkennt sehr bald, wenn man solches Denken, das zugleich ein Wahrnehmen ist, entwickelt, dass man sich stürzt in eine Bilderwelt; man hat das neue Selbstbewusstsein nicht bloß wie einen Erlebnisboden, sondern lebt in einer Bilderwelt. Sie strömt einem nur so zu, man wird aber in seinem Selbstbewusstsein undurchsichtig.

[ 28 ] Now, however, a second exercise is necessary. At first, when one does such exercises, one attains only this self-awareness, and within it one feels confined, constrained within a psychological existence. It is as if one knew one had eyes, but they lacked the transparent, glass-like fluid. One then feels the eyes within oneself, but does not feel connected to the objective world through the eyes. This is how self-awareness first awakens; one feels as if in a state of mental cloudiness, yet one does not feel connected to the outer world of the soul. One stands within it—one knows this—but self-awareness must first become transparent. This is achieved through further exercises. One realizes very soon, when one develops such thinking—which is at the same time a form of perception—that one is plunged into a world of images; one does not merely have this new self-awareness as a foundation for experience, but lives within a world of images. It simply flows toward one, yet one becomes opaque in one’s self-awareness.

[ 29 ] Man muss sich jetzt durch weitere Übungen die Fähigkeit erwerben, die anstürmenden Bilder wiederum zu unterdrücken. Das erlangt man dadurch, dass man immer mehr seinen Willen stärkt. Dass man ihn so stärkt — der sonst nur auf Äußeres gerichtet ist —, dass er nun auf die eigene Entwicklung gerichtet ist, darauf gerichtet ist, zum Beispiel strenge Selbsterziehung zu üben, zu bewirken, dass man dasjenige, was man erlebt hat, klar sieht, dass man den Willen nach innen leitet, dass man Vorstellungen und auch die Bilder unterdrücken kann, dass man ihrer Herr wird im neuen Selbstbewusstsein; dadurch wird es durchsichtig und gelangt dahin, nur — allerdings gibt das nur das Erleben — die wirklich geistige Welt zu schauen, die ebenso wahr da ist vor der menschlichen Seele wie vor dem Auge die Farbenwelt, vor dem Ohre die Tonwelt, eine Welt geistiger Wesenheiten, geistiger Vorgänge, der wir mit dem seelischen Wesen so angehören, wie wir mit dem leiblichen angehören der äußerlichen, durch die Sinne wahrgenommenen Welt.

[ 29 ] One must now, through further exercises, acquire the ability to suppress the images that surge forth. This is achieved by steadily strengthening one’s will. By strengthening the will—which is otherwise directed only toward the external world—so that it is now directed toward one’s own development, toward, for example, practicing strict self-discipline, ensuring that one clearly sees what one has experienced, directing the will inward, being able to suppress ideas and images, and becoming master of them through a new sense of self-awareness; through this, it becomes transparent and reaches the point where—though this is only possible through the experience — to perceive the truly spiritual world, which is just as real to the human soul as the world of colors is to the eye and the world of sound is to the ear: a world of spiritual beings and spiritual processes to which we belong with our soul just as we belong with our physical being to the external world perceived through the senses.

[ 30 ] Das ist der Weg, wie man auf der einen Seite hingelangt in die Geisteswelt. Das muss ein Erlebnis sein, das sich stützt auf die Resultatlosigkeit der bloßen Naturwissenschaft und der bloßen Mystik. Da gelangt man dahin, die Welt als reine Geistigkeit zu erfassen, dass man dann dasjenige, was ich genannt habe das Vergangene, das in der Zeit Lebende, anschaubar behält. Dass man die Anschauung erweitert, ergibt sich ganz naturgemäß, erweitert über die Grenzen der Geburt oder der Empfängnis hinaus. Wie der Mensch hinaufforscht zu seinen Ahnen, hinaufblickt, so blickt er durch seine innere Seele zur Geistesforschung, was in der Geisteswelt lebte und weste, bevor der Mensch sich der Welt bewusst wurde. Der Geistesforscher geht anders vor als der Naturforscher, der Geistesforscher muss einen Weg zeigen, nicht Resultate wie der Naturforscher.

[ 30 ] This is the path by which one enters the spiritual world. It must be an experience grounded in the futility of mere natural science and mere mysticism. There one comes to perceive the world as pure spirituality, so that one then retains a vivid perception of what I have called the past—that which lives in time. Expanding this perception follows quite naturally, extending beyond the boundaries of birth or conception. Just as a person traces their lineage back to their ancestors, looking upward, so too do they look through their inner soul toward spiritual research—toward what lived and flourished in the spiritual world before humanity became conscious of the world. The spiritual researcher proceeds differently than the natural scientist; the spiritual researcher must show a path, not present results like the natural scientist.

[ 31 ] Ich habe Ihnen geschildert den Weg, den die menschliche Seele nehmen muss in streng geregelter Weise, um das Vorgeburtliche, Geistige, Seelische in sich selber zu erkennen. Alle Spekulationen über die Unsterblichkeit müssen zuletzt zu unbefriedigenden Resultaten führen, wenn man das Unsterbliche als Ziel sucht, nach dem man strebt. Man kann das nicht, alle Spekulation versagt. Man findet auf dem einen Weg das vorgeburtliche Seelenwesen, das in uns lebt und wahr aus der Geisteswelt hereinkommt, wie das, was physisch in uns lebt von unseren Eltern. Dieses bedeutsame Erlebnis wird insbesondere erschütternd für die Seele, wenn diese Seele einmal dazu kommt, nun wirklich zu durchschauen, wie dieses vorgeburtliche Leben, dieses geistige, seelische Dasein zusammenhängt mit den Dingen, die wir sonst um uns herum haben im gewöhnlichen Bewusstsein.

[ 31 ] I have described to you the path that the human soul must follow in a strictly regulated manner in order to recognize within itself the prenatal, spiritual, and soul aspects. All speculation about immortality must ultimately lead to unsatisfactory results if one seeks the immortal as a goal to strive for. This is impossible; all speculation fails. On this path, one discovers the pre-birth soul-being that lives within us and truly comes from the spiritual world, just as that which lives physically within us comes from our parents. This significant experience becomes particularly shattering for the soul once that soul comes to truly understand how this prenatal life—this spiritual, soulful existence—is connected to the things we otherwise perceive around us in ordinary consciousness.

[ 32 ] Ich rede nicht gern, wenn ich von geistesforscherischen Dingen rede, von persönlichen Erlebnissen. Aber alle diese Dinge sind persönliche Erlebnisse, die bis zur Objektivität getrieben sind. Ich muss gestehen, dass es zu dem Allererschütterndsten meines inneren Seelenerlebens auf diesem Gebiete gehörte, als ich einmal, ich möchte sagen, als eine Offenbarung aus der Geistwelt erschaute mit dem menschlichen Denken, dem Vorstellen, als ich es so geübt hatte wie geschildert, unser vorgeburtliches, rein in der geistigen Welt zugebrachtes menschliches Seelendasein. Aus dem Erleben heraus offenbart sich das vorgeburtliche Seelenerleben. Wenn man es dahin bringt, immer mehr seine Übungen so zu gestalten, dass womöglich gar nichts von Abstraktem darin liegt, sondern ganz sich in das Bild hineinlebt, wenn man es dahin bringt, dass die Art, wie man lebt, zu solcher Lebendigkeit erwacht, wie sonst nur das Erleben der Sinneswahrnehmung ist, wenn man so lebhaft in der Seele lebt wie sonst nur in der Sinneswahrnehmung, dann kommt, so sonderbar es für das heutige Denken ist, die Anschauungserkenntnis, dann wird das vorherige Erdenleben erfahren, das vorgeburtliche, rein geistige Leben wird erfahren, das durch den letzten der Gedanken hindurchdringt, die geistige Wirklichkeit, was schon früher seine physische Wirklichkeit war. Wenn der Mensch es dazu bringt, durch die Erkraftung seines Seelenlebens so kräftig zu denken, dass sein Denken, trotzdem er nichts Äußerliches wahrnimmt, mit Lebhaftigkeit die Wahrheit des vorigen Lebens schaut, wie er sonst nur in Lebhaftigkeit hinschaut auf Blumen und Pflanzen, ihre Farbe und ihr Wachstum, das ist erschütternd.

[ 32 ] I don’t like to talk about spiritual research or personal experiences. But all these things are personal experiences that have been refined to the point of objectivity. I must confess that one of the most profoundly moving experiences of my inner soul life in this realm occurred when, I would say, a revelation from the spiritual world unfolded before me through human thought and imagination—as I had trained myself to do, as described—revealing our pre-birth human soul existence, spent entirely in the spiritual world. The pre-birth soul experience reveals itself through this experience. If one manages to shape one’s exercises more and more so that, if possible, there is nothing abstract in them at all, but instead one lives oneself entirely into the image; if one manages to awaken one’s way of living to such vividness as is otherwise found only in sensory perception; if one lives so vividly in the soul as is otherwise possible only in sensory perception—then, as strange as it may seem to modern thinking, intuitive knowledge arises; then one experiences the previous earthly life, the pre-birth, purely spiritual life that penetrates through the very last of one’s thoughts—the spiritual reality that was once one’s physical reality. When a person manages, through the strengthening of their soul life, to think so powerfully that their thinking—even though they perceive nothing external—vividly beholds the truth of their previous life, just as they otherwise look with vividness at flowers and plants, their colors and their growth—that is deeply moving.

[ 33 ] Eine Eigenschaft dieser hellseherischen Erkenntnis, dieser schauenden Erkenntnis ist eben das Folgende. Sie haben gesehen, es muss eine Erkenntnisart ausgebildet werden, welche an die Erinnerungsfähigkeit gar nicht appelliert. Wenn der Geistesforscher einmal ein solches Erlebnis hat, kann er sich nicht im gewöhnlichen Sinne erinnern. Es ist ein gegenwärtiges Erlebnis, die Erinnerung hört auf. Die Übungen führen den Geistesforscher dahin, dass schon in der Entstehung seiner Vorstellungen an die Erinnerung nicht appelliert wird; er kann sich auch nicht und nie auf die gewöhnliche Erinnerung verlassen, durch die er in die Geisteswelt hineinschaut. Wenn wir ein zweites Mal die entsprechende Anschauung in der Geisteswelt haben wollen, dürfen wir uns nicht erinnern an die Anschauung selbst, sondern an den Weg, den wir dazu gemacht haben. Das ist dasjenige, was für Anfänger furchtbar enttäuschend ist. Sie kommen durch Übungen, wie sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dargelegt sind, zuerst zu geistigen Erlebnissen. Sie glauben dann, sie haben es als bleibenden Besitz, man kann sich aber nicht daran erinnern und die Wiederholung ist immer schwierig, weil man größere Anstrengungen machen muss, um die geistige Anschauung wieder zu haben.

[ 33 ] One characteristic of this clairvoyant insight, this intuitive insight, is precisely the following. As you have seen, a type of insight must be developed that does not rely on the faculty of memory at all. Once the spiritual researcher has such an experience, he cannot remember it in the ordinary sense. It is a present experience; memory ceases. The exercises lead the spiritual researcher to a point where, even as his perceptions arise, memory is not called upon; nor can he ever rely on ordinary memory to look into the spiritual world. If we wish to have the corresponding insight in the spiritual world a second time, we must not recall the insight itself, but rather the path we took to reach it. This is what is terribly disappointing for beginners. Through exercises such as those described in my book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds, they first arrive at spiritual experiences. They then believe they have attained this as a lasting possession; however, one cannot recall it, and repetition is always difficult because one must exert greater effort to regain the spiritual vision.

[ 34 ] Ich habe Ihnen geschildert gewisse Übungen, durch die die Seele in eine ganz andere Verfassung kommt, durch die eine andere Art von Erkenntnis entwickelt wird, durch die man fähig wird, in das Ewige der Menschenseele hineinzuschauen. Mit diesen Übungen ist etwas anderes verknüpft. Wenn man die vorbereitenden Wege wirklich durchgemacht hat, die Eingeschränktheit der Naturerkenntnis und der Mystik erlebt hat, wenn man dies alles wirklich in seiner Seele durchlebt hat, kommt man dahin, sich allmählich zu sagen: Du musst noch immer mehr Anstrengungen machen, um zu einer ganz anderen Art von Seelenorganisation zu kommen. Man muss dann weiter fortschreiten durch weitere Ausgestaltung der Übungen zu etwas, was einem in einem gewissen Sinne Aufklärung bringt über gewisse Sachen, ein inneres Erlebnis, das verbunden ist mit anderen Erlebnissen, die man in der Naturerkenntnis und Mystik macht. Man fühlt sich getrennt von dem, was innerlich rein leiblich — in der Mystik — dem Denken, Fühlen, Wollen, Vorstellen zugrunde liegt. Das ist das Eigentümliche. Wenn man solche Übungen macht, wird man näher gerückt auch dem materiellen Leben, und durch das Durchschauen klärt sich einem das geistige Leben auf.

[ 34 ] I have described to you certain exercises through which the soul enters a completely different state, through which a different kind of insight is developed, and through which one becomes capable of looking into the eternal nature of the human soul. Something else is connected to these exercises. When one has truly gone through the preparatory stages, has experienced the limitations of natural science and mysticism, and has truly lived through all of this in one’s soul, one gradually comes to say to oneself: You must make ever greater efforts to arrive at an entirely different kind of soul organization. One must then proceed further by developing the exercises into something that, in a certain sense, brings enlightenment regarding certain matters—an inner experience connected to other experiences one has in the study of nature and mysticism. One feels separated from what, in a purely physical sense—in mysticism—underlies thinking, feeling, willing, and imagining. That is what is peculiar about it. When one performs such exercises, one also draws closer to material life, and through this insight, one’s spiritual life becomes clearer.

[ 35 ] Man hat gewisse Begriffe von dem, was Vorstellungen, Ideen-Haben ist. Allein wie viele gewissenhafte Forschungen sind angestellt worden, um dahinterzukommen, wie dieses Denken, das Vorstellungen, Wahrnehmungen hat, zusammenhängt mit dem Leiblichen. Durch Übungen, die ich geschildert habe, kommt man dazu, gewissermaßen näher gerückt zu sein mit seinem Seelischen, Geistigen, auch dem leiblichen Körper.

[ 35 ] We have certain notions of what it means to have concepts and ideas. Yet how much conscientious research has been conducted to uncover how this thinking—which involves concepts and perceptions—is connected to the physical body? Through the exercises I have described, one comes to feel, as it were, a closer connection to one’s soul, spirit, and even the physical body.

[ 36 ] Das Vorstellen erlebt man in anderer Weise, sehr verehrte Anwesende. Indem man Vorstellungen, Gedanken entwickelt, hungert das Gehirn, man erlebt mit dem Gedankenhaben ein Hungerhaben des Gehirns und man erlebt dann, dass es wahrhaftig zu einfach vorgestellt war, wie der landläufige Darwinismus sich Gedanken über die menschliche Organisation macht. So ist es nicht; der Mensch ist ein kompliziertes Wesen, und es gibt gewisse Gleichgewichts- und Ungleichgewichtszustände zwischen seinen einzelnen Organisationsgliedern. Wenn sie gedankenfähig sind, wird unser Gehirn freilich in solche Verfassung kommen, dass es in rückläufiger Bewegung ist, dass es hungert, und ohne dass das Gehirn, indem der andere Leib in normaler Ernährung ist, weniger ernährt ist, in größerem Hunger ist, kann sich kein waches Gedankenleben entwickeln.

[ 36 ] One experiences imagination in a different way, ladies and gentlemen. As one develops ideas and thoughts, the brain becomes hungry; in the act of thinking, one experiences the brain’s hunger, and one then realizes that the way conventional Darwinism conceives of human organization was truly too simplistic. That is not the case; human beings are complex beings, and there are certain states of balance and imbalance between the individual components of their organization. If they are capable of thought, our brain will, of course, enter a state in which it is in a state of decline, in which it is starving; and unless the brain—even while the rest of the body is receiving normal nourishment—is nourished to a lesser extent and thus experiences greater hunger, no alert mental life can develop.

[ 37 ] Das hängt auch mit etwas zusammen, was man immer nachprüfen kann. Gewisse Leute, welche mystische Erlebnisse auf falschem Weg suchen, fangen zu hungern an. Sie wollen den ganzen Körper aushungern und hungern auch das Gehirn aus, das schon mehr Hunger hat als die anderen Glieder. Durch rein seelische Übungen gelangt man schon zu der Erkenntnis, dass das Hungergefühl in der menschlichen Gehirnorganisation notwendig ist. Dadurch kommt man dazu, zu erkennen, dass das seelische, geistige Leben wirklich in seiner Selbstständigkeit durch unsere Gehirnnerven leben, da sein kann, denn wir entwickeln nicht das Organleben zum Denken, Vorstellen, wir stimmen es herab, unterbrechen das Organleben. Das was tierisches physisches Leben ausmacht, müssen wir herabstimmen, nicht ausgestalten, damit wir Gedanken, Vorstellungen haben. Im Nervensystem muss Platz gemacht werden für das selbstständige, geistige, seelische Leben. Auf das wird die Naturwissenschaft sehr bald kommen. Die Anfänge sind schon da, dass die physische Organisation des Menschen selbst so ist, dass man das selbstständige geistige Seelenleben zugeben muss. Das Gehirn untergräbt das sprossende, sprießende Leben, macht Platz für die Entwicklung des Geistigen.

[ 37 ] This is also related to something that can always be verified. Certain people who seek mystical experiences through the wrong path begin to starve themselves. They want to starve the entire body and also starve the brain, which is already hungrier than the other parts of the body. Through purely spiritual exercises, one already comes to the realization that the feeling of hunger is necessary in the organization of the human brain. This leads one to recognize that spiritual life can truly exist in its independence through our brain nerves, because we do not develop the organ life for thinking and imagining; rather, we tone it down and interrupt the organ life. We must tone down—not develop—that which constitutes animal physical life so that we may have thoughts and ideas. Space must be made within the nervous system for an independent, spiritual, and psychological life. Natural science will very soon arrive at this conclusion. The first signs are already evident: the physical organization of the human being is such that one must acknowledge the existence of an independent spiritual and psychological life. The brain undermines the sprouting, burgeoning life, making room for the development of the spiritual.

[ 38 ] Das andere ist das Kennenlernen des anderen Poles der menschlichen Organisation. Wie das Gehirnleben der eine Pol ist — siehe im letzten Kapitel über die «Seelenrätsel» —, ist der andere Pol dasjenige Leben, das mit seiner Bewegungsfähigkeit als physisches Leben mit seinem Willen zusammenhängt. Der Mensch ist nicht so einfach organisiert, wie die gewöhnliche Naturwissenschaft glaubt. Während das Gehirn rückgebildet ist im wachen Leben, ist ein anderer Pol seiner Organisation überentwickelt. Das sprossende, sprießende Leben über die Normalgrenze hinaus ist dasjenige, was mit der Extremität der Dinge zusammenhängt, mit Arm, Hand, Fuß, Bein. Aber nicht nur mit den äußeren Füßen, Beinen, sondern auch mit der Fortsetzung nach dem Innern hinein.

[ 38 ] The other aspect is getting to know the opposite pole of human organization. Just as brain activity is one pole—see the last chapter on the “mysteries of the soul”—the other pole is the life that, through its capacity for movement as physical life, is connected to the will. Human beings are not organized as simply as conventional natural science believes. While the brain is underdeveloped in waking life, another pole of their organization is overdeveloped. This life that sprouts and shoots beyond the normal limits is the one connected to the extremities of the body—the arms, hands, feet, and legs. But not only with the external feet and legs, but also with the continuation inward.

[ 39 ] Das was mit diesem andern Pol der Menschheitsorganisation zusammenhängt, ist nun nicht so, dass man es wie im Hungergefühl empfindet, sondern das empfindet man in Übersättigung, in Überleben, man empfindet es so, dass, während der Mensch in seinem Körper- und Nervenleben gewissermaßen unter die Normalorganisation seines Rumpflebens zurückgeht, [er] dadurch Wachvorstellungen hat, Wahrnehmungen macht. Die äußeren Organe sind im Überwachstum. Man braucht bloß anatomisch, physiologisch die Extremitäten zusammenhängen zu sehen mit den anderen Organen des Menschen und wird physisch den Zusammenhang mit der menschlichen Fortpflanzungsfähigkeit erkennen. Dem entspricht ein Geistig-Seelisches. Das Nervenorgan wird als normale Unterernährung erlebt.

[ 39 ] What is connected with this other pole of human organization is not something one experiences as one does a feeling of hunger, but rather as a state of oversaturation, of survival; one experiences it in such a way that, while the human being, in terms of his physical and nervous life, regresses, so to speak, to a state below the normal organization of his trunk life, [he] thereby has waking visions and makes perceptions. The external organs are overdeveloped. One need only consider, from an anatomical and physiological perspective, how the extremities are connected to the other human organs to recognize the physical connection to human reproductive capacity. This corresponds to a spiritual-psychic aspect. The nervous system is experienced as being in a state of normal malnutrition.

[ 40 ] In dem Willensorgan lebt als Geistig-Seelisches dasjenige, was nunmehr, wenn cs ausgebildet werden soll, so ausgebildet wird, dass man wieder andere Übungen macht. Sie bestehen darin, dass man gerade das Gefühlsund das Willensleben Regeln unterwirft wie vorhin bezüglich des Vorstellungs- und Wahrnehmungslebens. Wenn man auf etwas sieht, worauf im gewöhnlichen Leben nicht gesehen wird, dann wird das Ziel erreicht. Der Mensch kann sich mit voller Klarheit an das erinnern, was er erlebt hat, er schaut in der Erinnerung wahrnehmungsgemäß das, was er erlebt hat, auch andere Gedanken, die er gehabt hat; an Stimmungen, Seelenverfassungen erinnert man sich nicht so.

[ 40 ] What lives within the organ of the will as a spiritual-soul element is that which, if it is to be developed, must be developed in such a way that one engages in yet other exercises. These consist in subjecting the life of feeling and the life of the will to rules, just as was done earlier with regard to the life of imagination and perception. When one focuses on something that is not usually noticed in everyday life, the goal is achieved. A person can recall with complete clarity what they have experienced; in their memory, they perceive what they have experienced as they did in the moment, as well as other thoughts they had; moods and states of mind, however, are not recalled in the same way.

[ 41 ] Das muss aber ausgebildet werden. Der Mensch muss ausbilden nicht nur diejenigen Seelenfähigkeiten, die sonst zur Erinnerung führen, sondern das Überschauen solcher Dinge, wie zum Beispiel, dass man sich sagt: Ich war einmal 17 Jahre alt und muss mir gegenwärtig machen können die Seelenverfassungen, die ich damals hatte. Die Seelenstimmungen kommen wieder herauf; da findet man, wie man solche Stimmungen zwischen Geburt und Gegenwartsleben verfolgen kann, man überschaut seine Stimmungen. Da entwickelt sich etwas man kann es mit innerer Seelenmusik vergleichen. Wie in der Musik zusammentönt der vorangehende mit dem folgenden Ton, so tönen in eigentümlicher Weise frühere Seelenstimmungen in spätere hinein, auch spätere tönen in die früheren zurück. Man erkennt, wie man sich entwickelt, wie die früheren Teile des Seelenlebens später Früchte tragen. Man muss sich so anschauen in dem, worin man sich sonst nicht anschaut, was im Menschen lebt wie der Keim, der in künftigen Jahren lebt, leben wird in der diesjährigen Pflanze. Im Menschen lebt dasjenige, was über seine Individualität hinausgeht, das andere Glied der Unsterblichkeit, das über den Tod hinausgeht. Die Unsterblichkeit muss man erkennen, wie man die zweite Seite [erkennt]. So wie man die erste Seite erkennt durch Vorstellung und Wahrnehmung, so dasjenige, was man wird im nachtodlichen Leben: Das kann man nur erschauen, wenn man das Gefühls- und Willensleben ausbildet. Dadurch gelangt man zur Ausbildung anderer Willensfähigkeiten.

[ 41 ] But this must be cultivated. A person must cultivate not only those soul abilities that otherwise lead to memory, but also the ability to gain an overview of such things—for example, telling oneself: “I was once 17 years old,” and being able to bring to mind the states of mind I had at that time. These soul moods resurface; one discovers how to trace such moods from birth to the present life, and one gains an overview of one’s moods. Something develops there—one can compare it to inner soul music. Just as in music the preceding note resonates with the following one, so too do earlier states of mind resonate in a unique way with later ones, and later ones resonate back into the earlier ones. One recognizes how one develops, how the earlier aspects of one’s inner life bear fruit later on. One must look at oneself in this way—in what one does not otherwise observe—at what lives within the human being like the seed that lives in this year’s plant and will live on in future years. Within the human being lives that which transcends one’s individuality—the other aspect of immortality that extends beyond death. One must recognize immortality just as one recognizes the second aspect. Just as one recognizes the first aspect through imagination and perception, so too must one recognize what one will become in the life after death: this can only be perceived by cultivating one’s emotional and volitional life. Through this, one develops other volitional capacities.

[ 42 ] Die Erinnerungsfähigkeit muss, während man Geistesforscher ist, unterdrückt werden. Während wir sie in der Geisteswissenschaft zurückdrängen müssen, nur in die Gegenwart schauen dürfen, die Erinnerung zurückdrängen, wird die Liebesfähigkeit, das Gefühls- und Willensleben sich nach innen schlechtweg erhöhen; in den Momenten, wo der Mensch eindringen will in die nachtodliche geistige Welt, wird auch entwickelt seine größere Liebefähigkeit, und sie muss entwickelt werden, sonst würde der Mensch als Gast in die Geisteswelt hineinblicken, und das wäre von Übel. Die Liebefähigkeit wird erhöht, die Erinnerungsfähigkeit tritt zurück.

[ 42 ] While one is engaged in spiritual research, the capacity for memory must be suppressed. While we must suppress it in spiritual science—looking only at the present and pushing memory aside—the capacity for love, as well as our emotional and volitional life, will simply increase inwardly; in the moments when a person seeks to penetrate the spiritual world beyond death, their capacity for love is also developed—and it must be developed; otherwise, the person would gaze into the spiritual world as a mere guest, and that would be harmful. The capacity for love is heightened, while the capacity for memory recedes.

[ 43 ] Ich habe vor 25 Jahren damit begonnen, die Liebefähigkeit des Menschen im Zusammenhang philosophisch zu erforschen mit dem Problem der menschlichen Freiheit. Ich musste dazumal — [in der] «Philosophie der Freiheit» — gewissermaßen brechen mit den landläufigen Aussprüchen in Bezug auf Liebe. Immer wird gesagt: «Die Liebe macht die Menschen blind»; ich glaube, mit Recht geltend machen zu dürfen: Wahre Liebefähigkeit macht den Menschen hellsichtig, führt den Menschen gerade recht in die Tiefe des geliebten Menschen hinein. Allerdings, die gewöhnliche Liebe ist sehr häufig nur verbunden mit einem gewissen Egoismus. Wir lieben ein anderes, fremdes Wesen, aber wir möchten es doch oftmals anders haben, kritteln an ihm herum, wir möchten dasjenige, was wir sehen wollten, aus dem Wesen machen. Das ist noch nicht die Liebe, die eigentlich im höchsten Sinne dieses Namens würdig ist. Wirklich ist sie nur dann vorhanden, wenn man sich selbst vergisst.

[ 43 ] Twenty-five years ago, I began to explore, from a philosophical perspective, the human capacity for love in relation to the problem of human freedom. At that time—[in] The Philosophy of Freedom—I had to, in a sense, break with the conventional sayings about love. People always say, “Love makes people blind”; I believe I am justified in asserting that true capacity for love makes people clairvoyant, leading them straight into the depths of the beloved. However, ordinary love is very often associated with a certain degree of selfishness. We love another, foreign being, but we often want them to be different; we nitpick at them, and we want to mold that being into what we wish to see. That is not yet the love that is truly worthy of the name in the highest sense. It truly exists only when one forgets oneself.

[ 44 ] Der Geistesforscher muss das Selbstvergessen so weit treiben, dass das Selbstbewusstsein außerhalb des Leibes entwickelt wird. Dadurch wird gerade die Liebesfähigkeit erhöht, und wir gelangen dazu, immer mehr nicht nur das fremde menschliche Wesen nun wirklich in selbstloser Liebe hellsichtig zu durchschauen, sondern auch Handlungen zu vollführen, die nicht aus unseren Trieben, Instinkten kommen, nicht aus dem, was wir wünschen, sondern wir kommen aus reiner Liebe zur Handlung, aus der einsichtigen Liebe, dass eine Handlung geschehen muss, dass wir uns beim Wollen ganz ausschließen. Wenn wir nur aus der Liebe zur Handlung handeln, dann nähern wir uns einer solchen Liebefähigkeit, die noch gesteigert werden muss übungsmäßig — [siehe meine] «Erkenntnisse höherer Welten». Man gelangt dazu, eine Seelenfähigkeit zu entwickeln, die fähig wird, wirklich zu schauen. Der Mensch hat auch geistig, seelisch etwas in sich, was auch über das Leibliche hinausgeht, dasjenige, was durch den Tod des Menschen hindurchgeht.

[ 44 ] The spiritual researcher must take self-forgetfulness so far that self-awareness is developed outside the body. This is precisely what increases our capacity for love, and we come to not only truly see through other human beings with clairvoyance in selfless love, but also to perform actions that do not arise from our drives or instincts, nor from what we desire; rather, we act out of pure love, out of the understanding love that an action must take place, so that we completely set aside our own will. When we act solely out of love for the action itself, we draw closer to a capacity for love that must still be heightened through practice—[see my] “Insights into Higher Worlds.” One comes to develop a capacity of the soul that becomes capable of truly seeing. Human beings also have something within them—spiritually and psychically—that transcends the physical, that which endures beyond human death.

[ 45 ] Man kann nur dadurch die menschliche Unsterblichkeit verstehen, dass man den anderen Bewusstseinszustand wirklich versteht, dass man in gewisser Weise täglich erlebt, ableitet das Bewusstsein, das nicht angewiesen ist auf die Leibesorganisation, das unabhängig vom Leibes-Erleben wird. Es schaut auf Zustände vor der Geburt, nach dem Tode, weil es sich weiß in einem erhöhten Selbstbewusstsein außerhalb des Leibes. So wird zusammengeschaut der ewige Wesenskern des Menschen und die Einsicht in sein Vorgeburtliches und Nachtodliches.

[ 45 ] The only way to understand human immortality is to truly understand this other state of consciousness—to experience it, in a certain sense, on a daily basis—and to derive from it a consciousness that does not depend on the physical body and becomes independent of bodily experience. It looks upon states before birth and after death because it knows itself to be in a heightened state of self-awareness outside the body. In this way, the eternal core of the human being is viewed in conjunction with insight into what precedes birth and what follows death.

[ 46 ] In zwei Richtungen muss die Seele erforscht werden, wenn der Mensch die Unsterblichkeit schauen will. Die Unsterblichkeit ist wissenschaftlich nicht durch Erweiterung, Verbreiterung der Erkenntnis zu schauen, sondern durch Aneignung einer neuen Erkenntnisart. Dabei ist aufmerksam zu machen, dass das nur gilt für diejenigen Zeiten, in denen der Mensch geistesforscherisch tätig sein will. Nicht vom Erwachen bis zum Einschlafen kann man Geistesforscher sein, man gibt sich dem zeitweise hin, für Augenblicke, die man in vollem Bewusstsein herstellt. Dann findet man diejenigen Zeiten, in denen man in der Geisteswelt so im Gegensatz zum gewöhnlichen Bewusstsein steht, wie man das Tagesbewusstsein im Gegensatz findet zum Schlafbewusstsein.

[ 46 ] The soul must be explored in two directions if a person wishes to perceive immortality. Scientifically speaking, immortality cannot be perceived through the expansion or broadening of knowledge, but rather through the acquisition of a new kind of knowledge. It should be noted, however, that this applies only to those times when a person wishes to engage in spiritual research. One cannot be a spiritual researcher from the moment of waking until falling asleep; rather, one devotes oneself to it intermittently, for moments that one creates in full consciousness. Then one finds those moments in which one stands in the spiritual world in such contrast to ordinary consciousness as one finds waking consciousness in contrast to the consciousness of sleep.

[ 47 ] Betont werden muss, dass niemals das der richtige Weg in die Geistesforschung ist, wenn der Mensch in selbstgefälliger, egoistischer Art versucht, in sein gewöhnliches Leben, in das Leben seiner Pflichten, des gesunden Denkens und gesunden Zusammenlebens mit Menschen hereinzutragen, was nur gelten soll in Momenten, wo der Mensch sich der Geistesforschung hingibt. Wie wir gesund schlafen müssen, damit wir am Tag leben, ein gesundes, bewusstes Leben entwickeln können, so müssen wir verantwortungsvoll, voll bewusst, eingedenk unserer Verpflichtungen, die uns im gewöhnlichen Leben auferlegt sind, gesund leben, nicht in falscher Abgekehrtheit vom Leben, nicht in Phantastereien, in Firlefanz, mit denen man sich vielleicht drapiert. Ein gesundes Leben in der Sinnenwelt ist ebenso notwendig zu einem gesunden Anschauen der geistigen Welt, wie der gesunde Schlaf notwendig ist für ein gesundes Tagleben.

[ 47 ] It must be emphasized that it is never the right path in spiritual research for a person to attempt, in a self-satisfied, selfish manner, to bring into their ordinary life—into the life of their duties, of sound thinking, and of healthy coexistence with others—what is meant to apply only in moments when the person devotes themselves to spiritual research. Just as we must sleep soundly so that we can live during the day and develop a healthy, conscious life, so too must we live healthily—responsibly, fully consciously, and mindful of the obligations imposed on us in ordinary life—not in a false detachment from life, not in daydreams or frivolities with which one might adorn oneself. A healthy life in the sensory world is just as necessary for a healthy perception of the spiritual world as healthy sleep is necessary for a healthy daily life.

[ 48 ] Nicht notwendig ist es, dass jeder ein Geistesforscher wird, obwohl man in den genannten Büchern sieht, dass jeder sich von der Wahrheit dessen überzeugen kann, was ich heute ausgeführt habe, jeder sich heute schnell Geistesforscherfähigkeiten aneignen kann. Man kann, aber muss nicht. Wenn man sich alle Vorurteile aus dem Wege räumt, für diese Sache das vollziehen will, was die Menschheit vollziehen musste, um den Kopernikanismus aufzunehmen, wird man auch Denkgewohnheiten entwickeln, die den Menschen ganz natürlich sind und durch die der gesunde Menschenverstand begreiflich findet, was der Geistesforscher zu sagen hat, obwohl man beim Astronomen ja auch nicht nachweisen kann, ob er recht hat. Das kann man hier auch nicht.

[ 48 ] It is not necessary for everyone to become a spiritual researcher, although the books mentioned show that anyone can convince themselves of the truth of what I have explained today, and that anyone can quickly acquire the skills of a spiritual researcher. One can, but one does not have to. If one sets aside all prejudices and is willing to go through the same process for this cause that humanity had to go through in order to accept the Copernican revolution, one will also develop patterns of thought that come quite naturally to people—and through which common sense can grasp what the spiritual researcher has to say—even though, after all, one cannot prove whether an astronomer is right either. The same is true here.

[ 49 ] Diese Geistesforschung, wie sie hier geschildert worden ist, ist etwas, was sich von der Gegenwart in die nächste Zukunft hinein wirklich einverleiben muss. Diese Geistesentwicklung könnte aus den unsäglich herben Erlebnissen der letzten drei, vier Jahre lernen, wohin mit altgewohnten Vorstellungen zu kommen ist. Heute sind noch viel zu viel Leute zu bequem, sich zu sagen, wie viel Anteil haben in unserer katastrophalen Zeit die Vorstellungen, die nicht mehr gewachsen sind dem gegenwärtigen Leben. In der Naturerkenntnis hat der Mensch solche Vorstellungen, geistige, ethische, soziale, politische Vorstellungen. Wollten wir auch in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten nach dem Muster der Naturerkenntnis in das soziale, ethische, politische Leben greifen, will es der Mensch meistern, so kann er es nur, wenn er sich in seinem Geist zur Auffassung der in der Geisteswelt waltenden Gesetze erhebt. Für die wichtigsten Lebensfragen, für dasjenige, was die herbsten, die tief eingreifendsten Ereignisse fordern, sind Gedanken notwendig, die in die Wirklichkeit untertauchen, aber nicht nur in die sinnliche Wirklichkeit, das ist eine solche, die vom Geist überall durchtränkt ist. Derjenige, der leugnet, dass innerhalb unserer Welt, wie man sie anschaut, noch eine andere geistige Welt lebt, begeht denselben Fehler wie derjenige, der sagt, dass ein Hufeisen ein Hufeisen ist, und es ist in Wirklichkeit ein Magnet.

[ 49 ] This spiritual research, as described here, is something that must truly become an integral part of the present and carry over into the near future. This spiritual development could learn from the unspeakably harsh experiences of the last three or four years where old, familiar ideas lead us. Today, far too many people are still too complacent to ask themselves how much of our catastrophic times can be attributed to ideas that are no longer suited to contemporary life. Just as in the study of nature, human beings hold such ideas—intellectual, ethical, social, and political ideas. If, in the past centuries and decades, we sought to apply the model of the study of nature to social, ethical, and political life—and if humanity is to master these realms—it can do so only by elevating its spirit to an understanding of the laws that govern the spiritual world. For the most important questions of life—for what the harshest, most profoundly impactful events demand—thoughts are necessary that plunge into reality, but not merely into sensory reality; rather, into a reality that is permeated everywhere by the spirit. Anyone who denies that, within our world as we perceive it, another spiritual world still exists commits the same error as someone who says that a horseshoe is a horseshoe, when in reality it is a magnet.

[ 50 ] So entdeckt die Geistesforschung in der Welt, die uns vorliegt, die geistige Wirklichkeit, und wir lernen dadurch eingreifen in die volle Wirklichkeit. Das ist aber in unserer Zeit am notwendigsten geworden. Man muss bewusst erleben, erleben lassen im Menschen, dass auch Impulse unserer ethisch-sozialen Geschichte eingreifende Handlungen sind. Daher darf die Geistesforschung betonen, die Menschheit habe sich heraufgerungen zu dem, was sie logisches Denken nennt. Logisch denken können heute sehr viele. Aber wirklichkeitsgemäß denken, das ist dasjenige, das so eingreifen wird in die menschliche Geistesentwicklung wie einmal der Kopernikanismus. Wenn auch dasjenige, was die Geisteswissenschaften zu sagen haben, in gewissem Sinne dauernde Bedeutung hat, darf der Geistesforscher doch auch besonders in der heutigen Zeit auch dasjenige, was er aus der tieferen Wirklichkeit hervorzuholen hat, sagen als Zeitergebnis, das dauernd lag schon zwischen den Zeilen. Man blicke hin auf die Vergangenheit, insbesondere auf die jüngste Vergangenheit. Sie steht fragend vor uns, sie sagt uns Vorstellungen, Gedanken, Ideen, Willensimpulse; sie zeigt durch Ereignisse: Sie hat sich überlebt. In die Zukunft müssen wir blicken, die wir nur meistern auf dem Platze, wo wir durch das Schicksal stehen, in anderer Weise als bis jetzt. In die Zukunft müssen wir schauen, indem wir die volle Wirklichkeit schauen, damit wir durch ihre Ergreifung das historische, ethische Leben der Menschheit so zu durchdringen suchen können, wie es durchdrungen werden muss, wie der Mensch eingreifen muss. Der Geistesforscher darf sagen, er will dienen der menschlichen Erkenntnis, dem menschlichen Leben in der Zeit, wo so Schweres erlebt wird wie jetzt, und noch die Hoffnung fügt er hinzu, er glaube gerade unserer schweren Zeit und der auch schweren Zukunft der Menschheit etwas dienen zu können.

[ 50 ] In this way, spiritual research discovers the spiritual reality within the world as it appears to us, and through this we learn to engage with reality in its fullness. This, however, has become the most urgent need of our time. We must consciously experience—and help others experience—that the impulses of our ethical and social history are also actions that shape reality. Therefore, spiritual science may emphasize that humanity has struggled to attain what it calls logical thinking. Many people today are capable of thinking logically. But thinking in accordance with reality—that is what will influence human spiritual development just as Copernicanism once did. Even though what the spiritual sciences have to say has, in a certain sense, enduring significance, the spiritual researcher may, especially in our time, also present what he must draw forth from deeper reality as a product of the times—something that has always been there, lying between the lines. Let us look to the past, especially the recent past. It stands before us posing questions; it presents us with concepts, thoughts, ideas, and impulses of the will; it shows us through events that it has outlived its usefulness. We must look to the future, which we can master only in the place where fate has placed us, in a different way than we have until now. We must look to the future by perceiving reality in its fullness, so that, by grasping it, we may seek to penetrate the historical and ethical life of humanity in the way it must be penetrated, in the way that humanity must intervene. The spiritual researcher may say that he wishes to serve human knowledge and human life in a time when such grave trials are being experienced as now, and he adds the hope that he believes he can be of service precisely to our difficult times and to the equally difficult future of humanity.