Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a
24 March 1920, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
1. Anthroposophie und fachwissenschaften Anthroposophie und gegenwärtige Wissenschaften
1. Anthroposophy and the Sciences Anthroposophy and Contemporary Sciences
[ 1 ] Einleitende Worte von Roman Boos: Sehr verehrte Anwesende! Mit diesem Auftreten einer Anzahl wissenschaftlich arbeitender Persönlichkeiten ist natürlich nicht beabsichtigt, irgendwie etwas Festes, Endgültiges, abschließend Formuliertes hinzustellen und der öffentlichen Diskussion zu unterbreiten, sondern es soll in diesen Vorträgen gezeigt werden, nach welcher Richtung hin dasjenige in den einzelnen Fachwissenschaften ausgebaut werden kann, was hier vom Goetheanum aus vertreten wird als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft und was ja in seinen künstlerischen Auswirkungen in zahlreichen Eurythmie-Aufführungen und in dem Bau des Goetheanum als architektonischem Werk nun seit längerer Zeit vor die Öffentlichkeit hingerreten ist. In aller Bescheidenheit glauben wir aber doch, daß wir auch mit unseren Vorträgen, die ja nur Anfänge sein wollen, konkurrieren können mit dem, was heute vertreten wird in den Kreisen der Akademien, der Universitäten.
[ 1 ] Introductory remarks by Roman Boos: Distinguished guests! The purpose of bringing together this group of scholars is, of course, not to present anything fixed, definitive, or conclusively formulated for public discussion; rather, these lectures are intended to show in which direction the approach advocated here at the Goetheanum—as an anthroposophically oriented spiritual science—can be further developed within the individual academic disciplines; an approach that has, through its artistic manifestations, been brought to the public’s attention for some time now in numerous eurythmy performances and in the construction of the Goetheanum as an architectural work. In all modesty, however, we believe that even with our lectures—which are, after all, intended to be only a beginning—we can hold our own against what is currently being presented in the circles of academies and universities.
[ 2 ] Denn jedem, der mit einer lebendigen Seele das Studium in irgendeiner Fakultät durchgemacht hat, dem hat in der letzten Zeit immer mehr und mehr zum Bewußtsein kommen müssen, wie der Mensch von dem rein Materiellen, von dem rein Quantitätsmäßigen, mit einem Haufen von Tatsachen beladen wird, so daß man eben nicht mehr dagegen aufkommen kann, nicht nur in persönlicher Hinsicht, sondern absolut in geistiger Hinsicht. Das heißt, daß der Mensch mit seinen geistigen Kräften immer weniger imstande ist, das, was als
[ 2 ] For anyone who has completed their studies in any field with a living soul must have become increasingly aware in recent times of how human beings are burdened with a mass of facts derived from the purely material and the purely quantitative, to the point where one can no longer cope with them—not only on a personal level, but absolutely on a spiritual level as well. This means that human beings, with their spiritual faculties, are increasingly unable to grasp what is referred to as
[ 3 ] 21 ungeheures Material an ihn herangetragen wird, wirklich zu bewältigen. Und indem in der Anthroposophie hingelenkt wird der Blick auf den Menschen, und eben nicht nur auf den Menschen selber, sondern auf den Menschen als auf einen Punkt innerhalb der gesamten Wirklichkeit, kann sich das aussprechen, was in den Wirklichkeiten selber liegt, aber so, daß diese Wirklichkeiten nicht nur quantitativ lastend und bedrückend ihm gegenüberstehen, sondern so, daß, indem sie im Menschen selber sich aussprechen, sich auch die Vereinigung des Menschen mit dem Geistigen vollziehen kann und damit auch mit der objektiven Wirklichkeit.
[ 3 ] 21 to truly come to terms with the immense amount of material presented to him. And because anthroposophy directs our gaze toward the human being—not merely toward the human being in and of himself, but toward the human being as a point within the whole of reality—what lies within these realities themselves can come to expression, but in such a way that these realities do not merely weigh upon him quantitatively and oppressively, but rather, as they express themselves within the human being, the union of the human being with the spiritual—and thus also with objective reality—can take place.
[ 4 ] Es wird hier Gelegenheit gegeben werden zu einer Aussprache aus dem Kreise der wissenschaftlich Arbeitenden heraus. In der Form von Aussprachen, Anfragen und so weiter ist Gelegenheit geboten, das eine oder andere, was in den Vorträgen berührt worden ist, weiter auszubauen. Denn wer mit der Gesinnung an wissenschaftliche Bewegungen herantritt, aus der heraus diese ganze anthroposophische Bewegung ihre Werke aufbaut, der wird gerade darin eine Hauptaufgabe sehen, das Gebiet der Wissenschaften und des sozialen Lebens von dem polemischen Geiste zu säubern, der auf dem Gebiete der Wissenschaft als Diskutieren und Polemisieren und auf dem Gebiete des sozialen Lebens als Handgranatenwerfen und als Maschinengewehr-in-Funktion-Setzen auftritt; er wird die Hauptaufgabe darin sehen, daß es notwendig ist, die Probleme weiter auszubauen und zu vertiefen, wie es hier geschehen soll.
[ 4 ] An opportunity will be provided here for a discussion among those engaged in scholarly work. Through discussions, questions, and so on, there will be an opportunity to further explore various points touched upon in the lectures. For anyone who approaches scientific movements with the same spirit from which the entire anthroposophical movement builds its work will see it as a primary task to purge the realm of the sciences and social life of the polemical spirit that manifests itself in the realm of science as debate and polemics, and in the realm of social life as throwing hand grenades and firing machine guns; they will see the main task in the necessity of further developing and deepening the problems, as is to be done here.
[ 5 ] Und wir hoffen auch, daß bei den fachwissenschaftlichen Vorträgen Herr Dr. Steiner uns manches noch wird hinzufügen können zu dem, was aus den Kreisen der Fachleute gegeben wird.
[ 5 ] And we also hope that, during the specialized academic lectures, Dr. Steiner will be able to add further insights to what is presented by the experts in the field.
[ 6 ] Wir möchten noch bitten, zunächst nur solche Fragen aufzuwerfen, die im Zusammenhang stehen mit dem heutigen Vortragsthema, und auf Spezialfälle erst in den folgenden fachwissenschaftlichen Vorträgen zurückzukommen.
[ 6 ] We would also ask that, for now, you limit your questions to those related to today’s lecture topic, and save specific cases for discussion in the upcoming specialized lectures.
Die Themen der fachwissenschaftlichen Vorträge sind:
am 25. März 1920: Dr. Carl Unger über «Anthroposophie und die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Naturwissenschaft»
am 26. März 1920: Dr. Friedrich Husemann über «Weltanschauung, Nervosität und Geisteswissenschaft»
am 27. März 1920: Dr. Rudolf Steiner über «Das Weltbild der neueren Naturwissenschaft»
am 29. März 1920: Dr. Walter Johannes Stein über «Anthroposophie und Physiologie»,
am 30. März 1920: Dr. Eugen Kolisko über «Anthroposophie und Chemie»
am 31. März 1920: E.A.Karl Stockmeyer über «Anthroposophie und Physik»
am 1. April 1920: Dr. Oskar Schmiedel über «Anthroposophie und Farbenlehre»
am 6. April 1920: Dr. Roman Boos über «Anthroposophie und Rechtswissenschaft»
am 7. April 1920: Dr. Rudolf Steiner über «Die Hygiene als soziale Frage»
The topics of the specialized lectures are:
March 25, 1920: Dr. Carl Unger on “Anthroposophy and the Epistemological Foundations of Natural Science”
March 26, 1920: Dr. Friedrich Husemann on “Worldview, Nervousness, and Spiritual Science”
March 27, 1920: Dr. Rudolf Steiner on “The Worldview of Modern Natural Science”
March 29, 1920: Dr. Walter Johannes Stein on “Anthroposophy and Physiology,”
March 30, 1920: Dr. Eugen Kolisko on “Anthroposophy and Chemistry”
March 31, 1920: E.A. Karl Stockmeyer on “Anthroposophy and Physics”
April 1, 1920: Dr. Oskar Schmiedel on “Anthroposophy and the Theory of Colors”
April 6, 1920: Dr. Roman Boos on “Anthroposophy and Jurisprudence”
April 7, 1920: Dr. Rudolf Steiner on “Hygiene as a Social Issue”
[ 7 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Dieser heutige Vortrag soll dienen als eine Art von Einleitung zu den folgenden acht Vorträgen, welche hervorgehen zum großen Teile aus einem Kreise von Freunden, die sich in dieser Zeit hier versammelt haben mit einem ganz bestimmten wissenschaftlichen Ziele. Es sollen Vorträge gehalten werden aus verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten, aus dem Gebiete der Erkenntnistheorie und der Physiologie; biologische Fragen sollen behandelt werden; über Physik und Chemie soll gesprochen werden, und zum Schluß möchte ich dann noch auf das Problem der Hygiene als soziologisches Problem hinweisen. Wenn heute von der Außenwelt oftmals geurteilt wird, wenn auch in oberflächlicher Weise, daß man es in alle dem, was hier vorgetragen wird durch die Geistesströmung, deren Repräsentant das Goetheanum ist, zu tun habe auf der einen Seite mit Sektiererei, auf der anderen Seite mit wissenschaftlichem Dilettantismus, so sollen diese Vorträge wenigstens zum Teil darauf aufmerksam machen, daß beides gegenüber dem hier Vorgebrachten ein großer Irrtum ist. Weder wird hier wissenschaftlicher Dilettantismus getrieben noch religiöse Sektiererei.
[ 7 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! Today’s lecture is intended to serve as a kind of introduction to the following eight lectures, which stem largely from a circle of friends who have gathered here at this time with a very specific scientific goal. Lectures will be given on a wide variety of scientific topics, including epistemology and physiology; biological questions will be addressed; physics and chemistry will be discussed; and finally, I would like to draw attention to the problem of hygiene as a sociological issue. If the outside world often judges—albeit superficially—that everything presented here by the spiritual movement represented by the Goetheanum is, on the one hand, sectarianism and, on the other hand, scientific dilettantism, then these lectures are intended, at least in part, to draw attention to the fact that both of these views are a great mistake with regard to what is presented here. Neither scientific dilettantism nor religious sectarianism is practiced here.
[ 8 ] Dafür sollte schon ein Beweis sein, daß sich in diesen Wochen hier ein Kreis ernst strebender Ärzte zusammengefunden hat, und daß sich ihnen angeschlossen hat ein kleiner Kreis von solchen Persönlichkeiten, die geneigt sind, Brücken zu schlagen von der ärztlichen Wissenschaft zu anderen Zweigen des Lebens. Dieser Kreis hat sich hier zusammengeschlossen aus der Empfindung heraus, daß so etwas wie das medizinische Leben heute einer wirklichen Neubefruchtung bedarf; er hat sich zusammengeschlossen zu dem Ziele, zu dieser neuen Befruchtung Anregungen zu empfangen und Anregungen zu geben. Das, was hier gegenwärtig, ich will nicht sagen als ein medizinischer Kursus abgehalten wird, aber als ein Kursus für Ärzte, das schließt wohl in sich, daß es sich handelt um ernstes Streben, um ernstes Wollen gegenüber den großen Aufgaben unserer Zeit. Dieser Kursus schließt sich ja an zwei Kurse an, die von mir im Zusammenhang mit der Waldorfschule in Stuttgart bereits gehalten worden sind über eine notwendige neue Grundlegung der physikalischen Wissenschaften. Alles das wird schon einmal auch für diejenigen, die heute nach oberflächlicher Beurteilung die vorhin angedeutete Meinung aussprechen, genügend Beweis sein, daß hier gesehen wird auf die großen, ernsten Aufgaben der Zeit, und daß von dem, was diese ernsten, großen Aufgaben diktieren, gesucht wird nach dem, was als Einschlag in die Geisteskultur und damit in die ganze Kultur der Gegenwart und der nächsten Zukunft notwendig ist. Wenn man heute auf die Schreckensereignisse der letzten Jahre so hinsieht, daß man sich durch ein unbefangenes Urteil darüber versichert, wie diese Schrekkensereignisse zusammenhängen mit menschlichen Bewußtseinsverirrungen, dann wird man von vielem wieder abkommen, was so manche, ich möchte sagen leichten Herzens gegenwärtig für genügend zu einer Erneuerung des Lebens halten.
[ 8 ] Proof of this is the fact that, over the past few weeks, a group of earnest, dedicated physicians has come together here, and that they have been joined by a small circle of individuals who are inclined to build bridges between medical science and other areas of life. This group has come together here out of the conviction that something like medical life today is in need of genuine renewal; it has come together with the goal of receiving and offering inspiration for this renewal. What is currently being held here—I do not wish to call it a medical course, but rather a course for physicians—implies that it involves serious endeavor and a serious commitment to the great tasks of our time. This course follows on from two courses I have already given in connection with the Waldorf School in Stuttgart on the need for a new foundation for the physical sciences. All of this will be sufficient proof—even for those who, based on a superficial assessment, express the opinion I alluded to earlier—that we are focusing here on the great, serious challenges of our time, and that, based on what these serious, great challenges demand, we are seeking what is necessary as an impetus for spiritual culture and thus for the entire culture of the present and the near future. If one looks today at the horrific events of recent years in such a way as to ascertain, through an unbiased judgment, how these horrific events are connected to aberrations of human consciousness, then one will abandon much of what many—I would say, lightheartedly—currently consider sufficient for a renewal of life.
[ 9 ] Wie oft wird zum Beispiel heute das Urteil ausgesprochen, es müsse gegenüber dem, was in der Zeit wirbelt, was in der Zeit sich als Chaos herausbildet, gesorgt werden für eine Verbreiterung des Wissens, für eine Verbreiterung des Erkennens. Und in weiten Kreisen wird bei allen möglichen Anlässen betont, daß etwas fehle in unserer Zeit; bei allen möglichen Anlässen wird betont, man müsse das Wissen verbreiten, sagen wir durch Volkshochschulen oder ähnliches. Die geisteswissenschaftliche Weltanschauungsströmung, für die das Goetheanum hier der Repräsentant ist, kann nicht ohne weiteres in diese Beurteilungen einstimmen, die nach dieser Richtung eingeschlagen werden. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, es entsteht doch gegenüber solchen Beurteilungen die Frage: Haben wir denn eigentlich schon eine zukunftstatkräftige Wissenschaft, eine Wissenschaft, die fähig ist, ins Leben einzugreifen? Haben wir etwas, um es in Volkshochschulen in weiteste Kreise zu tragen?
[ 9 ] How often, for example, is it said today that, in the face of what is swirling around us—what is taking shape as chaos in our times—we must ensure a broadening of knowledge and a broadening of understanding. And in wide circles, on all sorts of occasions, it is emphasized that something is lacking in our time; on all sorts of occasions, it is emphasized that knowledge must be disseminated—say, through adult education centers or similar institutions. The spiritual-scientific worldview, represented here by the Goetheanum, cannot simply concur with these assessments that are being made in this direction. For, ladies and gentlemen, such assessments inevitably raise the question: Do we actually already have a science capable of shaping the future, a science capable of intervening in life? Do we have something to convey to the widest possible circles through adult education centers?
[ 10 ] Aus wahrhaftig nicht oberflächlichen Urteilen heraus hegen diejenigen, die Träger der hier betriebenen Geisteswissenschaft sind, die Überzeugung, daß es vor allen Dingen einer Erneuerung des wissenschaftlichen Lebens selber bedarf, einer Durchtränkung des wissenschaftlichen Lebens mit neuen Elementen, bevor wir daran denken können, Erkenntnisse in weiteste Kreise etwa durch Volkshochschulen oder dergleichen hinauszutragen. Nicht bloß an eine Popularisierung der gegenwärtigen Wissenschaft denkt man hier, sondern anthroposophisch orientierte Weltanschauung muß aus der Kenntnis des Zustandes dieser Wissenschaften heraus an eine wirkliche Erneuerung dieser gegenwärtigen Wissenschaften denken. Ich kann selbstverständlich heute in diesem einleitenden Vortrage dasjenige, was die Aufgabe dieser Abende sein wird, nur skizzieren. Und so möchte ich denn auf die zwei Hauptrichtungen des gegenwärtigen wissenschaftlichen Strebens zunächst verweisen, um daran zu zeigen, wie diese gegenwärtigen Wissenschaften eigentlich zum Leben stehen.
[ 10 ] Based on judgments that are by no means superficial, those who champion the spiritual science pursued here are convinced that, above all else, a renewal of scientific life itself is needed—an infusion of new elements into scientific life—before we can even think of disseminating knowledge to the widest possible circles, for example through adult education centers or similar institutions. The aim here is not merely to popularize current science; rather, an anthroposophically oriented worldview must, based on an understanding of the state of these sciences, strive for a genuine renewal of them. Of course, in this introductory lecture today, I can only sketch out what the task of these evenings will be. And so I would like to begin by pointing out the two main directions of current scientific endeavor, in order to show how these contemporary sciences actually relate to life.
[ 11 ] Da haben wir auf der einen Seite alles dasjenige, was wir charakterisieren können dadurch, daß wir sagen, es ist in der Wissenschaft naturforscherisch geartet; wir haben zu verweisen auf alles das, was auf naturwissenschaftlichem Felde auftritt. Indem ich über dieses Feld hier spreche, muß ich allerdings immer wieder betonen, daß ich nicht etwa ausgehe von einer oberflächlichen Polemik gegen die gegenwärtige naturwissenschaftliche Richtung, sondern daß ich im Gegenteil, weil ich alles das voll anerkennen muß, was Naturwissenschaft im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein geleistet hat, weil ich bewundern muß die großartigen Fortschritte dieser Naturwissenschaft an sich und der verschiedensten Zweige der menschlichen Technik, gerade aus dieser Bewunderung heraus dazu komme, über den weiteren Gang der Naturwissenschaft anders denken zu müssen, als er sich bis in unsere Tage herein entwickelt hat.
[ 11 ] On the one hand, we have everything that we can characterize by saying that it is of a natural-scientific nature in science; we must refer to everything that occurs in the field of natural science. In speaking about this field here, however, I must repeatedly emphasize that I am not proceeding from a superficial polemic against the current trend in the natural sciences, but that, on the contrary, because I must fully acknowledge all that natural science has accomplished in the course of the 19th century and up to the present day, and because I must admire the magnificent progress of natural science itself and of the most diverse branches of human technology—it is precisely out of this admiration that I am led to think differently about the future course of natural science than it has developed up to the present day.
[ 12 ] Auf der anderen Seite haben wir die historischen Wissenschaften mit all dem, was zu ihnen gehört, wozu zum Beispiel auch die Rechtswissenschaft zu rechnen ist. Sie wissen, meine sehr verehrten Anwesenden, daß die Naturwissenschaft immer mehr dazu gekommen ist, im Beobachten der äußeren Tatsachen und im Verfolgen der Experimente aufzugehen. Sie wissen, daß zwar ein starkes Streben gerade im 19. Jahrhundert vorgelegen hat, die ungeheure Fülle von Tatsachen, die sich auf dem Wege der Beobachtung und auf dem Wege des Experiments ergeben haben, durch große Ideen miteinander zu verbinden und nach gewissen sogenannten Naturgesetzen hin zu streben. Allein derjenige, der nun wirklich drinnenstehen kann in diesem ganzen naturwissenschaftlichen Leben, der weiß, daß wir heute auf den verschiedensten Gebieten — auf dem Gebiete der Physik, der Chemie, auf dem Gebiete der Biologie — vor den einschneidendsten Tatsachen stehen und daß wir mit dem, was landläufige Wissenschaft ist, durch das, was uns die Tatsachen sagen, nicht in den Lage sind, irgendwie einzudringen in das Wesen desjenigen, das ja offenbar dahinterstecken muß, ja, daß die Tatsachen uns in einer gewissen Weise, ich möchte sagen betäuben, daß wir mit den wissenschaftlichen Methoden nicht mitkommen gegenüber der Fülle der Tatsachen. Der äußerliche Gang der Wissenschaften bestätigt das doch eigentlich.
[ 12 ] On the other hand, we have the historical sciences with all that they entail, including, for example, jurisprudence. As you know, ladies and gentlemen, the natural sciences have increasingly come to be absorbed in the observation of external facts and the conduct of experiments. You know that, especially in the 19th century, there was a strong drive to connect the immense wealth of facts—which had emerged through observation and experimentation—with grand ideas and to strive toward certain so-called laws of nature. Yet anyone who is truly immersed in this entire world of natural science knows that today, in a wide variety of fields—in physics, chemistry, and biology—we are confronted with the most profound facts, and that what is commonly regarded as science, based on what the facts tell us, does not enable us in any way penetrate the essence of that which must obviously lie behind it; indeed, that the facts, in a certain sense—I would say—numb us, so that we cannot keep up with the abundance of facts using scientific methods. The outward course of the sciences actually confirms this.
[ 13 ] Wenn auch die wenigsten Menschen das heute noch beachten, so muß man doch sagen: die letzten zwanzig Jahre haben eigentlich gerade auf dem Gebiete der Physik die denkbar größte Revolution hervorgerufen. Vorstellungen, die vor dreißig Jahren noch als unerschütterlich galten, sind heute durchaus revolutioniert. Man braucht nur den Namen Einstein zu nennen oder den Namen Lorentz, des holländischen Physikers, und man kann, indem man diese Namen nennt, hinweisen auf eine ganze Fülle von Tatsachen und Auseinandersetzungen, welche die Physik, wie sie noch vor dreißig Jahren war, durchaus revolutioniert, erschüttert haben. Es kann das, was hier vorliegt, natürlich von mir nicht in den Einzelheiten ausgeführt werden. Aber auf diese Tatsache der Revolutionierung der Physik, die ja in gewissen Kreisen schon bekannt genug ist, muß doch hingewiesen werden. Nun aber kann man sagen: Während zum Beispiel etwas so Bedeutsames vorliegt wie die Revolutionierung des alten Masse- und Materiebegriffes durch die neuere Strahlungstheorie der Elektrizität, finden unsere wissenschaftlichen Vorstellungsarten keine Möglichkeit, zurechtzukommen mit dem, was da eigentlich durch die Fülle der Experimente dem Menschen entgegengetreten ist. Aus der Anschauung der strahlenden Materie im Glasvakuum konnte man sehen, daß dieselben Eigenschaften, die man früher der Materie beigelegt hat, zum Beispiel eine gewisse Geschwindigkeit und Beschleunigung, man nunmehr genötigt ist, der strahlenden Elektrizität beizulegen; man hat also sozusagen den Materiebegriff unter den Fingern verloren. Das stellte sich aus der Anschauung der Fülle von Experimenten heraus, daß nicht irgend etwas hätte gesetzt werden können an die Stelle des alten Materiebegriffes; und aus der Einsteinschen Relativitätstheorie mit ihren furchtbar kalten Abstraktionen läßt sich auch so etwas nicht herausgewinnen wie eine wirkliche Anschauung desjenigen, mit dem man es eigentlich in der äußeren Natur zu tun hat.
[ 13 ] Even though very few people still pay attention to this today, it must be said: the last twenty years have actually brought about the greatest revolution imaginable, particularly in the field of physics. Ideas that were still considered unshakable thirty years ago have been completely revolutionized today. One need only mention the name Einstein or the name Lorentz, the Dutch physicist, and by mentioning these names, one can point to a whole wealth of facts and debates that have thoroughly revolutionized and shaken physics as it was just thirty years ago. Naturally, I cannot go into the details of what is at hand here. But this fact—the revolution in physics, which is, after all, already well known in certain circles—must be pointed out. Now, however, one might say: While, for example, something as significant as the revolution in the old concepts of mass and matter brought about by the newer radiation theory of electricity is before us, our scientific ways of thinking find no way to come to terms with what has actually been presented to humanity through the abundance of experiments. From the observation of radiating matter in a glass vacuum, it became clear that the very properties previously ascribed to matter—such as a certain velocity and acceleration—must now be ascribed to radiating electricity; in other words, the concept of matter has, so to speak, slipped through our fingers. It became clear from the wealth of experiments that nothing could have been substituted for the old concept of matter; and from Einstein’s theory of relativity, with its terribly cold abstractions, one cannot derive anything like a real understanding of what one is actually dealing with in the external world.
[ 14 ] Das alles sei nur gesagt, um darauf hinzuweisen, wie in einen Fluß gekommen sind die Arbeiten, die sich so entwickelt haben, daß eine Fülle des beobachteten und erexperimentierten Materials vorliegt, das man nicht beherrschen kann durch das, was unsere Vorstellungsarten sind. Ich möchte sagen, der Entwicklungsgang der Wissenschaften hat gezeigt, daß in den Vorstellungsarten, die von früher her sich bewahrt haben, wir zwar die Natur anschauen können an ihrer Oberfläche, daß wir aber nicht in der Lage sind, das zu deuten, was uns die Natur heute an Strahlenarten in unzähligen Erscheinungen entgegenbringt. Man hilft sich in einer eigentümlichen Weise gegenüber diesem, ich möchte sagen wissenschaftlichen Erlebnis. Eine eigentümliche Methode hat sich gerade in der Physik der neueren Zeit eingeschlichen. Man nennt sie die statistische Methode. Während man früher geglaubt hat, durch genaues Messen, auf dem Felde des Beobachten oder des Experimentierens zu exakt formulierten Naturgesetzen zu kommen, arbeitet man ja heute schon sehr stark mit dem, was wirklich ähnlich ist jener statistischen Methode, die zu der Wahrscheinlichkeitsrechnung greift, die wir angewendet finden, wenn wir zum Beispiel Versicherungsgesellschaften gründen. Da legen wir auch Annahmen zugrunde etwa von der Art, daß von einer bestimmten Anzahl von Menschen eines bestimmten Lebensalters soundso viele nach einer bestimmten Anzahl von Jahren unweigerlich gestorben sind. Mit diesen statistischen Methoden — denen die Wahrscheinlichkeitsrechnung zugrundeliegt und denen ähnlich sind die Methoden der neueren Physik — mit diesen statistischen Methoden kommt man ganz gut zurecht, wenn man zum Beispiel so etwas zu arrangieren hat wie Lebensversicherungen; da trifft auch alles zu, da kann man sich auf diese Methode verlassen. Aber die Methode hat nur den wesentlichen Mangel, daß sie gar nichts über das Wesen desjenigen besagt, wofür diese Methode eingespannt ist — was ja schon daraus hervorgeht, daß wohl kein einziger Mensch glauben wird, daß er in dem Jahre nun wirklich sterben muß, das nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der statistischen Methode als sein Todesjahr ausgerechnet wurde. Für die Zusammenfassung der Tatsachen dienen solche Methoden, auch für ein gewisses, eben auf Statistik beruhendes Handeln, aber nichts besagen sie für das Eindringen in irgendwelche Wesenheit. So sind wir auf dem äußeren, naturwissenschaftlichen Gebiete gewissermaßen zum Bleiben an der Oberfläche der Dinge verurteilt.
[ 14 ] All this is said merely to point out how the work has taken on a momentum of its own, developing to the point where there is such an abundance of observed and experimentally verified material that it cannot be fully grasped by our existing modes of thought. I would like to say that the course of scientific development has shown that, with the modes of conception preserved from earlier times, we can indeed observe nature on its surface, but we are not in a position to interpret what nature presents to us today in the form of various types of radiation in countless phenomena. We cope with this—I would say scientific—experience in a peculiar way. A peculiar method has crept into modern physics in particular. It is called the statistical method. Whereas it was once believed that precise measurements in the fields of observation or experimentation would lead to precisely formulated laws of nature, today we already rely heavily on a method that is truly similar to the statistical method that draws on probability theory—the same method we apply, for example, when establishing insurance companies. There, too, we base our calculations on assumptions of the sort that, out of a certain number of people of a certain age, a certain number will inevitably have died after a certain number of years. With these statistical methods—which are based on probability theory and to which the methods of modern physics are similar—one gets along quite well when, for example, one has to arrange something like life insurance; there, everything holds true, and one can rely on this method. But the method has one fundamental flaw: it says absolutely nothing about the essence of that for which this method is employed—which is already evident from the fact that probably not a single person will believe that he must actually die in the year that has been calculated as his year of death according to probability theory and statistical methods. Such methods serve to summarize the facts, and also to guide certain actions based precisely on statistics, but they reveal nothing about penetrating any kind of essence. Thus, in the external realm of the natural sciences, we are, so to speak, condemned to remain on the surface of things.
[ 15 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, zeigt sich wohl am intensivsten dann, wenn diese naturwissenschaftliche Methode ihre Anwendung finden soll in der praktischen Behandlung des kranken Menschen, wenn sie angewendet werden soll in der Medizin. Und gerade aus dem Unbefriedigenden, das heute aus der naturwissenschaftlichen Grundlegung der Medizin hervorgeht, ist ein solches Arrangement entstanden, wie es der in diesen Wochen hier stattfindende Kursus für Ärzte ist. Wenn man an den kranken Menschen herangeht, so kann man nicht ihn einer Behandlung unterwerfen, ohne sein Wesen wirklich zu erkennen. Die physikalischen, die naturwissenschaftlichen Methoden müssen auch standhalten, wenn man an den Menschen herangeht. Und alles dasjenige, was heute über die Medizin und ihre Wirkungen zu beklagen ist, hängt zusammen mit der mangelhaften naturwissenschaftlichen Grundlegung unserer gegenwärtigen Wissenschaften. Da liegt eine der Aufgaben der Anthroposophie in ihrem Verhältnis zu den gegenwärtigen Wissenschaften. Sie hat die Aufgabe, wirkliche wissenschaftliche Methoden zu finden, durch die die Fülle der Tatsachen, die uns heute vorliegen, wirklich so durchschaut werden können, daß wir durch diese Tatsachen hindurch in das Wesen desjenigen eindringen können, was uns in der Welt umgibt.
[ 15 ] This, my esteemed audience, becomes most evident when this scientific method is to be applied in the practical treatment of the sick—that is, when it is to be applied in medicine. And it is precisely from the shortcomings that arise today from the scientific foundations of medicine that an initiative such as the course for physicians taking place here in recent weeks has emerged. When approaching a sick person, one cannot subject them to treatment without truly understanding their nature. Physical and scientific methods must also hold up when one approaches human beings. And everything that is cause for complaint today regarding medicine and its effects is connected to the flawed scientific foundations of our current sciences. Herein lies one of the tasks of anthroposophy in relation to the modern sciences. Its task is to find genuine scientific methods through which the wealth of facts available to us today can truly be penetrated in such a way that, through these facts, we can penetrate to the essence of that which surrounds us in the world.
[ 16 ] Es liegt etwas ganz Ähnliches vor in bezug auf die historischen Wissenschaften. Während wir um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert noch solche Versuche haben, das menschliche Leben in seinem Gang so zu beobachten, daß zugrundegelegt wird sowohl der natürliche Hergang in der Entwicklung des Menschengeschlechts, wie auch dasjenige, was seelischgeistig vom Innern der Menschen kommt —, während wir um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert solche Untersuchungen haben wie zum Beispiel die Herderschen «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit», wird das, was historische Wissenschaft ist, im Laufe des 19. Jahrhunderts immer abstrakter und abstrakter, immer intellektualistischer und intellektualistischer. Wir sehen, wie diejenigen, die sich nicht zu einem gewissen Materialismus in der Geschichte bekennen können, von Ideen sprechen, die in der Geschichte wirken sollen. Als ob abstrakte Ideen irgendwelche wirkliche Agenzien sein könnten, die das geschichtliche Werden tragen! Als ob Ideen nicht zunächst etwas bloß Passives wären! Weil unsere Vorstellungsarten nicht fähig sind, einzudringen durch die Beobachtung oder durch die im Experiment gegebenen Tatsachen in die Grundlage des Naturseins, bleiben wir mit unseren Vorstellungsarten, ich möchte sagen bloß an der Oberfläche dessen, was im Menschenleben vorgeht. Wir sind nicht imstande, das, was wir durch unsere Gedanken von den in der Geschichte handelnden Menschen oder von den in der Geschichte auftretenden Vorgängen erfassen, mit großen, die Geschichte tragenden Kräften zu verbinden.
[ 16 ] A very similar situation exists with regard to the historical sciences. While at the turn of the 18th to the 19th century we still have attempts to observe the course of human life in such a way that the foundation is laid both by the natural course of human development and by that which arises from within human beings in a psychological and spiritual sense— while at the turn of the 18th to the 19th century we have studies such as Herder’s “Ideas for a Philosophy of the History of Mankind,” what constitutes historical science becomes increasingly abstract and abstract, increasingly intellectualistic and intellectualistic, over the course of the 19th century. We see how those who cannot bring themselves to embrace a certain materialism in history speak of ideas that are supposed to be at work in history. As if abstract ideas could be some kind of real agents that drive historical development! As if ideas were not, at first, merely something passive! Because our modes of conception are incapable of penetrating, through observation or through the facts provided by experiment, to the foundation of natural existence, we remain with our modes of conception—I would say—merely on the surface of what takes place in human life. We are unable to connect what we grasp through our thoughts about the people acting in history or the events occurring in history with the great forces that sustain history.
[ 17 ] Wir sehen, und das ist besonders interessant, wie im 19. Jahrhundert zum Beispiel solche Geister auftreten wie Herman Grimm. Er ist wirklich sehr charakteristisch gerade für die historische Methode des 19. Jahrhunderts. Es gibt vielleicht nichts, was in einer so wunderbaren, tief befriedigenden Art und Weise über die historischen Erscheinungen spricht, wie Herman Grimm dies tut in seinen Abhandlungen zum Beispiel über Goethes «Tasso» oder über Goethes «Iphigenie». Da liegt etwas vor, was schon auf dem Gebiete des menschlichen Geistesschaffens ist. Da kann sich Herman Grimm über etwas hermachen, was der Gedanke deshalb erfassen kann, weil es selbst schon zum Gedanken heraufgehoben ist. Indem Augenblicke aber, wo Herman Grimm weitergehen will, wo er in die Wirklichkeit hinein will, wo er nicht nur etwas betrachten will wie Goethes Werke «Tasso» oder «Iphigenie», sondern wo er Goethe selbst als eine wirkliche menschliche Persönlichkeit darstellen will- Herman Grimm hat auch ein Buch über Goethe geschrieben —, da sieht man, daß der ganze Goethe, den er beschreibt, eigentlich eine Art von Schattenfigur ist und nirgends die Möglichkeit da ist, die volle Intensität des Realen zu durchdringen. Dasjenige, was noch Herder versucht hat: Gedanken zu fassen, die historisch sind und die zu gleicher Zeit die Natur mitumfassen — das konnte die historische Methode des 19. Jahrhunderts nicht mehr. Diese Gedanken, sie sind zu dünn, um einzudringen in die Wirklichkeit von historischen Gesichtspunkten aus. Und so haben wir eine historische Wissenschaft, welche aus dem Gedanken nicht herauskommt, im Gedanken bleibt, nicht eindringen kann vom Gedanken aus in die Wirklichkeit.
[ 17 ] We see—and this is particularly interesting—how figures such as Herman Grimm emerged in the 19th century. He is truly very representative of the historical method of the 19th century. There is perhaps nothing that speaks about historical phenomena in such a wonderful, deeply satisfying way as Herman Grimm does in his treatises, for example, on Goethe’s *Tasso* or on Goethe’s *Iphigenia*. Here we have something that already belongs to the realm of human intellectual creation. Here Herman Grimm can engage with something that thought can grasp precisely because it has already been elevated to the level of thought itself. But in those moments when Herman Grimm wants to go further, when he wants to delve into reality, when he does not merely want to examine something like Goethe’s *Tasso* or *Iphigenia*, but where he wants to portray Goethe himself as a real human personality—Herman Grimm has also written a book about Goethe—that is when one sees that the whole of Goethe he describes is actually a kind of shadow figure, and there is nowhere the possibility of penetrating the full intensity of reality. What Herder had still attempted—to grasp thoughts that are historical and at the same time encompass nature—the historical method of the 19th century could no longer achieve. These thoughts are too thin to penetrate reality from a historical perspective. And so we have a historical science that cannot move beyond thought, remains within thought, and cannot penetrate reality from within thought.
[ 18 ] Hier wiederum stellt sich für die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die Notwendigkeit hin, dasjenige, was die Seele erlebt, nicht bloß in abstrakten Gedanken zu erfassen, sondern es so zu ergreifen, daß in diesen Seelenerlebnissen die Kräfte angeschaut werden, die nun wirklich dem äußeren Realen zugrundeliegen. Wir müssen versuchen, auf der einen Seite die Natur so zu begreifen, daß wir das Begreifen heraufführen bis zum Menschen — so daß wir den Menschen verstehen können, wie wir es in der medizinischen Kunst oder in der Erziehungskunst, der pädagogischen Kunst tun —, und daß wir auf der anderen Seite suchen, nicht bei den abstrakten Gedanken und Ideen der Geschichte stehenzubleiben, sondern zu solchem lebendigen inneren Seelenleben vordringen, welches nun wirklich dasjenige erfaßt, was sich geschichtlich abgespielt hat — ein so von Wirklichkeit gesättigtes Begreifen, daß es wiederum nahesteht dem Naturgeschehen, dem Naturwerden.
[ 18 ] Here again, the necessity arises for the anthroposophically oriented spiritual science not merely to grasp what the soul experiences in abstract thoughts, but to grasp it in such a way that the forces underlying the external reality are perceived within these soul experiences. We must strive, on the one hand, to understand nature in such a way that we extend our understanding all the way to the human being—so that we can understand the human being as we do in the art of medicine or in the art of education— and, on the other hand, to seek not to remain at the level of abstract thoughts and ideas of history, but to penetrate to such a living inner soul life that truly grasps what has historically taken place—an understanding so saturated with reality that it, in turn, is close to natural events, to the unfolding of nature.
[ 19 ] Wie in der Medizin das Ungenügende der naturwissenschaftlichen Grundlegung hervorgetreten ist, so im sozialen Leben das Ungenügende der historischen Methode. Was hat denn bewirkt, daß der sogenannte historische Materialismus, die marxistische Anschauung, in unserer Zeit beginnt, praktisch zu werden, zum Elend der Menschheit in diesem vielgeprüften Europa? Was hat denn bewirkt, daß Leute auftreten, die alles Geistige, Recht, Sitte und so weiter für eine Ideologie erklären und die Wirklichkeit einzig und allein sehen im wirtschaftlichen Produktionsprozeß? Was hat dieses bewirkt? Das hat es bewirkt, daß die historischen Methoden des 19. Jahrhunderts nicht fähig waren, diese Wirklichkeit zu begreifen. Die Historiker oder diejenigen, die es auf irgendeinem Gebiete sein wollten, sie sind bei Abstraktionen stehengeblieben, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Und die Sozialdemokratie hat mittlerweile dasjenige, was ihr nicht geboten worden ist von den führenden Kreisen, für sich ausgebildet, und zwar nach dem, wovon sie einzig und allein etwas wußte: nach dem wirtschaftlichen Prozeß. Daß wir eine materialistische Grundlegung der Geschichte haben und heute eine Europa in Grund und Boden ruinierende Politik der Wirtschaftswissenschaft, das ist die Ergebnissünde des nicht vorhandenen historischen Denkens. Die Tatsachen sind heute ernst, und nur derjenige, der diesen Ernst nicht sehen will, kann leugnen, daß es notwendig ist, nach diesen beiden Gebieten, nach dem naturwissenschaftlichen Gebiet und nach dem historischen Gebiet, nach Vertiefung zu trachten, nach einer Neubegründung hin zu arbeiten.
[ 19 ] Just as the inadequacy of the natural-scientific foundation has become apparent in medicine, so too has the inadequacy of the historical method become apparent in social life. What, then, has caused so-called historical materialism—the Marxist worldview—to begin to take hold in our time, to the misery of humanity in this much-tried Europe? What, then, has caused people to emerge who declare everything spiritual—law, customs, and so on—to be mere ideology, and who see reality solely in the economic process of production? What has caused this? It has caused the historical methods of the 19th century to prove incapable of grasping this reality. Historians—or those who aspired to be historians in any field—remained stuck in abstractions that have nothing to do with reality. And Social Democracy has, in the meantime, developed for itself what was not offered to it by the leading circles—namely, based on the only thing it knew anything about: the economic process. The fact that we have a materialist foundation for history and, today, an economic policy that is ruining Europe to its very foundations—this is the sin of the absence of historical thinking. The facts today are serious, and only those who refuse to see this seriousness can deny that it is necessary to seek a deeper understanding in these two fields—the natural sciences and history—and to work toward a new foundation.
[ 20 ] Das ist dasjenige, was durchschaut werden soll innerhalb der Geistesströmung, für die dieser Bau, das Goetheanum, der Repräsentant ist, damit — das soll in aller Bescheidenheit hier erklärt werden —, damit eine Wissenschaft entstehe, die nun wirklich hinaustreten kann in unsere Volksschulen, die nun wirklich ins Leben einfließen kann. Und man möchte, daß von diesen Bestrebungen nicht nur die Verstandesimpulse der Menschen der Gegenwart ergriffen würden, man möchte, daß vor allem die Herzen der Menschen der Gegenwart dabei sein können und daß gefühlt wird, wie tief zusammenhängt das ganze soziale Elend unserer Zeit, der ganze Niedergang, das Chaos unserer Zeit mit dem, was im Erkenntnisstreben und im wissenschaftlichen Streben unserer Zeit an Verirrungen vorliegt, die geheilt werden müssen.
[ 20 ] This is what must be understood within the spiritual movement represented by this building, the Goetheanum, so that—and this should be explained here in all humility—a science may arise that can truly make its way into our elementary schools, that can truly flow into life. And one would like these endeavors to capture not only the intellectual impulses of people today, but above all, one would like the hearts of people today to be part of this process and for them to feel how deeply the entire social misery of our time—the entire decline and chaos of our time—is connected to the aberrations present in our era’s pursuit of knowledge and scientific endeavors, which must be healed.
[ 21 ] Dem, was ich so charakterisiert habe, soll das entgegengestellt werden, was aus geisteswissenschaftlicher Methode heraus für die naturwissenschaftliche Richtung und für die historische Richtung gewonnen werden kann. Und ich will nicht in Abstraktionen sprechen, sondern ich möchte auf zwei Tatsachen hinweisen, die aber nur als Beispiel für dasjenige dienen sollen, was hier erstrebt wird. Das eine Beispiel sei dem naturwissenschaftlichen Gebiete entnommen. Es soll gerade denjenigen Punkt bezeichnen, wo die naturwissenschaftliche Grundlegung unseres Wissenschaftsstrebens ungenügend wird gegenüber den Begriffen des Menschen. Sie können heute, wenn Sie Umschau halten in dem wissenschaftlichen Streben der Gegenwart, eine Anschauung über das menschliche Herz immer wieder finden. Diese Anschauung über das menschliche Herz ist nun wirklich, ich möchte sagen in gerader Linie herausgebildet aus dem, was heute überhaupt die naturwissenschaftliche Grundlegung des Lebens ist. So wie heute die Mechanik, die Physik, die Chemie, die Biologie ist, so ist unsere Anschauung von dem menschlichen Herzen, weil wir eine in ganz bestimmter Weise geartete Chemie, Physik, Biologie und so weiter haben, weil wir eine bestimmt geartete naturwissenschaftliche Grundlage haben. Welche ist diese Anschauung über das menschliche Herz? Nun, Sie finden sie überall dahingehend charakterisiert: Das menschliche Herz ist eine Pumpe, welche das Blut durch den menschlichen Organismus so pumpt, daß dieses Blut gewisse unbrauchbare Stoffe wegwäscht, sie austauscht gegen andere, die es hinträgt an bestimmte Orte des menschlichen Organismus. — Wenn man heute gewissen Menschen gegenüber auch nur im geringsten anzweifelt, daß dieses menschliche Herz eine ganz gewöhnliche Pumpe sein könnte, daß das menschliche Herz da in der Mitte arbeitet und das Blut hinauspumpt an die verschiedenen Körperstellen, so werden die Leute, welche heute wissenschaftliche Anschauungen aufgenommen haben — ich habe es erlebt —, sie werden geradezu wild. Und dennoch, meine sehr verehrten Anwesenden, hier liegt der Punkt, wo eine Gesundung der naturwissenschaftlichen Grundlegung eine völlige Umkehrung herbeiführen kann.
[ 21 ] What I have characterized in this way should be contrasted with what can be derived from the method of the humanities for the natural sciences and for the historical sciences. And I do not wish to speak in abstract terms, but rather to point out two facts, which are intended only as examples of what is being sought here. Let one example be taken from the realm of the natural sciences. It is meant to indicate precisely the point at which the natural-scientific foundation of our scientific endeavor becomes insufficient in relation to concepts of the human being. If you look around at contemporary scientific endeavors today, you will repeatedly find a conception of the human heart. This conception of the human heart is, in fact—I would say—directly derived from what constitutes the scientific foundation of life today. Just as mechanics, physics, chemistry, and biology are today, so is our conception of the human heart—because we have a specific kind of chemistry, physics, biology, and so on, because we have a specific kind of scientific foundation. What is this conception of the human heart? Well, you’ll find it characterized everywhere as follows: The human heart is a pump that pumps blood through the human organism in such a way that this blood washes away certain waste products, exchanging them for others that it carries to specific locations within the human organism. — If today one were to express even the slightest doubt to certain people that the human heart might be a perfectly ordinary pump—that the human heart works right there in the center and pumps blood out to the various parts of the body—then the people who have adopted scientific views today—I have experienced this myself—will become downright furious. And yet, my esteemed audience, this is the point where a restoration of the scientific foundation can bring about a complete reversal.
[ 22 ] Hier wird die geisteswissenschaftliche Weltanschauung zu zeigen haben, daß das Herz keine Pumpe ist, sondern daß das Herz in seiner Tätigkeit überhaupt nur das Ergebnis desjenigen ist, was an sich selbst regulierenden Strömungen und Wechselwirkungen im menschlichen Organismus zustandekommt. Der Mensch ist ein duales Wesen. Grundverschieden organisiert ist alles dasjenige, was — ich rede schematisch — gewissermaßen unter dem Herzen liegt, und dasjenige, was über dem Herzen liegt. Grundverschieden von einander ist das, was hintreibt zur Entwicklung des Kohlenstoffes, von dem, was dann geschieht in der Verbindung des Kohlenstoffes mit dem Sauerstoff zu Kohlensäure. Aber das eigentliche Agens, die eigentliche treibende Kraft, sie liegt in den Kräften, die aufeinander hinwirken aus dem unteren Menschen und aus dem oberen Menschen — aus dem Oberen und dem Unteren. Wie bei einer elektrischen Spannung die positive und negative Elektrizität zueinander wollen, und wie ein Apparat, der eingespannt wäre in diese Spannung von positiver und negativer Elektrizität, gewisse Tätigkeiten ausführen würde, so führt das menschliche Herz Tätigkeiten aus infolge der Strömungen, die im menschlichen Organismus sind. Die menschliche Herztätigkeit ist nicht die einer Pumpe des menschlichen Organismus. Alles, was das menschliche Herz ausführt, ist lediglich das Ergebnis des inneren Leben, einer gewissen Strömung im menschlichen Organismus. Das Umgekehrte der landläufigen Meinung ist der Fall.
[ 22 ] Here, the humanistic worldview will have to demonstrate that the heart is not a pump, but rather that the heart’s activity is, in its entirety, merely the result of self-regulating currents and interactions within the human organism. Human beings are dual beings. Everything that lies—to speak schematically—below the heart, so to speak, and everything that lies above the heart is organized in fundamentally different ways. Fundamentally different from one another are the forces that drive the development of carbon and those that then come into play when carbon combines with oxygen to form carbon dioxide. But the actual agent, the actual driving force, lies in the forces that interact with one another from the lower human being and the upper human being—from the upper and the lower. Just as in an electrical voltage the positive and negative electricities are drawn to one another, and just as a device connected to this voltage of positive and negative electricity would perform certain actions, so the human heart performs actions as a result of the currents within the human organism. The activity of the human heart is not that of a pump for the human organism. Everything the human heart does is merely the result of inner life, of a certain current within the human organism. The opposite of conventional wisdom is true.
[ 23 ] Damit aber, meine sehr verehrten Anwesenden, weist man zu gleicher Zeit hin auf eine völlige Umkehrung der Wissenschaft vom Wesen des Menschen. Denn erst dadurch, daß man diesen großen Gegensatz des oberen und des unteren Menschen ins Auge faßt, in den die Herztätigkeit eingespannt ist und gewissermaßen sich ausdrückt als Vermittlung, erst dadurch ist man imstande, den Menschen in den rechten Gegensatz zur ganzen Umwelt zu bringen, zu verstehen, wie der untere Mensch in einer gewissen Beziehung zu der äußeren Welt der festen, flüssigen und luftförmigen Körper, auch noch zu der äußeren Welt der Wärmeerscheinung steht, während man all das, was im oberen Menschen ist und was in einen gewissen Gegensatz tritt mit den Wirkungsweisen des unteren Menschen, parallelisieren muß mit dem Licht und mit anderen ätherischen Vorgängen im irdischen und außerirdischen Gebiet.
[ 23 ] But with this, my esteemed audience, we are simultaneously pointing to a complete reversal of the science of human nature. For it is only by grasping this great contrast between the upper and lower human beings—in which the activity of the heart is engaged and, in a sense, expresses itself as mediation—that one is able to place the human being in the proper contrast to the entire environment, to understand how the lower human being stands in a certain relationship to the external world of solid, liquid, and gaseous bodies, as well as to the external world of thermal phenomena, whereas everything that is in the higher human being—and which stands in a certain contrast to the modes of action of the lower human being—must be paralleled with light and other ethereal processes in the earthly and extraterrestrial realms.
[ 24 ] Man lernt erst dann, den Menschen in der richtigen Weise hineinzustellen in das ganze Weltenall, wenn man aufhört zu glauben, daß das Herz die Pumpe ist, welche das Blut durch den Organismus pumpt. In Wahrheit hat das Blut inneres Leben, und in jene Stauung, die zustandekommt zwischen dem unteren Menschen und dem oberen Menschen, ist das Herz so eingespannt, daß das Ergebnis dieser Stauung in der Herzbewegung zutagetritt. Wir haben in der Herzbewegung im Grunde genommen nichts anderes vorliegen als dasjenige, wo sich berührt der obere Mensch und der untere Mensch und wo in gewissen unbewußten Regionen die Tätigkeit des unteren Menschen durch den oberen Menschen wahrgenommen wird. Das Herz ist gewissermaßen ein Sinnesorgan innerhalb der menschlichen Wesenheit. Wie die Sinnesorgane, die außen liegen, Organe zur Vermittlung der äußeren Erfahrungen des Menschen sind, so ist das Herz das Organ, welches die Erfahrungen von dem eigenen Wesen vermittelt, allerdings im Unterbewußten. Ich will mit diesen Dingen nur darauf hindeuten, daß so etwas Wesentliches wie die Herzlehre, die geeignet ist, alle medizinische Anschauung zu reformieren, heute einer gründlichen Reform bedarf. Aber das ist nur ein Beispiel — es ist ein Beispiel dafür, wie man Ursache und Wirkung heute, ich möchte sagen auf allen Gebieten des Naturbeobachtens geradezu verwechselt.
[ 24 ] One learns to place human beings in the proper context within the entire cosmos only when one stops believing that the heart is the pump that pumps blood through the organism. In truth, the blood has an inner life, and in the congestion that arises between the lower human being and the higher human being, the heart is so engaged that the result of this congestion manifests itself in the heartbeat. Essentially, the heartbeat is nothing other than the point where the higher self and the lower self come into contact, and where, in certain unconscious regions, the activity of the lower self is perceived by the higher self. The heart is, in a sense, a sensory organ within the human being. Just as the external sensory organs serve to mediate a person’s external experiences, so the heart is the organ that mediates experiences of one’s own being—albeit in the subconscious. My intention in mentioning these things is simply to point out that something as fundamental as the science of the heart—which is capable of reforming the entire medical perspective—is in need of a thorough reform today. But this is only one example—it is an example of how cause and effect are today, I would say, virtually confused in all fields of natural observation.
[ 25 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Spiritisten berufen sich darauf, daß sie Geister fotografiert haben. Das Fotografieren ist ein äußerer Vorgang, und ich will mich hier nicht weiter darüber verbreiten, ob man Geister fotografieren kann oder nicht. Aber mit nicht mehr Recht als die Spiritisten behaupten, daß sie Geister fotografiert haben, berufen sich heute gewisse Physiker darauf, daß sie die Konfiguration der Atome fotografiert haben. Gewiß, man kann Kristalle mit Röntgenstrahlen bewerfen, man kann diese Röntgenstrahlen zur Reflexion, die reflektierten Strahlen zur Interferenz bringen und dann fotografieren, und man kann behaupten, man fotografiere die Konfiguration der Atome. Die wesentliche Frage ist nur: Fotografiert man hier wirklich die atomistischen Agenzien oder fotografiert man gewisse Wirkungen, die vom Makrokosmischen herkommen und die sich nur an den Punkten zeigen, an denen man glaubt, daß die Atome vorhanden sind? Es kommt überall darauf an, daß man Denk- und Vorstellungsarten findet, die in der richtigen Weise von den Erscheinungen zu dem Wesen der Dinge zu gehen vermögen. Weil die naturwissenschaftlichen Methoden so ungenügend sind, können sie nicht genügen zur Anwendung auf den Menschen, sei es auf medizinischem Gebiet, sei es, wenn es sich darum handelt, in sozialer Beziehung solche Methoden anzuwenden.
[ 25 ] Ladies and gentlemen! Spiritualists claim to have photographed spirits. Photography is an external process, and I do not wish to dwell further here on whether or not spirits can be photographed. But just as spiritists have no more justification for claiming that they have photographed spirits, so too do certain physicists today claim that they have photographed the configuration of atoms. Certainly, one can bombard crystals with X-rays; one can cause these X-rays to be reflected, the reflected rays to interfere, and then photograph them; and one can claim to be photographing the configuration of atoms. The essential question is simply this: Are we really photographing the atomic agents here, or are we photographing certain effects that originate from the macrocosm and manifest only at the points where we believe atoms to be present? What matters everywhere is finding ways of thinking and conceiving that are capable of proceeding correctly from phenomena to the essence of things. Because scientific methods are so inadequate, they cannot suffice for application to human beings, whether in the medical field or when it comes to applying such methods in a social context.
[ 26 ] So sehen wir, daß Leute, die glauben, an der Naturwissenschaft geschult zu sein, heute sich heranmachen an die Lösung sozialer Probleme, wie Lenin und Trotzki. Es liegt aber nichts anderes vor, als daß einzelne Menschen das gelernt haben, was die Naturforschung aus ihren Tatsachen feststellt, was aber als Konklusionen, als Ergebnisse ungenügend ist. Solche Menschen lassen sich in der Regel nicht darauf ein, das, was man glaubt über die Dinge zu wissen und was man glaubt, als Gesetze herauszubekommen, dann auch wirklich zu prüfen anhand der einzelnen Tatsachen. Wenn Ihnen jemand sagt, er habe die Konfiguration der Atome fotografiert, so denken solche Menschen nicht darüber nach, welchen Wert eine solche Fotografie hat. Natürlich imponiert es furchtbar, wenn man der Welt in populären Darstellungen verkündet: Atome gibt es; man hat sie sogar fotografiert. — Da sagt der Laie selbstverständlich: Nun, wie kann jetzt noch einer, der nicht ein Dilettant ist, leugnen, daß es Atome gibt, die die Agenzien sind bei allen Naturwirkungen, wenn man diese Atome sogar fotografiert hat.
[ 26 ] Thus we see that people who believe they are trained in the natural sciences are today setting out to solve social problems, such as Lenin and Trotsky. But what is actually happening is simply that individual people have learned what the natural sciences establish from their facts—which, however, is insufficient as conclusions or results. Such people generally do not bother to actually test—against the individual facts—what they believe they know about things and what they believe they have deduced as laws. If someone tells them they have photographed the configuration of atoms, such people do not stop to consider what value such a photograph has. Of course, it makes a tremendous impression when one proclaims to the world in popular accounts: Atoms exist; they have even been photographed. — The layperson naturally says: Well, how can anyone who isn’t a dilettante now deny that atoms exist—that they are the agents in all natural phenomena—when these atoms have even been photographed?
[ 27 ] Es handelt sich aber darum, daß man einen Einblick hat, wie so etwas zustandekommt. Wir leiden in der Gegenwart ungeheuer darunter, daß sich Dinge als populäre Weltanschauung monistischer oder sonstiger Art geltend machen, die in nichts weiter bestehen als in Zusammenfassungen, begrifflichen Zusammenfassungen von allerlei Ergebnissen, auf deren wirkliche Grundlagen man nicht zurückgeht. Was tragen denn die Leute in monistischen Versammlungen anderes vor, als das, was sie an angeblichen Ergebnissen in Büchern gelesen oder in Vorlesungen gehört haben? Wo ist denn da in Wirklichkeit die Möglichkeit eines Eingehens auf das vorhanden, woraus solche Ergebnisse eigentlich geschöpft sind? Daher ist auf diesem Felde auch nicht die Möglichkeit eines wirklichen Überschauens der Tragweite der Ergebnisse vorhanden. Wir erleben das in der heutigen Wissenschaft — wenn sie sich zur Weltanschauung ausbildet und dabei glaubt, sehr exakt zu sein —, daß aus den Vorgängen, die wir in der Geschichte erleben, dann die Vorgänge berechnet werden, die sich in Jahrmillionen mit unserer Erde zutragen sollen oder die sich vor Jahrmillionen abgespielt haben sollen. Diese Rechnungen sind immer richtig; denn wenn man zum Beispiel berechnet, wieviel Geröll der Niagarafall ablagert in einer bestimmten Anzahl von Jahren, so kann man aus solchen Schichtenbildungen selbstverständlich sehr vieles errechnen. Aber nach welcher Methode rechnet man da eigentlich? Man rechnet nach der folgenden Methode: Man beobachtet, sagen wir während fünf Jahren die Vorgänge im menschlichen Magen, und jetzt rechnet man, wie diese Vorgänge vor 10, 20 Jahren waren, vor 150, 200, 300 Jahren waren. Man wird genaue Rechnungsresultate herauskriegen — nur hat der Mensch, der diesen Magen hat mit seinen Vorgängen, vor 300 Jahren selbstverständlich als physischer Mensch gar nicht gelebt! Man kann so auch die Veränderungen berechnen, wie der menschliche Magen und dann der ganze Mensch beschaffen sein wird in 10, 20, 30, 100, 200, 300 Jahren —, nur ist dann der Mensch längst gestorben, und die ganze Rechnung — die an sich als Rechnung vollständig richtig ist — hat nicht den allergeringsten Wert. Denselben Wert haben diejenigen Rechnungen, die sich beziehen auf den Zustand der Erde vor Jahrmillionen oder nach Jahrmillionen, denn es wird dabei nicht in Erwägung gezogen, ob dazumal die Erde überhaupt schon vorhanden war oder dann noch vorhanden sein wird. Was nützt es denn zu wissen, daß nach soundso vielen Millionen Jahren, wenn wir, sagen wir Eiweiß an die Wand streichen und dies leuchten wird durch die Veränderungen der Erde, wenn die Erde längst nicht mehr da sein wird! Das sieht man heute noch durchaus nicht ein, daß irgendein Rechnungs- oder ähnliches Resultat absolut richtig sein kann, daß es aber auf die Wirklichkeit gar nicht anwendbar ist.
[ 27 ] The point, however, is to gain insight into how something like this comes about. We suffer immensely in the present from the fact that certain ideas—whether monistic or otherwise—are asserted as popular worldviews, even though they consist of nothing more than summaries, conceptual summaries of all sorts of findings, without ever going back to their actual foundations. What else do people present at monistic gatherings other than what they have read in books or heard in lectures as supposed findings? Where, in reality, is there any opportunity to delve into the actual substance from which such findings are actually drawn? Consequently, in this field, there is also no possibility of truly grasping the full scope of the findings. We see this in modern science—when it develops into a worldview and believes itself to be very precise—that the processes we observe in history are then used to calculate the processes that are supposed to take place on our Earth over millions of years or that are supposed to have taken place millions of years ago. These calculations are always correct; for example, if one calculates how much debris Niagara Falls deposits over a certain number of years, one can of course deduce a great deal from such stratifications. But what method is actually used here? The method is as follows: One observes, say, the processes in the human stomach over a period of five years, and then calculates what these processes were like 10, 20, 150, 200, or 300 years ago. One will obtain precise results—except that the person who has this stomach and its processes certainly did not exist as a physical human being 300 years ago! One can also calculate the changes in how the human stomach—and subsequently the entire human being—will be constituted in 10, 20, 30, 100, 200, or 300 years—but by then the person will have long since died, and the entire calculation—which in itself is completely correct as a calculation—has not the slightest value. Calculations that refer to the state of the Earth millions of years ago or millions of years from now have the same value, because they do not take into account whether the Earth even existed back then or will still exist then. What good is it to know that after so many millions of years—if, say, we paint protein on the wall and it will glow due to changes in the Earth—the Earth will have long since ceased to exist! People still do not realize today that while a calculation or similar result may be absolutely correct, it is not at all applicable to reality.
[ 28 ] Zweierlei ist heute nötig, wenn man ein Urteil fällen will: erstens, daß das Urteil auf Grundlage einer richtigen logischen Methode aufgebaut ist — die Rechnungsmethode ist auch eine logische Methode —, zweitens, daß aber auch das Urteil aufgebaut ist auf eine sachgemäße Einsicht in die Wirklichkeit. Wirklichkeitsgemäß und logikgemäß muß ein Urteil sein. Das erstere vergißt man heute gewöhnlich, daher spielen in unserem gewöhnlichen wissenschaftlichen Leben die bloß logisch richtigen Urteile eine so große Rolle, die aber unter Umständen gar keine Anwendung auf die Wirklichkeit haben. Darauf kommt es der Geistesströmung an, als deren Repräsentant dieses Goetheanum dasteht: nicht nur logisch richtige Anschauungen zu haben, die dann auch zu Irrtümern führen können, sondern wirklichkeitsgemäße Anschauungen zu haben, solche, die wirklich eine Brücke schlagen zwischen dem, was im Menschen lebt als Weltanschauung, und dem, was sich draußen entwickelt als Wirklichkeit, denn solche wirklichkeitsgemäßen Anschauungen sind allein für das Leben zu gebrauchen. An solchen wirklichkeitsgemäßen Anschauungen kann allein unser so sehr in das Chaos hineintreibendes gegenwärtiges Leben wieder gesunden.
[ 28 ] Two things are necessary today if one wishes to form a judgment: first, that the judgment be based on a correct logical method—the method of calculation is also a logical method—and second, that the judgment also be based on an appropriate understanding of reality. A judgment must be both true to reality and logically sound. The former is usually forgotten today; that is why, in our everyday scientific life, judgments that are merely logically correct play such a major role, even though under certain circumstances they may have no application to reality at all. This is what matters to the spiritual movement of which this Goetheanum stands as a representative: not merely to hold logically correct views—which can then lead to errors—but to hold views that correspond to reality, views that truly build a bridge between what lives within the human being as a worldview and what unfolds outside as reality; for only such views that correspond to reality are of any use in life. Only through such views in harmony with reality can our present life—which is being driven so deeply into chaos—find healing again.
[ 29 ] So habe ich Ihnen an einem Beispiel gezeigt — ich konnte nur das eine Beispiel heute zeigen, das ließe sich aber leicht vermehren —, an dem Beispiel der Herz-Wissenschaft, wie notwendig es ist, nach einer wirklichkeitsgemäßen Wissenschaft hinzustreben, und wie gerade die Geistesströmung, die hier gepflegt wird, sich die ernste Aufgabe stellt, nach einer solchen notwendigen Reform dieser Wissenschaft hinzuarbeiten. Ich möchte ebenso an einem Beispiel zeigen, wie nach der Seite der historischen Wissenschaften hin gearbeitet werden soll. An diesem Beispiel möchte ich zeigen, wie man eine rudimentäre naturwissenschaftliche Methode, ich möchte sagen eine verkümmerte naturwissenschaftliche Methode, einfach anzuwenden versucht hat auf das historische Wesen, und wie man dadurch in verhängnisvolle Irrtümer hineingekommen ist.
[ 29 ] So I have shown you, using one example—I was only able to present this one example today, but there are many more—namely, the example of cardiology, just how necessary it is to strive for a science grounded in reality, and how the spiritual movement cultivated here has set itself the serious task of working toward such a necessary reform of this science. I would also like to use an example to show how work should be approached in the field of the historical sciences. With this example, I would like to demonstrate how people have simply attempted to apply a rudimentary scientific method—I would even say a stunted scientific method—to the historical reality, and how this has led to disastrous errors.
[ 30 ] Sehen sie, auf dem Gebiete der Naturwissenschaft will ich hinweisen auf das sogenannte biogenetische Grundgesetz. Ich will jetzt nicht über die mehr oder weniger eingeschränkte Gültigkeit dieses Gesetzes sprechen, sondern ich will zunächst es wie eine Art von hypothetischem Naturgesetz behandeln. Was besagt dieses biogenetische Grundgesetz? Es besagt, daß jedes höhere Tierwesen und auch der Mensch während der Embryonalentwicklung, also während der Entwicklung von der Empfängnis bis zur Geburt, in Kürze wiederum dasjenige an Formen durchmacht, was durchgemacht worden ist in der Stammesentwicklung. Der menschliche Embryo zeige zum Beispiel in einer bestimmten Periode eine Art Fischform, dann andere Formen. Es erinnerten diese Formen, die Metamorphosen, durch die der Embryo hindurchgeht, an dasjenige, was sich in der Entwicklungsreihe stammesgeschichtlich begeben hat, damit es durch verschiedene Formen herauf eben zum Menschen hat kommen können. — Eine gewisse eingeschränkte Bedeutung hat dieses sogenannte biogenetische Grundgesetz. Daß die Ontogenie eine kurze Wiederholung der Phylogenie ist, die individuelle Entwicklung eine kurze Wiederholung der Stammesentwicklung, das ist ganz zweifellos. Nun hat man aber versucht, dasjenige, was man auf dem Naturfelde gefunden hat, auf das historische Feld anzuwenden. Man hat geglaubt, daß das, was in einer späteren Kultur lebt, auch in kurzer Wiederholung dasjenige zeigen müsse, was in einer früheren Kultur gelebt hat. Wenn also irgendwo ein neues Volk auftritt, so müsse es in seinen Anfangsstadien gleichsam durchlaufen die Stadien der Menschheitsentwicklung, wie sie bisher durchgemacht worden sind, und dann ein Neues daraufsetzen, so wie der Mensch auch der embryonalen Wiederholung der Stammesgeschichte das ausgereifte Leben daraufsetzt. Herausgekommen ist nicht viel dabei, wenn man dieses für die historische Entwicklung zunächst rein abstrakt aufgestellte Gesetz, das nach dem Muster einer naturwissenschaftlichen Beobachtungsreihe gebildet war, nun auf das Leben anwenden wollte. Ich möchte sagen, die Lebenserfahrungen bestätigen eigentlich dieses Gesetz auf historischem Felde nirgends so, daß man gegenüber der Wirklichkeit etwas damit machen kann.
[ 30 ] You see, in the field of natural science, I would like to draw attention to the so-called biogenetic law. I do not wish to discuss the more or less limited validity of this law at this time; rather, I would first like to treat it as a kind of hypothetical natural law. What does this biogenetic law state? It states that every higher animal, including humans, during embryonic development—that is, during the development from conception to birth—briefly passes through the same stages of form that were undergone in phylogenetic development. For example, the human embryo exhibits a fish-like form during a certain period, followed by other forms. These forms—the metamorphoses through which the embryo passes—are reminiscent of what occurred in the evolutionary lineage, enabling the species to evolve through various forms into human beings. — This so-called fundamental biogenetic law has a certain limited significance. That ontogeny is a brief repetition of phylogeny, and that individual development is a brief repetition of phylogenetic development, is beyond doubt. However, attempts have been made to apply what has been discovered in the natural world to the historical realm. It was believed that what exists in a later culture must also, in a brief repetition, reflect what existed in an earlier culture. Thus, whenever a new people emerges, it must, in its early stages, pass through—as it were—the stages of human development as they have been experienced thus far, and then build upon them, just as human beings build their mature lives upon the embryonic repetition of phylogenetic history. Not much has come of it, however, when one attempts to apply this law—which was initially formulated purely abstractly for historical development, modeled on a series of scientific observations—to life itself. I would say that life experiences do not actually confirm this law in the historical realm to such an extent that it can be of any practical use in dealing with reality.
[ 31 ] Dagegen stellt sich für den geschärften Beobachtungssinn des Geisteswissenschafters das folgende heraus. Das ist ja das Wesentliche, daß die innere Arbeit, die der Geisteswissenschafter verrichten muß, damit er zu seinen Vorstellungsarten kommt, um dann in der Art in die Natur einzudringen, wie ich es gezeigt habe, daß diese innere Arbeit den Blick für die Wirklichkeit, den Beobachtungssinn für die Wirklichkeit schärft. So stellt sich folgendes heraus für diesen geschärften Beobachtungssinn: In der ersten Zeit seiner Entwicklung ist der Mensch gewissen Metamorphosen unterworfen. Man muß nur unbefangenen Sinn haben, um in der richtigen Weise hinzuschauen auf das, was in der ersten Jugendentwicklung des Menschen vor sich geht. Da haben wir zunächst einen wichtigen Lebensabschnitt im menschlichen Leben: von der Geburt bis zum Zahnwechsel um das siebente Jahr herum. Das seelische Leben des Menschen zeigt sich in diesem Zeitraum in einer ganz bestimmten Weise, und mit dem Zahnwechsel artet es um. Der Mensch ist bis zum Zahnwechsel in derjenigen Epoche seines Lebens, wo er ein nachahmendes Wesen ist, das bis in die Bewegungen, bis in die Bildung der Sprachlaute hinein nachahmen will, durch innere Kräfte nachahmen will, was in seiner Umgebung vorgemacht wird. Er ist bis um das siebente Jahr herum so sich anpassend an die menschliche Umgebung, daß er dann, bis zu dem nächsten wichtigen Abschnitt im Leben, der gebunden ist an den Eintritt der Geschlechtsreife, das Bedürfnis hat, auf Autorität hin das anzunehmen, an das er glauben soll. Da verwandelt sich wiederum die ganze Organisation des Menschen, da verwandelt sich wiederum sein Seelenleben. Und wer genügend Beobachtungssinn hat, der wird dann auch noch im Beginn der Zwanzigerjahre, ja vielleicht am Ende der Zwanzigerjahre bemerken können, wie der Mensch sich umartet. Später wird das, was dieser jugendlichen Umartung des Menschen entspricht, nur für den geschärften Beobachtungssinn des Geistesforschers beobachtbar. Da zeigt sich, wenn der Mensch wirklich eine geisteswissenschaftliche Schulung durchgemacht hat, daß gegen das Alter hin bestimmte, ich möchte sagen wie schattenhafte Umbildungen des Seelenlebens auftreten. Es tritt nur in Andeutungen auf, aber man merkt ganz genau: in den Vierzigerjahren, Ende der Vierzigerjahre, wird man ein anderer und Ende der Fünfzigerjahre wird man wiederum ein anderer. Schattenhaft, rudimentär treten — als nur angedeutete Veränderungen des Inneren — diese Metamorphosen auf, aber wer sie beobachten kann, der kann sie vergleichen mit den Andeutungen, die im Embryonalleben auftreten und die Wiederholungen sind von früheren physischen Formen, die in der Stammesentwicklung durchgemacht worden sind.
[ 31 ] In contrast, the following becomes apparent to the spiritual scientist’s keen sense of observation. This is, in fact, the essential point: that the inner work the humanities scholar must perform in order to arrive at his modes of perception—and thereby penetrate nature in the manner I have demonstrated—that this inner work sharpens the eye for reality, the sense of observation for reality. Thus, the following becomes evident regarding this sharpened sense of observation: In the early stages of their development, human beings undergo certain metamorphoses. One need only have an unbiased mind to observe correctly what takes place during the early stages of human development. Here we have, first of all, an important phase of human life: from birth until the change of teeth around the age of seven. The human soul manifests itself in a very specific way during this period, and with the change of teeth, it undergoes a transformation. Until the change of teeth, the human being is in that phase of life where they are an imitative being who, right down to their movements and the formation of speech sounds, seeks to imitate—through inner forces—what is modeled in their environment. Until around the age of seven, they adapt so fully to their human environment that, until the next important stage of life—which is linked to the onset of puberty—they feel the need to accept, on the authority of others, whatever they are told to believe. At that point, the entire human constitution undergoes a transformation, and their inner life changes once again. And anyone with a sufficiently keen sense of observation will then be able to notice, even in the early twenties—perhaps even at the end of the twenties—how the human being degenerates. Later on, what corresponds to this youthful degeneration of the human being becomes observable only to the keenly attuned sense of observation of the spiritual researcher. It becomes apparent—if a person has truly undergone training in spiritual science—that toward old age certain, I might say shadow-like, transformations of the soul life occur. They appear only in hints, but one notices quite clearly: in one’s forties, at the end of one’s forties, one becomes a different person, and at the end of one’s fifties, one becomes yet another. These metamorphoses occur in a shadowy, rudimentary way—as merely hinted-at changes within—but anyone who can observe them can compare them to the hints that appear in embryonic life, which are repetitions of earlier physical forms that have been passed through in the course of phylogenetic development.
[ 32 ] Aber man darf nicht das naturwissenschaftliche biogenetische Grundgesetz einfach auf die Historie übertragen, sondern der Historiker ist genötigt, statt an den Beginn des Lebens zu sehen, wie es der Naturforscher tun muß, an das Ende des Lebens zu sehen, an diese schattenhaften, rudimentären Umbildungen des Seelenlebens. Und geradeso, wie für den natürlichen Menschen der Lebensbeginn sich als Wiederholung der Stammesgeschichte darstellt, so stellen sich diese rudimentären Andeutungen am Ende des Lebens als Wiederholungen für dasjenige heraus, was das Menschengeschlecht auf der Erde als Ganzes durchgemacht hat. Man lernt begreifen, daß das, was heute nur rudimentär bei unserem Altern vorhanden ist, daß das in ausgesprochenem Sinne vorhanden war bei den vorhistorischen Menschen; man lernt begreifen, daß wir zurückgehen können zu einer Menschheit, die bis ins Alter hinein solche Umwandlungen des organisch-seelischen Lebens durchgemacht hat, wie wir sie beim Zahnwechsel und bei der Geschlechtsreife durchmachen. Und in unserem Altern erleben wir eine rudimentäre Wiederholung desjenigen, was die Menschheit in der geschichtlichen Entwicklung durchgemacht hat. Hier wird sich das herausstellen, was für die historische Wissenschaft das Korrelat zu sein hat gegenüber dem biogenetischen Grundgesetz.
[ 32 ] But one must not simply apply the fundamental biogenetic law of natural science to history; rather, the historian is compelled—instead of looking to the beginning of life, as the natural scientist must—to look to the end of life, to these shadowy, rudimentary transformations of the life of the soul. And just as, for the natural human being, the beginning of life appears as a repetition of ancestral history, so these rudimentary hints at the end of life turn out to be repetitions of what the human race as a whole has gone through on Earth. One comes to understand that what is present today only in a rudimentary form as we age was present in the full sense among prehistoric humans; one comes to understand that we can trace humanity back to a time when, well into old age, people underwent such transformations of organic-psychic life as we experience during tooth replacement and sexual maturation. And as we age, we experience a rudimentary repetition of what humanity has undergone in the course of historical development. Here we will discover what, for historical science, must be the correlate to the fundamental law of biogenetics.
[ 33 ] Diejenigen, die abstrakt denken, sind immer zufrieden, wenn sie irgend etwas gefunden haben, sie dehnen das dann aus und bilden daraus ein ganzes System von Weltanschauungen; sie wollen das biogenetische Grundgesetz ausdehnen auf das historische Werden der Menschheit. Dem wirklichen Beobachter — und diese beobachtbare Wirklichkeit stellt sich für den Geistesforscher heraus —, dem wirklichen Beobachter zeigt sich etwas ganz anderes. Da zeigt sich, daß wir in der Lage sind, gerade in unserem Altern und seinen rudimentären Veränderungen die Wiederholung desjenigen anzuschauen, was wir zu suchen haben in früheren geschichtlichen Entwicklungsstadien der Menschheit. Wir blicken zurück auf indische, auf persische Urzeiten und wissen, daß da die Menschen bis ins hohe Alter herauf so entwicklungsfähig geblieben sind, daß in ihrem Organismus eine Metamorphose zu sehen war noch in den Vierziger- und Fünfzigerjahren der Menschen, wie sie heute nur beim Zahnwechsel und bei der Geschlechtsreife zu beobachten ist. Sehen Sie, hier stellt sich der Unterschied heraus zwischen wahrer Beobachtung der Wirklichkeit und jenem abstrakten Übertragenwollen, welches gerade durch den Materialismus so heraufgekommen ist. Und wir verstehen dann, wie in Urzeiten der Mensch als Kind und junger Mensch neben dem alten Menschen gelebt hat und sich gesagt hat: Man erfährt im Alter etwas, was etwas ganz Neues in das Leben hereinbringt. — Bedenken wir, wie tief wir durch dieses wahre Gesetz hineinschauen in den inneren Entwicklungsgang der Menschheit, wie wir hineinschauen in einen Zustand der Menschheit, wo wir das patriarchalische Leben begreifen, weil der jugendliche Mensch sein Alter so erwartete, daß er sich sagte: Dieses Alter bietet mir etwas ganz Neues. — Und so sehen wir auf die Urmenschheit nicht so hin, wie es der heutige materialistische Anthropologe tut. Wir sehen auf diese Urmenscheit hin und verstehen sie, ich möchte sagen intim menschlich, und wir können dadurch auch erkennen, daß in seinem ganzen Element etwas ganz anderes für diese Urmenschheit vorhanden war als für die gegenwärtige Menschheit. Aber wir müssen uns interessieren, weil wir da an unmittelbar Menschliches herantreten, für diese Metamorphose vom Urmenschen bis zu unserer Gegenwart. Und wenn wir zugeben müssen, daß der Organismus des Menschen sich umgeartet hat, so werden wir auch auf andere Umartungen des menschlichen Organismus in der richtigen Form hinweisen können.
[ 33 ] Those who think in abstract terms are always satisfied when they have found something; they then expand upon it and build an entire system of worldviews out of it; they want to extend the fundamental biogenetic law to the historical development of humanity. To the true observer—and this observable reality becomes apparent to the spiritual researcher—to the true observer, something entirely different reveals itself. It becomes evident that we are able, precisely in our aging and its rudimentary changes, to observe the repetition of what we must seek in earlier historical stages of human development. We look back to ancient Indian and Persian times and know that people there remained capable of development well into old age, to the extent that a metamorphosis could still be observed in their organisms even in their forties and fifties—a phenomenon that today is only observed during tooth replacement and sexual maturation. You see, this is where the difference becomes apparent between true observation of reality and that abstract tendency to generalize, which has arisen precisely through materialism. And we then understand how, in ancient times, human beings—as children and young people—lived alongside the elderly and said to themselves: In old age, one experiences something that brings something entirely new into life. — Let us consider how deeply this true law allows us to look into the inner course of human development, how it enables us to look into a state of humanity in which we understand patriarchal life, because the young person anticipated old age in such a way that he said to himself: “This age offers me something entirely new.” — And so we do not view primeval humanity the way today’s materialistic anthropologist does. We look upon this primeval humanity and understand it—I would say in an intimately human way—and through this we can also recognize that, within its entire environment, something entirely different existed for this primeval humanity than for present-day humanity. But we must take an interest—because we are approaching something directly human here—in this metamorphosis from early humanity to our present day. And if we must admit that the human organism has undergone a transformation, we will also be able to point out other transformations of the human organism in the proper way.
[ 34 ] Ich will da nur auf eine Sache hinweisen, meine sehr verehrten Anwesenden, die sich der Geisteswissenschaft ergibt, die aber, weil sie uns verhältnismäßig naheliegt, sogar äußerlich durch philologisch-historische Forschung zu belegen ist, das ist diese, daß die Griechen ihre auf uns so tief wirkende Kultur deshalb gehabt haben, weil sie die Umwelt noch anders angesehen haben als wir heute. Geisteswissenschaft zeigt uns, daß das, was in dem Griechen gesteckt hat, noch bis in ein viel höheres Lebensalter hinein organisch entwicklungsfähig war, als es bei uns ist. Wir schließen eine aufsteigende organische Entwicklungsfähigkeit ab am Ende der Zwanzigerjahre; der Grieche setzte sie noch bis in die Dreißigerjahre hinein fort. Das bedingte eine größere Aktivität bei den Griechen, das bedingte, daß der Grieche in seine Sinnesorgane noch mehr Aktivität hineinlegte, als wir hineinlegen können. Daher waren
[ 34 ] I would like to point out just one thing, my esteemed audience, which stems from spiritual science but which—because it is relatively close to us—can even be substantiated externally through philological and historical research: namely, that the Greeks possessed a culture that has had such a profound effect on us because they viewed the world differently than we do today. Spiritual science shows us that what lay within the Greeks was capable of organic development well into a much later stage of life than is the case with us. We reach the end of this upward organic capacity for development by the end of our twenties; the Greeks continued it well into their thirties. This led to greater activity among the Greeks; it meant that the Greeks channeled even more activity into their sense organs than we are capable of doing. That is why
[ 35 ] die Griechen noch kein nachdenkliches Geschlecht. Nachdenklich ist die Menschheit erst geworden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Das Griechengeschlecht war ein solches, das die ganze innere Aktivität noch in die Welt der Sinne hineinverlegte, die ganze Welt noch, ich möchte sagen glänzender, wärmer sah als wir. Wir müssen uns vorstellen, daß der Grieche kein Interesse hatte für dunkle Farben, daß der Grieche das lebendigste Interesse und die größte Sensibilität hatte für helle, warme Farben. Und wir finden dann äußerlich die Bestätigung, wenn wir entdecken, daß der Grieche ein einziges Wort hat, mit dem er dunkle Haarfarbe bezeichnet, aber gleichzeitig auch den Lapislazuli, also den blauen Lasurstein. Blaue Haare haben wohl die Menschen nie gehabt; wenn man also die dunkle Haarfarbe und den Lapislazuli mit demselben Wort bezeichnet, so ist es klar, daß man das Blaue wie das Dunkle ansieht. Und das andere eigentümliche ist, daß die Griechen ein Wort hatten für grün = chloros, und zu gleicher Zeit den für uns gelben Honig mit diesem Wort bezeichnet. Und so könnte ich noch vieles anführen, wodurch sich uns auch äußerlich beweisen würde, daß das Schauen des Griechen ähnlich war dem blaublinden Sehen. Die römischen Geschichtsschreiber erzählen uns, daß die Griechen nur mit vier Farben gemalt haben, mit Schwarz und Weiß und Rot und Gelb.
[ 35 ] The Greeks were not yet a contemplative people. Humanity has only become contemplative since the mid-15th century. The Greeks were a people who still projected all their inner activity into the world of the senses; they still viewed the entire world—I would say—as more radiant and warmer than we do. We must imagine that the Greeks had no interest in dark colors, that they had the liveliest interest and the greatest sensitivity for light, warm colors. And we find external confirmation of this when we discover that the Greeks have a single word with which they designate dark hair color, but at the same time also lapis lazuli—that is, the blue gemstone. People have probably never had blue hair; so if one uses the same word to describe both dark hair and lapis lazuli, it is clear that blue is regarded as dark. And the other peculiar thing is that the Greeks had a word for green—chloros—and at the same time used this word to describe honey, which we consider yellow. And I could cite many more examples that would demonstrate to us, even outwardly, that the Greeks’ vision was similar to that of someone who is color-blind to blue. Roman historians tell us that the Greeks painted using only four colors: black, white, red, and yellow.
[ 36 ] Daraus ersehen wir tatsächlich, daß, wenn wir in die Geschichte hineinsehen, wir allerdings nicht auf die großen sogenannten Kriegsereignisse, auf die großen sogenannten Staatsbildungen und -untergänge sehen müssen, sondern wir müssen sehen auf das Intime, wir müssen darauf sehen, wie sich der einzelne Mensch entwickelt hat. Dadurch kommen wir wiederum dem Bedürfnis unserer Gegenwart entgegen. Für die Eroberungen Alexanders des Großen haben sich die Geschlechter interessiert, die erst durch die Schule auf dieses Interesse hin orientiert wurden. Heute werden die breitesten Massen für Bildung, für Geistesleben aufgerufen, und die wollen sich für etwas anderes interessieren als für die Eroberungen des Xerxes oder Alexanders des Großen, des Cäsar oder auch späterer; sie wollen sich interessieren für dasjenige, was an jedem Menschen als das eigentlich Menschliche auftritt. Eine Geschichtswissenschaft aber erhebt sich für unser Seelenauge, die schildert, wie der Mensch anders war vor fünf, sechs, sieben Jahrtausenden, wie er anders war in der griechischen Zeit als jetzt. Eine Geschichte erhebt sich, die unmittelbar an alles individuell Menschliche herangeht, die auferstehen läßt vor unserem Seelenauge, wie der Grieche war, so daß der Mensch der Gegenwart den Griechen mit sich selbst seelisch-geistig vergleichen kann. Das, was jeden Menschen angeht, das wird Interesse haben für diejenigen, die als die breiten Massen heute nach Bildung streben, das, was nicht nur Alexander den Großen oder Alkibiades und Cäsar angeht, sondern was jeden Menschen angeht, das, was sozusagen in jedem Menschen steckt, weil er selber ein Nachfahre derjenigen ist, die die Welt so ganz anders gesehen haben.
[ 36 ] From this we can indeed see that, when we look at history, we need not focus on the great so-called military events or the great so-called rise and fall of states, but rather we must look at the intimate details; we must observe how the individual human being has developed. In this way, we in turn address the needs of our present time. People’s interest in the conquests of Alexander the Great stemmed from having been guided toward that interest through school. Today, the broadest masses are being called upon to engage in education and intellectual life, and they want to take an interest in something other than the conquests of Xerxes or Alexander the Great, Caesar, or even later figures; they want to take an interest in what appears in every human being as what is truly human. But a science of history is emerging before our inner eye, one that describes how human beings were different five, six, or seven millennia ago, how they were different in the Greek era than they are now. A history emerges that approaches everything individually human directly, that brings to life before our inner eye what the Greeks were like, so that people today can compare the Greeks with themselves in a soul-spiritual sense. That which concerns every human being will be of interest to those who, as the broad masses of today, strive for education—that which concerns not only Alexander the Great, Alcibiades, and Caesar, but every human being; that which, so to speak, lies within every human being, because each person is a descendant of those who saw the world in such a completely different way.
[ 37 ] Wiederum ist es eine ernste Frage gerade gegenüber den sozialen Bedürfnissen der Gegenwart, nach einer historischen Wissenschaft zu streben, die eng an den Menschen herangebracht wird; und eine solche Wissenschaft wird auch, weil sie an das Innerste des Menschen rührt, die moralischen und die Rechtsimpulse im Menschen loslösen können. Wir sind in dem äußerlich gewordenen staatlichen Leben allmählich zu etwas gekommen, was weiter nichts ist als gesetzgeberische Konvention. Das, was in unseren staatlichen Gesetzen lebt, das geht aber nicht hinein bis in diejenigen Tiefen der Menschenseele, wo die moralischen Impulse entspringen. Wie leben denn die heutigen gesetzlichen Maßnahmen in den einzelnen Menschen? Nicht leben sie. Der Jurist selbst schlägt sie oft erst nach aus Gesetzbüchern, weil er für gewöhnlich nicht viel davon weiß, bevor er den betreffenden Paragraphen nachgeschlagen hat. Aber lebendig im Menschen lebt das nicht, was allmählich eine bloße historische Abstraktion geworden ist. Begründen wir wiederum eine historische Wissenschaft, so wird sie etwas sein, was im Leben Impulse auslösen kann. Solch eine historische Wissenschaft, die wird allein fähig sein, die Menschen zu ergreifen und sie zu vernünftigem sozialen Wollen veranlassen — im Gegensatz zu dem historischen Materialismus, den Lenin und Trotzki hochgezüchtet haben. Weil den Leuten nichts anderes geboten worden ist als abstrakte, wesenlose Gedanken, haben Lenin und Trotzki ihnen gegenüberstellen können, was die Leute allein verstehen: die Ergebnisse des wirtschaftlichen Lebens.
[ 37 ] Once again, it is a serious matter—especially in light of the social needs of the present—to strive for a historical science that is closely attuned to human beings; and such a science, precisely because it touches the innermost core of the human being, can also unleash the moral and legal impulses within people. In the externalized life of the state, we have gradually arrived at something that is nothing more than legislative convention. Yet what lives in our state laws does not penetrate to those depths of the human soul where moral impulses spring forth. How, then, do today’s legal measures live within individual human beings? They do not. Even the lawyer himself often has to look them up in law books first, because he usually knows very little about them before consulting the relevant section. But what has gradually become a mere historical abstraction does not live vividly within people. If we were to reestablish a historical science, it would be something capable of triggering impulses in life. Only such a historical science will be capable of stirring people and inspiring them to rational social will—in contrast to the historical materialism that Lenin and Trotsky have elevated to such heights. Because people have been offered nothing but abstract, insubstantial ideas, Lenin and Trotsky have been able to counter them with the only thing people truly understand: the results of economic life.
[ 38 ] Es sind heute die großen, die ernsten Forderungen des Lebens, welche die Frage aufstellen: In welcher Weise ist die Naturwissenschaft, in welcher Weise ist die historische Wissenschaft neu zu befruchten? Wollen wir es heute mit dem Leben ernst nehmen, so müssen wir an eine solche Befruchtung der Wissenschaften denken. Ich kann mir sehr wohl denken, daß diejenigen Menschen, die heute ihre Ausbildung erfahren durch alles das, was heute eben eine solche Ausbildung bewirkt, schockiert werden von dem, was ich hier sage und es wahrscheinlich radikal finden — während wir es doch bloß aus dem Ernste des Lebens heraus entschieden notwendig finden müssen. Aber ist es denn nicht unsere Zeit selbst, die in jedem Augenblicke auf den Lebensernst hinweist?
[ 38 ] Today, it is the great, serious demands of life that raise the question: In what way can the natural sciences and the historical sciences be revitalized? If we are to take life seriously today, we must consider such a revitalization of the sciences. I can well imagine that those people who today receive their education through everything that currently constitutes such an education will be shocked by what I am saying here and will likely find it radical—even though we must simply regard it as absolutely necessary out of a sense of the seriousness of life. But is it not our very own time that points to the seriousness of life at every moment?
[ 39 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, es kann die Hypothese aufgestellt werden, daß dieser Saal heute sehr gefüllt sein würde, wenn nicht die aufgeschobene Fastnacht gefeiert würde — wenn man das «feiern» nennen kann. Aber es ist mir durchaus recht, daß just am heutigen Tage hier dieser Abend abgehalten wird, um zu zeigen, daß es noch Orte gibt, wo man fühlt, daß von Ernstem geredet werden muß in einer Zeit der Not, in einer Zeit, wie die ist, in der wir heute leben. In einer solchen Zeit ist noch viel, viel von dem vorhanden, was sich nicht heranfinden kann zu jenem Lebensernste, der notwendig ist, um an so etwas zu denken, wie es angedeutet worden ist in diesem heutigen einleitenden Vortrage.
[ 39 ] Ladies and gentlemen, one might hypothesize that this hall would be very full today if it weren’t for the postponed Carnival celebrations—if one can even call that “celebrating.” But I am quite content that this evening is being held here on this very day to show that there are still places where people feel that serious matters must be discussed in a time of need, in a time such as the one in which we live today. In such times, there is still much, much that fails to attain the seriousness of life necessary to contemplate such matters as were alluded to in today’s introductory lecture.
[ 40 ] Aber wenn man so etwas ausspricht, meine sehr verehrten Anwesenden, dann fühlt man sich erinnert an den Ausspruch, den einmal einer getan hat — für seine Zeit angepaßt —, der auch von den großen Impulsen gegenüber dem kleinen Interesse der Menschen zu sprechen sich gedrängt fühlte: Johann Gottlieb Fichte sprach einmal über die Bestimmung des Gelehrten, hielt Vorlesungen darüber. Als er diese Vorlesungen erscheinen ließ, da leitete er sie mit ganz wenigen Worten ein. Er sagte, indem er sich wandte gegen alle diejenigen, die so gut aus ihrer Lebenspraxis heraus bewiesen, daß man Ideale doch nicht realisieren kann — er wandte sich eigentlich nicht an diese, denn sie sind ja nicht belehrbar, aber er sprach mit Bezug auf diese —, er sagte: Daß Ideale im unmittelbaren Leben nicht realisierbar sind, das wissen wir anderen ebenso gut wie diese sogenannten Lebenspraktiker. Daß aber das Leben unmittelbar nach ihnen orientiert werden muß, das müssen wir mit allem Ernste aussprechen. — Und Johann Gottlieb Fichte fügte dazu, daß es Menschen gibt, die nicht einzusehen vermögen, wie notwendig es ist, in den ernsten Stunden der Weltgeschichte auch dementsprechend Ernstes zu beginnen, das beweise nur, daß eben auf diese Menschen im Weltenplane einfach nicht zu rechnen ist. Und so, sagte Fichte, möge ihnen durch den Geist, der diesen Weltenplan lenkt, «zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung, und ungestörter Umlauf der Säfte» gegeben werden und — wenn es möglich ist — auch «kluge Gedanken»; aber im übrigen kann man auf sie ja nicht rechnen, wenn von den Impulsen geredet wird, die im großen Weltenplane liegen.
[ 40 ] But when one says something like this, ladies and gentlemen, one is reminded of a statement once made by someone—appropriate for his time—who also felt compelled to speak of the great impulses in contrast to people’s petty interests: Johann Gottlieb Fichte once spoke about the calling of the scholar and gave lectures on the subject. When he published these lectures, he introduced them with just a few words. He said, addressing all those who had so convincingly demonstrated through their practical experience that ideals cannot, after all, be realized—he did not actually address them directly, for they are, after all, beyond instruction, but he spoke with reference to them—he said: “That ideals are not realizable in immediate life, we others know just as well as these so-called practical people.” But we must state in all seriousness that life must be directly oriented toward them. — And Johann Gottlieb Fichte added that the fact that there are people who are unable to grasp how necessary it is, in the serious hours of world history, to undertake correspondingly serious endeavors, only proves that these very people simply cannot be counted on in the world’s plan. And so, said Fichte, may the Spirit that guides this world plan grant them “rain and sunshine at the right time, nourishing food, and the undisturbed circulation of vital fluids”—and, if possible, “wise thoughts” as well; but otherwise, one cannot count on them when speaking of the impulses that lie within the grand plan of the world.
[ 41 ] Aber das möchte man, daß insbesondere in der heutigen ernsten Weltenlage sich doch eine genügend große Anzahl von Menschen finde, welche empfinden kann diesen Ernst und aus ihm heraus erfühlen kann die Notwendigkeit, daß nicht Kleines, sondern Großes an Impulsen geschehen muß, und zwar geschehen muß gerade auf dem Gebiete des menschlichen Bewußtseins selber, damit wir vorwärtskommen können. Aus solchen Impulsen heraus ist das gemeint, was ich heute zu Ihnen zu sprechen versuchte anhand von einzelnen Beispielen über die Beziehung von Anthroposophie zu der gegenwärtigen Wissenschaft. Das, was ich sagen wollte, konnte ich nur skizzieren, aber wenn ich durch diese Skizze bei einer wenn auch kleinen, aber doch genügend großen Anzahl von Menschen solche Impulse hervorrufen könnte, die dann anregend wirken können auf das, was geschehen muß — eine Erneuerung unseres ganzen wissenschaftlichen Lebens —, dann betrachtete ich das, was durch solche Anregungen eigentlich geschehen kann, als wenigstens vorläufig erfüllt.
[ 41 ] But one would hope that, especially in today’s grave global situation, a sufficiently large number of people can be found who are able to sense this gravity and, from it, feel the necessity that it is not small but great impulses that must take place—and indeed must take place precisely in the realm of human consciousness itself—so that we may move forward. It is these kinds of impulses that I meant to convey today as I tried to speak to you, using individual examples, about the relationship between anthroposophy and contemporary science. I was only able to sketch out what I wanted to say, but if, through this sketch, I could evoke in a small—yet sufficiently large—number of people impulses that might then have a stimulating effect on what must happen—a renewal of our entire scientific life—then I would regard what can actually come about through such inspirations as at least provisionally fulfilled.
[ 42 ] In unserer Zeit ist die Wissenschaft sehr stolz darauf, wenn sie sagt, sie will reine Erkenntnis. In der griechischen Zeit, in der das Vorstellen dem Leben näher stand, hat man für den wichtigsten Moment im Trauerspiel, wo sich das Schicksal des Helden entschied, das Wort «Katharsis» gebraucht. Man hat da in die Ästhetik etwas hineingetragen, was aus der Medizin genommen war. Denn als die «Katharsis» wurde im griechischen Leben das angesehen, was als eine Art von Krisis eintrat, damit gewisse krankhafte Vorgänge, die im Organismus sind, durch andere Vorgänge ausgeglichen, paralysiert werden. Von dem, was im Naturdasein sich abspielt, übertrug man in diesem gesunden griechischen Zeitalter die Vorstellungen auf das künstlerische Gebiet. Wir brauchen heute wiederum eine Wissenschaft, welche keinen Riß entstehen läßt zwischen der Theorie und der Praxis, wir brauchen eine lebensfähige, lebenskräftige Wissenschaft, wir brauchen eine Wissenschaft, die das Leben aufbauen kann.
[ 42 ] In our time, science takes great pride in claiming that it seeks pure knowledge. In ancient Greece, when imagination was more closely tied to life, the term “catharsis” was used to describe the most crucial moment in a tragedy—the moment when the hero’s fate was decided. They introduced into aesthetics a concept that had been taken from medicine. For in Greek life, “catharsis” was regarded as a kind of crisis that occurred so that certain pathological processes within the organism might be balanced out or neutralized by other processes. In that healthy Greek era, the concepts derived from what unfolds in the natural world were transferred to the realm of art. Today, we need once again a science that leaves no gap between theory and practice; we need a viable, vibrant science; we need a science that can build life.
[ 43 ] Nach einer solchen kraftvollen Wissenschaft werden sich allerdings nur solche Menschen sehnen, die eben wirklich den Ernst des gegenwärtigen Lebens zu erfassen und zu erfühlen verstehen. Und die übrigen, meine sehr verehrten Anwesenden, lassen Sie mich das am Schlusse noch aussprechen, die müssen wir entsprechend dem alten Wort Fichtes auch heute überlassen einem gütigen Weltenplan, der sie zur rechten Zeit mit Nahrung und Trank versorgt, der ihnen zur rechten Zeit Sonnenschein und Regen gibt, der ihnen verschobene Faschingsvergnügen, und — wenn’s geht — auch kluge Gedanken gibt. Es wird schwer gehen!
[ 43 ] However, only those who truly understand and feel the gravity of present-day life will yearn for such a powerful science. And as for the rest of you, my esteemed audience—let me say this in closing—we must, in accordance with Fichte’s old saying, leave them even today to a benevolent cosmic plan that provides them with food and drink at the right time, that gives them sunshine and rain at the right time, that grants them postponed carnival revelry, and—if possible—also wise thoughts. It will be difficult!
[ 44 ] Aber das, was heute notwendig ist, es liegt auf einem anderen Gebiete, das so bezeichnet werden kann: Die geistentfremdete Forschung muß den Weg zum Geiste zurückfinden. Und diesen Weg zurück zum Geiste, den will die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft finden, dazu ruft sie die Menschheit auf. Das ist dasjenige, was die Wahrheit ist — gegenüber all den Vorurteilen, gegenüber all den Verleumdungen, die sich gegen diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sonst in der Welt geltend machen.
[ 44 ] But what is necessary today lies in a different realm, which can be described as follows: Research that has become estranged from the spirit must find its way back to the spirit. And it is this path back to the spirit that the anthroposophically oriented spiritual science seeks to find; to this end, it calls upon humanity. This is the truth—in the face of all the prejudices and all the slanders that are otherwise leveled against this anthroposophically oriented spiritual science throughout the world.
[ Lebhafter Beifall ]
[ Lively applause ]
[ 45 ] Roman Boos: Im Sinne eines Dankes für diesen Vortrag möchte ich die Hoffnung aussprechen, daß die Vorträge, die nun folgen werden, in unserem Kreise selbst und nach außen in der Weise wirken werden, wie es aufgezeigt worden ist in dem Vortrage durch Herrn Dr. Steiner. Ich möchte nun bitten, daß nach einer kurzen Pause diejenigen sich melden, die zum heutigen Vortrage vielleicht noch etwas zu fragen haben. Besonders möchte ich alle unsere wissenschaftlich arbeitenden Freunde bitten, diese Gelegenheit zu ergreifen, da Herr Dr. Steiner bereit ist, in dieser oder jener Hinsicht noch Ergänzendes beizufügen.
[ 45 ] Roman Boos: As a token of gratitude for this lecture, I would like to express the hope that the lectures that will now follow will have the same effect—both within our circle and beyond—as was demonstrated in Dr. Steiner’s lecture. I would now like to ask that, after a short break, those who may still have questions regarding today’s lecture come forward. In particular, I would like to ask all our friends engaged in scientific work to take advantage of this opportunity, as Dr. Steiner is willing to provide further clarification on various points.
[ 46 ] Eugen Kolisko: In welcher Form kann bei dem, was Herr Dr. Steiner gesagt hat über die Erforschung des umgekehrten biogenetischen Grundgesetzes, tatsächlich festgestellt werden, daß es sich hier um eine Zeit handelt, die um so viel zurückliegt, als das einer bestimmten Periode entspricht? Wie kann aus den Vorgängen, die man beobachtet an den Erscheinungen im Alter, festgestellt werden, wie weit das zurückliegt in den früheren Zeiten?
[ 46 ] Eugen Kolisko: Based on what Dr. Steiner said about research into the inverse biogenetic law, how can we actually determine that we are dealing with a time that lies so far in the past—a time corresponding to a specific period? How can we determine, based on the processes observed in the phenomena of old age, how far back in time this period lies?
[ 47 ] Friedrich Husemann: Ist die Blaublindheit der Griechen etwas, was nur mit der individuellen Entwicklung dieses Volkes zu tun hat, oder ist es vielleicht etwas, was im allgemeinen Entwicklungsgange einer Rasse oder eines Volkes auftritt, was also einem gewissen Alter dieser Rasse entsprechen würde? Wie ist es zum Beispiel mit den Chinesen, von denen man doch schon aus sehr früher Zeit schon Darstellungen hat in blauen Farben? Kommen da noch andere Dinge in Frage?
[ 47 ] Friedrich Husemann: Is the Greeks’ “blue blindness” something that has to do solely with the individual development of this people, or is it perhaps something that occurs in the general course of development of a race or a people—something that would thus correspond to a certain stage in the history of that race? What about the Chinese, for example, of whom we have depictions in blue colors dating back to very early times? Are there other factors to consider?
[ 48 ] Walter Johannes Stein: Wie hängt die Veränderung der Sinneswahrnehmungen zusammen mit der Denkveränderung bei den Griechen, die gemäß dem Buch «Die Rätsel der Philosophie» noch eine viel bildhaftere Wahrnehmung hatten?
[ 48 ] Walter Johannes Stein: How is the change in sensory perception related to the shift in thinking among the Greeks, who, according to the book *The Riddles of Philosophy*, still had a much more vivid perception?
[ 49 ] Roman Boos bittet Herrn Dr. Steiner, das Schlußwort zu ergreifen.
[ 49 ] Roman Boos asks Dr. Steiner to deliver the closing remarks.
[ 50 ] Rudolf Steiner: Im Sinne eines Schlußwortes möchte ich auf die gestellten Fragen eingehen. Die erste Frage, meine sehr verehrten Anwesenden, ist ja natürlich eine solche, die sehr umfassende Darlegungen zu ihrer Beantwortung erheischen würde.
[ 50 ] Rudolf Steiner: By way of a closing remark, I would like to address the questions that have been raised. The first question, ladies and gentlemen, is of course one that would require a very comprehensive explanation to answer.
[ 51 ] Zunächst habe ich zu erwähnen, daß ja eine wirkliche Erforschung dieser Dinge nur möglich ist mit Zugrundelegung der geisteswissenschaftlicher Methode, das heißt der Methode, die tatsächlich lehrt, das, was man sonst gewohnt ist, von außen anzusehen, nun von innen anzusehen. Sie können sich eine Vorstellung von dem, was da eigentlich in Betracht kommt, etwa auf die folgende Weise verschaffen. Sie müssen, wenn Sie hinblicken auf den physischen Organismus, den gegenwärtigen Augenblick zugrundelegen. Sie müssen sich gebunden halten an diejenige Konfiguration und äußere Tätigkeit, die der physische Organismus im gegenwärtigen Augenblicke hat. Wenn Sie von da übergehen zu der Beobachtung des Seelenlebens, so werden Sie in diesem Seelenleben nicht finden die Notwendigkeit der Beschränkung auf den gegenwärtigen Augenblick, sondern Sie finden in dem Seelenleben — zunächst in dem individuellen Seelenleben —, die Ausdehnung zurück in das sechste, fünfte, vierte Lebensjahr. Die Erlebnisse sind der Erinnerung, dem Gedächtnisse einverleibt, so daß Sie also, wenn Sie aufsteigen von der Beobachtung des physischen Menschen zu der Beobachtung des seelischen Menschen, von der Gegenwart zu einer individuellen Vergangenheit übergehen. Geisteswissenschaftliche Methoden sich aneignen, heißt, gewisse Fähigkeiten entwickeln, die über das gewöhnliche Seelenleben hinaus liegen. Diese Fähigkeiten, die über das gewöhnliche Seelenleben hinaus gehen, die erweitern dann auch dasjenige, was sich beim Übergang vom Physischen ins Seelische hinein über einen gewissen Zeitraum, bis zum Kindheitszeitraum, ausdehnt. Diese geisteswissenschaftlichen Methoden erweitern das Anschauen über den individuellen Menschen hinaus, und es tritt dasjenige ein, was inneres Anschauen des Weltprozesses ist. Es ist allerdings ein weiter Weg, den Sie geschildert finden in meinen Büchern, aber es ist ein Weg, der für die menschliche Entwicklung durchaus eine Realität werden kann.
[ 51 ] First of all, I must mention that a genuine investigation of these matters is only possible on the basis of the spiritual-scientific method—that is, the method that actually teaches us to view from the inside what we are otherwise accustomed to viewing from the outside. You can get an idea of what is actually at stake in roughly the following way. When you look at the physical organism, you must take the present moment as your starting point. You must limit yourself to the configuration and external activity that the physical organism possesses in the present moment. When you move from there to the observation of the life of the soul, you will not find in this life of the soul the necessity of limiting yourself to the present moment; rather, you will find in the life of the soul—first and foremost in the individual life of the soul—an extension back to the sixth, fifth, and fourth years of life. These experiences are incorporated into memory, so that when you ascend from the observation of the physical human being to the observation of the soul, you move from the present to an individual past. To master the methods of spiritual science means to develop certain abilities that go beyond ordinary soul life. These abilities, which go beyond ordinary soul life, then also expand that which, in the transition from the physical to the soul realm, extends over a certain period of time, all the way back to childhood. These spiritual scientific methods expand one’s perception beyond the individual human being, and what emerges is an inner perception of the world process. It is, however, a long path—one you will find described in my books—but it is a path that can certainly become a reality for human development.
[ 52 ] Geradeso nun, wie beim erinnerungsmäßigen Überschauen des individuellen Lebensweges den inneren Erlebnissen in ihrer Wiederkehr die Zeit in einer gewissen Weise immanent ist, wird man — aber allerdings erst durch vergleichende Behandlung desjenigen, was man da in der Erinnerung hat — zur Ausgestaltung des Zeitenschemas kommen, auch für das, was sich der inneren Anschauung darbietet, wenn man nur wirklich methodisch zu arbeiten versteht. Man kommt dadurch zu einer wirklichen methodischen Erarbeitung. Derjenige, der sich den beobachtenden Sinn aneignet für das, was ich die rudimentären Seelenmetamorphosen des Alters genannt habe — denen aber durchaus auch rudimentäre Leibesmetamorphosen entsprechen —, der wird finden, daß gewisse Zeitabschnitte da sind, in denen sich solche Metamorphosen vollziehen. Im Ausgang der Vierzigerjahre liegt ein solcher Zeitabschnitt, am Ende der Fünfzigerjahre wiederum, in der Mitte der Fünfzigerjahre liegt ein solcher Zeitabschnitt, so daß man in der Tat gewisse Zeiträume des inneren Erlebens für diese rudimentäre Seelenmetamorphose erhält. Nun kann man, wenn man in der Erweiterung der inneren Anschauung auf das außerindividuelle Gebiet nun wirklich innere Methodik anwendet und dadurch zu gewissen Zeitbestimmungen kommt, entweder direkt darauf sich verlassen — was bei einer entwickelten geisteswissenschaftlichen Methode durchaus der Fall ist —, oder man kann das, was sich auf diese Weise bietet, noch durch Verifizierung von außen zu erhärten versuchen. Man kann sich zum Beispiel sagen, man erlebt heute, wenn man den Beobachtungssinn schon dafür geschärft hat, sagen wir um das 35. Jahr herum eine gewisse Lebensmetamorphose. Nun sucht man diese auf nach dem, was sich einem eben darbietet im äußeren historischen Leben, und man bekommt dadurch einen gewissen historischen Zeitpunkt fixiert. Man versuche dann eine andere Lebensmetamorphose aufzufinden, zum Beispiel das, was sich am Ende der Zwanzigerjahre darbietet — man bekommt einen späteren Zeitpunkt. Dadurch bekommt man einzelne Epochen für das, was historisch sich abspielt und was einer inneren Metamorphosierung des Lebens entspricht. Dadurch kann man diese einzelnen individuellen Lebensepochen auf die zurückliegende geschichtliche Entwicklung der Menschheit beziehen. Ist das hinweisend auf den Weg? Ich kann natürlich diesen Weg nur skizzieren. Wenn Sie den Gedanken verfolgen, so wird sich Ihnen ergeben, daß dieser Weg ein ganz exakter ist.
[ 52 ] Just as, when reviewing one’s individual life course in memory, time is in a certain sense immanent in the recurring inner experiences, so too—though only through a comparative analysis of what one holds in memory—will one arrive at a conceptual framework of time, even for what presents itself to inner contemplation, provided one truly knows how to work methodically. This leads to a truly methodical elaboration. Anyone who cultivates an observant sense for what I have called the rudimentary metamorphoses of the soul in old age—which, however, are certainly accompanied by rudimentary metamorphoses of the body—will find that there are certain periods of time in which such metamorphoses take place. One such period lies at the end of one’s forties, another at the end of one’s fifties, and yet another in the middle of one’s fifties, so that one does indeed identify certain periods of inner experience corresponding to this rudimentary metamorphosis of the soul. Now, if one truly applies an inner methodology in extending inner contemplation to the extra-individual realm and thereby arrives at certain time specifications, one can either rely on them directly—which is certainly the case with a developed spiritual-scientific method—or one can attempt to corroborate what presents itself in this way through external verification. One might say, for example, that today—if one has already sharpened one’s sense of observation for this purpose—one experiences a certain life metamorphosis around the age of 35. One then seeks this out based on what presents itself in external historical life, and in this way establishes a specific historical point in time. If one then tries to identify another life metamorphosis—for example, what presents itself at the end of one’s twenties—one arrives at a later point in time. In this way, one identifies individual epochs corresponding to historical events and to an inner metamorphosis of life. This allows one to relate these individual life epochs to the historical development of humanity up to that point. Does this point the way forward? Of course, I can only sketch out this path. If you follow this line of thought, you will find that this path is a very precise one.
[ 53 ] Was die sogenannte Blaublindheit der Griechen betrifft, so bitte ich vor allem zu berücksichtigen, daß ich wirklich nur von einer sogenannten Blaublindheit sprechen möchte. Es ist mehr ein Sensitivsein der Griechen für die hellen, warmen Farben und ein WenigerInteresse-Haben für die dunklen, für die blauen, kalten Farben. Man muß sich klar sein darüber, daß der Prozeß selber, der da stattfindet, ein viel seelischerer für das griechische Volk ist, als er bei den heutigen partiell Blaublinden ist. Es ist nur ein Analogon, aber es ist eben diese seelische Blaublindheit doch durchaus so stark vorhanden bei den Griechen, daß wir es in der griechischen Sprache noch nachweisen können. Das haben Sie aber wohl schon aus dem Vortrage entnehmen können, daß wir das nicht als eine individuelle Eigenschaft des griechischen Volkes anzuschauen haben, sondern als etwas, was überhaupt in einem bestimmten Zeitraum einer Volksentwicklung auftritt. Selbstverständlich muß da genau ins Auge gefaßt werden, daß ja das, was als Völker auf der Erde nebeneinander lebt, nicht in absolut gleichen Zeiträumen seine relative Epoche hat. Man muß sich klar sein darüber, daß zum Beispiel das chinesische Volk längst über den Zeitraum der Blaublindheit hinaus war, als es in die Geschichte eintrat. Also man muß die Zeiträume gewissermaßen nebeneinander geschichtet empfinden, dann wird man das, was ich gesagt habe, im richtigen Lichte sehen. Den Denkprozeß, wie er sich bei den Griechen äußerte, habe ich versucht darzustellen in meinen «Rätseln der Philosophie»; dieser Denkprozeß der Griechen war auch ein etwas anderer als unser heutiger Denkprozeß. Unser Denkprozeß ist der, daß wir uns einer gewissen Aktivität der Gedanken bewußt sind, mit denen wir die äußeren Tatsachen begleiten, daß wir durch diese Aktivität der Gedanken, deren wir uns bewußt sind, uns zuschreiben die Bildung der Gedanken, und dem Objektiven nur zuschreiben den Sinneseindruck. Das war bei den Griechen anders. Im Griechen — Sie können das leicht nachweisen, wenn Sie mit unbefangenem Urteil auf die griechischen Philosophen hinsehen —, im Griechen lebte ein deutliches Bewußtsein davon, daß er ebenso, wie er Farben an den Dingen sieht, auch die Gedanken an den Dingen sieht, daß er also die Gedanken wahrnimmt. Der Grieche erlebte den Gedanken als etwas Wahrgenommenes, nicht als etwas aktiv Ausgebildetes. Und daher waren die Griechen eigentlich nicht ein nachdenkliches Volk in dem Sinne, wie wir es sind. Nachdenklich sind die Menschen eigentlich erst geworden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Der Denkprozeß hat sich verinnerlicht. Er hat sich verinnerlicht gleichzeitig mit dem Gang des Sinnesprozesses. Die Griechen sahen, ich möchte sagen mehr auf den aktiven Teil des Spektrums hin, auf die rote, die warme Seite des Spektrums; sie empfanden nur undeutlich die kalte, blaue Seite des Spektrums. Und wir haben heute ganz gewiß eine ganz andere Vorstellung von der roten und warmen Seite des Spektrums, wir sehen es viel mehr gegen das Grüne hin verschoben als die Griechen, die es über unser äußerstes Rot hinaus noch sensitiv verfolgten. Es war das griechische Spektrum ganz nach der roten Seite verschoben. Die Griechen sahen daher auch den Regenbogen anders als wir. Und dadurch, daß wir mehr nach der anderen Seite des Spektrums hin unsere Sensitivität verschoben haben, dadurch wenden wir gewissermaßen unsere Aufmerksamkeit dem Dunklen zu, und das ist schon etwas wie das Eingehen in eine Art von Dämmerung. Da wird man nachdenklich. Wenn ich es jetzt mehr bildhaft darstelle, so stoßen Sie sich nicht daran; es liegt eben doch ein sehr realer Vorgang der menschlichen Entwicklung zugrunde. Mit dem Hinüberschieben der Sensitivität von dem warmen Teil des Spektrums nach dem dunklen Teil des Spektrums, tritt etwas ähnliches ein in der ganzen Menschheitsentwicklung, wie es bei einem Menschen der Fall ist, wenn er aus dem vollen Hellen heraus die Dämmerung erlebt, wo er anfängt, mehr auf sich angewiesen zu sein, den inneren Gedankenweg zu verfolgen, und wo er nachdenklich wird. Es denkt sich, möchte ich sagen in der Dämmerung, im Dunkeln aktiver, als es sich denkt, wenn die Sensitivität auf die lebendigen, auf die lebhaften, warmen Farben hin gerichtet ist, wo man mehr in der Außenwelt lebt, mehr das miterlebt, was in der Außenwelt ist. Der Grieche ging mit seinem ganzen Denken mehr in der Außenwelt auf. Er sah daher auch seine Gedanken in der Außenwelt. Der moderne Mensch, der das ganze Spektrum-Anschauen mehr nach dem dunklen Teile hin verlegt hat, der kann nicht seine Gedanken in der Außenwelt sehen. Geradeso wie man in der Nacht, wenn es ringsherum finster ist, nicht irgendwie behaupten wird, daß das, was die Seele erlebt, äußerlich sichtbar ist, sondern weiß, es geht in der Seele vor, so geht das, was der Mensch seit der Verschiebung des Spektrum-Anschauens erlebt, mehr nach dem dunklen Seite hin in der Seele vor, und man kann sagen, es ist eine Verschiebung des Denkens eingetreten seit der griechischen Zeit.
[ 53 ] As for the so-called “blue blindness” of the Greeks, I would ask you first and foremost to bear in mind that I really only wish to speak of a so-called “blue blindness.” It is more a matter of the Greeks’ sensitivity to bright, warm colors and their lesser interest in dark, blue, and cold colors. One must be clear that the process itself taking place here is far more psychological for the Greek people than it is for those who are partially color-blind today. It is merely an analogy, but this psychological “blue-blindness” is so strongly present among the Greeks that we can still find evidence of it in the Greek language. However, you have likely already gathered from the lecture that we should not view this as an individual characteristic of the Greek people, but rather as something that occurs during a specific period of a people’s development. Of course, we must bear in mind that the peoples living side by side on Earth do not all experience their relative epochs in exactly the same time periods. We must be clear that, for example, the Chinese people had long since moved beyond the period of “blue blindness” by the time they entered history. So one must, in a sense, perceive these periods as layered side by side; then one will see what I have said in the proper light. I have attempted to describe the thought process as it manifested itself among the Greeks in my *Riddles of Philosophy*; this Greek thought process was also somewhat different from our present-day thought process. Our thought process is such that we are conscious of a certain activity of thought with which we accompany external facts; through this activity of thought—of which we are conscious—we attribute the formation of thoughts to ourselves and attribute only the sensory impression to the objective world. It was different with the Greeks. The Greeks—you can easily verify this if you look at the Greek philosophers with an unbiased judgment—had a clear awareness that just as they saw colors in things, they also saw thoughts in things; that is, they perceived thoughts. The Greeks experienced thought as something perceived, not as something actively formed. And that is why the Greeks were not really a reflective people in the sense that we are. People have only truly become reflective since the mid-15th century. The thought process has become internalized. It has become internalized simultaneously with the course of the sensory process. The Greeks looked—I would say—more toward the active part of the spectrum, toward the red, warm side of the spectrum; they perceived the cold, blue side of the spectrum only vaguely. And today we certainly have a very different conception of the red and warm side of the spectrum; we see it shifted much more toward the green than the Greeks did, who were still able to perceive it sensitively beyond our outermost red. The Greek spectrum was shifted entirely toward the red side. The Greeks therefore also saw the rainbow differently than we do. And because we have shifted our sensitivity more toward the other side of the spectrum, we are, in a sense, turning our attention toward the dark, and this is already something like entering a kind of twilight. It makes one thoughtful. If I now describe it in more figurative terms, please do not take offense; after all, there is a very real process of human development underlying it. As sensitivity shifts from the warm part of the spectrum to the dark part of the spectrum, something similar occurs in the development of humanity as a whole as happens to an individual when, emerging from full light, they experience twilight—a time when they begin to rely more on themselves, to follow the inner path of thought, and to become contemplative. One thinks more actively, I would say, in twilight and in the dark than one does when sensitivity is directed toward the lively, vibrant, warm colors—when one lives more in the outer world and experiences more of what is in the outer world. The ancient Greeks were more absorbed in the external world with their entire thinking. They therefore also saw their thoughts in the external world. Modern people, who have shifted their entire spectrum of perception more toward the dark side, cannot see their thoughts in the external world. Just as at night, when it is dark all around, one would not claim that what the soul experiences is outwardly visible, but knows that it takes place within the soul, so too what human beings have experienced since the shift in spectral perception takes place more on the dark side within the soul, and one can say, a shift in thinking has taken place since Greek times.
[ 54 ] Solche Dinge ergeben sich der Forschung der Geisteswissenschaft. Ich kann sie hier nur skizzieren; ich hoffe, daß manches von dem, was heute angedeutet worden ist, in den nächsten Tagen hier weiter ausgeführt werden kann, und ich wünsche meinen nachfolgenden Rednern recht viel Glück zu der Behandlung möglichst interessanter Fragen in den nächsten Tagen.
[ 54 ] Such matters arise from research in the humanities. I can only outline them here; I hope that some of what has been touched upon today can be elaborated upon further here in the coming days, and I wish the speakers who will follow me the very best of luck in addressing questions that are as interesting as possible in the coming days.
