Extending Natural Science
through Anthroposophy
GA 73
8 October 1918, Zurich
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Extending Natural Science through Anthroposophy, tr. SOL
5. Ist eine übersinnliche erkenntnisweise Wissenschaftlich zu Begründen?
5. Can a Supernatural Mode of Knowledge Be Scientifically Justified?
[ 1 ] In Fragen des geistigen Lebens hat man sehr häufig die Meinung, Auskünfte zu erhalten bei den Philosophen. Nun hat ein offizieller Vertreter der Philosophie der Gegenwart, Richard Wahle, einen merkwürdigen Ausspruch aus dem Bewußtsein der gegenwärtigen Zeit heraus gerade über die Philosophie getan, nicht nur über die Philosophie der Gegenwart, sondern auch über die Philosophie früherer Zeiten. Er sagte, die Philosophen früherer Zeiten glichen Besitzern von Restaurants, in denen von allerhand Köchen und Kellnern ungesunde Speisen bereitet und dargeboten worden wären. Dagegen die Philosophie der Gegenwart gliche einem Restaurant, in dem unnützerweise die Köche und Kellner herumstehen und überhaupt gar nichts Brauchbares mehr bereiten. — Mit diesen «Köchen und Kellnern» meint Richard Wahle die Philosophen.
[ 1 ] When it comes to matters of intellectual life, people very often believe they can turn to philosophers for answers. Now, an official representative of contemporary philosophy, Richard Wahle, has made a remarkable statement—drawn from the consciousness of our present age—precisely about philosophy, not only about contemporary philosophy but also about the philosophy of earlier times. He said that the philosophers of earlier times were like restaurant owners in which all sorts of cooks and waiters prepared and served unhealthy food. In contrast, contemporary philosophy is like a restaurant in which the cooks and waiters stand around idly and no longer prepare anything of any use at all. — By these “chefs and waiters,” Richard Wahle means the philosophers.
[ 2 ] Nun ist das gewiß ein sonderbarer Ausspruch. Dennoch, man kann sagen, er ist in gewissem Sinne aus dem Bewußtsein unserer gegenwärtigen Zeitbildung heraus getan. Man brauchte ja nicht der naiven Meinung zu sein, daß sich das große Publikum mit seiner Weltanschauung immer richte oder belehren lasse von den einsamen Propheten und sinnenden Philosophen. Allein die Bedeutung dessen, was die Philosophen sagen, liegt auf einem anderen Felde. Man muß deren Aussprüche als Symptome nehmen. Dasjenige, was sie sagen, ist in gewissem Sinne — nur auf eine besondere Art — gesprochen aus dem allgemeinen Bewußtsein irgendeiner Zeit. Und dasjenige, was ihren Aussprüchen als Impulse zugrunde liegt, das liegt im Unterbewußten der Seelen der Menschen in irgendeinem Zeitalter. Daraus bilden sie sich ihre Weltanschauung heraus.
[ 2 ] Now, that is certainly a strange statement. Nevertheless, one could say that, in a certain sense, it stems from the consciousness of our present-day era. One need not hold the naïve view that the general public always bases its worldview on—or allows itself to be instructed by—solitary prophets and contemplative philosophers. Yet the significance of what philosophers say lies in a different realm. One must regard their statements as symptoms. What they say is, in a certain sense—albeit in a particular way—expressed from the general consciousness of a given era. And what underlies their statements as impulses lies in the subconscious of people’s souls in any given age. From this, they form their worldview.
[ 3 ] In unserer gegenwärtigen Frage über das geistige Leben müssen die Dinge auch anders beurteilt werden können als aus gewissen naturwissenschaftlichen Anschauungen heraus. Man darf sich darüber keiner Täuschung hingeben. Die Sache ist so, daß alles dasjenige, was neu gefunden wird, oder wovon man glaubt, daß es gefunden werden könne in den großen Weltanschauungsfragen, von der allgemeinen Meinung heute schon einmal nach den Anschauungen der Naturwissenschaft beurteilt wird, wenigstens empfindend beurteilt wird. Und zu rechtfertigen gewissermaßen vor dem naturwissenschaftlichen Bewußtsein hat sich heute selbst dasjenige, was aus den tiefsten Untergründen des sittlichen, des religiösen Lebens der Menschheit hervorquillt. Daher muß eine Weltanschauung, die auf die übersinnlichen Erkenntnisse geht, vor allen Dingen heute darauf bedacht sein, ihre Auseinandersetzung zu halten mit demjenigen, was die wissenschaftlichen Forderungen der Naturerkenntnis der Gegenwart sind. Aber gerade darinnen sind Verwechslungen und Mißverständnisse mit Bezug auf das, was hier als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gemeint ist, nur zu naheliegend, man möchte sagen, selbstverständlich. Und ich möchte daher diese Vortragsserie heute damit beginnen, daß ich versuchen werde, wissenschaftliche Begründungen — wenigstens im allgemeinen — vor Ihnen vorzubringen für dasjenige, was als übersinnliche Erkenntnis von dieser Anthroposophie angestrebt wird. Ich werde dabei allerdings gerade für den heutigen Vortrag, der weniger populär sein kann als die folgenden drei, Sie um Entschuldigung bitten müssen, da manches scheinbar abstrakter klingen wird, was ich auseinanderzusetzen habe, obwohl es für denjenigen, der in der hier gemeinten Geisteswissenschaft drinnensteht, recht konkrete Erlebnisse sind. Aber es wird auch nicht in allen Einzelheiten der Weg charakterisiert werden können, den anthroposophische Geisteswissenschaft in die übersinnliche Welt hineinführt, sondern es wird nur angedeutet werden können, in welcher Art die auch vor der Naturwissenschaft bestehenden wissenschaftlichen Beweise für sie in der Gegenwart gesucht werden müssen. Die folgenden Vorträge werden die einzelnen Belege gerade auch in bezug auf das Beweisende der Geisteswissenschaft zu erbringen haben.
[ 3 ] In our current inquiry into spiritual life, it must be possible to assess things from perspectives other than certain scientific viewpoints. We must not delude ourselves about this. The fact is that everything that is newly discovered—or that is believed to be discoverable—in the great questions of worldview is already judged by public opinion today according to the views of natural science, or at least intuitively judged in that light. And even that which springs from the deepest foundations of humanity’s moral and religious life has, in a sense, had to justify itself before the scientific consciousness of today. Therefore, a worldview based on supersensible knowledge must, above all else today, be mindful of engaging with the scientific demands of contemporary natural science. But it is precisely in this context that confusion and misunderstandings regarding what is meant here by an anthroposophically oriented spiritual science are all too likely—one might even say inevitable. And so I would like to begin this series of lectures today by attempting to present to you—at least in general terms—scientific justifications for what this anthroposophy strives to achieve as supersensible knowledge. I must, however, ask for your indulgence, especially for today’s lecture—which may be less accessible than the following three—since some of the topics I will be discussing may sound more abstract, even though they are quite concrete experiences for those who are deeply immersed in the spiritual science referred to here. However, it will not be possible to describe in every detail the path that anthroposophical spiritual science takes into the supersensible world; rather, I will only be able to indicate the manner in which the scientific evidence for it—which exists even prior to natural science—must be sought in the present. The following lectures will be dedicated to presenting the individual pieces of evidence, particularly with regard to the demonstrative nature of spiritual science.
[ 4 ] Vor allen Dingen ist ein Mißverständnis dadurch hervorgerufen, daß diese Anthroposophie sehr leicht auf der einen Seite von naturwissenschaftlichen Forschern und Denkern und solchen, die sich in populärer Weise eine Weltanschauung auf Grund der Naturwissenschaft zu bilden glauben, als der Naturwissenschaft gegenüber gegnerisch genommen wird. Ich werde zu zeigen versuchen, daß die hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht nur nicht gegnerisch gegenüber der Naturwissenschaft dasteht, sondern daß sie im Gegenteil dasjenige, was Naturwissenschaft anstrebt, gerade bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgt, daß sie den geistigen Sinn des naturwissenschaftlichen Beweisverfahrens weitertreibt als die Naturwissenschaft selbst.
[ 4 ] Above all, a misunderstanding has arisen because this Anthroposophy is very easily perceived—on the one hand—by natural scientists, thinkers, and those who believe they are forming a worldview based on natural science in a popular way—as being opposed to natural science. I will attempt to show that the spiritual science referred to here is not only not opposed to natural science, but that, on the contrary, it pursues precisely what natural science strives for right down to its ultimate consequences, and that it carries the spiritual meaning of the scientific method of proof further than natural science itself.
[ 5 ] Ein weiterer Einwand, der sich sehr leicht, und ich möchte wieder sagen, selbstverständlich ergeben kann, ist der, den man ja macht, wenn man so etwas, was als übersinnliche Erkenntnisanschauung auftritt, verwechselt mit allerlei althergebrachten Traditionen. Es ist der Einwand, der sich dem auf eine leichte Weise ergibt, der nur oberflächlich und von außen, gewissermaßen noch weit außen sich über diese Geisteswissenschaft unterrichtet. Es ist der Einwand, man habe es in einer solchen Geisteswissenschaft doch nur mit allerlei mystischen, das heißt — wie man sich vorstellt dunklen, unklaren Begriffen und Vorstellungen zu tun, die nicht aus derjenigen Gegend der Seele herkommen, wo das reife wissenschaftliche Denken sich gründet. Auch mit diesem Einwand brauche ich mich nicht unmittelbar zu befassen. Er muß wegfallen, wenn ich zeigen werde, wo zunächst der vom vollen seelischen Leben aus genommene Ausgangspunkt der hier gemeinten geistigen Forschung liegt.
[ 5 ] Another objection that can arise very easily—and I would like to say once again, quite naturally—is the one people make when they confuse something that appears as a form of supersensible insight with all sorts of time-honored traditions. It is the objection that naturally arises for those who inform themselves about this spiritual science only superficially and from the outside—in a sense, from quite far outside. It is the objection that such spiritual science deals only with all sorts of mystical—that is, as one imagines, obscure and unclear—concepts and ideas that do not originate from that region of the soul upon which mature scientific thinking is founded. Nor do I need to address this objection directly. It will fall away once I show where the starting point for the spiritual research referred to here lies—a starting point drawn from a full spiritual life.
[ 6 ] Von zwei Erlebnissen, die tief sich begründen müssen im seelischen Erleben, hat anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auszugehen. Das erste ist ein Erlebnis, das gemacht werden kann gerade an der Naturerkenntnis, an der richtig verstandenen Naturbeobachtung. Wer sich intim einläßt auf dasjenige, was die Naturbeobachtung im Menschen an Erlebnissen erzeugt, was sie an einfachen Forderungen stellt, der wird merken, daß das Reden über gewisse Grenzen, welche alle Naturerkenntnis hat, in gewissem Sinne einen guten Sinn hat, auf der anderen Seite aber völlig in Mißverständnisse hinein sich verirrt. Wenn man nicht theoretisch, nicht in dem Glauben an gewisse naturwissenschaftliche Dogmen, sondern mit gesunder Seelenverfassung an das naturwissenschaftliche Denken herangeht, wenn man erlebt mit dem naturwissenschaftlichen Denken an der Naturbeobachtung, an dem unmittelbaren Wahrnehmen der Naturerscheinungen und Naturdinge, dann wird einem klar, daß diese Naturwissenschaft als solche, überhaupt alle Naturerkenntnis, an gewisse Grenzen gelangen muß. Und die Frage entsteht nur, ob diese Grenzen naturwissenschaftlichen Erkennens Grenzen des menschlichen Erkennens überhaupt sind. Wer in diesem Punkte nicht richtig versteht, der wird alle möglichen Einwände gerade gegen Geistesforschung erheben können.
[ 6 ] Anthroposophically oriented spiritual science must take as its starting point two experiences that must be deeply rooted in the inner life. The first is an experience that can be gained precisely through the knowledge of nature, through the correctly understood observation of nature. Anyone who intimately engages with the experiences that the observation of nature evokes in a person—and with the simple demands it places on us—will realize that talking about certain limits inherent in all knowledge of nature makes sense in a certain way, but on the other hand can lead entirely into misunderstandings. If one approaches scientific thinking not theoretically, not out of a belief in certain scientific dogmas, but with a healthy state of mind; if one actively engages with scientific thinking through the observation of nature, through the direct perception of natural phenomena and natural objects, then it becomes clear that this natural science as such—indeed, all knowledge of nature—must inevitably reach certain limits. And the question arises as to whether these limits of scientific knowledge are, in fact, limits of human knowledge in general. Anyone who does not understand this point correctly will be able to raise all manner of objections specifically against spiritual research.
[ 7 ] Da ich mir die Aufgabe stellen möchte, heute zu zeigen, daß diese Geistesforschung durchaus, obzwar sie die Begründung einer populären Weltanschauung für alle Menschen jedes Bildungsstandes sein will, doch sich auseinanderzusetzen hatte, ehe sie sich begründet hat, mit allen philosophischen und wissenschaftlichen menschlichen Grenzfragen im ernsten Wissen — da ich mir diese Aufgabe stellen will, so muß ich eben schon, wie ich gesagt habe, in scheinbar abstrakter Form gerade auch auf solche Grenzfragen des naturwissenschaftlichen Erkenntnis im unmittelbaren Erleben mit der Naturwissenschaft eintreten.
[ 7 ] Since I wish to set myself the task today of showing that this spiritual research—even though it aims to serve as the foundation of a popular worldview for people of all educational backgrounds— it nevertheless had to grapple, before it became established, with all the philosophical and scientific questions concerning the limits of human knowledge in a serious scholarly manner—since I wish to set myself this task, I must, as I have said, address precisely such questions concerning the limits of scientific knowledge in a seemingly abstract form through direct experience with the natural sciences.
[ 8 ] Man kommt, wenn man die Natur beobachtet, zu gewissen Annahmen, welche Vorstellungen hervorrufen, bei denen man sagen muß: Hier sind die Eckpfeiler naturwissenschaftlicher Forschung; hier kommt man nicht weiter, hier kann man nicht mit dem Denken restlos in die Erscheinungen untertauchen, hier bleibt irgend etwas unbestimmt, hier sind eben Erkenntnisgrenzen. Nun könnte ich viele solche naturwissenschaftliche Begriffe anführen, welche Erkenntnisgrenzen darstellen; aber man braucht ja nur an die populärsten, ich möchte sagen, an die trivialsten naturwissenschaftlichen Vorstellungen heranzugehen und man wird finden: sie sind gleichsam zu dicht, als daß menschliches Erkennen unmittelbar in das, was vorliegt, eindringen kann. Man braucht sich nur zum Beispiel an zwei Vorstellungen zu wenden, an die Vorstellung der Kraft und an die Vorstellung des Stoffes. Mathematische Klarheit über das Wesen der Kraft und namentlich des Stoffes wird man vergeblich suchen, wenn man streng auf dem Boden gerade der Naturbeobachtung stehenbleiben will. Und man bekommt — allerdings in etwas anderer Weise, eigentlich in radikal anderer Weise als durch den Kantianismus, wenn man erlebt, wie man sich gleichsam stößt an solchen Hindernissen, wie Kraft und Stoff, wenn man naturwissenschaftlich forscht und beobachtet —, man bekommt den Eindruck, wie dieses Stoßen an dem Menschen selbst liegt. Man bekommt den Antrieb, nicht außen in der Welt zu forschen, sondern gegenüber diesen Fragen vor allen Dingen zu fragen: Wie ist der Mensch eingerichtet? Wie liegt es an dem Menschen selbst, daß er sich an solchen Hindernissen mit seiner Naturbeobachtung stoßen muß? Und man untersucht dann — wie gesagt, ich charakterisiere den Weg der Beweiskraft —, was es eigentlich in der menschlichen Seele ist, was verursacht, daß wir an solche Grenzen kommen; und man findet, daß allerdings gewisse Seelenkräfte da sind, die uns verhindern, mit dem denkenden Erkennen zum Beispiel in Kraft und Stoff unterzutauchen. In dem Augenblicke, wo wir wirklich untertauchen wollen, verhindert uns unsere eigene Seelenverfassung, das Denken restlos anzuwenden. Wir können nicht das nach Naturgesetzen drängende Denken restlos anwenden. Wir müssen übergehen dazu, so etwas wie Kraft und Stoff durch andere Seelenkräfte aufzunehmen, uns mit ihnen zu vereinigen. Wir müssen es übergehen lassen in Empfindungen, in Anschauungen, in dasjenige, was sehr mit dem Fühlen verwandt ist, das von dem Denken in unmittelbarem Gedankenlichte nicht mehr zu erreichen ist. Und wir fühlen dann in unmittelbarem Erleben, daß dieser Übergang von dem Denken zum dunklen Fühlen unsere Grenzen im naturwissenschaftlichen Vorstellen bestimmt. Und dann frägt man sich: Was haben wir als Menschen, die gesund leben wollen im äußeren Dasein zwischen Geburt und Tod, was haben wir von denjenigen Seelenkräften, die uns so hindern, jenseits der naturwissenschaftlichen Grenzen hinzukommen?
[ 8 ] When one observes nature, one arrives at certain assumptions that give rise to ideas about which one must say: Here lie the cornerstones of scientific research; here one cannot go any further; here one cannot fully immerse one’s thinking in the phenomena; here something remains undefined; here, in short, lie the limits of knowledge. Now, I could cite many such scientific concepts that represent the limits of knowledge; but one need only consider the most popular—I would say, the most trivial—scientific ideas, and one will find that they are, as it were, too dense for human understanding to penetrate directly into what is before us. One need only turn, for example, to two concepts: the concept of force and the concept of matter. One will search in vain for mathematical clarity regarding the nature of force and, in particular, of matter, if one insists on remaining strictly within the realm of natural observation. And one gets—albeit in a somewhat different way, indeed in a radically different way than through Kantianism, when one experiences how one, as it were, stumbles upon such obstacles as force and matter while conducting scientific research and observation—one gets the impression that this stumbling lies within human beings themselves. One is driven not to search outward in the world, but, in the face of these questions, to ask above all: How is the human being constituted? How is it inherent in human beings themselves that they must come up against such obstacles in their observation of nature? And one then investigates—as I said, I am characterizing the path of the power of proof—what it is, in fact, within the human soul that causes us to reach such limits; and one finds that there are indeed certain powers of the soul that prevent us, for example, from delving deeply into force and matter with our thinking cognition. The moment we truly wish to delve into them, our own mental disposition prevents us from applying our thinking fully. We cannot fully apply the thinking that is driven by the laws of nature. We must transition to perceiving such things as force and matter through other soul forces, uniting ourselves with them. We must allow it to flow into sensations, into intuitions, into that which is closely related to feeling—which can no longer be reached by thinking in the immediate light of thought. And we then feel, in immediate experience, that this transition from thinking to obscure feeling defines our limits in scientific imagination. And then one asks oneself: What do we, as human beings who wish to live healthily in our outer existence between birth and death, gain from those soul forces that so hinder us from reaching beyond the limits of natural science?
[ 9 ] Indem wir den Charakter dieser Seelenkräfte untersuchen, die uns so hindern, haben wir dann den Eindruck, daß es sehr wichtige, bedeutungsvolle Seelenkräfte sind. Wirkönnen uns fragen in innerer Seelenbeobachtung, zu der wir uns gewöhnt haben müssen, wenn wir Geistesforscher werden wollen, wir können erkennen in unmittelbarer Seelenbeobachtung, wie dieselben Kräfte, die uns nicht eindringen lassen in Kraft und Stoff, die Kräfte sind, die uns als Menschen befähigen der Liebe zu anderen Wesen in der Welt.
[ 9 ] As we examine the nature of these soul forces that hinder us so much, we then get the impression that they are very important and significant soul forces. We can ask ourselves through inner soul observation—to which we must become accustomed if we wish to become spiritual researchers—and we can recognize through direct soul observation how the very same forces that prevent us from penetrating into force and matter are the forces that enable us, as human beings, to love other beings in the world.
[ 10 ] Untersuchen wir das Wesen der Liebe. Versuchen wir einzudringen in unsere Seelenverfassung, um diejenigen Kräfte kennenzulernen, die uns liebefähig machen: Wir finden, es sind dieselben Kräfte, die uns nicht untertauchen lassen mit dem kalten Erkennen, mit dem bloßen Denken in solche Eckpfeiler naturwissenschaftlicher Erkenntnis wie Kraft und Stoff oder vieler ähnlicher Dinge. Wir müßten als Menschen ganz anders organisiert sein, als wir sind, wir müßten als Menschen ungeeignet sein, auf unserem Lebenswege Liebe zu anderen Menschen zu entwickeln, Liebe zu anderen Wesen zu entfalten, wenn wir nicht an naturwissenschaftliche Grenzen kommen könnten. An der Liebefähigkeit liegt es, daß wir zu naturwissenschaftlichen Grenzen kommen müssen. Das geht in unmittelbarem Erleben mit der Naturwissenschaft dem Erkenner auf.
[ 10 ] Let us examine the nature of love. Let us try to delve into the state of our souls to discover the forces that enable us to love: We find that these are the very same forces that prevent us from becoming lost in cold rationality, in mere thinking about such cornerstones of scientific knowledge as force and matter, or many similar concepts. As human beings, we would have to be organized quite differently than we are; we would be unsuited to developing love for other human beings and unfolding love for other beings on our life’s journey if we could not reach the limits of scientific knowledge. It is precisely because of our capacity for love that we must reach the limits of scientific knowledge. This becomes clear to the researcher through direct experience with the natural sciences.
[ 11 ] Dann allerdings ergibt sich eine andere Erkenntnistheorie, eine viel lebensvollere Erkenntnistheorie als die abstrakte Kantische. Dann sieht man, wenn man das durchschaut hat, in einer ganz anderen Weise auf die Welt und die menschliche Naturerkenntnis hin als früher. Dann sagt man sich: Was würde aus den Menschen werden, wenn sie nicht naturwissenschaftliche Grenzen hätten? Es würden kalte, lieblose Menschen sein! Das ist das erste Erlebnis, welches der Geistesforscher haben muß.
[ 11 ] But then a different theory of knowledge emerges—one that is far more vibrant than the abstract Kantian theory. Once one has grasped this, one views the world and human understanding of nature in a completely different way than before. Then one asks oneself: What would become of human beings if they had no limits set by the natural sciences? They would be cold, loveless people! This is the first insight that the researcher of the spirit must have.
[ 12 ] Das zweite Erlebnis ist dasjenige, das er haben muß mit der Mystik. So wie er sich auf der einen Seite an die Naturwissenschaft wendet, um gerade im rechten Sinne Naturwissenschaft und Naturbeobachtung zu treiben und dadurch erkennt, warum diese Naturbeobachtung Grenzen hat, so wendet er sich nach der anderen Seite hin an die Mystik, um nicht über sie abzusprechen aus Vorurteilen heraus, sondern um ein Erlebnis an ihr zu haben, um sich wirklich lebensvoll fragen zu können: Ist durch Mystik vielleicht möglich, dasjenige zu erringen, was auf naturwissenschaftlichem Wege nicht zu erringen ist: ein Erringen derjenigen Sphäre, die jenseits der Grenze der Sinnesbeobachtungen liegt? Kann man durch Untertauchen in das eigene Selbst — dies ist ja der Weg der Mystik — den Rätseln des übersinnlichen Daseins näherkommen?
[ 12 ] The second experience is the one he must have with mysticism. Just as he turns, on the one hand, to the natural sciences in order to pursue scientific inquiry and the observation of nature in the proper sense—and thereby recognizes why such observation has its limits—so, on the other hand, he turns to mysticism, not to dismiss it out of prejudice, but to have an experience of it, so that he may ask himself with genuine vitality: Is it perhaps possible through mysticism to attain what cannot be attained through scientific means: an access to that sphere that lies beyond the limits of sensory observation? Can one, by immersing oneself in one’s own self—which is, after all, the path of mysticism—come closer to the mysteries of supersensory existence?
[ 13 ] Und auch da entdeckt der Geistesforscher, daß sich eine bedeutsame menschliche Erkenntnisgrenze ergibt. Gewiß, der mystische Weg, der den Menschen hinunterführen soil in die Untergründe der Seele, bietet innere Seligkeiten; er bietet auch etwas wie eine Aussicht, sich zu vereinigen mit den geistigen Weltenkräften des Daseins. Allein der Geistesforscher muß vorurteilslos die mystischen Erlebnisse verfolgen, und gerade dann findet er, daß sein Weg der Weg gewöhnlicher Mystik nicht sein kann; denn diese Mystik kann vor allen Dingen nicht über das Wesen des Menschen selbst aufklären. Warum nicht? Man findet wiederum, indem man mystisch untertaucht in das eigene Innere, gewisse, ich möchte sagen Rückschlagekräfte. Man kann nicht hinunter. Und derjenige, der so ernst, wie es die hier gemeinte Geistesforschung will, Seelenbeobachtung treibt, der wird kritischer, als es der gewöhnliche Mystiker ist. Der gewöhnliche Mystiker glaubt sehr oft, wenn er untertaucht in die Untergründe seiner Seele, da fände er irgend etwas, was aus einer höheren Welt in diese Untergründe der Seele hineinleuchte, so ohne weiteres auf dem Wege des gewöhnlichen mystischen Hellsehens. Der Geistesforscher, der sich Kritik angeeignet hat, weiß, wie eigentlich für das gewöhnliche Bewußtseinsleben dasjenige verwandelt wird, was schon in der Seele an Erinnerungen, an Reminiszenzen von Erlebnissen vorhanden ist, wie dasjenige, was so vorhanden ist, wirkt und webt. Man glaubt, daß dieses, was im Grunde aus verborgenen, unterbewußten Erinnerungen herauskommt, was aus Erlebnisreminiszenzen heraufsprudelt, wie das etwas Fremdes ist, das uns auf dem Wege der Mystik in eine höhere Welt hineinführt. Man lernt gerade durch Geistesforschung fein erkennen, wie man im Grunde nichts anderes findet, wenn man da hinuntertaucht, als sein eigenes Leben und Weben. Dieses Leben und Weben muß allerdings vielfach verändert werden. Dadurch erkennt man nicht wieder, was man vor Jahren erlebt hat. Es tritt in anderer Form auf. Man hält es für ein ursprüngliches Erlebnis. Die Täuschungsquellen auf diesem Gebiete sind ungeheure.
[ 13 ] And here, too, the spiritual researcher discovers that a significant limit to human knowledge arises. Certainly, the mystical path, which is said to lead a person down into the depths of the soul, offers inner bliss; it also offers something like the prospect of uniting with the spiritual world forces of existence. Yet the spiritual researcher must pursue mystical experiences without prejudice, and it is precisely then that he finds his path cannot be that of ordinary mysticism; for this mysticism, above all, cannot shed light on the very nature of the human being. Why not? When one delves mystically into one’s own inner being, one encounters certain—I would say—resisting forces. One cannot go any deeper. And the person who engages in soul observation as seriously as spiritual research, as understood here, requires, becomes more critical than the ordinary mystic. The ordinary mystic very often believes that when he delves into the depths of his soul, he will find something there that shines into those depths from a higher world—simply through the means of ordinary mystical clairvoyance. The spiritual researcher who has mastered critical thinking knows how what is already present in the soul—memories and reminiscences of experiences—is actually transformed within ordinary conscious life, and how what is present in this way works and weaves its way through it. One tends to believe that what essentially emerges from hidden, subconscious memories—what bubbles up from reminiscences of experiences—is something foreign that leads us into a higher world through the path of mysticism. It is precisely through spiritual research that one learns to discern clearly that, when one delves down there, one finds nothing other than one’s own life and its interplay. This life and interplay, however, must undergo many transformations. As a result, one no longer recognizes what one experienced years ago. It appears in a different form. One takes it for an original experience. The sources of deception in this area are immense.
[ 14 ] Für den wahren Geistesforscher ergibt die Untersuchung dieses Weges, daß er innerhalb des mystischen Weges ebenso Grenzen anerkennt wie innerhalb des naturwissenschaftlichen Weges. Und wiederum frägt er sich: Was hindert uns, hinunterzusteigen in die eigenen Seelengründe, so daß wir uns selbst nicht erkennen können auf einem mystischen Wege? — Und man findet, daß, könnten wir uns erkennen auf mystischem Wege, wäre nicht die gewöhnliche Mystik fast immer Täuschung, fänden wir das ewige Wesen von uns selbst auf dem Wege dieser gewöhnlichen Mystik, dann könnten wir als Menschen keine erinnerungsfähigen Wesen sein. Dasselbe in uns, was uns zu erinnerungsfähigen Wesen macht, dasselbe in uns, was enthält durch eine gewisse Rückschlagekraft dasjenige, was wir erlebt haben, das hindert uns, mit der mystischen Kraft in jene Tiefen hinunterzudringen. Weil wir, wenn wir ein gesundes Leben hier auf dieser Erde zwischen Geburt und Tod führen wollen, die Erinnerungsfähigkeit brauchen, deshalb kann Mystik als Selbsterkenntnis nicht ein wahrer Forschungsweg sein.
[ 14 ] For the true spiritual seeker, an examination of this path reveals that it acknowledges limits within the mystical path just as it does within the scientific path. And once again, he asks himself: What prevents us from descending into the depths of our own souls, so that we cannot come to know ourselves through a mystical path? — And one finds that, if we could recognize ourselves through the mystical path—were it not for the fact that ordinary mysticism is almost always an illusion—and if we were to find the eternal essence of ourselves through this ordinary mysticism, then we, as human beings, could not be beings capable of memory. The very thing within us that makes us beings capable of memory—the very thing within us that, through a certain resilience, holds onto what we have experienced—is what prevents us from penetrating those depths with mystical power. Because we need the capacity for memory if we are to lead a healthy life here on earth between birth and death, mysticism, as a form of self-knowledge, cannot be a true path of inquiry.
[ 15 ] So muß der Geistesforscher innerhalb der Mystik die Grenzen finden, die an demselben Orte gegeben sind, aus dem die Erinnerungsfähigkeit des Menschen quillt. Und so wahr es ist, daß wir ohne Erinnerungsfähigkeit und ohne Liebefähigkeit nicht Menschen wären, so wahr ist es, daß wir wegen dieser unserer Organisation auf dem gewöhnlichen Bewußtseinswege weder jenseits der Grenze des Naturwissens das Übersinnliche finden können, noch es finden können durch mystische Versenkung in das eigene Wesen.
[ 15 ] Thus, within mysticism, the researcher of the spirit must find the boundaries that exist in the very place from which the human capacity for memory springs. And just as it is true that without the capacity for memory and without the capacity for love we would not be human, so it is true that, because of this structure of our being, we cannot, through the ordinary path of consciousness, find the supersensible beyond the limits of natural science, nor can we find it through mystical immersion in our own being.
[ 16 ] Daher sucht die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geistesforschung nun denjenigen Weg, der sich dann ergibt, wenn man alles erlebt hat, was für die Seelenverfassung aus diesen zwei Erlebnissen heraus zu gewinnen ist. Diese Erlebnisse selbst sind anspornend, sie drängen, wenn sie in die Seele eindringen, die Seele zum Beobachten. Zunächst drängt dasjenige, was sich ergibt über die Richtung der Naturerkenntnisse, dazu, sich zu fragen: Wie steht es denn eigentlich mit unserem Verkehr mit der Natur? Was ist denn eigentlich das Wesen dieser Naturerkenntnis? Derjenige, der vorurteilslos sich aufklärt über das Wesen dieser Naturerkenntnis, er erfährt, daß diese Naturerkenntnis entsteht, indem wir denkend wahrnehmen, was lebendig unsere Sinne hinsenden nach dem Naturdasein. Wir fassen das Naturdasein, indem wir erkennen wollen, nicht einfach als Naturdasein auf, sondern wir durchdringen es mit Gedanken. Wir haben ein unmittelbar berechtigtes Gefühl, indem wir so denkend die Naturerkenntnisse zusammenfassen, dadurch, daß uns aufleuchten die Gesetze des Naturgeschehens. Wir haben dann ein unmittelbar berechtigtes Bewußtsein, daß wir in einem irgendwie gearteten Sein verharren. Wir fühlen uns gewissermaßen wahrnehmend auch als seiende Wesen.
[ 16 ] Therefore, the anthroposophically oriented spiritual research referred to here now seeks the path that emerges once one has experienced everything that can be gained for the soul’s constitution from these two experiences. These experiences themselves are inspiring; when they penetrate the soul, they urge the soul to observe. First of all, what emerges regarding the direction of our understanding of nature compels us to ask: What is the true nature of our relationship with nature? What, in fact, is the essence of this knowledge of nature? Those who, without prejudice, seek to understand the essence of this knowledge of nature will discover that it arises when we perceive, through thinking, what our senses vividly convey to us about the existence of nature. When we seek to understand the existence of nature, we do not simply take it as it is, but we penetrate it with thought. We have an immediately justified sense, as we synthesize our knowledge of nature in this thinking way, that the laws of natural phenomena become clear to us. We then have an immediately justified awareness that we abide in a form of being of some kind. We feel, as it were, through our perception, that we, too, are beings that exist.
[ 17 ] Gewiß, es kann nun vieles philosophisch gegen diesen Satz eingewendet werden; allein, er soll ja auch nicht in weiteren Grenzen behauptet werden, als sich ergibt, wenn man nichts anderes ausdrücken will, als was der Mensch erlebt, wenn er denkend die Natur wahrnimmt.
[ 17 ] Certainly, many philosophical objections can be raised against this proposition; however, it is not intended to be asserted beyond the limits that result when one seeks to express nothing other than what a person experiences when perceiving nature through thought.
[ 18 ] Anders wird die Sache, wenn wir die Wahrnehmung verlassen. Wir tun das ja auch als Menschen. Wir nehmen nicht bloß wahr, sondern wir sehen manchmal auch etwas von der Wahrnehmung ab. Wir denken dann nach, wie wir sagen, wir denken weiter. Nun leben wir heute in einem Zeitalter, wo man dieses Weiterdenken, dieses Denken, ohne daß man wahrnimmt, dieses auf die Wahrnehmung folgende Denken, nicht besonders aufbauen kann auf Grundlage desjenigen Denkens, das man sich auch herandisziplinieren kann an der strengen Naturwissenschaft. Und ich spreche hier insbesondere jetzt von einem Nachdenken, das nicht auf beliebige Weise erwachsen ist, sondern das gerade demjenigen sich ergibt, der sich gewöhnt hat an strenge naturwissenschaftliche Naturbeobachtung und Verarbeitung dieser Beobachtung. Von diesem Denken, das man in sich heranerziehen kann durch naturwissenschaftliche Beobachtung, wenn man dies dann weiterführt ins Nachdenken hinein, von dem spreche ich. Von jenem Denken spreche ich, das dann verläuft, wenn man sich zurückzieht von der Beobachtung, aber mit dem vollen Bewußtsein sich zurückzieht, indem man auch wieder hinblickt auf dasjenige, was die Naturbeobachtung gibt, von diesem Denken spreche ich. Wenn man sich mit diesem Denken wiederum so recht hineinlebt in das Wesen der Geistesforschung — in ihr beruht alles auf Beobachtung —, ergibt sich nun eine Erfahrung, von der nichts Geringeres zu sagen ist, als daß Jahrhunderte sich über diese Erfahrung eine falsche Vorstellung gebildet haben. Gerade bei den auserlesensten Menschen, bei dem scharfsinnigsten Weltanschauungsdenken ist über das Erlebnis, das die neuere Geistesforschung feststellen muß, mit diesem eben charakterisierten Nachdenken eine irrtümliche, eine verhängnisvolle Anschauung entstanden.
[ 18 ] Things are different when we step away from perception. We do this as human beings, too. We don’t merely perceive; sometimes we also step back from perception. We then reflect—as we say—we think further. Now, we live today in an age where this further thinking—this thinking without perceiving, this thinking that follows perception—cannot really be built upon the foundation of the kind of thinking one can discipline oneself to practice through rigorous natural science. And I am speaking here in particular of a kind of reflection that has not arisen haphazardly, but rather arises precisely in those who have become accustomed to rigorous scientific observation of nature and the processing of these observations. It is this kind of thinking—which one can cultivate within oneself through scientific observation—that I am referring to when one then carries it forward into reflection. I am speaking of that kind of thinking that takes place when one withdraws from observation—but withdraws with full consciousness, while also looking back at what the observation of nature provides; this is the kind of thinking I am referring to. When one immerses oneself deeply in the essence of spiritual research with this kind of thinking—for everything in it is based on observation—an experience emerges about which one can say nothing less than that for centuries people have held a false conception of this experience. Precisely among the most distinguished individuals, and even in the most astute philosophical thinking, an erroneous and fateful view has arisen regarding the experience that modern spiritual research has had to establish, through the kind of reflection just described.
[ 19 ] Man muß, wenn man das ausführen will, was ich hier meine, hindeuten auf einen Philosophen von schönstem Glanze, auf Cartesius, Descartes, den Begründer der neueren Philosophie, der mit seinen Anschauungen wiederum auf denselben Grundlagen steht wie Augustinus. Beiden Denkern wurde das Denken selber zur großen Rätselfrage des Daseins. Die sinnliche Welt wurde ihnen gewissermaßen von Ungewißheiten durchdrungen, aber sie glaubten, wenn sie unmittelbar sich als seelisches Wesen, als Mensch, denkend erfassen, dann kann ihnen dasjenige, was da auftritt im Denken, keine Ungewißheit darbieten. Wenn man sich denkend erfaßt, selbst wenn man alles bezweifelt, wenn das Denken nur im Zweifel besteht und man sagen muß: Ich zweifle denkend — man ist in dem Zweifel, meinten die Denker. Und sie stellten fest den Satz, der, ich möchte sagen, wie ein Leuchtturm durch die Zeiten strahlt: Ich denke, also bin ich.
[ 19 ] If one wishes to elaborate on what I mean here, one must point to a philosopher of the highest distinction, to Cartesius, Descartes, the founder of modern philosophy, whose views, in turn, rest on the same foundations as those of Augustine. For both thinkers, thought itself became the great enigma of existence. The sensory world was, in a sense, permeated by uncertainties for them, but they believed that if they directly perceived themselves as spiritual beings—as human beings—through thought, then whatever arose in that thought could not present them with any uncertainty. When one perceives oneself as thinking—even if one doubts everything, even if thinking consists solely of doubt and one must say, “I doubt while thinking”—one is, in that very doubt, so the thinkers maintained. And they formulated the proposition that, I would say, shines like a lighthouse through the ages: “I think, therefore I am.”
[ 20 ] Es gibt vor dem unmittelbaren Erleben des echten, aber an der Naturwissenschaft herandisziplinierten Denkens keinen falscheren Satz als diesen. Denn derjenige, welcher gerade das strengste Denken verfolgt, das an der Naturwissenschaft heranerzogen ist, der muß zu einem anderen Satze kommen, zu dem Satze: Ich denke — und gemeint ist gerade das von der Außenwelt zurückgezogene Denken: Ich denke, also bin ich nicht. — Es beginnt alle wirkliche Stellungnahme gegenüber der geistigen Welt mit der Einsicht in die Wahrheit, daß wir über unser Nichtsein als Seelenwesen, über das Wesen unseres Selbst, insoferne wir nicht sind, Aufschluß gewinnen in dem Momente, wo wir zum völlig abgezogenen Denken übergehen.
[ 20 ] There is no statement more false than this one when it comes to the direct experience of genuine thinking—thinking disciplined by the natural sciences. For anyone who pursues precisely the most rigorous form of thinking, one shaped by the natural sciences, must arrive at a different statement, namely: I think—and what is meant here is precisely that mode of thinking withdrawn from the external world: I think, therefore I am not. — Every genuine engagement with the spiritual world begins with the insight into the truth that we gain insight into our non-existence as spiritual beings, into the nature of our self insofar as we do not exist, at the very moment when we pass into a state of completely withdrawn thinking.
[ 21 ] Das ist die Schwierigkeit, welche die hier gemeinte Geisteswissenschaft hat, wenn sie den Weg finden will in die Menschengemüter, daß sie allerdings merkwürdige Anforderungen an die Menschen stellt. Würde sie die Anforderung stellen, daß die Menschen in ihren gewohnten Geleisen weitergehen können, daß man erwachen könne, wenn man den einmal angefangenen Weg eben weiter verfolge, daß sich die Rätsel der übersinnlichen Erkenntnis lösen, würde sie so etwas in Aussicht stellen, so würde sie gegenüber den Denkgewohnheiten mancher Zeitgenossen ein leichtes Spiel haben. Allein diese Geisteswissenschaft muß die Forderung einer völlig wissenschaftlichen Sinnesänderung stellen aus den unmittelbaren Erlebnissen des unbefangenen Bewußtseins heraus.
[ 21 ] This is the difficulty faced by the spiritual science referred to here when it seeks to find its way into people’s minds: it does, in fact, place rather unusual demands on them. If it were to demand that people be allowed to continue along their familiar paths, that one could awaken simply by continuing down the path once begun, that the mysteries of supersensible knowledge would be solved—if it were to hold out such prospects—it would have an easy time of it in the face of the habitual ways of thinking of many of our contemporaries. But this spiritual science must demand a completely scientific change of perspective, arising from the direct experiences of an unbiased consciousness.
[ 22 ] Nun handelt es sich darum: Wie stellt man fest den Satz Ich denke, also bin ich nicht. — Geisteswissenschaft wendet dazu gerade ein energisches Verfolgen dieses Denkens an, wodurch man zu dem Irrtume kommt: Ich denke, also bin ich — cogito ergo sum. — Das ist, als ob man das Denken gewinne und dann beim Denken stehenbleibe. Geistesforschung kann nicht beim Denken bloß stehenbleiben. Geisteswissenschaft muß das Denken verstärken, erkraften, muß auf das Denken eine seelische Tätigkeit anwenden, die man bezeichnen kann mit dem Worte Meditation.
[ 22 ] Now the question is: How does one establish the proposition “I think, therefore I am not”? — Spiritual science applies, for this very purpose, an energetic pursuit of this thought, which leads one to the error: “I think, therefore I am” — cogito ergo sum. — This is as if one were to attain thinking and then remain stuck at the level of thinking. Spiritual research cannot merely remain at the level of thinking. Spiritual science must strengthen and invigorate thinking; it must apply to thinking a spiritual activity that can be described by the word “meditation.”
[ 23 ] Worin besteht diese Meditation? Sie besteht nicht so sehr in einem Vertiefen des Denkens, sondern in einem Verstärken des Denkens. Gewisse Gedanken, die man sich vorsetzt, die man immer wiederum in das Bewußtsein bringt, bis sie dem Denken so viel innere Dichtigkeit gegeben haben, daß das Denken nicht bloß Denken ist, sondern Erlebnis wird wie ein anderes Erlebnis, das eben ein stärkeres Erlebnis ist als das bloße abstrakte Denken: das ist Meditieren. Das Meditieren macht manchem viel Mühe. Je nach den verschiedenen Anlagen muß man sich mehr oder weniger monate-, jahrelang oder noch länger dabei anstrengen; allein es kann bei jedem Menschen dasjenige Erleben herbeigeführt werden, das hier gemeint ist. Es ist dasjenige, was der Geistesforschung zugrunde gelegt werden soll, nicht irgend etwas, was nur aus Erlebnissen auserlesener einzelner Menschen zustande kommt, sondern dasjenige, wozu jeder Mensch gelangen kann. Wenn das einsame Denken, das abgezogene Denken erkraftet wird, dann wird es ein so lebendiges Erlebnis, wie zum Beispiel die Erlebnisse des Stoffwechsels sind.
[ 23 ] What does this meditation consist of? It consists not so much in deepening one’s thinking as in strengthening it. Certain thoughts that one sets one’s mind on, that one repeatedly brings back into consciousness until they have given one’s thinking such inner density that thinking is no longer merely thinking, but becomes an experience—like any other experience, only one that is stronger than mere abstract thinking: that is meditation. Meditation is very difficult for some people. Depending on one’s individual disposition, one may have to make an effort at it for months, years, or even longer; yet the experience referred to here can be brought about in every person. It is this experience that should form the foundation of spiritual research—not something derived solely from the experiences of a select few individuals, but rather that which every human being can attain. When solitary thinking—that is, detached thinking—is cultivated, it becomes an experience as vivid as, for example, the experiences of metabolism.
[ 24 ] Wiederum ein überraschendes Resultat, aber ein Resultat, das im sinnlichen Erleben ebenso klar vor die Seele treten kann wie für den Botaniker die Pflanzenzellen, die er mikroskopisch untersucht, ihm klar vor der Seele erscheinen! Aber es ist ein merkwürdiges Erlebnis, das man dann mit dem Denken hat. Dieses innere Erlebnis, diese innere Seelenverfassung, die man dann gewinnt, wenn man das Denken verstärkt, sie läßt sich nur vergleichen mit dem Hungergefühl. So sonderbar, so überraschend es klingt, es läßt sich vergleichen mit dem Hungergefühl, mit einem Hungergefühl, das allerdings nicht so auftritt wie das Hungergefühl gegenüber dem Speisebedürfnis, sondern es ist ein solches, das vor allen Dingen auf die menschliche Hauptesorganisation beschränkt ist. Aber es belehrt uns dieses eigentlich erst, wie sich unsere menschliche Leibesorganisation zu dem Denken verhält. Derjenige, der dieses Erlebnis nicht hat, kann sich allerlei merkwürdige Vorstellungen über die Beziehung des menschlichen Denkens zu dem menschlichen Leibe bilden. Wer dieses Erlebnis hat, wird nimmermehr sagen: Dieser menschliche Leib bringt das Denken hervor —, denn — das zeigt die unmittelbare Tatsache — es liegen in diesem menschlichen Leibe in bezug auf seine Bildungskräfte nicht solche Impulse, die das Denken hervorbringen, sondern wenn gedacht wird, dann wird ebenso abgebaut im Leibe, ebenso, ich möchte sagen, zerstört, wie abgebaut, zerstört wird, wenn wir Hunger bekommen. Sonderbar war es daher, wenn das mehr oder weniger materialistische oder mechanistische Denken behauptete, der Leib brächte das Denken hervor. Er bringt es so wenig hervor wie die Kräfte, die seine Bildungskräfte sind, die ihn konstituieren. Also er muß abbauen wie beim Hunger, wenn das Denken in ihm Platz greifen soll.
[ 24 ] Yet another surprising result—but one that can present itself just as clearly in sensory experience as the plant cells a botanist examines under a microscope appear clearly to him! But it is a strange experience one then has with thinking. This inner experience, this inner state of mind that one gains when one intensifies one’s thinking, can only be compared to the feeling of hunger. As strange and surprising as it sounds, it can be compared to the feeling of hunger—though not the kind of hunger associated with the need for food, but rather one that is limited above all to the human head. But this actually teaches us for the first time how our human physical organization relates to thinking. Anyone who does not have this experience may form all sorts of strange notions about the relationship between human thinking and the human body. Anyone who has this experience will never say: “This human body produces thought”—for—as the immediate fact shows—there are no such impulses within this human body, in relation to its formative powers, that produce thought; rather, when we think, the body is just as much broken down—I would say destroyed—as it is when we become hungry. It was therefore strange when more or less materialistic or mechanistic thinking claimed that the body produces thought. It produces it no more than the forces that are its formative powers, the forces that constitute it. Thus, it must break down, just as it does when we are hungry, if thought is to take hold within it.
[ 25 ] Erst wenn man dieses überraschende Erlebnis hat, dann weiß man im Grunde genommen, was Denken ist. Dann weiß man, daß Denken die Entfaltung nicht einer seelischen Wirklichkeit ist, die sich vergleichen läßt mit der äußeren sinnlichen Wirklichkeit, sondern man weiß, daß man, indem man denkend untertaucht in die eigene Organisation, in sein Unwirkliches untertaucht, daß man aufhört zu sein, indem man in das Denken untertaucht.
[ 25 ] Only when one has this surprising experience does one truly know what thinking is. Then one knows that thinking is not the unfolding of a mental reality comparable to external sensory reality, but rather that by immersing oneself in one’s own organization through thought, one immerses oneself in one’s own unreality—that one ceases to be by immersing oneself in thought.
[ 26 ] Dann entsteht die große bange Frage: Wie kommt man nun weiter? Geistesforschung stellt den Menschen nicht an theoretische Punkte der Forschung, sondern an Erlebnispunkte, an solche Punkte, die mit aller Kraft des Erlebens das weitere Forschen herausfordern. Und niemand wird eigentlich in rechtem Sinne in die geistige Welt eindringen können, der nicht dasjenige erlebt hat, von dem ich jetzt gesprochen habe, und der sich nicht überzeugt hat, wie man mit dem Denken in das Nicht-Sein untertaucht: Ich denke, also bin ich nicht.
[ 26 ] Then the great, anxious question arises: How do we proceed from here? Spiritual research does not place people at theoretical points of inquiry, but at points of experience—points that, with all the power of experience, challenge us to continue our exploration. And no one will truly be able to penetrate the spiritual world in the proper sense unless they have experienced what I have just spoken of and have convinced themselves of how one can plunge into non-being through thinking: I think, therefore I am not.
[ 27 ] So liefert uns denn das Naturerkennen ein sehr merkwürdiges Ergebnis. Ohne Denken könnten wir uns über die Natur nicht aufklären. Gerade dasjenige, was, ich möchte sagen, mit dem robustesten Sein vor uns hintritt, das erzeugt in unserem Seelenleben etwas, wodurch wir das Nicht-Sein dieses eigenen Seelenwesens erfahren. In dem Vortrage übermorgen, wo ich über Seelenkunde sprechen werde, wird es sich darum handeln, den Gedankengang in populärer Form dann weiterzuverfolgen. Jetzt aber muß ich auf etwas hinweisen, was geradeso von der anderen Seite her zeigt: Ich bin nicht und erkenne das, indem ich denke, ich bin nicht im Denken — wie diesem Erlebnis ein anderes von einer ganz anderen Seite in der menschlichen Seele entgegenkommt. Es kommt ihm dadurch entgegen, daß es für den unbefangenen Seelenbeobachter etwas gibt, was sich keinem Denken erschließt, was an das Denken nicht heran kann. Wer mit gesundem Sinn die Geschichte der Philosophie durchforscht, wer sich umtut bei denjenigen, die sich ernst mit den menschlichen Erkenntnis- und Lebensrätseln beschäftigt haben, der wird finden, daß immer und überall etwas auftritt im menschlichen Seelenleben, wo der Mensch sich sagt: Wie scharfsinnig du gerade mit deinem an der Naturbeobachtung disziplinierten Erkennen vorgehen willst, du kannst nicht erkennen dasjenige, was sich einschließt in dem Willen.
[ 27 ] Thus, the study of nature yields a very remarkable result. Without thinking, we could not gain insight into nature. It is precisely that which, I would say, presents itself to us with the most robust existence that generates something in our inner life through which we experience the non-existence of this very soul-being. In the lecture the day after tomorrow, when I will speak about the science of the soul, the aim will be to continue this line of thought in a popular form. But now I must point out something that demonstrates this from the other side as well: I am not, and I recognize this by thinking; I am not in thinking—and how this experience is met by another from a completely different side within the human soul. It is met by the fact that, for the unbiased observer of the soul, there is something that does not reveal itself to thought, something that thought cannot approach. Anyone who explores the history of philosophy with a sound mind, anyone who takes the trouble to study those who have seriously engaged with the mysteries of human knowledge and life, will find that there is always and everywhere something in human soul life where a person says to themselves: “No matter how astutely you may wish to proceed with your cognition, disciplined by the observation of nature, you cannot know that which is contained within the will.”
[ 28 ] Gewöhnlich verbirgt sich das Rätsel, auf das hier hingewiesen wird dadurch, daß man all die Schwierigkeiten aufzählt, die gegenüber dem Begriff des freien Willens sich erheben. Schopenhauer, der in manchen Dingen scharfsinnig war, aber überall auf halben oder auf Viertelswegen stehengeblieben ist, hat die Vorstellung, die mit dem Denken zu tun hat, auf die eine Seite geschoben, den Willen auf die andere Seite. Allein er hat das Erlebnis nicht genau, nicht scharf genug ins Auge gefaßt, das die menschliche Seele mit dem Willen hat, indem sich alles Denken gegenüber dem Willen spröde erweist. Wir kommen einfach in den Willen nicht hinein. Aber es gibt etwas im Menschenleben, das zeigt sich wiederum der ganz kritischen und unbefangenen Seelenbeobachtung, wo in einer sonderbaren Weise gerade die Impulse des Willens heraufstürmen in das Seelenleben dann, wenn es mit dem Denken, gerade mit dem Denken, das an der Naturbeobachtung gewonnen ist, nichts zu tun hat. Man möchte sagen: Das Denken, das an der Naturbeobachtung gewonnen ist und dasjenige, was aus dem Willen kommt, die können im gewöhnlichen Bewußtseinsleben sich miteinander nicht geistig-chemisch verbinden. Das sind Dinge, die sich fliehen: Naturdenken und alles dasjenige, was vom Willen kommt.
[ 28 ] Usually, the puzzle referred to here is obscured by listing all the difficulties that arise in relation to the concept of free will. Schopenhauer, who was astute in some matters but always stopped halfway or even a quarter of the way there, pushed the concept related to thought to one side and the will to the other. Yet he did not grasp precisely or sharply enough the experience that the human soul has with the will, in that all thinking proves to be at odds with the will. We simply cannot penetrate the will. But there is something in human life that reveals itself to the most critical and unbiased observation of the soul, where, in a peculiar way, the impulses of the will surge into the life of the soul precisely when it has nothing to do with thinking—specifically with the kind of thinking derived from the observation of nature. One might say: Thinking derived from the observation of nature and that which comes from the will cannot be spiritually or chemically united in ordinary conscious life. These are things that repel one another: natural thinking and everything that comes from the will.
[ 29 ] Daher erscheinen auch zwei ganz getrennte Seelensphären: auf der einen Seite das Denken, insbesondere das vollbewußte Nachdenken; auf der anderen Seite die Wogen, die aus irgendwelchen, wir werden gleich nachher hören, welchen Untergründen herauf in das Seelenleben kommen, und die vom Willen ausgehen. Es sind die Wogen, die dann, wenn das vollbewußte Denken, das an der äußeren Naturbeobachtung gewonnen ist, schwindet, während des nächtlichen Schlafes in Form von Träumen in unser Seelenleben heraufspielen. Dasjenige, was in Traumbildern in unser Seelenleben hereinwogt und was wirklich nichts zu tun hat mit dem bewußten Denken, das vor die Seele hinzaubert Bilder, die das bewußte Denken ausschließen, von dem entdeckt man, daß es aus denselben Regionen kommt, aus denen der Wille, der auch nicht begriffen werden kann in den Tiefen, in denen der Mensch mit der Natur gemeinsam lebt, heraufkommt. Nun könnte man sagen: Also willst du, Geistesforscher, uns in so unbefriedigender Weise in das Gebiet der Träume führen.
[ 29 ] Thus, two entirely distinct spheres of the soul emerge: on the one hand, thinking—especially fully conscious reflection; on the other hand, the waves that rise up into the life of the soul from certain depths—we will hear shortly what these depths are—and that originate from the will. These are the waves that, when fully conscious thinking—gained through observation of the external natural world—fades, surge into our soul life during nighttime sleep in the form of dreams. That which surges into our inner life in the form of dream images—and which truly has nothing to do with conscious thinking—conjures up images before the soul that exclude conscious thinking; we discover that it comes from the same regions from which the will arises—a will that, too, cannot be comprehended in the depths where human beings live in communion with nature. Now one might say: So, you, the spiritual researcher, want to lead us into the realm of dreams in such an unsatisfactory way.
[ 30 ] Allerdings, das Traumgebiet ist ein geheimnisvolles, und wer sich darauf einläßt mit wirklichem gesundem Forschersinn, wird ungeheuer vieles finden; allein es ist auch ein solches, das alle diejenigen anzieht, die in scharlatanhafter oder in abergläubischer Weise sich in die übersinnliche Welt hineinfinden wollen, das daher besondere Vorsicht fordert. Vor allen Dingen muß gesagt werden, daß derjenige, welcher die Traumwelt mit Bezug auf den Inhalt der Träume erforscht, vollständig fehlgeht. Das tut man heute vielfach. Ganze wissenschaftliche Richtungen sind deshalb mit unzulänglichen Mitteln begründet worden. Wer das Traumleben seinem Inhalte nach verfolgt, wird gerade durch eine scharfe Beobachtung zu der Erkenntnis kommen müssen, daß vom Einschlafen bis zum Aufwachen, wenn das vollbewußte Denken schweigt, irgend etwas geschieht; wir können nicht sagen, ob im Menschen, ob außen in der Welt; irgend etwas geschieht, was in den Träumen heraufwogt. Aber was da geschieht, das versteht der Mensch zunächst nicht. Das tritt sogar nicht einmal herein in sein Bewußtseinsleben. Unbewußt überzieht er sich das, was in sein Bewußtsein nicht hereinkommt, mit den Reminiszenzen seines gewöhnlichen Bewußtseins, mit Erinnerungen, mit Gedächtnisbildern, die man immer finden kann, wenn man nur genau genug forscht. Daher ist derjenige, der in der Weise oder in der Absicht, sei es durch den Traumwunsch, sei es durch die Reminiszenz, aus dem Inhalte der Träume irgend etwas gewinnen will, auf dem Holzwege. Nicht darum kann es sich handeln, irgend etwas erforschen zu wollen, was dem Inhalt der Träume entspricht. Dieser Inhalt der Träume sagt über die Träume eigentlich nicht viel mehr aus als ein Kind, das über die Natur etwas aussagen will. Wie wir uns nicht an das kindliche Bewußtsein wenden, wenn wir etwas von der Natur uns erklären wollen, sondern an dasjenige Bewußtsein, das die Natur beobachtet hat, so können wir uns auch nicht an die Aussagen des Traumes wenden, wenn wir dasjenige Gebiet erforschen: wollen, das unter der Oberfläche des Traumes webt und west.
[ 30 ] Admittedly, the realm of dreams is a mysterious one, and anyone who approaches it with a genuine, sound scientific spirit will discover an immense amount; yet it is also one that attracts all those who, in a charlatanic or superstitious manner, seek to enter the supernatural world—and therefore demands particular caution. Above all, it must be said that anyone who explores the dream world with regard to the content of dreams is completely mistaken. This is done frequently today. Entire scientific schools of thought have therefore been founded on inadequate premises. Anyone who studies the life of dreams in terms of their content will, precisely through keen observation, come to realize that from the moment of falling asleep until waking—when fully conscious thinking is silent—something happens; we cannot say whether it occurs within the human being or outside in the world; something happens that surges up into the dreams. But what happens there, the person does not understand at first. It does not even enter into their conscious life. Unconsciously, they overlay what does not enter their consciousness with the reminiscences of their ordinary consciousness—with memories, with mental images that can always be found if one searches closely enough. Therefore, anyone who seeks to gain anything from the content of dreams—whether through a dream wish or through reminiscence—is on the wrong track. The point is not to investigate anything that corresponds to the content of dreams. This content of dreams actually reveals no more about dreams than a child who wants to say something about nature. Just as we do not turn to a child’s consciousness when we want to explain something about nature to ourselves, but rather to the consciousness that has observed nature, so too can we not turn to the statements of the dream when we wish to explore the realm that weaves and flows beneath the surface of the dream.
[ 31 ] Es gab allerdings in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung wissenschaftliche Richtungen, die heute im naturwissenschaftlichen Zeitalter nicht mehr gültig sein können, gewisse Möglichkeiten, aus dem Inhalt des Traumlebens etwas von den Weltgeheimnissen zu gewinnen. Allein diese Zeiten sind vorbei. Ich werde darüber noch zu sprechen haben in den folgenden Vorträgen. Heute wird es insbesondere dem, der sein Denken herandiszipliniert hat an der Naturbeobachtung, obliegen, sich die Art des Erlebens vor die Seele zu bringen, in der man ist, wenn man träumt.
[ 31 ] In earlier periods of human development, however, there were scientific schools of thought—which can no longer be valid in today’s age of natural science—that offered certain possibilities for gleaning something of the world’s mysteries from the content of dream life. But those times are past. I will have more to say about this in the following lectures. Today, it will be up to those who have disciplined their thinking through the observation of nature, in particular, to bring to mind the kind of experience one has when dreaming.
[ 32 ] Wie die Aufklärung über das Nachdenken nur gelingt durch Meditation, so gelingt diese Aufklärung über die Seelenverfassung, in der man im Traume ist, nur wiederum durch eine besondere Betätigung in der geistigen Forschung. Wie man das andere Meditation nennen kann, so kann man dieses Kontemplation nennen. Es handelt sich darum, daß man absieht von allem Inhalt des Traumlebens, daß man aber versucht, in sich selber zu erleben, wie man ist in dem Leben, wenn man träumt, wie man sich da verhält zu den Sinnen und ihren Entfaltungen, wie man losgekommen ist auf der einen Seite von diesen Sinnen, wie doch noch ein gewisser Bezug zum Sinnesleben ist, wie ein gewisser Bezug zum ganzen inneren organischen Wesen ist. Dieses eigentümliche Weben und Leben des Traumes kann man nur erleben, indem man intim versucht, das in der Seele bewußt durchzumachen, was sonst unbewußt im 'Traume verläuft.
[ 32 ] Just as enlightenment regarding thought can only be achieved through meditation, so too can this enlightenment regarding the state of mind one is in during a dream only be achieved through a specific form of spiritual inquiry. Just as the former can be called meditation, the latter can be called contemplation. The point is to set aside all the content of dream life, but to try to experience within oneself what one is like in that life when one dreams—how one relates to the senses and their manifestations, how one has, on the one hand, become detached from these senses, yet how there is still a certain connection to sensory life, and how there is a certain connection to one’s entire inner organic being. This peculiar weaving and life of the dream can only be experienced by intimately attempting to consciously go through in the soul what otherwise takes place unconsciously in the “dream.”
[ 33 ] Nun frägt es sich: Warum geschieht das im gewöhnlichen Bewußtseinsleben so wenig? Im gewöhnlichen Bewußtseinsleben gibt der Mensch sich einem solchen Erleben des Traumeslebens nicht hin, sondern gerade im Gegenteil: durch unterbewußte Kräfte überzieht er sich irrtümlich mit allen möglichen Lebensreminiszenzen und Lebenserinnerungen dasjenige, was er im 'Traume erlebt. Fängt man an, kontemplatierend sich wirklich zu versetzen in jenes feinere Weben, in dem man ist, wenn man sonst träumt, aber nun, wenn man sich bewußt hineinversetzt, so sieht man, wie man da in einem ganz anderen, ich möchte sagen, viel leichteren, nicht so schweren Erleben ist als gegenüber der äußeren Natur, wenn man in ihr geht und steht und handelt. Lernt man dieses Leben kennen, dann lernt man auch die Frage beantworten, warum die Menschen das Traumleben überziehen mit allen möglichen Vorstellungen, die dem Leben entnommen sind, warum sie falsch interpretieren, warum sie lieber den Irrtum über den Traum hinnehmen, als sich in das Traumesweben wirklich zu versetzen. Man lernt wiederum erkennen, wie unsere Gesamtlebensverfassung in diesem Traumesleben sich verhält zum Schlaf überhaupt gerade so, wie man durch das Meditieren kennenlernt, was im Organismus vorgeht, wenn man denkt.
[ 33 ] Now the question arises: Why does this happen so rarely in ordinary conscious life? In ordinary conscious life, a person does not surrender to such an experience of the dream life; on the contrary, through subconscious forces, they mistakenly overlay what they experience in a “dream” with all manner of life reminiscences and memories. If one begins, in a contemplative manner, to truly immerse oneself in that finer weaving in which one is usually found when dreaming—but now, when one consciously enters it—one sees how one is there in a completely different, I would say, much lighter, less heavy experience than when facing external nature, when one walks, stands, and acts within it. If one comes to know this life, then one also learns to answer the question of why people overlay dream life with all sorts of ideas drawn from waking life, why they misinterpret it, and why they would rather accept the error regarding the dream than truly immerse themselves in the fabric of the dream. One also learns to recognize how our overall state of being in this dream life relates to sleep in general—just as one learns through meditation what goes on in the organism when one thinks.
[ 34 ] Man lernt erkennen, daß der Mensch ein unbewußtes Antipathiegefühl nicht heraufkommen lassen will aus gewissen unterirdischen Tiefen, mit denen er zusammenhängt. Indem der Traumimpuls anschlägt an unser Seelenwesen, versetzt er die Seele in ein unterbewußtes Antipathiegefühl, man könnte sagen, zunächst in ein Gefühl — so sonderbar das klingt, es ist wahr — der Übersättigung, das sich vergleichen läßt mit jenem Ekel, den der Mensch hat, wenn er vor der Übersättigung steht. Und der Mensch läßt so gewisse unbewußte Impulse dieses Antipathiegefühles, das er hat, nicht heraufkommen, sondern unterdrückt sie gerade durch Vorstellungen, die er aus seinem eigenen Seelenleben heraufwebt über das Traumesbewußtsein. Und überwinden, genau erkennen lernen, eine richtige Stellung bekommen zu dem, was sich da zunächst durch Antipathiegefühle ankündigt, kann man nur, wenn man jetzt diese Seelenverfassung, die man auf der einen Seite durch Meditation, auf der anderen Seite durch die eben geschilderte Kontemplation herbeigeführt hat, anwendet, um das Denken, von dem man wirklich erkannt hat, daß es einen ins Nichts führt, zu verbinden mit dem, wovor man zunächst unbewußte Antipathie empfindet. Diese zwei Dinge lassen sich verbinden, dieses Denken, von dem wir sagen müssen: Ich denke, also bin ich nicht —, das nicht eintreten kann in ein solches inneres Seelenerleben, das ähnlich wäre der äußeren Sinneswelt; es tritt ein in dasjenige Erleben, das uns wird, wenn wir die eben geschilderte Antipathie zunächst überwinden werden. Und wer beides verbindet, dasjenige, was antipathisch empfunden wird, daher mit den Träumen zugedeckt wird, mit dem, was im Hunger, also in einer unterbewußten Sympathie empfunden wird mit irgend etwas, was man nicht kennenlernt, wenn man die Kontemplation nicht kennenlernt, wer beides miteinander verbindet, der ist in der übersinnlichen Welt. Er findet durch das Denken, das ihn zunächst an furchtbare Klippen gebracht hat, das ihn zunächst an den Abgrund des Nicht-Seins schien hinab zustürzen, er findet mit diesem vollbewußten, gerade an der Naturwissenschaft herangezüchteten Denken, in dem Vorstellen, wovor der Mensch sich so stark scheut, daß er es mit Träumen übergießt, er findet die übersinnliche Welt. Der Gang in die übersinnliche Welt ist ein solcher, der innig zusammenhängt, wie Sie sehen, mit inneren seelischen Erlebnissen, die nur gesucht werden müssen aus der Natur der menschlichen Organisation selbst heraus. Und sehen Sie, diese nehmen sich sehr wenig ähnlich aus demjenigen, was man eigentlich heute gewöhnlich erwartet. Was müssen die Menschen gerade in der Gegenwart für Enttäuschungen erleben mit dem, was sie erwartet haben! Wer hat vor 1914 dasjenige erwartet, was jetzt über die ganze Welt gekommen ist!
[ 34 ] One comes to realize that a person does not want to allow an unconscious feeling of antipathy to rise up from certain subterranean depths with which he is connected. As the dream impulse strikes our soul, it plunges the soul into a subconscious feeling of antipathy—one might say, at first, into a feeling—as strange as it sounds, it is true—of oversaturation, which can be compared to the revulsion a person feels when faced with oversaturation. And so a person does not allow certain unconscious impulses of this feeling of antipathy to rise to the surface, but rather suppresses them precisely through images that he weaves from his own inner life over the dream consciousness. And one can only overcome, come to recognize clearly, and adopt the proper attitude toward what initially announces itself through feelings of antipathy, is only possible if one now applies this state of mind—brought about, on the one hand, through meditation and, on the other, through the contemplation just described—to connect the thinking that one has truly recognized as leading one into nothingness with that toward which one initially feels an unconscious antipathy. These two things can be united: this thinking, of which we must say, “I think, therefore I am not”—which cannot enter into an inner soul experience similar to the external sensory world—enters into the experience that becomes ours once we have first overcome the antipathy just described. And whoever connects both—that which is perceived as repulsive and is therefore veiled by dreams, and that which is felt in hunger, that is, in a subconscious sympathy toward something one cannot come to know unless one comes to know contemplation—whoever connects both of these is in the supersensory world. Through thinking—which at first led him to terrible cliffs, which at first seemed to plunge him into the abyss of non-being—he finds, through this fully conscious thinking, cultivated precisely through the natural sciences, in the very imagination that human beings shy away from so strongly that they flood it with dreams, he finds the supersensible world. The path into the supersensible world is one that, as you can see, is intimately connected with inner spiritual experiences that need only be sought within the very nature of the human constitution itself. And you see, these bear very little resemblance to what people actually expect today. What disappointments people must be experiencing right now with regard to what they had expected! Who, before 1914, could have anticipated what has now come upon the entire world!
[ 35 ] Geisteswissenschaft erfordert einen gewissen inneren Mut, einen gewissen inneren Willen zu einer Sinnesänderung, zu demjenigen, was an Seelenkräfte appelliert, die tiefer hinabsteigen als das heutige Denken gewohnt ist, die aber gerade die Forderungen der Naturwissenschaft voll erfüllen und am allerwenigsten in eine nebulose Mystik hineinführen. Lernt der Mensch wirklich eindringen mit dem vollbewußten, gerade an der Naturwissenschaft herangezüchteten Denken in die Welt, von der ich eben jetzt gesprochen habe, die unterhalb der Traumeswelt webt und lebt, dann gewinnt er die Möglichkeit, eine Anschauung, nicht einen Begriff, aber eine Anschauung zu erhalten von dem Willen, dem freien Willen. Man muß gerungen haben mit dem Problem des freien Willens — ich habe das gezeigt in meiner «Philosophie der Freiheit» —, man muß gerungen haben mit dem Problem der Freiheit und im unmittelbaren Erleben gesucht haben jenen Weg, der so geheimnisvoll sich uns verbirgt hinter demjenigen Seelenleben, in das das Denken ganz offensichtlich nicht hineindringen kann. Wenn man gerungen hat, dann findet man auch den Weg zu einer Anschauung des freien Willens. Dann findet man aber den Weg hinein in die geistige Welt. Denn das vollbewußte Denken, wie es die Geisteswissenschaft meint, das ist imstande, nicht jene kindlichen, irrtümlichen Bilder als Traum hinzuweben über eine unbekannte Wirklichkeit, sondern es webt hinein in die darunterliegende geistige Wirklichkeit, die als geistige entdeckt wird, die imaginative Welt.
[ 35 ] Spiritual science requires a certain inner courage, a certain inner willingness to change one’s perspective—toward that which appeals to soul forces that descend deeper than contemporary thinking is accustomed to, yet which fully meet the demands of natural science and, far from leading one into nebulous mysticism, do the very opposite. If a person truly learns to penetrate—with fully conscious thinking, trained precisely by the natural sciences—into the world I have just spoken of, which weaves and lives beneath the world of dreams, then he gains the possibility of obtaining an intuition—not a concept, but an intuition—of the will, the free will. One must have wrestled with the problem of free will—as I have shown in my Philosophy of Freedom—one must have wrestled with the problem of freedom and sought, in direct experience, that path which so mysteriously conceals itself from us behind that inner life of the soul into which thinking quite obviously cannot penetrate. If one has wrestled with it, then one also finds the path to an insight into free will. But then one also finds the path into the spiritual world. For fully conscious thinking, as spiritual science understands it, is capable not of weaving those childish, erroneous images as dreams over an unknown reality, but rather of weaving into the underlying spiritual reality—which is discovered as spiritual—the imaginative world.
[ 36 ] Jetzt entstehen Imaginationen, die wahre Abbilder sind der geistig-übersinnlichen Welt. Der Traum ist dasjenige, was herausschattet aus der übersinnlichen Welt, weil hineingeschattet wird in diejenige Welt, die mit dem Denken nichts zu tun hat. Dringen wir etwas unter die Oberfläche, dann können wir das, was wirklich unter dieser Oberfläche ist, zusammenbringen mit dem vollbewußten Denken. Dann entstehen Bilder, aber jetzt Bilder der übersinnlichen Wirklichkeit. Und das Denken, das schon drohte in das Nicht-Sein hineinzuführen, ersteht wieder in der übersinnlichen Welt durch dasjenige, was ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» das imaginative Erkennen der geistigen Welt genannt habe,
[ 36 ] Now imaginations arise that are true reflections of the spiritual-supersensory world. The dream is that which is projected from the supersensory world, because it is projected into that world which has nothing to do with thinking. If we delve a little beneath the surface, we can bring what truly lies beneath that surface into contact with fully conscious thinking. Then images arise—but now they are images of supersensible reality. And thinking, which had already threatened to lead into non-being, re-emerges in the supersensible world through what I have called “imaginative perception of the spiritual world” in my book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds or in my Outline of Esoteric Science,
[ 37 ] Dieses imaginative Erkennen, das uns zunächst Bilder einer übersinnlichen Welt liefert, Bilder jener Wesenheiten und Kräfte, die hinter der Sinneswelt stehen, dieses imaginative Denken ist nun kein Traum. Denn dieses imaginative Denken ist durchstrahlt, wie Sie sehen, gerade von dem ernstesten, von dem vollbewußten Denken, von demjenigen Denken, das so kraftvoll ist, daß es sich zunächst gesteht: Ich denke, also bin ich nicht.
[ 37 ] This imaginative perception, which initially provides us with images of a supersensible world—images of those beings and forces that lie behind the sensory world—this imaginative thinking is by no means a dream. For this imaginative thinking is permeated, as you can see, precisely by the most serious, fully conscious thinking—the kind of thinking that is so powerful that it first admits to itself: “I think, therefore I am not.”
[ 38 ] Dadurch aber, daß es diesen Übergang wählt, kommt das Denken aus dem Erlebnis des Nichtseins in das übersinnliche Erlebnis des geistigen Seins hinein, was ihm zunächst in Bildern, in Imaginationen vor Augen tritt, weil wir untertauchen in den Willen. Weil wir diejenige Welt nun wahrhaft kennenlernen, die sonst im Unterbewußten verbleibt, dringen wir auch weiter über die Bilder hinaus. Wir lernen die Bilder handhaben, wie wir sonst unser Seelenleben handhaben lernen. Dadurch erweitert sich das bloße Bildleben zu dem Leben, das ich mit einem vielleicht anfechtbaren Ausdruck — weil man ihn zusammenbringt mit allerlei Vorstellungen der Vorzeit, mit dem er aber, wie ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gezeigt habe, nichts zu tun hat —, das ich nenne die inspirierte Erkenntnis. Die Wesenheit der geistigen Welt beginnt durch die Imagination zu sprechen, kündigt sich an in ihrer unmittelbaren Wirklichkeit. Die Imaginationen sind zunächst Bilder; aber die Menschenseele durchdringt das Denken, das schon im Nichtsein scheitern wollte, mit dem Willenserlebnis. Und als Schluß begegnet man dem Willen. Im Übersinnlichen stößt unser übersinnlicher Wille an den übersinnlichen Willen der geistigen Welten und Wesen: Inspiration, inspirierte Erkenntnis tritt für uns ein. Und der ganze Gang der Imagination und Inspiration kann sich nun auch ins Bewußtsein heraufheben. Ich nenne das Heraufheben von Imagination und Inspiration ins Bewußtsein die wahre Intuition, nicht jene nebulose Intuition, von der man oftmals in dem alltäglichen Bewußtsein spricht, sondern die wahre Intuition, das Drinnenstehen in der geistigen Welt.
[ 38 ] But by choosing this transition, thought moves from the experience of non-being into the supersensible experience of spiritual being, which initially presents itself to us in images and imaginations, because we immerse ourselves in the will. Because we now truly come to know the world that otherwise remains in the subconscious, we also penetrate beyond the images. We learn to handle the images just as we otherwise learn to handle our inner life. Through this, the mere life of images expands into the life that I call—using an expression that may be open to criticism, since it is associated with all manner of preconceived notions from the past, though, as I have shown in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, it has nothing to do with them—what I call inspired knowledge. The essence of the spiritual world begins to speak through imagination, revealing itself in its immediate reality. Imagination is initially imagery; but the human soul permeates thinking—which was already on the verge of failing into non-being—with the experience of the will. And in the end, one encounters the will. In the supersensible realm, our supersensible will comes into contact with the supersensible will of the spiritual worlds and beings: inspiration, inspired insight, comes to our aid. And the entire process of imagination and inspiration can now also rise into consciousness. I call this raising of imagination and inspiration into consciousness true intuition—not that nebulous intuition often spoken of in everyday consciousness, but true intuition, the standing within the spiritual world.
[ 39 ] Über einzelnes, das man empfindet mit Bezug auf die menschliche Seele, mit Bezug auf diejenigen Wesenheiten und Kräfte, die hinter der Natur, hinter dem sozialen, hinter dem religiösen, hinter dem geschichtlichen Leben stehen, sollen die Vorträge handeln, die noch folgen. Heute aber möchte ich noch die Frage beantworten: Wie kommt es nun eigentlich, daß diese Geisteswissenschaft, die gerade nach dem Angeführten mit Beweisen rechnet, die die beste naturwissenschaftliche Erziehung voraussetzen, mit Beweisen, die ganz nach dem Muster der Naturwissenschaft gebildet sind, wie kommt es, daß diese Geisteswissenschaft so wenig in das Bewußtsein der Menschen der Gegenwart sich einleben kann?
[ 39 ] The lectures that follow will deal with specific aspects of what one experiences in relation to the human soul, and in relation to those entities and forces that lie behind nature, behind social life, behind religious life, and behind historical life. Today, however, I would like to answer the following question: How is it, then, that this spiritual science—which, as I have just explained, relies on evidence that presupposes the best scientific education, evidence that is formed entirely according to the model of the natural sciences—how is it that this spiritual science finds it so difficult to take root in the consciousness of people today?
[ 40 ] Die Hindernisse, die der Geisteswissenschaft entgegenstehen, sie muß man erforschen. Und gerade dann wird sich ergeben, warum die Frage nicht berücksichtigt wird: Wie beweist eigentlich Geistesforschung die übersinnliche Erkenntnis? — Sehen Sie, an der Art und Weise, wie ich Ihnen den Weg der Geistesforschung beschrieben habe, beweist Geistesforschung erstens auf der Grundlage ernsten naturwissenschaftlichen Denkens, dann auch auf einem Wege, der ganz die Fortsetzung des naturwissenschaftlichen Weges ist. Und dennoch, die Menschen, welche die Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, zunächst kennenlernen, sie finden alle möglichen logischen Gründe, die sich sehr gut hören lassen. Man hat öfter gerade als Geistesforscher sogar einen gewissen Respekt vor den Gründen der Gegner. Die Gegner werden keineswegs von dem Geistesforscher für töricht gehalten. Man wendet sich auch nicht in gewöhnlichem Sinne aus einem gewissen Fanatismus heraus gegen solche Angriffe. Man respektiert den Gegner, weil man seine Gründe oftmals nicht töricht, sondern im Gegenteil recht gescheit findet. Und andererseits wird vielleicht von der Naturforschung immer wieder und wiederum gegen die hier gemeinte Geistesforschung eingewendet werden, daß nun einmal der Geistesforschung selbst Grenzen gegeben seien.
[ 40 ] The obstacles standing in the way of spiritual science must be investigated. And it is precisely then that it will become clear why the question is not being considered: How, exactly, does spiritual research prove supersensible knowledge? — You see, based on the way I have described the path of spiritual research to you, spiritual research proves itself first on the basis of serious scientific thinking, and then also through a path that is entirely a continuation of the scientific approach. And yet, people who are first introduced to spiritual research—as it is understood here—find all sorts of logical reasons that sound very convincing. In fact, as a spiritual researcher, one often even has a certain respect for the opponents’ arguments. The spiritual researcher by no means considers the opponents to be foolish. Nor does one counter such attacks out of a certain fanaticism in the usual sense. One respects the opponent because one often finds their reasons not foolish, but on the contrary, quite intelligent. And on the other hand, natural science will perhaps repeatedly and consistently object to the spiritual research referred to here by arguing that spiritual research itself is simply limited.
[ 41 ] Wir haben gesehen, warum Grenzen da sein müssen: weil der Mensch liebefähig und erinnerungsfähig sein soll. Geradeso wie man im Leben abwechselt zwischen Wachen und Schlafen und das eine ohne das andere nicht sein kann, darf sich Geistesforschung hinstellen auch in dieser Beziehung neben die Naturforschung, neben das Leben, das verbracht werden muß in Erinnerungs- und Liebefähigkeit, weil die Geistesforschung erstens in ihren Ergebnissen nicht Anspruch macht auf dasjenige, was erinnert werden kann — wir werden übermorgen, wenn wir über die geisteswissenschaftliche Seelenkunde sprechen, sehen, wie es mit dem Gedächtnis eigentlich steht —, wie dasjenige, was der Geistesforschung sich ergibt, das einzige ist, was die menschliche Seele erleben kann, ohne daß Anspruch gemacht wird auf dasjenige, was sonst so notwendig ist im Leben: an die Erinnerungsfähigkeit. Und andererseits muß der Liebefähigkeit gegenüber gesagt werden: durch jenes tiefere Eindringen in das, was sonst aus dem Unterbewußten wie Antipathie heraufkommt, erhöhen wir die Liebefähigkeit, so daß geistige Forschung die Liebefähigkeit nicht zerstört, sondern im Gegenteil erhöht. So wie das Wachen neben dem Schlafen oder das Schlafen neben dem Wachen zur Gesunderhaltung des Menschen notwendig ist, nebeneinander leben können, aber nicht das eine ohne das andere, oder das eine oder das andere, so darf sich aus dem angedeuteten Grunde Geistesforschung neben Naturforschung hinstellen. Trotzdem wird immer klar beweisend darauf hingewiesen werden, warum solche naturwissenschaftlichen Erkenntnisgrenzen da sein müssen, immer wieder und wiederum von naturwissenschaftlicher Seite oder von solchen, die populäre Weltanschauung auf Grund der Naturwissenschaft zu erringen glauben.
[ 41 ] We have seen why boundaries must exist: because human beings are meant to be capable of love and memory. Just as in life we alternate between waking and sleeping—and one cannot exist without the other—so too must spiritual research stand alongside natural science in this regard, alongside the life that must be lived in the capacity for memory and love; for, first of all, spiritual research does not claim, in its findings, that which can be remembered —the day after tomorrow, when we discuss spiritual science’s study of the soul, we will see what the situation with memory actually is—and because what emerges from spiritual research is the only thing the human soul can experience without making a claim to what is otherwise so necessary in life: the capacity for memory. And on the other hand, regarding the capacity for love, it must be said: through that deeper penetration into what otherwise rises from the subconscious as antipathy, we enhance the capacity for love, so that spiritual research does not destroy the capacity for love, but rather enhances it. Just as waking exists alongside sleeping, or sleeping alongside waking—both necessary for maintaining human health—and can coexist, but not one without the other, nor one in place of the other—so, for the reason indicated, spiritual research may stand alongside natural science. Nevertheless, it will always be clearly and conclusively demonstrated why such limits to scientific knowledge must exist—time and again, both from the scientific community and from those who believe they can attain a popular worldview based on natural science.
[ 42 ] Gesprochen wird von dem, was Geisteswissenschaft als übersinnliche Erkenntnis aus dem Felde schlagen soll. Wenn der Geistesforscher selbst mit der Seelenbeobachtung, die notwendig ist, damit man überhaupt alles dasjenige vor sein Bewußtsein hinstellen kann, was heute ausgesprochen worden ist, wenn er mit dieser Selbstbeobachtung untertaucht in das menschliche Seelenleben, dann findet er das Folgende: Erstens dadurch, daß das Denken die Tendenz hat, den Menschen in den Abgrund des Nichtseins hineinzustoßen, zunächst in das Nichtsein gegenüber der äußeren Sinneswelt, dadurch, daß der Mensch einen gewissen, wenn ich so sagen darf, Horror vor diesem Eintauchen in das Denken hat, insofern dieses Denken durch wirkliches Eintauchen seine wirkliche Gestalt gewinnt, dadurch stellt sich der Geistesforschung gegenüber nicht das Bedürfnis ein, von ihr ausgehend in die Natur des Nachdenkens wirklich einzudringen. Man meidet dieses Eindringen in die Natur des Nachdenkens. Man kommt allerdings nicht darauf, warum man es meidet. Man meidet es aus dem unterbewußten Gefühl heraus, das aber deshalb nicht weniger tätig ist und über das man nicht Herr ist, gerade weil es unterbewußt ist. Es ist ein gewisses Gefühl der Furcht, der unterbewußten Furcht vor dem Anfangen bei dem Nichtsein. Und diese unterbewußte Furcht erzeugt in ihrem Gegenpol die Interesselosigkeit in ihren geistigen Untergründen gegenüber den Naturerscheinungen selber. Man will nicht auf Naturerscheinungen da hinschauen, wo sie überall zeigen, daß sie aus sich selber nicht erklärbar sind. Man muß weitergehen, man muß von ganz anderer Seite her die Ergänzung zu ihnen suchen. Interesselosigkeit, Stehenbleiben, wo man eigentlich tieferdringen sollte, das ist der Gegenpol zur Furcht. Wiederum eine unterbewußte Interesselosigkeit. Das auf der einen Seite, sehr verehrte Anwesende.
[ 42 ] We are speaking of what spiritual science is meant to dispel as supersensible knowledge. When the spiritual researcher, through the self-observation of the soul—which is necessary in order to bring before one’s consciousness everything that has been stated today—when he delves into the life of the human soul through this self-observation, he finds the following: First, because thinking has a tendency to plunge the human being into the abyss of non-being—initially into non-being in relation to the external sensory world—in that the human being has a certain, if I may say so, horror of this immersion in thinking—insofar as this thinking takes on its true form through genuine immersion—this means that spiritual research does not give rise to the need to truly penetrate the nature of reflection, starting from itself. One avoids this penetration into the nature of reflection. One does not, however, realize why one avoids it. One avoids it out of a subconscious feeling, which is no less active for that and over which one has no control, precisely because it is subconscious. It is a certain feeling of fear, a subconscious fear of beginning with nothingness. And this subconscious fear generates, as its opposite pole, a lack of interest—rooted in its spiritual foundations—toward natural phenomena themselves. One does not want to look at natural phenomena where they show everywhere that they cannot be explained from within themselves. One must go further; one must seek a complement to them from an entirely different angle. Disinterest—stopping short when one should actually be delving deeper—is the opposite of fear. Again, a subconscious disinterest. That, on the one hand, esteemed audience.
[ 43 ] Auf der anderen Seite: Wie muß man untertauchen in diejenige Welt, in der man sich zu verlieren meint, in das feine Weben und Wesen, das sonst im 'Traume, im Schlafe waltet, in dem man abgezogen ist von dem robusten Stehen in der äußeren Natur, abgezogen ist von dem robusten Seinsgefühl, das man in der äußeren Sinneswelt sich heranerzeugt? Man glaubt wiederum, das Gleichgewicht, jene Festigkeit zu verlieren, auf der man steht; aus dem Gefühl, das man sich erworben hat gegenüber der wahrgenommenen Sinneswelt, kommt man heraus. Man kommt in irgendeiner Weise, wenn man nicht weitergehen will, in eine Gleichgewichtslosigkeit hinein. Man glaubt, den festen Boden unter den Füßen zu verlieren.
[ 43 ] On the other hand: How must one immerse oneself in that world in which one feels one is losing oneself—in the delicate weaving and essence that otherwise reigns in “dreams” and “sleep,” in which one is withdrawn from the robust standing in external nature, withdrawn from the robust sense of being that one cultivates within the external sensory world? Once again, one feels as if one is losing the balance, that firmness upon which one stands; one steps out of the sense of security one has acquired in relation to the perceived sensory world. If one does not wish to go further, one enters, in some way, into a state of imbalance. One feels as if one is losing the solid ground beneath one’s feet.
[ 44 ] Wieder ist es unterbewußte Furcht, die sich einstellt, und um so wirksamer ist sie, weil man sie sich nicht ins Bewußtsein bringt. Aber dasjenige, was im Unterbewußten ist, es webt sich in Bilder, es webt sich in Vorstellungen hinein, es maskiert sich. Geradeso wie sich im Naturleben das unterbewußte Geistesleben im Traume maskiert, so maskieren sich die unterbewußte Furcht und die unterbewußte Interesselosigkeit. Was ist in Wahrheit vorhanden innerhalb der sogenannten naturwissenschaftlichen Weltanschauung, wenn Geistesforschung abgelehnt wird? In Wahrheit ist unterbewußte Interesselosigkeit gegenüber der Natur selbst vorhanden. Die maskiert sich in allerlei guten Hypothesen, guten logischen Gründen von den Erkenntnisgrenzen, die nur gewöhnlich vorbeigehen an den wahren Erkenntnisgrenzen, die heute vor Ihnen hier angeführt worden sind. Die Erkenntnisgrenzen, mit denen oftmals in jenen Weltanschauungen in falscher Weise Gründe angeführt werden, sind Masken für unterbewußte Interesselosigkeit. Und die guten logischen Gründe, von denen ich sagte, daß sie sogar respektiert werden müssen selbst von dem Geistesforscher, weil alles im Menschen gerade von ihm begriffen werden könne; die sogar immer eine gewisse Verstandesschärfe zeigen, diese guten logischen Gründe: sie sind wieder Masken. Der Mensch braucht eben etwas, um das Unterbewußte hinunterzudrängen, um es sich nicht spürbar, empfindbar zu machen: die Furcht vor dem, in das die Geisteswissenschaft führt, das aber allein die Wahrheit einschließt, diese Furcht hält den Menschen ab, in die Gründe des Daseins geisteswissenschaftlich einzudringen. Und diese Furcht maskiert sich im Bewußtsein als logische Gründe. Die schönsten logischen Gründe werden vorgebracht. Man kann gar nichts gegen ihre Logik einwenden, sie sind nur Masken für unterbewußte Furcht.
[ 44 ] Once again, it is subconscious fear that sets in, and it is all the more effective because one does not bring it into conscious awareness. But whatever lies in the subconscious weaves itself into images, weaves itself into ideas, and masks itself. Just as in natural life the subconscious spiritual life masks itself in dreams, so too do subconscious fear and subconscious indifference mask themselves. What truly exists within the so-called scientific worldview when spiritual research is rejected? In truth, there is a subconscious lack of interest in nature itself. This masks itself in all sorts of sound hypotheses and sound logical arguments about the limits of knowledge—arguments that usually fall short of the true limits of knowledge that have been outlined here before you today. The limits of knowledge, which are often falsely cited as reasons in those worldviews, are masks for subconscious indifference. And the sound logical arguments—which, as I said, must even be respected by the spiritual researcher, because everything in the human being can be understood precisely through them; which, moreover, always demonstrate a certain intellectual acuity—these sound logical arguments are, once again, masks. Human beings simply need something to suppress the subconscious, to prevent it from becoming perceptible or tangible: the fear of what spiritual science leads to—which, however, alone encompasses the truth—this fear prevents people from delving into the reasons for existence through spiritual science. And this fear masks itself in consciousness as logical reasons. The most elegant logical arguments are put forward. One cannot object to their logic at all; they are merely masks for subconscious fear.
[ 45 ] Wer dies durchschaut, daß sogar sehr schöne, sehr respektable logische Gründe auftreten, die im Bewußtsein das Ergebnis unterbewußter Furcht sind, daß sehr respektable Gründe auftreten können für Erkenntnisgrenzen, die Geistesforschung unmöglich machen sollen, der sieht den Weltenzusammenhang anders an. Der sieht vor allen Dingen, welche Schwierigkeiten sich vor der Geistesforschung auftürmen müssen, die da anstrebt, was doch heute, wie wir in den späteren Vorträgen sehen werden, jeder Mensch wiederum in seinen unterbewußten Tiefen schon sucht und haben will, die dieses in einer faßbaren, in einer wirklich die Menschheit für die Zukunft befriedigenden Weltanschauung vor diese Menschheit hinstellt. Diese Schwierigkeiten ergeben sich heute noch, indem sich die Menschen einreden, sie hätten gute Gründe gegen die Geisteswissenschaft, weil sie sich ihre Furcht nicht gestehen; sie hätten gute Gründe für Grenzen, die nicht überschritten werden können durch übersinnliche Erkenntnis, weil sie sich ihre Interesselosigkeit nicht eingestehen gegenüber den Naturerscheinungen selbst.
[ 45 ] Anyone who sees through this—that even very sound, very respectable logical arguments arise in consciousness as the result of subconscious fear; that very respectable arguments can arise to justify limits on knowledge intended to make spiritual research impossible—will view the interconnectedness of the world differently. Above all, such a person sees the difficulties that must inevitably arise for spiritual science, which strives for what—as we shall see in later lectures—every human being is already seeking and desiring in the depths of their subconscious, and which presents this to humanity in a comprehensible worldview that is truly satisfying for humanity’s future. These difficulties still arise today because people convince themselves that they have good reasons to oppose spiritual science—since they do not admit their fear—and that they have good reasons for setting limits that cannot be transcended by supersensible knowledge, since they do not admit their lack of interest in natural phenomena themselves.
[ 46 ] Wer durchblickt durch den Schleier, hinter dem sich die Wahrheit verhüllt, der sieht die Welt eben anders an. Der sieht auch dieses Menschenleben anders an. Aber ebenso wahr, wie an einem bestimmten Zeitpunkte an die Stelle einer früheren räumlichen Weltanschauung die Kopernikanische Weltanschauung treten mußte, durch die Entwickelung der Weltanschauung notwendig herausgefordert, so muß in der Gegenwart und gegen die Zukunft hin die geisteswissenschaftliche Weltanschauung hervortreten. Daß sie hervortreten wird, daß sie trotz der jetzt auch in ihren Tiefen charakterisierten Hindernissen die Möglichkeit haben wird, in die Menschengemüter so einzudringen, trotz aller Widerstände, die auch die Kopernikanische Weltanschauung gefunden hat, dafür scheinen in der Gegenwart zwei naheliegende Tatsachen zu wirken: auf der einen Seite die Tatsache, daß wir in das naturwissenschaftliche Zeitalter eingetreten sind. Wir werden im dritten Vortrage sehen, daß gerade je genauer man die Natur kennenlernt, je weniger man sich willkürlich auf vorurteilsvolle Naturvorstellungen beschränkt, man desto mehr in die übersinnliche Forschung hineindringen wird. Und indem die Naturforschung immer weiter und weiter über die Grenzen, die ihr heute noch gezogen sind, zu dem hinschreitet, was in ihren Idealen liegt, um so mehr wird sie sich selbst die Tore für die übersinnliche Erkenntnis öffnen. Dies auf der einen Seite.
[ 46 ] Whoever sees through the veil behind which the truth is hidden views the world differently. They also view human life differently. But just as, at a certain point in time, the Copernican worldview had to replace an earlier, spatially based worldview—necessitated by the evolution of worldviews—so too must the spiritual-scientific worldview emerge in the present and look toward the future. Two obvious facts seem to be at work in the present to ensure that it will emerge—that, despite the obstacles now characterized even in their depths, it will have the potential to penetrate human minds, despite all the resistance that the Copernican worldview itself encountered: on the one hand, the fact that we have entered the age of natural science. We shall see in the third lecture that the more precisely one comes to know nature—the less one arbitrarily limits oneself to prejudiced conceptions of nature—the more one will penetrate into supersensible research. And as scientific research advances further and further beyond the boundaries that are still set for it today toward its ideals, it will open the doors to supersensible knowledge all the more. This, on the one hand.
[ 47 ] Auf der anderen Seite braucht man sich heute nur die Tatsachen des Lebens auf der Erde anzusehen. Man braucht nur zu verfolgen aus den mancherlei Überraschungen, die die neuere Zeit den Menschen gebracht hat, das, was von der Gegenwart und in die Zukunft hinein von dem Menschen, insofern er einfach Erdenmensch sein will, gefordert wird: Es wird gefordert werden ein viel intensiveres Stehen auf dem eigenen Selbst, ein viel intensiveres Suchen nach einem inneren Gleichgewicht. Dieses innere Gleichgewicht aber hat viel Seelenähnlichkeit mit jenem Gleichgewicht, das gesucht werden muß, wenn das Denken die Welt betritt, aus der sonst der Traum heraufwirbelt, die übersinnliche Welt. Weil viel mehr Mut, viel mehr Furchtlosigkeit auch im Sozialen, im allgemeinen Weltenleben dem Menschen der Zukunft wird eigen sein müssen, viel mehr Mut, als dem Menschen, der doch sich einseitig eingelullt hat gerade durch die großen Fortschritte der Technik in eine gewisse Denk-, Vorstellungs- und Gefühlsbequemlichkeit, deshalb darf Geistesforschung hoffen, daß die Zeit, in der sich viele Gemüter Kraft und Sammlung für die Seelen aus ihr holen werden, nicht mehr fern sein werde.
[ 47 ] On the other hand, one need only look at the realities of life on Earth today. One need only examine, among the many surprises that modern times have brought to humanity, what is demanded of human beings—insofar as they simply wish to be earthly human beings—both in the present and looking into the future: There will be a demand for a much more intense grounding in one’s own self, a much more intense search for inner balance. This inner balance, however, bears a great spiritual resemblance to the balance that must be sought when thought enters the world from which dreams otherwise swirl up—the supersensible world. Because the human being of the future will have to possess far more courage, far more fearlessness—even in social life and in the general life of the world—far more courage than the human being who has, after all, lulled himself one-sidedly, precisely through the great advances of technology, into a certain complacency of thought, imagination, and feeling, therefore spiritual research may hope that the time when many minds will draw strength and composure for their souls from it is not far off.
[ 48 ] Die Geistesforschung baut nicht auf Theorien, sie baut nicht auf abstrakte Vorstellungen, sie baut nicht auf Phantasien, sie baut überall auf Tatsachen. Auch bei den Aussichten, die sie sich über sich selbst macht, baut sie auf Tatsachen. Weil sie überzeugt ist, daß sie aus ernster Naturwissenschaft herausgewachsen ist, baut sie darauf, daß der Fortschritt der Naturwissenschaft sie dem Menschen nahebringen wird. Weil sie aus dem Leben, aus dem innersten stärksten Leben herauswachsen will, baut sie darauf, daß sie bei dem Menschen, der in bezug auf diese Kräfte immer mehr, immer stärker in Anspruch genommen sein wird vom Leben, im Gegenwartsleben, im zukünftigen Leben, auch ihr den Eintritt in dieses Leben eröffnen soll.
[ 48 ] Spiritual research is not based on theories; it is not based on abstract ideas; it is not based on fantasies; it is based entirely on facts. Even in the prospects it holds for itself, it is based on facts. Because it is convinced that it has grown out of serious natural science, it relies on the fact that the progress of natural science will bring it closer to humanity. Because it seeks to grow out of life—out of the innermost, most powerful life—it relies on the fact that it will also be granted entry into this life by human beings who, in relation to these forces, will be increasingly and more strongly engaged by life—in the present life and in the future life.
Fragenbeantwortung
Questions and Answers
[ 49 ] Frage: Kann eine Vorstellung davon vermittelt werden, wie sich Stoff und Kraft darstellen, wenn sie von der geistigen Welt aus betrachtet werden?
[ 49 ] Question: Is it possible to convey an idea of how matter and force appear when viewed from the spiritual world?
[ 50 ] Ich will, weil es wirklich viel zu sehr unsere Zeit, die uns ja nur bis zehn Uhr gestellt ist, in Anspruch nehmen würde, von diesen beiden Begriffen zunächst auf den Stoff eingehen. Wenn man die Anschauungsweise, die ich heute charakterisiert habe und diesen Forschungsweg auf so etwas anwendet, wie zum Beispiel eben der Stoff ist, dann kommt man immer mehr dahin, zu sehen, daß der Mensch eigentlich zwischen zwei Klippen steht — ich habe Ihnen ja heute diese Klippen schon verschiedentlich charakterisiert —, zwischen zwei Klippen seines ganzen Verhältnisses zur Welt. Auf der einen Seite ist der Mensch fortwährend gedrängt, die sich ihm darbietenden Vorkommnisse und Dinge, wie man sagt, anthropomorphistisch zu denken, sie zu vermenschlichen, sie so vorzustellen, daß er dasjenige, was er in innerer Erfahrung oder sonst an sich selber erfährt, auf das Äußere überträgt; oder aber er ist genötigt, streng stehenzubleiben bei der bloßen Beobachtung, und sich gar keine Vorstellungen zu bilden. Die meisten der verehrten Zuhörer werden wissen, wie sehr diese zwei Klippen das Menschengeschlecht durch alle Zeiten in bezug auf das menschliche Denken in Anspruch genommen haben. Insbesondere dann, wenn man an so etwas kommt wie Stoff und Kraft, dann zeigt sich, daß man mit den gewöhnlichen Anschauungen durch diese Klippen nicht hindurchkommen kann. Sie können sich vorstellen, daß, wenn man mit der vollständigen Änderung des wissenschaftlichen Sinnes, wie ich sie heute angedeutet habe, an diese Dinge herantritt, manches sich gerade entgegengesetzt der gewöhnlichen Anschauung ergeben muß.
[ 50 ] Since this would really take up far too much of our time—which, after all, is limited to 10:00 a.m.—I would like to begin by discussing matter in relation to these two concepts. If one applies the perspective I have outlined today and this line of inquiry to something such as, for example, matter itself, then one increasingly comes to see that human beings are actually caught between two cliffs—I have, after all, already described these cliffs to you on several occasions today—between two cliffs that define their entire relationship to the world. On the one hand, human beings are constantly driven to think of the events and things that present themselves to them in an anthropomorphic way, as one says—to humanize them, to imagine them in such a way that they transfer what they experience in their inner life or otherwise within themselves to the external world; or else he is compelled to stick strictly to mere observation and not to form any concepts at all. Most of you in this esteemed audience will know how greatly these two pitfalls have preoccupied the human race throughout the ages with regard to human thought. This is particularly true when one comes to such concepts as matter and force; it then becomes apparent that one cannot navigate past these pitfalls using ordinary views. You can imagine that when one approaches these things with the complete transformation of the scientific mindset, as I have indicated today, many things must turn out to be precisely the opposite of ordinary views.
[ 51 ] Wenn wir uns dem Begriff des Stoffes im geisteswissenschaftlichen Sinne nähern wollen, so tun wir das am besten, wenn wir uns bildlich zunächst vorstellen, wie es ist. Es ist nur eine Verbildlichung. Wenn wir eine Flasche Selterswasser mit den Kohlensäurekügelchen vor uns haben, da sehen wir vor allen Dingen die Kohlensäurekügelchen, die eigentlich viel dünner sind als das umgebende Wasser, die eigentlich eingebettet sind in das umgebende Wasser. Und man möchte sagen, natürlich relativ: sie sind ja Kohlensäure, aber doch relativ weniger gegenüber dem Wasser. Wir sehen also eigentlich das eingebettete Nichts. Nun, natürlich muß ich jetzt einen großen Sprung machen.
[ 51 ] If we want to approach the concept of “substance” in the sense of the humanities, the best way to do so is to first imagine what it is like. It is merely a visualization. When we have a bottle of seltzer water with carbon dioxide bubbles in front of us, what we see above all are the carbon dioxide bubbles, which are actually much thinner than the surrounding water and are, in fact, embedded in it. And one might say—relatively speaking, of course: they are carbon dioxide, after all—but they are relatively less than the water. So we’re actually seeing embedded nothingness. Well, of course, I have to take a big leap now.
[ 52 ] Geradeso geht es uns, wenn wir geisteswissenschaftlich die Welt betrachten, mit dem Stoff. Die Sinne sehen im Raum die Raumausfüllungen, die wir dann Stoff benennen. Der Geist kommt darauf, daß da, wo die Sinne den Stoff sehen, es den Sinnen so geht, wie es uns geht mit der Kohlensäure. Wir sehen tatsächlich dasjenige, was herausgeschnitten ist aus der geistigen Welt. Und das, was herausgeschnitten ist aus der geistigen Welt, was in der geistigen Welt drinnen so lebt wie diese Kohlensäurekügelchen im Wasser, das bezeichnen wir als Stoff. So daß wir eigentlich sagen müssen: Was wir empfinden, wenn wir auf den Stoff aufstoßen, das ist im Grunde genommen die Wahrnehmung, daß da der Geist aufhört. Also nicht, daß wir an den Stoff ankommen, haben wir als das Wesentliche zu betrachten im geisteswissenschaftlichen Sinne, sondern daß da, wo die Sinne uns sagen: Wir kommen an den Stoff an —, daß da der Geist aufhört. So daß wir den Stoff tatsächlich — so überraschend es wieder ist — zu beschreiben haben als die Hohlräume im Geistigen.
[ 52 ] We experience the same thing with matter when we view the world from a spiritual-scientific perspective. The senses perceive the space-filling entities in space, which we then call matter. The spirit realizes that where the senses perceive matter, the senses experience it in the same way that we experience carbon dioxide. We actually see that which has been cut out of the spiritual world. And that which has been cut out of the spiritual world—which exists within the spiritual world just as these carbon dioxide bubbles exist in water—we call matter. So we must actually say: What we experience when we encounter matter is, in essence, the perception that this is where the spirit ends. So it is not that we “reach” matter that we must regard as essential in the spiritual-scientific sense, but rather that where the senses tell us, “We are reaching matter”—that is where the spirit ceases. So that we must in fact—as surprising as it may seem—describe matter as the voids within the spiritual.
[ 53 ] Wer das Bild zu Ende denkt, der wird wissen, daß Hohlräume schon ihre Wirksamkeit haben. Man wird sich nicht auf den Standpunkt stellen, daß das Nichtausgefüllte, das Hohle, nicht wirken könnte. Sie wissen, wenn man die Luft auspumpt aus dem Rezipienten der Luftpumpe, so wirkt der Hohlraum auf die umgebende Luft; die Luft pfeift hinein. Also im Zusammenhange der Dinge bedeutet das Ausgehöhlte nicht Wirkungslosigkeit. Daher brauchen wir uns auch nicht zu wundern, daß wir uns am Stein stoßen, nachdem der Stein seinem Stoffe nach Aushöhlung in der die Welt durchdringenden Geistigkeit ist. Das will ich nur als Andeutung sagen. — Das ist dasjenige, was nicht über den Stoff aufklärt, aber was den Weg angibt, wie man über den Stoff sich aufklären kann.
[ 53 ] Anyone who thinks this image through to its conclusion will realize that empty spaces do indeed have their own effect. One would not take the position that what is unfilled—the hollow—could have no effect. You know that when air is pumped out of the air pump’s container, the hollow space acts upon the surrounding air; the air whistles in. Thus, in the context of things, what has been hollowed out does not mean ineffectiveness. Therefore, we need not be surprised that we come up against a stone, since the stone, in terms of its substance, is a hollowing out within the spirituality that permeates the world. I say this merely as a hint. — This is what does not shed light on matter itself, but what points the way to how one can gain insight into matter.
[ 54 ] Frage: Wie verhält sich das heute abend «Wille» genannte zum «élan vital» bei Bergson? Wie verhält es sich intuitiv zu den Erkenntnisarten der Geisteswissenschaft?
[ 54 ] Question: How does what is referred to tonight as “will” relate to Bergson’s “élan vital”? How does it intuitively relate to the types of knowledge in the humanities?
[ 55 ] Was ich heute «Wille» genannt habe, das ist nichts anderes als dasjenige, was zwar viele Menschen leugnen, was aber jeder Mensch aus der unmittelbaren Beobachtung kennt, was aber niemals vom Denken begriffen werden kann.
[ 55 ] What I have called “will” today is nothing other than that which, although many people deny it, every person knows from direct observation, yet can never be grasped by thought.
[ 56 ] Ernst zu nehmende, gerade naturwissenschaftliche Psychologen — nehmen Sie zum Beispiel Ziehen, nehmen Sie Wahle, wen Sie wollen —, sie finden die Möglichkeit, eine gewisse Verwandtschaft in der Struktur des Denkens mit der Struktur des Nervenbaues, des Gehirnes und dergleichen aufzuzeigen. Überall findet man eine gewisse Befriedigung, dasjenige, was sich geistig erfaßt in der Struktur des Denkens, durch organische Strukturen auszudrücken, gerade in der naturwissenschaftlichen Psychologie. Man geht dabei natürlich immer fehl; denn wir werden übermorgen sehen, wie sonderbar es ist, wenn man glaubt, daß das Seelenleben aus dem Gehirn heraus komme. Es ist das gerade so, als ob man glauben würde, wenn da ein Spiegel ist und man geht hin und meint, derjenige, der uns entgegenkommt — was unser eigenes Bild ist —, der müsse von hinter dem Spiegel herkommen. Es hängt von der Natur des Spiegels ab, ob er eben ist, oder rund ist, was für ein Bild uns entgegentritt. Aber es ist eben doch nichts hinter dem Spiegel. Wer hinter den Grenzen, die uns die Natur setzt, und hinter dem menschlichen Gehirn, das nur das Seelenleben spiegelt, irgend etwas sucht, der sucht geradeso wie derjenige, der, um den Grund des Bildes zu bekommen, das aus dem Spiegel kommt, den Spiegel zerschlägt.
[ 56 ] Serious psychologists—especially those in the natural sciences—take Ziehen, for example, or anyone else you care to choose—find ways to demonstrate a certain affinity between the structure of thought and the structure of the nervous system, the brain, and the like. Everywhere—especially in scientific psychology—one finds a certain satisfaction in expressing, through organic structures, that which is intellectually grasped in the structure of thought. Of course, this approach always leads astray; for the day after tomorrow we will see how strange it is to believe that mental life originates from the brain. It is just as if one were to believe that, when there is a mirror and one walks up to it, the person coming toward us—which is our own image—must be coming from behind the mirror. It depends on the nature of the mirror—whether it is flat or round—what kind of image we see. But there is simply nothing behind the mirror. Anyone who seeks anything beyond the limits set by nature and beyond the human brain—which merely reflects the life of the soul—is just like someone who smashes the mirror in order to get to the bottom of the image that comes from it.
[ 57 ] Also ich habe Wille dasjenige genannt, was man im gewöhnlichen Seelenleben erlebt, was eine innere Wahrnehmung ist, was aber immer mehr als unbegreiflich gilt. Die sogenannten naturwissenschaftlichen Psychologen finden das Vorstellen, das Denken in seiner Struktur verwandt mit seiner organischen Natur. Aber sobald sie vom Denken nur ins Fühlen und dann in den Willen kommen, da erklären sie: Da muß man von Wille oder Gefühl höchstens als von Schattierungen — Gefühlsbetonungen, Vorstellungsbetonungen nennt es Theodor Ziehen —, da muß man von Betonungen der Vorstellungen sprechen, denn da findet man nichts mehr, was dem sinnlichen Wahrnehmen analog wäre. Und deshalb entfällt der Wille dem Begreifen, der doch ganz offenbar da ist, und der nur von denjenigen geleugnet wird, die sich nicht nach dem Wirklichen richten, sondern nach dem, was sie, wie sie sagen, naturwissenschaftlich begreifen können. Es ist in der Naturwissenschaft nur Kausalität gültig, und da der Wille nicht kausal wirkt, so sagen sie, ist der Wille nicht da. Aber dasjenige, was da ist, richtet sich nicht nach dem, was man begreifen kann. Das ist nur ein menschliches Vorurteil.
[ 57 ] So I have called “will” that which is experienced in ordinary mental life—that which is an inner perception, but which is increasingly regarded as incomprehensible. The so-called scientific psychologists find that imagination and thought are structurally related to their organic nature. But as soon as they move from thinking to feeling and then to the will, they explain: Here one must speak of will or feeling at most as nuances—Theodor Ziehen calls them “emotional emphases” or “conceptual emphases”—one must speak of emphases in concepts, for here one finds nothing that would be analogous to sensory perception. And that is why the will eludes understanding—even though it is quite obviously present—and is denied only by those who do not orient themselves toward reality, but rather toward what they claim to be able to comprehend scientifically. In the natural sciences, only causality is valid, and since the will does not act causally, they say, the will does not exist. But what actually exists is not determined by what one can comprehend. That is merely a human prejudice.
[ 58 ] Also ich nenne Wille ein ganz konkretes Erleben und habe nur gezeigt, daß dasjenige, was uns da im allergewöhnlichsten Bewußtsein entgegentritt, nur begriffen werden kann, wenn man mit dem meditativen Denken hinuntertaucht in die Welt, aus der sonst bloß die Träume, die uns ferneliegen, herauftauchen. Ich weise auf den Ort hin, wo der Wille zu finden ist. Das ist eine naturwissenschaftliche Methode, die nur ins Geistige übertragen ist, aber eben auf eine andere Weise eingesehen sein muß als eine bloße Sinnestatsache. Bergsons «élan vital» ist eine bloße Phantasie, ist eine bloße Abstraktion. Aus der Folge der Erscheinungen wird hineingedacht in dasjenige, was sich vollzieht. Gewiß, man hat viele Gründe, in dasjenige hineinzudenken, was sich vollzieht, allein das ist nicht der Weg einer wirklichen Geisteswissenschaft. Der Weg ist, daß Tatsachen, wenn auch nur geistige Tatsachen, überall hinweisen, wo man etwas findet, wo etwas liegt, nicht Hypothesen, nicht die Dinge, die bloß ausgedacht sind, in die Erscheinungswelt hineintragen.
[ 58 ] So I refer to the will as a very concrete experience, and I have merely shown that what we encounter in our most ordinary consciousness can only be understood if we dive down through meditative thinking into the world from which, otherwise, only dreams—which are distant from us—emerge. I point to the place where the will is to be found. This is a scientific method that has merely been transferred to the spiritual realm, but it must be understood in a different way than a mere sensory fact. Bergson’s “élan vital” is mere fantasy, a mere abstraction. From the sequence of phenomena, one thinks one’s way into that which is taking place. Certainly, there are many reasons to think our way into what is taking place, but that is not the path of a true spiritual science. The path is that facts—even if they are only spiritual facts—point everywhere to where something is found, where something lies, rather than introducing hypotheses—things that are merely imagined—into the world of phenomena.
[ 59 ] Die Bergsonsche Intuition ist doch im Grunde genommen nichts anderes als ein spezieller Fall desjenigen Weges, den ich heute ganz entschieden als geisteswissenschaftlich unfruchtbar abgelehnt habe, indem ich charakterisiert habe, daß der Geisteswissenschafter zwar den mystischen Weg kennt, das mystische Erleben hat, aber eben zeigt, daß ihn der mystische Weg nicht zu einer wirklichen Erkenntnis führen kann. Bergson kennt nur auf der einen Seite das Denken, an dem allerdings etwas zu merken ist: daß es nicht an das wahre Sein herandringt. Das beschreibt er sehr weitläufig, indem er es nach allen Seiten charakterisiert. Deshalb nimmt er Abschied von diesem Denken. Geisteswissenschaft nimmt nicht Abschied von diesem Denken, sondern erlebt in allen Intensitäten einen Abgrund, in den dieses Denken hineinzuführen scheint, verleugnet nicht dieses Denken, was schließlich doch Bergson tut, und sucht nun einen anderen Weg, eben den, den ich charakterisiert habe, um aus dem Abgrund herauszukommen, um in einem geistigen, in einem übersinnlichen Sein wieder aufzustehen. Bergson sagt einfach, mit dem Denken komme man nicht an die Wirklichkeit heran. Also sucht er nur auf einem speziellen mystischen Wege durch inneres Erleben.
[ 59 ] Bergson’s intuition is, after all, essentially nothing other than a special case of the very path that I have today quite decisively rejected as fruitless for the humanities, having characterized it in such a way that, while the humanities scholar is indeed familiar with the mystical path and has mystical experience, he nevertheless demonstrates that the mystical path cannot lead him to true knowledge. Bergson is familiar only with one aspect of thought, in which, however, one thing is evident: that it does not penetrate to true being. He describes this at great length by characterizing it from every angle. That is why he turns his back on this kind of thought. Spiritual science does not turn its back on this thinking, but rather experiences, in all its intensities, an abyss into which this thinking seems to lead; it does not deny this thinking—which Bergson ultimately does—but instead seeks another path, precisely the one I have described, in order to emerge from the abyss and rise again into a spiritual, supersensory being. Bergson simply says that one cannot approach reality through thinking. Thus, he seeks only through a specific mystical path based on inner experience.
[ 60 ] Die Intuition, zu der Bergson kommt, die findet im Grunde genommen nichts konkret Wirkliches. Ich habe heute nur den Weg der Geisteswissenschaft charakterisieren können. Ich werde in den nächsten drei Vorträgen konkrete Resultate, bestimmte Resultate charakterisieren, Erkenntnisse, zu denen man kommt, die dem Leben und dem ganzen Menschensein dienen. Bergson dreht sich fortwährend nur um das: Man kann nicht denken, man muß innerlich ergreifen die Welt — und weist immer auf die Intuition hin. Aber in diese Intuition geht nichts hinein; es bleibt doch ein unbestimmtes, dunkel-mystisches Erleben.
[ 60 ] The intuition to which Bergson arrives essentially finds nothing concretely real. Today I have been able to characterize only the path of spiritual science. In the next three lectures, I will characterize concrete results—specific results—insights that one arrives at, which serve life and the whole of human existence. Bergson constantly revolves around just this: One cannot think; one must grasp the world inwardly—and he always points to intuition. But nothing enters into this intuition; it remains, after all, an indeterminate, darkly mystical experience.
[ 61 ] Vielen Zeitgenossen tut das wohl, weil sie nicht dasjenige an sich zu vollziehen brauchen, was ich gerade als das von der Geisteswissenschaft zu Vollziehende gefordert habe: eine wirklich radikale Umänderung des Sinnes, der nun nicht bloß mystisch schwelgen will, sondern der mit wirklichem Ernst eindringen will in all das, wovor sich, wie ich gezeigt habe, das Denken der Menschen aus gewissen Voraussetzungen heraus fürchtet, woran es kein Interesse hat, was alles unterbewußt ist. Im Grunde genommen kommt Bergson gar nicht aus der Interesselosigkeit heraus, sondern er züchtet sie erst recht. Und er kommt nicht aus der Furcht heraus. Denn diese Intuitionen kommen nicht zu einem konkreten Begreifen der geistigen Welt, sondern bleiben nur bei einem innerlichen Erleben stehen.
[ 61 ] This probably suits many of my contemporaries because they do not need to accomplish for themselves what I have just called for as the task of spiritual science: a truly radical transformation of the mind—one that does not merely seek to revel in mysticism, but that seeks with genuine seriousness to penetrate all that, as I have shown, human thought fears on the basis of certain presuppositions, in which it has no interest, and which is all subconscious. Essentially, Bergson does not escape this lack of interest at all; rather, he cultivates it all the more. And he does not escape this fear. For these intuitions do not lead to a concrete understanding of the spiritual world, but remain merely an inner experience.
