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Extending Natural Science
through Anthroposophy
GA 73

14 November 1917, Zurich

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4. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über Recht, Moral und Soziale Lebensformen

4. Findings from the Humanities on Law, Morality, and Social Ways of Life

[ 1 ] Aus den drei Vorträgen, die ich hier gehalten habe, um das Verhältnis der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu drei verschiedenen Gebieten des menschlichen Wissenschaftsstrebens zu charakterisieren, wird ersichtlich gewesen sein, daß es dieser Art von Geisteswissenschaft vor allen Dingen darauf ankommt, wirklichkeitsgemäße Begriffe und Vorstellungen zu entwickeln, welche geeignet sind, in das volle, wirkliche Leben unterzutauchen, um durch solches Untertauchen ein Wissen von der Wirklichkeit zu erreichen. Man kann sagen — und aus dem ganzen Sinne meiner Vorträge wird das hervorgegangen sein —, daß seit einer verhältnismäßig langen Zeit menschlicher Wissenschaftsentwickelung wirklichkeitsgemäße Begriffe nur gewonnen worden sind auf dem Gebiete der äußeren sinnenfälligen Naturwissenschaft. Und in einer gewissen Beziehung sind diese für das äußere Sinnesdasein gewonnenen Begriffe wissenschaftlich mustergültig. Allein sie erstrecken sich in bezug auf das Wirkliche nur so weit, als — man kann schon sagen — die leblose Natur in Betracht kommt, die ja nicht bloß da vorhanden ist, wo sie unmittelbar als solche auftritt, sondern als mineralischer Einschlag auch in den Lebewesen und in den Geistwesen, die auf der sinnlichen Erde leben. Man begreift heute naturwissenschaftlich musterhaft. Aber man begreift nur, was sich innerhalb der mechanischen leblosen Gesetze feststellen läßt. Daß man dieses musterhaft begreift, dafür gibt es ja, ich möchte sagen, einen recht anschaulichen Beweis: die vervollkommneten, so gewaltig erfolgreichen Anwendungen der Naturwissenschaft auf das menschliche Leben. Denn wendet man Begriffe auf das menschliche Leben an, so erweist sich unter gewissen Voraussetzungen durch die An‘wendungsmöglichkeit der wirklichkeitsgemäße Charakter dieser Begriffe. Eine Uhr kann man nicht mit falschen mechanischen und physikalischen Begriffen konstruieren; sie würde alsbald verraten, daß man falsche Begriffe angewendet hat.

[ 1 ] From the three lectures I have given here to characterize the relationship of anthroposophically oriented spiritual science to three different areas of human scientific endeavor, it will have become apparent that what matters most to this kind of spiritual science is develop concepts and ideas that correspond to reality and are capable of immersing themselves in full, real life, in order to attain knowledge of reality through such immersion. One can say—and this will have emerged from the overall spirit of my lectures—that, for a relatively long period in the development of human science, concepts that correspond to reality have been gained only in the field of external, sensory natural science. And in a certain sense, these concepts derived from external sensory existence are scientifically exemplary. However, with regard to reality, they extend only as far as—one might say—inanimate nature is concerned, which is present not only where it appears directly as such, but also as a mineral influence within the living beings and spiritual beings that inhabit the sensory earth. Today, people understand things in an exemplary scientific manner. But they understand only what can be established within the mechanical, lifeless laws. That people understand this in an exemplary way is, I would say, quite vividly demonstrated by the perfected, immensely successful applications of natural science to human life. For when concepts are applied to human life, the reality-based nature of these concepts is demonstrated—under certain conditions—by their applicability. A clock cannot be constructed using incorrect mechanical and physical concepts; it would immediately reveal that incorrect concepts had been applied.

[ 2 ] Das ist nicht so bei allen Gebieten des Lebens, sondern gerade bei den Lebensgebieten, die uns heute beschäftigen sollen, zeigt die Wirklichkeit in ihrem Verlaufe nicht ohne weiteres sogleich, ob man es mit wirklichkeitsgemäßen, aus der Wirklichkeit herausgeholten Begriffen zu tun hat oder nicht.

[ 2 ] This is not the case in all areas of life; rather, it is precisely in those areas of life that we are to consider today that reality, as it unfolds, does not immediately reveal whether we are dealing with concepts that are grounded in reality and derived from it.

[ 3 ] Innerhalb des naturwissenschaftlichen Gebietes selbst ist die Anwendung nichtwirklichkeitsgemäßer Begriffe verhältnismäßig gefahrlos; denn diese Begriffe erweisen ihre Irrtümlichkeit oder ihre Unzulänglichkeit, solange man innerhalb des naturwissenschaftlichen Gebietes selbst bleibt, eben innerhalb der theoretischen Diskussion, die ja dann auch der Praxis des Lebens zugrunde liegen kann. Kommt aber das soziale Leben, das menschliche Gemeinschaftsleben überhaupt in Betracht, dann steht man nicht bloß der Gewinnung irgendwelcher Begriffe, sondern dann steht man der Realisierung der Begriffe im Leben gegenüber. Und man hat es nach den heutigen Verhältnissen mit Lebensgebieten zu tun, in die man sehr wohl unzulängliche Begriffe einführen kann. Es zeigt sich zwar dann das Unzulängliche der Vorstellungen, der Ideen, der Empfindungen und so weiter; aber dennoch kann der Mensch in einer gewissen Beziehung, wenn er unter bloß naturwissenschaftlichen Vorurteilen lebt, hilflos dem gegenüberstehen, was als die Folge, als die Konsequenz solcher Begriffe eintritt. Man kann in einer gewissen Beziehung sagen, daß die tragischen Ereignisse, die jetzt über das Menschengeschlecht hereingezogen sind, im Grunde genommen damit zusammenhängen — mehr als man denkt, und mehr als man in so kurzen Ausführungen, wie die heutigen sind, auch nur andeuten kann —, daß durch lange Zeiten die Menschen nicht verstanden haben, wirklichkeitsgemäße Begriffe zu entwickeln, welche geeignet gewesen wären, Tatsachen des wirklichen Lebens zu umfassen. Diese Tatsachen des wirklichen Lebens sind heute der Menschheit über den Kopf gewachsen. Und diese tragischen Ereignisse sind vielfach ein Ad-absurdum-Führen auf die schrecklichste Art desjenigen, was an unzulänglichen Vorstellungen im Laufe von Jahrhunderten sich in der Menschheit entwickelte.

[ 3 ] Within the realm of the natural sciences itself, the use of concepts that do not correspond to reality is relatively harmless; for these concepts reveal their fallacy or inadequacy as long as one remains within the realm of the natural sciences itself—that is, within theoretical discussion, which can then also serve as the foundation for practical life. But when social life—human communal life in general—comes into consideration, one is not merely faced with the derivation of certain concepts, but with the realization of those concepts in life. And under present-day conditions, one is dealing with areas of life into which one can very well introduce inadequate concepts. Admittedly, the inadequacy of these concepts, ideas, feelings, and so on then becomes apparent; yet, in a certain sense, if one lives under purely scientific preconceptions, one may find oneself helpless in the face of what arises as the result, as the consequence, of such concepts. In a certain sense, one can say that the tragic events that have now befallen the human race are fundamentally connected—more than one might think, and more than one can even hint at in such brief remarks as those made today—to the fact that, for a long time, people have failed to develop concepts grounded in reality that would have been suitable for encompass the facts of real life. These facts of real life have now become too much for humanity to handle. And these tragic events are, in many ways, a reduction to the absurd—in the most terrible manner—of the inadequate concepts that have developed within humanity over the course of centuries.

[ 4 ] Man kommt auf das, was da eigentlich zugrunde liegt, nur, wenn man — jetzt noch einmal wollen wir von einem anderen Gesichtspunkte aus als in den gehaltenen Vorträgen das machen — zunächst einmal den Blick darauf hinrichtet, wie immer wieder und wiederum in der neueren Zeit der Versuch aufgetreten ist, aus der Naturwissenschaft heraus eine Gesamtweltanschauung des Menschen zu bebegründen, wie der Versuch gemacht worden ist, naturwissenschaftliches Denken, das auf seinem Gebiete — ich wiederhole es immer wiederum — so mustergültig ist, in alle Gebiete des menschlichen Lebens einzuführen: in die Gebiete des Seelenwesens, der Pädagogik, der Politik, der Sozialistik, der Geschichte und so weiter.

[ 4 ] One can only arrive at what actually underlies this if one—and let us now approach this from a different perspective than in the lectures given—first directs one’s attention to how, time and again in recent times, attempts have been made to establish a comprehensive worldview of humanity based on the natural sciences, and how attempts have been made to to introduce scientific thinking—which, in its own field, is so exemplary (as I have said time and again)—into all areas of human life: into the realms of the soul, education, politics, social science, history, and so on.

[ 5 ] Wer die Entwickelung nach dieser Richtung kennt, der weiß, wie sich naturwissenschaftliche Denker angestrengt haben, das, was sie an Vorstellungen und Begriffen in ihrer Naturwissenschaft herangeschult haben, anzuwenden auf alle die angedeuteten Gebiete des menschlichen Lebens. Ich möchte, obwohl das, was ich eben gesagt habe, durch Hunderte von Belegen gestützt werden kann, nur einiges Charakteristische anführen. Wenn es auch älteren Datums ist, so kann man doch sagen, daß sich die Tendenz, die sich darinnen ausspricht, bis zum heutigen Tage erhalten, ja sich noch erweitert hat.

[ 5 ] Anyone familiar with developments in this direction knows how hard thinkers in the natural sciences have strived to apply the ideas and concepts they have cultivated in their field to all the areas of human life mentioned here. Although what I have just said can be supported by hundreds of examples, I would like to cite only a few characteristic ones. Even if they date from some time ago, one can still say that the tendency expressed in them has persisted to this day—indeed, it has even expanded.

[ 6 ] Ein ausgezeichneter Naturforscher, nach meiner Ansicht, hat bei zwei Naturforscherversammlungen in den siebziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts, 1874 und 1875, Vorträge gehalten über das Rechtsgebiet, über Fragen der Moral und des Rechtes, des sozialen Zusammenhanges der Menschen, und er hat im Verlaufe dieser Vorträge recht charakteristische Sätze gesprochen. Er hat geradezu die Forderung aufgestellt, daß, wer im Sinne der naturwissenschaftlichen Bildung der neueren Zeit reif ist, verlangen müsse, daß die naturwissenschaftliche Denkweise übergehen müsse in das allgemeine Menschheitsbewußtsein wie eine Art Katechismus; so daß dasjenige, was als Empfindungen, als Bedürfnisse, als Willensimpulse in den Menschen auftritt und damit die Grundlage bildet für die sozialen Aspirationen, allmählich in innigen Zusammenhang gebracht werden müßte mit einer sich immer weiter und weiter ausbreitenden rein naturwissenschaftlichen Anschauung der Welt. So hat Professor Benedikt auf der achtundvierzigsten Naturforscherversammlung gesagt. Die naturwissenschaftliche Weltanschauung müsse die Breite und Tiefe und Klarheit erreichen, um einen Katechismus zu schaffen, der das geistige und ethische Leben des Volkes beherrsche. Sein Ideal ist also, daß alles, was aus den Geistes-, Herzens- und Willensbedürfnissen der Menschen heraus spricht im sozialen Leben, ein Abdruck sei naturwissenschaftlicher Vorstellungen!

[ 6 ] An outstanding natural scientist, in my opinion, delivered lectures at two gatherings of natural scientists in the 1870s—in 1874 and 1875—on the field of law, on questions of morality and law, and on the social bonds among people, and in the course of these lectures he made some quite characteristic statements. He went so far as to assert that anyone who is mature in the sense of modern scientific education must demand that the scientific way of thinking be incorporated into the general consciousness of humanity like a kind of catechism; so that what manifests itself in human beings as feelings, needs, and impulses of the will—and thus forms the basis for social aspirations—must gradually be brought into an intimate connection with an ever-expanding, purely scientific worldview. This is what Professor Benedikt said at the forty-eighth Congress of Natural Scientists. The scientific worldview must attain the breadth, depth, and clarity necessary to create a catechism that governs the intellectual and ethical life of the people. His ideal, therefore, is that everything in social life that springs from the intellectual, emotional, and volitional needs of human beings should be an expression of scientific concepts!

[ 7 ] Und mit Bezug auf die Seelenwissenschaft sagt derselbe Forscher: Auch die Psychologie sei eine Naturwissenschaft geworden, seit sie, wie die Physik und Chemie, den Ballast der Metaphysik abgeworfen habe und nicht mehr Hypothesen, die für unsere heutige Organisation unergründlich seien, als Prämissen wähle.

[ 7 ] And with regard to the science of the soul, the same researcher says: Psychology, too, has become a natural science since it, like physics and chemistry, has cast off the ballast of metaphysics and no longer chooses as premises hypotheses that are inscrutable to our present-day understanding.

[ 8 ] Obzwar von vielen Naturforschern — auch von dem vorgestern erwähnten Oscar Hertwig, von Nägeli, von vielen, vielen anderen — immer wieder und wiederum betont wird, daß Naturwissenschaft eben nur auf ihrem Gebiete Rechtes leisten kann, so werden doch die naturwissenschaftlichen Vorstellungen so gebildet, daß gewissermaßen durch die Art, wie sie gebildet werden, abgewiesen wird ein Forschen, ein Streben der Menschheit nach anderen Wirklichkeitsgebieten, als sie der Naturwissenschaft gerade erreichbar sind. Und man könnte, wie ich ältere Aussprüche angeführt habe, Aussprüche heutigen Tages anführen: man würde sie durchaus in demselben Geiste gehalten finden.

[ 8 ] Although many natural scientists—including Oscar Hertwig, whom I mentioned the day before yesterday, Nägeli, and many many others—it is emphasized time and again that natural science can only do justice within its own domain, yet scientific concepts are formed in such a way that, by virtue of the very nature of their formation, they effectively preclude humanity’s exploration and pursuit of realms of reality other than those currently accessible to natural science. And just as I have cited older statements, one could cite statements from the present day: one would find them to be expressed in exactly the same spirit.

[ 9 ] Benedikt, den Kriminalanthropologen, darf ich aus dem Grund besonders anführen, weil er, trotzdem er auf rein naturwissenschaftlichem Standpunkte auch in der sozialen Lebensbetrachtung stehen will, noch so viel rein naiven, wirklichkeitsgemäßen Begriffsmaterials in sich hat, daß vieles von dem, was er vorbringt — eigentlich gegen seine theoretischen Aufstellungen —, wahrhaftig eingreift in die Wirklichkeit der Welt. Aber im ganzen kann man sagen, durch diese Neigung, durch diese Tendenz, mit naturwissenschaftlichen Begriffen, die auf ihrem Gebiete ausgezeichnet sind, eine ganze Weltanschauung aufzubauen, ist allmählich überhaupt als Weltanschauung etwas ganz Besonderes entstanden, so daß man fast in den Ruf kommen könnte, ein böser Mensch zu sein, wenn man ausspricht, was unter dieser Tendenz Weltanschauung geworden ist: Heute bewirkt irgendein Mensch Ausgezeichnetes auf seinem Gebiete, und wenn er dann eine Weltanschauung begründet, so dehnt er dieses ausgezeichnete Wissen auf einem bestimmten Gebiet aus über das gesamte Weltgebiet, über diejenigen Gebiete vor allen Dingen, von denen er — nichts versteht. So daß man schon sagen kann: Heute ist allmählich eine ausgezeichnete Wissenschaft da, welche den Inhalt desjenigen enthält, was die Leute gut verstehen; und es sind Weltanschauungen da, die im allgemeinen enthalten, wovon die Leute nichts verstehen!

[ 9 ] I would like to single out Benedikt, the criminal anthropologist, in particular because, even though he seeks to view social life from a purely scientific standpoint, he still possesses so much purely naive, reality-based conceptual material that much of what he puts forward—actually contrary to his theoretical positions—truly resonates with the reality of the world. But on the whole, one can say that through this inclination—this tendency to construct an entire worldview using scientific concepts that are excellent in their own field—something quite unique has gradually emerged as a worldview, to the point that one might almost be accused of being a bad person if one were to articulate what has become of this tendency as a worldview: Today, a person achieves something outstanding in his or her field, and when he or she then establishes a worldview, he or she extends this outstanding knowledge in a specific field to encompass the entire world—and above all, to those areas of which he or she understands nothing. So one can certainly say: Today, an excellent science is gradually emerging that encompasses the content of what people understand well; and there are worldviews that generally encompass what people do not understand at all!

[ 10 ] Dies ist, wenn das soziale Lebensgebiet in Betracht kommt, wahrhaftig nicht ohne Bedeutung. Denn das soziale Lebensgebiet hat zu seinem Wirklichkeitsfaktor den Menschen selber. Der Mensch steht drinnen in diesen sozialen Lebensgebieten, und das, was er tut, das ist schon so, daß in seine Impulse, in das, was sich als Gestaltung im menschlichen Zusammenleben, als soziale Struktur bildet, hineinfließt, was in der Weltanschauung lebt. Und dadurch sind solche Dinge geschaffen worden, wie ich sie im Beginne meiner heutigen Auseinandersetzungen angedeutet habe.

[ 10 ] When it comes to the social sphere of life, this is truly not without significance. For the social sphere of life has human beings themselves as its defining factor. Human beings are situated within these spheres of social life, and what they do is such that what lives in their worldview flows into their impulses—into what takes shape as the organization of human coexistence, as social structure. And through this, things have been created such as those I alluded to at the beginning of my remarks today.

[ 11 ] Ich will nun auch bei diesen Betrachtungen heute, wie bei den drei ersten, mehr ausgehen von konkreten Einzelheiten, von Ergebnissen desjenigen, was ich die Geistesforschung nenne, um zu versuchen, mit Hilfe solcher Ergebnisse zu zeigen, in welches Verhältnis sich diese Geistesforschung auch zu den sozialen Erkenntnisgebieten stellen muß.

[ 11 ] In these reflections today, as in the first three, I would like to proceed primarily from concrete details—from the findings of what I call spiritual research—in order to attempt, with the help of such findings, to show the relationship that this spiritual research must also have to the social fields of knowledge.

[ 12 ] Eine besondere Schwierigkeit tritt auf für den modernen Menschen, der naturwissenschaftlich bewandert ist, dessen Vorstellungsleben naturwissenschaftlich erzogen worden ist, wenn er nun an das soziale Lebensgebiet herantritt und gleich einen fundamentalen Begriff ins Auge zu fassen hat: den Begriff der menschlichen Freiheit. Dieser Begriff der menschlichen Freiheit, der ja gewiß in den verschiedensten Nuancen auftritt, ist in einer gewissen Beziehung geradezu zum Kreuz der modernen Weltanschauungsbetrachtungen geworden. Denn auf der einen Seite ist es außerordentlich schwierig, die soziale Struktur der Menschheit zu begreifen, ohne über den Freiheitsbegriff ins klare zu kommen; auf der anderen Seite aber wieder ist der naturwissenschaftlich Denkende nach den Denkgewohnheiten der heutigen Zeit kaum imstande, irgend etwas mit dem Freiheitsbegriff anzufangen. Man weiß ja, daß in bezug auf den Freiheitsbegriff alte Streitigkeiten stattgefunden haben, daß es immerzu mit verschiedenen Nuancen zwei Parteien gegeben hat: die sogenannten Deterministen, welche annahmen, daß alle menschlichen Handlungen in einer gewissen Weise vorbestimmt sind — in mehr naturalistischer oder in anderer Weise —, so daß der Mensch nur ausführt, wozu ein zwar unbekannter, aber doch vorhandener Zwang, eine Kausalität, vorliegt; und die Indeterministen, die dieses leugneten und sich mehr an den subjektiven Tatbestand hielten, an das, was der Mensch in sich erlebt, indem er sein Bewußtsein entwickelt, und die Unabhängigkeit der wirklich freien Handlungen des Menschen von solchen festen Bestimmungen, welche den Freiheitsbegriff ausschließen können, behaupteten.

[ 12 ] A particular difficulty arises for modern people who are well-versed in the natural sciences—whose conceptual framework has been shaped by a scientific education—when they now turn to the realm of social life and are immediately confronted with a fundamental concept: the concept of human freedom. This concept of human freedom—which, of course, manifests itself in a wide variety of nuances—has, in a certain sense, become the very cross that modern worldviews must bear. For on the one hand, it is extraordinarily difficult to comprehend the social structure of humanity without coming to terms with the concept of freedom; on the other hand, however, those who think in scientific terms—according to the intellectual habits of our time—are hardly able to make sense of the concept of freedom at all. It is well known that there have been long-standing disputes regarding the concept of freedom, and that there have always been two camps with differing nuances: the so-called determinists, who assumed that all human actions are predestined in a certain way—whether in a more naturalistic sense or otherwise—so that human beings merely carry out what is dictated by a coercive force, a causality, that is unknown but nonetheless exists; and the indeterminists, who denied this and focused more on the subjective reality of the situation—on what a person experiences within themselves as they develop their consciousness—and who asserted the independence of truly free human actions from such fixed determinations, which can preclude the concept of freedom.

[ 13 ] So wie sich die Naturwissenschaft bis heute entwickelt hat, ist es aber auch eigentlich unmöglich, naturwissenschaftlich etwas mit dem Freiheitsbegriff zu machen; so daß man, wenn man mit naturwissenschaftlicher Erziehung soziologische Wissenschaft begründet, in vieler Beziehung genötigt ist, den Freiheitsbegriff falsch zu fassen und eine Lebensstruktur zu konstruieren, welche auf den Freiheitsbegriff keine Rücksicht nimmt, welche alles zurückführt auf gewisse Verursachungen, die außerhalb oder innerhalb des Menschen liegen. Solch eine Betrachtungsart ist in gewisser Beziehung bequem, denn sie gestattet einem, die soziale Struktur von vornherein in einer gewissen Weise zu bestimmen: weil es leichter ist, das menschliche Handeln abzuschätzen, wenn es bestimmt ist, als wenn man damit zu rechnen hat, daß freies Wesen im Menschen eine Rolle spielt.

[ 13 ] However, given the way the natural sciences have developed to date, it is actually impossible to address the concept of freedom from a scientific perspective; so that when one uses a scientific education to establish sociological science, one is in many respects compelled to misinterpret the concept of freedom and to construct a structure of life that takes no account of the concept of freedom—one that reduces everything to certain causes lying either outside or within the human being. Such a way of looking at things is convenient in a certain sense, for it allows one to define the social structure in a certain way from the outset: because it is easier to assess human action when it is determined than when one must reckon with the fact that the free nature of human beings plays a role.

[ 14 ] Nun kann man nicht als Freiheitsbegriff irgendwelche schwärmerischen Begriffe aufstellen, irgendwelche mystischen Verschwommenheiten darlegen, die etwa im Gegensatz stehen dürften zu dem, was die heutige Naturwissenschaft bietet! Das muß schon festgehalten werden, daß, wenn Geisteswissenschaft eine Berechtigung haben soll, sie nicht mit dem, was der wahre Sinn naturwissenschaftlichen Fortschrittes ist, in irgendwelchen Zwiespalt kommen darf. Daher muß ich auch heute davon ausgehen, den Fundamentalbegriff sozialer Lebensgestaltung, den Freiheitsbegriff, in eine Beziehung zu setzen zu denjenigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen, die mit Hilfe der Geisteswissenschaft gewonnen werden können.

[ 14 ] Now, one cannot define the concept of freedom using some kind of fanciful notions or present some mystical vagueness that might stand in contrast to what modern science has to offer! It must be made clear that if the humanities are to have any legitimacy, they must not come into conflict in any way with the true meaning of scientific progress. Therefore, even today, I must proceed on the assumption that the fundamental concept of social life—the concept of freedom—must be related to those scientific ideas that can be gained with the help of the humanities.

[ 15 ] Nach den gewohnten naturwissenschaftlichen Begriffen ist der Mensch in seinen Handlungen abhängig von den Eigentümlichkeiten seiner Organisation. Und da diese Eigentümlichkeiten seiner Organisation selbst in einem solchen Grade erforscht werden, daß man, wie ich das letzte Mal darlegte, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft auf das Seelenleben rechnend anwendet, so kommt man zu einer Ausschliefßung des Freiheitsbegriffes. Kann der Mensch nur dasjenige aus sich heraus an Kräften entwickeln, was Umsatz ist des Aufgenommenen, wie ich im letzten Vortrag angedeutet habe, so kann selbstverständlich die Seele aus sich heraus nicht irgendwelche Kraftentfaltung entwickeln — was Anforderung wäre für eine Verwirklichung der Freiheit.

[ 15 ] According to standard scientific concepts, human beings are dependent in their actions on the peculiarities of their constitution. And since these characteristics of human organization have been studied to such an extent that, as I explained last time, the law of conservation of energy is applied to the life of the soul, this leads to a narrowing of the concept of freedom. If human beings can develop from within only those forces that are the transformation of what has been absorbed—as I indicated in my last lecture—then, of course, the soul cannot develop any kind of force from within itself—which would be a prerequisite for the realization of freedom.

[ 16 ] Geisteswissenschaft zeigt aber, daß Naturwissenschaft sehr, sehr nötig hat, auf dem Gebiete, das da in Frage kommt, den ganzen Umfang ihrer Erkenntnisse wirklich noch auf eine andere Basis zu stellen, als sie heute stehen. Naturwissenschaft — ich habe es schon angedeutet in den vorigen Vorträgen — hat bewunderungswürdige Tatsachengebiete erschlossen. Aber durch die eng umgrenzten Begriffe und Vorstellungen, die man heute von der Natur hat, können diese keineswegs umfaßt werden. Im Verlaufe des vorigen Vortrags gestattete ich mir, darauf hinzuweisen: wie Geisteswissenschaft dazu führt, das ganze Geistig-Seelische des Menschen zu dem ganzen Physisch-Leiblichen in Beziehung zu setzen, und darauf, wie sich da herausstellt, daß man das eigentliche Vorstellungsleben in Beziehung zu setzen hat zu dem Nervenleben, das Gefühlsleben zu den Verästelungen und Dependenzen des Atmungsrhythmus und das Willensleben zu dem Stoffwechsel.

[ 16 ] The humanities, however, show that the natural sciences are in dire need, in the area in question, of truly placing the entire scope of their findings on a different foundation than the one they stand on today. Natural science—as I have already indicated in previous lectures—has opened up remarkable realms of fact. But these cannot be encompassed by the narrowly defined concepts and ideas we have of nature today. In the course of the previous lecture, I took the liberty of pointing out: how spiritual science leads us to relate the entire spiritual-soul aspect of the human being to the entire physical-bodily aspect, and how it turns out that one must relate the actual life of imagination to nervous activity, the life of feeling to the ramifications and dependencies of the respiratory rhythm, and the life of the will to metabolism.

[ 17 ] Gehen wir, einleitungsweise, auf eine Fortsetzung naturwissenschaftlicher Anschauung über die Beziehung, die das menschliche seelische Vorstellungsleben zum Nervenleben hat, aus, so wird selbstverständlich der an die heutigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen Gewöhnte sagen müssen: Es gehen gewisse Vorgänge im Nervenleben vor sich; diese sind Ursachen oder Parallelvorgänge des Vorstellungslebens. — Und da einem jeden seelischen Vorstellungsvorgang nach diesen naturwissenschaftlichen Annahmen ein Nervenvorgang entsprechen muß — der aber als solcher im ganzen Organismus kausal, ursächlich begründet ist —, so kann, da der Nervenvorgang scheinbar mit einer Ursachennotwendigkeit aus den Bedingungen des Organismus heraus folgt, der ihm entsprechende Geistesvorgang kein freier sein, sondern er muß unter derselben Notwendigkeit stehen, wie der ihm entsprechende Nervenvorgang.

[ 17 ] If, by way of introduction, we consider a continuation of the scientific view regarding the relationship between human mental imagery and nervous activity, then anyone accustomed to current scientific concepts will naturally have to say: Certain processes take place in the nervous system; these are causes or parallel processes of the life of imagination. — And since, according to these scientific assumptions, every mental process of imagination must correspond to a nervous process—which, however, as such, is causally grounded in the organism as a whole— since the nervous process apparently follows with causal necessity from the conditions of the organism, the corresponding mental process cannot be a free one, but must be subject to the same necessity as the corresponding nervous process.

[ 18 ] So sieht es heute noch aus. So wird es, vom naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte aus gesehen, nicht in der Zukunft aussehen! Da wird man gewisse Ansätze, die heute schon im naturwissenschaftlichen Forschungsgebiete da sind, in ganz anderer Weise ansehen. Allerdings wird dazu notwendig sein, daß die Richtungslinien der Forschung von der Geisteswissenschaft vorgezeichnet werden, weil nur dadurch eine wirklich unbefangene Beleuchtung der naturwissenschaftlichen Ergebnisse zustande kommen kann.

[ 18 ] That is still how things look today. From a scientific point of view, that is not how things will look in the future! Certain approaches that already exist today in the field of natural science research will be viewed in an entirely different light. However, this will require that the guidelines for research be laid out by the humanities, because only in this way can a truly unbiased examination of the findings of natural science be achieved.

[ 19 ] Das Merkwürdige nämlich, das sich dem Geistesforscher ergibt, ist: daß unser Nervenleben in einer ganz besonderen Beziehung zum entsprechenden übrigen Organismus steht, die man bezeichnen muß dadurch, daß man sagt: im Nervenleben baut sich der Organismus in einer bestimmten Weise ab, nicht auf; und im Nervenleben kommen zunächst — wenn wir es als reines Nervenleben, nicht als Ernährungsleben im Nervensystem auffassen — diejenigen Vorgänge in Betracht, die nicht Wachstumsvorgänge, nicht aufsteigende Entwickelungsvorgänge sind, sondern rückbildende Vorgänge, Abbauvorgänge, rückläufige Entwickelungsvorgänge.

[ 19 ] What is remarkable, in fact, as the researcher of the spirit discovers, is that our nervous life stands in a very special relationship to the rest of the organism; this must be described by saying that in nervous life, the organism breaks down in a certain way, rather than building itself up; and in nervous life—if we understand it as pure nervous life, not as metabolic activity within the nervous system—the processes that come into play are not processes of growth, not ascending developmental processes, but rather processes of regression, processes of breakdown, and processes of regressive development.

[ 20 ] Es ist sehr leicht, auf diesem Gebiete, da es heute noch vollständig neu ist, mißverstanden zu werden. Und in einem so kurzen Vortrage ist es schwer, alle Begriffe heranzutragen, die solches Mißverstehen ausschließen. Man muß sich dieser Gefahr, mißverstanden zu werden, schon aussetzen. Gesagt werden kann: das Nervenleben als Nervenleben verläuft ganz anders als andere organische Vorgänge, die dem Wachstum, der Fortpflanzung oder ähnlichem dienen. Diese letzteren organischen Vorgänge sind solche aufsteigender Entwickelung. So die Zellenentwickelung, die Vorgänge, welche im Fortpflanzungsvorgang, im Wachstumsvorgang als Zellteilung zu beobachten sind, als Nebeneinanderlagerung der noch im Leben der Fortpflanzung, wenigstens einer gewissen partiellen Fortpflanzung befindlichen Zellen. Indem sich aber die menschliche Organisation — bei der tierischen ist es ähnlich, sie interessiert uns heute weniger — in das Nervenleben hineinerstreckt, erstirbt sie partiell im Nervenleben. In das Nervenleben hinein findet ein Abbau der aufsteigenden Prozesse statt. So daß man sagen kann, schon rein naturwissenschaftlich zeigt sich — und mit dem Nervenleben parallel geht in einer gewissen Weise das Leben der roten Blutkörperchen —, daß die Teilungsvorgänge in die Nervenzellen und in die roten Blutkörperchen hinein aufhören. Und das ist schon eine rein tatsächliche Andeutung desjenigen, was das schauende Bewußtsein erkennt: daß der Nerv nicht beteiligt sein kann an irgend etwas Hervorbringendem, sondern daß der Nerv das Leben innerlich aufhält, daß also da, wo der Nerv sich verästelt, das Leben erstirbt.

[ 20 ] It is very easy to be misunderstood in this field, since it is still entirely new today. And in such a short lecture, it is difficult to introduce all the concepts necessary to prevent such misunderstandings. One must simply accept this risk of being misunderstood. What can be said is this: nervous activity, as nervous activity, proceeds quite differently from other organic processes that serve growth, reproduction, or similar functions. These latter organic processes are ones of ascending development. Such as cellular development—the processes observable in reproduction and growth as cell division—as the coexistence of cells still involved in the life of reproduction, or at least in a certain partial form of reproduction. However, as the human organism—the situation is similar in animals, though that interests us less today—extends into nervous life, it partially ceases to exist within that nervous life. Within the nervous life, a breakdown of the ascending processes takes place. So that one can say that even from a purely scientific standpoint—and the life of the red blood cells runs parallel to the nervous life in a certain way—it is evident that the processes of division cease within the nerve cells and the red blood cells. And this is already a purely factual indication of what the observing consciousness perceives: that the nerve cannot participate in anything productive, but rather that the nerve internally halts life, so that wherever the nerve branches out, life dies.

[ 21 ] Wir tragen, indem wir das Nervensystem in uns tragen, den Tod gewissermaßen schon organisch in uns. Sollte ich mit etwas anderem im Organismus — so sonderbar das klingt — vergleichen, was da eigentlich im Nervenleben stattfindet, so müßte ich sagen: Was unterbewußt im Nervenleben vor sich geht, das läßt sich nicht etwa vergleichen mit dem Prozesse, der sich abspielt, wenn der Mensch Nahrung aufgenommen hat, und diese Nahrung nun verarbeitet wird im Organismus zum weiteren Aufbau; nein, der eigentliche Nervenprozeß — als Nervenprozeß, nicht als Nervenernährungsprozeß — läßt sich mit dem vergleichen, was im Organismus entsteht, wenn der Organismus sein Gewebe abbaut im Hunger. So daß sich nicht ein Aufbauendes, sondern ein Abbauendes in das Nervensystem hinein erstreckt.

[ 21 ] By having a nervous system within us, we already carry death within us, in a sense, organically. If I were to compare what actually takes place in nervous life to something else in the organism—as strange as that may sound—I would have to say: What goes on subconsciously in nervous life cannot be compared to the process that takes place when a person has ingested food and that food is now being processed in the organism for further growth; no, the actual nervous process—as a nervous process, not as a process of nervous nutrition—can be compared to what arises in the organism when the organism breaks down its own tissue during starvation. So that it is not a constructive process but a destructive one that extends into the nervous system.

[ 22 ] Aus diesem Nervensystem kann nicht irgend etwas sich entwickeln, nicht irgend etwas sich ergeben, unmittelbar aus ihm heraus; sondern dieses Nervensystem stellt einen aufgehaltenen Prozeß dar, der in seinem fortlaufenden Verlauf im Zellenleben bei den Fortpflanzungszellen, bei den Wachstumszellen erscheint: da ist er fortlaufend; er wird aufgehalten in den Nervenorganen. So daß das Nervenleben in Wahrheit nur den Grund und Boden liefert, daß sich auf ihm etwas anderes ausbreiten kann.

[ 22 ] Nothing can develop from this nervous system, nothing can arise directly from it; rather, this nervous system represents a suspended process that, in its ongoing course, appears in cellular life—in the reproductive cells and in the growth cells: there it is continuous; it is suspended in the nervous organs. Thus, nervous life in truth provides only the foundation upon which something else can develop.

[ 23 ] Dasjenige, was sich auf diesem Nervenleben ausbreitet, was sich aber dieses Nervenleben gleichsam hinzieht, das ist dasjenige, was in dieses Nervenleben nun als das — zunächst durch die äußeren Sinne angeregte — Vorstellungsleben einzieht. Und nur dann, wenn man versteht, daß die Nerven nicht Veranlassung des Vorstellens sind, sondern nur den Boden abgeben dadurch, daß sie das organische Leben abgebaut haben, nur wenn man dies versteht, versteht man, daß ein dem Nervenleben selbst Fremdes auf dem Grunde dieses Nervenlebens sich entwickelt.

[ 23 ] That which spreads throughout this nervous life, yet is, as it were, drawn along by it, is that which now enters into this nervous life as the life of imagination—initially stimulated by the external senses. And only when one understands that the nerves are not the cause of imagination, but merely provide the foundation by having broken down organic life—only when one understands this—does one understand that something foreign to nervous life itself develops on the basis of this nervous life.

[ 24 ] So fremd ist das, was sich als Geistig-Seelisches auf dem Grunde dieses sich selbst abbauenden Nervenlebens entwickelt, daß man sagen kann: Es ist wirklich so, wie wenn ich über eine Straße gehe und meine Fußtritte als Spuren eingrabe. Geht dann jemand nach, so darf er nun nicht das, was da als Formen meiner Fußtritte sichtbar ist, aus irgendwelchen Kräften ableiten, die im Erdreich selber sind, die gleichsam aus dem Inneren des Erdreichs herauf diese Fußspuren markieren würden. Obwohl man, wie meine Fußtritte im Boden, jede Äußerung seelischen Lebens im Nervensystem sieht, so darf doch nicht aus einem inneren «Heraufsteigen aus dem Nervensystem» erklärt werden, was geistig-seelisches Leben ist. Sondern in den zubereiteten Boden werden durch das geistig-seelische Leben Spuren eingegraben, in den Boden, der dadurch vorbereitet ist, daß eben innerhalb des Nervs darauf «verzichtet» wird — wenn ich es symbolisch so ausdrücken darf —, die eigene organische Produktivität fortzusetzen.

[ 24 ] What develops as a spiritual-soul aspect at the root of this self-destructive nervous life is so foreign that one can say: It is truly as if I were walking down a street and leaving my footprints as traces. If someone then follows in my footsteps, they must not attribute what is visible there as the shapes of my footsteps to any forces inherent in the earth itself—forces that, as it were, would mark these footprints from within the earth. Although one sees every expression of soul life in the nervous system, just as one sees my footprints in the ground, one must not explain what spiritual-soul life is as an inner “rising up from the nervous system.” Rather, traces of spiritual-soul life are imprinted into the prepared ground—a ground that has been prepared precisely because, within the nerve, there is a “relinquishment”—if I may express it symbolically—of its own organic productivity.

[ 25 ] Was sich so aus dem Boden des Abbaues, des Ersterbens im Menschen als geistig-seelisches Leben, zunächst als Vorstellungsleben entwickelt, das stellt sich durchaus auch dem schauenden Bewußtsein im Zusammenhange mit dem organischen Leben, zunächst dem Nervenleben, dar; aber so, daß es in diesem Nervenleben nur seine Voraussetzung, seinen Boden hat, dasjenige, was da sein muß, unter dessen Voraussetzung es an diesem Orte sich betätigen kann. Dagegen ist dasjenige, was sich betätigt — obwohl es für die äußere Beobachtung hervorzugehen scheint aus dem Nervensystem, gebunden zu sein scheint an das Nervensystem —, es ist dieses geistig-seelische Leben gegenüber dem Nervensystem so unabhängig wie das Kind gegenüber den Eltern, das selbständige innere Regsamkeit entfaltet, trotzdem die Eltern der Mutterboden für dasjenige sind, auf Grund dessen sich das Kind entwickeln muß. Wie man dem äußeren Anschauen nach die Ursache für das Kind in dem Elternpaar sehen kann, wie aber das Kind in vollständig freier Entfaltung seiner Individualität dasteht und man nicht sagen kann: wenn das Kind zur Selbständigkeit heranwächst, so sei in ihm nicht eine von den Eltern losgelöste Regsamkeit —, genau in demselben Sinne muß man sagen: Was sich im geistig-seelischen Sinne regt und sich entwickelt, das macht sich unabhängig von dem Mutterboden, auf dem es gedeihen muß.

[ 25 ] What develops from the very depths of decay and the initial dying-off within the human being as a spiritual-soul life—initially as a life of imagination—is also presented to the observing consciousness in connection with organic life, initially with nervous life; but in such a way that it has in this nervous life only its prerequisite, its foundation—that which must be present there, without which it could not function in this realm. In contrast, that which is active—although to external observation it seems to emerge from the nervous system and to be bound to it—this spiritual-psychic life is as independent of the nervous system as a child is of its parents, unfolding its own independent inner activity, even though the parents are the fertile ground upon which the child must develop. Just as, from an external perspective, one can see the parents as the cause of the child, yet the child stands there in the completely free unfolding of its individuality, and one cannot say: “When the child grows into independence, there is no activity within it that is detached from the parents”—in exactly the same sense, one must say: Whatever stirs and develops in the spiritual-soul sense becomes independent of the fertile ground in which it must flourish.

[ 26 ] Ich deute hier ein Vorstellungssystem nur an, das im Laufe der Zeit — Geisteswissenschaft ist ja im Anfange ihrer Entwickelung — einen Ausbau gerade dadurch erfahren wird, daß gewisse naturwissenschaftliche Vorstellungen zu ihrer Höhe getrieben werden. Und gerade diese naturwissenschaftlichen Vorstellungen werden nicht dazu führen, die menschliche Freiheit auszuschließen, sondern dazu, auch naturwissenschaftlich die Freiheit zu erklären, die Freiheit zu verstehen — weil sie dazu führen werden, nicht nur, wie man es jetzt tut, aufbauende, fortschreitende Vorgänge zu beobachten im Organismus, sondern abbauende und in sich selber sich lähmende Vorgänge —, weil sie zeigen werden, daß, damit das Geistig-Seelische entsteht, nicht das Organische in gerader Linie der Entwickelung fortschreiten und das Geistige aus sich hervorbringen kann, sondern daß dieses Organische, indem das Geistige heraufzieht in das Organische, zuerst den Boden dadurch bereiten muß, daß es sich selbst in sich vernichtet, in sich abbaut.

[ 26 ] I am merely hinting here at a conceptual framework that, over time—since the humanities are still in the early stages of their development—will be expanded precisely by taking certain scientific concepts to their fullest potential. And it is precisely these scientific concepts that will not lead to the exclusion of human freedom, but rather to explaining and understanding freedom from a scientific perspective as well—because they will lead us not only to observe, as we do now, constructive, progressive processes within the organism, but also destructive and self-paralyzing processes— because they will show that, for the spiritual-soul aspect to arise, the organic cannot simply progress in a straight line of development and bring forth the spiritual from within itself, but that this organic, as the spiritual rises into it, must first prepare the ground by destroying itself from within, by breaking itself down.

[ 27 ] Daß man zu den heute einzig und allein berücksichtigten Aufbauvorstellungen die Vorstellungen über abbauendes Leben hinzufügen wird, das wird mit großen Fortschritten naturwissenschaftlicher Anschauungsweise in der Zukunft verbunden sein. Und das wird eine Brücke schlagen, die geschlagen werden muß, weil Naturwissenschaft heute nicht übergangen werden darf, eine Brücke von der begriffenen Natur zu dem zu begreifenden sozialen Lebensgebiet.

[ 27 ] The fact that concepts of life based on decomposition will be added to the concepts of construction—which are the only ones taken into account today—will be linked to major advances in the scientific worldview in the future. And this will build a bridge—one that must be built, because science cannot be ignored today—a bridge from the understood natural world to the realm of social life that remains to be understood.

[ 28 ] Nur unvollendete Naturwissenschaft ist ein Hindernis, die für das soziale Lebensgebiet notwendigen Begriffe zu gewinnen; vollendete Naturwissenschaft wird gerade durch ihre innere Gediegenheit, durch ihre innere Größe, eine richtige Sozialwissenschaft begründen helfen.

[ 28 ] Only an incomplete natural science is an obstacle to gaining the concepts necessary for the social sphere of life; a complete natural science, precisely because of its intrinsic solidity and greatness, will help lay the foundation for a true social science.

[ 29 ] Nachdem ich auf diese Weise wenigstens andeutungsweise den Fundamentalbegriff des sozialen Lebens, den Freiheitsbegriff, entwickelt habe — wie er mehr innerlich gesehen werden muß, das habe ich schon 1894 ausführlich ausgeführt in meiner «Philosophie der Freiheit», und diese innerliche Begründung stimmt vollständig mit dem überein, was ich nunmehr auf mehr naturwissenschaftliche Art gezeigt habe, wie ja hervorgeht aus den Darlegungen über diese Verhältnisse, die ich in meinem vor nahezu zwei Jahren erschienenen Buche «Vom Menschenrätsel» gegeben habe —, möchte ich fortfahren in der Auseinandersetzung über den Zusammenhang des menschlichen geistig-seelischen Lebens mit anderen Gebieten des Daseins.

[ 29 ] Having thus developed, at least in outline, the fundamental concept of social life—the concept of freedom—I explained in detail as early as 1894 in my Philosophy of Freedom how this concept must be understood from a more intrinsic perspective, and this inner justification is entirely consistent with what I have now demonstrated in a more scientific manner, as is evident from the explanations of these relationships that I provided in my book The Riddle of Man, published nearly two years ago—I would like to continue the discussion of the connection between human spiritual and psychological life and other realms of existence.

[ 30 ] Ich habe das letzte Mal und heute andeutungsweise darauf hingewiesen, wie dieses Geistig-Seelische zusammenhängt: als Vorstellungsleben mit dem Nervenleben, als Gefühlsleben mit dem Atmungsrhythmusleben, als Willensleben mit dem Stoffwechselleben. Das aber ist nur der Zusammenhang nach der einen Seite hin. Genau ebenso wie Naturwissenschaft, wenn sie sich in sich selbst nach dieser Richtung hin vollenden wird, die dreifach gegliederte Seele als Ganze in Zusammenhang bringen wird — wie ich das dargelegt habe mit dem ganzen menschlichen Leibesorganismus, so wird Geisteswissenschaft nach der anderen Seite, nach der Seite des Geistes, die Beziehungen des menschlich Geistig-Seelischen zu diesem Geistigen aufsuchen können.

[ 30 ] I alluded to this connection between the spiritual and the soul last time and again today: the life of imagination with the nervous life, the life of feeling with the rhythmic life of breathing, and the life of will with the metabolic life. But this is only the connection from one side. Just as natural science, when it reaches its full development in this direction, will bring the threefold soul as a whole into connection—as I have explained with regard to the entire human physical organism—so spiritual science will be able to explore the relationships of the human spiritual-soul life to the spiritual realm from the other side, the side of the Spirit.

[ 31 ] So wie das Vorstellungsleben auf der einen Seite seinen leiblichen Grund und Boden in dem Nervenleben hat, so hängt das Vorstellungsleben nach der anderen, nach der geistigen Seite, mit einer Welt zusammen, zu der es gehört. Aber diese Welt, mit welcher das Vorstellungsleben nach der geistigen Seite zusammenhängt, kann man nur erkennen durch das schauende Bewußtsein, und zwar durch die erste Stufe dieses schauenden Bewußtseins, durch dasjenige, was ich das imaginative Erkennen, das imaginative Schauen genannt habe, das aus der Seele selbst herausgeholt wird, wie ein geistiges Auge aufgeht. Ich habe das im ersten Vortrag charakterisiert.

[ 31 ] Just as the life of the imagination has, on the one hand, its physical foundation in nervous activity, so, on the other hand—the spiritual side—it is connected to a world to which it belongs. But this world, with which the life of the imagination is connected on the spiritual side, can only be perceived through contemplative consciousness—specifically through the first stage of this contemplative consciousness, through what I have called imaginative cognition, imaginative seeing, which is drawn forth from the soul itself, as if a spiritual eye were opening. I characterized this in the first lecture.

[ 32 ] So wie das Vorstellungsleben in Beziehung steht zu dem Leibes-Nervenleben, in ihm seinen Grund und Boden hat, so geht es hervor aus dem Geistigen, aus einer rein geistigen Welt, die erkannt wird als eine wirkliche Welt, wenn man mit dem imaginativen Bewußtsein diese Wirklichkeit beobachtet. Diese wirkliche Welt ist nicht innerhalb der Sinneswelt beschlossen. Sie ist gewissermaßen die erste uns zunächstliegende übersinnliche Welt.

[ 32 ] Just as the life of the imagination is related to the life of the body and nervous system—and has its foundation in it—so it arises from the spiritual realm, from a purely spiritual world that is recognized as a real world when one observes this reality with imaginative consciousness. This real world is not confined within the sensory world. It is, so to speak, the first supersensory world that lies immediately before us.

[ 33 ] Und hier kommt man darauf, daß das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, wie es ihm bewußt wird durch sein gewöhnliches Bewußtsein, nur ein Teil seiner Gesamtbeziehung zur Welt ist; denn, was wir im gewöhnlichen Bewußtsein in uns tragen, das ist ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit, in der wir drinnenstehen. Unter diesem Bewußtsein liegt ein anderes Verhältnis des Menschen zur Umwelt, zur Naturwelt und zur Geisteswelt. Schon das Verhältnis des Vorstellungslebens zum leiblichen Nervenleben ist ja unter die Schwelle des Bewußtseins gedrängt und kann nur mit Mühe heraufgeholt werden, wenn man es so charakterisieren will, wie ich es heute getan habe. Aber auf der anderen Seite ist auch das Verhältnis des menschlichen Vorstellungslebens zur imaginativ zu erfassenden geistigen Welt ein solches, das nicht in das gewöhnliche Bewußtsein, wohl aber in die menschliche Wirklichkeit eintritt.

[ 33 ] And here one comes to realize that the relationship of human beings to their environment, as they perceive it through their ordinary consciousness, is only a part of their overall relationship to the world; for what we carry within us in ordinary consciousness is merely a fragment of the reality in which we are immersed. Beneath this consciousness lies another relationship of the human being to the environment, to the natural world, and to the spiritual world. Even the relationship between the life of imagination and physical nervous activity is, after all, pushed below the threshold of consciousness and can only be brought to the surface with difficulty if one wishes to characterize it as I have done today. On the other hand, however, the relationship between human imaginative life and the spiritual world—which can be grasped through the imagination—is also one that does not enter ordinary consciousness, but certainly enters human reality.

[ 34 ] Im menschlichen Bewußtsein haben wir zunächst alles, was angeregt wird durch unsere Sinne und durch den an die Sinne gebundenen Verstand; das umfaßt unser gewöhnliches Bewußtsein. Aber darunter spielt sich eine Summe von Vorgängen ab, die zunächst nicht in dieses gewöhnliche Bewußtsein eintreten, sondern die ein Hereinspielen eines nur imaginativ zu erfassenden Geistigen in unser seelisches Wesen sind, so wie das Hereinspielen der Töne, Farben, Gerüche und so weiter in unser gewöhnliches Bewußtsein im Seelenleben geschieht. So hebt sich gewissermaßen das gewöhnliche Bewußtsein aus einem anderen Gebiete heraus, das erst durch das imaginative Vorstellen in dieses Bewußtsein heraufgetragen werden kann. Daß der Mensch nichts weiß von diesen Dingen, bedeutet nicht, daß sie in seiner Wesenheit nicht wirklich seien. Indem wir durch die Welt schreiten, tragen wir den Inhalt unseres gewöhnlichen Bewußtseins mit uns; aber wir tragen auch alles dasjenige mit uns, was außerdem hereinkommt aus der imaginativen, so will ich sie nennen, geistigen Welt zunächst.

[ 34 ] In human consciousness, we first have everything that is stimulated by our senses and by the intellect bound to the senses; this comprises our ordinary consciousness. But beneath this, a whole series of processes takes place that do not initially enter this ordinary consciousness, but rather consist of the inflow into our soul life of a spiritual element that can be grasped only through imagination—just as the inflow of sounds, colors, smells, and so on occurs in our ordinary consciousness within the life of the soul. In a sense, ordinary consciousness stands out from another realm that can only be brought into this consciousness through imaginative perception. The fact that human beings know nothing of these things does not mean that they are not real in their very nature. As we go through the world, we carry with us the contents of our ordinary consciousness; but we also carry with us everything that comes in from what I will call the imaginative, spiritual world, to begin with.

[ 35 ] Es ist insbesondere in der Gegenwart von einer ganz großen Bedeutung, sich klarzumachen, daß das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt so ist. Denn ein Forschungsgebiet — ich bin weit entfernt davon, dieses Forschungsgebiet zu unterschätzen, ich schätze es in seiner Bedeutung —, ein Forschungsgebiet, zu dem gerade die Veranlassung ist, daß es in der Gegenwart auftritt, tritt wirklich in der Gegenwart auf: wie ein mächtiger Hinweis auf das allerdings der Gegenwart noch recht unbekannte Verhältnis des Menschen zu der Umwelt, die ich eben als die imaginative Geisteswelt charakterisiert habe. Aber das ist eben eine Eigentümlichkeit der Gegenwart, daß vieles in das Bewußtsein der Menschen hereintritt, das eigentlich nur umspannt und umfaßt werden kann mit den Erkenntnismitteln der Geisteswissenschaft. Der Mensch ist gegenwärtig aufgefordert, diese Dinge zu erkennen, weil er, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, mit der Nase darauf gestoßen wird, weil das Leben sich so entwickelt, daß der Mensch darauf gestoßen wird. Aber es herrscht innerhalb unserer Zeitgenossenschaft noch eine für viele unüberwindliche Abneigung, mit den Erkenntnismitteln der Geisteswissenschaft daran heranzugehen. Und so wollen sie mit den an der gewöhnlichen Naturwissenschaft oder an anderem geschulten Begriffen an Gebiete herantreten, die mit aller Energie von den Menschen heute gewissermaßen fordern, daß sie erforscht werden.

[ 35 ] It is of great importance, especially today, to realize that this is the nature of humanity’s relationship to its environment. For a field of research—and I am far from underestimating this field of research; I recognize its significance—a field of research that has arisen precisely because of the circumstances of the present truly emerges in the present: as a powerful indication of the relationship between human beings and their environment—a relationship that is, admittedly, still quite unknown to the present age—which I have just characterized as the imaginative spiritual world. But this is precisely a peculiarity of the present: that many things are entering people’s consciousness that can actually only be encompassed and grasped through the methods of spiritual science. Human beings are currently called upon to recognize these things because—if I may use a trivial expression—they are being confronted with them head-on, because life is developing in such a way that human beings are confronted with them. But there still prevails among our contemporaries an aversion—insurmountable for many—to approaching these matters with the methods of spiritual science. And so they seek to approach areas—which, in a sense, demand with all their might that they be explored by people today—using concepts derived from conventional natural science or other disciplines.

[ 36 ] Das Gebiet, das ich hier meine, ist das gerade in dieser Stadt so sehr bekannte Gebiet der analytischen Psychologie, auch Psychoanalyse genannt. Diese Psychoanalyse ist dadurch bemerkenswert, daß vor dem psychoanalytischen Forscher fordernd ein Gebiet auftritt, das nicht von dem gewöhnlichen Bewußtsein umfaßt wird, das hinweisen muß auf etwas, was unter der Schwelle dieses gewöhnlichen Bewußtseins liegt. Aber nun versucht man, dieses Gebiet zu ergreifen mit dem, was ich nennen möchte unzulängliche Erkenntnismittel. Und da man mit diesen unzulänglichen Erkenntnismitteln versucht, auch praktisch tätig zu sein, auch in die soziale Lebensstruktur einzugreifen — wenn auch zunächst nur therapeutisch und pädagogisch, vielleicht auch schon seelsorgerisch —, so muß man sagen, die Sache hat nicht nur eine theoretische Bedeutung, die Sache hat eine wichtige praktische Bedeutung. Nun kann ich selbstverständlich nicht das ganze Gebiet der Psychoanalyse auseinandersetzen. Dazu brauchte es viele Vorträge. Aber auf einiges Konkrete, Prinzipielle will ich gerade in diesem Zusammenhang hinweisen. Denn diese Psychoanalyse ist ein Gebiet, wo sich gewissermaßen Forschung und soziales Leben auf einem Punkte begegnen, wie wir andere Gebiete von dieser Art heute noch zu besprechen haben.

[ 36 ] The field I am referring to here is that of analytical psychology—also known as psychoanalysis—which is so well known in this very city. This psychoanalysis is remarkable in that the psychoanalytic researcher is confronted with a realm that is not encompassed by ordinary consciousness—a realm that must point to something lying beneath the threshold of that ordinary consciousness. But now one attempts to grasp this realm with what I would call inadequate means of knowledge. And since people are attempting to act practically with these inadequate means of understanding—even to intervene in the structure of social life—albeit initially only in therapeutic and educational ways, and perhaps even in pastoral care—it must be said that the matter has not only theoretical significance; it has important practical significance as well. Now, of course, I cannot cover the entire field of psychoanalysis. That would require many lectures. But I would like to point out a few specific, fundamental points in this particular context. For psychoanalysis is a field where, in a sense, research and social life converge at a single point, as we will still have to discuss other fields of this kind today.

[ 37 ] Vor allen Dingen wissen Sie ja vielleicht, daß die analytische Psychologie im wesentlichen damit arbeitet, gewisse, ich möchte sagen verlorene, Erinnerungsvorstellungen in das gewöhnliche Bewußtsein zu therapeutischen Zwecken heraufzuholen. Sie setzt also voraus, daß im Seelenleben gewisse Elemente vorhanden sind, die im gewöhnlichen Bewußtsein nicht vorliegen. Sie kommt dann in weitem Umfang zu der Annahme, daß dieses in das Unterbewußtsein Hinuntergetauchte Erinnerungsvorstellungen sind oder Ähnliches, und sucht dann mit Hilfe des gewöhnlichen Erinnerungsbegriffes unter die Schwelle des Bewußtseins zu kommen, hinabzuleuchten unter die Schwelle des Bewußtseins in Gebiete, wohin das gewöhnliche Bewußtsein nicht leuchtet.

[ 37 ] Above all, you may know that analytical psychology essentially works by bringing certain—I would say “lost”—memories into ordinary consciousness for therapeutic purposes. It therefore assumes that certain elements exist in the life of the psyche that are not present in ordinary consciousness. It then largely assumes that these are memories or similar phenomena that have sunk into the unconscious, and seeks, with the help of the ordinary concept of memory, to go below the threshold of consciousness—to shine a light beneath the threshold of consciousness into regions where ordinary consciousness does not reach.

[ 38 ] Nun habe ich ja schon in diesen Vorträgen angedeutet, daß Geisteswissenschaft ganz wesentlich den Erinnerungsvorgang des Menschen zu beleuchten hat. Auch auf diesem Gebiete wird es ja selbstverständlich nicht möglich sein, alle Mißverständnisse, die sich gegenüber einer kurzen Darstellung erheben können, auszuschließen. Ich habe zum Beispiel gehört — öfter, nicht einmal —, daß Psychoanalyse eigentlich auf demselben Wege wäre wie die von mir vertretene Geisteswissenschaft; nur nähmen die Psychoanalytiker gewisse Dinge symbolisch, während ich diese Dinge, die der Psychoanalytiker in seiner Aufgeklärtheit symbolisch nimmt, für Wirklichkeiten nähme. Das ist ein groteskes Mißverständnis, denn durch nichts kann man schlechter das Verhältnis der Psychoanalyse zu der von mir gemeinten Geisteswissenschaft charakterisieren, als wenn man dieses sagt.

[ 38 ] I have already indicated in these lectures that spiritual science must, in a very fundamental way, shed light on the human process of memory. In this area, too, it will of course not be possible to rule out all misunderstandings that may arise in response to a brief presentation. For example, I have heard—more than once, in fact—that psychoanalysis is actually on the same path as the spiritual science I advocate; the only difference being that psychoanalysts interpret certain things symbolically, whereas I regard these very things—which the psychoanalyst, in his enlightenment, interprets symbolically—as realities. This is a grotesque misunderstanding, for nothing could characterize the relationship between psychoanalysis and the science of the spirit as I understand it more poorly than making such a statement.

[ 39 ] Dazu aber, um das einzusehen, ist nötig, daß noch einmal eingegangen wird auf das Wesen des Erinnerungsvorganges. Ich muß noch einmal betonen: der Vorstellungsvorgang, die Tätigkeit des Vorstellens, ist etwas, was im Grunde genommen innerhalb des menschlichen Seelenlebens nur der Gegenwart angehört. Eine Vorstellung taucht niemals als solche in irgendein Unterbewußtsein hinunter, geradesowenig wie ein Spiegelbild, wenn man an dem Spiegel vorbeigegangen ist und das Spiegelbild nicht mehr erscheint, irgendwo sich niederlegt, damit es wieder auftauchen kann, wenn man ein zweites Mal vor dem Spiegel vorbeigeht. Das Auftauchen der Vorstellung ist eine Erscheinung, die beginnt und schließt, indem sie sich gegenwärtig abspielt. Und wenn man den Glauben hegt, daß Erinnerung darin bestehe, daß die Vorstellung irgendwo «war» und wiederum «herauftritt», so kann man zwar ein sehr guter Herbartscher Psychologe sein, auch ein Psychologe in mancherlei anderer Richtung, aber man steht nicht auf dem Boden einer wirklich beobachteten Tatsache.

[ 39 ] However, in order to understand this, it is necessary to revisit the nature of the process of memory. I must emphasize once again: the process of imagination—the act of imagining—is something that, fundamentally speaking, belongs only to the present within human mental life. An image never sinks into any kind of subconscious as such—any more than a reflection, once you have walked past the mirror and the reflection no longer appears, settles somewhere so that it can reappear when you walk past the mirror a second time. The emergence of a mental image is a phenomenon that begins and ends by unfolding in the present. And if one holds the belief that memory consists in a mental image having “been” somewhere and then “reappearing,” one may well be a very good Herbartian psychologist—or a psychologist in many other schools of thought—but one is not standing on the ground of a truly observed fact.

[ 40 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist etwas ganz anderes. Die Welt, in der wir leben, ist nicht nur von dem durchsetzt, was in das augenblickliche Vorstellungsleben durch unser Auge, Ohr, an Sinnesinhalt eindringt, was nur ein gegenwärtiges Leben gewinnt; sondern dieser ganzen Welt liegt zugrunde — auch der äußeren Naturwelt selbstverständlich — eine imaginativ zu erfassende Welt, die zunächst nicht zum Bewußtsein kommt. Dasjenige, was in dieser imaginativen Welt ist, das wirkt dem augenblicklichen Vorstellungsleben parallel: während ich vorstelle, also diese augenblicklichen gegenwärtigen Vorgänge in mir sich abspielen lasse, wirkt ihnen — indem ein Strom unterbewußten Lebens durch meine Seele durchzieht — parallel ein anderer Vorgang. Und dieser andere Vorgang, der führt zu den inneren Spurenbildungen — ich könnte sie sehr ausführlich charakterisieren, aber ich muß mich hier auf Andeutungen beschränken —, die später beobachtet werden, wenn Erinnerung auftritt.

[ 40 ] What is at issue here is something entirely different. The world in which we live is not only permeated by what enters our present life of imagination through our eyes and ears as sensory content—which gains only a momentary existence—but underlying this entire world—including, of course, the external natural world—is a world that can be grasped imaginatively, one that does not initially come into consciousness. What exists in this imaginative world operates in parallel with our immediate life of imagination: while I imagine—that is, while I allow these immediate, present processes to unfold within me—another process operates in parallel with them, as a stream of subconscious life flows through my soul. And this other process leads to the formation of inner traces—I could characterize them in great detail, but I must limit myself here to hints—which are later observed when memory arises.

[ 41 ] Tritt also Erinnerung auf, so wird nicht die alte Vorstellung, wie sie irgendwo aufgehoben gewesen wäre, wieder vergegenwärtigt, sondern es wird nach innen angeschaut, was durch einen Parallelvorgang geblieben ist. Erinnerung besteht in einer inneren Wahrnehmung.

[ 41 ] Thus, when a memory arises, it is not the old idea—as if it had been stored away somewhere—that is brought back to mind, but rather one looks inward at what has remained through a parallel process. Memory consists of an inner perception.

[ 42 ] Im Unterbewußten ist die menschliche Seele zu mancherlei fähig, zu dem sie nicht im Bewußten fähig ist im gewöhnlichen Leben. Und wenn ich den Vorgang, der eintritt, wenn ein sogenanntes vergessenes Ereignis wiederum «in die Erinnerung herauftritt», im groben Sinne — ich betone ausdrücklich: im groben Sinne! — mit etwas vergleichen will, so möchte ich sagen, dieser Vorgang ist ganz ähnlich dem Vorgang der äußeren Wahrnehmung; nur daß ich, wenn ich eine äußere Wahrnehmung habe, das Wahrgenommene in der vorübergehenden, nur gegenwärtigen Vorstellung nachbilde; was ich aber in derErinnerung nachbilde, ist eine Ausprägung innerer Wahrnehmung: ich nehme den stehengebliebenen Rest des Parallelvorganges innerlich wahr. Erinnerung ist, grob verglichen, ein Lesen der Seele in einer späteren Zeit dessen, was mit der Vorstellungsbildung parallel gegangen ist. Die Seele hat unterbewußt dieses Vermögen, in sich zu lesen, was sich gebildet hat, während ich vorgestellt habe. Damals habe ich es nicht gewußt; denn da war es von der Vorstellung zugedeckt. Jetzt wird es erinnert. Statt daß ich von außen die Sache wahrnehme, nehme ich den eigenen inneren Vorgang wahr. So ist die Wirklichkeit.

[ 42 ] In the subconscious, the human soul is capable of many things that it is not capable of in the conscious mind during ordinary life. And if I were to compare—in a broad sense—I emphasize: in a broad sense!—the process that occurs when a so-called forgotten event “resurfaces in memory,” I would say that this process is very similar to the process of external perception; except that when I have an external perception, I recreate what is perceived in a fleeting, purely present mental image; but what I recreate in memory is an expression of inner perception: I perceive internally the residual element of the parallel process that has remained. Memory is, roughly speaking, the soul’s reading at a later time of what occurred in parallel with the formation of the mental image. The soul subconsciously possesses this ability to read within itself what has been formed while I was imagining. At the time, I did not know this; for it was obscured by the representation. Now it is recalled. Instead of perceiving the thing from the outside, I perceive my own inner process. Such is reality.

[ 43 ] Ich weiß sehr wohl, daß ein fanatischer Psychoanalytiker — aber keiner ist nach seiner Meinung fanatisch, das weiß ich auch, selbstverständlich — sagen wird, er könne sich mit einer solchen Auslegung der Erinnerung sehr gut einverstanden erklären. Aber in der Praxis seiner Auseinandersetzungen tut er es eben nie. Wer die Literatur kennt, der weiß, daß es nie geschieht, und daß gerade hier die Quelle von unzähligen Fehlern ist: weil man gar nicht weiß, daß es sich nicht um vergangene Vorstellungen handelt, die irgendwo herumbummeln im Unterbewußten, sondern um einen Vorgang, der nur begriffen werden kann, wenn man den dem Vorstellungsleben parallelgehenden Vorgang des Hereinspielens einer imaginativen Welt in unsere Welt wirklich begreift.

[ 43 ] I am well aware that a fanatical psychoanalyst—though, of course, none of them considers themselves fanatical, as I also know—will say that he can readily agree with such an interpretation of memory. But in the actual course of his arguments, he never does. Anyone familiar with the literature knows that this never happens, and that this is precisely the source of countless errors: because one does not realize at all that these are not past ideas wandering around somewhere in the unconscious, but rather a process that can only be understood if one truly grasps the process—running parallel to the life of the imagination—of an imaginative world interplaying with our world.

[ 44 ] Hier entstehen die ersten bedeutungsvollen Irrtümer dadurch, daß von dem, was man analytische Psychologie nennt, ein falsch ausgelegter Erinnerungsvorgang theoretisch zugrunde gelegt und praktisch verwertet wird. Wenn man in den wirklichen Erinnerungsvorgang eindringt, handelt es sich durchaus nicht darum, daß man dasjenige, was in der Seele des vom Psychoanalytiker als krank angesehenen Individuums auftritt, in verbummelten Erinnerungen sucht, sondern darum, daß man darauf kommt, wie der Patient im Zusammenhange steht mit einer wirklichen objektiven Welt von geistigen Vorgängen, die er nur abnorm aufnimmt. Das macht einen großen Unterschied, den man sich allerdings nach allen Seiten durchdenken muß.

[ 44 ] This is where the first significant errors arise, because what is called “analytical psychology” is based on a theoretically misinterpreted process of memory and is applied in practice accordingly. When one delves into the actual process of memory, the point is by no means to search for what occurs in the psyche of an individual deemed ill by the psychoanalyst within jumbled memories, but rather to discover how the patient relates to a real, objective world of mental processes that he perceives only abnormally. This makes a significant difference, one that must, however, be thoroughly considered from all angles.

[ 45 ] Allein der Psychoanalytiker, der eben in einseitiger Weise seine naturwissenschaftliche Schulung an einem wichtigen Tatsachengebiet anwendet, verfällt noch in einen anderen Fehler: daß er in einer Weise, wie es sich vor einer wirklichen Beobachtung nicht rechtfertigen läßt, die Traumvorstellungen für die Diagnose der Seele verwendet. Da handelt es sich darum, daß man auch durch wirkliche Beobachtung und durch wirklichkeitsgemäße Begriffe richtig in diese merkwürdige, mysteriöse Traumeswelt eindringt. Man dringt nur dann ein, wenn man weiß, wie der Mensch nicht bloß in derjenigen Umwelt wurzelt, an welcher sein gewöhnliches Bewußtsein Anteil hat, sondern — schon in dem Vorstellungsleben, wie wir gesehen haben, später werden wir noch einiges andere sehen — in einer geistigen Welt. Wenn auch im Schlafe das gewöhnliche Bewußtsein auf hört, die Beziehung zu der Welt, die unterbewußt bleibt, hört im Schlafe nicht auf.

[ 45 ] However, the psychoanalyst who applies his scientific training in a one-sided manner to an important area of facts falls into yet another error: he uses dream imagery to diagnose the psyche in a way that cannot be justified by actual observation. The point is that one must penetrate this strange, mysterious world of dreams correctly—through actual observation and concepts grounded in reality. One can only penetrate it if one understands how the human being is rooted not merely in the environment in which their ordinary consciousness participates, but—as we have seen in the life of the imagination, and as we shall see in other contexts later—in a spiritual world. Even though ordinary consciousness ceases during sleep, the connection to the world that remains subconscious does not cease during sleep.

[ 46 ] Und durch einen Vorgang, den ich auch der Kürze der Zeit willen nicht ausführlich charakterisieren kann, geschieht es, daß dann durch die besonderen Bedingungen, die der Schlaf darbietet, eingekleidet wird dasjenige, was im Zusammenhange mit der geistigen Umwelt erlebt wird, in die symbolischen Vorstellungen des Traumes. Diese Traumvorstellungen sind ihrem Inhalte nach ganz gleichgültig. Derselbe Vorgang — der in einer Beziehung des Menschen zur geistigen Umwelt besteht — kann sich bei dem einen Menschen in eine solche, bei einem anderen in eine ganz andere Folge von symbolischen Darstellungen einkleiden. Wer Erkenntnisse auf diesem Gebiete hat, der weiß, daß typische unterbewußte Seelenvorgänge bei den verschiedensten Menschen sich in die verschiedensten Lebensreminiszenzen einkleiden und daß es nicht auf den Inhalt des Traumes ankommt. Man kommt nur darauf, was da eigentlich zugrunde liegt, wenn man sich darin schult, von dem Inhalt des Traumes ganz abzusehen, wenn man sich darin schult, ich möchte sagen, die innere Dramatik des Traumes ins Auge zu fassen: ob der Traum davon ausgeht, in einer gewissen Traumvorstellung zuerst eine Grundlage zu legen, dann eine Spannung zu schaffen und einen Ablauf, oder ob eine andere Folge da ist, ob zuerst eine Spannung und dann eine Auflösung da ist.

[ 46 ] And through a process—which I cannot describe in detail here due to time constraints—what is experienced in connection with the mental environment is then clothed, through the special conditions presented by sleep, in the symbolic images of the dream. The content of these dream images is entirely irrelevant. The same process—which consists of a person’s relationship to the spiritual environment—can take the form of one sequence of symbolic representations in one person and an entirely different sequence in another. Anyone with insight into this field knows that typical subconscious psychological processes in a wide variety of people take the form of a wide variety of life memories, and that the content of the dream is irrelevant. One can only grasp what actually underlies this by training oneself to disregard the content of the dream entirely, by training oneself to I would say, to focus on the inner drama of the dream: whether the dream proceeds by first laying a foundation in a certain dream image, then creating tension and a sequence of events, or whether there is a different sequence—whether there is first tension and then a resolution.

[ 47 ] Es bedarf einer großen Vorbereitung, den Ablauf des Traumes in seiner Dramatik, ganz abgesehen von dem Inhalt der Bilder, ins Auge zu fassen. Wer Träume verstehen will, muß in der Lage sein, etwas auszuführen gegenüber dem Traume, das gleich käme dem, wenn man ein Drama vor sich hat und sich für die Bilder nur insoferne interessiert, als man dahinter den Dichter ins Auge faßt, in dem, was er auf- und abwogend erlebt. Erst wenn man aufhört, den Traum durch eine abstrakte symbolische Ausdeutung der Bilderwelt ergreifen zu wollen, erst wenn man in die Lage kommt, sich einzuleben in die innere Dramatik des Traumes, in den inneren Zusammenhang, abgesehen von der Symbolik, von dem Inhalte der Bilder, erst dann merkt man, in welchem Verhältnisse die Seele zu dem steht, was geistige Umwelt ist. Denn diese kann nicht durch die Traumbilder gesehen werden, in die derjenige, der kein imaginatives Schauen hat, durch die abnormen Verhältnisse des Schlafes das Wirkliche kleidet, sondern nur durch das imaginative Bewußtsein. Was sich abspielt jenseits der Traumbilder als Traumdramatik, das ist nur durch das imaginative Bewußtsein zu erkennen.

[ 47 ] It takes a great deal of preparation to grasp the dramatic unfolding of a dream, quite apart from the content of the images. Anyone who wants to understand dreams must be able to do something with the dream that is equivalent to sitting before a play and being interested in the images only insofar as one perceives the playwright behind them, in what he is weighing and reconsidering. Only when one ceases to try to grasp the dream through an abstract, symbolic interpretation of the imagery; only when one is able to immerse oneself in the inner drama of the dream, in its inner coherence—setting aside symbolism and the content of the images—only then does one realize the relationship the soul has to what constitutes the spiritual environment. For this cannot be seen through the dream images—into which those who lack imaginative vision clothe reality due to the abnormal conditions of sleep—but only through imaginative consciousness. What unfolds beyond the dream images as dream drama can be recognized only through imaginative consciousness.

[ 48 ] Sie wissen ja vielleicht, daß die analytische Psychologie — in einer gewissen Weise sehr löblich — ihre Forschung auch ausgedehnt hat auf die Mythenforschung, und daß sie da allerlei zutage gefördert hat, manches Interessante, manches so, daß einem die Haare dabei zu Berge stehen können, Auf das einzelne will ich ja durchaus nicht eingehen, aber wichtig ist, daß heute der einzelne Forscher noch immer so arbeitet, daß er ein gewisses enges Gebiet einseitig ausbildet und nicht Rücksicht nimmt auf das, was bereits vorliegt in der Forschung, und was manchmal viel mehr die Sache beleuchten könnte, als man sie beleuchtet.

[ 48 ] As you may know, analytical psychology—in a certain sense, quite commendably—has also extended its research to the study of myths, and has brought all sorts of things to light in that area: some interesting, some so unsettling that they can make your hair stand on end, I certainly do not wish to go into the specifics, but what is important is that today individual researchers still work in such a way that they focus one-sidedly on a certain narrow field and do not take into account what already exists in research—and what could sometimes shed much more light on the matter than they do.

[ 49 ] Ein alter Freund von mir, der längst nun gestorben ist, hat ein sehr schönes Buch geschrieben über Mythenforschung: Ludwig Laistner, «Das Rätsel der Sphinx». Indem er sozusagen die ganze Welt durchwandelt hat in bezug auf die Entstehung von Mythen, hat er in sehr interessanter Weise gezeigt, daß es, wenn man die Mythen verstehen will, gar nicht darauf ankommt, den Inhalt der Mythen, das, was erzählt wird — da so, dort so und so —, diese konkreten Mythenbilder also ins Auge zu fassen, sondern daß es auch da darauf ankommt, den überall wiederkehrenden dramatischen Vorgang, der sich auf die mannigfaltigste Weise durch die verschiedenen Mythenbilder ausdrückt, zutage zu fördern. Und da Laistner auch den Zusammenhang der Mythenbilder mit der Traumeswelt in einer noch elementaren, aber immerhin richtigen Weise ins Auge gefaßt hat, so bildeten seine Forschungen eine vorzügliche Grundlage, die Traumforschung auf die Mythenforschung überzuleiten. Würde man sich auch in der Mythenforschung darüber klar sein, daß dasjenige, was in das Traumbewußtsein hereinspielt aus dem Schöpferischen des Mythos, eigentlich nur Bilder sind, die in willkürlicher Weise, möchte ich sagen, den eigentlichen Vorgang darstellen, so würde man viel gescheiter sein. So müssen auch auf dem Gebiete der analytischen Psychologie — trotzdem ich die Bedeutung und den allerbesten und allerehrlichsten Willen der Forscher auf diesem Gebiete voll anerkenne — diese Forscher, weil sie mit unzulänglichen Erkenntnismitteln arbeiten, zu schiefen, einseitigen Versuchen kommen.

[ 49 ] An old friend of mine, who has long since passed away, wrote a very beautiful book on the study of myths: Ludwig Laistner, The Riddle of the Sphinx. By exploring, so to speak, the entire world in terms of the origins of myths, he demonstrated in a very interesting way that, if one wants to understand myths, it is not at all a matter of focusing on the content of the myths—that is, what is told—in such and such a way, this or that—that is, to focus on these concrete mythical images—but that it is also essential to bring to light the recurring dramatic process that manifests itself in the most diverse ways through the various mythical images. And since Laistner also considered the connection between mythical images and the world of dreams in a still rudimentary, yet nonetheless correct, way, his research provided an excellent foundation for bridging the gap between dream research and mythological research. If mythological research were also clear on the fact that what enters the dream consciousness from the creative realm of myth is actually nothing more than images that, in an arbitrary manner—I might say—represent the actual process, we would be much wiser. Thus, even in the field of analytical psychology—although I fully acknowledge the importance and the very best and most sincere intentions of the researchers in this field—these researchers, because they work with inadequate means of knowledge, arrive at skewed, one-sided conclusions.

[ 50 ] Es ist eben überall wenig Neigung vorhanden, wirklich in die Tiefen der Sachen einzugehen und das geistige Leben zu Hilfe zu nehmen, um die Wirklichkeit mit wirklichkeitsgemäßen Begriffen zu verstehen. Allerdings, die neuere psychoanalytische Forschung hat ja, absehend von dem gewöhnlichen Erinnerungsbegriff, absehend von jenen Träumen, die aus dem individuellen Leben angeregt werden, auch mit einem «überindividuellen Unbewußten», wie man sagt, rechnen wollen. Aber da kommt doch diese Forschungsmethode, die mit so unzulänglichen Erkenntnismitteln arbeitet, zu einem ganz sonderbaren Resultate: hier wird einmal geahnt in der Gegenwart — und man muß dankbar sein, daß es wenigstens geahnt wird —, daß dieses menschliche Seelenleben mit einem Geistesleben außer ihm in einer Beziehung steht, aber es ist nicht möglich, etwas zu tun, um diese Beziehung in ihrer Wirklichkeit zu erkennen. Ich möchte diesen Forschern wahrlich nichts am Zeuge flicken, die ich sehr verehre ob ihres Forschermutes, der noch immer groß genug sein muß innerhalb der vorurteilsvollen Welt der Gegenwart, um solche Dinge geltend zu machen; aber es muß eben — namentlich weil die Dinge auf das praktische Gebiet übergreifen — aufmerksam gemacht werden darauf, wie man aus der Einseitigkeit herauskommen kann.

[ 50 ] There is simply little inclination anywhere to truly delve into the depths of things and to draw upon intellectual life in order to understand reality using concepts that are true to reality. Admittedly, recent psychoanalytic research—moving beyond the ordinary concept of memory and beyond those dreams inspired by individual life—has also sought to account for what is called a “supra-individual unconscious.” But this research method, which works with such inadequate means of knowledge, arrives at a most peculiar result: here, in the present, there is at least a hunch—and we must be grateful that it is at least sensed—that this human inner life stands in a relationship to a spiritual life outside of itself, yet it is impossible to do anything to recognize this relationship in its reality. I truly wish to cast no blame on these researchers, whom I greatly admire for their courage as scholars—a courage that must still be great enough, within the prejudiced world of the present, to assert such things; but—precisely because these matters spill over into the practical realm—attention must be drawn to how one can move beyond this one-sidedness.

[ 51 ] Da hat denn ein sehr verdienstvoller Forscher, Jung, der hier in Zürich lebt, seine Zuflucht gewissermaßen zu transindividuellen, überindividuellen unbewußten Geistes- oder Seeleninhalten genommen: daß die menschliche Seele nicht nur zu dem in Beziehung stehe, was sie individuell irgendeinmal in die Erinnerung hinuntergebracht hatte oder dergleichen, sondern auch zu dem, was außer ihrer Individualität ist. Ein sehr schöner, ein kühner Gedanke: dieses menschliche Seelenleben nicht nur durch die Mittel des Körpers, sondern an sich mit Seelischem in der Außenwelt in Beziehung zu bringen, durchaus im höchsten Maße anzuerkennen. Aber dieser selbe Forscher führt das, was da in der Seele auftritt, doch wiederum auf eine Art, ich möchte sagen, Erinnerung zurück, wenn auch auf eine überindividuelle Erinnerung. Man kommt von dem Begriff der Mneme, der Erinnerung, nicht los, trotzdem man eigentlich nicht mehr von Erinnerung sprechen kann, wenn man über das Individuelle hinausgeht. Man kommt dazu, wie Jung sich ausdrückt: daß in der Seele leben, ohne daß es ins gewöhnliche Bewußtsein hereinkommt, «urtümliche Bilder», Bilder von dem, was einmal, sagen wir, der griechische Geist ersonnen hat als die griechischen Mythen, urtümliche Bilder, um diesen Jacob Burckhardtschen Ausdruck zu gebrauchen. Sehr bedeutsam sagt Jung: Alles, was nicht nur der individuelle Mensch, sondern was die Menschheit durchgemacht hat, kann in der Seele tätig sein; und indem das gewöhnliche Bewußtsein nichts davon weiß, stürmt und wogt das unterbewußt gegen das Bewußtsein herauf, und es entstehen die merkwürdigen Erscheinungen, die heute als hysterische oder andere Erkrankungen auftreten. Alles, was die Menschen je an Göttlichem oder auch an Teufelei erlebt haben, so sagt Jung in seinem neuesten Buche, komme wiederum herauf; der Mensch weiß nichts davon, aber es wirkt in ihm.

[ 51 ] There, a highly distinguished researcher named Jung, who lives here in Zurich, has, so to speak, turned to transindividual, supra-individual, unconscious mental or spiritual contents: that the human soul is not only related to what it has at some point individually brought down into memory or the like, but also to what lies outside its individuality. A very beautiful, a bold idea: to relate this human soul life not only through the medium of the body, but in and of itself to the spiritual in the external world, and to acknowledge this to the highest degree. But this same researcher traces what occurs in the soul back, once again, to a kind of—I would say—memory, albeit a supra-individual memory. One cannot escape the concept of “mneme,” or memory, even though one can no longer truly speak of memory once one goes beyond the individual. One comes to the conclusion, as Jung puts it, that “primordial images”—images of what, let us say, the Greek spirit once conceived as the Greek myths—live in the soul without entering ordinary consciousness; primordial images, to use this expression of Jacob Burckhardt’s. Jung makes a very significant point: Everything that not only the individual human being but also humanity as a whole has experienced can be active in the soul; and since ordinary consciousness is unaware of any of this, it surges and swells up subconsciously against consciousness, giving rise to the strange phenomena that manifest today as hysterical or other disorders. Everything that human beings have ever experienced—whether divine or diabolical—says Jung in his latest book, resurfaces; the individual is unaware of it, but it is at work within him.

[ 52 ] Nun ist es sehr interessant, hier einmal eine Forschung, die mit unzulänglichen Erkenntnismitteln arbeitet, anzupacken, gerade in einem charakteristischen Fall. In außerordentlich bedeutsamer Weise kommt dieser Forscher dazu, sich zu sagen: Wenn der Mensch in seiner Seele keine bewußte Beziehung herstellt zu einer göttlichen Welt, so stellt sich diese Beziehung in seinem Unterbewußten her, wenn er auch nichts weiß davon. In seinem Unterbewußten, unter der Schwelle des Bewußtseins, da leben die Götter; und das, wovon er nichts bewußt weiß, kann sich sogar so äußern, daß er es auf seinen Arzt oder eine andere Person, wie man sagt: projiziert. Während also die Erinnerung an irgendeine Teufelei in seinem Unterbewußten waltet, kommt sie ins Bewußtsein nicht herauf; aber sie stürmt in ihm; er muß sich davon befreien; er überträgt sie auf irgendeine Person. Die Vorstellung macht diese zum Teufel, den Arzt, oder, wenn ihm das nicht gelingt, sich selber.

[ 52 ] Now it is very interesting to examine research that relies on inadequate means of inquiry, particularly in a characteristic case. In an extraordinarily significant way, this researcher comes to say to himself: If a person does not establish a conscious connection to a divine world in his soul, then this connection is established in his subconscious, even if he is unaware of it. In his subconscious, below the threshold of consciousness, the gods dwell; and that of which he has no conscious knowledge can even manifest itself in such a way that he “projects” it onto his doctor or another person, as they say. So while the memory of some devilry reigns in his subconscious, it does not rise to consciousness; but it rages within him; he must free himself from it; he transfers it to some person. His imagination turns that person into the devil—the doctor—or, if he cannot do that, himself.

[ 53 ] Von solchen Dingen ausgehend ist es nun sehr interessant, an einer Stelle in einem der neuesten Bücher auf dem Gebiete der Psychoanalyse, «Die Psychologie der unbewußten Prozesse» von Carl Gustav Jung, zu sehen, wie ein Forscher sich diese Dinge zurechtlegt. Jung sagt: «Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur» — eine sehr verdienstvolle Anerkennung, denn es ist damit einmal anerkannt, daß der Mensch in seinem Unterbewußten so beschaffen ist, ‚daß er in diesem Unterbewußten Beziehungen zu einer göttlichen Welt herstellt! — Dann fährt er fort: «Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat. Denn diese letztere Frage gehört zu den dümmsten Fragen, die man stellen kann.»

[ 53 ] Building on these ideas, it is now very interesting to examine a passage in one of the most recent books in the field of psychoanalysis, The Psychology of Unconscious Processes by Carl Gustav Jung, to see how a researcher interprets these concepts. Jung says: “The concept of God is, in fact, an absolutely necessary psychological function of an irrational nature”—a very commendable acknowledgment, for it thereby recognizes that human beings are constituted in their subconscious in such a way “that in this unconscious he establishes connections with a divine world!” — He then continues: “The concept of God is, in fact, an absolutely necessary psychological function of an irrational nature, which has absolutely nothing to do with the question of God’s existence. For the latter question is one of the most foolish questions one can ask.”

[ 54 ] Dabei kommt nicht in Betracht, wie sich der Forscher selbst zu dem Gottesbegriff stellt. Er kann ein sehr frommer Forscher sein. Hier kommt nur in Betracht, wie sich auf diesem Gebiete das unterbewußte Vorstellungsleben, wenn man so sagen darf, dieses Forschers selbst auslebt! Durch die unzulänglichen Erkenntnismittel wird eigentlich nichts Geringeres als dieses erzielt, daß man sich sagt: Die menschliche Seele muß in ihrer Welt unter der Schwelle des Bewußtseins Beziehungen zu den Göttern herstellen; aber diese Beziehungen muß sie so gestalten, daß sie mit der Existenz Gottes nichts zu tun haben! Also: die Seele muß notwendigerweise auch zufrieden sein mit einer bloß illusionären Beziehung, die ihr aber im eminentesten Sinne notwendig ist, ohne die sie krank wird! Von einer ungeheuren Tragweite ist, was hier steht, von einer gar nicht zu unterschätzenden Tragweite! Ich habe damit nur angedeutet, wie auf einem sehr breiten Gebiete mit unzulänglichen Erkenntnismitteln gearbeitet wird.

[ 54 ] It is irrelevant how the researcher himself relates to the concept of God. He may be a very devout researcher. What matters here is only how, in this realm, the subconscious imaginative life—if one may put it that way—of this researcher himself plays out! Due to the inadequacy of our means of knowledge, what is actually achieved is nothing less than this: we tell ourselves that the human soul must establish relationships with the gods in its own world, below the threshold of consciousness; but it must shape these relationships in such a way that they have nothing to do with the existence of God! Thus: the soul must necessarily be content with a merely illusory relationship, one that is, however, absolutely essential to it in the most profound sense—without which it becomes ill! What is stated here is of immense significance—a significance that must not be underestimated! I have merely hinted at how research is conducted across a very broad field with inadequate means of inquiry.

[ 55 ] Ich fahre nun fort in der Schilderung des Menschen, wie er sich in den sozialen Lebenszusammenhang hineinzustellen hat: Das Gefühlsleben — jetzt nicht das Vorstellungsleben, sondern das Gefühlsleben des Menschen — hat auf der einen Seite, wie ich schon ausgeführt habe, sein leibliches Gegenstück in dem Atmungsrhythmus, auf der anderen Seite aber hat es seine Beziehung zu geistigen Inhalten. Was auf der geistigen Seite dem Gefühlsleben entspricht, wie auf der leiblichen Seite das Atmungsrhythmusleben, das kann als ein geistiger Inhalt, als Inhalt von geistigen Wesenheiten, geistigen Kräften, nur mit dem durchdrungen werden, was ich in diesen Vorträgen das inspirierte Bewußtsein genannt habe.

[ 55 ] I will now continue my description of how human beings must position themselves within the context of social life: The emotional life—not the life of the imagination, but the emotional life of the human being—has, on the one hand, as I have already explained, its physical counterpart in the rhythm of breathing; on the other hand, however, it is related to spiritual contents. What corresponds to emotional life on the spiritual side—just as the rhythm of breathing does on the physical side—can, as a spiritual content, as the content of spiritual beings and spiritual forces, be permeated only by what I have called “inspired consciousness” in these lectures.

[ 56 ] Mit diesem inspirierten Bewußtsein aber kommt man nicht bloß zu einem geistigen Inhalte, der unser Dasein erfüllt zwischen Geburt, oder sagen wir Empfängnis und Tod; sondern da kommt man zu der Anschauung desjenigen, was durch Geburt und Tod hindurchgeht, was zu tun hat mit unserem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, des Wesens also, das auch dann lebt, wenn der Mensch diesen physischen Leib nicht mehr trägt.

[ 56 ] With this inspired awareness, however, one does not merely arrive at a spiritual content that fills our existence between birth—or, let us say, conception—and death; rather, one arrives at a vision of that which passes through birth and death, that which has to do with our life between death and a new birth—that is, the being that continues to live even when the human being no longer inhabits this physical body.

[ 57 ] Legt der Mensch diesen physischen Leib durch die physische Vererbung an, dann schafft sich dasjenige, was aus der inspirierten Welt herausgeboren ist, einen leiblichen Ausdruck in dem Atmungsrhythmus. Aber es spielt in dieses Gefühlsleben — während in das Vorstellungsleben, das der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein kannte, wirklich zunächst nur hereinspielt, was zwischen Geburt und Tod liegt — alles herein, was als Kräfte, als Impulse tätig ist in der Zeit zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt, und was wiederum tätig sein wird zwischen diesem Tode und einer neuen Geburt. Es spielt der ewige Wesenskern des Menschen in dieses Gefühlsleben hinein.

[ 57 ] When a human being acquires this physical body through physical heredity, that which is born from the inspired world creates a physical expression in the rhythm of breathing. But everything that is active as forces and impulses in the time between the last death and this birth—and everything that will again be active between this death and a new birth—plays a role in this emotional life, whereas in the life of the imagination, which a person experiences in ordinary consciousness, only what lies between birth and death actually plays a role at first. The eternal core of the human being plays a role in this emotional life.

[ 58 ] Und als drittes muß geltend gemacht werden, daß das Willensleben des Menschen auf der einen Seite eigentlich zu der niedersten Betätigung des menschlichen Organismus in Beziehung steht zu dem Stoffwechsel, zu dem, was im weitesten Umfange in Hunger und Durst sich ausdrückt, auf der anderen Seite aber geistig zu der höchsten geistigen Welt, zu der intuitiven Welt, wie ich sie hier in diesen Vorträgen schon öfter erwähnt habe. So daß in der Tat eine völlige Umkehrung der Verhältnisse stattfindet.

[ 58 ] And thirdly, it must be pointed out that the human life of the will is, on the one hand, actually related to the lowest activity of the human organism—namely, metabolism, which is expressed in the broadest sense as hunger and thirst—but, on the other hand, is spiritually related to the highest spiritual world, the intuitive world, as I have already mentioned several times in these lectures. Thus, in fact, a complete reversal of the relationship takes place.

[ 59 ] Das Vorstellungsleben steht zunächst unterbewußt mit der imaginativen Welt in Berührung, mit dem Nervenleben nach der anderen Seite. In einer Welt, die über unser persönliches leibliches Leben als unser Wesenskern hinausragt, steht das Gefühlsleben drinnen nach der geistigen Seite hin. Und das Willensleben, das seinen leiblichen Ausdruck immer, wenn ein Willensimpuls stattfindet, in irgendeinem Stoffwechselvorgang findet, das sich also in den niedersten Vorgängen des Organismus ausdrückt, steht nach der geistigen Seite im Zusammenhange mit der höchsten geistigen Welt, der intuitiven Welt.

[ 59 ] The life of the imagination is initially in subconscious contact with the world of the imagination, with the nervous life on the other side. In a world that extends beyond our personal physical life as the core of our being, the emotional life is oriented inward toward the spiritual side. And the life of the will, which always finds its physical expression in some metabolic process whenever a volitional impulse occurs—and thus expresses itself in the lowest processes of the organism—is connected, on the spiritual side, with the highest spiritual world, the intuitive world.

[ 60 ] Und auf diesem Gebiet erst kann erforscht werden, was man wiederholte Erdenleben nennt. Was aus einem Erdenleben in das andere hinüberspielt, das ist kein Impuls, der erfaßt werden kann durch Imagination, geschweige denn durch gewöhnliches Bewußtsein, nicht einmal mit dem inspirierten Bewußtsein, sondern erst mit dem intuitiven Bewußtsein. In unser Leben spielen die Impulse herein aus früheren Erdenleben. Aus diesem Leben spielen die Impulse in spätere Erdenleben. Was dieser Forschung allein das Gepräge geben kann, das ist der erweckte Sinn für wirkliche, nicht bloß für verschwommene Intuitionen, von denen man im gewöhnlichen Leben spricht.

[ 60 ] And it is only in this realm that one can explore what is called repeated earthly lives. What carries over from one earthly life into the next is not an impulse that can be grasped through imagination, much less through ordinary consciousness—not even through inspired consciousness—but only through intuitive consciousness. Impulses from earlier earthly lives flow into our present life. From this life, impulses flow into later earthly lives. What alone can give this research its distinctive character is an awakened sense for real—not merely vague—intuitions, of the kind one speaks of in ordinary life.

[ 61 ] So stellt sich vor dem vollständigen menschlichen. Bewußtsein der vollständige Mensch dar, wie er als geistig-seelischer Mensch sich nach dreifacher Weise auslebt in den auf und ab wogenden Vorstellungen, Gefühlen und Willensimpulsen, und wie er in dreifacher Weise nach der Leibesseite hin seinen Boden und aus der geistigen Welt sein Hervorgehen findet. So führt Geisteswissenschaft zum Ewigen des Menschen nicht durch Spekulationen, nicht durch Hypothesen, sondern indem sie zeigt, wie das Bewußtsein sich entwickeln muß, um den ewigen Wesenskern in den durch wiederholte Erdenleben sich darlebenden Entwickelungen des Menschen zu schauen.

[ 61 ] Thus, the complete human being presents itself to consciousness. Consciousness, the complete human being is presented as a spiritual-soul being who lives out his life in threefold ways through the ebb and flow of thoughts, feelings, and impulses of the will, and who finds his foundation in threefold ways on the physical side and his origin in the spiritual world. Thus, spiritual science leads to the eternal essence of the human being—not through speculation, not through hypotheses, but by showing how consciousness must develop in order to perceive the eternal core of being in the human being’s evolution as it unfolds through repeated earthly lives.

[ 62 ] Dieser volle Mensch nun — nicht ein abstrakter Mensch, der von der Naturwissenschaft oder den Naturwissenschaftern hineingestellt wird in einen leeren, abstrakten, nicht von der vollen Wirklichkeit erfüllten Vorstellungszusammenhang —, dieser volle Mensch steht in dem sozialen Lebenszusammenhang. Und während man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein voll auskommt, um die äußere Natur zu verstehen, insoweit sie nicht organisch, sondern Ausgestaltung des Leblosen ist, des Mechanischen — was ja die heutige Naturwissenschaft oftmals allein gelten lassen will, wenigstens allein durchdringen will —, kann man keine Begriffe finden, die volle Lebensfähigkeit für das soziale Leben haben, wenn man sie nach dem Muster seines gewöhnlichen Bewußtseins aufbaut. Denn das ist das Geheimnis des sozialen Lebens, daß es sich nicht aufbaut nach den Begriffen, welche das gewöhnliche Bewußtsein hat, sondern daß es sich außerbewußt aufbaut, in Impulsen, die nur erfaßt werden können mit den höheren Bewußtseinsarten, von denen ich Ihnen gesprochen habe.

[ 62 ] This whole human being—not an abstract human being whom the natural sciences or natural scientists place within an empty, abstract conceptual framework devoid of full reality—this whole human being exists within the context of social life. And while ordinary consciousness is entirely sufficient for understanding external nature—insofar as it is not organic but rather a manifestation of the inanimate, the mechanical—which is, after all, what today’s natural science often seeks to accept as the sole reality, or at least to penetrate as the sole reality— one cannot find concepts that possess full vitality for social life if one constructs them according to the model of one’s ordinary consciousness. For this is the secret of social life: that it does not develop according to the concepts of ordinary consciousness, but rather develops outside of consciousness, in impulses that can only be grasped through the higher forms of consciousness of which I have spoken to you.

[ 63 ] Diese Einsicht kann aufhellend wirken auf vieles, das sich im sozialen Leben der Gegenwart ad absurdum führen muß, weil die Begriffe, mit denen man dieses soziale Leben fassen will, keine wirklichkeitsgemäßen sind. Da steht man heute mit diesen Begriffen, die an der Erziehung der naturwissenschaftlichen Vorstellungsweise gewonnen sind, will schaffend handeln im sozialen Leben. Aber dieses soziale Leben hat weitere Begriffe notwendig — wie das charakterisierte, vor der Psychoanalyse auftretende unterbewußte Seelenleben auch weitere Begriffe verlangt — als die Begriffe des gewöhnlichen Bewußtseins.

[ 63 ] This insight can shed light on many aspects of contemporary social life that are bound to be reduced to absurdity because the concepts used to understand this social life do not correspond to reality. Today, we find ourselves using these concepts—derived from the scientific way of thinking—in an attempt to act creatively in social life. But this social life necessarily requires broader concepts—just as the characterized, pre-psychoanalytic unconscious life of the soul also demanded broader concepts—than those of ordinary consciousness.

[ 64 ] Und drei Gebiete treten einem zunächst entgegen in den sozialen Gemeinschaften, welche ihre Beleuchtung finden müssen durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Gerade diese Dinge werde ich nur skizzieren können; allein Geisteswissenschaft ist ja am Anfange, und manches wird erst erforscht werden müssen, so daß ich nur im allgemeinen den Charakter der Fäden charakterisieren werde, die von den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen zu der Erkenntnis des sozialen Lebens gezogen werden müssen.

[ 64 ] And three areas immediately present themselves in social communities, which must be illuminated by anthroposophically oriented spiritual science. I will be able to do no more than sketch out these very things; after all, spiritual science is still in its infancy, and much remains to be explored, so that I will only characterize, in general terms, the nature of the threads that must be drawn from the insights of spiritual science to an understanding of social life.

[ 65 ] Drei soziale Lebensgebiete treten einem entgegen. Das erste soziale Lebensgebiet, das dem Menschen entgegentritt und auf das das Anwendung findet, was ich eben charakterisiert — habe, das ist das ökonomische Gebiet. Wir wissen ja, daß in der sozialen Struktur die ökonomischen Gesetze leben, und daß diese ökonomischen Gesetze beherrscht werden müssen. Von demjenigen, der als Gesetzgeber oder als Staatsmann tätig ist oder auf irgendeinem Gebiete als Leiter irgendeines Unternehmens, das sich eben in die soziale Struktur des Gesamtlebens hineinstellt, von ihnen allen muß dasjenige gestaltet werden, was in ökonomischer Gesetzmäßigkeit sich auslebt.

[ 65 ] Three spheres of social life present themselves to us. The first sphere of social life that confronts human beings—and to which applies what I have just characterized—is the economic sphere. We know, of course, that economic laws are at work within the social structure, and that these economic laws must be mastered. Whether one acts as a legislator or a statesman, or as the head of any enterprise in any field that is integrated into the social structure of life as a whole, all of them must shape what unfolds in accordance with economic laws.

[ 66 ] Nun, die ökonomische Struktur, wie sie sich auslebt, kann nicht erfaßt werden, wenn man nur die an der naturwissenschaftlichen Vorstellung gewonnenen Begriffe, von denen heute fast alles menschliche Denken beherrscht wird, auf dieses ökonomische Leben anwenden will. In diesem ökonomischen Leben herrschen schon ganz andere Impulse als in der Natur, als selbst in der menschlichen Naturgrundlage. In der menschlichen Naturgrundlage liegen der Betrachtung zum Beispiel die Bedürfnisfragen zugrunde. In der äußeren ökonomischen Ordnung liegen die Befriedigungsfragen zugrunde. Habe ich ein soziales Gemeinwesen mit seiner ökonomischen Struktur wirklich zu erkennen, so habe ich zu erkennen, wie nach der geographischen und sonstigen Beschaffenheit für menschliche Verhältnisse befriedigende Mittel da sind. Von der Bedürfnisfrage geht man aus, wenn man den Menschen individuell betrachtet. Gerade aber von ‚der entgegengesetzten Seite muß man ausgehen, wenn man die ökonomische Struktur betrachtet. Da hat man nicht zu betrachten, wessen Menschen bedürfen, sondern was da ist für Menschen auf einem bestimmten Gebiete, wenn sich ein Gemeinschaftsleben entwickelt. Das ist nur eine Andeutung. Vieles müßte gesagt werden, wenn nun die ökonomische Struktur in ihrer Gesamtheit besprochen werden sollte. Allein, was da eigentlich der Organismus der ökonomischen Struktur eines Staates oder eines Gemeinwesens ist, das kann nicht beherrscht werden mit den Begriffen, die der gewöhnlichen Naturwissenschaft entlehnt sind.

[ 66 ] Well, the economic structure, as it actually unfolds, cannot be grasped if one attempts to apply to this economic life only the concepts derived from scientific thought—concepts that today dominate almost all human thinking. In this economic life, entirely different impulses prevail than in nature, or even in the fundamental nature of humanity. In the fundamental nature of humanity, for example, questions of need form the basis of our consideration. In the external economic order, the question of satisfaction lies at the foundation. If I am to truly understand a social community with its economic structure, I must recognize how, given the geographical and other conditions, means satisfying human needs are available. The question of needs is the starting point when considering the individual human being. But when considering the economic structure, one must start precisely from the “opposite side.” There, one must not consider what people need, but rather what is available to people in a given area as communal life develops. This is merely a hint. Much would need to be said if the economic structure were to be discussed in its entirety. However, what actually constitutes the organism of the economic structure of a state or a community cannot be grasped using concepts borrowed from conventional natural science.

[ 67 ] Da können ganz sonderbare Dinge passieren! Ich darf da eine Sache besprechen, weil ich sie wirklich nicht bloß aus Anlaß etwa der heutigen Ereignisse berühre. Da könnte man mir vielleicht den Vorwurf machen, ich stünde unter dem Einfluß dieser heutigen Ereignisse; aber das ist nicht der Fall. Denn ich habe dasselbe, was ich jetzt sagen werde, bereits bevor diese Kriegsereignisse hereingebrochen sind, in einem Vortragszyklus, den ich in Helsingfors gehalten habe, auseinandergesetzt, so daß dasjenige, was ich nun sagen werde, in der Veranlassung ohne alle Beziehung zu den Kriegsereignissen ist. Das mußte ich voraussenden, damit ich nicht mißverstanden werde.

[ 67 ] Some very strange things can happen there! I would like to discuss one matter here, because I am truly not bringing it up merely in light of today’s events. One might perhaps accuse me of being influenced by today’s events; but that is not the case. For I had already expounded on exactly what I am about to say—even before these war-related events broke out—in a series of lectures I gave in Helsinki; thus, what I am about to say is, in its motivation, entirely unrelated to the war events. I had to preface this so that I would not be misunderstood.

[ 68 ] Ich habe dazumal — also vor dem Ausbruch dieser Kriegsereignisse — in Helsingfors angedeutet, wie man fehlgehen kann, wenn man aus bloßen naturwissenschaftlichen Vorstellungen heraus die soziale Struktur in Menschengemeinschaften erfassen will, und ich habe als Beispiel eine Persönlichkeit gewählt, welche im eminentesten Sinne diesen Fehler macht: Woodrow Wilson. Und zwar habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß Woodrow Wilson — Gelehrsamkeit ist in diesem Falle zur Staatsmannschaft aufgerückt —in sonderbarer Weise sagt: Zu der Zeit des Newtonismus, als man die ganze Welt mehr mechanisch betrachtet hat, da kann man bemerken, wie die Menschen auch in ihren Staatsvorstellungen, in ihren sozialen Vorstellungen, die mechanischen Vorstellungen drinnen haben, die Newton und andere an die Tagesordnung gebracht haben. Aber es ist falsch, das soziale Leben mit solchen engen Begriffen zu erfassen, sagt Woodrow Wilson; heute muß man das anders machen: heute muß man die darwinistischen Vorstellungen auf das soziale Leben anwenden! Also er macht dasselbe, nur macht er es mit den heute geltenden naturwissenschaftlichen Vorstellungen!

[ 68 ] At that time—that is, before the outbreak of these war-related events—I suggested in Helsingfors how one can go astray when attempting to understand the social structure of human communities based solely on scientific concepts, and I chose as an example a figure who, in the most eminent sense, commits this error: Woodrow Wilson. Specifically, I pointed out that Woodrow Wilson—scholarship, in this case, has risen to the level of statesmanship—strangely enough says: In the era of Newtonianism, when the entire world was viewed in more mechanical terms, one can observe how people, even in their conceptions of the state and in their social ideas, incorporated the mechanical concepts that Newton and others had brought to the fore. But it is wrong to understand social life with such narrow concepts, says Woodrow Wilson; today one must do things differently: today one must apply Darwinian ideas to social life! So he is doing the same thing, only he is doing it with the scientific ideas that prevail today!

[ 69 ] Aber ebensowenig wie die Newtonschen Vorstellungen in der Lage waren, die soziale Struktur zu umfassen, ebensowenig sind es die darwinistischen Vorstellungen, die, wie wir gehört haben, nicht einmal alle anwendbar sind auf das organische Leben. Das bleibt Wilson aber im Unterbewußten, und er merkt gar nicht, daß er denselben Fehler, den er vorher rügt und tadelt, im nächsten Augenblicke selber macht.

[ 69 ] But just as Newtonian ideas were unable to encompass social structure, so too are Darwinian ideas, which, as we have heard, are not even all applicable to organic life. However, this remains in Wilson’s subconscious, and he does not even realize that he is making the very same mistake—the one he had just criticized and condemned—the very next moment.

[ 70 ] Da haben wir ein eminentes Beispiel, daß Menschen nicht in der Lage sind, zu erkennen, wie sie mit unzulänglichen, die Wirklichkeit nicht beherrschenden Erkenntnismitteln arbeiten, wenn sie anfangen, das soziale Leben heute verstehend meistern zu wollen. Solches aber, wie mit unzulänglichen Mitteln heute nicht etwa bloß erkannt wird, sondern Weltgeschichte gemacht wird, das findet man auf Schritt und Tritt. Und würden die Menschen durchschauen, wie das stattfindet, so würden sie tief hineinschauen können in die der heutigen Mitwelt zumeist verborgenen tieferen Ursachen der Phrasenschneiderei der Gegenwart.

[ 70 ] Here we have a prime example of how people are unable to recognize that they are working with inadequate means of understanding—ones that do not grasp reality—when they set out to master and understand social life today. Yet examples of how, using inadequate means, events are not merely recognized today but actually shape world history can be found at every turn. And if people were to see through how this takes place, they would be able to look deeply into the deeper causes—mostly hidden in today’s world—of the empty rhetoric of the present.

[ 71 ] Ökonomische Strukturen durchschaut man nicht mit naturwissenschaftlichen — sei es am Darwinismus, sei es am Newtonismus gewonnenen — Begriffen, die nur auf Naturfakten gehen können. Sondern da muß man zu anderen Begriffen fortschreiten.

[ 71 ] Economic structures cannot be understood using concepts derived from the natural sciences—whether from Darwinism or Newtonian physics—which can only be based on facts of nature. Rather, one must move on to other concepts.

[ 72 ] Und diese kann ich nur so charakterisieren, daß ich sage, zugrunde liegen muß diesen Begriffen, wenn auch nicht vielleicht ein deutliches Vorstellen, so doch ein Gefühl des Sich-Hineinversenkens in die soziale Struktur, so daß auftauchen Vorstellungen, die dem imaginativen Leben angehören. Nur mit Hilfe von imaginativen Vorstellungen kann ein Bild geschaffen werden einer konkreten sozialen Struktur, die irgendwo auftritt. Sonst kommt man zu wesenlosen, zu wertlosen Abstraktionen.

[ 72 ] And I can only characterize this by saying that underlying these concepts—if not a clear mental image, then at least a sense of immersing oneself in the social structure—must be a feeling that gives rise to ideas belonging to the imaginative life. Only with the help of imaginative concepts can an image be created of a concrete social structure that exists somewhere. Otherwise, one ends up with insubstantial, worthless abstractions.

[ 73 ] Mythen bilden wir heute nicht mehr. Aber inder mythenbildenden Kraft war ein menschlicher Seelenimpuls vorhanden, der hinausging über die gewöhnliche Wirklichkeit. Aus demselben Seelenimpuls, mit dem unsere Vorfahren Mythen gebildet haben, mit dem sie also, wenn ich sagen darf, durch ihre zur geistigen Wirklichkeit im Verhältnis stehende Phantasie Bilder von dieser Wirklichkeit geschaffen haben, aus demselben Impuls muß heute derjenige, der etwas verstehen will von ökonomischen Ordnungen, imaginative Vorstellungen haben. Nicht Mythen kann er bilden, aber er muß die geographischen, die anderen Bodenverhältnisse, die Charakterverhältnisse der Menschen, die Bedürfnisse der Menschen so zusammendenken können, daß dieses Zusammendenken mit derselben Kraft geschieht, mit der einstmals die Mythen gebildet worden sind, mit der Kraft, die als Imaginieren im Geistigen webt und lebt, und die im Abbilde erscheint in der ökonomischen Struktur.

[ 73 ] We no longer create myths today. But within the power to create myths lay a human spiritual impulse that transcended ordinary reality. From the same impulse of the soul with which our ancestors created myths—with which, if I may say so, they used their imagination, which was attuned to spiritual reality, to create images of that reality—from that same impulse, anyone today who wishes to understand economic systems must have imaginative concepts. He cannot create myths, but he must be able to conceive of the geographical conditions, the other local conditions, the character traits of people, and human needs in such a way that this act of conception takes place with the same power with which myths were once formed—the power that weaves and lives as imagination in the spiritual realm and appears in the economic structure as a reflection.

[ 74 ] Ein zweites Gebiet des sozialen Lebens ist das moralische, die moralische Struktur, der moralische Impuls, der sich in einer Gesamtheit auslebt. Wieder taucht man hinunter in alle möglichen unbewußten Gebiete, wenn man jene Impulse erforschen will, die in den menschlichen moralischen — im weitesten Sinne moralischen — Aspirationen zutage treten. Wer da eingreifen will, sei es als Staatsmann, sei es als Parlamentarier, sei es auch, indem er irgendeinem Unternehmen vorsteht und leitend sein will, versteht die Struktur nur, wenn er sie beherrschen kann mit Begriffen, die in inspirierten Erkenntnissen wenigstens ihre Grundlage haben.

[ 74 ] A second realm of social life is the moral realm—the moral structure, the moral impulse—which finds its expression in a collective whole. Once again, one must delve into all manner of unconscious realms if one wishes to explore those impulses that come to light in human moral—in the broadest sense, moral—aspirations. Anyone who wishes to intervene in this realm—whether as a statesman, a member of parliament, or even by presiding over and seeking to lead some enterprise—can understand the structure only if they can grasp it through concepts that are at least grounded in inspired insights.

[ 75 ] Es ist also mehr notwendig, als man heute oftmals glaubt, um in dieses Soziale insofern einzugreifen, als moralische Impulse mitspielen. Diese moralischen Impulse müssen wahrhaft ebenso aus der Wirklichkeit heraus studiert werden, wie die Impulse des organischen Lebens nicht erfunden werden können, sondern studiert werden müssen aus dem Organismus selbst heraus. Würde man in einer ähnlichen Weise über die Löwennatur, über die Katzennatur, meinetwillen die Igelnatur, aus dem menschlichen Geistesleben heraus Begriffe spinnen, wie man Begriffe spinnt, indem man heute den Marxismus oder andere sozialistische Theorien ausdenkt, ohne die Natur in Wirklichkeit zu studieren, würde man in solcher Weise rein a priori über die tierische Natur Begriffe konstruieren, so würde man auf sonderbare 'Theorien über die tierische Organisation kommen.

[ 75 ] It is therefore more necessary than is often believed today to intervene in this social realm, insofar as moral impulses play a role. These moral impulses must truly be studied based on reality, just as the impulses of organic life cannot be invented but must be studied from within the organism itself. If one were to approach the nature of lions or the nature of cats in a similar way— or, for that matter, the nature of hedgehogs, by spinning concepts out of human spiritual life—just as concepts are spun today when one devises Marxism or other socialist theories without actually studying nature—and if one were to construct concepts about animal nature in this purely a priori manner, one would arrive at strange “theories about animal organization.”

[ 76 ] Das Wesentliche ist, daß in seiner vollen Konkretheit der soziale Organismus auch da studiert werden muß, wo moralische Kräfte im weitesten Sinne walten. Auch die Bedürfniskräfte, die der Mensch geltend macht — sie sind immer auch im weiteren Sinn moralische Kräfte —, können nur gemeistert werden, wenn man in seiner Konkretheit den sozialen Organismus aus solchen, wenn auch dunklen Vorstellungen heraus erforscht, welche in der inspirierten Welt wurzeln. Wie weit ist man heute entfernt von einer solchen Vorstellungsweise!

[ 76 ] The essential point is that the social organism, in all its concrete reality, must also be studied where moral forces—in the broadest sense—are at work. Even the forces of need that human beings assert—which are always, in a broader sense, moral forces—can only be mastered if one explores the social organism in its concreteness based on such ideas, however obscure, that are rooted in the inspired world. How far removed we are today from such a way of thinking!

[ 77 ] Geisteswissenschaft kommt dazu, im einzelnen wirklich zu studieren, worinnen die Impulse der Bevölkerung Mitteleuropas, der Bevölkerung Westeuropas, Osteuropas bestehen. Sie kommt dazu, im Konkreten zu sehen, wie die verschiedenen Seelenimpulse, die aus dem sozialen Organismus heraufsteigen, ebenso begründete konkrete Impulse sind wie die Impulse, die aus dem physischen Organismus heraufsteigen. Sie lernt erkennen, daß auch das Zusammenleben der Völker mit diesen aus der Tiefe heraus studierbaren Impulsen zusammenhängt. Geisteswissenschaft findet eine ganz andere Seelenstruktur als im Westen bei dem Menschen des europäischen Ostens und weiß, wie sich eine solche Struktur im ganzen europäischen Leben einleben muß. Ich kann darauf aufmerksam machen, daß ich seit Jahrzehnten über die verschiedenen Seelenstrukturen gesprochen habe, die dem sozialen Leben Europas zugrunde liegen, rein aus geisteswissenschaftlichen Vorstellungen heraus; aber das, was so gefunden wurde, wird bestätigt durch das, was empirische Kenner sagen, die in dem konkreten Leben drinnenstehen. Lesen Sie in der gestrigen und heutigen «Neuen Zürcher Zeitung», was als Dostojewskische Anschauungen über die russische Volksseele, über die russischen Ideale gesagt wird, und Sie haben da — was ich nur anführen kann, die Zeit reicht'nicht aus, im einzelnen zu schildern — einen vollständigen Beleg: die äußere Beobachtung eines Resultates im eminentesten Sinne desjenigen, was durch Geisteswissenschaft seit Jahren vertreten wird.

[ 77 ] Spiritual science is able to study in detail the nature of the impulses of the people of Central Europe, Western Europe, and Eastern Europe. It is able to see concretely how the various soul impulses that arise from the social organism are just as well-founded and concrete as the impulses that arise from the physical organism. It learns to recognize that the coexistence of peoples is also connected to these impulses, which can be studied from their deepest roots. Spiritual science finds a completely different soul structure in the people of Eastern Europe than in the West, and knows how such a structure must take root in European life as a whole. I would like to point out that for decades I have spoken about the various soul structures underlying social life in Europe, based purely on spiritual scientific insights; but what has been discovered in this way is confirmed by what empirical experts say, who are deeply immersed in concrete life. Read in yesterday’s and today’s Neue Zürcher Zeitung what is said about Dostoevsky’s views on the Russian national soul and Russian ideals, and there you will find—which I can only mention here, as there is not enough time to describe in detail—complete evidence: the external observation of a result, in the most eminent sense, of what has been advocated by spiritual science for years.

[ 78 ] Da kommt man dazu, aus dem wirklichen Leben heraus die sozialen Impulse, sozialen Kräfte zu studieren. Dieses fehlt heute. Weil man aber das Leben nicht meistern kann mit wirklichkeitsfremden Begriffen, sondern nur mit Begriffen, die aus der lebendigen Wirklichkeit heraus geboren sind, wächst dieses Leben den Menschen über den Kopf. Sie wissen nicht mehr das Leben zu umspannen mit den Begriffen, die den gleichen Abstraktionsgrad haben wie die Begriffe auf naturwissenschaftlichem Gebiete. Diese reichen auf sozialem Gebiete nicht aus. Und so führte gerade dieses in den Untergründen wallende und wogende, aber vom Bewußtsein nicht erfaßte Leben zu den Katastrophen, die wir heute in so furchtbarer Weise erleben.

[ 78 ] This is how one comes to study social impulses and social forces drawn from real life. This is lacking today. But because one cannot master life with concepts that are detached from reality—but only with concepts born of living reality—this life becomes too much for people to handle. They no longer know how to encompass life with concepts that have the same degree of abstraction as those in the natural sciences. These are insufficient in the social sphere. And so it was precisely this life—surging and surging in the depths but not grasped by consciousness—that led to the catastrophes we are experiencing today in such a terrible way.

[ 79 ] Und weiter: ein drittes Gebiet, das uns im sozialen Leben entgegentritt, ist dasjenige, das wir das Rechtsleben benennen. Aus ökonomischem, moralischem und Rechtsleben besteht im wesentlichen die soziale Struktur einer Gesamtheit. Nur muß man diese Begriffe alle im geistigen Sinne nehmen. So wie das ökonomische Leben nur wirklich studiert werden kann, wenn die imaginativen Vorstellungen zugrunde gelegt werden, das moralische, in dem, was es wirklich enthält, nur, wenn die inspirierten Vorstellungen zugrunde gelegt werden, so kann das Rechtsleben nur mit intuitiven Vorstellungen, die wiederum aus der vollen konkreten Wirklichkeit heraus gewonnen werden, begriffen werden.

[ 79 ] And furthermore: a third realm that we encounter in social life is what we call legal life. The social structure of a whole essentially consists of economic, moral, and legal life. However, all these concepts must be understood in a spiritual sense. Just as economic life can only truly be studied when based on imaginative concepts, and moral life—in its true essence—can only be understood when based on inspired concepts, so too can legal life only be grasped through intuitive concepts, which in turn are derived from full, concrete reality.

[ 80 ] Dasjenige also, was die Geisteswissenschaft für die übersinnlichen Gebiete zu erkennen anstrebt, woran sie ihre Bewußtseins-, ihre Erkenntniskräfte übt und schult, das zeigt sich in seiner Anwendung auf den verschiedenen Gebieten des sozialen Lebens. Auch auf pädagogischem Gebiete, das ja im wesentlichen dem sozialen Gebiete angehört, wird man fruchtbare Begriffe nur bekommen, wenn man fähig ist, Imaginationen in seine Begriffe aufzunehmen, um das noch ungestaltete Leben durch Imaginationen, die in einem angeregt werden — nicht nach abstrakten Begriffen, wie sie heute so vielfach in der Pädagogik spielen, sondern nach wirklichen Imaginationen —, sich vorzustellen und danach auch zu leiten.

[ 80 ] What spiritual science seeks to recognize in the supersensible realms—the very things on which it exercises and trains its powers of consciousness and cognition—manifests itself in its application to the various spheres of social life. Even in the field of education—which, after all, essentially belongs to the social sphere—one will only arrive at fruitful concepts if one is able to incorporate imaginations into one’s concepts, so as to envision the as-yet-unformed life through imaginations that are stirred within oneself—not according to abstract concepts, as are so often employed in education today, but according to real imaginations—and to guide it accordingly.

[ 81 ] Das Rechtsleben, die rechtlichen Begriffe! Was alles ist gerade in der letzteren Zeit über diese Rechtsfragen geschrieben, gesprochen worden! Und wie wenig ist die Menschheit heute im Grunde genommen über die einfachsten Begriffe im Rechte irgendwie im klaren! Man braucht auch auf diesem Gebiete nur hinzublicken auf solche Menschen, welche ganz aus naturwissenschaftlicher Schulung heraus arbeiten wollen, wie Fritz Mauthner, der Verfasser des sehr interessanten «Wörterbuches der Philosophie». Lesen Sie in diesem Wörterbuch gerade die Artikel über das Recht, die Strafe, kurz, alles was damit zusammenhängt, und Sie werden sehen, daß er alles das auflöst, was Ihnen bekannt ist an Begriffen und Vorstellungen, auch an Einrichtungen, die in der Gegenwart herrschen, und daß er zeigt, daß gar nicht die Möglichkeit, die Fähigkeit vorliegt, irgend etwas an die Stelle zu setzen. Man kann auch nur irgend etwas an die Stelle setzen, wenn dasjenige, was in der Rechtsstruktur gesucht wird, aus der Welt herausgeholt wird, die als die intuitiv zu erkennende Welt gerade den sozialen Strukturen zugrunde liegt.

[ 81 ] Legal life, legal concepts! Just think of all that has been written and said about these legal issues, especially in recent times! And yet, when it comes down to it, how little humanity today truly understands even the simplest concepts of law! In this field, too, one need only look at people who seek to work entirely from a scientific training, such as Fritz Mauthner, the author of the very interesting Dictionary of Philosophy. Read in this dictionary the entries on law, punishment—in short, everything related to these topics—and you will see that he dismantles everything you know in terms of concepts and ideas, as well as the institutions that prevail today, and that he shows there is no possibility or capacity whatsoever to replace them with anything else. One can only replace them with something else if what is sought within the legal structure is removed from the world—the intuitively perceptible world that underlies social structures.

[ 82 ] Hier in Zürich kann ich ja gerade auf ein Buch hinweisen, das den Anfang gemacht hat mit einer solchen Rechtsbetrachtung: «Der Gesamtarbeitsvertrag nach schweizerischem Recht» von Dr. Roman Boos. Da haben Sie den Anfang gemacht, den konkreten Rechtsfragen wirklich die in der Rechtsstruktur, in der sozialen Struktur liegenden Verhältnisse, wie sie in ganz ausgezeichneter Weise in diesem Buche dargelegt werden, zugrunde zu legen und zu konkreten einzelnen Rechts-Detailvorstellungen zu kommen. Wenn man solche Anfänge studiert, wird sich zeigen, was eigentlich gemeint ist, wenn auch die Forderung aufgestellt werden muß, das soziale Leben als Rechtsleben in konkreter Weise, nicht in abstrakter Weise, zu studieren, es herauszuholen aus dem, was wirklich ist, es zu umspannen, zu umfassen mit wirklichkeitsgemäßen Begriffen. Das ist freilich unbequemer, als utopistische Programme aufzustellen, utopistische Staatsstrukturen zu konstruieren. Denn da muß der ganze Mensch in Betracht gezogen werden, da muß wirklich Sinn vorhanden sein für das, was in der Wirklichkeit sich abspielt.

[ 82 ] Here in Zurich, I can point to a book that pioneered this approach to the law: The Collective Bargaining Agreement under Swiss Law by Dr. Roman Boos. You were the first to base concrete legal questions on the conditions inherent in the legal and social structures—as they are set forth in an excellent manner in this book—and to arrive at concrete, detailed legal concepts. When one studies such early works, it becomes clear what is actually meant—even if we must also demand that social life be studied as legal life in a concrete, rather than abstract, manner; that it be extracted from what actually exists; and that it be encompassed and understood through concepts grounded in reality. This is, of course, more inconvenient than drawing up utopian programs or constructing utopian state structures. For here the whole human being must be taken into account; there must truly be a sense of what is actually taking place in reality.

[ 83 ] Ich habe deshalb den Freiheitsbegriff als Fundamentalbegriff hingestellt, um zu zeigen: trotzdem hier Gesetzmäßigkeiten in der geistigen Welt gesucht werden, kann dieser Freiheitsbegriff vor der Geisteswissenschaft voll bestehen. Unbequemer wird es sein, diese Dinge wirklich zu studieren! Denn da kommt man vor allen Dingen dahin, einzusehen, wie kompliziert die Wirklichkeit ist, wie diese Wirklichkeit nicht umfaßt werden kann mit einseitigen, nach der einen oder anderen Seite hingepfahlten Begriffen, sondern wie man diese Wirklichkeit, sobald man über den individuellen Menschen hinauskommt, mit Begriffen umfassen muß, wie sie als die Begriffe der Geisteswissenschaft in diesen Vorträgen geschildert worden sind.

[ 83 ] I have therefore presented the concept of freedom as a fundamental concept in order to show that, even though laws are sought here in the spiritual world, this concept of freedom can fully stand up to spiritual science. It will be more challenging to truly study these things! For above all, one comes to realize how complex reality is, how this reality cannot be encompassed by one-sided concepts fixed in one direction or another, but rather, as soon as one moves beyond the individual human being, how one must encompass this reality with concepts such as those described in these lectures as the concepts of spiritual science.

[ 84 ] Ich kann ein drastisches Beispiel hier anführen. Die Menschen leben gern in einseitigen Begriffen, in Begriffen, die einmal aus ihrer Denkgewohnheit hervorgegangen sind. Als zum erstenmal eine Eisenbahn gebaut worden ist in Mitteleuropa, da wurde auch ein Ärztekollegium, ein gelehrtes Kollegium also — die Sache ist dokumentarisch, wenn es auch märchenhaft klingt! —, um seinen Rat gefragt. Das gelehrte Kollegium hat gefunden, man solle keine Eisenbahnen bauen, weil sie dem Nervensystem der Menschen schaden würden. Und wenn sich schon doch solche Menschen finden würden, die durchaus Eisenbahnen haben wollten, so müsse man wenigstens links und rechts die Eisenbahnen mit hohen Bretterwänden umgeben, damit diejenigen, an denen die Eisenbahnen vorbeifahren, nicht Gehirnerschütterungen bekommen. Dieses noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgegebene Urteil ging aus den Denkgewohnheiten der damaligen Zeit hervor. Dem heutigen Menschen wird es selbstverständlich leicht, über ein solches einseitiges Urteil zu lachen; denn selbstverständlich haben die gelehrten Herren unrecht gehabt. Die Entwickelung ist über sie hinweggeschritten. Die Entwickelung wird über so manches hinwegschreiten, was die «gelehrten Herren» als richtig ansehen.

[ 84 ] I can cite a striking example here. People tend to think in one-sided terms—terms that have arisen from their habitual way of thinking. When the first railroad was built in Central Europe, a council of physicians—that is, a council of scholars—was consulted for its advice. (This is a documented fact, even if it sounds like a fairy tale!) The council of scholars concluded that railroads should not be built because they would harm people’s nervous systems. And even if there were people who absolutely insisted on having railroads, they argued, the tracks would at least have to be surrounded on both sides by high wooden walls so that those living along the route would not suffer concussions as the trains passed by. This judgment, issued in the first half of the 19th century, stemmed from the ways of thinking prevalent at the time. It is, of course, easy for people today to laugh at such a one-sided judgment; for it goes without saying that those “learned gentlemen” were wrong. Progress has left them behind. Progress will leave behind many things that the “learned gentlemen” consider to be correct.

[ 85 ] Und dennoch, es gibt eine andere Frage, so paradox es klingt: Haben die gelehrten Herren bloß unrecht gehabt? Das ist auch nur scheinbar! Sie haben gewiß unrecht gehabt nach der einen Seite hin, aber nicht bloß unrecht haben sie gehabt. Wer für die feineren Eigentümlichkeiten in der Entwickelung der Menschennatur einen Sinn hat, der weiß schon, daß mit der Entwickelung mancher nervösen Erscheinung, unter der die Gegenwart leidet, die Entstehung der Eisenbahnen in eigentümlicher Weise zusammenhängt, daß, wenn auch nicht in so radikaler Weise ausgesprochen, wie es die gelehrten Herren getan haben, doch die Tendenz des Urteils in einer partiellen Weise richtig ist. Wer wirklich einen Sinn hat für die Lebensdifferenziertheit, für den Unterschied des heutigen Lebens von dem Leben an der Wende des i8. zum i9. Jahrhundert, der weiß, daß Eisenbahnen den Menschen schon nervös gemacht haben, daß also nach einer gewissen Seite hin das gelehrte Kollegium schon recht hatte.

[ 85 ] And yet, as paradoxical as it may sound, there is another question: Were the learned gentlemen simply wrong? That is only apparent! They were certainly wrong in one respect, but they were not merely wrong. Anyone with an appreciation for the finer nuances in the development of human nature already knows that the emergence of the railroads is connected in a peculiar way to the development of certain nervous disorders afflicting the present day—that, even if not expressed as radically as the learned gentlemen have done, the general thrust of their judgment is partially correct. Anyone who truly appreciates the complexity of life—the difference between life today and life at the turn of the 18th to the 19th century—knows that railroads have already made people nervous, and that, in a certain sense, the learned scholars were right after all.

[ 86 ] Jenes «Recht» und «Unrecht» aber, das noch anwendbar ist, wenn irgendwie ein Naturvorgang, irgendeine natürlich-menschliche Erscheinung in Betracht kommt — der sozialen Struktur gegenüber ist es nicht anwendbar! Da handelt es sich darum, daß der Mensch wirklich durch ganz andere Schulung seines Seelenvermögens die Fähigkeit für umspannendere Vorstellungen entwickelt, die umspannen können das soziale Leben, das in seiner Erscheinung weiter greift als alles, was einseitig abstrakte naturwissenschaftliche Vorstellungen — die abstrakt sein müssen — zu umspannen vermögen.

[ 86 ] That “right” and “wrong,” however, which still applies whenever a natural process or any natural-human phenomenon is taken into consideration—it does not apply to social structure! The point here is that human beings, through a completely different training of their soul faculties, develop the capacity for more comprehensive conceptions—conceptions capable of encompassing social life, which in its manifestation extends further than anything that one-sided, abstract scientific conceptions—which must be abstract—are capable of encompassing.

[ 87 ] Ich konnte ja selbstverständlich wegen der Kürze der Zeit nur andeuten, daß das Gebiet der Sozialwissenschaft, der Ökonomik, des sozialen Moralismus im weitesten Sinne, der Rechtswissenschaft, und alles, was damit zusammenhänst, erst bemeistert werden kann, wenn die Bequemlichkeit überwunden wird, die heute noch entgegensteht. Denn es ist im Grunde genommen Bequemlichkeit und Scheu vor wirklichen Erkenntniswegen, die von der geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Welt zurückhalten. Ich habe, trotzdem ich einen Zyklus von vier Vorträgen hier halten durfte, natürlich nur auf einiges hinweisen können. Ich bin mir wohl bewußt, daß ich nur Anregungen geben konnte. Ich wollte auch nur in Anregungen die Fäden zu den einzelnen heute gepflegten Wissenschaftsgebieten ziehen. Ich weiß, daß man sehr vieles einwenden kann, und kenne die Einwände, die man machen kann, durchaus. Der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, muß sich selbst fortwährend auf Schritt und Tritt die Einwände machen, die möglich sind, denn nur dadurch, daß er das, was er erkennt, an dem Einwand mißt, wird auch aus der Tiefe der Seele das geistige Schauvermögen entwickelt, das die Wirklichkeit meistern kann.

[ 87 ] Of course, due to time constraints, I could only hint that the fields of social science, economics, social moralism in the broadest sense, jurisprudence, and everything related to them can only be mastered once the complacency that still stands in the way today has been overcome. For it is, fundamentally, complacency and a reluctance to pursue genuine paths to knowledge that hold back the humanities-based contemplation of the world. Although I was able to deliver a series of four lectures here, I could, of course, only touch on a few points. I am well aware that I could only offer suggestions. My intention was merely to use these suggestions to draw connections to the various fields of science cultivated today. I know that many objections can be raised, and I am fully aware of the objections that can be made. Anyone who stands on the ground of spiritual science must continually raise the possible objections at every turn, for it is only by measuring what they perceive against these objections that the spiritual vision capable of mastering reality is developed from the depths of the soul.

[ 88 ] Aber wenn ich auch weiß, wie unvollkommen meine Darstellungen waren — denn viele Wochen wären notwendig, um alle die Einzelheiten anzuführen, die ich nur als Ergebnis kurz andeuten konnte —, so darf ich vielleicht doch glauben, daß ich wenigstens nach einer Richtung hin eine Vorstellung hervorgerufen habe: daß es sich in der Geisteswissenschaft nicht um irgendwelche Agitation handelt, die man aus dem oder jenem abstrakten Ideal heraus treiben will, sondern um ein Forschungsgebiet, welches gefordert ist von dem Gang der menschlichen Entwickelung selbst in unserer Gegenwart. Derjenige, der drinnensteht in diesem Forschungsgebiet, der seine Impulse wirklich durchschaut, der weiß, daß gerade auch diejenigen Gebiete, die, von der Gegenwart gefordert, auftreten — wie das eine, das ich hier genannt habe: das der Psychoanalyse —, wenn sie wirklich durchdrungen werden, darauf hinweisen, daß sie überhaupt erst ihre Vollendung finden können in der Beleuchtung durch das, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird. Daß es sich nicht um etwas handelt, was auf blinden Einfällen, auf irgendeiner verschwommenen Mystik beruht, sondern um etwas, das in ernster Weise von ernstem Forschersinn wenigstens in seinen Absichten getragen ist, das ist es, was ich als eine Vorstellung hervorrufen wollte, indem ich von verschiedenen Einzelheiten her gezeigt habe, wie die heute gewohnten wissenschaftlichen Vorstellungen durch das befruchtet werden können, was als Geisteswissenschaft auftritt.

[ 88 ] But even though I am aware of how incomplete my explanations were—for it would take many weeks to cite all the details that I could only briefly hint at as conclusions—I may perhaps still believe that I have at least conveyed an idea in one direction: that spiritual science is not some kind of agitation driven by this or that abstract ideal, but rather a field of research demanded by the very course of human development in our own time. Anyone who is deeply immersed in this field of research, who truly understands its driving forces, knows that precisely those areas which arise as a necessity of the present—such as the one I have mentioned here: psychoanalysis—when truly penetrated, point to the fact that they can only find their fulfillment in the light of what is here called anthroposophically oriented spiritual science. That this is not something based on blind whims or some vague mysticism, but rather something that is seriously underpinned—at least in its intentions—by a genuine spirit of research, that is what I sought to convey by demonstrating, through various specific examples, how the scientific concepts we are accustomed to today can be enriched by what is known as spiritual science.

[ 89 ] Ich glaube, diese Geisteswissenschaft ist durchaus nicht etwas Neues. Denn man braucht nicht weiter zurückzugehen als bis zu Goethe, so findet man in seiner Metamorphosenlehre die elementaren Ansätze, die nur ausgebaut werden müssen durch die Geisteswissenschaft — allerdings nicht durch logisch-abstrakte wissenschaftliche Hypothesen, sondern durch lebensvolle Ausgestaltung desjenigen, was dort angeregt worden ist.

[ 89 ] I believe that this spiritual science is by no means something new. For one need look no further back than Goethe; in his theory of metamorphosis, one finds the fundamental seeds that need only to be developed through spiritual science—though not through logical-abstract scientific hypotheses, but through the vibrant elaboration of what has been suggested there.

[ 90 ] Daher, da ich selber seit mehr als dreißig Jahren ausgehe von einem Ausbauen der Goetheschen Weltanschauung, nenne ich sehr gerne für mich diejenige Weltanschauung, die ich als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vertrete, die ausgebaute Goethesche Weltanschauung. Und den Bau in Dornach, der gewidmet ist dieser Weltanschauung, den möchte ich am liebsten, wenn es nach mir bloß ginge, ein Goetheanum nennen: andeutend, wie diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durchaus nicht bloß als etwas aus einem einzelnen Einfall herausgeholtes willkürliches Neues in die Welt tritt, sondern als etwas, was gefordert wird durch den Geist der Gegenwart, aber auch gefordert wird durch den Geist der ganzen Menschheitsentwickelung.

[ 90 ] Therefore, since I myself have been building upon Goethe’s worldview for more than thirty years, I am very happy to refer to the worldview I advocate—as an anthroposophically oriented spiritual science—as the expanded Goethean worldview. And as for the building in Dornach, which is dedicated to this worldview, I would most like—if it were entirely up to me—to call it the Goetheanum: suggesting that this anthroposophically oriented spiritual science does not enter the world merely as something arbitrary and new, derived from a single whim, but as something demanded by the spirit of the present, and also by the spirit of the entire development of humanity.

[ 91 ] Denn ich glaube, daß diejenigen, welche mit dem Geiste in der Menschheitsentwickelung gegangen sind, zu allen Zeiten in ihren besten Bestrebungen auf dasjenige hingewiesen haben, was als Früchte und als Blüten wissenschaftlichen Strebens heute hervortreten muß, damit wirkliche, ernste Einsicht in das Leben des Geistes begründet werde, so ernst, so würdig begründet, wie sich die von der Geisteswissenschaft durchaus nicht bekämpfte oder herabgesetzte, sondern gerade hochgeschätzte Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten, und insbesondere bis in unsere Zeit herein, gestaltet hat.

[ 91 ] For I believe that those who have walked with the Spirit throughout human evolution have, at all times and in their best endeavors, pointed toward that which must now emerge as the fruits and blossoms of scientific endeavor, so that a genuine, serious understanding of the life of the Spirit may be established—one as serious, and with such dignity as natural science—which spiritual science has by no means opposed or disparaged, but rather held in high esteem—has taken shape over the past centuries, and especially up to the present day.

[ 92 ] Nicht um andere Wissenschaften zu bekämpfen oder irgendwie anzufechten, habe ich diese Vorträge gehalten, sondern um zu zeigen — wie ich schon in der Einleitung _ gesagt habe —, daß ich sie zu schätzen weiß, indem ich nicht bloß den Glauben habe, sie seien groß in dem, was sie schon sind, sondern den Glauben, sie seien auch groß in dem, was aus ihnen hervorwachsen kann. Ich glaube, daß es eine noch höhere Schätzung der naturwissenschaftlichen und auch der anderen Denkweisen der Gegenwart ist, wenn man nicht bloß glaubt, man müsse bei ihnen stehenbleiben, sondern den Glauben hegt: ein richtiges Einleben in das, was gut ist in den verschiedenen Wissenschaftsgebieten, ist nicht nur fähig zu irgendeiner logisch entwikkelten Weltanschauung, die dann doch nicht zu mehr kommt als zu dem, was in der Grundlage schon drinnen ist, sondern fähig, Lebendiges aus sich hervorzubringen. Und ein solches Lebendiges, nicht bloß ein Erschlossenes, will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sein.

[ 92 ] I did not give these lectures to combat or in any way challenge other sciences, but rather to show—as I already stated in the introduction—that I value them, not merely because I believe they are great in what they already are, but because I believe they are also great in what may grow out of them. I believe that an even higher appreciation of the natural sciences—and indeed of other contemporary ways of thinking—lies not merely in the belief that that one must stop there, but to hold the belief that a true immersion in what is good within the various scientific fields is not only capable of yielding some logically developed worldview—which ultimately amounts to nothing more than what is already contained in its foundations—but is capable of bringing forth something living. And such a living reality—not merely something that has been uncovered—is what anthroposophically oriented spiritual science aims to be.

Aus der Fragenbeantwortung

Questions and Answers

Frage: Wie erklärt der Herr Vortragende den Vorgang des Vergessens?

Question: How does the speaker explain the process of forgetting?

[ 93 ] Nun, über diese Frage kann ja ganz kurz gesprochen werden. Der Vorgang des Vergessens beruht im wesentlichen darauf, daß jenem Vorgang, den ich als Parallelvorgang erwähnt habe für das Vorstellungbilden und auf dem die Erinnerung beruht, zugrunde liegt eine Aufstiegs- und eine Abstiegsphase des Geschehens. Ich könnte, um mich verständlicher zu machen, darauf hinweisen, daß zwar nicht derselbe Vorgang, wohl aber der Vorgang gewissermaßen vorgebildet in dem vorliegt, was Goethe das «Abklingen der Sinneswahrnehmungen» nennt. Dieses Abklingen der Sinneswahrnehmungen — wenn die Sinneswahrnehmung vorüber ist, klingt die Wirkung noch ab ist zwar nicht dasjenige, was dem Vergessen zugrunde liegt, aber man kann sich dadurch verständlich machen: sie ist gewissermaßen ein Vorbild für den ganzen Vorgang, der sich da abspielt, wobei ich ausdrücklich bemerke, daß ich unter diesem Vorgang nicht einen physiologischen, sondern einen zwar bis ins Physiologische sich hineinerstreckenden, aber doch geistig-physischen Vorgang verstehe. Das Genauere darüber können Sie in meinen Büchern finden. Aber das, was da als Vorgang sich abspielt, hat auch eine abklingende Phase, und die abklingende Phase liegt eben dem Vergessen zugrunde. Also wie die aufsteigende Phase dem Erinnern zugrunde liegt, so liegt die absteigende Phase dem Vergessen zugrunde. Der Vorgang des Vergessens ist nicht weiter, ich möchte sagen, wunderbar, wenn man die Erinnerungsanschauung hat, von der ich gesprochen habe.

[ 93 ] Well, this question can be addressed quite briefly. The process of forgetting essentially rests on the fact that the process I mentioned as a parallel process for the formation of mental images—and on which memory is based—is underpinned by an ascending and a descending phase of the event. To make myself clearer, I could point out that, while it is not the same process, a process that is, in a sense, prefigured by it is present in what Goethe calls the “fading of sensory perceptions.” This fading of sensory perceptions—when sensory perception has passed, the effect still fades—is not, admittedly, what underlies forgetting, but it can serve to clarify the point: it is, in a sense, a prototype for the entire process taking place here, though I expressly note that by this process I do not mean a physiological one, but rather a mental-physical process that, while extending into the physiological realm, is nonetheless of a mental-physical nature. You can find more detailed information on this in my books. But the process that is taking place here also has a fading phase, and this fading phase is precisely what underlies forgetting. Just as the ascending phase underlies remembering, so the descending phase underlies forgetting. The process of forgetting is, I would say, nothing short of wondrous when one has the perspective on memory that I have described.

Frage: Was bedeutet es, wenn ein Mensch nie träumt, respektive wenn ihm nie Träume ins Bewußtsein treten? Wie ist diese Erscheinung psychologisch und wie anthroposophisch zu deuten, das heißt, wie unterscheidet sich ein solcher Mensch geistig von anderen Menschen?

Question: What does it mean when a person never dreams, or rather, when dreams never enter their consciousness? How should this phenomenon be interpreted from a psychological and anthroposophical perspective—that is, how does such a person differ spiritually from other people?

[ 94 ] Die Tatsache, auf die hier gezeigt wird, ist eigentlich eine recht problematische. Denn es wird zwar leicht behauptet, daß man nie träume, aber das ist eigentlich nicht der Fall; sondern hier liegt nur eine gewisse Schwäche zunächst zugrunde gegenüber jenen unterbewußten Vorgängen, die dem Träumen zugrunde liegen, ein gewisser Schwächezustand, der nicht in der Lage ist, aus dem Unterbewußten das heraufzuholen, was aus diesem Unterbewußten heraus, wie ich mich bildlich ausgedrückt habe, gelesen werden soll. Träumen tut jeder Mensch. Aber wie andere Schwächezustände vorliegen, so liegen bei manchen Menschen solche Zustände vor, die es unmöglich machen, das Geträumte wirklich heraufzuholen und es dadurch ins Bewußtsein zu tragen. Man braucht diese Schwäche aber nicht in demselben Sinne als Schwäche aufzufassen wie, sagen wir, irgendeine organische Schwäche; denn diese Schwäche kann sehr leicht herbeigeführt werden durch einen geistigen Vorzug auf einem anderen Gebiete. Von Lessing wird zum Beispiel erzählt, daß er nie geträumt haben soll. Und bei ihm würde es darauf beruhen, daß er ein im eminentesten Sinne kritisch angelegter Kopf war, welcher dadurch, daß er seine Kräfte in einer so starken Weise, wie man das bei Lessing kennt, konzentriert und dadurch nach der einen Seite seines Wesens hin verwendet hat, sie dadurch geschwächt hat nach einer anderen Seite. Also man muß nicht über diese Schwäche in sehr schlimmem Sinne denken, auf die hier hingewiesen ist; sie kann zusammenhängen mit anderen Stärken des Menschen.

[ 94 ] The fact being pointed out here is actually quite problematic. For while it is easy to claim that one never dreams, that is not actually the case; rather, what underlies this is initially a certain weakness in relation to those subconscious processes that underlie dreaming—a certain state of weakness that is incapable of bringing up from the subconscious what, as I have figuratively expressed it, is to be “read” from that subconscious. Every person dreams. But just as there are other states of weakness, there are also states in some people that make it impossible to truly bring forth what has been dreamed and thereby carry it into consciousness. However, this weakness need not be understood in the same sense as, say, some kind of organic weakness; for this weakness can very easily be brought about by a mental strength in another area. It is said of Lessing, for example, that he never dreamed. In his case, this would be due to the fact that he was a mind of the most eminently critical disposition, who—by concentrating his powers so intensely, as is characteristic of Lessing, and thereby directing them toward one aspect of his nature—weakened them in another aspect. So one need not view this weakness, to which reference is made here, in a very negative light; it may be connected to other strengths of the individual.

[ 95 ] «Psychologisch» und «anthroposophisch» eine solche Sache zu deuten, ist ja natürlich für den Geisteswissenschafter ein und dasselbe. Man kann auch nicht einmal sagen, daß derjenige, der eine gewisse Schwäche hat, einen Traumvorgang ins Bewußtsein hereinzuholen, daß der zum Beispiel auch eine Schwäche haben müßte für die Vorgänge aus dem imaginativen Erkenntnisvermögen. Das braucht gar nicht einmal der Fall zu sein. Es kann jemand wenig Anlage haben zu dem, was man im gewöhnlichen Sinne das Träumen nennt,.und er kann dennoch — durch Anwendung der Vorgänge, die ich in meinen Büchern, namentlich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» anführe, und die jeder bei sich anwenden kann —, er kann dennoch zu imaginativem und so weiter Bewußtsein kommen. Und dann kann sich herausstellen, daß, weil er nun seine Kräfte ganz besonders verwendet zum imaginativen, also vollbewußten Erkennen der geistigen Welt, zum Hineinschauen, sagen wir, wenn der Ausdruck nicht im abergläubischen Sinne genommen wird: zum hellsichtigen Hineinschauen in die geistige Welt, dann kann gerade dadurch erst recht das gewöhnliche Träumen unterdrückt werden, obwohl auch das Umgekehrte der Fall sein kann.

[ 95 ] For the scholar of the spiritual sciences, interpreting such a matter “psychologically” and “anthroposophically” is, of course, one and the same thing. Nor can one even say that someone who has a certain weakness in bringing a dream process into consciousness must, for example, also have a weakness for the processes of the imaginative faculty of knowledge. That need not be the case at all. Someone may have little aptitude for what is commonly called dreaming, and yet—by applying the methods I describe in my books, particularly in How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, which anyone can apply to themselves—they can still attain imaginative consciousness and so on. And then it may turn out that, because they are now directing their powers specifically toward imaginative—that is, fully conscious—perception of the spiritual world, toward looking into it—let us say, if the expression is not taken in a superstitious sense—toward clairvoyant insight into the spiritual world, then it is precisely through this that ordinary dreaming can be suppressed, although the reverse may also be the case.

[ 96 ] Ich kenne sehr viele Menschen, die die Übungen, die in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben sind, auf ihre Seele anwenden, und die das erleben, was dort auch beschrieben ist: eine Umwandlung des Traumeslebens. Das gewöhnliche Traumesleben enthält ja eigentlich nur Vages, währenddem es sich in einer merkwürdigen Art umwandelt unter dem Einfluß der erwachenden imaginativen Erkenntnis.

[ 96 ] I know many people who apply the exercises described in my book How to Gain Insights into the Higher Worlds to their souls and who experience what is described there: a transformation of their dream life. Ordinary dream life actually consists only of vague impressions, whereas it undergoes a remarkable transformation under the influence of awakening imaginative insight.

[ 97 ] So deutet eigentlich die Unfähigkeit, Träume ins Bewußtsein zu holen, auf nichts anderes hin als eben auf eine partielle Schwäche der menschlichen Natur, die so aufzufassen ist, wie auf anderen Gebieten der eine auch starke Muskeln, der andere schwächere Muskeln hat. Es ist eben etwas, was in den Nuancen der menschlichen Ausbildung durchaus begründet ist.

[ 97 ] Thus, the inability to bring dreams into consciousness actually points to nothing other than a partial weakness of human nature, which should be understood in the same way that, in other areas, one person may have strong muscles while another has weaker ones. It is simply something that is thoroughly rooted in the nuances of human development.