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Extending Natural Science
through Anthroposophy
GA 73

7 November 1917, Zurich

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2. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Entwickelung der Menschheit und ihrer Kulturformen

2. Findings from the Humanities on the Development of Humanity and Its Cultural Forms

[ 1 ] Es ist merkwürdig, daß die Geschichte als Wissenschaft in einer Zeit entstanden ist, die — bei genauerem Zusehen merkt man dieses — eigentlich am wenigsten geeignet war, die Geschichte zur Wissenschaft zu gestalten. Daher bin ich bei den heutigen Auseinandersetzungen in einer etwas anderen Lage als vorgestern, da ich die Fäden ziehen wollte von der Anthroposophie zur Seelenwissenschaft. Bei der Seelenwissenschaft, Psychologie, handelte es sich, als das naturwissenschaftliche Denken der neueren Zeit in die Menschheitsentwickelung hereinbrach, darum, auszudehnen gewissermaßen den Bereich der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart auf die Seelenerscheinungen. Es handelte sich darum, zu erobern das Gebiet der Seelenerscheinungen, das in früheren Zeiten anders bearbeitet worden ist, über das anders gedacht worden ist, durch die naturwissenschaftliche Methode. Dies aus dem Grunde, weil in dieser neueren Zeit bei vielen, welche vor allen Dingen berufen waren, Wissenschaft zu bearbeiten, der Eindruck gerechtfertigterweise entstanden ist, daß der Geist, der in der naturwissenschaftlichen Forschung herrscht, der einzig wahrhaft wissenschaftliche sei.

[ 1 ] It is curious that history as a science emerged at a time that—upon closer inspection, one realizes—was actually the least suitable for establishing history as a science. That is why I find myself in a somewhat different position in today’s discussions than I was the day before yesterday, since I wanted to trace the connections from anthroposophy to the science of the soul. When modern scientific thinking made its way into human development, the science of the soul—psychology—was concerned with extending, so to speak, the realm of the scientific way of thinking to phenomena of the soul. The aim was to conquer the realm of psychological phenomena—which had been approached differently and conceived of differently in earlier times—through the scientific method. The reason for this was that in this modern era, many who were primarily dedicated to scientific work had justifiably come to believe that the spirit prevailing in scientific research was the only truly scientific one.

[ 2 ] Nun muß man sagen, indem die naturwissenschaftliche Anschauungsart auf die Seelenwissenschaft angewendet worden ist, hat sie sich immerhin an etwas betätigt, das ein Gegebenes ist. Wenn auch wahre Seelenwissenschaft, wie wir vorgestern gesehen haben, zu ganz anderen Forschungsarten kommen muß, so ist gewissermaßen das Objekt, der Gegenstand der Seelenforschung, auch für die naturwissenschaftliche Methode unmittelbar in dem Menschen gegeben.

[ 2 ] Now it must be said that, by applying the scientific approach to the study of the soul, science has at least engaged with something that is a given. Even if true psychology, as we saw the day before yesterday, must resort to entirely different methods of research, the object of psychological inquiry is, in a sense, directly given in the human being even for the scientific method.

[ 3 ] Ganz anders scheint dieses mit Bezug auf die Geschichtswissenschaft zu sein. Und indem man versucht, auf die hier in Betracht kommenden, man könnte fast sagen, paradoxen Tatsachen aufmerksam zu machen, muß man darauf hinweisen, was eigentlich wenig bekannt ist, wenigstens wenig bedacht wird, daß dasjenige, was man Wissenschaft der Geschichte nennt, keine sehr alte Sache ist.

[ 3 ] The situation seems to be quite different when it comes to the study of history. And in attempting to draw attention to the—one might almost say—paradoxical facts under consideration here, one must point out something that is actually little known, or at least rarely considered: that what is called the science of history is not a very old discipline.

[ 4 ] Im 18. Jahrhundert haben diejenigen, die den Begriff der Wissenschaft geprägt und vertreten haben, Geschichte keineswegs noch als Wissenschaft gelten lassen. Geschichtswissenschaft ist im Grunde genommen eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts. Sie ist damit eigentlich entstanden in einer Zeit, in der gerade die naturwissenschaftlichen Methoden in einer besonderen Blüte zur Anerkennung gebracht worden sind. In der Art und Weise, wie man heute zur Geschichte steht, stand man im i8. Jahrhundert noch nicht. Ich will nur einen charakteristischen Ausspruch des Philosophen Wolff über die Geschichte anführen, noch aus dem 18. Jahrhundert, einen Ausspruch, dem man viele an die Seite setzen könnte, die da bezeugen, daß dazumal unter wissenschaftlichen Leuten Geschichte galt als eine Aufzeichnung von Begebenheiten, aber nicht als irgend etwas, was den Namen Wissenschaft verdient. Wolff sagte im 18. Jahrhundert: «Da die historischen Schriften bloß erzählen, was geschehen ist, so braucht es nicht viel Verstand und Nachdenken, dieselben zu lesen.» Erklärungsmethoden, Methoden, durch welche Zusammenhang und Ordnung in die Aufeinanderfolge der geschichtlichen Tatsachen kommen soll, das wurde eigentlich erst gang und gäbe im Laufe des 19. Jahrhunderts,

[ 4 ] In the 18th century, those who shaped and championed the concept of science by no means regarded history as a science. The discipline of history is, in essence, a creation of the 19th century. It thus actually emerged at a time when the methods of the natural sciences were experiencing a particular heyday and gaining widespread recognition. The 18th century did not yet share the attitude toward history that we have today. I would like to cite just one characteristic statement by the philosopher Wolff on history, dating from the 18th century—a statement to which many others could be added, all of which attest that, at that time, among scholars, history was regarded as a record of events, but not as anything that deserved the name “science.” Wolff said in the 18th century: “Since historical writings merely recount what has happened, it does not require much intellect or reflection to read them.” Explanatory methods—methods designed to bring coherence and order to the sequence of historical facts—did not actually become commonplace until the course of the 19th century,

[ 5 ] Die Anschauung, daß Geschichte durch ihre Natur, durch ihr Wesen gar keine Wissenschaft sein könne, ist immerhin unter den Leuten, die sich immer mehr und mehr hineingewöhnt haben in die naturwissenschaftliche Denkweise, in radikalster Weise zum Ausdrucke gekommen bei Fritz Mauthner, der ja bekanntgeworden ist durch seine sprachkritischen Studien, durch sein großes «Wörterbuch der Philosophie», das er in den letzten Jahren geschrieben hat. Wer in diesem Wörterbuch den Artikel «Geschichte» liest, der so recht aus dem Bewußtsein heraus geschrieben sein will, daß nur auf dem Gebiete der Naturerkenntnis «Wissenschaft» möglich ist, wer diesen Artikel über «Geschichte» liest, wird finden, daß in radikaler Weise dem, was man Geschichte nennt, der Charakter einer Wissenschaft abgesprochen wird, daß es sogar als etwas Paradoxes hingestellt wird, nachdem man die Naturerkenntnisse zu solch besonders ausgeprägten Methoden gebracht hat, Geschichte daneben als eine Wissenschaft gelten zu lassen.

[ 5 ] The view that history, by its very nature and essence, cannot be a science at all has, among those who have become increasingly accustomed to the scientific way of thinking, found its most radical expression in Fritz Mauthner, who has become well-known for his linguistic-critical studies and his major Dictionary of Philosophy, which he wrote in recent years. Anyone who reads the entry on “History” in this dictionary—which is clearly written with the conviction that “science” is possible only in the realm of natural knowledge “science” is possible; whoever reads this entry on “History” will find that the character of a science is radically denied to what is called history, and that it is even presented as paradoxical—given that the sciences of nature have been developed into such distinctly refined methods—to regard history as a science alongside them.

[ 6 ] Schon einer der Hauptumstände, an denen der modern naturwissenschaftlich Denkende seine Begriffe von Wissenschaft sich zurechtrückt, trifft für diesen naturwissenschaftlich Denkenden gegenüber der Geschichte nicht zu: Was will der Naturforscher, indem er forscht? Er will heute hauptsächlich die Bedingungen, unter denen irgendeine Naturerscheinung zustande kommt, in eine solche Zusammenstellung bringen, daß das Naturereignis so folgt, daß er sagen kann: Wenn ähnliche oder identische Bedingungen wieder eintreten, so müssen auch dieselben Erscheinungen eintreten.

[ 6 ] One of the key factors by which the modern scientific thinker defines his concept of science does not apply to this scientific thinker when it comes to history: What does the natural scientist seek to achieve through his research? Today, his main aim is to arrange the conditions under which a natural phenomenon occurs in such a way that the phenomenon unfolds predictably, so that he can say: If similar or identical conditions occur again, then the same phenomena must also occur.

[ 7 ] Auf diese Art, die Aufmerksamkeit auf die Wiederholung der Erscheinungen zu richten, weist der naturwissenschaftlich Denkende der Gegenwart ganz besonders hin. Er verlangt von einem richtigen Experiment, daß es so einzurichten ist, daß man in einer gewissen Weise dazu kommt, voraussagen zu können, was unter gewissen gegebenen Naturbedingungen eintreten müsse.

[ 7 ] Contemporary scientists place particular emphasis on this approach of focusing attention on the repeatability of phenomena. They require that a proper experiment be designed in such a way that, under certain given natural conditions, one can, to a certain extent, predict what must occur.

[ 8 ] Nun kann man allerdings sagen: Wenn man diese Anforderungen an die Geschichte als Wissenschaft stellt, so kommt sie in einer gewissen Weise schlecht weg! Ich will nur auf ein paar Beispiele hinweisen. In den letzten Zeiten hat sich allmählich bei Leuten, die geschichtlich denken wollten, eine eigentümliche Anschauung herausgebildet, die auf eine merkwürdige Weise, ich möchte sagen, auf eine tatkräftige Weise widerlegt worden ist. Bei Menschen, wenn sie glaubten, einen gewissen historisch tiefen Blick zu haben für soziale und ökonomische Zusammenhänge innerhalb des menschlichen Werdens, hat sich die Ansicht herausgebildet — die besonders im Beginne des gegenwärtigen Krieges stark geltend gemacht worden ist —, daß unter den gegenwärtigen ökonomischen und sozialen Verhältnissen dieser Krieg jedenfalls nicht länger als höchstens vier bis sechs Monate dauern könne. Nun, man muß sagen, die Widerlegung dieser Anschauung hat sich durch die Tatsachen als eine radikale herausgestellt! Viele Menschen hielten diese Behauptung für eine durchaus tief wissenschaftlich begründete. Wie oft hört man, wenn die Menschen den gegenwärtigen Ereignissen gegenüberstehen, die wichtig für das menschliche Leben sind und die sie deshalb beurteilen wollen, wie oft hört man: Die Geschichte lehrt dies oder jenes über diese Ereignisse. — Die Menschen treten diesen Ereignissen gegenüber, wollen ein Urteil haben, wie sie sich verhalten sollen, wie sie zu denken haben über den eventuellen Verlauf; dann hört man von denjenigen, die sich etwas mit der Geschichte befaßt haben: Die Geschichte lehrt dies oder jenes! — Wie oft hört man heute gegenüber den gegenwärtigen erschütternden, tragischen Ereignissen, die über die Menschheitsentwickelung hereingebrochen sind, wie oft hört man heute sagen, wenn dies oder jenes auftritt: Die Geschichte lehrt dies oder jenes. — Nun, wenn die Geschichte so lehrt, wie diejenigen gemeint haben, daß sie lehre, die die Unmöglichkeit voraussagten, daß diese Ereignisse länger als vier bis sechs Monate dauern, dann kann man sagen: Dies, das Wissen, das aus der Geschichte geschöpft wird, widerlegt sich durch die Tatsachen in einer merkwürdigen Weise!

[ 8 ] Now, one might say, however: If one imposes these requirements on history as a science, it comes off rather poorly in a certain sense! I’ll just point out a few examples. In recent times, a peculiar view has gradually taken shape among people who sought to think historically—a view that has been refuted in a remarkable way, I would say, in a forceful way. Among people who believed they possessed a certain historically profound insight into the social and economic interrelationships within human development, the view emerged—one that was strongly asserted especially at the beginning of the current war—that under the present economic and social conditions, this war could in any case not last longer than four to six months at most. Well, it must be said that the facts have proven this view to be radically wrong! Many people considered this assertion to be thoroughly grounded in scientific research. How often, when people are confronted with current events that are important to human life and which they therefore wish to assess, do we hear: “History teaches us this or that about these events.” — People are confronted with these events, want to form a judgment on how they should behave, how they should think about the possible course of events; then one hears from those who have studied history: “History teaches this or that!” — How often do we hear today, in the face of the current shattering, tragic events that have befallen human development—how often do we hear people say today, when this or that occurs: “History teaches this or that.” — Well, if history teaches what those who predicted it was impossible for these events to last longer than four to six months meant it to teach, then one can say: This knowledge, drawn from history, is refuted by the facts in a remarkable way!

[ 9 ] Ein anderes Beispiel, das vielleicht nicht minder bezeichnend ist, möchte ich anführen. Ein wahrhaft nicht unbedeutender Mensch trat 1789 sein Lehramt der Geschichte an. Es war die Zeit, in der gerade, ich möchte sagen, die Morgenröte des Geschichtsstudiums als Wissenschaft auftrat. 1789 trat in Jena Schiller sein Lehramt der Geschichte an. Er hielt die berühmt gewordene Antrittsrede über die philosophische und die äußerliche mechanistische Behandlung der geschichtlichen Ereignisse. Im Laufe dieser Antrittsrede sprach er einen merkwürdigen Satz aus, den er glaubte geschöpft zu haben aus einer philosophischen Betrachtungsweise des menschlichen Geschehens, also desjenigen, was man als «Geschichte» bezeichnet. Er glaubte, sich eine Ansicht gebildet zu haben über dasjenige, was man «aus der Geschichte lernen» kann, und er sagte: «Die europäische Staatengesellschaft scheint in eine große Familie verwandelt; die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen.» 1789 ist dieses gesprochen als ein sogenanntes historisches Urteil von einem wahrhaft nicht unbedeutenden Menschen. Darauf folgten die Französische Revolution, die Napoleonischen Kriege! Und wenn dasjenige, was man aus der Geschichte lernen kann, wirklich damit gelernt wäre, dann würde auch unsere heutige Zeit noch herangezogen werden können bei der Bewahrheitung einer solchen Lehre: Die europäischen Staaten können sich zwar anfeinden, aber nicht mehr zerfleischen!

[ 9 ] I would like to cite another example that is perhaps no less telling. A truly significant figure took up a position as a history professor in 1789. It was a time when, I might say, the study of history was just beginning to emerge as a science. In 1789, Schiller took up his position as a professor of history in Jena. He delivered his now-famous inaugural address on the philosophical and the external, mechanistic treatment of historical events. In the course of this inaugural address, he uttered a remarkable sentence, which he believed he had derived from a philosophical perspective on human events—that is, on what is referred to as “history.” He believed he had formed a view on what one can “learn from history,” and he said: “European society of states seems to have been transformed into one large family; the members of this household may be hostile toward one another, but hopefully will no longer tear one another apart.” This was spoken in 1789 as a so-called historical judgment by a man who was by no means insignificant. This was followed by the French Revolution and the Napoleonic Wars! And if what one can learn from history had truly been learned from those events, then our present age, too, could still be cited as evidence of the truth of such a lesson: European states may indeed be hostile toward one another, but they no longer tear each other apart!

[ 10 ] Auch hier eine merkwürdige Widerlegung desjenigen, was man will, wenn man behauptet, aus der Geschichte, so wie sie aufgefaßt ist, könne man lernen für ein Urteil, wenn man sich den Tatsachen der Gegenwart oder Zukunft gegenüberstellt. Beweise für das, was damit angedeutet ist, könnten unzählige aufgebracht werden. Das ist das eine. Das andere aber ist: von allen möglichen Gesichtspunkten her die Geschichte, den Lauf der geschichtlichen Ereignisse, «wissenschaftlich zu durchdringen». War dieses 19. Jahrhundert mit diesen Methoden ganz besonders glücklich? Gerade diejenigen, die glaubten, die strengen wissenschaftlichen Methoden auf die Geschichte anzuwenden, könnten am wenigsten befriedigt sein, wenn es sich darum handelte, sich zu fragen, ob wirklich etwas Besonderes dabei herauskommt, solche Methoden, wie sie in der Naturwissenschaft mit Recht üblich sind, auf das geschichtliche Werden anzuwenden, um dieses geschichtliche Werden «im Lichte einer Wissenschaft» zu sehen.

[ 10 ] Here, too, we find a curious refutation of what one intends when claiming that history, as it is understood, can serve as a lesson for forming a judgment when confronted with the facts of the present or the future. Countless examples could be cited to support what is implied here. That is one thing. The other, however, is to “scientifically penetrate” history—the course of historical events—from every possible perspective. Was the nineteenth century particularly successful in applying these methods? Precisely those who believed in applying rigorous scientific methods to history might be the least satisfied when it comes to asking whether anything truly special emerges from applying such methods—which are rightly standard in the natural sciences—to historical development, in order to view this historical development “in the light of a science.”

[ 11 ] Man braucht nur einiges sich vorzuhalten. Es ist mir heute nicht möglich — da ich ja ganz andere Absichten habe, als die Geschichtswissenschaft also solche zu kritisieren —, auf alle Einzelheiten der Versuche einzugehen, die gemacht worden sind, um zu einer geschichtlichen Methode zu kommen, Es gibt die Anschauung, daß die Geschichte gemacht wird von den großen Männern; dann die Anschauung, daß die großen Männer selber ihren Charakter, ihre Kräfte erhalten haben durch das sogenannte Milieu. Es gibt auch die Anschauung, daß die geschichtlichen Tatsachen nur dann verstanden werden, wenn man die ökonomisch-kulturellen Verhältnisse zugrunde legt, also dasjenige, was in der Menschheitsentwickelung geschieht, hervorgehen läßt aus den ökonomisch sozialen Untergründen und so weiter.

[ 11 ] One need only bear a few things in mind. Since I have entirely different intentions today—namely, not to criticize historical science as such—I am unable to go into all the details of the attempts that have been made to arrive at a historical method. There is the view that history is made by great men; then there is the view that great men themselves derive their character and their strengths from their so-called milieu. There is also the view that historical facts can only be understood by taking economic and cultural conditions as a basis—that is, by allowing what occurs in human development to emerge from economic and social foundations, and so on.

[ 12 ] Nur an ein paar Beispielen, in denen versucht worden ist, mit der Denkweise, die sich in der Naturwissenschaft so bewährt hat, an das Geschichtliche heranzutreten, soll gezeigt werden, wie der Versuch doch eigentlich, ich will nicht sagen, gescheitert ist, aber zu Unbefriedigendem geführt hat. Da haben wir — um von irgend etwas auszugehen — den Versuch, aus einem umfassenden wissenschaftlichen Streben heraus auch die geschichtliche Evolution der Menschheit zu behandeln, bei dem Engländer Herbert Spencer. Er, der mit naturwissenschaftlichem Denken die ganze Weltenentwickelung und alles Sein durchdringen wollte, er versucht naturwissenschaftliche Begriffe anzuwenden auf die Geschichte, auf das geschichtliche Werden. Da ist er auf etwas sehr Merkwürdiges gekommen. Er weiß, daß sich der einzelne Organismus, zum Beispiel der menschliche Organismus, aber auch der Organismus der höheren Tiere, indem er aus der Zelle allmählich herauswächst, aus drei Gliedern der Zelle entwickelt: aus dem Ektoderm, dem Entoderm, dem Mesoderm; das sind drei Teile, Glieder einer Zelle, aus denen sich der Organismus entwickelt.

[ 12 ] Just a few examples—in which attempts were made to approach history using the mode of thinking that has proven so successful in the natural sciences—will suffice to show how the attempt, while I won’t say it failed, did in fact lead to unsatisfactory results. To take just one example—the Englishman Herbert Spencer attempted, as part of a comprehensive scientific endeavor, to address the historical evolution of humanity. He, who sought to penetrate the entire development of the world and all existence with scientific thinking, attempted to apply scientific concepts to history, to historical development. In doing so, he arrived at something very peculiar. He knows that the individual organism—for example, the human organism, but also the organism of higher animals—as it gradually grows out of the cell, develops from three layers of the cell: the ectoderm, the endoderm, and the mesoderm; these are the three parts, or layers, of a cell from which the organism develops.

[ 13 ] Nun sieht Herbert Spencer auch in dem, was sich geschichtlich entwickelt, gewissermaßen in dem Organismus der sich entwickelnden Menschheit einen ähnlichen Prozeß wie den, der stattfindet, wenn sich der natürliche Organismus aus der Zelle heraus entwickelt. Und wie sich einzelne Organsysteme des menschlichen Organismus zum Beispiel entwickeln aus diesen Gliedern der Zelle, die ich angeführt habe, so nimmt solches Herbert Spencer auch an für die Entwicklung des geschichtlichen Organismus der Menschheit. Er sagt: Auch da ist etwas vorhanden wie ein Ektoderm, ein Entoderm und ein Mesoderm. — Und zwar entwickelt Herbert Spencer, der englische Philosoph, die merkwürdige Ansicht: im geschichtlichen Werden der Menschheit entwickelt sich aus dem, was man Ektoderm des geschichtlichen Prozesses nennen kann, der kriegerische Stand, alles, was kriegerisch ist in der Welt; aus dem Entoderm entwickelt sich der friedliebende und arbeitende Stand; aus dem Mesoderm der Handelsstand; und aus dem Zusammenwirken dieser drei Stände entsteht dasjenige, was «geschichtlicher Organismus» ist. So daß im Sinne des Philosophen Herbert Spencer derjenige Gemeinschaftsorganismus der vollkommenste ist, der sich am meisten, am vollkommensten im Lauf der Geschichte aus dem Ektoderm heraus bildet; denn aus dem Ektoderm heraus bildet sich im menschlichen Organismus nämlich das Nervensystem. Und da Herbert Spencer, der englische Philosoph, den kriegerischen Stand, das Militärwesen eines Staates hervorgehend sich denkt aus dem Ektoderm, dem also, was entspricht der Entwickelungsanlage für das menschliche Nervensystem, so ist im Sinne Herbert Spencers dasjenige staatliche Gemeinwesen das allervollkommenste, das den vollkommenst ausgebildeten Kriegerstand hat. Wie das Gehirn aus dem Nervensystem herausgenommen wird, das dem Ektoderm entstammt, so fordert Herbert Spencer für das Gemeinwesen, daß die Regierenden nur aus dem Kriegerstand entnommen werden! Ich will diese Merkwürdigkeit nur erwähnen und mit Rücksicht auf die gegenwärtige Zeit keine weiteren kritischen Bemerkungen an diese Herbert Spencersche militaristische Theorie von der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft in der Geschichte knüpfen.

[ 13 ] Now, Herbert Spencer also sees in historical development—in a sense, in the organism of evolving humanity—a process similar to that which takes place when a natural organism develops from a cell. And just as individual organ systems of the human organism develop, for example, from these cellular components I have mentioned, so too does Herbert Spencer assume this to be the case for the development of the historical organism of humanity. He says: Here, too, there is something akin to an ectoderm, an endoderm, and a mesoderm. — Indeed, Herbert Spencer, the English philosopher, develops the remarkable view that in the historical evolution of humanity, the warrior class—everything that is warlike in the world—develops from what might be called the ectoderm of the historical process; from the endoderm develops the peace-loving and working class; from the mesoderm, the merchant class; and from the interaction of these three classes arises what is called the “historical organism.” Thus, in the view of the philosopher Herbert Spencer, the most perfect social organism is the one that, in the course of history, develops most fully and most perfectly from the ectoderm; for in the human organism, it is precisely from the ectoderm that the nervous system develops. And since Herbert Spencer, the English philosopher, conceives of the warrior class—the military establishment of a state—as emerging from the ectoderm, that is, from what corresponds to the developmental basis for the human nervous system, the most perfect state, in Herbert Spencer’s view, is the one that possesses the most fully developed warrior class. Just as the brain is derived from the nervous system, which in turn originates from the ectoderm, so Herbert Spencer demands that, in the political community, those in power be drawn exclusively from the warrior class! I wish only to mention this curious point and, in light of the present times, refrain from making any further critical remarks regarding Herbert Spencer’s militaristic theory of the historical development of human society.

[ 14 ] Ein anderer Versuch, das geschichtliche Werden zu durchdringen mit Vorstellungen, die der naturwissenschaftlichen Anschauungsart entnommen sind, liegt vor — ich erwähne nur Spitzen der Denkerentwickelung — bei Auguste Comte. Da wird wiederum versucht, die Gesetze der Mechanik, der Statik und Dynamik anzuwenden auf das, was unter Menschen im geschichtlichen Werden geschieht: Die Verhältnisse der einzelnen Glieder des Staates, der im geschichtlichen Werden ist, werden in einer «sozialen Statik», in einer «historischen Statik» behandelt; dasjenige, was sich verändert, was sich bewegt, was vorwärtsschreitet, wird als «historische Dynamik» angesehen.

[ 14 ] Another attempt to penetrate historical development using concepts derived from the scientific worldview can be found—I am mentioning only the pinnacles of intellectual development—in the work of Auguste Comte. Here, once again, an attempt is made to apply the laws of mechanics, statics, and dynamics to what occurs among human beings in the course of historical development: The relationships among the individual components of the state, which is in a state of historical development, are treated in terms of “social statics” and “historical statics”; that which changes, moves, and progresses is regarded as “historical dynamics.”

[ 15 ] Und so könnte man vieles, vieles anführen. Es würde sich, wenn man kritisch eingehen wollte auf diese Versuche und auf noch viele andere, zeigen, wie wenig es gelingt, irgend etwas Befriedigendes dadurch herauszubekommen, daß man gerade naturwissenschaftliche Vorstellungen, die auf ihrem Gebiete streng gesichert sind, überträgt auf die Betrachtung des geschichtlichen Werdens.

[ 15 ] And so one could cite many, many examples. If one were to take a critical look at these attempts—and at many others—it would become clear how little success there is in deriving anything satisfactory from applying scientific concepts, which are rigorously established in their own fields, to the study of historical development.

[ 16 ] In anderer Art haben Menschen, die gewissermaßen in der Morgenröte, bei der Begründung der Geschichte als Wissenschaft standen, wiederum versucht, etwas wie Erklärungsprinzipien in das geschichtliche Werden hineinzubringen. Man braucht sich nur zu erinnern an einen der großartigsten Versuche in der Zeit der Entstehung einer geschichtlichen Anschauung, der durch Lessing gemacht worden ist in seinem berühmten kleinen Werke, das er auf der Höhe seiner geistigen Entwickelung geschrieben hat, in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts». Dieser Versuch ist ja ganz besonders interessant aus dem Grunde, weil da versucht wird, nicht äußerlich mit naturwissenschaftlicher Denkweise an das geschichtliche Werden heranzukommen, sondern den Begriff der Erziehung, also etwas, worinnen immerhin Geistiges verflochten ist, anzuwenden auf das geschichtliche Werden. Lessing stellt sich vor, daß man die aufeinanderfolgenden Tatsachen des geschichtlichen Werdens nur dadurch verstehe, daß man dieses Hinleben der Menschheit durch die Geschichte auffaßt als eine «Erziehung des Menschengeschlechts», die geleitet wird von gewissen historischen Mächten, die hinter dem äußeren Geschehen walten.

[ 16 ] In a different way, people who, so to speak, stood at the dawn of history—at the very inception of history as a science—in turn attempted to introduce something like explanatory principles into the historical process. One need only recall one of the most magnificent attempts made during the formative period of a historical worldview, undertaken by Lessing in his famous little work, which he wrote at the height of his intellectual development: The Education of the Human Race. This attempt is particularly interesting precisely because it seeks not to approach the historical process from the outside using a natural-scientific mode of thought, but rather to apply the concept of education—that is, something in which the spiritual is, after all, interwoven—to the historical process. Lessing posits that the successive events of historical development can only be understood by conceiving of humanity’s journey through history as an “Education of the Human Race,” guided by certain historical forces that operate behind the scenes of external events.

[ 17 ] Und interessant ist es, auf welche Art Lessing Zusammenhang hineinbringt in den fortlaufenden Gang der historischen Erscheinungen. Man hat, gerade weil er diesen Zusammenhang auf eine bestimmte Art hineinbringt, wie das so einmal geschieht, gesagt: Nun ja, Lessing war ja ein großer Mann, aber die Abhandlung über die «Erziehung des Menschengeschlechts», die hat er eben geschrieben, als er schon nicht mehr auf der Höhe stand — weil er versuchte, den Lauf der geschichtlichen Ereignisse wirklich auf seelische Art zu einem inneren Ereignis zu machen, wenigstens zunächst hypothetisch. Da kam er auf die Idee der wiederholten Erdenleben der menschlichen Seele. Er schaute zurück in die verschiedenen Epochen und sagte: Die Menschen, die gegenwärtig leben, sie haben oftmals gelebt; in ihren Seelen tragen sie herüber in diese Epoche, was sie in früheren Epochen aufgenommen haben. Da ist dasjenige, was sich als Impuls durchzieht durch die geschichtliche Entwickelung, das, was in den Seelen selber liegt.

[ 17 ] And it is interesting to see how Lessing establishes a connection within the ongoing course of historical events. Precisely because he establishes this connection in a certain way—as it happens—people have said: Well, Lessing was indeed a great man, but he wrote his treatise on the “Education of the Human Race” precisely when he was no longer at the height of his powers—because he attempted to transform the course of historical events into an inner experience in a truly spiritual way, at least hypothetically at first. That is when he came up with the idea of the human soul’s repeated earthly lives. He looked back at the various epochs and said: The people living today have lived many times before; in their souls they carry over into this epoch what they have absorbed in earlier epochs. Therein lies what runs as an impulse through historical development—that which lies within the souls themselves.

[ 18 ] Man könnte, wenn man das auch zunächst nur als Hypothese ansehen will, immerhin darauf hinweisen, wie unendlich vieles, was sonst rätselhaft erscheinen muß in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, aufgehellt werden kann, wenn auch nur hypothetisch, dadurch, daß man als die Träger der historischen Impulse von einer Epoche in die andere hinüber die Menschenseelen selber annimmt. Dadurch wird auf einmal das sonst zusammenhanglose Gewebe im geschichtlichen Werden zu einem zusammenhängenden. Nur dadurch könnte gehofft werden, daß die einzelnen Tatsachen des geschichtlichen Werdens nicht mehr nebeneinander stehen, sondern sich wirklich auseinander ergeben, weil dasjenige da ist, was sie auseinander hervorbringt.

[ 18 ] One could—even if one wishes to regard this initially only as a hypothesis—at least point out how an infinite number of things that would otherwise seem mysterious in the history of human development can be clarified, even if only hypothetically, by assuming that human souls themselves are the bearers of historical impulses from one epoch to the next. This suddenly transforms the otherwise disjointed fabric of historical development into a coherent whole. Only in this way can one hope that the individual facts of historical development no longer stand side by side, but truly emerge from one another, because what brings them forth is present.

[ 19 ] Die Anschauung, die Lessing in diesem kleinen Werke: «Die Erziehung des Menschengeschlechts» geltend gemacht hat, hat eigentlich keine Fortsetzung erfahren aus dem Grunde, weil ja dann das naturwissenschaftliche Zeitalter zu seinem Höhepunkte heranrückte, und dieses Zeitalter zunächst aus Gründen heraus, die in dem nächsten Vortrage noch zutage treten werden, abgeneigt sein mußte — die naturwissenschaftliche Vorstellungsweise in ihrer Sphäre hat von sich aus ganz recht, wenn sie diese Abneigung hat — der Annahme der wiederholten Erdenleben.

[ 19 ] The view that Lessing put forward in this short work, The Education of the Human Race, did not really find any continuation, for the reason that the age of natural science was then approaching its zenith, and this age, for reasons that will become clear in the next lecture, was initially averse to the idea—the scientific way of thinking, within its own sphere, is entirely justified in its aversion to the assumption of repeated earthly lives.

[ 20 ] Und so kam es denn, daß dann im Laufe des 19. Jahrhunderts alle möglichen Versuche gemacht worden sind. Man braucht nur zu erinnern an den Versuch Hegels, die ganze Entwickelung der Weltgeschichte aufzufassen als einen Fortschritt des menschlichen Bewußtseins der Freiheit und so weiter. Es könnten Hunderte und aber Hunderte von Versuchen angeführt werden, wodurch gezeigt würde, wie immer wieder und wiederum ein Anlauf dazu genommen worden ist, Erklärungsprinzipien in das geschichtliche Werden hineinzubringen und dadurch Geschichte zu einer Wissenschaft zu gestalten.

[ 20 ] And so it came to pass that, over the course of the 19th century, all manner of attempts were made. One need only recall Hegel’s attempt to conceive the entire development of world history as a progression of human consciousness of freedom, and so on. Hundreds upon hundreds of such attempts could be cited, demonstrating how, time and again, efforts were made to introduce explanatory principles into the historical process and thereby transform history into a science.

[ 21 ] Daneben hat es allerdings auch immer Geister gegeben wie zum Beispiel Schopenhauer, welcher der Ansicht war, daß in der Geschichte sich eben nichts wiederholt und daher von einer Geschichtswissenschaft überhaupt nicht die Rede sein könne, weil die Geschichte nur erzählen könne, was als aufeinanderfolgende Tatsachen geschieht, nicht aber irgendwelche Impulse finden könne, die als Erklärungsprinzipien in der Geschichte walten wie in den natürlichen Tatsachen die Naturgesetze.

[ 21 ] However, there have also always been thinkers—such as Schopenhauer—who held the view that nothing repeats itself in history and that, therefore, there can be no such thing as the science of history, because history can only recount what happens as a succession of facts, but cannot identify any impulses that govern history as explanatory principles, just as the laws of nature govern natural phenomena.

[ 22 ] Und in frischer Erinnerung ist ja noch der gewaltige Protest, den Friedrich Nietzsche vorgebracht hat gegen die Geschichte als solche, indem er zu zeigen versuchte, daß durch die Aneignung nicht der Geschichte in ihren Ideen, sondern der geschichtlichen Denkweise, durch die Aneignung jener Denkweise, welche pocht auf dasjenige, «was die Geschichte ergibt», und das weiter in den Seelen verarbeiten will, daß dadurch die Menschenseele, die produktiv und tätig sein soll in der Gegenwart, die fruchtbar gegenübersteht den Ereignissen, die an sie herantreten, daß diese Menschenseele durch den «Historismus», wie Nietzsche sagt, wie ausgesogen wird. So daß derjenige, der nur historische Impulse in sich fühlt, für Nietzsche ein Mensch war, der einem Wesen gleicht, welches sich immerfort des Schlafes enthalten müßte, dadurch niemals befruchtende Lebenskräfte in seine Entwickelung aufnehmen könnte, sondern immer nur sich verzehren lassen müßte von dem, was eben verzehrend und zerstörend auf den Menschen wirkt wie das Leben im Historismus. Diese Abhandlung Nietzsches über «Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», ist eine der bedeutsamsten aus der ganzen Denkweise Nietzsches heraus.

[ 22 ] And we still have fresh in our memory the powerful protest that Friedrich Nietzsche raised against history as such, in which he sought to show that by appropriating not history in its ideas, but the historical way of thinking—by appropriating that way of thinking which insists on “what history yields,” and seeks to process it further in the soul—that through this, the human soul, which is meant to be productive and active in the present and to respond fruitfully to the events that approach it, is, as Nietzsche says, “drained dry” by “historicism.” Thus, for Nietzsche, anyone who feels only historical impulses within himself was a person resembling a being that would have to constantly refrain from sleep, and thereby could never absorb life-giving forces into his development, but would always have to allow himself to be consumed by that which acts upon man in a consuming and destructive manner—just as life does in historicism. This essay by Nietzsche on “The Use and Abuse of History for Life” is one of the most significant works to emerge from Nietzsche’s entire body of thought.

[ 23 ] Diese einleitenden Worte sollten nur der Tatsache gelten, wie strittig Geschichte heute als Wissenschaft ist nach den verschiedensten Seiten, in ganz anderem Maße noch strittig als zum Beispiel Seelenwissenschaft oder Psychologie. Die Frage muß entstehen aus alledem heraus: Woher kommt so etwas? — Aus den Voraussetzungen, die zugrunde gelegt werden der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, muß darauf geantwortet werden: Weil zunächst die Aufmerksamkeit auf diesem Gebiete nicht gelenkt worden ist auf die große, grundlegende Frage: Womit im Menschen haben wir es denn überhaupt zu tun, wenn von geschichtlichem Werden die Rede ist? Was ist denn vom Menschen beteiligt an diesem geschichtlichen Werden? Was wirkt denn im Menschen, wenn er eingesponnen ist, eingewoben ist in das geschichtliche Werden? — Um diese Frage zu beantworten, muß man allerdings einige geisteswissenschaftliche Einblicke gewinnen in das Wesen des Menschen, insofern dieses Wesen viel weiter geht, als das gewöhnliche Bewußtsein reicht.

[ 23 ] These introductory remarks are intended solely to highlight the fact that history as a science is highly controversial today from a wide variety of perspectives—far more so than, for example, the science of the soul or psychology. The question that must arise from all this is: Where does this come from? — Based on the premises underlying anthroposophically oriented spiritual science, the answer must be: Because, to begin with, attention in this field has not been directed toward the great, fundamental question: What aspect of the human being are we actually dealing with when we speak of historical development? What aspect of the human being is involved in this historical development? What is at work within the human being when he or she is entwined and woven into the fabric of historical development? — To answer this question, however, one must gain certain spiritual-scientific insights into the nature of the human being, insofar as this nature extends far beyond the reach of ordinary consciousness.

[ 24 ] Ich möchte, um auseinanderzusetzen, was ich jetzt hier zu sagen habe, um einen Ausgangspunkt für eine Geschichtsbetrachtung zu gewinnen, anknüpfen — Sie werden gleich nachher sehen, aus welchem Grunde ich das tue — an eine Betrachtung über das menschliche Seelenleben, insofern dieses menschliche Seelenleben rhythmisch immer wieder und wieder heraustritt aus dem, was man den gewöhnlichen Bewußtseinszustand nennt. Wir müssen ja den gewöhnlichen Bewußtseinszustand im Leben abwechseln lassen mit dem Schlafzustand. Wir werden, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt die Natur betrachtend, das nächste Mal über dieses Thema noch genauer zu reden haben; heute will ich nur dasjenige erwähnen, was Grundlage für eine Geschichtsbetrachtung werden kann.

[ 24 ] To clarify what I have to say here and now, and to establish a starting point for a historical reflection, I would like to begin — you will see shortly why I am doing this — to a consideration of the human soul life, insofar as this human soul life rhythmically emerges again and again from what is called the ordinary state of consciousness. After all, in life we must alternate the ordinary state of consciousness with the state of sleep. Viewing nature from the standpoint of spiritual science, we will have to discuss this topic in even greater detail next time; today I merely wish to mention what can serve as a foundation for a historical perspective.

[ 25 ] Wenn der Schlaf in unser Seelenleben hereintritt, dann dämpft sich das Bewußtsein so weit herunter, daß wir annähernd sprechen können von Bewußtlosigkeit, obwohl für den, der genau betrachten kann, im Schlafe durchaus nicht völlige Bewußtlosigkeit vorhanden ist. Was im gewöhnlichen Tagesleben der Inhalt unserer Wahrnehmungswelt, der Inhalt unserer Welt des Fühlens und Wollens ist, das hört auf, das tritt in das Dunkel eines unbewußten oder unterbewußten Dahinlebens hinunter. Zwischen den beiden Zuständen, zwischen dem Wachzustand und dem Schlafzustande, liegt der 'Traumzustand.

[ 25 ] When sleep enters our inner life, consciousness is dimmed to such an extent that we can almost speak of unconsciousness, although for those who can observe closely, sleep is by no means a state of complete unconsciousness. What in ordinary daily life constitutes the content of our world of perception, the content of our world of feeling and willing, ceases to exist and descends into the darkness of an unconscious or subconscious existence. Between these two states—the waking state and the sleeping state—lies the “dream state.”

[ 26 ] Dieser Traumzustand ist etwas höchst Merkwürdiges. Die Philosophie selbst hat im 19. Jahrhundert von ihren mehr naturwissenschaftlichen Vorstellungen angenäherten Begriffen aus versucht, in die Natur dieser rätselvollen Traumeswelt, die aus dem bewußtlosen Zustande des Schlafes aufsteigt und so unähnlich ist dem äußeren Erlebnis des gewöhnlichen Bewußtseins, hineinzudringen. Aber auch da ist etwas ganz Merkwürdiges eingetreten. Der Philosoph Johannes Volkelt zum Beispiel, der sich in den siebziger Jahren bequemt hat, ein Buch über die Traumphantasie zu schreiben, er ließ die Sache liegen wie eine glühende Kohle, die jemand anfaßt und die er gleich wiederum wegwirft. Kritiker, die dann über dieses Buch «Die Traum-Phantasie» geschrieben haben, sind, nur weil sie sich überhaupt eingelassen haben, die Sache ernst zu nehmen, des Spiritismus beschuldigt worden. Wessen beschuldigt man heute die Menschen nicht alles!

[ 26 ] This dream state is something most peculiar. In the 19th century, philosophy itself attempted—using concepts that had been shaped by its more natural-scientific ideas—to penetrate the nature of this enigmatic dream world, which arises from the unconscious state of sleep and is so unlike the external experience of ordinary consciousness. But even there, something quite peculiar occurred. The philosopher Johannes Volkelt, for example, who took the trouble in the 1870s to write a book on dream fantasy, left the matter alone like a glowing coal that someone touches and immediately throws away. Critics who subsequently wrote about this book, Die Traum-Phantasie (The Dream Imagination), were accused of spiritualism simply because they had even bothered to take the subject seriously. The things people are accused of these days!

[ 27 ] Was ist denn eigentlich diese rätselvoll aus den Untergründen des Schlafens heraufsteigende Traumeswelt? Was sind die Bilder, die da auf und ab wogen im Traume? Diese Frage läßt sich allerdings auch nur mit jenem Bewußtsein, von dem ich vorgestern hier sprach, mit dem schauenden Bewußtsein, erörtern. Derjenige, der aufsteigt von dem gewöhnlichen Bewußtsein zu dem, was ich vorgestern hier erörtert habe als die imaginative Erkenntnis, die inspirative Erkenntnis, die intuitive Erkenntnis, der also mit seiner vom Leibe getrennten Seele, wie ich es auseinandergesetzt habe, aufsteigt, wirklich in der geistigen Welt zu leben, der erst kann zu einer Anschauung kommen über dasjenige, was eigentlich vorgeht in der menschlichen Seele, wenn sie in Traumbildern lebt. Ich kann natürlich heute nur anregen, manches aus den Ergebnissen der Geisteswissenschaft anführen; die weiteren Ausführungen werden Sie schon verfolgen müssen in meinen Büchern.

[ 27 ] What, then, is this enigmatic world of dreams that rises from the depths of sleep? What are the images that ebb and flow in a dream? This question, however, can only be discussed in terms of that consciousness I spoke of here the day before yesterday—the contemplative consciousness. Only the one who ascends from ordinary consciousness to what I discussed here the day before yesterday—imaginative perception, inspirational perception, and intuitive perception—that is, the one who ascends with his soul separated from the body, as I have explained, truly to live in the spiritual world—only such a person can arrive at an insight into what actually takes place in the human soul when it lives in dream images. Of course, today I can only offer some suggestions and cite a few findings from spiritual science; you will have to follow the further elaborations in my books.

[ 28 ] Wenn man mit den Methoden, die vorgestern hier erörtert worden sind, das Traumleben erforscht, dann kommt man dazu, einzusehen, daß dasjenige, in dem gewissermaßen das Seelische während des Schlafes vom Einschlafen bis zum Aufwachen verläuft, tatsächlich getrennt ist vom physisch-leiblichen Leben. Dieses Getrenntsein vom physisch-leiblichen Leben lernt man eben erkennen durch die geisteswissenschaftlichen Methoden. Man lernt erkennen, in welcher Verfassung die Seele ist, wenn sie getrennt ist vom Leibe. Daher kann man auch vergleichen das Leben in den Traumbildern mit diesem wissenschaftlich erforschbaren Getrenntsein vom Leibe. Und man findet dann, daß der Traum eigentlich eine viel zusammengesetztere Erscheinung ist, als man gewöhnlich meint.

[ 28 ] If one explores the life of dreams using the methods discussed here the day before yesterday, one comes to realize that the realm in which, so to speak, the soul’s activity unfolds during sleep—from falling asleep to waking up—is in fact separate from physical-bodily life. It is precisely through the methods of spiritual science that one learns to recognize this separation from physical life. One learns to recognize the state in which the soul finds itself when it is separated from the body. Therefore, one can also compare life within the dream images to this scientifically investigable separation from the body. And one then discovers that the dream is actually a much more complex phenomenon than is commonly believed.

[ 29 ] Was in der Seele lebt, indem die Seele träumt, das ist in der Tat etwas, was nicht nur mit unserer Gegenwart zu tun hat, so wie das wache Tagesleben mit der Gegenwart zu tun hat, sondern es ist dasjenige, was in der Tat, in unserem Organismus, in unserem Gesamtmenschenwesen sich ausbildet wie der kleine Keim in der wachsenden Pflanze. Was als Keim in der wachsenden Pflanze sich entwickelt, ist die physische Ursache für die nächste Pflanze. Was in die Traumbilder eingewickelt — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf — in der menschlichen Seele aus der Dumpfheit des Schlafes heraustritt, das ist jetzt nicht physisch, das ist geistig-seelisch die Grundlage für dasjenige, was durch die Pforte des Todes geht, was eintritt dann in die geistige Welt und durchmacht das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, um wieder zu erscheinen.

[ 29 ] What lives in the soul as the soul dreams is, in fact, something that has to do not only with our present moment—just as waking daily life has to do with the present moment—but it is that which, in fact, develops within our organism, within our entire human being, like the tiny seed in a growing plant. What develops as a seed in the growing plant is the physical cause of the next plant. What emerges in the human soul—if I may use the expression—wrapped in dream images from the dullness of sleep is not yet physical; it is, in a spiritual-soul aspect, the foundation for that which passes through the gate of death, enters the spiritual world, and undergoes the life between death and a new birth, only to reappear.

[ 30 ] Aber es ist ein schwacher geistig-seelischer Keim, es ist ein so schwacher geistig-seelischer Keim, daß er aus seinen eigenen ihm innewohnenden Kräften nicht zu einem seelischen Inhalte kommt. Daher kommt er nur zu dem Inhalte, der sich aus Reminiszenzen, aus Anklängen an die durchlebte Welt, gegenwärtig oder vergangen durchlebte Welt, knüpft. Derjenige, der geisteswissenschaftlich den Traum untersucht, der sagt sich: Wie in so vielen Dingen, so steckt in dem ahnungsvollen, aber abergläubischen Bewußtsein, daß sich im Traume oftmals die Zukunft enthüllen könne, auf der einen Seite eine geahnte Wahrheit, aber auf der anderen Seite ein gefährlicher Aberglaube; dies letztere aus dem Grunde, weil in dem, was im Traume lebt, ich möchte sagen substantiell, wirklich, die Seele, wie sie sich in die Zukunft hinein entwickelt, vorhanden ist, wirklich das Ewige unserer Seele vorhanden ist. Dasjenige, was träumt, von dem kann man schon ahnen, daß es in sich zwar nicht die Vorstellung, wohl aber die lebendige Anlage für die Zukunft des Menschen enthält. Der Inhalt des Traumes, der wird genommen aus den chaotisch verwobenen Reminiszenzen und dergleichen. Während es also Aberglaube ist, den Inhalt des Traumes irgendwie anders deuten zu wollen als im geisteswissenschaftlichen Sinne, muß man sagen, daß dasjenige, was träumt, in der Tat mit dem ewigen Wesen der Menschenseele zu tun hat, so daß nur der Inhalt des Traumeslebens dasjenige ist, was den Menschen in Illusionen wiegt.

[ 30 ] But it is a weak spiritual-soul seed; it is such a weak spiritual-soul seed that it cannot, through its own inherent powers, give rise to a soul content. Therefore, it can only give rise to content that is woven from reminiscences, from echoes of the world experienced—whether in the present or in the past. The one who studies dreams from a spiritual-scientific perspective tells himself: As in so many things, the intuitive yet superstitious belief that the future can often be revealed in dreams contains, on the one hand, a sensed truth, but on the other hand, a dangerous superstition; the latter for the reason that in what lives in the dream—I would say substantially, truly—the soul, as it develops into the future, is present; truly, the eternal aspect of our soul is present. One can already sense that what dreams does not contain within itself a concept, but rather the living potential for humanity’s future. The content of the dream is drawn from chaotically interwoven reminiscences and the like. While it is therefore superstition to want to interpret the content of a dream in any way other than in the spiritual-scientific sense, it must be said that what dreams is in fact connected to the eternal essence of the human soul, so that it is only the content of the dream life that lulls people into illusions.

[ 31 ] Kommt man aus dem gewöhnlichen Bewußtsein zu dem, was ich vorgestern charakterisiert habe als das schauende Bewußtsein, dann gelangt man, wie ich gesagt habe, zu Imaginationen, zu Inspirationen. Und man ist mit diesem Inhalte des schauenden Bewußtseins drinnen in einer geistigen Welt. Man ist also auch drinnen in jener Welt, in welcher die Seele lebt, wenn sie außer dem Leibe ist und träumt. Dann ist sie aber, ich möchte sagen, auf eine kindliche Weise, auf eine noch unvollkommene Weise, dann ist sie so darinnen, wie der Pflanzenkeim in der Pflanze ist, der ja erst die Anlage zur nächsten Pflanze ist. In der Imagination, in der Inspiration enthüllt sich die Welt, in der auch die träumende Seele drinnen ist.

[ 31 ] When one moves from ordinary consciousness to what I described the day before yesterday as “contemplative consciousness,” one arrives, as I have said, at imaginations and inspirations. And with this content of contemplative consciousness, one is immersed in a spiritual world. One is thus also within that world in which the soul lives when it is outside the body and dreaming. But then, I would say, in a childlike way, in a still imperfect way, it is within that world just as the plant seed is within the plant—which is, after all, merely the germ of the next plant. In imagination and inspiration, the world in which the dreaming soul also resides reveals itself.

[ 32 ] Nun glaubt man gewöhnlich, der Mensch träume nur, wenn er schläft. Das ist nun auch ein solcher Irrtum, wie er sich selbstverständlich ergeben muß, wenn man seine Begriffe nur aus der äußeren Welt bildet. Aber es ist eben ein Irrtum, es ist eine Illusion. Und tiefere Denker, unter anderen Kant, aber auch viele andere, sie haben schon geahnt, daß dasjenige, was die Seele im Schlafe, im Traume durchsetzt, keineswegs bloß im Schlafe, bloß im Traume anwesend ist, sondern daß es das ganze Leben durchzieht. Wachen wir auf, dann allerdings ist ein Teil unseres Seelenlebens in die Welt versetzt, der da vorliegen die äußeren Beobachtungen der Sinne, der da vorliegen diejenigen Begriffe, die sich anknüpfen an diese äußeren Beobachtungen der Sinne. Von diesem Bewußtseinsinhalte sind wir ganz eingenommen, dem sind wir ganz hingegeben; den betrachten wir, weil er gleichsam als das starke Licht alle schwächeren Inhalte, die in unserer Seele leben, immer überstrahlt, den betrachten wir gewissermaßen als den einzigen Inhalt unseres wachen Tagesbewußtseins. Aber das ist ein Irrtum! Denn während wir erfüllt sind von diesem wachen Tagesbewußstseinsinhalte, leben in den Tiefen unserer Seele unterbewußt solche Inhalte fort, die ganz gleich sind den Träumen, die in der Nacht aus dem Schlaf auftauchen. Wir träumen fort während des Wachens, nur werden wir das Träumen nicht gewahr! Und so paradox es klingt, auch das andere ist richtig: Wir träumen nicht nur fort, wir schlafen fort. So daß unser Bewußtsein stets ein dreifaches im Wachzustande ist: oben, auf der Oberfläche gleichsam, das wache Tagesbewußtsein, unten, im Unterbewußten, ein Unterstrom des fortdauernden Träumens, und tiefer ein Fortschlafen.

[ 32 ] It is commonly believed that humans dream only when they sleep. This, too, is a fallacy—one that inevitably arises when one derives one’s concepts solely from the external world. But it is precisely a fallacy; it is an illusion. And deeper thinkers—Kant among them, but also many others—have already sensed that what pervades the soul in sleep and in dreams is by no means present only in sleep or only in dreams, but rather that it permeates the whole of life. When we wake up, however, a part of our inner life is transferred into the world—the world of external sensory observations, the world of those concepts that are linked to these external sensory observations. We are completely absorbed by these contents of consciousness; we are wholly devoted to them; we regard them—because they, as it were, outshine all the weaker contents living in our soul like a bright light—as, in a sense, the sole content of our waking daytime consciousness. But this is a mistake! For while we are filled with the contents of this waking daytime consciousness, contents that are exactly like the dreams that emerge from sleep at night continue to exist subconsciously in the depths of our soul. We continue to dream while awake; we simply do not become aware of the dreaming! And as paradoxical as it sounds, the opposite is also true: we do not merely continue dreaming; we continue sleeping. Thus, our consciousness is always threefold in the waking state: on top, on the surface, so to speak, is waking daytime consciousness; below, in the subconscious, is an undercurrent of continuous dreaming; and deeper still is a state of continued sleep.

[ 33 ] Und wir können auch angeben, in bezug auf was wir träumen, in bezug auf was wir schlafen! Wir träumen nämlich mit Bezug auf alles dasjenige, was nicht in Vorstellungen, in deutlich zu machenden Begriffen in unsere Seele herauftaucht, sondern was sich entlädt in uns als Gefühl. Die Gefühle steigen in uns nicht auf aus irgendeinem vollbewußten, wachbewußten Zustande, sie steigen auf aus einer Welt in uns, die nur geträumt wird. Es ist nicht richtig, wenn gemeint wird, wie manche Herbartschen Philosophen meinen, daß sich die Gefühle aus Zusammenwirkung von Vorstellungen ergeben. Nein, im Gegenteil, die Vorstellungen werden durchsetzt mit demjenigen, was aufsteigt aus einem tieferen Seelenleben, das in einem Fortträumen während des Wachzustandes besteht. Auch die Leidenschaften, die Affekte, steigen aus einem Leben des wachen Träumens, das nur übertönt wird von dem vollbewußten Seelenleben, herauf. Und unsere Willensimpulse, sie bleiben, ich möchte sagen, so rätselhaft in ihrem Hervorquellen aus dem Seelenleben, weil sie aus dem Seelengrunde heraufkommen, in dem wir auch im wachen Zustande schlafend sind.

[ 33 ] And we can also specify what we dream about, what we sleep about! For we dream about everything that does not surface in our soul as ideas or concepts that can be made clear, but rather as feelings that well up within us. Feelings do not arise within us from some fully conscious, waking state; they arise from a world within us that is merely dreamed. It is incorrect to assume, as some of Herbart’s philosophers do, that feelings result from the interaction of ideas. No, on the contrary, ideas are permeated by that which arises from a deeper inner life consisting of a state of dreaming while awake. Even the passions and emotions arise from a life of waking dreaming, which is merely drowned out by the fully conscious inner life. And our impulses of will—they remain, I would say, so enigmatic in their welling up from the life of the soul, because they arise from the depths of the soul, where we remain asleep even in the waking state.

[ 34 ] So daß unsere vollbewußten Vorstellungen sich oben entwickeln im Wachbewußtsein, unsere Gefühle heraufschlagen wie Wogen aus einem unterbewußten Zustande, aus einem Traumes-Tagesleben, und die Willensimpulse gar heraufschlagen aus einem Schlafesleben. Was das für eine Bedeutung hat für die Bildung von sozialen, von Rechtsvorstellungen, von ethischen Vorstellungen, was das für eine Bedeutung hat für die Frage der Willensfreiheit — wir werden dann beim letzten Vortrage über diese Dinge sprechen.

[ 34 ] So that our fully conscious ideas develop on the surface in waking consciousness, our feelings surge up like waves from a subconscious state, from a dream-like waking life, and the impulses of the will even surge up from a state of sleep. What significance this has for the formation of social, legal, and ethical concepts, and what significance it has for the question of free will—we will discuss these matters in the final lecture.

[ 35 ] Heute aber soll uns vorzugsweise etwas anderes interessieren. Einzelne scharfsinnige Geister haben schon bemerkt, daß man niemals zum Beispiel die Leidenschaften erklären kann, wenn man nicht an die Erklärung der Traumeswelt herangeht, weil Leidenschaften nur dadurch im Menschen leben, auch die besten, edelsten Leidenschaften, daß der Mensch träumt während des Wachens, und das Geträumte nicht in der Weise des wachen Bewußtseins heraufkommt, sondern hineinwogt in dieses wache Bewußtsein aus der Region, in der eben geträumt wird.

[ 35 ] Today, however, we should focus our attention on something else. A few perceptive minds have already noted that one can never explain passions, for example, without addressing the nature of the dream world, because passions—even the noblest ones— noblest ones—because human beings dream while awake, and what is dreamed does not emerge in the manner of waking consciousness, but rather surges into this waking consciousness from the realm where dreaming takes place.

[ 36 ] Nun ergibt sich ein anderes geisteswissenschaftliches Resultat, das man in der Gegenwart fast noch ungern ausspricht, weil es so sehr allen gewohnten Begriffen widerspricht; aber vieles, das im Lauf der Menschheitsentwickelung in die Wissenschaft eingetreten ist, das ist eben zunächst ein Paradoxon gewesen. Es hat sich dann doch durchgesetzt. Die Kopernikanische Weltanschauung ist ja von einer gewissen geistigen Richtung her erst im Jahre 1822 als eine erlaubte Weltanschauung angesehen worden. Warum sollte nicht das, was als Geisteswissenschaft oder Anthroposophie auftritt, vielleicht auch so lange warten müssen, bis es, jetzt nicht von dieser Richtung, sondern von der modernen Wissenschaft anerkannt wird?

[ 36 ] Now, another finding from the spiritual sciences emerges—one that people are still almost reluctant to voice today because it contradicts all familiar concepts so strongly; but much of what has found its way into science in the course of human development was, at first, a paradox. It eventually gained acceptance, however. After all, from a certain spiritual perspective, the Copernican worldview was not regarded as a legitimate worldview until 1822. Why should what appears as spiritual science or anthroposophy not also have to wait perhaps just as long until it is recognized—not by that particular school of thought, but by modern science?

[ 37 ] Dasjenige, was wirklich verläuft, wenn man den Strom des Menschenlebens betrachtet, das ist nicht etwas, was mit den Begriffen, die im Wachbewußtsein durchgemacht werden, durchlebt wird, sondern was für die Geschichte vorliegt, was in der Geschichte kraftet und wirkt, lebt gar nicht in dem menschlichen Wachbewußtsein, so paradox das klingt, sondern die Impulse, die durch die Geschichte walten und wogen, werden von der Menschheit nur geträumt. Nicht heller und nicht anders durchzieht dasjenige, was den Lauf der Geschichte vorwärts treibt, die menschliche Seele als ein Traum. Von dem Traume des Werdens zu sprechen, ist völlig wissenschaftlich. Das zeigt sich gerade, wenn man eben erkennt, daß erst von dem schauenden Bewußtsein Einblick gewonnen werden kann in das, was eigentlich geschichtliche Impulse sind, wenn man diese geschichtlichen Impulse durchdringt mit dem imaginativen, mit dem inspirierten Forschungsleben, Indem der Mensch der Geschichte angehört, insofern er in diese Geschichte eingreift, hat er es nicht zu tun mit irgend etwas, was man so beobachten kann, daß es auf Begriffe gebracht werden kann, wie die Begriffe sind, mit denen die Naturwissenschaft zu tun hat, sondern der Mensch hat es zu tun mit solchen Begriffen, die eigentlich das gewöhnliche Bewußtsein nur von dem Traume her kennt.

[ 37 ] What truly unfolds when one considers the flow of human life is not something experienced through the concepts processed in waking consciousness, but rather what exists for history—what drives and shapes history—does not live at all in human waking consciousness, as paradoxical as that may sound; rather, the impulses that reign and surge through history are merely dreamed by humanity. What drives the course of history forward permeates the human soul no more clearly and no differently than a dream. To speak of the dream of becoming is entirely scientific. This becomes evident precisely when one recognizes that insight into what historical impulses actually are can be gained only through the contemplative consciousness, when one penetrates these historical impulses with the imaginative, with the inspired life of research, Insofar as human beings belong to history—insofar as they intervene in this history—they are not dealing with anything that can be observed in such a way as to be reduced to concepts of the kind with which the natural sciences deal; rather, human beings are dealing with concepts that ordinary consciousness actually knows only through the dream.

[ 38 ] Man könnte nun leicht gegen Geisteswissenschaft einwenden: Also ist die Geisteswissenschaft etwas Phantastisches, denn sie führt wichtige Impulse zurück auf reine Phantasieprodukte, sogar auf Traumprodukte. Ja, sehr verehrte Anwesende, das mag schon sein, aber wenn die Wirklichkeit so ist, daß sie eben in der menschlichen Seele als Traum leben muß, so muß diese Wirklichkeit da erfaßt werden, wo sie eben wahrgenommen werden kann!

[ 38 ] One could easily object to spiritual science by saying: So spiritual science is something fanciful, because it traces important impulses back to pure products of the imagination, even to products of dreams. Yes, ladies and gentlemen, that may well be true, but if reality is such that it must exist within the human soul as a dream, then this reality must be grasped precisely where it can be perceived!

[ 39 ] Gerade von naturwissenschaftlichem Denken her hat man gegen die Geschichte als Wissenschaft eingewendet, daß Geschichte es ja nur zu tun habe mit einzelnen Tatsachen, aber man komme nie dahinter, was eigentlich eine geschichtliche Tatsache sei, man könne sie nicht so klar und deutlich vor sich haben, wie man eine naturwissenschaftliche Tatsache, eine Naturtatsache vor sich hat.

[ 39 ] From the perspective of scientific thinking in particular, it has been argued against history as a science that history deals only with individual facts, but one can never determine what a historical fact actually is; one cannot perceive it as clearly and distinctly as one perceives a scientific fact, a fact of nature.

[ 40 ] Auch geisteswissenschaftlich ist dieses durchaus richtig; aber geisteswissenschaftlich muß die Sache noch wesentlich vertieft werden. Der Geisteswissenschaftler sagt also zunächst: Blickst du auf dasjenige hin, was eigentlich geschichtliche Impulse sind, so sind sie ja gar nicht gegeben dann, wenn man den gewöhnlichen Verstand, der es mit äußeren Tatsachen zu tun hat, auf diese richtet; dann sind da die geschichtlichen Tatsachen gar nicht gegeben. Die geschichtlichen Tatsachen sind erst gegeben, wenn man das imaginative und das inspirierte Bewußtsein auf übersinnliche Impulse richtet, die gar nicht in den äußeren Tatsachen liegen.

[ 40 ] From the perspective of the humanities, this is certainly correct; but from that perspective, the matter must be explored in much greater depth. The scholar of the humanities therefore says first of all: If you look at what historical impulses actually are, they are not present at all when you direct your ordinary intellect—which deals with external facts—toward them; in that case, the historical facts are not present at all. Historical facts are only present when one directs the imaginative and inspired consciousness toward supersensible impulses that do not lie within the external facts at all.

[ 41 ] Was so Geisteswissenschaft an die Oberfläche des menschlichen Denkens bringt, so ganz aus dem Nichts herausgeholt ist es allerdings nicht in der neueren Zeit. Sondern diejenigen Menschen, die mit Erkenntnisproblemen gerungen haben, die Erkenntnisdramen in sich durchgemacht haben, die haben schon, wenn auch nur als einzelne Lichtblitze, zuweilen ihre Aufmerksamkeit hinwenden müssen auf dasjenige, worauf die Geisteswissenschaft nun systematisch geordnet kommt. Und da könnte ich wiederum viele Beispiele anführen, wie gewissermaßen divinatorisch der eine oder andere, der ein um Erkenntnis Ringender war, auf mancherlei gekommen ist, was durch Geisteswissenschaft zur Klarheit gebracht wird. Von diesem ein Beispiel, das ich auch angeführt habe in meinem Buche, das demnächst erscheinen wird: «Von Seelenrätseln.»

[ 41 ] What spiritual science brings to the surface of human thought has not, however, been drawn entirely out of thin air in modern times. Rather, those who have wrestled with problems of knowledge—who have gone through inner crises of understanding—have already, even if only as isolated flashes of insight, occasionally had to turn their attention to precisely what spiritual science now presents in a systematic order. And here I could again cite many examples of how, in a sense through divine inspiration, one or another person—someone who was struggling for knowledge—arrived at various insights that are now brought to clarity through spiritual science. Here is one such example, which I have also cited in my book that will be published shortly: On the Mysteries of the Soul.

[ 42 ] Der Psychologe Fortlage hat in seinen Psychologievorträgen, die er 1869 gehalten hat, eine sehr merkwürdige Stelle über das menschliche Bewußtsein und seinen Zusammenhang mit dem Phänomen des Todes. Er sagt: «Wenn wir uns lebendige Wesen nennen, und so uns eine Eigenschaft beilegen, die wir mit Tieren und Pflanzen teilen, so verstehen wir unter dem lebendigen Zustand notwendig etwas, das uns nie verläßt und sowohl im Schlaf als im Wachen stets in uns fortdauert. Dies ist das vegetative Leben der Ernährung unseres Organismus, ein unbewußtes Leben, ein Leben des Schlafes. Das Gehirn macht hier dadurch eine Ausnahme, daß dieses Leben der Ernährung, dieses Schlafleben bei ihm in den Pausen des Wachens überwogen wird von dem Leben der Verzehrung. In diesen Pausen steht das Gehirn einer überwiegenden Verzehrung preisgegeben und gerät folglich in einen Zustand, welcher, wenn er sich auf die übrigen Organe miterstreckte, die absolute Entkräftigung des Leibes oder den Tod zu Wege bringen würde.»

[ 42 ] In the psychology lectures he delivered in 1869, the psychologist Fortlage included a very curious passage on human consciousness and its connection to the phenomenon of death. He says: “When we call ourselves living beings—and thus ascribe to ourselves a characteristic that we share with animals and plants—we necessarily understand the living state to be something that never leaves us and that persists within us at all times, both in sleep and in wakefulness. This is the vegetative life of our organism’s nourishment, an unconscious life, a life of sleep. The brain constitutes an exception here in that this life of nourishment, this life of sleep, is superseded in it—during the intervals of wakefulness—by the life of consumption. During these intervals, the brain is subjected to predominant consumption and consequently enters a state which, were it to extend to the other organs, would bring about the absolute exhaustion of the body or death.”

[ 43 ] Das ist ein großartiger Lichtblick, indem Fortlage nichts Geringeres sagt als dieses: Würden die Vorgänge, die auf das menschliche Gehirn wirken, in vollem Wachbewußtsein den ganzen übrigen Leib ergreifen, so würden sie ihn zerstören; wir haben es also in Wahrheit mit Abbauprozessen im Menschen zu tun, wenn wir es mit den Verhältnissen des gewöhnlichen Bewußtseins zu tun haben. Es war ein tiefer Lichtblick Fortlages, wenn er weiterfährt: «Das Bewußtsein ist ein kleiner und partieller Tod, der Tod ist ein großes und totales Bewußtsein, ein Erwachen des ganzen Wesens in seinen innersten Tiefen.»

[ 43 ] This is a magnificent ray of hope, for Fortlage is saying nothing less than this: If the processes that affect the human brain were to take hold of the rest of the body while one is fully awake, they would destroy it; so in truth we are dealing with processes of decay in human beings when we are dealing with the conditions of ordinary consciousness. It was a profound insight on Fortlage’s part when he continued: “Consciousness is a small and partial death; death is a great and total consciousness, an awakening of the entire being in its innermost depths.”

[ 44 ] Dieser Zusammenhang zwischen Tod und Bewußtsein kommt hier ahnungsvoll großartig heraus. Fortlage weiß: wenn man dasjenige, was einmal geschieht, indem der Tod uns überfällt, gleichsam in «Atome» zerlegt, jetzt in «Zeitatome», so bilden diese «Atome» die fortwährenden Geschehnisse unseres wachen Bewußtseins. Indem wir unser waches Bewußtsein entfalten, entwickeln wir ein atomistisches Sterben, und der Tod ist nur, gewissermaßen ins große getrieben, dasjenige, was wir in jedem Augenblicke des wachen Bewußtseins über unser Gehirn kommend haben; so daß der Tod auch für Fortlage nichts anderes ist als die auf einmal erfolgende Erweckung eines Bewußtseins für die geistige Welt, während das fortlaufende Bewußtsein uns fortwährend im kleinen abtötet, wie wir es für das gewöhnliche tagwache Bewußtsein brauchen. Stehen wir also einem Menschen gegenüber, so können wir sagen — und was Fortlage ahnte, durch die Geisteswissenschaft wird es vollständig bestätigt —: Was als Seelisch-Geistiges in diesem Menschen lebt, das ist eigentlich ein Aufzehrendes, ein Zerstörerisches; und dasjenige, was in ihm lebt als vegetatives Leben, das hält nur die Zerstörung so lange auf, bis der Tod eintritt. Wenn der Tod eintritt, so tritt nur im großen Maßstabe das auf, was während des bewußten Lebens langsam, ich möchte sagen atomistisch, sich entwickelt. Wir tragen den Tod fortwährend in uns, nur daß wir neben dem Tod das gegen ihn kämpfende Leben in uns tragen, und dieses kämpfende Leben eben von der Seele durchsetzt ist.

[ 44 ] This connection between death and consciousness is brought out here in a prescient and magnificent way. Fortlage knows: if one breaks down what happens when death overtakes us—as it were—into “atoms,” now into “atoms of time,” then these “atoms” constitute the continuous events of our waking consciousness. As we unfold our waking consciousness, we undergo an atomistic dying, and death is, so to speak, taken to a grand scale, simply what we experience in every moment of waking consciousness as it passes through our brain; so that death, even for Fortlage, is nothing other than the sudden awakening of consciousness to the spiritual world, whereas continuous consciousness continually kills us off on a small scale, as we need it for ordinary waking consciousness. So when we stand before a human being, we can say—and what Fortlage intuited has been fully confirmed by spiritual science—that what lives in this person as the soul-spiritual is actually a consuming, destructive force; and that which lives within them as vegetative life merely delays this destruction until death occurs. When death occurs, what takes place on a grand scale is simply what develops slowly—I would say atomistically—during conscious life. We carry death within us constantly, except that alongside death we also carry within us the life that fights against it, and this fighting life is precisely permeated by the soul.

[ 45 ] So ist es, wenn wir den einzelnen lebenden Menschen betrachten, welcher mit seinem Leibe vor uns so steht, daß dieser Leib — wir wollen im dritten Vortrag genauer über die Sache sprechen — ein Ergebnis des Seelenlebens ist. Da haben wir den Tod, der aber, so lange die Lebenskräfte walten können, fortwährend gehindert wird hereinzukommen, der, ich möchte sagen, hinter den Erscheinungen lauert, ja geradezu eine wesentliche Beziehung des Lebens ist, weil die Erscheinung des Lebens bloßes Pflanzenleben wäre, wenn der Tod nicht dieses Leben fortwährend abtötete und dadurch gerade leiblich das Bewußtsein zustande käme.

[ 45 ] This is the case when we consider the individual living human being who stands before us with his body—a body that, as we will discuss in more detail in the third lecture, is a result of the life of the soul. There we have death, which—as long as the life forces are active—is continually prevented from entering; death, I might say, lurks behind appearances and is, in fact, an essential aspect of life, because the appearance of life would be mere plant life if death did not continually put an end to this life, thereby bringing about consciousness precisely through the physical body.

[ 46 ] Lernt man diese eigentümliche Beziehung des Todes zu dem menschlichen Leibesleben kennen, dann erst erhellt sich das schauende Bewußtsein so, daß es ein Urteil gewinnen kann, ja einen Sinn gewinnen kann für dasjenige, was eigentlich im Verlauf der historischen Tatsachen vorliegt, jener Tatsachen, welche die gewöhnliche Geschichtserzählung eben aufführt, die da geschehen äußerlich, und die so erzählt werden können, wie man zumeist Geschichte erzählt.

[ 46 ] Only when one comes to understand this peculiar relationship between death and human physical life does the observing consciousness become enlightened enough to form a judgment indeed, a sense of what is actually present in the course of historical events—those events that ordinary historical narratives present, which occur externally and can be recounted in the way history is usually told.

[ 47 ] Was liegt in diesem äußerlichen Geschehen vor, in den aufeinanderfolgenden Tatsachen? Wiederum muß etwas außerordentlich Paradoxes gesagt werden: Zu ihrem seelischen Inhalte, der von dem Menschen nur geträumt wird im Verlaufe des geschichtlichen Werdens, verhalten sich die äußeren geschichtlichen Tatsachen nun nicht wie ein Leib, der den Tod in sich trägt, sondern wie ein schon toter Leib, aus dem die Seele bereits heraußen ist. Das heißt, in den «historischen Tatsachen» ist die Seele nie drinnen! Während im menschlichen Leben der Tod eintritt, wenn das Leibesleben abgelaufen ist — nachdem also die Seele das Leibesleben durchzogen hatte und dann der Leib, ohne das Seelische, allein ist —, ist der gesamte Organismus der historischen Tatsachen ein bloßer toter Leib, ein äußerer toter Leib gegenüber dem, was innerlich als geschichtliche Impulse von Zeitalter zu Zeitalter wallt und lebt, und was nur erfaßt werden kann, wenn man den Blick nicht richtet auf die äußeren Tatsachen, sondern wenn man den Blick richtet auf dasjenige, was lebt, was so lebt, daß es nicht sich ergeben kann aus den äußeren Tatsachen.

[ 47 ] What lies at the heart of these external events, of these successive facts? Once again, something extraordinarily paradoxical must be said: The external historical facts do not relate to their spiritual content—which is merely dreamed of by human beings in the course of historical development—like a body that carries death within it, but rather like a body that is already dead, from which the soul has already departed. That is to say, the soul is never present within the “historical facts”! Whereas in human life death occurs when bodily life has run its course—that is, after the soul has passed through bodily life and the body is then left alone, without the soul— the entire organism of historical facts is merely a dead body, an outer, dead body in contrast to that which surges and lives inwardly as historical impulses from age to age—and which can only be grasped when one directs one’s gaze not toward the outer facts, but toward that which lives, which lives in such a way that it cannot arise from the outer facts.

[ 48 ] Durch einen Vergleich möchte ich mich noch weiter klarmachen. Nehmen wir an, irgend jemand glaubt — viele Menschen glauben das ja —, er brauche nur die Tatsachen der Geschichte so recht klar aufzufassen, wie man naturwissenschaftliche Tatsachen auffaßt, so müsse man aus der Aufeinanderfolge dieser geschichtlichen Auffassungen wirklich eine Wissenschaft der Geschichte herstellen können. Der das glaubt, würde dasselbe glauben — wirklich, so paradox das auch klingt —, wie jemand, der der Ansicht wäre, wenn er einen toten, verstorbenen Menschenleib vor sich hätte, so müßte er aus dem das seelische Leben irgendwie herausholen können. Es ist nicht drinnen! Ebensowenig ist in den historischen Tatsachen dasjenige drinnen, was Seele der Geschichte ist. Die historischen Tatsachen sehen wir mit jenem Verstande, der an die äußere Wahrnehmung gebunden ist und sich entwickelt aus dem, was an die äußere Wahrnehmung gebunden ist; aber mit diesem Verstande sehen wir nur, was tot ist an dem geschichtlichen Werden. Eindringen kann der Mensch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein in das geschichtliche Werden nur als Träumender; durchschauen kann er dieses geschichtliche Werden, das eigentlich seelische Leben in der Geschichte, nur mit dem imaginativen, mit dem inspirierten Bewußtsein. Daher ist es so, daß von dem, was als geschichtliche Tatsache vorliegt, überhaupt nur Erzählungen, nur Aufzählungen geliefert werden können, daß es wirklich wahr ist, was der große Jacob Burckhardt gesagt hat: Philosophie ist Nichtgeschichte, denn Philosophie stellt die einzelne Tatsache unter die andere, und Geschichte ist Nichtphilosophie — Jacob Burckhardt hat das Wort gebraucht —, weil sie es nur mit der Koordination, mit der Nebeneinanderstellung der Tatsachen zu tun hat.

[ 48 ] I would like to clarify this further by drawing an analogy. Let us suppose that someone believes—and many people do believe this—that all one needs to do is grasp the facts of history as clearly as one grasps scientific facts; then, one should truly be able to construct a science of history from the sequence of these historical interpretations. Anyone who believes this would be believing the same thing—truly, as paradoxical as it may sound—as someone who holds the view that, if he were faced with a dead, deceased human body, he would somehow be able to extract the spiritual life from it. It is not there! Just as little is what constitutes the soul of history contained within the historical facts. We perceive historical facts with the intellect that is bound to external perception and develops from what is bound to external perception; but with this intellect we see only what is dead in the historical process. With ordinary consciousness, a person can penetrate the historical process only as a dreamer; he can only penetrate this historical becoming—which is actually the spiritual life within history—with imaginative, inspired consciousness. That is why, of what exists as historical fact, only narratives and enumerations can ever be provided; and why it is truly true what the great Jacob Burckhardt said: Philosophy is non-history, for philosophy places one individual fact beneath another, and history is non-philosophy—Jacob Burckhardt used this term—because it deals only with the coordination, with the juxtaposition of facts.

[ 49 ] Daraus aber geht hervor ein ganz bestimmtes Verhalten im historischen Denken, daraus, daß man dies, was eben auseinandergesetzt worden ist, zugrunde legt: man muß, wenn man wirklich historisch denken will, klar auf das kommen — durch schauendes, durch geisteswissenschaftliches Bewußtsein —, was im gewöhnlichen geschichtlichen Verlauf durchaus nicht erfahren werden kann, was in dem Werden drinnen ist, aber in den äußeren Tatsachen sich gar nicht zeigt, ebensowenig wie sich die Seele in einem toten Menschenleibe zeigt.

[ 49 ] This, however, gives rise to a very specific approach to historical thinking, one that is based on what has just been discussed: if one truly wishes to think historically, one must—through intuitive, spiritual-scientific consciousness—clearly arrive at what cannot be experienced at all in the ordinary course of history, what is contained within the process of becoming but does not manifest itself in external facts, just as the soul does not manifest itself in a dead human body.

[ 50 ] Es entsteht die Frage: Kann man dasjenige, was in dem geschichtlichen Werden eigentlich lebt, wirklich durch imaginative, durch inspirierte Erkenntnis anschauen? Nun, ich will, nachdem ich schon so viele Paradoxa gesagt habe, nicht zurückhalten damit, auch noch auf einiges Konkrete aufmerksam zu machen, wie dieses Schauen, das ich vorgestern charakterisierte, genauer noch in meinen Büchern, wie dieses schauende, dieses imaginative, dieses intuitive, inspirierte Bewußtsein zu einer gewissen Anschauung über das menschliche Werden kommt, zu dem sich aber die äußeren Tatsachen nur verhalten wie der tote Menschenleib zu der Seele. Ich will möglichst konkret sprechen, weil ich ja ein Exempel, ein Beispiel anführe.

[ 50 ] The question arises: Is it really possible to perceive, through imaginative and inspired insight, that which actually animates historical development? Well, having already spoken of so many paradoxes, I do not wish to hold back from drawing attention to some concrete aspects as well—such as this perception, which I characterized the day before yesterday—and even more precisely in my books—how this contemplative, this imaginative, this intuitive, inspired consciousness arrives at a certain insight into human development, to which, however, external facts relate only as the dead human body relates to the soul. I want to speak as concretely as possible, since I am, after all, citing an example.

[ 51 ] Wer versucht, in dasjenige einzudringen, wovon das gewöhnliche Bewußtsein nur träumt, der gelangt dazu, vor allen Dingen das geschichtliche Werden abzugrenzen, so daß er an gewissen Punkten hauptsächlichste, ich möchte sagen, Knotenpunkte des geschichtlichen Lebens findet, wie wir auch im einzelnen menschlichen Organismus bestimmte Abschnitte finden. Gegen das siebente Jahr zu bekommt das Kind neue Zähne; um das vierzehnte Jahr herum wird es geschlechtsreif. Solche Einschnitte haben wir in das individuelle Menschenleben zu verzeichnen, wenn wir es physiologisch betrachten. Für die Geisteswissenschaft bedeuten diese Einschnitte noch viel mehr als für die gewöhnliche physiologische Wissenschaft, die eben mit ihren Betrachtungen nicht zu Ende kommt. Zu ähnlichen Einsichten kommt die geisteswissenschaftliche Betrachtung über das geschichtliche Werden. Und da ergibt sich — jetzt ganz abgesehen von den äußeren Tatsachen, allein durch Hinschauen auf dasjenige, was geistig abläuft —, daß abgegrenzt ist ein Zeitraum im europäischen, überhaupt im geschichtlichen Menschenwerden, der etwa beginnt im 8. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung, und der da schließt im 135. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Was da eingeschlossen ist zwischen diesen zwei Zeitpunkten, das ist in gewisser Beziehung so ein Ganzes, wie das Leben eines Kindes vom siebenten Jahre, wo es die zweiten Zähne bekommt, bis zur Geschlechtsreife. Wie man da ein Ganzes formen kann, so daß dann ein Umschwung stattfindet, der bedeutungsvoller in den menschlichen Organismus eingreift als die dazwischenliegenden Ereignisse, so muß man sagen, solche Einschnitte waren da im 8. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung und im i5. Jahrhundert etwa, nachdem die christliche Zeitrechnung eingetreten war. Dieses Zeitalter erscheint, mit besonderem Charakter, mit besonderen Eigentümlichkeiten in bezug auf die geistige Wirklichkeit, die den geschichtlichen Tatsachen zugrunde liegt, der geisteswissenschaftlich-geschichtlichen Betrachtung als ein Ganzes, als ein Zusammengehöriges.

[ 51 ] Anyone who attempts to penetrate into that of which ordinary consciousness merely dreams will find it necessary, first and foremost, to delineate the course of historical development, so that at certain points they find the most fundamental—I might say, pivotal—points of historical life, just as we find specific sections within the individual human organism. Around the age of seven, a child gets new teeth; around the age of fourteen, it reaches sexual maturity. We observe such turning points in the life of the individual human being when we consider it from a physiological perspective. For spiritual science, these milestones signify much more than they do for ordinary physiological science, which, after all, does not complete its observations. The spiritual-scientific examination of historical development arrives at similar insights. And there it becomes apparent—now quite apart from external facts, solely by observing what takes place spiritually—that a period is delineated in European, and indeed in the historical development of humanity, which begins approximately in the 8th century B.C. and ends in the 135th century A.D. What is enclosed between these two points in time constitutes, in a certain sense, a whole akin to the life of a child from the age of seven—when it gets its second set of teeth—until sexual maturity. Just as one can form a whole in such a way that a turning point occurs which has a more significant impact on the human organism than the events in between, so one must say that such turning points occurred in the 8th century B.C. and around the 15th century A.D., after the Christian era had begun. This era appears, with its distinctive character and particular characteristics regarding the spiritual reality underlying historical facts, to spiritual-historical observation as a whole, as a coherent entity.

[ 52 ] Ich kann natürlich nur einzelne Punkte anführen. Man kann, indem man solche Dinge geisteswissenschaftlich charakterisiert, auf alle möglichen Einzelheiten kommen; man kann geradezu zu solchen Konkretheiten kommen, wie man zu Konkretheiten der Wahrnehmung kommt, wenn man die Reihe der Pflanzen verfolgt in der Botanik und dergleichen. Ich will nur einige allgemeine Gesichtspunkte anführen.

[ 52 ] Of course, I can only mention a few specific points. By characterizing such things from a humanities perspective, one can delve into all sorts of details; one can arrive at such concrete details just as one arrives at concrete details of perception when studying the classification of plants in botany and the like. I’d just like to mention a few general points.

[ 53 ] In diesem Zeitalter lebte der Mensch als Ganzes so — aber man muß, um das zu erkennen, ihn innerlich seelisch betrachten, abgesehen von den Tatsachen —, daß sein Verstand noch viel instinktiver wirkte, als er in unserem Zeitalter wirkt. Was der Mensch aus seinem Verstande, aus seinem Bewußtsein heraus tat, das war noch inniger zugleich eine Tat des Leibes, war noch inniger verknüpft mit dem Leibe. Der Verstand war noch instinktiver. Wenn Sie die einzelnen Feststellungen in meinen Büchern studieren, so werden Sie darauf kommen, daß das seelische Erleben des Menschen eingeteilt wird, wenn ich den schulmäßigen Ausdruck gebrauchen darf, für die Geisteswissenschaft: in das Leben der «Empfindungsseele», der dumpfesten, fast noch im Unbewußten lebenden Seele; der «Verstandes- oder Gemütsseele», die aber doch noch so wirkt, daß dasjenige, was in ihr lebt, nicht vollbewußt sich entwickelt, sondern noch einen instinktiven Charakter hat; und dann der «Bewußtseinsseele», die das Ich im vollen Selbstbewußtsein erlebt, die das Ich emanzipiert von dem Leibesleben, wo der Verstand nicht mehr instinktiv auftritt, sondern losgelöst, kritisch sich den Dingen gegenüberstellt. Von diesen Seelengliedern, wenn man es so nennen kann, war in dem Menschen dieses Zeitalters, das ich innerhalb seiner Grenzen charakterisiert habe, also in dem Menschen der griechischen Zeit, in dem Menschen der Zeit der römischen Entwickelung insbesondere die Verstandes- oder Gemütsseele tätig. Die wirkte. Und dasjenige, was im menschlichen Seelenleben auf und ab wogte und zu sozialen, zu geschichtlichen, zu wissenschaftlichen, zu künstlerischen Gestaltungen, zu religiösen Lebensgestaltungen führte, all das wirkte so, wie es wirkte, aus dem Grunde, weil die Seele dieses Eigentümliche in sich hatte, daß der Verstand noch instinktiv wirkte.

[ 53 ] In that age, human beings as a whole lived in such a way—but to recognize this, one must look at them from within, from the perspective of the soul, setting aside the facts—that their intellect functioned in a far more instinctive manner than it does in our age. Whatever human beings did through their intellect, through their consciousness, was at the same time even more intimately an act of the body; it was even more closely linked to the body. The intellect was still more instinctive. If you study the individual observations in my books, you will come to see that human soul experience is divided—if I may use the scholarly term from spiritual science—into the life of the “sensitive soul,” the most dulled soul, one that still lives almost in the unconscious; the “intellectual or emotional soul,” which, however, still functions in such a way that what lives within it does not develop fully consciously but retains an instinctive character; and finally the “conscious soul,” which experiences the “I” in full self-consciousness, emancipating the “I” from bodily life, where the intellect no longer acts instinctively but confronts things in a detached, critical manner. Of these soul components—if one may call them that—it was the intellectual or emotional soul that was active in the human beings of this era, which I have characterized within its boundaries—that is, in the human beings of the Greek period and, in particular, in those of the Roman era. It was this soul that was at work. And whatever ebbed and flowed in human soul life—leading to social, historical, scientific, and artistic forms, as well as to religious ways of life—all of this took the form it did precisely because the soul possessed this distinctive characteristic: that the intellect still functioned instinctively.

[ 54 ] Das, was ich so in allgemeinen Prinzipien darstelle, das kann aber bis in konkrete Einzelheiten verfolgt werden. Man kann geradezu innerlich geistig beschreiben, wie der Unterschied auftreten mußte: wie sich in Griechenland das instinktive Verstandesleben mehr nach der Leibesseite hin entwickelte, wie der Grieche den Leib dadurch durchseelt auffaßte, sich auch so wie ein durchseelter Menschenleib in das soziale Leben hineinstellte, wie man dann hinüberkommt in das Römische, wo der Impuls zum römischen Bürgertum auftrat aus dieser besonderen Konstitution der Seele heraus und so weiter. Dann erlebt man, wenn man dieses innerlich imaginativ durchlebt, jenen bedeutsamen Einschnitt, der im i5. Jahrhundert klar stattfindet. Die Dinge geschehen natürlich so, daß sie sich allmählich entwickeln. Nach und nach kommen erst die Impulse heraus. Aber genau ist der Einschnitt gegeben im i5. Jahrhundert. Da geschieht wirklich eine Art Revolutionierung der Menschennatur. Nur derjenige, der eben die Dinge so betrachtet, kommt darauf, die anderen glauben immer, daß alles so sukzessive vor sich geht, während tatsächlich im geschichtlichen Werden große Vorstöße geschehen. Da wird der Verstand in einer ganz anderen Weise zur Menschennatur gestellt. Er emanzipiert sich, er gliedert sich mehr dem Selbstbewußtsein ein. Wenn das Denken materialistisch und sinnlicher wird, kommt das nur daher, daß der Verstand nicht mehr mit dem Unterbewußten in Verbindung steht. Der Mensch trachtet nach solchen staatlichen Zusammenhängen, nach solchen Strukturen des Gemeinschaftslebens, nach solchen Beziehungen der Staaten untereinander, nach solchem Ausleben der übrigen Kulturverhältnisse, wie sie entspringen aus diesem eigentümlichen, von dem menschlichen gewöhnlichen Bewußtsein eben nicht gewußten, sondern nur geträumten Loslösen des verständigen vom instinktiven Leben, aus dem Selbständigwerden des Verstandes vom instinktiven Leben.

[ 54 ] What I am presenting here in general principles can, however, be traced down to concrete details. One can describe, almost inwardly and spiritually, how the difference must have arisen: how, in Greece, the instinctive life of the intellect developed more toward the physical side; how the Greeks thereby conceived of the body as animated by the soul; how they also placed themselves within social life as a human body animated by the soul; and how one then moves on to the Roman era, where the impulse toward the Roman bourgeoisie arose from this particular constitution of the soul, and so on. Then, when one experiences this inwardly through the imagination, one perceives that significant turning point that clearly occurred in the 15th century. Of course, things happen in such a way that they develop gradually. The impulses emerge only little by little. But the turning point is precisely marked in the 15th century. There, a kind of revolution in human nature truly takes place. Only those who view things in this way realize this; the others always believe that everything proceeds gradually, whereas in fact great leaps forward occur in the course of historical development. There, the intellect is positioned in a completely different way within human nature. It emancipates itself; it becomes more integrated into self-consciousness. When thinking becomes more materialistic and sensual, it is only because the intellect is no longer connected to the subconscious. Human beings strive for such political contexts, for such structures of communal life, for such relations among states, and such a realization of the remaining cultural conditions as arise from this peculiar detachment of rational life from instinctive life—a detachment of which ordinary human consciousness is not aware but only dreams—and from the intellect’s becoming independent of instinctive life.

[ 55 ] Nur einiges Allgemeinere gebe ich an. Und so kann man zurückgehen in der geisteswissenschaftlichen Betrachtung hinter das 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Man kommt dann zu einem anderen Abschnitt, der zurückgeht bis in das 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, von dem man wiederum Besonderes, Charakteristisches findet, von dem man Einzelheiten finden kann.

[ 55 ] I will mention only a few general points. And so, in the study of the humanities, one can go back beyond the 8th century B.C. One then arrives at another period that extends back to the 3rd millennium BCE, in which one again finds distinctive, characteristic features, and details can be uncovered.

[ 56 ] So findet man allmählich hinter den Tatsachen etwas, was eben nur in Imaginationen, nur im inspirierten, im schauenden Bewußtsein beobachtet werden kann. Und dann, wenn man dies, was keine Tatsachen als solche geben können, erfaßt hat, was sonst von dem Menschen eben für gewöhnlich in den Tatsachenbeobachtungen und in dem Verstande, der der äußeren Tatsachenbeobachtung angehört, nur geträumt wird, dann hat man das Werdende in der Geschichte. Denn dieses Werdende lebt im Traumbewußtsein der Menschheit und wird nur aufgehellt durch das imaginative und inspirierte Bewußtsein. Hat man dies erfaßt, dann erst bekommen die Tatsachen ihre entsprechende Beleuchtung.

[ 56 ] Thus, one gradually discovers, behind the facts, something that can be observed only in the imagination, only in inspired, contemplative consciousness. And then, once one has grasped this—which no facts as such can provide, and which is otherwise merely dreamed of by human beings in their observations of facts and in the intellect associated with the observation of external facts—one has the process of becoming in history. For this process of becoming lives in the dream-consciousness of humanity and is illuminated only by imaginative and inspired consciousness. Only when one has grasped this do the facts receive their proper illumination.

[ 57 ] Wie man, wenn man einen toten Leib vor sich hat, von diesem toten Leib sagen muß: er hatte seine Bedeutung, als die Seele noch in ihm war — wie die Seele gewissermaßen ihr Licht hinwirft auf den toten Leib, so ist es, daß wir allein, indem wir das Geistige mit dem schauenden Bewußtsein erfassen, leben in dem Lichte, das nun die Tatsachen bestrahlt. Die einzelne Tatsache bekommt ihre Erklärung, wenn wir sie aus dem heraus beleuchten, was wir auf diese Art gewinnen.

[ 57 ] Just as, when we stand before a dead body, we must say of that dead body: it had its significance when the soul was still within it—just as the soul, so to speak, casts its light upon the dead body—so it is that we alone, by grasping the spiritual with our perceiving consciousness, live in the light that now illuminates the facts. The individual fact is explained when we illuminate it from what we gain in this way.

[ 58 ] So kann Geschichte als Wissenschaft nicht entstehen ohne schauendes Bewußtsein. Wer glaubt, Geschichte könne entstehen ohne schauendes Bewußtsein, der gleicht einem Menschen, der da einen Gegenstand beleuchten läßt von einem Lichte, dann durch irgendeine Drehvorrichtung das Licht auf einen zweiten Gegenstand fallen läßt, dann durch die Drehvorrichtung weiter das Licht auf einen dritten Gegenstand fallen läßt, und dann sagt: Der zweite Gegenstand ist beleuchtet, das ist die Folge des Leuchtens des ersten Gegenstandes; der dritte Gegenstand ist beleuchtet, das ist die Folge des Leuchtens des zweiten Gegenstandes. — Das ist nicht wahr! Jeder Gegenstand wird beleuchtet vom Lichte aus.

[ 58 ] Thus, history as a science cannot emerge without a perceptive consciousness. Anyone who believes that history can arise without a contemplative consciousness is like a person who shines a light on an object, then uses some kind of rotating mechanism to direct the light onto a second object, then uses the rotating mechanism again to direct the light onto a third object, and then says: “The second object is illuminated; that is the result of the first object’s illumination. The third object is illuminated; that is the result of the second object’s illumination.” — That is not true! Each object is illuminated by the light itself.

[ 59 ] So ist es mit der geschichtlichen Tatsache. Derjenige, der Versuche macht, die Tatsachen auseinander zu erklären, indem er sie — wie Jacob Burckhardt sehr richtig sagt — koordiniert, nebeneinanderstellt, der gleicht dem, der das Licht auf seinem zweiten Gegenstand von dem Lichte auf den ersten herleitet, während er es herleiten müßte von dem gemeinsamen Lichte, das erst auf den ersten, dann auf den zweiten, dann auf den dritten Gegenstand fällt. Dasjenige, was die geschichtliche Tatsache erklärt, das liegt in der geistigen Welt, und wir müssen aus der geistigen Welt heraus die Tatsachen beleuchten, die sonst tot bleiben, geradeso wie die Gegenstände nicht leuchten, wenn wir sie nicht mit dem ihnen gemeinsamen Lichte beleuchten.

[ 59 ] Such is the historical fact. Anyone who attempts to explain the facts by—as Jacob Burckhardt quite rightly says—coordinating them and placing them side by side is like someone who derives the light on his second object from the light on the first, whereas he ought to derive it from the common light that falls first on the first object, then on the second, and then on the third. That which explains the historical fact lies in the spiritual world, and we must illuminate the facts from within the spiritual world; otherwise, they remain lifeless, just as objects do not shine if we do not illuminate them with the light they share.

[ 60 ] Es ist in der Tat ein radikaler Umschwung, der gefordert wird für die Geschichtsbetrachtung, allein es ist auch nicht zu verwundern. Es ist eben die Geschichte entstanden in dem Zeitalter, das auf dem naturwissenschaftlichen Gebiete mit Recht alles ablehnte, was nur dem Subjektiven angehört. Und man hat zunächst angewendet auf diese, man möchte sagen, wie zur Unzeit entstandene Geschichte — das ist natürlich ein nicht ganz gutes Wort — die naturwissenschaftlichen Methoden, während gerade Geschichte nur gedeihen kann, wenn sich die Naturwissenschaft ergänzt durch Geisteswissenschaft.

[ 60 ] What is called for is indeed a radical shift in the way we view history, but this is hardly surprising. History emerged precisely in an age that, in the realm of the natural sciences, rightly rejected everything that belonged solely to the subjective. And at first, people applied the methods of the natural sciences to this—one might say—ill-timed emergence of history—though “ill-timed” is, of course, not quite the right word—while history itself can flourish only when the natural sciences are complemented by the humanities.

[ 61 ] Dann aber wird man allerdings nicht mehr in ethischer Weise oder in der Weise, wie es viele andere gemacht haben, nach abstrakten Ideen in der Geschichte suchen. Ideen können nichts bewirken, Ideen sind etwas ganz Passives. Man wird nach den wirklich realen geistigen Entitäten und Mächten suchen, die hinter dem geschichtlichen Werden stehen und die nur durch das imaginative Bewußtsein erforscht werden können.

[ 61 ] But then, of course, one will no longer search for abstract ideas in history in an ethical manner or in the way that many others have done. Ideas cannot bring about anything; ideas are something entirely passive. One will search for the truly real spiritual entities and forces that lie behind historical development and that can be explored only through imaginative consciousness.

[ 62 ] Sehr merkwürdig nun: hat man nämlich diese Richtlinie, dann fällt in der Tat wirklich Licht auf das, was geahnt werden kann in der Aufeinanderfolge der Tatsachen, was aber den, der die Tatsachen nur nebeneinander betrachtet, nicht zu Erklärungen führen kann. Das geschichtliche Werden wird, wie durch Blitzschläge von oben, zu einer Wissenschaft, wenn die Geisteswissenschaft einschlägt. Es wird immer mehr unwissenschaftlich bloß erzählt werden, wenn Geisteswissenschaft nicht einschlagen kann.

[ 62 ] Now this is very curious: for once one has this guiding principle, light is indeed shed on what can be intuited in the sequence of facts—something that, however, cannot lead to explanations for those who merely consider the facts side by side. Historical development becomes a science—as if struck by lightning from above—when spiritual science makes its impact. It will increasingly be recounted in an unscientific manner if spiritual science cannot make its impact.

[ 63 ] Es ist interessant: Jacob Burckhardt macht darauf aufmerksam, daß ungefähr in dem Zeitalter, in dem die Geisteswissenschaft den Anfang der Periode ansetzen muß, von der ich heute gesprochen habe — nur daß natürlich, so wie sich zum Beispiel die Geschlechtsreife auch über einige Jahre hin erstreckt, diese Zeitpunkte nicht ganz genau stimmen —, er weist darauf hin, daß in der Zeit vom 6., 7. Jahrhundert vor Christi Geburt ein gemeinsames Ereignis von China durch Vorderasien bis nach Europa herein, nämlich eine allgemeine religiöse Bewegung zu bemerken ist. Die äußere Geschichte kennt die Tatsachen: Weil da ein solcher Umschwung sich vollzogen hat, geschehen diese Tatsachen! Das Licht fällt auf sie. Und für das Ende, was da geschieht nach dem i5. Jahrhundert, gibt Jacob Burckhardt wiederum an — sehr merkwürdig — die an den Namen Luthers sich knüpfende religiöse Bewegung. Wiederum tritt eine solche Erschütterung ein, die bemerkbar ist in Europa, aber auch zu gleicher Zeit in Indien. Wie sich dasjenige, was im Geistigen erschaut wird, äußerlich in den Tatsachen ein Spiegelbild schafft, wie es die Tatsachen beleuchtet, das tritt durch Geisteswissenschaft hervor. Geschichte wird aus einer Tatsachenaufzählung eine wirkliche Wissenschaft.

[ 63 ] It is interesting: Jacob Burckhardt points out that roughly during the era in which the humanities must place the beginning of the period I have spoken of today—though, of course, just as sexual maturity, for example, also extends over several years, these dates do not coincide exactly—he notes that in the period from the 6th to the 7th centuries B.C., a common phenomenon can be observed spreading from China through the Near East all the way to Europe, namely, a general religious movement. External history records the facts: Because such a transformation took place, these events occurred! The light falls upon them. And regarding what happens after the 15th century, Jacob Burckhardt again points—most curiously—to the religious movement associated with the name of Luther. Once again, such a upheaval occurs, one that is noticeable in Europe, but also at the same time in India. How that which is perceived in the spiritual realm creates a reflection in external events, how it illuminates those events—this is revealed through spiritual science. History is transformed from a mere enumeration of facts into a true science.

[ 64 ] Man muß sagen: auch auf diesem Gebiete ist die Sehnsucht vieler Menschen nach dem Richtigen gegangen. Herman Grimm, der versuchte, die Geschichte zu vergeistigen, der aber nicht fortschritt bis zu dem Punkte, wo das imaginative Bewußtsein hineinschaut in die geistige Welt, er versuchte mit allen Mitteln irgend etwas als geschichtliche Impulse zu finden, was sich hinter den gewöhnlichen Tatsachen abspielt. Er kam dadurch, wie tastend, zu einer merkwürdigen Einteilung, die er in seinen Vorlesungen immer wiederholte. Er sagte, er müsse einteilen das bisherige geschichtliche Werden in ein erstes Jahrtausend — ungefähr läßt er das beginnen in dem Zeitpunkte, den ich für die Epoche angegeben habe, die ich eben beschrieben habe —, dann in ein zweites Jahrtausend und in ein drittes Jahrtausend. Herman Grimm tastet eben. Er faßt als die «ersten zwei Jahrtausende» das zusammen, was ich für den griechisch-lateinischen Zeitraum-der ja vom 8. Jahrhundert vor Christo bis zum i5. Jahrhundert nach Christo dauert — angegeben habe. Und das jetzige Leben, in dem wir drinnenstehen, das noch viele Jahrhunderte andauern wird und ein ebenso zusammengehöriges Ganzes ist, welches imaginativ erkannt werden kann, und die Tatsachen herausgestaltet aus sich, dieses Zeitalter faßt Herman Grimm als das «dritte Jahrtausend» auf. Und er versucht, wenigstens, ich möchte sagen, ein Surrogat für das geistig Geschaute zu haben, in dem er die Geschichte auffassen will als «Phantasiie-Arbeit der Völker». Weil er nicht auf die geistige Realität kommen kann, auf dasjenige, was wirkt im geschichtlichen Werden, faßt er dasjenige, was hinter den äußeren Erscheinungen ist, auf als «Phantasie-Arbeit». Er macht es also dadurch zwar zur Illusion, erinnert aber daran, daß eigentlich die wirklichen historischen Impulse von den Menschen des gewöhnlichen Bewußtseins nur durchträumt werden.

[ 64 ] It must be said: in this area, too, many people’s longing for what is right has gone astray. Herman Grimm, who attempted to spiritualize history but did not progress to the point where imaginative consciousness looks into the spiritual world, tried by every means to find something—as historical impulses—that takes place behind the ordinary facts. In doing so, as if groping in the dark, he arrived at a curious division that he repeatedly mentioned in his lectures. He said he had to divide the course of history up to that point into a first millennium—roughly beginning at the point in time I have indicated for the epoch I just described—then into a second millennium and a third millennium. Herman Grimm is, in fact, groping in the dark. He summarizes as the “first two millennia” what I have identified as the Greek-Latin period—which, after all, spans from the 8th century B.C. to the 15th century A.D. And the present age, in which we are living, which will continue for many centuries to come and is an equally coherent whole that can be perceived imaginatively, with facts emerging from within it—Herman Grimm regards this age as the “third millennium.” And he attempts—at least, I would say—to have a surrogate for what is spiritually perceived, in that he seeks to understand history as the “work of the imagination of the peoples.” Because he cannot grasp spiritual reality—that which acts within historical development—he interprets what lies behind external appearances as the “work of the imagination.” In doing so, he turns it into an illusion, but he reminds us that, in fact, the real historical impulses are merely dreamt through by people of ordinary consciousness.

[ 65 ] Daher ist aus dem, was vom geschichtlichen Werden überhaupt äußerlich mit dem Verstande zu erfassen ist, auch wirklich nur das Tote zu erfassen. Und wiederum ist es interessant, daß gerade Historiker, die so recht mit dem Verstande arbeiten, die, ich möchte sagen, diesen Verstand noch instinktiv anwenden, die nicht so wie Herbert Spencer durch allerlei künstlich hineinzutragende naturwissenschaftliche Vorstellungen diesen Verstand anwenden, sondern etwa wie der Historiker Gibbon, solche, die zwar den Verstand anwenden, der auch in der Naturwissenschaft angewendet wird, aber ihn doch noch instinktiv anwenden, daß sie dazu kommen — was für Herman Grimm ein sonderbares Rätsel war —, besonders gut zu beobachten und zu beschreiben die Verfallszeiten der menschlichen geschichtlichen Entwickelung, wo wenig Seelisches drinnen ist. So beschreibt Gibbon von einer Zeit, in der sogar viel Seelisches, Seelisch-Werdendes, Seelisch-Wachsendes ist, von der Zeit vom Beginne des Christentums durch die römische Entwickelung das, was er «decline», Niedergang nennt, das Verfallende. Weil er den Verstand auf die Erscheinungen richtet, beschreibt er dieses ganze Werden in den ersten christlichen Jahrhunderten als einen Verfall. Das ist sehr natürlich, weil der Verstand, wenn er sich so betätigt, wie er sich an der Natur betätigen muß, im Laufe der äußeren Erscheinungen nur den Verfall sehen kann. Gibbon kann nicht sehen, was sich in der Zeit, in der das eine zerfällt, das andere wächst und gedeiht, was sich durch die christlichen Impulse in die Geschichte hineinfindet. Wie das aber arbeitet, das kommt nicht an den äußeren Tatsachen unmittelbar zum Ausdruck, sondern nur, wenn man es beleuchtet mit dem Lichte, das durch die Geisteswissenschaft kommt.

[ 65 ] Therefore, of all that can be grasped externally by the intellect regarding historical development, only the lifeless can truly be grasped. And again, it is interesting that it is precisely historians who work so thoroughly with reason—those who, I would say, still apply this reason instinctively, who do not, like Herbert Spencer, apply it by introducing all sorts of artificial scientific concepts, but rather, like the historian Gibbon, those who, while applying the same reason used in the natural sciences, but still apply it instinctively—that they come to—which was a strange enigma to Herman Grimm—particularly well observe and describe the periods of decline in human historical development, where there is little of the spiritual. Thus, Gibbon describes a period—one in which there is in fact much that is spiritual, becoming spiritual, and growing in spirituality—namely, the period from the beginning of Christianity through Roman development—as what he calls “decline,” or decay. Because he directs his intellect toward outward phenomena, he describes this entire process of becoming in the early Christian centuries as a decline. This is quite natural, because when the intellect operates as it must in relation to nature, it can see only decay in the course of outward phenomena. Gibbon cannot see what is taking place during the time when one thing is decaying and another is growing and flourishing—what is finding its way into history through Christian impulses. But how this works is not immediately apparent from the external facts; it becomes evident only when illuminated by the light that comes through spiritual science.

[ 66 ] Interessant ist zum Beispiel noch ein anderes. Es ist wirklich erst unter der heraufkommenden Geisteswissenschaft möglich, Geschichte zu einer Wissenschaft zu machen. Aber natürlich ist dasjenige, was durch die Geisteswissenschaft erworben ist, bei erleuchteten Köpfen, die Distinktionsvermögen haben, immer in Lichtblitzen zutage getreten. Und sehr interessant ist eine Erscheinung: Jacob Burckhardt macht in seinen geschichtlich-soziologischen Vorträgen, die er an der Basler Universität in den sechziger Jahren gehalten hat, wiederholt aufmerksam auf einen Historiker, historischen Philosophen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der, man kann schon sagen, wenn auch Jacob Burckhardt oftmals gegen ihn polemisiert, einen starken Eindruck auf ihn gemacht haben muß. Man sieht das aus dem ganzen Gedankengang Jacob Burckhardts. Das ist der Philosoph Ernst von Lasaulx. Er ist ziemlich unbekannt geblieben. Lasaulx hat ein merkwürdiges Buch geschrieben, gerade dasjenige, auf welches auch Burckhardt wiederholt in seinen Vorträgen hinweist: «Neuer Versuch einer alten, auf die Wahrheit der Tatsachen gegründeten Philosophie der Geschichte.» Nun gewiß, Lasaulx, der ausgestattet war mit einem gewissen ahnenden Durchschauen desjenigen, was sonst als geschichtliche Impulse von den Menschen nur durchträumt wird, Lasaulx hat aber doch selbstverständlich im naturwissenschaftlichen Zeitalter hingesehen auf das, was ich nennen möchte Interpretation der Tatsachen. Und weil er den naturwissenschaftlich geschulten Verstand angewendet hat, so hat er vorzugsweise hingesehen wiederum auf den «decline» im 19. Jahrhundert, auf das Niedergehende. Es ist im 19. Jahrhundert natürlich auch Aufgehendes. Das kann aber nur gesehen werden mit dem inspirierten und imaginativen Bewußtsein. Daß so etwas da ist — erst am Schlusse des Buches von Lasaulx tritt es wie ahnend auf. Aber was er ausführt in diesem Buche, oh, es ist maßlos — verzeihen Sie den sonderbaren Ausdruck —, maßlos interessant! Er geht die europäische Geschichte durch von ihrem Anfang bis ins 19. Jahrhundert hinein. Überall beschreibt er, wegen der eben geschilderten besonderen Richtung — er bildete sich an der Naturwissenschaft heran —, das Verfallende, das Niedergehende, die Kräfte, die eigentlich ins Sterben hineinführen. Nun gibt es Kapitel in diesem Buche — wenn man sie liest, so sind sie genau wie eine Beschreibung von Niedergangstendenzen, die prophetisch jemand in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts von den Kräften machte, die führen mußten zu dem gegenseitigen Zerfleischen der europäischen Nationen der Gegenwart. Man kann sagen, nirgends wird in einer ergreifenderen, großartigeren Weise vorausgeahnt — weil der Verstand gerichtet ist auf das Niedergehende dasjenige, was sich jetzt als solches Ergebnis des Niedergehenden herausgestellt hat.

[ 66 ] Another point is also interesting, for example. It is truly only through the emerging science of the humanities that it becomes possible to make history a science. But of course, what has been gained through the science of the humanities has always come to light in flashes of insight for enlightened minds possessing the capacity for discernment. And one phenomenon is particularly interesting: In his historical-sociological lectures, which he delivered at the University of Basel in the 1860s, Jacob Burckhardt repeatedly draws attention to a historian and historical philosopher of the first half of the 19th century who—even though Burckhardt often polemicized against him—must have made a strong impression on him. This is evident from the entirety of Jacob Burckhardt’s line of thought. This is the philosopher Ernst von Lasaulx. He has remained largely unknown. Lasaulx wrote a remarkable book—precisely the one to which Burckhardt repeatedly refers in his lectures: A New Attempt at an Ancient Philosophy of History Based on the Truth of Facts. Now, certainly, Lasaulx—who was endowed with a certain intuitive insight into what people otherwise merely dream about as historical impulses—Lasaulx, of course, looked in the age of natural science at what I would like to call the interpretation of facts. And because he applied a mind trained in the natural sciences, he focused primarily on the “decline” of the 19th century, on that which was in decline. Of course, there are also things on the rise in the nineteenth century. But these can only be perceived with an inspired and imaginative consciousness. That such a thing exists—it only emerges, as if in a premonition, at the very end of Lasaulx’s book. But what he sets forth in this book—oh, it is immeasurably—forgive the strange expression—“immeasurably interesting!” He traces European history from its beginnings right into the 19th century. Everywhere, because of the particular focus I just described—he had trained himself in the natural sciences—he describes what is decaying, what is in decline, the forces that are actually leading toward death. Now there are chapters in this book—when one reads them, they are exactly like a description of trends of decline that someone prophetically made in the 1850s regarding the forces that were bound to lead to the mutual devouring of the European nations of the present. One might say that nowhere else is there a more poignant, more magnificent foreshadowing—because the mind is focused on what is in decline—of that which has now emerged as the very result of that decline.

[ 67 ] Das sind solche unmittelbaren Beweise, daß, wenn man gewissermaßen aus dem Anschauen oder Erträumen der wahren geschichtlichen Impulse heraus sich begibt in das Betrachten nur der besonderen äußeren Tatsachen, es dann ist, wie wenn man aus dem wachen Bewußtsein einschläft und nicht mehr sieht, was als Wachsendes, Gedeihendes, als dasjenige, was den Menschen wirklich vorwärtsbringt, die Geschichte durchpulst. Durch die Erkenntnis dieses Wachsenden, Gedeihenden, wird aber auch die Geschichte herausgehoben aus aller bloßen Naturkausalität. Dadurch, daß man sie geisteswissenschaftlich betrachtet, wird die Geschichte heraufgehoben zum Range einer Wissenschaft, so daß man sagen könnte: Was Lessing in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts» geahnt hat, was er noch, verzeihen Sie den Ausdruck, unbeholfen und auch unrichtig, illusorisch ausgesprochen hat, das wird erst auf eine sichere Grundlage gestellt; während die äußeren Tatsachen keinen Zusammenhang zeigen. Dasjenige, in dem die Menschenseele lebt, träumend lebt, das wird ein fortlaufend organisch-geistiges Leben, aber ich meine ein Geistesleben, wenn es geisteswissenschaftlich als der Inhalt der Geschichte betrachtet wird.

[ 67 ] This is such direct evidence that, when one moves—as it were—from contemplating or envisioning the true historical impulses to considering only the specific external facts, it is as if one were to fall asleep from a state of waking consciousness and no longer see what pulses through history as that which is growing and flourishing—that which truly propels humanity forward. Through the recognition of this growth and flourishing, however, history is also elevated above all mere natural causality. By viewing it from the perspective of spiritual science, history is elevated to the status of a science, so that one could say: What Lessing intuited in his Education of the Human Race—what he expressed, forgive the expression, clumsily, inaccurately, and even illusorily—is only now placed on a secure foundation; whereas the external facts reveal no such connection. That in which the human soul lives—lives in a dreamlike state—becomes a continuous organic-spiritual life; but I mean a spiritual life when it is viewed from the perspective of spiritual science as the content of history.

[ 68 ] Und dann kommt man allerdings auch darauf, wie der gewöhnliche Betrachter dadurch getäuscht wird, daß er dieses Werden in der Geschichte wie einen Organismus betrachtet. Dadurch, daß man es wie einen Organismus betrachtet, muß man es oft vergleichen mit dem Werden des einzelnen Menschenlebens. Ich selber habe in meiner Jugend einen Lehrer gehabt, der sehr gerne die einzelnen aufeinanderfolgenden geschichtlichen Perioden mit dem einzelnen Menschenleben verglichen hat: Persische Geschichte, chaldäische Geschichte mit dem Jünglingsleben, mit dem späteren Jünglingsleben das griechische Leben, das erwachende Mannesalter mit dem römischen Leben. Und so wird oft die fortlaufende Geschichte vorgestellt durch Analogie mit dem Menschen. Das ist die Quelle für eine starke geschichtliche Illusion. Denn wenn wir auch in der Weise, wie ich es angedeutet habe, dazu kommen, die Entwickelung der Menschenseele im Verlauf des historischen Werdens in der Gesamtmenschheit drinnen zu betrachten, so können wir das, gerade wenn wir uns so in die geistige Realität des geschichtlichen Werdens hineinleben, dann niemals so wahrnehmen, wie wir wahrnehmen die Entwickelung der Menschenseele von der Kindheit durch das Jünglings- oder Jungfrauenleben, weiter durch das Mannes-, Frauenleben und so fort bis in das Greisenleben hinein. So entwickelt sich dieses hinter den historischen Tatsachen stehende geistige Leben eben nicht, sondern es entwickelt sich anders. Da kommt wiederum ein Paradoxon heraus. Wird es so hingestellt, erscheint es eben paradox, wenn es schon tief begründet ist in der wirklichen geisteswissenschaftlichen Betrachtung, auf die ich in diesen Vorträgen hinweise.

[ 68 ] And then, of course, one also realizes how the ordinary observer is misled by viewing this historical development as if it were an organism. Because one views it as an organism, one often ends up comparing it to the development of an individual human life. In my youth, I myself had a teacher who very much liked to compare the individual, successive historical periods with the life of a single human being: Persian history and Chaldean history with the life of a young man; the later years of youth with Greek life; and the awakening of manhood with Roman life. And so the unfolding of history is often presented by analogy with the human being. This is the source of a powerful historical illusion. For even if, in the way I have indicated, we come to view the development of the human soul within the course of historical becoming in all of humanity, we can never—precisely when we immerse ourselves in the spiritual reality of historical becoming—perceive it in the same way we perceive the development of the human soul from childhood through youth or maidenhood, on through manhood and womanhood, and so on into old age. This spiritual life lying behind historical facts does not develop in this way, but rather in a different way. This, in turn, gives rise to a paradox. When presented in this way, it does indeed appear paradoxical, even though it is deeply grounded in the genuine spiritual-scientific perspective to which I refer in these lectures.

[ 69 ] Man kann schon dasjenige, was in einem solchen Zeitraum, der sich als Ganzes darstellt, lebt und darin beobachtet werden kann, vergleichen mit den Perioden im Menschenleben. Aber man muß dann merkwürdigerweise den Verlauf des geschichtlichen Werdens, so sonderbar das klingt, nicht vergleichen mit dem Werden vom Säugling durch das Kind, durch den Jüngling zum Mann, sondern umgekehrt. Man muß das geschichtliche Leben umgekehrt verlaufend denken! Wenn man zum Beispiel die Gesamtgeistesverfassung des Zeitraums vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis zum i$.nachchristlichen Jahrhundert vergleicht mit einem Stück individuellen Menschenlebens, so kann man es vergleichen mit den Dreißigerjahren des Menschenlebens. Man kann sagen: in den Dreißigerjahren des Menschenlebens ist, obzwar in anderer Konstitution, in anderer Stimmung zu dem Menschenwesen, dasjenige, was in der Seele lebt, an den Leib so gebunden, wie es in dieser griechisch-römischen Zeitperiode bis ins is. Jahrhundert hinein war; und was dann darauf folgt, das läßt sich dann nicht vergleichen mit dem, was auf die Dreißigerjahre folgt, sondern was ihnen vorangeht. In der Tat, gegenüber dem einzelnen Menschenleben geht das geschichtliche Leben zurück!

[ 69 ] One can indeed compare what lives and can be observed within such a period—which presents itself as a whole—to the stages of human life. But strangely enough—as peculiar as it may sound—one must not compare the course of historical development to the development of a human being from infant through child and adolescent to adult, but rather the reverse. One must conceive of historical life as proceeding in reverse! If, for example, one compares the overall spiritual disposition of the period from the 8th century B.C. to the 1st century A.D. with a segment of an individual’s life, one can compare it to the thirties of a person’s life. One could say: in a person’s thirties—albeit with a different constitution and a different attitude toward the human being—that which lives in the soul is bound to the body just as it was in this Greco-Roman period right up into the 1st century A.D. ; and what follows thereafter cannot be compared to what follows the thirties, but rather to what precedes them. Indeed, when compared to an individual human life, historical life is in decline!

[ 70 ] Indem der Verstand in unserem Zeitalter sich emanzipiert, nimmt er in der Tat ein Verhältnis zum Leibesleben an, das sich vergleichen läßt mit dem Verhältnis des Verstandes zum Leibesleben in den späteren Zwanzigerjahren des einzelnen Menschenlebens. Eine folgende Geschichtsperiode verhält sich zu der früheren so, daß man den Vergleich wagen darf: Wie das Kind, das noch jung ist, lernt von dem Älteren, der vielleicht dasjenige, was das Kind in einer späteren Form aufnimmt, noch instinktiver in sich verarbeitet hat — wir lernen ja immer von denjenigen, die wieder selber in der Kindheit gelernt haben —, so ist es auch in den aufeinanderfolgenden Zeitaltern beim Bewußtseinsübergang von einem Zeitalter zu einem anderen Zeitalter; und dieser Verlauf der Geschichte wird selber eine Bewußtseinserscheinung, die allerdings im 'Traumesleben abläuft. Wir haben es nicht zu tun im Lessingschen Sinne mit einer Erziehung des Menschengeschlechts, die so verläuft: von der Kindheit durch das Jünglings- und Mannesalter zum Greisenalter, sondern wir haben es im Gegenteil mit einer rückläufigen Erziehung des Menschengeschlechts zu tun. Und gerade durch diese rückläufige Erziehung kommt das in das geschichtliche Werden hinein, was man als einen Fortschritt bezeichnen kann. Weil der Mensch als Seele in späteren Zeitaltern gleichsam jünger an solche Dinge herantritt als in früheren Zeitaltern, entwickelt er auch einen größeren Grad von Freiheit, einen größeren Grad von Unbewußtheit, Kindhaftigkeit gegenüber seinen Mitmenschen, wodurch alles, was gewöhnlich als Fortschritt bezeichnet wird, in die Weltenentwickelung hineinkommt.

[ 70 ] As the intellect emancipates itself in our age, it does indeed assume a relationship to physical life that can be compared to the relationship of the intellect to physical life in the late twenties of an individual’s life. A subsequent historical period relates to the earlier one in such a way that one may venture the comparison: Just as a child, who is still young, learns from an older person—who may have processed within themselves, even more instinctively, that which the child will later take in—we do, after all, always learn from those who themselves learned in childhood—so it is also in successive eras during the transition of consciousness from one era to another; and this course of history itself becomes a manifestation of consciousness, one that, however, unfolds in the “life of dreams.” We are not dealing, in Lessing’s sense, with an education of the human race that proceeds as follows: from childhood through youth and adulthood to old age; rather, we are dealing, on the contrary, with a regressive education of the human race. And it is precisely through this regressive education that what can be described as progress enters into the historical process. Because human beings, as souls, approach such things in later ages, as it were, with a greater sense of youthfulness than in earlier ages, they also develop a greater degree of freedom, a greater degree of unconsciousness and childlikeness toward their fellow human beings, through which everything that is usually called progress enters into the development of the world.

[ 71 ] Zum Schluß will ich nur noch auf eine Erscheinung aufmerksam machen aus dem vielen, was heute schon angeführt werden könnte zum Belege für das, was ich ausgeführt habe: dieses eigentümliche, bedeutungsvoll fortschreitende Verhältnis, das eintritt, indem das Christentum von den Völkern des römischen Reiches, die es zuerst aufgenommen haben, übergeht auf die jungen germanischen Völker. Da tritt eine eigentümliche Erscheinung ein. Wie ist sie erklärlich? Nur dadurch ist sie erklärlich, daß im Ganzen der geschichtlichen Entwickelung das griechisch-römische Leben, das zuerst von den großen Impulsen des Christentums ergriffen worden ist, in einem späteren Stadium des Erlebens war und daher dieses Christentum so ausgebildet hat, wie wir es in der Gnosis, in den sonstigen Dogmenbildungen ausgebildet finden. Indem dann das Christentum an ein jüngeres Stadium des Erlebens herantritt, also von einem älteren auf ein jüngeres übertritt — ganz entsprechend der Bewußtseinserscheinung des geschichtlichen Werdens, die ich angeführt habe —, nimmt es andere Formen an; da wird es innerlicher; da emanzipiert sich gleichsam das religiöse Bewußtsein von dem instinktiven Verstande; da wird die Religion als christliche Religion selbständiger; da trennen sich später vollständig das religiöse und das wissenschaftliche Bewußtsein.

[ 71 ] In closing, I would like to draw attention to just one phenomenon among the many that could be cited today as evidence for what I have explained: this peculiar, significantly evolving relationship that arises as Christianity passes from the peoples of the Roman Empire—who first embraced it—to the young Germanic peoples. Here a peculiar phenomenon occurs. How can this be explained? It can only be explained by the fact that, in the overall course of historical development, Greco-Roman life—which was first seized by the great impulses of Christianity—was at a later stage of experience and therefore shaped Christianity in the way we find it expressed in Gnosticism and in other dogmatic formations. As Christianity then approaches a later stage of experience—that is, as it transitions from an earlier to a later stage—in full accordance with the phenomenon of consciousness in historical development that I have described—it takes on different forms; it becomes more inward; religious consciousness, as it were, emancipates itself from instinctive understanding; religion, as the Christian religion, becomes more independent; and later, religious and scientific consciousness separate completely.

[ 72 ] Der ganze Gang wird dadurch erklärlich, daß man die Sache als ein Bewußtseinsphänomen auffaßt so, daß das Bewußtsein der germanischen Völker, das in einer anderen Seelenkonstitution begründet ist, das Christentum übernimmt — ich möchte sagen, wie das Kind von einem Älteren — von den römischen Vorgängern, nicht von irgendwelchen Vorfahren, sondern von den römischen Vorgängern.

[ 72 ] The entire process can be explained by viewing the matter as a phenomenon of consciousness, such that the consciousness of the Germanic peoples—rooted in a different spiritual constitution—adopts Christianity—I would say, like a child from an elder—from their Roman predecessors, not from just any ancestors, but from their Roman predecessors.

[ 73 ] Das alles sind ja gewiß nur einzelne Andeutungen, und ich weiß jedenfalls ebensogut wie jemand, der diese einzelnen Andeutungen sehr anfechtbar findet, wieviel eingewendet werden kann gegen solche Andeutungen. Aber nur derjenige, der sich wirklich ernstlich befaßt mit der Entwickelung der Geisteswissenschaft, andererseits aber mit all den Rätsel- und Sphinxfragen, welche die junge Wissenschaft der Geschichte aufwirft, der wird allmählich in das Verständnis desjenigen eindringen, was mit diesen Anregungen heute gemeint ist. Und eine Ergänzung für das praktische Leben, für das äußere soziale Leben, für das Eingreifen in das soziale Leben, für das Verständnis der Tatsachen, die uns aus diesem unmittelbaren Leben heraus so berühren, daß sie unser Leid und unsere Freude ausmachen, der Ereignisse, die da jetzt in dieser tragischen Zeit so besonders nahe an unsere Seele herantreten — Konsequenzen für solche Dinge aus dieser historischen Anschauung heraus, sie sollen in dem vierten Vortrage am nächsten Mittwoch dann zutage treten.

[ 73 ] All of this is, of course, merely a series of individual suggestions, and I am certainly just as aware as anyone who finds these individual suggestions highly questionable of just how many objections can be raised against them. But only those who are truly and seriously engaged with the development of spiritual science, and at the same time with all the enigmas and sphinx-like questions raised by the young science of history, will gradually come to understand what is meant by these ideas today. And a supplement for practical life, for external social life, for engagement in social life, for understanding the facts that touch us so deeply from this immediate life that they constitute our suffering and our joy—the events that now, in this tragic time, come so particularly close to our souls — the implications for such matters arising from this historical perspective will then come to light in the fourth lecture next Wednesday.

[ 74 ] Beschließen möchte ich diese heutigen Auseinandersetzungen damit, daß ich darauf hinweise, wie prophetisch angelegte Naturen, Naturen, welche — ohne daß die Geisteswissenschaft in ihrem Zeitalter schon da war — dieses geisteswissenschaftliche Denken instinktiv voraus in sich hatten, wie solche Naturen instinktiv auch das Richtige trafen, indem sie auf die Geschichte der Menschheit hinblickten. Ich blicke da auf Goethe, der sich ja nur vereinzelt mit geschichtlichen Problemen befaßt hatte, zum Beispiel in seiner Geschichte der Farbenlehre, der aber ein tiefes Verständnis für die Geschichte hatte. Indem er mit ahnendem Seelenvermögen hinblickte auf die Geschichte, formulierte er das, was sich ihm ergab, noch nicht so, wie das heute hier formuliert worden ist. Aber daß die Menschheit eigentlich das geschichtliche Werden mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nur durchträumt, also es in den Regionen erlebt, woraus auch Gefühle, woraus Affekte, woraus Leidenschaften, Gemütsbewegungen entstehen, indem Goethe dieses, was heute gesagt worden ist, ahnte, konnte er sich zur Geschichte in der richtigen Weise stellen. Er wußte: was auch die Geschichte aufbringen kann an Begriffen, die naturwissenschaftlich gearteten Begriffen ähnlich schauen, das gibt eigentlich nur Unfruchtbares für das Menschenleben; denn das entspringt aus derselben Region des Seelenlebens, in der das wache Bewußtsein lebt. Dieses wache Bewußtsein ist aber nur für das Naturdasein da; Geschichtliches wird vom Menschen erlebt in den Traumregionen, aus denen Leidenschaften, Affekte, aus denen Gemütsbewegungen aufsteigen. Bevor daher der Mensch sich einlebt in das imaginative, in das inspirierte Bewußtsein, so lange er im geschichtlichen Werden drinnensteht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, kann seine Seele, sein Gemüt auch nur ergriffen werden von dem, was aus dem Traumbewußtsein heraus als Erfahrung des Geschichtlichen kommt. Ergriffen werden kann der Mensch nicht von dem, was abstrakte Begriffe, was Ideen sind, die aus demselben Verstande heraus stammen, der über die Naturtatsachen sich ergeht. Das alles bleibt unfruchtbar. Fruchtbar wird nur, was gerade aus denselben Regionen herauskommt und in denselben Regionen wirkt, in denen es aus der Geschichte herausgeholt wird. Das ist das beste an der Geschichte. Weil Geschichte geträumt wird — Goethe folgert es nicht, er ahnt es —, so kann das, was aus der Geschichte kommt, auch nur in der Traumregion des Enthusiasmus, der Gemütsbewegungen wirken. Und Goethe sagt: Das Beste, was uns die Geschichte geben kann, ist der Enthusiasmus, den sie erregt. — Damit aber haben wir in bedeutungsvoller Weise zwar nicht eine Formulierung der geschichtlichen Wissenschaft, aber eine lebendige Erfassung desjenigen gegeben, aus dichterischem Gemüt heraus, was zur Anschauung erhoben werden muß durch die Geisteswissenschaft. Solange wir in der Geschichte mit dem gewöhnlichen Bewußtsein leben, sind wir eigentlich nicht an ihr beteiligt. Insofern unser Enthusiasmus in ihr steckt und wir uns zu ihren Erscheinungen so stellen, wie sich Enthusiasmus dazu stellen kann, nehmen wir am geschichtlichen Leben selber teil.

[ 74 ] I would like to conclude today’s discussion by pointing out how prophetically gifted individuals—individuals who, even though spiritual science did not yet exist in their time, instinctively possessed this spiritual-scientific way of thinking within themselves—how such individuals also instinctively hit the mark when they looked back on the history of humanity. I am thinking here of Goethe, who, though he had dealt with historical problems only sporadically—for example, in his Theory of Colors—nevertheless possessed a deep understanding of history. As he looked upon history with an intuitive sensibility, he did not yet formulate what presented itself to him in the way it has been formulated here today. But because humanity actually merely dreams through historical development with ordinary consciousness—that is, experiences it in the realms from which feelings, emotions, passions, and stirrings of the soul arise—Goethe, by intuiting what has been said today, was able to approach history in the right way. He knew that whatever concepts history may bring forth that resemble those of the natural sciences actually yield nothing fruitful for human life; for these concepts spring from the same region of the soul’s life in which waking consciousness dwells. This waking consciousness, however, exists only for natural existence; human beings experience historical events in the realms of the dream, from which passions, emotions, and stirrings of the soul arise. Therefore, before a person immerses themselves in imaginative, inspired consciousness—as long as they remain within the historical process with ordinary consciousness—their soul and their mind can be moved only by what emerges from the dream-consciousness as an experience of history. Human beings cannot be moved by abstract concepts or ideas that originate from the very same intellect that dwells upon the facts of nature. All of that remains fruitless. Only that which emerges from and acts within the very same realms from which it is drawn out of history becomes fruitful. That is the best thing about history. Because history is dreamed—Goethe does not conclude this, he senses it—what comes from history can also only take effect in the dream realm of enthusiasm and emotional stirrings. And Goethe says: The best thing history can give us is the enthusiasm it arouses. — With this, however, we have been given—in a meaningful way—not a formulation of historical science, but a vivid grasp, born of a poetic spirit, of that which must be elevated to insight through the science of the spirit. As long as we approach history with ordinary consciousness, we are not truly participating in it. To the extent that our enthusiasm is invested in it and we relate to its phenomena in the way that enthusiasm can, we participate in historical life itself.

[ 75 ] So wie wir aus der Natur lernen, können wir aber aus der Geschichte erst lernen, wenn wir das geschichtliche Werden anschauen mit dem imaginativen, mit dem inspirierten Bewußtsein. Diese Betrachtungen dann auszudehnen auf die Natur und auf das soziale Leben, das wird die Aufgabe der nächsten Vorträge sein.

[ 75 ] Just as we learn from nature, however, we can only learn from history if we view historical development with an imaginative, inspired consciousness. Extending these reflections to nature and to social life will be the task of the next lectures.

Fragenbeantwortung

Question and Answer

[ 76 ] Frage: Wie steht es mit der materialistischen Geschichtsauffassung, mit Marx zum Beispiel?

[ 76 ] Question: What about the materialist conception of history—Marx, for example?

[ 77 ] Nun, bei einer solchen Gelegenheit muß ich darauf hinweisen, daß von der Geisteswissenschaft, eben aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus, das völlig ernst genommen wird, werden muß, was ich im vorigen Vortrage gesagt habe über die Stellung, die die Seele nach und nach zu dem bekommt, was man Begriffe in ihrem Verhältnis zu der Wirklichkeit nennt. Ich sagte: im gewöhnlichen Bewußtsein ist man zufrieden, wenn man einen Begriff gewissermaßen als Abbild der Wirklichkeit hat; im schauenden Bewußtsein muß man immer nach einer ganzen Anzahl von Begriffen streben, die sich so verhalten wie von verschiedenen Seiten her aufgenommene Photographien. Was in Begriffe gefaßt wird, kann niemals gegenüber der geistigen Welt irgendwie erschöpfend die Wirklichkeit darstellen, sondern nur immer einen Aspekt der Wirklichkeit. So ist es auch mit den höchsten philosophischen Begriffen: Vor dem gewöhnlichen Bewußtsein ist man Pantheist, oder man ist Monadist, um nur diese zwei Gegensätze zu erwähnen. Man erkennt ein Göttliches, das alles durchwebt und durchlebt; man ist Pantheist; oder man erkennt, wie etwa die Leibnizianer, einzelne reale Monaden, die in ihrem Zusammenwirken das Weltenganze ergeben.

[ 77 ] Well, on such an occasion, I must point out that spiritual science—precisely on the basis of its spiritual-scientific foundations—takes, and must take, completely seriously what I said in the previous lecture regarding the position that the soul gradually assumes in relation to what are called concepts in their relationship to reality. I said: in ordinary consciousness, one is satisfied when one has a concept, so to speak, as a reflection of reality; in contemplative consciousness, one must always strive for a whole series of concepts that relate to one another like photographs taken from different angles. What is expressed in concepts can never represent reality in an exhaustive way in relation to the spiritual world, but only ever one aspect of reality. The same is true of the highest philosophical concepts: in ordinary consciousness, one is either a pantheist or a monadist, to mention just these two opposites. One perceives a divine essence that permeates and animates everything; one is a pantheist; or, like the Leibnizians, one perceives individual real monads that, in their interaction, constitute the whole of the world.

[ 78 ] Der Geisteswissenschafter kann weder Pantheist noch Monadist sein, weil er einfach im Pantheismus eine Summe von Begriffen, im Monadismus eine Summe von Begriffen hat, die beide von verschiedenen Seiten aus die Wirklichkeit beleuchten, so daß, wenn ich einen Vergleich wagen darf, ich sagen möchte: wer Pantheist ist, der sieht nur aufs Ausatmen, wer Monadist ist, sieht nur aufs Einatmen. Wie man den Lebensprozeß nicht unterhalten kann durch Einatmen oder durch Ausatmen, sondern durch Einatmen und Ausatmen, so kann die geistige Wirklichkeit nur begriffen werden, indem man in seinem Begriffsleben lebendig wird und sowohl pantheistisch wie monadistisch sich die Wirklichkeit zu beleuchten versteht. Wenn man bloßer Monadist ist wie Leibniz, so gilt das für den Geisteswissenschafter so, als wenn man an zuviel eingeatmeter Luft erstickt. Man erstickt. Wenn man bloßer Pantheist ist, so gilt das für den Geisteswissenschafter so, wie wenn man in einem luftleeren Raume atmen wollte. Also zu dem Begriffsleben bekommt man als Geisteswissenschafter ein lebendiges Verhältnis. Man muß dieses lebendige Verhältnis so lebendig wie möglich denken. Denn wenn sich dieses lebendige Verhältnis zum Begriffsleben einstellt, dann lebt man in dem gegenseitigen Kämpfen und Sich-Harmonisieren der Begriffe, das in die geistige Wirklichkeit eintaucht, ganz darinnen, auf reale Weise; während man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein in seinen Begriffen auf abstrakte Weise lebt. Schon die einfachsten Begriffe ändern sich dadurch in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit.

[ 78 ] The scholar of the humanities can be neither a pantheist nor a monadist, because in pantheism he simply has a collection of concepts, and in monadism a collection of concepts, both of which illuminate reality from different angles, so that, if I may venture a comparison, I would like to say: whoever is a pantheist sees only the exhalation; whoever is a monadist sees only the inhalation. Just as the process of life cannot be sustained by inhalation alone or by exhalation alone, but only by both inhalation and exhalation, so spiritual reality can only be grasped by becoming alive in one’s conceptual life and knowing how to illuminate reality from both pantheistic and monadistic perspectives. If one is a mere monadist like Leibniz, this is as detrimental to the scholar of the humanities as suffocating from too much inhaled air. One suffocates. If one is a mere pantheist, this is as detrimental to the scholar of the humanities as trying to breathe in a vacuum. Thus, as a scholar of the humanities, one develops a living relationship with conceptual life. One must conceive of this living relationship as vividly as possible. For when this living relationship to conceptual life is established, one lives—in a real, concrete way—within the mutual struggle and harmonization of concepts that are immersed in spiritual reality; whereas with ordinary consciousness, one lives in one’s concepts in an abstract manner. Even the simplest concepts are thereby transformed in their relationship to reality.

[ 79 ] Ich will ein Beispiel anführen. Man kann heute in der Schule lernen: Die Körper sind undurchdringlich. Und das wird als Definition angeführt: die Undurchdringlichkeit besteht darin, daß in dem Raum, in dem ein Körper ist, ein anderer nicht sein kann. — So kann ein Geisteswissenschafter den Satz nicht sagen. Ein Geisteswissenschafter kann niemals von einer begrifflichen Definition ausgehen, sondern nur von einer begrifflichen Charakteristik. Er sagt in diesem Falle: Dasjenige, welches sich so verhält, daß es einen Raum in der Art ausfüllt, daß kein anderes Wesen in diesem Raume drinnen sein kann, ist ein materieller Körper. — Das heißt, er kehrt die Sache gerade um, er geht aus davon, seinen Begriff nur in den Grenzen anzuwenden, weil er ihn lebendig hat, in denen er anzuwenden ist. Er verabsolutiert nicht die Begriffe. Das stellt sich in den allereinfachsten Denkoperationen ein, wenn man wirklich den Sprung macht, den ich nennen möchte: den Sprung über die Schwelle der geistigen Welt. Man muß das wirklich sehr ernst nehmen. Die Menschen möchten heute noch so im Abstrakten herumreden, wenn von der geistigen Welt die Rede ist. Aber die ganze Seelenkonstitution, die ganze Art zu denken, wird eine andere, wenn man in die Wirklichkeit eintritt. Die Begriffe werden erlebt, so daß man ihre Wirklichkeit durchlebt. Sehen Sie: ein abstrakt denkender Mensch, für den ist eine Rose, die er im Zimmer in Wasser gestellt hat, selbstverständlich eine Wirklichkeit. Aber das ist gar keine Wirklichkeit. Denn im wirklichen Leben kann eine Rose nicht da sein, ohne daß sie am Rosenstrauch ist und im ganzen Zusammenhang mit dem Rosenstrauch entsteht. Der Geisteswissenschafter ist sich also immer bewußt, daß er, wo etwas mit etwas anderem zusammengehört, es im Zusammenhange zu denken hat. Er weiß: der Begriff Rose als abgeschnittene Rose ist ein unwirklicher Begriff.

[ 79 ] Let me give an example. Today, students learn in school that bodies are impenetrable. And this is given as a definition: impenetrability consists in the fact that in the space occupied by one body, another cannot exist. — A scholar of the humanities cannot phrase the statement that way. A scholar of the humanities can never start from a conceptual definition, but only from a conceptual characterization. In this case, he says: That which behaves in such a way that it fills a space so that no other entity can be present within that space is a material body. — That is to say, he turns the matter on its head; he proceeds from the premise of applying his concept only within the limits in which it is to be applied, because he has a living grasp of it. He does not treat concepts as absolute. This becomes evident in the simplest of thought processes when one truly takes the leap I would like to call: the leap across the threshold of the spiritual world. One really must take this very seriously. People today still like to talk in abstract terms when the spiritual world is mentioned. But one’s entire soul constitution, one’s entire way of thinking, changes when one enters into reality. The concepts are experienced in such a way that one lives through their reality. You see: for a person who thinks abstractly, a rose placed in a vase of water in a room is, of course, a reality. But that is not reality at all. For in real life, a rose cannot exist without being on the rosebush and arising in its entire context with the rosebush. The scholar of the spiritual sciences is therefore always aware that, wherever something belongs together with something else, he must think of it in context. He knows: the concept of a rose as a cut rose is an unreal concept.

[ 80 ] Denken Sie sich das ausgedehnt auf die ganze Formung, auf die ganze Struktur des Denkens, dann werden Sie einen Begriff bekommen von dem bedeutungsvollen Umschwung, der eintritt, wenn die Schwelle zur geistigen Welt überschritten ist. Da bekommt man eben die Wirklichkeit. Da bekommt man ein inneres, erlebbares Vorstellen von der Tragweite der Begriffe. Denn man kommt gar nicht darauf, wenn man im Abstrakten herumwirtschaftet, wie die Naturwissenschaft es muß, wie man da zu unwirklichen Begriffen kommt. Ich erinnere bei einer solchen Gelegenheit gern an einen Vortrag, den Professor Dewar im Beginne des Jahrhunderts in London gehalten hat, einen sehr geistvollen Vortrag vom Standpunkte des naturwissenschaftlichen Denkens. Von dem Standpunkte dieses naturwissenschaftlichen, physikalischen Denkens aus konstruiert Professor Dewar einen Endzustand des Erdenseins, zu dem die Erde gekommen sein wird, wenn so und so viele Millionen von Jahren verflossen sein werden, die Temperatur nach und nach eine andere geworden ist und so weiter. Wenn man gewisse Tatsachen verfolgt, wie man sie heute vor sich hat, so kann man ganz gut, indem man die Konsequenzen zieht, zu einer solchen Ausmalung eines Endzustandes kommen. Professor Dewar schildert sehr geistreich, wie gewisse Stoffe, die heute noch nicht leuchten, dann leuchten werden; werden mit gewissen Stoffen die Wände beschmiert, so werden die Wände so leuchten, daß man dabei Zeitungen lesen kann. — Allerdings wird es so kalt sein, daß man nicht weiß, wer die Zeitungen drucken wird. Da hapert die Sache schon in der Wirklichkeit. Aber Dewar gebraucht dieses Bild. Was heute abreißt, wenn man nur ein kleines Gewicht daranhängt, wird eine so starke Kohäsion haben, daß Zentnerlasten daran angehängt werden können und so weiter. Das Ganze ist sehr richtig ausgedacht, und man kann, wenn man darauf eingeht, einen Endzustand des Erdenzustandes konstruieren, alles physikalisch exakt darstellen. Der Vortrag konnte wirklich selbstverständlich einen großen Eindruck machen, weil ein Physiker, der tief vertraut ist mit den physikalischen Begriffen, den Endzustand der Erde anschaulich, ich möchte fast sagen, handgreiflich anschaulich malte.

[ 80 ] If you extend this to the entire process of formation, to the entire structure of thought, you will gain an understanding of the profound transformation that occurs once the threshold to the spiritual world has been crossed. That is when you truly grasp reality. There one gains an inner, experiential understanding of the scope of concepts. For when one operates in the realm of the abstract—as the natural sciences must—one does not even realize how one arrives at unreal concepts. On such an occasion, I like to recall a lecture that Professor Dewar gave in London at the beginning of the century—a very insightful lecture from the standpoint of scientific thinking. From the standpoint of this scientific, physical way of thinking, Professor Dewar constructs a final state of Earth’s existence that the Earth will have reached once so many millions of years have passed, the temperature has gradually changed, and so on. If one examines certain facts as they stand today, one can quite easily—by drawing the necessary conclusions—arrive at such a depiction of a final state. Professor Dewar describes very wittily how certain substances that do not glow today will glow then; if the walls are coated with certain substances, the walls will glow so brightly that one will be able to read newspapers by their light. — Admittedly, it will be so cold that one won’t know who will print the newspapers. That’s where the problem lies in reality. But Dewar uses this image. What breaks today if you hang even a small weight on it will have such strong cohesion that loads of a hundred kilograms can be hung from it, and so on. The whole concept is very well thought out, and if one explores it, one can construct a final state of the Earth and represent everything with physical precision. The lecture naturally made a great impression because a physicist, deeply familiar with physical concepts, painted a vivid—I would almost say tangibly vivid—picture of the Earth’s final state.

[ 81 ] Der Geisteswissenschafter erlebt etwas bei einer solchen Schilderung; denn er wird sofort zu den anders beleuchteten Begriffen geführt. Denn, was der Professor Dewar da macht, indem er diesen nach Millionen von Jahren eintretenden Endzustand der Erde schildert, das ist doch auf dieselbe Weise gewonnen, wie wenn Sie die aufeinanderfolgenden Zustände des Magens und des Herzens eines Menschen im dreizehnten Jahre, im vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten Jahre — wie es sich so langsam verändert — in Rechnung setzen und dann konsequent weiter schließen würden, wie nach zwei-, dreihundert Jahren das Ganze ausschauen wird, das Herz, der Magen und so weiter. Das kann alles sehr richtig sein, im naturwissenschaftlichen Sinne gedacht, abstrakt gedacht. Nur just ist der Mensch dann längst gestorben, der Magen ist nicht mehr da! Indem sich diese Realitätsgesinnung hinstellt neben das andere, sehr Geistvolle, lebt man in lebendigen Begriffen, kann man dahin kommen, einzusehen, daß das zwar ganz richtig ist, was der Professor Dewar schildert als Endzustand der Erde in einigen Millionen von Jahren — nur daß die Erde gestorben ist bis dahin, nicht mehr da ist. Genauso ist es aber, wenn man zurückrechnet, dreizehn, zwölf, elf Jahre und so weiter, wie das war vor hundertfünfzig Jahren. Der Mensch hat noch nicht gelebt! So macht es nämlich die KantLaplacesche Theorie, indem sie den Anfangszustand aus physikalischen Unterlagen heraus sehr fein und geistvoll konstruiert als Nebelzustand und so weiter, aus dem sich alles heraus ergibt — nur just für den Zeitpunkt, für den man das ansetzen muß, war das alles noch nicht da!

[ 81 ] The humanities scholar experiences something in such a description; for he is immediately led to concepts viewed in a different light. For what Professor Dewar is doing here—by describing this final state of the Earth that will occur after millions of years—is derived in the same way as if you were to take into account the successive states of a person’s stomach and heart at the age of thirteen, fourteenth, fifteenth, and sixteenth years—as they change so slowly—and then consistently infer what the whole system—the heart, the stomach, and so on—will look like after two or three hundred years. All of this may be quite correct, considered in the scientific sense, considered abstractly. But by then, the person will have long since died, and the stomach will no longer be there! When this sense of reality is set alongside the other, very spiritual perspective, one lives in living concepts and can come to realize that what Professor Dewar describes as the final state of the Earth in a few million years is indeed quite correct—except that by then the Earth will have died and will no longer exist. But it is exactly the same when one counts backward—thirteen, twelve, eleven years, and so on—to see how things were 150 years ago. Humanity had not yet come into existence! This is precisely what the Kant-Laplace theory does: it constructs the initial state—based on physical data—in a very refined and ingenious way as a nebular state and so on, from which everything emerges—only that, at the very moment one must set this as the starting point, none of that existed yet!

[ 82 ] Das ist der Übergang von abstraktem Denken in reales Denken. Und indem ich das im allgemeinen charakterisiert habe, darf ich jetzt sagen, daß so etwas wie die materialistische Geschichtsauffassung mit ihren Begriffen mit einer gewissen Notwendigkeit aufgetreten ist, daß sich, was geschichtlich geschieht, eigentlich nur auf Klassenkämpfen aufbaut, auf dem Ausleben der materiellen Interessen. Der Begriff des Materialismus hat ja in der materialistischen Geschichtsauffassung nicht denselben Sinn wie der Begriff des Materialismus in der Naturwissenschaft. Er ist entstanden, indem gewisse durchaus mögliche Begriffe gebildet worden sind. Aber man müßte den Standpunkt einhalten: Wieviel vom geschichtlichen Werden kann man mit diesen Begriffen umfassen? Man umfaßt eben eine Strömung dabei, eine Strömung, die sogar erst im 16. Jahrhundert heraufkommt!

[ 82 ] This is the transition from abstract thinking to real thinking. And having characterized this in general terms, I may now say that something like the materialist conception of history, with its concepts, has emerged with a certain inevitability—namely, that what happens historically is actually based solely on class struggles, on the assertion of material interests. The concept of materialism in the materialist conception of history does not, of course, have the same meaning as the concept of materialism in the natural sciences. It arose through the formation of certain entirely plausible concepts. But one must maintain the following perspective: How much of historical development can be encompassed by these concepts? One is, in fact, encompassing a trend—a trend that did not even emerge until the 16th century!

[ 83 ] Die Menschen sind heute nicht autoritätsgläubig, selbstverständlich! Denn den Autoritätsglauben haben sich die Menschen abgewöhnt! Aber, ja — «die Wissenschaft» ist mindestens eine starke Autorität. Und wenn man auf eine gewisse Anzahl von Dogmen schwört, dann ist alles andere Torheit, Unsinn, Jämmerlichkeit. Ich habe einmal vor Jahren durch Jahre hindurch Vorträge gehalten in Arbeiterkreisen, viele Vorträge, auch geschichtliche Vorträge, in denen ich die Geschichte so zu charakterisieren versuchte, wie sie sich eben einem undogmatischen Denken ergibt. Aber nachdem ich eine ziemlich treue Zuhörerschaft, die sich immer mehr vermehrte — ich darf das schon sagen ohne Eitelkeit —, bekommen hatte, da wurden gewisse sozialdemokratische Führer aufmerksam auf die Sache, daß da nicht orthodoxer Marxismus, orthodoxe materialistische Geschichtsauffassung gelehrt, daß da sogar die merkwürdige Ansicht vertreten werde, daß die Begriffe, welche die materialistische Geschichtsauffassung in sich faßt, erst vom 16. Jahrhundert ab eine Anwendung gewinnen, daß vorher die Anwendung gar nicht möglich ist, daß sie gerade aus den Untergründen der Geschichte heraus eine Anwendung gewinnen, weil da der Verstand, wie ich es gezeigt habe, sich emanzipiert, weil da der Mensch überhaupt erst dazu kommt, sich zu emanzipieren von einem gewissen instinktiven Leben und so weiter, daß die materiellen Interessen dafür die Widerlage liefern, so daß man — wenn auch nur als Teil der historischen Ingredienzien — zu der materialistischen Geschichtsauffassung kommt, und immerhin doch diese oder jene Erscheinung von ihr aus beleuchten kann. Wenn man aber diese materialistische Geschichtsauffassung allein zugrunde legt, so bekommt man dabei keine Geschichte; man läßt eben das andere weg, was an anderen Impulsen vorhanden ist; so muß man auch die Begriffe, die der Marxismus aufgebracht hat, als etwas betrachten, was wiederum ein Aspekt ist, was eine Photographie der Wirklichkeit von einer gewissen Seite her liefert, die man ergänzen muß durch Aspekte von anderen Seiten. Und diese sozialdemokratischen Führer machten dann diesen Vorträgen ein Ende! Das ist gerade das Eigentümliche der Geisteswissenschaft: daß sie gerecht werden kann den innerlich gültigen Impulsen, die auf dem oder jenem geistigen Gebiete auftreten, daß sie gerade ihre relative Berechtigung einsehen kann, wie aber der Irrtum sogleich entsteht, wenn man einen einseitigen Aspekt verabsolutiert und ihn zum allgemeinen Erklärungsprinzip macht. Das ist es, worauf es ankommt.

[ 83 ] People today do not blindly believe in authority—of course not! For people have outgrown that blind belief in authority! But, yes—“science” is, at the very least, a powerful authority. And if one swears by a certain number of dogmas, then everything else is folly, nonsense, and wretchedness. Years ago, for many years, I gave lectures in workers’ circles—many lectures, including historical ones—in which I tried to characterize history as it presents itself to undogmatic thinking. But after I had gained a fairly loyal audience that kept growing—I can say this without vanity— certain Social Democratic leaders took notice of the fact that orthodox Marxism and the orthodox materialist conception of history were not being taught there, that the strange view was even being held that the concepts encompassed by the materialist conception of history only became applicable starting in the 16th century, that their application was not even possible before that, that they gain applicability precisely from the depths of history, because, as I have shown, reason emancipates itself there; because it is only there that human beings begin to emancipate themselves from a certain instinctive way of life, and so on; and because material interests provide the counterargument for this, so that one arrives at the materialist conception of history—even if only as one of its historical ingredients—and can at least shed light on this or that phenomenon from its perspective. But if one takes this materialist conception of history as the sole foundation, one does not thereby obtain history; one simply omits the other elements present in other impulses; thus, one must also regard the concepts that Marxism has introduced as something that is, in turn, an aspect—one that provides a photograph of reality from a certain angle—which must be supplemented by aspects from other angles. And these Social Democratic leaders then put an end to these lectures! This is precisely what is distinctive about the science of the spirit: that it can do justice to the intrinsically valid impulses that arise in this or that spiritual realm, that it can recognize their relative validity, but also show how error immediately arises when one absolutizes a one-sided aspect and makes it a general explanatory principle. That is what matters.

[ 84 ] Es verläuft natürlich das Leben so, daß die Menschen sich versteifen auf einen Begriff. Die Menschen wollen überhaupt lieber in Begriffen leben als in der Wirklichkeit, lieber in Abstraktionen leben als in der Wirklichkeit. Man ist viel mehr zufrieden, wenn man ein paar Begriffe hat, in die alles mögliche hineingepfahlt werden kann. Aber die Wirklichkeit ist nicht so. So wie man eben — den Vergleich muß ich immer wieder gebrauchen — einen Baum nur bekommt, wenn man ihn auf einen Aspekt hin von einem gewissen Gesichtspunkte aus photographiert, auf einen anderen Aspekt hin von einem anderen Gesichtspunkte aus photographiert, so ist es auch mit der gesamten Wirklichkeit, wenn sie eben als Wirklichkeit erfaßt werden will.

[ 84 ] Life, of course, unfolds in such a way that people become fixated on a concept. People generally prefer to live in concepts rather than in reality, to live in abstractions rather than in reality. One is much more satisfied when one has a few concepts into which all sorts of things can be crammed. But reality isn’t like that. Just as—I have to keep using this comparison—you only get a tree when you photograph it from one angle to capture one aspect, and from another angle to capture another aspect, so it is with reality as a whole when it wants to be grasped as reality.

[ 85 ] Man muß sagen, daß es ja, weil materielle Interessen in das geschichtliche Werden im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte so mächtig eingetreten sind, ganz natürlich ist, daß auch eine materialistische Geschichtsauffassung heraufkam, eine Vertretung der Ansicht, daß der äußere Verlauf der Geschichte mit den gröbsten, nur für das Naturdasein passenden Begriffen zu erfassen ist. Aber man erfaßt da erst recht nur Totes, nur Unlebendiges. Ich komme auf solche Dinge noch zu sprechen im vierten Vortrage, wo ich mehr auf das ethische, soziale Leben einzugehen habe. Und das Unwirkliche würde sich sofort zeigen, wenn nun wirklich die Wirklichkeit einzig und allein mit solchen Begriffen beglückt würde. Da würde man schon sehen, wie diese Wirklichkeit durch solche Begriffe, wenn sie sich einleben würden, ertötet würde; während sie, wenn man sie als einen bloßen Aspekt betrachtet, fruchtbar werden können.

[ 85 ] It must be said that, since material interests have played such a powerful role in historical development over the course of the last three to four centuries, it is only natural that a materialist conception of history should have emerged—a view that the external course of history can be grasped using the crudest concepts, suitable only for natural existence. But in doing so, one grasps only the dead, only the lifeless. I will return to such matters in the fourth lecture, where I will delve more deeply into ethical and social life. And the unreality of this approach would become immediately apparent if reality were indeed described solely in such terms. One would then see how this reality would be stifled by such concepts, were they to take root; whereas, if viewed as a mere aspect, they can become fruitful.

[ 86 ] Das ist, was ich in Anlehnung an diese Frage sagen möchte. Natürlich könnte ich noch stundenlang über die Sache fortsprechen.

[ 86 ] That is what I would like to say in response to this question. Of course, I could go on talking about this for hours.

[ 87 ] Dr. Steiner wird ersucht, den Vorgang, der dem Erinnern zugrunde liegt, den er im ersten Vortrage schilderte, nochmals beleuchten zu wollen.

[ 87 ] Dr. Steiner is asked to shed light once again on the process underlying memory, which he described in his first lecture.

[ 88 ] Nun, da ich ohnedies auf solche Dinge im nächsten Vortrage noch einmal zu sprechen komme, so werde ich mich in der Beantwortung der Frage etwas kürzer fassen können. Wir haben auch nur noch ein paar Minuten Zeit. Da möchte ich vor allen Dingen sagen, daß es eine irrtümliche Vorstellung ist, wenn man glaubt, das, was ich als gegenwärtige Vorstellung habe, die ich an einer Wahrnehmung gewinne — sagen wir also zum Beispiel: Ich sehe einen Gegenstand an, stelle ihn auch vor zu gleicher Zeit —, bleibe erhalten. Was ich da gewinne, was ich noch als eine Nachwirkung habe, wenn ich den Gegenstand aus dem Auge lasse, das ist ein bloßes Spiegelbild, das ist nichts, was wieder auftreten kann; das ist etwas, was da ist und dann wirklich vergeht, so wie das Spiegelbild vergangen ist, wenn ich an dem Spiegel vorbeigehe und außer den Bereich des Spiegels komme. Also es ist eine irrtümliche Vorstellung, sich ein Reservoir der Seele zu denken, in das etwa hineingehen würden die Vorstellungen, die dann wiederum herausgeholt würden aus diesem Reservoir. Die Vorstellungen verweilen nicht, die Vorstellungen bleiben nicht! Sondern während ich vorstelle, geht zugleich ein unterbewußter Prozeß, der aber imaginativ beobachtet werden kann, also ein fürs gewöhnliche Bewußtsein unterbewußter Prozeß vor sich; und dieser unterbewußte Prozeß, der bewirkt im Organismus dasjenige, was wieder abläuft durch neue Veranlassungen, wenn erinnert wird. Wenn ich eine Vorstellung an einem Gegenstand dadurch gewinne, daß der Gegenstand auf meine Sinne wirkt, dann entsteht die Vorstellung; wenn ich eine Vorstellung habe, die ich als Erinnerungsvorstellung gewinne, so ist es genau ebenso, nur daß nicht der äußere materielle Gegenstand mir den Eindruck macht, und ich mir auf Grund des äußeren Gegenstandes die Vorstellung bilde, sondern ich schaue gewissermaßen in mein Inneres hinein, auf das, was unbewußt aufgenommen worden ist, und bilde mir danach die Vorstellung. Wenn ich das schematisch ausdrücken will: ich bilde mir jetzt eine Vorstellung «zehn»; nach einiger Zeit taucht die Vorstellung «zehn» wieder auf; es ist aber nicht wahr, daß die Vorstellung «zehn» dieselbe ist — daß sie vergangen ist und nachher wieder da ist. Was bleibt, ist ein unbewußtes Engramm, dieses unbewußte Engramm, das sich als Parallelprozeß gebildet hat, während ich die Vorstellung hatte, das bleibt; und das nehme ich wahr, wenn ich wiederum vorstelle. Wenn also «zehn» auftritt, so tritt es auf als Ergebnis einer Anregung von außen; wenn «zehn» wieder auftritt, tritt es auf als Ergebnis einer Anregung von innen, und ich nehme von innen heraus wahr, was ich erinnere. Das ist der Vorgang, den man geisteswissenschaftlich sehr gut beobachten kann, der pädagogisch gut verwertet werden kann, der auch beobachtet werden kann von einem aufmerksamen Pädagogen, wenn er nur sein Aufmerksamkeitsvermögen in einer entsprechenden Weise orientiert hat.

[ 88 ] Well, since I will be addressing such matters again in my next lecture anyway, I will be able to keep my answer to this question somewhat brief. We only have a few minutes left. Above all, I would like to say that it is a misconception to believe that what I have as a present representation—which I derive from a perception—let’s say, for example, that I look at an object and simultaneously represent it in my mind—remains intact. What I gain there, what I still experience as an aftereffect when I take my eyes off the object, is merely a reflection; it is not something that can reappear; it is something that is there and then truly passes away, just as the reflection has passed away when I walk past the mirror and step out of its field of view. So it is a mistaken notion to imagine a reservoir of the soul into which ideas might enter, only to be retrieved from this reservoir later. Ideas do not linger; ideas do not remain! Rather, while I am forming an idea, a subconscious process is taking place at the same time—one that can, however, be observed imaginatively—that is, a process that is subconscious to ordinary consciousness; and this subconscious process brings about within the organism that which is then repeated through new stimuli when the memory is recalled. When I form a representation of an object by the object acting upon my senses, then the representation arises; when I have a representation that I gain as a memory representation, it is exactly the same, except that it is not the external material object that makes an impression on me, and I form the representation on the basis of the external object, but rather I look, as it were, into my inner self, at what has been unconsciously absorbed, and form the representation accordingly. If I want to express this schematically: I now form a representation of “ten”; after some time, the representation of “ten” reappears; but it is not true that the representation of “ten” is the same one—that it has passed and is then there again. What remains is an unconscious engram—this unconscious engram, which formed as a parallel process while I had the mental image, remains; and I perceive it when I form the mental image again. So when “ten” appears, it appears as the result of an external stimulus; when “ten” reappears, it appears as the result of an internal stimulus, and I perceive from within what I remember. This is the process that can be observed very clearly from a spiritual-scientific perspective, that can be put to good use in education, and that can also be observed by an attentive educator, provided he has directed his capacity for attention in an appropriate manner.

[ 89 ] Denken Sie doch nur einmal daran, wie auswendig gelernt wird. Beobachten Sie da genau. Da können Sie es handgreiflich haben: was man alles für Veranstaltungen macht, daß der Parallelprozeß sich abspielt! Die Vorstellung ist aufgenommen, aber man will den Parallelprozeß sich so abspielen lassen, daß man ihn gewissermaßen einpaukt in etwas, was unterbewußt bleibt. Sie können beim Einpauken beobachten: die Vorstellungen werden nicht irgendwie zur Erinnerung führen, sondern ein Prozeß, der als Unterstützungsprozeß des bloßen Vorstellens entstehen muß und wirklich im Unterbewußten liegt. Und dieses Arbeiten im Unterbewußten — sehen Sie nur, wenn jemand ein Gedicht einpaukt, was da alles zu Hilfe genommen wird! —, der Geisteswissenschafter beobachtet es direkt. Und mit dem Lichte, das gewonnen wird, sieht man. Manche Einpaukende nehmen sogar alles Mögliche zu Hilfe, schlagen sich an die Stirne und so weiter, was durchaus nicht mit dem Erlebnis der Vorstellung zusammenhängt! Gehen Sie auf den Prozeß näher ein, so werden Sie sehen, daß hier ein wichtiges Grenzgebiet berührt ist zwischen Psychologie und Physiologie. Wir werden das nächste Mal auch sehen, wie die geisteswissenschaftlich orientierte Physiologie da auf etwas kommen kann.

[ 89 ] Just think for a moment about how things are memorized. Observe this closely. There you can see it firsthand: all the things people do to ensure that the parallel process takes place! The mental image is absorbed, but the goal is to let the parallel process unfold in such a way that it is, so to speak, crammed into something that remains in the subconscious. You can observe this during the cramming process: the mental images do not simply lead to memory, but rather a process that must arise as a supporting process for mere imagination and truly lies in the subconscious. And this work in the subconscious—just look at what all is called upon when someone memorizes a poem!—the humanities scholar observes it directly. And with the insight gained, one sees. Some people who are cramming even resort to all sorts of aids—tapping their foreheads and so on—which has absolutely nothing to do with the experience of the mental image! If you examine the process more closely, you will see that this touches on an important boundary area between psychology and physiology. Next time, we will also see how a physiology grounded in the spiritual sciences can arrive at certain insights here.

[ 90 ] So daß ich richtungsgemäß definieren möchte: Das Vorstellen entsteht zunächst, als primäres Vorstellen, unter dem Einflusse einer äußeren Wahrnehmung, vom äußeren Gegenstand angeregt; oder als Erinnerung, angeregt von innen; so daß ich das eine Mal nach außen gewissermaßen lese, das andere Mal nach innen lese. Wenn ich zweimal hintereinander ein Buch lese, so ist es auch aus demselben Buche erworben, aber es sind aufeinanderfolgende Erwerbungen.

[ 90 ] Thus, I would like to define it in accordance with this approach: Representation arises initially—as primary representation—under the influence of external perception, stimulated by the external object; or as memory, stimulated from within; so that in one case I “read” outward, so to speak, and in the other case I “read” inward. If I read a book twice in a row, the knowledge is acquired from the same book, but these are successive acquisitions.

[ 91 ] Also das ist dasjenige, was eventuell zur Charakteristik dienen kann. Dazu wird einiges kommen, wenn ich im dritten Vortrag den Menschen als Naturwesen bespreche.

[ 91 ] So that is what might serve as a defining characteristic. I will elaborate on this further when I discuss human beings as natural beings in the third lecture.

[ 92 ] Frage: Werden die höheren Bewußtseine nicht individuell verschieden sein?

[ 92 ] Question: Won't the higher states of consciousness differ from person to person?

[ 93 ] Es ist, wie ich schon das letzte Mal sagte, sehr naheliegend, daß man zu dieser Anschauung kommt: daß der eine, in dem er diese Bewußtseinszustände entwickelt, zu anderen Formen kommt als der andere; aber dieses darf durchaus nicht zurückschrecken lassen vor dem Verfolgen dessen, was ich das Erkenntnisdrama genannt habe; denn das Individualistische ist nur ein Zwischenzustand. Man geht allerdings durch eine starke individualistische Periode durch, ist sich aber ihrer bewußt, so daß man sie überwindet. Dann gelangt man ins objektive Innere hinein. Und nur weil man ungenau betrachtet, kommt es, daß man glaubt: der eine behaupte das, der andere jenes. So ist es nicht. Die Verschiedenheiten sind nicht größer, als schließlich auch die Verschiedenheiten sind, wenn zwei Reisende eine und dieselbe Gegend beschreiben: der eine lenkt seinen Blick auf das, der andere auf jenes; die Beschreibungen sehen sich gar nicht ähnlich; dennoch beschreiben sie dieselbe Gegend; und es wäre ein Unsinn, zu glauben, daß man deshalb durch ihre Beschreibung nicht zur Objektivität geführt würde, oder daß sie selber nicht der Objektivität gegenübergestanden wären. Ich habe deshalb gesagt: Gewiß, es liegt nahe, an individualistische Ausprägung des Erlebens der höheren Bewußtseinszustände zu denken; aber das ist eben nur ein Zwischenzustand. In Wahrheit kommt man ebenso, wie wenn man das Subjektive im Anschauen der Natur überwindet und zur objektiven Natur hinauskommt, zum objektiven Geist, wenn man das Subjektive in der Imagination auszuschalten vermag. Und wenn Sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in der «Geheimwissenschaft im Umriß» lesen, wie dieses Subjektive ausgeschaltet wird beim Hinaufleben in die anderen Bewußtseinszustände, so werden Sie sehen, daß man da innerlich ebenso zu einem objektiven Geistigen kommt, wie man äußerlich zu einem objektiven Natürlichen kommt. Es wird wirklich nach außen das Subjektive ausgeschaltet in der Naturwissenschaft, nach dem Geistigen zu das Subjektive ausgeschaltet in der Geisteswissenschaft.

[ 93 ] As I said last time, it is quite obvious that one might arrive at this view: that one person, in developing these states of consciousness, arrives at different forms than another; but this must by no means deter us from pursuing what I have called the “drama of knowledge”; for individualism is merely an intermediate stage. One does indeed go through a strong individualistic period, but one is aware of it, so that one overcomes it. Then one enters into the objective inner realm. And it is only because one looks at things imprecisely that one comes to believe: one person asserts this, another that. That is not the case. The differences are no greater than, ultimately, the differences that exist when two travelers describe one and the same region: one directs his gaze to this, the other to that; the descriptions do not resemble one another at all; yet they describe the same region; and it would be nonsense to believe that one would therefore not be led to objectivity through their descriptions, or that they themselves had not faced objectivity. That is why I have said: Certainly, it is natural to think of the individualistic expression of the experience of higher states of consciousness; but that is merely an intermediate stage. In truth, just as one overcomes the subjective in the contemplation of nature and moves beyond objective nature, so too does one arrive at the objective spirit when one is able to set aside the subjective in the imagination. And if you read in How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds? and in An Outline of Esoteric Science how this subjective element is eliminated as one ascends into the other states of consciousness, you will see that one arrives inwardly at an objective spiritual realm just as one arrives outwardly at an objective natural realm. The subjective is truly eliminated externally in the natural sciences, and the subjective is eliminated in the direction of the spiritual in the spiritual sciences.